In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.
Ungeprüfte OCR-Arbeitsfassung. Keine manuelle Gegenlesung. Haupttext, Anmerkungen, Register und Tabellen sind nicht redaktionell getrennt; Erkennungsfehler und fehlerhafte Lesereihenfolgen sind möglich. Alle neun Bände. Historische Orthografie und OCR-Fehler bleiben erhalten. Katalogfehler bei Namen und Jahresangaben werden nicht als Textkorrekturen übernommen.
Scanseite 1
Geſchichte Prey ſſens, von den aͤlteſten Zeiten bis von Johannes Voigt. r Siebenter Band Die Zeit vom Hochmeiſter Ulrich von Jungingen 1407 bis zum Tode des Hochmeiſters Paul von Ruß dorf 1441. Koͤnigsberg, im Verlage der Gebrüder Bornträger. 1836. „vv — Fu it N 2 Pe . Ar N. * * ab 7 1 un >». a * D »
Scanseite 2
Vorrede. Wenn in der fruͤheren Zeit durch das dreizehnte und einen Theil des vierzehnten Jahrhunderts der Ordensprieſter Peter von Dusburg, dann für die Lir- thauiſchen Kriegsreiſen Wigand von Marburg und neben ihm der vielſeitigſte And ausgezeichnetſte Chro- niſt Preuſſens Johannes von der Puſilie, den wir nach altem Brauche gewoͤhnlich Lindenblatt nennen, unſere Hauptfuͤhrer in der geſchichtlichen Darſtellung waren und urkundliche Archivsquellen nur theils be— richtigend, theils ergänzend oder beſtaͤtigend eintreten konnten, ſo verlaͤßt uns in dieſem Bande der Ge— ſchichte Preuſſens mit dem Jahre 1419 auch der letzte der genannten Chroniſten und es tritt von da an kein gleichzeitiger bewaͤhrter Annaliſt an ſeine Stelle, der wie er den geſchichtlichen Hauptfaden durch das Gewirre der Einzelnheiten fortfuͤhrte. Wenn die ſchoͤne Bluͤthenzeit des deutſchen Ordens, die gol; dene Zeit Preuſſens von Winrich von Kniprode bis zu den beiden Jungingen den eben erwaͤhnten Official zu Rieſenburg durch das Großartige und Gewichtige ihres eigenthuͤmlichen geſchichtlichen Gehaltes vielfach angeregt und getrieben haben mochte, der Nachwelt das lebenvolle und intereſſante Bild dieſer Zeit in feiner herrlichen Zeichnung zu uͤberliefern, um ihr da: mit zugleich zu ſagen, wie gluͤcklich er ſich ſelbſt fühle, in einer ſolchen Zeit gelebt zu haben, fo er— wachte in der krankhaften und unheilvollen Zeit nach
Scanseite 3 · Druckseite VI
VI Vorrede. dem erſten Jahrzehend des funfzehnten Jahrhunderts bei keinem Menſchen der Gedanke, den kuͤnftigen Geſchlechtern eine Schilderung des immer tiefer ein⸗ wurzelnden Verderbniſſes und der zunehmenden Auf⸗ loͤſung alter Ordnung und Sittenſtrenge im Orden, des immer hoͤher ſteigenden Elends und Ungluͤcks im ganzen Lande, der immer tieferen Verſunkenheit des Volkes in Armuth und Noth, ein Bild des unauf⸗ hoͤrlichen Kriegsgetuͤmmels und des wilden Raubwe⸗ ſens mit ſeinen graͤßlichen Scenen von Mord, Brand und Vernichtung zu uͤbergeben. Zeiten, ſo voll Jam⸗ mer und Ungluͤck, ſo mit Leiden und Truͤbſal uͤber⸗ fuͤlt, fo arm an großartigem Gehalte ihrer Erſchei⸗ nungen, ſo inhaltleer in ihren Geiſtesrichtungen, ſo truͤbſelig in ihrem ganzen geſchichtlichen Character er wecken keine Geſchichtſchreiber, die mit Liebe und freudiger Erhebung zur Kunde fuͤr die Nachkommen den Griffel der Geſchichte fuͤhren. So iſt es gekommen, daß mit Ausnahme einiger Jahrzehende faſt durch das ganze funfzehnte Jahr⸗ hundert hindurch das geſchichtliche Leben Preuſſens von keinem gleichzeitigen Chroniſten aufgefaßt und uns uͤberliefert worden iſt, ſo daß es kaum moͤglich ſeyn wuͤrde, dieſe Zeit in ihrem geſchichtlichen Zuſam⸗ menhange auch nur auf irgend genuͤgende Weiſe dar⸗ zuſtellen, wenn nicht durch die muſterhafte Sorgſam⸗ keit der Hochmeiſter des Ordens im Ordens -Haupt⸗ archive die außerordentliche Menge von Documenten, ſchriftlichen Verhandlungen jeglicher Art und eine überaus reiche Zahl von Briefen der Hochmeiſter, oberſten Gebietiger, Komthure und anderer Ordens⸗
Scanseite 4 · Druckseite VII
Vorrede. vu beamten über die Ereigniſſe ihrer Tage, nebſt den Seudſchreiben von Kaiſern, Koͤnigen, geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten des Auslandes aufbewahrt und bis auf unſere Zeit erhalten worden waͤre. Es iſt ein Schatz von unſchaͤtzbarem Werthe für die Wiſſen⸗ ſchaft. Es ſind Berichte nicht nur von Zeitgenoſſen, ſondern von Theilnehmern und Augenzeugen der Er⸗ eigniſſe und Erſcheinungen ſelbſt, großen Theils ver- trauliche oder amtliche Mittheilungen der Oberhaͤupter und Verwaltungsfuͤhrer des Ordens unter einander, alſo geſchichtliche Quellen fuͤr uns, die mehr als ir⸗ gend andere an und in ſich ſelbſt das reinſte Ge praͤge der innern Wahrhaftigkeit tragen, die nicht mit ſchriftſtelleriſchen Abſichten und Ruͤckſichten zur Schau geſtellt, ſondern zu dem einfachen Zwecke ab⸗ gefaßt wurden, treu und gewiſſenhaft zu berichten, was hie und da geſchehen war. Aus dieſen Quellen iſt nun, wie ſchon ein bloßer Ueberblick zeigen kann, der größte Theil diefes Ban: des der Geſchichte Preuſſens bearbeitet worden. In ihnen ſpiegelt ſich der eigenthuͤmliche Geiſt der Zeit in getreuſter Wahrheit und es gewaͤhrt eben dadurch der ganz eigenthuͤmliche Character dieſer Art von ge⸗ ſchichtlichen Quellen der Darſtellung der Ereigniſſe eine Sicherheit und Gewißheit, wie ſie ſelten durch chroniſtiſche und annaliſtiſche Abfaſſungen zu errei⸗ chen iſt. Gerne haͤtte ich die Zeit in ihrer eigenen Sprache und mit ihrem eigenthuͤmlichen Geiſte aus dieſen Quellen oͤfter ſelbſt reden laſſen; allein bei der überaus großen Maſſe von Urkunden und Brie⸗ fen, die mir zur Hand ſtanden, (denn ſie ſind,
Scanseite 5 · Druckseite VIII
VIII Vorrede. wenn gleich alle geleſen und vielfach benutzt, doch bei weitem nicht alle in den Anmerkungen angefuͤhrt, um Ueberhaͤufung zu vermeiden) mußte durchaus dar⸗ auf Verzicht geleiſtet werden, aus ihnen in den An- merkungen Auszuͤge auch nur des Weſentlichen und Wichtigſten (wie in den fruͤheren Baͤnden zum Theil geſchehen iſt) mitzutheilen. Dieß ſchien mir jetzt aber auch um ſo weniger nothwendig, da ich das Gluͤck habe, durch die preiswuͤrdige Liberalität der hohen Miniſterien der Angelegenheiten des Koͤnigli— chen Hauſes und der auswärtigen Angelegenheiten die Herausgabe eines Codex diplomat. Prussiae un⸗ ternehmen zu koͤnnen, deſſen erſter Band, die bis jetzt ungedruckten wichtigſten Urkunden des dreizehnten Jahrhunderts enthaltend, gleichzeitig mit dieſem Ban⸗ de der Geſchichte Preuſſens erſcheinen wird. Findet das Werk, wie kaum zu bezweifeln iſt, ſeinen Fort⸗ gang, ſo werden in ihm die ſaͤmmtlichen wichtig⸗ ſten diplomatiſchen Quellen zur Geſchichte Preuß , ſens dem kuͤnftigen Forſcher nach und nach vorge— legt werden koͤnnen. Mit Abſicht habe ich ſeine Anlage mit dieſem Werke in ſolche Verbindung geſetzt, daß ſich beide gegenſeitig auf einander beziehen und ergaͤnzen. Ich kann dieſes Vorwort nicht ſchließen, ohne zwei Maͤnnern fuͤr ihre Ausſtattung dieſes und des ſechſten Bandes meinen innigſten Dank zu bezeugen. Mein verehrter Freund, Herr Obriſt- Lieutenant von Fiſcher, früher im General - Stabe zu Königsberg, jetzt zu Danzig, dem wir ſchon die ſchoͤne Burgen⸗ Charte des zweiten Bandes zu verdanken haben, hat die Guͤte gehabt, unter meiner Mitwirkung den Plan
Scanseite 6 · Druckseite IX
Vorrede. IX der Schlacht von Tannenberg, der dieſem Bande beigegeben iſt, mit einem Aufwande von Zeit und Muͤhe, mit einem wiſſenſchaftlichen Eifer und einer Genauigkeit zu entwerfen, die ich nicht genug rüh- men kann. Mit der freundlichſten Bereitwilligkeit ſtellte er mir feine treffliche Arbeit zur öffentlichen Mittheilung zur Hand. Auch eine von ihm ver- faßte Beſchreibung der berühmten Schlacht habe ich, fo weit es mir zweckmaͤßig ſchien, im einzelnen bes nutzt, bedauernd, daß ich ſie dem Werke ſelbſt nicht vollfiandig anſchließen konnte. Durch den Schlacht— plan hat ſich der Herr Verfaſſer ein neues ſchoͤnes Verdienſt um die Geſchichte Preuſſens erworben. Am Schluſſe der Vorrede des ſechſten Bandes wurde die Nachlieferung des zu dieſem Bande gehoͤ— rigen Titelkupfers verſprochen. Mein verehrter Freund, Herr Oberſt Rollaz duͤ Roſey hier in Koͤnigs⸗ berg hat die Geneigtheit gehabt, mir zu dieſem Zwecke eine Abzeichnung eines in einer Kirche zu Thorn be— findlichen ſehr intereſſanten Grabſteines anzuvertrauen und gütigft zu erlauben, fie öffentlich mitzutheilen. Je mehr das ſchoͤne Bild als Zierde des Werkes und als ein ſchaͤtzenswerther Beitrag zur Kunſtge⸗ ſchichte Preuſſens zu betrachten iſt, um ſo inniger mein Dank fuͤr die freundliche Mittheilung. Es hat die Umſchrift: Hic. iacet. dominus. Johannes. de. Zoest. qui. obiit. anno. dni. M. CCC. LXI. sequenti. die. post. Mauritii. anima. eius. re- quiescat. in. pace. Wir erfahren durch Zernecke Thorn. Chron. S. 21, daß Johannes von Soeſt C ums J. 1358 Buͤrgermeiſter in Thorn war, aber
Scanseite 7 · Druckseite X
x Vorrede. nicht, wie dieſer Chroniſt angiebt, in eben dieſem Jahre, ſondern nach der Grabſchrift erſt im J. 1361 geſtorben iſt. Ohne Zweifel wurde ihm das Grab⸗ denkmal von ſeiner neben ihm ruhenden Gemahlin errichtet und wahrſcheinlich deshalb blieb auch der andere Theil des Denkmals ohne Inſchrift, weil die⸗ ſe erſt nach ihrem Tode eingegraben werden ſollte; es iſt aber nicht geſchehen. Ich freue mich um fo mehr, dieſes Bild dem ſechſten Bande hinzufuͤgen zu konnen, da es gerade für die Zeit des Hochmei⸗ ſters Konrad von Jungingen, in welcher die Kunſt in Preuſſen in ſchoͤnſter Bluͤthe ſtand, in jeder Be⸗ ziehung am paſſendſten erſcheint. Auch iſt es kei⸗ neswegs ein ſinnleeres Bild; es traͤgt dem Betrach⸗ ter, wie mir ſcheint, die drei großen Momente des Seyns im Leben, im Tode und in der Unſterblich⸗ keit entgegen. Unten im Bilde das Leben hienieden mit feinem ſtaͤndiſchen Unterſchiede, mit ſeinen Ge⸗ nüffen und Freuden, kurz in feiner Dauer, daher im Bilde nur in beſchraͤnktem Raume dargeſtellt; dann in der Mitte der Mittelzuſtand des Todes im Grabe, die Ruhe von aller Muͤhe und Arbeit; und im obern Theile des Bildes die Erhebung des Entſchlafenen nach oben, die Emportragung der Seele in die Wohnung der Seligen, ihr Heimgang in den Himmel. Koͤnigsberg, am Charfreitage 1836. Johannes Voigt.
Scanseite 8 · Druckseite XI
Ss ha Kapitel I. Stellung des „ Königes von Polen zum Orden Ulrichs von Jungingen Hochmeiſter⸗ Wahl Verhältniſſe zum Könige von Polen Vertrag mit Danemark wegen Gothland Verhandlungen mit dem Könige von Polen Anſtalten fuͤr Landesſicherheit Landesverwaltung e 8 Handelsverhältniſſe — er‘ . Gewerböthätiget - 0. 0 . + . Kauf von Drifn + » ee 1 . Witowds Untreue und Umtriebe ae . Witowds Umtriebe n * Abfall der Samaiten . . . Kriegsruͤſtung gegen Polen und Witowd 5 Krieg mit Peer . Einfall ins Dobrinerland . . Waffenſtillſtand zwiſchen Polen und dem Orde 22 2 „ „ „ „ te. Friedensverſuch des Koniges von Böhmen Neue Umtriebe des Königes von Polen Kriegerüftungen » + Schreiben des Hochmeiſters an die Herzogin Mafovien » + + Se Beſetzung der Landesgrenzen 5% Stärke der Kriegshcere + Pr Einfall der Polen ins Gebiet des Ordens . Anzug und Schlahtortnung « « - . . Schlacht bei Tannenberg Kapitel II. Ueberwaͤltigung des Landes Graf Heinrich von Plauen u In iu eee n * 2 „ r rn Ti 5 „„ „ 5 „ „ TE e e e ee 252 2 „„ „ „% „„ Ze „% „% „% „%% „6%. 29 ur „„ 6 „ REF EN e e ee e 5
Scanseite 9 · Druckseite XII
XII Inhalt. 4 Seite Belagerung Marienburg gs 105 Abzug des Königes von Marienburg 117 Wiedergewinn der Ordensburgen. 120 Neue Kriegs gefahren 124 Heinrich von Plauen als Hochmeiſterr . 120 Waffenſtillſtand mit Polen 130 Federn 2 Bedraͤngte Finanzverhältniſſe des Ordens 137 Ungehorſam und Frevel der Danzigie > 139 Neue Gefahren fuͤr den Orden 143 Verſchwörung gegen den Hochmeiſter 145 Neue Kriegs gefahren . 149 Streithaͤndel wegen des Ermländiſchen Biſthums . . 152 Neue Bedraͤngniſſe des Ordens 155 Stellung des Ordens zum Könige von Polen 161 Buͤndniß des Ordens mit dem Römiſchen Könige Sigis⸗ mung Streithändel mit den Biſchöfen von Leſlau und U + Friedensverhandlungen ae Ele ar ge hae ie Finanzbedrängniffe des Ordens eee Strengere Ordensdiſcipli n Vollfuͤhrung des Ausſpruchs des Römiſchen Koͤniges Anordnung des Landesrathees Verhandlungen mit Benedict von Macra +. «+ Neue Umtriebe Witowds und des Polniſchen Königes gegen den Orden „ ve en li Bemühungen des Hochmeiſters um Beihülfe gegen Polen 197 eee e des Hochmeiſters zum Roͤmiſchen Königeu, dem Deutſch⸗ meister 8 Verhäͤltniſſe des Hochmeiſters zum Römiſchen Könige und den von Melone % Neue Kriegsrüſtungen gegen Polen „4210 Abſetzung des Hochmeiſters Heinrich von Pfauen . 21% * * * — — + Dr 3 „„ a tere „ „ Be — E 0 202 Kapitel IM. Wahl des Hochmeiſters Michael Kuͤchmeiſter von Sternberg x 223 Verhältniſſe des Ordens zum Könige von Polen. „ 227 Der Verhandlungstag zu GrabaWu uu 231 Neue feindliche Stellung Polens gegen den Orden + 236 Einfall des Königes von Polen ins Ordensgebiet . „ 243 Waffenſtillſtand , ͤ v si a A Se ; 255 Sendung zum Koſtnitzer Concilium 256 Berhältniffe zu Polen und den Nachbarlanden 2358 Bedraͤngte Lage des Orden nz 261 Veränderungen in den Biſthuͤm ern 2065 Das Concilium zu Koſtnii zz ĩ 267 Verhaͤltniſſe mit dem Könige von Polen 269 Ungluͤckliche Ereigniſſe im Lande 2273 Die Peſt in Preuſſee n 277 Muͤnzveraͤnderung „% — W ² ⏑⏑ 2 „ re 279
Scanseite 10 · Druckseite XIII
Inhalt. XIII Seite Aufruhr in Danzig „280 Verlängerung des Beifriedens mit Polen . 283 Verhältniſſe zu den Nachbarfürſtee n 288 Bündniß des Ordens mit den Schleſierrn 280 Der Dag zu Welun n 291 Verhandlungen im Conciliun ee 294 Innere Landesverordnungen 297 Günſtigere Stellung des Ordens gegen Polen 298 Ausgleichung mit den nachbarlichen Fuͤrſten 305 Verhandlungen im Concilium 309 Papſt Martin V. und der Orden 312 Veränderungen in den Preuſſiſchen Biſthuͤmern 314 Verhältniſſe zu Witowd = u „ „8 316 Erneuerung des Beifrie denz 317 Die Schrift Johannes Falkenbergs im Concilium 320 Ende des Eondlium ss D 3323 Friedensverhandlungeeen 326 Der Verhandlungstag bei Welun nun 328 Neue drohende Gefahren für den Orden 331 Anordnungen in der Landesverwaltung „336 Kapitel IV. e des Papſtes zwiſchen Polen und den Or⸗ Ep en > er Bee. e ee en Der Verhandlungstag zu Enchlun een. Bik Verſuche zur Frildensvermittlung.Q·⁊ 348 Neue Kriegsge fart 351 Verlängerung des Waffenſtillſtanddzzt e 353 Innere Landes angelegenheiten 356 Ausgleichung mit dem Biſchof von Leſla n 358 Vermittlung des Röͤmiſchen Kbniges. 361 Hans von Baiſen „„ „ 362 Der Tag zu BreslaN nnn 365 Der Ausſpruch zu Breslau „2 367 Verhandlungen wegen des Ausſpruchs zu Breslau 371 Huſſitiſche Ketzerei „ e ie ee ee 374 Drohende Stellung Witowds „ e e e 377 Kriegsereigniſſrt e 379 Streitverhältniſſe mit Witowd und dem Könige von Polen „„ „ „„ 381 Streitverhäͤltniſſe mit dem Könige von Polen 383 Schwere Bedraͤngniß des Drden . „90 Die Huſſiten „ W ah a 393 Stellung des Ordens gegen Polen 395 Eimvirken des Papſte s 390 Einwirken des Nömiſchen Köͤnige ss 398 Neue Kriegsge fav 400 Abdankung und Tod Michael Kuͤchmeiſtertrs » 402 Innere Landesverhältniſſſ uu 404 Handel und Verkehnree 0 nenne e 408 Hemmungen im Handel mit dem Auslande 411
Scanseite 11 · Druckseite XIV
xiv > Inhalt. Seite Handelsverhältniſſe mit England und Flandeen 414 1 — Daͤnemark 449 Zr Sms — Polen und Litthauen . 421 ——— — Polen, Litthauen und Nißland TE N K 222 Handelsverhaͤltniſſe mit Rußland e 423 LE Kapitel V. Wahl Pauls von Rußdorf zum Hochmeiſter 4 2⁴ Der paͤpſtliche Nuntius Antonius Zeno in Preuſſen . 429 Neue Kriegggefahtn - +» » +» + 0 0 ee 0° . 432 Einfall des Königes von Polen ins Land . 437 Der Friede am Melno⸗ See 447 Neue Bedrängniſſe des Hochmeiſterrss - - ° 450 Verhältniffe des Hochmeiſters zum Römiſchen König . 45% Vollfuͤhrung des Friedens am Melno-©te + + » “ i 459 ne Verhältniffe des Hochmeiſters zum Deutſchmeiſter, D “0 „„ „ „„ „„ „„ „„ „% „%„„%„%„%„ „% C „6 4 E E und Witow obo „„ . 462 Ausgleichung mit dem Könige von Polen 466 Innere Landesverhaͤltniſꝶ ee . 471 Ausgleichung mit dem Könige von Polen 475 Innere Landesverhaͤltniſꝶ neee. 478 Witowds Zuneigung gegen den Orden 482 Die Muͤhle Luͤbitſch „ „ „ mel Tin . 43h Kirchliche Verhandlungen Ee „ „% mer 486 Ruͤſtung gegen die Huſſiternr n. 489 Kreuzpredigt gegen die Huſſiten » 491 Verhandlungen mit dem Könige von Polen „ 492 Verhaͤltniſſe zu den Nachbarfuͤrſtee n 496 Verhandlungen mit Daͤnemar k 497 Störung des Seehandel „500 Anforderung des Römiſchen Könige zur Huͤlfe gegen die Tuͤrken r TIEN IT 502 Ungluckliche Ereigniſſe im Lande —ͤ— 50 Landesverordnungen „ e „ W , f Ta emeze 505 Ordensgeſetz e 3507 Guͤnſtige Stellung Witowds zum Orden 509 Theilnahme Preuſſens am nordiſchen Kriege 512 Huſſiten⸗Steuer . , „% . 516 Streit mit der Livländiſchen Geiftlichleit - - « . 518 Der Fürftentag zu Luck 522 Verhandlungen wegen Witowds Koͤnigskronung 525 Ausgleichung mit Polen 527 Verhandlungen wegen Witowds Koͤnigskröonung » 529 Gefahr vor den Huſſiten „„ „„ „„ „ „„ e 531 Die Ordens⸗Kolonie an der DonaNQnun . 534 Verhandlung in der nordiſchen Fehde . 535 Verhandlungen am Römiſchen Hofe 537 Neue Gefahr vor den Huſſtite n 540 Verhandlungen gegen Witowds Krönung » g 36343 Verhandlungen wegen Witowds Krönung 544
Scanseite 12 · Druckseite XV
Inhalt. X Seite Anſtalten zu Witowds Krönung © g 340 Des Großfürſten Witowds Tod . 551 Verhältniſſe des Hochmeiſters mit dem Romiſchen "Könige . 553 Unruhen des Mönches Peter Wichmann zu Thorn 3556 Der Landesrath „ W W WW ͤ Y . e e n 559 Kapitel VI. Verhandlungen mit dem Großfuͤrſten Switrigall « 502 Huͤlfsbuͤndniß des Ordens mit Switrig all . 566 Drohende Stellung gegen ei ee 568 Krieg mit Polen „ Bil Einfälle des Ordensheeres ins Polniſche Gebiet . 72 Feindliche Stellung des Ordens zum Könige von Polen 575 Umtriebe des Königes von Polen gegen den Orden. 280 Kriegeriſche Stellung des Koͤniges von Polen gegen den Orden 8 ee „% „„ erg 583 Switrigals Vertreibung oe „E Sigismund Großfürſt von eitthauen „ 399 Kriegsereigniſſe in Litt hauen „ 604 Kriegeriſche en des Ordens und des Königes von Polen =: —— 2 605 Einfall der Hufſiten in die Neumark „„ 00 Die Huſſiten vor Konitz ee „ ei Die Hufliten vor Dirfchau und Danzig a „„ 0 Waffenſtülſtand und Abzug der fe 7 Verhaͤltniſſe des Ordens im Huſſiten⸗Kriegge „642 Der Beifriede von Brzeſ 0 0 0 0 0 645 Folgen des Beifriedens zu Brzeſſſſ > 650 Tod des Königes von Polen 655 Innere Landesanord nungen . 656 Streit mit den Johannitern . 658 Verhandlungen mit Polen „„ 000 Der Bürgermeifter Johann Stertz zu Kulm 6064 Stimmung im Kulmer lande 605 Verholtniſſe mit Litthanen und Polen 668 Der ewige Friede zu Brzeſ . „ 072 Kapitel MI. Verhandlungen wegen des Friedens zu Brzeſ - + » 680 Finanz⸗Bedraͤngniſſe des Orden? 2 2 688 Heinrich von Maltitz +» 00 Verhältniſſe mit dem Kaiſer und dem "Könige von Dänemark 692 Streit des Hochmeiſters mit dem Deutſchmeiſter . 697 Innere Landesverhaͤltniſꝶe ie 702 Tod des Kaiſers Sigismund — 2 704 Streit des Hochmeiſters mit dem Deutſchmeiſter „„ Zwieſpalt im Orden in Livland 708 Verhältniffe zu den Nachbarfuͤrſte n 1710 Verhaͤltniſſe im Innern des Landes „ A Streit des Hochmeiſters mit dem Livlaͤndiſchen und dem Deutſch⸗ meiſter „ „„ „ 2: 8
Scanseite 13 · Druckseite XVI
XVI In hal k. Berhältniffe zum Römiſchen Könige Albrecht Streit mit dem Deutſchmeiſteer + Verhandlungen mit dem Deutſchmeiſter * . * Verhandlungen mit dem Deutſchmeiſter zum Sund to. 2 * = Due — Streit des Hochmeiſters mit dem Deutſchmeiſter und ide nsn „2 Streit des Hochmeiſters mit dem Deutſchmeiſter Unzufriedene Stimmung im Lande Entſtehung des Preuſſiſchen Bundss e. - Sittliches Verderben im Ordrrdr n Innere Zerwuͤrfniß im Orden Erſte Ausbildung des Preuſſiſchen Bundes Bundesvereinigung der Stände Preuſſens + + Verhandlungen mit den drei Konventen und dem Bunde. Tagfahrt zu Sing Beſtrebungen des Bundes. Auswärtige Verhältniſſee ee er * Verhandlung mit dem Deutſchmeiſter zu Danzig - + Abdankung und Tod des Hochmeiſters Paul von Rußdorf
Scanseite 14
Stellung des Koͤniges von Polen zum Orden. (1407) Erſtes Kapitel. Am vierten Tage nach Konrads von Jungingen Hinſchei⸗ den traten die oberſten Gebietiger zu Rath und uͤbertrugen die Stellvertretung des Hochmeiſters nicht, wie es ſonſt Ord⸗ nung war, dem Großkomthur Kuno von Lichtenſtein, ſon⸗ dern dem Oberſt Spittler und Komthur zu Elbing Werner von Tettingen, vielleicht weil des erſtern dftere Kraͤnklich⸗ keit die Uebernahme des Amtes nicht erlaubte.) Die neue Meiſterwahl ſetzte man auf S. Johannis⸗Tag und lud die Meiſter und Gebietiger aus Deutſchland und Livland auf dieſe Zeit ein. ) Mittlerweile waltete Konrads Geiſt, der Geiſt des Friedens und der Suͤhne noch fort. Man erkannte, wie nothwendig unter den von Polen aus drohenden Gefahren es ſey, den Orden mit ſeinen uͤbrigen Gegnern friedlich auszugleichen, ſo mit dem Herzoge von Stolpe in ſeinen 1) Lindenblatt S. 181. In Briefen im Regiſtr. p. 149 nennt Werner von Tettingen ſich ſelbſt Vicegerens Magistri generalis. Schr. des Vogts der Neumark an den Komthur von Elbing, „der des Hoe⸗ meiſters ſtat heit, Schbl. XIV. 20. Baczko B. II. S. 298 u. Kotze⸗ bue B. UI. S. 82 nennen den Statthalter Johann von Rumpenheim (nach Lucas David B. VIII. S. 140. 112) ohne zu wiſſen, daß dieſer bereits ſeit 1404 im Grabe lag. Der öftern Krankheit des Groß⸗ komthurs wird im Treßler⸗Buch mehrmals erwähnt. 2) Lucas David B. VIII. S. 113. VII. i
Scanseite 15 · Druckseite 2
2 Stellung des Königes von Polen zum Orden. (1407.) Klagen wegen Beeinträchtigung feiner Landesgraͤnzen, uͤber die man ſich freundlich mit ihm zu verſtaͤndigen ſuchte; “ ſo mit der Koͤnigin von Daͤnemark, auf deren Wunſch man abermals Sendboten zu einem neuen Verhandlungstag in den Oreſund ſandte, mit der Vollmacht, auf jegliche Weiſe, nach Recht, Minne und Freundſchaft ſich mit der Königin wegen Gothlands zu einigen und den Streit zu beendigen, weshalb man alles, was ohne Gefahr für den Orden mit ihr verhandelt und beſchloſſen werde, ſofort genehmigen und feſt beobachten wollte; ?) fo endlich auch mit dem Könige von England, indem die Gebietiger den Buͤrgermeiſter von Danzig Arnold Hecht und den Prothonotar Johannes Cro⸗ low beauftragten, mit des Königes Sendboten auf einem neuanberaumten Tage wo moglich die beiderſeitigen Klag⸗ punkte zu vergleichen und allen Zwiſt zu befeitigen. 9 Des Großfuͤrſten Witowd Freundſchaft hielt man ſich jetzt völlig verſichert, denn beim Aufbau der neuen Ordens⸗ burg an der Dobiſſa bewies er darin, daß er ſelbſt das nd⸗ thige Bauholz darbot und feine eigenen Zimmerleute zur Arbeit ſtellte, einen Eifer fuͤr des Ordens Intereſſe, der allen Zweifel an ſeinen aufrichtigen Geſinnungen heben und das Vertrauen zu ihm immer mehr befeſtigen mußte. 9 Um ſo mehr aber mußte man jetzt auf jeden Schritt des Koͤni⸗ ges von Polen mit ſcharfem Auge achten, denn ohne Zwei⸗ 1) Schr. des Statthalters an d. Herzog v. Stolpe, dat. Marienb. Mont. nach Quaſimodogen. 1407 Regiſtr. p. 148. 2) Schr. des Statthalters an d. Königin v. Danemark, d. Ma⸗ rienb. Mont. nach Miſericord. 1407; Vollmacht für die Sendboten Frie⸗ derich von Wallenrod Komthur zu Mewe, Johann von der Dolle Vogt zu Roggenhauſen, Albrecht Rote Bürgermeifter zu Thorn und Konrad Letzkau Bürgemeifter zu Danzig, d. Elbing am S. Georgs⸗ Tage 1407 Regiſtr. p. 148. 149. Schr. des Statthalters an Lübeck, Hamburg und Stralſund wegen Vermittlung, Reqiſtr. p. 154. 3) Vollmacht des Statthalters, d. in eastro Holland XX die April. 1407, Regiſtr. p. 149. 4) Schr. an Witowd, d. Königsberg Freit. vor Philippi u. Ja⸗ cobi 1407, Regiſtr. p. 150.
Scanseite 16 · Druckseite 3
Stellung des Königes von Polen zum Orden. (1407.) 3 fel lagen in ſeiner falſchen Seele verſteckte Abſichten, als er gerade jetzt, da der Orden ohne Oberhaupt war, durch Wi⸗ towd den Gebietigern einen Beſuch in Preuſſen anbieten ließ, um, wie er vorgab, Danzig und die See zu ſehen; es war ſicherlich fein Plan, das Land auszuſpaͤhen und dar⸗ auf geheime Berechnungen zu bauen. Mit aller Klugheit indeß ließ ihm der Statthalter erwiedern: ſo gern man ihn ſonſt im Lande ſehen werde, ſo ſey ein ſolcher Beſuch doch jetzt, da der Orden ohne Haupt, nicht fuͤglich, denn un⸗ möglich konne man dem Könige alle Ehrerbietungen und die Beweiſe der Wohlgewogenheit erzeigen, mit denen man ihn überall empfangen möchte. Den Großfuͤrſten erſuchte man, dem Könige die Sache alſo vorzuſtellen, daß nicht neue Uns gnade in ſeiner Seele erwache. Wie zwiezuͤngig aber und arg⸗ liſtig der Konig immer noch ſey, erſah man auch ſchon dar- aus, daß er Witowd'n erklaͤrte: des verſtorbenen Meiſters letzte Antwort uͤber Drieſen ſey fuͤr ihn noch bitterer und haͤrter geweſen, als alles fruͤher Geſagte, waͤhrend er um dieſelbe Zeit in einem Sendſchreiben dem Orden ſeine fer: nere Gunſt und Gnade bezeugte, ausdruͤcklich erklaͤrend: man duͤrfe um die harte ‚Auslegung der Briefe nicht ferner mehr Beſorgniß hegen. Im Rathe der Ordensgebietiger ward je⸗ doch beſchloſſen, wo moͤglich auch den Koͤnig von Polen zu begütigen und durch die Sendung des Komthurs von Thorn nach der Burg Slotorie, wo er den König finden ſollte, nicht nur den Streit der Krakauer wegen des freien Han⸗ dels durch Preuſſen beizulegen, ) ſondern ihm auch, um forthin allen Mißverſtaͤndniſſen vorzubeugen, den Vorſchlag mitzutheilen, inskuͤnftige alle Verhandlungen und Briefe in Deutſcher Sprache abzufaſſen, weil man im Orden „die behenden Lateiniſchen Briefe“ nicht immer verſtehe und aus der Auslegung leicht große Ungunſt und Ungnade hervor⸗ gehe. ) Auch Witowd billigte ſolches, wiewohl er offen be- 1) Der Streit betraf zugleich die Waarenniederlage der Krakauer zu Thorn. 2) Es heißt: Sint ſulche ungenade und reifjunge von ungewonli⸗ 1
Scanseite 17 · Druckseite 4
4 Stellung des Königes von Polen zum Orden. (1407.) kannte, daß er in des verſtorbenen Meiſters Briefen an den König nichts Herbes und Bitteres habe finden koͤnnen.“ Auf der Burg Slotorie, wo der Komthur von Thorn nebſt den Aelteſten dieſer Stadt dem Koͤnige in zahlreicher Verſammlung im Auftrage der Gebietiger zunächft den Dank darbrachte fir die Feier des Andenkens des verſtorbenen Meiſters durch einen Trauergottesdienſt in ſeinem Reiche, war es offenbar wiederum nur die Maske des freundlichen Goͤnners, unter welcher der König erklärte: ſtets des Or⸗ dens Freund habe er keinen Nachbar, zu dem er ſo große Freundſchaft hege, als gegen dieſen; freilich habe man ſich zu Stunden an den Seinen vergeſſen; doch das betreffend wolle er alles anſtehen laſſen, bis Gott dem Orden einen neuen Meifter gegeben. Auf des Komthurs Bitte: er möge wegen jenes Briefes vom verſtorbenen Meiſter, der es fuͤr— wahr nicht boͤſe gemeint, keinen Unmuth gegen den Orden hegen, erwiederte der König mit dem Geſtaͤndniſſe: er konne weder leſen noch ſchreiben und muͤſſe hoͤren, was man ihm vorleſe; darum getraue er wohl, daß man es nicht alſo ge⸗ meint, als es ihm vorgeſagt worden ſey; er wolle auch forthin des Ordens Freund bleiben und von ihm ſolle keine Zwietracht ausgehen; die Streitſache der Krakauer mit Thorn wolle er lieber mit dem kuͤnftigen Meiſter zur Entſcheidung bringen. 9 So der König im Worte; aber wie anders nun in ber That! Zur naͤmlichen Zeit hatte er den dem Orden befreun⸗ cher uslegunge der briefe jo lenger jo ſerer wechſet, ſo ſal her (der Komthur) ſyne allirdurchluchtikeit bitten, iſt is Im beheglich, das her uns vorbas me ſyne meynunge dütfch geruche czu ſchreyben, fo wellen wir Im czu duͤtſche weder antwerten, wend wir uns off die behenden latiniſchen briefe nicht vorſteen noch wiſſen uns do us czu richten und muͤſſen alle czeit beſorgen, das wir in große ungnade und ungunſt von unmoͤglicher uslegunge vallen mochten. 1) Schr. an Witowd, d. Königsb. Donnerft, vor Philippi u. Ja⸗ cobi 1407, Regiſtr. p. 151. 2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Luͤbitſch Mittwoch vor Pfingſt. 1407.
Scanseite 18 · Druckseite 5
Stellung des Koͤniges von Polen zum Orden. (1407.) 5 deten Marſchall Iwan von Dobrin, laͤngſt von ihm gehaßt und verfolgt, weil zumeiſt durch ihn das Dobriner-Land an den Orden gekommen ſey, trotz der Beſtimmung auf dem Tage zu Raczans, daß keinem Dobriner wegen treuer An⸗ haͤnglichkeit gegen den Orden vom Könige Ungnade wider⸗ fahren ſolle, zu Gneſen vor ein Rittergericht geladen. Dort ungeachtet der Fuͤrbitte des Ordensſtatthalters als Landes⸗ verräther angeklagt, durch Zuruͤckweiſung aller feiner Zeugen aus Preuſſen und Maſovien außer Stande geſetzt, ſeine Un⸗ ſchuld zu erweiſen, durch andere Zeugen aus Dobrin fuͤr ſchuldig erklärt, ward er alles feines Vermoͤgens beraubt und in den Kerker geworfen, bis endlich ihm der Koͤnig das Todesurtheil ſprach.) Von demſelben feindlichen Geiſte zeugten um dieſelbe Zeit des Koͤniges Schritte an den Graͤn⸗ zen der Neumark. Einen Streit des dortigen Vogts mit den Johannitern auf Zantoch benutzend, ? lic er ploͤtzlich dieſen Rittern durch einen Abſagebrief Fehde ankuͤndigen und eilig anſehnliche Heermaſſen zuſammenziehen, Zantoch zu be⸗ lagern und zu erſtuͤrmen. Da die Burg, wie der König von Ungern ausdruͤcklich erklaͤrt hatte, zur Neumark gehoͤrte und vormals dem Johanniter-Orden fuͤr eine Summe nur als Pfand eingegeben war, alſo nach Zahlung der Anleihe an die Neumark zuruͤckfallen mußte, ſo beſetzte und bewehrte ſie der Ordensvogt ſofort, um ſo der Polen Vorhaben zu vereiteln. 9 Schnell warf ſich jetzt Polniſches Kriegsvolk or a BEE 1) S. oben B. VI. S. 371. Die Fürbitte des Statthalters an den Erzbiſch. v. Gncſen, d. Leſke Sonnab. vor Corp. Chriſti 1407 Re⸗ ei r. p. 153. Voigt Geſch. der Eidechſen⸗Geſellſch. S. 192 nach 1 Schr. des Großkomthurs an den Statthalter, d. Marienb. Sonnt. nach Barnabä 1407 Schbl. XVII. 142. 2) Schr. des Vogts der Neumark an den HM., d. Schievelbein a. T. Element. 1404, damals war der Streit wegen einer gemeinen 5 entſtanden, der Anlaß zu ſehr beleidigenden Aeußerun⸗ gab. J) Schr. des Vogts d. Neumark an d. Statthalter, d. Neu⸗Ber⸗ iin Mittw. vor Pfingſt. 1407 Schbl. XIV. 1. Zantoch war den Jo⸗ bannitern für 300 Schock Groſchen verpfändet, Fol. D. p.318.
Scanseite 19 · Druckseite 6
6 Stellung des Königes von Polen zum Orden. (140:7.) vor das den Johannitern gehoͤrige Schloß Dragheim, er: ſtuͤrmte es, ſchritt von Dorf zu Dorf weiter und bald hieß es, mit einem Theile des Adels der Neumark ſey der Plan gefaßt, auch die Burgen und Städte Dramburg, Falken⸗ burg, Callies, Driefen und Woldenberg dem Könige zu ge winnen. Arnold vom Walde, bereits mit dem Könige in geheimen Unterhandlungen, hatte ihm feinen Antheil an Falkenburg wirklich ſchon verkauft; die Burg war zum Theil mit verraͤtheriſchen Leuten beſetzt und eines Tages auch die Burgmauer bereits durchbrochen gefunden.) Und doch gab der Koͤnig auf des Statthalters Anfrage: was es mit der Sammlung feines Kriegsvolkes an den Graͤnzen der Neu: mark zu bedeuten habe? die betruͤgliche Antwort: „er habe Leute ausgeſandt vor ein Haus, das an den Gränzen der Neumark in feinem Reiche liegend Raͤuber und andere boͤſe Leute herberge; ſolche wolle er zuͤchtigen, ſofern er vermoͤge; ſollte er dorthin Kriegsvolk auf des Ordens Schaden ſen⸗ den, ſo handle er nicht als ein getreuer Koͤnig und als ein guter Freund.“ ?) Allein des Koͤniges argliſtiger Plan ward bald durchſchaut, denn auch der Komthur von Golub be— richtete dem Großkomthur: die ganze Ritterſchaft in Polen ſtehe nach Krieg mit dem Orden, hoffend, dadurch mit dem Koͤnige, der ſie ſtreng und hart behandle, in freundlichere Verhaͤltniſſe zu treten; dieſer ſelbſt aber, nichts weniger als friedlich geſinnt, habe erklaͤrt: auch ſelbſt um der vierhun⸗ dert Schafe willen, die man von der Burg Dragheim dem Vogte der Neumark uͤbergeben habe, werde er das Schwert erheben, ſofern man fie ihm nicht ausliefere. 9 ) Schr. des Vogts d. Neumark a. d. Statthalter, d. Drawen⸗ burg Donnerft. vigilia corp. Xsti 1407 Schbl. XIII. 6. Als theilneh⸗ mend am verrätheriſchen Plan werden genannt die von Wedel, von Guͤntersberg, Arnold vom Walde u. m. a. 2) Die Anfrage an den König geſchah auf der Slotorie durch den Komthur v. Thorn, in deſſen erwähntem Schr. des Königes Antwort berichtet wird. 3) Schr. des Großkomth. an d. Statthalter, d. Marienb. Sonnt. nach Barnabd 1407, Schbl. XVII. 142.
Scanseite 20 · Druckseite 7
Stellung des Koͤniges von Polen zum Orden. (1467.) 7 Alſo geſtalteten ſich dort die Berhältniffe immer bedenk⸗ licher. Doch gegen den Koͤnig konnte vorerſt noch nichts ge⸗ ſchehen, bevor er nicht ſelbſt einen entſcheidenden Schritt gethan. Man erließ zunächft nur eine ernſte Warnung an die adeligen Lehensherren der Neumark, ſich vor aller Ver⸗ rätherei zu hüten, alle Verraͤther von ſich zu entfernen, ihre Schloͤſſer mit Sorgfalt zu beſtellen und der dem Orden ſchuldigen Treue zu gedenken, „denn zum Koͤnige von Po⸗ len, fügte man kluͤglich hinzu, verſehe man ſich nichts an⸗ ders als alles Gute.“! Da erſchienen in den letzten Tagen des Juni die ober⸗ ſten Gebietiger, die Meiſter von Deutſchland und Livland, Konrad von Eglofſtein und Konrad von Vietinghof mit den vornehmſten Landkomthuren der Ordenslande im Haupthanfe Marienburg zur Meiſterwahl. Lange war keine Wahl ſo vielfachen Bedenklichkeiten unterworfen geweſen. Wohl moch. te des Wortes Konrads von Jungingen im Wahlkapitel ge⸗ dacht werden; aber durfte man ihm unter Verhaͤltniſſen, wie ſie ſich jetzt drohend geſtaltet, ohne weiteres folgen? Konrad hatte friedliebend, verſdhnlich und nachgiebig alles aufgeboten, dem Kriege mit Polen auszuweichen und den König in Schranken zu halten. Es war ihm nur gelun⸗ gen, das feindliche Feuer niederzudruͤcken; aber unter der Aſche verſteckt, fraß es bereits immer weiter und gerade jetzt drohte es mehr als je in wilder Wuth hervorzubrechen. Die juͤngſten Ereigniſſe hatten gezeigt, daß Konrads Nach⸗ giebigkeit und Friedensliebe des Koͤniges Kriegsluſt nicht umgewandelt und feine Beſtrebungen nicht geflert habe. Daß dieſer feine Bahn weiter verfolgen, feine Anforderun⸗ gen immer höher ſteigern, keine Friedensmittel feinen ver⸗ ſteckten Haß gegen den Orden mehr fühlen, daß endlich ein Kampf mit ihm der Erfolg aller friedlichen Bemuͤhungen ſeyn werde, das alles mochte im Wahlkapitel wohl erkannt 1) Schr. des Statthalters an die v. Wedel, v. Walde, v. Fal⸗ kenburg, v. Güntersberg u. a., d. Elbing Freit. vor Barnavä 1407, Regiſtr. p. 153.
Scanseite 21 · Druckseite 8
8 Urrichs von Jungingen Hochmeiſter⸗Wahl. (1407) und erwogen werden. Fuͤr ſolche Tage aber, wenn ſie her⸗ einbrachen, war ein Mann an des Ordens Spitze erforders lich, der maͤnnlichfeſt, kuͤhnentſchloſſen und tapfer als Kriegs: held dem unabwendbaren Sturme die Stirne bieten konnte. Alſo erkor man im Wahlkapitel am ſechs und zwanzigſten Juni des Jahres 1407, trotz des abmahnenden Wortes des verſtorbenen Meiſters, feinen Bruder, den Ordensmarſchall Ulrich von Jungingen in einſtimmiger Wahl. u Ulrich hatte bereits in der Verwaltung mehrer Ordens⸗ aͤmter eine reiche Erfahrung geſammelt. Schon im J. 1387 dem kriegeriſchen Ordensmarſchall Konrad von Wallenrod als Kompan zur Seite ſtehend, war er auf allen Kriege: reiſen nach Litthauen in deſſen Geleite, die erſte Schule ſei⸗ nes tapfern Geiſtes; und als der Marſchall zum Meiſter er⸗ foren ward, blieb Ulrich ihm auch in dieſem Amte beftän- dig zur Seite, ein Beweis, wie hoch ihn jener damals ſchon ſchaͤtzte.) Darauf ward ihm im J. 1394 das Vogt⸗ amt in Samland anvertraut, dem er faſt zwei Jahre dor: ſtand. Da erhob ihn ſein Bruder Konrad in das wichtige Komthuramt zu Balga, bis man ihn um Michaelis des J. 1404 mit der Wuͤrde des Ordensmarſchalls bekleidete. In dieſem Amte hatte er ſich bis zu ſeiner Meiſterwahl wie um den Orden, fo um das Land, beſonders um die Landes: I) ueber den Wahltag Lindenblatt S. 181, Dusb. Supplem. e. 32, Lucas David B. VIII. S. 119, Schütz p. 100 u. a. übers einſtimmend. Das Verzeichniß der HM. bei Lin denblatt ©, 363, Lucas David B. VIII. S. 113 nach Simon Grun au u. Baczko B. II. S. 298 nehmen den Tag S. Johannis Bapt. als Wahltag an, wahrſcheinlich weil die Einladung der Gebietiger für dieſen Tag geſche⸗ hen war. Erſtere Angabe beſtätigt auch das Treßler-Buch p. 222 — 223. Daß Ulrich Konrads von Jungingen leiblicher Bruder, nicht aber Bruders Sohn war, bedarf jetzt keines Beweiſes mehr; vgl. Lin den⸗ blatt S. 170. Dusb. Supplem. I. c. De Wall Histoire d. VO. T. T. IV. p. 209. 2) urkunde Schbl. XXX. 8. 13. 3) WE Schbl. XXXV. 24. 4) Aemterbuch p. XXII.
Scanseite 22 · Druckseite 9
Ulrichs von Jungingen Hohmeifter- Wahl. (1407.) 9 kultur Samlands die ruͤhmlichſten Verdienſte erworben.) Seine Meiſterwahl war, wie ein Zeitgenoſſe ſagt, der Lohn feiner Tuͤchtigkeit und Tugend.) „Ein junger, ſtarker und freudiger Kriegsmann,“ wie ihn ein ſpaͤterer Chroniſt nennt, 9 erregte er manche große Erwartungen.“) Die ſpaͤtere Zeit hat Häufig allzu unguͤnſtig Über ihn gerichtet, indem ſie alle Schuld des Ungluͤckes ſeines Ordens auf ſeinen Character uͤbertragen.) Wohl mag fein Geiſt oft allzu ſchnell aufgereizt, ſein Zorn zu heftig entbrannt und ſeine Leidenſchaft leicht zu wilder Hitze entflammt geweſen ſeyn, denn ſeines Bru⸗ ders Ruhe und Gelaſſenheit war ihm allerdings nicht eigen; aber ruͤſtig zur That, beſonnen im Plan, kuͤhnentſchloſſen und kraͤftig in der Ausfuͤhrung ſchien er in jeder Weiſe der Gefahr der Zeit gewachſen.“ Als ihm des Meiſters Hul⸗ digung durch den Schwur der Gebietiger gebracht war, ward der bisherige Komthur von Mewe Friederich von Wallenrod von ihm zum Ordensmarſchall erhoben. 9 In mehren an: dern Aemtern erfolgte erſt fpäter eine Wandlung der Gebie⸗ 1) Davon zeugen die zahlreichen ländlichen Verſchreibungen im geh. Arch. 2) Lindenblatt S. 181. 3) Lucas David B. VIII. S. 119. Simon Grunau ſagt, er war eines adeligen Herzens. 4) Kaum glaublich iſt, was Dusb. Supplem. I. c. von den Ge⸗ bietigern ſagt: sperabant, quod fratri in moribus assimilari deberet, qui orat paeis cupidus; denn ſollten fie Ulrichs Character noch nicht gekannt haben? 5) Lucas David B. VIII. S. 111. Schütz p. 100 ſchildert ihn eben nicht aufs beſte; ebenſo Hiärn Ehſt⸗ Lyf⸗ und Lettländ. Geſchichte herausgegeb. von Napiersky S. 171. 6) Ordenschron. p. 73 (Mſcr.): Er was ein redlich Eine man, ſeines bruders weiſe hilt er nicht, dorumb ſprach ſein bruder, ehe er ſtarb, das fie feinen Bruder nicht czu einem Hohemeiſter wehlen ſolten, denn er were alczu freidigk und furtfahrende und dem lande nicht nucze, idoch erweleten ſie ihn umb ſeiner fromigkeit, wiewol ſie wuſten, das er den Polan gancz feindt was. 7) Lindenblatt S. 181. Die Eidesformel bei der Huldigung Regiſtr. p. 4.
Scanseite 23 · Druckseite 10
10 Verhaͤltniſſe zum Koͤnige von Polen. (140 7.) tiger, indem Thomas von Merheim ins Treßleramt und der bisherige Treßler Arnold von Hecke in das Komthuramt zu Engelsburg verſetzt, die Komthurei zu Thorn an Graf Albrecht von Schwarzburg, die zu Danzig an Johann von Schönfeld, die zu Rheden an Johann von der Dolle, die zu Oſterode an Graf Friederich von Zollern, die zu Ragnit an Eberhard von Wallenfels, die Vogtei zu Roggenhauſen an Friederich von Wenden u. ſ. w. übertragen wurden.) Sonſt ſtand auch forthin noch Kuno von Lichtenſtein als Großkomthur, Werner von Tettingen als Oberſt-Spittler und Burchard von Wobecke als Oberſt⸗Trappier dem neuen Meiſter zur Seite. Den König von Polen hatte Ulrich laͤngſt durchſchaut. Jedoch entfehloffen, den Frieden mit ihm ſo lange aufrecht zu erhalten, als es mit des Ordens Ehre und Recht irgend vereinbar ſey, ſandte er, ihm ſeine Erhebung zum Meiſter meldend, eine Botſchaft mit einem Ehrengeſchenke; doch gingen zugleich auch reitende Zeitungsboten nach Polen aus, dort Kundſchaft einzuziehen uͤber die Kriegsbewegungen im Lande. 2) Bald erſchienen als koͤnigliche Geſandten in Preuſſen der Erzbiſchof Nicolaus von Gneſen und der Kaſtellan von Ka⸗ liſch, theils ihm ein freundlich abgefaßtes Gluͤckwunſchſchrei⸗ ben zu uͤberreichen, worin der König um dieſelbe Freund⸗ ſchaft bat, die Konrad von Jungingen ihm und ſeinem Reiche in Liebe und Friede bewieſen, theils um ihm in verſchiede⸗ nen Verhandlungen des Königes Anſichten und Wuͤnſche vor⸗ zulegen.) Allein ſchon dieſe Geſandtſchaft gab neuen An⸗ laß zu mißguͤnſtigen Deutungen, denn da der Hochmeiſter, eben zu einer Reiſe ins Niederland vorbereitet, um dort den 1) Lindenblatt a. a. O. Aemterbuch. Lucas David B. VIII. S. 115 — 116; alles, was der Chroniſt S. 119 dem Simon Gru⸗ nau über die Gebictiger nachſchreibt, iſt unrichtig. 2) Treßler⸗Buch p. 223. Der HM. uͤberſendet dem Könige unter andern auch 4 Störe fuͤr 13 Mark. 3) Schr. des Königes an den HM, d. Laueieie wigilia visitat. Ma- rie 1407 Schbl. XX. 62.
Scanseite 24 · Druckseite 11
Verhaͤltniſſe zum Könige von Polen. (1 107.) 11 neuen Ordensmarſchall in das von ihm bisher gefuͤhrte Amt einzuweiſen, der Geſandten Ankunft in Marienburg nicht mehr erwarten konnte, ſie alſo erſt bei ſeiner Ruͤckkehr em⸗ pfing und die Unterhandlungen begann, ſo deutete ſolches der mißtrauiſche Koͤnig als eine Verachtung ſeiner Perſon, ſand in dem verzögerten Gehöͤre feiner Geſandten argliſtige Abſich⸗ ten, da der Meiſter die ferne Reiſe nur darum unternom⸗ men gehabt, um zu gewiſſen Zwecken die Verhandlungen hinzuziehen und klagte daruͤber aufs bitterſte beim Großfuͤr⸗ ſten Witowd. Der Meiſter rechtfertigte ſich zwar leicht durch die obwaltenden Verhaͤltniſſe; ) aber man erkannte daraus aufs neue, daß es faſt unmöglich ſey, mit dem Könige in ungetruͤbtem Frieden zu leben, da er bald in allen Schrit⸗ ten des Meiſters nur verſteckte Argliſt, boshafte Abſichten und feindſelige Plane zu entdecken glaubte. Um ſo mehr fand jetzt der Meiſter nothwendig, einer Seits ſich gegen Witowd und die Samaiten zu verwahren, die erſt vor kurzem eine Klagſchrift gegen den Orden an die geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten erlaſſen hatten, bitter kla⸗ gend, wie der Orden fie ihrer Freiheiten beraubt, ihren Han- del geftort und fie auf alle Weiſe unterdruͤckt habe; wes⸗ halb jetzt an der ſtaͤrkern Befeſtigung und Vollendung der Burg an der Dobiſſa mit aller Kraft gearbeitet wurde. ) Anderer Seits mußte der Orden beſonders in der Neumark ſich gegen den Koͤnig ſicher ſtellen. Der Beſitz der Burg Drieſen war hier das wichtigſte. Da Ulrich von der Oſt nach Verlauf der wegen ihrer Beſetzung beſtimmten Friſt 1) Schr. des HM. an Witowd, d. Hof Swarnegaſt Freit. vor Nativit. Maria 1407 Regiſtr. p. 155. 2) Die Klagſchrift im Fol. E. p. 118: Gravamina, que contra morem pietatis humane nobis facichant (Tratres ordinis) cum iniuriis non paueis vobis nunc sub tenore huius epistole sub a. d. MCCCCVII ad universos prineipes catholicus tam spirituales quam seeulares per nos misse deerevimus declaranda. 3) Schr. des Ordensmarſchaus Schiebl. XVIII. 4. Verzeichniß der Arbeiter nr. 3.
Scanseite 25 · Druckseite 12
12 Vertrag mit Dänemark wegen Gothland. (1407.) durch die bedenklichen Verhaͤltniſſe in der Neumark in neue Beſorgniß gekommen war, ſo hatte er bereits kurz vor Kon⸗ rads von Jungingen Tod entweder Beſchleunigung des Ver⸗ kaufes oder die Zuruͤckgabe der Burg gefordert. Weil er ſich damals indeß geweigert, das Schloß gegen die Anſpruͤche des Koͤniges zu freien, fo hatte, zumal nach des Meiſters Tod, die Sache ruhen müffen, bis ein neuer Hochmeiſter fie zur Entſcheidung bringen konnte.) Jetzt kam man mit Ulrich von der Oft uͤberein, der Orden wolle die Burg noch ein ganzes Jahr lang halten, wenn jener mittlerweile durch ſechs ritterliche Zeugen Gewißheit gebe, daß er und ſeine Er⸗ ben Drieſen beftändig der Neumark bewahren und nie davon entfremden werde nach Ausweis der zwiſchen ihnen gegen⸗ ſeitig geftellten Briefe. Sey dieſe Gewißheit verbrieft und verſiegelt, ſo verpflichte ſich der Orden zur Einraͤumung der Burg nach Jahresfriſt ohne alle Widerrede.3) Da ſich in ſolcher Weiſe der Orden das Haus Drieſen vorerſt noch ges ſichert hatte und uͤberdieß auch die Verhaͤltniſſe zu den Her⸗ zogen von Stolpe und Stettin, die ſich beide durch manche Schritte dem Orden geneigter gezeigt, jetzt ungleich freund⸗ licher waren,) fo wagte vorerſt der König von Polen noch nicht ſeinem Ziele näher zu treten. Jetzt dachte der Meiſter darauf, die Verhandlungen wegen Gothlands ihrem Schluſſe näher zu bringen. Auf den Antrag Luͤbecks?) war auf den funfzehnten Juni dieſes Jahres ein neuer Berathungstag zu Helſingborg beſtimmt worden. Vier Sendboten aus Preuſſen kamen dort end⸗ lich nach vielen Verhandlungen mit König Erich von Däne: I) Schr. Ulrichs v. der Oft an d. HM. d. Schildberg Freit. vor Palmar. 1407 Schbl. XIV. 21. 2) Schr. des Vogts d. Neumark, d. Calys Mont. vor Georgii (1407) Schbl. XW. 20. N 3) Zerterbrief auf Pergament, d. Schafen Sonnt. vor — — (weggeſchnitten) 1407 Schbl. 46. 11. 4) Schr. des HM. an die Herzoge Regiſtr. p. 156. 159. 5) Schr. des Raths von Lubeck an den Ordensſtatthalter, d. Mont. nach vocem iocundit. 1407 Schiebl. 87. 5.
Scanseite 26 · Druckseite 13
. Vertrag mit Daͤnemark wegen Gothland. (1407.) 13 mark in folgenden Punkten uͤberein: 1. Weil der Koͤnig die Bauwerke des Ordens auf Gothland nicht abbrechen und hinwegfuͤhren, ſondern zu ſeinem Gebrauche behalten moͤchte, ſo ſoll er dem Orden zu Kalmar die Summe von neuntauſend Engliſchen Nobeln entrichten. Sobald dieß ges ſchehen, ſoll der Hochmeiſter dem Koͤnige Gothland, Wisby und die Bauwerke ohne weiteres einraͤumen und hinfort kein Recht mehr darauf haben. 2. Wuͤrde bis dahin ir⸗ gend jemand Gothland uͤberfallen und entfremden wollen, fo ſollen der König mit feinen drei Reichen und der Hoch⸗ meiſter mit dem Orden einander alſo treulich beiſtehen, daß jenem das Land und dieſem die Geldſumme erhalten wer⸗ den. 3. Aller Krieg, alle Irrung und Zwietracht wegen Gothlands ſollen geendet und geſuͤhnt ſeyn und keiner an den andern irgend einen Anſpruch daruͤber mehr geltend machen. 4. Aller Widerwille oder Unmuth des Koͤniges oder irgend eines aus ſeinem Reiche gegen Gothlands und Wisbys Bewohner ſoll gaͤnzlich abgelegt und vergeſſen ſeyn. 5. Der Koͤnig und ſeine Nachkommen ſollen Gothland und Wisby nebſt allen Einwohnern bei allen ihren Rechten und Freiheiten laſſen, die ſie von Alters her gehabt, doch mit ſolchem Beſcheid, daß dieſe dem Könige und feinen Nach⸗ folgern ewig treu bleiben, ihm huldigen und ſchwoͤren und alles was ſich gebührt als ihrem rechten Herrn thun ſollen. Darüber wird der König ihnen und fie dem Könige beſie⸗ gelte Briefe ausſtellen. 6. Auf einem Tage zu Kalmar auf naͤchſte Pfingſten ſoll alles, was zu Nutz und From⸗ men fuͤhren kann, noch weiter berathen werden, damit es dann dort zu foͤrderer Freundſchaft auf beiden Seiten kom⸗ men moͤge.) — Den Sendboten aus Preuſſen ward ſofort vom Könige Erich die Urkunde eingehaͤndigt, durch welche 1) Original⸗Urkunde des Vertrages, d. am Tage Viti u. Modeſti 1407 Schbl. 79. 6; Abſchrift in Hanſcat. Receſſ. V. p. 270. Zuſage der Geſandten aus Preuſſen uͤber die Verhandlungspunkte ebendaf. p. 275 — 279. F
Scanseite 27 · Druckseite 14
14 Vertrag mit Daͤnemark wegen Gothland. (11467.) ihm König Albrecht Gothland abgetreten und auf alle feine Rechte Verzicht geleiſtet, doch mit der Bedingung, daß der Orden dieſe Verzichtleiſtung nur dann behalten ſolle, wenn der König die erwaͤhnte Summe wirklich gezahlt und der Orden ihm das Land abgetreten habe.!“ Darauf ließ auch die Königin Margaretha das von ihren Unterthanen Preuſſi⸗ ſchen Schiffen genommene Gut wieder herausgeben und die Buͤrgermeiſter von Thorn und Danzig nahmen es in Em⸗ pfang. 2 Kaum aber war dieſer Vertrag auf Gothland bekannt, als eine Geſandtſchaft aus Wisby im Namen aller Bewoh⸗ ner beim Hochmeiſter erſchien, bittend, er wolle auch ferner Gothland unter des Ordens Herrſchaft behalten. Der Mei⸗ ſter erwiederte: Hätten wir es mit Fug und Ehre vermocht, wir wuͤrden euch mitnichten uͤbergeben haben. Auf allen unſern Tagen haben wir euerer nie vergeſſen, weil ihr ſtets bei uns gethan habt als biderbe Leute. Nun iſt es nicht mehr zuläflig, die Inſel ferner im Beſitz zu halten; aber wir haben ausdruͤcklich ausbedungen, daß auch von euch Sendboten auf dem naͤchſten Tage ſeyen, auf daß ihr ſe⸗ het, daß euch alles Verſprochene erfuͤllt werde, daß ihr bei eueren Rechten und Freiheiten bleibet, wie ihr fie von Als ters her gehabt und daß euch alle Ungnade vergeben ſey. Vertrauend ſchieden die Geſandten von dannen.) So war endlich der langwierige Streit uͤber Gothland beigelegt. Der Orden erhielt im naͤchſten Jahre zu Kalmar die er- waͤhnte Summe wirklich ausgezahlt, trat das Eiland und 1) Urkunde der Bevollmächtigten aus Preuſſen, d. Helſingborg, Sonnab. nach Viti und Modeſti 1407 in Hanf. Receſſ. V. p. 279 — 283. 2) Urkunde der beiden Bürgermeijter darüber, d. Helſingborg Sonn⸗ ab. vor Johannis Bapt. 1407 Hanf. Receſſ. V. p. 284. 3) Schr. des HM. an die Stadt Wisby, d. Schaken Mont. vor Maria Magdal. 1407 Regiſtr. p. 154. Das ganze Schreiben ift ein eben ſo ſchoͤner Beweis von dem Vertrauen und der Zuneigung der Gothländer zum Orden, als er des Hochmeiſters Verfahren in Bezie⸗ hung auf fie in ein ſchoͤnes Licht ſtellt.
Scanseite 28 · Druckseite 15
Verhandlungen mit dem Könige von Polen. (1408.) 15 alles Uebrige an den Koͤnig ab, der den Ordensbevollmaͤch⸗ tigten nun auch die Verſicherungsbriefe uͤber die Freiheiten und Gerechtſame der Gothlaͤnder für die Sendboten aus Wisby übergab, und nachdem der Hochmeiſter eine foͤrmli⸗ che Verzichtleiſtung auf Gothland fuͤr ewige Zeit ausgeſtellt und der Koͤnig ſich gleichfalls aller ferneren Forderungen und Anſpruͤche an den Orden begeben, ward alles fuͤr ge⸗ ſuͤhnt und geendigt erklärt. Je gluͤcklicher hier der Meiſter zum Ziele gelangt war, um ſo mehr verſuchte er es noch einmal, ob nicht auch die ſtreitigen Verhaͤltniſſe mit dem Könige von Polen durch ei⸗ ne muͤndliche Verhandlung ausgeglichen werden koͤnnten. Fuͤrſt Witowd vermittelte eine perfonliche Zuſammenkunft mit dem Könige zu Kauen. Um Weihnachten bei außer⸗ ordentlich ſtrenger Kälte trat Ulrich die Reiſe an, begleitet von vielen feiner Gebietiger, Komthure und Landesritter und reichlich mit allem verſorgt, was zum fuͤrſtlichen Hofe gehörte. Zweihundert Roſſe und hundert und funfzig Wa⸗ gen mit Speiſen, Getraͤnk und andern Beduͤrfniſſen folg⸗ ten ihm nach. 9 Am ſechſten Januar 1408 trafen die Fuͤr⸗ ſten in Kauen ein, der Koͤnig ebenfalls mit einem ſehr 1) Urkunde des HM. d. Marienb. am Abend Aller Heilig. 1408, Original Schiebl. 80. 8. Gegenurkunde des Könige Erich, völlig gleich lautend, d. Calmar am T. Coſmä und Damiani 1408 ebendaſ. nr. 7. Schbl. XXXI. 93. Vgl. Lucas David B. VIII. S. 115. Lin den⸗ blatt S. 186 — 187 führt eine Art von Friedensbedingung an, von der die erwähnten Urkunden nichts ſagen, nämlich daß die Königin v. Danemark forthin keine Secräuber hegen ſolle in ihren Landen dem ge⸗ meinen Kaufmanne zum Schaden. Poutan. p. 539. 2) Geleitsbrief des Großfürſten für den HM., d. Auf der Jagd am Fließe Clymkowka am T. Lucid 1407 Schbl. 53. 15, wo es aus⸗ drücklich heißt: der Brief ſey gegeben, „alzo daz euch keyn ſchade noch hindernuſſe ſal entſteen von der Samaiten wegen.“ 3) Verzeichniß des, was der HM. mit auf den Tag zu Kauen führte, Schbl. XX. 59, Als Landesritter, die den HM. begleiteten, find genannt Peter von Baifen, Dieterich von der Delau, Nicolaus von Renis u. a.
Scanseite 29 · Druckseite 16
16 Verhandlungen mit dem Könige von Polen. (1408.) zahlreichen Geleite feiner Reichsgroßen, der Großfürft mit ſeinen Bajoren und der Meiſter von Livland mit vie⸗ len feiner Komthure. So zahlreich die Verſammlung, fo feſtlich und glaͤnzend die Gelage; ſie wechſelten mit ernſten Verhandlungen uͤber Polens und des Ordens Graͤnzen. Den König moͤglichſt zu beguͤtigen, erbot ſich der Hochmeiſter, ihm gerne alles abzutreten, „was ſich nicht durch alte Be⸗ ſetzungen, alte Briefe, alte Zeichen oder alte Umgeſeſſene als des Ordens unbeſtreitbares Beſitzthum erweiſen laſſe.“ D Auf das Einzelne eingehend antwortete der Meiſter auf die Frage: wie er es mit Zantoch zu halten gedenke? „Da uns zur Zeit noch niemand darum angeſucht, ſo wollen wir uns foͤrder auch nicht darein geben und damit verwirren.“ Die wichtige Frage uͤber Drieſen ſetzte den Großfuͤrſten in nicht geringe Verlegenheit, denn ihm, als Vermittler, wur⸗ den die Briefe des Koͤniges und des Ordens zur Entſchei⸗ dung vorgelegt; er erklaͤrte endlich zu des erſtern hoher Zu⸗ friedenheit, daß ihm Polens Rechte an das Haus Drieſen näher duͤnkten, als die des Ordens, wogegen der Hochmei⸗ ſter mit Nachdruck widerſprach.) Alſo wurde noch mans ches hin und her verhandelt; allein es kam in nichts zu einer feſten Ausgleichung. Doch ſchieden die Fuͤrſten freundlich von einander und der Hochmeiſter nahm es hoch auf, daß der König fi) auch gegen den Meiſter von Livland bei deſ⸗ fen Abreiſe beſonders foͤrderlich und gütig bewies.“ Mittlerweile war in Preuſſen alles in Bewegung und Kriegsruͤſtung, denn auf die Nachricht des Komthurs von 1) Schr. der HM. an d. König von Polen Regiſtr. p. 160. 2) Schr. des HM. an Witowd, d. Schlochau Mittw. ad vincula Petri 1408 Regiſtr. p. 169. 3) Schr. des HM. an Witowd, d. Freit. vor Invocavit 1408 Regiſtr. p. 157. 4, Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Marienb. Dienſt. nach Gregorii 1408 Rgſtr. p. 160. Vgl. Lindenblatt S. 184, der ebenfalls ſagt: es ſey auf dem Tage wenig entſchieden worden, aber hin⸗ zufuͤgt: Idoch 1 etliche ſachin, die man vor nicht wuſte ; gewiß in Beziehung auf Witowd. Naßalowicz p. 77.
Scanseite 30 · Druckseite 17
Verhandlungen mit dem Könige von Polen. (1208) 17 Neſſau, daß ein ſtarker Heerhaufe aus Polen eiligft nach Kit thauen gezogen ſey und täglich noch viel Kriegsvolk ihm nach⸗ eile, ließ der Großkomthur, vermuthend, der König bezwecke argliſtig einen Einfall in Preuſſen, alsbald durchs ganze Land das Kriegsgebot ergehen, befahl zu ruͤſten, auf den Kriegsruf bereit zu ſtehen, die Wildniß mit Wartleuten zu beſtellen, die Heerwege zu beſetzen und begab ſich, weil vie⸗ le. Gebietiger mit dem Meiſter in Litthauen abweſend, in Eile ins Niederland, um alles gegen den feindlichen Einfall anzuordnen.!) Taͤuſchte ſich auch der Großkomthur in ſei⸗ ner Beſorgniß, fo zeigte ſich doch, wie wenig man des Ko» niges Worten traute und wie ſehr man noͤthig fand, gegen ihn auf der Hut zu ſeyn. Aber im Könige ſelbſt hatte man ſich keineswegs getaͤuſcht, denn er begann alsbald das alte Spiel mit neuen Klagen, ſich beſchwerend, daß der Hoc) meiſter Fluͤchtlinge aus Dobrin, die wegen Schulden und Ge⸗ ſchoß das Land verlaſſen, in Preuſſen aufnehme. Dieſer erklaͤrte zwar: ſolches ſey von Alters her geſchehen; freien Leuten koͤnne man nie Schutz verſagen; Moͤrder hingegen, Raͤuber und Mordbrenner liefere man ohne weiteres aus, denn fo verfahre man ja auch in Polen ſelbſt. ) Allein der König ſchwieg und ſchritt nun plotzlich näher auf Drie⸗ ſen zu. Durch Witowds Erklaͤrung auf dem Tage zu Kauen noch mehr ermuthigt, hatte er bereits eine Anzahl Dörfer bei Drieſen, angeblich zu Drieſen gehoͤrig, ſeinem dortigen Hauptmanne uͤberweiſen laſſen, verlangend, der Vogt der 1) Bericht des Großkomthurs an d. HM. d. Tolkemit Dienſt. nach Epiphan. 1408 Schbl. XXI. 77. 2) Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Marienb. Dienſt. vor Converſion. Pauli 1408 u. ein anderes gleiches Inhalts an Witowd, d. Elbing Sonnt. Judica 1408 Rgfir. p. 161 — 162. Den letztern bittet der HM., ihn in dieſer Sache beim Könige zu entſchuldigen, denn er habe vom Erzbiſ. ven Gneſen vernommen, daß daſſelbe Ver⸗ fahren auch in Polen Statt finde. Schr. des HM. an den Erzbiſ. v. Gneſen, d. Marienb. Dienſt. nach Lätare 1408, Nofir. p. 101. VII. 2 — au G er 08 * . vu be 8 = 5 Bislietek 14 F
Scanseite 31 · Druckseite 18
18 Verhandlungen mit dem Könige von Polen. (1408.) Neumark ſolle ſich derſelben nicht mehr unterwinden. Der Meiſter erklaͤtte, er habe ihm nur ſolche Dörfer zugeſtan⸗ den, die wirklich zu Polen gehoͤrig, dem Hauſe Drieſen vor⸗ mals zu Lehen gegeben ſeyen, aber mitnichten ſolche, die von Alters her zur Neumark gezaͤhlt ſeyen und daruͤber er⸗ hielt auch der Vogt die noͤthigen Befehle.) Je entſchiede⸗ ner aber jetzt des Koͤniges Schritte, um ſo beſorgter ward Ulrich von der Oſt um Drieſen. Er trat mit der offenen Erklaͤrung hervor: es ſey durch viele Schriften zu erweiſen, daß feine Vorältern ihr Lehen Drieſen von alten Tagen her von den Markgrafen von Brandenburg erhalten; er ſelbſt habe es vom jetzigen Koͤnige von Ungern empfangen; wie alle Getreuen der Neumark, fo habe auch er dem Hoch: meiſter gehuldigt und geſchworen. Klage der Koͤnig von Polen wegen gewiſſer fruͤher von ihm ausgeſtellter Verſchrei⸗ bungen uͤber ihn, ſo moͤge man wiſſen, daß er zu ſolchen nicht maͤchtig geweſen, weil ein Lehenspflichtiger ſeines rech⸗ ten Herrn Lehensrecht nicht entfremden koͤnne; was er da⸗ mals gethan, ſey aus Unwiſſenheit geſchehen, weil er noch zu jung nicht habe einſehen konnen, worauf es ankomme und wohin es fuͤhre; auch ſeyen jene Verſchreibungen ganz ohne Wiſſen und Willen der Seinigen erfolgt und alſo oh⸗ ne Kraft und ungültig. ? Offenbar ſollte dieſe Erklaͤrung, vielleicht vom Hochmeiſter veranlaßt, Witowds Entſchei⸗ dung vollig entkraͤften. Zwar hatte dieſer fie mittlerweile ſelbſt gewiſſermaßen zuruͤckgenommen, indem er erklaͤrte: er habe es als Vermittler gerne zu Friede und Freundſchaft bringen wollen, aber freilich des Ordens Recht nicht richtig 1) Schr. des HM. an d. Erzbiſ. v. Gneſen, d. Marienb. Dienſt. vor Converſ. Pauli 1408, Rgſtr. p. 157. 2) Die Urkunde darüber, d. Soldin Sonnt. nach Purific. Mariä 1408 Schbl. 46. 5. 8; gedruckt in Gereken Cod. dipl. Brandenb. T. V. p. 252. Schr. Ulrichs v. d. Oſt an den König v. Ungern vom naͤml. Datum Rgſtr. p. 1565; er bittet den König, den HM. mit als lem Ernſt anzuhalten, ihn vor ungerechter Gewalt zu ſchuͤtzen und bei der Neumark zu behalten. N 1 ug.
Scanseite 32 · Druckseite 19
x Verhandlungen mit dem Könige von Polen. (1408) 19 faſſen koͤnnen, weil er des Koͤniges Briefe vorher nie gele⸗ ſen noch gehoͤrt. Allein jetzt ſchien es dem Hochmeiſter nothwendig, dem Koͤnige mit dem nachdruͤcklichen Worte entgegenzutreten: nach gemeinem fuͤrſtlichen Rechte Tonne in aller Chriſtenheit kein Unterſaſſe, weder Graf, Ritter oder Knecht wider ſeinen natuͤrlichen Herrn, d. h. die ober⸗ fie Herrſchaft, ſeine Guͤter entfremden oder ſeinen Herrn der Guͤter entſetzen und ſich eigenes Willens in eine ande⸗ re Grafſchaft ſetzen; dieſes gemeine Recht zwinge ihn, auch über Drieſen alſo zu ſprechen.) Das Wort war auch fuͤr Witowd geſprochen, denn der Hochmeiſter hatte wohl ſchon auf dem Tage zu Kauen in deſſen Seele einen tieferen Blick gethan; es war Mißtrauen gegen ihn erwacht und es ward noch vermehrt, als man Kunde erhielt, daß Witowd den Frieden mit den Ruſſen keineswegs mit aufrichtiger Geſinnung gegen den Orden ge⸗ ſchloſſen habe, 2 wozu noch kam, daß er in wiederholten Anfragen vom Hochmeiſter zu erfahren ſuchte, ob man dem Meiſter von Livland zu feinem Kriege mit den Pfkowen nicht auch aus Preuſſen Mannſchaft und Geſchuͤtz ſenden werde, wodurch er offenbar nur ausforſchen wollte, wie weit ſich etwa die Kriegskraͤfte in Preuſſen erſtrecken dürften. d Daß er in einem Kriege zwiſchen dem Koͤnige und dem Orden ſich auf des erſtern Seite ſchlagen werde, war kaum zu be zweifeln, aber eben ſo gewiß, daß das verſteckte Kriegsfeuer bald auflodern muͤſſe, denn jegliche Gelegenheit zu neuen Klagen ſchien dem Könige aͤußerſt erwuͤnſcht. Erhob er doch ſelbſt die Pluͤnderung einiger Doͤrfer eines Polniſchen 1) Schr. des HM. an Witowd, d. Freit. vor Invocavit 1408 Rgſtr. p. 1573 er theilt darin die erwähnten Worte Witowds mit. 2) Darüber hatte der Großkomthur ſchon früher dem Oberſt⸗Spitt⸗ ler die noͤthige Meldung gegeben. 3) Darüber drei Schr. des HM. an Witowd aus d. J. 1408, Rgſtr. p. 157. 162. 165; vgl. Lindenblatt S. 184. Karamſin B. V. S. 153. Kojalowiez p. 76 — 77 ſchreibt die neuen Mißver⸗ haͤltniſſe mit Witowd bloß der dem Orden angeſchuldigten Laͤndergier zu, 7 * Pe
Scanseite 33 · Druckseite 20
20 Anſtalten für Landesſicherheit. (1408.) Lehensmannes, vom Vogte der Neumark an dieſem als Vergeltung geuͤbt, zu einer ſolchen Wichtigkeit, daß der Meiſter Muͤhe hatte, des Koͤniges Zorn durch das Verſpre⸗ chen einer genauen Unterſuchung und der Erſtattung alles Geraubten zu beſchwichtigen. ) So kamen immer neue und immer ſtaͤrker drohende Klagſchreiben und es wuͤrde gewiß, obgleich der Koͤnig fortwaͤhrend nur von Friede und Freundſchaft ſprach, ſchon im Verlaufe dieſes Jahres zum offenen Kampfe gekommen ſeyn, wenn nicht im Oſten Lit⸗ thauens ein Ereigniß erfolgt waͤre, welches fuͤr jetzt noch keine Beihuͤlfe vom Großfuͤrſten Witowd erwarten ließ. Längft namlich hatte Witowd nicht ohne Beſorgniß auf den Fuͤrſten Switrigal hingeſehen, der unzufrieden mit ſei⸗ ner kleinen Herrſchaft in Sewerien und mißtrauiſch gegen des Großfuͤrſten Plane nur eine Gelegenheit zu erwarten ſchien, um gegen ihn in die Waffen zu treten. Als daher Witowd im Sommer dieſes Jahres den Krieg gegen Waſſi⸗ li, Großfuͤrſten von Moskau, ſeinen Schwiegerſohn, wieder aufzunehmen beſchloſſen, hatte er ſich Switrigals durch eine heimliche Liſt bemaͤchtigen wollen. Dieſer indeß hatte unter dem Verſprechen, ihm zur Sicherheit alle ſeine Burgen ein⸗ zuraͤumen, die ihm zugeſandten Bajoren Witowds in die Eiſen ſchlagen laſſen, feine wichtigſten Burgen niedergebrannt und Zuflucht beim Großfürften von Moskau geſucht, wo er prachtvoll aufgenommen und mit bedeutenden Beſitzungen beſchenkt, ſeine Waffen mit denen des Großfuͤrſten zur Ero⸗ berung Litthauens zu vereinigen verſprach. So wurde Wi⸗ towd, theils durch Huͤlfsvoͤlker aus Polen, theils auch durch einen zugeſandten Heerhaufen aus Preuſſen unterſtuͤtzt, mehre Monate in Rußland beſchaͤftigt und entzog ſomit dem Koͤ⸗ nige von Polen die Hoffnung auf feinen Beiſtand. 9 Ueber: 1) Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Ragnit Mont. nach Trinitat. und Königeb, Mont. nach Corpor. Chriſti 1408 Rgſtr. p. 164 — 165. 2) Lindenblatt S. 185. Die Beihüͤlfe aus Preuſſen durfte der HM, dem Großfuͤrſten jetzt wohl ſchwerlich verweigern. Der Komthur 7
Scanseite 34 · Druckseite 21
Anſtalten für Landesſicherheit. (1408.) 21 dieß hielt dieſen von weitern Schritten auch das in Polen verbreitete Geruͤcht zuruͤck, daß der Hochmeiſter mit dem Koͤnige von Ungern ein Buͤndniß geſchloſſen und beide in einem Kriege gegen Polen ſich gegenſeitig unterſtuͤtzen wollten.) Der Meifter benutzte die Zeit der Ruhe zu zweckmaͤßi⸗ gen Maaßregeln theils fuͤr die Sicherheit ſeines Landes, fuͤr Ordnung und Geſetzmaͤßigkeit in der Verwaltung, theils auch für das Aufkommen und den Wohlſtand ſeiner Unterthanen durch Handel, Gewerbe und laͤndlichen Betrieb. Er bot zunaͤchſt alles auf, um unter den von Polen aus drohenden Gefahren den Frieden mit den Nachbarfuͤrſten moͤglichſt zu befeſtigen. Auf die Klagen des Herzogs von Stolpe erhiel⸗ ten die Komthure von Schlochau und Tuchel den ſtrengſten Befehl, ſich gegen des Herzogs Land und Leute aller Be— ſchwerungen zu enthalten und das Geraubte zu vergüten. “ Einen Streit des Herzogs mit dem Biſchof von Kamin uͤber Kirchengüter, zu deſſen Entſcheidung der Papſt den Hoc meiſter aufgefordert, ſuchte dieſer, wie er dem Herzoge ſelbſt erklaͤrte, durch freundliche Vermittlung beizulegen, um allen Zorn zu beſchwichtigen.“) Schwieriger war es, den wegen neuer Graͤnzſtreitigkeit und anderer Irrungen gegen den Or⸗ den ſehr erzuͤrnten Herzog von Stettin zu beguͤtigen, denn er hatte ſchon mehre der angeſehenſten Lehensritter der Mark gefangen ſetzen laſſen, entſchloſſen, alles daran zu ſetzen, um feine Anſpruche geltend zu machen.“) Der Meiſter bot von Brandenburg gab dem Ordensmarſchall in einem Schr. d. Meyriſ⸗ ken am S. Jacobstag 1408 Schbl. XVII. 176 wahrſcheinlich die erſte Nachricht von Switrigals Flucht. Auch Witowd ſchrieb dem HM. dar⸗ über; vgl. Kojalowiez p. 75 — 76. Karamſin B. V. ©. 151. 1) Schr. des Komthurs von Brandenburg an den Ordensmar⸗ ſchall a. a. O. 2 Schr. des HM. an den Herzog v. Stolpe, d. Marienb. Don⸗ nerſt. vor Palmar. 1408, Regiſtr. p. 162. 3) Schr. des HM. an den Herzog, d. Kiſchau, Mont. vor Aſcen⸗ ſion. Domini 1408, Rgſtr. p. 163. 4) Das Nähere in einem Schr. des Vogts d. Neumark an den HM. , d. Drieſen Sonnt. vor Miſericord. 1408,
Scanseite 35 · Druckseite 22
22 Anſtalten für Landesſicherheit. (1408.) alle Mittel auf, ihn wieder zu gewinnen, wohl erwägend, wie gefaͤhrlich ihm dieſes Fuͤrſten Feindſchaft unter den ob⸗ waltenden Umſtaͤnden einſt werden koͤnne. “ Man war ferner unablaͤſſig thaͤtig, durch flärkere Be⸗ feſtigung oder neuen Aufbau von Graͤnzburgen die Landes⸗ graͤnzen mehr zu ſichern und beſonders in Samaiten durch neue Burgen des Volkes Gehorſam zu befeſtigen. An der Memel wurde das Haus zu Tilſit aufgerichtet und in Sa: maiten ſelbſt die Friedeburg an der Wilia. Das bereits vollendete Ordenshaus an der Dobiſſa ward auf des dorti⸗ gen Hauskomthurs Vorſchlag reichlicher mit Waffen, Geſchuͤtz und Lebensmitteln verſorgt ) und im Herbſt dieſes Jahres erhielt der Komthur zu Balga Graf Johann von Sayn den Auftrag, auch an der Lyck eine neue Wehrburg zu erbauen, weil es nöthig ſchien, auch dort die Landesgraͤnzen ſtärker zu verwahren. Es geſchah zur naͤmlichen Zeit, daß man die Stadt Memel zu neuer Beſetzung ausgab; mit Unterſtuͤtzung des Ordens und unter wichtigen Freiheiten zu Waſſer und Land uͤbernahm ſie der Danziger Buͤrger Hans Lankow, in⸗ dem der Hochmeiſter verſprach, die Stadt binnen drei Jah⸗ ren mit Mauern, Graben und andern Wehrwerken zu verſehen. 9 1) Schr. des HM. an d. Herzog von Alt- Stettin „ d. Marienb. Mont. nach Palmar. u. Mont. nach Jubilate 1408, Raftr. p. 163 — 164, 2) Lind enblatt S. 186; einige genauere Nachrichten in einem Schr. des Vogts von Samaiten an d. Ordensmarſchall, d. Hof Thobis Sonnab. vor Miſericord. (1408) Schbl. XVI. 71. 3) Schr. des Hauskomthurs auf der Dobiſſa (Johann von By⸗ Hm) an d. Ordensmarſchall, d. Auf der Dobiſſa Sonnab. vor Bar⸗ bara (o. J.). 4) Lindenblatt S. 187. Wahrſcheinlich bezieht ſich dieſes auf eine Verlegung der Stadt, worauf im Erlaͤut. Preuſſ. B. IV. S. 241 hingedeutet wird. Nach dem Treßler⸗Buch p. 144 lieh der HM. dem Danziger Buͤrger Hans Lankow und deſſen Bruder Henning 500 Mark zu ihrem Unternehmen. Wir haben (Schbl. Varia nr. 30) noch einen ziemlich vollſtändigen Bericht uͤber die Verdienſte und Aufopferungen des Hans Lankow (oder Lankau) bei der neuen Beſetzung von Memel. Er war uͤbrigens Kaufmann, der den Tuchhandel trieb.
Scanseite 36 · Druckseite 23
Landesverwaltung. (1408.) 23 Auch auf ſtrenge geſetzliche Ordnung in der Verfaſſung des Ordens richtete der Meiſter ſein Augenmerk. Er berief im October die vornehmſten Gebietiger zu einem Kapitel, um manches, was im Verlaufe der Zeit aus den geſetzlichen Schranken gewichen war, in die alte Ordnung zurüͤckzufuͤh⸗ ren. So wurde beſtimmt, es ſolle forthin kein Gebietiger oder ſonſtiger Beamte des Ordens bei Entlaſſung aus dem Amte Pferde oder anderes Zubehör des Hauſes mit hinweg führen und dieſes entbloͤßen; wer ſolches thue, ſolle als un gehorſam nie wieder ein Amt erhalten. Gleiche Strafe ſolle den Gebietiger treffen, der einen ſolchen Beamten in ein Amt wieder aufnehme. Andere Verordnungen betrafen die geſetzliche Zahl der Pferde für die Gebietiger und Hauskom thure, die Aufſicht uͤber Harniſch und Waffenruͤſtung der Konventsbrüder u. ſ. w.) — Insbeſondere aber beſchaͤfrtig te der Hochmeiſter ſich im Laufe dieſes Jahres mit der in- neren Landesordnung. Schon im Frühling hatten Ritter und Städte des Landes auf Verſammlungstagen zu Marien: burg dem Meiſter verſchiedene Wuͤnſche und Bitten in Be treff einer verbeſſerten Landesordnung vorgelegt, weil theils in der Gerichtspflege, theils im Handel und uͤberhaupt im bürgerlichen Verkehr manche Mißbraͤuche und Maͤngel fuͤhl⸗ bar geworden, die einer Abhuͤlfe und Verbeſſerung bedurf ten. Die Wichtigkeit von Anordnungen, die das Geſammt⸗ wohl des ganzen Landes betrafen, erforderte eine ſorgſame Berathung, bis endlich der Hochmeiſter zu Ende des Jahres den Abgeordneten der Staͤdte zu Marienburg eine Anzahl neuer Landesſatzungen uͤbergab und ihre ſtrengſte Beobach 1) Mehre der hier nur kurz angedeuteten Verordnungen ſind ſchon B. VI. im Abſchnitt über die Verfaſſung des Ordens erwähnt, Eine gleichzeitige Abſchrift dieſer Geſetze Schbl. LXXI. 24, gedruckt bei Baczko B. II. S. 396. Lindenblatt S. 187 erwähnt nur der Abhaltung des Kapitels. 2) Dieſe dem HM. vorgelegten Gebrechen des Landes und die Wuͤn ſche der Ritter und Städte, wie ſie in den Verſammlungen ausgeſpro chen wurden, in den Hanſeat. Receſſ. II. p. 473. 475. V h. 304.
Scanseite 37 · Druckseite 24
24 Landesverwaltung. (1408.) tung gebieten ließ. Es war unter andern verordnet: nie⸗ mand ſolle fortan mehr eigenwillig eine Verſammlung be⸗ rufen oder in das Landding mit Freunden und Fremden ſtaͤrker reiten als zu zehn oder dahin eine Armbruſt mit brin⸗ gen, desgleichen auch zu Tagfahrten binnen Landes; keinen Markttag ſolle man auf den Sonntag legen und keinen Kauf⸗ mann oder Kraͤmer eine Waare auf dem Kirchhofe oder in der Kirche feil halten laſſen. Jeder ſolle ſeine Unterſaſſen zur Beichte und zum Gottesdienſte anhalten und wo man Zauberei oder Unglauben unter ihnen wahrnehme, ſolchen wehren und vertilgen, wie man vermoͤge. Kein Kauf oder Wechſel von Erben oder liegenden Gruͤnden, der des Abends geſchehe, ſolle guͤltig ſeyn, wenn er des Morgens nicht neu beftätigt werde. Andere Anordnungen betrafen die Freiheit des Binnenhandels, freie Fiſcherei, den Lohn der Arbeits⸗ leute bei der Ernte, Schadenerſatz nach richterlichem Erkennt⸗ niſſe bei erlittenen Verluſten, das Verbot des Einſchmelzens der Landesmuͤnze durch die Goldſchmiede, das Zeichnen ihrer verfertigten Waaren mit ihrem eigenen Zeichen.) Die frübes ren Satzungen über Entführung und Verlobung von Jungfrauen und Frauen wurden erneuert. Auf der Städte Bitte, daß ein vom Hochmeiſter verfuͤgtes Verbot der Öetreide - Ausfuhr ſtets allgemein ſeyn und ſich auf Reiche und Arme, Herren und Knechte erſtrecken ſolle, ebenſo wie die Erlaubniß der Aus⸗ fuhr, wurde verordnet, daß vorerſt jedem, wer er auch fey, —— 1) Lindenblatt S. 189 Anmerkung. Gleichzeitige Abſchrift Schbl. LXXII. 17. 2) Die ganze Landesordnung ulrichs v. Jungingen, woraus hier nur einiges ausgezogen iſt, bei Lindenblatt a. a. O., in dem dort erwähnten Marienb. Mfer, und in einer gleichzeitigen Abſchrift Schbl. ILXXII. 47; auch in Hanſeat. Retceſſ. II. p. 484. Dieſe drei letztern Abſchriften ſtimmen in den bei Lindenblatt in den Anmerkungen ans gegebenen Abweichungen vom Texte des Chroniſten mit einander überein; gedruckt (aber nicht wortlich genau) dieſe Landesordnung in Preuff. Samml. B. III. S. 246 ff. Pauli Preuſſ. Staatsgeſch. B. IV. S. 247, De Mull Itistaire de TO. T. IV. p. 269 — 272.
Scanseite 38 · Druckseite 25
Handelsverhaͤltniſſe. (1408.) 25 jede Getreide-Ausfuhr unterſagt ſeyn ſolle.) Allerdings hemmte dieß zwar fuͤr einige Zeit das innere Handelsleben und der Meiſter ließ ſich nur durch die dringendſten Bitten der Hanfeftädte bewegen, die Ausfuhr einiger Getreidegat⸗ tungen nach Hamburg, Luͤbeck, Stralſund und andere Orte wieder frei zu geben; 2 allein die Schickſale und Beduͤrf⸗ niſſe des Landes rechtfertigten nur zu bald ſeine getroffenen Anordnungen, denn ſchon im naͤchſten Jahre nahmen unter den Kriegsſtürmen die Getreidevorraͤthe im Lande fo bedeu⸗ tenb ab und die Theuerung wurde überall fo groß, daß die Preiſe des Roggens und Weizens zu einer außerordentlichen Höhe ſtiegen.) Dagegen war der Hochmeiſter bemüht, den uͤbrigen Binnenhandel und Verkehr in den Staͤdten durch neue Anordnungen mehr zu regeln und zu beleben; zu die⸗ ſem Zwecke entwarf er feſtere Beſtimmungen fuͤr die ſo wich⸗ tige Schiffahrt auf der Weichfel, ) gab ein Geſetz über Gleich⸗ heit der Gewichte, ) nahm auf den Vorſchlag der groͤßern Handelsſtaͤdte Verbeſſerungen der verſchlechterten Muͤnzſorten vor “ und geſtattete manchen Gegenden, die bisher nur ei⸗ nen beſchraͤnkten Abſatz ihrer Produkte hatten finden koͤn⸗ nen, einen freieren Markt.“ In den auswärtigen Handelsverhaͤltniſſen dauerten die I) Hanf. Receſſ. II. p. 476 vol. mit p. 487. 2) Hamburg und Lubeck baten den HM. wiederholt um die Aus⸗ fuhr dieſer oder jener Getreidegattung; Schr. des Raths v. Luͤbeck an d. HM. Schbl. 87. 4. Hanf. Receſſ. V. p. 390. Der Buͤrgermeiſter von Stralſund kam ſelbſt nach Preuſſen, um den HM. um die Ausfuhr des Roggens zu bitten. Hanf. Receſſ. II. p. 497. 3) Lindenblatt S. 192 giebt die Preiſe an. 4) Lindenblatt S. 191. Anmerk. 5) Hanſ. Neceſſ. II. p. 471. 6) Hanf. Neceſſ. II. p. 488, wo es in der Hanſeat. Verhandlung heißt: Is den heren von Thorun bevolen mit deme hern Muͤntzemeiſter czu reden, das her geruhe, die Schillinge und ouch dy cleynen pfennige czu vorleſen, dy czubrochene und dy ſchertechten us den andern, dorane dy lüͤthe großen ſchaden nomen haben und noch nemen. 7) Hanf. Reteſſ. II. p. 475.
Scanseite 39 · Druckseite 26
26 Handelsverhaͤltniſſe. (1408.) Irrungen zwiſchen Thorn und Krakau, über die ſchon fo viel verhandelt war, noch immer fort. Der Hochmeiſter unterließ zwar nichts, um den König zu einer Ausgleichung zu bewegen, erhielt aber nicht einmal eine Antwort.) Dem⸗ naͤchſt ſuchte der Meiſter die noch fortwährenden Handels⸗ ſtreitigkeiten mit England beizulegen, denn die früher er- waͤhnten Verhandlungen zu Dortrecht hatten nicht den er⸗ wuͤnſchten Erfolg gehabt.) Die Schwierigkeiten waren zwar bei der Verwickelung der ſtreitigen Verhaͤltniſſe ſehr bedeu⸗ tend; allein es gluͤckte doch ein Schritt nach dem andern. Koͤnig Heinrich von England nahm des Hochmeiſters drin⸗ genden Wunſch zur Beendigung der Streithändel nicht nur aͤußerſt freundlich auf, ſondern erklärte ihm auch feiner Seits das ſehnlichſte Verlangen, das freundſchaftliche Verhältniß mit dem Orden wiederhergeſtellt zu ſehen, ſobald man ſich nur gegenſeitig über die Summen des Schadenerſatzes ihrer beiderfeitigen Unterthanen verſtaͤndigen und ausgleichen koͤn⸗ ne. ) Und hierzu war zwiſchen den Bevollmaͤchtigten des Koͤniges und des Ordens nach vielen Verhandlungen im Haag ſchon im Auguſt des vorigen Jahres durch das Uebereinkom⸗ men ein wichtiger Schritt geſchehen, daß die fuͤr Preuſſiſche und Livländiſche Kaufleute verlangten Entſchaͤdigungsſummen bedeutend ermäßigt waren 9 und ihre Auszahlung binnen drei Jahren in drei Friſten erfolgen ſollte; denn obgleich bei der Verwickelung der einzelnen Streitpunkte noch manches einer ſpaͤtern Eroͤrterung uͤberlaſſen werden mußte, ſo ver⸗ I) Schr. des Naths v. Thorn an d. HM. d. Dienſt. nach Pal⸗ mar. 1406 Schbl. LII. 82. 2) Hanſ. Receſſ. II. p. 466. . 3) Schr. des Königes Heinrich IV. v. England an d. HM., d. Weſtmünſter 26. März 1408 Schbl. 83. 20 u. XXXII. 723 in Engli⸗ ſcher Sprache bei Hakluyt I. c. p. 176 — 177. 2) Darüber das erwähnte Schr. des Koͤniges. Die geforderten Eutſchädigungsſummen von 25,034 Nobeln für die Kaufleute aus Preuf- ſen und von 24,082 Nobeln für die Livländer waren ermäßigt auf 8957 und auf 22,486 Nobeln.
Scanseite 40 · Druckseite 27
Handelsverhaͤltniſſe. (1408.) 27 ſprach doch der König, das getroffene Uebereinkommen zu genehmigen und die Entſchaͤdigungsſummen zahlen zu laſ⸗ fen, ſobald nur auch die als Schadenerſatz für die Eng⸗ länder geforderte Summe vom Orden entrichtet ſeyn werde. Auf des Koͤniges Wunſch, daß, wie er ſelbſt ſeinen Kauf⸗ leuten jetzt wieder erlaubt habe, Preuſſen in ihren Handels⸗ geſchaͤften zu beſuchen, auch der Hochmeiſter den feinigen die freie Schiffahrt nach England wieder geſtatten moͤge, gab dieſer die Fahrt dahin nicht nur wieder frei,) ſondern es wurde auch Arnold von Daſſel, der ſich bisher ſchon als Geſchaͤftstraͤger des Ordens in England in dieſen Angelegen⸗ heiten große Verdienſte erworben, von neuem dahin geſandt. Die Unterhandlungen fanden zwar noch große Schwierigkei⸗ ten, die bei allem Eifer des Ordens bevollmaͤchtigten und den vielfältigen Bemühungen des Hochmeiſters und des Kö- niges nicht beſeitigt werden konnten; allein man näherte ſich Schritt vor Schritt doch immer mehr, ſo daß endlich im Jahre 1409 ein neuer Handelsvertrag zwiſchen England und Preuſſen zu Stande kam, der die gegenſeitige Handels⸗ freiheit in beiden Ländern unter geſetzlichen Beſtimmungen vorerſt völlig ſicher ſtellte.“) Der Erfolg für Preuſſen war darum um ſo guͤnſtiger, weil die Ernte in England große Beſorgniß erregte, bereits dort druͤckende Theuerung herrſch⸗ te und man dem zunehmenden Getreidemangel nirgends⸗ 1) Hanf. Receſſ. II. p. 474. 2) Die Verhandlungen über dieſe Streitigkeiten ſehr weitlaͤuftig theils in d. Hanf. Reerſſ. I. p. 474 — 478. V. p. 346. 350 ff. wo auch die Berichte der Sendboten des Ordens aus England; Schr. des HM. an den König v. England Rgſtr. p. 167. 171; Schr. des Köni⸗ ges und andere urkundl. Berichte an den HM. Schbl. 83. 10. 13., wovon einige bei Hakluyt p. 178 — 180 in Engliſcher Sprache. Vor⸗ zuͤglich giebt Aufſchluß ein Schr. des HM. an d. König von England Schbl. XXXII. 19. 3) Hakluyt I. o. p. 180. in der Urkunde: A new concord con- clude between King Ilenry tie IV and Ulricus de Jungingen in the yeare 1409, wo beſonders der zweite Artickel die Handelsfreiheit ſi⸗ cher ſtellt.
Scanseite 41 · Druckseite 28
28 Handelsverhaͤltniſſe. (1408.) woher, als aus Preuſſen abhelfen zu Tonnen glaubte.“ Wie ſonach der Handel nach England, ſo viel es die Ver⸗ haͤltniſſe des Landes geſtatteten, ſeitdem an Regſamkeit wie⸗ der zunahm, ſo unterlag um dieſe Zeit auch der Verkehr mit den Skandinaviſchen Reichen keinen beſondern Beſchran⸗ kungen mehr, denn außer einiger Schadenverguͤtung, wel⸗ che die Staͤdte Preuſſens von dorther noch zu fordern hat⸗ ten, waren alle Streithaͤndel der fruͤhern Zeit ausgeglichen.) — Nicht minder große Schwierigkeiten, als in England, ſtellten ſich auch im Handelsſtreite mit dem Herzoge von Holland entgegen, denn obgleich ſchon im Frühling des vo⸗ rigen Jahres wieder Unterhandlungen wegen der auch hier auszugleichenden Schadenverguͤtungen begonnen hatten, ſo war ſeitdem doch nichts weiter geſchehen, als daß der Her⸗ zog immer ohne Erfolg neue Unterhandlungstage anberaum⸗ te, bald vorgebend, daß die Forderungen der Preuſſen nicht mit gehoͤriger Beſcheidenheit angebracht, bald daß ſie viel zu hoch geſtellt ſeyen, oder auch daß ihn ſeine Kriege hin⸗ derten, in die Sache ſelbſtthaͤtig mit einzugreifen.) Erſt als der Hochmeiſter alle fernern koſtſpieligen Unterhandlun⸗ gen gaͤnzlich abbrechen wollte, ſofern nicht im Sommer dieſes Jahres eine Ausgleichung erfolge, erflärend, daß er, um Friede und Freundſchaft beider Lande zu befeſtigen, ſei⸗ ne Unterthanen zu einer billigen Forderung beſtimmen wer⸗ de, ſcheint im Verlaufe dieſer Zeit eine Einigung bewirkt zu feyn. ® Je mehr aber in folcher Weiſe der Handel Preuſſens zur See wieder freie Bahn gewann, um ſo bereitwilliger 1) Schr. Arnolds von Daſſel an den HM. aus London in Han. Receſſ. V. p. 351. - 2) Hanf. Receſſ. II. p. 476, 480. 3) Schr. des HM. an den Herzog und das des Herzogs an den HM. Rgſtr. p. 151. 156. 163. Hanf. Receſſ. V. p. 300 — 301. 4) Schr. des HM. an den Herzog, d. Marienb. Palmabend 1408 Hanf. Receſſ. V. p. 302. ueber den Schluß der Streitſache fehlen die Verhandlungen in den Receſſen.
Scanseite 42 · Druckseite 29
Gewerbsthaͤtigkeit. (1408.) 29 zeigten ſich auch die Städte des Landes, die Schaaren von Vitalienbruͤdern mit austilgen zu helfen, die ſich beſonders im Jahre 1407 waͤhrend des Krieges der Holländer und Fries fen unter der letztern Schutz an den Oſtfrieſiſchen Kuͤſten geſammelt und von dortaus den Seefahrer weit und breit beunruhigten. Die Hamburger uͤbernahmen es, zur Be⸗ kaͤmpfung des Raubgeſindels von neuem eine Flotte zu ruͤ⸗ ſten und erhielten auf ihre Bitte auch von den Staͤdten Preuſſens bereitwillige Unterſtuͤtzung, zumal da von den See⸗ raͤubern bereits auch Preuſſiſche Schiffe aufgefangen und ge⸗ pluͤndert worden waren. Es gelang, den größten Theil des Raubvolkes auf ein feſtes Schloß an der Ems zu ver⸗ treiben, wo es belagert und mit Sturm ſo bedraͤngt wur⸗ de, daß ein Haufe zur Nachtzeit entfloh, die uͤbrigen aber mit dem Hauptmanne gefangen und hingerichtet wurden. ) Die Städte Preuſſens ſteuerten zu den Ruͤſtungskoſten der Hamburger zwölfpundert Mark zu, ſich erbietend, auch die Livlaͤndiſchen zu einer Beihuͤlfe aufzufordern. Ueberdieß hatten jene auch zur Ausruͤſtung einer Anzahl von Wehrſchiffen, welche die Hanſeſtaͤdte in die See legten, eine nicht unbe⸗ deutende Mithuͤlfe geleiſtet, wobei es zwiſchen ihnen und dem Hochmeiſter uͤber die Erhebung des Pfundgeldes ſelbſt zu einigen Mißhelligkeiten gekommen war. Auch in der Forderung des Ackerbaues und aller länd⸗ lichen Betriebſamkeit folgte Ulrich von Jungingen ſeines Vorgaͤngers Beiſpiel. Häufig bereiſte er das Land, um ſei⸗ 1) Sehr ſpecielle Berichte darüber in den Mittheilungen der Ham⸗ burger an die Preuſſ. Städte aus den J. 1407 u. 1408 in Hanf. Re⸗ ceſſ. V. p. 255. 320 — 321. 326. 337 — 339, woraus ſich vieles ergänzen läßt, was Jaeger de Hamburg. infestissimos olim commer- eiis etc. p. 35 — 36 nur kurz über die Sache ſagt. Es iſt nach jenen Quellen unrichtig, daß Luͤbeck die Hamburger bei der unternehmung un⸗ terſtützt habe, denn dieſe klagen ausdruͤcklich, daß fie nur von Campen und Amſterdam, aber weder von Luͤbeck noch den Oſterſchen Städten Beihuͤlfe erhalten haͤtten. Vgl. Wiarda B. I. S. 374. 2) Schr. der Hamburger an d. Preuſſ. Städte in Hanf. Reeeſſ. V. p. 342.
Scanseite 43 · Druckseite 30
30 Gewerbsthaͤtigkeit. (1408.) ner Unterthanen Beduͤrfniſſe kennen zu lernen, und wie er den Städten in dringenden Berhältniffen bald durch Geld⸗ geſchenke, bald wenigſtens durch unentgeldliche Vorſchuͤſſe zu helfen ſtets bereit war, 9 fo unterſtuͤtzte er häufig auch den Landmann durch anſehnliche Darlehen, beſonders als im Jahre 1408 der harte Winter, dann große Ueberſchwem⸗ mungen und Durchbruͤche des Weichſel⸗Stromes, 9 theils andere unguͤnſtige Witterungsverhaͤltniſſe überall eine ſehr mit⸗ telmaͤßige und hie und da eine gaͤnzliche Mißernte zur Folge gehabt. Zwei Jahre hindurch waren es ſehr bedeutende Summen, die er in Preuſſen, Pommern und in der Mark zur Aufhuͤlfe des Ackerbaues ſpendete und wo es zweckmaͤ⸗ ßig, erleichterte er auch durch Getreidevorſchuͤſſe oder Nach⸗ laß der Abgaben manche Laſt des Landmannes. Ueber⸗ haupt bewies Ulrich ſeit dem Antritte ſeines Meiſteramtes durch wiederholte Landesſpenden, wobei Arme, huͤlfsbeduͤrf⸗ tige Edle oder Bauern, Wittwen, arme Schuͤler, Kirchen, Prieſter, Klöfter und fromme Stiftungen verhältnigmäßig bedacht wurden, daß es eine ſeiner ſuͤßeſten Pflichten war, Wohlthaten zu ſpenden und die druͤckende Noth zu lindern. 3 Keiner feiner Vorgänger hat ihn darin übertroffen. Selbſt die Mitglieder der Eidechſen⸗Geſellſchaft, die er als geſchloſ⸗ ſenen Ritterbund anerkannte und der er die Stiftung einer Vicarie in der S. Jacobskirche zu Thorn erlaubte, indem 1) Zahlreiche Beiſpiele im Treßler⸗Buche u. in Hanſ. Receſſ. II. p. 473. 481. 482. 2) Lindenblatt S. 184 erwähnt im Frühling 1408 eines dop⸗ pelten Durchbruches der Weichſel bei Graudenz und ihrem Ausfluſſe. Das Treßler⸗Buch p. 244 führt dieſen ebenfalls an und ſagt, der HM. habe 400 Mark „dem Nergiſchen Werder“ geliehen auf die Arbeit, als die Weichſel ausgebrochen war u. 200 Mark dem Montauiſchen Werder. 3) ueber Ulrichs Wohlthaͤtigkeit im Treßler⸗ Buche Beiſpiele zu Hunderten. Eine ſolche allgemeine Landſpende im J. 1407 betrug nach dem Treßler⸗Buche p. 226 über 3000 Mark; überdieß noch zahlreiche Unterftügungen und Vorſchuͤſſe an einzelne Gutsbeſitzer, Landesritter u. a., ebendaſ. p. 231. 235. 242. 244. Die im J. 1408 ausgeliehenen Hülfsgelder betrugen 4094 Mark.
Scanseite 44 · Druckseite 31
Gewerbsthaͤtigkeit. (1408) 31 er fie als einen die Sicherheit und Ruhe des Landes für dernden ritterlichen Verein betrachtete, ) erfreuten ſich öfter ſeiner freigebigen Gewogenheit, da er ihnen, was ſie freilich ſpaͤterhin dem Orden mit Undank belohnten, mehrmals nicht unbedeutende Unterſtuͤtzungsſummen zuwenden ließ. ) Und wie in ſolcher Weiſe der Ackerbau, die Landwirthſchaft und überhaupt alle Zweige der Landeskultur auch unter dieſem Hochmeiſter noch immer mehr gehoben und vollkommener ausgebildet wurden, ſo erhielt ſich auch, wie unter Konrad von Jungingen, das ruͤhrige und rege Leben in den geſamm⸗ ten ſtaͤdtiſchen und laͤndlichen Gewerben. Der noch fort⸗ dauernde Burgenbau beſonders an der Memel ſetzte beſtaͤn⸗ dig unter den gewerbtreibenden Bewohnern des Landes und in allen Handwerken eine außerordentliche Geldmaſſe in Um⸗ lauf.“) Dem Handwerker fehlte es nie an Arbeit und dieſe fand aus dem Ordensſchatze ſtets regelmäßigen Lohn. 9 Während der Kaufmann der groͤßern Handelsſtaͤdte fein Augenmerk auf den Betrieb nach dem Auslande richtete, der Landmann den Ertrag feiner Felder den Handelsſtaͤdten 1) Vgl. meine Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſch. S. 18 — 24. Es iſt eine ungegruündete Vermuthung bei Kotzebue B. III. S. 83, daß der HM. ein Verbot gegen den Eidechſen⸗Bund habe ergehen laſſen. D Treßler-Buch p. 244; vgl. meine Geſchichte Marienburgs ©. 255. 3) Es muß hier wiederholt werden, daß jedes Blatt des Treßler⸗ Buches die ſo oft ausgeſprochene Behauptung widerlegt, als ſey alles, was der Orden fuͤr die Burgen des Landes that, nur unter dem Schweiß und Blut von Schaarwerksbauern und Zwangsarbeitern geſchehen. In den Zeiten Konrads und Ulrichs v. Jungingen finden ſich von Jahr zu Jahr im Treßler⸗ Buche außerordentliche Summen aufgezeichnet, welche man fuͤr Arbeiten aller Art an den Landesburgen den verſchiedenen Ar⸗ beitsleuten aus dem Ordensſchatze auszahlen ließ. Wir ſehen z. B. aus dem Treßler⸗Buche p. 240, daß der HM. mit dem Maurermeiſter ci⸗ nen förmlichen Contract über die Aufführung des Mauerwerks in Rag⸗ nit abſchließt. 4) Die Aufzeichnung und Berechnung dieſer Zahlungen an die Hand⸗ werker war mit ein Hauptgeſchäft des Treßlers; daher iſt fein Rech⸗ nungsbuch voll von ſolchen Angaben.
Scanseite 45 · Druckseite 32
32 Gewerbsthaͤtigkeit. (1408.) zuführte und der Handwerker oft Monate lang an der Burg⸗ arbeit beſchaͤftigt war, wurden auch andere an beſtimmte Orte gebundene Gewerbe, wie das Salzwerk in Ponnau, die Stuͤckgießerei und die Pulverfabrick in Marienburg, die Tuchmanufacturen in Kulm und Preuſſiſch⸗ Holland mit dem regſten Eifer betrieben. Bei dem allen aber hatte der Hochmeiſter gewiß ſchon die Zukunft im Auge. Nicht ohne Abſicht waren gerade die bedeutendſten Ritter in den Gebieten von Kulm, Thorn, Strasburg, Oſterode und den andern Nachbargegenden von Polen, darunter beſonders die Ritter des Eidechſen⸗Bundes im Kulmerlande am meiſten zum Schutze des Landes und zur Kriegsruͤſtung unterſtuͤtzt worden;) nicht ohne Grund erließ er dem angeſehenen Ritter Henning von Wedel eine beträchtliche Schuldſumme, wofuͤr dieſer dem Orden Bei⸗ ſtand und Dienſte in allen erforderlichen Fällen verhieß; ? nicht ohne beſtimmte Abſichten wurde in der Stuͤckgießerei im Haupthauſe mit einer Anſtrengung gearbeitet, wie nie zuvor; nicht nur an Zahl, ſondern auch an Größe wurde ſchweres Geſchuͤtz bereitet, wie es in Preuſſen noch nie, ſelbſt auch in Deutſchland, Polen und Ungern bisher ſelten geſehen war. Gewiß hatte der Meiſter auch ſchon ein beſtimmtes Ziel vor Augen, als er im Verlaufe des Jahres die Ordensburgen in den Graͤnzgebieten von Polen beſuchte, ihre Befeſtigungswerke beſichtigte, ihre Ruͤſtkammern mu⸗ ſterte, die in Marienburg verfertigten Geſchuͤtze in jene Or⸗ denshäufer vertheilen und durch den Treßler Thomas von Merheim die Burgen an der Graͤnze Polens überhaupt in wehrhaften Stand ſetzen ließ. Ueberall erhielten die Kom⸗ thure Befehl, alles zur Vertheidigung ihrer Haͤuſer mit ernſtem Eifer vorzubereiten. 35 Alles deutete darauf hin, 1) Die nähern Angaben im Treßler⸗Buche im J. 1408. 2) Original ⸗urkunde, d. Marienb. 1408 Schbl. 43. 3) Nach den Angaben im Treßler⸗Buch ; vgl. meine Geſch. Ma: rienb. S. 251 ff.
Scanseite 46 · Druckseite 33
Kauf von Driefen (1408.) 33 daß ſchwere und blutige Tage für das Land zu befürchten ſeyen. ) Die Entſcheidung ruͤckte näher. Es war zu Ende des Juli, als der Ritter Ulrich von der Oft perfönlich beim Hochmeiſter wegen Drieſen einen feſten Entſchluß verlangte. Dieſer, jetzt ſelbſt einſehend, daß er nicht länger abzuweiſen ſey, meldete alsbald dem Koͤnige von Polen: des Ritters höchft bedraͤngte Lage und die bedeutenden Koſten, welche der Orden bisher theils auf des Ritters, theils auf des Hauſes Drieſen Unterhaltung verwendet, machten jetzt noth⸗ wendig, dieſem entweder auf das Haus noch eine anſehn⸗ liche Geldſumme zu leihen, oder die Burg zu kaufen, wo nicht, fo müffe der Orden zu großem Schaden kommen. Alſo möge der König es nicht unguͤtig aufneymen, wenn man jetzt einen entſcheidenden Schritt thue. In die Streitſache wegen Zantoch habe er ſich, wie er dem Koͤnige auf dem Tage zu Kauen verſprochen, nicht weiter mengen wollen und deshalb dem Vogt der Neumark auch die noͤthige Wei⸗ ſung ertheilt. Als dieſer indeß den verſammelten Mannen und Städten dieſe Entſcheidung vorgelegt, haͤtten ſie allzu⸗ mal einmuͤthig erklaͤrt: Zantoch habe von jeher zur Neumark gehoͤrt und liege binnen ihren Graͤnzen; darum würden ſie es nie einem andern Herrn uͤbergeben; wolle es jemand ihnen mit Gewalt entreißen, ſie wuͤrden alleſammt Gut und Blut dabei opfern. Bald nach dem habe auf der Jo— hanniter Erſuchen auch der Koͤnig von Ungern an ihn, 1) Die bisherigen Briefe des HM. an den König v. Polen find die beſten Beweiſe zur Widerlegung der Behauptung, daß jener ſo ſehr zu Krieg geneigt geweſen ſey. Er fagt in einem derſelben: Nach ſulcher fruntſchaft, gunſt und liebe, als von gotes gnaden czwiſchen euwer Al⸗ lerdurchlucht. Riche und unſers Ordens Lande ſteet, wellen wir och ob got wil nach frede und großer fruntſchaft alle cziet kegen euch und eu⸗ werm Rice unſer vermogen ſehen und keren. In einem andern: Er habe mit großer Freude vernommen, „das euwer Grosmechtikeit in den ſachen eyns willen mit uns iſt, das ſemliche czweytracht czu ſuͤne und berichtunge wirt gebracht nach gleiche und rechte, des wir ouch euwer hochwirdikeit fleyſlichen danken alle cziet. II. 3
Scanseite 47 · Druckseite 34
34 Kauf von Drieſen. (1408.) den Hochmeiſter, einen Botſchafter geſandt, ihm zu erklären: das Haus Zantoch gehoͤre unbedingt zur Neumark; er muͤſſe dafur ſorgen, daß es zu feiner Zeit nicht davon getrennt werde; geſchehe ſolches, ſo ſey er verbunden, es dem Koͤnige zu vergüten. Demnach möge der König es nicht unguͤnſtig und ungnädig aufnehmen, wenn er jetzt Maaßregeln treffe, um dieſer Weiſung nachzukommen, denn anders koͤnne er nicht handeln.) Am naͤmlichen Tage erließ der Hochmei⸗ ſter auch an den Großfuͤrſten Witowd die Bitte: er wolle ihn beim Koͤnige entſchuldigen, wenn dieſer ſich ungnaͤdig gegen den Orden erklaͤren werde.?) Zwar erfolgte hierauf keine Antwort weder vom Könige noch vom Großfuͤrſten; indeß unterließ der Meiſter doch nicht, durch uͤberſandte Ge⸗ ſchenke beiden Fuͤrſten eines Theils zu erkennen zu geben, daß ihm ihre Geneigtheit und der fernere Friede von Wichtigkeit ſey, andern Theils ſich den Einfluß ihrer Umgebung zu gewinnen. Dem Koͤnige ließ er Falken und Wein, der Koͤnigin einige Faß des trefflichſten Rheinweins, der Ge⸗ mahlin Witowds zuerſt einige Faß guten Rheinfall und bald darauf ein Clavicordium und Portaticum uͤberbringen; den beim Könige viel geltenden Erzbiſchof von Gneſen be— ſchenkte er mit einem ſtattlichen Roſſe und dem Herzoge von Maſovien lieh er bereitwillig abermals eine Summe von viertauſend Mark auf das Laͤndchen Sakrzin; und weil er von allen, mit Ausnahme des Koͤniges, auch freundſchaft⸗ liche Gegengeſchenke erhielt, ſo glaubte er neues Vertrauen faſſen zu dürfen, zumal da ihm um dieſelbe Zeit auch der König von Ungern durch ein freundliches Geſchenk ſeine fernere Huld verſicherte. 1) Schr. des HM. an den König v. Polen, d. Schlochau Mittw. ad vincula Petri 1408 Ngſtr. p. 167. 2) Schr. des HM. an Witowd, ebenda. 3) ueber die gegenſeitigen Geſchenke die nähern Angaben im Treß⸗ ler⸗Buche p. 247 — 251. Zwei Faß Dfoyer- Wein für den König ko⸗ ſteten 48 Mark, zwei Faß Rheinwein für die Königin 31 Mark. Der
Scanseite 48 · Druckseite 35
Kauf von Drieſen. (1108.) 35 Jetzt that der Meiſter den entſcheidenden Schritt. Der Großkomthur, der Oberſt⸗Spittler, der Komthur von Grau⸗ denz, die beiden Komthure von Tuchel und Schlochau, der ehemalige Vogt der Neumark Balduin Stal, jetzt Vogt zu Grebin, der edle Ritter Dieterich von Logendorf und mehre andere vornehme Herren ſchloſſen zu Arnswalde am ſieben⸗ ten Septemb. mit Ulrich von der Oft einen Kaufvertrag, nach welchem dieſer dem Orden die Burg und Stadt Drie⸗ ſen nebſt allem, was an Doͤrfern, Lehenguͤtern und ſonſt dazu gehörte, für ſiebentauſend achthalbhundert Schock Boͤhm. Groſchen uͤberließ, mit dem Verſprechen, etwanige Anſpruͤche, welche jemand an die Güter machen zu koͤnnen glaube, nach Neumaͤrkiſchem Landrechte vertreten und den Orden darin aller Mahnung uͤberheben zu wollen. Deshalb mußten zu⸗ nächft auch Ulrichs Gemahlin und ſein Vetter Hans von der Of für alle ihre Erben auf ihre Rechte ewigen Verzicht leiſten. d Alſo war der Wuͤrfel jetzt geworfen; alles gewann bald eine andere Geſtalt. Der Hochmeiſter, zuerſt noch ungewiß, wie der Koͤnig dieſen Schritt aufnehmen werde, erforſchte in kurzem feine ganze Geſinnung. Da in Litthauen und Sa⸗ maiten wie in Preuſſen wegen Mißrathen der Ernte große Getreidetheuerung herrſchte, 2 ſo ließ der Koͤnig zwanzig Koͤnig v. ungern, dem der HM. ein Gemälde vom Maler Peter in Marienburg verehrt, ſandte als Gegengeſchenk Ungerwein. I) Verkaufs⸗Inſtrument von ulrich v. d. Oſt ausgeſtellt, d. Arns⸗ walde Freit. vor Nativit. Mariä 1408 in mehren Transſumten Schbl. 46. 13. 14. 163 gedruckt bei Lucas David B. VIII. S. 1323 vgl. Baczko B. Il. S. 395. Ein denblatt S. 186 giebt nur die runde Summe von 7000 Schock Groſch. an; allein die Summe von 7750 Schock Böhm. Groſchen finden wir auch in andern Archivsquellen dieſer Zeit, Schbl. XII. 91. Man ſollte daran noch 4000 Schock Groſch. verbauen duͤrfen; vgl. Laneizolle Geſch. der Bildung des Preuff- Staats B. I. S. 290. Heinrich v. Guͤntersberg, wahrſcheinlich bei der Sache thätig mitwirkend, erhielt vom HM. einen koſtbaren Mantel zum Geſchenk, zu welchem das Pelzwerk allein 41 Mark koſtete. 2) Daß der HM. auch im J. 1408 ſehr viel fuͤr Samaiten that, beweiſt das Treßler⸗ Buch. * 3
Scanseite 49 · Druckseite 36
36 Witowds Untreue und Umtriebe. (1408.) Laſtſchiffe mit Kujaviſchem Korne beladen, um es durchs Ordensgebiet jenen Landern zuzuführen. Die Fahrzeuge wa⸗ ren bereits bei Ragnit angelangt, als der Hochmeiſter durch mancherlei Nachrichten aus Litthauen mit Mißtrauen erfullt, ſie anzuhalten befahl, denn es ſoll ihm gemeldet worden ſeyn, ſie ſeyen zugleich mit einer großen Menge Waffen be⸗ laden, um ſie den Samaiten zuzubringen. Wahrſcheinlich aber hatte ihn vorzuͤglich ein Schreiben des Großfuͤrſten, auf den der Koͤnig offenbar von neuem eingewirkt, zu dieſem Verfahren bewogen, ) denn Witowds veränderte Geſinnung gegen den Orden ſprach ſich darin ſchon deutlich aus, daß er die Vermuthung hinwarf, der Hochmeiſter moͤge Switri⸗ gals Verraͤtherei nicht nur gut geheißen und gebilligt, ſon⸗ dern wohl ſogar beguͤnſtigt haben, wozu ihm die Sendung eines Kaplans von Switrigal an den Hochmeiſter als ſchick⸗ licher Vorwand diente.“ Dieſer rechtfertigte ſich zwar beim Großfuͤrſten aufs vollkommenſte, ihm meldend, daß er ihm ſchon früher feine hoͤchſte Mißbilligung und ſein ſchmerzliches Bedauern uͤber Switrigals Untreue und ſuͤndhafte That zu 4) Diugoss. L. X. p. 190 — 191 erzählt die Sache ſehr par⸗ teüſch für den König; nach ihm ſoll der HM. beabsichtigt gehabt ha⸗ ben, das in den Ordensſpeichern aufgehaͤufte Getreide um hohen Preis an die Litthauer abzuſetzen. Dieß widerlegt aber Lindenblatt S. 192 durch die Nachricht, daß auch in Preuſſen große Theuerung geweſen ſey und man bie Getreidcausfuhr verboten habe, weil uͤberhaupt wenig Ge⸗ treide vorräthig geweſen ſey. Der Poln. Chroniſt findet jedoch den Streit über dieſe Sache fo wichtig, daß er behauptet: Hacc frumenli iniuriosa receptio originem materiamque et causam praestitit bello in- tor Regnum Poloniae et Ducatum Litthuaniae ab una et Cruciferorum Ordinem partibus ab altera in annis subsequentibus agitato. Kojalo- wiez p. 78. Anders die Ordensquellen, die uns berichten, daß der HM. die Schiffsladungen deshalb aufhalten ließ, weil ihm die feindli⸗ chen Plane Witowds ſchon bekannt waren; ſ. einen Bericht im Fol. D. p. 208. Vgl. Gadebuſch Livland. Jahrb. B. 1. S. 19. 2) Wir kennen Witowds Brief nur nach dem nachfolgenden Ant⸗ wortſchreiben des HM. Merkwürdig iſt Witowds Vorgeben, als kenne er des HM. frühere mißbilligende Acußerungen über Switrigal gar nicht und als habe er des HM. Brief daruͤber nie erhalten.
Scanseite 50 · Druckseite 37
Witowds Untreue und Umtriebe. (1208.) 37 erkennen gegeben, die Verraͤtherei an ihm als einen Verrath an der Chriſtenheit betrachte und ihm auch bereits berichtet habe, was der Kaplan von Seiten Switrigals bei ihm an: gebracht.) Allein auf Witowds argwoͤhniſche Seele machte dieſe Vorſtellung keinen Eindruck, weil auch jetzt ſein ge⸗ wiſſenloſer Geiſt denken und handeln mußte, wie der Koͤnig wollte. Vorerſt indeß galt es ihm noch Zeit zu gewinnen, theils um zu ernſtern Schritten die noͤthigen Vorbereitungen zu treffen, theils die Gefahr von Switrigals Seite her wo moͤglich zu beſeitigen. Argliſt und Tuͤcke im Herzen trug er daher noch eine Zeitlang die Miene des Wohlgeſinnten und fandte fogar, um deſto ſicherer zu täufchen, dem Mei’h ſter noch einige unbedeutende Geſchenke zu.) Gegen Ende \ des Jahres 1408 aber zeigten ſich in Samaiten ſchon aller: lei bedenkliche Erſcheinungen. Wie der Ordensvogt meldete, wurde das Land häufig von Ruſſen, Litthauern und Tata— ren weit und breit durchzogen, man wußte nicht, zu wel: chem Zwecke; hie und da kamen aus Witowds Gebiet auch kleine bewaffnete Haufen uͤber die Graͤnze und endlich er- kundete der Vogt, daß der König mit dem Großfuͤrſten am Weihnachtsfeſte zu Naugart eine Zuſammenkunft gehabt habe, wo zwiſchen beiden der Plan berathen worden war, wie man ſich Samaitens wieder bemächtigen könne. ) Jetzt ſah der Hochmeiſter den baldigen Ausbruch eines Kampfes klar vor⸗ aus. Wie er daher bereits Memel beſucht hatte, um dort und bei den Burgen Tilſit und Ragnit die noͤthigen Be⸗ feſtigungen zu beſchleunigen und wie er in Samaiten die Burg an der Dolbiſſa und einige andere ſtaͤrker bewehren und reichlicher mit Beduͤrfniſſen verſorgen ließ, ſo unter⸗ 1) Schr. des HM. an Witowd, d. Marienb. Donnerſt. vor Si⸗ mon und Juda 1408 Ngſtr. p. 170. 2) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Lünenburg Freit. vor Con⸗ cept. Maris 1408 Schbl. XX. 21. Die Geſchenke beſtanden in einem Hut und einem Paar Handſchuhen. 8) Schr. des Vogts v. Samaiten an d. Ordensmarſchall, d. Tho⸗ bys am heil. Chriſttage (1408) Schbl. XVI. 68. Diugoss. L. X. p. IM.
Scanseite 51 · Druckseite 38
38 Witowds Untreue und Umtriebe. (1409.) nahm er am Schluſſe des Jahres auch noch eine Reiſe in die gegen Polen gelegenen Burgen uͤber Oſterode und Bra⸗ thean nach Strasburg, Golub, Schönfee, Thorn, Birgelau, Neſſau, Leipe, Rheden u. a., um auch dort Anſtalten zu beſſerer Vertheidigung zu treffen.) So brach das Jahr 1409 an, eine ernſte, fuͤr den Orden ungluͤcksſchwangere Zeit. Das Mißtrauen zwiſchen Witowd und dem Hochmeiſter wuchs nun faſt mit jedem Tage. Da ſich immer zahlreicher Litthauer theils nach Sa⸗ maiten, theils ſelbſt bis Ragnit ins Land einſchlichen, die unter dem Vorwande, Korn einzukaufen, unter dem Volke allerlei Umtriebe anſtifteten und es gegen den Orden aufzu⸗ reizen ſuchten, fo ließ der Ordensvogt fie haufig aus dem Lande ſchaffen, unterſagte allen Getreideverkauf und nahm mehren die angekauften Vorraͤthe ohne weiteres weg. Wi⸗ towd beſchwerte ſich beim Meiſter, ſchob aber alles bloß auf die Schuld des „unnachbarlichen“ Vogts, immer noch die Miene des Freundes behaltend, weil er ſich gegen Switrigal und die um Moskau hauſenden Tataren immer noch nicht ſicher glaubte.?) Ebenſo der König, denn obgleich feine Raͤthe mit denen des Herzogs von Stolpe bereits eine Zu⸗ ſammenkunft gehalten, dieſer ſich auch wirklich in Unterhand⸗ lungen gegen den Orden eingelaſſen hatte und ſchon Ver⸗ raͤthereien im Schwange waren, log er in feinen Briefen an den Hochmeiſter noch fort und fort Geſinnungen der eif⸗ rigſten Freundſchaft und Geneigtheit.d Durch den Komthur 4) ueber die Reifen des HM. ſ. das Treßler⸗Buch. Schr. des Hauskomthurs von Thobys (Dobiſſa) an d. Ord. Marſchall, d. Thobys Sonnab. vor Barbara (1408). 2) Diugoss. I. c. Kojalowiez p. 78. Schütz p. 10 l. Schr. Wi⸗ towds an d. HM. d. Kyrnow (Kernow), drei Meilen von Wilna Don⸗ nerſt. am Abend Converſ. Pauli 1409 Schbl. XVII. 132. 3) Schr. des Vogts der Neumark an den HM., d. Schievelbrin am Neujahrstage (1409). 4) So heißt es z. B. in einem Dankſchreiben des Königes an den HM. für einige Geierfalken, d. in Saudomiria Fer. IV. post dom. In- vocavit 1409: Eandem vestram sinceritalem sludiosis rogamus aflecti-
Scanseite 52 · Druckseite 39
Witowds Umtriebe. (1409.) 39 von Thorn knuͤpfte er mit dem Meiſter neue Verhandlungen an; allein alles war nur auf Täuſchung berechnet. Schon im März kundſchaftete der Komthur von Thorn aus: in Polen ſey Ruͤſtung im Werke und Befehl ertheilt, daß alles aufs nächfte Kriegsgebot ſich bereit halten ſolle; der König habe feinen Hauptleuten geboten, ſich mit dem nöthigen Kriegsbedarf zu verſehen, um die Ordensburg Neſſau zu erftürmen und bis auf den Grund niederzubrechen; alles ziele auf einen ploͤtzlichen Ueberfall des Ordens hin. 9 Mittlerweile erlitt das Land einen ſchmerzlichen Verluſt. Der Biſchof Johannes von Pomeſanien, ein hoͤchſt achtungs⸗ werther Praͤlat, der ſeinem Amte drei und dreißig Jahre auf die ruͤhmlichſte Weiſe vorgeſtanden und manches Heil⸗ ſame in feiner Didcefe angeordnet, ſtarb am ſiebenten März dieſes Jahres.“) Der Hochmeiſter verlor an ihm einen ſei⸗ ner erfahrenſten Rathgeber. Die neue Wahl des Kapitels fiel zwar auf einen eben ſo wuͤrdigen Mann, den Lehrer im geiſtlichen Rechte und einſtigen Dompropſt Johannes Rymann, ſchon von Konrad von Wallenrod als Rath an den hochmei⸗ ſterlichen Hof gerufen und auch unter Konrad von Jungingen als „des Hochmeiſters Juriſt“ in viele Geſchaͤfte der Ver: waltung mit eingreifend, alſo einen Mann von ebenſo reicher Erfahrung als großer Gewandtheit im Geſchaͤftsleben;“ al⸗ lein der damalige Zwiſt in der Kirche, da im Concilium zu Piſa Gregor der Zwoͤlfte feines Amtes entſetzt und Alexan⸗ bus, quatenus nos audacter et sine alieuius ruboris serupulo pro hüs nobis placitis rebus, quas Regni nostri et Terrarum Litihwanie et Russie amplectitur amplitudo et. in eisdem reperiri poterint, velitis requirere, ut effective ipsas acquirentes vobis amicissime dirigamus. 1) Schr. des Naths v. Thorn an den HM. d. am T. Marci Evang. 1409. 2) Schr. des Komthurs v. Thorn an d. HM. d. Donnerſt. vor Oculi 1409. 3) Die früheren Irrthümer über dieſen Mann (ſ. Hartknoch Kirchengeſch. S. 168) hat theils ſchon Arnold Pr. Kirchengeſchichte ©. 166, theils die Einleitung zu Lind enblatt berichtigt. 4) S. oben B. V. S. 679 und Treßler⸗Buch.
Scanseite 53 · Druckseite 40
40 Witowds Umtriebe. (1409.) der der Fuͤnfte an feiner Stelle erwaͤhlt wurde, behinderte nicht nur feine Beſtaͤtigung vom Papſte, ſondern der Erz⸗ biſchof von Riga brachte es unterdeſſen auch dahin, daß der Röm. König Ruprecht das Biſthum Pomeſanien noch vom Papſte Gregor (deſſen Gegner er nicht anerkannte) einem Herrn von Schaumburg, D Schweſterſohn des Erzbiſchofs von Riga, verleihen ließ. Man widerſetzte ſich jedoch von Preuſ⸗ ſen aus mit allem Nachdruck; beſonders war der Hochmeiſter um die Beſtaͤtigung des um den Orden fo vielverdienten Neuerwaͤhlten aufs eifrigſte bemuͤht, bis ſie endlich vom Papſte Alexander, jedoch erſt im naͤchſten Jahre wirklich erfolgte, I Witowd und der König waren mittlerweile in ihren Planen ſchlau und argliſtig vorgeſchritten. Waͤhrend der Hochmeiſter in Memel den bereits begonnenen Aufbau der Stadt mit Nachdruck zu beſchleunigen ſuchte, kamen ihm neue Berichte aus Samaiten, daß ſich das Volk in großen Haufen zu einem Auszuge mit Speer und Schild ruͤſte, von zwei koͤniglichen Baioren geleitet die Wege verhaue und ver⸗ grabe, daß Witowd taͤglich durch feile Menſchen die Samai⸗ ten zum Aufruhr gegen den Orden anhetze und von ihm, ſo ſehr er ſich auch beim Hochmeiſter zu beſchoͤnigen ſuche, doch allgemein die Rede gehe, er wolle Ragnit plotzlich mit einer Heerſchaar überfallen. d Wirklich ſtuͤrmte in denſelben Tagen auch ein Haufe von Samaiten bis gegen Memel vor, raubte dem Komthur eine Anzahl Pferde und erſchlug auf dem Litthauiſchen Strande mehre feiner Leute.) Da fandte der Meiſter wenige Wochen nach Oſtern den Ordensmar⸗ 1) „Schowinborg“, wie ihn Lindenblatt S. 193 ſchreibt. 2) Lindenblatt S. 193 — 194. 3) eindenblatt S. 194. Verzeichniß der Burgen⸗Arbeiter Schbl. XVIII. 6. De Wall Hist. de PO. T. IV. p. 281. 4) Schr. des Kompans des Vogts v. Samaiten an den Komthur v. Ragnit, d. Donnerſt. Corp. Chriſt. (1409). 5) Schr. des Hauskomth. v. Memel an d. HM., d. Memel in d. Octava Corp. Chr. (1409), Bericht im Fol. E. p. 250. De Walll. e.
Scanseite 54 · Druckseite 41
Witowds Umtriebe. (4409.) 41 ſchall und den Komthur von Brandenburg, den Großfürften uͤber ſein zweideutiges Verhalten naͤher auszuforſchen. Die⸗ ſer indeß nahm die Aeußerung der Gebietiger, als deute bei ihm alles auf einen baldigen Friedensbruch, nicht nur ſchein⸗ bar ſehr befremdend auf und begegnete dem Komthur von Brandenburg, als dieſer ihn an ſeinen dreimaligen Abfall erinnerte und auf die ſchweren Folgen bei einem etwanigen vierten Abfalle hinwies, mit der heftigſten Erbitterung, ſon⸗ dern er ſtellte auch den Hochmeiſter in einem Schreiben we⸗ gen dieſer Sendung foͤrmlich zur Rede.) Die Rolle des Freundes indeß wurde immer noch fortgeſpielt, obgleich er ſich durch keine Vorſtellung des Hochmeiſters uͤber die Be⸗ leidigung beruhigen ließ, die, wie er vorgab, ihm der Kom⸗ thur zugefuͤgt. Jetzt forderte der Hochmeiſter, um eine offene Erklaͤrung zu erhalten, den Großfuͤrſten auf, ihm Rath zu ertheilen, wie dem Aufruhr der Samaiten Einhalt zu thun ſey. Schlau jedoch antwortete dieſer: So lange der Orden ſeinen Rath befolgt, habe er ihm ſolchen gern ertheilt. Da man ſich längft aber ſchon nicht mehr darum bekümmert, fo habe er jetzt auch keinen zu geben. 2) Dabei beſchaͤftigten ihn täglich neue feindliche Umtriebe, indem er ſich bald in Gränzſtreitigkeiten des Herzogs Johannes von Maſovien mit dem Orden ein⸗ miſchte, bald in Samaiten von folchen, denen er nicht traute, heimlich Geiſeln aushob, durch Sperrung der Wege alle Verbindung hemmte und das Volk auf alle Weiſe ver⸗ hetzte. Er ſchien uͤberhaupt nur auf des Koͤniges Wink zu warten, um die Maske abzuwerfen, denn alles war bereits vorbereitet; ſeine Streitmacht ſtand geruͤſtet; der Baior Ram⸗ 1) Schr. Witowds an d. HM., d. am T. Johannis 1409; eine ſehr ſpetielle Auseinanderſetzung der Unterhandlung der beiden Gebietiger in einem Berichte Schbl. XVII. 162. 2) Bericht im Fol. D. p. 267. 3) Schr. Witowds an den HM., d. Mont. Pfingſt. 1409. Wi⸗ towd hatte ſich in dem Streite zu Gunſten des Herzogs erklärt, ſagt jedoch, er habe das gar nicht als ein Recht geſprochen.
Scanseite 55 · Druckseite 42
42 Witowds Umtriebe. (1409.) bold war ſchon zum Hauptmann in Samaiten ernannt und Witowd hatte auch offen erklart: er Fünne nicht länger zus ſehen, daß die Deutſchen wie auf der Seite des Königes von Polen jetzt nach Drieſen, ſo auch auf der ſeinigen im⸗ mer mehr nach Land und Leuten griffen. Dennoch ver⸗ ſprach er in denſelbigen Tagen dem Vogte von Samaiten, er werde den Hauptmann Rambold wegen ſeines Eingriffes in das Land mit Nachdruck beſtrafen. 2 Der Ausbruch würde hier gewiß früher erfolgt ſeyn, wäre der König von Polen nicht vorerſt noch fortwaͤhrend mit Ruͤ⸗ ſtung und andern Vorbereitungen beſchaͤftigt geweſen. Durch die Unterhandlungen des Vogts der Neumark mit dem Kanz⸗ ler des Markgrafen von Maͤhren Johannes Waldau uͤber den Ankauf des für den Beſitzer der Neumark Höchft wichtigen Schloſ⸗ ſes. Oderberg noch mehr gegen den Orden erbittert, hatte er ſchon im Fruͤhling auch im Auslande, am Harz, im Stifte Magdeburg und dortumher Ritter und Kriegsgeſellen anwer⸗ ben laſſen, ferner auch alle Ritter und Knechte nach Polen zurüdberufen, die beim Könige von Ungern dienten, aber wegen des fuͤr drei Jahre noch ruͤckſtaͤndigen Soldes die Rüͤckreiſe nach Polen nicht ſobald antreten konnten.) Es mangelte uͤberdieß dem Könige auch ſehr an den nöthigen Geldmitteln, um die Ruͤſtungen mit dem erwuͤnſchten Nach⸗ drucke beſchleunigen zu Tonnen, weshalb er auch den Hoch⸗ meiſter eine Zeitlang mit Unterhandlungen und Botſchaften hinzuhalten ſuchte und nur über unbedeutendere Dinge gegen den Orden klagte.) Mittlerweile knuͤpfte er noch Verbin⸗ 1) Schr. des Vogts v. Samaiten an d. Ord. Marſchall, d. Tho⸗ bys Sonnt. nach Viti und Modeſti (1409). 2) Schr. Witowds an d. Vogt v. Samaiten, d. Kauen am Pfingſt⸗ tage (1409) Schbl. XVII. 143. 3) Schr. des Vogts der Neumark an d. HM. d. Schievelbein Mittw. nach Miſericord. (1409). 3) Schr. eines gewiſſen Chriſtoph (von Gersdorf) an d. Komthur v. Thorn, d. Ofen Dienft. vor Corp. Chr. (1409). 5) Schr. Witowds an den HM., d. Mont. zu Pfingſt. (1409).
Scanseite 56 · Druckseite 43
Abfall der Samaiten. (1409.) 43 dungen mit den Herzogen von Pommern an, um fie völlig für ſich zu gewinnen, denn ſchon feit einiger Zeit hatte ſich auch deren Verhalten gegen den Orden zweideutig ge⸗ zeigt.) Als endlich in der Mitte des Juni der Koͤnig mit einer ſtarken Heerſchaar nach Großpolen zog, dort die Ordens⸗ graͤnze bedrohend, und Witowd eben vom Herzoge Switri⸗ gal die Hand zur Ausſohnung dargeboten erhalten hatte, war der Feinde Plan zur Reife gelangt. In Samaiten war laͤngſt alles vorbereitet; da brach zuerſt im Gebiete von Roſiena ein allgemeiner Aufſtand aus und vom Großfürften heimlich angeſchuͤrt, ging die Kriegsflamme bald von einer Landſchaft in die andere weiter, denn uͤberall ſchon war das Volk des Großfuͤrſten Beihuͤlfe verſichert und taͤglich noch ward es von ſeinen geheimen Werkzeugen zu weiterer Empörung aufgehetzt. Er ſelbſt hatte ihm verkuͤndigen laſ⸗ fen: ſobald das Getreide gereift, werde er an der Samai⸗ ten Spitze gen Königsberg ziehen und dort die Deutſchen mit Feuer und Schwert ſo weit treiben, daß ſie bis an die See laufen und ſich ſelbſt erſäufen ſollten. ) Sein Hauptmann Rambold ſtand bereits mit zweitauſend Mann an der Samaitiſchen Graͤnze, den Samaiten zu Huͤlfe zu eilen, ſobald ein Ordensheer in das Land einbrechen oder der König den Kampf mit dem Orden auf feiner Seite be: ginnen werde, denn immer noch wollte Witowd den Schein fuͤr ſich haben, daß nicht er, ſondern der Orden das erſte Kriegsfeuer nach Samaiten geworfen habe.) Da indeß be reits mehre ſeiner Beamten, von ihm ausgeſandt, das Land in ſeinem Namen in Beſitz nahmen und als Herren nach Willkuͤhr 1) Schr. des Herzogs Swantibor von Stettin an d. HM. d. Ber⸗ lin Freit. nach Bonifcci (1409), woraus man ſieht, wie wenig dem Herzoge daran gelegen war, ſich mit dem Orden vollig auszugleichen. 2) Schr. des Hauskomth. von Ragnit an d. Komthur v. Ragnit, d. am T. Viti und Modeſti (1409). 3) Schr. des Ord. Marſchalls an den HM. d. Königsberg Freit. vor Johann. Bapt. (1409).
Scanseite 57 · Druckseite 44
44 Abfall der Samaiten. (1409.) ſchalteten und walteten, ) da der wilde Aufruhr von Tag zu Tag weiter griff und unter den Samaiten bald ein von Wi⸗ towd ihnen zugeordneter Hauptmann auftrat, der ihrer Waffenmacht Regel und Richtung geben ſollte; da ferner zu gleicher Zeit auch in der Gegend von Angerburg ſich feindliche Kriegshaufen zeigten und Kriegsgeſchrei aus der Umgegend von Naftenburg kam, der Orden alſo in ſeinem Gebiete faſt nach allen Seiten vom Feinde umzingelt zu ſeyn ſchien, 2 fo beſchloß der Hochmeiſter mit den oberſten Gebietigern, ſchleunigſt an den Koͤnig von Polen eine Bot⸗ ſchaft zu ſenden, um eine beſtimmte Erklaͤrung von ihm zu verlangen. Die Komthure von Althaus und Thorn gingen in Eile dahin ab.) Nachdem fie dem Könige unter ſchwe⸗ rer Klage Witowds argliſtiges und treuloſes Verfahren, wo⸗ mit er dem Orden Samaiten entfremdet, auseinander geſetzt und dann erklaͤrt hatten: der Meiſter ſey jetzt gezwungen, das ſchreiende Unrecht mit dem Schwerte zu vergelten und das Land mit Waffengewalt wieder zu gewinnen, legten ſie ihm unumwunden die Frage vor: ob er die Samaiten oder den, auf deſſen Aufhetzung ihr Abfall geſchehen ſey, den Großfürſten in feinem Unternehmen wider den Orden un⸗ terſtuͤtzen werde? Sie verlangten eine gerade Antwort, da⸗ mit der Orden in jedem Falle die noͤthigen Maaßregeln er 1) Schr. des Komthurs v. Ragnit, d. Sonnt. nach Viti u. Mo⸗ deſti (1409). Bericht im Fol. D. p. 268, wo es heißt: Do qwam dem Homeiſter warhaftige czitunge, das ſich herczog Witowd des landis czu Samaiten underwunden hette und dorin ſynen houptmann, ſyne ke⸗ merer und anwalden geſaczt und etliche gyſel von den Baioren und be⸗ ſten des landis genomen obir das land, dy der Homeiſter mit namen dem hern konige von Polan beſchreben ſante. Kojulowiez p. 79. 2) Laufbrief des Komthurs v. Balga, d. Lünenburg Dienft. nach Johannis Bapt. 1409. 3) Schr. des HM. an d. Komthure v. Thorn und Althaus, d. Marienb. Donnerſt. vor Viti und Modeſt. 1409 Schbl. XVII. 138. Es ſcheint auch, daß der Komthur von Schwez, Graf Heinrich v. Plauen zu dieſer Botſchaft beſtimmt geweſen ſey, der HM. ihn aber zu heftig in feinem Character gefunden habe. Vgl. Plug ois. L. X. p. 105. 1
Scanseite 58 · Druckseite 45
Abfall der Samaiten. (1409.) 45 greifen konne. Allein der König ſuchte vor allem noch Zeit zu gewinnen und verſprach, die Wichtigkeit der Sache und eine noͤthige Berathung mit feinen Reichsraͤthen vorſchuͤtzend, nach einem Reichstage im Juli dem Meiſter die verlangte Antwort zu ertheilen. Die Geſandten jedoch, mit dieſer Erklaͤrung unzufrieden, legten dagegen in Anweſenheit des königlichen Gefolges die offene Proteſtation nieder: unter ſolchen Umſtaͤnden werde es keiner der Reichsgroßen dem Orden verargen, wenn er auf Krieg gegen die Krone Polens denke; und ſofort kehrten fie zuruͤck. ) Jetzt ruͤſtete man in Preuſſen mit verdoppelter Macht. Keiner konnte mehr zweifeln, wie des Koͤniges Antwort heißen werde. Den Herzog von Stolpe gewann der Hoch⸗ meiſter durch ein Darlehen von zweitauſend und vierhundert Schock Groſchen zu dem Verſprechen der Beihuͤlfe mit ſeiner ganzen Macht waͤhrend der Dauer eines Krieges mit Po— len. Die Herzoge von Stettin und Wolgaſt hingegen ſuchte ſich der Konig zu dem Plane zu verbinden, mit ihrem Beiſtande ſich Drieſens zu bemächtigen, denn er hatte offen erklärt: lieber wolle er nicht mehr König von Polen heißen, wenn er nicht Drieſen mit feinem Reiche vereinigen konne.) Da der Meifter noch Soldner aus Deutſchland erwartete, die erſt im Juli bei Schlochau anlangten, ® fo war man vorerſt nur darauf beſchränkt, die bereits gerüfteten Heer⸗ 4) Dlugoss. I. e.; ſpricht der Chroniſt auch ſehr parteiiſch gegen den Orden, ſo iſt das Weſentliche ſeiner Darſtellung doch glaubhaft. Wehre Berichte über die erwähnte Geſandtſchaft und ihre Verhandlungen Schbl. XVII. 162; im Fol. D. p. 207. Fol. C. p. 16. Kojalowiex P. 79 — 80 vertheidigt natürlich den König in feinem Benehmen. Gſa⸗ debuſch Livländ. Jahrb. S. 20. 2) Dieſes Buͤndniß, dat. Neu⸗Stettin Dienft. binnen der Octava Aſſumt. Mariä 1409 im großen Copicbuch p. 260 und Fol. C. p. 15. Sell Geſchichte v. Pommern B. II. S. 51. 3) Schr. des Vogts der Neumark an d. HM. d. Schievelbein am S. Veits⸗Abend (1409). 4 Schr. des Vogts der Neumark, d. Schievelbein Dienſt. nach Margaretha (1409). 0
Scanseite 59 · Druckseite 46
46 Kriegsrͤͤſtung gegen Polen und Witowd. (1409.) haufen an die am meiſten bedrohten Graͤnzen zu vertheilen, alfo daß die Komthure der weſtlichen Ordensburgen mit ihren Schaaren ſich an die Graͤnze Polens, der Ordensmar⸗ ſchall und die Gebietiger der Niederlande ſich gegen Maſo⸗ vien hinzogen, weil dort der Pfleger von Johannisburg von einem drohenden Einfall berichtete, D und der Komthur von Ragnit nebſt den andern Komthuren jener Gebiete ihre Streitmacht gegen die Samaiten verſammelten. Da in den dortigen Ordensburgen eine ſtarke Krankheit herrſchte, ſo waren ihre Streitkraͤfte viel zu ſchwach, um in das auf: rührerifche Land einbrechen zu konnen. Der Hochmeiſter ſandte daher zur Verſtaͤrkung feiner Macht eiligſt noch einen Ritter mit der Vollmacht aus, im Herzogthume Stettin, in Meißen, Thuͤringen, Braunſchweig und Luͤneburg wenig⸗ ſtens noch zweihundert Spieſe herbeizuführen und zugleich Fuͤrſten und Ritter vom verrätherifchen Abfalle der Samai⸗ ten und Witowds treuloſem Verfahren zu benachrichtigen.“ Zugleich ließ er jetzt durch den Komthur von Ragnit auch dieſen letztern zu einer beſtimmten Erklaͤrung uͤber ſein Ver⸗ halten und die Ereigniſſe in Samaiten auffordern; allein der Komthur erhielt auf alle ſeine Beſchwerden gar keine Antwort, weil der Großfürft auch jetzt noch feine heimlichen Umtriebe moͤglichſt zu verſtecken ſuchte. “ Die Antwort des Koͤniges, mehrmals vom Hochmeiſter vergebens verlangt, ) ward endlich vom Erzbiſchof von Gne⸗ 1) Schr. des Pflegers v. Johannisburg an d. Komthur v. Balga, d. Donnerſt. vor Margar. 1409 Schbl. XVII. 139. 2) In zwei Schreiben klagt der Vogt von Samaiten auch noch im Auguſt uͤber die beſonders auf dem Hauſe an der Dobiſſa herrſchende Krankheit; alles liege fo darnieder, daß nicht einmal die Wachen beſtellt werden konnten. 3) Vollmacht fuͤr den Ritter Namyr vom J. 1409. 4) Verhandlung im Fol. C. p. 16. Schr. des Hauskomth. von Ragnit an den Ord. Marſchall, d. Freit. vor Margaretha (1409). 5) Bericht im Fol. D. p. 268; Schbl. XVII. 162. Kojalowiez P. 79.
Scanseite 60 · Druckseite 47
Kriegsruͤſtung gegen Polen und Witowd. (1409.) 4 fen an der Spitze einer Geſandtſchaft uͤberbracht.) Sie lautete: Der Großfürft iſt dem Könige blutsverwandt; er hat ſein Land von der Krone Polen nur als Schenkung; darum wird ihn der König nicht verlaſſen und nicht nur in dieſem Kriege, ſondern in jeder Bedraͤngniß mit Macht unterſtuͤtzen; zieht man aber den Weg guͤtlicher Vermittlung vor, fo will der König etwa geſchehenes Unrecht auf billige Weiſe auszugleichen ſuchen. Mitnichten, erwiederte der Meiſter, dann werde ich lieber auf der Stelle in Litthauen ſelbſt einfallen. Des huͤtet euch, entgegnete der Erzbiſchof, denn uͤberzieht ihr Litthauen, ſo ſucht euch der Koͤnig mitt⸗ lerweile in Preuſſen heim. Dank dieſer offenen Erklaͤrung, antwortete der Meiſter, ſo will ich lieber das Haupt, als die Glieder faſſen, lieber ein bewohntes und bebautes, als ein wuͤſtes und ddes Land aufſuchen! 2 Mit dieſen Wor⸗ ten entließ er die Geſandtſchaft. 9 a Jetzt war der Entſchluß gefaßt; dem Könige ſollte das 1) Ein genauer Bericht uͤber die Verhandlungen mit den Geſandten im Fol D. p. 201 — 202. Außer dem Erzbiſchof von Gneſen werden noch der Woiwode von Kaliſch und der Hauptmann von Nakel genannt. Schr. des Königes v. Polen an den Komthur v. Thorn, d. in Laucicia feria VI in erastino b. Arnolphi 1409 Schbl. XX. 51. Kojulowiez p. 80. 2) Fol. D. p. 202. Bericht in Schbl. XVII. 162. Der HM. er⸗ klaͤrte zuletzt: Nun erkennen wir, daß wir dieſen Schaden von des Lan⸗ des Samaiten wegen haben vom Könige von Polen und feinen Anträgen und von niemand anders. 3) Diugoss. L. X. p. 196 tabelt den Erzbiſchof, daß er unvor⸗ ſichtig des Königes Plan verrathen habe. Nach einem Berichte im Fol: C. p. 16 erzählt der HM. Michael Kuͤchmeiſter nachmals dem Könige. Do wurdet Ir czu Rathe und ſantet czu dem homeiſter den Erzbiſchof von Gnyſen und mit andern euwern heren und liſt werben an den Mei⸗ ſter were es ſache, das Ir czoget in das land czu Samaythen, fo wel- let ir czihen in das land czu Pruͤſſen. Dlugoss. läßt ungewiß, ob der König dem Erzbiſchof die Erklarung aufgetragen habe; nach der Aus⸗ laſſung des Königes im Fol. C. p. 17 läugnete es dieſer. Aojalowies b. 80 führt ein ſehr heftiges Geſpräch zwiſchen dem HM. und dem Erzbiſchof an.
Scanseite 61 · Druckseite 48
48 Krieg mit Polen. (1409.) Schwert gezeigt werben. Nach allen Orten gingen Befehle aus; vor allem mußte man die Graͤnze gegen Maſovien ſtark beſetzen, denn man erfuhr, daß dort in Witowds Landen ſchon ſechs Wochen lang ein bedeutender Haufe von Tataren liege, v den Befehl erwartend, ins Ordensgebiet einzubrechen, wie denn auch Herzog Johannes von Maſo⸗ vien ſelbſt ſchon bereit ſtand, auf Witowds erſten Wink die Graͤnze zu uͤberſchreiten. Häufig wurden bereits Untere thanen des Ordens von des Herzogs Leuten in der Wild⸗ niß uͤberfallen. 2) Um die Mitte des Auguſt ſtanden des Ordens Heerhaufen überall kampffertig an den Graͤnzen, in der Neumark der dortige Vogt Arnold von Baden mit Heinrich von Guͤntersberg und Henning von Wedel, um dort mit einer Soͤldner Schaar nach Polen einzuſprengen, 3) an der Gränze des Kulmerlandes im Kriegslager bei Stras⸗ burg der Ordensmarſchall mit einer anſehnlichen Streit⸗ ſchaar.) Am ſechſten Auguſt hatte bereits der Hochmeiſter aus Marienburg dem Koͤnige den Fehdebrief zugeſandt, ihm ſeine Gruͤnde zum Kampfe auseinander fegend, ) und am zehnten Tage darauf, nachdem in denſelben Tagen noch ein Bündniß zwiſchen dem Orden, dem lange zweideutig daſtehenden Herzoge Swantibor von Stettin und dem Her⸗ zoge Boguslav von Stolpe zur Huͤlfsleiſtung gegen Polen abgeſchloſſen worden war, 6) und bereits auch der Biſchof Arnold von Kulm die Wehrmannſchaft ſeines Gebietes dem 1) Bericht in Schbl. XVII. 162. Witowd habe vor kurzem ſelbſt von 30,000 Tataren geſprochen. 2) Schr. des Pflegers v. Johannisburg an die Komthure v. Oſte⸗ rode und Balga, d. Donnerſt. vor Margar. 1409. 3) Schr. des Vogts der Neumark an d. HM., d. Schievelbein Dienſt. vor Laurent. (1409). 4) Schr. des Orb. Marſchalls an d. HM. d. Strasburg in vigil. assumt. Mariae (1409). 5) Der Abſagebrief des HM. d. Marienb. Dienſt. vor Laurent. 1409 im Fol. C. p. 150. 6) Der Vertrag, d. Neu⸗ Stettin Dienſt. Octava Aſſumt. Mariä 1409 Schbl. 51. 8 und XV. 90, im groß. Copieb. P. 260.
Scanseite 62 · Druckseite 49
Einfall ins Dobeinerland. (1409) 49 Ordensheere zugefandt hatte, Y brach der Hocmeifter mit dem Ordensmarſchall in die Graͤnzen des Dobrinerlandes ein.) Ihre Waffen fanden wenig Widerſtand. Die Burg Dobrin, vom Ordensmarſchall und dem Komthur von Balga nach kurzer Gegenwehr erftürmt, ward bis auf den Grund niedergebrannt und dann das Land weit und breit verheert. Die Staͤdte Rypin und Lipno ergaben ſich frei⸗ willig, denn der Hauptmann von Dobrin hatte zuvor ſchon ihren wehrhaften Buͤrgern gebieten laſſen, ſich geruͤſtet in die Burg Bebern zu fluͤchten, ſie gegen den Feind verthei⸗ digen zu helfen. ) Hier erwartete man entſchloſſenen Wi⸗ derſtand. Kaum aber hatte der Meiſter, das Heer weſt⸗ waͤrts gegen die Weichſel führend, ſich vor die Burg gewor⸗ fen und eine ſtarke Donnerbuͤchſe mit dem uͤbrigen Belage⸗ rungsgeſchuͤtz gegen die Mauern wirken laſſen, als ſchon am vierten Tage die Beſatzung ſich ergab und das Ordensvolk die Burg beſetzte. Da erſchien im Lager vor Bebern der Erzbiſchof von Gneſen mit mehren Reichsgroßen aus Polen, im Namen ihres Herrn Friede zu vermitteln. Allein der Meiſter entgegnete: jetzt, da der Orden in große Koſten und Schaden gekommen, muß es ihm gelten Lande und Burgen zu gewinnen; wollt ihr ihm aber zu Bebern auch die Burg Slotorie einräumen, ſo wird man das Land ver⸗ laſſen und auf Frieden denken. Ohne Vollmacht zu ſolcher Bewilligung verließ die Geſandtſchaft das Lager wieder. 9 Nachdem darauf der Hochmeiſter, um die Herzoge von Pom⸗ mern noch mehr an ſeine Sache zu feſſeln, ihnen aufs — — ee N) Schr. des HM. an d. Biſchof v. Kulm, d. am T. Laurent. 1409; Mandat des Biſchofs Schbl. LXIV. 33, i 2) Lindenbratt S. 195. Diugoss. p. 197. Auch dem Burg⸗ grafen auf der Slotorie wurde ein Entſagebrief durch einen Thorner Rathsmann zugefertigt; darüber ein Notariatszeugniß Schbl. 63. 1. 3) Lindenblatt a. a. O. Lucas David B. VII. S. 170. 4) Lindenblatt S. 196. Lucas David a. g. O. Diugoss. P. 197. Alte Preuſſ. Chron. S. 43. vn Bericht in Schbl. XVII. 162.
Scanseite 63 · Druckseite 50
50 Einfall ins Dobrinerland. (1409.) feierlichſte zugeſagt, daß er mit dem Könige oder Witowd nie Friede ſchließen werde, ohne zugleich auch ſie in die Suͤhne mit aufzunehmen,“ zog das Heer wieder der Graͤnze Preuſſens zu und lagerte dort ver den Mauern der Sloto⸗ rie. Acht Tage wurde die Burg unabläffig beſchoſſen, dann erſtürmt, bis auf den Grund niedergebrochen und die Be⸗ ſatzung gefangen nach Preuſſen geführt. Aber ein großer Theil war bei der Belagerung und Erſtuͤrmung gefallen, denn uͤberbaupt hatte dieſer Einfall ins feindliche Gebiet, wiewohl keine Schlacht geliefert war, bei der Erbitterung der Ordenskrieger viel Biut gekoſtet.) Nur die Kirchen⸗ guͤter des Biſchofs von Ploczk waren auf ſeine Bitte ver⸗ ſchont geblieben.) Das ganze Land aber behielt vorerſt der Orden im Beſitz. Mittlerweile waren die Heerhaufen des Ordens auch an den andern Graͤnzgebieten fort und fort in Thaͤtigkeit geweſen. Die Komthure von Schlochau und Tuchel hatten acht Tage im Lande Krain geleert und gebrannt, die dem Erzbiſchof von Gneſen gehörigen Burgen Zempelburg und Kamin in Aſche gelegt und das Land bis an die Netze ſchwer verwüftet. Dann ward Bromberg von ihnen gewon⸗ nen, die Burg beſetzt, die Stadt aber niedergebrannt, um eine frühere Unbill der Bromberger zu rähen. D Weiter hin hatte auch der Vogt der Neumark mehre Einfälle ins 1) Der Entwurf zu dieſer Urkunde, d. vor Bebern im Felde am F. Vartholom. 1409 Schbl. XX. 5. 2) Lindenblatt a. a. O. Alte Preuſſ. Ehron. p. 43. Lucas David a. a. O. Diugoss. I. e. Kujalowiez P. S0. Cromer u. a. Die letztern ſchildern die Gräuelthaten allerdings grell genug; ſolche Schilderungen indeß find bei den Polniſchen Ehroniften ſtehende Artikel, die auf die Wahrheit der Einzelnheiten keinen Anſpruch machen Tonnen. Glaubhaft ift jedoch immer, daß viel Blut bei dem Verheerungszuge vergoſſen wurde. 3) Schr. des Biſchoſs an den HM. vom J. 1410. 4) Lindenblatt S. 196 — 1973 der dort gedruckte Brief der Komthure v. Tuchel und Schlochau iſt dat. Braaburg am T. Johannis Enthaupt. 1409 Schbl. LXXXV. 99. Lucas David B. VIII. S. 171.
Scanseite 64 · Druckseite 51
Waffenſtilſtand zwiſchen Polen und dem Orden. (1409.) 31 Polniſche Gebiet gewagt, beſonders bemüht, das umlie⸗ gende Gebiet von Drieſen fo viel möglich zu ſaͤubern. D Die Komthure von Oſterode und Brandenburg, Graf Frie⸗ derich von Zollern und Marquart von Salzbach, hatten im Gebiete des Herzogs Johannes von Maſovien, des Verbuͤn⸗ deten des Koͤniges, unter ſchwerer Verheerung eine reiche Beute von Roſſen und Viehheerden hinweggetrieben; 2) und in allen dieſen Kriegszuͤgen hatte ſich dem Kriegsvolke des Ordens faſt nirgends ein Feind zum offenen Kampfe ge⸗ zeigt, am wenigſten der König, denn niemand wußte, wo er mit ſeiner Streitmacht hingezogen war. Nur einmal hatte ſich des Herzogs Johannes von Maſovien Sohn mit einer Schaar von Litthauern und Ruſſen bei Soldau ins Gebiet des Ordens gewagt, die Stadt aufgebrannt und bis Raſtenburg hinauf vierzehn Dörfer verwuͤſtet, ohne irgend Widerſtand zu finden. 9 Da begannen Unterhandlungen zu einem Waffenſtill⸗ ſtand, eingeleitet vom Erzbiſchof von Gneſen und dem De⸗ chant Bartholomäus von Frauenburg. Der Hochmeiſter auf der Burg Rheden genehmigte die Bedingungen: der alte ewige Friede zwiſchen Polen und dem Orden ſolle aufrecht erhalten und neu beftätigt werden, der König den Ungläu- bigen und Witowd'n, des Ordens Feind, nicht beiſtehen; was der Orden in dieſem Kriege an Land, Staͤdten und Burgen gewonnen, ſolle ihm verbleiben bis zum ſchieds⸗ richterlichen Ausſpruche u. ſ. w. Allein der Koͤnig ſcheint feine Zuſtimmung verweigert zu haben, denn es wurde wes der ſeine vom Erzbiſchof verſprochene Zuſage eingeſandt, noch erſchien dieſer ſelbſt auf dem zu Thorn anberaumten Verhandlungstage. 9 1) Specitller Bericht des Vogts der Neumark an d. HM. d. Mole denberg Mittw. vor Barthol. (1409). 2) Lindenblatt S. 197. 3) Lindenblatt a. a. O. Auch der HM. erwähnt in einer ſpätern Schrift der Verhecrung bei Soldau und Raſtenburg 1409. 2) Ueber dieſe Verhandlungen der Bericht Schbl. XVII. 162. 4 *
Scanseite 65 · Druckseite 52
52 Waffenſtillſtand zwiſchen Polen und dem Orden. (1409.) Witowd aber, mit feiner Streitmacht bei Kauen ge: lagert, hatte längſt erſehnt, daß der Orden feine Waffen zuerſt erheben moͤge; und kaum war dieß geſchehen, als er mit ſeinem Kriegsvolke in Samaiten einbrechend, ſich ſofort mit den vor Friedburg liegenden Samaiten verband und die Beſatzung, durch Mangel an Lebensmitteln ſchon lange ſehr bedraͤngt, zur Uebergabe zwang. Der Vogt von Samaiten, durch die unter der Beſatzung der Burg an der Dobiſſa und in Ragnit herrſchende Krankheit zu ſehr ge⸗ ſchwaͤcht, um der doppelten Macht des Feindes auch nur einigen Widerſtand zu leiſten, ließ die erſtere Burg nie⸗ derbrennen und eilte aus dem Lande. Alſo war Samaiten dem Feinde jetzt ganz Preis gegeben; er fiel nun auch in Nadrauen ein, fuͤhrte unter Verheerung und Blutvergießen große Schaaren von Gefangenen hinweg und ſtuͤrmte dann nordwärts hinauf bis nach Memel, wo eine große Zahl der Bewohner theils erſchlagen, theils gefangen hinwegge⸗ trieben wurden. Die Burg Memel war zum Gluck ſtark genug bewehrt.) Es begannen neue Ruͤſtungen zur Berftärfung der Streitkräfte. Während der Hochmeiſter mit ſeiner Macht das Kulmerland fehüßte, war der Ordensmarſchall mit den Komthuren von Balga und Brandenburg eifrigſt beſchaͤf⸗ tigt, um Eilau und Kreuzburg ein neues Streitheer zu fammeln, um dem Großfuͤrſten bis Kauen entgegen zu ge⸗ hen. Allein die naſſe Witterung und die Krankheit mehrer Komthure legten zu große Hinderniſſe in den Weg.“ Der Marſchall wandte ſich daher in die Gebiete von Hohenſtein, Allenſtein und Gilgenburg, um dort die bedrohten Lande 1) Lindenblatt S. 198. Schr. eines Gebietigers an d. Kom⸗ thur v. Brandenburg, d. Laukisken Mont. nach Barthol. (1409). Cs wird erwähnt, daß in Nadrauen die Burg Tammau vom Feinde ge⸗ nommen worden ſey. Dlugoss. L. X. p. 204 führt Neverken als ver⸗ wuͤſtet an, wahrſcheinlich Norkitten. 2) Schr. des Ord. Marſchalls an d. SM., d. Eilau Sonnt. nach Grucis Exaltat. u. Kreuzburg Sonnt. nach Mathäi 1409.
Scanseite 66 · Druckseite 53
Waffenſtillſtand zwiſchen Polen und dem Orden. (1109.) 53 mit den Komthuren von Elbing und Chriſtburg zu decken. “ Auch der König hatte ſich ins Innere feines Reiches zuruͤck⸗ gezogen, um feine Streitkraft zu vermehren. Den Haupt⸗ leuten an der Graͤnze war befohlen, feindliche Heerhaufen, fie möchten von Nakel her oder vom Hochmeiſter nach Ku— javien herbeiziehen, unter keiner Bedingung eher anzugrei fen, als bis er ſelbſt mit ſtaͤrkerer Macht herzueilen koͤnne. Er kam gegen Ende des Septembers bei Bromberg an, dort ſich lagernd. Alsbald brach der Hochmeiſter mit ſeinem Heere auf, dem Könige zu begegnen.“ Da trafen aber am andern Tage bei ihm zu Mewe Nicolaus Bunzlau, der Kanzler von Breslau und ein Ritter mit der Nachricht ein, daß Herzog Konrad der Aeltere von Oels und deſſen Sohn an der Spitze einer Geſandtſchaft des Boͤhmiſchen Koniges Wenceslaw mit Vollmacht beim Könige von Polen angelangt ſeyen, um Friede zu vermitteln. Da indeß der König, obgleich bis auf weiteres Waffenruhe geboten war, mit ſeinem Heere dennoch uͤber die Bra ſetzte, dort mehre Dörfer des Ordens verheerte und den Komthur von Schwez Über die Graͤnze immer mehr zurückdraͤngte, fo ruͤckte auch der Hochmeiſter von Neuenburg aus dem Koͤnige bis auf zwei Meilen zwiſchen Schwez und Bromberg entgegen. “ Dort auf der Graͤnze, wo die Heere fünf Tage einan⸗ der entgegen ſtanden, begannen die Sendboten neue Unter⸗ handlungen. Sie gediehen zu einem Waffenſtillſtand bis 1) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Gilgenburg Sonnab. nach Dior nyl. 1409 Schbl. XX. II. 2) Schr. des Komthurs v. Schwez, d. Schwez Donnerſt. vor Na⸗ tivitat. Mariä (1409). Der Komthur hatte erfahren, „das der koning am erſten binftag von Erokow mit groſem volke iſt geczogen und das fie das heymclich und ſtille halden fullen, ſam ab fie von Im nicht wuͤſten. 3) Kajaloricæ p. 81 läßt es zum Kampfe kommen und das Or⸗ densheer geſchlagen werden. 4) Bericht Über dieſe Ereigniſſe im Fol. D. p. 202. 5) Lindenblatt S. 198 — 199, damit übereinftimmend ein Bericht im Fol. E. p. 253 u. ein anderer des HM. über dieſe Vor⸗ gange. Auf die Vermittlung des Böhmiſ. Koͤniges mochte wohl der
Scanseite 67 · Druckseite 54
54 Waffenſtillſtand zwiſchen Polen und dem Orden. (1409.) zum ſchiedsrichterlichen Ausſpruche des Koͤniges von Bohnen unter folgenden Beſtimmungen: Es ſoll ein feſter und un⸗ verbruͤchlicher Friede beſtehen bis auf naͤchſten Johannis⸗Tag nach Laut des einſt zwiſchen König Kaſimir und dem Orden geſchloſſenen Friedensvertrages. In allen Klagen uͤber er⸗ littenes Unrecht und in allen Streitpunkten berufen ſich beide Theile auf den Richterſpruch des Boͤhmiſchen Koͤniges und ſeines Rathes oder wen er dazu erwaͤhlen wird, doch alſo daß der Ausſpruch bis auf nächite Faſtnacht geſchehen muß.“ Jeder behaͤlt und benutzt die Staͤdte, Feſten und Lande, die er im Beſitze hat, bis zu dem Ausſpruche. Alle waͤhrend dieſes Krieges von ihrem Beſitzthum vertriebenen oder ent⸗ flohenen Ritter, Knechte, Lehensleute, Bürger oder Bauern ſollen auf ihre Güter zuruͤckkehren und fie benutzen dir: fen unter Erfüllung ihrer Verpflichtungen. Der König ge⸗ lobt beim koͤniglichen Worte, daß er den Samaiten und allen Unchriſten nebſt deren Helfern keinen Rath, Huͤlfe oder Steuer geben und ſich ihrer in keiner Weiſe annehmen, ſie auch in dieſen Frieden nicht mit einſchließen wolle. Der Hochmeiſter und der König verbuͤrgten den Frieden zur Sicherheit jeder durch neun redliche Buͤrgen, beide darin einig, daß wenn einer von ihnen einen Friedenspunkt brechen werde, der König von Böhmen dem andern in feinem Rechte ſo lange beiſtehen ſolle, bis der Friedensbruch wieder aus⸗ geglichen ſey.“ Dieſer Waffenruhe, abgeſchloſſen im Feld⸗ Umſtand Einfluß haben, daß ihm der Orden eine Summe von 60,000 Gulden ſchuldig war; ſie wird „gelobtes Geld“ genannt; der Nachweis hierüber Schbl. VII. 4. Es ſcheint faſt, als habe ſich der König durch dieſe Summe vom Orden gewinnen laſſen. Noch vor der Schlacht bei Tannenberg wurden ihm 30,000 Gulden ausgezahlt. 1) Der Compromiß des Poln. Königes, d. in loco granicierum Regui nostri et Prutenorum feria terlia prosima post fest. Francisci 1409 im groß. Copieb. p. CLXXIX. 2) Das vom Könige ausgeſtellte Original des Waffenſtillſtandes, d. Auf der Gränze zwiſchen Ochwez und Bromberg Dienſt. nach Franciſci 1409 Schbl. 63. 3; gedruckt bei Lucas David B. VIII. S. 175; auch Lindenblatt S. 200 erwähnt mehrer Punkte der Urkunde ſo
Scanseite 68 · Druckseite 55
Waffenſtillſtand zwiſchen Polen und dem Orden. (1409.) 55 lager zwiſchen Schwez und Bromberg am achten October 1409, trat auch Herzog Johannes von Maſovien durch einen beſondern Friedensbrief bei und die beiden Kriegsheere kehrten nun zuruck. Doch ſetzte der Hochmeiſter auf Bitten der Vornehmern des Dobrinerlandes gewiſſe Rechtsbeſtim⸗ mungen nach dem Kulmiſchen Rechte feſt, die einſtweilen ihre inneren Landesangelegenheiten und ihre Berhältniffe zum benachbarten Kulmerlande ordnen follten. 2 Der Großfuͤrſt Witowd war demnach in den Frieden nicht nur nicht mit eingeſchloſſen, ſondern der Koͤnig hatte ihn vorerſt gewiſſermaßen aufgegeben, ohne es dem Orden zu wehren, jetzt ſein Schwert gegen ihn zu wenden.“ Ge⸗ wis hatte ſich nachmals alles anders geſtaltet, wäre der Hochmeiſter nun plotzlich mit feiner ganzen Streitmacht ge⸗ gen jenen aufgebrochen, um ihm vor allem wenigſtens Sa⸗ maiten wieder zu entreißen. Allein er begnuͤgte ſich nur, mil Witowds keineswegs ganz ausgeſoͤhntem Gegner, dem Herzoge Switrigal ein Buͤndniß gegen alle Bewältiger ſei⸗ ner Erblande einzugehen, ihm verſprechend, keinen Frieden oder Vertrag mit irgend jemand abzuſchließen, wenn nicht dem Herzoge wegen feines voͤterlichen Erbbeſitzes Gnuͤge ges leiſtet ſey, vielmehr ihm zu deſſen Wiedergewinn mit aller Macht beizuſtehen. v Zugleich ſicherte ihm der Meiſter freien wörtlich, daß man deutlich ſieht, er Hat die Urkunde ſelbſt vor ſich gehabt. Die einzelnen Artikel auch im Fol. E. p. 254, im Bericht Schbl. XVII. 162 u. im groß. Copieb. p. CLXXVIII. ) S. Anmerk. bei Lin denblatt a. a. O. Der Friedensbrief de) Herzogs, d. Wurschovia tredecimo die mensis Octobr. 1409 Schbl. XIX. I, 2) Abſchrift dieſer Beſtimmungen, d. Bobrowiniky feria secunda prosima ipso die b. apost, Simon. et Judae 1409 Schbl. LU. 25. 3) Der HM. ſagt ſelbſt in einem Schreiben: So das der frede alleyne mit dem konige von Polan und ſyme Reiche offgenommen iſt und nicht mit hertzog Witawth, ſynd her eyn helffer iſt der ungelobigen und ſich unſers landes czu Samayten hat underwunden. 4) Abſchrift dieſes Bündniſſes, d. in eastro nostro Schwelz leria
Scanseite 69 · Druckseite 56
56 Waffenſtillſtand zwiſchen Polen und dem Orden. (1409.) Eintritt in alle Staͤdte und Burgen feines Landes zu, „ denn obgleich ſich Switrigal eine Zeitlang beim Großfuͤrſten aufgehalten hatte, ſo war er von dieſem doch nicht einmal an feinen fuͤrſtlichen Tiſch zugelaſſen und überhaupt fo ge⸗ ringſchaͤtzig behandelt worden, daß er nur eine Gelegenheit erwartete, um wieder nach Preuſſen zu entfliehen.? Der Friede herrſchte jedoch nur unter den Waffen, fonft in keiner Weiſe, denn der Koͤnig trieb ſein altes argliſtiges Spiel noch ferner fort. Schon im September hatte er eine Klagſchrift an Könige und Fuͤrſten ausgehen laſſen, worin er den Orden auf die unredlichſte Art beruͤchtigte und läſter⸗ te, indem er ihm in „erdichteten und luͤgenhaften Artikeln“ Verbrechen vorwarf, wie ſie nur irgend erſonnen werden konnten. 2) Während er dann feine Botſchafter an den Boͤh⸗ miſchen König ſandte, um deſſen Richterſpruch zu verneh⸗ men, hielt er mit Witowd eine Zuſammenkunft, beſprach ſich mit ihm insgeheim uͤber den im nächften Jahre zuver⸗ anſtaltenden Kriegszug gegen den Orden, warb dort bereits Tatariſche Huͤlfsvölker, ließ heimlich Brücken erbauen und alles zum Kriege vorbereiten.“ Der Hochmeiſter von dem allen benachrichtigt, — denn der Nom. König Ruprecht ſelbſt gab ihm Kunde von den argen V proxima post fest. Michaelis 1409 im Fol. C. p. 149. Witowd iſt zwar nicht ausdruͤcklich genannt, aller alles zielt klar auf ihn hin. 1) urkunde d. in castro nostro Swetz quarta die Octobr. 1409 im Fol. C. p. 150. 2) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Eilau Sonnt. nach Exaltat. Grus cis 1409 Schbl. XX. 3. 3) Lindenblatt S. 200. 207; des Königes Klagſchrift gegen den Orden bei Diugoss. L. X. p. 200 sed, aber eine andere ſehr hef⸗ tige an alle geiftl. und weltlichen Füͤrſten gerichtet, d. in Woyboezt nona die Septemb. 1409 im Fol. D. p. 155, worin äußerſt ſtarke Stellen gegen den Orden vorkommen. In einem Bericht im Fol. D. p. 275 ſagt auch der HM., daß der König ſtets nur bemüht ſey, „vor fürften und herren iren böfen liſtigen willen mit ſchönen brifen und bo⸗ ten czu bedecken, mit den fie furſten und herrn vorblenden.“ 4) Dlugoss. p. 207 — 208,
Scanseite 70 · Druckseite 57
Friedensverſuch des Koͤniges von Böhmen. (1409.) 57 Schmaͤhungen, womit ein Polniſcher Ritter, des Königes gedungener Diener, den Orden an allen Fuͤrſtenhoͤfen an⸗ klage, 9 — folgte zwar dem Nathe des Herzogs Konrad von Oels, alles, was der König vornehme, bis zum Aus⸗ ſpruche des Boͤhmiſchen Koͤniges friedlich und ruhig hingehen zu laſſen; ? allein aus Vorſicht gewann er den Herzog Bo: guslav von Stolpe durch neue Verpflichtungen noch mehr für feine Sache“ und ſchloß zu Ende dieſes Jahres auch ein Buͤndniß mit Koͤnig Sigismund von Ungern. Der Oberſt⸗Spittler Werner von Tettingen und Graf Albrecht von Schwarzburg Komthur von Thorn, vom Könige aͤußerſt freundlich aufgenommen und ſelbſt durch eine Einladung als Taufzeugen bei der Taufe feiner Tochter beehrt, kamen mit ihm darin uͤberein: Sofern der Koͤnig von Polen gegen den Orden aus irgend welchen Urſachen Krieg anhebe und dabei die ungläubigen Völker als Litthauer, Tataren, Nuf: ſen oder andere ſchismatiſche und der Roͤmiſchen Kirche nicht unterthane Nationen zu Hülfe rufe und aufnehme, fo wolle der Koͤnig, ſo oft er dazu aufgefordert werde, dem Orden mit aller Macht beiſtehen und ihn auf eigenen Verluſt und Schaden aufs kraͤftigſte unterſtuͤtzen; alle Länder und Güter des Ordens, die ihm der Koͤnig von Polen entriſſen und beſetzt habe, wolle er, ſobald er ſie erobere, dem Orden 1) Schr. des Rom. Königes, d. Heidelberg Sonnt. nach Pauli Bekehr. 1410 Schbl. IV. 135. Der Brief ſpricht für den Orden ſehr guͤnſtig. 2) Daß dieſer in der Sache ſehr thätig war, bezeugt das Schr. des Herz. Johannes v. Maſovien, Schbl. XIX. 116. 3) Schr. des Herzogs Konrad v. Oels, dat. Buckowin Donnerſt. nach Lucid (1409) Schbl. IX. 6. 4) Der Herzog lieh vom Orden eine Summe von 1000 Schock Böhm. Groſch., die er in 10 Jahren wieder abzuzahlen verſprach; Ur⸗ kunde, d. Schlochau am T. Thomä 1409 Schbl. XV. 88 und 95. 17. 5) Einladungsſchreiben des Köͤniges zur Gevatterſchaft, d. Keſſew Mittw. nach S. Catharina 1409. Auch Lindenblatt S. 208 er⸗ wähnt der Sache, ſetzt ſie aber, wie die Geſandtſchaft und den Ab⸗ ſchluß des Bündniſſes unrichtig ins J. 1410.
Scanseite 71 · Druckseite 58
58 Friedensverſuch des Königes von Boͤhmen. (1410.) ohne weiteres zurückgeben. So oft auch ferner je zwiſchen dem Orden und dem Könige oder deſſen Nachfolgern Krieg beginne, wolle er nie mit dieſem Friede halten, ſondern jenem ſtets Beiſtand leiſten. Komme er ſelbſt aber mit dem Polniſchen Könige uͤber Graͤnzen, Land und Leute in Streit und Tonne er von dieſem hierin hinreichende Genugthuung erhalten, ſo ſolle er ſolche annehmen duͤrfen, ohne daß da⸗ durch dieſes Buͤndniß als verletzt betrachtet werden konne.) Da begaben ſich die beiden genannten Gebietiger zu Anfang des Jahres 1410 zum Boͤhmiſchen Könige nach Prag, wo bald auch als des Koͤniges von Polen Geſandte mehre Biſchoͤfe, Pralaten und eine Anzahl Polniſcher Reichs⸗ großen, aber zugleich auch Sendboten des Großfuͤrſten mit Vollmachtsbriefen eintrafen, wiewohl dieſer zu den Verhand⸗ lungen weder aufgefordert, noch uͤberhaupt dabei beruͤckſich⸗ tigt worden war. Es ward auf dem Tage beider Seits viel geklagt und lange verhandelt. Die Wegnahme Drie⸗ ſens, des Meiſters Einmiſchung in die Streitſache uͤber Zan⸗ toch trotz ſeines Verſprechens zu Kauen, Hemmung des Han⸗ dels Polniſcher Kaufleute in und durch Preuſſen, Sperre des Seehandels und Aehnliches waren die wichtigſten Be⸗ ſchwerden der Polniſchen Geſandten. 3) Es ſiel den Gebie⸗ tigern nicht ſchwer, durch Dokumente und Briefe alle Kla⸗ gen zu beſeitigen oder des Hochmeiſters Verfahren durch des Koͤniges ſelbſt verfügte Maaßregeln im Handelsverkehr aufs 1) Darüber zwei vom Könige ausgeſtellte Originale, das eine latein. d. Bude an. 1409 feria VI in vigil. s. Thomae apost. Schbl. LXIII. 2 (bei Kotzebue B. III. S. 362 vgl. Lindenblatt S. 207 — 208), das andere deutſch, d. Ofen im J. 1409 am S. Thomas d. Apoſt. Abend Schbl. 24. I. u. XX. 6. Einiges darüber bei Lin denblatt g. a. O. Was Dlugoss. p. 214 vom Erkaufen dieſes Bundniſſes mit ciner großen Geldſumme von Seiten des Ordens erzählt, iſt wohl nur Dichtung. 2) Lindenblatt S. 209. Diugoss. L. XI. p. Al, 3) Vgl. Baczko B. II. S. 316 — 317; die Klagſchrift im Fol. D. p. 157.
Scanseite 72 · Druckseite 59
Friedensverſuch des Königes von Böhmen. (1409) 59 vollkommenſte zu rechtfertigen.) Die Klagpunkte der Lit⸗ thauiſchen Geſandten theils gleicher Art, theils das Verbot des Kornhandels im Ordensgebiete u. dgl. betreffend, wur⸗ den als zur Berathung ungehoͤrig ohne weiteres zuruͤckge⸗ wieſen und Witowds Sache uͤberhaupt gar nicht weiter zur Verhandlung zugelaffen. 9 Alſo erfolgte nun, da alles erwogen und berathen war, des Koͤniges Ausſpruch: alles, was in alten Streithaͤndeln beider Theile durch frühere Suͤhnen verglichen iſt, ſoll ab⸗ gethan ſeyn und nach den abgefaßten Briefen auch forthin unverbrüchlich gehalten werden. Jeder ſoll bei den Landen und Leuten bleiben, worüber er vom Nom. Stuhle, von Kaiſern, Koͤnigen und Fuͤrſten ſeine Beweisbriefe hat und wie er ſie vor dem letzten Kriege beſeſſen. Das Land Do⸗ brin wird dem Könige zuruͤckgegeben, jedoch zuvor demjeni⸗ gen überwieſen, welchen der König von Böhmen zur Ueber⸗ nahme bevollmächtigt. Samaiten muß auch hinfuͤro dem Orden verbleiben nach Laut der Briefe, die er vom Röm. Stuhle, dem Reiche, vom Könige von Polen ſelbſt und von Witowd darüber hat; wer ihn am fernern Beſitze zu hindern ſucht, den ſoll der Koͤnig und ſein Reich in keiner Weiſe unterſtuͤtzen. Zuvor aber fol auch dieſes Land dem fiber: wieſen werden, welchen der König von Böhmen dazu be⸗ auftragt. Kein Theil darf hinfort den Ungläubigen wider den andern Huͤlfe leiſten. Alle Gefangenen werden ohne Schatzung beiderſeits frei gegeben. Die Entſcheidung über Klagen wegen erlittenen Schadens, Mord, Brand oder ſon⸗ ſtiger Friedensbruͤche behält ſich der König von Böhmen bis zu einem andern Tage vor; ihr ſoll ſich dann jeglicher Theil unterwerfen, desgleichen die Klagen des Herzogs Johannes von Maſovien. Ueber Dricſen erklart ſich der König nur dahin, daß es dem Könige von Ungern zugehöre. 9 Der 1) Baczko a. a. O. 2) Lindenblatt a. a. O. 2) Es heißt: umb die veſten Dryſen und andere Sloſſe u. ſ. w. prechen wir nichtes us wann das dem durchluchtigſten fürften hern
Scanseite 73 · Druckseite 60
60 Neue Umtriebe des Koͤniges von Polen. (1410.) alte ewige Friede, zwiſchen Koͤnig Kaſimir und dem Orden geſchloſſen, ſoll zu naͤchſten Pfingſten auf einem Tage zu Breslau erneuert und beſtatigt, durch Papſt und Reich neu befeſtigt und deshalb auch dieſer Tag von Sendboten beider Theile beſucht werden; dann ſoll man auch die erwaͤhnten Länder gegenſeitig übergeben. Der Waffenſtillſtand ſoll bis nächfte Johanni dauern und bis dahin kein Theil den andern in irgend einer Weiſe beleidigen. Endlich ſoll der Koͤnig von Polen ſich nicht mehr des Titels eines Herrn von Pommern bedienen. So der Ausſpruch. Sofort bevollmächtigt Wenceslaw ſeinen Rath, den Edlen von Donyn zur Uebernahme des Dobrinerlandes, doch mit der Zuſicherung für den Hoch⸗ meiſter, daß das Land dem Könige von Polen nicht eher abgetreten werden ſolle, als bis dem Orden Samaiten wie⸗ der eingeräumt ſey und geſchehe dieſes nicht, ſo werde dieſer Dobrin zu voller Macht erhalten und der König von Boͤh⸗ men es ihm zu feſtem Beſitze beſtaͤtigen. Die Polniſchen Geſandten aber, mit dieſem Ausſpruche an ſich ſchon hoͤchſt unzufrieden, wurden noch mehr entruͤſtet, als in denſelben Tagen Wenceslaw eine Schenkungsurkunde ausſtellte, durch die er die an Garthen (oder Grodno, wo Witowd dfter Hof hielt) angrängende wuͤſte Gegend von Sudauen dem Orden zur Beſetzung mit Bewohnern und Gruͤndung neuer Dörfer als Eigenthum überwies, behauptend, daß einſt ſeine Vorfahren, wahrſcheinlich Koͤnig Johann von Boͤhmen, ſie mit Kriegsmacht an ſich gebracht und gewonnen hätten: eine Sigmunden kunige czu hungern u. ſ. w. unſern lieben Bruder an⸗ gehoret. 1) Der Ausſpruch in einem Transſumt v. J. 1412 ohne Datum Schbl. 63. 63 Hieraus hat ihn Lucas David B. VIII. S. 1893 ei⸗ niges davon bei Baczko B. H. S. 400; bei Lindenblatt S. 208 ein kurzer Auszug z vollſtändig im groß. Copieb. P. CLXXIX. 2) Die letztere Beſtimmung hat Lindenblatt a. a. O. ; das Document ſagt nichts davon. 8 3) Originaturk. des Koniges, d. Prag Sonnab. vor Reminiſcere 1410 Schbl. 21. J. 5
Scanseite 74 · Druckseite 61
Neue Umtriebe des Königes von Polen. (1410.) 61 Beſitzung, deren Anrecht bisher vielleicht nur auf Boͤhmi⸗ ſchem Pergamente geſtanden hatte. D Um ſo mehr weigerten ſich jetzt die Polniſchen Geſand⸗ ten, den Ausſpruch als guͤltig anzuerkennen, bevor ihm nicht ihr König feine Zuſtimmung ertheilt, » und als ſie auch auf Wenceslaws Erinnerung an ihres Koͤniges unbedingten Compromiß an ihn als Schiedsrichter? nicht Folge leiſteten, brach er zornig in die drohenden Worte aus: „Nun ſehen wir wohl, daß ihr eigentlich Koͤnig von Polen ſeyd, nicht aber euer Herr; wollet ihr Krieg, wohlan! ſo wollen wir und unſer Bruder, der Koͤnig von Ungern dem Orden wider euch zur Seite ſtehen und mit des Herrn Hülfe euch mit Heeresmacht in eure Graͤnzen zuruck treiben.“ Auch durch dieſe Drohung nicht geſchreckt verließen die Geſandten Prag. ) Ihr König hatte bereits auch laͤngſt bewieſen, daß er nichts weniger als friedliche Geſinnungen hege, denn aus der Neumark kam die Nachricht, daß er durch wiederholte 1) Die Schenfuigsurkunde, d. Prag Sonnt. Reminiſcere 1410 in einem Transſumt von 1420 Schbl. 21. 2, gedruckt bei Kotzebue B. III. S. 366. Der Körig nennt zweimal das Gebiet „dy Gegenheit und Wuſtung Sawdaw.“ Daß er damit den dſtlichen Theil Sudauens, der an Garthen gränzte und nich: zum Ordensgebiet gehört hatte, meinte, it kaum zu bezweifeln, obgleich Kotzebue dagegen ſpricht. Auf der äußern Scite der Urkunde ſteht in alter Schrift: Wencz aus Romif. und Behemiſ. konig gibt und beſtetiget dem Orden das lant Sudowerlant. Daß es eine anſehnlihe Landſtrecke geweſen ſeyn muͤſſe, geht daraus her⸗ vor, daß der Orden das Recht erhält, fie mit Schlöffern, Städten, Dörfern zu beſetzen u. ſ. w. Das Beſitz⸗ oder Eigenthumsrecht auf dieſe Landſtrecke hatte ſich wahrſcheinlich einſt der Böhm. König Johann nach der Bulle Joharn XXII erworben, wovon oben B. IV. S. 426 Anmerk. 2. 2) Bericht im Fol. D. p. 204. 3) Bei Dogie T. IV. D. 82 u. Lucas David B. VII. S. 187. 4) Lindenblatt S. 209 — 210, Die zum Theil laͤcherlichen Entſtellungen der Vorgänge bei dem Ausſpruche in den Polniſ. Chroni⸗ ſten Dlugoss. L. XI. p. 211, Cromer u. a. hat ſchon De Wal T. IV. p. 296 — 300 gewürdigt; Kotzebue B. III. S. 92. Auch Schütz p. 102 wirft dem Boͤhm. Könige Parteilichkeit für den Orden vor.
Scanseite 75 · Druckseite 62
62 Neue Umtriebe des Königes von Polen. C1410.) Sendboten den Herzog Swantibor von Stettin und deſſen Sohn Otto auf feine Seite zu locken fuche und laͤngſt zogen auch wieder Polniſche Herolde am Hofe des Roͤmiſchen Königes, ) im Deutſchen Reiche und ſelbſt in England und Frankreich umher, theils um die Gunſt der Koͤnige dieſer Länder durch uͤberbrachte Geſchenke zu gewinnen, theils den Orden durch Klagen und Laſterungen bei den Fuͤrſten in das übelfte Licht zu fielen, wie Dieterich von Logendorf, des Meiſters Geſandte, aus England berichtete.“) Mittlerweile aber hatte der Ordensmarſchall, da mit Witowd kein Friede beſtand, wider ihn das Schwert ergrif⸗ fen. Zur Rache wegen ſeines Einfalls in Nadrauen uͤber⸗ raſchte er ihn ploͤtzlich durch einen Kriegszug nach Litthauen und ſtuͤrmte ſo eilig bis nach Ruſſiſch⸗Brzeſe vor, daß der Großfuͤrſt, der eben dort mit feiner Gemahlin Hof hielt, der Gefangenſchaft kaum noch entfliehen konnte. Nachdem das Land weit und breit verheert und viele Bewohner er⸗ ſchlagen waren, brachte der Marſchall dreihundert Gefangene nebſt Heerden von Vieh und Roſſen nach Preuſſen mit zuruck. 9 N 1) Schr. des Nitters Heinr. von Guͤntersberg en d. Vogt der Neu⸗ mark, d. Callies Sonnt. vor h. drei Kön. 1410 Schbl. XX. 19, 2) Schr. des Röm. Königes Ruprecht, d. Hädelberg domin. post conversion. Pari 1410 Schbl. IV. 135. 3) Schr. Dieterichs von Logenderf, d. London am T. Fabian und Schaft. 1410, enthalt manches Inkereſſante. Der Konig von England erhielt von dem von Polen vier Hengſte zum Geſchenk, mit der Bitte, den Orden von England aus nicht unterſtuͤgen zu laſſen. „Der König, ſagt Dieterich, lachte des gar ſere und ſprach wider mich, wie kan ich das gelaſſen, wenne ich bin immer en kint von Pruſſen.““ Der Polni⸗ ſche Herold hatte dem Könige auch erzählt: man habe in Samaiten ei⸗ nen Ordensritter bei eines Bajoren Weib gefunden, deshalb hatten die Samaiten ſich zu Witowd geſchlagen; der König aber habe geantwortet: Lyber, ich habe och en lant alhir, ob ein Rytter edder en knecht by enes andern mannes wyp gefunden worde, ſolde ich dorum myn lant vorleſen (verlieren)? Das iſt eyne falſche huͤlferede. 4) Lindenblatt S. 211 — 212. Diugoss. LX. p. 204 ſetzt den Einfall unrichtig ins J. 1409.
Scanseite 76 · Druckseite 63
Neue Umtriebe des Koͤniges von Polen. (1410.) 63 Dem Könige von Polen jedoch ſchienen feine Rüflungen noch keinesweges zum Kampfe reif; er ſuchte vorerſt noch Zeit zu gewinnen. Wahrſcheinlich unbekannt mit dem zwi⸗ ſchen dem Orden und dem Könige von Ungern geſchloſſenen Huͤlfsbuͤndniſſe und dem juͤngſt erſt eingegangenen Vertrage beider, nach welchem der Orden dem Könige bei einer neuen unwiderruflichen Beſtaͤtigung des Beſitzes der Neumark noch⸗ mals vierzigtauſend Ungeriſche Gulden zahlte, der König dagegen den Rückkauf nur fuͤr ſich und ſeine Bruͤder Wen⸗ ceslaw und Jobſt vorbehielt, zugleich aber verſprach, den etwanigen Auskauf des zur Neumark gehoͤrigen Hauſes Drieſen an der Summe zuruͤckzuzahlen, Y ließ ſich der Ko: nig von Polen jetzt in Unterhandlungen mit dem Koͤnige von Ungern ein. Abſichtlich indeß zog er fie in die Laͤnge hinaus, ſprach Anfangs von einer Serfänlichen Zuſammen⸗ kunft, rief dann Witowd'n zu ſeiner Begleitung herzu und ſandte endlich um Sſtern dieſen allein zu einer Berathung mit Sigismund nach Kaͤßmark. Dort erſuchte der Groß⸗ fürft den letztern um die Erneuerung alter Vertraͤge ihrer Vorfahren, denn dadurch wollte ſich der Koͤnig von Polen ge⸗ gen Ungern ſicher ſtellen. Allein Sigismund, der dieſe Abſicht wohl erkannte, gab die Antwort: es koͤnne kein Friede zwi⸗ ſchen Ungern und Polen beſtehen, ſobald man den Orden in Preuſſen befehde; doch um dem Kriege vorzubeugen, wolle er gerne als Vermittler eintreten. Dabei ſuchte er ſchlau den Großfuͤrſten durch das Anerbieten der Koͤnigs⸗ krone zu verlocken, ſofern er ſich und ſein Land vom Pol⸗ 1) Urkunde, d. Ofen Sonnt. Lätare 1410 Schbl. 43. Wir haben eine aus Dokumenten entnommene genaue Zuſammenſtellung aller für die Neumark gezahlten Geldſummen vom Kaplan des HM. Schbl. XII. 91, wonach der Orden im Ganzen 146,200 ung. Gulden, 26,050 Schock Böhm. Groſ. (65,125 Ung. Gulden) 24,400 Mark Finkenaugen (4,400 Ung. Guld.) 235 Mark. Preuſſ. (470 ung. Guld.), alſo überhaupt 216,195 Ung. Gulden bezahlte, wozu noch 596 Mark Brandenburg. Silber und 30 Pfund Brandenb. Pfennige kamen. 2) Ueber dicſe Verhandlungen der Bericht im Fol, D. p. 204,
Scanseite 77 · Druckseite 64
64 Kriegsruͤſtungen. (1410.) niſchen Reiche trennen werde. Dieſer durchſchaute zwar die Liſt, ging und entdeckte die Verlockung ſelbſt dem Könige von Polen zum Beweiſe ſeiner Treue. Allein Sigismund hatte den Funken nicht umſonſt geworfen; er glimmte fort, bis er in ſpaͤterer Zeit in Witowds Seele wieder hell em⸗ porſchlug. 2 Da Sigismund ſich bereit erklaͤrt hatte, zur Vermitt⸗ lung ſelbſt nach Preuſſen zu kommen, ſo ſtellte ihm der König von Polen alsbald einen ſichern Geleitsbrief auf funf⸗ zehnhundert Begleiter durch das Gebiet ſeines Reiches aus.? Statt des Koͤniges indeß erſchienen in kurzem in Krakau und dann auch in Preuſſen nur ſeine Geſandten. Ihre Vermittlung war ohne allen Erfolg; denn daß der Koͤnig nichts weniger als Frieden wuͤnſchte, bewies er ſchon da— durch, daß er ſogleich nach Witowds Ruͤckkehr ſich von neuem mit ihm uͤber die Kriegsunternehmung gegen den Orden berieth.) Die Ruͤſtungen im Reiche wurden fortwaͤhrend mit größter Thaͤtigkeit betrieben, im Auslande beſonders in Böhmen und Mähren Rottenfuͤhrer und Soldner geworben,“ in des Herzogs von Maſovien Land die Heerwege in den Waldungen geraͤumt; uͤberall ward Heerſchau gehalten. Der Koͤnig, Witowd und der Herzog von Maſovien hatten wiederholte Zuſammenkuͤnfte.) Im Ordensgebiete zogen vom Könige ausgeſandt verkleidete Bettler in Städten und Burgen umher, die als Spione allerlei Nachrichten einzie⸗ hen und dem Könige zubringen mußten.“ 1) Dlugoss. L. XI. p. 213 — 215. 2) Der Geleitsbrief, d. Cracovie die domin. Vocem Jocundit. 1410 bei Dogiel T. I. nr. VI. p. 41. 3) Diugoss. p. 215. 217. 4) Diugoss p. 215 — 216. 5) Nachrichten eines Komthurs, der feinen „Warner“ als Kauf mann durch Maſovien gehen ließ. 6) Bericht eines Ungenannten, der den HM. uͤber das heimliche Spioniren im Lande benachrichtigt, Schbl. LXXI. 21. Lindenblatt S. 214. Anmerk. ).
Scanseite 78 · Druckseite 65
Kriegsruͤſtungen. (1410.) 65 Alſo drohte die Gefahr ſchon immer näher. Deshalb ließ auch der Hochmeiſter alles zum Kampfe vorbereiten; in allen Ordenshauſern ward unaufhoͤrlich geruͤſtet; die Stuͤck⸗ gießerei und Pulverfabrik im Haupthauſe war fort und fort in Thaͤtigkeit. um Oſtern nahm der Meiſter auch eine nothwendige Umwandlung mehrer Gebietiger vor. Graf Albrecht von Schwarzburg, Komthur zu Thorn, erhielt die Würde des Oberſt⸗Trappiers und das Komthuramt zu Chriſtburg; in ſeine Stelle zu Thorn trat der bisherige Komthur zu Balga Graf Johann von Sayn. Das Amt zu Balga bekleidete fortan Graf Friederich von Zollern. Das Haus Oſterode, wo dieſer Graf bisher Komthur war, ward Gamrath von Pinzenau anvertraut; das bisher von Arnold von Hecken verwaltete Amt zu Engelsburg uͤbernahm jetzt Burchard von Wobecke; nach Schlochau ward Jobſt von Hohenkirch verſetzt und das Vogtamt der Neumark, ſeither von Arnold von Baden bekleidet, erhielt der bishe⸗ rige Vogt von Samaiten Michael Kuͤchmeiſter von Stern⸗ berg.) Die uͤbrigen Komthure verblieben in ihren Aem⸗ tern. Sofort erließ der Meiſter an die Komthure im Kul⸗ merlande, wo die Gefahr zunächft drohte, den Befehl: da des Boͤhmiſchen Koͤniges Ausſpruch den Polen ſo hart duͤnke, daß ſie ihn nicht halten wollten, ſo ſtehe Krieg bevor; Wi⸗ towd ſammle bereits zahlreich heidniſches Kriegsvolk. Sobald ſich alſo Kriegsgeſchrei erhebe, ſolle jeder Gebietiger im Kul⸗ merlande mit ſeinem Kriegsvolke zujagen; nur die Komthure von Althaus und Strasburg, der Kellermeiſter von Thorn und der Vogt von Brathean ſollten daheim bleiben zur Vertheidigung ihrer Burgen. Jeder Gebietiger ſolle auf feiner Burg feinen Hauskomthur oder einen andern tuͤchti⸗ gen Ordensbruder zuruͤcklaſſen, dem die uͤbrigen Bruͤder in allem gehorſam ſeyn ſollten. Man ſolle uͤberall redliche und ehrbare Leute, die zu ſchwach dem Kriegsheere nicht zuei⸗ len konnten, mit ſtarken und wackern Bauern zur Beman⸗ 1) Lindenblatt S. 213, VII. —
Scanseite 79 · Druckseite 66
66 Kriegsruͤſtungen. (1410.) nung und Bewachung auf die Häufer nehmen, aber zuvor ſie ſchwoͤren laſſen, daß fie dem Komthur oder Hauskom⸗ thur Gehorſam leiſten und des Ordens Schaden wehren wollten. Der Komthur von Strasburg moͤge aus der Stadt zu ihrer Bewehrung ſo viel Buͤrger als moͤglich aufbringen. Was nach Bemannung der Burgen vom Landvolke noch uͤbrig bleibe, ſolle in Doͤrfern, deren Bewohner am beſten beritten ſeyen, zur Hälfte feinem Herrn folgen und zur Haͤlfte daheim bleiben, desgleichen in den Staͤdten. Jeder, der ein Roß habe, muͤſſe mit zujagen; man ſolle mit allen Rittern und Knechten Heerſchau halten im ganzen Kulmer⸗ lande.) Mit jedem Tage aber wurde die Zeit nun ernſter und das wilde Ungewitter nahete jetzt ſchon immer mehr. Um Pfingſten ſollte auf dem anberaumten Verhandlungstage zu Breslau noch einmal eine Ausgleichung verſucht werden. Der Koͤnig von Boͤhmen ſandte dahin ſeinen Rath, der Hochmeiſter den Komthur von Thorn Graf Johann von Sayn, begleitet vom Ordens-Procurator Peter Wormbith, ? der kurz zuvor als päpftlicher Geſandte dem Könige von Polen friedlichmahnende Briefe hatte uͤberbringen ſollen, aber mit feinen Seudſchreiben zuruͤckgewieſen worden war. Vom Könige erſchien jedoch kein Bevollmaͤchtigter und es ging fomit der Tag ohne Erfolg vorüber. ® — 1) Diefer Befehl des HM. iſt ohne Datum, gehört aber offenbar in dieſe Zeit, Schbl. XX. II7. 2) Lindenblatt S. 214. Bericht im Fol. D. p. 204. 3) Lindenblatt a. a. O. Die päpftlichen Briefe konnten nur von Alexander V. ſeyn, der aber bereits am Aten Mai geſtorben warz cf. De Wal Histoire de “O. T. IV. p. 307. 4) Die Sendboten des Ordens ließen ſich ein Zeugniß ausſtellen, daß ſie mit Vollmachtsbriefen auf des Meiſters Befehl erſchienen ſeyen, um den Ausſpruch des Böhm, Königes im Namen des Ordens zu ger nehmigen und den alten Friedensvertrag mit Polen zu erneuern, daß aber der König von Polen keine Bevollmächtigte geſandt und ſomit den Zweck des Verhandlungstages vereitelt habe. Daruͤber das Notariatsinſtrument, in Civitate Wratislaviersi deeima quarta May 1420 Schbl. I. XIII. 10;
Scanseite 80 · Druckseite 67
Kriegsruͤſtungen. (1410.) 67 Jetzt war jede Ausſicht zu friedlicher Ausgleichung ver⸗ ſchwunden. Mit jedem Tage ſchon erwartete man den Aus⸗ bruch des Krieges und es ging bereits, weil Kunde kam, daß Witowd mit ſeinen wilden Kriegshorden ins Land ein⸗ zuſprengen gedenke, in des Ordensmarſchalls Namen durchs Land ein allgemeines Aufgebot, daß jeder bereit ſey, auf den erſten Befehl zuzujagen.) Um den Feind in ſeinem eigenen Lande zu halten, erließ der Hochmeiſter von neuem den Befehl an den Meiſter von Livland, ſofort den zwi⸗ ſchen Livland und Witowd beſtehenden Frieden aufzukuͤndi⸗ gen, damit alsbald ein Streitheer in Witowds Land ein⸗ fallen konne, um ihn von der Verbindung mit dem Koͤnige zuruͤckzuhalten. Was der Meiſter dort aber an Mannſchaft erübrigen konne, ſolle er eiligſt nach Preuſſen fenden. 9 Auch die Bifchöfe von Livland, Reval, Kurland und Oeſel wurden erſucht, mit allen ihren Rittern und Knechten dem Orden zu Huͤlfe zu kommen. 2 Dem Herzoge von Stettin, der den Herzog Ulrich von Meklenburg vom Biindniffe mit dem Könige abgehalten, ward vom Meiſter der Auftrag, dkeſem Fuͤrſten tauſend Schock Groſchen und feinen Rittern und Knechten den nämlichen Sold wie andern zu verfpre: chen, wenn er in eigener Perſon dem Orden Beiſtand lei⸗ ſten wolle. ) Ueberall ſuchte der Hochmeiſter feine Kriegs es iſt mit der forgfältigften diplomatiſchen umftändlichkeit und ſcharfer Beſtimmtheit abgefaßt, ſo daß man ſchon daraus erkennt, wie wichtig es den Ordensgeſandten war, ihre Anweſenheit und Bereitwilligkeit zur Erfüllung des Zweckes des Verhandlungstages bezeugt zu ſehen. 1) Der von Dorf zu Dorf gehende Laufbrief, d. Luͤnenburg Dienſt. nach Pfingſt. 1410 Schbl. XX. 20. Lindenblatt S. 215. 29 Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland o. D. Schbl. Va- rin nr. 224. Antwort des Livl. Meiſters, d. am T. Marcellini und Petri 1410 Schbl. X. 84. 3) Schr. des HM. an die Biſchöfe, d. Marienb. Dienſt. nach Pfingſt. 1410 Schbl. LII. 30. 4) Schr. des HM. an d. Herzog d. Stuhm Sonnt. nach Corp. Chriſti 1410 Schbl. XV. 255. Kantzow B. I. 448 erwoͤhnt eines Vertrages zwiſchen dem Herzog und dem Orden, daß Fa dieſem zu
Scanseite 81 · Druckseite 68
68 Kriegsruͤſtungen. (1410.) macht noch zu verftärfen. Der Komthur von Thorn ward befehligt, in Böhmen noch dreihundert Spieſe aufzubrin⸗ gen und er verſprach, ſie um Johanni dem Meiſter zuzu⸗ fuhren.! In denſelbigen Tagen erging von dieſem auch ein Sendſchreiben an den Roͤmiſchen König und die vornehm⸗ ſten Deutſchen Reichsfuͤrſten,? worin er ihnen den Abfall der Samaiten, des Großfürften Verraͤtherei, die kriegeri⸗ ſche Stellung des Polniſchen Koͤniges und ihre Kriegsverſtaͤr⸗ kung durch allerlei heidniſche Voͤlker, Ruſſen, Tataren und an⸗ dere Horden von Unglaͤubigen umſtaͤndlich mittheilte, ſie drin⸗ gend bittend, ihren Fuͤrſten, Herren, Rittern und Knech⸗ ten zu erlauben, dem Orden Beiſtand zu leiſten zur Be⸗ ſchirmung der Chriſtenheit.) Auch wurden in Deutſchland bereits überall Soͤldnerhaufen aufgenommen und dem Orden zugeſandt. Da es zugleich dem Hochmeiſter wichtig ſeyn mußte, vor Königen und Fuͤrſten feine gerechte Sache noͤ⸗ thigen Falls mit vollguͤltigen Zeugniſſen erweiſen zu koͤnnen, fo beftätigte jetzt der König von Böhmen nicht nur feinen Ausſpruch, ſondern bezeugte auch, daß der Orden denſelben in allen Punkten treu und unverbruͤchlich gehalten, der Koͤ⸗ nig von Polen dagegen ihn nicht vollfuͤhrt habe, weshalb nun auch der Hochmeiſter aller im Ausſpruche uͤbernomme⸗ nen Verpflichtungen und Verheißungen vollig entbunden ſey. © allen ſeinen Kriegen fuͤr einen jährl. Sold (Beſtellungsgeld) von 6000 Gulden dienen ſolle. Der Herzog habe daher auch ſeinen Sohn Kaſi⸗ mir mit 600 Pferden und etlichen Fähnlein Knechten zugeſandt. 1) Das Schreiben bei Lindenblatt S. 209. 2) Außerdem auch an die Könige v. Daͤnemark, Frankreich, Eng⸗ land, an den Herzog von Burgund u. a. 3) Schr. an die oben erwähnten, d. Marienb. Dienſt. nach Trini⸗ tat. 1410 Schbl. XVII. 140, gedruckt bei Lindenblatt S. 211. 4) Die urk. d. Prag Mittw. nach S. Erasmus 1410 im groß. Copieb. p. CLXXXI, bei Lucas David B. VIII. S. 199, im Aus⸗ zug bei Baczko B. II. S. 402; ein anderes Dokument vom Könige Wenceslaw vom nämlichen Datum Schbl. 63. 8, Lucas David
Scanseite 82 · Druckseite 69
Schreib. d. HM. and. Herzogin Alexandra v. Maſovien. (1110.) 69 Es blieb ungewiß, wo man den Feind zuerſt zu erwar⸗ ten habe. Nach der Meldung des Vogts der Neumark war es der Polen Plan, zunaͤchſt Drieſen zu beſtuͤmen, wozu ſchon Vorbereitungen im Werke waren.) Der Komthur von Birgelau aber berichtete: ein Ritter aus Polen, als Hauptmann nach Bromberg geſetzt, habe eine bedeutende Mannſchaft dorthin gefuͤhrt; der Koͤnig ſelbſt liege bereits mit fuͤnfhundert Glevenien im Kloſter zu Kronau und wolle dort ein großes Lager fehlagen. ? Durfte man des Königes eigener Zuſage trauen, ſo konnte vor Johanni noch kein offener feindlicher Schritt geſchehen, denn bis dahin dauerte noch der Waffenſtillſtand; auch der Großfürft hatte verſpro⸗ chen, bis dahin die Waffen noch ruhen zu laſſen. 3 Da entſchließt ſich der Hochmeiſter, dieſe Zeit zu be: nutzen, um noch einmal dem Könige feine friedlichen Ge⸗ ſinnungen und ſeine Bereitwilligkeit zur Suͤhne zu bezeu⸗ gen. Er wendet ſich in einem herzlichen und vertrauungs⸗ vollen Schreiben an das weibliche Gemuͤth der Fuͤrſtin Ale⸗ randra, Gemahlin des Herzogs Semovit von Maſovien und Schweſter des Koͤniges von Polen. Dankend für die Geſchenke, die fie ihm erſt jüngft als Beweiſe ihrer Huld überfandt, erwiedert er auf ihren Wunſch, daß zwiſchen dem Orden und ihrem Bruder Eintracht und Freundſchaft aufrecht erhalten werden moͤge: „Geruhet, liebe, ſonder⸗ liche Frau, zu wiſſen, daß wir alle Zeit vor dem erweck⸗ ten Kriege mit ganzen Kraͤften darnach geſtanden haben und Friede und Gemach von ganzem Herzen geliebt und gelit⸗ ————— B. VII. S. 200. Vgl. das Schr. des Komthurs v. Thorn aus Prag bei Lindenblatt S. 209. 1) Schr. des Vogts der Neumark, d. Schievelbein Mont. nach Corp. Chr. 1410 Schbl. XIII. 9. 2) Schr. des Komthurs v. Birgelau, dat. Birgelau Freit. nach Urbani 1410 Schbl. XX. 29. 3) Original dieſes Beifriedens zwiſchen Witowd u. dem Orden, d. Traken Mont. zwiſchen der Octava des heil. Leichn. Chr. 1410 Schbl. 63. 4, im groß. Copieb. p. (LXXVII.
Scanseite 83 · Druckseite 70
70 Schreib. d. HM. and. Herzogin Alexandra v. Maſovien. (4410.) ten haͤtten, folgend den Weg unſers Vorfahren, denn es iſt offenbar, daß wir vor derſelben Zeit den Koͤnig, euern lieben Bruder, haͤufig mit Briefen und auch durch unſere Gebietiger, die wir zu ihm ſandten, demuͤthig gebeten haben, daß er durch Gott und um ſeiner barmherzigen Mutter willen uns und unſern Orden nicht argete, ſondern unſer holder Herr wäre und wenn es feiner koͤniglichen Majeſtaͤt duͤnkte, daß feine Gnade oder fein Reich irgend von uns oder unſerm Orden verkuͤrzt waͤre, wir wollten uns williglich zum Rechte, zum geiſtlichen und weltlichen geben. Wir ließen damals alle Ritter und Knechte bitten, daß ſie den Herrn Koͤnig durch Gott dazu halten wollten, daß er ſeine Ungunſt von uns wolle kehren und ſich am Rechte genuͤgen laſſe, denn der, dem alle Heimlichkeit offen⸗ bar iſt, erkennt wohl, daß unſer ganzes Begehren und unſere Meinung alle Zeit zum Frieden ſtand und nicht zu Krieg; ) und wenn ihr berührt, daß wir den Streit mit dem Koͤnige doch wohl noch enden und hinlegen moͤchten, wenn wir nur Leute, die Frieden liebten, dazu nähmen, erlauchte Fuͤrſtin und liebe Frau, wolle der barmherzige Gott, daß das ſeyn moͤchte; es ſoll an uns nimmer ge⸗ brechen. Aber euere Großmaͤchtigkeit mag es ſelbſt wohl erkennen, ſintemal uns das Recht und ein ſolcher Fuͤrſt 9 nicht ſcheiden kann, ſo koͤnnen wir zu Gleich und Recht keinen Troſt mehr haben und muͤſſen uns Unrechts und Gewalt beſorgen, denn haͤtte uns Recht und Gleich helfen koͤnnen und haͤtte man das von uns nehmen wollen, ſo viel und oft wir uns dazu erboten haben, wir haͤtten des Streites lange ein Ende. Jedoch wäre noch irgend ein Fuͤrſt, der zu Herzen nehmen und betrachten wollte den Schaden, der von ſolchem Kriege kommen mag und konnte D Der HM. führt hier die urſachen an, die den Krieg veranlaßt und wie es dann vom Könige v. Böhmen verſucht worden ſey, eine Aus⸗ gleichung zu treffen, die der von Polen aber nicht angenommen habe u. ſ. w. 2) Nämlich der König von Böhnen.
Scanseite 84 · Druckseite 71
Schreib. d. HM. an d. Herzogin Alexandra v. Mafovien. (1410.) 71 er uns noch entſcheiden nach Gleich und Recht, wir woll⸗ ten mit Willen gerne folgen. Wollte Gott, daß die, die den Herrn König zu Krieg halten, ſolches auch betrachten und ihm darnach rathen wollten, ſo hofften wir wohl, daß denn noch aller Krieg und Streit aufhören wuͤrde und ein jeglich Theil ſich am Rechte genügen ließe.“ D So offen erflärte der Meifter feine aufrichtige Friedens⸗ liebe; es war die ungeheuchelte und wahrhafte Stimme eines landesvaͤterlichen Herzens, nicht die eines kampfſuͤch⸗ tigen und kriegsdurſtigen Fuͤrſten, wie feine Gegner ihn oft genannt. Allein auch dieſes ſein letztes Wort des Frie⸗ dens, wenn es der Koͤnig auch vernahm, ward weiter nicht beachtet. Krieg und Rache blieb fort und fort des letztern einziges Verlangen und ſo mußte nun auch der Meiſter ohne Saͤumen darauf denken, das Schlachtſchwert zu ergreifen. Da bereits eine große Zahl von Soldtruppen aus Deutſch⸗ land, beſonders aus Meißen, Schleſien, Franken, vom Rhein und andern Gegenden theils in Preuſſen angelangt, andere noch auf dem Zuge begriffen waren, 2 auch der Her- zog von Stettin feinen Sohn Kaſimir mit ſechshundert Roſ⸗ 1) Dieſes Schr. des HM. d. am T. nach Marcelli 1410 im Ent⸗ wurfe Schbl. XX. 24, gedruckt bei Lucas David B. VIII. S. 203 ff., zum Theil auch bei Baczko B. II. S. 402. 2) Die Namen der Soldner- Hauptleute, die um dieſe Zeit ſehr zahlreich nach Preuſſen kamen, findet man insgeſammt im Soldbuch des J. 1410 im geh. Archiv; ſ. Lindenblatt S. 215 — 216 u. Voigt Geſch. Marienb. S. 265 — 267, wo eine Anzahl derſelben ausgezogen iſt. Die Zahl der anweſenden Rottenfuͤhrer und Edelleute war ſehr be⸗ deutend, beſonders der aus Schleſien. Wir finden darunter die Namen Kottewitz, Liebenau, Redern, Kittlitz, Schellendorf, Gersdorf, Borsnitz, Hackeborn, Eulenburg, Donyn, Zedlitz, Reibenitz, Hoburg, Klingenftein, Weſſeling, Logau, Haugwitz, Zetzſchwitz, Sterz, Zeteritz, Stechau, Rei⸗ chenbach, Grunau, Pretewitz, Panwitz, Seidlitz, Maltitz, Blankenſtein, Noſtitz, Kökeritz, Heynitz, Waldau, Kanitz, Köneritz u. a. — Noch im Juni gab auch der Herzog Ludwig von Brieg dem HM. Hoffnung, mit einer großen Schaar von Rittern und Knechten auf Sold herbeizukom⸗ men; Schr. des HM. an den Herzog v. Brieg, d. Engelsburg Dienſt. vor Barnaba 1410 Schbl. XX. 23.
Scanseite 85 · Druckseite 72
72 Beſetzung der Landesgränzen. (1410. fen und etlichen Faͤhnlein Knechten zu Hülfe geſandt hatte, ſo lieh der Hochmeiſter, um ihre Soldforderungen immer moͤglichſt befriedigen zu können, nicht nur vom Boͤhmiſchen Könige eine bedeutende Geldſumme, ſondern ließ ſich vom Koͤnige von Ungern auch die Erlaubniß ertheilen, waͤhrend des Krieges mit Polen in Preuſſen Ungeriſche Goldmuͤnzen, in der Wuͤrde wie in Ungern, ſchlagen zu duͤrfen, ſo viel er wolle. ) Waͤhrend nun jeden Tag noch an den Graͤnzen Preuf- ſens neue Rottenfuͤhrer mit ihren Söldner⸗Schaaren an⸗ langten und bereits um die Mitte des Juni auch das her⸗ beigerufene livlaͤndiſche Streitvolk angekommen war,? ver⸗ ließ der Hochmeiſter das Haupthaus Marienburg, nachdem er es hinlaͤnglich mit Lebensmitteln verſorgt und ſtark mit Mannſchaft und Geſchuͤtz verſehen. Er begab ſich zunaͤchſt auf das Haus Engelsburg, wo in der Naͤhe bei der Or⸗ densburg Schwez der Ordensmarſchall die Soͤldner und Hülfstruppen aus Deutſchland in einem Lager verſammelt hatte.) Von dort aus traf er die noͤthigen Anordnungen zur Vertheidigung des Landes an den Graͤnzen. Der Vogt Michael Kuͤchmeiſter von Sternberg ſollte die Neumark gegen den Feind verwahren und zugleich die Ruhe im Innern des Landes ſelbſt aufrecht halten, denn noch immer hingen manche aus dem Adel, wie die vom Walde, die von De⸗ witz und andere dem Orden aufſaͤſſige Herren der Sache Polens an; viele andere ſtanden wenigſtens kalt fuͤr die Sache des Ordens da, ſich ſelbſt weigernd ihm um darge⸗ botenen Sold zu dienen oder doch noch lauernd, um erſt 1) Originalurk. d. Bude secundo die mensis Augusti 1410 Schöl. 22. 2. Das Datum iſt auffallend; wahrſcheinlich aber hatte damals der Konig noch keine Nachricht von der Niederlage bei Tannenberg. 2) Die Ankunft Livländiſcher Kriegshaufen iſt außer Zweifel; über die angebliche Anweſenheit des Livländ. Meiſters vgl. die Anmerk. bei vindenblatt S. 227 — 228 und ein Schr. des HM. an den Mei⸗ ſter v. Livland o. D. Schbl. Varia nr. 224. 3) Der HM. befand ſich ſchon am Iten Juni auf der Engelsburg.
Scanseite 86 · Druckseite 73
Beſetzung ber Landesgränzen. (4410.) 73 ben nähern Ausſchlag abzuwarten. Von dieſer Stimmung im Lande benachrichtigt fand der Meiſter nothwendig, dort zu Schutz und Schirm eine hinreichende Streitmacht ſtehen zu laſſen.) An den Vogt der Neumark ſchloß ſich unweit Friedland an der Gränze der Komthur von Schlochau Joſt von Hohenkirch mit Maͤrkiſchem Kriegsvolke und etlichen Soͤldnerhaufen an; und einige Meilen von ihm ſtand der Komthur von Tuchel Heinrich von Schwelborn mit einer Streitſchaar.) Weiterhin hielt die Gränze in Pommerel⸗ len der Komthur von Schwez Graf Heinrich von Plauen mit einem Kriegshaufen von dreitauſend Mann beſetzt. Thorn und die Umgegend am Weichſel-Strom ward vom Komthur von Ragnit Eberhard von Wallenfels bewacht und weiter oſtwärts an der Gränze des Dobriner- und Michel: auer⸗Landes an der Drewenz entlang lag die anſehnliche Streitmacht des Komthurs von Birgelau Paul Nolmann von Dademberg. Die fernere Graͤnze gen Litthauen hin von der Wildniß bei Johannisburg bis an den Pregel⸗Fluß nordwaͤrts ſchuͤtzte mit ſeinen Faͤhnlein der Komthur von Rhein; dort endlich ſchloß ſich am Memel⸗Strom Ulrich Zenger Komthur von Memel an, um mit den Bauern der Gebiete von Tilſit, Ragnit und Labiau etwanige Einfälle der Samaiten und Litthauer vom Lande abzuwehren.) Alſo war die ganze ausgedehnte Graͤnzlinie von der Neu⸗ mark bis an die Memel mit Wachthaufen beſetzt, hier mehr dort minder ſtark, je nachdem die Gefahr drohte. Als das Ende des Waffenſtillſtands nahete, ließ der Meiſter die zerſtreuten Kriegshaufen mehrer Gebietiger dem Lager bei Schwez naͤher ruͤcken; dorthin zog mit ſeiner Wehrſchaar der Hauskomthur von Chriſtburg, alſo daß hier 10 Daruͤber zwei Schr. des Vogts der Neumark, d. Dramburg Dienſt. u. Mittw. vor Viti und Modeſti 1410 Schbl. XIII. 42. 2) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Friedland Mittw. nach Johanni 1410 Schbl. XX. 30. 3) Nach den Berichten verſchiedener Komthure.
Scanseite 87 · Druckseite 74
74 Beſetzung der Landesgraͤnzen. (1440.) das Hauptlager ſich immer mehr verſtaͤrkte. ) Der Meiſter begab ſich um Johanni nach Thorn hinauf, um dort, der Graͤnze naͤher, noch manches zu beſſerer Gegenwehr anzu⸗ ordnen. Vor allem wuͤnſchte er, den Feind ſo lange als möglich noch hinhalten zu können, damit die vom Komthur von Thorn bereits bis in die Neumark geführten Soͤldner⸗ haufen zuvor noch anlangen möchten. ?) Gleiches wuͤnſchte auch der König, denn ein großer Theil feiner aus Podo⸗ lien und von Lemberg heranruͤckenden Truppen ſollte ſich erſt mit ſeiner uͤbrigen Streitmacht vereinigen.) Alſo ward von ihm im Einverſtaͤndniſſe mit Witowd in den letzten Tagen des Juni aus eigener Bewegung die Waffenruhe noch bis zum ſechſten Tage nach Maria Heimſuchung oder zum achten Juli verlängert.) Da knuͤpften von Thorn aus des Koͤniges von Ungern anweſende Geſandte, der Groß⸗ graf Nicolaus von Gara und der Edle Stibor von Sti⸗ borziz, noch einmal Friedensverhandlungen mit dem Könige an. Selbſt vor ihm erſcheinend erhielten ſie die Antwort: ſein königliches Herz ſey nie dem Frieden abgeneigt; um Blutvergießen zu verhuͤten, weiſe er ihn auch jetzt noch nicht zuruͤck; aber Samaitens alter Beſitz fuͤr das Groß⸗ fürftentyum Litthauen und die Raͤumung des Dobrinerlan⸗ des ſeyen die unerlaͤßlichen Bedingungen. Und mit dieſem Worte brach alle Unterhandlung ab. 9 1) Schr. des Hauskomthurs v. Chriſtburg, d. Chriſtb. Sonnab. vor Viti u. Modeſti 1410 Schbl. XX. 21. 2) Nach dem erwähnten Schr. des Komthurs v. Schlochau kamen außer den Söldnern des Komthurs v. Thorn noch 2000 Pferde. 3) Schr. des Hauskomthurs von Thorn, d. Thorn Mont. nach Viti u. Modeſti 1410 Schbl. XX. 27. 4) Original- Urkunde Über die Verlängerung des Waffenſtillſtandes, d. in Woyborz feria V proxima post lest. Johannis bapt. 1410 Schbl. 63. 6. Schr. des Komthurs v. Schlochau a. a. O. 5) Lindenblatt S. 215. Bericht im Fol. D. p. 204. Diugoss. L. XI. p. 224 nennt des Königes Bedingungen conditiones acquissi- mas; uͤberhaupt iſt hier dem Chroniſten keineswegs aufs Wort zu glau⸗ ben; er ſpricht bei der Erzählung der Begebenheiten dieſes Jahres jo
Scanseite 88 · Druckseite 75
Stärke der Kriegsheere. (1410.) 75 Es ſchien dem Meiſter zweckmaͤßig, ſeine Streitmacht der Graͤnze des feindlichen Landes mehr zu naͤhern; er brach daher mit ihr am zweiten Juli v langs der Drewenz auf und ſchlug dann hart an ihren Ufern bei Kauernick ein großes Lager.“ Dort zog er auch die noch zerſtreuten Streitkräfte aus dem Lande zuſammen. Der König ſtand zur Zeit noch in einem weit ausgedehnten Lager bei Ploczk, wo er ſeine ganze ungeheuere Kriegsmacht vereinigte, 9 Von ihrer Stärke drohte ein furchtbarer Kampf, denn man zählte ſechzigtauſend Polen, zweiundvierzigtauſend Litthauer, Samaiten und Ruſſen, jene wie dieſe unter je funfzig Heer⸗ fahnen, dazu noch vierzigtauſend Tataren und einundzwan⸗ zigtauſend Söldner aus Boͤhmen, Maͤhren, Ungern und Schleſien, alſo eine Geſammtmacht von hundert und drei⸗ undſechzigtauſend Mann, wovon etwa ſiebenundneunzigtau⸗ ſend Mann Fußvolk, und ſechsundſechzigtauſend Reiter. Ihr folgten ungefähr ſechzig Stück ſchweres Geſchuͤtz. “ Das Ordensheer bei Kauernick, kaum etwas mehr als halb ſo überaus partciiſch und iſt dabei fo redſclig, daß man faſt bei jedem Satze an der Wahrheit zweifeln muß. 1) Am Tage Petri und Pauli befand ſich der HM. noch in Thorn; deſſen Schr. an den Bohm. König Schbl. XX. 56. 2) Lindenblatt S. 215. 3) Lindenblatt a. a. O. Diugoss. p. 221. 4) So giebt die Stärke des Poln. Heeres Herburt. de Fulstein Chron. p. 277lanz ältere ganz ſichere Nachrichten daruͤber fehlen uns, denn Lin denblatt ſpricht nur im Allgemeinen von „ſo eyme groſſin here, das is unſprechlichin iſt;““ im Supplem. Dusburg c. 35 heißt es nur: refercbatur,, quod Tartarorum Imperator vel Marschallus Regi Poloniae et Witoldo cum 30 millibus virorum protunc venerat in sub- sidium. Diugoss. p. 240 sequ. giebt eine Lifte der einzelnen Abtheilun⸗ gen des Heeres; er weiß auch p. 220, daß zum Koͤnige Sendboten der Herzoge von Stolpe, Stettin und Meklenburg gekommen ſcyen, offeren- tes Regi contra Cruciferos ampla quidem fortia in verbis, in virtuie autem et effectu simultanea et ridenda subsidia. Kan tzow B. I. S. 448. Heinrich von Plauen nennt in einem Schr. vom 14. Decemb. 1410 (Fol. D. p. 263) als Kriegsvolker des Königes „allerley Ungläubige, Tataren, Beſſarmenier, Reuſſen, Wallachen, Samaiten und Litthauer.
Scanseite 89 · Druckseite 76
76 Stärke der Kriegsheere. (1410.) ſtark, zählte funfzigtaufend Mann aus Preuſſen und den nahen Ordenslanden, und dreiunddreißigtauſend Mann aus⸗ ländiſches Volk, meiſt Soldtruppen aus Deutſchland, alſo insgeſammt eine Macht von dreiundachtzigtauſend Streitern unter fuͤnfundſechzig Heerbannern, wovon ſiebenundfunfzig⸗ tauſend Mann Fußvolk und ſechsundzwanzigtauſend Reiter.“ Aber nicht bloß in der Uebermacht, ſondern auch darin ſtand der König im Vortheil, daß er feine Streitkraͤfte mehr auf einen Punkt ſammeln konnte, waͤhrend der Hochmeiſter die ſeinigen, wie wir geſehen, zum Theil auf einer weit aus⸗ gedehnten Linie vereinzeln mußte. Es ſchien ihm daher nothwendig, den Mangel ſeiner Streitkraft einigermaßen dadurch zu erſetzen, daß er aus dem Haupthauſe Marien⸗ burg und den andern nahen Ordensburgen, ſo viel in jeder von ſchwerem Geſchuͤtze irgend entbehrlich ſchien, aufs eiligſte ins Lager bei Kauernick bringen ließ; alſo war an Feld⸗ geſchütz das Ordensheer dem Feinde bedeutend uͤberlegen. Ueberdieß rechnete der Hochmeiſter auch ſicher darauf, daß der Koͤnig von Ungern, wie verabredet, in Polens Graͤn⸗ zen einbrechen und ſo einen Theil der feindlichen Macht bald anderwaͤrts beſchaͤftigen werde.) 1) Auch über die Starke des Ordensheeres läßt ſich keine ganz ſiche⸗ re Nachricht geben. Kantzow a. a. O. nimmt ſie gewiß zu gering auf nur 50,000 Mann an. Die gewöhnliche Angabe iſt 83,000; ſ. Bes ſchreibung der Tannenberg. Schlacht im Erläut. Preuſſ. B. IV. S. 393 auch in der Preuſſ. Gronica, de Wal T. IV. p. 316. Daß das Or⸗ densheer nicht ſtark genug war und deshalb den Sieg verlor, ſchreibt der Bericht im Fol. D. p. 205 dem zu Thorn aufgenommenen Tage zu; es beißt: alſo das der Orden von des tages wegen, den der herre konig czu Ungern mit deme von Polan uffnam ken Thorun, czu allen deßen unvorwintlichen ſchaden komen iſt, wend im yo alle die Soldener gerethen hetten, die deme von Polan gereten woren und hette ſich mit andern Rittern und knechten alſo ouch weder den von Polan geſterket, das her Im wol wederſtanden hette, hette her nicht groſſe hoffenunge czu dem frede gehat uff demſelbigen tage. N 2) Wir haben noch das Fragment einer Unterhandlung mit dem Könige von Ungern Schbl. VII. 30, wonach dieſcr verſprach, in eige⸗
Scanseite 90 · Druckseite 77
Einfall der Polen ins Gebiet des Ordens. (1410.) 77 Da brach der König, neu ermuthigt durch ein Schrei⸗ ben des Biſchofs von Kujavien, der ihm zu beweiſen wußte, daß er laut der Offenbarung Jehannis der ſiegreiche Be⸗ kaͤmpfer des Ordens ſeyn werde, ) noch während des Waf⸗ fenſtillſtandes am erſten Juli aus ſeinem Lager bei Ploczk auf und zog der Gränze Preuſſens naher, zwiſchen Biezun und Sierpe ein neues Lager ſchlagend, um von da aus die Drewenz zu uͤberſchreiten.) Von dort ſandten Herzog Semovit von Maſovien und alle Ritter und Edle aus frem⸗ den Landen dem Hochmeiſter ihre Entfagbriefe, um fi) im Streite wider den Orden an ihrer Ehre zu verwahren.“ Durch Sendung dieſer Briefe aber von des Feindes Stel⸗ lung am jenſeitigen Ufer und deſſen ſtarken Wehranſtalten zur Verhinderung des Ueberganges uͤber den Fluß jetzt ge⸗ nauer unterrichtet, aͤndert der Koͤnig ſeinen Plan, wirft ſich nach wenigen Tagen nordöstlich hin nach Soldau und ſchlaͤht dort ein Lager auf, denn es war dem Ordensmar⸗ ſchall, der mit den Komthuren von Oſterode und Stras⸗ burg und dem Vogte von Samland hier die Gränzwacht hielt, nicht moͤglich geweſen, die ſtarke feindliche Macht zurückzuhalten. ) Alſo ſtand der mächtige Feind nun ſchon im Gebiete des Ordens und am nämlichen Tage noch, dem ner Perſon mit einem ſtarken Heere in Polen einzubrechen. Alte Preuſſ. Chron. p. 43. 1) Bericht im Fol. F. p. 75. 2) Bericht im Fol. D. p. 204. 3) Die Originale dieſer Entſagbriefe, d. am T. Procopii 1410 Schbl. XX. 38. 9 Daß dort der Ordensmarſchall ſtand, erſehen wir aus einem Schreiben von ihm an den HM. (der damals zu Deutſch⸗Eilau war), d. Soldau zu Mitternacht vom Sonnab. zum Sonntag nach Viſitat. Maria 14103 er berichtet, daß der Feind nur noch drei Meilen von Soldau ſtehe. Am 7. Juli befand ſich der Komthur von Oſterode noch zu Neidenburg, von wo er dem Marſchall meldet: fo eben ſchreibe ihm der HM., daß er und der Vogt von Brathean mit den Ihrigen zujagen ſollten, fo daß er morgen früh mit all den Seinigen gerade auf Kauer⸗ nick zuziehen wolle.
Scanseite 91 · Druckseite 78
78 Einfall der Polen ins Gebiet des Ordens. (1410.) letzten des Waffenſtillſtandes, am achten Juli ward nicht nur die Stadt Soldau, ſondern durch einen ſeitwaͤrts ab⸗ geſandten Streithaufen zugleich auch Neidenburg unter Mord und Brand erſtuͤrmt.) Da erſchienen im koͤniglichen Lager abermals die Ge: ſandten aus Ungern, jetzt beim Eintritt ins Ordensgebiet dem Könige von Polen die Kriegserklaͤrung ihres Herrn zu überreichen. Er empfing fie nicht ohne bittere Worte über den Undank des, wie er vorgab, ihm hochverpflichteten Koͤ⸗ niges. „Wir laſſen uns, entgegnete er den Gefandten, mit⸗ nichten durch ſolche Drohung ſchrecken; unſere Sache iſt Gott anheim geſtellt und nach dem Rathe feines unerforſchlichen Gerichtes wird er ſie entſcheiden.“ Aus Beſorgniß jedoch, die Kriegskunde aus Ungern moͤge den Muth ſeines Heeres ſchwaͤchen, ließ er alles geheim halten? und brach nach wenigen Tagen nordwaͤrts gen Gilgenburg auf, wo er eine halbe Meile ſuͤdlich von der Stadt mit ſeiner Streitmacht lagerte.) Geſchuͤtzt durch ihre Lage inmitten zweier oſt⸗ und weſtwaͤrts liegender Seen, die nur einen engen Zugang geſtatteten, dabei vertrauend auf eine große Menſchenzahl, die zum Theil aus dem Lande dahin gefluͤchtet die Verthei⸗ digung ihrer Mauern uͤbernehmen konnte, auch durch Waͤlle und Graben ſtark befeſtigt, wies die Stadt ſtandhaft des Koͤniges Aufforderung zur Uebergabe zuruͤck. Allein am naͤch⸗ ſten Tage ſchon durch einen ſtarken Heerhaufen unter Wi⸗ towds Führung mit wildem Muthe angegriffen, fiel fie trotz der Tapferkeit ihrer Vertheidiger zum Theil durch Verraͤtherei zugleich mit der Burg dem ſtuͤrmenden Feind in die Hände. Sie erlag einem ſchrecklichen Schickſale. Da die Bewohner der Umgegend alle ihre Habe in ihre Mauern gebracht hat⸗ ten, ſo ſchien ſie dem Feinde uͤberaus reich und der wilde Krieger fand daher einen Raub, wie er ihn nicht vermuthet. 1) Dlugoss. p. 235. 2) Dligoss. p. 232 — 235. 3) Dlugoss. p. 235. Eindenblatt S. 216.
Scanseite 92 · Druckseite 79
Einfall der Polen ins Gebiet des Ordens. (1410.) 79 Aber damit nicht zufrieden trieb die Rachgier zu Mord und Graͤueln aller Art „ denn da meiſt rohes und blutduͤrſtiges Tatarenvolk die Stadt erſtuͤrmt hatte, fo kannte die Bar⸗ barei der Krieger keine Graͤnze in der Grauſamkeit. Faſt alle Maͤnner und Juͤnglinge erwuͤrgte das feindliche Schwert; weder dem Alter noch Geſchlechte galt einige Schonung. Eine große Zahl von Frauen und Jungfrauen hatten Rettung in der Pfarrkirche zu finden gehofft; allein ſie ward erſtuͤrmt; eine ganze Nacht beſudelten die barbariſchen Krieger den hei⸗ ligen Ort mit Laſtern und Miſſethaten jeglicher Art und nachdem fie ihre viehiſche Luſt geſtillt, laſen fie die fehönften Jungfrauen als Gefangene aus, ſchnitten andern die Bruͤſte ab, ſchloſſen die uͤbrigen am Morgen in die Kirche ein und ſteckten dieſe in Brand. Mit den geraubten Heiligthuͤmern trieben die Heiden Spott und Hohn, und als endlich die unglückliche Stadt nichts mehr darbot, was zur Saͤttigung der Raubgier und Sinnenluſt dienen konnte, ward ſie an allen Orten angezuͤndet und vom Feuer verzehrt. D Als die Kunde von dieſen graͤuelvollen Ereigniſſen ins Lager des Ordensheeres kam, ſetzte Zorn und Erbitterung alles in Bewegung. Voll Ingrimm verlangten die Gebie⸗ tiger, die Anfuͤhrer der Soͤldnerhaufen, das ganze Ordens⸗ heer verlangte einmuͤthig, dem Feinde ſofort entgegengefuͤhrt zu werden. In allen Kriegern war nur Ein Wunſch nach Rache am gottvergeſſenen Feinde; alle ſtimmten darin ein: es ‚ey beſſer, ehrenvoll dem Schwerte zu erliegen, als zu ſehen, daß ſolch graͤuelhafter Frevel uͤber Land und Volk komme. Noch am naͤmlichen Tage, am dreizehnten Juli brach der Hochmeiſter, ungern in ſolcher Eile, aus dem La⸗ ger bei Kauernick auf und zog nordwärts am Ufer der Dre⸗ „ 1) Alle Zeugniſſe ſtimmen über die an der Stadt Gilgenburg ver⸗ übte Grauſamkeit überein; vgl. Lindenblatt S. 216, deſſen Schil⸗ derung in einem Berichte über dieſe Vorgänge im Fol. E. p. 56 u. 111 beſtätigt wird. Plug oss. p. 236 berichtet Aehnliches, ebenſo ein Be⸗ richt im Fol. D. p. 204. Kojalowiez p. 85. 2) Bericht im Fol. D. p. 205 u. Fol. E. P. 56.
Scanseite 93 · Druckseite 80
80 Anzug und Schlachtordnung. (1410.) wenz fort, unfern von der Ordensburg Brathean vorüber, bis nach Lobau.) Dem großen Ordensbanner voran mit dem hochmeiſterlichen ſchwarzen und goldenen Kreuze, in der Mitte der goldene Schild mit dem ſchwarzen Adler folgten in großer Schaar die ausgezeichnetſten Ritter und des Mei⸗ ſters Hofgeſinde, der kleineren Hochmeiſter⸗Fahne die vor⸗ nehmeren Landesedle, Soldritter aus Deutſchland;? unter des Ordensmarſchalls Banner mit dem ſchwarzen Kreuze ſtan⸗ den die Franken, weil der Marſchall ſelbſt ein Franke, un⸗ ter dem des Herzogs Konrad von Oels mit dem ſchwarzen Adler die Schleſier, ſeine eigene Heerſchaar. Das Panier des heil. Georg mit dem weißen Kreuze im rothen Felde trug der tapfere Ritter Georg von Gersdorf,“ unter ihm die berühmteften und wackerſten Ritter aus allen deutſchen Landen. Um den Kulmiſchen Fahnentraͤger, Nicolaus von Renys, den Haͤuptling des Eidechſenbundes, in deſſen Hand ein weiß und roth geflammtes Banner mit einem ſchwarzen Kreuze wehte, hatten ſich die Buͤrger und Edlen aus Kulm 1) Lindenblatt S. 216. 2) ueber die verſchiedenen Heerbanner im Ordensheere find die ſ. g. Banderia Prutenorum a. d. 1410 zu vergleichen, über welche auch Kotzebue B. III. S. 369 einiges anführt. Die königl. Bibliothek zu Königsberg beſitzt ein Exemplar. Eine Vergleichung hat ergeben, daß Kotzebue das Werk nur zußerſt flüchtig benutzt und vielfach gefehlt hat. Bei Dlugoss. p. 24% seg. und im Erläut. Preuſſ. B. IV. S. 404, wo es ebenfalls benutzt iſt, ſind die einzelnen Namen vielfältig verſtümmelt. Das Werk beginnt mit dem Banderium Magistri Cruci- ferorum Maius et Minus. Unter dem erſtern ſtanden des HM. pracstan- tiores Curienses et Milites; unter dem andern Milites Cruciferorum ordinis magis notabiles et pracstantes et aliqui milites mercenarii, qui ex variis Almanniae parlibus advenerant et aliqui Curienses et Cubi- eularii Magistri. 3) Der Ritter wird Miles strenuus Georgius Kerzdorff genannt, To auch Diugoss. p. 244; an die neuere Familie Kersdorf iſt ſchwerlich zu denken; offenbar war es Georg von Gersdorf oder Geersdorf, denn im Soldbuche v. J. 1410 finden wir Ritter dieſes Namens unter den Rottenfuͤhrern, ſ. Lindenblatt S. 216.
Scanseite 94 · Druckseite 81
Anzug und Schlachtordnung. (1410.) 81 geſchaart.) In gleicher Weiſe folgten die Heerfahnen der einzelnen Komthure, die Banner der Biſthuͤmer, die Feld⸗ zeichen der Städte, die Feldpaniere der Soldnerhaufen, jeg⸗ liches mit ſeinen beſondern Zeichen und Farben, und alſo zog das geſammte Ordensheer bis Loͤbau hinauf; dort ſich oſtwaͤrts wendend ſetzte es eilig ſeinen Zug uͤber das Dorf Marwalde bis zum Dorfe Froͤgenau fort, wo der Meiſter ein Lager ſchlug. 9 Dem Koͤnige, noch im Lager unweit Gilgenburg, kam die Nachricht von des Feindes eiligem Heranzug unerwar⸗ tet.) Nachdem er den Befehl ertheilt, das Feldlager am naͤchſten Morgen abzubrechen, um dem feindlichen Heere am andern Tage entgegen zu gehen, traf er zunaͤchſt Anſtalt zur Sicherung des Gepädes, der Lebensmittel und zur Verwah⸗ rung und Bewachung der Gefangenen. d Mittlerweile führt der Großfürſt ohne Verzug mit des Königes Zuſtimmung die Streitmacht ſeiner Litthauer, Samaiten, Ruſſen und Tataren aus dem Lager hinweg und nimmt, bis in die Gegend zwiſchen den Doͤrfern Logdau und Faulen vorſchrei⸗ tend, dort eine feſte Stellung, um in weit ausgedehnter Linie durch vorliegende Gebuͤſche geſchuͤtzt, bis zum Abbruche das Lager des Königes gegen ploͤtzlichen Ueberfall zu decken.) — 1) Ohne Zweifel iſt der in Bander. Pruten. genannte Nicolaus dietus Nykss, vexilifer Culmensis, cbenfo Diugoss. p. 245 der Eis dechſen⸗Ritter Nicolaus von Renys. Klar wird dieß durch eine Anga⸗ be in m. Geſch. der Eidechſ. Geſellſch. S. 38, wo „Herr Niteze von Renys ein bannerfuͤrer im Colmeßelande“ genannt und beftätigt wird, was von ſeiner Feigheit berichtet wird, wovon gleich das Nähere. Da⸗ 1 berichtigt ſich, was Kotzebue B. III. S. 370 nicht zu erklaren eiß. > 2, In dem dieſem Bande beigegebenen Schlachtplanc bezeichnet durch a, b. e, d, f. 3) Lindenblatt S. 216. 4) Diugoss. p. 237. 5) Dieſer Vorauszug Witowds ging ohne Zweifel ſchon am 14. Ju⸗ li, am Cage vor der Schlacht vor fih; Kojalowiez p. 86, Linden⸗ N S. 217 ſagt ebenfalls, daß die heidnischen Völker vorauszogen. 6
Scanseite 95 · Druckseite 82
82 Anzug und Schlachtordmung. (1410.) Eine furchtbare Nacht ging dem unheilvollen Tage voran; ein ſchreckliches Ungewitter umwolft den ganzen Himmel; jeden Augenblick durchbrechen Blitze die grauſige Finſterniß; unaufhörlich rollt der Donner, wie in Strömen fällt der Regen und ein gewaltiger Sturmwind reißt bald in den Lagern beider Heere faſt alle Zelte nieder, jo daß kein Krie ger auch nur eine Stunde einige Ruhe genießen kann.) Und als der Morgen des ungluͤckſeligen Tages anbrach, — es war der funfzehnte Juli — tobte der wilde Sturm in gleicher Stärke fort. Das Ordensheer hatte mit Tagesanbruch ſein Lager verlaſſen und zum Theil einen Weg von drei Meilen zuruͤck⸗ gelegt, als die aͤußerſten Vorpoſten auf einer Höhe angelangt den Vortrapp von Witowds Heerhaufen am aͤußerſten Ende eines kleinen Gehoͤlzes erſpaͤhten. Hievon benachrichtigt, ſtellte der Hochmeiſter alsbald ſeine Streitmacht ſuͤdwaͤrts vom Dorfe Gruͤnwalde in drei Schlachtreihen auf, die erſte mit dem rechten Flügel an ein Gehoͤlz, mit dem linken an das Dorf Tannenberg angelehnt, 2 die zweite in gleicher Richtung in angemeſſener Entfernung hinter ihr, die dritte in zwei beſondere Streithaufen getheilt als Ruͤckhaltstruppen in der Nähe von Gruͤnwalde aufgeſtellt.) Auf beiden Fluͤ⸗ geln der erſtern Schlachtreihe legte der Meiſter in einiger Entfernung kleinere Heerhaufen zur Deckung aus. ) Eine anſehnliche Streitmacht war im Feldlager bei Froͤgenau zur Bewachung des Gepaͤcks und Troßes zurückgeblieben. So geordnet erwartet das Ordensheer des Feindes Anzug. Der Koͤnig war mittlerweile, noch vor Tagesanbruch aus ſeinem Lager bei Gilgenburg aufbrechend und die Fuͤh⸗ rung ſeines Heeres dem Schwerttraͤger von Krakau Zindram 1) Dlugoss. p. 237 — 238. 2) Schlachtplan g, h, k, I, m, n. 3) Schlachtplan o, p. 4) Schlachtplan s, t. Beim Dorfe Scemen war noch ein kleiner Heerhaufe zur Feſthaltung des dortigen Ueberganges aufgeſtellt, im Schlachtplan bei v.
Scanseite 96 · Druckseite 83
Anzug und Schlachtordnung. (1410.) 83 von Maſchkowycz/ einem kleingeſtalteten, aber ußerſt ta⸗ pfern und umfichtigen Kriegsmanne anvertrauend, über das Dorf Oſchekau vorgeſchritten, um ſich von dort aus an Witowds Heerſchaar anzuſchließen, und als dieß geſche⸗ hen war, ſtanden die feindlichen Heere ſich bereits ſo nahe, daß fie einander wahrnehmen konnten, doch das des Koͤni⸗ ges noch ungeregelt und ohne Ordnung. Hatte der Hoch⸗ meiſter dieſen Augenblick benutzt, um im Sturme auf den Feind einzudringen, der Tag haͤtte gewiß ganz anders ge⸗ endet.) Allein es nahete ſchon die Mittagszeit und über drei Stunden lang ſtand bereits das Ordensheer in Schlacht⸗ ordnung, ohne daß man im Polniſchen Heere irgend An⸗ ſtalt und Vorbereitung zum Kampfe wahrnahm, denn es hielt ſich größtentheils in den dortigen Wäldern und Gebuͤ⸗ ſchen verſteckt.) Der Koͤnig, obgleich von der Aufſtellung des Feindes in Schlachtordnung laͤngſt unterrichtet, zauderte fort und fort ſeine Streitmacht zum Kampfe zu ſtellen; hinter froͤmmelnden Gebeten ſeinen zaghaften Geiſt verber⸗ gend verweilte er in ſeinem Kriegszelte, auf einer maͤßigen Anhoͤhe unfern vom Lauben⸗See. Wiederholt verkuͤnde⸗ ten ihm ankommende Boten des Feindes drohende Stellung, die Möglichkeit eines plöglichen Ueberfalls; vergebens bot der Großfuͤrſt alles auf, ihn zur Aufſtellung der Schlacht⸗ ordnung und zum Beginne des Kampfes zu bewegen, ihm die dringendſte Gefahr im ſernern Verzuge vorſtellend. ) Da ſandte der Ordensmarſchall Friederich von Wallen⸗ rod — denn alſo war es in ſolcher Lage Kriegsgebrauch, I) Diugoss, P. 226. 2) Lindenblatt S. 217 ſagt wenigſtens: Dy polan worin gar ungewarnet; Hetten ſie (die Ordensgebictiger) den koning von ſtadin an⸗ gegriffen, ſie mochtin gut und ere habin irworbin, unde das geſchach leider nicht. Dlugoss. p. 239. 8) Dlugoss. p. 238 — 239, 4) Schlachtplan 1. Dlagoss. p- 238 — 239 nimmt es begreiflicher Weiſe mit dem Gebete und der Frömmigkeit des Königes ſehr ernſt. 5) Diugoss. I. c. 6 *
Scanseite 97 · Druckseite 84
84 Anzug und Schlachtordnung. (1440.) wie einige kriegskundige Edle im Ordensheere verſicherten — ohne des Hochmeiſters Beirath dem Könige zwei He⸗ rolde zu, der eine, Herold des Koͤniges Sigismund, den ſchwarzen Adler im goldenen Felde, der andere, ein Herold des Herzogs von Stettin, den rothen Greif im weißen Felde auf der Bruſt tragend. Vor dem Koͤnige und Wi⸗ towd erſcheinend boten ſie ihnen zwei bloße Schwerter ent⸗ gegen, hinzufuͤgend: „es iſt Brauch kriegeriſcher Streiter, wenn ein Kriegsheer zum Kampfe bereit des andern war⸗ tet, ſo ſendet es dieſem zwei Schwerter zu, um es zum gerechten Streit auf den Kampfplatz zu fordern. Sehet, ſo reichen auch wir euch jetzt zwei Schwerter entgegen, das eine für euch, den König, das andere für euch, Herzog Witowd, im Namen des Meiſters, des Marſchalls und der Ritter des Ordens, auf daß ihr den Kampfplatz erwaͤh⸗ let, wo ihr ihn wollt. Nehmet ſie euch zu Huͤlfe, dieſe Schwerter, zum Beginne des Streites. Aber zaudert nicht ferner und verſaͤumet nicht die Zeit. Wozu verſteckt ihr euch in die Waͤlder und verberget euch, um dem Kampfe zu entfliehen, dem ihr fuͤrwahr doch nicht mehr entgehen konnt?“ Der König antwortete: „Wir haben nie von einem andern Huͤlfe erbeten außer von Gott; in ſeinem Namen nehmen wir auch dieſe Schwerter an; doch die Wahlſtatt zu waͤhlen, geziemt uns nicht; wo ſie Gott uns giebt, wollen wir ſie nehmen als gegeben und erwaͤhlt!“ Alſo ſchieden die Herolde von dannen.“ 1) Die Berichte weichen hier von einander ab. Lindenblatt S. 217 ſchreibt die Sendung der Herolde dem Marſchall zu, ohne an die hergebrachte Sitte zu erinnern. Der Fol. E. giebt uns in verſchie⸗ denen Stellen die Anſicht der Ordensritter, wie die der Polen. In Betreff der erſtern heißt es P. 111: Magister statim die altera cum suis exercitibus campo Regis approximare studuit, ita quod tandem ei- em sie inopine appropinquavit, quod ambo exercitus se mutuo pote- rant intueri, et quia Magister cum tota gente sna tria miliaria alma- nien illo mane transiverat, populus tam ex armis, quam ex itinere fa- tigatus nec copiam pusne habere potuit nec etiam locum gnielis, et sic sine refeclione sub tedio et lassitudine exhaustus usque ad meri-
Scanseite 98 · Druckseite 85
Schlacht bei Tannenberg. (1440.) 85 Jetzt ward das Polniſche Heer zur Schlacht geordnet. Der Großfürft mit feiner Streitmacht und einem Theile der diem steterunt. Regis enim exercitus morabatnr immobilis nemoribus inclusns. Quapropter milites et alii Nobiles, qui bellis plurimis inter- fuerunt et heraldi tune ibidem existenles suaserunt Marschaleo ordinis dieentes: esse de more et consuetudine pugnancinm, quando unus ex- ercitus esset paratus et alium exspeetando afliceretur, quod tune alteri parti ad veniendum ad bellum honestum esset ıniltere gladios ad vo- candum eos ad campum, ne alia pars expectando deſicerei, et sic marschaleus inconsulto Magistro istus gladios non in contempium Regis nec ex superbia, sed ex informacione heroldorum expertorum in tali negocio, ne altera pars in expectando deficeret, misit gladios. — Im Berichte des Königes heißt es p. 88: Congregatis genlihus armorum et exereilibus nostris eisdem Magistro Ulrico et fratribus Theut. de Prns- sia cum maximis exercilibus per ipsos eontra nos congregatis, proces- Simus in ocenrsum ct tandem dum exercitus ipsorum et nostri Lam prope eonvenerant, quod se videre intuitu oeulato, ibi nos slelimus cum nostris exercitibus fixi et satis pacientes, exspeetantes aliquam spem concordie, que in talibus casibus frequenter provenit ab hiis, ani ellnsjonem sanguinis bumani non diligunt, sed abhorrent. Ipsi autem impatientes et elati in tumorem superbie fer semper avidi made- ficri sanguine christiano, qnid fecerunt? Nobis cum exercilibus no- stris sic fixe et pacifice stantibns Spemgne concordie prestolantibus et petentibus el ecce per quosdam heraldos et signanter per Ramrich, he- raldnm Seren. prineipis dom. Sigismundi Roman. Regis, magistri or- diuisque et marscalei iussionibus dno gladii nobis sunt presentati, quo- rum altero quilibet, videlicet nos cum fratre nostro domino duce Wi- toldo se defenderet, et nobis prelium indictum est per eosden heral- dos sub hiis verbis: Eece offerimus vobis duos gladios, pro vobis, Rex unum et pro vobis, dux Witolde , alternm ex parte magistri et Marscalei et fratrum Ord. Theut., ut eligatis vobis campum in qua- enngue parte volueritis. Tlabeatis ergo vobis istos gladios in subsi- dium ad prineipium congressionis in prelio vobiscum faciende, et non tardetis nec Leınpus negligatis, cur in silvis latitatis, eur vos abscon- ditis, quare bellum subterfugitis, quod utique evitare non potestis. Hiis et cousimilibus verbis non ad pacem, sed ad prelinm et efusio- nem sanguinis nostros animos irritantes; ad hee autem non sine ma- gna mansnetudine ipsis respondemns inquientes: Auxilium aliquod nun- quam ab alio nisi a deo quesivimus, et istud nobis nune assumimus, in euius nomine et hos duos gladius recepimus, hoc attendentes, guoıl nobis non licet campum eligere, nisi in qua parte nobis campum de-
Scanseite 99 · Druckseite 86
86 Schlacht bei Tannenberg. (1410.) Tataren den rechten Fluͤgel bildend ruͤckte zuerſt weiter vor und ſtellte ſich dem Ordensheere in drei Schlachtreihen ge⸗ genuͤber; in gleicher Weiſe darauf auch der König mit ſei⸗ nem Polniſchen Kriegsvolke auf dem linken Fluͤgel, der ſich links an ein Gehoͤlz dicht neben einem ſumpfigen, unweg⸗ ſamen Wieſengrund anlehnte, waͤhrend der rechte Fluͤgel ſich rechtshin bis an den Thalrand des kleinen Fluſſes Ma⸗ ranſe ausdehnte. ) Hinter dieſen Schlachtlinien in maͤßi⸗ ger Entfernung wurden zwei kleinere Streithaufen vierfach geſchaart als Ruͤckhaltstruppen aufgeſtellt. Se thätiger aber und muthvoller fi) Witowd feinen Kriegsvoͤlkern zeigte, hier ordnend, dort ermunternd, bald unter dem einen, bald unter dem andern Haufen die noͤthigen Befehle ertheilend, um ſo zaghafter, beſorgter und muthloſer bewies ſich im⸗ mer noch der Koͤnig, denn nachdem er nur in wenigen Worten die Seinigen zum Kampfe ermuntert, uͤberließ er des Heeres weitere Stellung und Fuͤhrung ſeinem Feldherrn Zindram, ſich ſelbſt von einer zahlreichen Leibwache um⸗ ſchaart, zu den Ruͤckhaltstruppen zuruͤckziehend, fo daß lange Zeit die Fuͤhrer des Heeres nicht wußten, wo ſich der König aufhielt. So ganzlich gebrochenen Muthes hatte er ſogar in banger Vorſicht bereits von Ort zu Ort die noͤthigen Roſſe zur etwanigen Flucht aufſtellen laſſen. 9 dit, hune accipere volumus pro donato et electo. — Alſo nicht der HM. ſandte die Schwerter, wie Dlugoss. p. 250 ſagt, ſondern der Marſchall und zwar inconsulto Magistro. Daß das eine oder beide Schwerter in Blut getaucht geweſen und man den König dadurch zur Wahl des Friedens oder Krieges habe auffordern wollen, iſt offenbar eine untergeſchobene Nachricht fpäterer Chroniſten; Schütz p. 102, Kantzow B. I. S. 448. Ob aber, die Herolde wirklich mit ſolchem Stolze und der König mit ſolcher Gelaſſenheit geſprochen haben, wie die Polniſchen Berichte angeben, wer kann es wiſſen? Im Allgemeinen ſtim⸗ men die Chroniſten im Inhalt der Reden ziemlich überein, Plug oss. ift daruͤber, wie gewohnlich, ſehr breit, Lindenblatt hier zu karg. I) Schlachtplan 3. 4. 6. 7. 2) Schlachtplan 5. 8. 3) Selbſt Plugoss. p. 253 kann das frommelnde, muthloſe und
Scanseite 100 · Druckseite 87
Schlacht bei Tannenberg. (1410.) 87 Hätte man im Ordensheere den Sieg durch ſchnellen Ueber: fall und liſtiges Ueberraſchen des Feindes erringen wollen: ein plötzlicher Angriff auf das im Ganzen noch wenig ge⸗ ordnete feindliche Heer haͤtte unfehlbar auch jetzt noch den Waffen des Ordens eine guͤnſtige Entſcheidung gegeben. Allein der Koͤnig war durch Herolde zu einem offenen und gerechten Kampfe aufgefordert und wie es ritterliche Sitte war, erwartete man ſeiner auf offener, freier Wahlſtatt. ) Daher blieb, wie es ſcheint, auch mancher andere dem Ordensheere ſich guͤnſtig bietende Vortheil vor dem Beginne der Schlacht unbenutzt. Es war um die Mittagszeit, der Sturm des Morgens hatte ſich gelegt, vom heiten Himmel fach eine ungewoͤhn⸗ liche Sonnenhitze, als Fuͤrſt Witowd, uͤber des Koͤniges ferneres Zoͤgern ungeduldig, mit ſeiner Streitmacht vor⸗ warts ſchreitend, auf dem rechten Flügel den Kampf be: feige Benehmen des Königes nicht gut heißen; auch Kantzo w a. a. O. ſchildert ihn höchſt verzagt, weich und weinerlich. Bei Kotzebue ver⸗ gießt er nicht weniger als dreimal Thränen auf dem Schlachtfelde! 1) Lindenblatt S. 217. 2) Die gewöhnlich in die Beſchreibung der Schlacht eingeflochtene Erzählung von dem Böhmiſchen Ritter Methodius von Trutenau oder Trautenau (ſ. Baczko B. II. S. 323, Pauli B. IV. S. 251, Kotzebue B. II. S. 104 u. a.) iſt höchſt wahrſcheinlich nur eine Fa⸗ bel des Mönchs Simon Grunau Tr. XV. C. XI. S. 3, der ſie zuerſt hat und aus dem ſie zu Henneberger p. 447, Waißel p. 134 und einigen anderen Chroniſten übergegangen iſt. Es fehlt ihr alle früͤ⸗ here Auctorität bewaͤhrter Zeugen, ſelbſt der ſo umſtändliche Diugoss., der auch fo manches von den Böhmiſ. Soldtruppen im köonigl. Heere erzählt, kennt den Ritter und die ganze Erzählung nicht, eben fo wenig Lindenblatt, die Ordenschron., Schütz u. a. Es entgeht ihr au⸗ ßerdem, wie Simon Grunau fie zuerſt erzählt, auch alle innere Glaubwürdigkeit. Wie albern klingt z. B. ſchon die Antwort, die der H. dem feine Dienſte anbietenden Ritter gegeben haben fol: „Ich bin Ulrich von Gottes Gnaden Homeiſter in Preuſſen und nicht Chriſtus, ich darf keines Verraͤthers nicht u. ſ. w. — Der Schlachtplan indeß hat den Ritter noch aufgenommen und ihm eine Stellung ſuͤdlich von See⸗ walde nr. 12 angewieſen.
Scanseite 101 · Druckseite 88
88 Schlacht bei Tannenberg. (141C.) gann. Es erhob ſich beiderſeits ein gewaltiges Kriegsge⸗ ſchrei, als die Heere im Anſturme ſich näherten. Man empfing im Ordensheere von der Höhe herab den anruͤcken⸗ den Feind mit dem ſchweren Geſchuͤtze, deſſen Donner ſich bald auf der ganzen Schlachtlinie immer weiter ausdehnte. Weil indeß das Geſchoß von der Anhöhe gegen die feind⸗ lichen Reihen keine beſondere Wirkung zeigte, ſo ſchwieg es auf des Meiſters Befehl und es ſtuͤrmten nun plotzlich die beiden Schlachtreihen des Ordens unter erneuertem Schlachtrufe gegen die feindliche Heeresmacht auf das ebene Blachfeld herab, alſo daß nun erſt der eigentliche Kampf begann. ) Es war ein furchtbares Zuſammentreffen; hier wie dort ward mit unglaublicher Tapferkeit gefochten. Stun⸗ den lang ſtand Mann gegen Mann, Waffe gegen Waffe. Wenn nicht der Tod die Reihen durchbrach, raͤumt keiner ſeinen Platz; jeder will fuͤr den Sieger gelten. Meilen⸗ weit hört man den Donner des Geſchuͤtzes, das Waffenge⸗ klirr und Schlachtgeſchrei der Kaͤmpfenden. Hin und her wogen die Streitmaſſen, aber uͤberall gleicher Heldenmuth mit gleichem Gluͤcke. Da wankt endlich auf dem rechten Fluͤgel Witowds Streitmacht der Litthauer, Ruſſen und Tataren; die Kraft ihres Widerſtandes ſcheint ermattet. Als dieß der Hochmeiſter gewahrt, verſtaͤrkt er eiligſt feinen linken Flügel durch neue bedeutende Streitkraͤfte, um dort mit größerer Macht in Witowds Haufen einzudringen. Bald iſt deſſen erſte Schlachtreihe auf die zweite zuruͤckgeworfen, dann auch die zweite auf die dritte. Jetzt iſt alle Ordnung aufgelöft und da man in den Schlachthaufen, wo die Mäh⸗ riſchen und Boͤhmiſchen Soͤldner fochten, auch das Banner des heil. Georgs, des Schutzheiligen ſtreitender Ritterſchaft, nicht mehr wehen ſieht, entſinkt dem Heere aller Muth; 1) So Diugoss. p. 254. Die fpäter näher erwähnte Inſchrift zu Krakau ſagt: Nam presumtuosa eohors hec cruciferorum Locarst aciem licet locis elevatis Montanis ut sie yma eieius premat.
Scanseite 102 · Druckseite 89
Schlacht bei Tannenberg. (1410.) 89 Alles ergreift die Flucht; ſelbſt eine bedeutende Schaar von Polen, welche zunächft geſtanden, wird vom Strome der Fliehenden mit fortgeriſſen. Witowd bietet alles auf, die flüchtigen Haufen zum Stillſtand zu bringen. Umſonſt! Hitzig von den Ordenskriegern verfolgt wird ein Theil der Litthauer und Tataren in die Sumpfgegend des Maranfe: Fluſſes getrieben und findet dort ſeinen Tod; einen andern auf der Flucht gefangen erwuͤrgt das feindliche Schwert. Nur zwei der fliehenden Heerhaufen fanden Rettung; der eine ſich nordwaͤrts wendend erreichte gluͤcklich die Brucke der Maranſe bei Seewalde; der andere ſuͤdwaͤrts fliehend entkam uͤber Faulen nach Neidenburg und jagte in unun⸗ terbrochener Flucht bis nach Litthauen fort, hier überall die Nachricht vom Verluſte der Schlacht verbreitend. ) Jetzt ſtanden von Witowds geſammter Streitmacht nur noch drei Fahnen von Ruſſen aus Smolensk auf dem Kampfplatze. Sich ſchnell mit den hinter ihnen ſtehenden Rüͤckhaltstrup⸗ pen verbindend hielten fie den ſtͤrmenden Angriff der vor⸗ dringenden Ordenskrieger mit wackerem Muthe aus, ſelbſt dann noch als die Mannſchaft einer ihrer Fahnen geworfen und faſt ganz vernichtet war, bis es unter beſtandigem Kampfe ihnen gelang, ſich an die ſtärkere Macht der Polen wieder anzuſchließen. 2) Bereits waren für die Ordenswaffen auch auf dem lin⸗ ken Fluͤgel des feindlichen Heeres, wo die Hauptmacht der Polen unter Zindrams Führung kaͤmpfte, bedeutende Vor⸗ theile errungen. Zwar fochten dort die koͤniglichen Schaaren mit außerordentlichem Muthe; allein im wilden Andrange des Ordensheeres ward das große Polniſche Reichspanier mit dem weißen Adler niedergeworfen und vom Feinde ge⸗ nommen.) Schon weicht des Koͤniges Streitmacht vom Kampfplatze mehr und mehr zuruck und während des Mei⸗ 1) So vorzüglich Dlugoss. p. 255, vgl. Kojalowiez p. 87. 2) Diugoss. I. c. 3) Daß das RNeichspanier von den Ordensrittern erobert worden ſev, ſagt Dingoss. p. 257 nicht beſtimmt.
Scanseite 103 · Druckseite 90
90 Schlacht bei Tannenberg. (1410.) ſters Schlachtreihen mit ſteigender Kampfluſt immer heftiger in den Feind eindringen, erſchallt auf der ganzen Linie des Ordensheeres der Siegesgeſang: „Chriſt iſt erſtanden.“ “) Hätte ſich jetzt der linke Flügel der Ordensritter, ſtatt den geſchlagenen Feind in die Weite zu verfolgen und ſich mit Beute zu beladen, mit dem rechten vereint mit geſammter Macht auf die feindlichen Reihen geworfen, die Entſchei⸗ dung des Tages waͤre unfehlbar anders gefallen. Da ſpreng⸗ ten aber eiligſt auf Zindrams Anordnung die Ruͤckhaltstrup⸗ pen der Polen, aus Söldnern, Kriegsgaͤſten und Tataren be⸗ ſtehend, auf dem Wege von Oſtrowit bis an den Außerften linken Flügel des Polniſchen Heeres vor, dem rechten Fluͤ⸗ gel des Ordensheeres dort eine uͤberwiegende Macht entge⸗ genſtellend.) Fuͤrſt Witowd war alsbald nach der Seinen Flucht dem Könige zugeeilt, ihn beſchwoͤrend, fi) dem kaͤm⸗ pfenden Heere zu zeigen und durch ſeine Gegenwart den ſinkenden Muth zu erheben, denn auch bis jetzt noch hielt er ſich zaghaft im Hinterhalt verborgen. Endlich durch Wi⸗ towds muthiges und entſchloſſenes Wort mehr ermannt, nähert er ſich dem Heere, doch immer nur von ferne und durch eine ſtarke Leibwache geſchuͤtzt.) Die Kaͤmpfenden gewinnen friſchen Muth, als es gelingt, dem Feinde das Reichspanier wieder zu entreißen. Der König, feine dritte Schlachtreihe jetzt theilend, verftärft mit dem einen Theile die beiden vordern, ſo daß ſie dem Feinde nun weit uͤber⸗ legen ſind; mit dem andern eilt Fuͤrſt Witowd auf den rech⸗ ten Fluͤgel, dort dieſe neuen Streitkraͤfte mit feinen Ruͤck⸗ haltstruppen und den wiedergeſammelten Litthauern verei⸗ nigend, alſo daß die Schlachtordnung auf jenem Punkte bald wieder hergeſtellt iſt. Jetzt tobt der Kampf mit ver⸗ doppelter Macht und in noch größerer Ausdehnung. 1) Lindenblatt S. 217. 2) Lindenblatt a. a. O. druckt dieß mit den Worten aus: des qwomen ſyne geſte und Soldener, als deſe nu vormut worin unde troffin myt yn uff die Syte. S. die Stellung auf dem Schlachtplan bei 9. 10. 11 3) Diugoss. p. 255. 257.
Scanseite 104 · Druckseite 91
Schlacht bei Tannenberg. (1410.) 91 Dieß war der Augenblick, in welchem die unglüdfelige Entſcheidung begann. Im Mittelpunkte des königlichen Heeres eine bedeutende Uebermacht und die zwei neugeord⸗ neten Heerhaufen auf den beiden Fluͤgeln draͤngten die Streit⸗ ſchaaren des Ordens bald mehr und mehr zuruͤck. Die Schlacht wankte ſchon, als eben jetzt die Ordenshaufen, die den geſchlagenen rechten Fluͤgel des Feindes verfolgt, beu⸗ tebeladen auf den Kampfplatz zuruͤckkehrten und beim An⸗ blick der den Ihrigen drohenden Gefahr den Raub von ſich werfend ihren Kampfgenoſſen zueilten, um ihre Kraft zu verſtaͤrken.) Allein das ſinkende Waffengluͤck war nicht wieder aufzurichten. Zwar drang des Meiſters Streitmacht im Mittelpunkte noch einmal mit wildem Anſturm in die feindlichen Reihen vor; es ward mit beiſpielloſer Tapferkeit gefochten und als der tapfere Ritter Leopold von Kokeritz jetzt mitten unter den Schlachthaufen den Koͤnig in glaͤn⸗ zender Ruͤſtung wahrnahm, ftürzt er mit eingelegter Lanze reißend auf ihn ein, mit ſeinem Tode des Tages Schickſal zu entſcheiden; von des Koͤniges Schreiber aber, Sbigneus von Oleßnitz vom Roſſe geworfen, erlag der Ritter unter den Schwertern der koͤniglichen Begleiter.) Allein der An⸗ griff des Ordensheeres ward nicht nur hier mit aller Macht zurückgeworfen, ſondern die Heerhaufen des Koͤniges hatten mittlerweile auch auf den beiden Flügeln fo bedeutende Vor⸗ theile gewonnen und eine ſo guͤnſtige Stellung genommen, daß der Sieg fuͤr ſie ſchon faſt außer Zweifel war. Auf dem aͤußerſten linken Fluͤgel war es den dorthin geſtellten Huͤlfsvölkern, Kriegsgaͤſten und Söldnern gelungen, den gegenuͤberſtehenden Feind nach einem blutigen Kampfe zu⸗ ruͤckzuwerfen. Darauf hatten fie ſich des dort liegenden Ge⸗ hoͤlzes bemaͤchtigt und durch dieſes gedeckt den aͤußerſten rech⸗ 1) Dlugoss. p. 257. 2) Dlugoss. p. 258 — 259 ; hier wird der Ritter Dippoldus Kiker- zicz Missnensis genannt; ohne Zweifel aber iſt Leopold von Koͤkeritz aus dem Meißniſchen gemeint, denn dieſen finden wir wirklich unter den Sold⸗ rittern im Ordensheere aufgeführt.
Scanseite 105 · Druckseite 92
92 Schlacht bei Tannenberg. (1410.) ten Fluͤgel des Ordensheeres durch fortwährende Angriffe ge⸗ nöthigt, eine zuruͤckgebogene Flanke zu bilden. Dieß hatte hier die Kraft der Schlachtlinie des Ordens außerordentlich geſchwaͤcht, aber zugleich den nach dem Mittelpunkte zu ſte⸗ henden Streitmaſſen des Koͤniges den Kampf mit dem ge⸗ ſchwaͤchten Feinde bedeutend erleichtert. Hier alſo konnte das Ordensheer unmdͤglich lange mehr Widerſtand leiſten. In gleicher Weiſe hatte auf dem rechten Fluͤgel Witowds wiederhergeſtellte Schlachtreihe, durch das Beiſpiel der Ta⸗ pferkeit des Fuͤrſten ſelbſt zum Kampfe neu ermuthigt, den linken Flügel des Ordensheeres bedeutend zuruͤckgedraͤngt. Die Erbitterung der Kaͤmpfenden ſtieg mit jedem Augen⸗ blicke. Es gelang jetzt einem ausgeſandten Heerhaufen die noͤrdlich vom Dorfe Tannenberg ſtehende Streitſchaar des Ordens aus ihrer Stellung zu werfen und da es dann auch gluͤtkte, mit Huͤlfe des weiter ausgedehnten Fluͤgels des Großfuͤrſten ſich jenes Dorfes zu bemaͤchtigen, ſo war auch dort der linke Fluͤgel des Ordensheeres gezwungen, eine zuruͤckgebogene Stellung zu nehmen. Alſo hatte jetzt der Feind die noch kaͤmpfende Streitmacht des Ordens auf bei⸗ den Seiten umfaßt.) Während der eine Flügel nordwaͤrts von Tannenberg ab bald bis an den dortigen Bruch zuruͤck⸗ getrieben war und der andere ſich ſchon an das vom Dorfe Gruͤnfeld an der Semnitz hinliegende ſumpfige Wieſenland anlehnte und hier wie dort unter verzweifelten Kämpfen Leichen ſich auf Leichen thürmten, gluͤckte es dem koͤniglichen 1) Dieſe Stellung deutet Lindenblatt a. a. O. kurz mit den Worten an: Des Königes „geſte und Soldener — troffin mit yn (den Ordenskriegern) uff die Syte, unde die heiden uff die andir unde umb⸗ gobin fie.” Bald nachher giebt der Chroniſt zu verſtehen, daß der Hauptgrund des endlichen Verluſtes der Schlacht darin gelegen habe, weil man den König in ſeiner Macht zu gering geachtet, der Orden im⸗ mer mit ſeiner ganzen Streitmacht, der König dagegen „als mit uffateze mit hufin“ mit neuen, friſchen Haufen geſtritten habe, „denn, ſagt er, das brochte dem Orden groſin ſchadin und dem konige und den ſinen gro⸗ ſin frommen czu erim geluͤcke und ſege.“ Kantzow p. 448.
Scanseite 106 · Druckseite 93
Schlacht bei Tannenberg. (1410.) 93 Heere im Mittelpunkte, die immer mehr geſchwaͤchte Streit⸗ macht des Ordens auch dort Schritt vor Schritt zuruͤckzu· drangen, alſo daß die noch übrigen Schlachthaufen von drei Seiten her durch den einſtuͤrmenden Feind auf einen immer engern Raum zuſammengepreßt wurden.“) So war die Schlacht zum Unheil des Ordens ſchon entſchieden, die beiden Schlachtreihen theils aufgerieben und ihrer Fuͤhrer beraubt, D theils zerriſſen und zerworfen, alles in Unordnung und Auflofung, im ferneren Kampfe keine Rettung mehr denkbar. Da riethen mehre Gebietiger und Hauptleute in des Hochmeiſters Umgebung zum Ruͤckzuge, um mit der geretteten Mannſchaft ſich in die wichtigſten Burgen des Landes zu werfen und dieſe gegen den Koͤnig zu vertheidigen. „Das ſoll, fo Gott will, nicht geſchehen, erwiederte der Meiſter, denn wo ſo mancher brave Ritter neben mir gefallen iſt, will ich nicht aus dem Felde reiten.“ Und alsbald ſtellte er ſich an die Spitze von noch ſechzehn Faͤhnlein friſchen Volkes, die bis dahin noch nicht am Kam⸗ pfe Theil genommen und unfern vom Dorfe Gruͤnfeld im Rückhalte geftanden hatten, die letzte noch Übrige Kraft ſei⸗ nes ganzen Heeres. Sie folgten ihm gegen den Feind. Pldtzlich aber warf ſich im Vorruͤcken ein Theil in die Flucht. Der Bannerführer vom Kulmerland, Nicolaus von Renys, der Häuptling des Eidechſen⸗Bundes und einige andere Ritter und Knechte derſelben Landſchaft waren es, die ihre und mehre andere Paniere unterdruͤckend aus dem Streithaufen wie feige Verräther entwichen.) Da ſchwenkt 1) Dlugoss. p. 257. 2) Dingoss. I. e. 3) Vgl. Lindenblatt S. 217. Voigt Geſch. der Eidechſ. Ge⸗ ſellſch. S. 38. Wahrſcheinlich bezieht ſich darauf auch Dlugoss. p. 259. In Bander. Pruten. heißt es: Banderium Civitatis Culmensis, quod ferebat Nicolaus dietus Nykss (5. e. Renys) .naeione Suevus vexilifer Culmensis, quem magister Prussiae postea quasi parum fideliter egis- set capite damnavil. Cnius duetores erant Janussius Orzechowsi et Cunradus de Kopkow milites. Habet antem verior assereio aliorum,
Scanseite 107 · Druckseite 94
94 Schlacht bei Tannenberg. (1410.) an der Spitze der Ordensſchaar ein ritterlicher Held, auf einem weißen Streitroſſe hervorglaͤnzend, den übrigen Fuͤh⸗ rern zum Zeichen, ſeine Lanze gegen die feindlichen Reihen hin, den Seinen mit maͤchtiger Stimme zurufend: Herum! Her⸗ um! Es iſt der Meiſter, der feine Streitſchaar dorthin fuͤh⸗ ren will, wo er das große koͤnigliche Panier mit mehren andern wehen ſieht.) Die Hauptleute im feindlichen Heere, als ſie den friſchen Heerhaufen heranſprengen ſahen, waren unge⸗ wiß, ob es Deutſche oder Litthauer ſeyen, denn die Form ihrer Lanzen deutete auf letztere hin.“ Dieß näher zu er⸗ kunden, ſprengt der kuͤhne Polniſche Ritter Dobeslav Oleſ—⸗ niczky mit gefaͤllter Lanze gegen die Schaar und ſchleudert, als der Hochmeiſter ihm aus dieſer zueilt, dieſem fein Ges ſchoß entgegen; doch rettet ihn im Augenblick das Beugen ſeines Hauptes, ſo daß es daruͤber hinwegfliegt. Der Wurf⸗ ſpieß des Meiſters durchbohrt nur des Gegners Streitroß. Es war der letzte Augenblick ſeines Lebens; denn als⸗ bald ſtuͤrzt eine mächtige feindliche Reiterſchaar auf die Faͤhn⸗ lein des Meiſters ein; zum letztenmale beginnt ein furcht⸗ bares Mordgewuͤhl, blutiger noch als je zuvor. Das Ordensvolk mit ſeiner letzten Kraft kaͤmpft und ringt mit — quod prefatus Nicolaus Niksz miles Svevus et Culmensis Banderii ve- zilifer non fuit a Magistro Prussiae Henrico de Plawen, qui Ulrico de Junigien in prelio magno oceiso successerat, ob aliquod erimen perſi- diae oceisus. Erat enim miles ct Heroieus et in armis magni precii, sed cum vidisset suae partis cladem seque miserabiliter omnibus spo- liatum et captum licenciam adeundi Wladislaum Polonorum Regem et alloquendi illum supliciter obtinuit. Qua a elemente Rege faciliter obtenta, peciit sibi Banderinm, quod gercbat, monstrari. Quo altero die monstrato ad conspectum illius, illo amplexato corruens expiravit, ibidemque Rege mandante solo obrutus est. Man ſieht, wie ſehr die ganze Sache verwirrt und entſtellt iſt; el. Diugoss. p. 245. 1) Diugoss. I. e. jagt zwar nur: uno Crucifero, qui signa du- cebat, lancea ad retrocedendum impellente; es iſt darunter aber ohne Zweifel der Hochmeiſter gemeint, wie es auch De Wal T. IV. p. 338 nimmt. 2) Dlugoss. p. 259. 3) Lethale eum illis certamen conserunt; Diugoss. p. 260.
Scanseite 108 · Druckseite 95
Schlacht bei Tannenberg. (1410.) 95 wahrem Loͤwenmuthe, allen voran der wackere Held, der ritterliche Meiſter, nur noch mit wenigen feiner Bruͤder. So hatte noch nie einer der Vorgaͤnger den Seinen im Kampfe vorgeleuchtet. Aber immer maͤchtiger, in immer größerer Maſſe, mit immer heftigerer Gewalt brach die Streitmacht des Feindes auf die Ordensfaͤhnlein ein. Rings lagen Leichen auf Leichen gethürmt. Da ſank endlich zu ihnen auch der Hochmeiſter darnieder; von zwei tdoͤdtlichen Geſchoſſen auf die Stirne und in die Bruſt getroffen, ſtuͤrzte er vom Streitroſſe zu Boden und fein Heldengeiſt entwich. ) Um ihn her lag die ganze Bluͤthe feines Ordens, die Erſten ſeiner Gebietiger, die Tapferſten ſeiner Bruͤder, die Theuerſten feiner Freunde; denn mit ihm gefallen waren der edle Kuno von Lichtenſtein des Ordens Großkomthur, der wackere Ordensmarſchall Friederich von Wallenrod, der Oberſt⸗ Trappier Graf Albrecht von Schwarzburg, ein ritterlicher Held. Auch Thomas von Merheim, der Ordens-Treßler, lag unter den Erſchlagenen ſeines Heerhaufens. Um den Leichnam des braven Komthurs von Graudenz, Wilhelm von Helfenſtein hatten die Tapferſten ſeines Banners bis auf den letzten Mann gekaͤmpft. Auch der Komthur von Althaus Eberhard von Ippenburg, der von Engelsburg Burchard 1) Der Tod des HM. wird verſchieden erzählt. Die Art, wie ihn Simon Grunau Tr. XIV. C. XII. S. 2 beſchreibt, iſt nicht bloß ihrer Quelle wegen, ſondern auch darum ſehr verdächtig, weil ſie (wie ſchon Kotzebue B. III. S. 372 bemerkt, obgleich er ſie annimmt) faſt die nämliche iſt, wie fie vom Ordensmarſchall Schindekopf berichtet wird. Der Mönch will ſogar wiſſen, der HM. habe mit dem Kopfe geſchuͤt⸗ telt, um das Viſir herabfallen zu machen. Die oben erzählte Todesart mitten im Schlachtgewühle ift nach Plug oss. p. 260 die wahrſcheinlichſte. Schütz p. 102 berichtet, dem HM. ſey das Kinn mit dem Barte ab⸗ gehauen und nach Krakau gebracht worden. Allein De Wal T. IV. P. 341 ſagt ſchon: Ces contes populaires ne meritent aucune erdance: il est impossible que les Polonois aient ponssö la haine zusdu'n se li- vrer à de pareilles atrocites. Wie auswärtige Chroniften über die Sa⸗ che ſprechen, ſieht man zum Theil aus Bothorf, Chron. Brunswie. ap. Leibnätz T. III. p. 395, wo der HM. Magnus Muncke heißt.
Scanseite 109 · Druckseite 96
96 Schlacht bei Tannenberg. (1410.) von Wobecke, der von Neſſau Gottfried von Hatzfeld, der von Strasburg Balduin Stal und andere hatten den unheil⸗ vollen Tag nicht überleben wollen. Um den Komthur von Schlochau Arnold von Baden hatte ſich ein großer Leichen⸗ haufe aufgethuͤrmt; unfern von ihm lag der Komthur von Mewe Sigismund von Ramingen, der von Oſterode Gam⸗ rath von Pinzenau und der edle Graf Johann von Sayn, Komthur von Thorn. Auch die Voͤgte von Roggenhauſen und Dirſchau Friederich von Wenden und Matthaͤus von Be⸗ bern waren ſammt den Ihrigen gefallen und außerdem noch mancher andere aus der Zahl der Gebietiger. Heinrich von Schwelborn, der Komthur von Tuchel, vom Haſſe gegen die Polen fo durchgluͤht, daß er zur Schlacht ziehend zwei blanke Schwerter vor ſich hertragen ließ und ſie nicht eher in die Scheide ſtecken wollte, als bis ſie mit feind⸗ lichem Blute gefärbt ſeyen, konnte weder im Kampfe den erwünfchten Tod finden, noch durch die Flucht fein Leben retten; von den Polen gefangen wurde er enthauptet. 2) Auch dem tapfern Komthur von Brandenburg Marquard von Salzbach war es nicht beſchieden, im gerechten Kampfe zu fallen. Von Johannes Dlugoß, dem Vater des Ge⸗ ſchichtſchreibers, in der Schlacht gefangen genommen und dem Großfuͤrſten Witowd übergeben, den er einſt fo ſchwer beleidigt, hatte er ein gleiches Loos, wie der Komthur von Tuchel. Der rachſuͤchtige Fuͤrſt ließ ihn auf einem Korn⸗ felde durch einen Schergen enthaupten. 15 Alſo waren von allen im Kampfe geſtandenen Gebieti⸗ 1) Ueber die gefallenen Gebietiger die Nachweiſungen in den Kom⸗ thurliſten bei Lin denblattz auch die Bander. Pruten. De Wal T. IV. p. 342 erwähnt mehrer derſelben nach dem Anniversar. der Kom⸗ thurei zu Maſtricht. Unrichtig iſt, wenn Schütz I. c. auch den Oberſt⸗ Spittler unter den Gebliebenen nennt. Rufus Chron. bei Detmar B. M. S. 477 giebt vierhundert „von dem wytten mantele“ als ges fallen an. 2) So bie Bander. Pruten. u. Dlugoss. p. 261. 3) Bander. Pruten. Dlug oss. p. 262— 263. Lindenblatt S. 159.
Scanseite 110 · Druckseite 97
Schlacht bei Tannenberg. (1410.) 97 gern und Komthuren nur drei aus der Schlacht entkommen, der Oberſt⸗Spittler Werner von Tettingen, der Komthur von Danzig Johann von Schönfeld und Graf Friederich von Zollern, Komthur zu Balga. 9 Die ritterlichen Kaͤmpfer um die S. Georgsfahne waren faſt alle bei der Vertheidi⸗ gung ihres Heerbanners gefallen; nur einige hatten ſich ge⸗ rettet. Dem wackern Fahnenfuͤhrer ſelbſt Georg von Gers⸗ dorf ſchien es ſchmachvoll, mit dem Banner zu entfliehen; unerſchrocken hielt er es unter den Kaͤmpfenden aufrecht, bis der Feind ihn uͤbermannte.) Das gleiche Schickſal der Gefangenſchaft hatten die Herzoge Konrad von Oels und Kaſimir von Stettin; jener ward aller ſeiner Schaͤtze be⸗ raubt; dieſer, dem faſt ſein geſammtes Kriegsvolk im Kampfe erſchlagen war, buͤßte eine Zeitlang im Kerker, bis ihm der König die Freiheit ſchenkte. 9 Und welch ein graͤßlicher Anblick jetzt auf dem Schlacht⸗ felde! Die Leichen von mehr als zweihundert Ordensrittern, im Ganzen von ſechshundert Rittern und Knechten und vier⸗ zigtauſend vom gemeinen Kriegsvolke des Ordens bedeckten weit und breit die blutvolle Wahlſtatt; und nicht dieſe al⸗ lein; der Sieg war ſchwer und theuer erkauft, denn neben jenen lagen ſechzigtauſend von des Koͤniges Heere erſchlagen, darunter zwoͤlf ſeiner ausgezeichnetſten Fuͤhrer. Alſo waren es uͤber hunderttauſend Leichen, die dem Tage die Entſchei⸗ dung brachten.) Ueberdieß hatte der Orden durch Gefan⸗ — __. ) Lindenblatt S. 219 nennt nur die obigen drei als gerettet und fügt hinzu: dy andern worin alle geſchlagin und wenig wurdin gefan⸗ gin, beyde von kompthurn, voythin, pflegern und andern bruͤdern, wend fie gemeynclichin worin bi dem ſtryte. 2) Bander. Pruten. Dlugoss. p. 200. 3) Bander. Pruten. Diugoss. I. c. Kantzow B. I. S. 449, A) Ucber die Zahl der auf beiden Seiten Gebliebenen ſind die An⸗ gaben ſehr abweichend. Im Supplem. bei Dusb. e. 35 iſt die Zahl der Gefallenen von beiden Heeren über 60,000; Schütz I. e. hat von Sei⸗ ten des Ordens 40,000 Todte, ebenſo Kantzow B. I. S. 449. Die paͤpſtliche Bulle bei Lin denbla tt S. 258 ſpricht nur von ultra decem et octo Millia erisliſidelium corpora. Vgl. Hiärn herausgegeb. v. VII.
Scanseite 111 · Druckseite 98
98 Schlacht bei Tannenberg. (1410.) genſchaft nach der geringſten Angabe funfzehntauſend Mann verloren. Alles, was das Ordensheer auf dem Kampfplatze zuruͤckgelaſſen, das ſaͤmmtliche ſchwere Geſchuͤtz, alle ſeine Pa⸗ niere, Waffen, eine große Menge von Wagen, Roſſen und Gepäck, fiel dem Feinde in die Haͤnde; auch die Beute an Lebensmitteln, Getraͤnken und ähnlichen Dingen war uner⸗ meßlich.) Endlich ward dem Koͤnige auch des Hochmeiſters koſtbarer Kriegsmantel als Siegesbeute des Tages uͤber⸗ bracht, ) und als er die Botſchaft erhielt, daß der Meiſter ſelbſt mit unter den Todten gefunden ſey, ſollen ihm Thraͤ⸗ nen entfallen ſeyn:?) — Thraͤnen einer feigen und ſchuld⸗ beladenen Seele oder Thraͤnen elender Heuchelei! Es war ſchon ſpaͤte Abendzeit, als die Ueberreſte des Ordensheeres dom Feinde gedraͤngt, das blutige und graͤß⸗ liche Feld von Tannenberg im langſamen Ruͤckzuge verlaſſend und jeden Schritt Landes noch mit Tapferkeit vertheidigend Napiersky S. 172. Andere Angaben in den Aumerk. bei Dusb. und beſonders zahlreich aus fremden und einheimiſchen Chroniften bei De Wal T. V. p. 341 — 346. Es wäre unnütz, fie hier aufzufuͤh⸗ ren, denn De Wal ſchließt ſie mit den Worten: Pour mettre fin à cette énumeration nous dirons, sans adopter aucun sentiment, qu'en général on évalue la perte de Ordre à quarante mille hommes, et celle des Polonois, qui Ctojent beaucoup plus nombreux, à soixante mille. Cette opinion a tellement prevalu, qu'on a mis une inseription sur une chapelle batie dans l’endroit m&me de la bataille , où on li- soit la date, avec ces mots Centum mille oeeisi. S. Hartknoch A. und N. Preuſſ. p. 307. Zu einem andern Reſultat iſt auch ſchwer⸗ lich zu gelangen. Nach Dusb. I. e. jollen von 30,000 Tataren nur 8000 übrig geblieben ſeyn. S. Jaenichii Meletemata Thorun. T. II. p. 41. 1) Dlugoss. p. 261; doch iſt dem Chroniften ſchwerlich alles, was er hier ſagt, zu glauben, ſo z. B. die ſchon oft abgenutzte Angabe von der Menge aufgefundener Ketten, womit die Ordensritter die Polen hatten feſſeln wollen. 2) In d. Bauder. Pruten. heißt es: Paludamentum aulem suum, in quo oceisus est, ex albo Harassio insigni infraseriplo intextum, habet Eeclesia Paruchialis in Rige pro una casula. 3) Dlug oss. p. 264.
Scanseite 112 · Druckseite 99
Schlacht bei Tannenberg. (1110.) 99 über die Feldmark von Gruͤnfeld ſich gegen das Lager zu: ruͤczogen. Durch den dort zum Schutze des Troßes und Gepaͤcks zuruͤckgelaſſenen Heerhaufen verſtaͤrkt, wagte man in der Gegend zwiſchen Gruͤnfeld und Froͤgenau noch einmal gegen den verfolgenden Feind eine zum Kampfe geordnete Stellung zu nehmen. Allein nach einiger Gegenwehr zu⸗ ruͤckgeworfen und, wie man bald wahrnahm, auf dem Wege von Tannenberg nach Froͤgenau von feindlichen Haufen um⸗ gangen, ergriff auch dieſe letzte Schaar des Ordensheeres die Flucht und loͤſte ſich bald gänzlich auf. Der verfolgende Feind kehrte auf das Schlachtfeld zuruͤck. “ So endete dieſes blutige Werk der Schlacht, ruhmvol⸗ ler für den Meiſter, der ritterlich und tapfer für die Sache ſeines Rechts und fuͤr die Ehre ſeines Ordens kaͤmpfte und ſiel, als für den ſiegenden König, der feig und zaghaft den ſchweren Tag überlebte, um das Spiel feiner Argliſt und den Plan ſeiner wortbruͤchigen Seele auch ferner noch fort: zuſetzen.? Es hatte ein großer Tag für den Orden geen⸗ det: ein Tag ſeines hoͤchſten Ruhmes ritterlicher Tapferkeit und feines heldenmuͤthigen Rittergeiſtes, aber auch der letzte Tag ſeiner Bluͤthe, ſeiner Macht, des Gluͤckes ſeines Landes, des Wohlſtands ſeiner Unterthanen. Am andern Morgen ſchon begannen nun die Tage ſeines Elends, ſeines Unheils und ſeines Sinkens fuͤr alle Zeiten. 1) Diugoss. p. 262. h 5 Wie ſehr der König bemüht war, die Schlacht als einen gerech⸗ en , Vawpf für feine gerechte Sache darzuſtellen, beweiſt die Inſchrift, die er in ſeiner Burg zu Krakau zum Andenken der Schlacht anbringen ließ. Wir haben ſie mit der Ueberſchrift: Isla metra sunt de lite Pru- tenorum et sunt conseripta in eastro Cracovie ad memoriam illius li- tis, im Geh.⸗Arch. Schbl. LXII. 28.
Scanseite 113 · Druckseite 100
100 Ueberwaͤltigung des Landes. (1410.) Zweites Kapitel. Zwei Tage verweilte der König noch in der Nähe der Wahl⸗ ſtatt theils zur Erholung feines Kriegsvolkes von den Mühen des Kampfes und zur Pluͤnderung der Gefallenen, theils zur Sammlung der einzelnen zerſtreuten Kriegshaufen und zur Verwahrung der Gefangenen.) Der auf ſeinen Be⸗ fehl aufgeſuchte Leichnam des Hochmeiſters lag mittlerweile „allem Volke zur Schmach“ vor des Koͤniges Zelt, bis er nach Oſterode entſandt, von da nach dem Ordenshaupthauſe Marienburg gebracht und hier unter Jammer und Schmerz in der S. Annen- Gruft beigeſetzt wurde.) Durchs ganze Land aber ging bei der Nachricht vom Verluſte der Schlacht Furcht und Entſetzen, Bangigkeit und Wehklagen; allen entſank der Muth; keiner hoffte Rettung, denn allen ſchien 1) Lindenblatt S. 219; nach Dlugoss. p. 205 verweilte der König drei Tage in der Nähe des Schlachtfeldes. 2) Lirdenblatt a. a. O. Alte Preuſſ. Chron. p. 43. Was Simon Grunau T. XIV. C. XII. e. 3, Henneberger p. 300, Schütz p. 102 u. a. von der Verſtuͤmmelung und Schaͤndung des Leichnams erzählen, iſt höͤchſt wahrſcheinlich vom erſtern erdichtet und ſtimmt mit dem, was Diugoss. I. e. von dem thraͤnenreichen Mitleid des Polenköniges beim Anblicke des Leichnams berichtet, nicht überein. 3) Die Erzählung von dem aus der Schlacht entwichenen Ordens⸗ bruder Hermolaus, der die erſte Nachricht vom Verluſte der Schlacht nach Marienburg (oder wie Kotzebue B. III. S. 109 ſagt, nach Preuſſen — 2) gebracht habe u. ſ. w. iſt gewiß unwahr. Aögeſehen von der Abgeſchmacktheit, die fie als Fabel charackeriſirt, it Simon Grunau Tr. XV. C. I. S. 2 ihre Urquelle, aus der fie an neuere Scribenten übergegangen iſt; De Wal Histoire T. IV. p. 355. Pauli B. IV. S. 253.
Scanseite 114 · Druckseite 101
Ueberwäͤltigung des Landes. (1410.) 101 die Herrſchaft des Ordens umwiederbringlich verloren. Faſt alle feine Haupter waren vom feindlichen Schwerte erwuͤrgt, ſeine Burgen und Feſten unbewehrt, ohne Vertheidiger, ohne Befehlshaber, ohne Geſchuͤtz, mit Lebensmitteln wenig ver⸗ ſorgt, ſelbſt das Haupthaus Marienburg ohne hinreichende Mannſchaft, ſeine Staͤdte und die Bewohner des Landes von dem furchtbaren Schlage eingeſchreckt und erſchuͤttert, alles trofitos und verzagt, ohne Haltung und Beſonnenheit. In dieſer Lage der Dinge hielt der Koͤnig das ganze Land für eine leichte Beute und erließ ſofort an die Landſchaften, Burgen und Staͤdte Aufforderungen zu freiwilliger und ge⸗ fügiger Unterwerfung. Die erſte erging ſchon am zweiten Tage nach der Schlacht an die Buͤrgerſchaft von Thorn und die übrigen Städte des Kulmerlandes, deren Huldigung der König mit ſtrengem Ernſte verlangte und deren Rechte und Freiheiten er nicht nur zu erhalten, ſondern noch zu ver⸗ mehren verſprach.) Offenbar lag ihm vor allem daran, zunächſt durch den Gewinn dieſer Landſchaft fuͤr ſein Kriegs⸗ heer eine freie Straße nach Polen zu erhalten. Erſt am dritten Tage brach der König aus der Nähe des Schlachtfeldes auf, um uͤber Oſterode, Mohrungen, Preuſſiſch⸗Mark und Chriſtburg ziehend ſich vor das Haupt⸗ haus zu werfen und ſich deſſen zu bemächtigen. Angſt und Schrecken gingen vor ihm her; Jammer und Elend folg⸗ ten ihm uͤberall nach; furchtbar waren die Verwuͤſtungen durch Feuer und Schwert, Raub und Mord, und unmenſch⸗ lich die Laſter und Schandthaten, die das wilde Kriegs⸗ volk, beſonders die Tataren in Staͤdten und Doͤrfern an Kindern und Greiſen, an Frauen und Jungfrauen, in Kirchen und Kloͤſtern unter Hohn und Uebermuth veruͤbten. Tauſende der armen Bewohner wurden als Gefangene in J) Die Urkunde, d. Prope Ostrobog (Osterode) feria IV in era- slino division, apost. an. 1410 mit der Aufſchrift Copia litterarum Re- bis Polonie ipsis Civibus Thorun. Civitat. domin. die ante festum Ma- rie Magdalen. an. 1410 oblatarum in Abſchrift Schbl. XX.
Scanseite 115 · Druckseite 102
102 Ueberwaͤltigung des Landes. (1410.) Knechtſchaft hinweggetrieben; v ſelbſt das Heiligſte fand keine Schonung. Und der aͤußerſt langſame Fortzug des Koͤniges vermehrte noch das namenloſe Ungluͤck des Landes, weil uͤberall der rohe Krieger Zeit gewann, ſeinen Luͤſten und Leidenſchaften in vollem Maaße zu froͤhnen. Wohin der Koͤnig kam, ergab ſich Stadt und Land ohne allen Wider⸗ ſtand; allenthalben fielen die Ordensburgen theils aus Man⸗ gel an Vertheidigern, theils durch Verraͤtherei der Ritter und Knechte des Landes, theils auch aus Unmuth und Zag⸗ haftigkeit der wenigen Ordensritter in des Feindes Gewalt; uͤberall huldigte man dem vielverheißenden Koͤnige, alſo daß „nie dergleichen gehoͤrt ward in irgend einem Lande von fo großer Untreue und fo ſchneller Wandlung.“ ) Eine Befreiung vom Feinde ſchien für alle Zeit unmöglich. Alle Ordnung, alles Geſetz war im Lande aufgeloͤſt, aller Ge: horſam im Orden felbft verſchwunden, denn viele Ordens⸗ bruͤder rafften ſofort in den erſten Tagen des Schreckens in ihren Ordenshaͤuſern Geld und Gut zuſammen und ergrif- fen die Flucht, um ſich nach Deutſchland zu begeben und dort den Fuͤrſten den Jammer ihres Ordens zu klagen.) Hie und da wurden die Ordensritter von den Staͤdten und dem Adel gezwungen, ihre Burgen dem Feinde zu übers geben.) Doch Ein entſchloſſener und Fühner Ritter zitterte nicht und ſtand im Sturme unerſchuͤttert; er trat zur Rettung 1) Schilderung des HM. Heinr. v. Plauen in einem Schreiben v. 14. Dec. 1410 im Fol. D. p. 263; vgl. Lindenblatt S. 395 ; Diugoss. p. 271 rühmt freilich des Königes edles Benehmen gegen die Gefangenen; allein die Nachrichten uͤber die barbariſche Grauſamkeit ſei⸗ ner Krieger finden in ihrem tiefen Kulturzuſtande hinlängliche Beſtätigung. 2) Lindenblatt S. 220; von der Verrätherei der Landesritter S. 219. 222. 3) Lindenblatt S. 23. Die Nachricht von der ſchnellen um⸗ wandlung der Kleidung in Polniſche Tracht, vom Scheren der Baͤrte unter den Landesbewohnern u. ſ. w. ſ. Kotzebue B. III. S. 109 hat Simon Grunau Tr. XIV. C. XIV. S. 5 zur Quelle. 4) Lindenblatt S. 223.
Scanseite 116 · Druckseite 103
Graf Heinrich von Plauen. (1410.) 103 des bedrohten Haupthauſes und zur Befreiung des über- waͤltigten Landes auf, ein wahrer Held in der Noth. Es war Graf Heinrich von Plauen, aus dem erlauchten Hauſe von Plauen, ein Bruder des kaiſerlichen und Reichs-Hof⸗ richters Heinrichs von Plauen, ) damals Komthur von Schwez, wo er dem Amte drei Jahre vorgeſtanden.) Vom Hochmeiſter mit einer Heerſchaar nach Pommern entſandt zum Schutze der Graͤnzen, vernahm er mit Entſetzen die Kunde des ungluͤcklichen Tages bei Tannenberg und eilt alsbald mit feiner geringen Schaar noch vor’ des Königes Anzug dem Haupthauſe zu. Zu ihm geſellt ſich ſein Vet⸗ ter, Graf Heinrich von Plauen, ein tapferer, kuͤhnent⸗ ſchloſſener, im Kriegsweſen ſehr erfahrner Kriegsmann, der mit einigen Faͤhnlein dem Orden zu Huͤlfe gezogen, zur Schlacht jedoch zu ſpaͤt gekommen war.“) Schon am drit⸗ ten Tage nach erhaltener Kunde erreicht der Komthur die Thore der Marienburg und geht eiligſt mit den wenigen Ordensrittern, die um ihn waren, zu Rathe, wie das erhabene Haus dem Orden zu erhalten ſey. Daß das Or⸗ denshaupthaus, der Fuͤrſtenſitz des Landesherrn erhalten werden muͤſſe, war keinem zweifelhaft, denn ohne dieſe Königin der Landesburgen gab es keinen Orden mehr, weil der Koͤnig beſchloſſen, auf ihr ſelbſt den Untergang des Ordens in Preuſſen zu verkuͤndigen und feine geſtrenge Herr- ſchaft über das Land für alle Zeiten feſtzuſtellen. 9 1) Majer Chronik des fuͤrſtl. Hauſes der Reuſſen von Plauen S. 69, Pauli B. W. S. 253, 2) Wir finden den Grafen im J. 1397 als Kompan des Komth. von Danzig, dann 1398 — 1399 als Hauskomth. in Danzig, in den J. 1402 — 7 als Komthur von Neſſau, womit damals ſchon das Yflegeramt zu Morin verbunden war, und ſeit 1407 als Komthur von Schwez, ſ. Lindenblatt S. 386. Das Treßleramt hat er nie ver⸗ waltet, wie Pauli a. a. O. angicht. 3) Lindenblatt S. 220 — 221. 4) Rufus Chron. bei Detmar B. II. S. 447 nennt Marienburg bei dieſer Gelegenheit „das kaiſerliche Schloß.“ 1 5) Dlugoss. P. 271. Schr. des HM. Heinr. v. Plauen bei tindenblatt S. 396,
Scanseite 117 · Druckseite 104
104 Graf Heinrich von Plauen. (1410.) Die Rettung der Burg verlangte jedoch verzweifelte Mittel. Die Stadt Marienburg, hart an der Burg lie⸗ gend, konnte gegen den ſeit der Schlacht mit Wurfgeſchuͤtz und Buͤchſen ungleich reichlicher verſehenen Feind auf keine Weiſe vertheidigt werden; gewann er ſie aber, ſo konnte ſie ihm gegen die Burg zum ſichern Haltpunkt dienen und die Erhaltung der letztern ward dann unmoͤglich. Sie mußte alſo noch vor des Feindes Ankunft vernichtet werden. Schnell entſchloſſen ließ Graf Heinrich in und außer der Stadt die Speicher leeren, die Vorraͤthe auf die Burg bringen und alles, was an Vieh, Lebensmitteln und ſonſtigen Beduͤrf⸗ niſſen zu finden war, in die Vorburg und innern Raͤume des Haupthauſes ſchaffen. In wenigen Tagen und Naͤch⸗ ten war alles vollbracht; dann zogen die Bürger mit Frauen, Kindern und Geſinde auf die Burg und ſahen von deren Zinnen aus die ganze Stadt in Flammen aufgehen. Nur eine Kirche und das Rathhaus widerſtanden der Feuergluth. Aber zugleich ließ der Plauen, weil der Hochmeiſter vor dem Streite Harniſch, Geſchuͤtz und Lebensmittel nach Kauer⸗ nick aus Marienburg hatte bringen laſſen, aus den nahen Höfen des Hauſes jenſeits der Nogat alle Lebensbeduͤrfniſſe und alles, was zur Wehr und Vertheidigung dienen konnte, eiligſt herbeiführen D und zuletzt die Nogatbruͤcke mit dem Bruͤckenkopf am andern Ufer, da er aus Mangel an Mann⸗ ſchaft und Geſchuͤtz nicht vertheidigt werden konnte, bis auf den Grund vernichten, um ſo den Feind von dieſer Seite von der Burg entfernt zu halten.) Tag und Nacht ruhte zu ſolcher Arbeit keine Hand und je näher die Gefahr drohte, deſto ſtaͤrker und gewaltiger ward des Plauen Geiſteskraft, deſto hoͤher ſtieg ſein Muth, deſto kuͤhner ſeine Seele voll Feuer und Begeiſterung fuͤr ſein ſchweres Werk. Da tra⸗ J) Lindenblatt S. 221; vgl. Voigt Geſch. Marienb. S. 264 — 265. 2) Diugoss. p. 274 ſpricht von einer Bruͤcke über die Weichſel nach Dirſchau, die erſt ſpaͤter abgebrochen oder verbrannt feyn ſoll, als der Feind ſchon vor Marienburg lag.
Scanseite 118 · Druckseite 105
Belagerung Marienburgs. (1410.) 105 ten die wenigen Ordensritter, die um ihn waren, zu einem Kapitel zuſammen und erwählten ihn, den entſchloſſen wackern Helden, zum Statthalter des Meiſters, denn aus des Hoch⸗ meiſters Rath, aus welchem in ruhigen Zeiten der Statt: halter zu ernennen war, hatte nur der alte Ordensſpittler Werner von Tettingen die ſchweren Tage überlebt, D Auch die Mannſchaft auf der Burg war unterdeß an⸗ ſehnlich verſtaͤrkt. Mancher Soͤldnerfuͤhrer und kuͤhne Rit⸗ ter, der aus der Schlacht ein Häuflein der Seinigen ge⸗ rettet oder auf andern Burgen zur Wache gelegen oder ſpaͤ⸗ ter aus Pommern herbeigezogen war, eilte jetzt heran zu des Hauſes Vertheidigung; es glaͤnzen unter ihnen manche ruͤhmliche Namen edler Deutſcher Geſchlechter.) Danzig ſandte vierhundert ſ. g. Schiffkinder oder Matroſen mit Har⸗ niſch und Streitaͤrten; auch mancher Fluͤchtling aus dem Lande ſuchte Rettung auf dem Hauſe. Alſo betrug die Zahl des wehrhaften Kriegsvolkes auf Marienburg in wenigen Tagen vier- bis fünftaufend Mann.) Mit zweitauſend uͤbernahm der Statthalter ſelbſt die Vertheidigung der obern Burg, des ſ. g. rechten Hauſes; zweitauſend ſtellte er un⸗ ter den Befehl eines Ordensritters zur Wehr des mittlern Hauſes, der hochmeiſterlichen Hofburg und gegen tauſend Mann uͤbergab er feinem Vetter zur Beſchuͤtzung der Vor⸗ burg, wohin fi) der größte Theil der Bewohner Marien⸗ burgs und viel Volk aus den Werdern gefluͤchtet.) So J) Lindenblatt S. 221. 2) Die Namen derſelben in dem ſchon erwähnten Soldbuch v. 14103 vgl. Lindenblatt S. 223; Voigt Geſch. Marienb. S. 266. 3) Die Angaben hierüber weichen von einander ſehr abz ſ. m. Geſch. Marienb. S. 268 Anmerk. 33. Mehre Chroniken zählen nur 3000 Mann; Schütz p. 103 läßt zu diefen noch 400 Schiffkinder hinzukom⸗ men. Lindenblatt S. 224 führt die Zahl von 4000 wehrhaften Leuten au; rechnet man dazu die ſtreitbaren Bürger Marienburgs, fo könnte die Beſatzung ſich wohl auf 5000 Mann belaufen haben, wie fie auch Leo p. 200 angiebt. E ſus Chron, a. a. O. S. 478 ſpricht for gar von 15,000 Mann. Vgl. De Wal T. IV. p. 355. 2) Dieſe Vertheilung giebt Simon Grunau Tr. XIV. C. XIII.
Scanseite 119 · Druckseite 106
106 Belagerung Marienburgs. (1410.) ganz allein auf ſich ſelbſt und auf den Muth und die Kraft dieſer Streithaufen vertrauend, ohne Ausſicht auf fremde Huͤlfe, erwartete der Statthalter unter fortwaͤhrenden An⸗ ſtalten zur Gegenwehr mit feſter Entſchloſſenheit den Feind. » Der König war mittlerweile langſamen Zuges erſt am neunten Tage nach der Schlacht bis zur Ordensburg Stuhm zwei Meilen von Marienburg herangezogen und ſandte am zehnten Tage, am ſechsundzwanzigſten Juli einen Theil ſeines Heeres gegen das Haupthaus voraus. 2 Dieſe Zöͤ⸗ gerung im Zuge war Marienburgs Rettung, denn nur ſie hatte es dem Statthalter moͤglich gemacht, ſich mit aller Macht zu ruͤſten. Im Lande aber war ſchon alles umge⸗ wandelt. Im Kulmiſchen hatten ſich Staͤdte und Burgen dem Könige unterworfen; nur Rheden ſtand noch unbe⸗ zwungen da. Chriſtburg war bereits in feindlicher Ge⸗ walt. ) Einer der erſten, die ſich dem Könige geſchmeidig und freiwillig fuͤgten, war Biſchof Heinrich der Vierte von Ermland; der Koͤnig aber wies ſeine Sendboten mit der Erklärung zuruck: der Biſchof ſolle feine Unterwerſung per⸗ ſoͤnlich bezeugen. Darauf erließ jener von Stuhm aus an des Ordens Unterthanen in Pommerellen, Kulmerland, Pos 8. wan; fie hat nichts gegen ſich und iſt vielmehr ſehr wahrſcheinlich. Nur den Namen des Ordensritters Gilmach von Zepfen hat der Monch erdichtet; ſ. Geſch. Marienb. S. 268. 1) Die Nachricht bei Pauli B. IV. S. 254 und De Val T. IV. p. 354, daß der Statthalter den Geſandten des Königed v. Ungern da⸗ mals 20,000 Goldgulden habe auszahlen laſſen, um ihn zur Erfüllung ſeines Verſprechens wegen eines Einfalls in Polen zu bewegen, beruht bloß auf einer ſehr unſichern und verbächtigen Angabe bei Leo p. 200. Aus dem Bericht im Fol. F. p. 75 erfahren wir aber, daß ſich die Geſandten in den erſten Tagen nach der Schlacht, in Marienburg be⸗ fanden. 2) Lindenblatt S. 223, Dlugoss. p. 273 laßt die Ankunft am 25. Juli erfolgen. 3) Die abgeſchmackte Teufels⸗ und Geſpenſtergeſchichte in der Burg zu Chriſtburg mag, wer will, bei Schütz p. 102 leſen. 4) Dlugoss. p. 271.
Scanseite 120 · Druckseite 107
Belagerung Marienburgs. (1410.) 107 meſanien, Ermland, Galinderland, Barten, Natangen und bis nach Samland eine Aufforderung zur Unterwerfung wo ter feine Herrſchaft, Gunſt oder Ungnade entbietend, je nachdem man ſich zu ihm wende oder dem Orden getreu bleibe.) Sie hatte für ihn guͤnſtigen Erfolg. Der Bi⸗ ſchof Heinrich von Samland war der erſte, der ſich im Feld⸗ lager vor Marienburg dem Koͤnige nahend Gehorſam und Ergebung bezeugte, ihm als Herrn des Landes getreuen Rath und Huͤlfe verſprach und mit Eid verficherte. D Ihm folgten auch die Biſchoͤfe von Pomeſanien und Ermland ‚ alfo daß die vier Bifchofe Preuſſens dem fremden Herrſcher hul⸗ digen. 9 Desgleichen ergaben ſich ihm auch die Stadt und Burg Elbing, bald auch Danzig und uͤberhaupt faſt alle uͤbrigen Staͤdte und Burgen jener Gegenden, ſo daß dem Orden nur noch die Ordensburgen Danzig, Schwez, Rhe⸗ den, Schlochau, Balga, Brandenburg, Königsberg und die weiter oſtwaͤrts lie genden als dem alten Landesherrn ge: treu blieben. 9 Die Belagerung des Haupthauſes hatte bereits begon⸗ nen; allein des Königes Hoffnung, daß auch hier Schrek⸗ ken und Unmuth ihm die Thore öffnen wuͤrden, ward bald getäuſcht, denn obgleich ſtündlich ſich die Schaaren feines Kriegsvolkes vor der Burg mehrten, die wilden Heerhau⸗ fen der Tataren, Wallachen, Ruſſen und Litthauer in ge⸗ I) Daß der König ſolche Aufforderungen, wie an Thorn, ergehen ließ, hat gewiß ſeine Richtigkeit; ſ., Lindenblatt S. 220. Allein dir Urkunde, die man als ſolche anfuͤhrt (Preuſſ. Lieferung. S. 100) iſt wegen ihrer Faſſung ſowohl als wegen ihrer Quelle bei Simon Grunau Tr. XIV. c. XIII. 8. 2 ſehr verdaͤchtig. 2) Die urkunde des Biſchofs, d. in loco campestri exercitus dom. nostri Regis ante castrum Marienburg dominico die post festum s. Jacobi apost. 1410 bei Dogiel T. IV. p. 82. 3) Dlugoss. p. 275. 4) So Lindenblatt S. 2233 die nicht ganz richtige Angabe in Preuſſ. Lief. S. 107 iſt aus Simon Grunau a. a. O. 3 auch Din- 3038. p. 275 irrt, denn Königsberg und Brandenburg waren in des Königes Gewalt.
Scanseite 121 · Druckseite 108
108 Belagerung Marienburgs. (1410.) waltigen Maſſen das Haus umlagerten, dann nach der An⸗ kunft des Belagerungszeuges, des Wurfgeſchuͤtzes, der Bli⸗ den und Buͤchſen die Mauern Tag und Nacht hier beſchoſ⸗ ſen, dort untergraben und Sturm auf Sturm gewagt wur⸗ den, ) ſo brach dieß alles nicht den ſtandhaften Muth der ritterlichen Beſatzung. Das obere Haus, durch den No— gatſtrom, den gluͤhenden Aſchenhaufen der Stadt und breite und tiefe Graben geſchuͤtzt, konnte vom Wurfgeſchuͤtz nur aus der Ferne erreicht werden; nur das mittlere Haus, des Hochmeiſters Wohnburg, litt an der Morgenſeite vom feind⸗ lichen Geſchuͤtz; auch die Vorburg ward hie und da ſtark beſchädigt. Aber nicht ein einziger Burggraben konnte vom Feinde gewonnen werden;? ſelbſt einzelne Gefechte im Freien hatten für ihn keinen beſondern Erfolg.? Jetzt wurde die Burg, um die Beſatzung zugleich an allen Orten zur be ſchaͤftigen und zu ermuͤden, von drei getheilten Heerhaufen von allen Seiten umlagert, im Suͤdweſt, wo der Koͤnig lag, vom Kriegsvolke aus Polen, im Suͤdoſt von den Schaaren der Litthauer und Ruſſen unter Witowds Heer⸗ befehl, und dieſen zur Seite im Suͤd- und Nordoſt von den Horden der Tataren, die bald auch Über die Nogat ſetzten und den nordweſtlichen Theil der Burg umgaben, denn der Fluß war damals ſo ſeicht, daß der Uebergang überall leicht geſchehen konnte.“ Ueberdieß bot ſich dem Feinde auch mancher andere Vortheil dar. Das Geſchuͤtz ward jetzt auf der noch ſtehenden Johanniskirche der Stadt aufgepflanzt und konnte von dort gegen die Burg mit ge⸗ 1) Schr. des HM. Heinr. v. Plauen bei Lindenblatt S. 396. Dusburg Supplem. e. 37. 2) Lindenblatt S. 224. Voigt Geſch. Marienb. S. 271. vgl. mit S. 226. 3) Dlugoss. P. 274. 4) Ueber die Lagerung des Heeres Dusburg Supplem. c. 37 u. Diugoss. p. 273 — 274; fie ſtimmen nicht ganz überein; erſterer ſcheint jedoch die Stellung richtiger anzugeben. Lindenblatt S. 224 — 225. De Wal T. IV. p. 364,
Scanseite 122 · Druckseite 109
Belagerung Marienburgs. (1410.) 109 waltiger Kraft wirken. Die Staͤdte Elbing und Thorn be⸗ eiferten ſich, dem Belagerungsheere Lebensmittel, Geſchütz, Pulver und andere Beduͤrfniſſe zuzuſenden; » ihrem Bei⸗ ſpiele folgten bald mehre andere Städte. Und als die Ta⸗ taren und Litthauer die Nogat uͤberſchritten hatten, ſtand der ganze jenſeitige Werder ihrer Raubſucht offen; die Be⸗ wohner fluͤchteten, wurden vertrieben, gemordet und an Dörfern und Getreidefelde durch Pluͤnderung und. Feuer eine furchtbare Verwuͤſtung geuͤbt. Bis an die Weichſel vorgedrungen und ſelbſt ſchon das Stuͤblauiſche Werder mit Verheerung bedrohend, wurden ſie zwar dort durch eine aus Danzig auf Fahrzeugen herbeigeſandte Mannſchaft zuruͤckge⸗ trieben und viele von ihnen erſchlagen. Allein ſie wagten ſich dann auf ihren Raubzuͤgen bis auf die Nehring hin⸗ über, 3) Am thätigften bewies feinen Eifer für den König der wortbrüchige Biſchof Johannes von Kujavien, der kurz vor der Schlacht dem Meiſter und ganzen Orden bei Gott und ſeiner Ehre Treue und Ergebenheit zugeſchworen hatte. 9 Wenige Tage nach der Schlacht ſich unter dem Vorwande, mit den Geſandten aus Ungern zu verhandeln, nach Ma⸗ rienburg begebend, forſchte er dort alles aus, um dem Kö: nige daruͤber genauen Bericht abzuſtatten. Seine Burg Subkau, “ wo er ſich ſelbſt aufhielt, ſtand Tag und Nacht den Feinden des Ordens und allen Raubgeſellen des feind⸗ 1) Lindenblatt S. 224; daß namentlich die Neuſtadt Elbing ſich für den König ſehr thätig bewies, bezeugt eine Urkunde des Koͤniges ſelbſt, d. Ane castrnm Marienburg in loco stationis nostre campestris feria IV infra octavas b. Apostoli gloriosi 1410. Auch Diugoss. P. 275 ruͤhmt die des et devotio Elbingensium gegen den König. 2) Lin denblatt S. 225. 3) Lindenblatt a. a. O. 4) Darüber der Bericht im Fol. F. p. 753 das cidliche Gelöbniß der Treue gegen den Orden geſchah vom Biſchof zu Thorn, als ſich dort der HM. Ulrich von Jungingen aufhielt. 5) Von der Burg Raczanz, von welcher Kotzebue B. III. S. 115 ſpricht, iſt im erwähaten Berichte nicht die Rede.
Scanseite 123 · Druckseite 110
110 Belagerung Marienburgs. (1410.) lichen Heeres offen; er ſelbſt führte Ruſſen und Litthauer in die Guͤter des Kloſters Pelplin und ermunterte ſie zu allerlei Mißhandlungen an den Moͤnchen und am Abte, den er haßte. ) Er ſelbſt bezeichnete den wilden Tataren die reichſten Kirchen, um ſie zu berauben und mit Frevel zu entweihen; er gab dem Koͤnige Rath und Mittel an die Hand, wie die dem Orden noch getreuen Staͤdte gewon⸗ nen, die Burgen durch Liſt und Verrath überwältigt und das Volk auf dem Lande zur Unterwerfung verlockt werden könne. Er knuͤpfte eine Verbindung mit Konrad Letzkau, dem Bürgermeifter von Danzig an und beide begaben ſich zur Nachtzeit in des Königes Lager, um mit dieſem wegen des Abfalls Danzigs vom Orden ſich zu berathen.“ Waͤh⸗ rend der Belagerung ſtand zu Subkau offene Tafel fuͤr jeden Anführer aus dem feindlichen Heere, „die bei ihm aßen, tranken und uͤbernachteten, wie bei einem Freunde.“ Faſt täglich verſorgte er das Lager mit Schlachtvieh und Lebens⸗ mitteln jeder Art, ließ alle ſeine Teiche leeren, um den Feind mit Fiſchen zu verſehen; er ſelbſt hatte ſein eigenes Zelt im Lager, wo er Ruſſen, Litthauer und die Anfuͤh⸗ rer der Tataren als Gaͤſte bewirthete. Man ſagte, daß er 1) Bericht im Fol. F. p. 75. 2) Es heißt im Berichte: Auch quam Letzkaw in eyner mitternacht czu ym (dem Biſchof) und ratfroget een ume holdunge, do czog von ſtat⸗ ten ungeſſen der biſchof mit Letzkaw czum konige und beſchloſſen doſelbiſt, daz dy Danezker am dritten tage dem konige holdeten. Ueber die Fra⸗ ge: ob um dieſe Zeit Danzig ſich zum Könige gewandt und ihn unter⸗ ſtützt habe, hat fi ſchon Schütz p. 223 (latein. Ausgabe) ausgelaſſen und Danzigs Abfall gegen Cromer geläugnet. Ueber die Urkunde bei Dogiel T. IV. p. 83, woraus auf die Untreue Danzigs geſchloſſen worden ift, ſ. De Wal T. IV. p. 366, woher Kotzebue B. III. S. 374 ſeine Anmerk. genommen hat. Das irrige Datum der Urkunde und der Ort ihrer Ausſtellung (in castro Marienburg) macht ſie aller⸗ dings hoͤchſt verdächtig; ihr ganzer Inhalt erregt Scheu. Allein Dan⸗ zigs wirklichen Abfall bezeugt nicht nur der Bericht im Fol. F. p. 75, ſondern auch ein Schr. des Komthurs von Danzig an den Statthalter, d. Danzig am T. Franciſci 1410.
Scanseite 124 · Druckseite 111
Belagerung Marienburgs. (1410.) 111 feine eigenen Leute zu Subkau ihres Viehes und ihrer Pferde habe berauben laſſen, um fie dem königlichen Lager zuzu⸗ ſenden. Seine eigenen Schaͤtze ſpendete er dem Koͤnige und dem Großfuͤrſten ſandte er nicht bloß Geld, ſondern fein eigenes Silberzeug zu.) Als dieß alles der Statthalter vernahm, als er hörte, wie immer mehre Burgen und Staͤdte, als die Burg und Stadt Thorn, Straßburg mit der Burg, die Stadt Schwez, die Burg und Stadt Mewe, Dirſchau, Sobowitz, Tuchel, Buͤtow u. a. durch Lift, Verrath und Gewalt in des Koͤ⸗ niges Gewalt gefallen und vom Feinde beſetzt ſeyen, 2 wie manche andere in ihrer Treue ſchon wankten, wie das Land weit und breit ausgehungert, verheert und mit Graͤueltha⸗ ten uͤberfuͤllt werde, als er von den Zinnen der Burg ſelbſt wahrnahm, wie die Kämpfe bei den Ausfällen der Beſaz⸗ zung für den König zwar meiſt unguͤnſtig endigten, doch aber für die Rettung des Hauſes von keinem ſonderlichen Erfolge waren, ) da beſchloß er, voll Trauer über das jam⸗ mervolle Schickſal des Landes, dem Könige ein friedliches Wort zu entbieten und bat um ſicheres Geleit, um mit ihm über den Frieden zu verhandeln. Der Koͤnig ertheilt es und der Statthalter, umgeben von getreuen Rittern, er- ſcheint vor ihm im Lager. Sich demuͤthigend bittet er den Konig um Friede und Schonung des ungluͤcklichen Landes; er fol, wie die Polen berichten, als Geſchenk für den Frie⸗ I) Bericht im Fol. F. p. 76 — 78, wo noch vieles Einzelne an⸗ geführt wird, was der Biſchof zu Gunſten des Königes that. Wir ha⸗ ben ein fpäteres Schr. des Biſchofs Schbl. LXVIII. 154, worin er ſich über fein ganzes Verhalten in dieſer Zeit zu rechtfertigen ſucht. 2) Lindenblatt S. 225. Dusb. Supplem. C. 37. Diugoss. v- 276. Dirſchau hatte ſich nach dem Berichte im Fol. F. ziemlich lan⸗ ge gegen den Feind gehalten „ weshalb der Biſchof von Kujavien über die Stadt ſehr erzuͤrnt war. 3) Dlugoss. p. 274. 275 — 276; einmal lockte man bei einem Ausfalle durch plötzliche Flucht den Feind unter eine wankende Mauer, die durch einen vorbereiteten plötzlichen umſturz einen großen Haufen von Polen vergrub,
Scanseite 125 · Druckseite 112
112 Belagerung Marienburgs. (1410.) den das Kulmerland, Michelau und ganz Pommerellen vers ſprochen haben; 1) er erbietet ſich, wenn der König mit ſei⸗ nem Heere abziehe, die Streitſache dem Richterſpruche des paͤpſtlichen Stuhles, des Roͤmiſchen Koͤniges, aller Kur- fürften, Fuͤrſten, Ritter und Städte zu unterwerfen, um das ſchwer bedrängte Land vom gaͤnzlichen Verderben zu retten.) Der Koͤnig aber ließ, wie berichtet wird, die Antwort geben: gewonnene Lande, die das Recht des Krie⸗ ges ihm eingegeben, koͤnne er nicht als Geſchenke fuͤr den Frieden nehmen; das Haus Marienburg und was ſich fei- nen Waffen noch nicht ergeben, muͤſſe ihm geraͤumt wer⸗ den; erſt dann wolle er über Frieden ſprechen.“ Keine Bitte, keine Verheißung konnte ihn zu friedlichen Geſin⸗ nungen ſtimmen; er beharrte feſt in dem Entſchluſſe, ſein blutiges Werk zu vollenden.) Da ging der Statthalter muthig entſchloſſen in die Burg zuruͤck. Seitdem ward alles anders. Das Gluͤck ſchwand dem Könige mit jedem Tage mehr und jeder Tag brachte der Beſatzung auf Marienburg neue Hoffnungen zur Rettung.“) Bald gebrach es im Heere an Lebensmitteln und Futter. Schlechte Nahrung, druckende Sonnenhitze, tägliche Kämpfe bei Ausfällen der Beſatzung und ähnliche Muͤhſale erzeugten zuerſt unter den Roſſen Krankheiten, dann auch unter dem Kriegsvolke peſtartige Seuchen. Die ganze Umgegend um⸗ ſchwaͤrmte und umkroch eine fuͤrchterliche Menge Ungeziefer, welches Menſchen und Thieren weder Tag noch Nacht Ruhe 1) Dlagoss. p. 277 u. Leo p. 202 führen des Statthalters Rede an den König an, die ohne Zweifel großen Theils erdichtet iſt. Nur das Anerbieten der drei genannten Landſchaften ſcheint außer Zweifel zu liegen. 2) Dieß bezeugt Heinr. von Plauen ſelbſt in einem Schreiben im Fol. D. p. 263; ſ. Lindenblatt S. 396. 3) Dlugoss. p. 278 — 279. 4) Schr. Heinrichs v. Plauen a. a. O. 5) Auch Diugoss. p. 279 ſieht dieſe Zeit als den Anfang alles Mißgeſchicks des Königes an.
Scanseite 126 · Druckseite 113
Belagerung Marienburgs. (1410.) 113 ließ.) Auch anderes Mißgeſchick ſchwaͤchte den Muth der Belagerer. Als eines Tages ein Buͤchſenſchuͤtze aus dem Lager eine mächtige Steinbuͤchſe gegen das praͤchtiggroße Marienbild an der S. Annen⸗Kapelle des obern Hauſes ab⸗ ſchoß, erblindete er auf der Stelle zum Schrecken aller, die zugegen waren und das Ereigniß machte auf das ganze Heer einen gewaltigen Eindruck. Da dieß ein anderer Buͤchſen⸗ ſchaͤtze vernahm, dem Witowd, damit er nicht entfliehen konne, die Zehen hatte abloͤſen laſſen, erſah er eine guͤn⸗ ſtige Stunde und entkam auf die Burg, wo er, bekannt mit dem Plane und den Stellungen des Feindes, zu deſſen Nachtheil dem Statthalter die trefflichften Dienſte leiſtete. 2 Je mehr aber durch ſolches Mißgeſchick dem Polniſchen Heere der Muth ſank, die Kraͤfte ſich minderten und die Tapferkeit gebrochen ward, deſto hoͤher ſtieg das Vertrauen und die kriegeriſche Freudigkeit des Volkes auf der Burg, deſto eifriger verdoppelte der Statthalter jede Anſtrengung. Bei jedem Ausfalle war des Koͤniges Verluſt der bedeu⸗ tendſte. Dabei begeiſterte der edle Plauen die Seinigen mit ſolchem Muthe, daß man Muͤhe hatte, die Streithau⸗ fen aus dem Kampfe aufs Haus wieder zurückzubringen und die Rennhaufen vom weitern Eindringen in des Köͤni⸗ ges Lager zuruͤckzuhalten, ſo daß dieſer einſt ausrief: „Wir waͤhnten, ſie ſeyen von uns belagert; allein wir ſind mehr von ihnen belagert!“ ) Zudem ſtaͤrkten auch manche an⸗ dere glüdliche Ereigniſſe den freudigen Muth der Burgbe⸗ ſatzung. Gluͤcklich kam ein alter Ordensprieſter unter ſiche⸗ rem Geleite des Königes durch das feindliche Lager mit einem Wechſel von dreißigtauſend Ducaten und mit Briefen an die Komthure in Deutſchland, daß fie eiligſt Soldner 1) Dilugoss. I. e. 2) Lindenblatt S. 229. Simon Grunau Tr. XIV. C. XII erzählt jenem nach, ſpricht aber vom Zerſpringen der Büchfe und er⸗ klärt ſomit das plögliche Erblinden des erwaͤhnten Büchſenſchützen. Voigt Geſch. Marienb. S. 275. 7 3) Lindenblatt S. 226. ; VII. 8
Scanseite 127 · Druckseite 114
114 Belagerung Marienburgs. (1410.) werben und zum Entſatze des Haupthauſes ſchnell herbei⸗ führen ſollten. 1) Eines Tages erhielt der Statthalter heim⸗ lich ein Schreiben des Koͤniges von Ungern und ließ der Beſatzung unter Trompeten⸗ und Poſaunenſchall verkuͤndi⸗ gen: der Koͤnig ermuntere die Vertheidiger Marienburgs, ſich tapfer zu halten; er werde herbeieilen, das Ordens⸗ haus zu entſetzen. Das alles erfriſchte den Muth von neuem.) Auch dem Könige wurden Briefe zugebracht, aber keineswegs ſo erfreuliche; durch ſie erfuhr er: der Land⸗ marſchall von Livland ſey bereits mit einem ſtarken Heere in Koͤnigsberg angelangt; dadurch ermuthigt haͤtten die Nie⸗ derlande die Waffen ergriffen; alles beeile ſich zu Haufe, das Haupthaus zu befreien. Da brach alsbald auf des Koͤniges Befehl der Großfuͤrſt mit einem Heerhaufen auf, dem Marſchall zu begegnen. Als er indeß bis an die Paſ⸗ ſarge vorgeſchritten war, warnte ihn der verraͤtheriſche Bi⸗ ſchof von Ermland, nicht weiter vorzuruͤcken, weil in Nas tangen und Samland bereits alles unter den Waffen ſtand. “ Alſo kehrte Witowd nach Marienburg zuruͤck. Jetzt bot der Koͤnig andere Mittel auf, ſeinem Ziele näher zu kommen. Tuͤckiſche Verrätherei ſollte ihm die Burg öffnen, die feine Waffen nicht bezwingen konnten. Der Ermlaͤndiſche Domherr Bartholomaͤus, Dechant zu Frauen⸗ burg, Anfangs beim Statthalter auf der Burg, dann von ihm mit einer Geldſumme nach Danzig entſandt, ward beſchuldigt, mit dem Könige in heimliche Verbindung getre⸗ ten zu ſeyn und ſich ins feindliche Lager einſchleichend aller⸗ 4) Diugoss. P. 281. Voigt a. a. O. S. 278. 2) Lindenblatt S. 27. Voigt a. a. O. S. 278 — 279. 3) Lindenblatt S. 227 — 228, wo in der Anmerk. bereits erwieſen iſt, daß neuere Geſchichtſchreiber, wie de Wal T. IV. p. 380, Pauli B. IV. S. 257, Baczko B. III. S. 22, Kotzebue B. III. S. 118 irren, wenn fie nach Kojalowiez p. 88 den Meiſter von Livland ſtatt des Marſchalls nach Preuſſen ziehen laſſen. Vgl. Voigt a. a. O. S. 279. Kojulowiez I. e. erzählt hier alles anders; nach ihm findet Marienburg in einer Kriegsliſt des Livländ. Meiſters feine Rettung. Vgl. Hiärn herausgegeb. v. Napier sky S. 172.
Scanseite 128 · Druckseite 115
Belagerung Marienburgs. (1410.) 115 lei Anſchläge zur Verraͤtherei gegen den Statthalter gegeben zu haben.) Von ihm wußte vielleicht auch der Koͤnig, daß der Statthalter ſich zu Zeiten mit ſeinen Ordensrittern und den Soldner - Hauptleuten in dem großen Remter verſammele, der nach der Nogat hin gelegen ſein hohes Gewölbe auf einem einzigen maͤchti 0 gen Granitpfeiler trägt. Ein geſchickter Buͤchſenmeiſter ſtellte auf des Koͤniges An⸗ ordnung jenſeits der Nogat eine Donnerbuͤchſe auf und ein feiler Diener des Statthalters ward durch Polniſches Geld gewonnen, durch eine rothe Muͤtze am Fenſter dem Schuͤtzen die Verſammlung der Ritter im Remter und die Richtung nach dem Pfeiler anzuzeigen, um durch den Umſturz des letztern die Verſammelten unter dem Schutte des Gewoͤlbes zu begraben. Der Schuß geſchah; allein die große Stein⸗ kugel, den Pfeiler gluͤcklich um einige Zolle verfehlend, ſchlug in die gegenüberftchende Wand, wo ſie zur Erinnerung an die Argliſt nachmals eingemauert noch bis heute zu ſehen iſt. 2 1) Wir haben ein Schreiben des erwähnten Domherrn an den HM. d. Bamberg am T. der Geburt unf. Frauen 1411 Schbl. XX. 108, in welchem er ſich von den ihm gemachten Anſchuldigungen der Verraͤthe⸗ rei zu reinigen ſucht. In einem Schr. des HM. an den König von Böhmen (der um das Benehmen des Domherrn gefragt hatte) d. Ma⸗ rienb. Mont. in d. Oſtertagen 1412 oft. II. p. 3 wird die verrätheri= ſche Verbindung des Domherrn mit dem Könige außer allen Zweifel ge⸗ ſetzt; der EM, berichtet, daß Bartholomäus bei allen Nathſchlägen des Königes gegen Marienburg mitgewirkt und ein gefangener Knecht aus. geſagt habe, „das In Meiſter Bartholomäus hette usgerichtet, das her das hus Marienburg ſulde haben angebrennt an dren enden.“ Der Kö- nig follte dem Domherrn die Ordensgüter zu Tolkemit und Baſſenheim als Belohnung verſchricben haben. 2) Die verſchiedenen Berichte hierüber ſ. Voigt a. a. O. S. 277. Auffallend bleibt immer, : daß Lindenblatt, obgleich er des Schuſſes nach dem Marienbilde erwähnt, uͤber den Schuß in den Remter gaͤnz⸗ lich ſchweigt. Man ſchrieb nachmals unter die eingemauerte Kugel die Verſe: Als man zelet M. Cc. X. Zar Dieß ſag ich euch allen fuͤrwar Der ſtein wart geſchoſſen in die want Hie ſal er bleiben czu einem ewigen pfant. 8 *
Scanseite 129 · Druckseite 116
116 Belagerung Marienburgs. (1440.) Jetzt ſuchte ſich der König wenigſtens noch der Erge⸗ benheit der naͤchſtgelegenen Staͤdte und der Ritterſchaft des Landes zu verſichern. Elbing beſchenkte er mit mehren Doͤr⸗ fern; vielen Rittern und Knechten wurden anſehnliche Güter und Dörfer verliehen als Belohnung für ihre Bei⸗ huͤlfe zur Eroberung der Ordensburgen. ) Das alles aber rettete den König nicht aus feiner täglich ſteigenden Bedraͤng⸗ niß. Da entſandte er eines Tages, um in Eile noch zu erreichen, was moglich fey, einen Herold auf die Burg mit dem Erbieten: er wolle jetzt den Frieden unter den Be: dingungen genehmigen, die ihm der Statthalter früher vor gelegt. Dieſer indeß verwarf jetzt das Anerbieten und des Köͤniges Lage ward nun mit jedem Tage gefahrvoller und druͤckender, die Gegend war rings umher weit und breit verheert, die naͤchſten Städte vom Kriegsvolke ausgehun⸗ gert, die Getreidefelder verwuͤſtet, die Erndte unergiebig. Dabei drohte ihm bald von allen Seiten der Feind; aus der Mark und Pommern waren neue Soͤldnerhaufen im An⸗ zuge; 9 die Livlaͤndiſche Streitmacht ruͤckte aus dem Erm⸗ land heran und in wenigen Tagen endigte ein Waffenſtill⸗ ſtand, den der Komthur von Goldingen im Anfange des Septem. mit dem Könige auf zwei Wochen für die Gebiete von Elbing, Chriſtburg, Oſterode, Balga, Brandenburg, Königsberg, ganz Samland nebſt allen Hinter- und Nies derlanden, mit Ausnahme Marienburgs und des Oberlan⸗ des, abgeſchloſſen hatte.“ J) Die ſchon erwähnte Vergabungsurkunde im Rathsarchiv zu El⸗ bing, vom Könige ausgeſtellt. Das bereits S. 109 Anmerk 1. angefuͤhrte Datum hat allerdings etwas Anſtößiges. 2) Lindenblatt S. 229. 3) Diugoss. p. 281. 4) Schr. des Komthurs von Goldingen an den Statthalter, dat. Barbyn im Heere am T. Nativitat. Mariä (1410). Der Waffenſtill⸗ ſtand war in Datum dieſes Briefes abgeſchloſſen. Man erſieht aus dem Inhalte, daß die Gebietiger der Niederlande mit dem Marſchall von Livland Marienburg zu Huͤlfe zu eilen beabſichtigten.
Scanseite 130 · Druckseite 117
Abzug des Königes von Marienburg. (1410.) 117 Da trat Witowd vor den Koͤnig, klagend, daß die Ruhr täglich Hunderte jeiner Krieger hinwegraffe und der Unmuth in feinem Lager mit jedem Tage höher ſteige; er verlangte deshalb des Koͤniges Einwilligung zum Abzuge mit ſeinen Litthauern und Tataren, weil bei der Unmäßigkeit dieſer rohen Volker die Krankheit bei ihnen am ftärfften herrſchte.) Erſt nach vielen Gegenvorſtellungen willigte der Koͤnig ein. Noch auf dem Abzuge ermahnte Witowd die Ritterſchaft und den Adel des Balgaiſchen und Brandenburgiſchen Gebietes, die ihm gehuldigt, zur Treue und tapfern Vertheidigung der für ihn eingenommenen Hauſer unter Verſprechung reichlicher Belohnung. ) Sein Heerhaufe war jedoch ſchon fo bedeu— tend aufgerieben, daß ihn der Koͤnig wegen Beſorgniß eines Ueberfalls vom Livlaͤndiſchen Kriegsvolke bis gegen die Grünze Litthauens geleiten laſſen mußte.) Ihm folgten nach wenigen Tagen auch die Herzoge von Maſovien mit ihrem Volke. Trotz dieſer Schwächung feiner Kriegs macht konnte es der ſtolze König noch nicht über ſich gewinnen, die Belagerung aufzuheben, obgleich die unbezahlten Gold: ner in ſeinem Heere zu murren anfingen und fein Kriegs⸗ volk ſich mit jedem Tage noch verminderte. Erſt als die 1) Diugoss. p. 2551 ſagt zwar, Witowd habe behauptet: exorei- tum suum aegritudine dysenteriea ex cibo delieato , cui non insueve- rat, vexari; indeß mochte an delicate Speiſen im Lager um dieſe Zeit ſchwerlich mehr viel zu denken ſeyn. 2) Schr. Witowds an Kirſten von der Oelſen, Albrecht Karſaw u. alle Ritter und Knechte im ganzen Niederlande zu Preuſſen o. D. Schbl. XVII. 141. Er erwähnt auch hier der Krankheite: in feinem Heere als Urſache ſeines Abzuges von Marienburg. Es heißt: Wir bitten und vormanen euch als unſer libin getruͤben, das Ir ken uns euwir trüme halden wellet, als Ir uns habt geholt und geſworen, und wedirſteet den Cruczegern und haldet die Hüfer an uns, die ir in unſerm namen habt ingenommen, des ſollet ir ob got wil und euwir kinder yn eren und mit cuwirm fromen wol geniſſen. Sundir das follit Ir mit namen wiſſen, das wir uns abir mit gotes huͤlfe ſchire mit unſer macht mitſampt dem hern konige czu Polan ſameln wellin und wellen uns vollin uuuͤen das land czu Prüffen czu gewynnen. 3) Diugoss 1. e.
Scanseite 131 · Druckseite 118
118 Abzug des Königes von Marienburg. (1410.) Nachricht kam, daß der Koͤnig von Ungern in Polen ein⸗ gedrungen ſey, ſchickte er ſich auf Anrathen ſeiner Heer⸗ führer zum Aufbruche an, ſteckte fein Lager in Brand und zog am neunzehnten September vom Haupthauſe hinweg, nachdem er es acht Wochen lang umlagert hatte.“ Er ging uͤber Stuhm, wo er die bisher von abtruͤnnigen Landesrittern und Knechten beſetzte Burg mit ſeinen eige⸗ nen Kriegsleuten bemannte, weil er jenen kein Vertrauen ſchenkte. Das gemeine Kriegsvolk aber, beſonders die un⸗ bezahlten Soͤldner veruͤbten, wo fie erſchienen, die ſchreck⸗ lichſte Pluͤnderung und Verheerung; ſelbſt viele der dem Könige treulos zugewandten Landesritter wurden mit Weib und Kind von ihren Guͤtern vertrieben, ihre Wohnungen geplündert und bis in den Grund verbrannt.) Selbſt der Biſchof von Kujavien, der ſich aus Furcht vor Rache dem koͤniglichen Heere anſchloß, ließ zuvor aus den Ordensburgen Mewe, Meſelanz, Montau und Chriſtburg große Viehheer⸗ den, Roſſe und Vorraͤthe zuſammenrauben und mit Maͤnnern, Weibern und Kindern, die jene in Feindes Land huͤten ſoll⸗ ten, hinwegfuͤhren. Eine große Reihe von Wagen ſchleppte ihm den gemachten Raub nach.?) Als der Koͤnig, vom Biſchof von Pomeſanien und den Domherren empfangen, in Marienwerder anlangte, befuchte er zuvor das Grab der heiligen Dorothea und erfreute den Biſchof und die Stadt mit manchen Freiheiten; am andern Tage indeß ließ er die Speicher der Domherren aufbrechen, um mit den Vorraͤthen und den in der Stadt vorgefundenen Buͤchſen und Geſchoß die Burg Stuhm beſſer zu verforgen.? Darauf ruͤckte er 1) Dla goss. p. 284; Lindenblatt S. 229 uͤbereinſtimmend. Der HM. ſagt im Bericht im Fol. D. p. 263 und bei Lindenbiatt S. 396, der Feind habe das Haus bis in die zehnte Woche beſchoſſen. Hiärn S. 172 dehnt ſogar die Belagerung auf fuͤnf Monate aus. 2) Lindenblatt S. 230. Dlugoss. p. 285. Bericht des HM. bei Lindenblatt S. 397. 3) Bericht im Fol. F. p. 78. 4) Lindenblatt a. a. O. Nach Dlugoss. p. 285 wollte der König Marienwerder ſchonen.
Scanseite 132 · Druckseite 119
Abzug des Königes von Marienburg. (4410.) 119 vor Rheden; die Stadt war längſt in feiner Gewalt. Die Burg aber, bisher fortwährend belagert, wies auch jetzt des Koͤniges Aufforderung zur Uebergabe zuruck, bis endlich die Beſatzung, nur aus funfzehn meiſt betagten Ordensrittern beſtehend, nach einer fünfftündigen tapfern Gegenwehr dem ſtuͤrmenden Feind nicht mehr widerſtehen konnte und die Burg uͤbergeben mußte, da man die Thore bereits mit Aexten erbrach. Sie wurde mit Polniſchem Volke beſetzt. “) Auch weiter fort im ganzen Kulmerlande ſchien das Gluck dem Koͤnige noch zu huldigen; uͤberall wurden Staͤdte und Burgen mit neuer Mannſchaft beſetzt und reichlich verſorgt, woraus man erſah, daß der Koͤnig bald wieder zuruͤckzu⸗ kehren gedenke.) In Thorn von der Geiſtlichkeit und dem Volke ehrerbietig aufgenommen, verweilte er einige Tage, waͤhrend die Frauen der Stadt, wie berichtet wird, ihn mit ſchmeichelnden Worten um Maͤnner baten, weil die ihrigen bei Tannenberg gefallen waren. 9 Im Dobrinerlande ent⸗ ließ darauf der König den Reſt ſeines Kriegsvolkes und ging nach Polen zuruck, zwar reich an Beute und Raub, Y aber ohne den Ruhm, den er ſich nach der Schlacht bei Tannen⸗ berg verſprochen. Seit des Königes Abzug aber hob ſich das Gluͤck des Ordens wieder ſchnell empor. Der Marſchall von Livland, der Komthur von Balga und die uͤbrigen Gebietiger im Niederlande hatten mittlerweile mit ihrem Kriegsvolke bereits alle Städte und Burgen bis Elbing wieder gewonnen. Auch Y) Lindenblatt a. a. O., ſehr weitſchweifig Diug oss. P. 286 287. 5 2) Lindenblatt a. a. O. Diugoss. p. 287. Am 23. Sept. ch der König von Rheden auf. 3) So Dlugoss. 287 bra 288. Nach Zernecke Thorn. Chron. S. 29 waͤre die Burg zu Thorn acht Wochen belagert und beſtuͤrmt, aber nicht gewonnen, dabei jedoch die Weinberge um Thorn ſehr verwuͤ⸗ ſtet worden. Daß indeß auch die Burg Thorn in feindlichen Händen war, geht ſchon aus dem Schr. des Komthurs von Balga an den Mar⸗ ſchall von Livland bei Lindenblatt S. 231 hervor. 4) Diugoss. p. 287.
Scanseite 133 · Druckseite 120
120 Wiedergewinn der Ordensburgen. (1410.) Elbings Buͤrgerſchaft, wandte ſich von neuem dem Orden zu; die Polniſche Beſatzung der Burg leiſtete zwar einigen Wi⸗ derſtand, mußte ſich aber, da ihr keine Huͤlfe kam, auf freien Abzug ergeben.) Der Rath von Elbing aber ent⸗ ſchuldigte ſich beim Statthalter, daß die Stadt aus Noth und Ungluͤck auf Witowds Aufforderung dem Koͤnige von Polen die Huldigung geleiftet. 2 Darauf zog das Ordens⸗ heer durch Pomeſanien vor die Burg Rheden, die es ver⸗ geblich uͤber drei Wochen lang belagerte. Auch in Thorn ergab ſich nur die Stadt; die Burg auch hier noch in feind⸗ lichen Haͤnden wurde vom Ordensvolke eingeſchloſſen, ebenſo in Strasburg. Die Übrigen Burgen im Kulmerlande Far men ſaͤmmtlich wieder in des Ordens Gewalt. ) Mittlere weile durchzog der Komthur von Ragnit mit ſeinem Heer⸗ haufen zuerſt das biſchoͤfliche Gebiet von Ermland, nahm das vom Biſchofe bereits verlaſſene Land in Beſitz und ging dann Über Preuſſiſch⸗Holland und Preuſſiſch-Mark, wo er überall in den Burgen die Polniſchen Beſatzungen aufhob. “ Da traten im Oſterodiſchen Gebiete die Landesritter mit ihrer Wehrmannſchaft zuſammen und bemaͤchtigten ſich auch dort aller Burgen und Staͤdte wieder, alſo daß in kurzem alles in des Ordens Herrſchaft zuruͤckkehrte.) In Soldau, wo man die Burg erſtuͤrmen mußte, ward der Polnifchg Haupt⸗ mann mit der ganzen Beſatzung in den Kerker geworfen. “ Ueberall war man zugleich bemuͤht, die Staͤdte und Burgen 1) Lindenblatt S. 230. 2) Schr. des Raths v. Elbing an den Statthalter, d. Donnerſt. nach Franciſci (1410). 3) Lindenblatt a. a. O. Schr. des Komthurs v. Balga ebend. S. 231. 4) Schr. des Komth. v. Ragnit an den Statthalter, d. Tapiau am T. Luck Evang. (1410) Schbl. LXVI. 69. 5) Lindenblatt S. 231. 6) Schr. eines gewiſſen Peter v. der Slawke an d. Komthur v. Balga, d. Soldau Mittw. vor Michael. (1410). Er bittet zugleich um ſchleunigſte Huͤlfe zur Bemannung des Hauſes.
Scanseite 134 · Druckseite 121
Wiedergewinn der Ordensburgen. (1410.) 121 mit der nöthigen Mannſchaft, Geſchuͤtz und Lebensmitteln ſo ſchnell als möglich zu verſorgen und ſtärker zu befeſtigen, um ſie gegen neueinbrechende Feinde in jeder Weiſe zu ſi⸗ chern. D Die Burgen wurden mit Soldnerhaufen beſetzt und mit ſorgſamen Wachen verſehen; insbeſondere erhielt Danzig eine ſtarkere Beſatzung, weil die Stadt ſich dem Orden noch nicht wieder ergeben hatte. 2 Auch in Pommern hatte ſich bereits alles zu Gunſten des Ordens gewendet. Der Vogt der Neumark Michael Kuͤchmeiſter von Sternberg hatte dort die aus Deutſchland und Ungern herbeiziehenden Soͤldnerhaufen zu einer anſehn⸗ lichen Streitmacht geſammelt, um die von den Polen be- ſetzte Burg Tuchel wieder zu gewinnen. Der Koͤnig ſandte zwar bedeutende Streitkräfte nach Nakel, Bromberg und in die Graͤnzburg Krone, um von da aus Tuchel zu entſetzen, und in einem hitzigen Kampfe, in welchem der Ordensvogt dem Feind bei Krone begegnete, ward dieſer nicht nur ge⸗ fangen genommen, ſondern auch nach Polniſchen Berichten achttauſend Mann vom Ordensheere erſchlagen. Allein der Erfolg entſprach dem angeblich glänzenden Siege der Polen in keiner Weiſe, denn das Ordensvolk zog ſich ins Lager vor Tuchel wieder zuruͤck und man wußte dem Befehlshaber der Polniſchen Beſatzung den Sieg des Ordensvolkes ſo wahrſcheinlich zu machen, daß er die Burg ohne weiteres raͤumte.) Sie ward alsbald von dem Huͤlfsvolke, welches 1) Schr. des Komth. von Balga bei Lindenblatt S. 231, 2) Schr. des Hauskomthurs v. Schwez an den Statthalter, d. Schwez Sonnt. nach Dionys. (1410). Schr. des Komthurs v. Danzig an denſ. d. Danzig am T. Frantiſci (1410). 3) Diugoss. p. 289 — 290. Schr. des Komth. v. Schlochau an den Statthalter, d. Konitz Sonnt. nach Franciſci (1410). 4) Dlugoss. p. 292 sequ. ſtellt den Sieg der Polen als vollkom⸗ men und entſchieden dar und ſetzt die Schlacht ſogar der bei Tannenberg zur Seite; Polniſche Prahlerei! Schon Schütz p. 104 zweifelt an dem glänzenden Siege. Als einem Schr. des Hauskomth. von Schwez an den Statthalter, wenige Tage nach dem Kampfe geſchrieben (d. Schwez Mont. vor Calixti 1410), worin er die Gefangenſchaft des Vogts der
Scanseite 135 · Druckseite 122
122 Wiedergewinn der Ordensburgen. (1410.) ſoeben der Biſchof von Würzburg Johann von Egloffſtein und Johann von Muͤnſterberg, der letzte Piaſtiſche Herzog in Schleſien herbeigefuͤhrt hatten, ſtark beſetzt.) Vergebens ſandte der König eine neue Kriegsſchaar gegen Tuchel ab; fie kehrte geſchlagen zuruck; vergebens erließ er eine Auffor⸗ derung an die Bewohner der Gebiete von Tuchel und Ko: nitz, ſich wieder unter ſeinen Schutz zu begeben, verhieß Verzeihung und Sicherheit vor Rache, drohte bei fernerer Widerſetzlichkeit. Sie hielten von deman feſt an ihrer Treue gegen den Orden. 2) Und wie Tuchel, ſo fielen bald auch das Haus Sobowitz zwiſchen Schoͤneck und Danzig, die Burg zu Dirſchau und die Stadt und Burg Mewe in des Ordens Haͤnde, denn uͤberall entſank den Polniſchen Be⸗ ſatzungen Muth und Vertrauen. Jetzt waren nur noch die Burgen Neſſau, Thorn, Rhe⸗ den, Strasburg nebſt der Stadt und Stuhm von Polni⸗ ſcher Mannſchaft ſtark beſetzt. Die letztere Burg, drei Wo⸗ chen lang von ihrer Beſatzung ſtandhaft vertheidigt, ward bald ebenfalls dem Orden wieder eingeräumt und gerne be⸗ willigte man den tapfern Vertheidigern freien Abzug in die Heimat., Auch Thorn ſollte nun wieder gewonnen wer⸗ den. Nachdem man vor Rheden, wo bisher die Hauptmacht des Ordens gelegen, eine hinreichende Mannſchaft gegen die Neumark meldet, erhellt, daß des Königes Marſchall in Krone nur mit 1000 Mann lag, womit keine ſo wichtige Schlacht geliefert werden konn⸗ te. Lindenblatt S. 231 — 232 ſpricht von einer Niederlage vor Tuchel ſelbſt, worin viele Söldner erſchlagen und gefangen genommen worden; allein er ſcheint hier nicht genau unterrichtet geweſen zu ſeyn, denn dieſe Ereigniſſe fielen nicht, wie er angiebt, in die Zeit der Belage⸗ rung Marienburgs, ſondern, wie wir aus mehren Schreiben der Komthure wiſſen, in die erſten Wochen des Octobers, als der König zu Leſlau lag. 1) Diugoss. p. 295. 2) Diugoss. p. 296 — 297. Schr. des Königes an die Bürger und Landbewohner v. Tuchel und Konitz, d. feria II. ante fest, s. Hed- wigis 1410. 3) Lindenblatt S. 232 läßt den Polen auf Stuhm volle Ge⸗ rechtigkeit widerfahren.
Scanseite 136 · Druckseite 123
Wiedergewinn der Ordensburgen. (1410.) 123 Beſatzung der Burg zuruͤckgelaſſen, brachen die oberſten Hauptleute mit der übrigen Heermaſſe dorthin auf, vertrauend auf die Zuſicherung der Buͤrgerſchaft, die Burg werde leicht zu erobern ſeyn.) Allein die Polniſche Beſatzung, eben erſt vom Könige aus Leſlau auf baldige Huͤlfe vertröftet, ſobald das Gluͤck ihm guͤnſtig ſey, hielt den Anſturm des Ordensvolkes Fräftig aus und vertheidigte das Haus mehre Tage hindurch mit außerordentlichem Muthe.“ Ohne Zwei⸗ fel hätte der Orden die wenigen, vom Feinde noch beſetzten Burgen mit leichter Mühe gewinnen koͤnnen, wäre es ihm nur moͤglich geweſen, ſeine Truppenmaſſe auf einem Punkte zu vereinigen und feine Kriegsmittel für einen Zweck zu verwenden. Allein von allen Seiten her wurden dieſe in Anſpruch ge⸗ nommen. Heinrich Marſchalk, auf der Burg Brathean Stell⸗ vertreter des Vogts, verlangte eine groͤßere Soͤldnerzahl und Vermehrung des Soldes, weil er ſonſt ſeine Burg und die Stadt Neumark gegen den von Strasburg her drohenden Feind unmöglich werde ſchützen können. 5 Andere Ordens— haͤuſer, wie z. B. Dirſchau, Mewe u. m. waren von Ge⸗ ſchoß und ſonſtigen Vertheidigungsmitteln fo gaͤnzlich ent⸗ blößt, daß fie nothwendig beſſer verforgt werden mußten; ® andern gebrach es bei dem herannahenden Winter an Ges treide und Lebensmitteln. Auch die große Noth im Lande forderte außerordentliche Opfer. In den Gebieten von Oſte⸗ rode und Neidenburg, wo alles verheert und verzehrt war, „wo man in manchem Gehoͤfte keinen Stecken mehr fand“ I) Schr. der Oberſten im Kriegsheere an den Statthalter, d. Im Heere in Herrn Nitzen von Reneſch (Nicolaus v. Renys, des Eidechſen⸗ Ritters) Hofe am T. Dionyſ. (1410); fie bitten den Statthalter um verſtaͤrkte Mannſchaft. 2) Schr. des Komthurs v. Balga bei Lindenblatt S. 231. Dlugoss. p. 302. 3) Schr. Heinr. Marſchalks an den Statthalter, d. Brathean Freit. nach Dionyf. (1410). Er hatte nur 80 Soldner im Haufe, 9) Schr. Heinr. von Querfurt an d. Statthalter, d. Sonnt. vor Hedwig 1410. Schr. des Komthurs v. Memel an d. Statthalter, d. Rheden Donnerſt. vor Luca Evang. (1410).
Scanseite 137 · Druckseite 124
124 Neue Kriegsgefähren. (1410.) und weit und breit kein Pferd oder Rind mehr zu fehen war, war der Jammer und das Elend der Bewohner un⸗ beſchreiblich groß.) Ueberdieß gingen anſehnliche Geldſum⸗ men ins Ausland; eine ſolche mußte z. B. vom Großſchaͤffer zu Königsberg dem Könige von Böhmen geleiſtet werden, weil dieſer gedroht hatte, die Ordenslande ſelbſt in Anſpruch nehmen zu wollen. 2 Auch der Herzog Swantibor von Stettin, deſſen Sohn Kaſimir bei Tannenberg von den Po⸗ len gefangen genommen worden, bebrängte den Statthalter fort und fort mit der Bitte, ſeinen Sohn loszukaufen, weil er befuͤrchten muͤſſe, der Koͤnig werde ihn ſehr hart behan⸗ deln und im Zorne vielleicht in ſehr entfernte Gegenden bringen laſſen. “) Ueberdieß war man nirgends an den Graͤnzen gegen den Feind ſicher. Bei Neidenburg ſtuͤrmten Maſovier und heidniſche Voͤlker ins Land, brannten bis unter die Mauern der Stadt Doͤrfer und Muͤhlen nieder und verwuͤſteten alles ringsumher.) Der König noch immer zu Leſlau ſchien auf neue Plane zu ſinnen; ſeine Hauptmacht unter dem Befehle ſeines Marſchalls lag zu Bromberg und verſtaͤrkte ſich von Tag zu Tag. Dort hörte man taglich im Lager die Dro- hung: Was man noch nicht gethan, das wolle man nun erſt beginnen.) Es kam ferner die Nachricht: Witowd habe von Garthen aus in allen ſeinen Landen neues Kriegs⸗ 4) Schr. des Fiſchmeiſters von Balga (Stellvertreter des Komthurs v. Oſterode) an d. Statthalter, d. am T. Galli (1410). 2) Urkunde des Großſchaͤffers v. Königsberg Georg von Wiesberg und der für ihn buͤrgenden Nicolaus Bunzlau und Paul von Sitten aus Breslau, d. Breslau Sonnt. nach Francisci 1410; die Summe an den König betrug 8912 Unger. Gulden. 3) Schr. des Herzogs v. Stettin, d. Stettin Sonnab. nach Galli (1410). 4) Schr. des Fiſchmeiſters v. Balga an d. Statthalter, d. Oſterode Donnerſt. nach 11,000 Jungfr. (1410). 5) Schr. Friederichs Elharts an d. Statthalter, d. Schwez am T. Luca (1410) Schbl. XX. 107. Schr. des Stellvertreters des Komthurs v. Tuchel, d. Mont. nach Luck (1410).
Scanseite 138 · Druckseite 125
Neue Kriegsgefahren. (1410.) 125 volk aufgeboten und Ruͤſtung befohlen; in Samland, wo jetzt fo wenig wehrhaftes Volk einheimiſch, und im ganzen Niederlande ſey man keinen Augenblick mehr vor ſeinem Ein⸗ falle ſicher.) Auch im Kulmerlande drohte die Gefahr mit jedem Tage mehr. Im Hauſe zu Schwez waren wegen Zwiſtigkeiten zwiſchen dem Hauskomthur und Heinrich Reuß von Plauen dem Juͤngern, der dort mit Soͤldnern lag, dieſe letztern hinweggezogen und die Burg faſt ohne alle Beſa⸗ tung. ? Die Schiffskinder in Graudenz wollten keiner Anordnung folgen und ſich ſchlechterdings weder nach Rheden, noch auf die andern Ordenshaͤuſer vertheilen laſſen. Und doch war die Burg Rheden eben in größter Bedrängniß, denn der dort liegende Komthur von Elbing meldete dem Statthalter: er werde täglich gewarnt, daß ſich die Polen und die Herzoge Maſoviens bei Rippin im Dobrinerland ſtark verſammelten, um Rheden zu entſetzen und die dorti⸗ gen Heerhaufen des Ordens zu uͤberfallen; eine feindliche Schaar von fuͤnfhundert Mann liege ſchon unfern von Stras⸗ burg und achthundert Mann ſollten bei Thorn uͤber die Weichſel ſetzen; Rheden aber ſey nur von geringem Volke umlagert und täglich entritten viele aus dem Lager; aus dem Kulmerlande ſey wenig Beiſtand zu erwarten; werde das Ordensvolk in dieſer Schwäche überfallen, fo fey für ganz Preuſſen ein unerſetzlicher Verluſt zu befuͤrchten und das Ungluͤck werde größer ſeyn, als je zuvor.) Auch an der Polniſchen Graͤnze wuchs die Gefahr mit jedem Tage, denn die Polen hatten ſich an der Netze ſtark verſammelt, den Fluß bereits uͤberſchritten und eine große Menge ſchwe⸗ D Schr. des Hau pimanns von Tapiau an d. Statthalter, d. Ta⸗ piau am T. d. 11,000 Jungfr. (1410). Y Schr. Heinrichs Reuß von Plauen an den Statthalter (ſeinen Vetter) d. Schwez am T. Galli (1410) Schbl. LXIX. 70. 3) Schr. des Vogts v. Leipe an d. Statthalter, d. Graudenz Dienſt. nach Aller Heilig. (1410). 4) Schr. des Komthurs v. Elbing an d. Statthalter, d. Rheden am Abend Aller Heilig. (1410) Schbl. XXIV. 104.
Scanseite 139 · Druckseite 126
126 Heinrich von Plauen als Hochmeiſter. (1410.) res Geſchuͤtz herbeigefuͤhrt.) Der König von Polen hatte uͤberdieß viertauſend Boͤhmen, die von ihm ziehen wollten, von neuem in Sold genommen, ihnen genuͤgenden Lohn fuͤr alle ihre Dienſte verheißend, ſobald der Großfuͤrſt, den er erwartete, wieder herbeiziehen werde.?) Alles Anzeigen, daß noch keine Spur von verſoͤhnlicher Geſinnung bei ihm ob⸗ waltete. Er ſprach ſeine fortdauernde Erbitterung gegen den Statthalter auch bald offen aus, denn auf des letztern Ge⸗ ſuch wegen Auswechſelung der gegenfeitigen Gefangenen er* hob er in feiner Antwort die bitterſten Klagen und Vorwürfe über die barte Behandlung der Polniſchen Gefangenen im Ordensgebiete, ſprach von grauſamer Strenge, unmenſchli⸗ cher Qualerei, gottloſer Tyrannei, womit die Ordensgebie tiger und Ritter gegen die Seinigen verfuͤhren; kurz es zeigte ſich in ſeinen Worten noch ein ſo feindlich boͤſer und rach⸗ ſüchtiger Geift, daß man ſah, er hatte im Blute der Er: ſchlagenen bei Tannenberg noch nicht Genüge gefunden. ® In ſolchen Gefahren war nichts nothwendiger, als ein neues Oberhaupt an die Spitze des Ordens zu ſtellen. Des⸗ halb hatte der Statthalter ſchon im September die beiden Meiſter von Livland und Deutſchland nebſt den uͤbrigen ober⸗ ſten Ordensgebietigern ins Haupthaus Marienburg eingela⸗ den. Der erſtere, Konrad von Vietinghof, durch Krank— heit gehindert, konnte nach ſeiner Wiedergeneſung erſt um Martini feine Gegenwart in Marienburg beſtimmt zufagen. ® Der Deutſchmeiſter Konrad von Eglofftein nebſt den Land⸗ 1) Schr. des Hauskomthurs v. Schlochau an d. Statthalter, dat. Schlochau Sonnab. auf Tuch 1410. Schr. des Ordensritters Behemund Brendel, Stellvertreter des Vogts der Neumark, d. Dramburg Freit. uach Galli (1410). 2) Schr. des Hauskomthurs von Schwez an den Statthalter, dat. Schwez Mont. nach Aller Heilig. (1410). 3) Schr. des Königes v. Polen an den Statthalter, d. in die 8. „Crispini an, decimo. Das Schreiben ift in aͤußerſt ſtarken Ausdruͤcken abgefaßt. 4) Schr. des Meiſters v. Livland an den Statthalter, d. Riga am T. nach Dionyſ. 1410 Schbl. X. 107.
Scanseite 140 · Druckseite 127
Heinrich von Plauen als Hochmeiſter. (1410.) 127 komthuren von Oeſterreich, von der Etſch und vielen andern Gebietigern, die zum Theil auch Kriegsgaͤſte und Soldner mit herbeifüͤhrten, langten ſchon in den erſten Tagen des Novembers an. 5. Am neunten dieſes Monats, Sonntags vor Martini verſammelte man ſich zum Wahlkapitel und die Stimmen fielen einmuͤthig auf den Erretter des Haupthau⸗ ſes, den Grafen Heinrich von Plauen, denn wer waͤre des hohen Meiſteramtes wuͤrdiger geweſen, als dieſer Held in der Noth? Alsbald ernannte er mit des Kapitels Ein⸗ ſtimmung neue Komthure für die verſchiedenen Ordenshaͤuſer, zum Großkomthur Hermann Gans, zum Ordensmarſchall Michael Kuͤchmeiſter von Sternberg, ſobald er aus ſeiner Gefangenſchaft befreit ſeyn werde;?) der alte Werner von Tettingen blieb noch ferner im Spittleramte; die Verwal⸗ tung des Trappieramtes erhielt Albrecht von Tonna 9 und die des Ordenstreßlers der bisherige Stellvertreter des Vogts 1 —— — 1) Lindenblatt S. 233. Schr. Behemund Brendels an den Statthalter, d. Arnswalde Donnerſt. vor Simon und Judaͤ und ein ans deres Donnerſt. vor Aller Heil. (1410), worin er der Landkomthure mit ihren Sdldnern erwähnt. Der von der Etſch brachte „einen ſuͤberlichen Haufen.“ 2 2) Die Fabel von der Selbſtwahl Heinrichs von Plauen (ſ. Hiärn herausgeg. v. Napiersky S. 172) hier zu widerlegen, waͤre unnuͤtz; vgl. die Beilage zu Lindenblatt S. 387, wo er ſelbſt über feine Wahl ſpricht und Lindenblatt S. 233. Voigt Geſch. Marienb. S. 282. Kotzebue B. III. S. 380. Baczko B. III. S. 26. De Wal T. IV. p. 402 seg. Bei Dusburg Supplem. c. 36 ift in der Angabe des Wahltages ſtatt dominica ante festum s. Mariae zu leſen 8. Martini. Alte Preuſſ. Chron. p. 43. 3) Vorerſt verwaltete dieſes Amt nach einer Archivsnachricht Jo⸗ hann von Schönfeld. E 4) Die Würde des Großkomthurs blieb keineswegs unbeſetzt; wir finden Hermann Gans in mehren Urkunden aus dem J. 1411, z. B. Schbl. XX. 4 und in einer andern, d. Dienſt. nach unſ. Frauen Licht⸗ weihe (1411). In dieſen Urkunden iſt auch Albrecht von Tonna als Ordenstrappier genannt. Der Name von Dohna, wie er in meiner Geſch. Marienb. S. 282 aufgenommen iſt, iſt unrichtig; er muß Tonna heißen, ſ. Hellbachs Adels⸗Lexicon B. II. S. 595.
Scanseite 141 · Druckseite 128
128 Heinrich von Plauen als Hochmeiſter. (1410.) der Neumark Behemund Brendel; für das Haus Thorn ward Eberhard von Wallenfels, fuͤr Schwez Friederich von Conſtetten, fuͤr Oſterode Konrad von Sefeln, fuͤr Danzig Heinrich von Plauen, des neuen Meiſters Bruder, für Bran⸗ denburg Ulrich Zenger, für Grauden; Johann von Bichau, fuͤr Ragnit Helferich von Drahe als Komthur beſtellt und ſo fuͤr andere Burgen andere. Wie aber in ſolche Weiſe die alte Ordnung der Dinge zuruͤckkehrte, ſo mit ihr auch neues Vertrauen und neuer Muth in den Buͤrgern und Bewohnern des Landes; freu— diger eilte das kriegspflichtige Volk wieder unter des Ordens Fahnen und immer neu herankommende Soͤldnerhaufen ver⸗ mehrten feine Kriegsmacht.) Der neue Hochmeiſter ruͤſtete alsbald mit aller Macht, denn immer noch waren mehre Ordensburgen in des Feindes Haͤnden und eben erſt hatte der Koͤnig von Leſlau nicht nur an die Fuͤrſten, Grafen, Baro⸗ ne, Ritter und Edle in der Gegend von Tuchel, ſondern uͤberhaupt in alle Gebiete des Ordens, die ihm Beihuͤlfe bringen wollten, eine arglift verlockende Erklärung erlaſſen, worin er ihnen theils ſein großes Befremden zu erkennen gab, daß ſie als redliche und ehrenwerthe Maͤnner dem Orden zu Huͤlfe kommen könnten, da dieſer an ihm und feinem Reiche ſtets auf eine gottloſe Weiſe gehandelt habe, theils fie eve ſuchte, aus ihrem Heere zwei edle Maͤnner zu ſenden, denen er den vollſtaͤndigen Beweis feiner Unſchuld und Gerechtig⸗ keitsliebe vorlegen konne.) Während indeß der König in Leſlau auf die Wirkung dieſer ſchlauen Umtriebe lauerte, brach der Hochmeiſter, begleitet vom Erzbiſchof Johannes 1) Lindenblatt S. 233 — 234 u. 397. 2) Dieſes Document, d. In Iuveni Wladislavia domin. die proxi- mo ante festum s. Martini a. d. 1410 beginnt mit den Worten: Uni- versis et singulis Prineipibus, Comitibus , Baronibus, Militibus, No- bilibus, Clientibusque ceterisque in Thuchola et alias ubilibet presi- dentibus, qui Cruciferis de Prussia et ipsorum Ordini venerunt sub- sidia ministrare ete. Die Ordensritter ſchildert darin der König na⸗ tuͤrlich nicht auf die guͤnſtigſte Weiſe.
Scanseite 142 · Druckseite 129
Heinrich von Plauen als Hochmeiſter. (1410.) 129 von Riga, dem Biſchof Johannes von Wuͤrzburg, dem Bi⸗ ſchof Johannes von Pomeſanien, den Grafen Wilhelm von Henneberg und Bernhard von Kuſtelen, dem Meiſter von Deutſchland, vielen andern Gebietigern des Ordens, dem Grafen Heinrich von Plauen, den Edlen Beniſch und Kas⸗ par von Donin und vielen Rittern und Rottenfuͤhrern an der Spitze einer Kriegsmacht, meiſt aus den von den eben genannten auf Sold herbeigefuͤhrten Soͤldnerhaufen beſtehend, gegen das Kulmerland hinauf, D theild um die dort von den Polen noch beſetzten Ordensburgen zu gewinnen, theils mit dem Könige, ſofern es gluͤckte, friedliche Unterhandlun⸗ gen anzuknuͤpfen oder auch ihm den Ernſt der neuen Waf⸗ fenruͤtung des Ordens zu zeigen. Die noch beſetzten Or⸗ densburgen wurden ſofort von den Soͤldnerhaufen umlagert. Das Haus Rheden fand man bereits in Aſche gelegt und nur die Vorburg im Beſitze des Feindes.) So gering in⸗ deß in den beſetzten Burgen die feindliche Beſatzung auch war, ſo konnte es dem Hochmeiſter vorerſt doch nicht ge⸗ lingen, ſie zu erobern. Das Soldnervolk, fo hoch es oft ſeine Anſpruͤche auch ſteigerte, war zu keiner Unternehmung mit Nachdruck zu gebrauchen.) Die Schleſiſchen Soͤldner vor allen, ein mattes und laͤſſiges Kriegsvolk, ſcheuten jede ernſte Anſtrengung und waren zu keiner ruͤſtigen That zu be⸗ wegen. Die Polniſchen Beſatzungen in Rheden und Stras⸗ burg durften es daher immer wagen, ſo oft ſie wollten, ins platte Land einfallend Doͤrfer und Weiler auszupluͤndern, ſo daß das Kulmerland noch fort und fort dem Raube und der Verheerung Preis gegeben war.“) Das Schmerzlichſte aber für den Hochmeiſter war die Wahrnehmung des ver⸗ ratberifchen und treuloſen Geiſtes, der ſich hie und da im 1) Lindenblatt S. 233 — 234. 397. 2) Lindenblatt S. 235 — 236. 3) Schr. des Livland. Landmarſchalls, d. Golub am T. Nico: la (1410). 4) Eindenblatt S. 235. 5) Lindenblatt S. 236. VII.
Scanseite 143 · Druckseite 130
130 Waffenſtillſtand mit Polen. (1410.) Kulmerlande zeigte. Es fanden ſich feile Seelen, wahr⸗ ſcheinlich zum Theil aus dem Bunde der Eidechſen⸗Ritter, die den Polniſchen Hauptleuten auf Rheden und Strasburg heimlich warnende Nachrichten zubrachten und die Plane der Ordensritter verriethen; v ſelbſt die Bürger von Thorn luden den Schimpf der Untreue auf ihren Namen; ſogar der Rath der Stadt trieb ein geheimes finſteres Spiel mit dem Koͤnige; jede Woche ſandte er Abgeordnete zu ihm nach Leſlau; ebenſo war der Rath zu Strasburg der Verraͤtherei verdächtig. ? Um ſo mehr ſetzte der Hochmeiſter alles daran, die Burg zu Thorn zu gewinnen; allein die ſtarke Beſatzung hielt alle Angriffe ſtandhaft aus. Da begannen in den erſten Tagen des Decembers fried⸗ liche Unterhandlungen mit dem Koͤnige. Ihr Erfolg war ein Waffenſtillſtand unter folgenden Bedingungen: Alle Burgen und Städte, die der König noch im Beſitz hat, als Strasburg, Rheden, Thorn, Neſſau und Buͤtow, und die darin liegenden Beſatzungen ſoll der Orden waͤhrend der Waffenruhe in jeder Weiſe verſchonen; den letztern ſoll er laubt ſeyn, ſich im Lande überall ungehindert dahin zu bes geben, wohin fie wollen, ihre Burgen auszubeſſern und zu verſorgen, nur mit Ausnahme Thorns, welches, zwar in den Waffenſtillſtand mit eingeſchloſſen, mit keinen zu gro⸗ ßen Vorraͤthen von Lebensmitteln und Kriegsbeduͤrfniſſen verſehen werden darf;?) jedoch ſoll auch hier die Beſatzung ſich mittlerweile von Burg zu Burg, in und außer der 1) Lindenblatt S. 235 ſpricht zwar überhaupt nur von „etli⸗ chen Böſewichten dieſer Lande;“ wenn man aber an das Verhalten des Nicolaus von Renys in der Schlacht von Tannenberg und an die im nächſten J. 1411 angezettelte Verrätherei der Eidechſen⸗Ritter denkt, fo wird es höchſt wahrſcheinlich, daß fie es waren, die das verrätheris ſche Spiel im Kulmerlande trieben. 2) Lindenblatt S. 286. Ueber den Rath zu Thorn und die verraͤtheriſchen Abſichten des Raths zu Strasburg zwei Briefe des Kom⸗ thurs von Brandenburg an den HM. 3) Die nähere Beſtimmung giebt die Urkunde.
Scanseite 144 · Druckseite 131
Waffenſtillſtand mit Polen. (1410.) 131 Stadt und wohin ſie will, begeben dürfen. Der Orden ſoll keine neuen Bauwerke oder Anſtalten zur Belagerung und Er⸗ oberung der Burg unternehmen, ſondern alles in gegenwaͤr⸗ tigem Stande laſſen. Streitigkeiten zwiſchen den Ordens⸗ unterthanen und des Koͤniges Leuten ſollen die Waffenruhe nicht ſtoren oder als Verletzung gelten, ſondern auf gewoͤhn⸗ lichem Wege geſchlichtet werden. » Feſt ſchien es auch, als habe der König friedliche Geſinnungen gewonnen; denn in denſelbigen Tagen erließ er ein Schreiben an den Hochmei⸗ ſter, worin er ihm in freundlichen Worten zu ſeiner Erhe⸗ bung ins Meiſteramt nicht nur Gluck wuͤnſchte, ihn an ihre fruͤheren freundſchaftlichen Geſinnungen erinnerte, die durch ſeine Vorfahren veranlaßte Feindſchaft beklagte, ſon⸗ dern auch den Wunſch ausſprach, den unſeligen Krieg zwi⸗ ſchen ihnen beendigt zu ſehen, weshalb er den Hochmeiſter, wenn bei ihm gleiche Geſinnung obwalte, zu einer friedli⸗ chen Verhandlung zu ſich nach Raczans einlud. 2 Doch fo der König nur in Worten; ganz anders in der That. Der Hochmeiſter, obgleich es ihm Ueberwindung koſtete, (weil nie ein Vorgaͤnger dieſen Schritt gethan) be⸗ gab ſich wirklich ſelbſt zum Könige, ihn fleyen nich und aufs dringendſte bittend, das Chriſtenblut fernerhin zu ſcho⸗ nen und die Entſcheidung ihrer Streitfragen erwaͤhlten Fuͤr⸗ ſten anheim zu ſtellen. Drei Tage bot er alle Mittel der Ueberredung auf, den König in irgend einer Weiſe zum Frieden zu ſtimmen. Dieſer indeß verwarf unter allerlei ) Originalurkunde des Koͤniges, feria terlia in crastino oncepz. Aarige 1410. Schbl. 63. 5. Sie enthalt noch einige andere Punkte von minderem Belange, z. B. über die Gefangenen, über den Wiederaufbau der Mühle Lüͤbetſch, der dem HM. unterſagt iſt u. ſ. w Als Verbündeter iſt außer den Herzogen Johann und Semovit von Maſovien auch der Herzog Boguslav von Stolpe Zenennt, der ſich nach einem Schr. des Vogts von Lauenburg im Novemb. 1412 auch ſehr feindſelig gegen den Orden zeigte. 2) Schr. des Königes, d. In Brzescze feria lertia in erastino concept. Mariae 1430, gedruckt bei Linden blatt S. 233 — 234, 9* d. In eastro nostro Neschow
Scanseite 145 · Druckseite 132
132 Der Friede zu Thorn. (1411.) nichtigen Grunden jede ſchieds richterliche Entſcheidung und wich auch andern friedlichen Vorſchlaͤgen des Hochmeiſters unter allerlei Vorwaͤnden aus, fo daß es ſchien, er wolle den Waffenſtillſtand nur benutzen, um ſeine Kriegsmacht zu verfiärken. So zerſchlugen fi) die Unterhandlungen; D fie wurden zwar bei dem Eifer mehrer hohen Geiſtlichen und edlen Herren im Geleite des Koͤniges und des Hochmeiſters um die Herſtellung des Friedens mehrmals wieder aufge⸗ nommen, aber immer ohne Erfolg, bis wirklich der Groß⸗ fuͤſſt Witowd von neuem mit friſchen Heerhaufen herbeige⸗ zogen war. So war zu beſorgen, daß der Koͤnig bald wieder die Waffen ergreifen werde, zumal da ſeine Heeres⸗ macht der des Ordens weit uͤberlegen war, wozu noch kam, daß der Hochmeiſter ſich auf die Treue und Bereitwilligkeit ſeiner eben daſtehenden Kriegshaufen nicht einmal verlaſſen konnte. In ſolcher Beſorgniß begann der Meiſter das Jahr 1411 zu Thorn. Die beiden Meiſter von Deutſchland und Liv⸗ land und die vorerwaͤhnten Biſchöfe eifrigſt um den Frie⸗ den bemuͤht, bewirkten zwar noch eine Verlangerung des Waffenſtillſtandes; ? allein auch dieſe ging trotz aller Aner⸗ bietungen und Vorſchlaͤge zur Ausgleichung ohne Erfolg voruͤber. Der Hochmeiſter erhob vor allen Fuͤrſten Deutſch⸗ lands laute Klagen uͤber des Koͤniges unbeugſamen Trotz und unfriedſamen Geiſt und bat aufs dringendſte zur Ret⸗ tung des Ordens um Beiſtand, ihnen meldend, wie ſein Gegner auch dieſe Zeit wiederum nur benutzt habe, um ſich durch Tataren und andere heidniſche Völker gegen ſein fruͤheres ausdruͤckliches Verſprechen noch mehr zu verſtarken.) Mitt: 1) eindenblatt S. 233 deutet dieß nur kurz an; fpecieller dar⸗ über der HM. ſelbſt in feinem Berichte bei Lindenblatt S. 397. 2) Lindenblatt S. 235. 3) Originalurk. der königl. Bevollmächtigten, d. in Thorun a. d. 1411... . infra octavas Epiphan. dni Schbl. 64. 12; die Urkunde iſt ſchon ſo vermodert, daß der Inhalt ſchwer zu entziffern iſt. 4) Mehre Entwuͤrfe dieſes Klagſchreibens, d. Thorn Donnerſt. vor
Scanseite 146 · Druckseite 133
Der Friede zu Thorn. (1411.) 133 lerweile aber waren dem Orden neue Soͤldnerhaufen zuge⸗ kommen.) Die Unterhandlungen mit dem Könige wur: den jetzt auf einer Inſel in der Weichſel, Thorn gegenüber, abermals begonnen, von Seiten des Königes unter Ver⸗ mittlung des Großfuͤrſten und ſechs ihm zugeordneter Raͤthe (denn dieſer hegte jetzt allerdings friedlichere Geſinnungen) und von Seiten des Ordens unter der des Biſchofs von Wuͤrzburg, des Meiſters von Livland und des Grafen Hein⸗ rich von Plauen. ? Unter den eifrigſten Bemühungen die⸗ ſer Bevollmaͤchtigten und nicht ohne große Schwierigkeiten kam es endlich am erſten Februar zu einem Friedensſchluſſe, der zu Thorn zwiſchen dem Koͤnige, dem Großfuͤrſten, den Herzogen von Maſovien und dem von Stolpe einer, und dem Hochmeiſter und feinem Orden für Preuſſen und Livland anderer Seits auf folgende Bedingungen feſtgeſtellt ward: Aller Streit und alles Unrecht ſey vergeſſen und beigelegt; alle Gefangenen beider Theile ſollen frei und ledig ſeyn; die eroberten Burgen und Städte werden jedem ſofort zuruͤck⸗ gegeben und deren Bewohner von ihrem geleiſteten Huldi⸗ gungseide entbunden, ausgenommen das Land Samaiten, Priſca 1411 Schbl. XX. 703 der eine iſt an den Röm. König Wen⸗ ceslaw gerichtet. Der HM. ſtellt die erbetene Beihülfe der Fuͤrſten als eine Sache dar, „die nicht alleyne uns und unfern Orden anrüret, ſun⸗ der meer den Griftenglouben, deme vo alle criſtenforſten ſchouldig fein bey czu ſteen und yn czu beſchirmen.“ 1) Pauli B. W. S. 261, Baczko B. III. S. 29, Kotzebue B. III. S. 125 u. a. laſſen um dieſe Zeit den Danziger Birgermeifter Konrad Letzkau, der auf des HM. Anrathen in Bettlerkleidung ſich durch die Polen hindurchſchleichend nach Oeutſchland gegangen ſeyn ſoll, um Soldner zu werben, deren eine neue Schaar dem HM. zuführen. Allein die Nachricht iſt Grunauiſche Dichtung, Tr. XV. C. I. S. 3 ſie iſt auch zu Schütz p. 100 (der hier höchſt uncritiſch iſt) übergegangen und aus dieſem zu den Neuern. 2) Originalurk. des Koͤniges, d. in loco nostre stationis campe- stris prope Raczancz sabatto in vigilia Conversion. Pauli 1411 Schbl. LXIV. 4; es iſt zugleich eine Verlängerung des Waffenſtillſtandes auf zwei Tage, während welcher die Unterhandlungen Statt fanden. Der Geleitsbrief des Königes für die Unterhändler des HM. Schbl. LXIV. II.
Scanseite 147 · Druckseite 134
134 Der Friede zu Thorn. (1411.) welches der Koͤnig und Großfuͤrſt fuͤr ihre Lebenszeit im Beſitz behalten; nach ihrem Tode kann ſich der Orden daſ⸗ ſelbe laut der ihm uͤber ſein Eigenthumsrecht ertheilten Briefe ohne Hinderniß mit allen Rechten zueignen. ) Her⸗ zog Semovit von Maſovien ſoll das von ihm einſt dem Or⸗ den verpfaͤndete Laͤndchen Zackrze ohne Zahlung des Edſe⸗ geldes zuruͤckerhalten. Dobrinerland und alle Gebiete, die Polen vor dem Kriege beſeſſen, ſollen der Krone, Pommern dagegen, das Gebiet Michelau, Kulmerland, Neſſau, Mur⸗ zinno und Orlau nebſt allen Landen, die der Orden vor dem Kriege gehabt, ihm verbleiben. Der Streit uͤber Drieſen und Zantock fol der Entſcheidung von zwoͤlf vom Könige und dem Hochmeiſter gewaͤhlten Schiedsrichtern unterworfen werden; koͤnnen fie ihn nicht endigen, fo ſoll der Papſt als Oberrichter entſcheiden; in gleicher Weiſe alle Graͤnzir⸗ rungen zwiſchen Polen, Litthauen, Maſovien und dem Her⸗ zoge von Stolpe, ſowie die Streitfragen uͤber die Inſeln, Fiſcherei, Schiffahrt und die Ufer der Weichſel und Dre⸗ wenz. Alle Kirchenguͤter von Gneſen und Leſlau im Or⸗ densgebiete ſollen bei ihren Rechten erhalten und ohne Wil⸗ len ihrer Draͤlaten nicht veräußert werden, desgleichen die biſchoflichen Ordensguͤter in Polen. Die Kaufleute beider Theile ſollen freien Handel haben. Zur Erhaltung des Friedens und der Freundſchaft ſollen bei etwanigen Strei⸗ tigkeiten beiderſeits insgemein zwoͤlf Maͤnner erkocen wer⸗ 1) Dieſe Beſtimmung, ohne Zweifel mit die merkwuͤrdigſte im Frie⸗ densſchluſſe, heißt: lem Terra Samagittarum excipitur, quam nos do- mini Wladislaus Rex Polonie et Alexander alias Witaudus magnus dux Litwanie ad vitam ulriusque nostrum in possessione tenere debe- bimus pacifice et quiete nisi ipsam vellemus ordini dimittere ante mor- tem, hoe stat in arbilrio nostre libere voluntatis et hoc debet litteris patentibus roborari, quod post mortem uostram de eadem terra ordo se poterit intromiitere sine impedimenlo cum omnibus iuribus et pro- prielalibus iuxta teuores lilterarum ordini super appropriacione eius- dem terre alias concessarum. Nach Kojalowiez p. 89 ſoll dieſe Be⸗ dingung die Polen ſehr erbittert haben.
Scanseite 148 · Druckseite 135
Der Friede zu Thorn. (1411) 135 den, mit der Vollmacht, die Irrungen auf dem Wege des Rechts und der Freundſchaft auszugleichen; ſofern fie nicht uͤbereinſtimmen, ſoll die Sache an den Papſt als Ober⸗ ſchiedsrichter gebracht werden. Betrifft der Streit Erbei⸗ genthum, liegenden Beſitz und Schulden, ſo ſoll das Land⸗ gericht, wohin die Sache gehoͤrt, darin Recht ſprechen. Was Lehenguͤter anlangt, ſoll unter dem Lehensherrn nach dem gewöhnlichen Rechte Erledigung finden. Der König und Großfuͤrſt ſollen alle Unglaͤubigen ihrer Lande anhal⸗ ten, den chriſtlichen Glauben anzunehmen, zur Verbreitung dieſes Glaubens Kirchen erbauen und alle heidniſchen Irr⸗ thuͤmer vertilgen, desgleichen der Hochmeiſter in Livland und Preuſſen. Beide Theile ſollen ihren heidniſchen Nach⸗ barlanden dieſes Uebereinkommen bekannt machen und ſie zur Annahme des Chriſtenthums auffordern; weigern ſich dieſe, ſo ſollen jene einander zur Ausfuͤhrung der Bekeh⸗ rung unterſtuͤtzen und ſofern fie Kriegsheere zu dieſem Zwecke ausſenden, die Theilung der Eroberungen nach früher dar⸗ über feſigeſetzten Beſtimmungen erfolgen. Allen Flüchtlin gen ſoll die Ruͤckkehr auf ihre Beſitzungen frei ſtehen und Gnade widerfahren. Der Biſchof von Ermland ſoll vom Hochmeiſter ſicheres Geleit erhalten, aber nicht mit Gewalt⸗ thaͤtigkeit, ſondern nur nach dem Rechte behandelt werden. Der Koͤnig Sigismund von Ungern ſoll, ſofern er will, in den Frieden mit eingeſchloſſen ſeyn, der Hochmeiſter ihn daruͤber in Kenntniß ſetzen und der König von Polen mittler⸗ weile nicht mit Krieg belaͤſtigen. Beide Theile endlich ſollen bei allen ihren bisherigen Privilegien und Rechten bleiben, inſofern es nach den eben feſtgeſtellten Friedenspunkten ge⸗ ſchehen kann. Niemals wieder ſoll die Krone Polen mit ihren Landen und Leuten zu Litthauen gegen den Orden und niemals der Hochmeiſter und der Orden gegen die Kro⸗ ne Polen und die Lande Litthauen auftreten oder ſich deren Feinden anſchließen. Soweit der Friedens ſchluß.“ In 1) Das Friedensinſtrument 15 d. in Thorun die dominieo in vigilia Purificat. Marie 1411 in mehren Transſumten v. J. 144 und 1421
Scanseite 149 · Druckseite 136
136 Der Friede zu Thorn. (1411.) einem beſondern Vertrage aber mußte der Hochmeiſter ſich noch verpflichten, dem Koͤnige von Polen fuͤr die Loͤſung der Gefangenen, namentlich der beiden Herzoge Kaſimir von Pommern und Konrad von Oels und vieler Ritter und Knechte eine Summe von hunderttauſend Schock Groſchen zu entrichten, wofuͤr der Herzog von Maſovien ſein erwaͤhn⸗ tes Laͤndchen mit viertauſend Schock ausloͤſen ſollte. Ohne Zweifel war dieſes die druͤckendſte Bedingung fuͤr den Hoch⸗ meiſter, denn ſie vor allem untergrub ſein ganzes ferneres Gluͤck. 9 Nachdem der Friede in einer perfonlichen Zuſammen⸗ kunft auf einer Ebene bei der alten Burg Slotorie von den drei Fuͤrſten, dem Koͤnige, dem Großfuͤrſten und dem Hoch⸗ meiſter feierlich beſchworen war und gegenſeitige Geſchenke die Freundſchaft zwiſchen dem Könige und dem Meiſter be- kraͤftigt hatten, zog ſich jener mit ſeiner Streitmacht in feine Lande zuruck. Dem Großfuͤrſten haͤndigte der Hoch⸗ meiſter nach ſeinem Wunſche zuvor noch einen freien Jagd⸗ brief in allen Wildniſſen des Ordens ein.) Kaum aber war der Meiſter heimgekehrt, als ihm ein Schreiben des Roͤmiſchen und Ungeriſchen Koͤniges Sigismund die Mel⸗ Schbl. 64. 15 u. 53 alle Abſchriften und ueberſetzungen Schbl. XX. 73, Ngſtr. Heinrichs v. Plauen p. 2 — 3 u. 25, Fol. F. p. 129, gro⸗ ßes Copiebuch p. CLXXXII. Das vom HM. ausgeſtellte Inſtrument bei Dogiel T. IV. nr. LXXX. p. 84, das des Königes in Preuſſ. Lieferung. S. 295, aber ziemlich unrichtig; ein Auszug bei Baczko B. III. S. 145. Auch Lindenblatt S. 237 — 238 ſcheint die Ur⸗ kunde vor ſich gehabt zu haben. Vgl. Diugoss. p. 308 seg. 1) Im Hauptvertrage wurde dieſe Bedingung, da fie nur den Kö⸗ nig allein betraf, nicht mit aufgenommen; es muß daruͤber eine beſon⸗ dere Urkunde ausgefertigt worden ſeyn, die wir nicht mehr haben. Es erwaͤhnt dieſer Bedingung der HM. ſelbſt in dem nachher angeführten Schreiben an den König von Böhmen, auch Lin denblatt S. 237 — 238, Dlugoss. p. 310. 2) Diugoss. p. 310 — 311, 3) Die Urkunde, d. Thorn Sonnt. vor Purificat. Maris 1411 Schbl. 64. 1.
Scanseite 150 · Druckseite 137
Bedraͤngte Finanzverhältniſſe des Ordens. (1411.) 137 dung brachte, daß jetzt nach dem Tode des Markgrafen Jobſt von Mähren die Mark Brandenburg an ihn als recht⸗ maͤßigen Erbherrn gefallen ſey, was dem Orden offenbar zu großem Nutzen gereichen werde; darum moͤge er den Krieg mit Polen jetzt mit allem Ernſte betreiben und keinen Frieden ſchließen, denn nun hoffe man den Kampf zum Vortheil des Ordens und der ganzen Chriſtenheit ſchnell zu beendigen. !) So gewiß aber der Orden jetzt vom Abgrunde des Ver⸗ derbens gerettet war, ſo wenig konnte er ſich doch des her⸗ geſtellten Friedens erfreuen. Schon in den erſten Tagen mußte der Hochmeiſter dem Koͤnige die Klagen entgegen⸗ bringen, daß trotz des Friedens ſeine Unterthanen von den umherliegenden Polniſchen Kriegshaufen durch Raub, Brand und Gefaͤngniß großen Schaden zu erleiden haͤtten, dem Biſchof von Kulm mehre Doͤrfer niedergebrannt ſeyen und bei der Einraͤumung der Ordensburg Neſſau von den Polen nicht nur, wie der Friedensſchluß beftimme, Waffen und Geſchoß, ſondern uͤberhaupt alles weggeſchleppt ſey, den nahen Bewohnern ihr Vieh geraubt werde und der dortige Polniſche Hauptmann ſich durchaus feindlich bezeige. Am meiſten aber war es die Geldnoth, die Zerruͤttung der Fi⸗ nanzverhältniſſe, die den Hochmeiſter mit ſchwerem Kum⸗ mer erfüllten. Die ſtarke Kriegsruͤſtung vor der ungluͤck⸗ lichen Schlacht, die außerordentlichen Soldausgaben für die zahlreichen Soͤldnerſchaaren vor und nach dem Kampfe, der Wiederausbau und die ſtaͤrkere Befeſtigung der wiedergewon⸗ nenen Ordensburgen, die Wiederherſtellung des Haupthau⸗ — — 1) Schr. Sigismunds an den SM., d. Ofen am T. S. Agnes AN); vgl. Lanzi zolle Geſch. der Bild. des Preuſſ. Staats S. 251 und 216. 2) Schr. des HM. an den König, d. Thorn am FT. Rgſtr. II. p. J. (Der von iſt der des HM. B. III. S. gehört auch Agathä 1411 jetzt an unter Nr. IT angeführte Regiſtrant Heinrich von Plauen, der keineswegs, wie Kotzebue 375 angiebt, verloren iſt. Für die Jahre 1412 und 1413 der Regiſtrant uro III dieſem HM. an.
Scanseite 151 · Druckseite 138
138 Beodraͤngte Finanzverhaͤltniſſe des Ordens. (1411.) ſes Marienburg und manches andere hatten den Ordensſchatz ſchon faſt ganz erſchoͤpft und bei des Landes Elend und Zer⸗ ruͤttung war auf neue Zuſchuͤſſe vorerſt wenig zu rechnen. Und doch trat man von allen Seiten her dem Hochmeiſter mit unabweisbaren Anforderungen entgegen. Nur dem fo ums ſichtigen als muthvollen Geiſte Heinrichs von Plauen war es möglich, in dieſem Drange der Verhaͤltniſſe ſich aufrecht zu erhalten. Eine große Zahl von Soͤldnerfuͤhrern und Rott⸗ meiſtern, die Zahlung ihres Soldes verlangten, beguͤtigte er vorerſt durch ausgeſtellte Schuldſcheine, die er auf naͤch⸗ ſten Oſtern zu loͤſen verſprach.) Vor allem aber mußte man auf Mittel denken, den Koͤnig von Polen zu befrie⸗ digen, denn die erſte Zahlungsfriſt war nicht mehr fern. Er erſuchte zunächft den König von Böhmen um eine Ans leihe auf die Ordensballei zu Boͤhmen.“ Da indeß dieſe Ausſicht auf Huͤlfe ſehr ungewiß war, fo griff er zu einem andern Mittel, welches zwar allerdings ungleich ſicherer, aber ſeiner Neuheit wegen immer etwas gewagt war. Er ſchrieb zum erſtenmal eine allgemeine Landſteuer oder, wie man es nannte, einen allgemeinen Schoß uͤber das ganze Land aus und ließ dieſen nicht bloß von Buͤrgern und Landbewohnern, ſondern auch von Geiſtlichen, Moͤnchen und uͤberhaupt jedem Ordensunterthan nach beſtimmten Ver⸗ haͤltniſſen einfordern.“ 1) Solche Schuldſcheine von 400, 420 Unger. Gulden, oder 420 bis 2426 Mark für mehre Ritter, meiſt d. Thorn am T. Agatha Schbl. XIII. 3 — 9 u. 95. 38. 2) Schr. des HM. an den König v. Böhmen, d. Thorn am T. Dorothea 1411 Rgſtr. II. p. 14; in Beziehung auf die dem Könige v. Polen zu zahlende Summe ſagt der HM. : des ich czumole groflich beſor⸗ get byn und benothiget, wie ich dieſelbe ſumma geldes usrichten moge, das ich jo ſunder huͤlffe nicht thun kann. 3) Lindenblatt S. 2383 ſ. oben B. VI. S. 666. Ohne Zwei⸗ fel wurde dieſer Schoß im J. 1411 chen fo erhoben, wie nachher im J. 14 12; wir wiſſen aber beſtimmt, daß dieſe Erhebung nicht vom Grund und Boden, fordern vom Vermögen und Einkommen geſchah. Ob die Schägung vom HM. ausging, iſt ungewiß;; nur fo viel erſehen wir
Scanseite 152 · Druckseite 139
Ungehorſam und Frevel der Danziger. (1411.) 139 So ſchwer auch der Druck der Zeit auf dem verarmten und verwuͤſteten Lande lag, ſo erkannte man doch allent⸗ halben, daß die außerordentlichen Verhältniſſe auch außer: ordentliche Maaßregeln rechtfertigten und uberall zeigte man ſich fuͤr des Landes Rettung zu den verlangten Opfern be⸗ reit.) Die Bürger von Thorn waren mit die erſten, die ſich freiwillig zu einer anſehnlichen Leiſtung erboten, was der Hochmeiſter ihnen um ſo mehr hoch aufnahm, da er hierin eine Art von Reue erkannte, daß man ſich eine Zeit⸗ lang dem fremden Herrſcher untergeben hatte.) Nur Dan⸗ zig, uneingedenk des dem vorigen Meiſter und dem Orden geleiſteten Eides, widerſetzte ſich mit trotzigem Muthe. Laͤngſt dem Orden feindſelig und abgeneigt hatte der Rath der Stadt ſchon vor dem Kriege mit dem Komthur häufig im Streite gelegen, hier fich feinen Anordnungen widerſetzt, dort ſein Geleite verletzt, bald die von ihm Einzelnen ver⸗ liehenen Rechte vernichtet, bald auf andere Weiſe ſein An⸗ ſehen und feine Ehre gekraͤnkt. v Obgleich die Stadt nach dem Streite dem Statthalter und Komthur unwandelbare Treue zugeſagt, jener ihr zu beſſerer Befeſtigung dreitau⸗ ſend Mark verliehen, dieſer ſie zu ihrer Vertheidigung mit Pferden aus der Burg, mit Pulver und Geſchoß verſehen hatte, ſo uͤbergab ſie ſich doch, ohne auch nur einen feind⸗ lichen Schild vor ihren Mauern geſehen zu haben, treulos dem Feinde ohne alle Noth, „ ſandte dem Könige ihre aus einem Schr. des HM. an die Stadt Danzig im Rgſtr. II. p. 12, daß die Städte ſich bereit erklärten „ von der Mark acht Pfennige zu geben. 1) Lindenblatt S. 238; aus der Anmerk. S. 244 erſehen wir, daß der HM. zur Berathung über die Einforderung des Schoſſes auch die Landes⸗Aelteſten mit hinzugezogen hatte. 2 Dankſchreiben des HM. an die Bürger von Thorn v. J. 1411 Schbl. XX. 76. Schr. des HM. an die Hanſeſtädte Schbl. LX. 93. 8) Die Einzelnheiten darüber fe bei Lindenblatt S. 240 — 241. 40 Schr. des HM. an die Henſeſtädte Schbl. LX. 93, worin er ſich über die damaligen Ereigniſſe in Danzig ausſpricht.
Scanseite 153 · Druckseite 140
140 Ungehorſam und Frevel der Danziger. (1411.) Rathsleute zur Huldigung zu, verließ ſomit nicht nur ihren rechtmäßigen Landesherrn, ſondern nahm nunmehr gegen den Orden eine durchaus feindliche Stellung. Dem Pfle: ger von Montau nahmen die Danziger ſein Geraͤthe weg, dem Vogt zu Grebin ſchlugen fie feine nach Danzig gefluͤch⸗ teten Kaſten öffentlich auf dem Markte auf, den Hauskom⸗ thur von Danzig überfielen ſie zur Nachtzeit auf der Ruͤck⸗ kehr von Lauenburg, beſetzten dann die Muͤndung der Weich⸗ ſel, hinderten alle Schiffahrt, damit niemand dem Orden zu Huͤlfe kommen koͤnne, plünderten den Ordenshof Gre⸗ bin, uͤberfielen und fingen die dem Orden zuziehenden Soͤld⸗ ner und Ritter auf; und als ſie dem Koͤnige die Huldigung geleiſtet, traten der Buͤrgermeiſter Konrad Letzkau und mehre aus dem Rathe dem Komthur mit der Forderung entgegen: er ſolle ihnen die Burg raͤumen, man werde ihn mit ge⸗ ziemendem Zehrgelde verſehen; wofern nicht, ſo werde man ihn mit den andern Ordensherren an den Hälfen aus der Burg ziehen. Als hierauf des Koͤniges Hauptmann vor die Stadt kam, holten ſie ihn mit Trompeten und Poſaunen ein, leiſteten ihm die Huldigung und fuͤhrten ihn durch alle Gaſſen. Bald darauf erſchien Konrad Letzkau mit dem Polniſchen Hauptmanne vor der Burg, den Komthur aber⸗ mals zur Raͤumung derſelben auffordernd. Da dieſer ſie auch jetzt verweigerte, ſo rief der Buͤrgermeiſter drohend aus: „Ihr wollt ſtets mit dem Kopfe durch die Mauer; das koͤnnt ihr nicht. Wohlan! wir werden euch hinten und vorne, zu Waſſer und zu Land belagern; wir wiſſen wohl, was ihr auf dem Hauſe habt. Ihr koͤnnt es nicht lange halten; wollt ihr nicht mit Willen herab, ſo wollen wir euch mit Unwillen herunterziehen und zerren.“ Aber auch nachdem der Feind die Stadt wieder verlaſ⸗ ſen, beharrte der Rath im Ungehorſam, maßte ſich der peinlichen Gerichtsbarkeit an, koͤpfte und toͤdtete, wen er wollte, bemaͤchtigte ſich der Ordensmuͤhle, nahm den vom Hauskomthur zum Bedarf des Hauſes angekauften Meth in Beſchlag, verbot den Buͤrgern, daß niemand auf die
Scanseite 154 · Druckseite 141
Ungehorſam und Frevel der Danziger. (1411.) 141 Burg arbeiten folle, ließ das Tief zum Hauſe verpfaͤhlen, damit niemand ihm etwas zubringen konne und als um Weihnachten der Hochmeiſter Kriegsleute aus Danzig vers langte, ſchlug man ſie ihm trotzig ab. Jetzt verweigerte man auch den ausgeſchriebenen Schoß. Aber den Ernſt des Hochmeiſters fuͤrchtend, ließ der Rath die Stadt eiligſt ſtark befeſtigen, das Stadtthor gegen die Burg vermauern, ver: bollwerken und mit Geſchuͤtz beſetzen, entzog den Burggra⸗ ben das Waſſer und trat entſchieden als Feind auf. Da griff der Meiſter endlich zu ſtrengen Maaßregeln, ließ, um die Stadt zum Gehorſam zu zwingen, die Waſſerſtraße ſperren, ſo daß kein Schiff mehr einlaufen konnte, verlegte den Stapel nach Elbing, verbot alle Zufuhr von Lebens⸗ mitteln, ſchnitt die Stadt vom Lande foͤrmlich ab und ließ alles Stadtgut, wo man es fand, einziehen.) Das beugte den Trotz der Gemeine; der Rath erſchien bittend vor dem Komthur: er möge die Sperre aufheben; man wolle ſich friedlich mit dem Meiſter verſtaͤndigen. Der Komthur gab nach und es traten friedlichere Maßregeln ein. 5 Allein die Erbitterung flieg bald von neuem, als im Februar bei der neuen Rathswahl ein heftiger Streit zwiſchen dem Kom⸗ thur und dem Rathe ausbrach, weil der letztere nicht nur allen bisherigen Einfluß des erſtern auf die Rathswahl ver⸗ nichten, ſondern uͤberhaupt alle Einwirkung des Ordens auf die innern ſtaͤdtiſchen Verwaltungsangelegenheiten gerne vollig erdruͤckt ſehen mochte. 3) Dieſer Streit, der die Gemuͤther von neuem erhitzte, war noch nicht beendigt, als zu Oſterode, wo ſich in Ge⸗ — — ) Schr. des HM. an die Hanſeſtädte Schbl. LX. 93. 2) Lindenblatt S. 240 ff. Die dort erwahnten Artikel wider die Stadt Danzig im Fol. D. p. 230 — 232. u. 290 — 292. 3) Ueber dieſen Streit wegen der Rathswahl in Danzig ein Schr. des Komthurs von Danzig, d. Danzig Mittw. nach Purif. Mariä (1411) Schbl. LX. 41. Sowohl die Bürgermeiſter⸗ als Rathsherrnſtellen wa⸗ ren bisher meiſt im Kreiſe beſtimmter Familien geblieben, was der Kom⸗ thur durch ſeinen Einfluß auf die Wahl hindern wollte.
Scanseite 155 · Druckseite 142
142 Angehorſam und Frevel der Danziger. (1411.) genwart des Hochmeiſters die Bevollmaͤchtigten der Staͤdte verſammelt hatten, auch Sendboten des Rathes zu Danzig erſchienen. Waͤhrend alle dem Meiſter ihre Beiſteuer frei⸗ willig zuſicherten, beharrten auch hier die Danziger trotzig auf ihrer Weigerung und verließen dann den Verhandlungs⸗ tag. Der Hochmeiſter ſchlug noch einmal den Weg der Güte ein und bat in einem ſehr gnaͤdigen Schreiben die Gemeine von Danzig um gutwillige Mithuͤlfe zur Abwen⸗ dung der Landesnoth und des großen, unverwindlichen Scha⸗ dens. » Mittlerweile aber hatte der Rath der Stadt dem Vogte von Dirſchau, der einige Danziger Buͤrger aufge⸗ halten, heimlich einen Abſagbrief mit kecken Drohungen zu⸗ geſandt. Der Vogt überlieferte ihn dem Komthur von Dan⸗ zig, der alsbald den Rath und mehre aus der Gemeine auf die Burg entbot, ſie fragend: ob der Brief mit ihrem Willen geſchrieben ſey? Die meiſten verneinten es; vier aus dem Rathe aber bekannten ſich dazu und erlaubten ſich frevelnde und hoffärtige Worte gegen den Orden; ja einer aus dem Rathe erklaͤrte geradezu: „er konne wehl noch die Fuͤchſe aus den Loͤchern jagen.“ Da der Komthur, die Drohung wohl verſtehend, uͤberdieß bemerkte, daß ein Theil geharniſcht waren, ſo ließ er alsbald vier aus dem Rathe feſtnehmen, die man wirklich bewaffnet fand; es waren die beiden Buͤrgermeiſter Konrad Letzkau und Arnold Hecht und die Rathsherren Bartholomäus Groß, Letzkau's Toch⸗ termann, und Tiedemann Huxer. Die drei erſtern wurden des Todes ſchuldig erklaͤrt und auf des Komthurs Befehl enthauptet. Da begab ſich eiligſt eine Anzahl von Buͤrgern zum Hochmeiſter, den ſie zu Königsberg fanden. Allein er ließ fie ohne weiteres gefangen ſetzen. Dieß machte auf die ganze Gemeine gewaltigen Eindruck; man warf alle Schuld auf die beiden Buͤrgermeiſter und bat beim Hochmeiſter um Gnade und Verzeihung. Er ordnete auf Oſtern einen all⸗ 1) Schr. des HM. an die Gemeine zu Danzig, d. Oſterode Mont. zu Faſtnacht (1411) Raſtr. II. p. 12.
Scanseite 156 · Druckseite 143
Neue Gefahren für den Orden. (1411.) 143 gemeinen Landtag anz die verſammelten Biſchöfe, Bevoll⸗ mächtigte der Staͤdte, Ritter und Knechte des Landes leg⸗ ten insgeſammt Fürbitte um Schonung ein und der Hoch⸗ meiſter ſprach Gnade aus. Die Stadt mußte jetzt als Schoß vierzehntauſend Schock Groſchen zahlen. Der alte Rath ward abgeſetzt; der Meiſter beſetzte ihn und einen Theil des Schoͤppengerichts mit neuen Gliedern, tauglichen und redlichen Leuten aus allen Handwerken. Er ſelbſt erkor dem Rathe einen neuen Buͤrgermeiſter, mit der Beſtim⸗ mung, daß die Stadt einen ſolchen nie wieder wählen ſolle ohne Einwilligung der Herrſchaft. D Nach einiger Zeit ward nun zwar aus dem Ertrage des Schoſſes die erſte Zahlung von fünf und zwanzigtauſend 1) So ergiebt ſich die Sache aus Lindenblatt, dem Zeitgenoſ⸗ ſen, den gleichzeitig abgefaßten „Artickeln wider die Stadt Danzig“ bei Lindenblatt und dem erwähnten Schreiben des HM. an die Hanſe⸗ ftäbte, und nach dieſen Quellen halten wir die obige Dorſtellung fuͤr die richtige. Daß fpätere Chroniſten, zumal die dem Orden feindlich ge⸗ ſinnten, die Sache anders berichten, iſt vorauszuſetzen. Simon Gru⸗ nau Tr. XV. c. II. S. 2 — 3 geht hier wieder voran; ſein Bericht iſt indeß hier wieder ſo albern, daß er kaum einer Erwähnung verdient. Nicht viel beſſer iſt, was der über dieſe Zeit fo unkritiſche Schutz p. 106 — 107 erzählt, denn ſchon die Angabe, daß der Komthur von Danzig einen Hofnarren gehalten habe, iſt eine Abgeſchmacktheit, die der ganzen Erzählung das Gepräge der Dichtung giebt; überdieß iſt die ziemlich alberne Erzaͤhlung von dem Muͤnzfabricanten Pfennig aus Si⸗ mon Grunau J. c. genommen. Man ſicht uͤberhaupt, daß der Dan⸗ ziger Stadt ⸗Secretarius hier nicht mit hiſtoriſcher Ruhe, ſondern mit Gift und Galle gegen den Orden ſchrieb, fo daß ſelbſt Kotzebue B. III. S. 388 hier die Sache zu weit getrieben fand; indeſſen füllt er doch . * S. 139 — 142 vier Seiten mit der Erzählung von Schuͤtz an. Die uͤbrigen ſpätern Chroniſten geben wenig Aufſchluß. Die Ordens⸗ chronik p. 74 (Mſer.) erzählt: Er hatte VII oder VIII buͤrger czu Dancz⸗ ke des Rates laſſen fangen und uff das ſchloß Dantzick thun bringen und pre hewpter laſſen abflahen, ſchickte ſie wieder yn dy Stadt unbegraben, das ſie da begraben wurden und auß urſachen, ſo er ſie uͤberbracht, das fie verreter, veltfluͤchtigk und meineidigk yrem heren auß dem velde ge⸗ flogen waren, machten auch andere fluͤchtigk und uͤberlieferten etzliche ſtedt und ſloßer yn der Heiden Hende u. ſ. w.
Scanseite 157 · Druckseite 144
144 Neue Gefahren fuͤr den Orden. (1441.) Schock Groſchen an den Koͤnig von Polen geleiſtet.) Al⸗ lein die Ausſicht auf die Zukunft wurde dadurch noch um nichts freundlicher. Der Großfuͤrſt erbot ſich zwar ſogleich, ſeine Gefangenen frei zu geben, ſobald ſie aus den entle⸗ genen Gegenden ſeines Landes zuſammengebracht ſeyen; 2 der Koͤnig indeß, von dem der Hochmeiſter jetzt vor allem die Freigabe der beiden Herzoge von Stettin und Oels und der Ordensritter verlangte, erhob die Gegenklage: es ſeyen den Polen bei ihrem Auszuge aus Strasburg, Thorn und Rheden ihre Waffen, Harniſche und vieles andere genom⸗ men worden, ja mehre Ordensherren haͤtten ſogar gefangene Polen erſaͤuft und auf andere Weiſe getoͤdtet. So genau der Hochmeiſter dieß alles unterſuchte und ſo entſchieden er die Klage als nichtig zuruͤckweiſen mußte, ſo blieben die Gefangenen doch immer noch in des Koͤniges Gewalt.“) Auch aus Litthauen kamen bald wieder beſorgliche Nachrich⸗ ten: der Großfuͤrſt gehe damit um, zu Welun und auf der Dobiſſa zwei Burgen zu erbauen und habe ſich bereits von den Samaiten allerlei Berichte über die Graͤnzen zwi ſchen ihrem Lande und dem Ordensgebiete geben laſſen; man dehne aber dieſe viel zu weit in das letztere aus.“) Aus Deutſchland erfreuten den Hochmeiſter zwar manche Beweiſe freundlicher Theilnahme mehrer Fuͤrſten und Staͤdte, mit der man dort die Kunde vom Frieden mit Polen auf⸗ genommen hatte;) um fo betruͤbender aber war es ihm, 1) Quittung des Königes v. Polen, d. in Thorun ipso die do- min. Reminiscere 1411 Schbl. LXIV. 3. 2) Schr. Witowds an d. HM. d. Garthen Sonnab. vor Judica 1411 Schbl. XVII. 115. 94. 3) Schr. des HM. an den König, d. Lauenburg Sonnab. vor Laͤ⸗ tare 1411 Rgſtr. II. P. 6. Schr. des HM. an den Biſchof v. Wuͤrz⸗ burg, d. Röfel Mont. nach Lätare 1411 Schbl. XX. 81. 4) Bericht „von den Samaitiſchen Grenitzen „mer endigt mit den Worten: usgericht von her Michel Kochmeiſters wegen czu Wartenberg am Sonnab. vor Invocavit Anno XI. 5) Schr. des Grafen Eberhard von Wirtenberg, d. Vrach Sam⸗ ſtag vor Purif. Maria 1411. Schr. des Pfalzgrafen Ludwig vom Rhein,
Scanseite 158 · Druckseite 145
Verſchwoͤrung gegen den Hochmeiſter (1411.) 145 bald zu erfahren: der Orden fey bei den Königen von Boh⸗ men und Ungern, weil man den Frieden ohne ihr Mitwiſ⸗ ſen abgeſchloſſen, in ſolche Ungnade gefallen, daß ſie ſich nun mit Polen gegen ihn verbinden wollten, erſterer auch bereits den Landkomthur von Böhmen gefangen geſetzt und ſich der dortigen Ordensballei bemaͤchtigt habe, weil dieſer ihn um Stundung der ihm noch ſchuldigen Geldſumme habe bitten wollen.) So thuͤrmten ſich alſo von allen Seiten wieder neue Gefahren und Beſorgniſſe auf. Indeß verlor der Hochmeiſter auch jetzt den Muth noch keineswegs. Vor allem mußten für die baldige zweite Zahlung an den Koͤnig von Polen neue Geldmittel gewonnen werden; der Meiſter von Livland verhieß ihm wenigſtens den Ertrag einer Schaz⸗ zung des Bauernſtandes; 2) er ſprach ferner auch die Rit⸗ ter und Knechte, Buͤrger und Gemeinen der Neumark an, wenigſtens die Soldner zu befriedigen, die in der Neumark gelegen hatten und ſandte deshalb dorthin den gewandten Ordensritter Albrecht von der Dube als neuen Ordensvogt. ) So hoffte der nieverzagte Meiſter immer noch, den Orden aus ſeinen Bedraͤngniſſen retten zu koͤnnen. Da brach unerwartet ein neuer Sturm aus, eine Ver⸗ ſchwörung gegen den Hochmeiſter. Die wichtigſten Glieder der Eidechſen⸗ Geſellſchaft, die zum Theil, wie wir ſahen, ſchon auf dem Schlachtfelde von Tannenberg ſich unritterlich und feig gezeigt, nachmals im Kulmerlande insgeheim be⸗ ſtaͤndig mit Umtrieben gegen den Orden befchäftigt geweſen und, dem Orden längft ſchon durch alte Schulden behaftet, d. Heidelberg feria IV post f. purif. Mariae 1411. Schr. des Rathe v. Luͤbeck, d. Sabato ante domin. letare 1411 Schbl. LXXXVII. 7. Schr. Hamburgs an die Preuſſ. Städte, d. Donnerſt. vor Oſtern 1411 in Hanſeat. Receſſ. I) Schr. des HM. an den B nach Lätare 1411 Schbl. XX. 81. 2) Schr. des Livländ. Meiſters, d. Riga Freit. vor Palmar. 1411. 3) Schr. des HM. an die Neumärker, d. Gerdauen Donnerſt. vor Palmar. 1411. VII. iſchof von Würzburg, d. Rößel Mont. 10
Scanseite 159 · Druckseite 146
146 Verſchwoͤrung gegen den Hochmeiſter. (1411.) wahrſcheinlich vom Hochmeiſter jetzt mehr als je zur Bezah⸗ lung gemahnt ſeyn mochten, ſtanden an der Spitze einer verraͤtheriſchen Verbindung, zu der ſie bald auch den dama⸗ ligen Komthur des Hauſes Rheden Georg von Wirsberg, der die Gunſt des Koͤniges von Böhmen beſaß und mehre Jahre Großſchaͤffer zu Königsberg geweſen war, einen dem Wohlleben und Vergnuͤgen allzu ſehr ergebenen Mann, zu gewinnen gewußt.) Er und die übrigen Haͤupter der Ver⸗ ſchworung, Nicolaus von Renys, der erſt kurz zuvor einer Unterſuchung unterworfen geweſen war,? Johannes von Polkau, ſein Bruder, Friederich von Kynthenau, Guͤnther von der Delau und Hans von Zippeln 9 bauten ihren Plan auf die im Kulmerlande unter dem Adel herrſchende Stim⸗ mung gegen den Meiſter, auf die noch keineswegs beſchwich⸗ tigte Erbitterung der Danziger gegen den Orden und auf den Zorn der Könige von Böhmen und Ungern wegen des Friedens, zumal da ſich Georg von Wirsberg ohne Wiſſen feiner Oberſten als Rath in des Koͤniges von Boͤhmen Dienſt geſchworen hatte.“ Die Burg Rheden ſollte, zuvor unter gutem Vorwande ſtark befeſtigt und mit allem reichlich vers ſehen, den Verſchworenen und ihrem Anhange zum Ver⸗ ſammlungs- und Zufluchtsorte dienen. Des Komthurs Bru⸗ der, Friederich von Wirsberg, ſollte aus Böhmen viertau⸗ ſend Söldner herbeiführen, mit denen man Marienburg überfallen, den Hochmeiſter in den Kerker werfen oder durch Gift toͤdten wollte. Dem Komthur von Rheden ſollte die Meiſterwuͤrde ertheilt und um fie zu behaupten, fremdes Kriegsvolk namentlich aus Polen und Litthauen herbeigerufen werden. I Von Rheden aus wollte man dann auch die 1) Vgl. darüber Voigt Geſch. der Eidechſen⸗Geſellſchaft S. 28. S. auch Falkenſtein Urkunden und Zeugniſſe das Burggrafthum Nürnberg betreff. nro. 125. p. 118. 2) Schr. des Komthurs von Thorn, d. Thorn Mittw. nach Catha⸗ rina o. J. Schbl. XIX. 123; die Sache wird aber nur angedeutet. 3) Das Nähere über fie bei Voigt a. a. O. S. 3 U ff. 4) Schr. des Königes v. Böhmen an den HM. ebendaſ. S. 40. 5) Daß man auf Hülfe vom Könige von Polen und dem Großfuͤr⸗
Scanseite 160 · Druckseite 147
Verſchwörung gegen den Hochmeiſter. (1411.) 147 übrigen Ordensburgen gewinnen. An Geldmitteln war Ueber⸗ fluß. Der Hochmeiſter, mit Georgs von Wirsberg raſcher Thaͤtigkeit bekannt und auf ſeine gewandte Geſchaͤftsfuͤhrung, die er als Großſchäffer bewieſen, vertrauend, hatte ihn beauf⸗ tragt, zur Abtragung der Geldſummen an Polen alles vor⸗ roͤthige Geld und Silbergeraͤth aus den Ordensburgen zu⸗ ſammenzubringen und in Thorn, Strasburg u. a. hatte er dieß bereits vollfuͤhrt;!) ſelbſt das anſehnliche Silbergeraͤth des letzten Hochmeiſters war in ſeine Haͤnde gekommen. Das Beſte davon hatte er in Sicherheit gebracht. Vergebens hatte der Meiſter ihn ſchon mehrmals zur Ablegung einer Rechnung aufgefordert; er wußte immer Ausfluͤchte, denn noch war der Verſchwoͤrungsplan nicht reif. Im Kulmer⸗ land ward noch taͤglich der Saame der Unzufriedenheit gegen den Meiſter ausgeſtreut; durch zwei prächtige Tafelgemaͤlde, die der Komthur in Flandern verfertigen und aufs koſtbarſte ausſchmuͤcken ließ, ſollte ein naher fuͤrſtlicher Hof gewonnen werden; man ſuchte in Danzig und andern Städten unter Gleichgeſinnten noch geheime Verbindungen anzuknüpfen und des Hochmeiſters Anſehen durch gehaſſige Verlaͤumdungen und allerlei Umtriebe uͤberall herabzuwuͤrdigen und endlich erwartete man, um den entſcheidenden Schlag zu wagen, zuvor noch die Ankunft der in Böhmen geworbenen Soldner. Da entdeckte ein Ritter aus dem Kulmerlande, den man in die Verſchwoͤrung mit hineingezogen, dem Hochmeiſter den verraͤtheriſchen Plan; gleichzeitig einlaufende Berichte aus Böhmen und Ungern beftätigten die Ausſage. Der Kom: thur und Nicolaus von Renys wurden aufgegriffen und in den Kerker geworfen; die vier andern Haͤupter der Ver⸗ ſchwoͤrung entkamen durch die Flucht nach Polen, wo ſich der König ihrer annahm. Auf der Burg zu Graudenz, wo ſten vertraute, geht aus dem Geſtändniſſe einiger Verſchworenen hervor, wovon nachher. 1) Schr. des HM. an den König v. Böhmen, d. Mewe feria VI post Viti (1411) Schbl. VII. 34; wo er von Unterſchlagung der Gelder ſpricht, deren ſich der Komtbur ſchuldig gemacht. 10 *
Scanseite 161 · Druckseite 148
148 Verſchwoͤrung gegen den Hochmeiſter. (1410.) Nicolaus von Renys gefangen ſaß, bekannte er den ganzen Verſchwöͤrungsplan und die vom Komthur beabſichtigte Ver⸗ giftung des Hochmeiſters. Dorthin berief dieſer aus der Ritterſchaft des Kulmerlandes eine Ritterbank und ließ die vier Gefluͤchteten vor ſie zu Gericht laden. Da ſie indeß weder hier, noch vor zwei andern Ritterbaͤnken zu Marien burg erſchienen, ſo ward uͤber ſie die Acht und Verluſt aller ihrer Guͤter ausgeſprochen, Nicolaus von Renys des Todes ſchuldig erkannt und als Verraͤther an feinem Landesherrn zu Graudenz enthauptet. Ueber den Komthur richtete ein Ordenskapitel im Haupthauſe; es verurtheilte ihn zu ewigem Gefaͤngniß. Er ertrug dieſe Strafe bis zum Jahre 1429, wo er feine Freiheit wieder erhielt.“ So ſtreng der Hochmeiſter ſich in dieſem Verfahren an das Geſetz gehalten, ſo großes Aufſehen erregte das Ereig⸗ niß doch an verſchiedenen Fürftenhöfen. Der König von Böhmen verlangte in einem zornigen Schreiben vom Mei⸗ ſter des Komthurs Freilaſſung von der Kerkerſtrafe, die, wie er ſagt, ihm zu ſonderlicher Schmach und Widerdrieß ge⸗ ſchehen ſey, weil er mit ihm als ſeinem Rathe wichtige Dinge zu verhandeln habe, zumal da der Beſtrafte ſich immer fuͤr des Ordens Beſte eifrigſt bemüht gezeigt. Der Hochmei⸗ ſter indeß, ſich ſeines gerechten Verfahrens nach dem Ge⸗ ſetze wohl bewußt, gab der Forderung kein Gehoͤr, fo ſehr er auch des Königes Zorn zu fürchten hatte.“ Auch das 1) Die Geſchichte dieſer Verſchwdrung iſt ſchon in meiner Geſchichte der Eidechſ. Geſellſch. nach den bis dahin unbenutzten Quellen behandelt, welche man dort angeführt findet. Doch gehören hieher noch einige Brie⸗ fe des H M., worin er dieſe Sache berührt, im Rofte. II. p. 17. 18 — 19. Ueber die Freilaſſung Georgs von Wirsberg ein Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Holland Sonnt. nach Diviſion. Apoſt. 1429 Schbl. XVII. 170; er hatte bisher in Elbing geſeſſen; der Komthur v. Elbing fragt beim HM. an, wohin er ihn in einen Convent bringen laſſen ſolle. 2) Schr. des Koͤniges v. Böhmen in d. Geſch. der Eidechſ. Ge⸗ ſellſch. S. 39. 3) Schr. des HM. an den König v. Böhmen, d. Mewe feria VI. post Viti (1411) Schbl. VII. 34.
Scanseite 162 · Druckseite 149
Neue Kriegsgefahren. (1411.) 149 freundlichere Anſuchen des Burggrafen Johann von Nuͤrn⸗ berg um Befreiung des Komthurs und genaue Unterſuchung ſeiner Schuld konnte der Meiſter nicht beruͤckſichtigen, weil das Geſetz uͤber den Schuldigen geſprochen v und ſelbſt das nachmalige Anſinnen des Koͤniges von Polen, den Gefluͤch⸗ teten, nachdem ſie vor Gericht ſich uͤber die ihnen beigelegte Schuld vertheidigt und ihre Unſchuld erwieſen haͤtten, die Ruͤckkehr nach Preuſſen zu geſtatten, wies der Meiſter ent⸗ ſchieden zuruͤck, dem Koͤnige meldend, wie ſehr es ihn be⸗ fremden muͤſſe, daß er ſolch ehrloſe, von Haus und Heerd mit gerichtlicher Acht vertriebene Menſchen im Frieden mit dem Orden habe hegen und eine Entſchuldigung zulaſſen Fon: nen.?) Ufo trieben ſich die Geaͤchteten forthin in Polen umher. 3) Dieſe Flucht der Verſchworenen aber unter des Koͤniges Schutz, die Ausſage eines derſelben, nach welcher ſie ſich auch Beihilfe aus Polen und Litthauen verſprochen, und die fortwährende Zuruͤckhaltung der Gefangenen mußten na⸗ tuͤrlich bald neues Mißtrauen gegen den Koͤnig in des Mei⸗ ſters Seele erregen, weshalb er ſich abermals an mehre Deut⸗ ſche Fuͤrſten, namentlich an Oeſterreich um Schutz und Bei⸗ ſtand wandte, ſofern der Orden wieder zu Krieg gedrungen 1) Der Burggraf von Nuͤrnberg verwandte ſich wahrſcheinlich des⸗ halb fuͤr den Komthur, weil das Geſchlecht der Wirsberg in ſeinem Ge⸗ biete lebte und Georg von Wirsberg von dorther ſtammte. 2) Schr. des HM. an den König v. Polen, o. D. (v. J. 1413) Rgſtr. III. Auch in einem Berichte im Fol. D. p. 209 macht der HM. dem Könige Vorwürfe darüber, „das der herre konig yn ſeyne konig⸗ reiche uffgenomen, enthalden und vorfochten hat und entheldet noch des Ordens vorrether und vorechte leuthe, als hern hans von Polkaw adir von Renys mit ſeiner geſelleſchaft, die wedir des homeiſters perſone und Innemunge eczlicher büfer des Ordens eyn vorrethniſſe angetragen, alſo das ſie den Homeiſter toten wolden u. ſ. w. In einem Schr. des Liv⸗ länd. Meiſters, d. Fellin Sonnab. vor Margaretha 1411 Schbl. X. 51 erklärt ſich dieſer ſehr zufrieden mit des HM. Verfahren. 3) ueber ihr ferneres Schickſal ſpaͤter in der Geſchichte Michael Kuͤch⸗ meiſters v. Sternberg.
Scanseite 163 · Druckseite 150
150 Neue Kriegsgefahren. (1411.) werde, denn es war auch ſchon Nachricht gekommen, daß der König mit Witowd eine neue Berathung gehabt, in deren Folge von neuem Unterhandlungen mit Tatariſchen und andern heidniſchen Völkern angeknuͤpft worden waren.“ Um ſo mehr bot der Hochmeiſter alles auf, um den einge⸗ gangenen Verpflichtungen zu entſprechen und es gelang ihm, freilich unter großen Opfern, die der Orden und das Land bringen mußte, dem Könige auch die zweite Zahlung von zwanzigtauſend Schock Groſchen zu leiſten, 2 denn fuͤnftau⸗ ſend hatte dieſer dem Großfuͤrſten abgetreten, dem ſie der Meiſter zu zahlen verſprach.) Nun erfolgte auch vom Ks nige die Freilaſſung eines Theiles der Gefangenen, wenigſtens erhielt von ihm der Herzog Konrad von Oels einen foͤrm⸗ lichen Befreiungsbrief. “ Die größere Zahl der Gefangenen indeß hielt der Koͤ⸗ nig immer noch zuruͤck; die Nachrichten uͤber ſeine Abſichten und Plane lauteten immer bedenklicher. Um Pfingſten hatte er in Wilna mit Witowd abermals eine Berathung gehalten, wobei auch ein paͤpſtlicher Legat und Sendboten des Königes von Ungern zugegen geweſen waren.) Man erfuhr, daß dort allerlei Entwürfe befprochen wurden, der König gegen den Komthur von Nagnit große Unzufriedenheit geaͤußert, Witowd mit den Pleſkowern ſich vereinigt und den Gedanken gefaßt habe, dem Orden den Memel-Strom abzudringen. “ Alſo mußte jetzt auch der Hochmeiſter wieder auf Krieg bes dacht ſeyn; er wandte ſich von neuem an die Fuͤrſten Deutſch⸗ 1) Schr. des HM. an mehre Furſten, d. Marienb. am T. Phi⸗ lippi und Jacobi 1411 Rgſtr. II. p. 8. 2) Quittung des Koͤniges, d. Thorun feria V in erast. s. Johan- nis 1411 Schbl. LXIV. 10. 14. 3) Bekenntniß des HM. d. Marienb. am T. Johannis Bapt. 1411 Schbl. XX u. LIII. 16. Die Zahlung ſollte zu Michaelis geſchehen. 4) Der Befreiungsbrief, d.... feria II post fest. Trinitat. 1411 Schbl. 64. 9. 5) Diugoss. p. 312. 6) Schr. des Meiſters v. Livland, d. Fellin Sonnab. vor Mar⸗ gar. 1411 Schbl. X. 51.
Scanseite 164 · Druckseite 151
Neue Kriegsgefahren. (1411.) 151 lands und ſelbſt des Auslands, z. B. ſelbſt an den Herzog von Burgund um Unterſtützung und Beihuͤlfe, jedoch aus Vorſicht angeblich nur zu dem Zwecke, die Burgen ſeines Landes beſſer beſetzen zu können.) Dem Deutſchmeiſter indeß ſchrieb er ganz offen: es komme ihm eine Warnung nach der andern, daß ſich der König von Polen ſtark ſam⸗ mele, Buͤndniſſe anfnüpfe und die Polen nichts mehr wuͤnſch⸗ ten als das Ordensland von neuem zu uͤberziehen; er moͤge daher Herren, Ritter und Knechte aufrufen, dem Orden zu Huͤlfe zu reiten um Gottes, Mariens und der Ritterſchaft willen, denn komme es zu Krieg, ſo wolle er nach alter Sitte den Ehrentiſch beſetzen und jeglichen Ritter und Knecht nach Ehren und Würden belohnen. Auch bei den Hanſe⸗ ſtadten ließ der Hochmeiſter Truppen werben; ſelbſt bis nach England gingen feine Sendboten, um ſich beim Kö: nige hundert auserleſene Bogenſchuͤtzen zu erbitten,“ und als die Nachrichten aus Polen und Litthauen noch drohen: der wurden, erneuerte er dieſe Bitte, auch hier als Lockung den Ehrentiſch verſprechend, an welchem er die beſten Krie⸗ ger nach ihren Verdienſten beehren wolle.“) Zu dieſen Bedrängniſſen von außen her geſellten ſich 1) Schr. des HM. an feine Vettern in Gera, d. Marienb. Freit. nach Viſitat. Maris 1411 Ngſtr. II. p. 5. Schr. des HM. an den Herzog von Burgund, d. Marienb. deeima septima die mensis Juli 1411, chend. p. 21; über den Ehrentiſch heißt cs: Signilicamus insu- per vestre serenitati, si hee gwerra morlificata resurgeret, quod deus avertat, quod tune in proximo locabimus tabulam honoris, sicut ante consuevimus et dignitates secundum merita eiusdem mense 80— lempniter eelebremus. 2) Schr. des HM. an den Deutfehmeifter, d. Pr. Holland Sonnt. vor Dominici 1411 Roftr. II. p. 19. 3) Schr. der Sendboten an den HM., d. am F. Luck (1415 Schbl. XXXI. 137, 4) Schr. des HM. an den König v. England, d. Marienb. X Augusti 1411 Rgſtr. II. p. 17. 5) Schr. des HM. an den König von England im Raſtr. U. b. 22 3 Schluß und Datum fehlt.
Scanseite 165 · Druckseite 152
152 Streithaͤndel wegen des Ermlaͤnd. Biſthums. (1411.) uͤberdieß auch allerlei Mißverhältniffe und ungluͤckliche Ereig⸗ niſſe im Innern des Ordens und des Landes. Zwiſchen dem Hochmeiſter und dem Meiſter von Livland waltete eine Zeitlang eine ſehr bedenkliche Spannung ob, durch ein Schrei⸗ ben des erſtern veranlaßt, worin in einem Tone Anforde⸗ rungen an dieſen gemacht wurden, der nicht allein ihn, ſon⸗ dern auch die übrigen Gebietiger in Livland ſchmerzlich kraͤnk⸗ te, fo daß der Livlaͤndiſche Meiſter ſich zu einer nachdruͤck⸗ lichen Antwort veranlaßt ſah, worin er ſich namentlich eine ſolche Sprache des Hochmeiſters gegen ihn ernſtlich verbat; indeß wurde der Zwiſt bald wieder beigelegt.) Laͤnger dauerte der Streit wegen des Biſchofs Heinrich von Ermland. Seine Anhaͤnglichkeit am Feinde des Landes waͤhrend der Belagerung Marienburgs und der Eifer, mit dem er damals deſſen Intereſſe vielfach zu fordern geſucht, mußten ihn al⸗ lerdings Rache und Vergeltung von Seiten des Hochmeiſters befuͤrchten laſſen. Er war deshalb bei des Koͤniges Abzug heimlich verkleidet aus dem Lande entflohen und der Orden hatte einſtweilen die bifchoflichen Güter in Ermland in Be⸗ ſitz genommen, um fie nicht in fremde Hände kommen zu Yaffen. 2 Der Friede zu Thorn hatte ihm zwar unter des Hochmeiſters Geleit die Ruͤckkehr in fen Biſthum geſtattet und ſeine Perſon gegen Gewaltthaͤtigkeit verwahrt, aber dem Meiſter es doch uͤberlaſſen, mit ihm nach dem Rechte zu verfahren.) Indeß auch eine ſolche Unterſuchung nach ſtren⸗ gem Rechte mußte der Biſchof fuͤrchten; er ſchien nicht zu⸗ ruͤckkehren zu wollen, zumal da er bereits bei feiner Flucht die Verwaltung ſeines biſchoͤflichen Amtes dem Dechant des 1) Schr. des Meiſters v. Livland, d. Riga am Abend Aſſumt. Maria 1411 Schbl. X. 50. 2) Schr. des Ordensprocurators, d. Bologna Donnerft. nach Ma⸗ rid Verkuͤnd. (1411) Schbl. I. 15. 3) Excepto duntaxat Domino Episcopo Warmiensi, qui salvum et securum couduetum habere debel ad suum Eniseopatum, cui Magister per vivlentiam nihil debet facere, nisi quod de jure facere pussel.
Scanseite 166 · Druckseite 153
Streithaͤndel wegen des Ermlaͤnd. Biſthums. (1411.) 153 Domkapitels uͤberwieſen hatte. v Der Hochmeiſter beſchloß daher, das Biſthum wo moͤglich in die Hand eines dem Orden wohlgeneigten und befreundeten Mannes zu bringen und da der paͤpſtliche Hof, durch ein anſehnliches Ehrenge⸗ ſchenk gewonnen, zu einer Veränderung im Biſchofsamte nicht abgeneigt ſchien, vielmehr der Papſt in den juͤngſten Angelegenheiten des Ordens mit dem Koͤnige von Polen ſich immer der Sache des erſtern eifrigſt angenommen, 2 ſo ließ der Hochmeiſter durch ſeinen Procurator den Grafen Hein⸗ rich von Schwarzburg als neuen Ermlaͤndiſchen Biſchof in Vorſchlag bringen. Man ſchien am päpftlichen Hofe dem Wunſche des Meiſters geneigt und die Verhandlungen ſchrit⸗ ten vor. Kaum aber war der König von Polen durch ſei⸗ nen Geſandten in Rom von dieſem Plane benachrichtigt, als er alles aufbot, ihn zu hintertreiben. Er trug nicht nur dem Geſandten auf, dem Papſte zu erklaͤren: er werde alles daran ſetzen, dem Biſchof von Ermland den Artikel im Friedensbriefe in Kraft zu erhalten oder lieber ſelbſt ſein Königreich verlieren, ſondern er ſchrieb dieſem auch ſelbſt einen ſo trotzig drohenden Brief, darin erklaͤrend: „verſetze man den Biſchof von ſeinem Biſthum oder nehme man ihm dieſes, ſo ſolle der Papſt dann ſeinen ganzen Ernſt erken⸗ nen, daß es ihm leid thun werde „“ daß dieſer, durch die Drohung geſchreckt, die Veränderung im Biſthum plötzlich wieder aufgab, den König durch das Verſprechen beruhi⸗ gend, er werde bei Lebzeiten dieſes Biſchofs deſſen Amt kei⸗ nem andern verleihen gegen des Koͤniges Willen. I 1) Schr. des Domkapitels zu Frauenburg an den Statthalter, dat. Frauenburg Sonnab. nach Dionyf. (1410) Schbl. LXVI. 28; nach die⸗ ſem Schreiben ſollte ſich der fluͤchtige Biſchof nach Rom begeben haben. 2) Schr. des Papſtes Johannes XXIII. an den König v. Polen, d. Rome X Cal. Oetobr. p. a. secundo Schbl. XX. 683 er bittet den König um Nachſicht, Milde und Schonung gegen den Orden beſonders wegen Abzahlung der 100,000 Schock Groſchen. 3) Schr. des Ordensprocurators, d. Senis am T. Margarethe Gai) Schb. I. 23.
Scanseite 167 · Druckseite 154
154 Streithaͤndel wegen des Ermlaͤnd. Biſthums. (4411.) Der Hochmeiſter indeß, auch jetzt noch feſt auf ſeinem Plane beharrend, brachte die Sache zur Entſcheidung an den Römiſchen König, erhielt von dieſem jedoch bald die Wei⸗ ſung: der Meiſter ſolle vor allen Dingen den Biſchof mit geiſtlicher und weltlicher Gewalt ſicher wieder zum Beſitz ſeines Biſthums kommen laſſen; habe er dann mit ihm zu rechten, fo ſolle dieß nach dem Rechte geſchehen; wo nicht, fo verfalle er in eine Buße von zehntausend Mark. Man rieth dem Hochmeiſter, dieſem Spruche zu folgen, um nicht den Papſt und den König zugleich zu erzürnen.“ Allein auch dieſer Rath fand kein Gehoͤr, denn ie eifriger ſich der König von Polen bemühte, den ihm ergebenen Biſchof bei ſeiner Wuͤrde zu erhalten, da er auf ihn noch manche ſei⸗ ner Plane baute, um ſo mehr ſuchte der Meiſter den ge⸗ faͤhrlichen Praͤlaten fuͤr immer aus dem Lande zu entfer⸗ nen, zumal da er erfuhr, daß auch der König von Ungern ſich am Hofe zu Rom mit vielem Eifer fuͤr den Grafen von Schwarzburg verwandt habe. Bis in den Herbſt die⸗ ſes Jahres fuhr er fort, alle Mittel für feinen Plan in Thaͤtigkeit zu ſetzen; ſelbſt manche anſehnliche Geſchenke an die Kardinäle wurden nicht geſpart.“ Erſt als ein ſehr ernſtes Schreiben ſeines Procurators aus Rom ihm die wachſende Gefahr vor Augen ſtellte, die bei fernerem Be⸗ harren auf ſeinem Willen am paͤpſtlichen Hofe dem ganzen Orden drohe, und ihm namentlich das Schickſal des Tem⸗ 1) Nach dem erwähnten Schreiben beabſichtigte der HM., den Grafen von Schwarzburg vorerſt wenigſtens als Verweſer in das Bis⸗ thum einzuſetzen; auch dieß widerrieth der Procurator wegen der Ver⸗ antwortlichkeit des HM. für jeden etwanigen Schaden in den biſchofli⸗ chen Beſitzungen. \ 2) Schr. des HM. an einen Fuͤrſten, d. Marienb. Sonnt. nach Aſſumt. Mariä (1411) Rgſtr. I. p. 15. 3) Schr. des Weihbiſchofs von Würzburg an den HM. d. Florenz Donnerſt. vor Pfingſten (14110) Schbt. V. 11, Der Biſchof war vom HM. nach Rom geſandt worden, um die Wahl des Schwarzburgers zu befördern und die Kardinäle durch Geldgeſchenke zu gewinnen; er mel⸗ det aber: „das iſt alles verlorenes Geld, die Sache hat keine Foͤrderung.
Scanseite 168 · Druckseite 155
Neue Bedrängniffe des Ordens. (1411.) 155 pelordens in Erinnerung brachte, D gab der Hochmeiſter nach und ließ die Sache einſtweilen auf ſich beruhen. Auch den dem Intereſſe des Polniſchen Königes ſtets ergebenen Biſchof von Leflau ſuchte der Hochmeiſter aus den Ordenslanden zu entfernen und zwar dieß jetzt um ſo mehr, da jener erſt kuͤrzlich bei Erhebung des Schoſſes den Orden wegen ungewöhnlicher Belaͤſtigungen und unertraͤg⸗ licher Bedruͤckungen bei fremden Fuͤrſten geſchmaͤht, den flüchtigen Theilnehmern an der Verſchworung auf feinen Hoͤ⸗ fen Schutz und Herberge zugeſtanden hatte?) und eben mit dem Biſchof Arnold von Kulm wegen einer Geldſumme, die er dieſem ſchuldete, in einem argen Streite lag, ſo daß ihn der Biſchof Johannes von Pomeſanien als päpſtlicher Bevollmaͤchtigter nach dreimaliger vergeblicher Ladung mit Interdict und Excommunication hatte beſtrafen muͤſſen.“ Der Hochmeiſter ſuchte daher, — ein Gedanke, deſſen Aus⸗ führung ſeit Kaſimirs Zeit ſchon oft gewuͤnſcht worden, aber niemals gelungen war, 9 — am Römiſchen Hofe eine Theilung des Biſthums Leſlau zu bewirken; allein der Procurator widerrieth auch dieſen Plan aufs entſchie⸗ denſte, weil am Römiſchen Hofe jetzt keineswegs eine Stim⸗ mung herrſchte, von der ſich die Ausfuͤhrung deſſelben er⸗ warten laſſe. 9 Auch dieſe Streitigkeiten mit den Biſchdfen hatten die Erbitterung und den Zorn des Koͤniges von Polen noch vermehrt, denn obgleich er in feinen Schreiben an den Hochmeiſter ſich ſtets einer ganz beſondern Freundlichkeit I) Schr. des Procurators, d. Bologna am T. Luca (1411), 2) Schr. des HM. an einen König, d. Liebmüͤhl 1411 Rgſtr. II. . * ar die Aufnahme der Verſchwörer in einem Bericht im Fol. . p. 78. 3) Original- urk. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Resemburg. sep- tima mensis Decembr. 1411 Schbl. LIU. XXXII. 0 ) Schr. des Procurators, d. Senis am S. Margareth.⸗Tag 1411). 5) Schr. des Procurators, d. Senis am T. Margareth. a4).
Scanseite 169 · Druckseite 156
156 Neue Bebrängniffe des Ordens. (1411.) befleißigte, v fo ſah doch dieſer jetzt ſchon klar voraus, daß der Friede ſich nicht lange werde aufrecht halten koͤnnen. Er fand im Lande ſelbſt kaum noch irgend ein Mittel, die faſt täglich noch einlaufenden Anforderungen der Soͤldner⸗Haupt⸗ leute zu befriedigen, viel weniger noch eine Ausſicht, dem Koͤ⸗ nige die bald herannahende dritte Zahlung zu leiſten. Es kam hinzu, daß auch der Roͤmiſche Koͤnig Sigismund den Hochmei⸗ ſter um eine namhafte Geldſumme anſprach, die er zu ſeinen und des Ordens Dienſten zu brauchen vorgab.? Die Städte des Landes hatten bereits ihre Kräfte fo erſchoͤpft, daß fie ſich nicht einmal im Stande fühlten, die Söldner, welche keinen Sold, ſondern nur Koſt erhielten, fernerhin in Ver: pflegung zu nehmen; weshalb fie den Hochmeiſter aufs dringendſte um Schonung baten.) Auch von auswaͤrts her ſchlugen ihm alle Hoffnungen fehl. Die Balleien und Or⸗ densguͤter in Deutſchland, deren Gebietiger er um Beiſteuen. erſucht, waren insgeſammt in ſo traurigen Umſtaͤnden, daß ſie ſelbſt Huͤlfe mehr bedurften als leiſten konnten. Die ganze Ballei in Oeſterreich konnte nicht einmal die vom Hochmeiſter erbetenen dreitauſend Gulden aufbringen.“) Er wandte ſich an den Deutſchmeiſter, damit dieſer in einem allgemeinen Ordenskapitel allen Landkomthuren die große Noth des Ordens in Preuſſen ans Herz lege und ſie aufs nachdruͤcklichſte zur Beihuͤlfe und Rettung ermahne. Es geſchah auf einem General-Kapitel zu Frankfurt; allein ſo lebendig ſich auch ihre Theilnahme an des Hochmeiſters un⸗ glücklicher Lage allgemein ausſprach, ſo wenig ſahen ſie ſich doch im Stande, irgend etwas zu leiſten, denn Kriege, Schulden, Bedruͤckungen durch die Fuͤrſten und anderes Unge⸗ 1) So in einem Schr. des Königes, d. Tripoli infra oetavas As- unt. Mariä 1411 Schbl. XX. 84. 2) Schr. des Königes Sigismund, d. Burg am Abend Nativit. Maria 1411 Schbl. IV. 1. 3) Recess. Hanseat. an. 1411. 4) Schr. der Gebietiger aus der Ballei Oeſterreich, d. Neuſtadt an u. F. Geburt 1411.
Scanseite 170 · Druckseite 157
Neue Bedraͤngniſſe des Ordens. (1411.) 157 mach hatten überall die Ordensguͤter in die größte Armuth und Bedraͤngniß verſetzt.) An mehren Orten erklaͤrten die Or⸗ densbruͤder: ſie wollten lieber in einen andern Orden treten, wenn man fie forthin beſchatzen werde.“ Alſo mußte der Mei: ſter die Huͤlfe außer ſeinem Orden ſuchen. Er wandte ſich an die Koͤnige von England und Frankreich, an die Kauf⸗ mannſchaft zu Paris, an den Major von London, an die Staͤdte Hull, Bruͤgge, Gent, Dortrecht, Amſterdam, Bruͤſ⸗ ſel, Mecheln, Hamburg, Koͤln, Bremen, an den gemei⸗ nen Kaufmann der Deutſchen Hanſe zu London und Bruͤg⸗ ge und mehre andere, ſchilderte ihnen das Ungluͤck, in wel⸗ ches der Orden durch die Ereigniſſe der Zeit geſtuͤrzt ſey, die Gefahren, die fein Verderben und feinen gaͤnzlichen Un: tergang drohten und ſo die Mauer, welche der Orden ſtets zwiſchen der Chriſtenheit und der Heidenſchaft gebildet, nie⸗ derſtürzen würden, und bat um Unterſtuͤtzung, die er zu beſtimmter Zeit zurückzuzahlen verſprach, damit nur jetzt durch Entrichtung der ſchuldigen Summe zur Ldſung der Gefangenen der König von Polen befriedigt werden könne. 9 Mittlerweile aber ruͤckte die Gefahr immer naͤher. Wie der Meiſter aus Livland meldete, ſtand in Pleſkow und Novgorod, die ſich mit Witowd und dem Könige verbun⸗ den, alles geruͤſtet da, nur den Befehl erwartend, das Ordensland mit Macht zu uͤberfallen. Witowd hatte bereits 1) Dieß iſt der Inhalt einer Anzahl von Briefen der Landkomthure von Lothringen, Thüringen, Weſtphalen u. a.; vorzuͤglich ein Schr. des Deutſchmeiſters, von allen im Kapitel zu Frankfurt verſammelten Gebietigern unterzeichnet, d. Frankfurt Dienſt. vor Martini 1411 u. ein anderes Schr. des Deutſchmeiſters, d. Ellingen Mittw. vor Barba⸗ rä 1411 Schbl. XXII. 16; andere Schr. vom Landkomthur von Fran⸗ ken, vom Komthur zu Marburg, ebend. uro. 15. 17. 2) Schr. des Verweſers der Ballei Böhmen, d. Prag Sonnt. Tri⸗ nitat. (1411) Schbl. VII. 23. 3) Schr. des HM. an die oben genannten, d. Marienb. 1411. Roft. II. p. 10 — 11. Das Schreiben, deutſch und lateinisch, iſt in beiden Abfaſſungen nicht mehr vollſtändig vorhanden.
Scanseite 171 · Druckseite 158
158 Neue Bedraͤngniſſe des Ordens. (1441.) ſein geſammtes Kriegsvolk zum Heereszuge aufgeboten, um bei der geringſten Verletzung des Friedens von Thorn als⸗ bald ins Feld ruͤcken zu können und auch der Koͤnig lauerte nur auf einen Anlaß, um von neuem das Schwert zu zie⸗ hen.) Dem vorzubeugen ſandte der Hochmeiſter den Bi⸗ ſchof Johannes von Pomeſanien, den Großkomthur, den Ordensmarſchall und mehre andere nach Morin zu einem Tage mit des Koͤniges Raͤthen, mit der Vollmacht, alle ſeit dem Frieden entſtandenen Streitigkeiten und Irrungen ſorgſam zu erwägen und auszugleichen und alles, woruͤber man ſich nicht einigen koͤnne, nach Inhalt des Friedens der Entſcheidung des Papſtes als Oberſchiedsrichters anheimzu⸗ ſtellen. Aengſtlich harte der Meiſter auf den Erfolg des Tages. Es war eine Zeit voll Kummer und Beſorgniß, denn eben in denſelben Tagen ſollte eine Prophezeiung in Erfüllung gehen, die ſchon im vorigen Jahre von Paris aus, durch einen großen Philoſophen verfaßt, ſich in viele Lander Europas verbreitet hatte, Stuͤrme und Orkane, Erdbeben, Ueberſchwemmungen, Kriege, Menſchenſterben und anderes Ungluͤck uͤber das Menſchengeſchlecht verkuͤndigte. Zwar ging dieſe Beſorgniß bald voruͤber, denn der ver⸗ haͤngnißvolle Tag verlief; allein jene Verhandlung zu Mo⸗ rin blieb ohne Erfolg; der König hatte ſie offenbar abſicht⸗ lich vereitelt, denn zuerſt erklärten feine Raͤthe die Voll macht der Ordensgeſandten für ungenügend und unvollſtaͤn⸗ dig und als dieſe dann eine andere herbeigebracht, gaben ——— 1) Schr. des Meiſters von Livland, d. Riga am T. Rufi Mar⸗ tyr. 1411 Schbl. X. 87. 2) Vollmacht des HM. d. Marienb. an. 4411 sabbato ante fest. nativitat. Mariae Schbl. LXIV. 6. u. 2. 3) Dieſe Prophezeiung mit dem Datum: Parisiis XXI die mensis Sept. an. 1410 gelangte auch nach Preuſſen und befindet ſich im geh. Archiv. Als Verfaſſer nennt ſich Magister Johannes maximus philoso- phorum und außer ihm omnes alii concordantes philosophi. Die Er⸗ füllung ſollte am 9. Sept. 1411 erfolgen. Das Ganze endigt mit den Worten: Concordati sunt plilosophi Grecie, Arabie, Hispanie et Fran- cie bis omnibus.
Scanseite 172 · Druckseite 159
Neue Bedraͤngniſſe des Ordens. 41411.) 159 jene vor, die ihnen zur Verhandlung vorgeſchriebene Zeit ſey bereits verſtrichen, und verließen ſomit Morin trotz aller Vorſtellungen der Ordensbevollmächtigten. ) Da mittlerweile aber die neue Zahlungsfriſt herange⸗ ruͤckt war?) und der Hochmeiſter feine Verpflichtung nicht erfuͤllen konnte, ſo wuͤrde der Koͤnig wohl unfehlbar dieſen Anlaß benutzt haben, ſeine Forderung mit dem Schwerte zu erzwingen, haͤtten ſich nicht gerade in dieſer Zeit die Ver⸗ haͤltniſſe für den Orden wieder guͤnſtiger geſtellt. Am paͤpſt⸗ lichen Hofe erfreute ſich allerdings der Koͤnig einer gewiſſen Gunſt, weil der Papſt aus Polen und durch Ehrengeſchenke des Koͤniges jahrlich eine ſehr anſehnliche Geldſumme bezog, wie er fie aus Preuſſen und vom Orden keineswegs ers hielt.) Dennoch war man dort doch auch dem Orden nicht abgeneigt, wozu noch kam, daß ſich in Folge jenes Schreibens des Hochmeiſters die Könige von England und Frankreich mit dem wirkſamſten Eifer beim Papſte für den Orden verwandten, ihn bittend, dieſen in ſeinen Schutz zu nehmen und den König von Polen insbeſondere zum Frieden zu ermahnen. d Dieß war ohne Zweifel auch geſchehen. Aber auch die Könige von Ungern und Böhmen hatten ſich dem Orden wieder mit guͤtigern Geſinnungen zugewendet. An den letztern ſandte der Hochmeiſter den Vogt der Neu⸗ mark Albrecht von der Duba, ihm durch dieſen die ſchreckli⸗ che Noth und große Bedrängniß ſeines Landes vorſtellen zu laſſen. „Es iſt leider, ſchrieb er ihm ſelbſt, ſo mancherlei und groß, was mich und meinen armen Orden anſicht, daß ich es die Fuͤlle nicht ſchreiben kann und auf Erden 1) Daruͤber ein Schr. des HM. an den König v. Polen, d. in ca- stro Elbingens. ipso die b. Thome 1411 Schbl. XX. 66. 2) Die Zahlungsfriſt war auf Martini feſtgeſetzt. 3) Dlug oss. p. 313. Schr. des Ordensprocurators, d. Bologna am T. Luca (141; er ſagt: der Papſt habe in dieſem Jahre aus Po⸗ len an Ehrung, von Biſthümern und Lehen mehr als 20,000 Gulden erhalten. 4) Lindenblatt S. 248.
Scanseite 173 · Druckseite 160
160 Neue Bedraͤngniſſe des Ordens. (1411.) keinen Troſt nächft Gott habe, denn allein euere Gnade und meinen Herrn von Ungern, euern allerliebſten Bruder. So rufe ich an euere Großmaͤchtigkeit als meinen gnaͤdig⸗ ſten Herrn und ein Haupt der Chriſtenheit, bittend, daß ihr gnaͤdiglich anſehen wollet und mit Erbarmung zu Her⸗ zen nehmen dieſen Gedrang und großen Uebermuth, der an mir, meinem armen Orden und Lande begangen iſt und noch täglich wird; wollet, lieber Herr, mich, meinen Or⸗ den und Land gnaͤdiglich in euerem Beſchirm halten, weil es nie ſo Noth gethan als jetzt. Ich beſorge wahrlich, wo euere königliche Hochwuͤrdigkeit mir und meinem Orden nicht Huͤlfe und Rettung thut, daß ich dieſes Land mit der Macht, als es jetzund mit mir und meinem Orden gelegen iſt, nicht wohl behaupten kann. Alſo bitte ich euere Gnade demuͤthiglich durch Gott, daß ihr meinen Gebrechen anzu⸗ ſehen geruhet und wollet mir hunderttauſend Gulden leihen, die will ich euern Gnaden vergewiſſern mit meinem ganzen Orden.“ ) Auch in Deutſchland fand das Schickſal des Ordens viele Theilnahme. Unter den ihm wohlgeneigten Fuͤrſten, aus deren Zahl zu Ende dieſes Jahres ein großer Gönner, der ehrwuͤrdige Biſchof Johannes von Wuͤrzburg durch den Tod ausſchied, war es beſonders der Erzbiſchof von Mainz, der ſich durch ſeine Fuͤrſprache beim Roͤmiſchen Könige Sigismund und bei den Kurfuͤrſten mit großem Eifer für den Orden verwandte. Neben ihm war auch der Deutſchmeiſter unermüdlich thaͤtig, an den verſchiedenen Sinftenhöfen rege Theilnahme fir den Orden zu gewinnen und nicht ohne gluͤcklichen Erfolg. 1) Schr. des HM. an den König v. Böhmen, d. Marienb. Sonnt. vor Simon und Juda 1411 Schbl. VII. 32. Schr. des Verweſers der Ballei Böhmen, d. Prag Sonnt. Trinitat. (141) Schbl. VII. 23. 2) Schr. des Erzbiſchofs v. Mainz, d. in castro nostro Gernsheim in oetava b. Martini nostri Patroni 1411 Schbl. XX. 72. 3) Schr. des Deutſchmeiſters, d. Ellingen am T. Barbarä 1411 Schbl. XX. 83; er giebt dem HM. den Rath, er möge nur bie Fuͤr⸗
Scanseite 174 · Druckseite 161
Stellung des Ordens zum Könige von Polen. (1411.) 161 Es war offenbar eine Wirkung dieſer guͤnſtigeren Stim⸗ mung für den Orden, daß ſich fein Verhaͤltniß zum Groß⸗ fürften von Litthauen gegen Ende dieſes Jahres ganz an⸗ ders ſtellte; denn dieſer hatte bereits offen erklärt, er wuͤn⸗ ſche nichts mehr als mit dem Orden in Freundſchaft zu leben; alle Kriegsruͤſtungen waren eingeſtellt, alles nahm dort eine friedlichere Geſtalt an. Witowd ſelbſt war mit einer Anzahl von Biſchofen zum Könige von Ungern gereiſt und man hatte ſogar die Hoffnung gefaßt, es werde unter dieſen Verhaͤltniſſen wohl eine voͤllige Trennung Litthauens von Polen zu bewirken ſeyn.) Auch auf den König von Polen machte dieß alles großen Eindruck. Die Miene des Friedfertigen annehmend, machte er dem Hochmeiſter Vor— wuͤrfe, daß er feine friedlichen und verfühnlichen Geſinnun⸗ gen, die er ſo oft an den Tag gelegt, jetzt ganz aufgege- ben habe, daß er ihn bei Fuͤrſten und Koͤnigen durch truͤ⸗ geriſche Anklagen verläumde, daß er von neuem Söldner werbe und ſich offenbar zum Kriege ruͤſte. Er forderte da⸗ her den Hochmeiſter auf, zu erklaren: ob er ſich von ihm Freundſchaft oder Feindſchaft zu verſprechen habe. Er höre zwar, fuͤgte er hinzu, daß es Unruhen ungehorſamer Un⸗ terthanen ſeyn ſollten, weshalb man Söldner herbeigerufen habe; aber er wundere ſich, daß hiezu der Hochmeiſter nicht feine Beihülfe angefprochen habe, da er ſo gerne bereit ſey, die Emporung mit unterdrücken zu helfen. 2 Mit kalter ſten in Deutſchland auffordern, ſich beim Könige für den Frieden zu verwenden; es wuͤrden viele dazu ſehr bereitwillig ſeyn. 1) Schr. des Meiſters v. Livland, d. Riga am T. Clement. Papa 1411 Schtl. X. 40. Daß Sigismund von ungern wirklich jetzt den Plan hatte, Polen und Litthauen zu trennen, bezeugt auch Kojalowiez p. 90 Wir werden ſehen, daß dieſer Gedanke fpäterhin weiter ver⸗ folgt wurde. 2) Schr. des Königes v. Polen, d. Cracovie feria quarta ipso die 8. Catharine 1411 in Abſchrift Schbl. XX. 673 es erwähnen deſſelben auch Baczko B. III. S. 27 u. Kotzebue B. III. S. 124 u. 381; unrichtig fegen es aber beide als ein Gluckwuͤnſchungsſchreiben wegen der Wahl des HM. (was es keineswegs ift) ins J. 1410, da ganz deutlich VII. 11
Scanseite 175 · Druckseite 162
162 Stellung des Ordens zum Koͤnige von Polen. (1412.) Höflichkeit wies der Meiſter dieſes ſchlaue Anerbieten zuruck, dem Könige erwiedernd: es ſey ihm laͤngſt berichtet wor⸗ den, daß auch der König nach Soldtruppen ausgeſandt habe; von Goͤnnern und Freunden ſey ihm daher die War⸗ nung ertheilt: der Zweck ſolcher Werbung des Koͤniges könne wohl leicht auf des Ordens Verderben zielen; es ſeyen des⸗ halb ſolche Freunde und Goͤnner des Ordens auf eigene Koſten herbeigezogen und andere bereits auf dem Heranzuge begriffen dem Orden zu Huͤlfe.) — Waͤhrend dieſer Ver⸗ handlungen indeß hatte bereits der König, um ſich vor der Welt zu rechtfertigen, eine Klagſchrift an alle geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten erlaſſen, worin er behauptete, daß er ſeiner Seits alles, was zur Erhaltung des Friedens ge dient, genau erfüllt, alle Eroberungen zuruͤckgegeben und alle Gefangenen freigeſtellt habe, waͤhrend die Herren des Oedens nie aufhoͤrten, ihn des Friedensbruches anzuklagen, ſeinen guten Namen anzuſchwaͤrzen und alle ſeine Handlun⸗ gen zu verdaͤchtigen, da ſie doch keineswegs die ihm ſchul⸗ digen Geldſummen zu den beſtimmten Friſten entrichtet haͤt⸗ ten und alſo Unrecht auf Unrecht haͤuften, woraus man klar ſehe, daß ſie auf nichts anderes ſoͤnnen, als den Krieg mit ihm zu erneuern. ® Alſo begann jetzt der Meiſter das Jahr 1412 mit un⸗ gleich friſcherem Muthe, zumal da nicht nur die Seeſtaͤͤdte, als Luͤbeck, Sund und Roſtock auf eigenen Sold reiſiges das J. 1411 angegeben iſt. Es iſt eine merkwürdige Sprache, die der König darin führt; es heißt unter andern: Sed nescimus, unde et quo- modo vestra sinceritas in aliam conversa qualilalem nostre spei ſidu- eiam , quam de vobis gerebamus, vulneravit et frustravit, ex quo sub tam curitaliva conversione et lam sincere opinionis dulcedine ad domi- num Regem Hungarie et ad ceteros Prineipes christianos fuco multa- rum infaniarum stalum nostrum Aiffemare et denigrare procuravit ete. 1) Schr. des HM. an den König v. Polen, d. in gastro nostro Elbing. ipso die b. Thomae 1411 Schbl. XX. 675 deutſch abgefaßt 66 u. 112. 2) Schr. des Königes an alle geiſtl. u. weltlichen Fuͤrſten, d. Cra- covie sexta die mensis Decembr. 1411 Schbl. XX. 74.
Scanseite 176 · Druckseite 163
Stellung des Ordens zum Könige von Polen. (1412.) 163 Kriegsvolk zu Schiff herbeiſandten und zu Land zahlreich Söldnerhaufen, ſelbſt Johanniter⸗Ritter auf Solddienſt her⸗ anzogen, womit die Ordensburgen ſtaͤrker bemannt werden konnten, ) ſondern auch die Könige von Böhmen und Un⸗ gern ſich jetzt entſchieden guͤnſtig für den Orden erklaͤrten. Die erbetene Geldanleihe ſchlug zwar erſterer ohne weiteres ab;?) auch Soldtruppen ſchien er jetzt, da man ſie fruͤher von ihm nicht angenommen, nicht ſenden zu wollen; allein er verſprach doch, dem Koͤnige von Polen die Erklarung zuzuſenden, daß er dem Orden, ſobald man ihn nicht bei ſeinem Rechte laſſen wolle, mit Rath und Huͤlfe beiſtehen werde. Konnte nun freilich der Meiſter auf dieſe Zuſage noch kein ſonderliches Gewicht legen, zumal da der charak⸗ terloſe König über die Beſtrafung des Komthurs Georg von Wirsberg jeweilen immer wieder in Zorn ausbrach, die Ordensballei in Boͤhmen auch jetzt beſetzt hielt, ja es felbfi erlaubte, daß Soldtruppen aus ſeinem Reiche zugleich auch dem Könige von Polen zuziehen durften, uͤberdieß auch vom Orden noch eine ſehr bedeutende Geldſumme verlangte, 9 fo wirkte der Ungeriſche König Sigismund doch um ſo kraͤf⸗ tiger und entſchiedener zu Gunſten des Ordens, denn auf des Hochmeiſters Bitte an ihn als Oberhaupt des Roͤmi⸗ ſchen Reiches um Schutz und Hülfe ſandte er ſofort eine Botſchaft an den König von Polen, ihn mit Ernſt zu er⸗ mahnen, daß er Friede halten und ſich mit dem Orden 1) Lindenblatt S. 249. Dienſtvertrag mit dem Johanniterritter Balthaſar Sand und deſſen Brüdern von Sliven „ d. Sobowitz am T. Pauli Converſion. 1412 Rgſtr. II. p. 4. Auf jeden Spieß erhielten ſie monatlich elf Mark Sold. Andern Soldrittern gab der HM. Häufig monatlich 22 bis 24 Gulden, aber unter der Bedingung, daß. der Orden nicht für ihren Schaden einſtehe; vgl. Rgſtr. II. p. 17. 2) Er gab dem Vogt der Neumark die Antwort: Her het wol gelt, das muͤſte her vor ſich und ſeyn reich halden und mocht is nymant leyhen. 3) Schr. des Vogts der Neumark „ d. Landsberg Dienſt vor Epi⸗ phanie 1412 Schbl. XIII. 13; der Vogt ſagt ſelbſt in Beziehung auf des Koniges Verſprechen: „das ſich ewer genad und der orden doruff kleyn vorlaſen mag. 11*
Scanseite 177 · Druckseite 164
164 Bündniß des Ordens mit d. Rom. Könige Sigismund. (1412.) vergleichen ſolle, daß er ſelbſt keine Gewalt und Unbill gegen den Orden dulden und ungeachtet des zwiſchen ihnen beſte⸗ henden Friedens dieſem mit Macht Huͤlfe leiſten werde, denn was dem Orden, „‚biefem feſten Schild der ganzen Chriſtenheit“ geſchehe, geſchehe auch ihm, dem Roͤmiſchen Koͤnige, dem Reiche und der ganzen Chriſtenheit. Den Herzog Johannes von Glogau forderte Sigismund alsbald auf, dem Orden im Falle eines Krieges ſofort mit ſeiner ganzen Ritterſchaft und Kriegsmacht zu Huͤlfe zu eilen.“) Selbſt der König Karl der Sechſte von Frankreich ermahnte in ſehr ernſten Worten den von Polen an genaue Beobach⸗ tung ſeiner im Frieden gegebenen Verſprechungen, denn wi⸗ drigenfalls muͤſſe er nothwendig zu des Ordens Vertheidi⸗ gung mit ſeiner Kriegsmacht aufſtehen. 29 Es drohte aber jetzt dem Könige von Polen elne noch ungleich größere Gefahr. Der Hochmeiſter hatte bereits den Ordensmarſchall Michael Kuͤchmeiſter von Sternberg nach Ofen geſandt und es gluͤckte dieſem, mit Koͤnig Sigismund, der den Schutz und Schirm des Ordens jetzt als erſte und heiligſte Pflicht feiner Winde als Oberhaupt des Reiches betrachtete, einen Huͤlfsvertrag zu ſchließen, worin beſtimmt wurde: greife der Koͤnig von Polen den Orden öffentlich und wider Recht an, fo folle Sigismund dieſem und deſſen Landen mit aller Macht beiſtehen; waͤhrend des zwiſchen Sigismund und dem Könige von Polen noch beſtehenden Beifriedens 9 ſolle jener ſich bemühen, zwiſchen dieſem und dem Orden eine Eingung oder einen volligen Frieden zu — 1) Schr. des Röm. Königes Sigismund an den Herzog Johann von Glogau, d. Ofen Freit. am Weihnachtstage (1411). Wir erſehen aus dem Schreiben, daß es wohl noch 600 Gefangene waren, die der Orden vom Könige frei verlangte. 2) Schr. des Koniges Karl von Frankreich an den v. Polen, d. Parisiis XII Januar. (1412) Schbl. 82. 3; vgl. Kotzebue B. III. S. 383. 3) Er dauerte noch bis Aſſumt. Mariä (15 Aug.) und auf Philip⸗ pi und Jacobi (1 Mai) war der Verhandlungstag aufgenommen.
Scanseite 178 · Druckseite 165
Buͤmdniß des Ordens mit d. Röm. Könige Sigismund. (1412.) 165 Stande zu bringen; werde aber der Koͤnig von Polen den Vertrag nicht halten, ſondern Krieg anheben, fo ſolle Si⸗ gismund alsdann in eigener Perſon dem Orden zu Hülfe ins Feld ruͤcken und zu Steuer und Ruͤſtung feiner Ber huͤlfe ihm der Orden dreimalhundert und fuͤnfundſiebenzig⸗ tauſend Unger. Gulden binnen zwei Jahren entrichten; “ kein Theil dürfe ohne den andern mit dem Könige von Polen und deſſen Beihelfern Friede ſchließen.?) Ueberdieß verſprach Sigismund, daß er, ſofern er Polen erobern werde, dem Orden die Lande Dobrin und Kujavien ohne weiteres abtreten wolle.) Bereits hatte Sigismund durch den Burggrafen Friederich von Nuͤrnberg auch den Koͤnig von Boͤhmen gemahnt und aufgefordert, forthin nicht mehr zu geſtatten, daß aus Boͤhmen und Mähren oder andern Landen dem Könige von Polen Ritter oder andere Kriegs⸗ leute zuziehen dürften, um gegen den Orden zu kaͤmpfen, ſondern vielmehr alle, die ſchon dahin gezogen ſeyen, zu— ruͤckzurufen und die Widerſpenſtigen an Leib und Gut zu beſtrafen, „denn den Ordensfeinden zu Dienſt reiten, heiße wider Gott, die Chriſtenheit und das heilige Röͤmiſche Reich ſtreiten.“ ) Neuermuthigt durch dieſe Ausſicht auf fremden 1) Die Sunme ſollte entrichtet werden, damit er durch fie mit ſei⸗ nen Beihelfern und Dienern im Kriege abrechnen könne; was nach die⸗ ſer Abrechnung unter der genannten Summe bleibe, ſollte dem Orden daran abgehen, was aber der König über die Summe ſchuldig werde, ſollte er oder ſeine Erben bezahlen. 2) Der Vertrag, dat. Ofen Mont. vor dem oberſten Tag der Weihnachten, der zu Latein heißt Epiphan: Bernini 1412 in einer gleich⸗ zeitigen Abſchrift im geh. Arch. 3) Dieſer Vertrag vom naͤmlichen Datum im Original Schbl. 21. 1, gedruckt bei Kotzebue B. III. S. 382. Der König verſpricht, „das wir by unfern küniglichen wortten gerett und uſprochen haben, ob der Almechtig got fügen würde, daz wir das kunigrych zu Polan ge wunnen, daz wir dann die lande zu Dobrin und zu der Koya dem vor⸗ genannten Orden lediclichen geben und volgen laſſen wollen on alle hin⸗ derniſſe und widerſprechen. 4) Schr. des Rom. Königes Sigismund an d. Burggrafen Friederich v. Nürnberg, d. Burg Mittw. nach Andrei. Schbl. IV. 5. Schr.
Scanseite 179 · Druckseite 166
166 Buͤndniß des Ordens mit d. Roͤm. Könige Sigismund. (1412.) Beiſtand hatte nun der Hochmeiſter ſchon im Anfange die⸗ ſes Jahres dem Koͤnige von Polen in einem eben ſo offe⸗ nen und freimuͤthigen, als ernſten und nachdrucksvollen Schreiben ſein ganzes bisheriges zweideutiges, in Wort und That ſich beftändig widerſprechendes und immer von feind⸗ ſeligen Geſinnungen zeugendes Benehmen gegen den Dr- den vor Augen geſtellt, zugleich aber ſich ſelbſt in allen den Beſchuldigungen und laͤſternden Anklagen gerechtfertigt, wo⸗ mit der Koͤnig ihn wie beim Papſte, ſo an allen Fuͤrſten⸗ hoͤfen zu verleumden bemüht geweſen war, D und die wich⸗ tigſten Städte Preuſſens, als Kulm, Thorn, Danzig und Elbing beſtaͤtigten in einem offenen Schreiben den geiſtlichen und weltlichen Reichsſtaͤnden ſowohl das Offene und Pflicht: getreue im Verfahren des Ordens, als das Wortbruͤchige und Treuloſe im Verhalten des Koͤniges mit einer Buͤndig⸗ keit und Klarheit, daß jeder Unbefangene davon uͤberzeugt werden mußte. 2 Alle dieſe Verhaͤltniſſe, die nachdruͤckliche Sprache des Hochmeiſters und dazu auch der Umſtand, daß des Königes Anklagen am Nömifchen Hofe keineswegs unbedingt Glau⸗ ben fanden, vielmehr vom Ordensprocurator in ihrer gan⸗ zen Grundloſigkeit dem Papſte ſelbſt dargeſtellt wurden, daß ferner der letztere jetzt mit ſtrengſtem Ernſte in die Streit⸗ ſache einzugreifen, alles aufs genauſte unterſuchen und die Schuld durch zwei Legaten ermitteln zu laſſen entſchloſſen war, um dann den ſchuldigen Theil mit aller Macht der Kirche zu beſtrafen, und endlich die Nachricht, daß wirk⸗ lich dieſe Legaten nach Polen und Preuſſen bereits abge⸗ ſandt ſeyen, — das alles machte auf den ſchuldbewußten Sigismunds an die verſchiedenen Fuͤrſten in Böhmen, Mähren und Schle⸗ ſien, das nämliche Verbot betreffend, Schbl. XXI. 10. I) Schr. des HM. an den König v. Polen, d. Marienb. Sonnt. nach Epiphania 1412. 2) Der Entwurf zu dieſer getreuen und buͤndigen Auscinanderſez⸗ zung, d. Marienb. Sonnab. vor Valentini 1412 Schbl. XXII. 43. 3) Schr. des Procurators, d. Nom Donnerſt. nach dem Aſchtage
Scanseite 180 · Druckseite 167
Bündniß des Ordens mit d. Roͤm. Könige Sigismund. (1112.) 167 König nicht geringen Eindruck. Bei einer perſönlichen Zu⸗ ſammenkunft Sigismunds mit dem Könige von Polen zu Lublow ließ ſich daher der letztere leicht zur Aufnahme eines Verhandlungstages gewinnen, auf welchem aller Zwiſt zwi⸗ ſchen ihm und dem Orden nach der Entſcheidung des Roͤm. Königes und der Kurfuͤrſten erledigt werden ſollte. Beiden Theilen nahm Sigismund das Verſprechen ab, daß bis dahin leiner des andern Land angreifen oder ſonſt Feind⸗ ſeligkeiten ausuͤben ſolle, wozu auch der Großfuͤrſt von Lit⸗ thauen und der Meiſter von Livland für ihre Lande ver⸗ pflichtet wurden. Alſo trat auf einige Zeit Ruhe und zus gleich die Ausſicht ein, daß die feindliche Spannung end⸗ lich vielleicht gefühnt werden koͤnne.“) Der Hochmeiſter benutzte dieſe Zeit der Ruhe, um mancherlei andere, durch die Stuͤrme des Krieges herbei— geführte Irrungen zu beſeitigen. Mit dem Herzog Kaſimir von Stettin kam er uͤber deſſen Forderung wegen des im Dienſte fuͤr den Orden erlittenen Schadens in unangenehme Verhandlungen.) Wie er aber dieſes Fuͤrſten ungerechte Anforderungen zuruͤckwies, fo geſchah dieß auch bei den (rar) Schbl. XX. 77; es giebt vielen Aufſchluß über die damaligen Verhandlungen am Röm. Hofe. Es heißt unter andern: Do ſprach der Bobſt, her welde In (den Legaten) gancze gewalt mete geben und ſproch griffende mit der hant an die bruſt: Ich ſchwere das, an weme dis wirt gebrechen, der den krig wider wirt anheben, wirt es an dem orden gebrechen, fie find geiſtlich luͤte, wir wellen fie wol dorumb zuͤchtigen, wirt es ouch am konige gebrechen, moge wir Im alleyne nicht geroten, her welle alle criſten fürften czu huͤlfe nemen und weld es rechen an Im. Der päpſtlichen Legaten erwähnt auch Lin denblatt S. 29. 1) Hierüber ein Schr. Sigismunds an den HM., d. Lublow Dienſt. nach Lätare (1412); vgl. Lindenblatt S. 249. Die Angabe bei Diugoss. p. 321 (vgl, mit p. 328 — 329) wegen eines Planes zur Theilung Preuſſens, der zwiſchen den beiden Königen zur Sprache ges kommen ſeyn ſoll, iſt ſicherlich erdichtet. Der Nom. König ſpricht ſich im erwähnten Briefe viel zu günſtig für das Intereſſe des Ordens aus. 2) Schr. des Herzogs v. Stettin, d. Stettin Sonnt. Reminiſcere 1412; Schr. des HM. an d. Herzog, d. Rößel Mont nach Lätare 1412 Rafte, II. p. 2.
Scanseite 181 · Druckseite 168
168 Streithaͤndel mit den Bifhöfen v. Leſlau u. Ermland. (1412.) noch fort und fort einlaufenden Soldmahnungen einer gro⸗ ßen Zahl von Rittern und Knechten beſonders aus Schleſien, die zwar im Ordensdienſte geſtanden, ihren Sold aber kei⸗ neswegs verdient hatten; viele von ihnen wurden deshalb des Ordens Feinde.!) Am meiſten aber beſchaͤftigten den Hochmeiſter die Streithaͤndel mit den Biſchoͤfen von Leſlau und Ermland. Der Rom. König Sigismund ſuchte zwi⸗ ſchen dem erſtern und dem Orden eine Ausgleichung zu be⸗ wirken; dieſer ſollte die noch beſetzten biſchöflichen Güter zuruͤckgeben, wofür dann jener feine Klage beim Römiſchen Stuhle zurücknehmen und ſich mit dem Orden verſtaͤndigen wollte. 2 Der Meiſter, obgleich er feinen Plan, durch Vers mittlung des Papſtes eine Trennung ſeiner Kirchen in Pom⸗ merellen vom Biſthum Leſlau zu veranlaſſen, noch nicht aufgeben mochte, ließ ſich auf des Koͤniges Wunſch bereit finden, mit einigen Sachwaltern des Leſlauiſchen Domka⸗ pitels in Verhandlungen zu treten,“ zumal da auch der Biſchof verſoͤhnliche Geſinnungen zu hegen fhien.9 Allein an ſeinen uͤberaus hohen Anforderungen an den Orden in Rückſicht des Schadenerſatzes in feinen Gütern zerſchlugen ſich bald alle Unterhandlungen, weshalb er eine neue harte Klagſchrift gegen den Hochmeiſter an den Roͤmiſchen Stuhl brachte. Er ſtellte darin vor: ſchon ſeit Werners von Or⸗ ſeln Zeit, da ein Theil der biſchoͤflichen Guͤter unter des Ordens Herrſchaft gekommen, habe das Biſthum durch die 1) Lindenblatt S. 249. 2) Schr. Sigismunds, d. Ofen Freit. vor Purific. Maria (1412) Schbl. IV. 3. 3) Schr. des HM. an den Ordensprocurator, d. Marienb. Freit. vor Reminiſcere 1412 Rgſtr. II. p. 23 er trägt dem Procurator auf, den Plan der Trennung der Kirchenguͤter von Gneſen und Leſlau beim Papſte und den SKardinälen auch ferner mit allem Eifer zu betreiben. 4) Schr. des Domkapitels v. Leſlau an den Komthur v. Thorn, d. Wiadisiavie XXVII mensis Februar. 1412 Schbl. LIII. 19. 5) Schr. des Biſchofs v. Leſlau an den Komthur v. Thorn, dat. Raczans Donnerſt. vor Judica 1412 Schbl. LIII. 185 an den HM. d. Raczans am Palmtage 1412 Schbl. LIII. 20.
Scanseite 182 · Druckseite 169
Streithaͤndel mit den Biſchöͤfen v. Leſlau u. Ermland. (1412.) 169 damals angeordnete Zehntenberichtung jährlich großen Scha⸗ den erlitten; beim Ausbruche des Krieges zwiſchen Polen und dem Orden im Jahre 1409 ſey beim Einfall in Do⸗ brin durch Beraubung der bifchöflichen Güter, Verbrennung von vierzehn der beſten Dörfer, Pluͤnderung feiner Höfe, durch Vernichtung ſeiner Kapellen, Heiligenbilder u. ſ. w. dem Biſthum ein Verluſt von dreißigtauſend Gulden zuge⸗ fügt worden. Bald nach der Wahl dieſes Hochmeiſters ſey der biſchoͤfliche Hof Subkau überfallen worden, um den Biſchof, wenn man ihn finde, zu ermorden; vierzig Mark ſeyen damals dem als Lohn geboten worden, der ihm den erſten Schlag gebe oder den erſten Pfeil auf ihn ſchieße; die damalige Pluͤnderung der biſchoͤflichen Güter und Doͤr⸗ fer, Einziehung des biſchoͤflichen Zinſes u. dgl. betrage einen Schaden von zwanzigtauſend Gulden und eine gleich große Schadenſumme koͤnne der Biſchof im Jahre 1411 beim Ein⸗ fall der Ordensritter in Kujavien durch Raub und Brand in den Kirchengütern berechnen. Auf dieſe Geſammtſumme erhob der Biſchof jetzt Anſpruch und rief deshalb in ſeiner Klagſchrift den Rom. Stuhl um Beiſtand an. Die Klage erregte dort großes Aufſehen. Der Papſt uͤbertrug ſie einem Kardinal zur naͤheren Unterſuchung. Man war im Begriff, den Hochmeiſter und mehre Gebietiger zur Öffentlichen Ver⸗ antwortung nach Rom zu laden; allein der gewandte Or⸗ densprocurator wußte nicht nur dieſes mit vieler Klugheit abzuwenden, ſondern auch den Papſt durch, eine buͤndige Gegenvorſtellung von des Biſchofs böswilligem Verhalten gegen den Orden im letzten Kriege fuͤr eine ganz andere Anſicht der Sache zu gewinnen, ſo daß er dem Hochmeiſter meldete: er hoffe gegen des Biſchofs Klagen am Hofe in jeder Weiſe beſtehen zu konnen.) Daß der Streit am paͤpſtlichen Stuhle für den Orden wirklich nicht unguͤnſtig ) Schr. des Procurators, d. Rom Donnerſt. nach Viſitat. Mariä (4412) Schbl. LI. 21; dabei eine Abſchriſt des Klagbrieſes des Bl⸗ ſchofs von Leſlau.
Scanseite 183 · Druckseite 170
170 Streithaͤndel mit den Biſchöfen v. Leſlau u. Ermland. (1 112.) werde entſchieden werden, wußte auch der Koͤnig von Po⸗ len; weshalb dieſer auch alle Mittel aufbot, die Entſchei⸗ dung dem Papſte zu entziehen und ſie in die Haͤnde des Röm. Königes zu bringen, was ihm in der That auch gelang. ı) Auch in der Streitfrage uber das Biſthum Ermland kam es noch zu keiner feſten Entſcheidung. Die Bewerbung des Grafen von Schwarzburg um den biſchoͤflichen Stuhl war am Römiſchen Stuhle, ſeitdem dort als neuer Bewer: ber ein gewiſſer Hermann Dwerg beim Papſte viele Hoff⸗ nung gewonnen, nicht mehr mit der eifrigen Thaͤtigkeit wie zuvor betrieben worden. Der Hochmeiſter indeß hielt noch fort und fort feſt an ihm, zumal da es der Character des neuen Bewerbers, eines zwar ſehr klugen und verfuchten, aber eben ſo liſtigen Mannes, zweifelhaft ließ, ob er ſich auf die Seite der Freunde oder der Widerſacher des Ordens ſtellen werde. Vor allem aber ging ſein ganzes Streben darauf hinaus, den bisherigen Biſchof trotz der Weiſung des Rom. Königes nicht wieder ins Land kommen zu laſ⸗ fen, da er befürchtete, daß nach feiner Ruͤckkehr vielleicht in einer Nacht alle Ordensburgen in die Haͤnde der Polen fal⸗ len konnten; fo ſehr aͤngſtigte ihn noch immer des Biſchofs verrätherifche Gefinnung. ? Auch der Sicherheit des Landes wandte der Hochmeiſter fort und fort feine Thaͤtigkeit zu. Eifrigſt wurden die Or⸗ densburgen an den Graͤnzlanden Samaitens, beſonders Me⸗ 1) Schr. des Procurators, d. Senis Dienſt. nach Margar. (1412) Schbl. I. 21; er ſagt: der König, der Herzog von Stolpe und alle Widerſacher des Ordens hätten alles angewandt, die Sache aus des Papſts Händen zu ziehen. 2) Schr. des HM. an den Procurator, d. Marienb. Freit. vor Reminiſ. 1412 Ngſtr. II. P. 1 — 2. Schr. des Procurators, d. Ges nis Dienſt. nach Margar. (1412) Schbl. I. 21. Der Procurator raͤth dem HM., dem Ausſpruche des Rom. Königes zunaͤchſt Folge zu lei⸗ ſten, den alten Biſchof ins Land zu laſſen und mit ihm nach dem Rech⸗ te zu verfahren.
Scanseite 184 · Druckseite 171
Strreithaͤndel mit den Biſchdfen v. Leſlau u. Ermland. (1412.) 171 mel, Tilſit und Ragnit unter des Ordensmarſchalls Leitung feſter ausgebaut und ſtaͤrker bewehrt. Hunderte von Werk⸗ leuten und Arbeitern aus den Gebieten Koͤnigsbergs, Bran⸗ denburgs, Balga's und Ermland waren dort mehre Monate beſchaͤftigt; ) daſſelbe geſchah in den Graͤnzgebieten nach Lit— thauen und Polen hin. Wie Neſſau, ſo wurden auch die uͤbrigen Graͤnzburgen theils ſtaͤrker befeſtigt, theils zahlreicher bemannt, theils beſſer mit Waffen und andern Vertheidigungs⸗ mitteln verſorgt; das ganze Land trat von neuem in wehr⸗ haften Stand, wie zum Ausbruche eines Krieges vorberei⸗ tet.?) Um den Beizug der Soͤldnerhaufen aus Deutſchland zu erleichtern, war es von Wichtigkeit, daß es dem Vogt der Neumark nach vielen Muͤhen endlich gelang, die dortige Ritterſchaft und Staͤdte, die ſich lange ſeinen Anordnungen und Anforderungen widerſetzt, zu groͤßerer Fuͤgſamkeit und zum Gehorſam gegen ſeine Befehle zu gewinnen. Fuͤr Si⸗ cherheit der Heerſtraßen gegen die zahlreichen Raͤuberbanden und Rotten liederlichen Geſindels konnte dort freilich vorerſt nur wenig geſchehen, da ein zu dieſem Zwecke ſo nothwen⸗ diges Zuſammenwirken mit den Nachbarfuͤrſten von Pommern auf keine Weiſe gelingen wollte. 9 Mittlerweile aber hatte ſich die politiſche Stellung des Ordens ſchon wieder merklich verändert. Es war dem Kö- 1) Schr. des Ordensmarſchalls, dat. Königsberg Sonnab. nach Marci (1412). 2) Schr. des HM. an die Königin v. Daͤnemark, d. Elbing Mont. nach Philippi u. Jacobi 1412 Rgſtr. II. p. 8. Die Königin hatte ihn um eine gute Büchſe (Kanone) und eine Laſt Pulver gebeten. Er ant⸗ wortet aber: Ew. Gnade iſt wol wiſſentlich, wy das wir in deſſen vor⸗ gangen kryge leyder verloren hatten das meyſte teil unſer huͤßer und Stete, ouch von Bochſen und Pulver und ſemelicher hüfer andere not⸗ dorfft alzo gantez ſeyn beroubt, das wir fie gleicherweis als von nuͤwes mit großer mühe und koſte wider müffen anrichten. So ſynt wir ouch keyns fredis ſicher, dorumb wir unfer hüſer und Stete bewaren und bes veſten muͤſſen, fo wir beſte mogen. 3) Schr. des Vogts der Neumark, d. Hermannsdorf Mittw. in d. Marterwoche 1412. Schr. des HM. an ihn o. D. Schbl. XIII. 68.
Scanseite 185 · Druckseite 172
172 Friedensverhandlungen. (1412.) nige von Polen gelungen, ſchon im Februar nicht nur die beiden Herzoge Ernſt und Friederich von Oeſterreich zu ei⸗ nem Schuß: und Huͤlfsbuͤndniß wider alle feine und Wi⸗ towds Feinde zu gewinnen, ſondern bald darauf ein eben ſolches mit dem Könige Sigismund von Ungern abzuſchlie⸗ ßen, dem auch Witowd beitrat.) Wenn gleich nun auch der Orden in keinem von beiden als der Feind genannt war, welchen der Koͤnig von Polen dabei im Auge gehabt, ſo durfte man ihn doch gewiß als das Ziel anſehen, gegen welches alles gerichtet war. Wie Sigismund ſich jetzt ſchon wieder zu einem ſolchen Buͤndniſſe mit Polen verſtehen konn⸗ te, wird nur dann begreiflich, wenn man weiß, wie leicht fein Wille verlockt und feine Entſchluͤſſe verändert wurden, je nachdem ihm hier oder dort größere Vortheile und Ge⸗ winne dargeboten waren. In Deutſchland boten die dem Orden befreundeten Fürften alles auf, wie den Roͤmiſchen König, fo den von Boͤhmen der Sache des Ordens geneigt zu ſtimmen und fo für ihn eine guͤnſtige Entſcheidung zu bewirken. So ließ es der edle Landgraf Friederich von Thuͤ⸗ ringen und Markgraf von Meißen dem erſtern dringend ans Herz legen, wie wichtig es ſey, den bedraͤngten Orden in Schutz und Schirm zu nehmen und „dieſen Friedensſchild der Chriſtenheit gegen die mit dem Polen-Koͤnige verbun⸗ denen heidniſchen Voͤlker“ immerdar aufrecht zu erhalten. = Mit nicht minderem Eifer bemühte fi‘ Graf Heinrich der Juͤngere von Plauen nicht bloß Ritter und Knechte in Deutſch⸗ land im Falle eines Krieges mit Polen fuͤr den Orden zur Beihuͤlfe zu gewinnen, ſondern auch bei dem Koͤnige von Boͤhmen durch die ihm vom Hochmeiſter zugeſandten Ge⸗ ſchenke von vier ſchoͤnen Lachſen, einem praͤchtigen Jagd⸗ 1) Die Urkunde daruͤber bei Kurz Oeſterreich unter K. Albrecht dem Zweiten Th. I. S. 306 — 308. 2) Die Urkunde bei Dogiel T. I. p. 463 die Beitrittsurkunde Wi⸗ towds, d. Troki Sonnab. nach Oſtern 1412 Schbl. XVII. 148. 3) Schr. des Landgrafen v. Thüringen an den Rom. König, dat. Dresden Sonnab. vor Judica 1412.
Scanseite 186 · Druckseite 173
Friedensverhandlungen. (1412) 173 horne und einem Schachzabelſpiel die Freigebung der Ordens⸗ ballei in Böhmen und überhaupt guͤnſtige Geſinnungen für des Ordens Intereſſe zu bewirken.) Und wie dieſe Fuͤr⸗ ſten, ſo auch andere; ja das geſammte Kurfuͤrſten⸗Collegium reichte beim Rom. Könige eine eindringliche Vorſtellung ein, ihm darin erklaͤrend, welche hohe Bedeutung der Orden in allen Zeiten für das Reich und für die ganze Chriſtenheit als eine feſte Schutzmauer an den Graͤnzen der Ungläubigen und roher barbariſcher Voͤlker gehabt, und ihn erinnernd, mit welchem warmen Eifer deshalb auch alle feine Vorgänger auf dem Throne fuͤr des Ordens Heil und Wohlfahrt beſorgt geweſen, wie ſehr es daher auch ſeine, des Reichshauptes Pflicht ſey, ihn gegen den vom Könige von Polen beab⸗ ſichtigten Untergang zu fehügen und zu retten. Da erſchienen im Anfange des Mai, nachdem bereits beide Theile ſich dem ſchiedsrichterlichen Ausſpruche des Nom. Koͤniges durch urkundliche Verſicherungen untergeben, 9 des letztern Geſandte im Haupthauſe Marienburg, dem Meiſter anzuzeigen, daß der Koͤnig zur Ausgleichung aller Streit⸗ fragen einen Verhandlungstag zu Ofen vierzehn Tage nach Pfingſten angeordnet habe, mit der Aufforderung, ſeine Sach⸗ walter mit buͤndiger Vollmacht dahin zu ſenden. ) Eiligſt ward alles vorbereitet. Als Sprecher und Bevollmaͤchtigte zu dieſer wichtigen Sendung wurden ernannt der Erzbiſchof von Riga Johannes von Wallenrod, Herr Heinrich Graf von Plauen, der in der Belagerung Marienburgs das hohe Haus 1) Schr. des Grafen Heinrich des Juͤngern von Plauen, d. Prag Sonnt. nach Mitfaſten (1412) Schbl. LXIX. 60. Schr. des Domherrn von Frauenburg Konrad Wetterheim, der mit in der Geſandtſchaft war, d. Prag Sonnt. Judica (1412) Schbl. LXVI. 29. 2) Die Copien dieſer Briefe der Kurfürften an den Röm. König im geh. Archiv. Schr. des Herzogs v. Baiern, d. Frankfurt am T. Phi⸗ lippi u. Jacobi 1412. 3) Die Urkunden hierüber bei Dogiel T. IV. p. 87. 4) Schr. des HM. an einen ungenannten Fuͤrſten, d. Elbing Mont. nach Philippi u. Jacobi 1412 Rgſtr. II. p. 9.
Scanseite 187 · Druckseite 174
174 Friedensverhandlungen. (1412.) ſo mannhaft mit vertheidigt, ) aus der Zahl der Ordens⸗ gebietiger der Ordensmarſchall Michael Kuͤchmeiſter von Stern⸗ berg, der Ordensſpittler Werner von Tettingen (der auf dieſer Sendung zu Kaſchau in Ungern ſtarb), der Ordens⸗ trappier Friederich von Wellen, der Komthur zu Thorn Eberhard von Wallenfels, mehre Domherren aus Frauen⸗ burg, des Hochmeiſters Kanzler und einige Raͤthe, nebſt mehren Rittern, Buͤrgermeiſtern der vornehmſten Städte und andern angeſehenen Männern.? Unter des Koͤniges von Polen ſicherem Geleit hatten die Sendboten ihre Reiſe kaum angetreten, als der Meiſter von den Graͤnzen ſeines Landes die traurigſten Berichte erhielt. Trotz der Beſtimmung, daß bis zum Richterſpruche des Kom. Königes kein Theil den andern verletzen oder angreifen ſolle, war der Großfuͤrſt Witowd plotzlich mit einem ſtarken Heerhaufen in die Land⸗ gränge des Ordens hinter Ragnit eingerückt, um dort auf einem Gebiete, in deſſen Beſitz der Orden nach urkundlichen Zuſicherungen ſchon uͤber hundert Jahre war, eine feſte Wehr⸗ burg, Welun genannt, aufzurichten. Um aber die Kriegs⸗ macht des Ordens von dort entfernt zu halten, war um dieſelbe Zeit nach verabredetem Plane ein ſtarker Heereshaufe von Polen bei Johannesburg ins Ordensgebiet eingefallen und hatte unter Verheerung und Brand zahlreiche Gefangene jedes Alters hinweggefuͤhrt. Zugleich vernahm der Meiſter, daß Witowd und der Koͤnig ſich von neuem mit den nahen heidniſchen Völkern verbunden und betheuert haͤtten, ſie wuͤr⸗ den den Orden, nachdem ſie ihn dem Untergange ſchon ſo nahe gebracht, noch im Verlaufe dieſes Jahres unfehlbar überwältigen und aus Preuſſen gaͤnzlich vertreiben. Dieß meldend rief der Meiſter in flehentlichen Bitten den Beiſtand 4) Lindenblatt S. 252 ſagt: er ſey auf der Heimkehr zu Prag geſtorben. Schr. des Ordensprocurator, d. Rom am heil. Chriſtabend 1412 Schbl. I. 113 beſtätigt dieſes und meldet, daß der Komthur von Elbing zu Kaſchau verſchieden ſey. Y Lindenblatt S. 252 — 253. 3) Dogiel T. I. p. 45.
Scanseite 188 · Druckseite 175
Friedensverhandlungen. (1412.) 175 des Böhmifchen und Nömifchen Königes an, ) ließ aber zugleich in Livland und in den Ordensburgen feiner öfllichen Lande in Eile alle Anſtalten treffen, um dem Feinde bei einem Einfalle mit aller Macht begegnen zu konnen. 2 So ſchien gegen einen wortbruͤchigen und treuloſen Kö: nig, der zum Schein die eine Hand zur Suͤhne bot, waͤh⸗ rend die andere das Schwert zum Blutvergießen zuͤckte, der heute verſprach, was er morgen mit Trug und Luͤge brach, es ſchien gegen die beiden argliſtigen Feinde des Ordens, in deren Bruſt Haß und Rachgier nie ausſterben konnten,“) keine andere Macht mehr Rettung bringen zu Tonnen als nur die des Himmels. Zu ihr wandte ſich der gottvertiaus ende Meiſter. Auf allen Ordensburgen, in Domkirchen und Kloͤſtern, in Städten und Dörfern ward auf fein Gebot feierlicher Gottesdienſt gehalten; überall ſuͤllten ſich die Got⸗ teshaͤuſer zu frommen Gebeten für Friede und Ruhe; man zog in feierlichen Proceſſionen von Kirche zu Kirche; der Meiſter ſelbſt erſchien in ſolchen barfuß an der Spitze der um Friede und Gnade flehenden Ordensbruͤder und ſeit die Sendboten zum Tage nach Ofen Marienburg verlaſſen hat⸗ ten, loͤſten zwölf Mönche in der Kirche des Haupthauſes Tag und Nacht, Stunde um Stunde im Gebete ſich ab, ſo daß der Gottesdienſt nie aufhörte bis zur Heimkehr der Geſandten. ® Der Empfang der Ordensgeſandten zu Kaſchau, wo ſie den Koͤnig Sigismund und den von Polen bei einander 1) Schr. des HM. an den König v. Böhmen, d. Marienb. Sonnt. nach Himmelfahrt 1412 Rgſtr. II. p. 10. 2 Schr. des HM. an den Erzbiſchof von Riga, dat. Marienb. Mittw. nach Pfingſten 1412 Schbl. IV. 89. j 3) Der HM. ſagt im erwähnten Schr.: Wir kunnen ſlechts an⸗ dirs nicht vornemen us ſemelichen und allen andern Wytawts geſcheften, das ſie mit großer bosheit ume geen und mogen globen, was ſie wellen, is wirt doch von Im nicht gehalden, die voraldete gewonheit und mifjes tat mag nicht wol entwenet werden, is were denne das ſie usgerodt und alſo usgeworzelt würde, das ſie vorder nicht grünen mochte. 4) Lindenblatt S. 251.
Scanseite 189 · Druckseite 176
176 Friedensverhandlungen. (1412.) fanden, war keineswegs der freundlichſte; denn erſterer, der aus geldgierigen Abſichten auch jetzt ſeine truͤgliche Rolle fort⸗ ſpielte, ſprach ſich hoͤchſt unwillig und erzuͤrnt über die For, derung des Ordens aus, daß die richterliche Entſcheidung nicht von ihm allein, ſondern vom geſammten Collegium der Kurfürften geſchehen ſolle, erklaͤrend, er werde dem Koͤ⸗ nige von Polen gegen den Orden Friede verſchaffen, auch wenn er dieſem deshalb ſelbſt den Krieg ankündigen ſollte.) Was er indeß eigentlich erzielte, verrieth die Ankunft von zwei Sendboten beim Hochmeiſter mit dem Geſuche: Der Orden ſolle, ſofern ihm Sigismund den dem Koͤnige von Polen ausgeſtellten Verſicherungsbrief uͤber die Summe von hunderttauſend Schock wieder zuhaͤndigen werde, verpflichtet ſeyn, die noch ſchuldige Hälfte diefes Summe ihm zu entrich⸗ ten. Fuͤnfundzwanzigtauſend Gulden forderten die Geſandten ſogleich. Der Hochmeiſter ſah wohl, daß hievon allein der Ausfall der Entſcheidung abhaͤnge; allein in druͤckender Geld⸗ noth war er nicht im Stande, die verlangte Summe aufzu- bringen; die Forderung des Koͤniges aber ohne weiteres zu⸗ rückzuweiſen, war gleichfalls hoͤchſt bedenklich. Sigismund mußte Hoffnungen behalten; der Meiſter trug daher ſeinen Geſandten auf, den König vorerſt nur um Erlaſſung eines Theils der Summe zu erſuchen, zugleich aber gab er ihnen auch die gemeſſene Weiſung, ſich ſchlechterdings auf keinen Ausſpruch des Koͤniges einzulaſſen, bei welchem der Orden auf Geldzahlung angewieſen werde, weil er ſolche Bedingun⸗ gen in keiner Weiſe erfüllen koͤnne. 2 Nachdem hierauf der Hochmeiſter ſeinen Geſandten in Ofen auch die neue Klage uͤber den Anbau der Burg We⸗ lun und über Witowds und des Königes drohende Stellung zugefertigt, mit dem Auftrage, vorzuͤglich auch dieſe Klag⸗ punkte zur Verhandlung zu bringen, ward dort nach Ueber⸗ 1) Nach einem Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Kaſchau Mittw. vor Himmelf. (1412) Schbl. XIX. 120. i 2) Schr. des HM. an den Erzbiſchof von Riga und die Ordensger bictiger, d. Marienb. Mittw. nach Pfingſten 1412 Schbl. IV. 89.
Scanseite 190 · Druckseite 177
Friedensverhandlungen. (1412.) 177 gabe der Vollmachten und Anlaßbriefe der Verhandlungstag eroͤffnet.) In drei und vierzig Artikeln legten die Dre densgeſandten dem Roͤmiſchen Könige ihre Beſchwerden vor, im weſentlichen erklaͤrend: der Friede von Thorn werde faſt in keinem Punkte mehr gehalten; noch immer ſeyen die Ge⸗ fangenen nicht befreit, vielmehr vielen ihre Feſſeln noch er⸗ ſchwert, manche ermordet, andere in die entfernteſten Ge⸗ genden verſetzt; die uͤber den Ruͤckfall Samaitens an den Orden verheißene Urkunde werde dem Meiſter verweigert; Witowd und der Koͤnig erlaubten ſich noch fort und fort Einfälle ins Ordensgebiet; erſterer errichte auf Grund und Boden des Ordens feſte Wehrburgen wider alles Recht; der Verhandlungstag zu Morin zur Ausgleichung der Irrungen ſey durch Schuld der Polen ohne allen Erfolg geblieben; das im Thorner Frieden feſtgeſtellte ſchiedsrichterliche Recht des Papſtes habe man verworfen; demnach ſey auch der Orden jetzt aller ſeiner Zuſagen ledig und frei; er ſuche nun fein Recht beim Roͤmiſchen Könige und den Kurfürften des Reiches.?) — Dem ſetzten auch die Polniſchen Bevollmaͤch⸗ tigten ihre Klagen in mehr als achtzig Punkten entgegen; allein die meiſten konnten vor dem Lichte der Wahrheit mit⸗ nichten beſtehen; man erflärte es für Verleumdung, daß der Koͤnig und Witowd ſich mit Heiden und Tataren zum gaͤnzlichen Verderb des Ordens verbunden habe; der Orden habe noch Guͤter und Lehen des Koͤniges im Beſitz, halte 1) Schr. des HM. an den Erzbiſch. von Riga und bie übrigen Be⸗ vollmaͤcht. d. Scharfau am Abend Trinitat. 1412 Schbl. XVII. 124. Sie erhielten zugleich den Auftrag, alle Verhandlungen dem Procurator in Rom mitzutheilen, damit dieſer dort die Ambaſiaten, beſonders die des Köͤniges von Frankreich in Kenntniß ſetze. 2) Vgl. Windeck Historia Sigismundi Imp. c. 27 und 76 bei Mencken Scriptt. rer. German. T. I. p. 1090. 1133 — 1134; viele Namen find dort freilich ſehr entftellt und manches verwirrt abgefaßt; 1. de Wal T. N. p. 437; manches auch in der Urkunde Schbl. 64. 15. Bericht der Geſandten Hans von Orſechau und des Kaplans Kas⸗ par Schuwenpflug an den HM. uber die Verhandlungen zwiſchen Polen und Preuſſen Schbl. XXI. 99, VII. 12
Scanseite 191 · Druckseite 178
. 178 Friedensverhandlungen. (1412.) noch Polniſche Gefangene in Feſſeln, verleite koͤnigliche Va⸗ ſallen zum Ungehorſam und Abfall, verwuͤſte Witowds Lande, wolle die zum Samaitenland gehoͤrige Burg Memel nicht räumen u. ſ. w.) So die Klagen. Allein die Verhand⸗ lungen dauerten mehre Monate, denn obgleich Sigismund, ſeit ihm die Hoffnung zu Geldgewinn leuchtete, ſich dem Orden ungleich geneigter zeigte und das Intereſſe deſſelben mit ernſtem Fleiße zu fordern verhieß, fo ſchien er doch ab⸗ ſichtlich, um ſich zuvor erſt ſicher zu ſtellen, den Richter⸗ ſpruch in die Laͤnge zu ziehen. 9 Mittlerweile aber blieb auch der Koͤnig von Polen fuͤr ſein Intereſſe nicht unthaͤtig; ihm war es vor allem wichtig, die auch ihm bekannt gewordene guͤnſtige Meinung der Welt über den Orden umzuſtimmen. Während ſich an allen Hoͤ⸗ fen und in allen großen Städten Deutſchlands Polniſche Soldboten umherſchlichen, bemuͤht, die Kreuzherren in Preuſſen, zumal die Ordensgebietiger und den Meiſter als wortbruͤchige, geld- und blutgierige Menſchen zu ſchildern und in jeder. Weiſe aufs ſchaͤndlichſte zu verleumden, erließ der Koͤnig ſelbſt an alle geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten des Reiches ein Sendſchreiben, worin er nicht nur ſeine Friedensliebe preiſend hervorhob, ſondern ſich aufs bitterſte über die argliſtigen und feindfeligen Geſinnungen, den Un⸗ dank und die Ungerechtigkeiten der Ordensherren beklagte, ſie als Menſchen darſtellend, die auf nichts als auf Streit und Fehde dachten, denen keine Verpflichtung heilig ſey, die nur auf Lug und Verleumdung ſaͤnnen, weshalb man keinem ihrer Worte Glauben und Vertrauen ſchenken duͤrfe.“ 1) Dieſe und aͤhnliche Klagpunkte der Polen in der Urk. Schbl. 64. 15. 9) Schr. des Ordenemarſchalls an den HM. d. Ofen am Abend Petri und Pauli 1412. Er ſagt: der König habe ihm verſprochen, „in den ſachen getruͤlich und fo her hoͤchſte mag ſich doryne erbeiten wil nach ſyme ganzen vormogen. Auf die Abſicht des Königes zu Geldgewinn deutet auf Lindenblatt S. 251 offen hin. 3) Das Sendſchreiben des Köͤniges, d. Krakau am 21. Auguſt 1412 Agſtr. III. p. 11.
Scanseite 192 · Druckseite 179
Friedensverhandlungen. (1412.) 179 In denſelbigen Tagen aber, am vier und zwanzigſten Auguſt erfolgte zu Ofen des Koͤniges Richterſpruch; er lau⸗ tete alſo: die Handelsſtraße zwiſchen Preuſſen und Polen ſolle zu Waſſer und Land nach alter Gewohnheit frei feyn, der Biſchof von Leſlau in ſeine biſchoͤflichen Güter und entzogenen Kirchen wieder zu freiem Genuß geſetzt und ihm der ſeit zwei Jahren entnommene Zehnte und Zins, ſowie alles andere wieder erſtattet werden; uͤber den von beiden Theilen veruͤbten und erlittenen Schaden werde der Rom. Koͤnig die Entſcheidung geben; dem Propſt von Leſlau ſolle auch ferner der ihm uͤberwieſen und vom Komthur zu Tuchel zu zahlende Zehnte zufallen.) Der Biſchof von Ermland moͤge in ſein Biſthum zuruͤckkehren duͤrfen; alles, was man von ſeiner Kirche erhoben, ſolle ihm erſetzt werden und was der Orden mit ihm auszugleichen habe, nach dem Rechte geſchehen. Der Friede zu Thorn ſolle in allen Punkten aufrecht erhalten werden und der Koͤnig dem Orden den Brief uͤber Samaiten binnen ſechs Monden ausſtellen. Alle Gefangenen ſollten frei und alle ihre Verbuͤndniſſe, Geldb⸗ niſſe und Buͤrgſchaften beider Seits aufgehoben ſeyn. Der Orden ſolle dem Könige die noch ruͤckſtaͤndige Geldſumme entrichten und wofern dieß in den beſtimmten Friſten nicht geſchehe, dieſem die Neumark mit dem Haufe Driefen fo lange als Pfand einraͤumen, bis die Zahlung erfolgt ſey. Wer irgend einen dieſer Punkte breche, ſolle eine Buße von zehntauſend Mark Silber erlegen, die der paͤpſtlichen und kaiſerlichen Kammer und zum dritten Theile dem zur fallen ſolle, der den Frieden gehalten. Alle vor dem letzten Frieden erhobenen Klagbeſchwerden ſollten abgethan ſeyn; ſpaͤtere wolle der König feiner ferneren Entſcheidung vorbe⸗ halten. Andere Streitfragen, wie über Graͤnzen u. dgl. ſollten im Lande ſelbſt durch Bevollmächtigte, die er ſenden 1) Dieſer nachmals fo viel Streit veranlaſſende Punkt, wie er im Concilium zu Koſtnitz zur Sprache kam, in der Urk. Schbl. LXVIII. 146. 12*
Scanseite 193 · Druckseite 180
180 Finanzbedraͤngniſſe des Ordens. (1412.) wolle, erdrtert werden.) So der Ausſpruch des Königes. Bald darauf aber ſchloß er mit den Ordensbevollmaͤchtigten das Uebereinkommen ab, daß der Orden verpflichtet fern ſolle, ihm die dem Könige von Polen noch ſchuldige Geld⸗ ſumme in Friſten zu zahlen, ſobald ihm jener den Verſchrei⸗ bungsbrief, wodurch ſich der Orden zur Zahlung jener Sum⸗ me verpflichtet, wieder verſchafft haben werde. Der Hoch⸗ meiſter hatte dieſem Verlangen Sigismunds um ſo weni⸗ ger Schwierigkeiten entgegengelegt, als er vielleicht hoffen konnte, auf diefe Weiſe den König von Polen bei dieſer Geldſache aus dem Spiele zu bringen.) Sigismund in- deß wandte vergeblich alle erdenklichen Mittel an, den letz⸗ tern zur Aushändigung des Schuldbriefes zu gewinnen, denn funfzigtauſend Schock Groſchen oder die Neumark waren viel zu wichtig fuͤr ihn. Der Hochmeiſter hatte den Ausſpruch guͤnſtiger erwar⸗ tet, ) am wenigſten aber, daß die beiden ungetreuen Bis ſchöͤfe, dieſe „Aechter und Verraͤther,“ wie er fie nannte,“ wieder in den vollen Beſitz ihrer Biſthuͤmer und Einkünfte geſetzt werden ſollten. Er erfuhr auch bald, daß die Ent⸗ 1) Wir haben über diefen ſchiedsrichterlichen Ausſpruch verſchiedene Quellen, die ſich einander ergänzen. Die Urk. bei Pogiel T. IV. p. 88 — 93 enthält nur den Artikel uͤber den Biſchof und Propſt von Leſlau insbeſondere; Lindenblatt S. 251 — 252 erwähnt nur des Punktes wegen der Bezahlung der ruͤckſtändigen Summe und der Ver⸗ pfändung der Neumark. Am vollſtändigſten iſt ein Bericht des Ordens⸗ marſchalls, d. Ofen am T. Bartholomai 1412. Der voltftändige ſchieds⸗ richterliche Ausſpruch ſelbſt in einem beſiegelten Transſumt der Biſchöſe Johannes von Kulm und Gerhard v. Pomeſanien v. J. 1421 Schbl. 64. 15. 2) Die Verhandlung hierüber im Original, d. Ofen Dienſt. vor Aegidii 1412; Lindenblatt S. 251 Anmerk. Vgl. Diugoss. P. 333. 3) Schr. des HM. an den Ordensprocurator, dat. Sonnab. vor Concept. Maria 1412 Schbl. XXI. 53 er ſagt hier: diſſe berichtunge haben unſer Gebittiger vorleybet und gemacht bobin unſer geheiſſe und bevelunge, wen wir befulen In ernſtlich, daz ſie unſers Ordens landt und leuthe, grenigen adir ſchaden in keiner hande weys obirgeben ſolden. 4) In dem erwähnten Schr. an den Procurator. —
Scanseite 194 · Druckseite 181
Finanzbedrangniſſe des Ordens. (1412.) 181 ſcheibung für den von Leſlau deshalb fo guͤnſtig ausgefallen ſey, weil der Schadenerſatz, der dem Biſchofe vom Orden geleiſtet werden ſollte, von dieſem dem Könige zugeſprochen, alfo auch hier deſſen Geldgier mit im Spiele geweſen ſey.“ Auch damit war der Meiſter unzufrieden, daß der Ausſpruch vom Röm. Könige allein, und nicht zugleich mit durch das Collegium der Kurfuͤrſten geſchehen war. 2) Allein es mußte ihm, das ſah der Meiſter klar ein, auf jede Wei⸗ fe Folge geleiſtet werden, und fo unerträglich die Laſt auch ſchien, die ihm von neuem auferlegt war, fie drückte ſei⸗ nen muthigſtarken Geiſt noch keineswegs darnieder. Daß die Neumark, wenn auch nur als Pfand, dem Koͤnige von Polen übergeben werden muͤſſe, dahin durfte er es unmoͤg⸗ lich kommen laſſen. Obgleich alle Hoffnung auf Beihuͤlfe aus Deutſchland durchaus fehl ſchlug und ſelbſt die Ein⸗ künfte im Lande wegen der mißrathnen Ernte und großen Theuerung ſehr geſchmaͤlert wurden, ) fo mußten doch alle Mittel aufgeboten werden, um den Koͤnig zu befriedigen. Das naͤchſte war ein neuer Schoß, von der Mark zwei Schillinge und als Vorſchoß vom Tiſche vier Scot, von jeder unverwüſteten Hufe eine Mark, von der Mark Dienſt⸗ lohn zwei Scot; niemand, er mochte Laie, Pfaffe, Moͤnch, Knecht, Magd oder Hirte ſeyn, war von der Steuer frei. Desgleichen mußten auch alle Gebietiger ihre Vorwerke, Aecker und Muͤhlen mit Schoß belegen laſſen und alle Komthure und Ordensbruͤder, was ſie nur irgend an ſil⸗ bernen Gefäßen oder ſonſt an Gold oder Silber beſaßen, N) Schr. des HM. an den Ordensmarſchall in Ungern, d. Thorn Sonnt. vor Nativitat. Maria (1412). 2) Er beklagt ſich darüber nachher bei den Königen von England und Frankreich. 3) Lindenblatt S. 255. Schr. des HM. an den Ordensmar⸗ ſchall, d. Thorn Sonnt, vor Nativ. Mariä (1412). 4) Lindenblatt S. 253; im Fol. 22 eine Angabe über den in Kulm erhobenen Schoß; er wurde in drei Terminen entrichtet und be⸗ trug in dieſem Jahre 1187 Mark.
Scanseite 195 · Druckseite 182
182 Finanzbedraͤngniſſe des Ordens. (1412.) einliefern. Durchs ganze Land in Städte und Dorfer er⸗ ging das Aufgebot, alle ſilbernen Trinkbecher, Geſchmeide, Gürtel u. dgl. dem Ordensſchatze einzuſenden; man bezahl⸗ te alles den Eigenthuͤmern auf andere Weiſe ſo vortheilhaft als moͤglich, um ſie zur Einlieferung zu bewegen.) Aus allen Kirchen, Klöftern und Ordenskapellen ward ſaͤmmtli⸗ ches nur irgend entbehrliches Kirchengeraͤth eingeſchmolzen. Als man dieß alles aber berechnete, belief ſich der geſammte Ertrag doch nur auf einige ſechzigtauſend Mark, 2 bei wei⸗ tem nicht hinreichend, theils die Schuldforderungen der bei⸗ den Koͤnige von Ungern und Polen, theils die verſproche⸗ nen Soldzahlungen an eine bedeutende Zahl von Rotten⸗ führern und Rittern zu entrichten, denn die geſammte Schuld des Ordens betrug damals nicht weniger als hundert und zehntauſend Mark. ) Der Meiſter wandte ſich von neuem in ſeiner Noth ans Ausland und ſandte einige ſeiner Lan⸗ desritter, unter ihnen Hans von Baiſen, theils an den König von Frankreich und den Herzog von Burgund, um bei dieſen Anleihen aufzunehmen, theils an den König von England, um hier eine Summe von einigen zwanzigtau⸗ ſend Nobeln einzuziehen, die der König dem Orden ſchon ſeit langer Zeit ſchuldete.) Er ſprach ferner nochmals auch 1) Lindenblatt S. 284. \ 2) Lindenblatt ©. 255 giebt zwar nur 60,000 Mark an; der HM. indeß ſchlug ſelbſt, wie aus der Anmerk. S. 254 hervorgeht die ganze Summe auf 64,000 Mark Preuff. an. 3) Lindenblatt S. 255. 4) Vollmacht für Hans v. Baiſen (hier familiaris et precisor no- stre mense genannt) und einige andere, d. Marieub. V die Octobr. 1412 Schbl. 83. 15, Rgſtr. II. p. 17; dabei vom nämlichen Datum ein ſehr freundliches Schr. des HM. an den Koͤnig von England p. 18. Eigentlich betrug die Schuld des Engliſchen Königes zweimal 10,637 Nobeln, die der HM. ihm ſchon mehre Jahre gefriſtet hatte; fie ſollte geleiſtet werden, wie der HM. ſagt, ratione et occasione dampnorum et gravaminum suhditis nostris tam Prutenis quam Livoniensibus per dieti domini nostri Regis ligeos et subditos faelornm indebite et illa- torum. Das Anbringen der Geſandten ſelbſt Naſtr. III. p. 8 — 9.
Scanseite 196 · Druckseite 183
Finanzbedringniffe des Ordens. (1112.) 183 den König von Böhmen um ein Anlehen von zwanzigtau⸗ ſend Schock Groſchen an, mit dem Erbieten, ihm dafuͤr die Ballei zu Boͤhmen oder was er ſonſt wolle, zu Pfand zu ſetzen, b und endlich nach der Ruͤckkehr der Geſandten aus Ofen ſandte der Meiſter auch noch einmal an den Deutſch⸗ meiſter und deſſen ſaͤmmtliche Gebietiger, ihnen zu melden: die Ordensgeſandten hätten ſich, nach des Nom. Koͤniges Rath auf ihrer Rückkehr durch Polen dort mit dem Koͤnige über die noch zu entrichtenden Geldſummen geeinigt; er ver lange für die Abtretung der Haͤuſer, Freigabe der Gefan genen, fuͤr die Beibehaltung der Ordensprivilegien und fin die Zuſicherung Samaitens noch eine Geſammtſumme von 69,400 Schock Groſchen, wovon der Orden zu Weihnachten entweder 44,400 Schock entrichten oder die Neumark ver⸗ pfänden ſolle; dieß letztere konne ohne großen Verderb des Ordens nicht geſchehen; auch zeigten die Neumaͤrker Privi legien vor, nach welchen die Mark nie verpfändet werden duͤrfe; die übrigen 25,000 Schock habe der König von Polen dem Könige Sigismund geliehen, wovon 13,000 im Anfange des Februars vom Orden gezahlt werden ſollten; uͤberdieß ſchulde dieſer dem Könige von Ungern noch 25,000 Gulden und 10,000 Gulden betrugen die Koſten der Ge⸗ ſandtſchaft nach Ofen; auch bei der ſchweren Schatzung, die über alle Glieder des Ordens und alle Unterthanen ver- fuͤgt worden, ſey es bei der Armuth und Verheerung des Landes dem Hochmeiſter nicht moglich, in fo kurzer Friſt jene ungeheuere Summe aufzubringen; er bitte daher die Gebietiger in Deutſchland aufs dringendſte, wenigſtens die 13,000 Schock für den von Ungern auf ſich zu nehmen; finde die Bitte beim Deutſchmeiſter kein Gehör, fo habe er jenem frei geſtellt, ſich in feiner Forderung an den Gu I) Schr. des HM. an den König v. Böhmen, d. Marienb. Mont. nach Martini 1412 Rgſtr. III. p. 12. Er beklagt ſich ausdruͤcklich über den Ausſpruch, „in deme her (Sigismund) mir und meinem Orden bo⸗ ben das houptgelt eine große ſumme geldes hat czugeſprochen usczu⸗ richten und czu beczalen, wiewol Ich doch beſſer recht hatte.
Scanseite 197 · Druckseite 184
184 Strengere Ordensdiſciplin. (1412.) tern des Ordens zu entſchaͤdigen, wo er wolle. Auch dem Landkomthur von Elſaß gebot der Meiſter „mit ernſtem Befehl und bei Gehorſam“ ihm ohne Verzug und Ausrede breitaufend Gulden zu fenden. U) Je mehr aber eine Gefahr nach der andern von außen⸗ her auf den Orden einſtuͤrmte, um ſo eifriger war der Hoch⸗ meiſter bemüht, ihn in feiner innern moraliſchen Kraft em⸗ porzuheben und ſeine ſittlichen Stuͤtzen mehr und mehr zu befeſtigen. Er gebot dem Deutſchmeiſter und deſſen Mit⸗ gebietigern, bei der Aufnahme neuer Ordensbruͤder mit aller Strenge darauf zu ſehen, daß man keinen in den Orden einkleide, der nicht von edler Abſtammung oder ſonſt von gutem Namen, der gebrechlich oder irgendwie untlichtig und des Ritternamens unwuͤrdig fey. 2 Unter den Ordensbruͤ⸗ dern ſelbſt hielt er mit Nachdruck und wachſamem Auge auf ſtrenge Zucht, gute Sitte und puͤnktlichen Gehorſam. Abs truͤnnige und entflohene Ordensritter ließ er ins Ordensge⸗ biet zuruͤckbringen und unterwarf fie nachdruͤcklichen Stra⸗ fen; die Stadt Luͤbeck ward aufgefordert, einige dorthin entwichene treuloſe Bruͤder in Banden geſchmiedet wieder einzuliefern.) Um die Burgen in Preuſſen mit den tuͤch⸗ tigſten Ordensrittern beſſer beſetzen zu koͤnnen, erhielt der Komthur von Schoͤnſee bei ſeiner Sendung nach Deutſch⸗ land die Vollmacht, aus den dortigen Balleien Landkom⸗ thure, Komthure, Hauskomthure, Amtleute und gemeine Ordensbruͤder, welche ſich am ruͤhmlichſten bewieſen, aus⸗ zumwählen und nach Preußen zu ſenden.) Der Meiſter 1) Dieſe „Gewerbe an den Deutſchmeiſter und feine Gebietiger, d. Sonnt. nach Catharina (1412) Ngſtr. III. p. 24; dabei ein Empfeh⸗ lungsbrief für den Komthur v. Schoͤnſee Wilhelm von Eppingen, der geſandt wurde, an mehre Fuͤrſten p. 31. 2) Gewerbe an die Gebietiger in Deutſchland Rgſtr. III. p. 24. 3) Schr. des HM. an die Stadt Lubeck, d. Marienb. Mittw. nach Martini 1412 Rgſtr. III. p. 13. 4) Die von allen Großgebietigern ausgeſtellte Vollmacht, d. Ma⸗ rienb. Sonnt. nach Katharina 1412 Rgſtr. III. p. 313 fie enthält auch
Scanseite 198 · Druckseite 185
Vollführung des Ausſpruchs des Noͤm. Koͤniges. (1412.) 185 wollte, daß der Orden zur Minderung der allgemeinen Noth allen andern durch fein Beiſpiel der größten Auf- opferung vorleuchte; er erließ deshalb an alle Komthure die Aufforderung, alle ihre Ordensaͤmter zu beſchatzen und allen Konventsbruͤdern zu befehlen, alles Geld und Gel⸗ deswerth bis auf drei Mark auszuliefern, nur mit Ausnah⸗ me der noͤthigſten Beduͤrfniſſe der Amtleute. Die Ungehor⸗ ſamen wollte der Hochmeiſter ſelbſt mit allem Nachdruck be⸗ ftrafen. 9 Mittlerweile war als Geſandter des Rom. Koͤniges Be⸗ nedict von Macra, Licentiat beider Rechte, Herr von Chuch mit einem Notarius des Polniſchen Koͤniges ins Land ges kommen, zu dem Zwecke und mit der Vollmacht, das vom Könige ausgeſprochene Urtheil zu vollfuͤhren, Beweisgruͤnde für die noch hintergeſtellten und unentſchiedenen Punkte auf⸗ zunehmen, die ſtreitigen Graͤnzen des Landes zu beſichtigen und die obwaltenden Irrungen mit koͤniglicher Vollmacht auf freundlichem Wege beizulegen.) Vom Hochmeiſter ch- renvoll empfangen, erhielt er von ihm den Auftrag, mit mehren Gebietigern und Raͤthen des Meiſters, unter denen auch der Ordensmarſchall, die Graͤnzen zwiſchen dem Or⸗ densgebiet, Litthauen und Samaiten zu unterſuchen, damit er ſich ſelbſt überzeugen konne: die von Witowd errichtete Burg Welun ſtehe auf Grund und Boden des Ordens, ſey gegen Fug und Recht errichtet, woraus folge, daß der Großfuͤrſt ſie ſofort und ohne Widerrede wieder abbrechen die merkwürdige Befugniß: mit Rathe und wiſſen der Eldeſten Bruder derſelben Balyen nemeliche Huͤwzer und guͤtter der Balyen, ap das not DM fon, czu vorſeczen in ſulcher weiz, das unſer Orden mechtig fey, wedir die czu loſen, wen her das mag gereichen, Die daruͤber ausge⸗ fertigte Vollmacht des HM. Schbl. XXII. 12. 1) Schr. des HM. an die Komthure, d. Marienb. Mittw. nach Lucid 1412 Rgſtr. III. p. 50 — 51. 2) Schr. des Koͤniges Sigismund an den HM. über die Sendung Benedicts von Macra, d. Bude secundo die Octobr. 1312 Schbl. IV. 4 Lindenblatt S. 257 ſetzt nach urkundlichen Zeugniſſen unrichtig Be⸗ nedicts Ankunft erſt in den Anfang des J. 1413. Diugoss. P. 334.
Scanseite 199 · Druckseite 186
186 Vollfüͤhrung des Ausſpruchs des Roͤm. Königes. (1412.) muͤſſe. Zugleich ward Benedict auch erſucht, die Freilaſ⸗ ſung der Gefangenen zu bewirken, die jener immer noch im Lande feſthielt.) Allein die Unterhandlungen nahmen dort, wie wir bald ſehen werden, eine vom Hochmeiſter keineswegs erwartete Wendung. Unterdeß hatte der Meiſter eine Verhandlung mit dem Markgrafen von Brandenburg zu einer gegenſeitigen engern Verbindung angeknüpft, denn offenbar konnte es auch dies ſem nicht gleichguͤltig ſeyn, ob es dem Könige von Polen glücken werde, die Neumark vorerſt wenigſtens als Pfand in feine Hände zu bekommen. Sobald aber der Hochmei⸗ ſter ſich der Geneigtheit des Markgrafen verſichert und der Großkomthur Graf Friederich von Zollern die Verbindung beider Fürften eingeleitet hatte, 9 ſandte jener dem Könige von Polen die Erklaͤrung zu: nach kaiſerlichen Privilegien und Freiheiten, die den Ordensbevollmaͤchtigten zu Ofen unbekannt geweſen, dürfe die Neumark nie als Pfand aus⸗ geſetzt werden; bereits ſeyen alle Mittel aufgeboten, dem Könige die Zahlung zu leiſten; aber er möge aus Rüuͤckſicht auf des Landes ſchwere Bedraͤngniß die Friſt noch etwas verlängern, denn da er die Zahlung in Gold und Silber oder Boͤhm. Groſchen verlange, die man auswärts ſuchen muͤſſe, ſo werde in ſo unguͤnſtiger Jahreszeit der Umſatz des Preuſſiſchen Geldes ſchwerlich zu bewirken oder die Zah⸗ lung mit großem Schaden für den Orden verbunden ſeyn; wolle der Koͤnig jedoch die Zahlung in Preuſſiſchem Gelde 4) Vollmacht des HM. für feine Geſandten, d. Marienb. 26 No⸗ vemb. 1412 Schbl. 64. 17, Raſtr. III. p. 17; dabei auch ein Bericht über die Gründe, die fie dem Benedict von Macra an der Gränze vor⸗ legen ſollten, um ihm klar zu machen, wie es ſich mit den Samaiti⸗ schen Gränzen verhalte. 2) Schr. des HM. an den Markgrafen v. Brandenburg, d. Ma⸗ rienb. Sonnt. nach Katharina 1412 Rgſtr. III. p. 21. 3) Der HM. ſagt: Die Neumärker Hätten ihm geantwortet: „‚fie hetten privilegia und freiheit vom keyſer, ouch hette In der von Ungern vorſprochen, das man ſie vordan nicht vorſetzen ſulde, dovon des ho⸗ meiflers boten, do fie by euwern gnaden woren, nicht wuſten.
Scanseite 200 · Druckseite 187
Anordnung des Landesrathes. (1412.) 187 und zum Theil an Waaren nehmen, ſo erbiete ſich der Meiſter auch dem Großfürften die fünftaufend Schock Gro⸗ ſchen ſobald als möglich zu entrichten.) Mit einer aͤhn⸗ lichen Bitte wandte ſich der Hochmeiſter auch an den Koͤnig Sigismund wegen Entrichtung der 25,000 Schock Groſchen, zu der er ſich verpflichtet.) Dieſer gewährte fie ihm; 9 nicht ſo der von Polen, denn deſſen Ziel war jetzt, die Neumark wo moglich noch als Pfand in feine Hände zu bringen; er offenbarte dieß klar auf dem mit einigen Send⸗ boten des Ordens gehaltenen Verhandlungstage zu Przemiſl, indem er hier nicht nur eine foͤrmliche urkundliche Anerken⸗ nung uͤber die an ihn erfolgte Verpfändung der Neumark ſchon vorläufig ausfertigte, ſondern ſelbſt ſogar ſchon den Ritter ernannte, welcher Schlöffer und Städte daſelbſt in Empfang nehmen ſollte. Um ſo mehr trat jetzt der Hoch⸗ meiſter mit der beſtimmteſten Erklärung hervor, daß er die Mark nimmermehr zum Pfande ſtellen werde. 9 Erwaͤgt man aber im Ueberblicke der Verhaͤltniſſe, wie ſie ſich im Verlaufe dieſes Jahres geſtaltet, die großen Schwierigkeiten der Aufgabe, die der Hochmeiſter jetzt zu löfen hatte, fo wird man die wichtige Veränderung, die er gegen Ende dieſes Jahres in der innern Landesverwal⸗ tung traf, in jeder Beziehung ſehr zweckmaͤßig und den 4) Werbung an den König v. Polen am T. Andrei 1412 Rgſtr. II. p. 40 — 41. 2) Schr. des HM. an den König v. Ungern, d. Marienb. am T. Andrea 1412 Rgſtr. III. p. 36. Verſchreibung des HM. an den Ks nig über die Geldſumme vom näml. Dat. ebendaſ. p. 7. Er nennt fie „eine rechte und redliche ſchuld, dorumb her uns und unfern Orden kegen den Durchlucht. fürften hern Wladislav konig und der Crone czu Pelan durch unſers nutzes wille enthebt hat.“ Die Summe von 25,000 Schock bezahlte der HM. im Novemb. d. J. Urk. Schbl. 64. 16. 3) Urk. Sigismunds über die Zahlungsfriſt, d. Utini XVII Jan. 1413. Schbl. 64. 26. 4) Die Urk. des Königes bei Baczko B. III. S. 153. Schr. des HM. an den Erzbiſchof v. Gneſen u. a. d. Marienb. am Abend Tho⸗ mä 1412 Rgſtr. III. p. 55 — 57.
Scanseite 201 · Druckseite 188
188 Anordnung des Landesrathes. (1412.) Zeitumſtänden angemeſſen finden. Es war ihm und allen ſeinen Gebietigern jetzt unter Noth und Gefahr klarer als je geworden: der Orden koͤnne ohne ein innigeres Anſchlie⸗ ßen an die Staͤnde des Landes und das Land ohne die kraftige Stuͤtze des Ordens gegen den nie befriedigten, ewig unverſoͤhnlichen Feind forthin nicht lange mehr beſtehen, das Intereſſe beider muͤſſe ſich nothwendig noch inniger durch⸗ dringen und als eins und daſſelbe erfaßt und verfolgt wer⸗ den, wenn eine Rettung aus der ſchweren Bedraͤngniß moͤg⸗ lich werden ſolle. Dieß war es, was der Hochmeiſter er⸗ zielte, als er mit Rath und Einſtimmung ſeiner Gebieti⸗ ger, namentlich auch des anweſenden Meiſters von Livland, auf einem Berathungstage zu Elbing die Idee des Landes⸗ rathes ins Leben rief. Es war am achtundzwanzigſten Octo⸗ ber, v als dort beſtimmt ward, daß forthin zwanzig der Vornehmſten vom Adel, meiſt aus dem Ritterſtande, und ſiebenundzwanzig Bürger, je zwei aus jeder irgend bedeu⸗ tenden Stadt, zu denen der Orden vorzuͤgliches Vertrauen hege, in den Rath des Hochmeiſters und der Gebietiger zur Theilnahme an der Landesverwaltung und zur Mitwiſſen⸗ ſchaft aller wichtigen Landesangelegenheiten mit aufgenom⸗ men und zur Treue gegen den Hochmeiſter verpflichtet und vereidigt werden ſollten, theils um als beſtaͤndige Raͤ; the das Heil und Beſte des Ordens, theils um als Ver— treter der Rechte und Freiheiten ihrer Staͤnde des Landes Wohlfahrt und Gedeihen in allen Fällen zu fordern. Ob der Hochmeiſter damals auch uͤber die Wirkſamkeit und die eigentlichen Amtsverhaͤltniſſe, uͤber die Ausdehnung ihrer Macht und ihres Einfluſſes, uͤber die Graͤnzen ihres Ein⸗ greifens in die Verwaltungsangelegenheiten nähere Beſtim⸗ mungen erlaſſen habe und in welcher Form und Art ſich ihre Thaͤtigkeit als Verwaltungsorgane habe zeigen bürfen, 1) Bei Lindenblatt S. 256 in der Anmerk. iſt aus Verſehen das J. 1411 gedruckt; im Buche „Formulare,“ woraus jene Eidesfor⸗ mel entnommen iſt, ſteht Anno XII. (1412) und ſo ſtimmt dieſes Da⸗ um auch mit dem Chroniſten uͤberein.
Scanseite 202 · Druckseite 189
Anordnung des Landesrathes. (1412.) 189 darüber entgehen ung ſichere Nachrichten. Wir erfahren nur, daß er ihnen durch die Verordnung eine höhere Bedeutung im ganzen Lande gab, daß ſie uͤberall als des Ordens ge⸗ ſchworene Rathgeber in allen Ordensburgen beſonders ehren⸗ voll und freundlich aufgenommen und mit Auszeichnung be⸗ handelt werden ſollten.“ Wahrſcheinlich gehoͤren aber auch folgende Beſtimmungen ſchon dieſer Zeit an. „Der Hochmei⸗ ſter und ſeine Gebietiger wollen keine wichtigen und ernſten Sachen anheben, z. B. Buͤndniſſe oder neue Kriege ohne Wiſſen und Willen der geſchworenen Raͤthe. Erkennen ſie mit dem Meiſter und deſſen Gebietigern, daß es fromme, wenn der Rath verſtaͤrkt oder an das gemeine Land gebracht wuͤrde, ſo ſoll es nach ihrem Rathe geſchehen. Will der Hochmeiſter mit feinen Gebietigern und Rathen nothgezwun⸗ gen Steuern, Schoß oder Zinſe auf das Land legen, ſo ſoll es geſchehen mit Wiſſen und Willen der gemeinen Lande und Staͤdte. Niemand ſoll ohne Gericht zum Tode verur⸗ theilt werden. Wer zu klagen hat, daß ihm feine Privi⸗ legien verkürzt oder unrichtig ausgelegt wuͤrden oder vom Hochmeiſter, deſſen Gebietigern und Amtleuten, Rittern und Knechten, Buͤrgermeiſtern oder andern Beamten an ſeinem Eigenthum Eintrag erleidet, ſoll ſeine Klage in der gemeinen Verſammlung, bie jährlich einmal zu Elbing Statt findet, anbringen und die Sache ſoll dann vom Meiſter, den Gebietigern und Rathen nach Gott und Recht gerichtet werden. Auf dieſem Tage will auch der Hochmeiſter mit 1) Vgl. was ſchon oben B. VI. S. 567 u. 585 hierüber geſagt iſt. ueber die Zeit der Anordnung des Landesrathes ſind die Angaben verſchieden. Lindenblatt a. a. O. giebt die oben erwähnte Zeit ſehr beſtimmt an und mit ihm trifft auch das Datum der Verhandlung im Fol. Formulare genau zuſammen. Schütz p. 108 nimmt das J. 1413 an; im Grunde aber iſt alles, was er daruͤber ſagt, aus Simon Grus nau Tr. XV. C. VIII. S. 2 entnommen, der ſehr genau wiſſen will, daß der Landesrath im J. 1416 auf Circumciſion. Domini zu Brauns⸗ berg entſtanden ſey. Dieſe Chroniſten indeß, denen auch Henneber⸗ ger zugehört, Tonnen gegen die zuerſt erwähnten Angaben gar kein Gewicht haben. *
Scanseite 203 · Druckseite 190
190 Verhandlungen mit Benedict v. Macra. (1412— 1413.) den Rathen jeder Zeit getreulich ein gutes Regiment des Landes erwaͤgen und gemeine Gebrechen und Unredlichkeiten wandeln und zerſtoͤren. Durch dieſe Punkte wollen jedoch der Meiſter und ſeine Gebietiger ihre oberherrlichen Privi⸗ legien, alte Gewohnheiten, redliches Herkommen und ge- meinen Rechte nicht verkuͤrzt haben.!) So neigte ſich das Jahr, aber nicht ohne neue ſchwere Beſorgniſſe fuͤr den Hochmeiſter, zumal wenn er ſeinen Blick auf die Verhaͤltniſſe im Oſten richtete. Der Großfürft hatte es gleich Anfangs uͤbel aufgenommen, daß man ihn von Benedicts von Macra Botſchaft und Ankunft fo fpät untere richtet hatte, beſorgt, dieſer werde durch die Vorſtellungen und Beredungen der Ordensbevollmaͤchtigten ſchon befangen ſeyn; und allerdings hatte der Ordensmarſchall, einſt als Vogt von Samaiten mit den dortigen Landesverhaͤltniſſen aufs genauſte bekannt, nicht nur uͤber die Forderungen des Ordens und den Gang der Verhandlungen vom Meiſter gemeſſene Vorfehriften, 2 beſonders in Ruͤckſicht der Graͤn⸗ zen und der Burg Welun, ſondern auch die beſondere Wei⸗ ſung, Benedicten noch vor Witowds und der Polen An⸗ kunft uber die Graͤnzverhaͤltniſſe genau zu unterrichten. 9 Als es dann zur Verhandlung kam, verlangten die Bevoll⸗ mächtigten des Ordens zuerſt die Vollfuͤhrung des koͤniglichen Ausſpruches, Unterſuchung der Graͤnzen und das Abbrechen oder die Uebergabe der Burg Welun an den Orden. Allein man nahm bald wahr, daß dem Großfürften die Sache überhaupt höchft ungelegen kam; er wandte alle Mittel an, J Diefe Feſtſetzungen haben ſich in einer alten Abſchrift im geh. Archiv erhalten, zwar ohne Zeitangabe, nach dem Character der Schrift jedoch ſehr wahrſcheinlich in dieſes Jahr gehörig, denn es kommt der umſtand hinzu, daß einige dieſer Beſtimmungen mit dem eigentlichen und urfprünglichen Zwecke der Anordnung dieſes Landesrathes ſo genau zufammenpängen, daß kaum an ihrer gleichzeitigen Entſtehung zu zwei⸗ feln ſeyn möchte. 2) Die dem Ordensmarſchall ertheilte Vollmacht, d. Marienb. Freit. vor Nativit. Chriſti (1412) Schbl. XX. 171. 3) Nach einem Schr. des HM. an den Ordensmarſchall, o. D.
Scanseite 204 · Druckseite 191
Verhandlungen mit Benedict v. Macra. (141%) 191 den königlichen Botſchafter fo viel als möglich fur fein In⸗ tereſſe zu gewinnen und dieſer zeigte auch zugängliche Sei⸗ ten genug, bei denen er zu verlocken und über feine eigent- liche Beſtimmung zu verwirren war. Von ſeinem Zwecke mehr und mehr abgewandt miſchte er ſich in Streitfragen ein, uͤber die er keine Vollmacht hatte; ſtatt in den ihm aufgetragenen Angelegenheiten nur Unterſuchungen zu fuͤh⸗ ren, Beweiſe zu ſammeln und uͤberhaupt den richtigen Thatbeſtand aufzunehmen, wollte er das Richteramt uͤben und uͤber Streitfragen die Entſcheidung geben.) Als der Hochmeiſter ihn daruͤber zurecht weiſen ließ, gerieth er in Zorn und um ſo leichter fanden nun auch Witowds Ehren⸗ geſchenke und Polniſches Geld bei ihm Eingang; endlich empfing er von jenem ſogar den Ritterſchlag.“ Nun ſollte auf einem Tage zu Kauen alles entſchieden werden; allein Witowd fandte zuerſt einen verdaͤchtigen Geleitsbrief; 2 dann ſpielte Benedict immer noch die Rolle des Richters, ver⸗ langend, der Orden ſolle vor ihm ſein Recht durch Doku⸗ mente erweifen; 9 man ſtritt hin und her, was dem Bot⸗ ſchafter nach ſeiner Vollmacht obliege und was ihm nicht gebuͤhre, ) und dadurch ward erreicht, was Witowd eigent⸗ lich erſtrebt hatte: der Verhandlungstag zu Kauen kam nicht zu Stande. Selbſt der Hochmeiſter erklaͤrte ſich endlich da⸗ 1) Schr. des Kaplans des HM. Kaspar Schuwenpflug an den HM. d. am T. der Kindlein o. J. Er war unter den Bevollmächtigten. 2) Der HM. ſchrieb damals an den Meiſter von Livland (Schbl. XVI. 37): Wir vorſehen uns gentzlich, daz der Meiſter Benedictus dem Polan und Littauwen me gevallen ſie wen uns, wen alzo balde her quam czu Witolde czu Tracken, do ſluck her In vor dem tiſche czu Rit⸗ ter und begobete In mit vorgolten gorteln, ſpornen, ſchouben und an⸗ der kleynoth. Diugoss. p. 334. 3) Schr. des HM. an den Marſchall o. D. Der Geleitebrief, d. in castro nostro Troczen. ipso die nativit. dom. 1412 Schbl. XVII. 145. 4) Schr. des HM. an den Ord. Marſchall o. D. Der HM. nannte ihn freilich ſelbſt in der Vollmacht ſeiner Sendboten: arbitrer, arbitra- tor, iudex et amicabilis compositor- 5) Schr. des HM. an den Ord. Marſchall o. D.
Scanseite 205 · Druckseite 192
192 Verhandlungen mit Benedict v. Macra. (1412.) gegen, v ließ ſich aber durch Benedict auch nicht bewegen, in eine perſönliche Verhandlung mit dem Könige und Wie towd einzuwilligen. Alſo wirkte hier der Botſchafter nicht das Mindeſte für die Feſtſtellung des Friedens. Von eben ſo unerfreulichem Erfolge waren des Hoch⸗ meiſters übrige Bemuhungen zur Vollfuͤhrung des köoͤnigli⸗ chen Ausſpruches. Im Streite mit dem Biſchof von Leſlau fanden vielfache Verhandlungen Statt. Der Meiſter hatte ihm nicht nur alle ſeine Beſitzungen zuruͤckgegeben, ſondern erbot ſich auch laut des Ausſpruches zur Wiedererſtattung al⸗ ler ſeit zwei Jahren vom Orden gezogenen Einkuͤnfte; allein der Biſchof verlangte außerdem auch alles, was ihm nicht durch den Orden, ſondern uͤberhaupt irgendwie entfremdet worden war, ſelbſt den Ertrag von den verwuͤſteten und ſeitdem unbebaut liegenden Gruͤnden, ja ſogar zum Theil ſelbſt das, was er ſeit dem Thorner Frieden eine Zeit lang ſelbſt ſchon erhoben gehabt, und es zerſchlugen ſich ſomit auch dieſe Unterhandlungen ohne allen Erfolg.?) Auch mit dem Biſchof von Ermland konnte es zu keiner Suͤhne kom⸗ men. Nicht wuͤnſchend, daß Benedict von Macra ſich in ſeine Streitfache einmiſche, hatte er den Hochmeiſter um ein ſicheres Geleit erſucht, um in perſonlichen Verhandlungen zu Graudenz ſich mit ihm auszugleichen. Der Hochmeiſter zog ihm mit mehren ſeiner Gebietiger und Ritter dorthin entgegen. Allein unter allerlei Vorwaͤnden verwarf der Bi⸗ ſchof zwei Geleitsbriefe, die ihm jener entgegen ſandte.“ Dieß dem Roͤm. Koͤnige meldend, brach der Hochmeiſter alle 1) Schr. des HM. an Benedict v. Macra, d. Rieſenburg Mittw. vor Epiphania 1413 Rgſtr. II. p. 66 — 67. 2) Das hieruͤber aufgenommene Notariatsinſtrument, d. Marienb. die prima mensis Januar. 1413 Schbl. LIII. 23. Schr. des HM. an Benedict von Macra a. a. O. 3) Schr. des Biſchofs v. Ermland an den HM., d. Alt = Leſlau Donnerſt. nach S. Andrea 1412 Schbl. LXVI. 74. Der Biſchof ſchrieb dem HM. den Geleitsbrief ſelbſt vor. Schr. des Ordensprocurators o. D. (1412) Schbl. I. 44. 8
Scanseite 206 · Druckseite 193
Neue Umtr. Witowds u. d. Poln. Königes geg. d. Ord. (1413.) 193 Unterhandlungen wieder ab, indem er dieſem unter andern ſchrieb: obgleich es mir, als Gott mein Zeuge iſt, allzumal ſchwer wird, daß ich die Natter im Bußen und das Feuer im Gehren huͤten und hegen ſoll, ſo ſoll Euere Großmaͤch⸗ tigkeit doch nicht anders finden, denn daß ich Euerem koͤnig⸗ lichen Ausſpruche nach allen meinen Kraͤften nachfolgen und ihm gehorſam ſeyn will.) Wie in dieſen Verhandlungen mit den Biſchoͤfen, ſo war es auch in den uͤbrigen Streithaͤndeln fort und fort des Meiſters eifrigſtes Beſtreben, dem Ausſpruche des Rom. Koͤniges in jeder Weiſe genug zu thun. So oft daher auch immer noch die Grängen feines Gebietes verletzt, feine Graͤnz⸗ lande überſchritten und geplündert, feine Unterthanen von Thorn, Strasburg, Schönfee, Golub und andern Orten ihres Eigenthums beraubt oder ſelbſt auch Mißhandlungen und Ungerechtigkeiten der nahen Polniſchen Hauptleute aus⸗ geſetzt waren, > fo blieb es dennoch feine wichtigſte Aufga⸗ be, des Koͤniges Forderungen zu erfüllen. Er becilte ſich jetzt, die Schuldſumme, fuͤr den Koͤnig noch 39,400 Schock Böhm. Groſchen und fir den Großfuͤrſten 5000 Schock, am beſtimmten Tage leiſten zu laſſen. Schon in den erſten Ta- gen dieſes Jahres trafen ſeine Abgeordneten mit denen des Koͤniges zu Thorn, wo die Zahlung erfolgen follte, zuſam⸗ men. ) Allein es erhoben ſich ſogleich über den Silber⸗ und Geldwerth vielfache Streitigkeiten. Preuſſiſches Geld zu nehmen, wurde durchaus verweigert; man wollte eben 1) Schr. des HM. an den Röm. König, d. Graudenz am T. Con⸗ ception. Maria 1412 Noftr. III. p. 45. Schr. des HM. an Benedict von Macra, d. Rieſenburg Mittw. vor Epiphania 1413 Reſtr. III. p. 66. 2 ucber dieſe Streithändel mehre Schr. des HM. an den Haupt⸗ mann von Kujavien, an den Reichsmarſchall von Polen u. a. im Rgſtr. I. p. 19. 20. IM. p. 67. Meiſt wurde den Ordensunterthanen im Dobrinerland ihr Fuhrwerk, Vieh, Pferde, Handelstwaaren und dergl. weggenommen. 3) Von Seiten des HM. erſchienen dort der Erzbiſchof Johannes von Riga, der Ordensſpittler Hermann Gans, der Komthur von Thorn Eberhard v. Wallenfels u. a. VII. 8 13
Scanseite 207 · Druckseite 194
194 Neue Umtr. Witowds u. d. Poln. Königes geg. d. Ord. (1413.) ſo wenig Gold, Silber und Groſchen nach dem Geldwerthe gelten laſſen, wie es auf den Markten zu Prag, Breslau und Krakau ein Kaufmann vom andern nahm. Auch ande⸗ re Anerbietungen, z. B. Geißelſtellung, Entſcheidung durch ein Kaufmannsgericht wurden ohne weiteres verworfen.“ Die Polniſchen Abgeordneten beharrten bei ihrer Forderung der ganzen Summe in Boͤhmiſchen Groſchen. Weil indeß der Hochmeiſter dieſe im Lande nicht hatte aufbringen koͤn⸗ nen und das Silber an Guͤrteln, Ketten, Gefaͤßen u. dgl. von den Unterthanen theuerer aufgekauft war, als es die Polniſchen Abgeordneten jetzt annehmen wollten, fo beſchwer⸗ ten ſich die Sendboten des Hochmeiſters bitter uͤber die gro⸗ ßen Verluſte, die der Orden erleiden muͤſſe.) „Der Or- den, erwiederten jene, mag fein Gold und Silber immer: vin behalten und es auslöfen, wie er will; er darf ja nur, wie verſchrieben iſt, fuͤr die Schuld die Neumark zum Pfan⸗ de ſetzen,“ denn auch die Abgeordneten wußten, daß dieſes ihres Koͤniges Wunſch ſey. Bis in die dritte Woche dauer⸗ ten die Verhandlungen und dennoch blieb den Sendboten des Hochmeiſters endlich nichts weiter uͤbrig, als den Polen das Silber zu geben, wie ſie es nach Polniſcher Waͤhrung beſtimmten, nicht ohne großen Verluſt des Ordens. Der Schuldbrief des Hochmeiſters wurde hierauf zuruͤckgegeben.“ Die Schuld an Witowd aber konnte nicht geleiſtet werden, weil die Polniſchen Abgeordneten den Schuldbrief nicht aus⸗ haͤndigen konnten; fie erfolgte erſt nach einigen Monaten.“ Auch an den Rom. König ließ bald darauf der Hochmeiſter 1) Schr. des HM. an den Ordensmarſchall, Entwurf o. D. Schbl. XXI. 115. 0 2) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter, d. Moſſek Sonnt. vor Converſ. Pauli 1413 Rgſtr. III. p. 72. Schr. des HM. an den Pros curator, d. Birgelau 1413 Schbl. XX. 78. 3) Die Quittung der Poln. Abgeordneten über die Zahlung, d. Tharnn ipso die Prisce 1413 Schbl. 64. 28. 4) Notariatsinſtrument, d. Thorun die XVIII mensis Januar. 1413 Schol. 64. 27; vgl. auch urk. Schbl. 64. 29.
Scanseite 208 · Druckseite 195
Neue Umtr. Witowds u. d. Poln. Königes geg. d. Ord. (1412.) 195 einen Theil der Schuld abtragen; v fir die Zahlung des Reſtes ſprach er abermals die Beihuͤlfe des Deutſchmeiſters an, weil ſeine eigenen Mittel jetzt bis aufs letzte erſchoͤpft waren. ? Allein obgleich nun der Hochmeiſter in allem, was der Ausſpruch von ihm forderte, vollkommen Gnuͤge geleiſtet, fo konnte er noch nichts weniger als feſte Hoffnung zur Fort⸗ dauer des Friedens faſſen. Er hatte die feindlichen Plane ſeiner Gegner laͤngſt durchſchaut. Bald kamen auch aus Litthauen wiederum die traurigſten Berichte, die nur auf Krieg und Unheil hindeuteten. Witowds Anmaßungen uͤber des Ordens alte Graͤnzgebiete gingen immer weiter. Ob⸗ gleich der Hochmeiſter beweiſen wollte, die Burg Welun ſey keineswegs auf dem Boden Samaitens, ſondern gegen ſechs Meilen innerhalb der Ordensgranzen erbaut, fo hatte jener doch keck erklart: er werde das Haus nimmer raͤumen, es muͤßten wenigſtens erſt viele Koͤpfe um ſeine Mauern um⸗ herliegen; es ſey ſein vaͤterliches Erbe, und nicht bloß die⸗ ſes, ſondern ganz Preuſſen habe einſtmals ſeinen Voraͤltern gehoͤrt und er wolle es noch anſprechen bis an die Oſſa, weil auch dieſes feiner Väter Erbe ſey; er kehre ſich an nie: mand mehr, denn keiner werde ihn bezwingen. d Und die⸗ ſem frechen Worte entſprach bei ihm die That. Bereits hetzte er auf alle Weiſe die Naugarder und Pleſkower auf, dem Orden in Livland Fehde anzukuͤndigen und deſſen Waf⸗ fen zu beſchaͤftigen.) Auch der nun endlich eingereichte Ver⸗ 1) Quittung des Königes v. Polen, d. Thorun ipso die Agathe 1413 Schbl. 63. 25 vgl. mit urk. Schbl. 24. 9. 2) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter, d. Moſſek Sonnt. vor Conversion. Pauli 1413 Rgſtr. III. p. 72. 3) Schr. des HM. an den Meiſter von Livland o. D. Schbl. XVI. 37; es enthält eine intereſſante Unterredung zwiſchen dem Groß⸗ fürften und dem Ordensmarſchall, worin erſterer unter andern die obie gen Aeußerungen that. 4) Schr. des HM. an den Röm. König, d. Marienb. am T. Va⸗ lentini 1413 Nofte. II. p. 79 und ein Schr. deſſelben an den König v. Böhmen o. D. ebendaſ. p. 82. 13*
Scanseite 209 · Druckseite 196
196 Neue Umtr. Witowds u. d. Poln. Koͤniges geg. d. Ord. (1443.) ſchreibungsbrief uͤber den Ruͤckfall Samaitens gab von neuem Beweis, daß auch hiebei beide Fuͤrſten nur mit Trug und Argliſt zu Werke gingen, denn der Hochmeiſter fand ihn mit allen ſeinen Gebietigern und Rechtsgelehrten ſo unvoll⸗ ſtaͤndig und ungenuͤgend, ſelbſt in ſeiner ganzen Faſſung ſo unſicher und zweideutig, daß er ihn nicht annehmen konnte; es war klar, daß man damit durch ſchlaue Liſt den Orden nur hatte umſtricken wollen, da ſelbſt die aͤußere Beſiege— lung nicht einmal genuͤgende Guͤltigkeit hatte.) Ja die Argliſt beider Fuͤrſten begnügte ſich auch damit noch nicht; denn bereits hatte nicht nur der Erzbiſchof von Gneſen eine Vollmacht in den Haͤnden, kraft welcher er gegen den Ver⸗ ſchreibungsbrief foͤrmlich proteſtiren konnte,? ſondern auch Witowds Gemahlin und Tochter und die Freiherren aus Po⸗ len im Namen der Tochter des Koͤniges Hedwig legten eine foͤrmliche Gegenerklaͤrung gegen die Abtretung Samaitens nach ihrer Vaͤter Tod ein und proteſtirten gegen den zu ih⸗ rem Nachtheil abgefaßten Verſchreibungsbrief. Der Verfaſ⸗ fer aller dieſer Erklaͤrungen war niemand anders, als Be⸗ nedict von Macra. 9 4) Das merkwürdige Document Über dieſe Verhandlung iſt ein No⸗ tariatsinſtrument, d. Marienb. XIV. mensis Februar. 1413 Schbl. LXIV. 223 es enthält den Verſchreibungsbrief über Samaiten, dat. in castro nostro Cawno ipso die conversion. Pauli XXV dio mensis Ja- nuar. 1413. Eine ſehr verfaͤngliche Stelle in dieſem war unter andern folgende: Post mortem vero amborum nostrorum et id presentibus ro- boramus, idem Ordo se intromittere polerit de terra Samaylharum predieta cum omnibus iuribus et proprietatibus suis sccundum tenorem litterarum eidem Ordini per nos, si que sunt, prius datarum, salvo iure alicno quocunque, cui per presentem vel alias quascunque non potuimus nec volunnus, non possumus nce volumus derogare nee in- tendimus derogari. 2) Dogiel T. IV. p. 92. 3) Dogiel T. IV. p. 93. Saͤmmtliche Verhandlungen des HM, und der Ordensgebietiger mit Benedict von Macra mit allen dahin ge⸗ hoͤrigen Urkunden, Protokollen und Beſchluͤſſen befinden ſich im Fol. des geh. Archivs: Prussie composiiio, worin der ganze Unterſuchungsgang
Scanseite 210 · Druckseite 197
Bemühungen des HM. um Beihüͤlfe gegen Polen. (1412.) 197 Somit entſchwand jetzt dem Hochmeiſter auch der letzte Funke des Vertrauens zu dem koͤniglichen Bevollmaͤchtigten. Daher beauftragte er zuerſt den Ordensmarſchall, gegen Be⸗ nedicts Verhandlungen uͤber die Graͤnzen eine Proteſtation einzulegen; darauf ließ er durch einen Botſchafter dem Roͤm. Könige die Gründe mittheilen, warum er alles, was jener gethan, mit Zuſtimmung feiner Gebietiger, der Ritter und Städte feines Landes als ungültig habe verwerfen muͤſſen, um ſein Land nicht unuͤberwindlichem Verderben Preis zu geben. D In einer ähnlichen Erklarung der Landesritter und der Staͤdte Preuſſens ſchilderten dieſe den Deutſchen Fuͤrſten Benedicts Beſtechlichkeit, feine Parteilichkeit zu Witowds Gunſten, ſeine abſichtliche Saumſeligkeit beſonders in genauer Unterſuchung der Gränzen, ſeinen unverkennbaren Plan, dem Großfürften das Haus Welun zu erhalten und die ſchnoͤden und unziemlichen Acußerungen, die er ſich uͤber den Orden erlaubt. Auch dem Könige von Polen theilte der Hoch⸗ meiſter ſeine Proteſtation gegen Benedict mit, jedoch mit der Verſicherung, daß ſie ihm keineswegs zu Verdruß und Unwillen geſchehen und er ſelbſt ſehr geneigt ſey, in einer perſoͤnlichen Verhandlung mit dem Könige wo moglich allen Zwiſt in Güte zu beſeitigen.) Indeß ſah der Hochmeiſter immer mehr, daß ein Krieg mit dem Könige unvermeidlich ſeyn werde. Er ließ im Lande alles auf dieſen Sturm vorbereiten. Das kraͤftige Volk Samlands gewann er zu neuen Opfern durch Verleihung des fo wichtigen ſ. g. Samlaͤndiſchen Privilegiums uͤber freie aufs genauſte auseinander geſetzt iſt. Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland o. D. Schbl. XVI. 37. 2 1) Schr. des HM. an den Röm. König, d. Neidenburg Sonnab. vor Reminiſcere 1413 Rgſtr. III. p. 84. 2) Das Schr. d. Marienb. Sonnt. Oculi 1413 Nggſtr. III. p. 89 — 91. Unter andern hatte Benedict geäußert: Konige und herczoge ſolden dieſer hern lande haben, dieſe hern hetten genug am ſtuͤcke brotes. 3) Schr. des HM. an den König v. Polen, d. Neidenburg Mittw. vor Reminiſcere 1413 Rgſtr. III. p. 87.
Scanseite 211 · Druckseite 198
198 Bemühungen des HM. um Beihülfe gegen Polen. (1413.) Fiſcherei im Kuriſchen Haff und freie Holzgerechtigkeit in den Ordenswaldungen unter gewiſſen Beſchraͤnkungen; V überall wurden Städte und Burgen von neuem ſtärker befeſtigt, die Graͤnzen beſſer verwahrt und gut bewacht, die Graͤnzburgen zahlreicher mit Söldnern und Schuͤtzen beſetzt.) An die befreundeten Koͤnige und Fuͤrſten des Auslandes gingen Bot⸗ ſchafter aus, um ſich ihres Beiſtandes zu verſichern. Der Vogt von Brathean Albrecht von der Dube und Graf Alb⸗ recht von Schwarzburg fanden mit des Hochmeiſters Ge⸗ ſchenk, einem ſeltenen Thiere und einem ſchoͤnen Trinkge⸗ faͤße von rechtem Einhorn,) beim Könige von Böhmen nicht nur freundliche Aufnahme und geneigtes Gehoͤr in ihren Klagen gegen Witowd und den Koͤnig, ſondern auch die feſte Zuſicherung ſeiner Huͤlfe und ſeiner Erkenntlichkeit ge⸗ gen den Orden.“) Auch die Herzoge von Oeſterreich und Baiern ſprach der Meiſter um Beiſtand an, „damit der Orden bei ſeinen Rechten bleibe, die ihm von ihren Vor⸗ fahren verliehen ſeyen.“ ) Durch eine beſondere Botſchaft des Hochmeiſters beim Burggrafen von Nuͤrnberg, damals Verweſer der Altmark, ward die Unterhandlung wegen der Verbindung der Altmark mit der Neumark fortgeſetzt, jedoch wegen des drohenden Krieges mit Polen noch nicht zum Abſchluſſe gebracht; indeß ſuchte ſich der Meiſter im Falle eines Krieges der Bundesgenoſſenſchaft des Burggrafen zu 1) Dieſes bis auf den heutigen Tag noch ſehr wichtige Privilegium, d. Marienb. Dienſt. nach Cantate 1413 im Original im Archiv des Kneiphöf. Rathhauſes zu Königsberg, in Abſchriften im geh. Archiv, ge⸗ druckt in den Privilegien der Staͤnde Preuſſ. p. 5. 2) Lin denblatt S. 262. Schr. des Vogts v. Brathean, d. Prag Mittw. nach Palmar. 1413 Schbl. XXI. 13, 3) Schr. des HM. an den König v. Böhmen, d. Marienb. Don⸗ nerſt. nach Lätare 1413 Rgſtr. III. p. 99. 4) Schr. des Vogts v. Brathean a. a. O. 5) Die verſchiedenen Schreiben und Gewerbe der Geſandten an die erwähnten Fuͤrſten, namentlich die Herzoge Heinrich, Ludwig und Ernſt von Baiern im Rgſtr. III. p. 100 — 101.
Scanseite 212 · Druckseite 199
Bemühungen des HM. um Beihuͤlfe gegen Polen. (14113.) 199 verſichern.) Den Röm. König endlich glaubte er dadurch für ſich zu gewinnen, daß er abermals einen Theil der Schuldſumme an ihn entrichten ließ.? Fromm aber, wie der Meiſter immer war, vertraute er in feiner Noth und Bebrängniß nie allein auf die irdi⸗ ſche Hülfe von Königen und Fuͤrſten; er rief den höheren Beiſtand des Himmels durch Gebet und fromme Werke um ſeine und des Landes Rettung an. Auf dem Kampfplatze von Tannenberg, wo man durch die Gnade der Jungfrau Maria an Kranken und Gebrechlichen manche Wunderwir⸗ kungen hatte wahrnehmen wollen, war vom Meiſter eine ſchöne Kapelle erbaut worden; jetzt wurde ſie eingeweihl, mit den Einkünften mehrer Dörfer und Güter verſorgt und mit einem Prieſter nebſt mehren Vicaren verſehen, die Got tesdienſt und täglich für das Seelenheil der fuͤr den Orden und das Land hier gefallenen Kämpfer Gebet und Meſſe halten mußten. Alle Gebietiger hatten zur Ausſtattung des Gotteshauses beigeſteuert und der Papſt Johann der dreiund— zwanzigſte ertheilte allen denen, welche daſſelbe an beſtimm⸗ ten Feſten mit ſpendenden Haͤnden beſuchen wuͤrden, einen reichen Ablaß von hundert Tagen.“) Dem Kloſter der Pre⸗ digermoͤnche zu Dirſchau verlieh der Meiſter eine Summe von hundert Mark, mit der Verpflichtung, für das Seelen. beil des Meiſters Ulrich von Jungingen und aller im Streite mit ihm Gefallenen, ſowie auch derer, die inskuͤnftige noch im Kampfe für den Chriſtenglauben fallen würden und end⸗ lich auch des um den Orden und des Landes Rettung ſo 1) Schr. des HM. an den Burggrafen v. Nürnberg, d. Marienb. Dienſt. nach Judica 1413 Rgſtr. III. p. 302 — 103. 2) Quittung, d. Breslau Sonnab. vor Judica 1413 Schbl. XXI. 4; die Summe betrug 3250 Schock Böhm. Groſchen. 3) Lin denblatt S. 257 — 261; die Originalbulle des Papſtes, d. Rome apud s. Petrum II. Non. Octobr. p- a. tercio Schbl. I. 4. gedruckt bei Lindenblatt a. a. O. Schr. des Ordensprocurators, d. Nom am heil. Chriſtabend 1412 Schbl. I. 113. ueber die Ausſtattung der Kapelle im Treßler⸗ Buche.
Scanseite 213 · Druckseite 200
200 Bemühungen des HM. um Beihuͤlfe gegen Polen. (1413.) hochverdienten edlen Grafen Heinrich von Plauen täglich eine Meſſe zu leſen, jedes Jahr am Tage der Schlacht bei Tannenberg das Gedaͤchtniß des geſtorbenen Meiſters und der andern mit ihm gebliebenen Krieger mit Glodengeläute und feierlichem Gottesdienſte zu begehen u. ſ. w.) und als nun bald die Zeit noch bedraͤngter und die Gefahren noch drohender wurden, verordnete der fromme Meiſter mit Beirath der Praͤlaten, daß das Volk allzumal drei Freitage nach einander mit Kreuzen und Lichtern die Meſſe beſuchen und dann von einer Kirche zur andern ziehend gewiſſe auf die unheildrohende Zeit bezuͤgliche Geſaͤnge fingen ſolle mit Gebeten um den Beiſtand der Jungfrau Maria und aller Heiligen, „auf daß Gott der Herr gnaͤdig waͤre dem Volke und das Land in Frieden und Gnaden behielte.“ 2 Mit jedem Tage ward jetzt die Ausſicht auf die Zukunft betruͤbender, denn wenn der Koͤnig von Polen ſeinen Haupt⸗ mann Birkenhaupt, der an der Graͤnze beſtaͤndig neue Zwie⸗ tracht ſtiftete und um deſſen Verſetzung der Meiſter wieder⸗ holt gebeten, gerade jetzt in feinem Amte von neuem beflä- tigte, wenn er fort und fort den Hochmeiſter nicht nur um Zulaſſung des Biſchofs von Leſlau in den Beſitz aller ſeiner Kirchenguͤter und Wiedereinſetzung des Ermlaͤndiſchen Biſchofs in ſein Biſthum, ſondern ſelbſt um die Erlaubniß zur Ruͤckkehr mehrer in die Verſchwoͤrung gegen den Mei⸗ ſter verwickelt geweſener Eidechſen-Ritter in ihre Beſitzungen mit allem Nachdruck mahnte, ſo konnte man hiebei beim Könige nur argliſtige Plane erwarten.) Mochte er daher 1) Ur, der Predigermönde zu Dirſchau, d. Dirſchau am T. Am⸗ brofii 1413 Schbl. LIV. 16. 2) S. das Weitere darüber bei Lin denblatt S. 262. 3) Schr. des HM. an den Koͤnig v. Polen, d. Marienb. Mont, nach Palmar. 1413 Rgſtr. III. p. 105. Der HM. ſagt: So vorneme wir, das In (den Hauptmann) euwer gnade nu irſten rechte habe be⸗ ſteteget, der ymer allir czweytracht und unfredes an dem orte ift eyn anheber und thut unſern luͤthen vordris, wo her kan und mag. 4) Schr. des Koniges an d. HM. d. in Conyn feria II. post Qua- simodogen. 1413; die Antwort des HM. Rgſtr. III. p. III.
Scanseite 214 · Druckseite 201
Bemühungen des HM. um Beihülfe gegen Polen. (1243.) 201 immerhin den Buͤrgern von Thorn und Elbing mit Klagen über des Ordens feindſelige Abſichten in gleißneriſchen Wor⸗ ten feine Friedensliebe betheuern D und einen ihm angebo⸗ tenen Verhandlungstag mit der heuchleriſchen Erklärung an⸗ nehmen: man werde mit einer freundlichen Ausgleichung alles Streites gewiß auch dem Nom. Könige einen großen Gefallen thun; der Hochmeifter wußte recht gut, wie er ſolche Worte ſeines Gegners zu verſtehen hatte, zumal da Witowd bereits ſeine Kriegsmacht immer mehr zuſammen⸗ zog, bedeutend verſtaͤrkte und faſt taglich aus Litthauen War⸗ nung kam, daß man von dort aus den Orden zuerſt angrei⸗ fen werde. Er ſetzte daher ſeine Ruͤſtungen zur Gegenwehr unabläffig fort, ſandte ins Ausland, nach Boͤhmen, Maͤhren und Deutſchland wegen Söldner aus, erbot ſich von neuem, den ausgezeichnetſten Kriegern, die ihm zu Huͤlfe eilen wuͤr⸗ den, den Ehrentiſch zu decken, wandte ſich abermals zu ſol⸗ chem Zwecke auch an den Koͤnig von Frankreich, an den Herzog von Burgund, an die geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten Deutſchlands u. a.; allen ſchilderte er mit ſchwe⸗ 1) Schr. des Königes an die Bürger v. Thorn, d. in Gnezna fe- ria IV inlra octavas festi Penthecost. 1413 Rgſtr. IV. p. 23; ein gleiche lautendes Schr. an die von Elving im Original im geh. Archiv. Es heißt z. B. Testis est nobis altissimus, quod libenter et cum pleno mentis desiderio a gwerris vellemus subportari et pacem quam semper prosequimur, tota devocione comitari. 2) Schr. des HM. an den Konig v. Polen, d. Marienb. nach Himmelf. 1413 Ngſtr. III. p. 120. Vollmacht für den an den König geſandten Komthur v. Thorn, d. Sonnt. vor Himmelf. 1413 ebendaſ. p. 119. Schr. des Koͤniges an den HM. d. Gneſen Pfingſt. 1413 Schbl. XXI. 8. 3) Die Werbungsbedingungen Rofte, III. p. 133: jedem Schuͤtzen mit Noß, Harniſch und Armbruſt als jährl. Sold 5 Mark, fuͤr einen Hauptmann mit 4 bis 6 Pferden und 3 Wäppnern jährl. Sold 25 Mark. Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. Marienb. Dienſt. zu Pfingſt. 1413 Rgſtr. III. p. 126. Schr. deſſelben an alle geiſtliche und weltliche Fuͤrſten o. D. ebend. p. 132. Schr. an den König v. Frank⸗ reich und den Herzog v. Burgund, d. Marienb. XXV die mensis April. 1413 ebend. p. 106. Es heißt hier: Ad nos venientibus paruti
Scanseite 215 · Druckseite 202
202 Verhaͤltn. d. HM. zum Roͤm. Koͤn. u. d. Deutſchm. (1443. ) ren Klagen und mit den kraͤftigſten Worten ſeinen Unmuth und den großen Kummer feiner Seele über des Ordens fehnöbe Behandlung durch den Polniſchen Koͤnig. Zwar kam ihm, als man dieſe Kriegsruͤſtungen wahrnahm, manches abmah⸗ nende Wort entgegen; fo rieth ihm die wohlwollende Fuͤr⸗ ſtin Alexandra, Gemahlin des Herzogs Semovit von Ma⸗ ſovien, aufs entſchiedenſte vom Kriege ab, ihn an das Bei⸗ ſpiel und Ungluͤck ſeines Vorgängers erinnernd, den fie gleich⸗ falls zuvor gewarnt.) Allein der Meiſter, ſo dankbar er das wohlmeinende Wort aufnahm, erwiedert ihr: „der Frie⸗ de zu Thorn, dem wir unſeres Theils in aller Weiſe genug gethan, wird uns in keinem Punkte mehr gehalten; trotz des Ausſpruches des Roͤm. Koͤniges hat man auf unſerem Gebiete eine Burg gebaut; unſere Unterthanen, ſobald ſie unſere Graͤnze uͤberſchreiten, werden beraubt und ermordet; wir koͤnnen es forthin nicht mehr ertragen; wir muͤſſen es Gott uͤbergeben, auf deſſen Gnade wir ganz vertrauen, daß er durch ſeine goͤttliche Milde ſich aufs letzte unſerer erbar⸗ me. Gott weiß es, daß wir Eintracht und Friede, ſo viel an uns iſt, jeder Zeit geliebt haben und nichts anderes be⸗ gehren, denn daß wir bei dem Unfrigen bleiben möchten. 9 Und gerade waͤhrend dieſer Bedraͤngniß im Innern des Landes traten von außenher wieder neue Mißhelligkeiten ins Spiel. Die Koͤnigin von Ungern mahnte jetzt mit Nach⸗ druck an Entrichtung der noch uͤbrigen ihr vom Ordensmar⸗ ſchall einſt verſprochenen Summe von funfzehntauſend Gul⸗ den. Der Hochmeiſter erklärte: das Verſprechen dieſer Sum: erimus iuxta nostrum posse onınem voluntatem benivolanı exhibere. Tabulam eciam honoris papali ac Inıperiali auetoritatibus nobis assi- gnatam et in singulare privilegium prerogativum nobis concessun lo- care intendimus, woraus hervorgeht, daß die Ehrentafel zu halten ein beſonderes Vorrecht war. 1) Schr. der Herzogin Alexandra von Maſovien, d. in Ploczko die Martis XXIV niensis Maii (1413) Schbl. XIX 7. 2) Schr. des HM. an die Herzogin Alexandra v. Maſovien, dat. Marienb. Freit. vor Himmelf. 1413 Ngſtr. III. p. 118 — 119.
Scanseite 216 · Druckseite 203
Verhaͤltn. d. HM. zum Nöm. Koͤn. u. d. Deutſchm. (1413.) 203 me ſey zwar ohne ſein Wiſſen geſchehen und er wiſſe nicht, warum es gegeben ſey; doch wolle er die Summe entrich⸗ ten, ſofern die Königin Geduld habe, bis der Orden nicht mehr in ſolchem Gedrange fey. " Mit noch ſchaͤrferem Ernſte mahnte zürnend König Sigismund, den der Hochmeiſter fuͤr den Rückſtand von noch dreizehntauſend Schock Groſchen an den Deutſchmeiſter gewieſen hatte, der ihn jedoch nicht zah⸗ len wollte. „Wir hätten dir und dem Orden nicht zuge⸗ traut, ſchrieb ihm der König, daß wir alſo nach vergangenen Sachen, nach unſerer Arbeit, großen Koſten und auch Be⸗ zahlung, die wir uns von unſerem eigenen Gelde zu thun verpflichtet haben, verſaͤumt und herumgefuͤhrt werden ſollten, denn als wir jüngft die genannte Bezahlung zu Frankfurt unbezweifelt bereit zu finden glaubten und unſere Sachen zu unſerer Krönung damit beſtellt haben wollten, da fanden wir nichts anders als eine Abſagung, was uns ſehr befrem⸗ det und unbillig iſt. Iſt das die Wiedervergeltung der Wohl⸗ thaten, die wir dir und deinem Orden gethan haben mit dem, daß wir unſere beſten Lande und Leute in unſerem Koͤnigreiche zu Ungern fir dich und deinen Orden dem Koͤ⸗ nige von Polen verſetzt haben? Was wir an Zehrung um eurentwillen gethan haben, das iſt alles nicht verborgen, und nun ſollen wir alſo um das Unſere herum geführt wer⸗ den? Das duͤnket uns gar unbillig. Darum begehren wir von dir mit ganzem Ernſte, daß du daran denken wolleſt, daß uns die genannte andere Zahlung und auch die Zehrung, die unſere Boten darauf mit Nachreiſen taͤglich thun, ganz und unverzuͤglich ausgerichtet werden, denn geſchehe das nicht, ſo merkten wir und ein jeglicher, daß uns von dir und dei⸗ nem Orden gar unguͤtlich geſchehe.“ ? 4) Schr. des HM. an die Königin v. Ungern, d. Marienb. Mittw. nach Cantate 1413 Rgſtr. III. p. 117. 2) Es find eigentlich zwei Schreiben des Königes Sigismund an den HM., d. Friaul am 17. Mai u. Felters am Dreifaltigkeitstage 1413 Schbl. IV. 6. Außerdem ein Schr. des Erzbiſchofs Johannes von Strigon an d. HM. d. Sirigonii feria II post dominic. Ramispaln.
Scanseite 217 · Druckseite 204
204 Verhaͤltn. d. HM. zum Roͤm. Koͤn. u. d. Deutſchm. (1413 .) Das zornige Wort des Koͤniges ging dem Meiſter tief zu Herzen. Er ſchrieb alsbald dem Deutſchmeiſter: v „Es iſt offenbar, wie die Livlander ihr hoͤchſtes Vermoͤgen ganz getreulich bei uns gethan, wie wir unſeres Landes Prälaten, Ritter, Knechte, Buͤrger und alle Einwohner, ſelbſt Dienſt⸗ boten nicht ausgenommen, mit ſchwerem, großem Schoß belaſtet, wie wir uns ſelbſt in eigener Perſon mit allen unſern Ordensbruͤdern beſchatzt und alles aus unſern Or⸗ denskapellen genommen, wie wir uns mit dieſem duͤrftigen Lande jaͤmmerlich gewuͤrgt und abgearbeitet haben, um die Bezahlung der großen Summen bis auf die dreizehntauſend Schock aufzubringen. Aber dieſer Gedrang und Jammer iſt euch und den euern nicht ſo, wie wir hofften, zu Her⸗ zen gegangen. Hierum bitten und befehlen wir euch aufs allerhöchſte und fo ernſtlich wir konnen, daß ihr unſerer aller Kummer hie zu Lande beſſer betrachtet und ſeyd mit allen den euern befliſſen, daß ihr ohne einigerlei Ausrede die deeischntaufend Schock ausrichtet und unſerem Herrn dem Roͤm. Könige bezahlet. Es iſt offenbar, daß euch zu allen Deutſchen Landen fo viel Wohlthat und Güte von hinnen widerfahren iſt, daß ihr von Rechts wegen und nach aller Möglichkeit billig eine Wiedervergeltung dieſen betruͤbten Landen thut in deren Jammer und Noth. Obgleich wir in ſolchem Jammer durch Schickung des allmaͤchtigen Gottes unſerem Orden zu einem Haupte erwaͤhlt und geſetzt ſind, ſo beduͤnket euch doch, daß wir noch nicht genug Ungemach daran haben, ſondern leidiget uns noch mit einem großen, deſſen wir euch in keiner Weiſe zugetraut haͤtten, weil uns gar ungewoͤhnlich duͤnket und unmöglich, daß ihr uns und 1413) Schbl. XXX. 22; als Aule Regis Romanorum Cancellarius fordert er den HM. dringend auf, dem Könige die Zahlung zu leiſten. 1) Der Deutſchmeiſter hatte naͤmlich in einem Schr. d. Horneck am ten Tage vor Eſtomihi 1413 Schbl. XXII. 41 die Unmöglichkeit geſchildert, die große Geldſumme in den Ordenögütern aufzubringen. Uebrigens geht aus dieſem Briefe hervor, daß ſchon eine große Kälte und Spannung zwiſchen beiden eingetreten war.
Scanseite 218 · Druckseite 205
Berhältn. d. HM. zum Roͤm. Kin. u. d. v. Polen. (1413.) 205 unſern Gebietigern allhie zu Lande zu Schmach und Laſter von Fuͤrſten und Herren, namlich vom Burggrafen von Nürnberg, vom Herzoge von Baiern, vom Grafen von Wir⸗ tenberg und vielleicht von andern hinter uns und heimlich uber uns Briefe zu erwerben bemüht ſeyd an etliche, die den Herrn Röm. und Ungerif. König daran halten ſollten, daß er kein Geld auf euch und die eueren ſollte ſehen in Deut⸗ ſchen Landen. Warum laͤſtert ihr uns fo unwuͤrdig hinter⸗ wärts wider Gott und die Wahrheit; unſer Orden und wir haben ein ſolches an euch nicht verſchuldet u. ſ. w. Auch dem Meiſter von Livland ſchrieb er verſchiedene Ver⸗ pflichtungen mit größerer Strenge vor: er folle die Bedraͤng⸗ niß des Ordens in Preuſſen wegen der Schulden und vielen Koſten in Botſchaften und anderen Dingen mit tragen helfen, mit niemand Krieg beginnen ohne des Hochmeiſters Rath, auch dieſem ſtets gehorſam und willig ſeyn, ſofern irgend⸗ wo Krieg gegen dieſen erhoben werde, ihm getreulich Huͤlfe leiſten; er ſolle keinen Frieden ſchließen ohne des Hochmei⸗ ſters Wiſſen, ſein Land in Eintracht halten und mehr Rit⸗ ter von andern Zungen ins Land nehmen, damit die Zun⸗ gen ſich gleich wuͤrden; er ſolle ſich endlich mit dem Erz⸗ biſchofe von Riga und des Landes uͤbrigen Praͤlaten in ein friedliches Verhaͤltniß ſetzen. Der Komthur von Goldingen mußte beim Hochmeiſter fuͤr die Erfüllung dieſer Beſtim⸗ mungen Buͤrgſchaft leiſten. Da indeß in den Nachbarlanden die kriegeriſchen Be⸗ wegungen immer bedenklicher wurden, die Kriegsgefahr im⸗ mer näher drohte, Witowd, wie man vernahm, mit einem mächtigen Streitheere am Bug lag und von dorther dem Narew immer mehr fich näherte, im Lande des Herzogs Johann von Maſovien alles ſchon fluͤchtete, ja die Zeit des Einfalls ins Ordensgebiet, wie man hoͤrte, zwiſchen dem 1) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. Marienb. Dienſt. in d. Pfingſttagen 1413 Rgſtr. III. p. 126. 2) Das vom Komthur von Goldingen Heinrich Stam ausgeſtellte Original der Urk., d. Marienb. Mittw. vor Judica 1413 Schbl. III. 2.
Scanseite 219 · Druckseite 206
206 Verhaͤltn. d. HM. zum Roͤm. Kön. u. d. v. Polen. (1413.) Könige und Witowd bereits beſtimmt war, 1 fo verdoppelte nicht nur der Hochmeiſter feine Kriegsruͤſtungen im Lande, ſondern wiederholte auch ſeine dringendſten Bitten bei nahen und fernen Fuͤrſten um Beiſtand und Rettung, ſo beim Burggrafen von Nuͤrnberg, beim Koͤnige von England und bei vielen Fuͤrſten Deutſchlands.?) Ploͤtzlich aber legte ſich der Roͤm. Koͤnig ins Mittel. Durch den Koͤnig von Po⸗ len von den Kriegsruͤſtungen in Preuſſen und den Soͤld⸗ nerwerbungen im Auslande benachrichtigt und uͤber den Hochmeiſter wegen der erwaͤhnten Geldzahlung noch ſehr er⸗ zuͤrnt, erklaͤrte er ihm ſein großes Mißfallen uͤber ſeine krie⸗ gerifchen Abſichten, ihm bei koͤniglicher Macht gebietend, unter keinen Umftänden Krieg anzuheben. Der Meiſter in⸗ dep, um dem Könige zu beweiſen, er treibe kein leicht⸗ fertiges Spiel mit Krieg und Frieden, zeigte ihm durch Thatſachen, daß weder der Friede von Thorn, noch des Königes Ausſpruch, beide vom Orden mit ſo unermeßlichen Opfern erkauft, fuͤr ſeine Ruhe bis jetzt auch nur das min⸗ deſte gefruchtet, wie die ſo haͤuſige Niederlegung, Beſcha⸗ tzung, Beraubung, Mißhandlung und Ermordung ſeiner Unterthanen auf freier Handelsſtraße in Polen, die Vor⸗ enthaltung der Gefangenen ſowie des Verſicherungsbriefes über Samaiten, der Aufbau von Welun, das Herbeiziehen 1) Schr. des Komthurs von Oſterode, d. Hohenſtein am T. Mar⸗ garetha 1413. 2) Schr. des HM. an den König von England o. D. Rgſtr. III. p. 135. Schr. deſſelb. an die deutſchen Fuͤrſten, die namentlich ge⸗ nannt ſind, d. Marienb. Mont. vor Margaretha 1413 Rgſtr. III. p. 138; andere Schr. an den Herzog v. Burgund und mehre Franzdſ. Grafen und Herren ebend. p. 137, an den König v. Frankreich p. 139. Die Botſchafter des HM. erhielten p. 142 den Auftrag, den Fuͤrſten mündlich vorzubringen: wy fache unſer Homeiſter und der orden vil Eri⸗ ſtenfuͤrſten haben beſucht, das ſy doch ny haben eynen rechtfertigen troſt gefunden, nort alleine an der Crone czu Frankreich, dy gott alleine vor allen andern richen hat geſaczt als eynen unbeweglichen Pfyl, doruf dy gancze Criſtenheit billig mag buwen, von des ſchatte und beſchuͤtzunge unſer Orden dicke iſt dirquicket und dy gancze Criſtenheit.
Scanseite 220 · Druckseite 207
Berhätn. d. HM. zum Röm. Kön. u. d. v. Polen. (1413.) 207 von Kriegsvölfern an die Gränzen des Ordensgebietes und vieles andere hinlänglich beweiſe. Er betheuerte dem Koͤni⸗ ge aufs heiligſte, daß nur Friede fein hoͤchſter Wunſch ſey, ſofern dem Orden wie unter ſeinen Vorfahren ſeine Lande, Gränzen, Rechte und Freiheiten unverkuͤrzt verblieben. 1) Der König von Polen trieb nun zwar mittlerweile fein falſches Spiel von Unterhandlungen noch fort und fort, wie er vorgab, zur Aufrechthaltung des Thorner Friedens, den er feiner Seits immer ſtreng zu beobachten behauptete. 2 Allein der Hochmeiſter ließ ſich durch ſolche Kuͤnſte nicht mehr taͤuſchen, ſetzte die Rüſtungen eifrigft fort, zog immer mehr Soldner herbei, ſowohl aus Böhmen, woher bereits anſehnliche Haufen bei Thorn angelangt waren,“ als aus Deutſchland, wo insbeſondere die Verwandten ſeines und des Schwarzburgiſchen Hauſes bedeutende Streithaufen fuͤr ihn aufzubringen und herbeizufuͤhren bemuͤht waren, trotz der Hinderniſſe, die ihnen der Markgraf Wilhelm von Mei⸗ ßen dem Polniſchen Könige zu Liebe in den Weg legte.“ Dabei ſah man an allen Fürftenhöfen Deutſchlands neben den Geſandten des Ordens Abgeordnete des Koͤniges um⸗ herziehen, beide gleich eifrigſt bemüht, durch Beſchwerden und Anklagen über unertraͤgliche Belaͤſtigungen und Beleidi⸗ gungen, Friedensbruch und unerſaͤttliche Kriegsluſt, Laͤnder⸗ gier und Raubſucht für ihre Herren der Fuͤrſten Gunſt und 1) Schr. des HM. an den Röm. König, d. Marienb. Mittw. nach Diviſion. Apoſt. 1413 Rgſtr. III. p. 140. 2) Verhandlungen mit zwei Abgeordneten des Königes zu Thorn Koftr. III. p. 153. 3) Die mit den Böhm. Soldnern abgeſchloſſenen Dienſtbedingungen Rgſtr. III. p. 6. 4) Schr. des HM. an den v. Plauen, d. Althaus Sonnt. vor Vin⸗ cula Petri 1913 Rgſtr. III. p. 146. Schr. deſſelb. an die Grafen Hein⸗ rich und Guͤnther von Schwarzburg v. naͤml. Dat. p. 148. Nach ei⸗ nem Schr. des Komthurs von Oſterode war eine Heirat zwiſchen dem Markgr. Wilhelm ven Meißen und des Herzogs Semovit von Maſovien Tochter im Werke.
Scanseite 221 · Druckseite 208
208 Verhoͤltn. d. HM. zum Roͤm. Kön. u. d. v. Polen. (1413.) Hülfe zu gewinnen.) Selbſt am päpſtlichen Hofe, an den ſich der Hochmeiſter ebenfalls mit ſchweren Klagen wandte,? lagen die beiderſeitigen Sachwalter faſt taglich im Wort⸗ kampfe, um die Curie auf ihre Seite zu ziehen. Da es indeß dem Meiſter nicht ſchwer fiel, feine Klagen überall mit thatſaͤchlichen Beweiſen zu begruͤnden und des Koͤniges Beſchuldigungen als offenbare und lautere Luͤgen aufzudek⸗ ken, da er erweiſen konnte, daß dieſer ſeine eigenen Miſſe⸗ thaten und Verbrechen nur darum dem Orden andichtete, um ſich und Witowd auf ſolche Weiſe zu beſchoͤnen, da in Deutſchland bekannt ward, daß er bereits eine bedeutende Zahl von Kriegsgaͤſten, die aus Wirtenberg und andern Gegenden dem Orden hatten zuziehen wollen, auf offener Straße habe niederwerfen, berauben und gefangen nehmen laſſen, 9 fo fanden feine verleumderiſchen Klagen bei we⸗ nigen Fuͤrſten Gehoͤr. Der Kurfuͤrſt Werner von Trier er⸗ klaͤrte ihm dieſes mit aller Offenheit, indem er ihn mit ern⸗ ſten Worten zum Frieden und zur Schonung gegen den Or⸗ den ermahnte; „ihr ſchicket, ſchrieb er ihm, ‚euere Boten und Klagbriefe über den Hochmeiſter an Fuͤrſten, Grafen, Herren und Staͤdte umher; allein nicht euch uͤber ihn, ſon⸗ dern ihm uͤber euch iſt Klagens noͤthig. Da der Orden von Kaiſern und Koͤnigen, von unſern Aeltern und Vorfahren, von chriſtlichen Fuͤrſten in Vorzeiten dem Allmaͤchtigen und der himmliſchen Königin zu Ehren, der armen Chriſtenheit zu Schirm und Hilfe mit Vergießung viel chriſtliches Blu⸗ tes geſtiftet, gehandhabt und erhalten worden iſt, ſo ſoll⸗ tet ihr, da auch ihr ein Fuͤrſt und Glied der Chriſtenheit ſeyd, dahin rathen, helfen und wirken, daß dieſer feſte 1) Schr. des HM. an den Grafen von Schwarzburg, Kcgſtr. III. p. 148. 2) Schr. des HM. an den Papſt, d. in castro Fredecke (1413) Rgſtr. III. p. 149. x 3) Vgl. darüber die vom HM. für feine Sendboten nach Deutſch⸗ land am T. nach Nativit. Mariä 1413 abgefaßten Artikel Agſtr. III. p. 162 u. Schbl. XXII. 41.
Scanseite 222 · Druckseite 209
Verhältn. d. HM. zum Röm. Kön. u. d. v. Polen. (1413.) 209 Friedensſchild der ganzen Chriſtenheit an jenen Enden erhal ten werde u. |. w.“) Solche Ermahnungen indeß fruchteten beim Koͤnige we⸗ nig oder nichts. Die Stunde der Entſcheidung ruͤckte im⸗ mer naͤher; es war auf keinen Tag des Friedens mehr zu rechnen. Der Meiſter ſah jetzt klar, daß auch auf den Roͤm. König keine Hoffnung mehr zu bauen ſey, denn in allen bisherigen Verhandlungen hatte er ſtets mehr gegen als für den Orden gewirkt.) Daß er, ohne Rüdficht auf des Ordens Noth und Bedraͤngniß, nur nach Geld duͤrſtete, be- wies ein neues ſcharfes Mahnungsſchreiben, worin er aber⸗ mals mit allem Nachdruck die noch ſchuldigen dreizehntauſend Schock forderte.) Der Hochmeiſter mußte ihn nochmals an den Deutſchmeiſter weiſen, ſandte ſofort aber an dieſen einen Botſchafter mit einem doppelten Schreiben und mit dem Auftrage: das eine, in einem freundlichen und bit⸗ tenden Tone abgefaßt, dem Deutſchmeiſter zuerſt vorzule⸗ gen; es erſuchte ihn, ſich der Zahlung gutwillig zu unter⸗ ziehen und wenn der Koͤnig ſeine Botſchaft bis Martini nicht ſende, die Zahlung nicht zu beeiligen, weil ſich dann Wege finden koͤnnten, daß fie ganz unterbleibe. Das zweite Schreiben ſollte dem Deutſchmeiſter uͤberreicht werden, wenn er die Zahlung verweigere, ſofern fie vom Könige bis dort⸗ hin verlangt werde. Es war ein ſ. g. „Machtbrief,“ in hartbefehlender Sprache abgefaßt, worin ihm Frevel und Ungehorſam in Nichtvollfuͤhrung des hochmeiſterlichen Be⸗ fehls vorgeworfen und angekuͤndigt ward, daß man im Rathe der Gebietiger Preuſſens uͤbereingekommen ſey: der Deutſch⸗ 1) Schr. des Erzbiſch. Werner von Trier an den König v. Polen, d. in castro Erenbretstein 1413 erast. nativit. Marie. 2) Der HM. ließ um dieſe Zeit dem Deutſchmeiſter ſagen: „Der von Ungern uns in keynen ſachen hat gehalden und in alle ſinen reden und geſchickeniſſe meer weder denn vor unſern Orden iſt geweſen, als das die werk durch In getreben offenbarlichin uswyſen. Note. III. p. 164. 3) Schr. des Röm. Königes an den HM. d. Chur Mont. nach Bartholom. 1413 Schol. IV. 85, VII. 14
Scanseite 223 · Druckseite 210
210 Neue Kriegsruͤſtungen gegen Polen. (1413.) meiſter ſolle beim Erſcheinen der Geſandten des Roͤm. Koͤ⸗ niges in Gegenwart des Botſchafters und auf deſſen Befehl die Summe ohne Säumen entrichten. Werde er ſich wei⸗ gern, fo erhalte er hiemit den Befehl, dem Ordensbotſchaf⸗ ter alle ſeine und ſeiner Mitgebietiger Siegel kraft des Ge⸗ horſams zu uͤbergeben und ihm ſolche Burgen, Häufer und Guͤter unverweigerlich abzutreten, als er ſie fordern werde, um damit dem Könige durch Pfandſtellung für die ſchuldige Summe Genüge leiſten zu koͤnnen.“) Im Verlaufe des Septembers aber kam in Preuſſen ſchon alles in volle kriegeriſche Bewegung. Der Herzog von Stolpe hatte eine Geſandtſchaft beim Koͤnige von Polen, die, wie man erfuhr, einen Angriff auf das Ordensland bezweckte; er wollte nur zuvor auch noch den Herzog War⸗ tislad von Wolgaſt als Bundesgenoſſen des Koͤniges gewin⸗ nen. 2 Dieſen Fuͤrſten, voll Bosheit gegen den Orden, mußte der Hochmeiſter fo viel als moglich im Zaume hal⸗ ten. Es gelang ihm, mit Konrad Bonow, Verweſer des Stiftes Kamin, einem Gönner des Ordens, ein Buͤndniß abzuſchließen, worin dieſer den Orden mit allen Rittern und Städten feines Stiftes aufs kraͤftigſte gegen den Her⸗ zog zu unterſtuͤtzen verſprach; s) auch den Herzog von Wol— gaſt wollte er zur Bundesgenoſſenſchaft für den Orden ge⸗ winnen. So geſichert ſtellte fofort der Meiſter an ber. Graͤnze des Herzogs von Stolpe einen ſtarken Heerhaufen 1) Schr. an den Deutſchmeiſter, d. Marienb. am Abend Nativi⸗ tat. Marid 1413 Rgſtr. III. p. 157; ebendaſ. p. 164 die übrigen Vers handlungen in dieſer Sache. 2) Schr. des Konrad Bonow, Prothonotarius des Papſtes und Adminiſtrator der Kirche zu Kamin an den HM. d. Cörlin am T. Ae⸗ gidii 1413. 3) Originalurk. über dieſes Buͤndniß, d. Cörlin am T. Kreuzes⸗ Erhoͤh. 1413 Schbl. LI. 25, ein anderes beſiegeltes Original dieſes Bündniffes mit dem Dat. Colberg am T. der h. zwölf Apoſtel 1413 Schbl. 51. 24. 4) Schr. des Konrad Bonow an d. HM. d. Cuſſolyn (Eöelin) am T. Lamberti 1413.
Scanseite 224 · Druckseite 211
Neue Kriegsrüſtungen gegen Polen. (1413.) 211 auf, um ſogleich in deſſen Land einbrechen zu konnen. Eine zweite ſtaͤrkere Streitmacht zog hinauf an die Graͤnze des Dobrinerlandes, denn es war Nachricht gekommen, daß dort der Koͤnig eine anſehnliche Heerſchaar verſammle, um ſich zuerſt des Hauſes Neſſau zu bemaͤchtigen und dann wei⸗ ter vorzudringen.) Eine dritte nicht unbedeutende Kriegs⸗ macht ſollte gegen Maſoviens Gränzen ziehen, weil von dorther ein Einfall des Großfuͤrſten befuͤrchtet wurde. So ſtand alles kriegsfertig. Bevor jedoch das Kampfſchwert erhoben wurde, hielt es der Hochmeiſter fuͤr nothwendig, von ſeinem Verfahren Rechenſchaft zu geben, damit nicht die ſo oft von ſeinen Feinden verbreitete Meinung geltend werde, als treibe er ein leichtfertiges Spiel mit Krieg und Frieden. Weil er wußte, daß der König von Polen bereits in Böhmen ihn als Friedensbrecher und Anheber des Krieges mit verleum⸗ deriſchen Beſchuldigungen hatte ſchildern laſſen, ſo richtete er zuerſt ein Sendſchreiben an die Ritterſchaft und Staͤdte dieſes Landes, ihnen den Frevel und Muthwillen darſtel⸗ lend, womit lange Zeit der Koͤnig den Orden behandelt, und fie zum Beiſtand gegen den Feind auffordernd, zugleich aber auch bemerkend, daß des Papſtes Bann denen drohe, die den heidniſchen Kriegshorden gegen den Orden zu Huͤlfe ſtehen würden. ? In einem andern Sendſchreiben an alle geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten, Grafen, Ritter und Staͤdte ſetzte er noch mehr im Einzelnen die Thatſachen der unverſoͤhnlichen Feindſeligkeit, Wortbruͤchigkeit, Verfolgungs⸗ ſucht und des ganzen argliſtigen Planes auseinander, wie der König und Witowd durch Raub an Land und Leuten, durch den Aufbau von Welun, Sperre der freien Handels- ſtraßen, Pluͤnderung, Gefangennehmen und Ermorden der Ordensunterthanen, durch Aufnahme abtruͤnniger Ordens⸗ 1) Schr. des Ordensmarſchalls, d. Graudenz Sonnt. vor Lau⸗ rentü 1413. 2) Schr. des HM. an die Ritter und Städte in Boͤhmen, d. Ma⸗ rienb. Mont. nach Kreuzes⸗Erhöh. 1413 Rgſtr. III. p. 160. 14*
Scanseite 225 · Druckseite 212
212 Neue Kriegsruͤſtungen gegen Polen. (1413.) bruͤder und deren Benutzung als Verraͤther und Spione,“ durch raͤuberiſche Einfälle ins Ordensgebiet und eine Reihe anderer Verbrechen und Graͤuelthaten den Orden zum Ver⸗ derben und Untergang zu führen unablaͤſſig thaͤtig geweſen ſeyen. Aufs dringendſte flehte endlich der Hochmeiſter Fuͤr⸗ ſten und Ritter gegen ſolche Bedraͤngniſſe um Huͤlfe an, da er es jetzt, obgleich mit ſchwerem Herzen nothwendig finde, ſich mit wehrhafter Hand entgegenzuſtellen, um dem Chri⸗ ſtenglauben in dieſem armen Lande, fo viel er vermoͤge, Schirm und Schutz zu gewähren. ) Endlich traten auch vor Fuͤrſten, Grafen und Rittern der Erzbiſchof von Riga, Graf Heinrich Reuß von Plauen, die Grafen Albrecht und Guͤnther von Schwarzburg, Wenceslav von Donn und Hans von Frundsberg Öffentlich als Zeugen dafür auf, daß nicht der Hochmeifter die Urſache zum Kriege gegeben, ſon⸗ dern daß Gewalt und Unrecht, wie ſie ſelbſt geſehen, ihn gezwungen, ſich gegen den Koͤnig und deſſen Verbuͤndete mit wehrhafter Hand Krieges und Ungemaches zu entledigen.“ Aber auch der Koͤnig verſaͤumte nicht, ſich vorerſt mit ſolchen Waffen zu vertheidigen; er erließ ebenfalls ein Send⸗ ſchreiben an die geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten und an alle Reichsſtaͤnde, worin er den Orden der größten Treu⸗ loſigkeit beſchuldigte, mit der er den Frieden breche und wie er, nachdem ihm alle ſeine Burgen, Staͤdte und Lande »wieder eingeräumt worden, fort und fort bemuͤht geweſen, 1) Der HM. ſagt: Eynen teil der abetronigen bruͤder unſers Or⸗ dens ſie weder got und das recht in ſwere bekommerniſſe erer ſelen uff⸗ nemen und halden, die nach vil erſuchen und ſchreiben uns nicht laſſen volgen, Sunder mit denſelbigen und andern haben ſie is beſtalt und dor⸗ czu etliche Mentel gemachet, domete ſie als bruͤder unſers Ordens in un⸗ fer land ſulden czhien, unſer haͤwſer und Stete czu beſehen, ab fie der eczliche mit ſulchen boſen uffſeczen von uns mochten brengen. 2) Schr. des HM. (auf Pergament), d. Marienb. Sonnab. nach Matthaͤi 1413 Schbl. 64. 23. 3) Sendſchr. der Genannten, d. Marienb. Sonnt. nach Exaltat. Crucis 1413 Schbl. LXIV. 21 u. Regſtr. III. p. 166,
Scanseite 226 · Druckseite 213
Neue Kriegs rüſtungen gegen Polen. (1412.) 213 Feindſchaft und Krieg anzuregen durch immer großere Un⸗ gerechtigkeiten, die er an ihm begangen hätte; unablaͤſſig ſuchten die Kreuzherren beim Papſte, den Kardinälen und Keichsfürften feinen Namen zu ſchaͤnden und ſeine Hand⸗ lungen zu verdächtigen, vor allem durch die Beſchuldigung, daß er die Heiden gegen die Chriſtenheit aufhetze. In einer Menge einzelner aufgezaͤhlter Faͤlle ſuchte der König zu bes weiſen, daß nur die Ungerechtigkeit, Raubſucht, feindliche Einfälle und allerlei Verbrechen der Ordensritter ihm die Waffen in die Hand gegeben, nachdem alle friedlichen Er⸗ bietungen von ihnen zuruͤckgewieſen ſeyen. ) Allerdings mochte auch im Ordenslande und wohl auch ſelbſt von Or⸗ densrittern aus Rache und Vergeltung manches geſchehen ſeyn, was, wenn man es als Einzelnheit hinſtellte, dem Könige einen gewiſſen Schein des Rechts zum Kriege in die Hand gab. So voll Grimm und Erbitterung ſtanden die Fuͤrſten beider Lande einander gegenuͤber. Es war kein ehrenhafter Friede zu erreichen; das Schwert mußte die Entſcheidung geben, der Ueberzeugung war jetzt der Meiſter. Er hatte bereits Alles, Gluͤck und Eigenthum ſeiner Unterthanen, Habe und Gut ſeines Ordens, ſeine eigene Ruhe und alle ſeine Kraͤfte hingeopfert, um ſeinem Lande den Frieden zu erkaufen, dem Orden ſeine Ehre zu erhalten; ſie allein war noch übrig, ſonſt beinahe im ganzen Lande alle Lebens⸗ freude und alles Lebensgluͤck dahin geſchwunden. Sie, die Ehre ſeines Ordens, wollte jetzt der Meiſter durch einen entſcheidenden Kampf noch retten. Allein Krieg war nicht der Wille aller Gebietiger, noch weniger der Staͤdte und des verarmten Landes. Da trat zuerſt der Ordensmarſchall Michael Kuͤchmeiſter von Sternberg gegen den Komthur von Danzig Heinrich von Plauen, des Meiſters Bruder, mit 1) Schr. des Königes, d. in castro nostro Hrodlo die IV Octobr. 1413 in Abſchrift Schbl. XXI. 33 einen ähnlichen Anklagbrief hatte der König ſchon am 18. Sept. 1413 ausgefertigt.
Scanseite 227 · Druckseite 214
214 Abſetzung des HM. Heinrich von Plauen. (1413.) dem Befehle auf: er ſolle unter keiner Bedingung gegen den Herzog von Stolpe zu Felde ziehen.) Der Komthur achtete deſſen nicht. Als aber hierauf am Michaelistage mehre Komthure mit der Wehrmannſchaft des Landes gegen die Maſoviſche Graͤnze zogen, verweigerte jenſeits Lautenburg zwiſchen Soldau und Strasburg die geſammte Mannſchaft den Kriegsdienſt, weil ſie den Frieden mit Polen nicht brechen wollte. Der Heereszug mußte ſofort eingeſtellt werben, 2 Es hatte laͤngſt zwiſchen dem Meifter und einem großen Theil der Gebietiger eine gewiſſe feindliche Spannung ge⸗ herrſcht. Die ſtrengen Maaßregeln, die im Drange der ſchweren Zeit von ihm auch in Beziehung auf Zucht, ges ſetzmaͤßige Ordnung und beſonders auf Sparſamkeit und Einſchraͤnkung der Ordensbruͤder, namentlich auch der Ge⸗ bietiger und Komthure hatten verfuͤgt werden muͤſſen, und die ſtarken Opfer, welche aus dem Einkommen und den Schaͤtzen der Ordenshaͤuſer verlangt worden waren, moch⸗ ten keineswegs von allen mit beſonnenem Geiſte als heil⸗ bringende Rettungsmittel betrachtet worden ſeyn. Hie und da mochte der Meiſter bei Berathungen über Plane und Maaßregeln, die ihm die Zeit zu fordern ſchien, bei den oberſten Gebietigern lebhaften Widerſpruch gefunden haben, denn nicht jeder ſah mit ſolcher Kraft des Geiſtes in den tobenden Sturm und mit ſolcher Seclengroͤße auf die Noth der Zeit und auf die Rettung des Ganzen hin. Keines⸗ wegs beſaßen alle die Lauterkeit der Geſinnung, die maͤnn⸗ liche Feſtigkeit des Willens, die ruhige Beſonnenheit, das edle Seibſtgefuͤhl ritterlicher Tugend und die ſchwere Selbſt⸗ verlaͤugnung, die allein noch in ſolcher Zeit zu Heil und Wohlfahrt führen konnten. Je höher aber der Hochmeiſter nicht ſowohl durch ſein erhabenes Amt, als vielmehr durch 1) Schr. der oberſten Gcbictiger an den Herzog Boguslav v. Stol⸗ pe, d. Marienb. Mittw. nach Dioupſ. 1413 Agſtr. III. p. 171. 2) Lindenblatt S. 263.
Scanseite 228 · Druckseite 215
Abſetzung des HM. Heinrich von Plauen. (141%) 215 das Gefühl feiner mächtig durchgreifenden Kraft und feinen unerſchütterlichen Willen über allen daſtand, je lebendiger er in allen Schritten ſich ſeines großen Zweckes und ſeines untadelhaften Zieles bewußt war, um ſo mehr mochte er ſtreben, ſich vom beengten Willen und kleinmuͤthigen Ra⸗ the ſeiner Mitgebietiger frei zu machen, um fo öfter mochte er ſelbſtaͤndig und unabhangig feine Plane in Dingen ver⸗ folgen, in denen die Gebietiger gewohnt waren zu Rath gezogen zu werden, wozu kam, daß ſeit der Anordnung des Landesrathes, dieſer zweiten, dem Meiſter nahe ſtehen⸗ den berathenden Behoͤrde, der Einfluß der oberſten Gebie⸗ tiger auf den Willen des Landesfuͤrſten und die geſammte Verwaltung nicht mehr ſo bedeutend wie fruͤher war. Und die Thatſachen der letztern Zeit beweiſen wirklich, daß viel⸗ fach die oberſten Gebietiger bei Veſchluͤſſen zu wichtigen Uns ternehmungen wie in den Hintergrund gedraͤngt erſcheinen.) Dieſe ſeindſelige Spannung unter den Oberſten des Ordens war aber in der letzten Zeit ſo hoch geſtiegen, daß der Hochmei⸗ ſter ſich von vielen nicht mehr ſprechen, von bewaffneten Die⸗ nern bewachen ließ, vor ihnen ſein Gemach verſchloß und nur mit ſeinem Bruder, dem Komthur von Danzig und einigen Freunden unter den Ordensrittern ſich uͤber wichtige Angelegenheiten berieth. Damals gerade war es, als der Ordensmarſchall jenem Komthur den Kriegszug gegen den Herzog von Stolpe unterſagte. Da berief der Meiſter den Ordensmarſchall und die übrigen Gebietiger zu einem Ordenslapitel auf den vierzehn⸗ ten October nach Mariendurg, hoͤchſtwahrſcheinlich um erſtern feines Amtes zu entlafjen. ® Der Marſchall, ahnend, was 4) Beſonders in den Verhandlungen mit dem Koͤnige von Polen. 2) Lind enblatt S. 263 — 263. 3) Lindenblatt nennt wohl nicht ohne Abſicht den Ordensmar⸗ ſchall ausdrücklich als dahin berufen. Ueber den Zweck des HM. bei der Berufung der Gebietiger fügt er nichts hinzu, wie er denn uͤberhaupt über die letzten Ercigniſſe unter Heinrich v. Plauen ſehr vorſichtig und daher auch unvollſtändig iſt.
Scanseite 229 · Druckseite 216
216 Abſetzung des HM. Heinrich von Plauen. (1413.) ihm bevorſtand, faßte denſelben Plan gegen den Meiſter. Der meiſten Gebietiger und Komthure in Preuſſen war er zu deſſen Ausfuͤhrung gewiß; mit mehren mochte er ſich ſchon berathen haben; auch auf die Beiſtimmung der Meiſter von Deutſchland und Livland konnte ſicher gerechnet werden. Aber nicht bloß den Hochmeiſter von ſeiner Hoͤhe zu ſtuͤrzen war des Marſchalls Abſicht, ſondern ſich ſelbſt auf dieſelbe hinaufzuſchwingen ſtrebte ſeine ehrgeizige Seele, denn hohes Alter und Krankheit der uͤbrigen oberſten Gebietiger ließen ihn hiezu allerdings gegruͤndete Hoffnung faſſen. Kaum wa⸗ ren daher die zum Kapitel Berufenen verſammelt, als er an ihre Spitze tretend und den Vorſitz fuͤhrend die Berathungen leitete.) Es wurden eine Anzahl Klagartikel abgefaßt, um damit des Hochmeiſters Entſetzung von ſeinem Amte zu recht⸗ fertigen.?) Da hieß es in den wichtigſten: Er verſchmaͤht den Rath feiner oberſten Gebietiger, die ihm beigeordnet ſind, und folgt nur dem eigenen Willen und fremdem Ra⸗ the weltlicher Leute, als des Landesrathes; das hat dem Orden ſchwer geſchadet und ſtreitet wider das Ordensgeſetz. Was mit Zuſtimmung der Gebietiger und der Rathsgeſchwo— renen beſchloſſen ward, befolgte er nicht, ſondern wandelte es nach eigenem Willen um. Das ganze Land klagt uͤber die harten Beſchwerniſſe durch hohen Schoß und doch, ob— gleich man ihn zum Beſten des Friedens willig geleiſtet, ſteht der Meiſter nach Krieg und des Landes Verderb. Alle 1) Daß der Ordensmarſchall an der Spitze ſtand und das Ganze leitete, geht ſchon aus dem Zuſammenhange der Verhältniffe hervor. Die Nachricht aber, daß er ſich zuvor mit 73 Ordensbruͤdern verſchwo⸗ ren habe, dem Orden allein, nicht dem Hochmeiſter zu gehorchen, giebt Simon Grunau Tr. XV. C. IV. S. 2. 2) Dieſe Anklagpunkte bei Lindenblatt S. 264 — 269 mit er⸗ läuternden Anmerkungen u. in den dort S. 269 in der Anmerk. ange⸗ führten Werken, doch in dieſen mit offenbar hinzugefügten erdichteten Zuſaͤtzen. Die Ordenschron. p. 74 ſcheint den Grund feiner Abſetzung vorzuͤglich in der Enthauptung des Danziger Buͤrgermeiſters Konrad Letzkau zu finden; indeß war der Chroniſt von der Sache, wie man ſieht, gar nicht unterrichtet.
Scanseite 230 · Druckseite 217
Abſetzung des HM. Heinrich von Plauen. (1413.) 217 Briefe an ihn, die dem Lande Friede hätten bringen koͤn⸗ nen, hat er den Gebietigern vorenthalten und nur die be⸗ kannt gemacht, die zu Krieg und Unglück führten. Er hat durch Briefſenden und Botſchaften unnütz und ohne der Ge⸗ bietiger Rath und Wiſſen des Ordens Geld und Gut ver⸗ ſchwendet. Alle Gebietiger klagen, daß ſie ihre Aemter we⸗ gen beſchwerlicher koſtbarer Zehrung, die ihnen der Meiſter verurſacht, haben übergeben muͤſſen. Trotz des ewigen Frie⸗ dens wollte er Krieg anheben wider Willen aller Gebietiger und Prälaten des Landes, und ohne ihr Wiſſen hat er Gaͤ⸗ fie und Soldner herbeigerufen und ſo den Orden und das Land in böfen Ruf gebracht.) Land und Städte beſchwe⸗ ren ſich, daß die Münze nach Laut der ihnen ertheilten Privilegien nicht in ihrem Werthe erhalten, ſondern zu ih⸗ rem großen Schaden ſehr verringert werde, daß im Lande viel Raub und Mord, wie nie zuvor, geſchehe, woruͤber ihm die Gebietiger oft Vorſtellungen gemacht, aber fo ohne Er⸗ folg, daß man vermuthen dürfe, ſolches geſchehe mit ſeinem Willen. Auch klagt man, daß er mit Sternſehern und Weißagern berathſchlagt und auf deren Rath Krieg anheben wollte wider Gott und alles Herkommen. Bevor er ſeine Gebietiger zur Berathung einlud, hielt er meiſt Rath mit etlichen der geringſten; was er mit dieſen dann beſchloß, dabei blieb es trotz alles beſſern Rathes, ohne von ſeinem Willen zu weichen. Ohne der Gebietiger Rath hat er des Ordens Ablaß verkuͤndigen laſſen und uͤberall im Lande Rit⸗ ter und Knechte dazu geladen u. ſ. w.“ Dieß die hauptſaͤchlichſten Klagpunkte wider den Mei⸗ 1) Auf diefen Punkt legen nachmals die Gebietiger bei ihrer dffent⸗ lichen Rechtfertigung immer das meiſte Gewicht. In einem Schr. an den König v. Böhmen heißt es: man habe den HM. entſetzt, weil er „meer nach kriglichen willen, denn den gemachten frede zu halden, grob⸗ lichen hat geſtanden.““ 2) Gewiß zwei der ungerechteſten Beſchuldigungen! 3) Mehre Anklagen ſind hier nicht angeführt worden, weil ſie jeder leicht bei Lindenblatt nachleſen kann.
Scanseite 231 · Druckseite 218
218 Abſetzung des HM. Heinrich von Plauen. (1413.) ſter, meiſt, wie man ſieht, die Verminderung des Einfluſ⸗ ſes betreffend, den ſonſt die oberſten Gebietiger, als des Hochmeiſters oberſter Rath, auf die Verhaͤltniſſe des Ordens und des Landes gehabt. Aber ſie wurden fuͤr wichtig ge⸗ nug befunden, ihn ſeines Amtes zu entſetzen; auch der Kon⸗ vent des Haupthauſes willigte in den Beſchluß. Die ober⸗ ſten Gebietiger eröffneten ihn dem Meiſter, entnahmen ihm die Ordens- und Meiſterſiegel nebſt den Schluͤſſeln des Hau⸗ ſes und da er bat, man möge ihm das ruhige Komthur⸗ amt auf der Engelsburg übertragen, willigten fie ein, daß er dieſes Haus als Komthur beziehen konne. Den Ordens⸗ ſpittler Hermann Gans bekleidete man bis zur neuen Mei⸗ ſterwahl mit dem Amte des Statthalters.“ Wie es um die Wahrheit der einzelnen aufgeſtellten Klagpunkte ſtehe, koͤnnen wir ſchwerlich mehr entſcheiden. Manche ſcheinen nur hingeſtellt, um die Reihe zu fuͤllen; aus andern ſprach Erbitterung und langverhaltener Groll; J) Lindenblatt S. 264. Ueber die Reihe von Maͤhrchen und Fabelcien, die aus Dlugoss. p. 347 u. Simon Grunau Tr. XV. G. IV — VI über die Abſetzung Heinrichs von Plauen in Gang gebracht und in die neuern Geſchichtswerke von Preuſſen übergegangen ſind, iſt zu reden nicht mehr nothig; f» Voigt Geſch. Marienb. S. 294. Die ehrliche „Alte Preuſſ. Chron. S. 43 ſagt geradezu: „Adder ich weis nicht, waz ſynen gebittigern bedüchte, Si ſaczten yn von dem meiſter⸗ ampte ken Engilsburg.““ Die Nachricht, daß man zuvor auch „die Landmeiſter“ in die Verſchwörung gezogen und ſelbſt dem Papſte Kla⸗ gen gegen den Meiſter vorgetragen habe, wie Ko tzebue B. III. S. 118 erzählt, iſt aus Simon Grunau a. a. O. Sie wird dadurch widerlegt, daß der Ordensprocurator am Röm. Hofe erſt im Januar 1414 die erſte Nachricht von des HM. Abſetzung erhielt, ohne daß ihm vorher im mindeſten Klagen über ihn bekannt geworden waren. Ucber⸗ haupt iſt alles Simon Grunauiſche Erdichtung, was Kotzebue B. III. S. 148 — 149 uber die Art der Abſetzung erzählt, ebenſo bei Baczko B. III. S. 62 — 63, — Ueber die Zeit der Amtsentſetzung dieſes HM. kann nad) Lindenblatt S. 264 kein Zweifel ſeyn z fie geſchah am Tage Burchardi, d. i. 14ten Octob. (alſo nicht, wie ebendaſ. verdruckt iſt, am Iiten Octob.), wonach Bachem Chronol. der HM. S. AU zu verbeſſern iſt.
Scanseite 232 · Druckseite 219
Abſetzung des HM. Heinrich von Plauen. (1413.) 219 manche mochten ſich auch unter den damaligen Verhaͤltniſſen allerdings wohl rechtfertigen laſſen, denn die außerordentli⸗ che Zeit erheiſchte außerordentliche Maßregeln. Aber wie dem allen auch ſey, ſchon ein bloßer Hinblick auf den gan⸗ zen Zuſtand des Ordens läßt es wenig befremden, wie ein um deſſen Rettung und des Landes Erhaltung ſo hochver⸗ dienter Mann von ſeiner hohen Stellung gerade jetzt geſtuͤrzt werden konnte. Heinrich von Plauen hatte, drei Jahre an der Spitze des Ordens ſtehend, durch die gewaltige Kraft ſeines Geiſtes, die unerſchuͤtterliche Feſtigkeit des Willens, durch raſtloſes Streben nach dem Einen Ziele, durch maͤnn⸗ lichfeſtes Beharren in feinen Vorſaͤtzen faſt Unmoͤgliches er⸗ reicht; auf der Bahn zur Loͤſung feiner großen Aufgabe war ihm ſchon unendlich Vieles, jedoch noch nicht Alles gelun⸗ gen; aber darum eben mußte er glauben, in gleicher Weiſe auf derſelben Bahn fortſchreiten zu muͤſſen. Ihm zur Seite indeß ſtand in dem Großkomthur Friederich Graf von Zollern ein Mann, der wenigſtens ſchon gegen dreiſſig Jahre im Or⸗ den die Laſt hohen Alters zu ſchwer fühlte und durch lange Thätigkeit ermüdet ſich zu ſehr nach Ruhe ſehnte, als daß er des Hochmeiſters raſchen und kräftigen Schritten hätte folgen können, desgleichen der Ordensſpittler Hermann Gans, der zwar nicht fo lange in hohen Aemtern ſtand, aber ſich doch nicht mehr bei fo friſchen Kräften fühlte, um mit Muth und feſtem Vertrauen gegen den Sturm der Zeit mit anzu kämpfen, weshalb er auch bald die Ruhe eines geringeren Amtes vorzog; neben ihm der Ordenstrappier Friederich von Wellen, ſchon lange in ſeiner Geſundheit ſehr zerruͤttet, und endlich der Ordenstreßler Behemund Brendel, der von der jekt doppelt ſchweren Laſt der Finanzverwaltung gaͤnz⸗ lich ermüdet bereits ſich das ruhigere Komthuramt in Grau⸗ denz erbeten hatte. Alſo ſtand nur der Ordensmarſchall in friſchkraftiger Ruͤſtigkeit da, aber voll Ehrgeiz und Neid auf Heinrichs Größe. Er mochte ſtehen, wo dieſer ſtand, deshalb mußte er Friede wuͤnſchen, denn in Stuͤrmen des Krieges war Heinrichs Geiſteskraſt unbeugſam und der Auf⸗
Scanseite 233 · Druckseite 220
220 Abſetzung des HM. Heinrich von Plauen. (1413.) ſchwung ſeiner ritterlichen Seele unerreichbar. Unter den übrigen Komthuren und hoͤheren Ordensbeamten war der größere Theil erſt ſeit wenigen Jahren in ihren Aemtern, viele noch unbekannt mit den Verhaͤltniſſen des Landes und mit ſeiner Stellung zu den Nachbarlanden, alle aber ge⸗ druckt von der Schwere der Zeit, dem Mangel ihrer Haͤuſer ſowohl an den Beduͤrfniſſen des Lebens, als an Mitteln zu Wehr und Vertheidigung, bedraͤngt durch die von oben⸗ her kommenden Anforderungen und durch die Armuth und das kuͤmmerliche Leben ihrer Unterthanen. Nur wenige hate ten die frühere Bluͤthenzeit des Ordens geſehen, um ans ſtrebend fie wieder herbeizuführen; die meiſten waren plößs lich in den Druck der ſchweren Tage hineingekommen, ohne den Muth faſſen zu koͤnnen, ſich unter allen Opfern von Gut und Blut aus der Bedraͤngniß emporzuſchwingen. Da nur fo wenige aus früherer Zeit in höheren Aemtern ſtan⸗ den, ſo fehlte unter ihnen ein enger, feſter Verband und das freundſchaftliche Vertrauen, welches laͤngere Bekannt⸗ ſchaft giebt. Wie aber unter den Gebietigern, ſo herrſchte überhaupt unter den Mitgliedern des geſammten Ordens ſtatt der frü- heren bruͤderlichen Einigkeit ſchon mehr und mehr eine ge⸗ wiſſe Aufgelöftheit und Zerriſſenheit des alten innigen Ver⸗ bandes. ) Viele der aͤltern Brüder waren bald nach der unheilvollen Schlacht, da kein Herr und Oberhaupt im Orden war, eigenes Willens nach Deutſchland entflo⸗ hen, andere und zwar in nicht ſeltenen Faͤllen wurden ab⸗ truͤnnig und ſchweiften, von luͤſternen Wuͤnſchen getrieben, in fremden Ländern umher; hoͤrten wir doch, daß ſich manche ſogar ins feindliche Polen geflüchtet hatten, wo ſie ſich als Spione gebrauchen ließen. Der Orden ſtand, wie 1) Schon vor der Belagerung Marienburgs, ſagt Lindenblatt S. 222: do was leider eyne boſe voreynunge undir vn, daz etliche Ge⸗ bitiger mit dem Meiſter erin willen woldin habin u. ſ. w. 2) Lindenblatt S. 223.
Scanseite 234 · Druckseite 221
Abſetzung des HM. Heinrich von Plauen. (1413.) 221 uns erzählt wird, in zwei großen Parteien da, deren eine dem Hochmeiſter entgegen kaͤmpfte. Der Bericht iſt nicht unglaublich, obgleich im Einzelnen manches als Erdichtung erſcheint. ) Bei ſolchem Zuſtand des öffentlichen Lebens der Ordensbruͤder drang natuͤrlich Unordnung, Mangel an Zucht und Gehorſam, Geſetzloſigkeit und Ungebundenheit der Sit⸗ ten auch mehr und mehr ins Innere der Konvente ein und es zehrte auch hier das einreißende moraliſche Verderben, wie ein boͤsartiges Geſchwuͤr nach und nach die beſten Kraͤfte auf. Das Geſetz verlor ſchon mehr und mehr ſeine alte heilige Achtung, die Regel ihre fruͤhere ehrwuͤrdige Scheu, Zucht und Gehorſam ihre maͤchtig wirkende Kraft. Die Bluͤthe des Ordens war fuͤr ewige Zeit dahin; er ſchritt ſeinem Verderben und Untergang nun ſchon immer näher. So fand der Orden jetzt da, als am funfzehnten Octo⸗ ber, am Tage nach ſeiner Entſetzung vom hochmeiſterlichen Amte Graf Heinrich von Plauen, der ruhmrciche Erretter der Marienburg, das Ordenshaupthaus verließ und nicht ohne tiefe Betruͤbniß ſeiner einſamen Engelsburg entgegen⸗ 1) Es iſt ſchon in m. Geſch. Marienb. S. 294 erinnert, daß un⸗ ter andern auch die Benennungen Wachtelbuben und Rabenneſtern, wos mit ſich die Parteien bezeichnet haben ſollen, bloße Ausgeburten Simon Grunau's find. Ebenſo verhält es ſich mit den Parteinamen des gol⸗ denen Vließes und des goldenen Schiffes, die unter Michael Kuͤchmeiſter entſtanden ſeyn ſollen und lange in der Geſchichte Preuſſens umhergeſpult haben; auch ſie gehören dem Fabelmönche zu; er ſetzt fie in Verbindung mit der Ketzerei Wikleffs, die in Preuſſen und beſonders unter den Or⸗ densbrüdern ſtarken Eingang gefunden haben ſoll, weshalb ein Theil der⸗ ſelben, wie er ſagt, „mit dem Hochmeiſter gut evangeliſch waren.“ Auch dieſe Religioneparteiung hat ihr Daſeyn in Preuſſen offenbar nur im Kopfe des Monches gehabt; ja er ſchiebt in die Anklagen gegen Heinrich v. Plauen einen Artikel ein, der alſo lautet: Er hat wie ein Wicleffiſcher Ketzer die Prieſter ſeines Ordens und andere ſuͤr Hundsbu⸗ ben geſcholten und ihnen verboten zu predigen die Sprüche der Prophe⸗ ten ꝛc. Die Lügenhaftigkeit des Mönches geht in feinen weiteren Be⸗ richten darüber fait ins Unglaubliche. — Daß aber wirklich Zwictracht unter den Ordensbruͤdern herrſchte, erſehen wir auch aus einem Schrei⸗ ben Witowds aus dem J. 1414 Schbl. XVII. 129.
Scanseite 235 · Druckseite 222
222 Abſetzung des HM. Heinrich von Plauen. (1413.) zog, um hier das damals ſehr arme und duͤrftige Komthur⸗ amt zu ubernehmen.) Die ſchwerbedrangte Zeit und der tiefe Kummer, den feine argliſtigen Feinde täglich neu auf ſeine Seele luden, hatten ihm nicht geſtattet, der innern Landesverwaltung ſeine Thaͤtigkeit in dem Maaße zuzuwen⸗ den, wie er es gerne gewollt. All ſein Streben zielte dar⸗ auf hin, zuerſt dem Lande Friede und Ruhe von außen zu ſichern, um es dann im Innern zu neuer Bluͤthe empor⸗ zuheben. Er konnte ſolches nicht erreichen, denn der Un⸗ dank der Zeit riß ihn aus ſeiner Bahn hinweg. Aber der Lohn iſt ihm geblieben, daß die Geſchichte ihn ewig ruͤhmt als den Helden in der Noth! } 1) Ueber die fernern Lebensſchickſale Heinrichs von Plauen im fol genden Kapitel. Das Komthuramt zu Engelsburg hatte vor ihm Johann von Poſcrn; nach dem Uebergabe-Verzeichniß muß es in ſehr duͤrftigen Umſtänden geweſen ſeyn.
Scanseite 236 · Druckseite 223
Wahl des HM. Michael Küchmeifter v. Sternberg. (1414.) 223 Drittes Kapitel. Moch in denſelben Tagen, als Heinrich von Plauen des Meiſteramtes entſetzt ward, beeilten ſich die oberſten Gebie⸗ tiger, dem Koͤnige von Polen und dem Herzoge von Stolpe des Meiſters Entlaſſung in ſehr demuͤthigen Schreiben zu melden, darin betheuernd, daß ſie ſelbſt allzumal nur zum Frieden mit dem Könige gerathen und vom Kriege abge⸗ mahnt, der Meiſter hingegen, „ein verhärteter Mann in ſeinem Eigenſinne“ nie habe folgen und das Land durch ſeine Kriegsluſt ins Verderben ſtuͤrzen wollen; jetzt ſeyen an den Gränzen uberall friedliche Maaßregeln angeordnet, der König möge auch feiner Seits ſolche Verfügungen treſ⸗ fen, man fey bereit, auf einem Verhandlungstage alle Ir⸗ rungen und Mißverhaͤltniſſe auszugleichen und beizulegen.) Auch den Koͤnigen von Ungern und Boͤhmen ſandte man eine rechtfertigende Erklarung uͤber die Urſachen der Ent⸗ ſetzung des Hochmeiſters, ihn der Uebertretung der Ordens⸗ geſetze, der Halsſtarrigkeit, des Eigenſinns, der Unfriedſam⸗ keit und unverſtaͤndiger Kriegsluſt gegen den König von Polen beſchuldigend, weshalb auch das ganze Land ſeine Amtsentſetzung gebilligt; man meldete zugleich, daß auch der Komthur von Danzig, des Meiſters Bruder, weil er gegen des Ordensmarſchalls Befehl ins Land des Herzogs von Stolpe verheerend eingefallen ſey, habe entlaſſen werden muͤſſen, und bat beide Koͤnige um Vermittlung zur Auf⸗ rechthaltung des Friedens beim Koͤnige von Polen, zumal 1) Schr. der oberſten Gebictiger an d. König v. Polen, dat. Ma⸗ rienb. Dienſt. nach Dionyſ. 1413 Rgſtr. III. p. 170; Schr. an den Her⸗ zog v. Stolpe, d. Mittw. nach Dionyf. 1413 Ngſtr. II. p. 171.
Scanseite 237 · Druckseite 224
224 Wahl des HM. Michael Küchmeifter v. Sternberg. (1414.) da dieſem die Abſetzung des Hochmeiſters als hinreichende Genugthuung ſuͤr das ihm etwa widerfahrene Unrecht dienen konne.) Aehnliche rechtfertigende Mittheilungen über die wichtigſten Beweggruͤnde des gethanen Schrittes ergingen auch an mehre Deutſche Fuͤrſten, z. B. an den Markgrafen Wilhelm von Meißen.?) Mit dem Herzoge von Stolpe knuͤpfte man ſogleich wegen feiner bittern Klagen uͤber die Einfälle und Verhee— rungen durch den Komthur von Danzig Unterhandlungen an zum Abſchluſſe eines Beifriedens bis nach der neuen Meiſterwahl, ihm die Hoffnung ſtellend, daß der neuer⸗ wählte Meiſter gewiß alle bisherigen Streithaͤndel leicht aus⸗ gleichen werde, da alle Gebietiger vom Wunſche nach Frieden erfuͤllt feyen.® Dem Verweſer des Biſthums Camin nebſt allen Rittern und Mannen jenes Gebietes ward die Weiſung gegeben, alle Feindſeligkeiten gegen des Herzogs Lande ſo⸗ fort einzuſtellen, und dem Vogt der Neumark der Befehl, ſaͤmmtliche heranziehende zahlreiche Soͤldnerhaufen in ihre Heimat zuruͤckzuweiſen. Der Koͤnig von Polen empfing die Nachricht von des Hochmeiſters Entlaſſung ziemlich kalt und gleichgültig. Von Litthauen aus, wo er ſich beim Großfürſten aufhielt, erwiederte er auf das Schreiben der Gebietiger, daß er trotz der erlittenen Ungerechtigkeiten ſei⸗ 1) Schr. an die Könige v. ungern und Böhmen, d. Marienb. Dienſt. nach Dionyf. 1413 Rgſtr. III. p. 175 — 177; ein anderes meiſt gleich⸗ lautendes Schr. an den König v. Ungern, d. Marienb. Sonnab. nach Aller Heil. 1413 ebendaf. p. 188. 2) Schr. an den Markgrafen v. Meißen, d. Marienb. Dienſt. nach Aller Heil. 1413 Naſtr. II. p. 183 — 183. 3) Der Entwurf zum Interimsfrieden, d. Marienb. am T. Galli 1413 Rgſtr. III. p. 178. 4) Schr. des Statthalters an den Herzog v. Stolpe, d. Marienb. Dienſt. vor Simon und Juda 1413 Ngſtr. III. p. 180. 5) Schr. des Statthalters an Bonau, Verweſer des Stiftes Camin, d. Marienb. Freit. nach Luck Evang. 1413 Rgſtr. III. P. 180 ; Schr. des Vogts der Neumark Sander Machwitz an d. Statthalter, d. Schie⸗ velbein Dienſt. nach XI millia virg. 1413.
Scanseite 238 · Druckseite 225
\ Mahl des HM. Michael Küchmeifter v. Sternberg. (1414.) 225 nen Haupleuten an den Graͤnzen vorerſt ebenfalls Ruhe und Friede geboten habe.) Da er indeß kein Wort von etwa⸗ niger Ausgleichung der obwaltenden Streithaͤndel laut werden ließ und die oberſten Gebietiger am Frieden mit ihm wieder mehr und mehr zu zweifeln anfingen, ſo ſandten ſie jetzt die Komthure Ulrich Zenger zu Balga und Konrad von Se⸗ feln zu Ragnit an ihn ab.) Ihre Sendung hatte jedoch vorerſt nur den Erfolg, daß ſie unter des Großfuͤrſten Ver⸗ mittlung wegen eines im naͤchſten Jahre nach Oſtern zuhal⸗ tenden Verhandlungstages uͤbereinkamen, wobei der Koͤnig und der neuerwaͤhlte Hochmeiſter perſoͤnlich gegenwärtig die Verhandlungen ihrer Räthe leiten ſollten, bis wohin auch beiderſeits das friedliche Verhaͤltniß ihrer Laͤnder aufrecht erhalten werden ſolle.) Wie wenig Hoffnung man aber zur Fortdauer des Friedens gewann, zeigte ſich auch darin, daß die Ordensgebietiger den Roͤmiſchen König durch feſte Zuſicherung der Entrichtung der noch ſchuldigen Summe und fonft auf alle Weiſe zu beguͤtigen ſuchten, um im Falle ei⸗ nes neuen Krieges mit Polen ſeines Beiſtandes ſicher zu ſeyn; ) ja man wollte hie und da beſtimmt wiſſen, daß der König die Feindſeligkeiten gegen den Orden nach Oſtern unfehlbar erneuern werde.“ 1) Schr. des Königes an die oberſten Gebietiger, d. in Meretz fe- ria IV proxima ante festum s. Symon et Judä 1413 Schbl. LXIX. 56. 2) Schr. der oberſten Gebietiger an d. König v. Polen und d. Großfuͤrſten, d. Marienb. am Abend Simon und Juda 1913 Rgſtr. III. 5. 182. Sie ſagen ausdrücklich, die Sendung geſchehe „mit gemeinem Ras the der Gebietiger, des Landes und der Staͤdte.“ Lindenblatt S. 270. 3) Die Annahme des Verhandlungstages von Seiten der Gebietiger, d. Elbing am Abend Thoma 1913 Rgſtr. III. p. 198; u. Schbl. XXII. 74. Schr. an den König darüber vom naͤml. Dat. p. 199. Die Zus ſicherung Witowds, d. Wilna Donnerſt. in octava Innocent. 1414, Schbl. 53. 10. 4) Schr. des Statthalters an den Rom. König, d. am T. Eliſabeth 1413 Rgſtr. III. p. 195, ſehr kleinmuͤthig abgefaßt, nicht ohne Beſorg⸗ niß wegen eines Krieges. En Schr. des Waldmeiſters v. Schievelbein, d. Mittw. nach Eli II. 15
Scanseite 239 · Druckseite 226
226 Wahl des HM. Michael Kuͤchmeiſter v. Sternberg. (1414.) Da kamen in den erſten Tagen des Jahres 1414 die berufenen Gebietiger, der Deutſchmeiſter Konrad von Eg⸗ loffſtein, der Meiſter von Livland Dieterich Tork und die angeſehenſten Landkomthure und Komthure des ganzen Or⸗ dens im Haupthauſe Marienburg zur neuen Meiſterwahl an. Sie hatte dießmal manches Ungewoͤhnliche. Zuvor traten die erwähnten Meifter mit dem Statthalter und den uͤbrigen Gebietigern Preuſſens zu einer beſondern Berathung zuſam⸗ men und beſchloſſen, den vorigen Hochmeiſter zunaͤchſt vor das verſammelte Ordenskapitel vorzuladen. Von zwei Kom⸗ thuren herbeigeholt erſchien dieſer vor ſeinen Richtern und hörte noch einmal die Anklagen und Beſchuldigungen, um derentwillen man ihn entſetzt, mit Ruhe und Wuͤrde an. Darauf vertheidigte er ſich mit Offenheit und Nachdruck und entſagte nun freiwillig dem Amte, aus dem man ihn be⸗ reits verſtoßen hatte.) Keine Bitte ging uͤber feinen Mund; er fühlte, daß ihm kein gluͤcklicher Stern im Leben mehr leuchte. Zwei Tage darauf, am neunten Januar trat man zur Wahl des neuen Meiſters zuſammen; fie fiel einftimmig auf den bisherigen Ordensmarſchall Michael Kuͤchmeiſter von Sternberg, dem alsbald auch Heinrich von Plauen Gehor⸗ ſam leiftete. 2 ſabeth 1413, wo es heißt: Ouch habe ich gewiſſe Nachricht, wy der konik van Polan al ſin Dynk darnach richtet und wyl nach Oſtern wedder kriegen mit unſerm Orden u. ſ. w. 1) Man gab dieß nachmals für eine freiwillige Entſagung aus, was feine Vettern in einem Schreiben an den Markgrafen v. Meißen vom J. 1415 (Schbl. LXIX. 78) ſehr beſtritten. 2) Lindenblatt S. 270. Der Chroniſt ſcheint den Sonntag nach Epiphania als den Wahltag anzunehmen, womit auch das Verzeich⸗ niß der Hochmeiſter bei Lindenblatt S. 364 übereinſtimmt. Der neue HM. ſelbſt aber ſagt in einem Schr. an den König v. Polen, er ſey erwaͤhlt worden „eyntrechteclichen am Dinſttage infra Octavas Epi⸗ phany und im Rgſtr. III. p. 201 ſteht die Bemerkung: Elcetus est fra- ter Michael Kuchmeister in Magistrum generalem feria tertia post Epiphanie dom. anno XIII. Da nun auch Lindenblatt a. a. O. anfuͤhrt, daß am Dienſtage nach Epiphania Heinrich v. Plauen dem neuen
Scanseite 240 · Druckseite 227
Verhaͤltniſſe des Ordens zum Könige von Polen. (1444.) 227 Michael Kücjmeifter von Sternberg, dem urſpruͤnglich Fränkiſchen Geſchlechte dieſes Namens entſproſſen, trat aller⸗ dings nicht ohne reiche Erfahrung in fein hohes Amt. Zu⸗ erſt im Jahre 1396 dem Pflegeramte in Raſtenburg vor⸗ ſtehend, kam er bald als Hauskomthur nach Rhein, ging aber ſchon 1399 in ſein erſtes Amt wieder zuruͤck, von wo er nach einigen Jahren als Kompan des Komthurs von Balga verſetzt ward.) Darauf wurde er zum Vogt von Samaiten ernannt, welches ſchwierige Amt er vier Jahre lang verwaltete, bis ihn der Abfall der Samaiten dort aus dem Lande vertrieb.?) Auf kurze Zeit Vogt der Neumark, ging er im Jahre 1408 in ſein fruͤheres Amt nach Samaiten wieder zuruͤck und verwaltete es noch zwei Jahre, worauf ihm abermals die Vogteiverwaltung der Neumark uͤbertragen ward. In dieſem Amte während der Schlacht bei Tannen⸗ berg hatte er an dem Kampfe nicht Theil genommen, fiel jedoch bald darauf noch im Jahre 1410 bei einer Kriegs⸗ unternehmung gegen Krone als Gefangener in die Hände der Polen. Noch waͤhrend dieſer Gefangenſchaft uͤbertrug ihm Heinrich von Plauen im Novemb. des Jahres 1410 die Würde des Ordensmarſchalls, welche er bis zu feiner Meiſterwahl verwaltete. ) Allein trotz dieſer vieljährigen Amtsverwaltung in der HM. Gehorſam zugeſagt habe und nicht abzusehen iſt, warum dieß erſt zwei Tage nach der angeblichen Wahl geſchehen ſeyn follte, fo findet hier beim Chroniſten wohl ein Mißverſtändniß Statt und der neunte Ja⸗ nuar (nicht der Ste, wie bei Lindenblatt S. 364 in der Anmerk. ſteht) iſt der eigentliche Wahltag. I) Das Aemterbuch nennt ihn um Jacobi 1396 als Pfleger von Raſtenburg, eine Orig. Urk. d. in coena domini 1397 als Hauskom⸗ thur zu Rhein; eine Orig. Urk. d. Palmar. 1399 wieder als Pfleger von Raſtenburg, eine andere, d. Palmtag 1401 als Kompan des Kom⸗ thurs v. Balga Ulrich von Jungingen. 0 2) In einer Verhandlung mit dem Könige von Polen im J. 1414 im Fol. C. p. 16 giebt er die Zeit feines Amtes in Samaiten ſelbſt auf vier Jahre an. 3) S. oben S. 121. 127. 15 *
Scanseite 241 · Druckseite 228
228 Verhaͤltniſſe des Ordens zum Könige von Polen. (1414.) verſchiedenſten Lage ſcheint er den König von Polen in fei: nem ganzen Weſen und Treiben keineswegs begriffen zu haben, wenn er glauben konnte, ihn durch demuͤthige Be⸗ zeugung ſeiner Friedſamkeit zu gleich friedlichen Geſinnun⸗ gen umſtimmen zu konnen. „Wir bitten euere großmaͤch⸗ tige königliche Gnade,“ ſchrieb er ihm bei der Meldung ſeiner Erhebung ins Meiſteramt, „daß ihr uns und unſern Orden euch laſſet beſtens empfohlen ſeyn; geruhet nach dem Adel euerer großmaͤchtigen Mildigkeit unſere Perſon mit unſerem Orden in die Bande euerer Liebe und Freund⸗ ſchaft mit guͤnſtigem Willen zu ſchließen.“ ) Bald indeß machte der Meifter die Erfahrung, daß des Koͤniges Haß und Feindſchaft gegen den Orden durch Heinrichs von Plauen Entſetzung nicht im mindeſten geſuͤhnt ſeyen, denn aus Cremona, wo ſich zu Anfang dieſes Jahres der Roͤmi⸗ ſche Koͤnig aufhielt, meldete ihm ein vertrauter Diener, mit welchen gottloſen Schmaͤhreden und Beſchuldigungen der König von Polen den Orden durch Briefe und Bot⸗ ſchafter beim Papſte, am ganzen Roͤmiſchen Hofe, beim Roͤmiſchen Könige und andern Fuͤrſten zu laͤſtern und zu verleumden fortfahre; man gebe vor, der Orden habe ſelbſt waͤhrend des Friedens nicht nur Polniſche Kaufleute ohne Anlaß aufgegriffen und ausgepluͤndert, ſondern ſogar Pol⸗ niſche Frauen beraubt und jaͤmmerlich ermordet, ja ſelbſt Kinder an der Mutterbruſt erwuͤrgt und den Ermordeten nicht einmal ein Grab vergoͤnnt, vielmehr fie den Hunden und Voͤgeln zum Fraße auf freiem Felde liegen laſſen; man habe ehrbare Frauen aus Polen mit Frevel aufgefangen und J) Schr. des HM. an den König v. Polen, d. Marienb. Freit. vor Antoni 1414 Rgſtr. II. p. 25. Aehnliche Briefe, doch mit einigen Zuſätzen erließ der HM. auch an die Könige von ungern und Böhmen, an die geiſtlichen Kurfuͤrſten, viele andere deutſche Fuͤrſten und Biſchöfe. Er ſagt darin auch: Sunderlich geruchet czu wiſſen, das der Alde Ho⸗ meiſter unſers Ordens uns vor dem ganczen Capittel hat gethan ſynen gehorſam und wir uns wedir mit Im in fruͤntlicher eynunge liplichen haben geſlichtet.
Scanseite 242 · Druckseite 229
Verhältniſſe des Ordens zum Könige von Polen. (1414.) 229 auf den Ordensburgen geſchaͤndet, die Kirchen zu Leſlau und Gneſen ihrer Guͤter beraubt und überhaupt Polen und beſonders Maſovien während des Friedens fort und fort mit Einfällen und Pluͤnderungen heimgeſucht u. ſ. w.; wegen ſolcher und ähnlicher Verbrechen verlange der König und der Großfürft beim Papſte und dem Römifchen Koͤnige einen Urtheilsſpruch uͤber die Strafe, in welche der Orden wegen des Friedensbruches verſallen fey. D Die Folge die⸗ ſer Klagen aber gegen den Orden war eine Vorladung des Römiſchen Koͤniges, nach welcher der Koͤnig, der Großfuͤrſt, die Herzoge von Stolpe und Maſovien, ſowie der Hoch⸗ meiſter mit ſeinen vornehmſten Gebietigern am zehnten April vor den vom Nömifchen Könige beſtellten Richtern, unter denen auch Benedict von Macra war, zu Ofen zu erſchei⸗ nen, dort den Ausſpruch über die früher noch nicht ent⸗ ſchiedenen Punkte vernehmen und über die neuerhobenen Klagen das Richterurtheil erwarten ſollten. ) Mittlerweile widmete der Hochmeiſter die erſte Zeit ſei⸗ ner Verwaltung theils der beſſern Anordnung der innern Landesverhoͤltniſſe, theils der Sorge, alles zu beſeitigen, was nur irgend den Frieden im Innern oder nach außen⸗ hin ſtoren konnte. Sogleich beim Antritte ſeines Amtes hatte er auf Bitten der Staͤnde manche loͤbliche Verord⸗ nung und Zuſicherung ſowohl in Betreff der Rechtsverhaͤlt⸗ niſſe, der Freiheiten und Gerechtſame der Städte, als in 1) Schr. des Nicolaus von Marienwerder, Schreiber des Röm. Königes, an den HM. d. Cremona Mont. nach Epiphan. 1414 Schbl. XXI. 144. 2) Das Citationsſchreiben des Rom. Königes, d. Cremone quinta decima mensis Januar. 1414 in Abſchrift Schbl. XXI. 67. Es muß hiebei bemerkt werden, daß „die glatten Worte“ des Koͤniges, womit er, wie Kotzebue B. II. S. 161 vgl. S. 405 ſagt, den neuen HM. zu fahen verſuchte, keineswegs an Michael Küchmeiſter, ſondern an Heinrich von Plauen gerichtet ſind und wie die Briefe im Fol. D- p. 133 u. 154 klar ausweiſen, den J. 1411 u. 1412 angehören. Bgl. ein Schr. des HM. an den Procurator in Rom im Rgſtr. IV l. p. %
Scanseite 243 · Druckseite 230
230 Verhaͤltniſſe des Ordens zum Könige von Polen. (1414.) Beförderung des Handels und der Gewerbe gegeben; D er kam mit dem Landesrath uͤberein, daß im ganzen Lande glei⸗ ches Maaß und Gewicht gelten ſolle, 2 beſtaͤtigte den ſchon vor ſeiner Wahl gefaßten Beſchluß uͤber den Preis des Sil⸗ bers und die Guͤltigkeit der von Heinrich von Plauen ges ſchlagenen Münze u. ſ. w. 9 Vor allem lag ihm auch die Ausgleichung mit dem Biſchofe von Ermland ſehr am Her- zen; allein ungeachtet der Vermittlung der drei andern Bi⸗ ſchoͤfe und feiner Zuſicherung, allen Streit in Güte beizu⸗ legen und alles zum Kirchengute Gehoͤrige wieder einzu: raͤumen, gluͤckte ſie ihm dennoch nicht.“ Auch in der Neumark beſchaͤftigten den Hochmeiſter manche beſorgliche Verhaͤltniſſe, denn ein großer Theil der Mannen und Staͤdte verweigerten dort dem Ordensvogt die Huldigung, vorge⸗ bend, der Orden habe ſeine Zuſage, die Landesprivilegien nicht zu verkürzen, ſondern vielmehr zu verbeſſern, mit nichten gehalten, ja ſogar drohend, den Orden deshalb beim Römiſchen Könige zu verklagen.) Die Sicherung des Friedens nach außen betreffend, ſo ward auf einem Ver⸗ handlungstage zwiſchen dem Meiſter und dem Herzoge von Stolpe alles gefühnt und ausgeglichen und auch das Stift Camin in den Frieden mit aufgenommen. Man faßte da⸗ her auch jetzt feſteres Vertrauen zu des Herzogs friedliche 1) Dieſe Verordnungen ſpeciell in Hanſcat. Receſſ. II. p. 569 u. in Recess. Hanseat. an. 1414. 2) Schr. des HM. an die Komthure, d. Marienb. am T. Agnes 1414; die Beſchlüſſe wurden gefaßt „mit den Gebietigern, den Wege⸗ ſten des Landes und den Aelteſten der Städte,’ 3) Die Beſtimmung der Gebietiger hierüber, d. Mont. vor Marz tini 1413 Rgſtr. III. 4) Schr. der Biſchöfe an den v. Ermland, d. Marienb. XII dio Januar. 1414 Rgſtr. II. p. 25. Der HM. ſtellt für den Biſchof mehr⸗ mals ſichere Geleitsbriefe aus, Rafir. IV. p. 6. 12; der Biſchof Arnold von Culm und der Komthur von Thorn hatten den Auftrag, den Bi⸗ ſchof bis zum HM. ſicher zu geleiten. 5) Schr. des Vogts der Neumark, d. Soldin Sonnab. vor Remiiſ. 1414.
Scanseite 244 · Druckseite 231
Der Verhandlungstag zu Grabau. (1414.) 231 Geſinnungen.) Auch mit dem Könige von Polen und dem Großfuͤrſten ſtand der Meiſter noch fort und fort in Unterhandlungen zur Beſeitigung der obwaltenden Itrun⸗ gen; allein hier fanden feine Erbietungen nicht fo leicht Ein⸗ gang, denn fo ſehr er ſich auch bemühte, Witowds Freund⸗ ſchaft zu gewinnen, ſo wollte dieſer doch bald wieder in des Meiſters Briefen manchen „mißlautenden Ton“ gegen ihn gefunden haben. Die Vorladung des Röm. Königes zum Richttage nach Ofen, dem Hochmeiſter vom Könige von Polen gewiß ab⸗ ſichtlich ſehr ſpaͤt zugeſandt, war fuͤr jenen um ſo mehr be⸗ fremdend, weil ihm von erſterm vor kurzem erſt nicht nur die regſte Theilnahme am Wohlergehen des Ordens, ſondern auch der Wunſch bezeugt worden war, daß es auf dem mit dem Könige von Polen aufgenommenen Verhandlungstage zur friedlichen Ausgleichung aller Streithaͤndel kommen mö⸗ ge.) Dieſe freundliche Erklärung des Roͤmiſchen Koͤniges, ſeine ernſte Ladung nach Ofen und der Zweck des Verhand⸗ lungstages mit dem Könige von Polen ſchienen dem Hoch⸗ meiſter durchaus unvereinbar; meinend, daß dies alles wie⸗ der nur ein argliſtiges Werk des letztern ſey, 9 meldete er dem Römiſchen Könige feine große Verlegenheit in Ruck 1) Schr. des HM. an den Herzog v. Stolpe, d. Brandenburg Donnerft. vor Lätare 1414 Rgſtr. IV. p. 3. 2) Schr. des HM. an Witowd, d. Marienb. Sonnab. vor In⸗ vocavit u. Elbing Donnerft. vor Judica 1914 Raſtr. IV. p. J. 4 — 5. Witord ſcheint es übel genommen zu haben, daß der HM. 1000 Mark zur Sprache brachte, die jener dem Orden ſchuldete. 3) Schr. des Rom. Königes, d Scravall bei Janaw ( Genua) Mittw. vor Mitfaſten (1414) Schbl. IV. 8 u. Rgſtr. IV. 0 p. 6 — 7. Der König ſpricht darin äußerſt gütige Geſinnungen gegen den Orden aus; den HM. nennt er feinen lieben Gevatter. 4) Der HM. ſchreibt dem Procurator: Den Ladebriff, als wir merken, die Polan haben irworben, want die Date deſſelbigen briffes iſt XY tag Januarü und iſt uns durch des koniges von Polan heymlicher eynem an dem XIII tag Marci erſt vorkundiget.
Scanseite 245 · Druckseite 232
232 Der Verhandlungstag zu Grabau. (1414.) ſicht jener Vorladung,“ erklärte aber geradezu, daß wegen abſichtlich verzoͤgerter Zuſendung des Ladungsbriefes in ſo kurzer Friſt ſeine Bevollmaͤchtigten zu Ofen nicht erſcheinen konnten und ließ durch zwei Sendboten um Aufſchub des Tages bitten. 2 Zugleich nahm er in dieſer Bedraͤngniß ſeine Zuflucht auch zum Papſte Johannes XXIII., verthei⸗ digte ſeinen Orden gegen die ungerechten, auch am paͤpſt⸗ lichen Stuhle angebrachten Beſchuldigungen und Verleum⸗ dungen und empfahl ihn aufs Dringendſte ſeinem Schutze und Beiſtand. ) Allein hier war keineswegs mehr die kraͤf⸗ tige Sprache zu hören, die früher des Ordens Feinde fo oft in Furcht und Schrecken geſetzt, zumal bei der Verwir⸗ rung, wie ſie damals am paͤpſtlichen Hofe herrſchte, da uͤberdieß der Hochmeiſter es auch verſaͤumt hatte, wie ſonſt gewoͤhnlich war, bei ſeiner Wahl ſich durch Geſchenke und Ehrengaben der Gunſt und Geneigtheit des Papſtes und der Kardinaͤle zu empfehlen.“) Je naͤher nun aber der Verhandlungstag mit dem Koͤ⸗ nige heranruͤckte, um ſo mehr haͤuften ſich des Meiſters Beſorgniſſe, denn man erfuhr, Witowd laſſe bereits im Einverſtaͤndniſſe mit dem Könige auf dem Narew bewaff⸗ nete Mannſchaft nach Polen ſchiffen und habe in feinen Kan: den auch ſchon den Kriegsruf ergehen laſſen, damit, wenn der Erfolg der Verhandlungen des Koͤniges Wuͤnſchen nicht entſpreche, alles ſofort zu einem Einfalle in Preuffen bereit 1) Schr. des HM. an den Röm. König, d. Marienb. Freit, vor Judica 1414 Rgſtr. IV. p. 7. 2) Schr. bes HM. an den Erzbiſch. von Gran und ben Palatin v. Gara, d. Marienb. fer. VI ante Judiea 1414 Rgſtr. 6. 3) Schr. des HM. an den Papſt, d. Marienb. XXV die mensis Murtii 1414 Rgſtr. IV. p. 6 — 7. 2) Schr. des Procurators, b. Bologna Donnerſt. vor Palmar. (41414) Schbl. I. 117. Der Procurator macht ihn auf die Verſaͤumniß der alten Sitte aufmerkſam; bei jeder Meiſterwahl habe der Papſt ein Kleinod von 300 bis 400 Gulden an Werth erhalten u. ſ. w.
Scanseite 246 · Druckseite 233
Der Verhandlungstag zu Grabau. (1414.) 233 ſey. ) Es war bald nach Oſtern, als des Ordens Bevoll⸗ mächtigte, unter ihnen auch der Erzbiſchof von Riga, un⸗ ter des Königes Geleit nach dem Staͤdtchen Grabau ſuͤd⸗ waͤrts von Kaliſch zogen, wo der Tag Statt ſinden ſollte. Um dem Könige, der zu Brzeſc Hof hielt, ſeine friedlichen Geſinnungen zu bezeugen, erklaͤrte der Meiſter von Thorn aus: alles, was ihre Raͤthe auf dem Tage einhellig bes ſchließen wuͤrden, ſolle auch fein Wille ſeyn; der König werde ihn zu allem bereitwillig finden, worin er ihm ges fällig ſeyn könne. ) Dieſes Erbieten aber ſteigerte nur des Gegners Uebermuth, denn obgleich die Geſandten des Or⸗ dens ſich zu Gleich und Recht und zur genauſten Abwaͤgung alles gegenfeitigen Schadens bereit erklärten, ) fo traten ihnen des Koͤniges Raͤthe doch ſogleich mit den ungemeſſen⸗ ſten Anſpruͤchen entgegen: Pommern, das Kulmerland, das Gebiet von Michelau, die Gegend von Neſſau bis an den Fluß Coddau, wo ſich das Gebiet von Schwez und Polen ſcheide, dann Drieſen und Santock muͤßten dem Koͤnige eingeräumt werden, der Herzog von Stolpe im Beſitze fei- ner alten Graͤnzen bleiben und ihm, dem Koͤnige, den Biſchoͤfen von Leſlau und Ploczk, dem Herzoge von Maſo⸗ vien und dem Marſchall von Polen ſolle man allen Scha⸗ den erſetzen, den fie durch Raub und Brand an ihren ver⸗ heerten Gütern und vernichteten Dörfern erlitten; der Groß—⸗ fuͤrſt endlich muͤſſe bei ſeinen alten Graͤnzen gelaſſen, ihm fein Schaden erſetzt, dem Könige feine auf Soͤldnerwerbun⸗ gen verwandte Koſten verguͤtet und der vielfache Mord und Raub an Polniſchen Kaufleuten ausgeglichen werden. N Die Ordensbevollmaͤchtigten, an ihrer Spitze das Wort fuͤhrend der Erzbiſchof von Riga, beantworteten jede dieſer 1) Schr. des Pflegers v. Johannisburg, d. Johannisb. Freit. nach Oſtern 1414 Schbl. XVII. 122. 2) Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Thorn Sonnab. vor Miſericord. 1414 Rgſtr. IV. p. 9. 3) In einer offentlichen Bekanntmachung Schbl. 65. 2 giebt dieß der HM. als den eigentlichen Zweck der Tagfahrt an.
Scanseite 247 · Druckseite 234
234 Der Verhandlungstag zu Grabau. (1414.) unerhörten Forderungen und legten auch die Anfprüche des Ordens vor, vor allem daß er nach Ausweis des Friede⸗ briefes und des Ausſpruches des Roͤmiſchen Königes bei ſei⸗ nen alten Privilegien, Freiheiten, Landen und Beſitzungen bleibe.!) So gingen unter den Verhandlungen theils über dieſe Streitpunkte, theils Uber wechſelſeitige Klagen wegen Friedensbruch, bittern Vorwuͤrfen wegen Ungerechtigkeiten, harten Beſchuldigungen wegen wiederholter Untreue und Verletzungen an Landen und Leuten neun volle Tage dahin, ohne daß man dem Ziele des Friedens nur im mindeſten näher kam. ) Da traten die Näthe des Koͤniges, ein⸗ ſehend, daß der Orden in ihre Forderungen unter keiner Bedingung einwilligen werde, mit der Erklaͤrung auf: die Entſcheidung über den Beſitz Pommerns, Kulmerlands und der übrigen genannten Gebiete wolle man des Rom. Köoͤni⸗ ges Richterſpruche anheimſtellen; man verlange aber jetzt als des Königes und Witowds väterliches Erbe Samaiten und Sudauerland, fuͤr den Herzog von Maſovien die ihm früher vom Orden zugeſicherten Graͤnzen, fuͤr die Krone Polen alles Land jenſeits der Drewenz und Weichſel, na⸗ mentlich hier Neſſau, Morin und Orlau bis an die Pom⸗ meriſchen Grängen, ſodann alles zwiſchen Bromberg und Schwez bis an die Coddau, fortan das Land bis an die Drage und von dieſer herab bis an die Warte, uͤberdieß Drieſen und Santock; endlich ſolle der Orden dem Könige auch die Burg Slottorie wieder aufbauen, wie ſie fruͤher geweſen. Erſt wenn dieſes alles bewilligt fey, werde man 1) Die Verhandlungen zu Grabau ſtehen ſehr vollftändig im Fol. C.; die Abfaſſung geſchah gleichzeitig, wie p. 7 ausdruͤcklich geſagt wird. Der HM. berichtet den Verlauf der Verhandlungen auch ſelbſt in zwei Schreiben an den Röm. König, d. Thorn Sonnab. vor Cantate 1414, und an die Meiſter von Livland und Deutſchland, d. Thorn Mont. nach Cantate Ngſtr. IV. p. 8 u. 12. Die Vergleichung mit dieſen Quellen ergiebt, daß Lindenblatt S. 270 feinen Bericht ſehr zuſammengezo⸗ gen hat. Von Samaiten verlautet bei ihm gar nichts. 2) Darüber die weitläuftigen Verhandlungen im Fel. C. p. 9 — 14.
Scanseite 248 · Druckseite 235
Der Verhandlungstag zu Grabau. (1414.) 235 auf gegenſeitige Ausgleichung des Schadens eingehen. 1) Der Orden mußte natuͤrlich auch dieſe Forderungen ohne weiteres zuruͤckweiſen; man bat umſonſt um mildere Be⸗ dingungen zur Befeſtigung des Friedens. Auch der Koͤnig beharrte feſt bei dem, was in ſeinem Namen gefordert war. Es fand zwiſchen ihm und dem Hochmeiſter auf des letztern Bitte eine perſönliche Zuſammenkunft auf einer Inſel im Weichſel⸗Strom bei Raczianz Statt; allein trotz aller weit⸗ lauftigen Verhandlungen kam der Konig immer wieder auf die Erklaͤrung zuruͤck: es ſolle alles dem Ausſpruche des Röm. Koͤniges anheimgeſtellt ſeyn; vorerſt aber wolle er bei ſeinem Rechte bleiben. Auf des Meiſters Erbieten, ihm Samaiten völlig und ewig abzutreten, gab er keine weitere Antwort und einen andern Verhandlungstag wies er ohne weiteres zuruck. Alſo blieb der Tag zu Grabau ohne allen Erfolg. >? Bis einige Wochen nach Johanni hatte der Koͤ⸗ nig in die Verlängerung des Beifriedens gewilligt, denn bis dahin ſollte der Ausſpruch des Roͤm. Koͤniges erfolgen. Allein der Hochmeiſter ahnete ſchon jetzt, daß Krieg die Entſcheidung geben ſolle, denn man wußte wohl, daß ſelbſt des Koͤniges Raͤthe erklaͤrt hatten: werde der Orden je wies der zu Kräften kommen, fo werde er an Polen die nach⸗ druͤcklichſte Rache üben; man muͤſſe ihn daher immer mehr ſchwaͤchen und nie wieder emporkommen laſſen. 9 Da milde Worte und friedliche Erbietungen des Koͤni⸗ ges ſtarren Sinn bisher nicht gebeugt, ſo nahm der Mei⸗ 1) Fel. C. p. 14. Oeffentliche Bekanntmachung des HM. d. Ki⸗ ſchau Mittw. vor Pfingſt. 1414 Schbl. 65. 2. Schr. des HM. an die Meiſter v. Livland und Deutſchland a. a. O. 2) Auch dieſe Verhandlungen in großer Ausführlichkeit im Fol. C. p- 15 — 17. Das Geſpräch zwiſchen dem HM. und dem Könige iſt hier wortlich aufbehalten. Lindenblatt S. 271 — 272. 3) Lindenblatt S. 272. Die Beſorgniß, daß es zu Krieg mit dem Könige kommen werde, ſprach der HM. in Briefen an die Meiſter en Deutſchland und Livland und in der ſchon erwähnten öffentlichen Bekanntmachung mehrmals aus; Schbl. 65. 2.
Scanseite 249 · Druckseite 236
236 Neue feindliche Stellung Polens gegen den Orden. (1414.) ſter jetzt eine ungleich entſchiedenere und nachdruͤcklichere Sprache an, denn da ſchon nach wenigen Tagen bei Stras⸗ burg und Morin von Polniſchen Hauptleuten an Ordens⸗ brüdern und Unterthanen des Meiſters neue Gewaltthaten ohne Scheu und Schaam veruͤbt wurden, ſo wandte ſich jener in einem aͤußerſt ernſten Schreiben an den König. „Wir haͤt⸗ ten wohl gehofft, hieß es darin, daß ihr ſolche Gewalt, Ue⸗ bermuth und Unrecht, die uns von den Euern bewieſen find, nicht verhängen ſolltet. Jetzt erkennet ſelbſt, ob Sche⸗ lung und Zwietracht in Nichthaltung des Friedens nun von euch oder von uns entſproſſen iſt. Nehmet zu Herzen, daß uͤber uns forthin nicht mehr ſolche Gewalt und ſolcher Ue⸗ bermuth verhängt werde und den unſern für Schmach und Schaden Genugthuung geſchehe; wo nicht, ſo koͤnnen wir es nicht länger dulden.“ !) Der König, über dieſe ernſte Sprache allerdings betroffen, ſuchte zwar auf guͤtlichen We⸗ gen einzulenken, erklaͤrend, daß ſein ganzes Streben ſtets nur auf Friede und auf Sicherheit der Unterthanen des Or⸗ dens gerichtet ſey. Allein der Meiſter ward nur zu bald überzeugt, daß der König ihn durch ſuͤße Worte über feine Umtriebe zu taͤuſchen ſuche; denn er erfuhr aufs beſtimm⸗ teſte, der König ſey entſchloſſen, bei irgend unguͤnſtigem Ausfalle des Richterſpruches den Orden mit ſeiner ganzen Kriegsmacht zu uͤberziehen. Auf dieſen drohenden Sturm mußte ſich jetzt der Hoch⸗ meiſter auf jede Weiſe vorbereiten. Er wandte ſich eiligſt um Huͤlfe an den Herzog von Holland? und an mehre an⸗ dere Fuͤrſten, ließ in Oeſterreich und überall fo viel als möglich Soldner werben und im Lande ſelbſt mit aͤußerſter Anſtrengung zum Kriege ruͤſten. Vom Ordensmarſchall er⸗ 1) Schr. des HM. an den König v. Polen, d. Rheden Donnerſt. nach Stanislai 1414 Agſtr. IVb. p. 11. Die Antwort des Königes, d. In Juveni Wladislavia XII-mensis Maji 1414 ebend. p. 15. 2) Schr. des HM. an den Herzog v. Holland, d. Meſelanz Sonnab. vor Himmelfahrt 1414 Rgſtr. IV. p. 17; er ſtellt dem Herzog vor, daß bei des Koͤniges Ländergier ein Krieg unvermeidlich ſeyn werde.
Scanseite 250 · Druckseite 237
Neue feindliche Stellung Polens gegen den Orden. (1414.) 237 ging an die Pfleger in der Wildniß und an die Komthu⸗ re von Rhein, Ragnit, Memel u. a. der Befehl, die Land⸗ wehren, Haine und Schlaͤge aufs beſte in Stand zu ſetzen, die Wehranſtalten in Ordnung zu halten, Warten und Wa⸗ chen ſtaͤrker zu bemannen und die Burgen mit Lebensmit⸗ teln reichlich zu verſorgen. ) Die Rüftungen wurden bes ſchleunigt, als man aus Ofen durch die Sendboten des Ordens die Nachricht erhielt: man werde im Richterſpruche den Forderungen des Polniſchen Koͤniges in keiner Weiſe nachgeben, da man dort überzeugt ſey, daß er durchaus kein Recht dazu habe. 9 Aber nicht minder thaͤtig bereite⸗ ten ſich auch Witowd und der Koͤnig zum Kampfe vor. Jener hatte, wie wir hoͤrten, ſeine ganze Kriegsmacht be⸗ reits zuſammengezogen, nur noch auf des Koͤniges Wink wartend; dieſer ließ während eiligſter Ruͤſtungen im Reiche zugleich in Boͤhmen, Maͤhren, Meißen, Schleſien, ſelbſt in der Mark bedeutende Mannſchaft werben. Er ſchien mit einem Hauptſchlage die Herrſchaft des Ordens jetzt vol⸗ lig vernichten zu wollen; man meinte auch ſelbſt im Aus⸗ lande, fein Ziel könne jetzt kein anderes ſeyn, als den Or⸗ den aus Preuſſen für immer zu vertreiben oder ihn bis zur Ohnmacht niederzudrücken. Mehre Fuͤrſten und Reichsgroße Deutſchlands drangen daher mit allem Nachdruck in den König Sigismund: er moge ſich jetzt der Erhaltung des Ordens mit Ernſt und Eifer annehmen, damit nicht deſſen Untergang auf ſeine Zeit unvertilgliche Schmach und Schan⸗ de bringe. ) An ihn wandte ſich auch der Hochmeiſter 1) Schr. des Ordensmarſchalls an den HM., d. Köͤnigsb. Dienſt. nach Cantate (1414) Schbl. LAXIV. 141. 2) Schr. des Kompans Joſt Hohenkirch, d. Ofen 14. Mai (1413) Schbl. XXI. 152. 3) Schr. des Kompans Joſt Hohenkirch, d. Ofen Sonnt. vor Pſingſt. 1414 Schbl. XXI. 148. Einige andere Briefe dieſes Kompans geben auch Nachricht von ſeinen dortigen Verhandlungen mit den Polni⸗ ſchen Geſandten, beſonders dem Marſchall des Köͤniges, Schbl. XXI. 138. 153.
Scanseite 251 · Druckseite 238
238 Neue feindliche Stellung Polens gegen den Orden. (14140 ſelbſt mit der dringendſten Bitte, „den Orden, den des Reiches Haupt bisher ſo gnaͤdiglich unter dem Fluͤgel ſeiner Beſchirmung erhalten, vom Untergange zu retten und beim Könige als Vermittler einzutreten, denn,“ ſchrieb ihm der Meiſter, „Gott weiß, allen meinen Troſt trage ich nur noch zu euch.“ “ Die Lage des Hochmeiſters aber ward noch ungleich bes denklicher durch folgende Verhaͤltniſſe. Der alte Meiſter Heinrich von Plauen hatte bisher nicht nur unter den Or⸗ densrittern mehrer Konvente, ſondern ſelbſt auch unter den Komthuren manchen Anhänger und Freund gehabt,? und es war ihm und feinem Bruder, der jetzt Pfleger zu Loch— ſtaͤdt war, dadurch um fo leichter geworden, während der Verhandlungen zu Grabau mit dem Koͤnige von Polen in heimliche Verbindung zu treten. Sey es, daß Rachſucht gegen ſeine ungerechten Richter, oder Zorn wegen des ſchnoö⸗ den Undankes feiner Gegner, beſonders des jetzigen Hoch meiſters die Seele Heinrichs entflammte oder daß er viel⸗ leicht ſtrebte, ſich ſelbſt wieder an die Spitze des Ordens zu ſtellen: er hatte nicht nur bereits einige Soͤldnerhaufen fir den Plan gewonnen, ſich der Ordensburg Neſſau zu bemächtigen, ) ſondern durch heimliche Briefe auch dem Könige von Polen mancherlei kund gethan, was dieſen ver⸗ 1) Schr. des HM. an den Röm. König, d. Mewe Mont. vor Pfingſt. 1414 Rgſtr. IV“. p. 16. IV. p. 15. Ebendaf. p. 14 auch ein Schr. des HM. an den Burggrafen von Nuͤrnberg. 2) Dieß ſagt Lindenblatt S. 277 ganz deutlich. Wir haben uber die nachfolgenden Begebenheiten mehre Berichte, aber freilich alle von HM. Heinrichs Gegner, gerichtet an den Deutſchmeiſter, an einen Landkomthur, an den Burggrafen Friederich v. Nurnberg u. a. im Rgſtr. V. p. 18 — 19; in einigen ſetzt er die Urſachen der Amtsent⸗ ſetzung Heinrichs auseinander; vgl. Lindenblatt a. a. O. 3) Der HM. ſagt ſelbſt, „das der Aldemeiſter mit den geſten, die hie im lande ſein geweſt, hat obireyn getragen, das ſie dem Orden das huws czu Neſſow wolden empfremdet haben. Nach Lindenblatt a. a. O. ſollte der König ins Kulmerland einbrechen, wo man ihn etliche Häuſer habe eingeben wollen.
Scanseite 252 · Druckseite 239
Neue feindliche Stellung Polens gegen den Orden. (1414.) 239 anlaßt hatte, heimlich eine Botſchaft an ihn nach Engels⸗ burg zu ſenden. Der Hochmeiſter, von dem allen bald unterrichtet, v wollte Heinrichen auf der Stelle feines Kom⸗ thuramtes entlaffen, leitete jedoch auf feiner Gebietiger Rath zuvor eine genauere Unterſuchung ein. Man kam den wich⸗ tigſten Theilnehmern auf die Spur und wollte entdeckt ha⸗ ben: die beiden Plauen ſeyen es vorzuͤglich geweſen, die den gluͤcklichen Ausgang des Tages zu Grabau verhindert, indem ſie den Plan gehabt, ſich zum Koͤnige zu fluͤchten und durch ihn zu bewirken, daß Heinrich von Plauen als Hochmeiſter wieder an die Spitze des Ordens geſtellt wer⸗ de. 2 Wie dem auch ſey, in einem verſammelten Kapitel der Gebietiger ward auf des Hochmeiſters Vortrag Heinrich von Plauen ſeines Amtes zu Engelsburg entſetzt und in das Haus zu Brandenburg gebracht, wo ihm ein einſames Gemach mit der noͤthigen Dienerſchaft zugewieſen wurde.) Mittlerweile war fein Bruder, nachdem er fein beſtes Ge— raͤthe von Lochſtaͤdt heimlich hinweggebracht, ſich durch Kauf: leute einen Wechſel verſchafft und feine goldenen und ſil⸗ bernen Gefäße, die er in Danzig bei einigen Einwohnern verſteckt gehalten, einem Moͤnche uͤbergeben hatte, um ſie aus dem Lande zu tragen, ® in heimlicher Nachtreiſe ent- flohen, uͤber die Neide gegangen und von einem Polni⸗ ſchen Geleitsmanne geführt, in fremde Kleider gehuͤllt, in Maſovien angekommen, wo vierzig vom Könige ausgeſandte I) Nach Kotzebue B. III. S. 150 ſoll der Biſchof von Leſlau, dem der König die Sache mitgetheilt, den HM. benachrichtigt haben; die Berichte wiſſen jedoch nichts davon. 2) Wir haben dieſe Nachricht freilich nur durch den HM., der be⸗ richtet: während des Verhandlungstages mit dem Könige „der Aldemei⸗ ſter und ſin Bruder hinder uns haben getedinget, alſo das ſie beyde, dorczu ſie auch gancz geſchicket woren, czum konige woldin ſin geczogin, der den Aldenmeiſter welde weder haben ingebracht; vgl. auch Dlugoss. p. 348. 3) Lindenblatt a. a. O. 4) Lindenblatt S. 278. Bericht des HM.
Scanseite 253 · Druckseite 240
240 Neue feindliche Stellung Polens gegen den Orden. (1414.) Reiter ſeiner warteten und ihn auf einem Wagen zum Kos nige fuhrten.) Dieſer ließ ihm ſofort ein Ordenskleid an⸗ fertigen, um ihn in feinen Planen und Umtrieben gegen den Orden als Kundſchafter zu gebrauchen. An ihm hatte alſo jetzt der König einen Mann, der erfüllt von gluͤhen⸗ dem Haſſe gegen den Hochmeiſter bei ſeiner Kenntniß aller Berhältniffe des Ordens und des Landes, ihm bei feinen Unternehmungen von der groͤßten Wichtigkeit ſeyn konnte. Der Hochmeiſter ließ nun zwar den Koͤnig ernſtlich auffor⸗ dern, ihm den fluͤchtigen Ordensbruder auszuliefern; allein er erhielt darüber nicht einmal eine Antwort. ® Das Schickſal des entſetzten Meiſters aber erregte ge— rade um dieſe Zeit auch in Deutſchland außerordentliches Aufſehen und erzeugte uͤberall eine ſehr mißliche Stimmung gegen den Orden, denn Heinrichs Freunde und Verwandte, beſonders der junge Reuß von Plauen und Graf Albrecht von Schwarzburg waren aufs eifrigfte bemuͤht, an den be— deutendſten Fürftenhöfen das Verfahren der Ordensgebieti⸗ ger gegen ihren Vetter als die gottloſeſte und ungerechteſte Gewaltthat und als eine Schandthat bloßer herrſchſuͤchtiger Willkühr darzustellen, woran beſonders, wie ſie vorgaben, der Erzbiſchof von Riga mit Theil genommen. Mochte der Hochmeiſter immerhin auch alles aufbieten, ſich uͤber die Sache zu rechtfertigen und durch Zeugniſſe aller feiner Ge— bietiger in offenen Schreiben an die Fuͤrſten und Stande des Reiches und den Erzbiſchof nicht nur von aller Mit⸗ wirkung bei Heinrichs Entſetzung frei zu ſprechen, ſondern dieſe auch ſelbſt als eine durchaus ordnungsmaͤßige, gerech⸗ te, geſetzliche, und für das ganze Heil des Ordens und des Landes nothwendige Maaßregel darzuſtellen; ) Heinrichs 3) Schr. des HM. an den Livländ. Meifter, d. Marienb. am Abend Petri u. Pauli 1414 Ngſtr. IV. p. 29. Diugoss. p. 347. 2) Schr. des HM. an den König v. Polen Rofir. IVb. p. 20 u. das erwähnte Schr. an den Meiſter v. Livland a. a. O. 3) Schr. des HM. d. Marienb. Donnerſt. des 8ten Tags Corper. Ghrifti 1414 Agſtr. IV. p. 20 — 27.
Scanseite 254 · Druckseite 241
Neue feindliche Stellung Polens gegen den Orden. (1414) 241 Freunde wurden dadurch keineswegs zum Schweigen gebracht und die Sprache ihres Unmuthes und ihres Zornes fand zum großen Nachtheile des Ordens auch häufig leicht Gehor. Dazu kamen noch die ſchrecklichen Schmaͤhungen mancher Fuͤrſten und Ritter gegen den Orden, denen ihr Sold nicht gehoͤrig entrichtet worden war. Nannte doch z. B. der Herzog Johannes von Muͤnſterberg die Ordensritter vor aller Welt verboſte Verraͤther, falſche Schelme, die ihn mit loſen und falſchen Worten belogen und betrogen u. ſ. w. Auch der Koͤnig von Polen that hiezu das Seinige. Es liefen von ihm Klagbriefe aus, worin er dem Orden nicht nur eine Menge von Graͤuelthaten und Verbrechen aufbuͤrdete, wodurch er den Frieden verletzt habe, > ſondern deſſen ganzes bisheriges Verhalten gegen ihn mit den ſchwaͤr⸗ zeſten Farben ſchilderte, ſeinen außerordentlichen Schmerz bezeugend, daß er mit den Kreuzrittern keinen feſten Fries den bewirken konne. In Schreiben an den Hochmeiſter ſelbſt beſchwerte er ſich aufs bitterſte uͤber den an den Sei⸗ nen begangenen Raub, Verheerung ſeiner Lande, Einfaͤlle der Ordensritter in ſeine Graͤnzen und den an ſeinen Unter⸗ thanen veruͤbten Mord, vor allem aber uͤber die Raubſucht des Vogts der Neumark, woraus er, wie er hinzufuͤgte, ſchlieſſen muͤſſe, daß die Gerüchte von der Werbung ſo vie⸗ ler Soldtruppen fuͤr den Orden wohl gegruͤndet ſeyen und — 0. 1) Lindenblatt S. 2873 das Original des Schreibens Schbl. IX. 38 vgl. mit einem Mahnbriefe nr. 37. 2) Schr. des Königes v. Polen, d. in Costan feria tertia proxima ante festum s. Johannis Bapt. 1414 Rgſtr. IVC. p. 23 — 26. Gleich im Anfange ſagt der König: Ingens dolor nostra irajecit prevordia, quod cum predictis Crueiferis duleis concordie auspicia, cui tante di- ligencie operam prestitinus „ miuime consequi potuimus, quod ab ipsis nunquam sperabamus iminere, ex quo semper nos omni equalitali et iusticie subjecimus; nam inter omnia nobis odiosa dissensiones et pre- lia, que christiane fidei multa pariunt detrimenta, aspernamur, quo autem et àqualia nobis irrogarunt dispendia et cum quanla ea mansue- tudine pertulimus louge sermonis scemate non possunt exarari. VII. 16
Scanseite 255 · Druckseite 242
242 Neue feindliche Stellung Polens gegen den Orden. (144.) man damit umgehe, in ſein Reich einzufallen.) Der Hoch⸗ meiſter betheuerte zwar ſeine fortdauernden friedlichen Ge⸗ ſinnungen, erbot ſich zu einem neuen Verhandlungstage und zur Ausgleichung der Mißhelligkeiten durch. den Ausſpruch ausländifcher Fuͤrſten;?) allein da der König des Hochmei⸗ ſters Botſchafter, den Biſchof von Kulm und Komthur von Schoͤnſee nicht einmal vor ſich kommen ließ und auf jenes Erbieten des Meiſters auch keine Antwort ertheilte, vielmehr bald darauf einen Ordensſendboten, der zum Rom. Könige ziehen ſollte, aufgreifen und zu Poſen in einen finſtern Thurm werfen ließ,“ fo richtete jetzt der Hochmeiſter die offene und gerade Frage an ihn: ob er ſich Kriegs oder Friedens von ihm zu verſehen habe? Die Antwort gab der Koͤnig dadurch, daß er an der Spitze einer ſtarken Kriegsmacht herauf nach Tancziz zog und von dorther an die Staͤnde Preuſſens eine Klagſchrift erließ, worin er fie, nach Aufzählung der Miſſethaten und Ungerechtigkeiten in Ermordung und Pluͤnderung Polniſcher Kaufleute, aufforderte, den Hochmeiſter und ſeinen Orden zu hinreichender Genugthuung fuͤr alle erlittenen Verluſte und Beleidigungen zu bewegen. ) Durch ein aͤhnliches Schreiben verſuchte er es, die Ritterſchaft und den Adel des Kulmerlandes, ſowie die Staͤdte Thorn, Elbing, Danzig und Königsberg gegen den Orden zu verlocken. Ihre kalte, 1) Schr. des Königes an den HM. d. Costan villa 1414 Rgſtr. IVb. p. 27; auch Kojalowiex p. 97 — 98 weiß trifftige Gründe zum Krieg für den König. 2) Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Preuſſ. Mark Dienſt. vor Margarerha 1414 Rgſtr. IV. p. 28. 3) Schr. des HM. an d. Meiſter v. Livland, d. Marienb. am Abend Petri u. Pauli 1414 Rgſtr. IV. p. 29; ebendaſ. ein Schr. des HM, an den Bischof von Kulm und den Komthur v. Schoͤnſee, d. Grau⸗ denz Sonnt. nach Viti u. Modeſti 1414, und ein Schr. des HM. an Witowd, d. Marienb. Sonnab. nach Petri u. Pauli 1414 Schbl. XVII. 111 u. Ngſtr. IV. p. 33. 4) Klagſchrift des Königes, d. in Lancicia die sabbato in erasti- no Petri et Pauli 1414 Rgſtr. IVV. p. 22 u. Schbl. XXI. 146.
Scanseite 256 · Druckseite 243
Einfall des Königes von Polen ins Ordensgebiet. (1414.) 243 ihn auf die Friedensliebe des Hochmeiſters hinweiſende Ant⸗ wort mußte ihm alle Hoffnung entnehmen, bei ihnen Anhang zu finden. v Gerne hätte der Hochmeiſter den unabwend⸗ baren Sturm wenigſtens noch einige Zeit zuruͤckgehalten, theils um die vom Koͤnige von England gehoffte Beihuͤlfe und die aus Deutſchland erwarteten Soldtruppen zuvor her⸗ ankommen zu laſſen,“ theils um in der Neumark die wegen des Beizuges der Staͤdte ausgebrochenen Irrungen zuvor aus⸗ zugleichen.) Allein der Koͤnig beſchloß auf die Nachricht feiner Sendboten aus Ungern, daß der Ausſpruch in Ofen nicht nach ſeinem Wunſche ausgefallen ſey, eiligſt Hand an das blutige Werk zu legen.) Nachdem er, um vor der Welt ſich zu rechtfertigen, in einer an alle Fuͤrſten und Stände gerichteten Schrift den Orden noch einmal der gott⸗ loſeſten und ſchaͤndlichſten Verbrechen beſchuldigt, ) den Krieg als eine unabweisbare Forderung ſeiner Barone, Ritterſchaft und ſeines ganzen Landes dargeſtellt und erklaͤrt hatte, daß bei des Ordens Widerſpenſtigkeit und Trotz an keine fried⸗ liche Ausgleichung mehr zu denken ſey, “ ſetzte er fein Krieges heer in Bewegung; es war bunt und wunderlich zuſammen⸗ geſetzt, denn neben unzähligen Schaaren von Lilthauern, 1) Schr. der Ritterſchaft u. der Städte Preuſſens an den König, d. Marienb. Sonnab. nach Viſitat. Maria 1414 Rgſtr. IV. p. 36, Hanf. Receſſ. Neo. V. p. 440. Von den Rittern haben unterzeichnet Auguſtin von Czegenberg, Dieterich von der Delau, Otto von Machwitz u. a. vgl, Lindenblatt S. 274. 2) Schr. des EM. an den König v. England, d. Marienb. in vigilia Petri et Pauli 1414 Rgſtr. IV. p. 31. Schr. des HM. an die Ritterſchaft in Deutſchland Rgſtr. IVb. p. 21. Hans von Polenz ſollte für den Orden noch 40 Spieße aufnehmen. 3) Schr. des HM. an die Ritter u. Städte der Neumark, d. Ma⸗ rienb. Sonnt. nach Viſitat. Maria 1414 Rgſtr. IV. p. 37. 9 Lindenblatt S. 272. Dlugoss. p. 349. N 5) Dlugoss. I. c. 0) Dieſes merkwürdige Manifeft des Königes v. Polen, d. in Lan- cicia XIII mensis Juli a. d. 1414 Schbl. XXI. 70, iſt voll der bitter⸗ ſten Beſchuldigungen gegen den Orden. 16*
Scanseite 257 · Druckseite 244
244 Einfall des Königes von Polen ins Ordensgebiet. (1414.) Samaiten, Ruſſen, Walachen, Tataren und andern uns chriſtlichen Voͤlkern unter Witowds Fahnen, zogen auch ſie⸗ ben Schleſiſche Fuͤrſten in des Koͤniges Sold herbei, „ſich nicht ſchaͤmend, mit jenen Unchriſten gegen den Orden, fo lange eine Vormauer der Chriſtenlande wider die Heiden, in den Kampf zu treten,“ um, wie ſie vorgaben, des Koͤniges Rechte zu verfechten.) Zwar ſchreckte den König das Un⸗ gluͤck, daß beim Uebergange Über die Weichſel bei Warſchau feine größten Donnerbuͤchſen in den Strom fanfen und ges gen dreihundert Mann dabei ertrankenz allein in Maſovien, wo das Heer vierzehn Tage raſtete, verſtaͤrkte es ſich noch ſehr bedeutend durch neuen Zuzug von Kriegsleuten. Von dorther erhielt der Meiſter des Königes Kriegserklaͤrung am achtzehnten Juli, worin zugleich auch der Großfuͤrſt und die Herzoge von Schleſien und Maſovien den Frieden aufkuͤn⸗ digten.) a Alsbald ließ der Hochmeiſter, obgleich gegen den Her⸗ zog von Stolpe, der ſich bisher immer noch zum Koͤnige gehalten, noch keineswegs ganz ficher, ® ſeine ganze Kriegs⸗ macht, worunter neunhundert Glevenien von Soͤldnern aus Böhmen, Meißen und Schleſien, gegen die Graͤnze hinab⸗ rücken, dort die Burgen und Städte ſo ſtark als moͤglich beſetzen und die Ufer der Drewenz durch eine kraftige Land⸗ wehr bewachen, denn aus dem Lande ftrömte alles waffen⸗ faͤhige Volk bereitwillig herbei zur Vertheidigung der Graͤnze, obgleich die Ritterſchaft im Kulmerland ſich auch jetzt wieder ſtraͤubte, zu einem Einfalle des Komthurs von Thorn ins 3 1) Lindenblatt S. 272. Diugoss. P. 350 u. 352. Die Ent⸗ ſagebriefe mehrer Schleſiſcher Herzoge Schbl. IX. 69. 75. 2) Lindenblatt a. a. O. Schr. des HM. an den Röm. König, d. Marienb. Donnerſt. vor Maria Magdal. 1414 Ngſtr. IV. p. 39. Schr. Witorods an die Gebietiger und Kemthure, d. Mont. am Tage Apollinaris (1414) Schbl. XVI. 129. 3) Schr. des HM. an den Herzog v. Stolpe, d. Marienb. Freit. vor Moria Magdal. 1414 Ngſtr. . p. 42.
Scanseite 258 · Druckseite 245
Einfall des Königes von Polen ins Ordensgebiet. (1414.) 245 Dobriner Gebiet zum Kriegsdienſte mit aufzuſtehen.) Da die Höhe des Waſſers den Uebergang über die Drewenz ver⸗ hinderte, ) fo zog der König weiter oſtwaͤrts. Dort am fuͤnfundzwanzigſten Juli mit einem Theile feines Heeres vor Neidenburg erſcheinend, fand er zwölf Tage lang ® den tapferſten Widerſtand; vierhundert Krieger hatte er geopfert, als die Beſatzung der Burg auf freien Abzug ſich ergebend zum Theil auf Soldau flüchtete. Hier lag ein anderer Theil des koͤniglichen Heeres zur Beſtuͤrmung dieſer Burg Da ſich aber mittlerweile auch ſchon Kriegshaufen uͤber das Schlachtfeld von Tannenberg, wo fie die ſchoͤne Kapelle mit allen Heiligthuͤmern und dem dorthin gebrachten herrlichen Marienbilde verbrannten, > gegen Hohenſtein heraufzogen, ſo wurde die Stadt und Burg durch Feuer vernichtet, weil man nicht hoffen konnte, ſie gegen den Feind behaupten zu konnen. ) Angſt und Schrecken ging durch das ganze Land; jeder fluͤchtete, ſo weit er konnte; jeder ſuchte Habe und Gut zu retten, wie er vermochte. Auch der Biſchof von Kulm bat den König dringend um Schonung feines Bis⸗ thums; allein es half ihn wenig, daß er dem Herzoge Se: movit das Andenken des Herzogs Konrad von Maſovien, „des Stifters der Kulmiſchen Kirche“, zuruͤckfuͤhrte, denn der König antwortete: ſchonen werde er erſt dann, wenn ihm der Orden vollkommen genug gethan, wozu der Biſchof mitwirken möge. ® 1) Schr. des Komthurs v. Thorn an den HM. d. Burgmühle bei Grunau am T. Jacobi (1414) Schbl. XXI. 118, 2) Lindenblatt S. 274. 3) Diugoss. p. 353 ſagt acht Tage. Alte Preuſſ. Chron. P- 45. 4) Nach einem Schr. des HM. an den Röm. König, d. Marienb. m. Petri Vincula 1414 Rgſtr. IV. p. 40; vgl. Lindenblatt 5) Die Kapelle muß bald wieder aufgebaut worden ſeyn; wir ha⸗ ben Nachricht Schbl. LXIII. 103, daß fie im J. 1416 wieder daſtand . 6) Lindenblatt S. 2733 etwas abweichend Diugoss. p. 353. 7) Schr. des Biſchofs Arnold von Kulm an den König, dat. in Castro ceelesiae nostrae Fredeck inso die Petri all vincula 1414; die
Scanseite 259 · Druckseite 246
246 Einfall des Königes von Polen ins Ordensgebiet. (1414.) Da erſchienen im Lager vor Neidenburg, vom Hoch⸗ meiſter geſandt und begleitet von einem Sendboten des Mark⸗ grafen von Meißen, der als Vermittler eintreten wollte, der Großkomthur, der Ordensmarſchall und mehre Komthure vor dem Koͤnige mit dem Erbieten: der Orden wolle ihm das Land Michelau, Neſſau und Morin nebſt deren Gebie⸗ ten abtreten, doch unter der Bedingung, daß die Burg Neſſau gebrochen werde. Der Koͤnig aber wies dieß ohne weiteres zuruͤck.) Jetzt wandte ſich der Meiſter an die Schleſiſchen Fürften im Polniſchen Heere, fie an die Schmach erinnerud, daß fie ein Land verwuͤſteten, welches, mit ihrer Aeltern Blut gewonnen, immer eine Vormauer der Chriſten⸗ lande geweſen ſey, und fie bedrohend, er werde es der gan⸗ zen Chriſtenheit klagen, wenn ſie nicht andern Rath ergreifen und den König zu Ruhe und Friede bewegen würden. ® Allein auch hier fand er kein Gehoͤr. Sie gaben die Ant⸗ wort: fie haͤtten laͤngſt erfahren, daß der Orden keinen Frieden wolle. 3) Während aber der Hochmeifter, bisher immer noch im Haupthauſe verweilend, nur bemuͤht war, durch Sendboten und Schreiben an den Rom. König, an den von Boͤhmen, an den Papſt, an mehre Deutſche Fuͤrſten, an die Hanſe⸗ ſtaͤdte u. a. theils ſich in Klagen zu ergießen, theils ihre Antwort den Koͤniges, d. in loco campestri stacionis nostrae feria II ante festun 8. Laurentii u. ein Schr. des königl. Vicekanzlers Donyn an den Biſchof, d. eirca castrum Nydborg in crastino s. Sixti 1414 Schbl. XXI. 139. Neidenburg war am 7. Auguſt ſchon eingenommen. 1) Lindenblatt S. 273. Diugoss. p. 352 — 353. Geleits⸗ brief des Königes fuͤr die Gebietiger Schbl. XXI. 147. 2) Schr. des HM. an die Fuͤrſten im kön. Hecre, d. Preuſſ. Mark vor Aſſumt. Mariä (1414) Rgſtr. IV. p. 41. 3) Schr. der Schleſiſchen Herzoge, d. am T. Nativit. Maria 1414 Nofte, IVV. p. 29 ; es find genannt Herzog Johannes zu Troppau, Bol⸗ ko zu Teſchen, Bernhard zu Oppeln, Kanthener der Weiße Herzog zu Oels, Wenceslav zu Troppau, Wenceslav zu Lobin, Wenceslav zu Groſſen. Schr. des HM. an die Herzoge, d. Marienb. Mittw. nach Nativit. Mariä 1414 Nofir- IV. p. 49.
Scanseite 260 · Druckseite 247
Einfall des Königes von Polen ins Ordensgebiet (1411.) 247 Huͤlfe zu erflehen, ) war der Koͤnig, ohne daß ſich ihm ir⸗ gendwo der Feind zum Kampfe entgegenſtellte, bis Allen⸗ ſtein vorgedrungen; Stadt und Burg, ihm uͤbergeben, wur⸗ den von ſeinem Kriegsvolke gepluͤndert und beſetzt, Dör: fer und Höfe ringsumher verwuͤſtet und zum Theil nieder⸗ gebrannt. Sofort ward das ganze Biſthum Ermland vom Feinde uͤberzogen; Guttſtadt, von ſeinen Bewohnern ver⸗ laſſen, ging mit ſeinen Kirchen und dem dortigen Wohn⸗ fise des Biſchofs in Flammen auf.) Heilsberg, vom Or⸗ densmarſchall und dem Komthur von Brandenburg ſtark be⸗ ſetzt, ward aufs tapferſte vertheidigt und der König erlitt manchen empfindlichen Verluſt. Ringsumher aber unterlag das Land viele Meilen weit der fuͤrchterlichſten Pluͤnderung und Verheerung,) denn da der Großkomthur mit ſtarker Macht an der Paſſarge ſtand und der König den Fluß Alle nicht uͤberſchreiten konnte, ſo war das dortige biſchdfliche Land bis Wormditt und Melſack, die ſich dem Feinde er⸗ gaben, einem ſchrecklichen Schickſale Preis gegeben. Die rohen, heidniſchen Volker veruͤbten furchtbare Gräuelthaten ; die Kirchen wurden niedergebrannt, Heiligthüͤmer verftüm- melt und vernichtet, an Frauen und Jungfrauen allen viehi⸗ ſchen Luͤſten gefroͤhnt, ſelbſt Kinder aufgeſpießt und unter die Füße getreten, Prieſter vor den Altären erſtochen; nichts galt den Barbaren heilig und achtungswerth.“ In weni⸗ 1) Schr. des HM. an den Rom. König, d. Marienb. Mont. vor Petri Vincula 1214 Nggſtr. IV. p. 40, an die Hanſeſtädte p. 4. 46. 2) Dlugoss. p. 353. 3) Dlugoss. I. c. 4) Lindenblatt S. 278 — 279. Schr. des HM. an d. Mei⸗ ſter v. Livland, d. Marienb. in vigilia exallat. erueis 1414 Rgſtr. IV. P. 49, wo erwähnt wird, daß auch die Gebiete von Brandenburg und Balga verheert worden ſeyen. Alte Preuſſ. Chron. p. 45. 5) Lindenblatt S. 2793 das Schr. des HM. an die Kriegsgä⸗ ſte, Furſten, Grafen u. a. im koͤnigl. Heere, d. Marienb. Sonnt. vor Nativit. Mariä 1414 Ngſtr. IV5. p. 30 und ein Schr. an den Biſchof von Breslau Rgſtr, IV. P. 46 geben eine ſchreckliche Schilderung der ver⸗ übten Gräuelthaten.
Scanseite 261 · Druckseite 248
248 Einfall des Koͤniges von Polen ins Ordensgebiet. (1414.) gen Wochen lagen nahe an dreißig Kirchen im Schutte da; weit über tauſend Menſchen hatte das feindliche Schwert er⸗ wuͤrgt; an vernichteten Doͤrfern und Hoͤfen hatte Ermland einen Schaden erlitten, der kaum zu berechnen war. ) Da erwachte endlich unter ſolchen Graͤueln in den Schleſiſchen Fuͤrſten das menſchliche Gefuͤhl; fie ſchlugen vor, man ſolle fi) der bisherigen grauſamen Sitte des Frauen- und Jung⸗ frauenraubes fernerhin enthalten und die bereits geraubten zuruͤckgeben; gerne willigte der Hochmeiſter ein, auch feiner Seits die Gefangenen frei zu laſſen. ) Da ſandte der Meiſter, um fernerem Verderben des Landes Einhalt zu thun, nochmals einige Biſchoͤfe, Praͤla⸗ ten und Gebietiger an den Koͤnig und die Fuͤrſten im Heere, mit dem Geſuche, etliche dieſer letztern möchten die Streits punkte in Berathung nehmen; was fie nach Gott und Recht erkennten, dem wolle der Orden ſich untergeben. Aber⸗ mals umſonſt. Der König verlangte jetzt Schlochau, Kos nitz, Tuchel, Drieſen und Santock mit ihren Gebieten, ferner Samaiten, die Burg Memel, auch das ganze Ge⸗ biet von Oſterode die Drewenz hinab bis an die Weichſel, hier dann Neſſau, Morin und das Land an der Weichſel hinab bis zur See; uͤberdieß ſechzigtauſend Schock Groſchen für feine Soldner, Schadenverguͤtung für feine Prälaten und die Herzoge von Maſovien und Stolpe, deren letzterer allein ſeinen Schaden ſchon auf hunderttauſend Schock an⸗ 1) Eine genaue Aufzählung und Berechnung des in Ermland vers übten Schadens Schbl. LXVI. 33; im Geldanſchlag wurde er im Gan⸗ zen auf 552,953 Mark (die Mark zu zwei Ungeriſ. Gulden) angegeben; man zählte 1366 ermordete Menſchen. Am Schluſſe jener Berechnung heißt es aber: Ultra summam predictam tam mensa episcopalis quam eciam capilalaris in suis reiditibus annuis sie dampnilicata est, quod episcopus cenlum millia et capitulum quinquaginta millia llorenos un- garicales poeius solvere debuissent, quam Lalia dampna in suis reddi- libus sustinuisse. 2) Schr. der Schleſiſ. Herzoge, d. Strasburg Mittw. nach Grucis Exaltat. 1414 Agſtr. IV. p. 31; die Antwort des HM., d. Marienb. Sonnab. nach Matthäi Apoſt. 1214 Rgſtr. IV. p. 51.
Scanseite 262 · Druckseite 249
Einfall des Königes von Polen ins Ordensgebiet. (1414.) 249 ſchlug.!) Der Hochmeiſter wies natürlich dieſe Forderun⸗ gen ohne weiteres ab und gebot jetzt endlich den offenen Angriff auf des Koͤniges Lande. Alsbald warf ſich ein Dr densheer von Pommerellen aus in das Land Krain, ver⸗ brannte Polniſch-Krone, die Stadt Zempelburg und Cam⸗ min und verheerte das ganze Gebiet bis an die Netze und an der Weichſel bis Bromberg und Solicz. Ein Haufe Schiffskinder landete drei Meilen uͤber Thorn hinaus und richtete dort großen Schaden an.) Eine dritte Heerſchaar, vom Komthur von Thorn Johann von Selbach geführt, warf ſich ins Dobrinerland hinein, legte Lipno und eine Menge Dörfer in Aſche und heerte bis Rypin, und eine vierte ſtuͤrmte von Strasburg aus unter ſchwerer Verwuͤ⸗ ſtung bis an den Rypnica-Fluß, überall ohne Widerſtand, denn die dreihundert Glevenien, die der Koͤnig zu Dobrin liegen hatte, durften ſich nicht im offenen Felde zeigen.“) Mittlerweile waren auf des Meiſters fruͤhere Aufforderung auch dreihundert Waͤppner mit fuͤnfhundert Pferden aus Livland angekommen; gefuͤhrt von den Voͤgten von Wen⸗ den und Grebin ſprengten ſie in Kujavien ein und trieben unter Raub und Brand Heerden von Vieh und Gefangenen mit ſich fort. ) Dieſe Ereigniſſe im Weſten und in des Koͤniges eige⸗ nen Landen, dann auch einbrechender Mangel an Lebens⸗ mitteln im Heere, weil das Landvolk alles entflohen war und di Zufuhr aus Maſovien durch die Beſatzungen von Oſter'“ und Soldau abgeſchnitten wurde, bewogen den König jeine Stellung an der Alle zu verlaſſen, um ſich in 3) Lindenblatt S. 280; Über die Verhandlungen im Fol. C. p. 29; vgl. Diuguss. p. 354 „der feinen König immer zu entſchuldigen weiß. 2) Lindenblatt S. 281. 3) Lindenblatt a. a. O. 4) Lindenblatt S. 282. Schr. des Meiſters v. Livland an den EN, d. Mitau Sonnab. nach Bartholom. 1414 Schbl. XXI. 129.
Scanseite 263 · Druckseite 250
250 Einfall des Koͤniges von Polen ins Ordensgebiet. (1414.) die Niederlande zu werfen.) Dieß vorausvermuthend hat⸗ ten die dortigen Gebietiger die Bewohner der kleinen Staͤdte, die man unmoͤglich behaupten konnte, mit ihren Viehherden und aller Habe gen Koͤnigsberg ziehen laſſen; andere waren nach Elbing, Marienburg und bis über die Nogat gefluͤch⸗ tet, alſo daß der Feind die Staͤdte Landsberg, Zinten, Kreuzburg, Muͤhlhauſen, Liebſtadt und Mohrungen faſt ganz menſchenleer fand und ſie alle in Aſche legte. So konnte ſich der Koͤnig auch hier nicht lange halten. Ein neues Er⸗ bieten des Hochmeiſters, Zahlung einer anſehnlichen Geld⸗ ſumme und Abtretung mehrer Gebiete blieb bei des Koͤniges übermäßiger Forderung abermals ohne Erfolg; 2 er uͤber⸗ ſchritt jetzt die Paſſarge und warf ſich ins Gebiet von Elbing, wo ſein wildes, ausgehungertes Kriegsvolk Kirchen und Doͤrſer ohne Schonung niederbrannte, D In Preuſſiſch⸗ Holland indeß widerſtand ihm die Beſatzung mit der ruͤhm⸗ lichſten Tapferkeit; der Koͤnig buͤßte den Anſturm mit großem Verluſte; ſelbſt Witowds Untermarſchall und viele edle Krieger fielen in Gefangenſchaft.“ Chriſtburg dagegen, Salfeld und Liebmuͤhl, von ihren Bewohnern verlaſſen, wurden vom Feinde aufgebrannt, Hoͤfe und Dörfer ringsumher verwuͤſtet und meilenweit das platte Land aufs ſchrecklichſte verheert, ſo daß das ganze Gebiet einer Eindde gleich war. Auch vor Preuſſiſch⸗Mark fand der König „eine kalte Herberge,“ denn weit umher war alles ſchon niedergebrannt und da er dort nicht lagern konnte, ? warf ſich ein Heerhaufe in die 1) Lindenblatt a. a. O. Dlugoss p. 354 giebt die Regenzeit und ſumpfiges Land als Urſachen zur Ruͤckkehr des Koͤniges an. 2) Ueber die Verhandlung im Fol. C. p. 29. Der Biſchof von Erm⸗ land war mit Unterhändler. 3) Lindenblatt a. a. O. Schr. des HM, an den Livland. Mei⸗ ſter Rgſtr. IV. p. 49. 4) Diugoss. p. 355. Kojalowiez p. 98 im Ganzen ſehr ober⸗ flaͤchlich. 5) Lindenblatt S. 283. Das Gebiet von Roggenhauſen erlitt einen Schaden von 42,700 Mark, Leſſen allein von 8882 Mark.
Scanseite 264 · Druckseite 251
Einfall des Königes von Polen ins Ordensgebiet. (1414.) 251 Gegend bei Marienburg, D die Hauptmacht zog ins Gebiet des Pomeſaniſchen Biſthums, wo Rieſenburg bereits in Aſche lag. Freiſtadt ging in Flammen auf. Marienwerder leiſtete lange tapfere Gegenwehr und da der Feind endlich über die Mauer eindrang, flüchteten die Bewohner unter beftändigem Kampfe in die Domkirche, ſchleuderten dorther Feuer in die Stadt, ſo daß ſie bald uͤberall in Brand ge⸗ rieth und der Feind, uͤberdieß fort und fort vom Geſchoſſe aus dem Dom bedrängt, fie verlaſſen mußte. 9 Von dort erließ der König an die Städte Kulm und Thorn, an die Ritterſchaft des Kulmerlandes und an die oberſten Gebietiger des Ordens eine öffentliche Erklaͤrung, fi wegen des Landes Verheerung zu entſchuldigen, weil Unrecht und Schaden ihn hiezu gezwungen und der Hochmeiſter ſtets nur zum Schein den Frieden geſucht habe. Allein ſie ließen ſich auf ſolche Weiſe keineswegs umſtricken, den König mit einer kalten Antwort in feinem Anſinnen zuruͤckweiſend.“ Da zog der Feind weiter. Biſchofswerder ſiel durch eines Ritters argliſtigen Rath in ſeine Haͤnde, der ſich der Stadt bemaͤchtigend die Bewohner in eine Kirche trieb und ſie, nachdem er alles ausgepluͤndert und die Stadt in Brand geſteckt, als Gefangene hinwegfuͤhrte. ) Alſo blieb jetzt dem Biſchofe von Pomeſanien nach graͤßlicher Verwuͤſtung ſeines ganzen Gebietes nichts mehr uͤbrig als feine Hofe und Doͤr⸗ fer im Werder. Die Hauptmacht fuͤhrte nun der Koͤnig vor das wichtige Strasburg, den Schluͤſſel zum Eingange nach Preuſſen. Nachdem er die Stadt am elften Septem⸗ ber auf der Seite der Burg umlagert, ſchloß herbeigerufenes I) Schr. des HM. an den Livland. Meiſter a. a. O. 2) Lindenblatt a. a. O. 3) Schr. des HM. an die Städte und die Ritterfchaft im Kulmer⸗ land, d. Marienb. Mittw. vor Matthäi 1414 Rgſtr. IV. p. 54. Die Städte hatten ihm des Königes Schreiben und ihre Antwort mitgetheilt. Schr. der oberften Gebietiger an d. König, d. Marienb. am T. Mau⸗ ritü (1414) Rgſtr. IV. p. 52. 9) Lindenblatt S. 283. Diugoss. p. 355.
Scanseite 265 · Druckseite 252
252 Einfall des Königes von Polen ins Ordensgebiet. (1414.) Kriegsvolk aus Dobrin ſie auch jenſeits der Drewenz ein. Nur mit großer Muͤhe konnte aus der Ferne das Heer mit Futter und Lebensmitteln verſorgt werden, denn in der Nähe war ringsumher alles verwuͤſtet und verbrannt. Die Burg aber ward nicht ſo ſchnell gewonnen, als der Koͤnig erwartet, denn obgleich Tag und Nacht beſtuͤrmt und be⸗ ſchoſſen wehrte ſich die Beſatzung — es lagen in der Burg und Stadt an Soͤldnern nicht mehr als dreißig Glevenien — doch ſtets mit ſolcher Entſchloſſenheit und der edle Ritter Nicolaus von Reibenitz an ihrer Spitze wußte ſeine Steiter, aus deren Zahl er mehre des Ritterſchlages würdig fand, täglich zu ſolcher Kampfluſt zu begeiſtern, daß der Koͤnig mit aller ſeiner Macht nicht zum Ziele kommen konnte; nicht eimal in Unterhandlungen ließ ſich die ritterliche Be⸗ ſatzung mit ihm ein, und waͤhrend Hunger und Krankheiten im Heere Tauſende dahin rafften und die feindliche Kriegs⸗ macht ſo immer mehr zuſammenſchmolz, verlor die Beſatzung, als ſchuͤtze fie eine höhere Hand im Kampfe fuͤr das Kreuz, nicht mehr als ſiebzehn ihrer Krieger.) Mittlerweile war auch anderwaͤrts das Glück vom Könige gewichen. Die Ordensburgen im Kulmerland, alle ſtark mit Mannſchaft verſehen, behaupteten ſich mit ruhmvoller Tapferkeit. Thorn und Kulm ſchuͤtzte der Ordensmarſchall. Dem Komthur von Oſterode Johann von Beichau gluͤckte es, ſich Neidenburgs wieder zu bemaͤchtigen; der von Bran⸗ denburg Helfrich von der Drahe vertrieb den Feind aus Zus BE J) Lindenblatt S. 284 — 285. Dusburg Supplem. c. 38, wo aber ſtatt des J. 1416 zu leſen iſt 1414. 2) Die Angabe bei Baczko B. III. S. 72, daß Witowd aus Neid gegen die Polen den König zu früh verlaſſen und ſich nach Lit⸗ thauen zuruͤckgezogen habe, beruht zwar auf Diugoss. p. 356, if aber dennoch unrichtig, denn nicht nur Kojalowiez p. 99 läßt ihn bis zum Abſchluſſe des Beifriedens vor Strasburg verweilen, ſondern wir haben auch noch ein Original- Schreiben von ihm an den HM. d. vor Stras⸗ burg Mont. nach Francisci (1419) Schbl. XVII. 123, woraus ſeine Anweſenheit klar hervorgeht.
Scanseite 266 · Druckseite 253
* Einfall des Königes von Polen ins Ordensgebiet. (1444.) 253 Allenſtein, ſprengte dann, ihn verfolgend, in Maſovien ein und brachte von dort eine bedeutende Beute und zahl⸗ reiche Gefangene. Der Komthur von Thorn, mit einem Haufen aus Pommerellen vereinigt, überfiel das Städtchen Gnievkowo, ſuͤdwaͤrts von Thorn, brannte es nieder und pluͤnderte weit umher das Land. Auch eine Schaar vom Ordensmarſchall holte ſich jenſeits der Weichſel großen Raub. So wurden beider Seits die Lande unter Grauſamkeit und mit Vernichtungswuth furchtbar verwuͤſtet.) Preuſſen hatte unter Mord, Raub und Brand unbeſchreiblich gelitten. Samland und der Werder jenſeits Marienburg waren zwar verſchont geblieben; aber auch dort war alles aufgezehrt, weil ſich Tauſende von Famllien dorthin gefluͤchtet. Es ſtand ſchwere Theuerung und Hungersnoth bevor, weshalb der Hochmeiſter an den Meiſter von Livland das Gebot er⸗ ließ, er ſolle alle Getreideausfuhr aus ſeinen Landen ver⸗ bieten; nur nach Preuſſen ſey ſie erlaubt, damit das arme Volk hier mit Brot- und Saatkorn verſorgt werden koͤnne. ) Neun volle Wochen hatte der rohe Feind ſich mit Raub und Mord geſaͤttigt. Vor Strasburg lag er wie ermattet von der Arbeit feiner Gräuelthaten und Schaͤndlichleiten 9 Da kam dem Könige ein ſehr ernſter Warnungsbrief des Röm. Königes zu: er ſolle fofort fein Heer aus Preuſſen zu⸗ ruͤckziehen und feine Streitſache an das Concilium zu Koſtnitz zur Entſcheidung bringen. Dorthin wurde auch der Hochmei⸗ ſter gewieſen, nicht ohne die gegebene Hoffnung, man werde dort alles zum erwuͤnſchten Ende führen. ® Um die naͤm⸗ 1) Lindenblatt a. a. O. 5 Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland, d. Markenb. in vigilia exaltat. erueis 1414 Rgſtr. IV. p. 39. 3) Ueber die Belagerung von Strasburg Dlugoss. P. 356 — 35%. Alte Preuſſ. Chron. p. 45, nach welcher der König vier Wochen ver Strasburg lag. 4) Schr. des Rom, Königes an den HM. d. Coblenz Dienſt. nach Aegidü 1414 Schbl. IV. 9. Kajalotoiex p. 99 läßt den Kom, König
Scanseite 267 · Druckseite 254
254 Einf. d. Kön.v. Polen ins Ordensgeb. Waffenſtillſt. (1414. liche Zeit aber langte auch der paͤpſtliche Legat Gwiller Biſchof von Lauſanne, den man abſichtlich lange in Polen zuruͤcgehalten, um den König im blutigen Werke nicht zu ſtoren,) im Lager vor Strasburg an. Er griff alsbald entſcheidend in die Verhaͤltniſſe ein. Nach kurzen Verhand⸗ lungen zwiſchen dem Koͤnige und dem Hochmeiſter, der von Rheden aus den Biſchof Arnold von Kulm und einige an⸗ dere als Bevollmaͤchtigte ins Lager ſandte, ) kam es am ſiebenten October zu einem Waffenſtillſtand auf ein Jahr, mit der Beſtimmung: es ſolle waͤhrend deß die Streitſache beider Theile im Concilium zu Koſtnitz durch den Papſt und den Roͤm. Koͤnig, durch das Concilium ſelbſt oder irgend welche geiftliche und weltliche Fuͤrſten verhandelt und ausgeglichen werden; bis dahin ſolle in beiden Landen Frie⸗ de und Ruhe ungeſtoͤrt bleiben.) Auch über andere eins zelne Punkte vereinigten ſich die beiderſeitigen Bevoll⸗ maͤchtigten; manche blieben einer ſpaͤtern Verhandlung an⸗ heim geſtellt. © N Alſo zog nun der Koͤnig von Strasburg, welches er mit Witowd ſchon jetzt ein geheimes, gegen den König von Polen hin⸗ terliſtiges Spiel treiben. 5 J) Wie Lindenblatt S. 285 ausdruͤcklich ſagt; vgl. Kojalowiez p. 99. Herburt de Fulstin Chron. histor. Polon. p. 294, Haꝝnaldi Annal. Eeclesiast. T. XVII. an. 1414 p. 436 — 437. 2) Vollmacht des FM, für die Geſandten, d. Auf dem Haufe zu Rheden Sonnab. nach Franciſci 1314 Agſtr. IV. p. 58. 3) Das Original des vom Könige ausgeſtellten Documents uͤber den Waffenſtillſtand, d. in loco campestri ante castrum Strosberg in terris Prussiae die septima mensis Octohr. 1414 Schbl. 65 nr. 1 der Ab⸗ druck bei Kotzebue B. III. S. 410 iſt uͤberaus fehlerhaft. Die vom HM. ausgeſtellte Urkunde, d. in castro nostro Grudentz feria secunda proxima ante festum s. Dionysii et soeior. 1414 Rgſtr. V. p. 583 Fol. D. p. 31. Vgl. Lindenblatt S. 286. Dlugoss. p. 33. 4) Darüber das Nähere im Fol. C. p. 22 u. Schbl. XXI. 143. Die Polen ſtellten auch die Bedingung: Heinricus de Plauen depositus Magister de captivitate dimittatur et reccpta sibi restiteentur ad tem- pora vitae suae; man ſchlug dieß ab.
Scanseite 268 · Druckseite 255
Waffenſtillſtand. (1444.) 255 nicht hatte überwältigen koͤnnen, d in ſein Reich zuruͤck; und mit welchem Gewinne für ſeine zahlreichen Opfer? Kujavien und Dobrin waren durchpluͤndert und verwuͤſtet. Es war ihm unmöglich, der Menge feiner Soͤldner den ruͤckſtaͤndigen Sold zu entrichten, denn ſeine Hoffnung, ſie durch den Orden bezahlt zu machen, war ihm vereitelt. Zu ſeinem Schimpfe und unter Laͤſterungen ſeines Namens mabnten ihn die Soldnerführer fort und fort um die ſchul⸗ digen Summen, ſo daß er eine Zeitlang Polen verlaſſen und ſich in Polen und Rußland aufhalten mußte. Von allen Eroberungen im Ordensgebiete war ihm nichts geblie⸗ ben, als die unbedeutende Burg Jeßnitz an der Polniſchen Graͤnze, die ihm die Verraͤtherei eines abtruͤnnigen Dre densritters in die Hände geſpielt hatte.) Der Hochmei⸗ ſter bot ſeiner Seits alles auf, um des Ordens Ehre vor Fuͤrſten und. Völkern aufrecht zu erhalten. Um ſeine Soͤld⸗ ner, mehr als tauſend Spieße zu befriedigen, ließ er mit Zuſtimmung der Gebietiger eine Menge ſilberner Gefäße, goldene Trinkſchalen, die ſilbernen Becher des Konvents, ſelbſt ſeine eigenen Schuͤſſeln einſchmelzen, und Geld dar⸗ aus praͤgen, denn da man einen ziemlich hohen Sold ver⸗ ſprochen, fo waren die Koſten dieſes Krieges ſehr bedeu⸗ tend; » weshalb man auch anſehnliche Summen von den Städten Thorn und Danzig in Anlehen aufnehmen mußte.“ 1) Es ift unrichtig, wenn Kotzebue B. III. S. 167 u. 409 be⸗ hauptet, Strasburg habe ſich dem Könige ergeben; fein aus dem Fol. D. p. 311 entnommener Beweis beweiſt nur feine Leichtfertigkeit, denn das von ihm erwähnte Verzeichniß des mitgenommenen Geräthes iſt nicht nur als ungültig durchſtrichen, ſondern es heißt auch am Ende: die Po⸗ len ſeyen von Strasburg abgezogen nach unſ. Frauen Tag Purificat., woraus leicht zu ſchließen, daß hier nicht vom J. 1414 die Rede iſt. Diugoss. p. 359 läßt den Konig am 6. Octob. von Strasburg abziehen. 2) Lindenblatt S. 287 — 288. 3) Lindenblatt a. a. O. Fol. C. p. 22. 2) Lindenblatt S. 289 — 290. Man gab auf die Glevenſe monatlich 16 Mark. 5) Lindenblatt S. 290.
Scanseite 269 · Druckseite 256
256 Sendung zum Koftniger Concilium. (1414.) Der Friede brachte indeß noch kein Gluͤck in das ver: zͤdete und verwuͤſtete Land zuruͤck. Da unzählige Menſchen wegen Vernichtung ſo vieler Staͤdte und Doͤrfer weder Ob⸗ dach noch bei der Armuth des Landes Verdienſt fanden, da an Getreide, Futter und andere Lebensbeduͤrfniſſe ſo außerordentlich viel vom Feinde verbraucht, vernichtet und verbrannt war, fo herrſchte im ganzen Lande ein unbeſchreib⸗ liches Elend, zumal bei der ſchrecklichen Theuerung, die ſelbſt auch durch keine Zufuhr aus andern Landen gemildert wer⸗ den konnte, denn der Handel mit dem Auslande hatte be ſonders wegen der ſchlechten Muͤnze in Preuſſen faſt ganz aufgehört, fo daß der fremde Kaufmann nichts mehr her⸗ beibringen mochte.) Beſonders druͤckend war auch jetzt dem Landvolke der große Mangel im Heringsfange, weil es in ihm von jeher ein Hauptnahrungsmittel fand. Vorerſt war jetzt des Hochmeiſters Hauptaugenmerk auf das Concilium zu Koſtnitz gerichtet. Da bereits im Herbſt dieſes Jahres dort aus der ganzen Chriſtenheit Fuͤrſten, an ihrer Spitze der Roͤm. König Sigismund, Prälaten aller Kirchen, Gelehrte und Sachwalter aller Fürftenhöfe in gro⸗ ßer Zahl zufammenfirömten, fo ſandte er zu dem im Stras⸗ burger Beifrieden ausgeſprochenen Zwecke den Erzbiſchof Johannes von Riga, 9 den Deutfchmeifter Konrad von Egloffſtein, den Oberſt-Trappier und Komthur von Chriſt⸗ burg, den Ordensprocurator Peter Wormditt, den Dom⸗ propſt von Ermland, Johann Abezier und den Ermlaͤndi⸗ ſchen Domherrn Kaspar Schauenpflug nebſt mehren andern ausgezeichneten Raͤthen als ſeine Bevollmaͤchtigte auf das Concilium, um durch ſie wo moͤglich den verderblichen Streit mit dem alten Feinde des Ordens auf ewig zu ver⸗ ſuͤhnen.) In dringenden Schreiben empfahl er ſeinen un⸗ 1) Lindenblatt S. 289. 2) Hiͤrn Ehſt⸗Liv- und Lettland. Geſchichte herausgegeben v. Napiersky S. 173. ſagt, der Erzbiſchof habe 180 Pferde mit ſich gehabt. 3) Der Compromiß des HM. oder die Vollmacht fuͤr die Geſandten,
Scanseite 270 · Druckseite 257
Sendung zum Koftniger Concilium. (1415) 257 gluͤcklichen Orden und fein ſchwerbedraͤngtes Land nicht nur dem Schutze des Papſtes, flehentlich bittend, ihn aus ſei⸗ nem Jammer und Elend zu befreien, D ſondern ſprach auch den Roͤm. König, dem er die traurigen Verhältniffe feines Ordens weiter auseinanderſetzte, die Kurfuͤrſten, die hohen Prälaten des Deutſchen Reiches, ſelbſt die in Koſtnitz an⸗ weſenden Ambaſatoren der Univerſitaͤt zu Piſa in dringen⸗ den Bitten um Rath und Beiſtand an, damit der Orden, dieſe Schirmfeſte der Chriſtenheit, in ſeinem Ungluͤck nicht ganzlich erdruͤckt werde.) Allein fo freundlich und ehren— voll auch der Empfang der Ordensgeſandten beim Papſte war, ) fo ließen doch die wichtigen Verhandlungen des Conciliums bald nach feiner Eröffnung, dann die Abſetzung aller drei Paͤpſte, die damals zugleich auf Petri Stuhl An⸗ ſpruch machten, und die höheren kirchlichen Aufgaben, die man ſich dort geſetzt hatte, vorerſt keine Zeit zur Berathung über die Verhaͤltniſſe des Ordens übrig. ® Wie aber von dorther noch kein Strahl der Hoffnung zu einem feſten Frieden leuchtete, ſo mußte bei der obwal⸗ tenden Spannung der Nachbarfuͤrſten und bei den fort⸗ dauernden Mißverhaͤltniſſen für den Orden bald wieder der Ausbruch neuer Fehden befuͤrchtet werden. Mit dem Her⸗ zoge von Stolpe dauerten die alten Streithaͤndel noch im⸗ mer fort und die Niederlegung und Gefangennehmung von Ordensbruͤdern, die Auspluͤnderung der Ordensunterthanen — d. in castro nostro Marienb. die dominica ante festum s. Galli 1414 Schbl. 65. 3, Abſchrift im Rgſtr. IV. p. 68 u. Fol. E. p. 31. 1) Schr. des HM. an den Papſt, d. Marienb. XIII die Octobr. 1414 Rafte. IV. p. 62. 2) Schr. des HM. an die oben Genannten, d. Marienh. XIII die Oetobr. 1414 Rgſtr. IV. P. 61 — 63. 3) Schr. des Procurators, d. Koſtnitz Dienſt. vor Thomä (1414) Schbl. 11. 31. Die Geſandten hatten unter andern die Ehre, beim Pap⸗ fie zu Tiſche zu ſitzen. 2) Schr. des Procurators Schbl. II. 13. eine intereſſante Mitthei⸗ lung über die damaligen Verhöltniſſe im Concilium. VII. 17
Scanseite 271 · Druckseite 258
258 Verhaͤltniſſe zu Polen und den Nachbarlanden. (1415.) in des Herzogs Landen ließen den Hochmeiſter kaum erken⸗ nen, ob er ſich mit ihm im Frieden oder im Kriege be⸗ finde.) Auch mit Herzog Johannes von Maſovien lag der Hochmeiſter wegen Beleidigungen und Gewaltthaͤtigkeiten ihrer Graͤnzunterthanen fortwährend im Zwiſt. Selbſt mit dem Koͤnige von Polen konnte man ſich in den Streit⸗ punkten, uͤber die man ſich ohne Einmiſchung eines andern ausgleichen wollte, uͤber nichts verſtaͤndigen, denn der For⸗ derung des Hochmeiſters, dem Orden die Burg Jeßnitz wieder zu übergeben, ſetzte der König die Räumung der Doͤrfer Morin, Orlow und Neuendorf entgegen, auf welche aber der Orden ſein Eigenthumsrecht nicht aufgeben woll⸗ te.) Koſtete es doch große Muͤbe, ſich mit dem Könige und dem Großfuͤrſten auch nur über die gegenfeitige Aus⸗ wechſelung der Gefangenen zu vereinigen. ® Ein Jahr hatte jetzt der Hochmeiſter uͤber das Land gewaltet und welch ein Schickſal war waͤhrenddeß über daſ⸗ ſelbe ergangen! Um des Krieges mit Polen willen hatte man den alten Hochmeiſter, den Hochverdienten, ſeines Am⸗ tes entſetzt, und welch einen Krieg hatte jetzt der Orden mit dem. unverföhnlichen Feinde zu beſtehen gehabt! War es nicht, als wenn, während Heinrich von Plauen in feie nem einſamen Gemache thatlos und ſcharf bewacht gehalten ward, des Himmels rächende Hand den Orden und das Land mit der ganzen Fuͤlle ihrer Strafmittel heimgeſucht hätte? Die Ereigniſſe dieſes Jahres hatten Heinrichs Wol⸗ len und Streben hinlaͤnglich gerechtfertigt; aber die Recht⸗ fertigung war fuͤr Land und Volk eine furchtbare Zucht⸗ 1) Schr. des HM. an d. Herzog von Stolpe, d. Marienb. Sonnt. vor Galli 1414 Rgſtr. IV. p. 66. 2) Schr. des HM. an Herzog Johannes v. Maſovien, d. Roggen⸗ haufen Freit. vor Eliſabeth 1414 Rgſtr. IV. p. 70. 3) Schr. des HM. an den König v. Polen, d. Marienb. Mont. der 11,000 Jungfr. 1414 Rgſtr. IV. p. 64 u. ein anderes ebendaſ. p. 70. 4) Darüber die Urkunde des HM. d. Marienb. Dienſt. vor Thoma 1414 Rgſtr. IV. p. 76 ; ebendaſ. darüber Briefe an Witowd.
Scanseite 272 · Druckseite 259
Verhaͤltniſſe zu Polen und den Nachbarlanden. (1415.) 259 geißel geworden. Auch das Jahr 1415 hob das geſunkene Gluͤck nicht wieder empor. Die Achtung des Ordens im Auslande war bei weitem nicht mehr die fruͤhere; er ſelbſt hatte feinen Mißgonnern und Feinden vielfach Anlaß zu verdaͤchtigenden Nachreden und Verunglimpfungen dargebo⸗ ten; in Deuirſchland und Böhmen ward er hie und da aufs ärgfte geſchmaͤht und verflucht.) Von dorther war alſo jetzt ſchon wenig Hülfe mehr zu erwarten. Und doch hate ten ſich ſchon in den erſten Tagen dieſes Jahres die Be⸗ forgniffe gegen den feindlichen König wieder bedeutend ver mehrt. Man erfuhr, daß er ſich an den Ausſpruch des Conciliums keineswegs halten werde, ſobald er ſeinem Wunſche nicht entſpreche; es wurden allerlei Umtriebe in Bewegung geſetzt, um den Orden in ſeinen Verhaͤltniſſen zum Roͤm. Stuhle und zum Deutſchen Reiche von dieſen zu trennen und ihm namentlich allen Schutz und Beiſtand zu rauben, den er bis jetzt von beiden gehabt, um ihn um ſo leichter vollig zu erdruͤcken.) Bereits ſetzte der König in feinem Reiche auch alles wieder in wehrhaften Stand, ließ Ge⸗ ſchoß und Harniſch ankaufen und anſehnliche Truppenmaſſen zuſammenziehen. Zwei große Soͤldnerhaufen aus Böhmen, die nach Preuſſen ziehen wollten, wurden von ihm in ſei⸗ nen Sold gelockt und zahlreiche Kriegerſchaaren aus Maͤh⸗ ren, Meißen und andern Landen fuͤr ſeinen Dienſt gewon⸗ nen. 9 Fremdlinge, die Preuſſen beſuchen wollten, wur⸗ den von des Koͤniges „Aufhaltern“ überfallen, beraubt, haͤuſig auch ermordet, die Ordensunterthanen, die nach Polen zogen, ausgepluͤndert und alle Ausfuhr von dorther aufs ſtrengſte verboten, waͤhrend der Hochmeiſter den Han⸗ del dorthin völlig frei gegeben hatte. Selbſt der Auswech⸗ 1) Schr. des HM. an den Erzbiſchof von Prag, d. Marienb. Mont. nach Epiphania 1415 Rgſtr. IV. p. 80. 2) Schr. des HM. an den Röm. König, d. Marienb. Donnerſt. infra octavas Epiphan. 1415 Rgſtr. IV. p. 85. 3) Schr. des Komthurs v. Engelsburg an den HM. d. Thorn Mitt, nach Marcelli (1415), 17*
Scanseite 273 · Druckseite 260
260 Verhaͤltniſſe zu Polen und den Nachbarlanden. (1415.) ſelung der Gefangenen ſetzte der König fort und fort noch Schwierigkeiten entgegen. ) Nun fand zwar, um offenen Klagen beim Concilium uͤber Friedensbruch vorzubeugen, eine Verhandlung zu Mewe Statt, wo man theils uͤber die Freiſtellung der Gefangenen, theils uͤber die freie Strom⸗ ſchiffahrt in Polen und Preuſſen uͤbereinkam. In Folge deſſen ſtellte der Hochmeiſter einen offenen Freibrief aus, nach welchem auf allen von Polen und Litthauen nach Preuſſen ſtroͤmenden Fluͤſſen, namentlich auf der Weichſel und Me- mel während des Beifriedens die Schiffahrt für des Koͤni⸗ ges und Witowds Unterthanen erlaubt ſeyn ſolle, ſobald denen des Ordens dieſelbe Freiheit in Polen, Litthauen und Rußland zugeſtanden werde.“ Der Holzhandel aus dieſen Ländern nach Danzig wurde auch in kurzem fo außer⸗ ordentlich bedeutend, daß, weil es an Abſatz fehlte, am ufer der Motlau eine ganze Meile entlang der überreiche Vorrath aufgeſetzt werden mußte.) Der Hochmeiſter nahm Anfangs dieſes Einverſtaͤndniß mit dem Könige für einen Beweis milderer Geſinnungen und erſuchte ihn nun auch um Abſtellung der Beraubung, Ermordungen und Miß⸗ handlungen, denen bisher immer noch ſeine Unterthanen auf Polniſchem Gebiete ausgeſetzt geweſen waren.“ Allein er nahm nur zu bald wahr, daß auch hier der König fein altes argliſtiges Spiel treibe, denn obgleich er ſelbſt alle gegebe⸗ nen Verſprechungen erfuͤllt und der Handel der Polen auf den Strömen Preuſſens bereits in vollem Gange war, fo 1) Schr. des HM. an Witowd, d. Naſtenburg am Abend Converſ. Pauli 1415 Ngſtr. IV“. p. 36. 2) Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Tuchel Donnerſt. vor Oculi 1415 Rgſtr. IVb. p. 40 vgl. mit einem andern p. 43. 3) Die Urkunde darüber d. Marienb. dominica Ramispalmar. 1415 Rofte. IVV. p. 44 u. ein Schr. Witowds an den HM. d. im Hofe Dawge Sont. in Octava Epiphan. 1415 Schbl. XVII. 104; der Frei⸗ brief des HM. für ihn Schbl. 65. 6. 4) Lindenblatt S. 299 — 500. 5) Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Marienb. am Palm⸗ tage 1415 Rgſtr. IVC. p. 45.
Scanseite 274 · Druckseite 261
Bedraͤngte Lage des Ordens. (1415-) 261 ließ jener trotz aller Erinnerungen doch mehre Monate vor⸗ übergehen, ehe er fuͤr des Ordens Unterthanen ſeinen Frei⸗ brief auszuſtellen bewogen werden konnte,“ wodurch auch die Auslieferung der Gefangenen verhindert ward. In der That wurde auch die Stellung des Koͤniges ge⸗ gen den Orden mit jedem Tage drohender; die Ruͤſtungen in ſeinem Reiche wurden mit groͤßten Eifer betrieben und bereits auch neue Verbindungen mit Tatariſchen und andern heidniſchen Voͤlkern angeknuͤpft.) Auch bei Witowd, der ſich einige Zeit friedlicher gehalten, ward das Kriegsfeuer von neuem angefhürt. In Kujavien haͤufte man bedeutende Vorraͤthe von Lebensmitteln zu kriegeriſchen Zwecken an und in den ſuͤdlichen Theilen Polens war bereits im Maͤrz das Gebot ergangen: alles ſolle ſich kriegsfertig halten, um ſo⸗ gleich beim zweiten Gebot ins Feld zu ruͤcken. Es kam die Nachricht: der König von Polen habe auch ſchon ſeine Botſchaft beim Könige von Dänemark gehabt und ein Daͤ⸗ niſcher Ritter und Gelehrter ſeven in Polen geweſen und von da auch nach Litthauen zu Witowd gezogen; man ſprach von einem Bündniffe gegen den Orden.) Nun wurden zwar dieſe Verhoͤltniſſe bald näher aufgeklärt und das Miß⸗ trauen des Hochmeiſters gegen den Daͤniſchen König in kurzem wieder beſeitigt, denn dieſer hegte gegen den Or⸗ 1) Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Memel Sonnt. Ju⸗ bilate 1415 Rofte, IVb. p. 513 nach einem Schr. des HM. an Witowd, d. Marienb. am T. Trinitat. 1415 ebend. p. 55 war der Frcibrief des Königes um dieſe Zeit noch nicht in des HM. Händen. Eine Abſchrift oder ein Entwurf eines Erlaubnißbriefes des Königes zum Handel mit Holz, Aſche u. ſ. w. für ſeine Unterthanen nach Preuſſen und der Or⸗ densunterthanen nach Polen, Rußland und Litthauen, d. in eivitate Leo- poli domin. Ramispaln. 1415 Schbl. XXI. 108. 2) Schr. des HM. an d. Rom. König d. Schlochau Sonnab. vor Oculi 1415 Rgſtr. IV. p. 39. Dlug oss. p. 367. 3) Schr. des HM. an d. Röm. König, d. Marienb. Donnerſt. nach Oſtern 1415 Rgſtr. V. p. 50; der HM. jest dem Könige alle feind⸗ ſeligen Anſtalten des Poln. Königes auseinander und bittet ihn dringend um Beiſtand und Rath.
Scanseite 275 · Druckseite 262
262 Bedraͤngte Lage des Ordens. (1415.) den freundlichere Geſinnungen, als der Meiſter ſie vermu⸗ thet. Allein die Lage des Ordens war doch noch nie ſo traurig und troſtlos als jetzt. War auch die Neumark ge⸗ gen die Einfälle der Herzoge von Pommern und die dro⸗ henden Feindſeligkeiten der Polen dadurch mehr geſichert, daß der Burggraf Friederich von Nürnberg, Verpeſer der Mark, zu ihrem Schutze auftrat und den Krieg der Her⸗ zoge von Pommern mit abzuwehren verſprach, ? fo konnte doch aus Deutſchland im Falle eines Krieges mit Polen faſt ganz keine Huͤlfe erwartet werden, denn theils wurden die Fuͤrſten dort viel zu ſehr durch ihre eigenen Angelegen⸗ heiten beſchaͤftigt, theils waren die Vettern des entſetzten Hochmeiſters, vorzuͤglich Heinrich Reuß von Plauen der Juͤngere und Graf Albrecht von Schwarzburg ſchon ſeit dem vorigen Jahre fort und fort bemüht, ſowohl bei dem Roͤm. Koͤnige und an den Fuͤrſtenhoͤfen in Deutſchland als beim Könige von Böhmen und deſſen Reichsgroßen den Orden im Verfahren gegen Heinrich von Plauen der größten Ge⸗ wiſſenloſigkeit, der gottloſeſten Luͤgenhaftigkeit und des Mein⸗ eids anzuklagen und die oberſten Gebietiger als Menſchen zu ſchildern, „die meineidig, freu= und ehrlos ihren alten Hochmeiſter mit Bosheit verrathen und verkauft haͤtten.“ Ueberall ſprachen die Klaͤger mit außerordentlicher Derbheit und dem ſchaͤrfſten Nachdruck,) und bei vielen gab der 1) Schr. des HM. an den König v. Daͤnemark, d. Marienb. am Himmelfahrts⸗Abend 1415 Rgſtr. IV. p. 98. 2) Schr. des Burggrafen Friederich v. Nürnberg an die Biſchdfe, Mannen und Städte der Neumark, d. Koſtnitz Himmelfahrtstag 1415 ; feine Beihülfe betraf beſonders die Fehden mit dem Herzog von Stettin. In einer Urkunde des Röm. Königes, d. Koſtnitz Freit. nach Himmelf. 1415 Schbl. 24. 8 zeigt dieſer dem HM. an, daß auf die Klage des Burggrafen v. Nürnberg bei ihm und dem Reichshofgerichte die Fuͤrſten Otto und Kaſimir von Stettin und drei Pommeriſche Städte in die Reichsacht erklärt ſeyen. 3) Ein Schr. Heinrichs Reuß von Plauen des Juͤngern an d. Buͤr⸗ germeiſter, Rath und die Gemeine von Kulm, d. Sonnt. nach Jacobi
Scanseite 276 · Druckseite 263
Bedraͤngte Lage des Ordens. (1415.) 263 ruhmreiche und weitgefeierte Name, den ſich Heinrich von Plauen im Reiche erworben, ihren Klagen großes Gewicht, zumal da auch unparteiiſche geiſtliche und weltliche Gelehrte behaupteten, man ſey in der Sache nicht ganz nach den Satzungen des Ordensbuches verfahren.“ Der Hochmei⸗ ſter und der Meiſter in Deutſchland gaben ſich zwar alle mögliche Mühe, in Schreiben an die Könige von Deutſch⸗ land und Boͤhmen, in Briefen an die Kurfuͤrſten und in öffentlichen Erklärungen an die Fuͤrſten, Grafen, Ritter und Städte den Orden in feinem Verfahren zu rechtferti⸗ gen und zu vertheidigen, die Klagen der Plauen und Schwarzburger als bloße Verleumdungen und Schmaͤhungen darzuſtellen, die Abſetzung des alten Meiſters als Folge ſei⸗ ner ſchweren Schuld zu erweiſen und überhaupt darzuthun, daß der Orden in der Beſtrafung der beiden verbrecheriſchen Plauen nach ſtrenger Gewiſſenhaftigkeit und vollem Rechte gehandelt habe. Allein bei dem allen gelang es ihnen doch keineswegs, die an vielen Fürftenhöfen und bei zahl⸗ reichen edlen Familien Deutſchlands feſthaftende mißliche und nachtheilige Stimmung gegen den Orden wieder zu ver⸗ draͤngen, alſo daß unter den Fuͤrſten und der vornehmeren Ritterſchaft im Reiche auf Beiſtand fuͤr den Orden nicht eben viel zu rechnen war. Das erfuhr auch ſchon der Kom⸗ thur von Mewe auf einer Reiſe durch Deutſchland, wes⸗ halb er rieth, man moͤge wenigſtens den abgeſetzten Meiſter 1414 Schbl. LXIX. 77 iſt das ſtärkſte, was darüber vorhanden iſt. Vgl. das Schr. bei Lindenblatt S. 275; Schbl. LXIX. 78. 4) Schr. des Deutſchmeiſters an den HM. d. Donnerſt. nach Ja⸗ cobi 1414 Schbl. XXII. 30. 2) Schr. des HM. d. Marienb. Donnerſt. vor Quaſimodogen. 1415 Rgſtr. IVb. p. 48 — 50, Schr. des HM. an den König v. Böhmen, d. Roggenhauſen Dienſt. vor Pfingſt. 1415 Rgſtr. IV. p. 101, wo auch mehre andere Briefe an den Erzbiſchof von Prag u. a. In einem der⸗ ſelben erwähnt er, daß die Herren von Plauen ſolche Laͤſterbriefe auch an die Ritter, Knechte und Städte in Preuſſen geſchrieben hätten, um dieſe gegen den Orden aufzuhetzen. Schr. des Deutſchmeiſters an den HM. d. Samſtag vor Vocem joeundital. 1414.
Scanseite 277 · Druckseite 264
264 Bedraͤngte Lage des Ordens. (1415.) aus ſeiner Haft entlaſſen und ihm die Verwaltung eines kleinen Amtes übertragen. “) Ueberdieß ſchwanden auch im Innern des Landes ſelbſt durch allerlei unglüdliche Ereigniſſe noch manche Kräfte da⸗ hin. Die Nogat durchbrach beim Eisgange ihre feſten Dam⸗ me und ſetzte die Dörfer in der Niederung bis Chriſtburg und Elbing unter eine unabſehbare Waſſerfluth, ein außer⸗ ordentliches Ungluͤck für jene Gegenden, zumal da die Aus⸗ beſſerung der Daͤmme lange Zeit die angeſtrengteſten Arbei⸗ ten koſtete.?) Noch verderblicher aber für ganz Preuſſen war die ſchon im Fruͤhling eintretende regenloſe und duͤrre Witterung, die fo lange anhielt, daß die Saat des Som: mergetreides faſt uͤberall zu Grunde ging und auch die Win- terſaat ſo wenig gedeihen konnte, daß die Theuerung in Preuſſen noch immer hoͤher ſtieg und alle Lebensbeduͤrfniſſe in außerordentlichen Preiſen ſtanden.) Aus Beſorgniß eis ner großen Hungersnoth mußte der Hochmeiſter auf Anſu⸗ chen der Ritterſchaft und Städte die Getreideausfuhr aufs ſtrengſte verbieten.) Eine Folge dieſer traurigen Verhaͤlt⸗ niſſe war die Aufhebung der Komthureien von Birgelau und Engelsburg; beide waren fo verarmt, daß kein Kom- thur mit einem Konvente dort mehr beſtehen konnte; er— ſtere wurde theils dem Komthur von Thorn, theils dem von Neſſau und dem Pfleger zu Perne, letztere theils dem Komthur von Rheden, theils dem Vogt zu Dirſchau zuge: wieſen. Außerdem verlor der Orden auch mehre ſeiner 1) Schr. des Komthurs v. Mewe an den Komthur v. Balga, d. Wuͤrzburg Sonnab. vor Galli (1415) Schbl. II. 24. 2) Lindenblatt. S. 300. 3) Lindenblatt S. 300 — 301, wo man die Wundererzählung vom Bilde der heil. Barbara, die in mehren Proceſſionen Regen her⸗ beigebracht haben ſoll, nachleſen mag. Voigt Geſchichte Marienb. S. 301 — 302. J) Schr. des HM. an Bonau, Verweſer von Kamin, d. Mewe Mittw. nach Judica 1415 Rgſtr. IV. p. 93. 5) Lindenᷣblatt S. 301; auch im Aemterbuche iſt von obigen Veränderungen und Theilungen die Rede.
Scanseite 278 · Druckseite 265
Veränderungen in den Biſthuͤmern. (1415.) 265 thätigſten Gebietiger, zuerſt den Meiſter von Livland Die⸗ terich Tork, an deſſen Stelle noch in dieſem Jahre Sieg⸗ fried Lander von Spanheim trat, D bald u jenem auch den bisherigen Ordenstrappier und Komthur von Chriſt⸗ burg Friederich von Welden, nachdem er eben erſt vom Concilium zu Koſtnitz zuruͤckgekehrt war. Ihm folgte im Amte der bisherige Komthur von Mewe Paul von Rußdorf. Auch in einigen Biſthuͤmern Preuſſens erfolgten wich⸗ tige Veränderungen. Der Biſchof von Samland Heinrich von Seefeld war nach einer faſt zwanzigjaͤhrigen Verwal⸗ tung ſeines Amtes bereits im Sommer des vorigen Jahres geſtorben.) Der vom Samlaͤndiſchen Domkapitel Neuer⸗ wählte entſprach aber weder den Wünfchen des Hochmei⸗ ſters, noch ward er vom Papſte beſtaͤtigt, denn bei dieſem hatte der Erzbiſchof von Riga ſchon ſeinen Schweſterſohn Heinrich von Schaumburg in Vorſchlag gebracht und deſ⸗ fon Beftätigung bewirkt. Da jedoch das Domkapitel an ſeiner Wahl noch feſthielt, ſo mußte der Ordensprocurator, weil auch der Hochmeiſter fuͤr den Schaumburger war, am päpſtlichen Hofe alle Mittel anwenden, jenem Neugewaͤhl— ten allen Beiſtand zu entziehen. Das wirkſamſte waren Geldgeſchenke an den Papſt und die Kardinäle, ohne welche 1) Lindenblatt S. 303, wonach Bachem Chronol. der HM. S. 43 u. 45 zu berichtigen iſt; ſ. Index corporis hislor. diplom. Li- voniae T. I. p. 170 — 171. Hiärn a. a. O. S. 174. 2) Lindenblatt a. a. O. 9) Wir haben über die Zeit des Todes dieſes Biſchofs zwar keine ſichere Nachricht; die obige Annahme aber beruht auf dem bei Linden⸗ blatt S. 302 — 303 gedruckten und aus Bologna am T. Johannis u. Pauli (26. Juni) datirten Briefe des Ordensprocurators, Schl. LXVYII. 48; da ſich der Procurator in Bologna im J. 1414 aufhielt und um jene Zeit ſchon der Nachfolger Heinrichs von Seefeld vom Pap⸗ ſte ernannt war, ſo muß der Tod des Biſchofs gewiß ſchon im Som⸗ mer 1414 erfolgt ſeyn. 9) Er huß nicht Johannes, wie Lindenblatt S. 302 ihn nennt, ſondern Heinrich, wie alle ſeine Verſchreibungen ausweiſen.
Scanseite 279 · Druckseite 266
266 Veränderungen in den Biſthuͤmern. (1415.) nicht leicht ein Biſthum oder eine Pfruͤnde von jenem ver- liehen wurde. Dreitauſend und einhundert Gulden mußten aufgewendet werden, um Heinrichen von Schaumburg uͤber ſeinen Gegner den Sieg zu verſchaffen. Obgleich damals noch nicht in den Orden aufgenommen, ward er doch als ein Mann geruͤhmt, der durch ſeine Froͤmmigkeit, Gelehr⸗ ſamkeit und noch jugendliche Kraft dem Orden und dem Lande großen Nutzen bringen konnte.) Allein in Preuſſen angekommen hatte er wenig Gluͤck in ſeinem Amte; ſey es, daß ihn bedeutende Schulden in unangenehme Verhaͤltniſſe verwickelten oder daß unbekannte Urſachen ſeine Prieſter⸗ weihe verhinderten, er wurde ſogar im Verlaufe dieſes Jah⸗ res in den Bann erklart, weil er, wie es ſcheint, fchul- dige Gelder am papſtlichen Hofe nicht entrichten konnte. Obgleich indeß bald wieder frei geſprochen ſtand er ſeitdem ſeinem Biſthume doch nicht mehr lange vor.“ — Einer gleichen Veranderung begegnen wir im Biſthume Ermland. Der Biſchof Heinrich Heilsberg von Vogelſang, der ſeinem Amte dreizehn Jahre, zuletzt jedoch unter ſehr unfriedlichen Verhaͤltniſſen vorgeſtanden, war am vierten Juni 1415 ge⸗ ſtorben, 9 nachdem der Zwieſpalt, in welchem er lange mit dem Orden gelebt, in der letztern Zeit ausgeglichen war. Um ſo erfreulicher war es daher fuͤr dieſen, daß die Wahl des Kapitels auf einen Mann fiel, der mit dem Hoch⸗ meiſter in den freundſchaftlichſten Verhaͤltniſſen ſtand und ſich ſchon vielfache Verdienſte um den Orden erworben, . J) Lindenblatt a. a. O. Schr. des Ordensprocurators Schbl. LXVII. 48; wir wiſſen daraus beſtimmt, daß Heinrich das Biſthum ſchon am 22. Juni 1414 erhielt. Vgl. Gebſer Geſchichte der Dom⸗ kirche zu Königsberg B. I. S. 170. 2) Schr. des Ordensprocurators, d. Koſtnitz Freit. vor Simon u. Juda (1415) Schbl. I. 79; daß des Biſchofs Schulden die Urſachen des Bannes waren, geht aus andern Schr. des Procurators Schbl. I. 110 u. II. 31 klar hervor. 3) Lindenblatt S. 301. Hartknoch Kirchengeſch. S. 153 ſpricht von Vergiftung. Für ſeinen Namen Heinrich Heilsberg von Vo⸗ gelſang wiſſen wir keine rechte Bürgſchaft.
Scanseite 280 · Druckseite 267
Das Concilium zu Koſtnitz. (1415.) 267 nämlich auf den bisherigen Propſt zu Frauenburg Johannes Abezier, deſſen Wuͤrde als Auditor Rotaà am paͤpſtlichen Hofe und deſſen Sendung auf das Koſtnitzer Concilium im Namen der Biſchoͤfe und Praͤlaten Preuſſens ſchon hinrei⸗ chende Zeugniſſe von ſeinen Kenntniſſen, ſeiner Klugheit und Geſchaͤftserfahrung geben konnten. Da er indeß auch nach ſeiner Wahl noch längere Zeit in den Angelegen⸗ heiten des Ordens eifrigſt thaͤtig auf dem Concilium ver⸗ weilte und noch uͤber ein Jahr hinging, ehe er die Conſe⸗ cration erhielt, 2 fo ließ der Hochmeiſter die biſchoͤflichen Burgen in Ermland in Beſitz nehmen, um ſie bis zur An⸗ kunft des neuen Biſchofs gegen fremde Gewalt zu ſchuͤtzen. “ Auf dem Concilium aber hatte bei allen Bemuͤhungen der Ordensgeſandten und allem Beſtreben des Herzogs Lud⸗ wig des Baͤrtigen von Baiern und des Biſchofs von Re⸗ gensburg fuͤr das Intereſſe des Ordens deſſen Sache noch keinen Fortgang gewinnen koͤnnen; denn ſo oft ſie auch den König Sigismund an baldige Entſcheidung des Streites mit Polen gemahnt, ſo beſchaͤftigte das Bemühen, die Kir: che zuerſt unter ein einiges Oberhaupt zu vereinigen, das Concilium vorerſt viel zu ſehr, als daß andere Gegenſtaͤnde zur Sprache kommen konnten, obgleich Sigismund oft die möglichfte Beſchleunigung verſprach.) Mittlerweile ſetzten 1) Ein den blatt a. a. O. Der HM. nennt ihn in einem Schr. an den Papft sacri palatii auditorem; bei Hartknoch S. 153 nach Treter Martini V Camerarius. 2) Er nennt ſich daher in ſeinen Briefen aus dem J. 1415 und 1416 beftändig bloß Electus Warmiensis; in einem Schr. des Procura⸗ tors, d. Koſtnitz 9. Octob. 1416 Schbl. I. 128 heißt es: Am tage S. Pauli und Petri beſtalte der herre von Brunſperge, das her ſich wolde laſſen conſecriren. 3) Schr. des HM. an d. König von Ungern, d. Sobowitz Mont. vor Barnaba 1415 Roftr, IV. p. 106 u. ein Schr. an den Elect von Ermland Rgſtr. IV. p. 112. ) Schr. Sigismunds an den HM. d. Koſtnitz Dienſt. nach Qua⸗ ſimodogen. (1415) Schbl. IV. 13. Die erſte Verhandlung im Concilium
Scanseite 281 · Druckseite 268
268 Das Concilium zu Koſtnitz. (1413.) die Polniſchen Bevollmaͤchtigten alle Mittel in Bewegung, theils ihren König von allen Beſchuldigungen der im Kriege verübten Grauſamkeiten frei zu ſprechen, theils durch Ge: ſchenke und Ehrengaben beim Papſt, dem Könige, den Kardinaͤlen und Fürften Anhang und Freunde zu erwer⸗ ben. ) Den Ordensgeſandten war es unmöglich, ihre Ca: che auf dieſem Wege zu foͤrdern, denn ihnen fehlte es nicht felten ſogar an den nöthigen Unterhaltungsmitteln.) Die Flucht und Gefangennehmung der drei Päpfte, die man im Concilium zur Abdankung bewegen wollte, legten neue Hins derniſſe entgegen und fo lief die Zeit fruchtlos für die Sache des Ordens hin. Der Erzbiſchof von Riga hatte auch laͤngſt eingeſehen, daß auch ohne dieſe Schwierigkeiten fuͤr den Orden nichts Gedeihliches geſchehen konne, wenn er ſich nicht ebenſo wie die Polen Gönner und Freunde er⸗ kaufe. Allein der Hochmeiſter erwiederte ihm: „Als ihr schreibt, daß der Papſt, die Kardinäle und jedermann nach Geld und Gaben beſtrebt ſind und ihr euch wohl beſorget, mit ledigen Haͤnden wenig Frommen zu erwerben, ſo wiſſet ihr ja alle mit einander unſere Macht, daß wir es nicht haben und vermögen es auf keine Weiſe. Darum muͤſſen wir unſere Sache auf Gott ſetzen. Erzaͤhlet jedermann den unmäßigen und unbeſchreiblichen Schaden, der unſern Or⸗ den uͤbergangen hat, all das Ungemach und den Jammer, den wir empfangen. Will man dann den Gedrang und die Vertilgung der Chriſtenheit nicht zu Herzen nehmen, ſo erkennen wir wohl, daß wir ſie mit Geld und Gaben nicht erwerben oder erkaufen.“ ?) erfolgte im Mai d. J. ; ſ. Von der Hardt Acta concil. Constant. T. IV. P. 164. 1) Schr. des Erzbiſchofs v. Riga, d. Koſtnitz Freit. nach Valentini 1415 Schbl. II. 29. u. ein anderes Schr. deſſelben Schbl. XXVI. 9. 2) Schr. des Komthurs v. Chriſtburg, d. Koſtnitz Sonnab. vor Laͤtare 1415 Schbl. II. 30. 3) Schr. des HM. an den Erzbiſchof v. Riga, dat. Marienb. Dienſt. zu Fastnacht 1415 Rgſtr. IV. p. 87.
Scanseite 282 · Druckseite 269
Verhaͤltniſſe mit dem Könige von Polen. (1415) 269 Mittlerweile hatten ſich in Preuſſen die Verhaͤltniſſe noch bedenklicher geſtellt; es waren bereits allerlei ernſte Ereigniſſe erfolgt. Zweihundert Bewaffnete aus Maſovien hatten, wie der Hochmeiſter vernahm, nicht ohne des Her⸗ zogs Wiſſen und Willen, einen Einfall ins Ordensgebiet gewagt, vier Meilen weit geplündert, ſogar auch Gefangene mit fortgeführt, und auf des Meiſters Klagen daruͤber gab der Herzog nicht einmal eine Antwort.) Auch mit dem Herzoge von Stolpe lag der Hochmeiſter in beftändigem Streit; fielen doch einſt, waͤhrend jener mit dem Vogt der Neumark Tag hielt, ſeine Voͤgte und Amtleute bewaffnet in die Neumark ein, in Heinrichs von Guͤntersberg und deſſen Freunde Guͤtern raubend, heerend und brennend, wie in Feindes Land, wobei ſich dennoch der Herzog be⸗ ſtaͤndig auf den Strasburger Frieden berief.) Noch mehr bedraͤngte der Koͤnig von Polen den Orden, denn der Haupt⸗ mann von Neuleflau wagte ſogar, wie er ſelbſt erklärte, auf feines Koͤniges Geheiß einen Einfall ins Neſſauiſche Komthurgebiet und bemaͤchtigte ſich dort ohne weiteres der Ordensbeſitzungen von Orlow und Morin, vorgebend, daß fie jüngft der Krone Polens zugeſprochen ſeyen. Der Hoch⸗ meiſter widerſprach zwar mit allem Nachdruck, weil nur das Concilium darüber zu entſcheiden habe. Allein der Haupt⸗ mann blieb vorerſt im Beſitz, alſo eine neue Gewaltthat gegen den Laut des Strasburger Waffenfriedens. 3) Der 1 Schr. des HM. an d. Herzog Johann v. Maſovien, d. Ma⸗ rienb. Dienſt. vor h. Leichnamstag 1915 Rgſtr. IV. p. 103. 2) Schr. des HM. an den Herzog v. Stolpe, d. Marienb. am Abend des h. Leichnamstag 1415 Rgſtr. IVb. p. 56. 58. 61. Schr. des Herzogs an den HM. d. Notenhagen am T. Calirti 1415 vgl. Rgſtr. IV. p. 120 — 121. 123. 3) Schr. des HM. an den Hauptmann Jarand von Neu⸗Leſlau, d. Stubhm Freit. nach Barnabä u. Marienb. Sonnt. vor Maria Mag⸗ dal. 1415 Kafte. IV. p. 107 — 108. Schr. des HM. an den Haupt⸗ ai von Großpolen, d. Stuhm Donnerſt. vor Laurent. 1415 Ngir- . p. 110.
Scanseite 283 · Druckseite 270
270 Verhaͤltniſſe mit dem Könige von Polen. (1415.) Meiſter von Livland ſuchte zwiſchen dem Hochmeiſter, dem Könige von Polen und Witowd einen Verhandlungstag zur Beſeitigung der wichtigſten Streitpunkte zu vermitteln; „ beide Fürften erklärten ſich auch bereitwillig. Allein fie bes nutzten bald die Erklaͤrung des Hochmeiſters, daß der Orden durch dieſe Verhandlung feine Sache vom Concilium kei⸗ neswegs zuruͤcknehme, ſondern wenn bis dahin dort eine Entſcheidung erfolgt ſey, dieſe auf dem Tage als guͤltig und unverletzlich nur bekraͤftigt und in Ausführung gebracht werden muͤſſe, nur zu gerne, um den Verhandlungstag ſo⸗ fort wieder zu verweigern; ?) woraus man klar ſah, daß ſie ſich durch etwanige unguͤnſtige Beſtimmungen des Con⸗ ciliums nicht gebunden wiſſen wollten. Der Hochmeiſter indeß hielt um fo fefter an feiner Erklärung, weil er ſich nicht nur unbedingt dem Ausſpruche des Conciliums unter⸗ worfen, ſondern bereits auch Nachricht hatte, daß die Ver⸗ haͤltniſſe des Ordens ſich dort immer guͤnſtiger ſtellten. Er erklaͤrte daher dem Koͤnige auch aufs entſchiedenſte, daß er in die Abtretung von Morin und Orlow auf keine Weiſe einwilligen werde. Der König hatte ſich während dieſer Verhandlungen theils in Litthauen, theils in Rußland aufgehalten, um dort, wie man vermuthete, neue Vorbereitungen zum Kriege zu treffen.) Als er jedoch, nach Polen zuruͤckgekehrt, aus Koſtnitz vernahm, daß ſich mehre hohe Gönner des Ordens, 1) urkundl. Zuſicherung des Livland. Meiſters wegen des Verhandlungs⸗ tages, d. Tracken Feria V ante Fest. s. Viti 1415 Rgſtr. IVb. p. 64. 2) Urkundl. Erklärung des HM. über den Verhandlungstag, d. Marienb. ipso die s. Johannis Bapt. 1415 Rgſtr. IV. p. 107. Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland, d. Marienb. am T. Johannis Bapt. 1415 Rgſtr. IVb. p. 57. Schr. Witowds an den HM. d. Me⸗ deniki Mittw. nach Viſitat. Mariä 1415 Rgſtr. IVb. p. 58. 3) Schr. des HM. an Witowd, d. Schlochau am Abend Mar⸗ garethä 1415 u. an den König von Polen, d. Marienb. Dienft. vor Aſſumt. Maris Rgſtr. IV b. p. 59— 60. 4) Nach Kojalowicz p. 102 freilich aus andern Gründen. Din- 8088. p. 367 — 368.
Scanseite 284 · Druckseite 271
Berhältniffe mit dem Könige von Polen. (1415.) 271 als der Burggraf Friederich von Nuͤrnberg, Herzog Ludwig von Baiern, der Erzbiſchof von Köln, der Biſchof von Wuͤrzburg, Markgraf Friederich von Meißen und andere mit entſchiedenem Ernſte der Sache des Ordens angenom- men, ) ſandte er eiligſt zwei neue Botſchafter gen Koſtnitz mit den demuͤthigſten Erbietungen: er wolle in Leben und Tod beim Concilium bleiben und ſich den ehrwuͤrdigen Vaͤ⸗ tern zu Gehorſam unterwerfen, wie ein Schuͤler ſeinen Leh⸗ rern; er werde ſich forthin aufs eifrigſte um die Unterwer⸗ fung und Zuruͤckfuͤhrung der ihm nahe geſeſſenen Ungläubis gen und Schismatiker in den Schooß der Kirche bemuͤ⸗ hen.) Und um das Concilium von feinem Glaubenseifer zu uͤberzeugen, ließ er es benachrichten, daß er ſich bereits mit dem Koͤnige von Ungern zur Bezwingung der Tuͤrken verbunden habe, obgleich ſeine Feinde, die Verleumder ſei⸗ nes Namens, die Niederlage der Ungern gegen die Tuͤrken ihm als Schuld anrechneten, ſie als ſeine Veranſtaltung darftellend. ? Und doch hatte derſelbe König, der alfo ſprach, feinen Hauptleuten an der Graͤnze eben erſt Befehl gegeben, uͤber die Weichſel nach Thorn zu mehre Faͤhren zu erbauen, um ſich den Uebergang uͤber den Strom zu erleichtern, wenn es zum Kriege komme,“ hatte ferner kurz zuvor mit Witowd deſſen Buͤchſenſchuͤtzen Swalme mit dem Auftrage nach Preuſſen geſandt, als Ueberlaͤufer ſich nach Marienburg zu begeben, einige andere Buͤchſenſchuͤtzen durch Geld zu gewinnen und mit ihrer Beihuͤlfe fo viel als möge 1) Schr. des HM. an die genannten Kürften, d. Marienb. Mont. nach Maurit. 1415 Rgſtr. IV. p. 118. 2) Schr. des Königes v. Polen an das Concilium von II. Aug. 1416 bei Rayzald Aunal, Ecclesiast. an. 1416 nr. 29. 3) Schr. des Königes von Polen an das Concilium, d. Leopol, XVIII die Octobr. 1415 Rgſtr. IV b. p. 65 — 66. 4) Schr. des HM. an den König v. Polen, d. Engelsburg Don⸗ nerſt. vor Martini 1415 Rgſtr. IV. p. 122, andere Schreiben darüber ebend. 5. 124 — 125. Der HM. machte die nachdrucklichſten Vorſtel⸗ lungen über die Anlage der Fähren.
Scanseite 285 · Druckseite 272
272 Verhaͤltniſſe mit dem Könige von Polen. (1415.) lich das Pulver und Geſchoß des Ordens zu verderben. Zum Gluck war der verraͤtheriſche Anſchlag zeitig genug ent⸗ deckt und am Anſtifter mit einigen ſeiner Gehuͤlfen durch den Tod beſtraft worden. Waͤre die That gelungen, ſie hätte dem Orden jetzt gerade unermeßlichen Schaden ge⸗ bracht.“) Alſo argliſtig und zweideutig bewies ſich der Koͤnig fort und fort in Wort und That. Obgleich er mit dem Hochmeiſter uͤbereingekommen war: ihre beiderſeitigen Unter⸗ thanen, welche Güter in Preuſſen oder Polen beſaͤßen, ſollten fie in ungeflörtem Beſitze behalten,“ fo war er doch der erſte, der dieſer Beſtimmung entgegenhandelte, und dennoch erhoben feine und Witowds Geſandten im Concilium faſt täglich das Klaggeſchrei: der Orden habe den Frieden ge⸗ brochen. Man konnte nie recht erfahren, was ſie als Frie⸗ densbruch anſahen, ob die Vorenthaltung von Morin und Orlow oder einige Streitigkeiten mit dem Komthur von Neſſau. ) Wohl aber geſchah um dieſe Zeit, daß zwei vom Könige gewonnene Verraͤther des Ordens Newiger und Pe⸗ ter von der Slawke auf ſeinen Betrieb mit zweihundert Pferden an die Graͤnze Preuſſens ſprengten, um Soldau zu überfallen, was auch gelungen ſeyn wuͤrde, wenn ihnen die Komthure von Strasburg und Oſterode, zeitig unter⸗ richtet, nicht mit tauſend Reitern entgegen gezogen waͤren. Da ſchrieb der Hochmeiſter dem Erzbiſchof von Riga: Tragt dieſe Geſchichte dem Nom. Könige und dem Concilium vor, denn wir haben daruͤber ſo gute Beweiſe, daß wir ihre Wahrheit wohl bewähren Tonnen. Ihr ſeht, wie mißlich es mit dem Frieden ſteht. Es iſt uns auch in Wahrheit 1) Lindenblatt S. 301. 2) Schr. des M. an den König v. Pelen, d. Golub Freit. vor Eliſabeth 1415 Rg IV. p. 125. 3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Koſtnitz Dienft. nach Ans treä 1415 Schbl. IM. 187. Es kamen im Novemb. 1415 neue Ge⸗ fandte des Poln. Koͤniges ins Concilium; von der Hardt Acta Concil. Constant T. IV. p. 546.
Scanseite 286 · Druckseite 273
Ungluͤckliche Ereigniſſe im Lande. (1413 — 1416.) 273 gefagt, daß die Polen, wenn ihnen die Pommeriſche Seite nicht zugeſprochen wird, ſich an den Ausſpruch des Conci⸗ liums weiter gar nicht kehren und keinen Frieden halten wollen. Darum bittet den Rom. König, daß er den Dr: den bei ſeinen Graͤnzen ſchuͤtze. Haltet ſelbſt darauf, daß ihr kein Land uͤbergebet. Vorerſt indeß war vom Concilium noch keine Entſchei⸗ dung zu erwarten. Der Hochmeiſter hatte zwar im Herbſt an die Stelle des bereits verſtorbenen Ordenstrappiers den Komthur von Thorn Johann von Selbach als Bevollmaͤch⸗ tigten nach Koſtnitz geſandt und ſeitdem hatten auch die Streithaͤndel mit den Biſchoͤren von Leſlau und Poſen die Ordensgeſandten vielfach beſchaͤftigt, denn der erſtere ver⸗ langte vom Orden immer noch die Ruͤckzahlung von Zehnten und Verguͤtung des an ſeinen Hoͤfen erlittenen Schadens; der andere forderte von ihm ſeit der Schlacht von Tannen⸗ berg die Nachzahlung von jährlich funfzig Mark, die ihm der Komthur von Tuchel zu entrichten hatte.?) Allein da bereits nicht nur der Roͤm. Koͤnig, ſondern auch die meiſten weltlichen Fuͤrſten und viele andere Theilnehmer des Conci— liums Koſtnitz verlaſſen hatten und faſt alle Verhandlungen ruhten, ſo konnten nicht einmal dieſe Streithaͤndel eine Erledigung finden.) Nur eine Sache regte wie in Preuſſen ſelbſt, ſo auch bei den Ordensgeſandten in Koſtnitz das lebhafteſte Intereſſe an. Bei Braunsberg naͤmlich war ei- nes Morgens der Leichnam des in ſeinem Hauſe bei Nacht ermordeten Ritters Ambroſius von Huntenberg mit Steinen an Hals und Fuͤßen in die Paſſarge verſenkt gefunden 1) Schr. des HM. an den Erzbiſchof v. Riga o. D. (aus dem Ende des J. 1415) Rgſtr. IV. p. 127. 2) Ein Notariatsinſtrument über die Vollmacht zur Verhandlung obiger Streithändel, d. Marienb. XXVIII. Octobr. 1415 Schbl. LI. 9: 3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Koſtnitz Dienſt. nach An dre 1415 Schbl. II. 187; es meldet unter andern, „das hir itzund nicht von werntlichen herren ſien, denn myn herre Palczgraff vom Nieve der ſich gar frundlichen dirbuͤwt, bie unſirm Orden und ſachen czu thun. VII. 18
Scanseite 287 · Druckseite 274
274 unglückliche Ereigniſſe im Lande. (1415 — 1416.) worden. Aus beſtimmten Urſachen faßte man bald gegen die Rathsmanne von Braunsberg Verdacht wegen Theil⸗ nahme oder wenigſtens Mitwiſſen am Morde. Die Ver⸗ wandten des Ermordeten, an die ſich auch ein großer Theil des Ermländifchen Adels anſchloß, erſuchten zur Vermeidung größerer Zwietracht den Hochmeiſter um eine ſorgſame ge⸗ richtliche Unterſuchung, der ſie jedoch an den damals noch lebenden Biſchof von Ermland verwies, weil dieſer verlangte, daß das Gericht daruͤber unter ihm und in ſeinem Biſthume bleibe. Als indeß die Gemeine von Braunsberg forderte, die Sache ſolle in ihrem Stadtgerichte verhandelt werden, legte der Hochmeiſter Einſpruch ein, weil das Geruͤcht ge⸗ rade auf diejenigen Verdacht warf, die in der Schöffenbant der Stadt ſaßen. Mittlerweile ſtarb der Biſchof. Es ent⸗ ſtand nun aber unter dem über die Mordthat aufs hoͤchſte erbitterten Ritterſtande in Ermland ein ſo lautes Murren und eine ſo bedenkliche Bewegung, daß der Hochmeiſter, einen blutigen Ausbruch des allgemeinen Grolls befuͤrchtend, für zweckmaͤßig fand, die Unterſuchung und Entſcheidung vor eine in Wormditt verſammelte Landbank zu bringen, wo außer den zwoͤlf Landſchoͤffen noch zwoͤlf andere aus den Rittern, Knechten und Städten den Ausſpruch thun ſollten. Weil aber die Beklagten ſich bei den drei Sitzungen der Bank jedesmal an den Hochmeiſter beriefen und die Ent⸗ ſcheidung ſich ſo verzögerte, fo erklaͤrte ſich dieſer dahin, daß diejenigen von Braunsberg, die das Leichzeichen empfangen hätten, ſolches vor die vier Baͤnke des Landdings zu Worm⸗ ditt bringen ſollten. Als dieß geſchehen ſollte, entwichen neun von den Braunsberger Rathsherren aus dem Lande, wurden darauf vom Hochmeiſter in die Acht erklart und ihre geſammte Habe in Beſchlag genommen. D Vier von ihnen fanden ſich in Koſtnitz ein, um ſich bei ihrem kuͤnf⸗ 1) Schr. des HM. an den Procurator in Koftnig, d. Leſke Don⸗ nerſt. vor Bartholomäi 1415 Rgſtr. IV. p. 114; vgl. meine Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſchaft S. 193 — 194.
Scanseite 288 · Druckseite 275
Unglüdliche Ereigniſſe im Lande. (1413 — 1416.) 275 tigen Biſchofe und den dortigen Ermlaͤndiſchen Domherren Raths zu erholen und ſich, wenn ihre Klaͤger etwa an das Concilium gehen ſollten, gegen ſie zu verantworten, weil ſie es Unrecht fanden, daß man ſie von ihrem Stadtrechte hatte dringen wollen. Der Elect indeß, obgleich in letzterer Hinſicht mit ihnen vollig uͤbereinſtimmend, widerrieth jede weitere Unterhandlung über die Sache im Concilium, met: nend, die Unterſuchung bleibe am beſten dahin geſtellt, bis ein neuer Biſchof nach Ermland komme. Auf die Bitte des Elects und auf den Rath des Ordensprocurators ließ auch der Hochmeiſter die Sache vorerſt auf ſich beruhen, zumal da ſich im Verlaufe der Zeit die Erbitterung des Ermlaͤndiſchen Adels auch mehr und mehr geiegt hatte.“) Dieſer Stillſtand der Verhandlungen im Concilium brachte aber dem Hochmeiſter ſchon in den erſten Monaten des Jahres 1416 neuen Kummer und Beſorgniß, denn die Stellung des Ordens gegen den Koͤnig von Polen wurde jetzt nicht nur dadurch wieder ungleich gefahrvoller, daß der Koͤnig von Daͤnemark, wie man in Preuſſen erfuhr, mit Witowd und dem von Polen ein fuͤr den Orden hoͤchſt nach⸗ theiliges Bündniß abgeſchloſſen haben follte, 9 ſondern der Hochmeiſter erhielt durch den Komthur von Danzig, Hein⸗ 1) Es wurde Über dieſe Angelegenheit viel hin und her geſchrieben; Schr. des Procurators, d. Koſtnitz am T. Michaclis 1415 Schbl. J. 20; Schr. deſſelben an den HM. d. Koſtnitz Freit. vor Simon und Juda (1415) Schbl. LXVI. 36. Schr. des Elcctö von Ermland an den HM. d. Koſtnitz am T. Simon und Juda (1415) Schbl. LXVI. 36. Ein Auszug aus dieſen Schreiben in meiner Geſch. der Eidechſen⸗ Geſellſch. S. 195 — 198, 2) Schr. des HM. an feine Bevollmächtigten im Concilium, d. Danzig am T. Prisca 1416 Ngſtr. IV. p. 1283; er meldet ihnen, „das der koning von Denemarke ſich ettlicher moße wunderlich ken uns ſtellet. So hat ſich der von Dennemarke mit deme von Polan und herczoge Wi⸗ tauden vorbunden. Aus einem Schr. des Komthurs von Thorn, d. Koſtnitz Donnerſt. vor Cathedra Petri (1416) Schbl. II. 32 erfahren wir, daß das Gebiet von Reval Gegenſtand des Zwiſtes des Koniges und des Ordens war. 18 *
Scanseite 289 · Druckseite 276
276 unglückliche Ereigniſſe im Lande. (1415 — 1216.) E rich Hold, der es umſonſt verſucht hatte, mit dem Könige guͤtliche Unterhandlungen einzuleiten,“) auch die betruͤbende „Nachricht, dieſer letzterer wolle, wenn es ſich mit dem Aus: ſpruche im Concilium noch laͤnger verziehen werde, den Aus⸗ gang des Beifriedens nicht erwarten, ſondern ſein vermeintes Recht ſich ſelbſt mit den Waffen verfchaffen, ? und neue Regſamkeit und Eifer bei den Ruͤſtungen in Polen deuteten auch darauf hin, daß alles auf einen plöglichen Einfall ins Ordensgebiet berechnet fey. 2 Selbſt von Koſtnitz her kam dem Hochmeiſter die Warnung zu, vor allem die Neumark und die Pommeriſche Seite gegen Polen, und Ragnit, Til⸗ fit und Memel gegen Litthauen fo gut als moͤglich in wehr⸗ haften Stand zu ſetzen, auch die Burgen und Staͤdte in Preuſſen gehörig zu verwahren und mit Geſchoß und Lebens⸗ mitteln reichlich zu verſehen, denn in kurzem werde dieß hoͤchſt nothwendig ſeyn.) Auf auswärtige Beihuͤlfe war in dieſer Bedraͤngniß nicht im mindeſten zu rechnen, denn in Deutſchland war die Stimmung gegen den Orden noch die naͤmliche, wenn gleich auch einzelne Fuͤrſten, wie Herzog Ludwig von Baiern, ſich ihm noch ſehr geneigt zeigten; in Boͤhmen hegte der Koͤnig immer noch heimlichen Groll ge— gen den Orden; er hatte wegen einer alten, laͤngſt abgetra⸗ genen Geldforderung ungeachtet aller Bitten des Hochmeiſters die dortige Ordensballei auch jetzt noch im Beſitze.) Auch 1) Schr. des Königes v. Polen an den HM. d. in curia nova Worany feria IV infra Oetavas Epiphan. 1416 Schbl. XXI. 73. Schr. Witowds an den HM., d. Jagdhof Worany Mittw. nach Epiphan. 1416 Schbl. XVII. 119. 2) Schr. des HM. an den König v. Ungern, d. Marienb. Sonnab. vor Purif. Maria Naftr. IV. p. 130. 3) Schr. des HM. an den König v. Ungern, d. Marienb. Mont. nach Oculi 1416 Rgſtr. IV. p. 132. 4) Schr. des Propſts Schauenpflug, d. Koſtnitz am T. Gregori 1416 u. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Koſtnitz am T. Mathia 1416 Schbl. II. 36. 5) Schr. des HM. an den Kenig v. Vohmen, d. Marienb. Freit.
Scanseite 290 · Druckseite 277
Die Peſt in Preuſſen. (1116.) 277 die Hanſeſtaͤdte zinnten, denn ihr Verlangen wegen Abſtel⸗ lung des allen Handelsverkehr fo ſehr erſchwerenden und in den andern Hanſeſtaͤdten bereits aufgehobenen Pfundzolles hatte der Meiſter mit der Erklaͤrung zuruͤckgewieſen: „Da feine Vorgaͤnger den Pfundzoll ſchon feit fo langer Zeit er- hoben, fo fehe er keinen Grund, ihn jetzt gerade aufzuheben; er werde thun, was feine Vorfahren gethan.“ ) Und waͤhrend man nun in dieſer gefahrdrohenden Stel⸗ lung gegen den nachbarlichen Feind keinen einzigen Tag des Friedens mehr ſicher war, lag ſchon ſeit dem Anfange dieſes Jahres ein anderes ſchweres Ungluͤck auf dem Lande. Durch die faule und weiche Witterung des Winters begin: ſtigt hatte ſich eine Peſtkrankheit von Danzig aus, wo ſie lich zuerſt gezeigt, wie über Pommern, fo auch über Preuf- ſen bis in die entfernten Hinterlande und in die Wildniß verbreitet. 9 Nicht nur dieſe Ausdehnung über das ganze Land, ſondern auch ihre lange Dauer (denn ſie wuͤthete auch noch im Nachſommer) 9 brachte unbeſchreibliches Elend und Jammer unter das Volk. Außer einer unzähligen Men⸗ ge der fleißigſten Bewohner von Stadt und Land raffte fir vor Purif. Maria 1416 Kgfir. IV. p. 129; der König gab die richtige Bezahlung ſeiner Forderung immer noch nicht zu. 1) Schr. der Sendboten der Städte Hamburg, Roſteck, Stralſund u. a. d. Wismar am Abend Mathia 1416 Schbl. 87. 8. Schr. ber EM. an die Hanſeſtädte, d. Marienb. Sonnab. nach Himmelf. 1416 Rgſtr. IV. p. 149. 2) Lindenblatt S. 310. Schr. des Kenias v. Polen, d. Woran) feria IV inſra Oetavas Epiphau. 1916 Schbl. XXI. 13, wo der Kö nig erklärt: sed quia zudivimus, qualiter permissione iv ina aura pe- stilentien in Prussia cl signanter in Civitate Gdanensi hoc lempure vi- guissel et vigerel de preseuli, rogamus, quod nullus ex illo aere in- veto in ipsius Heinriei Commendatoris comitiva Terras Lyihwanie in- troire permittatur, ne bie peslilenlie morbus, yui contagiosus esl. aput nos etiam invaleseat. 3) Schr. des HM. an den Erzbiſchof v. Riga, d. am T. Laurentii (10. Aug.) Ngſcr. IV. b. 166 u. an den Meiſter v. Livland Schbl. XXI. 63. 7
Scanseite 291 · Druckseite 278
278 Die Peſt in Preuſſen. (1446.) nicht weniger als ſechs und achtzig Ordensbruͤder und dar: unter viele hoͤchſt verdiente und brave Ritter hin, fo den edlen Großkomthur, Grafen Friederich von Zollern, der ſich nur kurz zuvor ſeines Amtes hatte entbinden laſſen, um auf der einſamen Engelsburg die Ruhe ſeiner alten Tage zu genießen, dort aber mit den meiſten ſeiner Diener der ſchrecklichen Seuche erlag, ferner den vielverdienten Ordens⸗ treſſler Otto von Eilenburg, der ſein Amt kaum ein Jahr verwaltet.) An die Stelle des erſtern kam jetzt als Groß⸗ komthur Paul von Rußdorf und in das Treßleramt Hein⸗ rich von Niekeritz.) Auch der alte ehrwuͤrdige Biſchof Ar⸗ nold von Kulm ward am ein und dreißigſten Mai ſehr ſchnellen Todes von der Seuche hingerafft. Zu deſſen Nach⸗ folger erkor das Kapitel den bisherigen Domdechant von Kulm Magiſter Johannes Mergenau, deſſen Wahl, des Hochmeiſters Wuͤnſchen ganz entſprechend, da noch kein neuer Papſt erwählt war, im Concilium vom Erzbiſchof von Riga beſtaͤtigt werden mußte; doch erfolgte die Weihe des Neuerwaͤhlten durch den Biſchof von Pomeſanien erſt im Anfange des naͤchſten Jahres.) Das Biſthum Samland hatte ſeinen neuen Biſchof Heinrich von Schaumburg noch nicht einmal ein volles Jahr, als er, bevor er noch die prieſterliche Weihe erhalten, in dieſem Jahre ſtarb, nach⸗ dem er die Samlaͤndiſche Kirche in große Schulden ge: bracht. Auf des Hochmeiſters Wunſch waͤhlte das Domka⸗ pitel den Samlaͤndiſchen Domherrn Johannes Salfeld zu ſeinem Nachfolger, einen durch Kenntniſſe und ſittlichfrom⸗ 1) Lindenblatt S. 312; der Name Otto von Eilenburg oder Ilenburg iſt offenbar der richtige; fo kommt er z. B. in einer Urkunde d. Marienb. Donnerſt. vor Cantate 1416 im Agſtr. VV. p. 68 vor. Der Name Iſenberg iſt ohne Zweifel verſtuͤmmelt. 2) Lindenblatt S. 311. 3) Lindenblatt a. a. O. Schr. des Procurators, d. Koſtnitz am T. Diviſion. Apoſtol. (1416) Schbl. LXIV. 29. Der erwähnte Chro⸗ niſt ſchreibt den Namen des Biſchofs Mergenau; bei andern finden wir ihn Margenau genannt.
Scanseite 292 · Druckseite 279
Muͤnzveraͤnderung. (1416.) 279 men Lebenswandel ſehr ausgezeichneten Mann, deſſen Be⸗ ſtaͤtigung ebenfalls durch das Concilium erfolgte. Die Sam⸗ laͤndiſche Kirche war damals ſo verarmt, daß der Hochmei⸗ ſter alle Koſten feiner biſchoͤflichen Wahl und Beſtaͤtigung beſtreiten mußte.) , Doch dieſe furchtbare Geißel war es nicht allein, die alle rege Thaͤtigkeit im Lande erdruͤckte und alle Lebenskraft laͤhmte; es geſellte ſich noch manches andere ſchwere Ungluͤck hinzu. Die Schlechtigkeit der Muͤnze, eine Folge der un⸗ gluͤcklichen Verhaͤltniſſe zu Polen und der druͤckenden finan⸗ ziellen Noth des Ordens, hatte bereits Jahre lang den Handel mit dem Auslande faſt ſo ganz vernichtet und im Lande ſelbſt eine ſo große Theuerung und andere ſchwere Nachtheile zur Folge gehabt, daß man nothwendig eine Ver⸗ änderung vornehmen mußte, denn es war ſchon dahin ge⸗ kommen, daß alle Lebensbeduͤrfniſſe mit der verſchlechterten Münze dreimal fo theuer als fruͤherhin bezahlt werden muß⸗ ten. Der Vorſchlag des Hochmeiſters, die Schillinge wie⸗ der in derſelben Wuͤrde, wie unter Winrich von Kniprode, Konrad von Wallenrod und dem erſten Jungingen ſchlagen zu laſſen, 2 fand bei den Gebietigern und dem Landesrathe keine Zuſtimmung; er ließ daher nach ihrem Rathe halbe Scoter nach altem Gepraͤge und alter Wuͤrde ſchlagen, ſo daß fünf und vierzig eine Mark ausmachten, und daneben kleine Pfennige, funfzehn auf einen halben Scoter und dreißig auf ein Scot gerechnet. Zwei alte Pfennige ſollten einem neuen und drei Mark alter Schillinge einer Mark halber Scoter gleich ſtehen. Man beauftragte ſtaͤdtiſche Beamte, alle Gegenſtände des Marktverkehrs zum Werthe 1) Lindenblatt S. 312. Schr. des HM. an den Erzbiſchof v. Riga, d. Marienb. Mittw. nach Bartholom. 1416 Schbl. LXVII. 46, dedruckt bei Gebſer Geſchichte der Domkirche zu Königsberg S. 175. 2 Lindenblatt S. 308 ; genauere Nachrichten über das Einzelne im Fol. Gränzbuch p. 46, wo das Verhältniß der alten und neuen Muͤnze ſpecieller auseinander geſetzt iſt. Baczko B. III. S. 155 Beil. XXII.
Scanseite 293 · Druckseite 280
280 Aufruhr in Danzig. (1416.) des neuen Geldes in ein richtiges Verhaͤltniß zu ſetzen. ) Allein nach einiger Zeit erlitt auch dieſe Anordnung wieder eine Veraͤnderung, denn da das Land wahrſcheinlich durch den Landesrath fi) dawider erklaͤrte, fo mußten die halben Sco⸗ ter wieder umgeſchlagen und andere Schillinge gepraͤgt wer⸗ den, deren einer zwei alten gleich ſtand. Die noch fort⸗ dauernde Schlechtigkeit der Landesmuͤnze war ſonach nicht Schuld des Hochmeiſters, ſondern vielmehr des Landes, welches ſich der Verbeſſerung widerſetzte. 9 Welche Unzufriedenheit dieſe Muͤnzveraͤnderung und die dabei erlittenen Verluſte überall erregten, beweiſt das Bei⸗ ſpiel Danzigs, wo daruͤber ein foͤrmlicher Aufruhr ausbrach. Es geſchah am Frohnleichnamsfeſte, als der Hochmeiſter ſich eben zu Danzig befand, 9 daß das gemeine Volk, von einem gewiſſen Johann Lupi und einigen andern Raͤdels⸗ fuͤhrern aufgehetzt, ſich in großen Haufen zuſammenrottete, mit wildem Geſchrei dem Hochmeiſter und dem Rathe der Stadt den Gehorſam aufkuͤndigte, die Sturmglocke lautete, fi der Schluͤſſel der Stadt bemächtigte, die Thore gegen die Burg verſchloß und die Stadt für frei und unabhän- gig erklaͤrte. Waͤhrend der Rath ſich kaum noch auf die Burg retten konnte, wagte die empoͤrte Volksmaſſe zuerſt einen Angriff auf den Muͤnzhof unter abſcheulichen Freveln, erſtuͤrmte darauf das Rathhaus, erbrach alle Gemache, raub⸗ te und vernichtete, was ſie fand, drang dann auch in das Wohnhaus des Buͤrgermeiſters Gerhard von der Becke ein, durchpluͤnderte es und zerſtoͤrte alles, was man nicht fort: ſchleppen konnte, und beging an ſeiner Dienerſchaft die 1) Lindenblatt a. a. Oz auch hicruͤber im Fol. Graͤnzbuch a. a. O. näheren Aufſchluß unter der Aufſchrift: Hirnoch ſal man ſich rich⸗ ten mit der Muͤntze, actum Oculi im 1416ten Jare. Braun vom Poln. u. Preuſſ. Muͤnzweſen S. 33 — 34. Hariknoch Dissertat. de re numm. Pruss. §. XVI. p. 304. 2) Wir Lindenblatt a. a. O. ausdrücklich ſagt. 3) Im Recessus Hanszat s. a. 1416 erwähnt der HM. ſelbſt, daß er damals in Danzig gegenwärtig gewijen fur.
Scanseite 294 · Druckseite 281
Aufruhr in Danzig. (1416.) 281 furchtbarſten Verbrechen, denn ihm vorzuͤglich ſchrieb man die Schuld der Münzveränderung zu.) Endlich ſätligte ſich die Raubgier der Aufruͤhrer auch an den reichen Waaren⸗ lagern der Kaufleute. Acht Wochen hindurch blieb die Stadt, von dem empoͤrten Volke verſchanzt und vertheidigt, in diefen Zuſtande gaͤnzlicher Aufioſung aller Ordnung. Da kam es nach und nach zur Beſinnung uͤber ſeine fre⸗ velhafte Verirrung und ſandte eine Botſchaft von achizig Bürgern an den Hochmeiſter, um Gnade und Herſtellung geſetzlicher Ordnung zu bitten. Dieſer indeß unterſagte ihnen das Erſcheinen im Haupthauſe und beſchied ſie nach Mewe, wo in einer berufenen Verſammlung von Gebieti⸗ gern, Rittern, Knechten und Abgeordneten der Staͤdte eine Verhandlung Statt fand. Der Hochmeiſter trat als Kläger gegen die empörte Gemeine auf; die Danziger ver⸗ antworteten ſich, fo gut fie konnten.) Das Erkenntniß der Verſammlung fiel endlich dahin aus, daß die Stadt⸗ gemeine vor allem die aus dem Rathe verſtoßenen Raths⸗ herren wieder in ihr Amt einſetzen und die Schuldigen und Theilnehmer am Aufruhre ſtreng beſtrafen ſolle. Man nahm dieß an. Der Hochmeiſter begab ſich hierauf ſelbſt nach Danzig und beſtellte aus dem Ordensmarſchall, meh⸗ ren Gebietigern, Rittern und Knechten ein Gericht. Eine große Zahl ward gefangen geſetzt; mehre Raͤdelsfuͤhrer und und Haupttheilnehmer büßten mit dem Tode; andere wurden 1) Lindenblatt S. 309. Schr. des HM. an d. Erzbiſchof v. Riga, d. Marienb. Sonnt. vor Laurentü 1416 Rgſtr. IV. p. 166; vorzüglich das Schr. des HM. an den Röm. König in der Beilage nro. IV zu Lindenblatt S. 400. Nach der Angabe des HM. im Reces- sus Hanseat. wurde der Bürgermeifter und vier aus dem Rathe aus der tadt verjagt. Stegemanns Preuff. Chron. P. 17 ſchildert den Buͤr⸗ germeiſter als einen eifrigen Anhänger des Ordens und Günftling des H. Heinrich v. Plauen, ſchreibt ihm auch die Schuld von Konrad Lctzlau 's Tod zu; er habe vom HM. die Erlaubniß zu münzen gehabt. D) ueber dieſe Verhandlung ein Schr. dieſer Botſchaft und eines Mitgliedes aus ihr an dic Danziger im Rocess. Hanseat. I. e.
Scanseite 295 · Druckseite 282
282 Aufruhr in Danzig. (1446.) mit Weib und Kind aus dem Lande verwieſen; ) manche von den Schuldigſten, unter ihnen auch der Anſtifter der Empdrung Johann Lupi, waren bereits entflohen und ver⸗ loren nach dem Geſetze alle ihre Guͤter. Die Gewerke der Stadt und viele, die es im Stillen mit den Aufruͤhrern gehalten, ſelbſt die Stadtdoͤrſer wurden wegen ihres Ab: falls von der Landesherrſchaft mit einer anſehnlichen Geld⸗ buße beſtraft. Zur Sicherheit der Stadt verbot man den Handwerksinnungen, die am Aufruhre mit Theil genom⸗ men, ein Jahr lang alle Verſammlungen und Bierzechen; ihre Waffen und ihr Harniſch wurden in das Stadtbehaͤlt⸗ niß niedergelegt. Jede Innung mußte dem Hochmeiſter und dem Rathe ſchwoͤren, forthin dafuͤr zu ſorgen, daß ein ſolcher Aufruhr nie mehr erfolge. Die entwichenen Raͤdelsfuͤhrer waren jedoch frech genug, den Hochmeiſter und Orden nicht nur beim Reichshofgerichte wegen Ein: ziehung ihres Vermoͤgens zu verklagen, ſondern auch in Koſtnitz das verleumderiſche Geruͤcht zu verbreiten, daß ihnen der Hochmeiſter ohne alle Schuld ihre Habe und Gut ge- raubt, ja ſelbſt uͤber die ihnen aufgebuͤrdeten Beſchuldigun⸗ gen alles weitere Verhoͤr verſagt habe.“ Man wandte 1) Nach Rufus Chron, bei Detmar B. II. S. 491 wurden 18 Roͤdelsfuͤhrer enthauptet und 40 von den Mitſchuldigen aus dem Lande verwieſen. 2) Darüber das Nähere im Recess. Hanseat. s. h. a., wo auch des Gebotes noch erwähnt wird, daß wenn mehr als vier aus einer In⸗ nung ſich irgendwo verſammeln wurden, man fie als eine verbotene Verſammlung betrachten und dem Gerichte übergeben ſolle. Stege⸗ manns Preuſſ. Chron. p. 17 fuͤhrt an, die Stadt habe eine ſehr be⸗ deutende Geldſtrafe entrichten muͤſſen, naͤmlich für jede Feder, die aus den verwuͤſteten Betten des Buͤrgermeiſters auf den Markt geflogen ſey, einen Schilling! Wer die Federn gezaͤhlt habe, ſteht nicht dabei. 3) Lindenblatt S. 309 u. das erwähnte Schr. an d. Röm. König, zwei Jahre nach dem Aufruhr abgefaßt, woraus man ſieht, daß ſich die Fluͤchtlinge noch im J. 1418 bei den Gerichten umhertrieben. Schr. des Procurators an den HM. d. Koſtnitz Mittw. vor Oſtern (1418) Schbl. II. 34.
Scanseite 296 · Druckseite 283
Verlangerung des Beifriedens mit Polen. (1116.) 283 daher forthin alle Mittel an, dieſe verbrecheriſchen und treuloſen Menſchen von den Landesgränzen fern zu halten, denn bei der bedenklichen Stellung des Ordens zu Polen konnten fie leicht Höchft gefährlich werden.) Es war ein Gluͤck, daß, bevor dieſe unzufriedene Stim⸗ mung im Lande erwachte, die Verhältniſſe zu dem Könige von Polen fich für den Orden etwas guͤnſtiger geſtellt hat: ten. Nachdem nämlich ſchon im Februar auf Verlangen des Rom. Koͤniges auch der Komthur von Thorn und der thaͤtige Propſt Kaspar Schauenpflug das Concilium ver⸗ Yäffen hatten, um dem Könige nach Paris nachzufolgen, wohin bereits auch eine Botſchaft der Polen abgegangen war, entfernte ſich auch der Erzbiſchof von Riga, deſſen Gunſt beim Röm. Könige und deſſen Gewicht und Anſehen im Concilium ſehr hoch ſtand, aus Koſtnitz, um nach Preuſ⸗ fen zuruͤckkehrend mit dem für das Wohl des Ordens im: mer eifrigſt bemühten Burggrafen Friederich von Nürnberg (der um dieſe Zeit die Brandenburgiſche Kurwuͤrde erhielt) Verhandlungen wegen Verlängerung des Beifriedens mit dem Könige von Polen anzuknüpfen. Dieſer indeß ſchien dazu wenig geneigt, 9 da eben neue Streithaͤndel theils wegen ſtaͤrkerer Bewehrung und Verwallung des Drewenz- Ufers, die der Komthur von Neſſau veranſtaltet, theils wegen wiederholter Beraubung Preuſſiſcher Kauffahrer auf offener Handelsſtraße in Polen dem Koͤnige Anlaß gegeben, dem Hochmeiſter in heftigem Zorn die haͤrteſten Vorwuͤrfe zu machen. ) Unterdeſſen war jedoch zu Paris auf des 1) Schr. des HM. an die Stadt Stolpe, d. Sobowitz Sonnab. vor Kreuz-Erhöh. 1416 Ngſtr. IV. p. 174. Wenn unſere obige Dar⸗ ſtellung des Aufruhrs in Danzig von der Kotzebue's B. III. S. 158 in vielen Punkten abweicht, ſo kommt dieß daher, weil wir auch hier auf Simon Grunau gar kein Gewicht legen können. 2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Koſtnitz Donnerſt. vor Ca⸗ thedra Petri 1416 Schbl. II. 32. 3) Schr. des HM. an d. Markgraf. Friederich v. Brandenburg, d. Sobowitz Mont, nach Quaſimodogen. 1416 Rgſtr. IV. p. 139. 4) Schr. des HM. an d. Konig v. Polen, d. Marienb. Freit. vor
Scanseite 297 · Druckseite 284
284 Verlängerung des Beifriedens mit Polen. (1416.) Röm. Königes und Karls des Sechſten von Frankreich Vermittlung zwiſchen dem Erzbiſchof von Gneſen, einigen andern Polniſchen Geſandten, dem Komthur von Thorn, dem Landkomthur vom Elſaß und dem Propſte Schauen⸗ pflug eine Verlaͤngerung der Waffenruhe vom achten Sep⸗ tember bis zwoͤlften Juli naͤchſtes Jahres unter den Be⸗ dingungen zu Stande gekommen, ) daß der Orden die ſtreitigen Dörfer Morin, Orlow und Neuendorf, an denen nach des Poln. Königes Behauptung der Friede vom Or⸗ den verletzt ſeyn ſollte, während des Beifriedens in die Hände des Roͤm. Koͤniges uͤbergeben und von dieſem dann demjenigen wieder eingeraͤumt werden ſollten, dem ſie dem Rechte nach zugehoren würden, und daß man während des im Concilium vor dem Papſte und dem Roͤm. Könige alle Mittel zur Wiederherſtellung des Friedens und der Freund⸗ ſchaft zwiſchen Polen und dem Orden verſuchen ſolle. Das Concilium ſelbſt ſollte die Beſtaͤtigung und Buͤrgſchaft des verlängerten Friedens übernehmen. 2° Der Nom. König erfuchte den Hochmeiſter und die Gebietiger noch in einem beſondern Schreiben, zum Beſten des der ganzen Chriſten⸗ heit fo nothwendigen Friedens der Uebergabe der Dorfer keine Schwierigkeiten entgegenzulegen, ihnen betheuernd, daß, wenn er auch ſelbſt dem Polniſchen Koͤnige die Doͤr— fer vorerſt einräumen werde, dem Orden dadurch feine Rechte und Anſpruͤche ebenſo wenig entzogen als dem Kü- nige ſolche zuerkannt ſeyn follten. ® Palmar. 1416 Rgſtr. IV. p. 137. u. ein anderes Schr. an den König, d. Danzig Sonnab. vor Quaſimodogen. 1416 ebend. p. 138. 1) Vgl. Dingoss. p. 375 — 376. 2) Schr. des Komthurs v. Thorn an d. HM. d. Paris Donnerſt. vor Oſtern 1416 Schbl. XXI. 20, worin ein weitläuftiger Bericht über die Verhandlungen zu Paris. Schr. des Königes v. Polen an das (Son- cilium in Koftnig in Von der Hardt Acta Conil. Constant. T. I p. 867 — 868. 3) Schr. des Rem. Königes an den HM. d. S. Dioupſii ori Pas vis Mittw. vor Palmar. 1416 Schbl. IV. 16 (Avſckriſt).
Scanseite 298 · Druckseite 285
Verlängerung des Beiftiedens mit Polen. (1416.) 285 Bevor aber noch dem Hochmeiſter dieſe Nachrichten aus Paris zukamen, war durch Vermittlung des Komthurs von Mewe ein neuer Verhandlungstag mit dem Könige zu Gniev⸗ kowo in Kujavien zur Ausgleichung uͤber verſchiedene Klag⸗ punkte und Mißhelligkeiten aufgenommen worden, denn der König ſchien jetzt ungleich geneigter, da der Großfuͤrſt von Litthauen, der ſich bisher uͤberhaupt viel gewiſſenhafter und puͤnktlicher an die Beſtimmungen des Strasburger Frie⸗ dens gebunden, dem Hochmeiſter friedlichere Geſinnungen entgegenbrachte und ſchon laͤngſt mit dem Orden in freund⸗ licheren Verhaͤltniſſen lebend vielfache Urſachen hatte, den Frieden aufrecht erhalten zu ſehen.) Die Bevollmaͤchtig · ten des Ordens, der Biſchof Johannes von Pomeſanien. der Ordensmarſchall Martin von der Kemnate, der Oberſt⸗ Trappier und Komthur von Mewe, der Ordens⸗Treßler und mehre andere, 2 waren bereits in Neu- Leſlau vom Könige mit Gunſt⸗ und Ehrenbezeugungen, wie ſie fie nicht erwartet, empfangen worden ) und die Verhandlun⸗ gen hatten ſchon begonnen, als dem Hochmeiſter nicht nur die öffentliche Erklarung des Rom. Königes über die Ver⸗ laͤngerung des Beifriedens, ſondern zugleich auch die Voll⸗ macht für den Markgrafen von Brandenburg wegen Ueber⸗ nahme der drei Dörfer in des Koͤniges Namen überbracht wurden. Er uͤberſandte fie ſofort feinen Bevollmaͤchtigten 1) Schr. Witowds an den HM. d. Traken Dienſt. nach Cantate 1416 Schbl. XVII. 109. Schr. des HM. an Witowd, d. Marienb. Mittw. nach Jubilate 1416 Rgſtr. IV b. p. 69. 2) Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Stuhm Mittw. vor Jubilate 1416 Rgſtr. IV . p. 142. Die Vollmacht des HM. für die Sendboten, d. Marienb. Donnerſt. vor Cantate 1416 Rgſtr. IVb. p. 68. 3) Lindenblatt S. 313. Die Erwähnung des Komthurs von Thorn bei dieſer Verhandlung ift offenbar eine Verwechſelung mit dem dabei gegenwartigen Komthur von Neſfau, der um dieſe Zeit oͤfters als Stellvertreter des Komthurs von Thorn vorkommt. Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Thorn Freit, vor ad vocem iocundit. 1416 Rafte. IV. p. 146,
Scanseite 299 · Druckseite 286
286 Verlängerung des Beifriedens mit Polen. (1416.) nach Gnievkowo.) Dort ward auch die Verlängerung des Waffenſtillſtandes nach den erwaͤhnten Beſtimmungen am ein und dreißigſten Mai von beiden Seiten genehmigt und vom Könige, dem Großfuͤrſten und dem Hochmeiſter unter Gewaͤhrleiſtung ihrer Magnaten, Gebietiger, Ritter und Städte ſofort beftätigt. Von den ſtreitigen Dörfern war nicht die Rede; wohl aber ward beſtimmt, daß auch im Verlaufe dieſes Beifriedens die Verhandlungen uͤber die ob⸗ waltenden Streitpunkte ferner ihren Fortgang haben ſollten.“ Fuͤr die Sicherheit und Freiheit des Handels in beiden Landern verſprach der König geeignete Maaßregeln in Bes rathung zu ziehen und ſich daruͤber mit dem Hochmeiſter zu vereinigen.) Auch mit des Königes Verbündeten ſuchte ſich dieſer jetzt auszugleichen. Mit Herzog Johannes von Maſovien verfiändigte er ſich leicht über die Ausloͤſung der Gefangenen und einige andere Mißhelligleiten, 9 ſchwerer mit dem Herzoge von Stolpe. Der Markgraf von Bran⸗ denburg und der Erzbiſchof von Riga hatten zwar auch zwi⸗ ſchen ihm und dem Orden eine Friedensverlaͤngerung ein⸗ geleitet; allein der Herzog verwarf den ihm zugeſandten Friedensbrief, » theils weil er ſich ausdrücklich nur ſo lan⸗ 1) Die Erklärung des Nom. Königes, d. Parisiis a. d. 1416 sexto die April. Schbl. XXI. 72. Die Vollmacht fuͤr den Markgrafen von Brandenburg, d. Calisii a. d. 1416 vicesima die April. Schbl. XXI. 17 u. Schbl. 24. 4., wo das Datum aber vom 28. April. Schr. des HM. an Witowd, d. Marienb. Mont. nach Himmelf. 1416 Rgſtr. IV p. 146 u. Neſtr. Vb. p. 69 — 70. 2) Die Urkunde des HM. d. in Juveni Wladislavia Feria II. ante Festum dominicae ascension. 1416 Schbl. 65. 7; die Beſtätigung des Königes und des Großfuͤrſten ganz gleichlautend Schbl. XXI. 50 u. 65. 8, Fol. C. p. 17. 24. Lindenblatt Beil. V. S. 402. 3) Schr. des HM. an Witowd, d. Marienb. Mont. nach Him⸗ melf. 1416 Rgſtr. IV. p- 147. 4) Schr. des HM. an d. Herzog Johannes v. Maſovien, d. Marienb. Mont. nach Jubilate 1416 Rgſtr. IV. p. 143. 5) Der vom HM. entworfene Friedensbrief, d. Marienb. Mont. noch Jubilate 1416 oft. IV. p. 144. Fol. C. p. 34.
Scanseite 300 · Druckseite 287
Verlängerung des Beifriedens mit Polen. (1416.) 287 ge als der König von Polen auf eine Friedensverlaͤngerung einlaſſen, theils auch weil er die Beſtimmung nicht gelten laſſen wollte, daß er alle, die dem Orden zureiten wuͤrden, ſicher durch ſein Land durchziehen laſſen ſolle. Zwar kam es nun endlich zu einem gewiſſen friedlichen Einverſtaͤnd⸗ niſſe; allein ſchon nach einigen Monaten mußte der Hoch⸗ meiſter bei ihm von neuem uͤber Verletzung des Friedens klagen.!) Ueberhaupt ging dieſer Herzog wie in ſeinen Geſinnungen, fo in feinen Handlungen mit dem Könige von Polen immer gleichſam Hand in Hand. Wie er ſeine Unterthauen die Bewohner der Neumark fort und fort be⸗ laſtigen und beſchaͤdigen ließ und wie von ihm kein Schritt geſchah, um den Feindſeligkeiten ſeiner Beamten und Unter⸗ thanen im Gebiete von Schlochau Einhalt zu thun, 2 ſo machte man bald die Erfahrung, daß auch der Koͤnig von Polen nur wegen der Bedraͤngniſſe, welche Witowd durch durch die Einfälle. der öftlichen Tataren⸗Horden in ſeine Gebiete zu beſtehen hatte und wobei er des Koͤniges Huͤlfe bedurfte, ) ſich mit dem Orden auf einige Zeit friedlich geſtellt, ohne den Frieden halten zu wollen, denn die Rechte und das Eigenthum des Ordens wurden beſonders in den Gränzgegenden faſt Tag für Tag noch ſchwer verletzt. Als z. B. um dieſe Zeit die Ordensburg Jeßnitz, die noch im Beſitze der Polen war, abbrannte, ließ der Polniſche Haupt mann Birkenhaupt ohne weiteres in den nahen Ordens⸗ waͤldern unter fündhafter Verwuͤſtung eine große Maſſe Bauholz fallen, um die Burg damit aufzubauen. Alles 1) Schr. des HM. an d. Herzog v. Stolpe, d. Marienb. am T. Dominici 1416 Kgſtr. IV. p. 165. 2) Schr. des HM. an d. Markgr. v. Brandenburg, d. Marienb. Dienſt. nach Himmelf. 1416 Ngſtr. IV. p. 148. Schr. des Herzogs v. Stolpe an den HM. d. Wollin Sonnt. Cantate 1416 im Fol C. b. 35, ebendaſ. der Friedensbrief des Herzogs. 3) Lindenvlatr S. 313. Deguigne Geſch. der Hunnen B. III. S. 405. Karamſin B. . S. 166 — 168. Schr. des Meiſters v. Livland, d. Traken am T. der zwölf Apoſt. (1316) Schbl. XVII. 118.
Scanseite 301 · Druckseite 288
288 Verhaͤltniſſe zu den Nachbarfuͤrſten. (1416.) ſchien mit Abficht darauf hinzuzielen, den Orden auf alle Weiſe zum Kriege zu reizen, denn alle Klagen des Hoch⸗ meiſters blieben beim Könige ohne Erfolg. „ Alſo waren in ſolcher Stellung gegen die drohenden Gefahren immer noch die groͤßten Vorſichtsmaßregeln noth⸗ wendig. Zunaͤchſt ſuchte ſich der Hochmeiſter gegen den Daͤniſchen König ſicher zu ſtellen. Da deſſen Abſicht jetzt ſichtbar auf den Beſitz von Reval zielte, ſo erließ jener nicht nur an dieſe Stadt, ſondern auch an die Bewohner Harriens und Wierlands eine eindringliche Ermahnung zur Treue und Huüͤlfsleiſtung für den Orden im Falle des Friedensbruches, > und weil der Konig jetzt abſichtlich Urſache zum Zwiſte mit dem Orden zu ſuchen ſchien, bald durch Klagen über Vers letzung ſeiner Sendboten in Danzig, bald durch Einmiſchung in allerlei Händel in Livland, fo wandte ſich der Hoch meiſter auch an den König ſelbſt, um ihn durch Widerlegung der dem Orden aufgebuͤrdeten Beſchuldigungen zu einer be⸗ ſtimmten Erklärung feiner Geſinnung zu bewegen. 9 Allein es ſcheint ihm dieſes nicht gegluͤckt zu ſeyn. — Beſſern Er⸗ folg hatten ſeine Unterhandlungen mit den Herzogen von Schleſien. Geldbeduͤrftig kamen im Sommer dieſes Jahres die Herzoge Konrad Senior, Konrad Kanthener und Kon⸗ rad der Weiße ſelbſt nach Marienburg, wo zunaͤchſt der Eintritt des juͤngſten Bruders Konrads Senior von Oels in den Orden ein engeres Band zwiſchen beiden Tnüpfte: ® 1) Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Marienb. Pfengſt⸗ abend 1416 Rgſtr. IV. p. 150; der HM. ſagt ſelbſt: Man allewege mit uns umbgehet, wy das wir czu krige gereiſt mochten werden und ofs letzte ſo wil mun uns den fredebroch czugeben und nicht den euwern. 2) Schr. des HM. an die Bewohner v. Harrien, Wierland und Reval, d. Marienb. Mont. nach Jubilate 1416 Rgſtr. IV. p. 145 — 146, Index corp. histor. diplom. Livouiae T. I. p. 177. 3) Schr. des HM. an d. Meiſter v. Livland, d. Marienb. am Abend Trinitat. 1416 Rgſtr. IV. p. 150. 4) Schr. des HM. an d. König v. Danemark, dat. Marienb. Sonnt. vor Maria Magdal. 1416 Ngſtr. IV. p. 156. 5) Lindenblatt S. 308.
Scanseite 302 · Druckseite 289
Buͤndniß des Ordens mit den Schleſiern. (1416.) 289 und als am Pfingſtfeſte die feierliche Einkleidung des jungen Herzogs erfolgt war, kam zwiſchen dem Hochmeiſter und den Herzogen ein Buͤndniß gegen den Koͤnig von Polen und Witowd zu Stande. Es ward beſtimmt: der Orden wolle die Herzoge, ſobald der König und Großfuͤrſt fie an⸗ greifen wuͤrden, dadurch unterftügen, daß er ſofort dieſen Fehde ankuͤndigen und ſie ſo lange bekriegen wolle, bis die Herzoge mit ihnen Friede ſchloͤſſen; gelinge ihm binnen des Krieges die Lande über der Warthe, die ehemals den Her- zogen von Schleſien gehoͤrt, zu erobern, ſo werde er ihnen dieſe ohne weiteres abtreten. Die Herzoge erboten ſich, dem Orden gegen die genannten Fuͤrſten mit aller Macht zu Huͤlfe zu ſtehen, dem Hochmeiſter, ſobald er es wuͤnſche, in eige— ner Perſon mit ein- bis dreihundert Spießen zuzuziehen und nicht eher aus dem Kriege zu ſcheiden, als bis der Orden Friede ſchließe.!)) Das Siegel dieſes Buͤndniſſes aber war eine anſehnliche Geldaͤnleihe, welche der Meiſter, trotz feiner ſonſtigen Klagen uͤber Armuth und Geldnoth, den Herzogen auf fuͤnf Jahre gewaͤhrte. Bald darauf trat nun der Markgraf von Brandenburg, ermächtigt durch den Nom. Koͤnig, mit der Forderung auf, daß ihm die drei Dörfer foͤrmlich übergeben würden, um fie dem Könige von Polen zu uͤberweiſen. Allein der Hoch—⸗ meiſter, ſey es ermuthigt durch jenes Buͤndniß mit den Schleſiern oder aus Mißtrauen gegen Sigismunds Abſichten, verweigerte die Uebergabe der Dorfſchaſten, vorgebend, die I) Die Original⸗urkunde des HM. d. Marienb. Dienſt. zu Pfingſt. 1416 Schbl. 31. 19 u. Fol. C. p. 18 — 193 die Urkunde der Herzoge in einem Transſumt v. J. 1419 vom nämlichen Datum cbendaf. 2) Schuldſchein der Schleſiſchen Herzoge, d. Marlenb. Sonnab. vor h. Dreifalt. 1416 Schbl. 31. 22 u. IX. 11. Die Anleihe betrug nicht 300 Mark, wie Koßebue B. III. S. 423 angiebt, ſondern 3000 Mark u. 150 Schock Bohm. Groſchen. Ein Schuldſchein des Herzogs Konrad Senior von Oels, d. Breslau Sonnab. vor Mathäi 1416 Schbl. 31. 21 beweiſt, daß er nachmals noch eine zweite Anleihe von 750 Mark cerdielt. VII. 10
Scanseite 303 · Druckseite 290
290 Bündniß des Ordens mit den Schleſiern. (1416.) daruͤber lautenden Briefe des Komthurs von Thorn und des Markgrafen ſeyen nicht uͤbereinſtimmend; um ſo mehr muͤſſe der Orden, nachdem er die Orte beinahe zwei Jahr⸗ hunderte beſeſſen, jetzt ihren Verluſt befuͤrchten. Nur wenn der Orden durch bewährte Briefe des Markgrafen darin be⸗ wahrt ſey, werde er dem Willen des Rom. Koͤniges Ge⸗ horſam leiſten.) N Alſo war der Zwiſt zwifchen dem Könige und dem Or: den auf den alten Punkt zuruͤckgefuͤhrt, als dennoch durch dieſe Wirren hindurch mit einemmale ein Strahl des Friedens leuchtete. Der Meiſter von Livland Siegfried Lander von Spanheim knuͤpfte im Sommer dieſes Jahres bei einer Zu⸗ ſammenkunft mit dem Großfuͤrſten?) Unterhandlungen an wegen eines Verhandlungstages, auf welchem der Koͤnig, Witowd, der Hochmeiſter und er ſelbſt ſich perſoͤnlich über die wichtigſten Streitpunkte fo viel als möglich verſtaͤndigen und dadurch einem feſten und dauerhaften Frieden die erſte ſichere Grundlage geben ſollten. Der Großfuͤrſt war bald dafuͤr gewonnen, denn er wuͤnſchte jetzt wirklich ein fried⸗ licheres Verhaͤltniß zum Orden, ſo daß er ſogar einige Hoff⸗ nung zur Zuruͤckgabe Samaitens blicken ließ, erklaͤrend, man werde von ihm durch Freundſchaft und Guͤte jeder Zeit weit mehr erhalten, als durch Gewalt und Drohungen.“ Schwieriger war es, dem Hochmeiſter ſein Mißtrauen gegen Witowds friedliche Geſinnung und des Koͤniges redliche Ab⸗ ſichten zu entnehmen, denn er wußte wohl, daß beide Fuͤrſten jetzt dahin ſtrebten, die Streirſache vom Concilium zurüd- zuziehen, was er auf keine Weiſe zulaſſen wollte.) Auf das eindringliche Zureden des Livlaͤndiſchen Meiſters indeß nl 1) Schr. des HM. an d. Markgr. v. Brandenburg, dat. Elbing Dienft. nach Viſitat. Mariä 1416 Ngſtr. IV. p. 155 u. IVb. p. 67. 2) Diugoss. p. 368. 3) Schr. des Livland. Meiſters an den HM. d. Traken am T. der zwölf Apoſt. (1416) Schbl. XVII. 118. f 4) Schr. des HM. an d. Livländ. Meiſter, d. Marienb. Donnerſt. vor Petri ad Vincula 1416 Ngſtr. IV. p. 161.
Scanseite 304 · Druckseite 291
Der Tag zu Welun. (1416.) 291 und auf deſſen Verſicherung, daß es der Großfuͤrſt in der That nie ernſtlicher und aufrichtiger mit dem Frieden gemeint habe als jetzt und daß man durch Beweiſe von Vertrauen und Freundſchaft jetzt mehr von ihm werde erlangen konnen als je zuvor, » zeigte ſich auch der Hochmeifter geneigt zur Annahme des Tages. Als ihm jedoch der Großfuͤrſt bald darauf meldete: der König, durch nothwendige Geſchaͤfte am perfönlichen Erſcheinen auf dem Tage abgehalten, werde nur einige feiner Raͤthe fenden, 2? trat der Hochmeiſter wie⸗ der ſcheu zuruͤck, erklaͤrend, daß auch er den Tag jetzt nicht beſuchen konne, denn ohne des Koͤniges Gegenwart werde nichts von Wichtigkeit zu beſchließen moͤglich ſeyn.) Erſt nachdem Witowd auch dieſes Hinderniß hinweggeraͤumt und des Koͤniges Erſcheinen auf dem Tage in deſſen Namen zugeſagt, nahm nun auch der Hochmeiſter des Großfuͤrſten Einladung wirklich an, jedoch mit der ausdruͤcklichen Erklaͤ— rung, daß er in dieſen Verhandlungstag nur unter der Be⸗ dingung einwillige, „daß er beiden Theilen am Rom. Reiche und am Concilium unſchaͤdlich ſey in den Sachen, die in dem letztern verhandelt würden.’ “ Nachdem beſtimmt war, der Tag ſolle vierzehn Tage nach Michaelis bei Welun an der Memel gehalten werden, trat der Hochmeiſter die Reiſe dahin an, begleitet vom Bi⸗ ſchof von Pomeſanien, ſeinen vornehmſten Gebietigern und Komthuren, vielen Praͤlaten, Rittern, Knechten und Buͤrger⸗ meiſtern. Um Witowds Gunſt zu gewinnen, ſandte er von 1) Schr. des Livländ. Meiſters an d. HM., d. Riga Freit. vor Laurenti 1416 Schbl. „XI. 18, 2) Schr. Witowds an d. HM., d. Lithauiſch⸗Nowogrod Sonnt. nach Aſſumt. Mar. 1416. Schbl. XVII. 95; ein ähnliches Schr. an den Meiſter v. Livland Schol. XVII. 112. 3) Schr. des HM. an Witowd, d. Stuhm am T. Auguſtini 1416 Agſtr. IV. p. 168. 4 Schr. des HM. an Witowd, d. Stuhm Mont. nach Auguſtini 1416 Rgſtr. IV. p. 169. Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Stuhm Freit. vor Nativit, Mariä 1416 ebend. p. 173. 4 19 * *
Scanseite 305 · Druckseite 292
292 Der Tag zu Welun. (1416.) Kagnit aus deſſen Gemahlin Anna als Ehrengabe ein Faß guten Rheinweins, zwei Faͤſſer Moſt und eine Tonne mit Weintrauben nebſt einem freundlichen Schreiben.) Nach ſeiner Ankunft bei Welun begannen am funfzehnten October die Unterhandlungen durch die beiderſeitigen Raͤthe, denn der Hochmeiſter und der Koͤnig kamen nicht perfonlich zu: ſammen. 2 Nachdem ſich erſterer nochmals über die Stel⸗ lung dieſes Tages zum Concilium erklärt, trat er mit der Forderung auf: der Orden muͤſſe bei den Landen, Graͤnzen und rechtmaͤßigen Beſitzungen gelaſſen werden, wie ſie ihm von Alters her von weltlichen und geiſtlichen Fuͤrſten ver: ſchrieben ſeyen und ſelbſt der König und Witowd in früher Zeit ihm zugeſtanden, alle Gefangenen ſeit dem letzten Kriege muͤßten freigegeben und dem Orden fuͤr allen ſeit dem Thor⸗ ner Frieden und dem Ausſpruche des Roͤm. Koͤniges zuge⸗ fuͤgten Schaden hinreichende Verguͤtung geleiſtet werden. Zu ſolchen alten Sachen, erwiederten die Polen, ſey der Verhandlungstag mitnichten beſtimmt; zu neuen wolle man gerne rathen und helfen. Da trat der König mit der For⸗ derung hervor: man ſolle ihm die Summe Geldes zahlen, die man ihm geboten habe, als er mit ſeinem Kriegsheer in Preuſſen gelegen, und dazu die Lande und Graͤnzen ein⸗ raͤumen, die man ihm damals habe abtreten wollen. Auf des Hochmeiſters Befragen: welche Lande man jetzt vom Orden verlange? gab jener die Antwort: die Haͤlfte Su⸗ dauens bis an Maſoviens Graͤnze, ganz Samaiten, das Michelauer⸗Land nebſt Luͤbitſch und die Hälfte der Drewenz, ferner Neſſan und Morin mit der Hälfte des Weichſel⸗ Stromes, die Graͤnzgebiete bis an das Herzogthum Stolpe, ſaͤmmtliche unter dem Orden gelegenen Güter der Polniſchen Prälaten und endlich das Haus und Gebiet von Drieſen. 1) Schr. des HM. an „Frauwen Annen der Wytowdynen,“ d. Ragnit Sonnab. nach Dionyſ. 1416 Rgſtr. IV. p. 179. 2) Lindenblatt S. 314, Schr. des Livländ. Meiſters, d. Riga am Abend Nativit. Maria 1416 Schbl. X. 55.
Scanseite 306 · Druckseite 293
“a Der Tag zu Welun. (1416.) 29 Seine Schadenvergütung ſchlug der Konig auf nicht weniger als ſechzigtauſend Schock Groſchen an. Nur unter dieſen Bedingungen, erklaͤrte er, konne von einer friedlichen Aus⸗ gleichung die Rede ſeyn. Naturlich zerſchlug ſich ſofort alle weitere Verhandlung und der Hochmeiſter verließ alsbald den Tag, ohne vom Koͤnig und Witowd Abſchied zu neh⸗ men und ohne ſie geſehen zu haben. 2 So war in wenigen Tagen alle Friedenshoffnung wie⸗ der verſchwunden, der König aber von neuem gegen den Hochmeiſter aufs heftigſte erbittert, denn deſſen ſchnelle Ab⸗ reiſe vom Tage, ohne ihn begruͤßt zu haben, hatte ihn aufs empfindlichſte verletzt. Allein ſein Bericht uͤber den Verlauf der Verhandlung an den Rom. König, ſeine bittere Schilde⸗ rung des Uebermuthes, den ihm der Meiſter in ſeinen Er⸗ bietungen wegen Samaitens, des unanſtaͤndigen Betragens, welches ihm dieſer durch feine plötzliche Entfernung ohne Verabſchiedung bewieſen habe, die zornigen Klagen des Königes über die trotzige Hartnäckigkeit des Hochmeiſters, womit ihm dieſer gegen des Rom. Koͤniges Befehl die drei oft erwähnten Dörfer vorenthalte, kurz die ganze Art und Weiſe, wie der König in feinem Berichte alles entftellte, verläugnete und mißdeutete, um den Character des Hoch⸗ meiſters beim Röm. Könige anzuſchwaͤrzen und deſſen ganzes Verhalten in das uͤbelſte Licht zu ſtellen, alles bewies hin⸗ länglich, daß in feiner Seele kein friedlicher Gedanke lebte und in ſeinem Weſen kaum noch eine Spur von Wahrheits⸗ liebe und aufrichtiger Geſinnungen zu finden war. Noch nie hatte der Koͤnig ſeine Meiſterſchaft in Luͤge, Argliſt und Verleumdung beſſer bekundet als in dieſem durch und durch unwahren und unwüuͤrdigen Berichte.? Und wie ſeine 1) Lindenblatt S. 315. Dlugoss. p. 372 — 373 hier natuͤr⸗ lich wieder ganz im Partei⸗Intereſſe des Königes. Sehr weitläuftig findet man die Verhandlungen dieſes Tages im Fol. C. p. 25 — 26. 29 u. im Recess. Hanseat. an. 1416. 2) Schr. des Königs v. Polen an d. Röm. König, d. Grodno feria zccunda ipso die Innocent. 1416 Schöbl. XXI. 16 (Copie). Man
Scanseite 307 · Druckseite 294
294 Verhandlungen im Concilium (1416.) Worte, ſo ſeine Thaten, denn waͤhrend er fort und fort von feinem Verlangen nach Friede und Verſoͤhnung ſprach, uͤbten ſeine Hauptleute und Beamten, wie ſie ſelbſt erklaͤr⸗ ten, auf des Koͤniges Befehl an den Graͤnzen des Ordens⸗ gebietes und an den Preuſſiſchen Kauffahrern auf den Han⸗ delsſtraßen in Polen Beraubungen, Belaͤſtigungen und Miſ⸗ ſethaten jeglicher Art.) So geſchah, daß, waͤhrend der Koͤnig die ſtrengſte Beobachtung des Waffenſtillſtandes be⸗ theuerte, eines Tages dreißig bewaffnete Polen bei Thorn ins Land einſielen, einen Staroſten ermordeten und alles auspluͤnderten, daß ferner der Polniſche Hauptmann Bir⸗ kenhaupt mit Bewaffneten ins Gebiet von Schwez einſpren⸗ gend Pferde, Harniſch und Geld raubte und eine Anzahl der dortigen Bewohner gefeſſelt hinwegfuͤhrte. Auf des Hochmeiſters Klagen uͤber ſolche Frevelthaten erhielt er vom Könige nicht einmal eine Antwort. 9 Auch das Concilium gab noch keine Ausſicht zur Ab⸗ huͤlfe dieſes troſtloſen Zuſtandes, denn die fortwaͤhrende Abs weſenheit des Roͤm. Koͤniges in Frankreich und England, muß den König über Einzelnes ſelbſt Hören. Es heißt z. B. von den Ordensbeamten: Ipsi, nullis nobis datis responsionibus, cum furore vehementi, deiectis stacionum suarum papilionibus, navigantes a no- bis sine fine recesserunt, nec ipse Magister tanta honestalis preditus est decencia, ut nostram maiestatem, quam sibi habuit in propinquo, ut, vix ad inctum sagitie a nostris distaret stacionibus visitasset, aut Marschalco et quibusdam suis Commendatoribus, quos nobiscum pran- suros vocavimus visitandum indulsisset, ymmo quasi pacis actus devi- dendo, dum concordie negocia tractaremus, ipse in medio flumine Memil iuxta locum convencionis defluentes navibus alligatis residebat ete., und ganz in ähnlichem Geiſte ſpricht auch Dla goss. I. e 1) Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Ragnit am T. Luck Evang. 1416 Rgſtr. IV. p. 180; der HM. ſchreibt geradezu: So ſpre⸗ chen euwer Houptlüthe, das fie eyn ſulchs (die erwähnten Raͤubereien und Miß handlungen) thun muͤſſen noch euwerm gehciſſe. Schr. des HM. an denſelben, d. Koͤnigsb. Mont. vor Simon und Jud 1416 Rgſtr. IV. p. 182. 2) Der HM. klagt dieß Witowd'n in einem Schr. d. Marienb. am T. Thoma Apoſt. 1416 Rgſtr. IV. p. 188.
Scanseite 308 · Druckseite 295
Verhandlungen im Concilium. (4416.) 295 eine Zeitlang die faſt vollige Auflöfung des Conciliums, D der Abgang der wichtigſten Ordensſachwalter theils nach Frankreich, theils nach Preuſſen, der druckende Geldmangel der Ordensgeſandten, die Unmöglichkeit, die Kardinaͤle und ihre Sachwalter durch Geſchenke und Ehrengaben fuͤr das Intereſſe des Ordens zu beleben und zu gewinnen, die noch fortdauernden Verhandlungen uͤber den paͤpſtlichen Stuhl, dieß alles und der ganze ordnungsloſe und zerriſ⸗ ſene Zuſtand des Conciliums hatte bisher jede Berathung über die wichtigen Streitſachen des Ordens gehindert. In⸗ deß waren die Polniſchen Bevollmächtigten doch keineswegs ganz unthaͤtig; bald ſuchten fie ihres Könige Sache da⸗ durch in neuen Schwung zu bringen, daß ſie pomphafte Berichte ausſtatteten uͤber ſeine außerordentlichen Bemuͤhun⸗ gen um die Bekehrung der Samaiten; ja man hatte eine Anzahl getaufter Samaiten nach Koſtnitz gebracht, um ſie dort gewiſſermaßen als Beweiſe des in ihrem Lande faſt ſchon allgemein herrſchenden chriſtlichen Glaubens aufzufuͤh⸗ ren. Bald wieder beeiferten ſich die Polniſchen Bevoll⸗ maͤchtigten durch Geldſpendungen und andere uͤberaus reiche Geſchenke an Karbinäle, einflußreiche Hofbeamte und Ad⸗ vocaten ihrer Sache Halt und Stuͤtze zu verſchaffen; ) bald auch ging im Geiſte ihres Königes ihr Streben darauf hin, den Orden auf irgend eine Weiſe ins Verderben zu brin⸗ gen. So reichten ſie dem Concilium eine Schrift von funf⸗ 1) Darüber ein Schr. des Röm. Königes an d. Erzbiſchof v. Ri⸗ ga, d. Weſtmuͤnſter in oetava ascens. dni (1416) Schbl. II. 33. 2) Die bitterſten Klagen über den Geldmangel der Ordensgeſandten laufen durch alle Briefe des Ordensproturators während dieſes ganzen Jahres hindurch; beſonders in einem Schr. d. Koſtnitz am Palmtage (1416) Schbl. I. 126. 3) Vgl. Diugoss. p. 373 — 374. Schr. des Procurators an d. HM. b. Koſtnih Donnerft, nach d. Afchtage (40) Schel. U. 27. Von der Hardt Acta Concil. Constant. T. IV. p. 605 — 606. Theodor. de Niem vita papae Joannis. XXIII. ap. Meibom. T. I. p. 36. 4) Davon häufig in den Briefen des Ordensprocurators.
Scanseite 309 · Druckseite 296
296 Verhandlungen im Concilium. (1410.) zig Artickeln ein, worin ſie zu beweiſen ſuchten, weder der Deutſche noch der Johanniter-Orden habe je ein Recht ge habt, die Heiden mit Gewalt zur Taufe zu zwingen, ihr Beſitzthum ſey nicht Eroberung, ſondern Raub, der dem Rechte gemaͤß zuruͤckerſtattet werden muͤſſe; das fernere Be⸗ ſtehen dieſer Orden ſey uͤberhaupt jetzt zwecklos, denn dazu ſeyen die Orden keineswegs geſtiftet, ſich fremde Laͤnder anzumaßen. Von dieſer Schrift, deren Verfaſſer Paul Wladimiri Domherr und Rector der Univerſitaͤt zu Krakau war, hatte man jeder Nation im Concilium eine Abſchrift zugefertigt, um nach des Rom. Königes Ruͤckkehr vom ges ſammten Concilium uͤber ihren Inhalt einen Ausſpruch zu verlangen.) Unter gleichen Umtrieben zogen auch die bei⸗ den Biſchöͤfe von Leſlau und Poſen den ſchon erwähnten Streit uͤber ihre Anforderungen an den Orden immer wei⸗ ter hin, denn da der Ausſpruch des Roͤm. Königes ihnen ihre Forderungen unter Androhung einer Strafſumme von zehntauſend Mark im Allgemeinen bereits zugeſtanden hatte, ſo erzielten ſie, wie der Ordensprocurator wohl erkannte, jetzt nichts anderes, als daß der Orden in Geldſtrafe ver⸗ falle. Allein auf dieſem Wege wollte ſich der Hochmei⸗ ſter mit den trotzigen Praͤlaten durchaus zu keinem Ver⸗ gleiche verſtehen. In der wichtigeren Streitſache zwiſchen dem Orden und dem Koͤnige von Polen blieb es bei immer haͤufigeren Eingaben zahlreicher Klagen von Seiten der an⸗ weſenden Bevollmaͤchtigten, wodurch die Ausgleichung na⸗ 1) Schr. des Ordensprocurators d. Koſtnitz in vigilia Petri et Pauli (1410) Schbl. I. 90; über die erwähnte Schrift vgl. von der Hardt Aeta Coneilit Constant. T. III. p. 9 soqu. T. IV. p. 387 — 388. ein weitläuftiger Auszug in Preuſſ. Samml. B. I. S. 207 ff. Kotz e⸗ bue B. III. S. 169. 416. Die Schrift führte den Titel: De potes⸗ tale Papac et Impcratoris respectu infidelium, 2) Schr. des Procurators, d. Koſtnitz am T. Palmar. (1416) Echt. I. 126 u, ein anderes, d. Koſtnitz Donnerſt. nach Diviſion. Apo⸗ ſtol. (1416) Schbl. II. 13; wo über dieſe Streitigkeiten mit den Biſchoͤ⸗ fen weitläuftige Berichte find.
Scanseite 310 · Druckseite 297
Innere Landesverordnungen. (1416.) 297 türlich immer nur noch verwickelter und ſchwieriger wur⸗ de. ) Unter fo bedraͤngten und unheildrohenden Verhaͤltniſſen hatte bisher der Meiſter in der innern Landesverwaltung nur wenig wirkſam ſeyn können. Faſt alles, was hierin geſchah, waren nur Maaßregeln zur Abſtellung der das Ge⸗ deihen des Landes hemmenden Uebel. Da ſich bei der fort⸗ dauernden außerordentlichen Theuerung im Lande Häufig Gewinnſucht und Eigennutz geltend machten, fo wurde al⸗ ler Getreideverkauf auf dem Lande aufs nachdruͤcklichſte ver⸗ boten; zu gemeinem Nutzen des armen Landes ſollte alles Getreide zuvor zu Markte kommen.?) Mit Ausnahme von Fiſchen und Oel ſollten keine Lebensmittel weder zu Waſſer noch Land aus dem Lande geführt werden, ebenſd auch Waffen; weshalb auch Kauf- und Handelsleute auf keinen ungewöhnlichen Straßen im Lande aus- und einziehen durf⸗ ten.“) Die im Anfange des Jahres begonnene Muͤnzver⸗ beſſerung hatte den Hochmeiſter bis in den Auguſt beſchaͤfr⸗ tigt, wo endlich auf einem Berathungstage zu Elbing eine neue Anordnung getroffen ward, worin man beſtimmte, wie ohne Schaden und Verluſte die neue Muͤnze in Gang geſetzt und die alte eingezogen, wie die mit altem Gelbe gekauften Zinſen oder gemachte Schulden abgelöft und be⸗ zahlt, und überhaupt in allen Verhaͤltniſſen das alte Geld zum neuen ſtehen follte. 2 Außerdem gaben die Ereigniſſe 1) Abſchriften dieſer zahlreich eingereichten Klagpunkte beider Par⸗ teien im Fol. E. p. 37 sed. Daß fie im J. 1416 beim Concilium ans gebracht wurden, ergiebt ſich aus der p. 123 befindlichen Bemerkung: novissime querele Polonorum cum Ordinis respensionibus Constantie proposite a. d. MECCEXVI, Sie haben übrigens keinen beſondern ges ſchichtlichen Werth. y 2) Die Verordnung, d. Stuhm Mittw. nach Aegidü 1416 Rgſtr. IV. p. 170. 3) Schr. des HM. an d. Herzog Johannes v. Maſovien, d. Ma⸗ rienb. am T. Stephani in Weihnachten 1416 Rgſtr. IV. p. 191. 4) Die neue Muͤnzordnung im Rgſtr. IVb. p. 1; es heißt: Man ſal ſloen ſchillinger, der ſullen geen hundirt und zwelff of eine gewegene
Scanseite 311 · Druckseite 298
298 Günftigere Stellung des Ordens gegen Polen. (1417.) dieſes Jahres auch Anlaß zu verſchiedenen allgemeinen Lan⸗ desgeſetzen. Niemand z. B. ſollte bewaffnet durchs Land reiten oder in Staͤdten Schwerter und laͤngere Meſſer tra⸗ gen, als das Stadtmaaß beſtimme. Gaͤſte in den Staͤdten ſollte ihre Waffen in den Herbergen laſſen. Pferde über ſechs Mark an Werth ſollten nicht aus dem Lande gefuͤhrt werden; auch die Ausfuhr des Silbers ſolle ſtreng verpönt ſeyn; desgleichen ſolle auch angeſtorbenes Gut an Auslaͤn⸗ der nicht ohne der Herrſchaft Wiſſen und Willen uͤber die Landesgraͤnze gebracht werden u. |. w.“ Zum Gluͤck eröffnete ſich mit dem Beginne des Jahres 1417 manche erfreuliche Ausſicht fuͤr die Zukunft. Zwar dauerten die Raͤubereien, Mißhandlungen und Pluͤnderun⸗ gen der Ordensunterthanen durch die nahegeſeſſenen Polni⸗ ſchen Hauptleute, des Hauptmanns von Bebern, des von Brzeſc u. a. noch ferner fort und ihre ſ. g. Aufhalter wag⸗ ten ſich felbft bis vor die Thore Strasburgs, wo fie allerlei Frevel uͤbten; es geſchahen zwar auch ferner von Komthu⸗ ren und Ordensunterthanen aus Rache und Vergeltung an Unterthanen des Königed mancherlei Gewaltſchritte, fuͤr die Polniſchen Hauptleute hinreichender Stoff zu Gegenklagen auf die Klagen des Hochmeiſters; ) der Koͤnig von Polen und feine Bevollmächtigten im Concilium fuhren zwar noch marg und die gewegene marg ſal behalden XII ſcot lotigis ſilbers, und die ſchillinger ſullen geczeichint werden mit durchgeenden eruͤczen off bei⸗ den zeiten, off das man ſie dorby dirkennen moge. Item ſo ſullen der alden ſchillinger czwene geen vor eynen nuwen ſchillinger. Item ſal man ſloen eleyne pfennige, von den die gewegene marg 1 firdung lotig ſil⸗ bers ſal behalden und der ſullen geen czwelffe vor eynen nuͤwen ſchillin⸗ ger, die ſullen ſwartz ſeyn und geczeichint mit eyme cruͤcze. 1) Das Nähere hierüber in der Verordnung ſelbſt im Rgſtr. IV. p. 207 — 208, IVb. p. 2 u. in den Actis Praeterian. p. 77 im Raths⸗ archiv zu Braunsberg. 2) Darüber zahlreiche Schr. des HM. an die Poln. Hauptleute aus dem Anfange des J. 1417 Rgſtr. IV. p. 1938 — 198. ueber bie Feindseligkeiten bei Strasburg Schr. des Hauptmanns von Dobrin an den HM. d. Bobronicki Sonnt. Reminiscere 1417 Schbl. XXX. 63.
Scanseite 312 · Druckseite 299
Guͤnſtigere Stellung des Ordens gegen Polen. (1417.) 299 immer fort, des Hochmeiſters Verhalten auf dem Tage zu Welun an allen Fürftenhöfen in das uͤbelſte Licht zu ſtellen und fein ganzes Benehmen als durchaus feindſelig zu ſchil⸗ dern ) und endlich war zwar auch das Verhaͤltniß des Or⸗ dens zu den Herzogen von Stolpe und Stettin nichts we⸗ niger als freundlich, da auch hier theils allerlei Anforde⸗ rungen theils immer neue Mißhelligkeiten den Frieden ſtets von neuem ſtörten; ) allein in den übrigen Verhaͤltniſſen geſtaltete ſich doch alles fuͤr den Orden und das Land un⸗ gleich günftiger. Im Lande ſelbſt hatte der früh eintreten⸗ de, ſehr ſtrenge und anhaltende Winter die ſchreckliche Peſt⸗ ſeuche vollig erſtickt und den Geſundheitszuſtand des Volkes wieder feſter geſtellt. Man gewann auch bald die Ausſicht auf ein geſegnetes reiches Jahr und dieſe Hoffnung ward auch nachmals erfüllt, denn die Ernte fiel fo überaus guͤn⸗ ſtig aus, daß eine Wohlfeilheit des Getreides eintrat, wie man fie ſeit Jahren nicht gehabt.) Auch auswärts, be⸗ ſonders im Concilium geſtaltete ſich allmaͤhlig vieles ungleich erfreulicher. Mehre einflußreiche Fuͤrſten, z. B. der als Halbbruder in den Orden aufgenommene Pfalzgraf Ludwig vom Rhein, der Markgraf Friederich von Brandenburg, der Herzog Ludwig von Brieg, der Großgraf von Ungern u. a. zeigten ſich für die Sache des Ordens aͤußerſt thaͤtig 9 1) Schr. des Procurators, d. Koſtnitz am T. der heil. drei Könige (1417) Schbl. II. 40. 2) Schr. des HM. an d. Herzog v. Stolpe, d. Koſſebude Donnerſt. nach Purif. Mariä 1417 Rgſtr. IV. p. 196. Schr. des HM. an den Herzog v. Stettin, d. Cippelow Mont. nach Epiphan. 1417 Rgſtr. IV. p. 194. 199. 3) Lindenblatt S. 320. 326. Schr. des HM. an d. Biſchof v. Leſlau im Fol. Miſſive p. 13. 4) Schr. des Procurators, d. Koſtnitz am T. der heil. drei Könige (1417) Schbl. II. 40. Schr. des HM. an den Herzog von Brieg, d. Marienb. Sonnt. Invocavit 1417 Rgſtr. IV. p. 200. Ueber die Auf⸗ nahme des Pfalzgrafen Ludwig als Halbbruder des Ordens ſ. meine Ab⸗ bandt, über die Halbbruͤderſchaft des D. O. in den Beiträgen zur Kunde Preuſſ. B. VII. H. 2. S. 165. 166.
Scanseite 313 · Druckseite 300
300 Günſtigere Stellung des Ordens gegen Polen, (1417.) und als zu Ende des Januars der Roͤm. Konig nach Koſt⸗ nitz wieder zurüdfehrte und bald ſich auch die übrigen Fürſten und Prälaten zahlreich wieder einfanden, ſchien auch die Hoffnung nahe, daß der Streit des Ordens end⸗ lich zur Entſcheidung kommen werde. Bereits vor ſeiner Ankunft hatte der Rom. König den Herzog Ludwig von Baiern und den Markgrafen von Brandenburg beauftragt, vor allem die Klagſache des Biſchofs von Leſlau zu verrich⸗ ten, was um ſo erfreulicher war, weil dieſer immer das meiſte Geſchrei gegen den Orden nicht bloß im Concilium, ſondern auch auswaͤrts erhoben hatte. 2) Auch der Erzbiſchof von Riga wirkte wieder mit allem Eifer in die Verhand⸗ lungen ein.) Ihm zu Huͤlfe ſandte hierauf auf Erfordern des Rom. Köoͤniges der Hochmeiſter auch den Oberſt⸗Spittler Heinrich Holt, den Oberſt-Trappier Johann von Selbach und den Komthur zu Balga Ulrich Zenger nebſt einigen an: dern Ordensbruͤdern, Landesrittern und angeſehenen Buͤr⸗ gern aus den größten Staͤdten als neue Bevollmaͤchtigte ins Concilium, die in Begleitung des Markgrafen Friede⸗ rich von Meißen und des Herzogs von Sachſen dort ange— langt die Verhandlungen bald in regere Bewegung brachten.“ Ungern hatte der Meiſter dieſe Gebietiger aus dem Lande geſandt, denn es drohte von neuem die Gefahr, daß nun beim Ablaufe des Beifriedens der Koͤnig von Polen ſofort zur Gewalt der Waffen ſchreiten werde, wozu er in der That ſchon ruͤſtete.) Sein unverfühnlicher Haß gegen den Orden war aufs neue entflammt und zwar jetzt auf 1) Nämlich am Mittwoch vor Purificat. Marià oder 27 Jan. 1417. 2) Schr. des Procurators, d. Koſtnitz 31 Jan. 1417 Schbl. I. 92. 3) Schr. des Erzbiſchofs v. Riga, d. Koſtnitz Mont. nach Oculi 1417 Schbl. II. 39. 4) Lindenblatt S. 321, übereinſtimmend mit einem Schr. des HM. an d. Rom, König, d. Marienb. Donnerſt. vor Reminiſcere 1417 Kor. IV. p. 200 — 201, 5) Schr. des HM. an d. Röm. Kdnig, d. Marienb. Freit. vor Reminiſcere 1417 Rgſtr. IV. p. 201,
Scanseite 314 · Druckseite 301
Bimftigere Stellung des Ordens gegen Polen. (1417.) 301 einen Grad geſteigert, wie noch nie zuvor. Mit einemmale nämlich erſchien eine Schmoͤhſchrift, worin nicht nur der König mit den ſchwaͤrzeſten Farben geſchildert, D ein goͤtzen⸗ dieneriſcher Berfühter feines Volkes, ein Beguͤnſtiger des Irrglaubens und das ganze Polniſche Volk eine Rotte von abtruͤnnigen Ketzern genannt, ſondern auch die Behauptung ausgeſprochen wurde, es ſey Pflicht aller Fuͤrſten, mit dem Schwerte der Rache gegen ſie aufzuſtehen, denn man koͤnne die ewige Seligkeit nicht ſicherer gewinnen als durch gaͤnz⸗ liche Vertilgung des Polniſchen Volkes ſammt feinem Kos nige und allen Großen. ? Der Verfaſſer dieſer Schrift Johannes Falkenberg, Dominicaner⸗ Moͤnch und Magiſter der Theologie, aus einem Pommeriſchen Kloſter, um dieſe Zeit im Concilium gegenwärtig, hatte die Schmaͤh⸗ ſchrift in Preuſſen geſchrieben und dieß war hinreichend, beim Koͤnige die Meinung zu erwecken, der Hochmeiſter habe den Mönch zur Abfaſſung durch Geld gewonnen.“ Die Sache machte gewaltiges Aufſehen; wie alles von eini⸗ ger Erheblichkeit wurde auch fie vom Erzbiſchof von Gne⸗ ſen an das Concilium gebracht, um ſo mehr, da die Pol⸗ niſchen Biſchoͤfe auch eine Menge ketzeriſcher Behauptungen in der Schrift entdeckt haben wollten. Sie bewirkten bald, daß Falkenberg in Koſtnitz verhaftet wurde, und boten 1) Diugoss. p. 376 nennt fie einen libellus quidam satyram et infamiam Wladislai Polonine Regis continens. 2) Darüber J. Falkenbergs Widerruf feiner Schrift Schbl. XXI. 24, wovon fpäter noch die Rede ſeyn wird. 3) Nach Diugoss. p. 377 aus Kamin. Falkenberg nennt ſich ſelbſt ordinis fratrum predicatorum, sacre Theologie Magister. 4) Diugoss. I. c. ſagt dieß geradezu und bezeichnet den Verfaſſer als a Cruciferis de Prussia pretio conductum. 5) Schr. des Procurators, d. Koſtnitz 9 Februar (1417) Schbl. 1. 19, giebt die erſte Nachricht von der Schrift; es heißt: Ihr habt - ouch geſchreben, wie der konig von Polan ober uͤch clage, das Ir In geſcholden und bedaſſet habet durch hern Johannes Falkenberg und wie Ir dovon nichts habt gewuſt u. ſ. w. Von der Hardt Acta Coneil. Constant. T. IV. p. 41.
Scanseite 315 · Druckseite 302
302 Guͤnſtigere Stellung des Ordens gegen Polen. (1417.) nun alle Mittel auf, die Richter, denen ſie die Schrift übergeben hatten, zu beſtimmen, daß das Concilium über ſie das Verdammungsurtheil ausſpreche. Allein die Docto⸗ ren im Concilium konnten daruͤber nie einig werden und es verzog ſich ſomit die Sache bis in das naͤchſte Jahr; aber die Spannung der Parteien und vor allem der Rachzorn des Königes war dadurch wieder außerordentlich geſteigert.) Die Gefahr eines Krieges mit Polen war jedoch jetzt minder groß als fruͤherhin. Der Großfürft von Litthauen, der die graͤßlichen Verheerungen ſeines Landes durch die Tataren im vorigen Jahre noch nicht verwinden konnte,? hatte fich ſchon ſeit dem Tage zu Welun gegen den Hoch⸗ meiſter immer friedlicher und freundlicher bewieſen, haͤufig bemuͤht, dieſem auch durch anſehnliche Geſchenke von Pfer⸗ den, Ruſſiſchen Streitroſſen, prachtvollen Saͤtteln, Teppi⸗ chen, Huͤten und andern Dingen von Werth ſeine Gunſt und Gewogenheit zu erkennen zu geben.“) Auch in brief- lichen Mittheilungen hatten ſich ſeitdem beide Fuͤrſten uͤber vieles offener und freier verftändigt. Witowd ſuchte durch die ſtrengſte Beſtrafung jeder Unbill gegen Ordensumtertha⸗ nen an den Thaͤtern feine Friedensliebe zu bethaͤtigen. 9 An ihm alſo durfte man jetzt keinen gefaͤhrlichen Feind be: fürchten. Auch in Deutſchland hatte ſich dem Orden be⸗ reits wieder eine guͤnſtigere Stimmung zugewendet; die Be⸗ muͤhungen verſchiedener mit der Anwerbung von Soͤldner⸗ haufen beauftragten Gebietiger und des Meiſters Geſuche 1) Schr. des Procurators, d. Koſtnitz Freit. vor Pfingſt. (1418) Schbl. I. 1323; woraus zu ſehen iſt, daß es mit der Verdammung der Schrift nicht fo ſchnell ging, wie Dlugoss. 1. e. angiebt. Von der Hardt I. c. } 2) Schr. des Livländ. Meiſters, d. Ruggel bei Reval am T. Fa⸗ bian u. Sebaſt. 1417 Schbl. XXI. 26. 3) Schr. des HM. an Witowd, d. Königsb. Mont. vor Simon u. Juda 1416 Roftr. IV. p. 180 u. Fol. C. p. 26 — 27. 4) Schr. Witowds an d. Komthur v. Balga, d. Traken am T. Kathedra Petri 1417 Schbl. XVII. 114.
Scanseite 316 · Druckseite 303
Günſtigere Stellung des Ordens gegen Polen. (1417.) 303 bei mehren Deutſchen Rittern, die als Rottenführer bekannt waren, dem Orden im Falle eines Krieges zu Hülfe zu eilen, blieben daher auch nicht ohne Erfolg. ) Selbſt mehre Deutſche Färften und edle Herren, als Herzog Ludwig von Baiern, Markgraf Wilhelm von Meißen, der Biſchof von Regensburg u. a. hatten ſich bereit erklart, beim Ausbruche eines Krieges mit Polen in eigener Perſon dem Orden mit Huͤlfsvolk zuzureiten;? und endlich ſchloſſen der Hochmei⸗ ſter und der Meiſter von Livland auch mit den Hanfeflähten ein Huͤlfsbuͤndniß auf zehn Jahre, nach welchem dieſe dem Orden fuͤnfhundert Mann nach Danzig, Riga oder Reval, der Orden dagegen ihnen zweitauſend Bewaffnete auf eigene Koſten ſtellen wollten, ſobald es ein Theil vom andern verlange. 9 Dieſe Anſtalten zur Gegenwehr, das noch be⸗ ſtehende Buͤndniß mit den Schleſiſchen Herzogen, die nach⸗ druͤckliche Verwendung des Markgrafen von Meißen zur Auf⸗ rechthaltung des Friedens und endlich auch der Eifer, wo⸗ mit ſich jetzt im Concilium der Rom. König der Sache des Ordens annahm, machten auf den Koͤnig von Polen bedeu⸗ tenden Eindruck.) Ferner war ihm fein Plan, ſich von neuem zur Verſtaͤrkung feiner Macht mit den Tataren und Ruſſen zu verbinden und durch eine Vermaͤhlung mit einer Tochter des Großfuͤrſten von Moskau auch dieſen Fuͤrſten zur Beihuͤlfe zu gewinnen, vollig mißlungen.) Ueberdieß U 1) Schr. des HM. an d. Landkomthur v. Sachſen, d. Marienb. Sonnt. vor Himmelf. 1417 Rgſtr. IV. p. 2153 es hatten ſich dieſem fünf Rottenfuͤhrer, jeder mit 50 Spießen angeboten; ein Verzeichniß anderer Ritter, die Söldner herbeiführen wollten, Rgſtr. IV. P. 2173 vgl. Lindenblatt S. 322. 2) Lindenblatt a. a. O. Schr. des HM. an den Markgr. v. Meißen, d. Marienb. Pfingſtabend 1417 Rgſtr. IVV. p. 219. 3) Arndt Biol. Chron. S. 126. Kotzebue B. III. S. 182. 424, wo unrichtig behauptet wird, die Hanſe habe 2000 Bewaffnete ſtellen wollen. ' 4) Schr. des HM. an d. Markgrafen von Meißen a. a. O. 5) Lindenblatt S. 323.
Scanseite 317 · Druckseite 304
304 Günſtigere Stellung des Ordens gegen Polen. (1117.) drückten ihn auch manche Sorgen im eigenen Lande. Seine heimliche Vermaͤhlung mit Eliſabeth von Pilcza, der Wittwe des Kaſtellans von Nakel, einer ſchon ziemlich aͤltlichen Frau, hatte ſolches Mißfallen erregt, daß man ihre Krö- nung als Königin nicht zulaſſen wollte, weil des Koͤniges Tochter Hedwig von ſeiner Gemahlin Anna die naͤchſte Er⸗ bin des Thrones war. Da eine bedeutende Partei im Rei⸗ che die Rechte der letztern aufrecht zu erhalten ſuchte, ſo ſtand der Reichsadel in großem Zerwuͤrfniſſe wider einan⸗ der, denn nur ein Theil der Reichsgroßen billigte des Kös niges letzte Heirat.) Als daher mit des Meiſters Einver⸗ ſtaͤndniß der Biſchof von Dorpat zuerſt beim Großfuͤrſten und durch dieſen beim Koͤnige die abermalige Verlaͤngerung des Beifriedens in Antrag brachte, ſtimmten beide, ob⸗ gleich anſcheinend mit einigem Widerſtreben, darin ein, daß die Waffenruhe noch ein ganzes Jahr dauern ſolle, um mittlerweile vielleicht eine guͤtliche Ausgleichung zu treffen;? bevor man ſich jedoch noch uͤber alles verſtaͤndigt hatte, traf die Nachricht ein, daß bereits auch im Concilium durch den Rom. König mit den dortigen Polniſchen Bevollmaͤch⸗ tigten eine Verlangerung des Beifriedens zu Stande ge: kommen ſey, die man jetzt auch annahm und ſtet und feſt zu halten verſprach. “) 1) Ueber dieſe Verhaͤltniſſe Lindenblatt S. 323 — 324. Diu- goss. p. 378 sed. Wagner Geſch. v. Polen S. 294 — 295. Her- hurt de Fulstin Chron. histor. Polon. p. 296 — 297. 2) Schr. Witowds an d. Biſchof v. Dorpat, d. Dobrotwor am Bug Mont. NRogation. 1417 Schbl. XXI. 28. Schr. des HM. an d. Biſchof. v. Darpat, d. Marienb. Freit. nach Corp. Chriſti (1417) Ngſtr. IV. p. 220. Schr. des Meiſters v. Livland, d. Ixkul Sonnt. Miſeri⸗ cord. 1417 Schbl. X. 97. 3) Schr. Witowds an d. Livländ. Meiſter, d. Wilna Sonnt. nach Johanni 1417 Schbl. XVII. 108. Schr. des Livländ. Meiſters, d. Wenden Sonnt. vor Viti u. Modeſti 1417 Schbl. X. 95. Die Urkunde des Nöm. Königes über die Verlängerung des Beifriedens, d. Coustantie XIV Maji. 1417 im Fol. C. p. 31. Lindenblatt S. 321.
Scanseite 318 · Druckseite 305
Ausgleichung mit den nachbarlichen Fuͤrſten. (1417.) 305 In ſolcher Weiſe fuͤr die innere Ruhe des Landes wie⸗ der geſichert wandte jetzt der Hochmeiſter ſeine ganze Thaͤ⸗ tigkeit auf die Beſeitigung der mit den nachbarlichen Fuͤr⸗ ſten und Biſchoͤfen noch obwaltenden Mißhelligkeiten. Um den vom Hauptmanne zu Bromberg der Schiffahrt auf der Weichſel immer von neuem entgegengelegten Hinderniſſen und Schwierigkeiten, durch die faſt aller Verkehr auf die⸗ ſem Strome geſtoͤrt war, durch ein zweckmaͤßiges Mittel zu begegnen, ſah ſich der Hochmeiſter genöthigt, zu Kulm eine Waarenniederlage einzurichten, woher man alle Handelsge⸗ genſtaͤnde, die nach Thorn kommen ſollten, abholen muß⸗ te.) Indeß war es doch nicht möglich, alle die Belaͤſti⸗ gungen und Hemmungen zu beſeitigen, welche die Polni— ſchen Hauptleute dem Handelsverkehr zwiſchen Polen und Preuſſen fort und fort entgegenſtellten.) Am meiſten be⸗ ſchaͤftigte den Hochmeiſter die ihm fo oft angerathene Bei— legung des Streites mit dem Biſchofe von Leſlau, weil er wohl wußte, daß dieſer dem Orden im Concilium immer am heftigſten entgegengewirkt.) Es kam zu Unterhand⸗ lungen; eine perſoͤnliche Zuſammenkunft zu Graudenz führte näher zum Ziele, obgleich des Biſchofs Anfprüche noch ſehr hoch geſpannt waren.) Der König von Polen brauſte zwar wild auf, als er ſelbſt auch nur von dieſem erſten Verſuche einer friedlichen Verſtaͤndigung des Biſchofs mit dem Orden hörte; “ ungeſchreckt indeß durch des Koͤniges Un⸗ I) Lindenblatt S. 327. Schr. des HM. an d. Hauptmann Birkenhaupt, d. Grebin Freit. nach Viti 1417 Rgſtr. IV. p. 222. 225, 2) Schr. des HM. an Jocuſch Konetzpole, d. Graudenz, Dienſt. nach Viſit. Maris 1417 Rgſtr. IV. p. 224. Lindenblatt S. 327. 3) Schr. des Procurators, d. Koſtnitz Donnerſt. vor Philippi u. Jatobi (1417) Schbl. II. 5. 4) Schr. des Komthurs v. Thorn an d. Biſchof v. Leſlau, d. Mas rienb. Sonnab. vor Trinitat. 1417 Agſtr. IV. p. 220; Schr. des HM. an denſelben P. 222. Die Verhandlungen des Tages am Mont. nach Viſitat. Mariä 1417 im Fol. C. p. 32 — 33. 8 5) Schr. des Biſchofs v. Leſtau an Witowd, d. Raczaus in cra- slino s. Laureutii 1417 Schbl. XXI. 69, VII. 20
Scanseite 319 · Druckseite 306
306 Ausgleichung mit den nachbarlichen Fuͤrſten. ( 1117.) gnade ſetzte jener die Unterhandlungen fort. Geſchenke des Hochmeiſters, ein Faß gutes altes Methes, die Erlaubniß, mit feinen Falknern und Vogeljaͤgern auch auf Kulmiſchem Gebiete das Weidwerk treiben zu duͤrfen u. dgl. wirkten auf den jagd⸗ und lebensluſtigen Biſchof ſehr guͤnſtig ein; er wurde geſchmeidiger und ſo kam es um Michaelis auf einem Tage zu Thorn zu einer volligen Ausgleichung, wor⸗ über jedoch der Hochmeiſter wegen des Zuſammenhanges der Verhandlungen mit denen im Concilium den Berichtsbrief erſt gegen Ende des Jahres ausſertigte. Der Orden nahm die unter ſeiner Herrſchaft liegenden biſchoͤfflichen Guͤter in Schutz und Schirm; der Biſchof erhielt ſeine Doͤrfer und Hoͤfe, Zehnten und Freiheiten im Bereiche des Ordensge⸗ bietes vollig frei, mit unbeſchraͤnkter geiſtlicher und weltli⸗ cher Gerichtsgewalt; uͤber die Erhebung des Zehnten ver⸗ ſtandigte man ſich nach früheren Beſtimmungen und uͤber die Graͤnzen ſollten Berichtsleute entſcheiden. Nach des Röm. Koͤniges Ausſpruch und auf Geheiß des Conciliums verpflichtete ſich der Orden dem Biſchofe zu einem Scha⸗ denerſatz von fuͤnftauſend Mark Boͤhm. Groſchen. Zwei Punkte blieben jedoch noch unentſchieden, der eine die Lei⸗ ſtungen betreffend, zu welchen die Leute der Leſlauiſchen Kirche dem Orden verpflichtet ſeyen, woruͤber das Conci⸗ lium oder der zukuͤnſtige Papſt befragtwer den ſollte, der an⸗ dere in Ruͤckſicht der angeblich auf des Hochmeiſters Geheiß geſchehenen Zerſtoͤrung des dem Biſchofe zugehörigen Hau— ſes vor Danzig, worüber eine weitere Verhandlung vorbe⸗ halten ward, ® Auch im Concilium fand die Suͤhne des 1) Mehre Schr. des HM. hicruͤber an d. Biſchof im Fol. Miſſive p. 1. 4. 5. Ueber die Jagdluſt des Biſchofs Schr. deſſelben an den HM. Schbl. LXVIII. 123. 159. LIII. 54. 2) Original- urk. d. Thorn Michaeli 1417 Schbl. LIII. 28, Ab⸗ ſchrift im Fol. C. p. 39 — 40. Der eigentliche Suͤhnevertrag vom HM. ausgeſtellt, d. Marienb. die vicesima quarla mensis Decembr. 1417 Schbl. LIII. 26. Lindenblatt S. 327. Schr. des HM. an d. Biſchof im Fol. Miſſive p. 6 — 8.
Scanseite 320 · Druckseite 307
Ausgleichung mit den nachbarlichen Fuͤrſten. (1417.) 307 Meiſters mit dem Biſchofe Billigung und Beifall; doch rieth man von dort aus dem erſtern zu Vorſicht und Be⸗ hutſamkeit. 9 Auch mit den Herzogen von Pommern kam es endlich zur Einigung. Die weſentkichſte Streitfrage mit Herzog Boguslav von Stolpe betraf die Graͤnzbeſtimmung zwiſchen dem Herzogthum und dem Komthurbezirke von Schlochau, worüber bereits das ganze Jahr hindurch verhandelt wors den war,? bis endlich einige perfonliche Berathungen zwi⸗ ſchen dem Herzog und dem Hochmeiſter einen Vergleich her⸗ vorbrachten, der den jahrelangen Streit befeitigte. ? Durch Vermittlung des von Stolpe kam es bald darauf auch zu einem Vertrage zwiſchen dem Orden und dem Herzog von Stettin theils über die auch hier obwaltenden Graͤnzſtreitig⸗ keiten, theils uͤber die zwiſchen ihren Unterthanen veruͤbten Raͤubereien und feindlichen Einſaͤllen, alſo daß uͤberhaupt in den Ordenslanden im Weſten ein friedlicherer Zuſtand ein⸗ trat und damit ein laͤngſt erſehnter Wunſch des Meiſters erfuͤllt ward.) Selbſt mit dem Könige von Polen ſchien ſeit ſeiner Vermaͤhlung mit Eliſabeth die Ausſicht zu einem friedlicheren Verhaͤltniß nahe; denn die neue Königin, ger gen den Orden freundlich geſinnt, ſuchte ſo viel als moͤg⸗ lich Ruhe und Friede herzuſtellen. Zwar hatten des Koͤni⸗ ges Hauptleute ihre Gewaltthaten an den Unterthanen des Ordens auch bis jetzt noch nicht eingeſtellt, bald Sendboten 1) Schr. des Procurators, d. Koſtnitz am T. Martini (1417) Schbl. II. 15. 2) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Schlochau Mittw. nach Reminiſcere 1417 Schbl. XV. 25. 3) Schr. des HM. an d. Herzog v. Stolpe im Fol. Miſſive p. 83 — 853 die Graͤnzbeſtimmung im Fol. Gränzbuch B. p. 90. Kine denblatt S. 328. ) Schr. des HM. an die Herzoge Otto und Kaſimir v. Stettin im Fol. Miſſive p. 84 — 94; der Suͤhnebrief des HM. d. Hammer⸗ ſtein am Abend der h. Eliſabeth 1417 Schbl. 51. 27. Sell Geſch. v. Pommern B. II. S. 151. 20*
Scanseite 321 · Druckseite 308
308 Ausgleichung mit den nachbarlichen Fuͤrſten. (4417.) ihrer Briefe an den Hochmeiſter beraubt und in finſtere Kerker geworfen „ bald durch ihre Aufhalter auf offener Landſtraße Thorner Kaufleute niederwerfen und auspluͤn⸗ dern laſſen; der Hauptmann von Bromberg unterließ auch jetzt noch nicht, bald Ordensunterthanen zu uͤberfallen und zu ermorden, bald die Schiffahrt auf der Weichſel zu hem⸗ men oder die freien Handelsſtraßen zu ſperren; ja er war frech genug, nicht nur eine Ladung Wein, die dem Mei⸗ ſter zugehörte, ohne weiteres auf der Weichſel wegzuneh⸗ men, ſondern auch drohend zu erklaren: er werde auf drei⸗ ßig Meilen weit in Polen und Rußland alle Kaufleute des Ordens, wo er fie finde, aufhalten und auspluͤndern; ) desgleichen hatte auch der Hauptmann von Bebern mehren Thorner Bürgern an Kaufwaaren und andern Gütern über viertauſend Mark geraubt, die Begleiter eingekerkert und fuͤr ihre Freilaſſung eine ſo hohe Schatzung gefordert, daß ſich die ganze Schadenſumme auf mehr als ſiebentauſend Mark belief. 2) Allein dieſem ſchmaͤhlichen Unfug der Pol⸗ niſchen Beamten ſchien jetzt eine Graͤnze geſetzt, da der Koͤ⸗ nig auf das bittende Fuͤrwort der Koͤnigin den Hauptleu⸗ ten nicht nur gemeſſene Befehle zur Abſtellung aller feindli⸗ chen Schritte gegen des Ordens Unterthanen ertheilte, fon- dern fofort auch alle gefangenen Kaufleute in Freiheit zu ſetzen befahl.) Die Königin ſelbſt gab dem Hochmeiſter 1) Des HM. Klagen hieruͤber in zwei Schr. an den König v. Por len, d. Marienb. am F. Galli u. KRoggenhaufen Sonnab. nach Lam⸗ berti 1417 im Fol. Miſſive p. 7. 5. 2) Schr. des HM. an d. Komthur v. Mewe u. an den Procura⸗ tor, d. Stuhm Sonnt. vor Such Evang. 1417 Schbl. XXI. 25. Klagſchrift des Ordens Schbl. XXI. 45, wo eine Menge Gewalttha⸗ ten der Poln. Beamten aufgezählt ſind. 3) Schr. des Koͤniges v. Polen an d. HM. d. in Medica feria VI in erastino Simon. et Judae 1417; der König ſagt ausdruͤcklich, daß er die Freilaſſung der gefangenen Kaufleute befohlen habe ad instanliam pe- lieionis inelite et preclare principis domine Elisabeth Regine Polonie, consortis nostre carissint.
Scanseite 322 · Druckseite 309
Verhandlungen im Concilium. (14 17.) 309 auch die Zuſicherung, wo möglich zu bewirken, daß den Ordensunterthanen aller in Polen zugefuͤgte Schade und alle weggenommenen Güter wieder erſtattet werden ſollten.“ Dieſe mildere Geſinnung des Königes ſchrieb der Hoch meiſter zum Theil auch den Einwirkungen anderer Fuͤrſten zu. Dankend erfreute er deshalb den Herzog Kenrad Se⸗ nior von Oels durch das Geſchenk eines feiner beſten Streit⸗ roſſe; 9 der Gemahlin des Nom. Koͤniges ließ er ein koſtbares Bernſteinpaternoſter überreichen, damals eine der beliebteſten Ehrengaben; ?) dem Erzbiſchof von Köln ſandte er eine Anzahl der beſten Falken, die er aus ſeinen Fal⸗ kenſchulen erhalten konnte. 4) Auch im Concilium hatten ſich mittlerweile die Ver⸗ haͤltniſſe noch ungleich guͤnſtiger geſtellt. Nach zahlreichen, nutzloſen Klagen, womit die Bevollmaͤchtigten beider Theile Jahre lang, die Zeit vergeudend, ſich gegenſeitig zu ent⸗ muthigen und die anweſenden Fuͤrſten für ihre Sache zu gewinnen geſucht, war die Streitſache am zwölften Juli bie: ſes Jahres zum erſtenmale zum foͤrmlichen Verhoͤre des Con⸗ ciliums gekommen. Zuerſt trat der Biſchof von Poſen mit der Bitte auf: der Rom. König möge auf Vollfuͤhrung ſeines Ausſpruches in Beziehung auf ihn und den Biſchof von Leſlau dringen. Wohl, entgegnete der Ordensſachwal⸗ ter, wir wuͤnſchen ſolche ebenfalls, aber in allen Stuͤcken und Punkten, alſo auch inſofern er den König und den 1) Schr. des HM. an die Stadt Leſlau, d. Marienb. am T. So: hannis Apoſt. zu Weihnachten 1417 u. Schr. des Komthurs v. Schwez an den Hauptmann Birkenhaupt, d. Stuhm Donnerſt. vor Lucia 1417 Fol. Miſſive p. 11. 2) Schr. des HM. an Herzog Senior von Oels, d. Danzig Don⸗ nerſt. nach Aegidii 1417 Fol. Miſſive p. 95, Schbl. IX. 8. 3) Schr. des HM, an d. Kenigin v. ungern, d. Mar. Sonnab. nach 11,000 Jungfr. 1417 Fol. Miſſive p. 103; er ſchreibt dabei: Got weys, das ſemelichs ſteynes in deſen Jaren nichts gefellet, als is wol geſcheen iſt vor zeiten. J) Schr. des HM. an d. Erzbiſchof von Köln, d. Mar. Sonnt. vor Luck 1917 u. am T. aller Heiligen Fol. Miſſive p. J01 u. 170.
Scanseite 323 · Druckseite 310
310 Verhandlungen im Concilium. (1417.) Orden belrifft. Man erkennt jedoch ſchon aus der Gegner einſeitigem Verlangen, daß ſie mitnichten die zu Thorn ge— ſchehene Berichtung halten wollen. Da legte der Roͤm. Koͤnig beiden Theilen die Frage vor: Erkennet ihr allzu⸗ mal das Reich als eueren Oberſten an? Die Polen ant⸗ worteten zuerſt; allein man entnahm aus ihren Worten leicht, daß ſie das Reich nicht als ſolchen anerkannten, denn fie erklaͤrten: ihr König ſey von jeher und immerdar ein freier Koͤnig. Darauf wandte ſich Sigismund an die Orr densgeſandten: „Ueber euch iſt hier viel geklagt, daß ihr euch eigentlich zu keinem Rechte verſtehen wollet; lade man euch vor den Kaiſer, ſo ſpraͤchet ihr: ihr gehoͤret der Kir⸗ che und dem Papſte zu; wuͤrdet ihr aber vor dem Papſte beſchuldigt, ſo ſey euere Ausrede: ihr gehoͤrtet unter das Reich. Jetzt ſaget klar und offen heraus: wollet ihr euch unter das Gericht der Kirche, des Conciliums und des Reiches ſtellen?“ Da entgegnete einer der Ordensgeſand⸗ ten: „der Orden, von jeher der Roͤm. Kirche und dem Roͤm. Reiche untergeben und gehorſam unterwirft ſich in allen Stuͤcken dem Gerichte der Kirche, des Conciliums und des Reiches und wir Sendboten des Ordens haben zu beiden Vollmacht, zum Gerichte und zu freundlicher Ver⸗ gleichung.“ Der Rom, König nannte dieß, „eine kluge, weiſe und heilige Antwort.“ Die ganze Verſammlung hoch erfreut, dankte den Ordensgeſandten für die Erklaͤ⸗ rung. Mit Unwillen dagegen vernahm ſie die Erwiederung der Polen: fie würden ihre Sache mitnichten zum Gerich— te ſetzen; ſie haͤtten einen Friedensbrief zu Strasburg aus⸗ geſtellt, den wollten ſie halten. Da trat der Koͤnig den Ordensgeſandten mit den Worten naͤher: „Fuͤrwahr, ihr habt heute eine That gethan, die euch mehr frommt, als wenn ihr einen maͤchtigen Sieg gewonnen haͤttet!“ 1) Die ſpecielleren Verhandlungen hierüber im Fol. F. p. 125 — 127; fie begannen im Concilium am S. Morgarethen-Tage und wur⸗ den mehre Tage fortgefegt. Gewöhnlich erſchienen in der Verſammlung
Scanseite 324 · Druckseite 311
Verhandlungen im Concilium. (1417.) 311 In der That hatte dieſe erſte öffentliche Verhandlung auf die Sache des Ordens einen äußerſt guͤnſtigen Einfluß; viele Fürſten wurden für fie gewonnen, als fie ſahen, daß es der Orden wirklich ernſtlich mit dem Frieden meine und alles überhaupt ganz anders ſtehe, als bisher die Polen vorgegeben. Auch unter den Kardinälen und andern hohen Praͤlaten fand ſeitdem der Orden bedeutenden Anhang, da auch ſie erkannten, wie grundlos die ſo oft ausgeſprochene Klage der Polen ſey, daß ihrem Könige vom Orden durch⸗ aus kein Recht widerfahren konne.) Selbſt der Rom. König war jetzt von der gerechten Sache des Ordens mehr uͤberzeugt, als je zuvor; er erklaͤrte den Geſandten: er al: lein könne zwar nichts vollfuͤhren, was dem Orden einen feſten Frieden verſichern moͤge; ſobald aber der Kirche ein neues Oberhaupt gegeben ſey, werde er mit aller Kraft ſein Beſtes zu befdrdern ſuchen. 2) Um jedoch den koſtſpieligen Streit moͤglichſt bald zur Entſcheidung zu bringen, ſchlugen jetzt die Ordensgeſandten vier verſchiedene Wege vor, auf denen eine Ausgleichung geſchehen konne, entweder durch freundliche Berichtung und ſchiedsrichterlichen Ausſpruch von zwölf aus beiden Theilen auserwaͤhlten Perſonen, uͤber welchen der Papſt als Obmann ſtehen ſolle nach Laut des Thorner Friedens und des Ausſpruches des Kom. Koͤniges, oder durch einen neuen Compromiß an das Concilium und den Röm. Koͤnig in allen obwaltenden Streitpunkten, ſo daß auch der kuͤnftige Papſt mit dem Röm. Könige oder beide durch Stellvertreter die einzelnen Punkte berichten mochten oder durch den Weg des Rechts vor dem Conci⸗ lium oder Papſt, vor dem Reiche oder dem Röm. Könige mit den Kurfürſten, vor welchen der Orden gerne zu Recht ſtehen wolle, oder endlich dadurch, daß man aus den Na⸗ omnes deputati quatuor nationum, der Rom. Kbnig, hohe Prälaten und Geiſtliche, mitunter auch Fuͤrſten. 1) Bericht des Komthurs v. Balga im Fol. C. p. 35. 2) Bericht des Komthurs v. Balga a. a. O. .
Scanseite 325 · Druckseite 312
312 P. Martin V. und der Orden. (1417.) tionen des Conciliums durch die Kardinäle einen Ausſchuß ernenne, der daruͤber erkennen moͤge, ob die Erbietungen des Ordens nicht billig ſeyen oder ob noch auf andern We⸗ gen eine Ausgleichung geſchehen Tonne. Jedoch verwahrten ſich die Ordensgeſandten ausdruͤcklich, daß von Einraͤumung des Kulmerlandes, Pommerellens, Neſſaus u. ſ. w. in keinem Gerichte und ſonſt auf keine Weiſe die Rede ſeyn duͤrfe, denn alte Privilegien, nachmalige Anerkennungen und Einigungen machten dem Orden deren Beſitz ganz un⸗ beſtreitbar. » Somit wies alles auf den kuͤnftigen Papſt hin. Als nun die Wahl am elften November erfolgte, fiel ſie in der Perſon des Kardinals Otto De Columna, nun Martin der Fuͤnfte genannt, fuͤr den Orden ſo ungemein guͤnſtig aus, daß der Procurator voll Freude dem Meiſter meldete: gerade dieſer Mann ſey einer der größten Gönner des Ordens; für dieſen ſey daher das Beſte zu erwarten; der Biſchof von Ermland habe ſich ihm ſchon früher durch manche Dienſte empfohlen und der Erzbiſchof von Riga habe an ihm gleich- ſam einen neuen Vater gewonnen. d Man bot alsbald auch alle möglichen Mittel auf, durch ein ſtattliches Ehrengeſchenk von ſilbernen Gefaͤßen, Zobeln, Laſſizen und andern koſt⸗ baren Dingen die Zuneigung des Papſtes zu befeſtigen. Es koſtete freilich manches ſchwere Opfer, denn bei der außer⸗ ordentlichen Geldarmuth der Ordensgeſandten, die kaum oft ihrem Stande gemaͤß zu leben hatten, mußte zu jener Ehren⸗ gabe alles geborgt werden, manches wurde ſogar in Flandern geliehen, weil bei den Kaufleuten in Deutſchland der Orden ſchon allen Credit verloren hatte, da er feine Zahlungsfriſten niemals puͤnktlich einhielt. Gegen tauſend Ducaten betrug 1) Darüber Fol. C. p. 37 — 38 u. ein Notariatsinſtrument über die Erbictungen der Ordensgeſandten gegen die Polniſchen v. J. 1417 Schbl. 65. 12. 2) Schr. des Procurators, d. Koſtnitz am T. Martini (1417) Schbl. 1. 247,
Scanseite 326 · Druckseite 313
P. Martin V. und der Orden. (1417.) 313 das Ehrengeſchenk an Werth.) Indeß man opferte dieß gerne, da alles nun einen raſcheren Gang zu gewinnen ſchien, denn der Röm. König arbeitete jetzt mit allem Eifer an einer Vereinigung der Parteien; es war eine ſeiner er⸗ ſten Bitten an den neuen Papſt, die Zwietracht zwiſchen dem Orden und Polen irgendwie beizulegen und dieſer ver⸗ ſprach auch, mit dem Schluſſe dieſes Jahres wo moͤglich einen feſten Frieden zu Stande zu bringen.) Da die Pol: niſchen Bevollmächtigten im Concilium, jedem Wege zur Ausgleichung des Streites abſichtlich ausweichend, die Ver⸗ handlungen durch leeres Gerede immer weiter hinausſchoben, ſo wandten ſich endlich der Papſt und das Concilium an den König ſelbſt mit der dringendſten Ermahnung: er moͤge ſich endlich einmal mit dem Orden verrichten oder, wofern dieß nicht, das Recht ſuchen; dieß koͤnne jetzt geſchehen, da Gott der Chriſtenheit wieder ein neues Oberhaupt gegeben. Wolle er ſolches aber nicht, ſo muͤſſe der Papſt und das Concilium nun bald zu ernſtlichen und nachdruͤcklichen Mit⸗ teln greifen. Der König erwiederte: ſchon vor Jahren habe er ſich erboten und ſey auch jetzt bereit, dem Orden Rechts zu pflegen; gerne wolle er die Sache auch vier oder ſechs bewährten Männern anvertrauen und den Rom. Koͤnig als Obmann anerkennen, damit der Krieg beendigt werde; er werde auch von ſeinen Rittern, Knechten und Unterthanen erſucht, ſich mit dem Orden zu vergleichen; bis Margarethen⸗ Tag dauere noch die Waffenruhe; mittlerweile wolle er ſeine Freunde und Unterthanen zuſammen berufen und ihnen die Sache vorlegen, denn ohne ihren Rath koͤnne er nichts ent⸗ 1) Schr. des Komthurs von Mewe an den HM. d. Koſtnitz Sonnt. nach Martini (1417) Schbl. II. 19. Schr. des Procurators, d. Koſt⸗ nitz Donnerſt. nach Thoma (1417) Schbl. I. 82. Schr. der Komthure v. Mewe u. Balga, d. Koſtnitz Sonnt. Vincula Petri (1417) Schbl. II. 28. Bericht des Komthurs v. Thorn im Fol. C. p. 36. 2) Schr. des Komthurs v. Mewe an den HM. d. Koſtnitz am h. Ehriſtabend (1417).
Scanseite 327 · Druckseite 314
314 Veränderungen in den Preuſſ. Biſthüͤmern. (1417.) ſcheiden.) Allein dieſen geſchmeidigen Worten entſprach keineswegs die That. Auch in den kirchlichen Verhaͤltniſſen Preuſſens waren unterdeß Veränderungen erfolgt, die der Beſtaͤtigung des neuerwaͤhlten Papſtes bedurften. Während das Concilium keinen Papſt anerkannte, hatte Preuſſen in allen ſeinen Biſthuͤmern neue Biſchoͤfe erhalten, im Kulmiſchen Johannes Mergenau, im Ermlaͤndiſchen Johannes Abezier, einen vom Hochmeiſter ganz beſonders hochgeſchaͤtzten Rathgeber, zur Zeit noch in Koſtnitz, im Samlaͤndiſchen Johannes Salfeld und endlich war im Verlaufe dieſes Jahres auch der Biſchof von Pomeſanien Johannes Rymann (am vierten Septem.) geſtorben, ein Mann, der wie durch ſeinen frommen Lebens⸗ wandel, ſeinen raſtloſen Eifer fuͤr das Wohl der Kirche und des Landes, fo durch feine ausgebreiteten Kenntniſſe, be⸗ ſonders im kirchlichen Rechte, ſo ausgezeichnet daſtand, daß er im ganzen Orden kaum feines Gleichen fand.“ Wenige Wochen nach ſeinem Tode erlitt die Pomeſaniſche Kirche noch einen andern ſchmerzlichen Verluſt, denn auch der ehr⸗ wuͤrdige und hochverdiente Dechant des Domſtifts Johannes Marienwerder, ein eben ſo gelehrter als in ſeinem Leben hoͤchſtachtbarer Mann ſtarb um dieſe Zeit.) Zum Nachfolger des Biſchofs erkor das Domkapitel den bisherigen Domherrn Meiſter Gerhard Stolpmann aus Elbing, den das Conci⸗ lium auf des Hochmeiſters und des Erzbiſchofs von Riga Verwendung auch bald beſtaͤtigte.) Alle dieſe Biſchdfe 1) Nach einer zu einem Schr. an den HM. gehörigen Beilage. 2) Lindenblatt S. 325 nennt ihn Rymmain, früher S. 194 Rymannz dieß ſcheint die richtige Schreibart, wie fie auch in Urkunden vorkommt. Wie ſehr entſtellt oft der Name iſt, kann man in Hart⸗ knoch Kirchengeſch. S. 168 ſehen. Einige Zeit ſcheint Johannes Ry⸗ mann auch in Koftnig geweſen zu ſeyn. 3) Lindenblatt S. 326. 4) Lindenblatt S. 325. Schr. des HM. an den Erzbiſch. v. Riga, d. Roggenhauſen Donnerſt. nach Exalt. Crucis 1417 Fol. Miſ⸗ ſive p. 96.
Scanseite 328 · Druckseite 315
Veraͤnderungen in den Preuff. Biſthuͤmern. (1417.) 315 ſprachen nun auch den neuen Papſt um Beſtaͤtigung in ihren Wuͤrden an; allein ſie fand doch manche Schwierigkeiten, ſo daß ſie erſt im Fruͤhling des naͤchſten Jahres erfolgen konnte.) — Waͤhrenddeß war auch in dem benachbarten Samaiten ein Biſthum gegruͤndet worden. Man hatte in dieſem Jahre im Concilium viel uͤber die Taufe der Sa⸗ maiten verhandelt. Wie nun die Sendung einer Anzahl von Samaiten nach Koſtnitz den Beweis von der Verbrei⸗ tung des Chriſtenthums in dieſem Lande hatte geben ſollen, ſo ſollte er in der Stiftung eines Biſthums die volle Be⸗ ſtaͤtigung finden. Das Concilium hatte dazu einige Legaten ernannt, darunter den Biſchof von Wilna. Witowd begab ſich mit ihnen und einem großen fuͤrſtlichen Gefolge ſelbſt ins Land. Medeniken ward zum biſchoͤflichen Sitz erhoben und der Dompropſt Mathias von Wilna zum Biſchof Sa⸗ maitens ernannt, neben ihm ein Domkapitel und die noͤ⸗ thige Geiſtlichkeit. Den Unterhalt beſtritt der Großfuͤrſt vorerſt aus feinem Schaͤtze und feinen eigenen Einkuͤnften. Aber wie ſehr es noch an der eigentlichen Grundlage zu dieſer Stiftung fehlte, bewies nicht bloß ihr baldiges trau⸗ riges Schickſal, ſondern auch ſchon der Umſtand, daß man jetzt erſt einen großen Theil der Samaiten zur Taufe fuͤh⸗ ren mußte Witowd, durch den fortdauernden Krieg der Tatariſchen Horden unter einander von neuem auch an ſeinen Graͤnzen 1) Schr. des Procurators, d. Koſtnitz 15 April (1218) Schbl. I. 133. Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien an d. HM. d. Marienwerder Freit. nach Miſcricord. 1418 Schbl. LXV. 66. Schr. des Procurators, d. Genf am Margarethen-Abend 1418 Schbl. LXIV. 60. 2) Schr. des Meiſters v. Livland, d. Riga Freit. nach Lucid 1417 Schbl. X. 83. Witowds Beſtellung des neuen Biſthums, d. in Traky domin. proxima post festum undecim Millia virgin. 1417 Schbl. XVII. 103. Schr. des Procurators, d. Koſtnitz Donnerſt. nach dem Aſchtage 417). Dlugoss. p. 389 — 390, Kojalowicz p. 93 vgl. mit p- 194. Wir haben in dieſen Quellen ziemlich genaue Nachrichten uber die Er⸗ richtung des Samaitiſchen Biſthums, die die chroniſtiſchen Angaben zum Theil berichtigen. i
Scanseite 329 · Druckseite 316
316 Verhaͤltniſſe zu Witowd. (1418.) bedroht, mußte jetzt ernſtlicher als je die Feſtſtellung eines ſichern Friedens wuͤnſchen. Schon im Anfange des Jahres 1418 forderte er daher den Biſchof von Dorpat zur Vermitt⸗ lung auf, ihm feinen thatigften Beiſtand verheißend, um den Waffenſtillſtand auf irgend eine Weiſe in einen feſten, ewi⸗ gen Frieden verwandelt zu ſehen.) Selbſt der Hochmeiſter faßte einige Hoffnung, denn zwiſchen ihm und dem Koͤnige von Polen trat der Herzog Przimke von Troppau als Ver⸗ mittler auf, um auf einem Verhandlungstage zu Thorn die Parteien einander näher zu bringen.) Er blieb indeſſen ohne Erfolg, weil es den Polniſchen Rathen an genuͤgender Vollmacht fehlte und man ſah, daß des Königes ganzes Streben nur dahin ziele, den Orden durch ſolche Unterhand— lungen fo lange zu taͤuſchen, bis er beim Ausgange des Beifriedens das Schwert wieder ergreifen Tonne. Der Hochmeiſter mußte daher abermals auf Ruͤſtung denken. Der Deutſchmeiſter wurde beauftragt, um Pfingſten mit ſo viel Komthuren und Ordensrittern als nur möglich herbeizueilen; ® die befreundeten Fuͤrſten in Deutſchland wurden von neuem um Huͤlfe und Beiſtand erſucht; man warb dort fuͤr den Orden Söldner an; man erließ an den Adel und die Städte der Neumark die Mahnung, ihre Burgen und Mauern auf jede Weiſe ftärker zu befeſtigen und mit Vertheidigungsmit⸗ teln zu verſorgen. In Preuſſen ſelbſt ward alles eiligſt in wehrhaften Stand geſetzt;“ zu den Ruͤſtungskoſten mußten 1) Schr. des Biſchofs v. Dorpat an den Livl. Meiſter, d. Dorpat am T. Octava Epiphan. 1418. 2) Schr. des HM. an d. Markgraf. Friederich v. Meißen, d. El⸗ bing Frcit. vor Neujahrstag 1418 im Fol. Miſſive p. 113. 3) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. Stuhm Freit. vor Ju⸗ dica 1418 Fol. Miſſive p. 120. Ueber die Bemuͤhungen des Herzogs v. Troppau ein Bericht, d. Sonnt. Cantate 1418; Schr. des HM. an den Herzog Ludwig v. Brieg, d. Marienb. Mittw. vor Palmar. 1418 Fol. Miſſive p. 123. 4) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter a. a. O. 5) Schr. des HM. an die deutſch. Fürſten, d. zwiſchen Sonnt. Judica und Mifericord. 1418 im Fol. Miſſive p. 119 — 131. Schr.
Scanseite 330 · Druckseite 317
Erneuerung des Beifriedens. (1418.) 317 alle Ordensgebietiger und Konventsbruͤder alles, was ſie an Gold, ſilbernen Geräthen oder ſonſtigen Koſtbarkeiten be⸗ ſaßen, bei ſtrengſtem Gehorſam einliefern. Man wollte auch auf das Land wieder einen allgemeinen Schoß ausſchreiben; allein überall fand dieß Widerſtand.)“ Man erfuhr, der König erwarte nur die Ruͤckkehr ſeiner Botſchafter, die er an den Großfuͤrſten und an das Concilium geſandt habe, um ſich über Krieg oder Frieden zu entſcheiden. So drohte alſo die Kriegsflamme von neuem auszubrechen.? Zum Glüd aber wirkten gerade jetzt ſowohl der Groß⸗ fürft als das Concilium eifriger als je auf Erhaltung des Friedens hin. Erſtern bewog hiezu eine neue Beſorgniß. Ein alter Feind feines Haufes nämlich, der Fuͤrſt Switrigal, lange vom Schauplatz der Begebenheiten verſchwunden, weil er von ſeinem Gegner gefangen genommen uͤber neun Jahre im Kerker zugebracht hatte, war vor einiger Zeit durch Mit⸗ huͤlfe eines Ruſſiſchen Fuͤrſten aus feinen Feſſeln gluͤcklich entkommen; keiner wußte, wohin er ſeine Flucht genom⸗ men. Einige vermutheten ihn wegen früherer Verhaͤltniſſe im Schutze des Ordens, andere ließen ihn nach der Walachei und Podolien entfliehen.) Witowd aber, wohl wiſſend, welchen zahlreichen Anhang der Fuͤrſt immer noch in Lit⸗ thauen hatte und wie leicht ihm zumal unter der drohenden Gefahr im Oſten ein Einfall ins Land werden konnte, war nicht ohne große Beſorgniß, daß jener auswaͤrts Huͤlfe ſu⸗ chen und mit ſtarker Macht in die Graͤnzen einbrechen wer⸗ de, um ſich irgend einer feſten Burg zu bemaͤchtigen und dann weiter vorzudringen. Er ließ daher bereits ſeine des HM. an Martin v. Beberach, d. Stuhm Freit. vor Judica 1418 ebend. b. 118. Schr. an die Neumaͤrker, d. Marienb. Donnerft, vor Miſericord. 1418 ebend. p. 13], 1) Lindenblatt S. 333, 2) Schr. des Hauptmanns Jacob v. Konetzpole an d. Ord. Mar⸗ ſchall, Spittler u. die Komthure v. Thorn und Danzig, d. Brzesc ipso die domin. Lactare 1418 Schbl. XXI. 57. 3) Lindenblatt S. 332, Kotzebue Switrigal S. 40,
Scanseite 331 · Druckseite 318
318 Erneuerung des Beifriedens. (1418.) Burgen fo ſorgſam als moglich bewachen. » Wirklich knuͤpfte Switrigal bald darauf mit dem Hochmeiſter Unter⸗ handlungen an, die jedoch ſehr geheim betrieben wurden. 3 Indeß waren auch ſeine Plane vorerſt keineswegs ſo ernſt⸗ haft, als Witowd befuͤrchtete. Von Oeſterreich, wo er ſich beim Herzog Ernſt und andren edlen Herren umher trieb, begab er ſich nach Ungern und verweilte eine Zeit lang in der Umgebung des Roͤm. Koͤniges. ) Weil nun aber die⸗ ſer Fuͤrſt, ſobald ihm der Orden Huͤlfe bot, Witowd'n jetzt zumal immer ſehr gefaͤhrlich werden konnte, ſo mußte dieſem alles daran liegen, mit dem Hochmeiſter in friedlichen Ver: haͤltniſſen zu bleiben und er verfaumte daher nicht, alles zu befeitigen, was den Frieden ſtören konnte. Als unter andern einſt ein pluͤndernder Heerhaufe von Samaiten bis Memel vorſtuͤrmend dort dem Komthur eine Anzahl Pferde und deſſen Leuten ihr Geraͤthe raubte, bat er den Hochmeiſter auf deſſen Klage über dieſe Friedensverletzung: er moͤge Abgeordnete ſenden, um nicht nur das Geraubte wieder zuruͤckzunehmen, ſondern auch Zeuge zu ſeyn, mit welcher nachdruͤcklichen Strenge die Frevler beſtraft werden ſollten. ® I) Schr. des Komthurs v. Ragnit an d. Ord. Marſchall, d. Til⸗ fit am Abend Georgii 1418 Schbl. XVII. 60. Lindenblatt a. a. O. Im Schr. des Komthurs iſt aber keineswegs von Switrigals „Haus⸗ frau“ die Rede, wie Kotzebue a. a. O. erwahnt, ſondern von Wi⸗ towds „huͤwßer,“ die er „in großer hutte halde.“ uebrigens war Switrigal jetzt auch Wittwer, denn wir hören, daß er ſich eifrig um die Hand der Schweſter des Biſchofs von Breslau Konrad von Oels be⸗ warb. Schr. des Biſchofs v. Breslau an d. HM. d. Wartenberg am T. Eliſabeth (1418) Schbl. XXI. 22; Antwort des HM. im Fol. Miſſive p. 164. 2) Schr. des HM. an Switrigal, d. in castro nostro Ylow feria IV ante festum s. Johannis. Bapt. 1418 Fol. Miſſive p. 44, 3) Schr. des Biſchoſs v. Breslau an d. HM. a. a. O. 4) Schr. des HM. an Witowd, d. Stuhm Freit. nach Sten Tag Corp. Chriſti u. Preuſſ. Mark. Mont, vor Barnabä 1418 Fol. Miffive p. 41 — 43,
Scanseite 332 · Druckseite 319
Erneuerung des Beifriedens. (1418.) 319 Auch im Concilium gewann die Sache des Ordens eine immer guͤnſtigere Wendung. Zwar war ſchon vorauszuſe⸗ hen, daß von dortaus keine Entſcheidung des Streites er⸗ folgen werde; allein der Papſt bot vorerſt doch alles auf, den Ausbruch eines neuen Krieges zu verhindern, ſprach oft von Bann und Interdict, ſobald ſich der Koͤnig von Po⸗ len und deſſen Verbuͤndete irgend eine Feindſeligkeit gegen den Orden erlauben würden, D und brachte es endlich mit Beihuͤlfe des Nom. Königed auch wirklich dahin, daß eine abermalige Verlangerung des Beifriedens zwiſchen Polen und dem Orden auf ein Jahr zu Stande kam, jedoch mit der Weiſung fuͤr den Hochmeiſter, daß er jetzt die Doͤrfer Orlow, Morin und Neuendorf binnen einer Friſt dem Be⸗ vollmächtigten des Rom. Koͤniges bei der Buße von hun⸗ derttauſend Gulden zu uͤbergeben habe; dieſer ſolle ſie dem von Polen uͤberweiſen können, doch nur unter der Bedin⸗ gung, daß ſie auf keine Weiſe befeſtigt und aus der Ueber⸗ gabe kein Eigenthums⸗ oder Hoheitsrecht auf dieſelben ges folgert werden ſolle. So war es vom Papſte ausdruͤcklich beftimmt. 2 Es hatte ihm nicht geringe Muͤhe gekoſtet, die, Polniſchen Geſandten zu dieſem Schritte zu bewegen; faſt mit Gewalt hatte er ihn erzwingen muͤſſen. Deshalb trug der Procurator auf eine neue Ehrengabe fuͤr den heil. Vater an, „denn, ſchrieb er dem Hochmeiſter, da er an⸗ gefangen, den Orden in ſeinem Schutze zu behalten und erklart hat, er wolle ihn nicht verderben laſſen, fo wäre gut, ihn dabei zu behalten; er iſt jetzt arm und mit tau⸗ ſend Gulden, die der Erzbiſchof von Riga wohl in zehn 1) Schr. des Propſtes von Frauenburg an d. HM. d. Koſtnitz am T. Gregori (1418) Schbl. II. 17. 2) Original der paͤpſcl. Bulle, d. Constantie III Idus Maji p. n. a. I. Schbl. X. 2; Abſchrift im Fol. C. p. 52. Schr. des Procurators, d. Koſtnitz 15 April (1418) Schbl. I. 133. Daneben vgl. die für den König hoͤchſt günftige Bulle des Papſtes, d. Coustantiae IV Non. Maii. an. I. bei Raynald Annal. Eecles. an. 1418 ur. 18; über die erſtere Bulle ibid. nr. 20.
Scanseite 333 · Druckseite 320
320 Die Schrift Johannes Falkenbergs im Concilium. (1418.) Wochen verzehrt, machet ihr euch den Papſt zum Freunde, dieweil er lebt.“ „ Unter dieſen Umſtaͤnden gab auch der Koͤnig von Po⸗ len ſeine Zuſtimmung zur Verlaͤngerung des Beifriedens. Auf einem Verhandlungstage an der Weichſel ward von Bevollmaͤchtigten des Ordens und des Königes die fernere Aufrechthaltung des vor Strasburg geſchloſſenen Friedens beiderſeits zugeſagt und angenommen.) So hatte der Papſt den drohenden Sturm abermals auf ein Jahr beſchwichtigt. Im Concilium aber lagen jetzt die Parteien in einem um fo heftigeren Kampfe mit einander, als jede vor der herz annahenden Beendigung deſſelben mit allem Eifer noch die⸗ ſen oder jenen Sieg und Gewinn zu erringen ſtrebte. Die Polniſchen Biſchoͤfe zumal ſetzten alle Mittel in Bewegung, um eine oͤffentliche Verdammung der erwähnten Schriſt Falkenbergs zu bewirken, und je naͤher die letzte Sitzung des Conciliums heranruͤckte, deſto mehr verdoppelten ſie ihre Bemuͤhungen. In der letzten Sitzung endlich zu Ausgang des Aprils traten ſie nochmals mit dem unanftändigften Geſchrei vor dem Papſte und der ganzen Verſammlung mit der Forderung auf, die Schrift muͤſſe öffentlich verdammt werden, weil die Nationen und alle Doctoren darin einig ſeyen, daß ſie ketzeriſche Lehren enthalte. „Mitnichten,“ entgegneten mehre Doctoren, „die Gallicaniſche, Hiſpaniſche und ſelbſt die Deutſche Nation haben keineswegs zur Ver⸗ dammung der Schrift ihre Zuſtimmung gegeben.“ “) Da 1) Schr. des Procurators, d. Koſtnitz 15 April (1418) Schbl. I. 83. Die Armuth des Papſtes in der erſten Zeit bezeugt auch Windeck Histor. Imper. Sigismundi ap. Mencken T. I. p. 1117. 2) Die Urkunde der Ordensgeſandten, d. Brest XXVI die mensis April. 1418 Schbl. 65. 17. Vollmacht des Poln. Königes für feine Geſandten, d. Brest ipso die s. Marei evang. 1418 Schbl. 65. 16. Fol. C. p. 51. Schr. des Livl. Meiſters an den HM. d. Riga am T. Aſcenſ. dni 1418 Schbl. XVII. 102, CT. Index corp. histor. diplom. T. I. p. 196. 3) Nach dem Berichte des Procurators ſcheint es unrichtig, wenn Bower Hiſtorie der Päpſte B. IX. p. 197 anführt, es habe auch bei
Scanseite 334 · Druckseite 321
Die Schrift Johannes Falkenbergs im Concilium. (1418.) 321 legten die Polen mit noch größerem Geſchrei Dokumente vor, daraus zu beweiſen, daß die Deputirten der Nationen und außer dieſen auch der Papſt, als er noch Kardinal war, ſchon früher das Verdammungsurtheil unterzeichnet hätten. Letzterer indeß erwiederte: er werde nie etwas, was den Glauben betreffe, verdammen ohne Einſtimmung des gan⸗ zen Conciliums. Wohl denn, ſprachen die Polen, da wir vom Papſte kein Recht erlangen koͤnnen, ſo appelliren wir hiemit von ihm an ein kuͤnftiges Concilium. Darauf der Papſt: wir danken es dem Könige und Herzog Witowd. unſern lieben Soͤhnen, daß ſie uns und der Roͤm. Kirche alle Zeit unterthaͤnig geweſen; wir wiſſen auch wohl, daß ihr von ihres Geheißes wegen nicht appelliren koͤnnt und fie es euch nicht danken werden. Aber Gott mag uns hel⸗ fen, wir wollen es euch gedenken. Nach wenigen Tagen ließ der Papſt die Polen noch einmal in eine allgemeine Verſammlung vorfordern. Sie erſchienen, jedoch nur unter erbetener Begleitung des Roͤm. Koͤniges, fuͤrchtend, vom Papſte gefangen geſetzt zu werden. Da ließ er ihnen ver⸗ kuͤndigen: weil ſie von ſeiner und des Roͤm. Stuhles Ge⸗ walt, da er ihrem Verlangen nicht nachgegeben, appellirt hätten, was ihnen in geiſtlichen und weltlichen Rechten ver boten ſey, ſo ſeyen ſie meineidig gegen den Papſt gewor⸗ den, Zerſtoͤrer der Freiheit des paͤpſtlichen Stuhles, alfo Ketzer gegen das Haupt der Kirche. Auf die Frage: ob Paul Wladimir oder Johannes Falkenberg zuerſt mit ſeiner Streitſchrift hervorgetreten ſey und wer aljo Anlaß zu die⸗ ſem Aergerniſſe gegeben, trat der Ordensprocurator mit der Erklaͤrung auf: Johannes Fallenberg habe ſeine Schrift einſt in Preuſſen verfaßt und dem Hochmeiſter vorgelegt; von dieſem ſey ſie dem Propſte zu Braunsberg zur Beur⸗ theilung übergeben worden, der fie mit dem Rathe zuruͤck⸗ geſandt habe, ſie nicht anzunehmen, weil ſie viele unred⸗ — [2 den Franzoſen großen Unwillen erweckt bergs nicht habe condemniren wollen. VII. 2¹ „ daß man die Schrift Falken⸗
Scanseite 335 · Druckseite 322
322 Die Schrift Johannes Falkenbergs im Concilium. (14 18.) liche Saͤtze enthalte, deren einige „ſkandalds, andere inju⸗ riös“ feyen- Sofort habe der Meiſter dem Verfaſſer gebo⸗ ten, mit ſeiner Schrift das Land zu meiden. Dieſer nach Paris wandernd habe ſie dort den Meiſtern zur Beurthei⸗ lung uͤbergeben, durch welche fie in die Hände des Erzbi⸗ ſchofs von Gneſen gekommen und von dieſem dann ins Concilium gebracht ſey. Dieſe vertheidigende Ausweiſung der Unſchuld des Hochmeiſters, die Art, wie der Procurator zugleich über die Schrift Paul Wladimirs ſprach und den Vorwurf der Polen zuruͤckwies, daß er den Beſchluß des Conciliums gegen ſie bewirkt habe, fand in der Verſamm⸗ lung großen Beifall. Eben fo großes Mißfallen dagegen erweckte der Polen Erklärung: fie wollten bei ihrer Appel⸗ lation beharren und ſie mit Hand und Mund vertheidigen, denn man erſtaunte allgemein, daß ſie den unerhörten Schritt wagten, in einer allgemeinen Verſammlung in des Papſtes und der Kardinäle Gegenwart zu proteſtiren und zu appelliren. Der Papſt ließ nun zwar die Appellation für ungültig und kraftlos erklaren; da indeß der Erzbiſchof von Gneſen kühn erwiederte, daß ſie trotz dem auch jetzt noch dabei verbleiben wuͤrden, ſo uͤbergab jener die Sache drei Kardinälen, die alsbald ſaͤmmtlichen Polniſchen Be⸗ vollmaͤchtigten Arreſt auflegten, gebietend, daß ſie vor Be⸗ endigung des Streites ſich vom Hofe des Papſtes nicht ent⸗ fernen ſollten. Um Pfingſten endlich ward Falkenbergs Schrift von einigen Richtern dennoch als Laͤſterſchrift ver⸗ dammt und mit Fuͤßen getreten, aber nicht verbrannt, weil ſie nichts wider den Glauben enthielt. 9 Sieben Jahre —— 1) Von der Hardt Acta Coneil. Constant. T. IV. p. 36. 41. 2) Dieſen Bericht liefert ein Schr. des Procurators an den HM. d. Koſtnitz Freit. vor Pfingften (1418) Schbl. I. 132, ferner ein Schr. des Propſtes Kaspar Schauenpflug an den HM. vom nämlichen Datum Schbl. II. 186. Im Index corp. histor. diplom. Livoniae T. I. p. 167 wird dieſes Schr. unrichtig ins J. 1414 geſetzt. Vgl. Von der Hardt 1. c. p. 1531 — 1532; über die letzte Verhandlung im Concilium in Beziehung auf Falkenbergs Schrift ibid. p. 1556 sed. Vgl. Gieſeler
Scanseite 336 · Druckseite 323
Ende des Conciliums. (1418.) 323 dauerte hierauf die Unterſuchung, welche der Papſt mehren Kardinaͤlen uͤber die Schrift aufgetragen, bis ſie zuletzt auch von dieſen als ein irriges, aͤrgerliches, aufruͤhreriſches, an⸗ flößiges und gottloſes Werk verdammt, zerriſſen und zer⸗ treten und vom Papſte das Verdammungsurtheil durch eine eigene Bulle beſtaͤtigt wurde. Falkenberg blieb gefangen geſetzt, bis er einen feierlichen Widerruf und die Erklärung ausgeſtellt hatte, daß feine Schrift voll Irrthuͤmer, Ber: leumdungen und Schmaͤhreden ſey, die er aufs tiefſte be⸗ reue. “) Bald hierauf ging das Concilium nach vierjähriger Dauer zu Ende, denn der Papſt, der Roͤm. Koͤnig und die geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten verließen Koſtnitz we⸗ nige Tage nach Pfingſten. Auch die Ordensgeſandten kehr⸗ ten nach Preuſſen heim. Der Ordensprocurator begleitete den Papſt nach Genf; er hatte ihn durch neue Geſchenke fuͤr den Orden ſo gewonnen, daß er erklaͤrte: er werde ſich auch forthin des Ordens in dem Maaße annehmen und fuͤr Lehrbuch der Kirchengeſchichte B. II. Abtheil. III. S. 234 — 235 und IV. S. 44. 1) Die Bulle des Papſtes, d. Romae apud s. Petrum quarto Idus Januar. p. n. a. septimo in Abſchrift im Fol. G. am Ende; ſie ent⸗ halt zugleich das Verdammungsurtheil der Kardinäle und berichtet den ganzen Hergang der Unterſuchung. Falkenbergs Widerruf ohne Datum Schbl. XXI. 24; er beginnt mit den Worten: Ego Johannes Falken- berg ordinis fratrum predicatorum sacre Theologie magister indignus, qui dudum ad quorundam emulorum instantiam quendam libellum se: tractatulum famosum in iniuriam, contumeliam, dedecus, sugillacio nem fidei, honoris et fame atque grave perisulum illusiris et catholi ei prineipis domini Wiladislai Regis Polonie et universitatis Polonorun calumpniose composui et mann mes scripsi. In quo libello inter ce- teras calumpniosas iniurias eontumelias et insanias falsas scripsi et scriptis meis asserui ete. — Wenn in obiger Darſtellung die Geſchichte der Schrift Falkenbergs in manchen Punkten anders erſcheint, als bei Dlugoss. p. 376 — 377, fo fügt fi) dieß auf mehre gleichzeitige Nachrichten, die hier benutzt ſind. ueber Falkenbergs Ende ſ. den er⸗ wähnten Chroniſten a, a. O. 21* —
Scanseite 337 · Druckseite 324
324 Ende des Conciliums. (1418.) ſein Beſtes ſorgen, daß dieſer es ihm ewig danken werde.“ Freilich war auch der Procurator theils durch dieſe Opfer, theils durch die uͤbrigen ſchweren Unkoſten fuͤr den Unter⸗ halt der Ordensbevollmaͤchtigten, für Beſoldung und Be⸗ lohnung der Advocaten u. dgl. in eine Schuldenlaſt gera⸗ then, in der er ſich gegen ſeine Gläubiger kaum noch zu retten wußte. Sie hatten ihm in Koſtnitz ſogar Arreſt ge⸗ geben, ſo daß er die Stadt nicht eher verlaſſen durfte, als bis ſie befriedigt waren, und doch klagten die Advocaten des Ordens beftändig über ſchlechte Belohnung, da ſie ſa⸗ hen, daß die Sachwalter des Koͤniges von Polen bald mit koſtbarem Pelzwerk, bald mit ſchoͤnen Roſſen oder mit Geld überreich beſchenkt wurden. Es verdroß jene nicht ſelten, wenn dieſe mit ihren von den Polen ihnen geſchenkten prachtvollen Hüten, Taſchen und Schauben einhergingen, waͤhrend ſie von den Gebietigern, die aus Preuſſen oder Dentſchland nach Koſtnttz kamen, weder mit Ehrenbezeigun⸗ gen, noch mit Geſchenken oder irgendwie bedacht wurden. So war es in der That zu bewundern, daß der Orden auf dem Concilium wirklich noch ſo viel gewonnen hatte, 2 Gewonnen war aber allerdings doch manches, was dem Orden erfreulich ſeyn mußte. Die Streitigkeiten mit den Bifchöfen von Leſlau und Poſen, die den Orden ſo vielfach geläftert und verunglimpft, konnten im Ganzen als beendigt betrachtet werden, wenn gleich noch manches ein⸗ zelne einer nähern Erörterung bedurfte. Gerettet war die Achtung und Ehre des Ordens vor der Welt, die der König von Polen und feine Anhänger bisher fo oft durch Erdichtun⸗ gen und unwahre Berichte über die Vorgange in Preuſſen und uͤber des Ordens Weſen und Streben hatten niedertreten 1) Schr. des Procurators an den HM, d. Koſtnitz am T. Kreuz⸗ Erfind. (1418) Schbl. XXX. 38. 2) Schr. des Procurators an den HM. d. Koſtnitz Mont. zu Pfingſt. (1418) Schbl. II. 23 er klagt aufs ſchrecelichſte über ſeine Geldnoth und Schulden.
Scanseite 338 · Druckseite 325
Ende des Conciliums. (14 18.) 325 und verdunkeln wollen. Gewonnen war ferner auch da⸗ durch, daß der Papſt, der größte Theil des Conciliums und überdieß auch mancher Fürſt nicht nur von der wahr⸗ haften Friedensliebe der Oberhaͤupter des Ordens, ſondern auch von deſſen gerechter Sache gegen die übermüthigen An⸗ forderungen des Königed aufs vollkommenſte uͤberzeugt wor⸗ den waren.) Was aber hierin der Orden gewonnen, hat⸗ ten ſeine Gegner im Concilium verloren, denn man hatte ihr argliſtiges, frügerifches Weſen mehr und mehr durch⸗ ſchaut.) Daß Witowd ſelbſt auch mit der Bekehrung der Samaiten nur ein Gaukelſpiel getrieben, bewies im Sommer dieſes Jahres der Aufſtand des Volkes, indem es ſeinen Biſchof nebſt allen Geiſtlichen aus dem Lande verjagfe, die neuerbauten Kirchen niederbrannte und den alten Goͤtzen⸗ dienſt uberall wieder aufrichtete. Mochte auch der Großfuͤrſt, um ſich gewiſſermaßen zu rechtfertigen, immerhin ſechzig von den Anſtiftern der Empdrung in bitterem Zorne enthaupten laſſen, ſo war doch immer klar, daß die Samaiten keines⸗ wegs ſolche Chriſten ſeyen, wie er ſie im Concilium hatte ſchildern laſſen, ) denn durch einen großen Theil des Vol⸗ kes ging ein wilder Geiſt dis Aufruhrs. Nach heimlichen Berathungen brach zuerſt das Bauernvolk im Gebiete von Roſinna gegen die Bajoren auf und ſtuͤrmte und pluͤnderte deren Haͤuſer und Höfe, desgleichen dann auch in den Ge⸗ bieten von Medeniken, Knethow und andern Gegenden, und als ſo die Banden des Gehorſams im eigenen Lande zer⸗ riſſen waren, warf ſich ein wilder Raubhaufe auch ins Ge⸗ 1) Lindenblatt S. 330. 2) Lindenblatt S. 335, namentlich was hier von den Ruſſiſchen Biſchöfen und Prälaten erzählt wird. | 3) Lindenbratt a. a. O. Schr. des HM. an den Livländ. Meiſter, d. Stuhm Sonnt. vor Jacobi 1418 Fol. Miſſive p. 144, wo vom Haſſe des Volkes gegen den neuen Biſchof und das Kapitel geſpro⸗ chen wird. Nach einigen Nachrichten waren dieſe und viele Geiſtliche von den Samaiten ermordet worden. Schr. des Hauskomthurs v. Me⸗ mel an den HM, d. Memel Octava Corp. Chriſti 1418 Schbl. XVI. 40.
Scanseite 339 · Druckseite 326
326 Friedensverhandlungen. (1418.) biet des Komthurs von Memel und plünderte, was er fand. Nur die nachdruͤcklichſten Strafen, Einkerkerung und Ent⸗ hauptung der Anfuͤhrer brachten wieder einige Ruhe ins Land.!) Auch dieſer unruhigen Bewegungen willen wuͤnſchte Wi⸗ towd jetzt mehr als je einen feſten Frieden. Selbſt der Koͤ⸗ nig von Polen knuͤpfte neue Unterhandlungen an, die auf friedliche Ausgleichung hinzudeuten ſchienen und die Frie⸗ densliebe der Koͤnigin ließ jetzt neue Hoffnung faſſen. 2 Es kam ein abermaliger Verhandlungstag zu Welun an der Memel auf Michaeli dieſes Jahres zur Sprache. ) Da jedoch die Streitfrage über die Dörfer Orlow, Morin und Neuendorf bisher noch jede Annäherung verhinderte und der Papſt, wie erwähnt, ihre Uebergabe ausdruͤcklich als Bes dingung feftgeftellt hatte, fo traf der Hochmeiſter, zumal da ihm im Unterlaſſungsfalle eine ſchwere Strafe drohte, jetzt Anſtalt, dieſes Hinderniß zuvor zu beſeitigen. Es erwachte indeß in ihm neues Mißtrauen, als die geſetzte Friſt der Uebergabe ſich näherte und niemand ſich meldete, der ſie im Namen des Roͤm. Koͤniges in Empfang nehmen wollte. Aengſtlich beſorgt, daß man mehr die Verwirkung der ho⸗ hen Geldbuße, als die wirkliche Uebergabe der Doͤrfer beab⸗ ſichtige, ertheilte er den Komthuren von Neſſau und Thorn als Bevollmächtigten in der Sache die gemeſſenſten Vor⸗ ſchriften ihres Verhaltens, 9 und als die beſtimmte Zeit der Uebergabe ohne weiteres voruͤberging, ließ der Komthur von Danzig Helfrich von der Drahe ein gerichtliches Zeug⸗ 1) Schr. Witowds an den HM. d. Traken Sonnab. vor Viti 1418 Schbl. XVII. 125, 2) Schr. des Koͤniges v. Polen an d. Komthur v. Thorn, d. Ju- veni Wilatislav. ipso die individue trinitat. 1418 Schbl. XXI. 58, Schr. des Königes an den HM. Schbl. XXI. 580. 2) Die gegenfeitigen Geleitsbriefe zu dem Tage Schbl. 65. 19. XXI. 48, Fol. C. p. 34. 4) Die dem Komthur v. Thorn ertheilten Vorſchriften im Fol. Miſſive p. 24 — 25.
Scanseite 340 · Druckseite 327
Friedensverhandlungen. (1418.) 327 niß ausſtellen, daß er in des Meiſters Namen bereit ge: weſen, laut des Papſtes Weiſung dem Bevollmächtigten des Röm. Königes die Dörfer foͤrmlich zu übergeben. U Selbſt gegen die Abſichten dieſes letztern faßte der Hoch⸗ meiſter Mißtrauen, bis endlich mehre Wochen nach der ge⸗ ſetzten Friſt ein königlicher Bevollmächtigter, der Ritter Heinrich Stoſch in Preuſſen erſchien, um die Dörfer in Empfang zu nehmen und ſomit das langwierige Hinderniß des Friedens zu beſeitigen. 2 Allein es zeigte ſich nur zu bald, daß dem Koͤnige von Polen der Beſitz der Doͤrfer unter den geſetzten Bedingun⸗ gen eigentlich nur Nebenſache, vielmehr aber die Forderung des Beſitzes, weil er hieran Streit und Zwiſt knuͤpfen konnte, das Wichtigſte geweſen war. Da indeß dieſer Kriegs vorwand jetzt hinweggeräumt war, fo wurde nun der Verhandlungstag zu Welun mit moͤglichſtem Eifer vorberei⸗ tet. Weil dem Hochmeiſter daran gelegen war, ſo viel als moͤglich auch aus Deutſchland von Fuͤrſten und Staͤdten Theilnehmer und Zeugen zu den Verhandlungen herbeizu⸗ ziehen, um ſo ſelbſt die Erfahrung zu gewinnen, wie es auf ſolchen Tagen mit dem Könige zugehe, ſo lud er außer dem Deutſchmeiſter, dem Landkomthur von Elſaß und mehren auserleſenen Komthuren, 3) auch den Pfalzgrafen vom Rhein, den Erzbiſchof von Köln, mehre andere Fuͤr⸗ ſten und verſchiedene Hanſeſtaͤdte, als Luͤbeck, Stralſund u. a. ein, den Tag durch ihre Raͤthe zu beſenden. 4 Ganz entgegengeſetzt war das Intereſſe des Koͤniges, der, um ſein altes liſtiges Spiel auch hier wieder fortzuführen, nichts 1) Das darüber ausgeſtellte Notariatsinſtrument, d. Gdanczik oc- tavo die mensis Julii 1418 Schbl. XL. 6. 2) Schr. des Rom. Koniges an den HM., d. Hagenau Mittw. nach Maria Magdal. 1418 Schbl. IV. 19. 3) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. Schaken am T. Petri u. Pauli 1418 Fol. Miffive p. 172. 4) Schr. des HM. an Lübeck, Stralſund u. a. de Sobowitz Sonnab. nach Bartholom. 1418 Fol. Miſſive p. 150.
Scanseite 341 · Druckseite 328
328 Der Verhandlungstag bei Welun. (1418.) weniger als fremde Zeugen bei den Verhandlungen gegen⸗ waͤrtig wünſchte. Wahrſcheinlich durch ihn bewogen ſchlug auch der Koͤnig von Boͤhmen die Sendung eines Botſchaf⸗ ters ab.) Den Papſt, der gleichfalls einen Geſandten zum Tage ſchicken wollte, ſuchte der König dadurch von ſei⸗ nem Vorhaben abzubringen, daß er ihm meldete, die Sen⸗ dung werde nicht nothwendig ſeyn, weil man ſich gegenſei⸗ tig uͤber den Verhandlungstag zur Herſtellung des Friedens und der Einigkeit ſchon hinreichend verſtaͤndigt habe. d Dennoch hoffte der Hochmeiſter einigen gluͤcklichen Erfolg von dem Tage, denn er vertraute viel auf Witowds Wunſch nach Frieden, zumal nachdem er ihm, als im Sommer dieſes Jahres deſſen Gemahlin Anna ſtarb, die er immer mit hoher Achtung ausgezeichnet, auch darin einen Beweis ſeiner freundſchaftlichen und theilnehmenden Geſinnungen ge⸗ geben hatte, daß er in allen Ordenshaͤuſern fiir ihr Seelen⸗ heil Meſſen und Vigilien fingen ließ. ) Als nun die Zeit nahete und der Meiſter von Deutſch⸗ land, der Landkomthur vom Elſaß nebſt mehren andern Komthuren und Ritterbruͤdern, mit ihnen auch Graf Wil⸗ helm von Eberſtein Sendbote des Pfalzgrafen vom Rhein, Kraft von Elkerhauſen Hofmeiſter und der Ritter Wilhelm von Beldersheim als Raͤthe des Erzbiſchofs von Mainz, auch einer des Biſchofs von Breslau, der Buͤrgermeiſter von Stralſund und mehre andere im Haupthauſe angelangt 1) Schr. des Komthurs v. Brandenburg, d. Prag Mont. Margaretha (1418) Schbl. VII. 11. 2) Schr. des Koͤniges v. Polen an den HM. d. Sandomiria feria VI in erastino nativitat. Mariae 1418, Schr. des Procurators, d. Mantua 5 Nov. (1418) Cl. I. 18. 3) ueber Witowds Gemahlin Lin denblatt S. 336, der ihr Zauberkuͤnſte und Weiſſagung zuſchreibt. Nach einem Schr. des Liv⸗ land. Meiſters d. Riga am T. nach Laurentii 1418 Schbl. X. 62 war ſie zu Traken am Sonnt. vor Vincula Petri geſtorben und zu Wilna begraben. Schr. des HM. an Witowd, d. Marienb. am T. Laurentii 1418 Fol. Miſſive p. 45. nach
Scanseite 342 · Druckseite 329
Der Verhandlungstag bei Welun. (1418.) 329 waren, begab ſich der Meiſter in zahlreichem Gefolge des neuen Erzbiſchofs von Riga, der Biſchoͤfe von Dorpat, Pomeſanien und Ermland, vieler Praͤlaten, Gebietiger, Ordensbruͤder, Landesritter, Buͤrgermeiſter und Rathmanne der Staͤdte gegen die Memel hinauf, wo ſich bald auch der Meiſter von Livland mit einem Geleite von dreihundert Roſſen mit ihm vereinigte.) Der Hochmeiſter ließ auch jetzt die fromme Sitte uͤben, daß waͤhrend des Verhand⸗ lungstages, um den Himmel für einen gluͤcklichen Erfolg zu gewinnen, in allen Ordenskirchen nicht nur oͤffentlicher Gottesdienſt und Gebete gehalten, ſondern in jedem Ordens⸗ hauſe auch taͤglich eine Anzahl von Armen geſpeißt und er⸗ quickt werden ſollten.) Nachdem der Meiſter, bei Welun angelangt, unfern auf einem Werder in der Memel ſein Lager auſgeſchlagen und in der Mitte des Octobers auch Witowd und der Koͤnig mit reichem Gefolge angekommen waren, begannen alsbald, ohne daß die Fuͤrſten ſelbſt einan⸗ der begruͤßten, zwiſchen ihren Rathen die Verhandlungen. 9 Zuerſt traten die des Koͤniges mit der Forderung auf: zur Aufrechthaltung des Friedens verlange der Koͤnig, was der Orden ihm ſchon vor vier Jahren angeboten, die Verzicht⸗ leiſtung auf Samaiten, die Haͤfte Sudauens, die Burg Neſſau mit ihrem Gebiete, das Michelauerland und die Dörfer Orlow, Morin und Neuendorf. Darauf ward ih: nen geantwortet: der Orden, ſeit langen Zeiten in recht⸗ maͤßigem Beſitze dieſer Lande, habe auch die beſten Beweiſe uͤber ſein Beſitzrecht, zumal im Friedensbrief von Thorn, 1) Die auswärtigen Geſandten nennt die Urkunde Schbl. 65. 15, die übrigen Lindenblatt S. 339 — 341, Schr. des Erzbiſchofs Jo⸗ hannes v. Mainz an d. HM. d. Aschaffenburg dominica post s. Bar- tholom. 1418 Schbl. V. 63. Schr. des Deutſchmeiſters, d. Schlochau Freit. nach Mathät 1418 Schbl. XXII. 28. Schr. des Livland. Mei⸗ ſters, d. Riga am T. Auguſtini 1418 Schbl. X. 98. 62. 2) Das Umlaufſchreiben des HM. Schbl. XXI. 42 u. LXIII. 106, bei Lindenblatt S. 340. 3) Lindenblatt S. 341.
Scanseite 343 · Druckseite 330
330 Der Verhandlungstag bei Welun. (1418.) den die beiden Fuͤrſten ſelbſt beſiegelt, getreu zu halten ver⸗ ſprochen und der Rom. König auch beſtätigt habe. Vor vier Jahren ſey ihnen allerdings jenes Erbieten geſchehen, jedoch nur unter der Bedingung, daß ſie Preuſſen nicht weiter mit Mord und Brand uͤberziehen moͤchten. Da ſie dieß damals nicht angenommen, ſo ſey jetzt der Orden an jenes Anerbieten nicht mehr gebunden; er wolle ſich jetzt ſtreng und feſt an den Friedensbrief von Thorn halten, wor⸗ in beſtimmt worden: uͤber Streitigkeiten beider Theile ſoll⸗ ten zwölf Schiedsrichter entſcheiden und was fie nicht zu ſchlichten vermochten, ſolle der Papſt als Obmann richten. Dieſen Friedensbrief aber verwarfen des Koͤniges Raͤthe, weil ihn der Orden gebrochen habe; er ſey uͤberhaupt kein vollkommener Berichtsbrief und des Nom. Koͤniges Ausſpruch habe keine Kraft mehr. Auch des Papſtes Richterſtuhl ver⸗ ſchmaͤhten fie, weil der Papſt, vor kurzem erſt zu feiner Wuͤrde gelangt, mit zu vielen andern Geſchaͤften belaſtet ſey und manche Dinge am Nom. Hofe oft zwanzig bis dreißig Jahre hingezogen würden. Ihr Verlangen, der Rom König ſolle zwiſchen ihnen richten nach Recht oder nach Freundſchaft, ward von den Näthen des Hochmeiſters zu— ruͤckgewieſen; vielmehr beharrte dieſer feſt bei ſeiner Forde⸗ rung, daß der Papſt entſcheide. Um jedoch den Frieden zu erleichtern, ließ er eine Menge geiſtlicher und weltlicher Fuͤrſten, ſowie die Hanſeſtaͤdte als Schiedsrichter in Vor⸗ ſchlag bringen; er erbot ſich ferner auch, dem Papſte und Nom. Könige zugleich das Richterurtheil zu uͤberlaſſen. Allein die Polen verwarfen alle dieſe Vorſchlaͤge, hartnaͤckig darauf beſtehend, nur der Roͤm. König allein ſolle Schieds⸗ richter ſeyn. Umſonſt bemuͤhte ſich der Biſchof von Dorpat als Vermittler annehmbare Bedingungen vorzuſchlagen, denn pldtzlich verließen der König und Witowd den Verhand⸗ 1) Schr. des HM. an d. König u. Großfürſten, d. Auf dem La⸗ ger unter Welun Sonnab. nach 11,000 Jungfrauen 1218 Schbl. XXI. 55. 56.
Scanseite 344 · Druckseite 331
Neue drohende Gefahren für den Orden. (1418.) 331 lungsort, ohne dem Hochmeiſter auf feine letzten Erbietun⸗ gen auch nur eine Antwort zu ertheilen. Alſo blieb der Verhandlungstag ohne allen Erfolg“ und der Hochmeiſter kehrte mißmuthig mit den fremden Sendboten in das Haupt⸗ haus zuruͤck. Weil er jedoch vermuthete, der Koͤnig werde nicht verfehlen, abermals allerlei erdichtete und luͤgenhafte Berichte über den Verhandlungstag in Umlauf zu bringen, ſo ließ er alsbald durch die fremden Botſchafter in einer Urkunde den ganzen Verlauf der Verhandlung zu offener Kunde bringen und ſie dem Papſte, dem Kardinalcollegium und mehren Koͤnigen und Fürften zufertigen. ) Und in der That hatte ſich der Hochmeiſter im Koͤnige nicht getaͤuſcht, denn noch von Traken und Wilna aus er⸗ ließ dieſer Klagbriefe theils an die Ritterſchaft und Staͤdte in Preuſſen und Pommern, theils an den Rom. König, an die Reichsfürſten und übrigen Stände in Deutſchland, an jene, um ſie argliſtig zu verlocken und Zwietracht zwi⸗ ſchen ihnen und dem Orden anzufachen, an dieſe, um ſie uͤber den wahren Vorgang der Verhandlungen irre zu fuͤh⸗ ren, denn ſein ganzes Streben ging einzig nur darauf hin, Fuͤrſten und Unterthanen gegen den Orden aufzuhetzen. 9 3) Dlugoss. p. 393. 2) Urkunde, d. Marienb. Sonnt. nach aller Heiligen 1418 Schöbl. 65. 15, Abſchrift im Fol. C. p. 64; ein zweites Original mit einigen unweſentlichen Abweichungen Schbl. 65. 21; gedruckt bei Kotzebue B. III. S. 431. Bericht, d. auf dem Lager unter Welun Sonnab. nach 11,000 Jungfr. 1418 im Fol. Miſſive p. 32 — 34, Fol. C. p- 63. Einen ſehr genauen, mit urkundl. Nachrichten uͤbereinſtimmen⸗ den Bericht giebt Lindenblatt S. 339 — 344; er hatte offenbar entweder Urkunden zur Hand oder war ſelbſt Augenzeuge. Ganz anders freilich Kojelowiez p. 104. 3) Lindenblatt S. 345. Schr. des Königes v. Polen an die Städte in Pommern, d. Traken feria IV ante festum Simon. et Judae 1418 Fol. Miſſive p. 34, Original Schbl. XXI. 62, Fol. C. p. 66, bei Kotzebue B. III. S. 437 (wo im Datum unrichtig Cracovia ſtatt Traken ſteht). Schr. des Königes an die Fuͤrſten, d. Wilna in vigilis omnium Sanector. 1418 Schbl. XXI. 51. Schr. deſſelben an den Markgr. v. Brandenburg, d. Wilna ultima die Ociobr. 1418 Schbl. XXI. 62.
Scanseite 345 · Druckseite 332
332 Neue drohende Gefahren für den Orden. (1418.) Je weniger er aber weder hier noch dort fein Ziel erreichte, D um ſo eifriger betrieb er bald einen andern Plan, bei dem er nichts geringeres, als die gaͤnzliche Entfernung des Ordens aus Preuſſen beabſichtigte. Sein Gedanke war, mit Huͤlfe des Roͤm. Koͤniges, des Koͤniges von Daͤnemark und des Großfuͤrſten von Litthauen den Orden in Preuſſen foͤrmlich aufzuheben und ihn nach Cypern zu verſetzen, weil er dort, wie er vorgab, der Chriſtenheit viel nuͤtzlicher werden koͤnne. Der Vogt der Neumark, der den Plan von einem vertrau⸗ ten Manne auskundſchaftet, meldete ihn dem Hochmeiſter: der Koͤnig von Polen bemuͤhe ſich mit groͤßtem Eifer in heimlichen Mittheilungen den Koͤnig von Daͤnemark fuͤr ſein Unternehmen zu gewinnen; dieſer aber, eben jetzt in Pom⸗ mern verweilend, ſey bereits zu einer geheimen Berathung mit jenem eingeladen und da er laͤngſt ſchon über Beeintraͤch⸗ tigung ſeiner Landesgraͤnze durch den Orden klage, ſo werde er dem Plane nicht abgeneigt ſeyn. Auch die Beiſtimmung des Roͤm. Koͤniges ſuche der von Polen zu erhalten und man hoͤre, daß die Neumark dem Orden wieder genommen werden ſolle. Auf einem Verſammlungstage, den der Kös nig von Polen zu Stande bringen wolle, ſolle zwiſchen den Königen und mehren andern Fuͤrſten die Sache verhandelt und auch der Großfuͤrſt von Moskau und die Herren aus der Tatarei zur Berathung mit eingeladen werden. Der Daͤniſche König habe bereits die Ordens bruderſchaft, wodurch ihn der Hochmeiſter als Halbbruder aufgenommen, von ſich geworfen, weil ihm der Orden, wie er vorgebe, an das Seine greife. Noch werde jedoch alles als größtes Geheim⸗ niß betrieben, fo daß ſelbſt die koͤniglichen Näthe wenig von dem Plane wuͤßten. ? 1) Schr. der Ritter, Knechte u. Städte Preuſſens an d. König, d. Elbing am T. Conception. Mariä 1418 Fol. Miſſive p. 36, Abſchrift Schbl. XXI. 64, Fol. C. p. 67, bei Kotzebue a. a. O. 2) Dieß iſt der weſentliche Inhalt eines langen Schreibens des Vogts der Neumark Sander Machwitz an den HM. d. Hermannsdorf Sonnt. nach Michaelis 1418 Schbl. XXI. 60. Der Konig v. Polen hatte dem
Scanseite 346 · Druckseite 333
Neue drohende Gefahren für den Orden. (1418.). 333 Alſo drohte der Ordensherrſchaft in Preuſſen jetzt ein völliger Untergang. Wenn auch der Rom. Koͤnig mit dem Plane des von Polen vielleicht noch nicht einverſtanden war, ſo konnte man von ihm doch erwarten, er werde ſich dem⸗ ſelben nicht abgeneigt zeigen, denn der Hochmeiſter war laͤngſt unterrichtet, daß Sigismund von ſchwerem Zorne gegen den Orden erfuͤllt ſey.) Dieſer ſprach ſich daruͤber gegen den Biſchof von Breslau auch bald offen aus. „Uns hat der König von Polen, ſchrieb er ihm, vorbringen laſſen, wie ihm und ſeinen Landen der Meiſter und die Kreuziger in Preuſſen mancherlei Unrecht und Gewalt vor Zeiten ange⸗ than und noch heutiges Tages thun. Er habe mit ihnen einen Tag gehalten, zu verſuchen, ob er ſich mit ihnen freundlich ausgleichen konne. Da ihm dieß verſagt worden iſt, fo hat er uns als Roͤmiſchen Koͤnig anrufen laſſen, zu bewirken, daß ihm vom Meiſter und den Kreuzigern Gleich und Recht widerfahre, weil der Orden dem Rom. Koͤnige und dem heiligen Reiche angehdre und unterthan ſey; er, der Koͤnig, wolle feine Sache ganz zu uns allein ſtellen. Zwar haben auch die Kreuziger ihre Sache uns anheim ge⸗ geſtellt, aber nicht fo laͤuterlich, ſondern mit merklichen Auf⸗ zuͤgen, woraus man merken und verſtehen mag, was Glim⸗ pfes unſer Bruder, der König von Polen bietet und wie ſich die von Preuſſen darausziehen. Sie haben auch vor⸗ mals gemeint und meinen noch, daß ſie unter uns und das heilige Reich nicht gehören.” Deshalb erfucht nun der Ks nig den Biſchof, er möge in feinem Lande verbieten laſſen, daß niemand, weder Graf noch Ritter dem Orden gegen den König von Polen zu Dienft reite oder fonft Huͤlfe brin⸗ von Daͤnemark den Plan zuerſt durch einen Brief mitgetheilt und ihn zu einer perfonlichen Zuſammenkunft zu näherer Berathung eingeladen; die⸗ ſer ſandte indeß vorerſt nur drei vereidigte Räthe, denen der Konig von Polen ſeinen Plan nicht eröffnen mochte. Der Biſchof von Krakau war es, der ihn einem der Sendboten entdeckte. 1) Schr. des HM. an Nicolaus v. Reibenitz, d. Marienb. am T. Thomäà 1418 Fol. Miſſive p. 107.
Scanseite 347 · Druckseite 334
334 Neue drohende Gefahren für den Orden. (1418.) ge, auch jeden Durchzug durch feine Gebiete dem Orden zu Huͤlfe unterfagen. ) Offenbar hatte ſich der Hochmeiſter des Rom. Koͤniges Ungnade vorzüglich durch die Weigerung zugezogen, die Ent⸗ ſcheidung des Streites mit Polen bloß dem Ausſpruche die⸗ ſes Koͤniges zu überlaffen, denn eben darin fand Sigismund eine widerſpenſtige Entfremdung des Ordens von ihm und dem Reiche. Um ſo mehr ſetzte jetzt der Orden Vertrauen auf den Papſt, denn dieſer hatte des Hochmeiſters Verbal⸗ ten auf dem Tage zu Welun nicht nur durchaus gut gehei⸗ ßen, ſondern ſich auch erboten, alle Muͤhe anzuwenden, daß es zu einem fuͤr den Orden guͤnſtigen Frieden kommen ſolle, wozu ihm ſelbſt aus Polen insgeheim Hoffnung gegeben war, weil dort die Großen des Landes jetzt ſelbſt eine fried⸗ liche Ausgleichung zu wuͤnſchen ſchienen.) Auf des Papſtes Aufforderung, ihm Mittel vorzuſchlagen, wie er am beſten zu Gunſten des Ordens wirken konne, ließ der Hochmeiſter, da beim Koͤnige von Polen bereits alles wieder auf Krieg hinzielte, ihm die dringendſte Bitte vorlegen, durch Bann und ernſte Strafen fo nachdruͤcklich als möglich zu verbieten, daß kein geifilicher oder weltlicher Fuͤrſt weder aus Schle⸗ fin, Mähren und Böhmen, noch aus andern Landen, na⸗ mentlich auch der Koͤnig von Daͤnemark weder in eigener Perſon, noch durch ſeine Mannſchaft oder ſonſt des Ordens Widerſachern gegen dieſen oder deſſen Lande zu Hülfe ziehe, fo lange der Beifriede noch beſtehe. 3 So mußte man im Orden abermals auf kriegeriſche Ruͤſtungen denken. Der Meiſter von Deutſchland und mehre andere hohe Ordensbeamte im Reiche erhielten Auftraͤge, auf I Schr. des Röm. Königes an d. Biſchof v. Breslau, d. Preß⸗ burg Dienſt. nach Purif. Mariä o. J. Fol. Miſſive p. 90. 2) Schr. des Procurators, d. Mantua am F. nach Aller Seelen (1418) Schbl. I. 93. Schr. des Hauptmanns Januſſius von Dobrin an feinen Schwiegerſohn Januſſius Erbherrn auf Legendorf, d. in castro Bobrowniky die domin. Memento 1418 Schbl. XXI. 68. 3) Schr. des HM. an den Procurator, d. Graudenz Mittw. nach Lucia 1418 Schbl. XXI. 65.
Scanseite 348 · Druckseite 335
Neue drohende Gefahren für den Orden. (1418.) 335 Ordensguͤter nicht nur neue Geldſummen aufzunehmen und die Fürften um Huͤlfsvolk zu erſuchen, ſondern ſo viel als moͤglich auch Soͤldnerhaufen anzuwerben.“ Und zum Gluͤck war an den Deutſchen Fuͤrſtenhoͤfen die Stimmung für den Orden wieder ungleich guͤnſtiger. Selbſt die ihm fruͤher ſo nachtheilige Zwietracht mit dem graͤflichen Hauſe von Plauen war faſt ganz beigelegt, denn auf die dringende Bitte meh⸗ rer Glieder dieſes Hauſes war im Ordenskapitel zu Ma⸗ krienburg der Beſchluß gefaßt worden: man wolle den aus dem Orden entwichenen Bruder des alten Hochmeiſters in den Orden wieder aufnehmen, ſobald er ſich nach dem Ge⸗ ſetze zur Buße ſtelle. Man hatte zugleich dem Hauſe der Plauen eröffnen laſſen, daß nach dem Eintritte jenes Plauen in den Orden auch das Loos des alten Hochmeiſters in aller Hinſicht ertraͤglicher und guͤnſtiger geſtellt werden folle. 2 Außerdem hatten auch die Erfolge auf dem Concilium zu Koſtnitz und das ganze in Deutſchland bekannter gewordene falſche und unwuͤrdige Verhalten des Polniſchen Königes in der Meinung der Menſchen fuͤr den Orden ſo guͤnſtig gewirkt, daß unter den Fuͤrſten und Rittern in verſchiedenen Deutſchen Landen viele bereit ſtanden, ihm beim erſten Auf⸗ rufe zu Huͤlfe zu eilen.“) Aber auch in der Tugend ſeines Ordens ſuchte der Hoch⸗ meiſter eine kraftige Gegenwehr gegen feine Widerſacher. Er war deshalb bemuͤht, durch Geſetz und ſtrenge Ordnung den ſittlichen Zuſtand der Ordensbruͤder mehr zu heben und zu befeſtigen. Er eiferte mit nachdruͤcklichem Ernſte gegen die Aufnahme fo vieler Prieſterbruͤder in verſchiedenen Ordensbe⸗ ſitzungen, die dem Orden weder Ehre noch Nutzen braͤchten, 3 1) Schr. des Deutſchmeiſters, d. Stargard Mittw. vor Martini 1418 Schbl XXII. 27. 2) Schr. des HM. an den Landkomthur v. Thüringen, d. Ma⸗ rienb. Dienſt. nach Aller Heilig. 1418 Fol. Miſſive p. 157. 3) Dankſchreiben des HM. an eine Anzahl von Deutſchen Rittern, die ſich zum Kriegsdienſt für den Orden bereit erklart, d. Marienb. Advents⸗Sonnt. am T. Andrea 1418 Fol. Miſſive p. 159.
Scanseite 349 · Druckseite 336
336 Anordnungen in der Landesverwaltung. (1418.) und gebot, nur ſolche aufzunehmen, die ein wahrhaft ehr⸗ ſames und tugendhaftes Leben fuͤhrten.) Ungehorfame und entwichene Ritterbruͤder ließ er mit aller Schaͤrfe beſtrafen; er befahl einſt, einen ſolchen Ordensritter in die Eiſen ſchla⸗ gen zu laſſen und in einen Thurm zu werfen, wenn er ſich dem Geſetze nicht fügen wolle. Er tadelte es mit en» ſter Strenge, wenn ein Komthur einen Ritterbruder ohne ſeine Einwilligung in einen andern Konvent verſetzte. Oefter warnte er die Ordensbruͤder mit Nachdruck vor verderblichem Eigenwillen und Ungehorſam gegen die Vorgeſetzten der Kon⸗ vente und ertheilte dieſen ausgedehnte Vollmachten gegen alle Unfolgſame. Mit aller Strenge ahnete er es, wenn Or⸗ densritter die Unterthanen bedruckten und bedraͤngten oder wohl gar grauſam behandelten.“ Auch in der Landesverwaltung verfuͤgte der Hochmeiſter manche loͤbliche Anordnung, um theils der druͤckenden Noth im Lande abzuhelfen, theils durch Foͤrderung der Gewerbe und ſtrengere Ordnung im Handel und Wandel den Wohl⸗ ſtand des Bürgers mehr zu heben. Dahin zielten verſchie⸗ dene neue Landesgeſetze, ſowie die Erneuerung mancher fruͤ— heren Verordnungen, z. B. eine genauere Beſtimmung uͤber Geſindelohn, Verfuͤgungen uͤber Tuchfabrication, Tuchhan⸗ del u. dgl.) Mit nachdruͤcklicher Strenge verbot er nicht 1) Schr. des HM. an d. Landkomthur v. Böhmen, d. Marienb. am krummen Mittwoch 1418 Fol. Miſſive p. 125. Stegemanns Preuſſ. Chron. p. 18 ſchildert den ſittlichen Zuſtand des Ordens eben nicht am beſten; er ſpricht von der Ordensritter „vorfluchter Hoffart, geyrickeit, unkeuſchheit, bosheyt, egennutz, und fie wurden iren ſteten und lande ſere gehas und gram, da was nicht eyn gebittiger, her dawchte ſich ſo gut ſeyn alſo der hochmaiſter ſelber und wolden Im nicht gehorſam ſeyn.“ 2) Schr. des HM. an d. Komthur v. Koblenz, d. Marienb. Freit. vor Reminiſcere 1418 u. ein anderes an denſelben, d. Dienft. vor Mar⸗ tini 1418 Fol. Miſſive b. 118 u. 156. 3) Schr. des Komthurs v. Brandenburg, d. Kobelbude Mont. nach Epiphan. 1418 Schbl. XXI. 71. 4) Dieſe Landesgeſetze, gegeben am Sonnt. vor Aſſumt. Mariä 1418 Fol. Miſſive p. 183.
Scanseite 350 · Druckseite 337
Anordnungen in der Landesverwaltung. (1418.) 337 nur die Ausfuhr, ſondern auch allen unnuͤtzen Verbrauch des Silbers im Lande und es wurden daruͤber theils mehre neue zweckmaͤßige Geſetze gegeben, theils die aͤltern ge⸗ fhärft. D Auch die Muͤnzveraͤnderung machte fuͤr die ver⸗ ſchiedenen Gewerbe noch manche neue Beſtimmungen noth⸗ wendig. Es wurde ferner verordnet, daß durchs ganze Land in allen Maaßgefaͤßen gleiches Kulmiſches Maaß gehal⸗ ten werde, um Betruͤgereien und Verfaͤlſchungen im Han⸗ del und Verkehr leichter auf die Spur kommen zu koͤnnen. Es wurde den Rathsleuten in den Staͤdten aufs neue ein« geſchaͤrft, uͤberall auf richtiges Maaß und Gewicht zu ſehen, und die Alterleute der Gewerke verpflichtet, auf die Guͤte und Preiswuͤrdigkeit der Waaren zu achten, damit die aͤr⸗ mere Klaſſe dadurch nicht zu Schaden komme. Um das Land beſtaͤndig im wehrhaften Stande zu halten, wurde das Gebot erlaſſen: man ſolle in Staͤdten und auf dem Lande ſtreng darauf halten, daß jeder Dienſtpflichtige ſtets mit Pferd und Harniſch wohl verſehen ſey, weshalb von Zeit zu Zeit daruber Heerſchau Statt finden ſolle. 9 Der Waſſerweg vom Friſchen Haff in den Pregel⸗ Strom, dann durch die Deime noͤrdlich hinauf ins Kuriſche Haff und von dieſem einer Seits in den Memel- Strom, anderer Seits hinauf nach Livland war von jeher von zu großer Wichtigkeit, als daß man ihm nicht immer eine be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit haͤtte widmen muͤſſen. Seit einiger Zeit aber war die Fahrt durch die Deime ins Kuriſche Haff mit großen Schwierigkeiten verbunden, weil die Fahrzeuge theils wegen Seichtigkeit des Waſſers theils wegen des uns regelmaͤßigen Waſſerzuges häufig gar nicht, meift aber nur mit großer Mühe ins Haff gelangen konnten. Es lag viel⸗ 1) Dieſe Beſtimmungen im Recess. Hanseat. s. a. 1417; andere daruber im Fol. Miffive p. 179 — 180 u. Acta Praetoriana p. 77 im Rathsarchiv zu Braunsberg. 2) Beſtimmungen daruber, d. Marienb. am T. Laurenti 1418. 3) Die Verordnungen im Fol. Miſſive p. 185. Mehre die Landes Sicherheit betreffenden Geſetze findet man bei Baczko B. III. S. 156. n —
Scanseite 351 · Druckseite 338
338 Anordnungen in der Landesverwaltung. (1418.) leicht mit in den politiſchen Verhaͤltniſſen des Landes, daß der Hochmeiſter dieſe wichtige Waſſerverbindung zu erleich⸗ tern bemuͤht war. Es mußten nicht nur in der Deime ſelbſt bedeutende Waſſerbauten, Erweiterungen und Vertie⸗ fungen vorgenommen und Schleußenwerke angelegt, ſondern von der Gegend von Labiau aus mehre Meilen lang auch ein neuer großer Graben gezogen werden, eine Arbeit, die durch das theils mit Holz und Geſtraͤuch verwachſene, theils ſumpfige und moraſtige Land außerordentlich ſchwierig war und waͤhrend dieſes ganzen Jahres viele Hunderte von Men⸗ ſchen beſchaͤftigte. Das Werk aber hat ſich Jahrhunderte erhalten und vielfältig belehnt. Von allem, was Michael Kuͤchmeiſter in feiner langen Regierungszeit unternommen, iſt es das dauerhafteſte Denkmal, welches er ſich geſtiftet. v Um bei der großen Erſchoͤpfung des Ordensſchatzes ſowohl fuͤr dieſes koſtſpielige Unternehmen als auch fuͤr andere Staats beduͤrfniſſe die noͤthigen Geldmittel zu gewinnen, hatte er ſchon im vorigen Jahre eine neue Regulirung in der Erhebung des Pfundzolls vorgenommen, wobei nicht nur auf die einzelnen Handelsartickel bei der Aus- und Einfuhr, ſondern auch vorzuͤglich auf die Laͤnder, woher die Einfuhr kam und wo die einkommenden Schiffe gebaut wa⸗ ren, beſonders beruͤckſichtigt wurde. Die neue Anordnung war ihrer genauen Beſtimmungen wegen um ſo wichtiger, weil durch ſie der Ordensſchatz ungleich mehr gewinnen mußte, als fruͤherhin bei der ungleichen Einrichtung. 2 1) Wir r haben uͤber dieſen wichtigen Waſſer⸗Kanal mehre Berichte aus dieſem Jahre; Schr. des Treßlers, d. Königsb. am Pfingſtabend (1418) Schbl. LXXII. 29. Schr. des Komthurs v. Brandenburg, d. bei der Wolfsſchleuße Mont. vor Barnabä 1418 Schbl. LXXII. 32. Schr. des Komthurs v. Ragnit, d. Labiau Sonnt, nach Laurentü (1418) Schbl. LXXII. 30. 2) Die Beſtimmungen uͤber den Pfundzoll v. J. 1417 im Fol. Miſſive p. 186 — 187.
Scanseite 352 · Druckseite 339
Vermittl. des Papſtes zwiſchen Polen u. d. Orden. (1419.) 339 Viertes Kapitel. Bisher war nur der Koͤnig von Polen zu feindlichen Pla⸗ nen vorgeſchritten, waͤhrend der Großfuͤrſt von Litthauen immer noch am Frieden mit dem Orden gearbeitet. Mit Beginn des Jahres 1419 aber ſuchte auch dieſer, ohne Zweifel vom Koͤnige getrieben, wieder allerlei Anlaß zu neuem Hader. Zuerſt mußten einige Ruſſiſche Diebe, die der Komthur von Ragnit aufgegriffen und nicht ausgelie⸗ fert hatte, zum Vorwande neuer Klagen dienen; ) dann warf er dem Meiſter vor, er habe von ihm in feinen Brie⸗ fen als von einem Manne geſprochen, der keine Vernunft mehr habe, und als ihn dieſer uͤberwies, daß man argli⸗ fig feine Worte verdreht und mißgedeutet, 9 haderte er dar⸗ uͤber, daß ſeinen Unterthanen, namentlich den Kaufleuten aus Kauen der freie Handel, beſonders die Ausfuhr des Salzes aus Preuſſen gehemmt ſey.) Daß aber Witowd durch dieß alles nur Stoff zu neuer Zwietracht ſuchte, er⸗ ſah der Meiſter auch bald daraus, daß jener den Orden auch beim Papſte zu verleumden bemuͤht geweſen war. Allein gerade vom paͤpſtlichen Hofe aus ward jetzt mehr als je zu Gunſten des Ordens gewirkt. Durch den Deutſch— meiſter bewogen hatten die Kurfuͤrſten und andere Fuͤrſten des Reiches nicht nur dem Röm. Könige aufs dringendſte vorgeſtellt, welchen Nachtheil für die ganze Chriſtenheit bes reits der ewige Unfriede zwiſchen Polen und dem Orden gebracht habe, wie nothwenig endlich eine kraftige Vermitt⸗ 1) Schr. des HM. an Witowd, d. Mar. Sonnab. nach heil. drei Könige 1419 Fol. Miffive p. 49. 2) Schr. des HM. an Witowd, v. D. Fol. Miſſive. P. 50. 3) Schr. des SM. an Witowd, be. Miſſive p. 49. 22 *
Scanseite 353 · Druckseite 340
340 Vermittl. des Papſtes zwiſchen Polen u. d. Orden. (1449.) lung zum Frieden ſey und wie ernſtlich es ſeine als des Reichsoberhauptes Pflicht erfordere, den Orden als Schutz⸗ wehr gegen die Unglaͤubigen und als Schirm der Chriſten⸗ heit aufrecht zu erhalten und ihm Friede zu ſchenken, v ſon⸗ dern fie hatten auch beim Papſte und dem Kardinal-Kolle⸗ gium ein kraͤftignachdruͤckliches Wort fuͤr den Orden einge⸗ legt, ihn inſtaͤndig bittend, durch Wort und That in die Sache einzugreifen und noch vor Ablauf des beſtehenden Beifriedens dem Verderben vorzubeugen.) Der Hochmei— ſter ſelbſt hatte bereits auch den gewandten und gelehrten Propſt von Ermland Kaspar Schauenpflug an den Papſt ge> ſandt, ihn uͤber den Verlauf des Tages zu Welun, uͤber ſeine Bemuͤhungen und Erbietungen zum Frieden und uͤberhaupt uͤber des Ordens Verhaͤltniſſe zu Polen gruͤndlich zu unter⸗ richten.) Es wurde ihm und dem thaͤtigen Ordensprocu⸗ rator nicht ſchwer, Witowds und des Koͤniges Berichte und Verleumdungen vollig zu widerlegen und als luͤgenhaft zu beweiſen, zugleich auch den Papſt zu kraͤftigem Eingrei⸗ fen und nachdruͤcklichen Maaßregeln zu gewinnen. Dieſer beſchloß, alsbald dem Koͤnige, Witowd'n und dem Hoch⸗ meiſter alle Feindſeligkeiten ſtreng zu unterſagen, den Bei⸗ frieden nochmals zu verlaͤngern, durch zwei Legaten die Verhaͤltniſſe in beiden Ländern einer gründlichen Unterſu⸗ chung unterwerfen und durch ſie eine friedliche Ausgleichung bewirken zu laſſen. ® 1) Schr. der Kurfuͤrſten Johannes von Mainz, Dieterich von Köln, Otto erwählten Erzbiſch. v. Trier, des Pfalzgrafen Ludwig v. Rhein und des Markgrafen Friederich v. Brandenburg an d. Rom. König, d Mainz 8 Januar 1419 in Abſchrift Schbl. v. 37, Fol. C. p. 77. 2) Schr. der erwähnten Kurfürften an d. Papſt, d. Maguntie die VIII Januar. 1419 Schbl. V. 37, Fol. C. p. 76. Das Schr. an das Kardinal⸗ Kollegium gleiches Inhalts ebendaſ. 3) Der ganze weitlaͤuftige Vortrag des Propſtes vor dem Papſt und ſeine Verhandlungen mit ihm im Fol. C. p. 79. 4) Schr. des Procurators an d. HM. d. Mantua Mont. nach Vincentii (1419) Schbl. I.
Scanseite 354 · Druckseite 341
Vermittl. des Papſtes zwiſchen Polen u. d. Orden. (1219.) 341 Mittlerweile dauerten in beiden Ländern die Ruͤſtun⸗ gen fort. Der König, jetzt feſt entſchloſſen nach Ablauf des Beifriedens mit Heeresmacht in Preuſſen einzufallen, warb überall Söldner an, unterhandelte Buͤndniſſe mit Ruſſen und Tataren; D Witowd ſuchte den Großfürften von Mos⸗ kau zur Huͤlfsgenoſſenſchaft gegen den Orden zu gewinnen, zumal da er auf Beiſtand aus Samaiten wenig rechnen durfte, weil man hier, ſeiner Herrſchaft uͤberdruͤßig, mehr dem Herzog Switrigal ergeben war.) Auch im Orden bereitete man alles zum Kampfe vor, vor allen der Deutſch⸗ meiſter, unablaͤſſig thätig, bald auf Fuͤrſtentagen, wie zu Mainz, die verſammelten Fuͤrſten zur Beihuͤlfe fuͤr den Or⸗ den zu bereden, bald unter der Deutſchen Ritterſchaft Soͤld⸗ ner zu werben, bald in den Handelsſtaͤdten durch Anleihen die noͤthigen Geldmittel zum Kriege aufzubringen, freilich nicht überall mit gleichem Erfolge, denn die Fürften, wenn⸗ gleich auch fuͤr den Orden bereitwillig, waren durch Fehden unter ſich und mit den Staͤdten viel zu ſehr beſchaͤftigt und dieſe letztern brauchten ihr Geld ſelbſt zur Fuͤhrung ihrer Kriege. Die Deutſchen Balleien aber waren faſt alle ſo verarmt, daß ſie ins geſammt kaum tauſend Pferde zuſam⸗ -menbringen konnten; an Geldbeiſteuer war gar nicht zu denken. Reiche Beihuͤlfe hatte alſo der Orden nirgend⸗ woher zu erwarten. Da kam nun zwar die Nachricht, der Rom. König ha⸗ de an den von Polen und Witowd Ermahnungen erlaſſen, ſich mit dem Orden zu verftändigen; allein hierauf konnte man im Orden kaum noch einigen Werth legen. ? Mehr N) Lindenblatt S. 346. 2) Schr. des Livländ. Meiſters an den HM. d. Pernau Donnerſt. nach Epiphan. 1419 Schbl. XVII. 116. 3) Schr. des Deutſchmeiſters an d. HM. d. Mainz am Abend Epiphan. 1419 Schbl. XXI. 35. Schr. deſſelben, d. Dienft, nach Pauli Bekehr. 1419 Schbl. XXI. 40, ) Schr. des Rom. Kdniges an den HM. d. Paſſau Mittw. vor heil, drei Könige (1419) Schbl. IV. 27.
Scanseite 355 · Druckseite 342
342 Vermittl. des Papſtes zwiſchen Polen u. d. Orden. (1419.) Wirkung hoffte man von der Bulle des Papſtes, in der er nicht nur ſeinen tiefen Schmerz uͤber die fortdauernde ver⸗ derbliche Zwietracht zwiſchen Polen und dem Orden aus⸗ ſprach, ſondern dem Koͤnige und dem Hochmeiſter mit ſtreng⸗ ſtem Ernſte auch alle weiteren Feindſeligkeiten unterſagte und aufs baldigſte ſeine Legaten zu ſenden verhieß, um durch ihre Bemuͤhungen endlich Friede und Eintracht her: zuſtellen.) So dringend er indeß dieſen Legaten den Biſchoͤ⸗ fen Jacob von Spoleto und Ferdinand von Lucca das Frie⸗ denswerk ans Herz legte, fo ernſtlich er auch die Noth— wendigkeit friedlicher Geſinnungen fuͤr das Heil der Kirche darſtellte und ſo nachdruͤcklich er auch den Widerſpenſtigen und Hartnaͤckigen mit allen Strafen feiner Macht drohte, 2 ſo wenig zeigte ſich doch Hoffnung zur Herſtellung eines feſten Friedens, denn da der Konig trotz der paͤpſtlichen Ermahnungen und ungeachtet ſeiner den Legaten erklaͤrten Bereitwilligkeit zum Frieden die Kriegsruͤſtung immer noch fortſetzte, ) fo mußte nothwendig auch der Hochmeiſter ſtets noch auf Maaßregeln zur Gegenwehr bedacht ſeyn. Auf die Nachricht jedoch, daß auch der Kurfuͤrſt von Mainz, der Pfalzgraf Ludwig vom Rhein und mehre andere Für: ſten den Koͤnig aufs ernſtlichſte zum Frieden und zur Ver⸗ ſohnung gemahnt häften, 9 beſchloß jetzt der Hochmeifter, ihn zu einer offenen und geraden Erklarung auſzufordern: was er in Beziehung auf des Papſtes Gebot zu thun 1) Bulle des Papſtes, d. Mantue XIII Calend. Februar. p. n. a. secundo im Fol. C. p. 76 u, Fol Miſſive p. 39. Das von Koßebue B. III S. 410 hieher gezogene Schreiben des Papſtes aus dem Fol. C. p. 57 bezieht ſich nicht auf dieſe Zeit. 2) Schr. des Papſtes an die beiden Legaten, d. Mantue octava Idus Februar. p. n. a. secundo im Fol. C. p. 82. vgl, Kotzebue a. a. O. Raynald Annal. eceles. an. 1419 nr. 1, 3) Diugoss. p. 385. Schr. des HM, an d. Hauptmann zu Brzeſc, d. Stuhm Mont. vor Purif. Maria 1419 Fol. Miffive p. 38. 3) Schr. der genannten Fuͤrſten an d. König v. Polen, d. Aſchaf⸗ fenburg u. Heidelberg o. D. im Fol. C. p. 83 — 84; fie gehören offen⸗ bar in dieſe Zeit.
Scanseite 356 · Druckseite 343
Vermittl. des Papſtes zwiſchen Polen u. d. Orden. (1419.) 343 Willens ſey? 5 Der König antwortete: er habe dem Pap⸗ ſte daruͤber bereits ſeine Antwort ertheilt; ſchon vor Ankunft der paͤpſtlichen Bulle habe er mit dem Röm. Könige einen Verhandlungstag zu Kaſchau aufgenommen, auf welchem, wie er benachrichtigt ſey, auch der Hochmeiſter erſcheinen oder doch Bevollmaͤchtigte ſenden werde; dieſen Tag muͤſſe er einhal⸗ ten und bereite ſich ſchon zur Reife vor; alſo konne er ſich auf dem vom Papſte angeordneten Tage nicht einfinden.? Wirklich kam auch bald dem Hochmeiſter die Einladung zum Tage in Kaſchau zu; allein er konnte zu Verhandlun⸗ gen kein Vertrauen faſſen, die durch den Nom. König ges leitet wurden und fandte daher nur den Komthur von Thorn dahin, theils ſich durch ihn zu entſchuldigen, theils uͤber die dortigen Berathungen genau unterrichtet zu werden. Mehr Hoffnung ſchoͤpfte der Hochmeiſter immer noch aus der Vermittlung durch den Papſt, denn am paͤpſtlichen Hofe betrieb man jetzt die Sache des Ordens mit einem Eifer und einer Wärme, wie feit langen Zeiten nicht. Das geſammte Kardinal = Kollegium hatte die Kurfuͤrſten aufs dringendſte ermahnt, auch ihrer Seits auf alle Mittel und Wege zu denken, wie der heilloſen Zwietracht zwiſchen Po⸗ len und dem Orden ein Ziel zu ſetzen ſey, weil es die Pflicht aller Reichsfuͤrſten erheiſche, den Orden vom Der: derben zu retten. ) Auch die paͤpſtlichen Legaten, überall, wo fie erſchienen, als eifrigthätige, kluge, erfahrene und rechtlichgeſinnte Maͤnner hochgeachtet, hatten bereits, wie der Hochmeiſter erfuhr, für das Intereſſe des Ordens vor mehren Fürſten, als dem Herzog von Sachſen, dem Mark⸗ grafen von Brandenburg u. a. mit dem wärmſten Eifer geſprochen und vor allem die Friedensliebe des Hochmeiſters ) Schr. des HM. an d. König v. Polen u. Witowd, d. Mar. Mont. nach Invocavit (1419) Fol. Miſſive p. 38. j 2) Schr. des Königes v. Polen an den HM. d. in nova civitate feria V post domin. Reminiscere 1419, 3) Schr. des Kardinal = Kollegiums an die Kurfürften, d. Florencie VIII Marui 1319 Schöbl. U. 5 —
Scanseite 357 · Druckseite 344
344 Der Verhandlungstag zu Gnebkau. (1419.) überall aufs ruͤhmlichſte hervorgehoben. Den Kom. König, mit dem ſie ebenfalls ſchon unterhandelt, hatte der Biſchof von Spoleto mit den Worten ermahnt: „Laſſe euere Durchlaucht die Sache des Ordens ſich mehr zu Herzen gehen und ſeyd meinem Herrn Meiſter und dem Orden et⸗ was beſſer geneigt, denn euere Durchlaucht iſt pflichtig zu beſchirmen alle geiſtlichen Orden, wie wir auch von euerer Herrſchaft anders nicht erkannt haben.“ ) Es war kurz vor Oſtern, als die paͤpſtlichen Legaten, nachdem fie zuvor beim Könige von Polen die Sendung ſei⸗ ner Bevollmächtigten zu einem Verhandlungstage mit dem Hochmeiſter ausgewirkt,“ im Haupthauſe Marienburg an⸗ langten, vom Meiſter mit aller Auszeichnung feſtlich em⸗ pfangen. Aufs Oſterfeſt geleitete er fie nach Thorn. Bald erſchienen auch als Bevollmaͤchtigte des Koͤniges mehre Pol⸗ niſche Biſchoͤfe und einige feiner Raͤthe in Neu-Leſlau.“ Man vereinigte ſich bald dahin, daß zwiſchen den Bevoll⸗ maͤchtigten beider Theile ein Verhandlungstag zu Gnievcowo oder Gnebkau in Kujavien Statt finden und dort Forde⸗ rungen und Anerbietungen ausgeglichen werden ſollten. Dort traten hierauf die Sendboten zur Verhandlung zuſammen, von Seiten des Ordens die Biſchoͤfe Johannes von Erm⸗ land und Gerhard von Pomeſanien, der Großkomthur Hein⸗ rich von Nickeritz, der Ordensmarſchall Martin von der Kemnate, der Oberſt-Trappier Paul von Rußdorf, mehre Landesritter und Bürgermeifter. d Die Polniſchen Bevoll⸗ 1) Schr. eines Dieners des HM. an denſelb. d. Breslau Mont. vor Dorothea (1419) Schbl. XXI. 32. 2) Schr. der Legaten an den HM. d. Cracovie VII die April. (1419). 3) Lindenblatt S. 347. Der Geleitsbrief der Poln. Geſandten, d. in Juveni Wiadislavia sabbato die penultima mensis April. 1419 Schbl. 65. 38, Fol. C. p. 85 nennt den Erzbiſchof Nicolaus von Gne⸗ fen, die Bifchöfe Jacob und Andreas von Ploczk und Poſen, den Haupt⸗ mann von Poſen Sandziwog von Oſtrorog u. a. Zu bemerken iſt, daß die Polniſchen Geſandten ihre Vollmacht vom Könige nur muͤndlich er⸗ halten hatten. 4) Außerdem noch der Ordensprocuragtor Johann Thiergarth, Kas⸗
Scanseite 358 · Druckseite 345
Der Verhandlungstag zu Gnebkau. (1414) 345 mächtigten legten zuerſt in ihres Koͤniges Namen folgende Forderungen als Bedingungen des Friedens vor: die Kir⸗ chen zu Gneſen, Leſlau und Ploczk bleiben bei ihren Guͤ⸗ tern, Rechten und Privilegien und erhalten Verguͤtung des ihnen vom Orden zugefügten Schadens; dem Könige und Witowd'n werden die ihnen fruͤher vom Orden gemachten Anerbietungen um des Friedens willen jetzt feſt zugefichert und verbuͤrgt, nämlich: die zum Schimpf für den König vernichtete Burg Slotorie wird vom Orden wieder aufge⸗ baut, das Michelauer⸗Land mit den Burgen Neſſau und Jeßnitz, ſowie die Dörfer Orlow, Morin und Neuendorf und die Hälfte der Weichſel und Drewenz mit der Muͤhle zu Luͤbitſch verbleiben dem Koͤnige; über die Burg Drieſen wird vor dem Rom. Könige weiter keine Verhandlung ges führt, denn der König verlangt fie ohne weiteres, weil der Orden ſie zur Friedenszeit und vor Verpfaͤndung der Neu⸗ mark eingenommen hat; Samaiten⸗Land gehört auf ewige Zeiten den Koͤnigen von Polen und Großfürften von Lit⸗ thauen und zwar alſo daß feine Graͤnze vom Meere bis zum Memel⸗Strom anfaͤngt, die Burg Memel folglich dazu ge⸗ hoͤrtz v der Orden zahlt jetzt dem Könige die ihm ſchon früher angebotene Geſammtſumme von vierzigtauſend Schock Prager Groſchen, wofür alles wieder in guͤltige Kraft tre⸗ ten ſoll, was zu Thorn und Raczianz feſtgeſetzt worden. Erſt wenn dieſes alles bewilligt ſey, erklaͤrten die Bevoll⸗ mächtigten, wolle der König in Ruͤckſicht der im Umfange feines Königreiches liegenden Lande Pommern und Kulmer⸗ land zur richterlichen Unterſuchung ſich verſtehen und dem Richterausſpruche des Papſtes, eines Conciliums oder fuͤnf erwaͤhlter Schiedsrichter unterwerfen. So die Forderungen des Polniſchen Köͤniges; fie konn⸗ par Schauenpflug Propſt von Ermland, der Ritter Hans von Orſechow, der Bannerfuͤhrer Hans von Logendorf u. a. Lindenblatt S. 347. 1) In partibus Lithwanio et Samaytbarum ineipiantur limites a Mari salso usque ad fluvium Memel, ita quod castrum Memel ma- neut, pront est, in terra Samaytharum ele.
Scanseite 359 · Druckseite 346
346 Der Verhandlungstag zu Gnebkau. (1419.) ten unmoglich bewilligt werden, denn unter ſolchen Opfern durfte der Orden keinen Frieden erkaufen. Man verlangte andere mildere Bedingungen und die Polniſchen Bevoll⸗ maͤchtigten gaben etwas nach, unter andern vorſchlagend: es ſolle ein Tauſch der Burg Neſſau gegen die Burg Jeß⸗ nis Statt finden oder wenn ſolchen der Meiſter nicht ges nehmige, ſolle Neſſau zum Beſten des Friedens niederge⸗ riſſen werden, Grund und Boden aber mit dem Hauſe Jeßnitz dem Koͤnige verbleiben; Drieſen mit den Doͤrfern dieſſeits der Netze moͤge der Orden behalten, die jenſeits des Fluſſes aber ſollten zum Koͤnigreiche gehoͤren; auch die Graͤnze zwiſchen Samaiten und dem Ordensgebiete ſolle ſo gezogen werden, daß Memel noch innerhalb des letztern liege. Allein auch unter dieſen Veränderungen konnten die Forderungen des Koͤniges noch auf keine Weiſe bewilligt werden. Man lud die Polniſchen Bevollmächtigten nach Thorn ein, um ihnen da aus urkundlichen Beweiſen, Pris vilegien und Documenten das vollkommenſte Anrecht des Ordens auf die vom Koͤnige verlangten Landgebiete gruͤnd⸗ lich und klar zu erweiſen, damit fie ſelbſt davon überzeugt auch den König um fo genauer darüber unterrichten und zum Frieden bewegen möchten. Auch die paͤpſtlichen Lega⸗ ten laſen und pruͤften die zahlreichen urkundlichen Beweiſe und Zeugniſſe uͤber des Ordens Rechte“ und auf ihren Beirath erbot ſich der Hochmeiſter endlich zu folgenden Bes dingungen: der Orden wolle Samaiten den beiden Fuͤrſten auf ewige Zeiten abtreten, doch unter feſten Graͤnzbeſtim⸗ mungen; auch die Doͤrfer Orlow, Morin und Neuen⸗ dorf ſollten dem Koͤnige verbleiben; fuͤr die Ruͤckgabe der I) Diugoss. p. 395 erzählt, daß damals ein Wagen mit urkun⸗ den, den man zur Unterſuchung von Marienburg nach Thorn bringen wollte, durchs Ausreißen der Pferde in den See Melno geſtuͤrzt ſey. 2) Sie ſind in den vorgeſchlagenen Artickeln aufs genauſte abgegeben. Nach dem Auszuge eines Briefes des Meiſters von Livland bei Kotze⸗ bue B. III. S. 442 hatte beſonders dieſer zur volligen Abtretung Sa⸗ maitens gerathen. 0
Scanseite 360 · Druckseite 347
Der Verhandlungstag zu Gnebkau. (1419) 347 Burg Jeßnitz an den Orden, fuͤr Beilegung aller weitern Zwiſtigkeiten, Schadenerſatz, Aufrechthaltung des Thorner Friedens, Freiheit der Handelsſtraßen u. ſ. w. wolle der Hochmeiſter beiden Fuͤrſten die Summe von dreißigtauſend Unger. Gulden entrichten. Allein die Polniſchen Bevoll⸗ mächtigten wieſen dieſe Anerbietungen unter dem Vorgeben zuruck, daß ihnen hiezu keine Vollmacht gegeben ſey. Die paͤpſtlichen Legaten griffen nun auch ſelbſt mit in die Ver⸗ handlungen ein; alle ihre Vorſchlaͤge aber zur Entſcheidung durch ſchiedsrichterlichen Ausſpruch von Fürſten und Staͤd⸗ ten oder auf andere Weiſe wurden verworfen und es blieb ſomit auch dieſer Verhandlungstag ohne weitern Erfolg, denn zu allem ſchuͤtzten die Polen mangelnde Vollmacht vor.) Bevor indeß die Legalen von Thorn ſchieden, ſtell⸗ ten fie auf des Hochmeifters Bitte nicht nur einen fuͤr den Orden höchft ruͤhmlichen Zeugnißbrief über den Verlauf der Verhandlung aus, darin erklaͤrend, wie ber Meiſter bei vollſtaͤndigſtem Beweiſe feiner Rechte dennoch nichts unver⸗ ſucht gelaſſen, durch bedeutende Anerbietungen von ſeinen Gegnern den Frieden zu gewinnen und wie ſie ſelbſt von dem unbeſtreitbaren Rechte des Ordens und von deſſen Be⸗ reitwilligkeit zu friedlicher Verſoͤhnung ſich vollkommen uͤber⸗ zeugt, 2 ſondern fie beriefen dorthin auch eine anſehnliche ) Lindenblatt S. 347 ſpricht nur kurz über diefen Tag; ſehr genau die Verhandlungen im Fol. C. p. 86 — 88. Die Forderungen der Polen auch Schbl. XXI. 51; hier auch zugleich die Erwiederungen auf jene Forderungen durch die betreffenden Documente; ſie betreffen Pommern, Kulmerland, Michelau, Drieſen, die Maſoviſchen Gränzen und die Burg Memel. 2) Dieſe litterge testimoniales , wie die Legaten die Urkunde ſelbſt nennen, d. in Opido Thorun 1419 pontificat. ani pape an. secundo, die duodeeima Maii in zwei Originalen Schbl. 65. 24 u. 37, Trans⸗ ſumt vom J. 1419 ebendaſ. 22, Fol. C. p. 88, in eine päpſtl. Bulle eingerüdt bei Dogiel T. IV. ur. 87 p. 98. Vgl. Lindenblatt ©. 347. Dlugoss p. 395 ſagt: Die Erklärung der Legaten fiy ges ſchehen, nullis oius (Regis Polouiae) Propositiouibus et responsis audi- lis, nullis iuribus visis, was nicht wahr iſt.
Scanseite 361 · Druckseite 348
348 Verſuche zur Friedensvermittlung. (1419.) Zahl von Rittern, Knechten, Bürgern und allerlei Volk aus dem Lande, den Verſammelten öffentlich erklaͤrend, daß ſie den Orden in allen ſeinen Sachen aufs vollkommenſte gerecht und der Kirche gehorſam gefunden, zugleich aber das Volk auch ermahnend: es ſolle forthin ſeinen Oberherren treulich und redlich beiſtehen in ſeinem Rechte gegen die Polen; Gott koͤnne das Gluͤck, welches dieſe zuvor gehabt, wohl bald auch dem Orden zuwenden. ) So groß indeß auch die Genugthuung war, mit wel⸗ cher der Meiſter vom Tage ſchied, ſo gewiß erwartete er jetzt des Krieges baldigen Ausbruch, zumal da man nicht wußte, was mittlerweile zu Kaſchau zwiſchen den beiden Königen verhandelt und beſchloſſen war. Man war daher vorerſt auf jede Weiſe bemüht, durch Botſchafter ſowohl in Deutſchland als am Roͤm. Hofe durch Verbreitung des Zeugniſſes der Legaten die Meinung von der Gerechtigkeit des Ordens aufrecht zu erhalten und zu befeſtigen, aber zu⸗ gleich auch die befreundeten Fuͤrſten geneigt zu ſtimmen, dem Orden mit ihrem Kriegsvolke oder mit Soͤldnern zu Huͤlfe zu kommen, ſobald die Kriegsgefahr näher drohe. 2 Auch der Meiſter von Livland erhielt Befehl, in ſeinem Lande alles moͤglichſt in Ruhe zu halten, um dem Orden in Preuſſen bei dringender Noth mit Macht zueilen zu koͤnnen. 9 Da brachten Sendboten des Nom. Koͤniges aus Un⸗ gern dem Hochmeiſter theils eine urkundliche Erklärung des Königes von Polen, daß er ſich in feiner Streitſache und 1) Lindenblatt S. 348. Schr. des HM. an den Procurator, d. Marienb. Mont. Johannis u. Pauli 1419 Schbl. XXI. 36. 2) Schr. des HM. an d. Markgrafen Friederich v. Meißen, d. Donnerſt. nach Cantate 1419 Fol. Miſſive p. 72. Schr. an den Her⸗ zog Kanthener in Schleſien und an d. Biſchof v. Breslau o. D. eben⸗ daſ. p. 72. Schr. an den Deutſchmeiſter o. D. ebend. p. 74. Schr. an Hans Polenz d. Marienb. Donnerſt. nach Cantate 1419 p. 74. 3) Schr. des HM. an d. Livland. Meiſter, d. Mar. Mittw. nach Cantate 1419 Fol. Miſſive p. 67.
Scanseite 362 · Druckseite 349
Verſuche zur Friedensvermittlung. (1419) 349 zwar in allen bisher obwaltenden Streitpunkten um des Friedens willen unbedingt und ohne alle fernere Widerrede dem Spruche des Rom. Königes unterwerfen und ſteten Gehorſam leiſten wolle, v theils zugleich auch das Verſpre⸗ chen dieſes letztern, daß er feinen ſchiedsrichterlichen Spruch bis zum Michaelis-Tag thun werde.) Bald darauf er⸗ ſchienen auch zwei Bevollmaͤchtigte des Koͤniges, der Her⸗ zog Przimke von Troppau und Graf Ludwig von Oettin⸗ gen, die mit dem Hochmeiſter, um den Ausbruch des Krie⸗ ges zu verhindern, in neue Unterhandlungen treten und die Hauptſtreitpunkte von neuem in Berathung ziehen ſollten. 9 Der Hauptzweck ihrer Sendung aber war, den Hochmeiſter zu bewegen, daß er ſich ebenſo wie der König von Polen dem Spruche des Roͤm. Koͤniges unterwerfe, denn eine ſolche Erklaͤrung hatte man vergebens vom Komthur von Thorn zu Kaſchau verlangt. Es war aber damals ſchon zwiſchen beiden Königen feſtgeſetzt worden, daß, wenn der Meiſter ſich deſſen weigern werde, der Rom. König ſich völlig von ihm losfagen, ihm den Frieden aufkuͤndigen, der Sache des Polniſchen Koͤniges beitreten und dieſen mit einer Huͤlfsmacht, wie man angab, von zehntauſend Spießen unferftügen ſolle im Kriege gegen den Orden. 2) Obgleich indeß dieſer Beſchluß der Könige dem Hochmeiſter ohne Zweifel abſichtlich durch den Biſchof von Leſlau bereits be⸗ kannt geworden war, “ fo erklaͤrte er doch, als er zu Pfing⸗ 1) Der Compromiß des Kön, von Polen, d. Caschovie octavo die mensis Nai 1419 Transſumt Schbl. 65. 28. Fol. C. p. 90. Kojalo- wıicz p. 109. Diugoss. p. 400. 2) Erklärung des Rom. Königes wegen des Ausſpruches, d. Ca- schovie decima octava mensis Maii 1419 Schbl. 65. 26, Fol. C. p. 90. 3) Zwei Schr. des Röm. Koͤniges an d. HM. d. Caſſau 17 und 18 Mai 1419 Schbl. XXI. 39, IV. 34. 4) Notariatsinſtrument d. Caschovia feria quarta rogation. 1419 = — 35. Bericht des Komthurs v. Thorn aus Kaſchau Schbl. . 2 5) Nach dem erwahnten Notariatsinſtrument.
Scanseite 363 · Druckseite 350
4 350 Verſuche zur Friedensvermittlung. (1419.) ſten mit den königlichen Bevollmächtigten zu Thorn zuſam⸗ menkam, daß der Orden ſich dem alleinigen Ausſpruche des Röm. Koͤniges nicht unterwerfen koͤnne, wohl aber dem Spruche des Koniges und des Papſtes, ſowie der Karvinäle oder der Kurfuͤrſten und anderer Fuͤrſten. Da jedoch die Geſandten dieſes Erbieten nicht annehmen wollten, ſo ſchie⸗ den ſie ohne Erfolg von dannen, nachdem ſie von Thorn aus die Koͤnige von ihren fruchtloſen Verhandlungen be⸗ nachrichtigt. U Der Roͤm. König aber erklärte nun ſchon oͤffentlich mehren Fuͤrſten, daß ihm nach einem ſolchen Erfolge feiner Sendung nichts weiter uͤbrig bleibe, als mit dem Koͤnige von Polen in ein Huͤlfsbuͤndniß zu treten. Er verbot des: halb den Fuͤrſten aus ihren Landen dem Orden irgend je- mand zu Huͤlfe reiten zu laſſen, weil er dieſes jetzt zugleich als einen feindlichen Schritt gegen ihn ſelbſt betrachten müffe. 2 Um fo mehr bewarb ſich der Hochmeiſter fort und fort um auswärtige Hülfe beim Könige von Boͤhmen, bei mehren Fürften in Deutſchland, vielen Rittern und bei mehren Staͤdten. Auch die Gebietiger in Deutſchland er— hielten Befehl, mit ihrem Kriegsvolke herbeizueilen, 2 denn der Krieg ſchien jetzt gewiß, da in Polen mit außerordent⸗ licher Eile von neuem Ruͤſtungen betrieben und Kriegsvöl⸗ ker verſammelt wurden. Witowd hatte laͤngſt bedeutende Kriegshaufen von allerlei Voͤlkern, Tataren und Heiden unter feinen Fahnen und näherte ſich jetzt der Graͤnze, um 1) Schr. bes Herzogs v. Troppau u. des Grafen von Octtingen an d. Rom. König, d. Thorun feria lerlia post fest, Irinitat. 1419. Ueber die Verhandlung Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar, Mont. Johannis u. Pauli 1419 Schbl. XXI. 36. 2) Schr. des Röm. Königes an verſchiedene Fürften, d. Kaſchau Sonnt. nach Viti 1419, Abſchrift. 3) Schr. des HM. an d. König v. Boͤhmen, d. Thorn Mittw. nach Trinit. 1419 Fol. Miſſive p. 78, an d. Erzbiſchof v. Magdeburg dat. ebenſo p. 71, an die Städte Frankfurt, Breslau, Croſſen und Nuͤrnberg, d. Thorn Dienſt. nach Trinit. 1419 ebend. p. 70,
Scanseite 364 · Druckseite 351
Neue Kriegsgefahr. (1419) 351 ins Ordensgebiet einzubrechen.) Dieſen Feinden aber ſtand der Orden nur mit ſchwacher Macht gegenüber. Dem Her⸗ zog Kaſimir von Stettin, der ſich ihm zu Huͤlfe erbot, konnte der Hochmeiſter nicht einmal die Soldbedingungen bewilligen, 2) denn obgleich er in allen Ordenshaͤuſern das Kirchengeräthe, Kreuze, Monſtranzen, Kelche und was ſonſt von Silber zuſammenbringen ließ, obgleich er alle ſilbernen Gefaͤße im Haupthauſe wie bei ſeinen Gebietigern zu zer⸗ ſchlagen und einzuſchmelzen befahl, ſo reichte doch alles nicht hin, um die Kriegsgaͤſte und Soldner damit zu befriedi⸗ gen.“ Es war kaum abzuſehen, wie man mit menſchli⸗ cher Macht dem uͤberlegenen Feinde werde widerſtehen koͤn⸗ nen. Auf des Himmels hoͤhern Beiſtand vertrauend, ord⸗ nete der Hochmeiſter im ganzen Lande beſondere taͤgliche Gebete um goͤttliche Huͤlfe an, an jedem Freitage Proceſſio⸗ nen von einer Kirche zur andern; kein Ordensbruder, nie mand vom Hausgeſinde durfte dieſen Gottesdienſt verfäus men; in jedem Ordenshauſe wurden in dieſer Zeit der Drangſal taͤglich eine Anzahl Arme gefpeift. ® Faſt mit jedem Tage ſteigerte ſich die Gefahr. Da nun bereits uͤber tauſend Spieße Soldtruppen im Lande angelangt waren, auch eine Anzahl Schiffskinder oder Ma⸗ troſen aus Flandern, die eben im Lande lagen, in Dienſt genommen werden konnten,“ fo fand der Meiſter für noth- wendig, dieſe mit der eigenen Kriegsmacht an der Drewenz entlang ins Kulmerland hinaufziehen zu laſſen zur Bewa⸗ 1) Schr. des HM. an die genannten Städte a. a. O. Schr. des HM. an den Procurator Schbl. XXI. 36. Dlugoss. p. 401, 2) Schr. des HM. an d. Herzog v. Stettin, d. Stuhm Mittw. nach Viſitat. Mariä 1419 Fol. Miſſive p. 81. 3) Lindenblatt S. 351 giebt den Betrag des eingeſchmolzenen Kirchenſilbers auf nur 1700 Mark Silber an. 4) Vorſchrift des HM. darüber, d. Mar. am Pfingſttage 1419 Schbl. LXIII. 34. 5) Schr. des HM. an die Kaufleute der Deutſch. Hanſe zu Bruͤg⸗ ge, d. Mar. Sonnt. nach Laurent. 1419 Rgſtr. V. p. 65.
Scanseite 365 · Druckseite 352
352 Neue Kriegsgefahr. (1419.) chung der Graͤnzen. Dort ließ er beim Hauſe Neſſau eine Schiffbrücke Über die Weichſel ſchlagen, theils dieſes Haus mehr zu ſichern und ſich den Eingang nach Kujavien zu eröffnen, theils mit dem Kriegsvolke aus Pommerellen, welches ſich an den Graͤnzen bei Schwez und an der Braa gelagert, nöthigen Falls in Verbindung treten zu konnen.“) Der Feind lag bereits an den Graͤnzen, der Koͤnig mit ſeiner Macht im Dobrinerlande; Witowd war mit ſeinen Litthauern und Tataren in Maſovien eingeruͤckt.) Um den Meiſter in Livland zu beſchaͤftigen, hatte er mit dem Groß⸗ fuͤrſten von Moskau im Buͤndniſſe dieſen bewogen, von den Pleſkowern zu verlangen, daß ſie dem Orden in Livland den Frieden aufkuͤndigen ſollten.) So ſtand alles ſchlag⸗ fertig einander gegenuͤber. Der zwoͤlfte Juli oder S. Mar⸗ garethen-Tag mußte die Entſcheidung bringen, denn um dieſe Zeit lief der verlängerte Waffenſtillſtand zu Ende. Der Papſt aber, laͤngſt von der dem Orden drohenden Gefahr und ſelbſt auch von den juͤngſten Ereigniſſen unter⸗ richtet, v ertheilte eiligft dem Erzbiſchof Bartholomaͤus Ca⸗ pra von Mailand und zwei Sendboten des Koͤniges von England, die ſich eben beim Rom. Könige befanden, den Befehl, aufs ſchleunigſte nach Preuſſen zu ziehen, um dem Ausbruche der Feindſeligkeiten vorzubeugen. 9 Hier anges langt traten ſie ſofort mit den fruͤher erwaͤhnten paͤpſtlichen 1) Lindenblatt S. 350. 2) Schr. des Komthurs v. Rhein, d. Raſtenburg Sonnt. Trinitat. 1419 Schbl. XVI. 22. Nach Windeck I. c. p. 1134 war das Polni⸗ ſche Heer 18,000 Mann ſtark. 3) Schr. des Livländ. Meiſters, d. Riga am T. Odalrick 1419 Schbl. X. 64. Lindenblatt a. a. O. 4) Schr. des HM. an d. Papſt, d. Marienb. XXVI. die Junii 1419 Fol. C. P. 91. 5) Lindenblatt S. 3483 der eine der Engliſchen Sendboten war Thomas Walden, Doctor der Theologie und Provincials Prior der Car⸗ meliter in England, der andere Hartung Clux Ritter und Rath des Königes von England. Windeck Ilistor. Imper. Sigismundi ap. Men- eken script. rer. German. T. I. c. 39. p. 1099. *
Scanseite 366 · Druckseite 353
Verlängerung des Waffenſtillſtands. (1419.) 353 Bevollmächtigten zu jenem Zwecke in Verbindung.) Mitt lerweile aber war auch der Nom. König anderes Sinnes geworden. Seine öffentliche Erklaͤrung, daß er ſich mit dem Polniſchen Koͤnige verbinden und den Orden mit dem Schwerte bekaͤmpfen wolle, hatte im ganzen Deutſchen Reiche Unwillen und Mißbilligung erweckt; man war allgemein der Meinung, er habe durch ſeine feindliche Stellung dem Orden nur eine anſehnliche Geldſumme abtrotzen und ab⸗ drohen wollen; “ überall ſprach ſich die öffentliche Stimme im nachdruͤcklichſten Tadel und in den heftigſten Ausdruͤcken daruͤber aus, daß das Oberhaupt des Reiches den uͤber— muͤthigen Polenkoͤnig und die Ungläubigen in dem frechen Unternehmen, den Orden, „dieſes merkliche Glied der Chri⸗ ſtenheit, dieſen feſten Schild und Schirmhalter wider die Heiden, von welchem dem Adel bisher fo viel Gutes ge: ſchehen,“ zu vertilgen, unterſtuͤtzen wolle. Auf die Gefahr dieſes uͤblen Leumunds im ganzen Reiche von mehren Sei⸗ ten ber aufmerkſam gemacht und mit Nachdruck aufgefordert, alles anzuwenden, um dem drohenden Blutvergießen vor⸗ zubeugen, ) trat jetzt der Rom. König, ſcheu vor dieſer Macht der offentlichen Meinung, von feinem Plane ab und bot beim Könige von Polen alles auf, um den Frieden aufrecht zu erhalten.) Desgleichen waren auch die paͤpſt⸗ lichen Legaten ihrer Seits eifrigſt bemuͤht, vorerſt wenigſtens eine neue Verlängerung des Beifriedens zu Stande zu brin⸗ ) Nach Lindenblatt S. 348 waren die päpftl, Bevollmächtigte bald nach dem Tage zu Gnievcowo (Gnebkau) nach Kaſchau gereiſt; fie müffen dann nach Preuſſen zurückgekehrt ſeyn, denn in der Mitte des Juli ſind ſie wieder hier. Kojalowiez p. 106 fest dieß alles unrichtig ins J. 1418, vgl. Dlugoss. p. 402. 2) Bericht des Komthurs v. Thorn aus Kaſchau Schbl. XVII. 92. 3) Schr. eines ungenannten Fuͤrſten an d. Röm. König o. D. Schbl. XXI. 54, in Abſchrift; es iſt wegen der nachdruͤcklichen Sprache gegen den Röm. Konig merkwuͤrdig. ) Dlug oss. p. 402. Hicher gehört die Auseinanderſetzung der Klagen des Ordens vor dem \ Röm. König gegen den König von Polen, bie wir bei Windeck Histor. ete. P. 1133 — 1134 finden, VII. £ 23
Scanseite 367 · Druckseite 354
354 Verlängerung des Waſſenſtillſtands. (1419.) gen, denn die Gefahr für den Orden war jetzt um fo gu» ßer, da der Koͤnig von Polen, wie man erfuhr, um die Deutſchen Soldtruppen vom Heranzuge abzuhalten, ſich der luͤgneriſchen Liſt bedient hatte, durch feine Sendboten bei vielen Deutſchen Fuͤrſten die Nachricht verbreiten zu laſſen, der Zwiſt zwiſchen Polen und dem Orden ſey bereits bei- gelegt und eine Huͤlfsleiſtung durch Kriegsvolk werde nun für den Orden völlig unnuͤtz ſeyn, eine Argliſt des Koͤniges, die der Meiſter ſofort durch neue Eilboten an den Fuͤrſten⸗ hoͤfen überall widerlegen ließ.“) Endlich jedoch gluͤckte es den paͤpſtlichen Gefandten und dem Erzbiſchof von Mailand, als Geſchaͤftstraͤger des Roͤm. Koͤniges, eine nochmalige Verlängerung des Waffenſtillſtan⸗ des zu vermitteln.) Aber ſchon die Aengſtlichkeit in den Verhandlungen daruͤber bewies, von welchem Mißtrauen gegen des Koͤniges Geſinnungen die Seele des Meiſters er: füllt war. Auf der Legaten Rath ſtellte er zwar zuerſt mit Zuſtimmung der Landesbiſchoͤſe und Gebietiger eine urkund⸗ liche Erklaͤrung aus, daß der Orden in ſeinem Streite mit Polen ſich jetzt ebenfalls dem ſchiedsrichterlichen Spruche des Nom. Koniges unterwerfen wolle,) und es ward bar: auf von den Legaten und dem Erzbiſchof die neue Ver⸗ laͤngerung des Beifriedens bis zum dreizehnten Juli kuͤnf⸗ tiges Jahres feſt beſtimmt. 2 Allein der letztere mußte dem 1) Schr. des HM. an mehre Fuͤrſten, Grafen und Hauptleute in Deutſchland, d. Marienb. Dienſt. vor Margaretha 1419 Nofir, V. p. 56. 2) Dazu die Vollmacht für den Komthur v. Thorn, d. Marienb. XV die Julii 1419 Fol. C. p. 93. 3) Dingoss. p. 402. Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter 5185 Frankenhain am T. Petri Vincula 1919 Nofte, V. p. 61. 4) Urk. der paͤpſtl. Legaten, in Suburbio castri Grudenz au. 1419 XIX mensis Julii Schbl. 65. 29, Fol. C. p. 94; es wird darin auch ausdruͤcklich erklärt, daß der HM. am nämlichen Tage einen Compro⸗ miß auf den Rom. König ausgeſtellt habe. Urk, des Erzbiſchofs v. Mailand vom näml. Dat. und gleichlautend, Schbl. 63. 25 3 er nennt ſich hier ſelbſt Consiliarius et Commissarius sereniss. et invietiss. prin- eipis et domini Sigismundi d. g. Roman. Regis.
Scanseite 368 · Druckseite 355
Verlingsrung des Waffenſtiliſtands. (1419.) 355 Hochmeiſter auf deſſen ausdrüdliches Verlangen das fefte Verſprechen geben, daß er ſofort zum Koͤnige eilen wolle, um zu erfahren, ob auch er den verlaͤngerten Beifrieden wirklich anzunehmen und gewiſſenhaft zu halten gedenke, woruͤber der Meiſter nach ſtrenger Wahrheit benachrichtigt werden ſolle; denn im Falle der König fich weigerte, ſollte auch dem Hochmeifler feine Erklaͤrung in Betreff des ſchieds⸗ richterlichen Spruches des Nom. Koͤniges ſofort wieder zu⸗ ruͤckgegeben werden.) Der König jedoch und Witowd, beide im Feldlager beim Dorfe Bandzino, genehmigten die Ver⸗ laͤngerung des Beifriedens und die im Lager anweſenden Biſchöfe von Gneſen, Krakau und Ploczk verbuͤrgten ſich, daß die mit dem Orden abgeſchloſſene Waffenruhe von bei⸗ den Fuͤrſten unfehlbar und unverbruͤchlich beobachtet werden ſolle. I Alſo zogen nun auch die beiden Kriegsheere von den Gränzen wieder zuruck. Die jetzt eintretende Verpflichtung aber, nicht nur den bereits im Lande ſeyenden Soͤldner⸗ haufen für eine gewiſſe Zeit den verſprochenen Sold zu ent⸗ richten, ſondern auch den ſchon auf dem Heranzuge befind⸗ lichen Hauptleuten und Rottenfuͤhrern eine Verguͤtung ihrer Koſten zu zahlen, ) hatte, verbunden mit den ſonſtigen ſchweren Koſten der Kriegsrüftung, eine gaͤnzlich Erſchoͤpfung des Ordensſchatzes zur Folge, fo daß es dem Hochmeiſter völlig unmöglich war, aus ihm den zahlreichen Forderungen 1) Das vom Erzbiſchof v. Mailand ausgeſtellte Verſprechen, d. Graudenz an. 1419 vigesima Juli Schbl. XXI. 38. 2) Die urkundliche Zuſicherung des Königes und des Großfürften, d. in loco eampestri exereituum nosiror. eirca villam Bandzino in eraslino s. Jacobi 1419 Schbl. 65. 23; die Buͤrgſchaft der Poln. Bi⸗ ſchofe vom näml. Dat. Schbl. 65. 30, Fol. C. p. 97. Die Urkunde des HM. d. In castro nostro Schonsee proximo die dominico post fest. s. Jacobi 1419 Fol. C. p. 98. Vgl. Diugoss. P. 403. 3) Lindenblatt S. 351. Schr. des HM. an die Hauptleute und Ritter der Soldner, d. Schoͤnſee Mont, vor Vincula Petri 1419 Kgſtr. V. p. 62. 23
Scanseite 369 · Druckseite 356
356 Innere Landesangelegenheiten. (1419.) zu genügen. Er mußte daher abermals zur Erhebung eines allgemeinen Schoſſes im Lande ſeine Zuflucht nehmen, und man leiſtete die Abgabe uͤberall bereitwillig, weil jeder er⸗ kannte, daß die dringendſte Noth zu dieſem Mittel gezwungen, zumal da der Meiſter dabei mit aller moͤglichen Schonung und Nachſicht verfuhr. So gelang es ihm auch bald, die druͤckenden Finanzbedraͤngniſſe wenigſtens einigermaßen auf einige Zeit zu befeitigen. “ So von außenher eine Zeitlang geſichert konnte der Hochmeiſter feine Thaͤtigkeit nun auch den innern Verhaͤlt— niſſen des Landes wieder mit größerem Eifer zuwenden. Vor allem hatte das ungluͤckliche Loos von Danzig ihn ſchon wahrend des ganzen Jahres beſchaͤftigt. Wir erinnern uns, daß fruͤher in Folge des Aufruhrs in der Stadt mehre der Anſtifter und Theilnehmer entflohen waren. Zwei von ih⸗ nen, Konrad von Belle und Johann Lupi hatten es, nach⸗ dem fie ſich lange umhergetrieben und vergebens beim Hoch— meiſter um Wiederaufnahme in die Stadt gebeten, > durch ihre Klagen beim Reichshofgerichte des Nom. Koͤniges end⸗ lich dahin gebracht, daß der Buͤrgermeiſter und mehre aus dem Rathe Danzigs in die Reichsacht erflart und der Stadt⸗ gemeine durch ein Schreiben des Rom. Koͤniges mit ſtren⸗ gem Ernſte und unter angedrohter Strafe geboten wurde, die Geaͤchteten nicht ferner in ihrer Stadt zu dulden, mit 1) Lindenblatt S. 358, Recess. Hanseat. s. h. a. Genauere Beſtimmungen darüber in einer den Komthuren deshalb ertheilten Vor⸗ ſchrift, d. Elbing Sonnt. nach Nativitat. Mariä 1419 Schbl. LXXIII. 77. Jeder leiſtete nach feinem Vermögen, je von der Mark 8 gute neue Pfennige und 2 Skot je vom Tiſche zu Vorſchoß. Von letzterem wur⸗ den Schultheißen, Bauern in Deutſchen Doͤrfern, Kretzmer, Muͤller, Gärtner, Handwerker auf dem Lande u. a. frei erklärt. Die in voller Nutzbarkeit ſtehende Habe gab einen halben Vierdung, geringe Haken zwei zuſammen eben ſo viel, Dienſtboten, Schäfer, Hirten u. ſ. w. von jeder Mark ihres Lohnes ein neues Skot, aber keinen Vorſchoß. 2) Schr. der Fluͤchtlinge an d. Rath v. Danzig, d. Mont. nach heil. Dreifalt. 1417 in Recess. Hanscat. Vgl. Kotzebue B. III. S. 449. -
Scanseite 370 · Druckseite 357
Innere Landesangelegenheiten. (1119.) 357 ihnen keine Gemeinſchaft zu haben und dagegen ernſtlich da⸗ hin zu wirken, daß den beiden Klägern Recht widerfahre.“ Der Hochmeiſter indeß fand dieſen Schritt des Rom. Koͤ⸗ niges durchaus unangemeſſen und wider alle Ordnung, denn er ſelbſt hatte fruͤher nicht nur den Klaͤgern ſicheres Geleit zugeſagt, um ihr angebliches Recht im Lande ſuchen zu koͤn⸗ nen, ſondern es war auch unerhoͤrt, daß Rathsleute aus dem Gebiete des Ordens in des Koͤniges Hofgericht gezogen worden ſcyen, da jeder Unterthan des Ordens in ſeinen Kla⸗ gen an den Papſt gehen konnte.?) Dieſen Rechtsweg ſchlu⸗ gen jetzt auch die Danziger ein. Aber der Hochmeiſter be⸗ ſchwerte ſich auch ſelbſt beim paͤpſtlichen Stuhle uͤber den unbefugten Eingriff, den ſich weltliche Richter in die ihm und dem Orden allein zuſtehende Gerichtsbarkeit in ſeinen Landen erlaubt haͤtten, mit der Bitte, den Orden bei die⸗ ſem ihm von den Päpften zuertheilten Jurisdictionsrechte zu erhalten, und der Papſt erließ nicht nur eine Inhibition der Acht mit dem Geſuche an den Koͤnig, des Ordens Un⸗ terthanen mit feinen Gerichten forthin nicht mehr zu be kuͤmmern, ſondern er unterſagte auch in einer wichtigen Bulle jedem weltlichen Richter, wes Standes er auch ſey, aufs ſtrengſte jegliche Einmiſchung in die Gerichtsangele⸗ genheiten der Ordenslande. ) Der Streit felbft aber ward im naͤchſten Jahre dadurch beigelegt, daß in Stelle des vorgeladenen Raths und Buͤrgermeiſters von Danzig der Or⸗ densmarſchall vor dem koͤniglichen Hofrichter Grafen Johann von Lupfen zu Breslau erſchien, wo nach mehren Verhand⸗ 1) Schr. des Rom. Koniges an die Stadt Danzig, d. Regensburg Mont. nach Martini 1318 Fol. Miſſive p. 91. 2) Schr. des HM. an die Hanſeſtaͤdte, d. Stuhm Donnerft, nach Dorothea 1419 Fol. Miſſive p. 172; ein anderes Schr. an dieſelben o. D. (1419) im Recess. Hanseat. s. h. a. Schr. des Biſchofs v. Erm⸗ land an den Papſt Fol. C. p. 73. 3) Die päpſtl. Bulle, d. Florentie idus Maii p. n. a. seeundo Schbl. X. 3, gedruckt in Voigt die Weſtphäl. Femgerichte in Bezie⸗ hung auf Preuſſen, Beil. uro. I. S. 181 — 182,
Scanseite 371 · Druckseite 358
358 Ausgleichung mit dem Biſchof von Leſlau. (1119.) lungen der Richterſpruch dahin ausfiel, daß die beiden Klaͤ⸗ ger unter des Marſchalls ſicherem Geleite ſich nach Preuf- ſen begeben, mit dem Rathe von Danzig ſich ausgleichen und Suͤhne ſuchen, den Rom. König aber zugleich bitten ſollten, die ausgeſprochene Acht wieder aufzuheben.) — Wie hier das koͤnigliche Hofgericht, fo griff jetzt zum erſtenmale auch ein Femrichter Weſtphalens, der Freigraf Johann Grop⸗ pe am Freiſtuhle zu Volkmarſen unter dem Erzbiſchof von Köln in die landesuͤbliche Gerichtsbarkeit ein, indem er ei— nige Buͤrger aus Elbing in einem Erbſchaftsſtreite vor ſei⸗ nen Gerichtsſtuhl vorlud. Allein der Meiſter trat auch hier zum Schutze ſeiner Rechte dazwiſchen, ließ die Streitſache vor das landesuͤbliche Gericht bringen und erſuchte den Erz: biſchof von Koͤln, zu bewirken, daß forthin kein Richter feine Unterthanen mit der Feme Weſtphalens mehr beläfti- ge. Wahrſcheinlich geſchah es in Folge dieſer Eingriffe fremder Richter in die Gerichtsgewalt des Hochmeiſters, daß der Roͤm. Koͤnig im naͤchſten Jahre das Gebot erließ, daß niemand des Ordens Bruͤder, Diener, Lehensmanne oder Unterthanen weder vor des Königes eigenes Hofgericht, noch andere Land⸗ oder geiſtliche Gerichte laden, ſondern an den Meiſter oder den Komthur, unter dem ſie geſeſſen ſeyen, weiſen ſolle, um da Recht zu nehmen. 3) Außerdem beſchaͤftigte den Hochmeiſter auch noch der langwierige Zwiſt mit dem Bifchofe Johannes von Leſlau dieſes ganze Jahr hindurch. Zwar war der Streit ſelbſt ſchon im Jahre 1417 voͤllig beigelegt, allein die Abzahlung der fuͤnftauſend Mark Boͤhm. Groſchen, die der Biſchof vom Orden zu fordern hatte, veranlaßte noch fort und fort neue Mißhelligkeiten, denn da das Domkapitel zu Leſlau dem eingegangenen Vertrage ſeine Zuſtimmung noch nicht 1) Der Ausſpruch des Tönigl, Hofrichters, d. Breslau Sonnt. nach Purif. Mariä 1420 im Reeess. Hanseat. 8. h. a. 2) Darüber die näheren Nachweiſungen in Voigt die Weftphäl. Femgerichte u. ſ. w. S. 2 — 3. 3) Voigt a. a. O. S. 3 — 4.
Scanseite 372 · Druckseite 359
Ausgleichung mit dem Biſchof von Leſlau. (1119.) 359 ertheilt, die Streitſache alſo leicht wieder von neuem ange: regt werden und zur gerichtlichen Verhandlung kommen konnte, ſo wollte der Orden aus Mißtrauen die Zahlung nicht leiſten. Da ſuchte der Biſchof neue Klagpunkte uͤber Graͤnzbeſtimmungen und uͤber Zehntleiſtung, die er nach dem Vertrage noch fordern zu können glaubte, hervor;“ die Stim⸗ mung wurde immer feindlicher, die Forderungen des Biſchofs immer nachdruͤcklicher ?) und da das Domkapitel die Beſtäͤ⸗ tigung des Vertrages, die der Orden durchaus vor der Zah⸗ lung der erwähnten Summe verlangte, auch noch im Jahre 1419 verweigerte, ) ſo wandten ſich beide Parteien von neuem an den Papſt mit der Bitte, dem Vertrage von Seiten des Rom. Stuhles die Genehmigung zu ertheilen.“ Mittlerweile ließ der Biſchof alle Ritter, Knechte und Bauern in Pommerellen, die ihm den Zehnten nicht leiſten wollten, ſofort in den Bann erklaren, um auf dieſe Weiſe zu erzwingen, was er auf dem Wege der Verhandlungen nicht erlangen konnte.“ Indeß lenkte er in feinem Ver⸗ halten gegen den Orden doch bald wieder auf guͤtliche Vor⸗ ſchlaͤge ein, zumal nachdem er ſich im Verlaufe dieſes Jah⸗ res die Ungnade des Königed und des Großfuͤrſten zugezo⸗ gen hatte; ja er warb nun ſelbſt recht eifrig um des Hoch: meiſters Freundſchaft, ) und da nun dieſer ihm den grüß- 1) Schr. des Biſchofs v. Leflau an d. Kaplan des HM. d. in curia Chel- niza feria U ante fest. Mathaei Apost. (1418) Schbl. LXVIII. 135. 2) Schr. des Biſchofs v. Leſlau an d. Großkomthur u. a. d. Cze⸗ chozin am T. Priſcà 1419 Schbl. LXVIII. 108. 3) Notariatsinſtrument über eine Verhandlung zu Thorn, d. Tho- run XII Februar. 1419 Schbl. LIII. 45. 4) Notariatsinſtrument über die Appellation des HM. d. Marienb. XXI Febr. 1419 Schbl. LIII. 38. Schr. des HM. an d. Papſt, d. Marienb. XIV Mart. 1419 Fol. C. P. 59. Schr. des Biſchofs v. Leſ⸗ lau an d. Papſt, d. Subkow XV Mart. 1919 Fol. C. p. 59. 5) Die Vorſchrift des Biſchofs darüber, d. Subkow III Mart. 1419 Schbl. LXVIII. 107. 6) Schr. des Biſchofs an d. HM. d. Raczans Pfingſt. 1919 Schbl. LXVIII. 109.
Scanseite 373 · Druckseite 360
360 Ausgleichung mit dem Biſchof von Leſlau. (1419.) ten Theil der erwaͤhnten Summe entrichtete, der Biſchof aber in Ruͤckſicht des Zehnten von den Lehensleuten des Ordens nichts weiter forderte, als was der Vertrag ihm zugeſtand, ſo kam es endlich zu Ausgang dieſes Jahres zu einem friedlichen Verſtaͤndniß, indem ſich der Hochmeiſter mit ihm über alle noch ſtreitigen Punkte freundlich ver⸗ glich. ) = Der König von Polen aber hatte laͤngſt erkannt, wie hoͤchſt nachtheilig fuͤr ihn jenes Zeugniß der paͤpſtlichen Ge: ſandten über den Tag zu Gnievcowo oder Gnebkau, wel: ches der Deutſchmeiſter gefliſſentlich an allen Fürftenhöfen verbreiten ließ, nicht nur in der offentlichen Meinung, ſon⸗ dern ſelbſt auch in der Aufrechthaltung ſeiner vorgeblichen An⸗ rechte auf gewiſſe Landgebiete wirken muͤſſe; er hatte daher nicht verſaͤumt, daruͤber eine nachdruͤckliche Klage am päpft: lichen Hofe einzubringen.) Da nun damals gerade dort kein Ordensprocurator anweſend war, der die Sache mit Nachdruck vertreten konnte (denn der neue Procurator Mei⸗ ſter Johannes Thiergart von Danzig befand ſich eben auf der Reiſe dahin), ſo ließ ſich der Papſt leicht zu der Er: klarung bereit finden: das Zeugniß der Geſandten ſolle dem Könige und Großfuͤrſten in ihren Rechten durchaus keinen Eintrag thun, denn da des Koͤniges Anrechte und urkund— liche Beweiſe, womit er gewiſſe Landgebiete anſpreche, den Botſchaftern nicht vorgelegt und bekannt geworden ſeyen, die Polniſchen Bevollmächtigten auch bei der Ausſtellung des Zeugniſſes nicht gegenwärtig geweſen, fo koͤnne es dem Koͤnige und dem Großfuͤrſten in ihren Rechten keinen Nach⸗ theil bringen; beide moͤchten ihre Rechte forthin verfolgen, als ſey jenes Zeugniß gar nicht vorhanden, denn der Dr: 1) Die Materialien Über dieſe Streitſache find ziemlich reich, doch ohne beſonderes Intereſſe; Schbl. LXVIII. 1II. 112. 56. I. 148. Lin⸗ denblatt S. 357. 2) Dluguss. p. 396 se. 3) Schr. des HM. an den bisherigen Procurator Peter v. MWornı- dit, d. Marienb. Mont, nach Johanni 1419 Schbl. 1. 149.
Scanseite 374 · Druckseite 361
Vermittlung des Rom. Königes. (1419.) 361 den konne dadurch kein weiteres Recht erhalten haben, als welches er ſchon zuvor beſeſſen.) Als jetzt die Zeit aber nahete, in welcher der Spruch des Röm. Königes erfolgen foäte, beeilten ſich die Kurfuͤr⸗ ſten in einem nachdrucksvollen und fuͤr den Orden aͤußerſt wohlwollenden Schreiben dem Koͤnige es aufs dringendſte ans Herz zu legen, bei ſeinem Spruche zu erwaͤgen, welche hohe Bedeutung der Orden von ſeinem Beginne an fuͤr die ganze Chriſtenheit gehabt, wie ſorgſam und vaͤterlich er von jeher von Paͤpſten, Kaiſern, Koͤnigen und Fuͤrſten gepflegt, beſchuͤtzt und mit Rechten und Begnadigungen auögeftatiet worden ſey, wie wichtig vor allem fein Daſeyn und feine Stellung in Preuſſen fuͤr die Kirche und den Glauben und wie er gerade an dieſem Orte „der ganzen Chriſtenheit ein fefter, nützlicher und loͤblicher Friedensſchild und alles Adels getreuer Aufenthalt viele Jahre her geweſen und zur Zeit noch ſey;“ aber ſie wieſen nicht minder in ernſten Worten den König auch auf die Pflicht hin, die er als des Ordens Vogt und Schirmherr fuͤr ſeine fernere Erhaltung und Be⸗ freiung von dem jetzt auf ihm laſtenden Drucke habe, zu⸗ mal da der Orden ſelbſt des Nom. Reiches Glied ſey und als ſolches ſtets der Kaiſer und Könige Schutz und Schirm genoſſen habe.“ Und mit gleichem Eifer und gleicher Waͤr⸗ me ſprachen für den Orden zum Könige auch andere Fuͤr⸗ ſten, 9 überall ward die allgemeine Meinung für den Dre den laut; es war die Stimme der allgemeinen Ueberzeu⸗ 1) Die paͤpſtl. Bulle, d. Florentie IX Cal. Augusti p. n. a. II bei Dogiel T. IV. p. 98, 2) Das intereſſante Schr. der Kurfuͤrſten von Mainz, Trier, Köln, und des Pfalzgrafen Ludwig v. Rhein an den Rom. König, d. Weſel Sonnt. nach Bartholomäi 1419 Fol. C. p. 99 u. Schbl. Deutſchm. nr. 75. 3) Schr. mehrer Fuͤrſten an d. König, o. D. im Fol. C. p. 99 u. Schbl. Deutſchm. nr. 75; es werden genannt Friederich Markgraf von Brandenburg, Ludwig, Hans, Ernſt u. Wilhelm Herzoge v. Baiern, Johannes Burggraf v. Nürnberg u. a.
Scanseite 375 · Druckseite 362
362 Hans von Baiſen. (1419.) gung, daß der Orden für die Zeit noch nothwendig fey, daß ſein Recht, fuͤr welches er kaͤmpfe, mit aller Kraft aufrecht erhalten werden muͤſſe, daß es eine Schmach des Deutſchen Namens ſey, wenn er unter Mithuͤlfe des Ober⸗ hauptes des Deutſchen Reiches durch Polens und Litthauens Waffen feinen Untergang finde, D Bereits hatte jedoch Sigismund den Tag des Aus: ſpruches bis zum Anfange des naͤchſten Jahres verſchoben, denn wie er dem Meiſter mit Kummer meldete, hatte ihn theils der Tod ſeines Bruders, des Koͤniges Wenceslav von Boͤhmen (deſſen Krone jetzt auf ihn uͤberging), theils der wilde und ordnungsloſe Zuſtand dieſes Reiches unter den Kriegsſtuͤrmen der Huſſiten, theils auch ein Einfall der Tuͤrken in Ungern, die dort alles zu uͤberwaͤltigen drohten, in ſolche Bedraͤngniß geſetzt, daß er ſich jetzt unmoͤglich der Entſcheidung der Streitſache des Ordens unterziehen konn⸗ te. 2) Auf feine dringende Bitte willigte auch der Hoch⸗ meiſter in den Aufſchub des Ausſpruches ein und desglei⸗ chen auch der König von Polen. 9 Mittlerweile verlief die Zeit ohne beſonders wichtige Er⸗ eigniſſe, denn des Hochmeiſters Verhandlungen bald mit den Herzogen von Maſovien, bald mit den nahen Polniſchen Hauptleuten uͤber Beraubung und Mißhandlung der beider⸗ ſeitigen Unterthanen, wie fie immer noch vorfielen, bieten kein Intereſſe dar. Wohl aber faͤllt unter dieſen widerwaͤr⸗ tigen Begegniſſen der Blick auf einen Mann, der jetzt aus dem bisherigen Dunkel feines Lebens mehr und mehr her⸗ vortretend ſpaͤterhin das Gemeinintereſſe des ganzen Landes in Anſpruch nahm. Es iſt Hans von Baiſen, deſſen ed⸗ les Geſchlecht bis in den Anfang des vierzehnten Jahrhunderts hinaufreicht, denn damals ſaß der edle Urahn Albert von 1) Die Kurfürſten ſagen dieß in ihrem Schreiben ausdrücklich. 2) Schr. des Rom, Koͤniges an d. HM. d. Bude XXX August. 1419 Schbl. IV. 26, Windeck 1. e. p. 1135, 3) Die urk, des HM. darüber, d. Thorun XXIV Scpt. 1419 im Fol. C. p. 98, die des Königes bei Dogiel T. IV. p. 105,
Scanseite 376 · Druckseite 363
Hans von Baiſen. (1419.) 363 Baiſen mit Heinrich, ſeinem Bruder, als reicher Lehensbe⸗ ſitzer im Gebiete des Ermlaͤndiſchen Biſchofs.) Heinemann von Baiſen, ſein Bruder Konrad und Peter von Heſelecht, von der Wohnburg ſeines Gutes ſo genannt, galten ſchon in jener Zeit als die vornehmſten und reichſten Landesritter im Lande Saſſen, wo ſich ihre Guͤter zwei Meilen lang und breit ausdehnten Aus dieſem Haufe ſtammte auch Hans von Baiſen, wahrſcheinlich der Sohn des Ritters Feſtus von Baiſen. ) Immer ſchon hatten ſich die juͤngern Glie⸗ der dieſes Geſchlechtes gerne das Hochmeiſters Hofdienſt ge⸗ widmet; wie Peter von Baiſen zur Zeit Ulrichs von Jun⸗ gingen, einer von dieſes Meiſters vertrauteſten Freunden und Begleitern auf ſeinen Reiſen, und Heinrich von Baiſen eben damals als des Hochmeiſters Kaͤmmerer an deſſen Hofe lebten, ſo ſtand auch Hans von Baiſen unter dem Meiſter Heinrich von Plauen als Hofgeſinde an der Fuͤrſtentafel dem Amte eines Vorſchneiders vor, und in dieſem Amte erfreu⸗ te er ſich beim Hochmeiſter ſchon eines ſolchen Vertrauens, daß ihn dieſer einft als Botſchafter an den Koͤnig Heinrich den Vierten von England zum Empfange einer bedeutenden Geldſumme ſandte. ) Da mochte ihn zuerſt die Luft er⸗ griffen haben, auch andere ferne Lande und fremder Volker Leben und Sitten kennen zu lernen, zumal da eben jetzt das Hofleben in der verarmten hochmeiſterlichen Wohnburg wenig Reiz und Freude bot. Er entſchloß ſich, eine Ritter⸗ fahrt an den durch ritterliche Sittenzucht und adeliges Leben weitberuͤhmten Hof des Koͤniges Johann von Portugal zu 1) Die älteſte Spur über das Geſchlecht der Baiſen giebt bis jetzt eine Verſchreibungsurkunde des Biſchofs Eberhard von Ermland vom J. 1310, in welcher Albert von Baiſen als Zeuge erſcheint, im Ermland. Privilegienb. P. VII; als Lehensleute (feudales) der Ermländ. Kirche kommen die Bruͤder Albert und Heinrich von Baiſen in einer Verſchrei⸗ bung vom J. 1328 vor, Ermlͤnd. Privilegienb. p. XXII. 2) Vgl. Voigt Geſchichte Marienburgs S. 308 — 309. 3) Ganz ſicher iſt des Hans von Baiſen Vater nicht bekannt. 4) Voigt a. a. O. S. 309 — 310.
Scanseite 377 · Druckseite 364
364 Hans von Baiſen. (1419.) unternehmen. Mit einem hoͤchſtruͤhmlichen Empfehlungs⸗ ſchreiben des Hochmeiſters an den Koͤnig trat er kuͤhn die Reiſe an.“ Johann nahm den jungen Mann, den rege Thatenluſt aus der Heimat in ſo ferne Lande getrieben, mit um fo größerer Freundlichkeit an feinem Hofe auf, weil er Gefallen an dem edlen Fremdling fand, der durch Kenntniß fremder Sitten ſeinen Geiſt zu bilden und in ritterlichen Thaten unter den Waffen ſich zu verſuchen wuͤnſchte. Auch freute es ihn, einen jungen Krieger aus dem fernen Ritter— lande um ſich zu ſehen, aus dem ihm ſo ſelten Kunde zu— kam. Vor allem gewann Hans von Baiſen die Gunſt des Infanten Eduards, des Koͤniges aͤlteſten Sohnes, der ihn zu ſeinem Schildtraͤger annahm. Da nun damals die Be⸗ ſatzung von Ceuta in Afrika, welches die Portugieſen vor einiger Zeit der Herrſchaft der Unglaͤubigen entriſſen, mit dieſen haufig in ſchweren Kämpfen lag, fo erbat ſich Hans von Baiſen vom Könige die Erlaubniß, nach Ceuta hinüber- zugehen und am Kampfe Theil nehmen zu duͤrfen. Dort that er ſich durch manche kuͤhne That hervor; er war dabei, wenn das Portugieſiſche Kriegsvolk ins Gebiet der Muha— medaner eindringend mitten aus den Wohnungen der Feinde reiche Beute davon führte. In der für die Ungläubigen fo blutigen Schlacht im Lande Abuls glanzte er durch Muth ) Wir haben merkwürdiger Weiſe zwei Entwürfe zu Empfehlungs⸗ ſchreiben des HM. für Hans von Baiſen, das eine mit dem Datum: iu castro Marienb. ipso die nativitat. Marie an. 1416, Schöl. LAXVIL 125, das andere dat. Marienb. ipso die Simonis et Jude, que fait XXVIII. dies mensis October. an. 1419 Schbl. LXXVII. 127; das erftere nennt den Fürſten, an den es gerichtet iſt, zwar nicht nament⸗ lich, deutet aber auf eine ſolche Ritterfahrt ganz klar hin; das zweite iſt adreſſirt: IIlustrissimo principi maguiſicoque domino, domino Jo- hanni Portngalie Algarbieque Regi ac domino septe etc. Es heißt darin: De fidelis nostri indigene familiarisque curie nostri preamabi- lis Johanuis Baysen presentium exhibitoris sincera ſidelitate, elegauti maralitate, animosa strenuitate, quibus virtuose iugiter se habuil, adhuc coanlisi, audemus - eo conlidencius pro eo regiam vestram ac- cedere malestatem etc.
Scanseite 378 · Druckseite 365
Der Tag zu Breslau. (1420.) 365 und Tapferkeit ſo außerordentlich hervor, daß man ihm den Ritterſchlag ertheilte. So verweilte er in Ceuta anderthalb Jahre, ſich fort und fort mit Muth neuen Gefahren und Kriegsmuͤhen ausſetzend; kaum hatte er je tapferer und maͤnn⸗ licher gekampft als in der wilden Schlacht, durch welche des Koͤniges dritter Sohn Don Heinrich Ceuta von der Belagerung der Muhamedaner befreite. Alſo hatte er ſich wie beim Koͤnige hohe Gunſt, ſo am Hoſe allgemeine Hoch⸗ achtung und Freundſchaft erworben. Da riefen Familien⸗ verhaͤltniſſe, beſonders die Nachricht, daß ſeine Braut, die er der Obhut ſeines Bruders anvertraut, einem andern ver⸗ maͤhlt worden ſey, ihn ins Vaterland zuruͤck, wo er mit ritterlichem Ruhme bedeckt in die Reihe der Raͤthe des Hoc)» meiſters eintrat. Er brachte ſeinem Fuͤrſten vom Koͤnige von Portugal ein Schreiben mit, worin dieſer der ausge⸗ zeichneten Kriegsthaten des Ritters mit dem größten Lobe gedenkt.) Jetzt nahete aber der wichtige Verhandlungstag zu Bres⸗ lau. Wie der Deutſchmeiſter ſich eifrigſt bemuͤhte, die Kur⸗ fürften und andere Reichsfuͤrſten zu bewegen, auf dem Tage zu erſcheinen, weil er ſich davon wichtigen Erfolg verſprach, » ſo verſah der Hochmeiſter mit Sorgfalt die als Bevollmaͤch⸗ tigte ernannten Gebietiger, den Ordensmarſchall Martin von der Kemnate, den Oberſt-Spittler Paul von Rußdorf, den Komthur von Mewe Johann von Selbach u. a. mit allen noͤthigen Unterweiſungen, Vollmachten und Documenten zum Erweis der Rechte des Ordens.) Außer ihnen er ſchienen in Breslau noch vor des Röm. Könige Ankunft 1) Dieſes Schr. des Königes Johann von Portugal an den HM. d. Apud castrum nostrum montis maioris XXIII die meusis Januar. o. J. im Original im geh. Archiv. Aus ihm die obige Darſtellung. 2) Schr. des Deurſchmeiſters an den HM. d. Neuenhaus Sonnt. „ach Simon u. Juda 1419 Schbl. XXII. 26. 3) Vollmacht des HM. d. Marienb. XIX. Deconibr. 1419 Rgſtr p. 73. Schr. des HM. an den Biſchof v. Bresfau, d. Marienk. am T. Barbara 1418 Rgütr. V. p. 72.
Scanseite 379 · Druckseite 366
366 Der Tag zu Breslau. (1420.) die beiden paͤpſtlichen Legaten, der Ersbiſchof von Mailand, der Markgraf von Brandenburg, die Herzoge von Sachſen und Baiern, die Markgrafen von Baden und Meißen, Burggraf Johann von Nürnberg und mehre andere. ) Erſt am ſechſten Januar 1420 ritt auch der Koͤnig in Breslau ein.) Unwillig aber über feine verſpaͤtete Ankunft gingen die Polniſchen Bevollmaͤchtigten, der Erzbiſchof von Gneſen, die Biſchdfe von Krakau, Ploczk und Poſen, des Koͤniges Marſchall und mehre Woiwoden, in des Koͤniges Antrag, den Ausſpruch noch einige Tage aufzuſchieben, auf keine Weiſe ein. Unter großer Anſtrengung mußten ſogleich am erſten Tage die Anſpruͤche und Rechte, Beweiſe und Gegene beweiſe beider Theile geleſen, erwogen und gepruͤft werden, und noch am naͤmlichen Tage that der Koͤnig vor allen ver⸗ ſammelten Fuͤrſten und Geiſtlichen folgenden Ausſpruch: ? Alle Straßen ſind fuͤr die Unterthanen beider Theile, be— ſonders fuͤr den Kaufmann ſicher und frei; der Friede zu Thorn fol in allen Punkten in Kraft erhalten werden;“ die Gränzen von Pommern, Kulmer⸗ und Michelauerland ſowie die Burg Neſſau mit ihrem Bezirke bleiben, wie frühere Verträge, beſonders der des Koͤniges Kaſimir und die zu Thorn und Ofen ſie beſtimmt haben, ebenſo die ge— gen Maſovien, wie die Herzoge des Landes und der Hoc): meiſter Ludolf Koͤnig ſie angeordnet. Der Orden ſoll dem Könige für die Wiederherſtellung der Burg Slotorie binnen zwei Jahren fuͤnfundzwanzigtauſend Unger. Gulden zahlen I) Windeek J. e. b. 1135, 2) Schr. des Oberſt⸗Spittlers, d. Breslau in vigilia epiphan. (1420) Schbl. XXI. 10. Der Röm. König ſagt ſelbſt in feiner Recht⸗ fertigung im Fol. C. p. 1753 exereilum movimus contra Thornos, qui Walachiam invaserunt, et in hiis rebus tam diu fuimus occupati, ut ad civitatem Wratislaviensem aliquantulum tardius veniremus. Dlu- g0ss. p. 410. 3) Schr. des Ordensmarſchalls, d. Breslau Sonnt, nach heil. drei Könige 1420 Schbl. XXI. 15, Fol. C. p. 175. 4) Der Ordensmarſchall füge hinzu: alſo das dem Orden die dorf⸗ fer Moryn, Orlow u, ſ. w. widder fullen werden.
Scanseite 380 · Druckseite 367
Der Ausſpruch zu Breslau. (1420.) 367 und die Burg und Muͤhle Luͤbitſch an der Drewenz binnen ſechs Monden niederreißen; alle Gefangenen ſind frei und alle Beleidigungen und Verletzungen vergeſſen und hinge⸗ legt. Samaitenland ſoll laut des Thorner Friedens in des Koͤniges und des Großfürften Beſitz bleiben, jedoch nur auf Lebenszeit und nach feſtbeſtimmten Graͤnzen.) In dieſen dem Orden und dem Großfuͤrſten zugewieſenen Ge⸗ bieten ſoll kein Theil bei des letztern Lebenszeit Feſten er⸗ bauen. Erheben ſich in dieſem Spruche noch Zweifel und Bedenken, ſo behaͤlt der Roͤm. Koͤnig die Auslegung daruͤber ſich ſelbſt vor. Des Spruches Verletzung in irgend einem Punkte ſoll mit einer Strafſumme von zehntauſend Mark gebuͤßt werden, der Spruch aber dennoch in Kraft bleiben. In dieſe Strafe fol der König auch verfallen, wenn er nicht binnen zwei Monden dem Orden die Burg Jeßnitz wieder einraͤumt. So der königliche Ausſpruch, den der Orden fo guͤnſtig kaum hatte hoffen dürfen. 2 Die Polniſchen Bevollmächtigten waren erftaunt über den Spruch, ſo daß der Erzbiſchof von Gneſen nicht dahin zu bringen war, das Dokument daruͤber aus der koͤnigli⸗ chen Kanzlei in Empfang zu nehmen und ſeinem Herrn zu uͤberſenden.) Nichts aber übertraf den Zorn des Königes, als er, eben in Litthauen beim Großfuͤrſten, den Inhalt des Ausſpruches dort vernahm, denn Beide „haͤtten ſich eher des Todes verſehen als einer ſolchen Entſcheidung.“ “) 1) Die näheren Beſtimmungen in der Urkunde. 8 2) Der Ausſpruch, d. Wratislavjae an. 1420 sexta die Januar. im Fol. C. p. 175, Fol. F. p. 17, zum Theil Schbl. 65. 41, ge druckt bei Dogiel T. IV. p. 105, Baczko B. III. S. 157. Preuſſ. Samml. B. III. S. 645, Dlugoss. p. 412 — 413. Windeck I. c. p- 1135 hatte die Verhandlungen nur unvollſtaͤndig und unverſtändlich, weshalb fie Mencken nicht mittheilt; in der angeführten Zeugenangabe ſind viele Namen verſtuͤmmelt. 3) Darüber ein Notariatsinſtrument, d. XII mensis Januar. 1420 Schbl. 76. 10. Dlugoss. p. 414. 4) Diugoss, p. 415,
Scanseite 381 · Druckseite 368
368 Der Ausſpruch zu Breslau. (1420.) Alles Vertrauen auf den Rom. König war gecaͤuſcht; alles, was ihm dieſer mit Hand und Mund eidlich zugeſagt, hatte er, wie der von Polen behauptete, gebrochen. ) Eiligſt ſandte er Boten nach Breslau, dem Rom. Könige zu er⸗ klaͤren: Der Ausſpruch errege ſeine tiefſte Betruͤbniß; keine feiner Verſprechungen habe der König erfuͤllt; es bringe ihm Schmach, daß er laut des Ausſpruches die Abtretung und alles andere eher erfuͤllen ſolle als der Orden; das Haus Slotorie, auf diebiſche Weiſe vom Orden gebrochen, ſey nie ein Raubhaus geweſen; ſchmachvoll ſey ihm dafuͤr eine ſo geringe Summe ausgeſetzt; ſo viel Geld habe er ſelbſt noch im Schatze, um es wieder aufzubauen; man habe ihm Land und Geld abgeſprochen, was ihm der Or— den ſelbſt angeboten. Alſo habe der Roͤm. Koͤnig nicht Friede geſchaffen, ſondern vielmehr blutige Schwerter zwi⸗ ſchen beide Theile geworfen; jetzt muͤßten alſo er und der Großfuͤrſt ihre Schaͤtze, die ſie gerne gegen die Unglaͤubigen verwendet, durch neue Verbindungen mit dieſen zur Be— ſchuͤtzung und Wiedererlangung ihres väterlichen Erbes ge⸗ brauchen. 2 Zur Begegnung dieſer Vorwuͤrfe ließ Sigismund be⸗ ſonders zwei Punkte hervorheben, um ſich in einer weit laͤuftigen Eroͤrterung uͤber den ganzen Hergang der Dinge gegen den König zu rechtfertigen, zuerſt daß er als erwaͤhl⸗ ter Schiedsrichter nicht Friede hergeſtellt, ſondern blutige Schwerter zwiſchen beide Theile geworfen, und dann daß er gegen Vertraͤge, Verſprechungen und Eid gehandelt habe.) Er wies aus vielen Dokumenten über Vertrage und Friedensſchluͤſſe fruͤherer und neuerer Zeit die Gruͤnde nach, warum ſein Ausſpruch nicht anders habe geſchehen 1) Erklärung der Poln. Geſandten im Fol. C. p. 220; Bericht Schbl. XXI. 5, Diugoss. p. 415, 2) Erklär. der Poln. Geſandten a. a. O. Dlugoss. p. 416, 3) Dieß waren die beiden Punkte, von denen Sigismund ſagt: gue multam nobis molestiam intulerunt.
Scanseite 382 · Druckseite 369
Der Ausſpruch zu Breslau. (1420.) 369 können; ) er zeigte, wie genau er durch Vorlegung einer großen Zahl von Klagpunkten, die ihm die Polniſchen Be⸗ vollmächtigten theils früher, theils jetzt zu Breslau mitge: theilt und als Anfprüche wider den Orden geltend gemacht hätten, vor dem Ausſpruche über alle Berhältniffe unter⸗ richtet geweſen fey.? Ueberhaupt konnte ſich Sigismund gruͤndlicher und vollkommener nicht rechtfertigen, als es durch die Schrift geſchah, die er dem Koͤnige von Polen zuſandte, jedoch nicht ohne eine ernſtliche und nachdrucksvolle Zurecht⸗ weiſung und Vermahnung uͤber ſeine kriegeriſchen Abſichten und Drohungen. „Es lautet ſchlecht in den Ohren jegli⸗ ches getreuen Chriſten,“ ſchrieb er ihm, „wenn euere Ge— ſandten erklären, ihr muͤßtet euch mit den Unglaͤubigen ver⸗ binden, um euer vaͤterliches Erbtheil zu vertheidigen; dazu dringt keine Noth, wenn ihr nur unſern mit ſo wichtigen Gruͤnden und mit Beirath fo großer Maͤnner gefaßten Spruch annehmen wollt. Wir mahnen und bedeuten euch pflichtgemaͤß, denkt nicht an ſolcherlei und laſſet es nicht von den euern ſagen, denn es gereicht euerer Ehre, die wir ſo gerne foͤrdern, zu großem Nachtheil. 9 Der König empfing jetzt Sigismunds Geſandten Eil« ter und gelaſſener. Sie erhielten die Antwort: dem Rom. Koͤnige zu Gefallen wolle er die Straßen frei machen und das Haus Jeßnitz dem Orden raͤumen, der andern Punkte wegen aber Geſandte an den Roͤm. Koͤnig ſchicken.) Sie erſchienen bald mit dem Geſuche einer ſolchen Graͤnzbeſtim⸗ mung zwiſchen Polen und den Ordenslanden, daß Neſſau, die drei Doͤrfer in Kujavien, die Burgen Drieſen und 1) Fol. C. p. 114 — 194, wo die Urkunden vollſtändig mitgetheilt ſind; viele waren vom jetzigen Könige ſelbſt. 2) Dieß alles ſehr ſpeciell und weitläuftig im Fol. C. p. 195 — 1583 die Anſprüche auf die oft erwähnten Landgebiete p. 169, die For⸗ derungen der Poln. Biſchöfe p. 170. 3) Fol. C. p. 178. Dlugoss. p. 421 — 422. 2) Darüber ein Notariatsinſtrument, d. in sluba maiori casiri Isleza Craeovien. dioc. XVII Febr. 1420 Fol. C. p. 178 — 179, = 24
Scanseite 383 · Druckseite 370
370 Der Ausſpruch zu Breslau. (1420.) Santock der Krone Polen zufallen, der Memel: Strom die Hauptgraͤnze und alfo auch dort ein anſehnlicher Landſtrich noch ein Zubehoͤr Samaitens ſeyn ſolle u. ſ. w.) Auch der Biſchof von Poſen ſuchte durch mancherlei Vorſchlaͤge bei Sigismund einige wichtige Veranderungen und Verbeſ⸗ ſerungen im Ausſpruche zu bewirken; man bot alles auf, um den König zu guͤnſtigeren Beſtimmungen für Polen zu gewinnen. Er erklaͤrte jedoch beſtimmt, daß er ohne an⸗ derweitige Vollmacht keine Aenderung vornehmen duͤrfe und die paͤpſtlichen Legaten ſtimmten darin bei. So gingen die Polniſchen Geſandten unbefriedigt von dannen. © Mittlerweile hatte ſich die Stellung des Ordens zum Könige und Großfuͤrſten merklich verändert. Da aus Lit⸗ thauen Nachricht kam, daß man dort allgemein den Frie⸗ den wuͤnſche, weil man überall Klagen erhebe, das Land gehe unter den fortdauernden Unruhen ganz und gar zu Grunde und verarme taͤglich mehr,“ ſo knuͤpfte der Hoch⸗ meiſter mit Witowd neue Unterhandlungen an, um durch ihn auch auf den König einzuwirken.“ Allein er taͤuſchte ſich, denn bereits waren zwiſchen beiden Fuͤrſten ganz an⸗ dere Plane berathen und beſchloſſen. Um nicht die im Aus: ſpruche beſtimmte Geldſtrafe zu verwirken, eilte jetzt der Kb: nig dem Komthur von Schwez die Burg Jeßnitz uͤbergeben zu laſſen, 9 ließ auch ſofort in feinem Reiche verkuͤndigen, daß er den vom Roͤm. Könige gebotenen Frieden annehmen und aufrecht halten, auch die Handelsſtraßen überall frei 1) Das Nähere im Fol. C. p. 179. 2) Dlugoss. p. 424 — 425. 3) Schr. des Livländ. Meiſters an den HM. d. Riga am F. nach Purif. Mar. (1420) Schbl. X. 105. 4) Schr. des HM. an Witowd, d. Marienb. am T. Purif. Mariä 1420 Rgſtr. V. p. 7. 5) Schr. des Januſſius Brzozoglow Hauptmann von Bidgoſt an d. Komthur v. Thorn, d. Bidgostia die dom. Reminiseere 1420 Schöl. XXI. 2. Notariatsinſtrument uͤber die Uebergabe der Burg, d. Schwer X mensis Maii 1421 Schbl. 51. 15.
Scanseite 384 · Druckseite 371
* Verhandlungen wegen des Ausſpruchs zu Breslau. (1420.) 371 geben wolle.!) So ſcheinbar nachgiebig der Koͤnig. Der Großfuͤrſt dagegen, jetzt die Rolle des Trotzigen ſpielend, trat dem Ausſpruche zu Breslau wie grimmig erzuͤrnt ent⸗ gegen, legte dem Roͤm. Koͤnige in einem langen Schreiben die Gruͤnde vor, warum er ſich dem Spruche auf keine Weiſe fügen könne, denn offenbar nur zu Gunſten des Ordens abgefaßt, ſey er zugleich ein ebenſo offenbarer Be⸗ weis der Mißgunſt und Ungnade des Koͤniges gegen ihn; die Entſcheidung wegen Samaiten ſey durchaus ungerecht; dieß Land ſey ſein vaͤterliches Erbtheil ebenſo wie Litthauen, mit dem es ſtets auch eins geweſen, wie Sprache und Be- wohner, ja ſelbſt der Name es deutlich auswiefen. 2 Wenn der König vorgebe: man dürfe dem Orden dieſes Land nicht abſprechen, weil er es mit Schweiß und Blut erworben gehabt, ſo ſey er unrichtig belehrt, denn der Orden habe ſich deſſen mit Gewalt bemaͤchtigt, und wenn er es einige Zeit beſeſſen habe, ſo ſey dieß mit ſeinem Willen geſche⸗ hen. Ueberhaupt habe der König bei feinem Richterſpruche nicht erwogen, daß die Kreuzherren nur Fremdlinge und Ankommlinge aus Deutſchland ſeyen, die ſich Preuſſens be⸗ maͤchtigt und jetzt ſich erkuͤhnten, rechtmaͤßige Erbherren und Beſitzer mit Gewalt aus ihren Landen und Graͤnzen zu ver⸗ draͤngen. Da er ſelbſt ſich nie auf des Koͤniges Ausſpruch berufen habe, auch ſein Siegel nicht an der Berufungs⸗ urkunde haͤnge, fo möge der König den druͤckenden Aus: ſpruch ändern und verbeſſern; doch wie es auch komme, er werde auf keinem Falle aus ſeinen Graͤnzen und Landen weichen. Der Röm. König indeß antwortete dem Groß⸗ fürften auf eine ebenſo nachdruͤckliche als wuͤrdige Weiſe: 1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn Dienft, nach Nemi⸗ nifc, (1420) Schbl. XXI. 8. 2) Witowd bewies dieſes durch die oben B. IV. S. mirgetheilte Stelle aus feinem Schr. an den Rom. König 3) Diefes Schr. Witowds an d. Rom. König, d. in euria vona- lionis Bersti feria II post dom. Oculi 1420 in cinem Notariatsinſtru⸗ ment im Fol. C. p. 180 — 187 u. in Abſchrift Schl. „II. 90. * 11 Anmerk. 2; * ai
Scanseite 385 · Druckseite 372
372 Verhandlungen wegen des Ausſpruchs zu Breslau. (4420.) Gunſt und Mißgunſt habe bei feinem Ausſpruche keinen Einfluß gehabt; es ſey des Koͤniges und des Großfuͤrſten Schuld, wenn ſie von ſeiner bruͤderlichen Zuneigung mehr erwartet hätten, als Recht und Gerechtigkeit geſtattet; nur dieſe ſeyen ihm Richtſchnur geweſen; am meiſien befremde ſeine Klage wegen Samaiten, welches er ja ſelbſt im Thorner Frieden mit eigener Einwilligung nach feinen Tode dem Orden zugefprochen habe u. ſ. w.!) Mittlerweile ließ auch der Koͤnig von Polen nichts un⸗ verſucht, um theils einigen Punkten des Ausſpruches eine andere Deutung zu geben, theils andern ihre rechtsguͤltige Kraft zu nehmen. Der Hochmeiſter wandte ſich daher mit der Frage an Sigismund: ob der Orden ſich an den Spruch noch binden ſolle, da ihn der Koͤnig in mehren Punkten gar nicht weiter beachte? Alle in Breslau noch verſam— melte Fuͤrſten riethen dem Meiſter wohlmeinend, der Orden möge den Spruch aufs puͤnktlichſte erfüllen, zumal in Ent⸗ richtung der Geldſumme; der Vortheil werde auf jedem Falle auf der Seite des Ordens ſeyn. “ Allein je eifriger jetzt der Hochmeiſter darauf bedacht war, dieſem Rathe zu fol: gen, um fo mehr lauerte der König auf irgend eine Gele— genheit, ihn der Nichterfuͤllung des Spruches zu beſchuldi— gen. Und ſie war bald gefunden, denn als am feſtgeſetzten Tage die Zahlung der erſten Hälfte der erwähnten Geld— ſumme zu Thorn erfolgen ſollte, erſchienen zwar die vom Könige zum Empfange ernannten Bevollmächtigten, aber nur mit unvollſtaͤndiger und mangelhafter Vollmacht; ſchon dieſes ſchien bedenklich. Als dann der Komthur von Thorn 1) Schr. des Rom. Königes an Witowd, d. in opido nostro Greiz X mensis Maii (1420) Fol. C. p. 1883 beſſer als es hier geſchah, konnte Witowds Uebermuth nicht zuruͤckgewieſen und feine Anmaßungen widerlegt werden. 2) ueber dieſe Sendung des Komthurs von Schlochau ein Nota⸗ riatsinſtrument, d. Wratislav. XXV mensis Merli 1420 Fol. C. p. 185 — 186; Schr. des Komthurs an den HM. d. Breslau am T. Annuntiat. Mariä 1420 Schbl. LVIII. 22.
Scanseite 386 · Druckseite 373
Verhandlungen wegen des Ausſpruchs zu Vreslau. (1120) 373 die Zahlung leiſten wollte, den groͤßten Theil in Gold, das Uebrige in Silber, weil nicht hinreichend Gold zuſammen⸗ zubringen geweſen war, erklaͤrten die Bevollmaͤchtigten, ihre Vollmacht laute nur auf Gold, keineswegs auf Silber; keiner von des Komthurs Vorſchlaͤgen, die Sache anders auszugleichen, ward von ihnen angenommen. Sien zogen eiligſt hinweg!) und der König hatte erreicht, was er da— bei beabfichtigt, 2 denn er kam alsbald beim Roͤm. Koͤnige mit der neuen Klage ein, daß der Orden den ihm ſo guͤn⸗ ſtigen Spruch nicht einmal zu erfüllen ſuche, da die be- ſtimmte Geldſumme am feſtgeſetzten Tage zu Thorn ſeinen Bevollmächtigten nicht ausgezahlt, wohl aber aus dem Or- densgebiete von neuem Feindseligkeiten gegen fein Reich ver: uͤbt ſeyen. Dazu haͤufte er noch mancherlei andere Verbre⸗ chen und Miſſethaten, wodurch der koͤnigliche Spruch, wie er vorgab, vom Orden auf gewiſſenloſe Art verletzt und ge- brochen ſey. ) Allein auch dieſer Verſuch, ſich des laͤſtigen Richterſpruches wo moͤglich zu entledigen und die auf ihm ſelbſt laſtende Schuld auf den Orden zu waͤlzen, ſchlug dem Könige fehl, denn Sigismund, bereits vom Hochmeiſter von allem genau unterrichtet, d antwortete ihm in kaltem Tone: die neuen Beſchuldigungen gegen den Orden ſeyen alle unerwieſen und unzulaͤnglich; über den Hergang bei der Zahlung zu Thorn habe er genaue Nachrichten, die den Or⸗ den aufs vollkommenſte rechtfertigten; alſo rathe er, die Zahlung ohne weiteres anzunehmen.“) Da lenkte der Ke I) ueber dieſe Vorgänge in Thorn ein Notariatsinſtrument, dal. Thorun XX die mensis April. 1420 Schbl. 65. 45. Fol. C. p. 191 192. Plug oss. p. 427, 2) Wie ſelbſt Diugoss. p. 428 geſteht. 3) Schr. des Königes v. Polen, d. in Bresch sabbato proximo post festum b. Marci evang. 1420 Fol. C. p. 189, Abſchrift Schbl. XXI. 13 u. XXI. 11. 4) Schr. des HM. an den Rom. König Rgſtr. V. p. 90, 5) Schr. des Rom. Königes an den v. Polen, d. in opido nostro Gretz X mensis Maii (1420) Fel. C. p. 189,
Scanseite 387 · Druckseite 374
374 Huſſitiſche Ketzerei. (1 20.) nig ſchlau wieder ein, denn als der Hochmeiſter ihn nun aufſorderte, zum Abbrechen der Mühle bei Luͤbitſch feine Commiſſarien zu ſenden, überließ er es dem Meiſter ſelbſt, nach feiner Kenntniß der Oertlichkeit die noͤthigen Anord⸗ nungen über die alten Ufer zu treffen D und ſandte bald dar⸗ auf auch neue Bevollmaͤchtigte, das Geld in Thorn in Em⸗ pfang zu nehmen.) Waͤhrend deß beſchaͤftigte den Hochmeiſter ein eigener Streit mit dem Biſchofe von Pomeſanien. Hie und da nämlich zeigten ſich auch in Preuſſen ſchon Spuren der Huſſitiſchen Ketzerei. Die Buͤrger von Gilgenburg klagten zuerſt bei ihrem Komthur, daß ihr Pfarrherr ketzeriſche Huf- ſitiſche Lehren dem Volke von der Kanzel verfündige, Auf die Meldung bei dem Hochmeiſter erhielt der Komthur von dieſem den Befehl, den Angeklagten in Verhaft zu neh- men.) Es geſchah; der Pfarrherr ward dem Biſchofe von Pomeſanien uͤberliefert, der jedoch ſofort den Komthur und die Gilgenburger Buͤrger in den Bann erklaͤrte, weil ſie durch die Anklage und Gefangennehmung des Pſarrers in das geiſtliche Recht eingegriffen, wozu noch kam, daß die⸗ ſer in der vom Biſchofe angeordneten Unterſuchung die Be⸗ ſchuldigung für unwahr erklärte und eidlich betheuerte, daß er nie eine ketzeriſche Irrlehre weder gehegt noch verkuͤndigt habe. Die Sache machte im ganzen Lande um ſo mehr Aufſehen, da ſelbſt die oberſten Landesherrſchaften deshalb in ein eigenes Verhaͤltniß zu einander traten, 9 denn da der 1) Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Graudenz Freit. vor Vocem Jocundit. 1420 Rgſtr. V. p. 11. Antwort des Königes Schbl. XXI. 14. 2) Vollmacht des Koͤniges, d. in Radoschize in vigilia s. Laurent. 1420 Schbl. XXI. 20. Schbl. 65. 46; Quittung des Königes über 12,560 Unger, Gulden Schbl. XXI. 16. Schbl. 65. 56. Fol. C. P. 193. 3) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Oſterode Mont. nach Re⸗ miniſc. (1420) Schbl. LVIII. 25. 4) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Neidenburg Donnerſt. vor Judica (1420) Schbl. LVIII. 24.
Scanseite 388 · Druckseite 375
Huſſitiſche Ketzerei. (1420-) 375 ef auch alle die mit dem Banne belegte, die durch Rath und That zur Verhaftung des Pfarrherrn mitgewirkt, ſo traf der bifchöfliche Bann eigentlich auch den Hochmei⸗ ſter, der die Gefangenſetzung befohlen hatte. Zwar ward der aͤrgerliche Zwiſt bald wieder beigelegt, indem man dem Biſchofe vorſtellte, daß in dem Verfahren der Gilgenburger ja nur die loͤbliche Abſicht dargelegt ſey, aufkeimende Irrleh⸗ ren im Lande nicht aufwachſen zu laſſen, ſondern ſogleich mit der Wurzel auszurotten, wodurch er ſich bewegen ließ, den Bann wieder aufzuheben.) Allein der Hochmeiſter fand doch für nothwendig, die Magiſtrate mehrer Staͤdte auf das immer weiter greifende Uebel der Huſſitiſchen Ketze⸗ rei aufmerſam zu machen und zugleich ſie aufzufordern, darauf zu wachen, daß von fremden Landen her die Irr⸗ lehre ſich nicht auch in Preuſſen einſchleiche und wenn dieß geſchehe, ſie ſofort zu vertilgen. Beſonders erging dieſe Mahnung an den Magiſtrat in Thorn, und nicht ohne be- ſondern Anlaß, denn es war bereits bekannt, daß der Koͤ⸗ nig von Polen nicht abgeneigt ſey, die Huſſiten gegen dic Verfolgungen in Schutz zu nehmen. ? Wie dieſes Uebel aber den Seelen Verderben drohte, ſo erlitt das Land um dieſe Zeit ebenſo wie andere Länder einen großen Menſchen⸗ verluſt durch eine ſchreckliche Seuche, die es nach allen Richtungen durchzog. 9 Mittlerweile trat im Orden in Deutſchland eine nach⸗ mals auch fir Preuſſen hoͤchſt wichtige Veraͤnderung ein. Da der bisherige Deutſchmeiſter Dieterich von Weitershau 1) Schr. des Ordensmarſchalls, d. Königsberg Freit. vor Oſtern (1420) Schbl. LVIII. 26, am vollſtändigſten über die Sache ein Schr. des Biſchofs von Pomeſanjen an den Kaplan des HM. o. D. Schb! LVIII. 27. 2) Schr. des HM. an den Bürgermeifter und Rath von Thorn, d. Stubm Donnerft. nach urbani (1420). 3) Rufus Chron. bei Detmar B. II. S. 913.
Scanseite 389 · Druckseite 376
376 Huſſitiſche Ketzerei. (1420.) fen ) bei dem von Jahr zu Jahr immer mehr ſinkenden Wohlſtand des Ordens und der immer zunehmenden Ver⸗ armung der Balleien ſich dem ſchweren Meiſteramte nicht mehr gewachſen glaubte, ſo hatten bereits im Winter des vorigen Jahres auf ſeine Bitte die vornehmſten Landkom⸗ thure der Deutſchen Balleien beim Hochmeiſter darauf an⸗ getragen, ihn ſeines Amtes zu entlaſſen und entweder den Komthur von Mergentheim Johann von Frankenſtein oder den Komthur zu Heilbron Eberhard von Saunsheim zum Deutſchmeiſter zu ernennen.? Die bedenklichen Verhaͤlt⸗ niſſe des Ordens erlaubten erſt im April dieſes Jahres, den alten Meiſter feines Amtes zu entbinden und es dem zu⸗ letzt genannten Komthur Eberhard von Saunsheim zu uͤber⸗ tragen.) So dankbar fi) aber der Hochmeiſter gegen den alten verdienten Deutſchmeiſter durch eine hoͤchſt anftändige Verſorgung im Komthuramte zu Mainz zeigte, ſo wenig war er doch zu bewegen, das ungluͤckliche Schickſal des al⸗ ten Hochmeiſters Heinrich von Plauen zu erleichtern, denn auf die wiederholte Bitte ſeines Vetters Heinrichs von Plauen Herrn zu Gera, den alten Meiſter endlich doch fei- ner harten und ſchweren Gefangenſchaft zu entlaſſen und ſeinen Bruder, den ehemaligen Komthur von Danzig unter ſicherem Geleite eine Reiſe nach Preuſſen zu geſtatten, um 1) Er ſchreibt feinen Namen ſelbſt Wittirshuſen, ſtammte aber aus der Rheiniſchen Familie Weitershauſen; vgl. Lindenblatt S. 311. 2) Schr. der Landkomthure in Deutſchland an den HM. d. Frankfurt Samſtag nach Andrea 1419 Schbl. Deutſchmeiſt. ur. 62 ; als Landkomthure nennen ſich hier: Franz von Wildenſtein Komthur zu Ellingen, Statthalter der Ballei in Franken, Albrecht von Witzleben Landkomthur zu Thüringen, Ywan von Cortenbach Landkomth. zu Bießen, Sweder Kobing Landkomth. zu Utrecht, Peter v. Espelbach Komthur zu Marburg, Friederich von Bronsbach Land⸗ komth. zu Lothringen, Hermann Keppel Landkomth. zu Weſtphalen. 3) Die Entlaſſung des alten Ocutſchmeiſters, die Beſtätigung Eber⸗ hards von Saunsheim als deſſen Nachfolger u. die Verſorgung des er⸗ ſtern, d. Marienb. Dienſt. nach Quaſimodogen. 1420 Agſtr. V. p. 85 — 88. Dictcrich von Weitershauſen lebte noch im J. 1432, wonach Bachems Angaben in der Chronolog. der HM. S. 38 zu verbeſſern find.
Scanseite 390 · Druckseite 377
Drohende Stellung Witowds. (1420.) 377 fo manches, was ihn und den alten Meifter betreffe, leich⸗ ter ausgleichen zu können, D gab er die Antwort: nach Berathung mit feinen Gebietigern finde er die Zeitläufte noch keineswegs der Art, daß fuͤr des alten Meiſters Befreiung fuͤglich etwas geſchehen könne; es ſey ihm aber bisher und ſolle ihm auch forthin an Speiſe, Getraͤnk und aller Nothdurft behagliche Güte erzeigt und alles dargereicht werden; ſeinem Bruder habe man mit bisher beiſpielloſer Nachſicht gegen ſein großes Verbrechen erlaubt, in die Bruͤ⸗ derſchaft wieder einzutreten unter Vorbehalt einer Buße; wolle er dem folgen, ſo beduͤrfe es weder Geleitsbriefes noch ſonſtiger weiterer Verhandlung. War wirklich der Hochmeiſter von der Schwere des Verbrechens und von dem Plane der Plauen zur Verraͤtherei gegen den Orden uͤberzeugt, ſo mußte er es unter den jetzi⸗ gen Zeitverhaͤltniſſen allerdings wohl ſehr bedenklich finden, ihnen in dem gerade jetzt ſo ſehr gefaͤhrdeten Ordensgebiete eine freie Wirkſamkeit zu geſtatten, denn nur zu haͤufig ward er gemahnt und gewarnt, wie Witowd immer noch voll Zorn und Unzufriedenheit wegen des Breslauer Aus: ſpruches alles daran zu ſetzen entſchloſſen ſey, ſeinen ihn betreffenden Inhalt nicht in Ausfuͤhrung kommen zu laſſen, wie er ſich fort und fort ruͤſte und der Koͤnig von Polen ihn durch Zuſendung von Kriegsmannſchaft kraͤftig unter⸗ ſtuͤtze.) Um ſo erwuͤnſchter kam daher gerade jetzt dem Hochmeiſter die Nachricht, daß Herzog Switrigal, der ſich im vorigen Jahre zu Kaſchau mit dem Koͤnige von Polen ausgeſohnt, » entſchloſſen ſey, nach Preuſſen zu kommen, 1) Schr. Heinrichs v. Plauen, Herrn zu Gera an d. HM. d. zu Burg Mont. nach Invocav. 1420 Schbl. LXIX. 55. 2) Schr. des HM. an Heinr. v. Plauen, Herrn zu Gera und Heinr. Reuß v. Plauen Herrn zu Greitz, d. Marienb. Mont nach Qua⸗ ſimodog. (1420) Noftr. V. p. 83. 3) Schr. des Komthurs v. Brandenburg, d. Guben Donnerſt. nach Pfingſt. 1420 Schl. IV. 96. u. IVI. 23. 4) Bericht des Komthurs v. Thorn aus Kaſchau Schr. VII. 92.
Scanseite 391 · Druckseite 378
378 Drohende Stellung Witowds. (1420.) um von da aus mit der Macht der Waffen vom Großfür- ſten fein vaͤterliches Erbe zu fordern. Er ſandte ihm nicht nur alsbald einen ſicheren Geleitsbrief entgegen, mit dem Auftrage an den Vogt der Neumark und den Komthur von Schlochau, den Fuͤrſten mit aller freundlichen Zuvorkom⸗ menheit aufzunehmen, Y ſondern er verſprach ihm auch, ſobald er ins Land komme, ihm mit aller moͤglichen Huͤlfe beizuſtehen und alle Verbindlichkeiten zu erfuͤllen, wozu er ſich ihm früher mit Hand und Mund verpflichtet.) Ge: gen Witowd alſo mußte ſich der Hochmeiſter auf jede Weiſe zu ernſten Dingen vorbereiten. Der Ordensritter Walrabe zu Hunsbach ward ſofort nach Deutſchland entſandt, um neue Ordensbruͤder aufzunehmen und herbeizuführen; ) an der Graͤnze Maſoviens wurden die Ordensburgen fo viel als möglich in wehrhaften Stand geſetzt; das dem Dr: den in dem jaͤmmerlichſten Zuſtande uͤbergebene Haus Jeß⸗ nitz wurde durch Zuſchuͤſſe und Beiſteuern der Gebietiger neu befeſtigt und mit allen Beduͤrfniſſen verſorgt.) Auch Neſſau erhielt eine ſtaͤrkere Beſatzung, beſſere Befefligung und den noͤthigen Kriegsbedarf; “ ebenſo die unter den ob⸗ waltenden Verhaͤltniſſen am meiſten bedrohte Burg Memel, wohin man eine ungleich zahlreichere Beſatzung ſandte. Das dortige kriegspflichtige Landvolk verſah man zugleich mit den noͤthigen Kriegspferden.“ 1) Geleitsbrief für Herzog Switrigal, d. Marienb. am T. der heil. Dreifalt. 1420 Rgſtr. V. p. 13. 2) Schr. des HM. an Herzog Switrigal, d. Elbing Donnerſt. vor Margaretha 1420 Rgſtr. V. p. 19 — 20. 3) Schr. des HM. an die Ordensgebietiger, d. Mewe Dienſt. vor Petri u. Pauli 1420 Rgſtr. V. p. 95. 4) Schr. des Komthurs v. Soldau, d. Soldau Mont. nach Corp. Chriſti 1420 Schbl. XXI. I. 5) Verzeichniß daruͤber im Rgſtr. V. p. 126. 6) Schr. des Komthurs v. Neſſau, d. Freit. nach Viſitat. Mar. 1420 Schbl. XXI. 3. 7) Schr. des Hauskomth. v. Memel, d. Memel am T. Johannis 1420 Schbl. LVIII. 50. Verzeichniſſe im Rgſtr. V. p. 125.
Scanseite 392 · Druckseite 379
Kriegsereigniſſe. (1420-) 379 Da kam unerwartet als Bevollmächtigter des Roͤm. Koͤniges fein Rath und Kammerer Konrad von Winsberg in Preuſſen an, beauftragt, alle Mißhelligkeiten und Ir⸗ rungen, die den Frieden der drei Fuͤrſten noch behinderten, völlig zu beſeitigen. Den König ſollte er vor allem bewegen, die noch immer nicht bewirkte Ausgleichung wegen der drei Doͤrfer in Kujavien zu berichtigen und uͤberhaupt ihn fuͤr friedliche und milde Geſinnungen gewinnen. Desgleichen ſollte er eine Suͤhne zwiſchen dem Großfuͤrſten und dem Orden bewirken und deshalb einem Verhandlungstag zu Welun beiwohnen, woruͤber der Hochmeiſter mit Witowd bereits uͤbereingekommen war.“) Plötzlich indeß brach an den Polniſchen Graͤnzen das lange verſteckte Kriegsfeuer in helle Flammen aus. Der Beifriede hatte am S. Marga⸗ rethen-Tage kaum geendet, als ſich laͤngs der Graͤnze Po⸗ lens überall feindliches Kriegsvolk zeigte. Zuerſt beſchaͤf⸗ tigte es den Komthur von Neſſau nur durch einzelne Ueber⸗ fälle in fein Gebiet.) Bald jedoch wurden die Angriffe ernſter und blutiger, denn nachdem der Koͤnig dem Orden den Frieden foͤrmlich aufgekuͤndigt, warfen ſich immer groͤ⸗ ßere Heerhaufen mit Raub und Brand ins Land. Die Burg Golub ward umlagert, mehrmals beſtuͤrmt und nach⸗ dem ein Thurm vom Feinde gewonnen war, mit vierzehn Stück ſchweren Geſchuͤtzes Tag und Nacht beſchoſſen. Ein großer Theil Kulmerlands wurde verheert und verbrannt. Rheden, ſchwach beſetzt, konnte vom Ordensmarſchall kaum noch behauptet werden. Thorn war in der groͤßten Gefahr, denn die Burg war dort im Anfange dieſes Jahres groͤßtentheils abgebrannt und konnte der Stadt keinen Schutz gewähren. ?) 1) Schr. des Rom. Königs an den v. Polen, d. in castro nostro Pragensi in die Jacobi 1420 Schbl. XVII. 157. Eredenzſchreiben des Rom. Königs für Konrad v. Wineberg vom näml. Dat. Schbl. IV. 30. Fol. C. p. 193. 2) Schr. des Komthurs v. Neſſau, d. Neſſau Mont. Stephani 1420 Schbl. XXI. 4. 3) Schr. des Hauskomthurs von Thorn an d. Komthur v. Thorn,
Scanseite 393 · Druckseite 380
380 Kriegsereigniſſe. (1420.) Ueberhaupt hatte man ſich ſo wenig eines ſo ploͤtzlichen Be⸗ ginnes des Krieges verſehen und die Kriegsmacht des Or⸗ dens war gerade dort uͤberall ſo ſchwach, daß man ſich nirgends dem maͤchtigeren Feind entgegenſtellen konnte. Ei⸗ ligſt ward der Komthur von Brandenburg, damals noch in Deutſchland, beauftragt, aufs ſchleunigſte Kriegsvolk her⸗ beizufuͤhren.) Das Kriegsfeuer aber ging unterdeſſen wei⸗ ter, denn kaum hatte der Koͤnig das Schwert gezuͤckt, als auch der Herzog Johannes Senior von Maſovien zuerſt mit ernſten Forderungen um Auslieferung aller Gefangenen und Verguͤtung alles ſeit mehren Jahren ſeinen Unterthanen zu— gefügten Schadens auftrat 9 und bald darauf fein Kriegs— volk ins Gebiet des Komthurs von Oſterode einſtuͤrmen ließ, wo mehre Dörfer niedergebrannt, ein Eiſenwerk ver⸗ nichtet und die Burgen zu Soldau und Neidenburg mit ſolcher Macht bedraͤngt wurden, daß der Komthur eiligſt den Oberft - Spittler zu Huͤlfe rufen mußte, um die dorti⸗ gen Lande gegen den Feind ſchuͤtzen zu köͤnnen.“) Mittlerweile ruͤckte der verabredete Tag zu Welun her⸗ an. Der Hochmeiſter, obgleich ohne große Hoffnung auf gluͤcklichen Erfolg, begab ſich in Begleitung des koͤniglichen Erbkaͤmmerers Konrad von Winsberg nach der Memel hin⸗ d. nach Neujahrstag 1420 Schbl. LII. 55; er ſagt: man habe zwar nicht erfahren, wie das Feuer enkſtanden ſey, „aber fo wiſſet, das ir wol moget miſſedanken unsern bürgern us der aldenſtadt; der do vil und mancher off das Huws qwam gelewffen und doch keyne huͤlffe we⸗ der mit leitern adir eymern noch waſſer ezu huͤlffe qwomen adir das offgeloffene volk in dy Stad wedir trebin und ſelbir dy buͤrger lachende mit honiſchen reden beſpotten unſirn ſchaden. 1) Schr. des HM. an d. Komthur v. Brandenburg, d. Marienb. Donnerſt. nach Laurent. 1420 Schbl. XXI. 7. Schr. des Ordensmar⸗ ſchalls, d. Rheden Sonnt. vor Bartholomäi (1420). 2) Schr. des Herzogs Johannes v. Maſovien, d. Lomza Sonnt. Aſſumt. Mariä 1120 Schbl. XIX. 24, Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Raſtenb. Mittw. nach Aſſumt. Mar. 1420 Rgſtr. V. 2 3) Schr. des Komthurs v. Oſterode an d. Ordensſpittler, d. Nei⸗ deuburg Mittw. nach Nativit. Mar. (1426) Schul. XIX. 13, i
Scanseite 394 · Druckseite 381
Streitverhältn. mit Witowd u. d. König v. Polen. (1420.) 381 auf. Auch der Großfuͤrſt fand ſich in Welun ein, jedoch mit Forderungen, die auf keine Weiſe bewilligt werden konn⸗ ten: zuerſt eine Begraͤnzung Samaitens, die von dem Bres⸗ lauer Ausſpruche völlig abwich, dann die Abtretung des Landes und der Wildniß jenſeits der Memel auf ewige Zei⸗ ten an ihn und ſeine Nachkommen und endlich Vernichtung aller Dokumente und Briefe, die der Orden uͤber das Land beſitze. Auf die Anerkennung und Annahme des Breslauer Ausſpruches ließ ſich der Großfuͤrſt trotz aller Vorſtellungen des Meiſters weiter gar nicht ein. Alſo hatte der Tag auch keinen weitern Erfolg, als daß der Beifriede zwiſchen Wi⸗ towd und dem Orden abermals bis auf Margarethen-Tag des naͤchſten Jahres verlängert ward und fo kehrte nun auch Konrad von Winsberg unverrichteter Dinge zu ſeinem Herrn zuruͤck. U Den König beſchaͤftigte unterdeß ein anderer Plan, um ſich des Breslauer Spruches zu entledigen. Es gelang ihm durch einen mit reichen Geſchenken ausgeſtatteten Sendboten beim Papſt Martin zwei Bullen auszuwirken, die eine offen, die andere verſchloſſen.) In der letztern ward dem Meifter geboten, den Waffenſtillſtand mit dem Könige von Polen bis naͤchſten Margarethen-Tag aufs puͤnktlichſte zu beobach⸗ ten, damit waͤhrenddeß der Papſt Über des Koniges Klagen „wegen des vom Rom. Könige nichtig, ungerecht und Ar gerlich gethanen Ausſpruches“ ſich gruͤndlich unterrichten, zu Weihnachten beide Theile ihm ihre Streitſache vorlegen und er dann einen feſten Frieden zu Stande bringen koͤnne.“ I) Ueber die Verhandlungen im Rgſtr. V. p. 23 — 24; die Ver⸗ längerung des Beifriedens, d. Vor Welun Mittw. nach Nativit. Ma⸗ rid 1420 ebendaſ. p. 22. Fol. C. p. 193. 224. 2) Fol. C. p. 195. 3) Bulle des Papſtes, an den HM. gerichtet, d. Florentie Cal. Septemb. P. a. tertio; Transſumt Schbt. X. II. Fol. C. p. 1953 es iſt ein Mißverſtändniß dieſer Bulle, wenn Kotzebue B. III. S. 197 behauptet, der Papſt ſelbſt habe den Ausſpruch des Röm. Königs „nichtig, ungerecht, Aergerniß gebend und anmaßlich ausgesprochen ge⸗
Scanseite 395 · Druckseite 382
382 Streitverhaͤltn. mit Witowd u. d. König v. Polen. (1420.) In der andern Bulle erklaͤrte er, warum er nach des Rom. Koͤniges fruchtloſen Verſuchen zur Herſtellung des Friedens ſich als Oberhirte der Chriſtenheit und der Kirche oberſter Seelſorger aufgefordert und berufen fuͤhle, den Streit jetzt ſelbſt zu unterſuchen und die Parteien mit ihren Gruͤnden und Beweiſen vor ſein Gericht zu ziehen, um endlich Friede und Eintracht zu ſtiften. Alſo ward jetzt der Nom. Hof von neuem der Schauplatz der hadernden Parteien. Beide ſandten dahin Bevollmaͤchtigte, der Hochmeiſter die ſeinigen mit der Weiſung und der Bitte des Erzbiſchofs von Riga und der Prälaten ſeines Landes, alles aufzubieten, daß der Papſt auch feiner Seits den Breslauer Spruch beſtatige und auf dieſem Wege den Frieden bewirfe, 9 der König die ſei⸗ nigen mit dem gemeſſenen Auftrage, beim Papſt alle Mit⸗ tel in Bewegung zu ſetzen, daß „der mit Betrug, Unbil- ligkeit und Ungerechtigkeit gethane Ausſpruch als widerrecht— lich und unbillig widerrufen und vom Papſt fuͤr unguͤltig erklaͤrt werde,“ zugleich aber auch diejenigen Beweiſe und Rechte vorzulegen, nach welchen der Papſt eine andere Ent⸗ ſcheidung geben koͤnne.?) Der Hochmeiſter indeß, von die— ſem Auftrage bald unterrichtet, war daruͤber eben nicht in Sorgen, vorausſehend, daß der Papſt dieſen Schritt gewiß nannt.“ Der Papſt ſagt nur, man habe von ihm verlangt, per nos sententiam ipsam sic prolatam, tanquam notorie nullam, iniquam et scandala plurima parituram declarari. Buynald. Annal. eccles. an. 1420 or. 12. J) Dieſe Bulle des Papſtes, an niemand beſtimmt gerichtet, d. wie die vorige, Transſumt Schbl. X. 10, Fol. C. p. 195. 2) Notariatsinſtrument, d. Marienb. die secunda mensis Decemh. 1420 Fol. C. p. 197. Dem HM. kamen die päpſtl. Bullen fo ſpät zu, daß er nur einen Theil ſeiner Privilegien und urkundlichen Beweiſe mitgeben konnte. 3) Vollmacht des Königes für feine Geſandten, d. in euria Nye- polomice Cracovien. dive. XXIII Novemb. 1420 Schbl. XXI. 12 und Fol. C. p. 201. Unter den Geſandten war auch Paulus Wladiniri de- eretorum doctor, custos Cracoviensis.
Scanseite 396 · Druckseite 383
Streitverhaͤltniſſe mit dem Könige v. Polen. (1421.) 383 nicht wagen werde; ) auch wußte er bereits, daß Sigis⸗ mund dem Papſte die ernſtlichſte Ermahnung daruͤber hatte zukommen laſſen, die den Orden in jeder Weiſe ſicher ftell- te. Es erſchien auch wirklich bald eine neue Bulle, die dem Meiſter kund that, der apoſtoliſche Stuhl werde alles anwenden, auch mit Aufrechthaltung des Tractats den Frie⸗ den herzuſtellen; nur möge der Orden die äußere Ruhe nicht ftören, ſelbſt wenn er feine Rechte hie und da gekraͤnkt ſe⸗ he. “ Der König dagegen erhielt die Ermahnung, er moͤ⸗ ge, da er ſelbſt ſchon den Ausſpruch in mehren Punkten in Ausfuͤhrung gebracht und vom Orden auch bereits eine ge⸗ wiſſe Geldſumme erhalten habe, mit Eifer dahin wirken, daß auch Witowd dem Spruche Folge leiſte und gegen den Orden ſich friedlich verhalte.) Eine aͤhnliche Ermahnung erließ der Papſt auch ſelbſt an dieſen. “) Vorerſt indeß ruhte die Streitſache am paͤpſtlichen Hofe ſelbſt noch bis in den Anfang des Jahres 1421. Nur den erfreulichen Wink erhielt der Meiſter von dorther, daß er nach Laut der paͤpſtlichen Bulle keineswegs verpflichtet ſey, dem Konige die zweite Hälfte der im Breslauer Spruche beſtimmten Summe zu entrichten, bevor er und Witowd nicht ausdruͤcklich erklärten, daß fie den Ausſpruch für ge⸗ recht und gültig anerkennen wollten.) Bald jedoch ward beim Papſte fuͤr den Orden noch kraͤftiger gewirkt. Es war 1) Schr. des HM. an Konrad v. Winsberg, d. Stuhm Dienſt. nach Simon u. Juda 1420 Rgſtr. V. p. 106. 2) Schr. Konrads v. Winsberg an d. HM. d. Neuenburg Mont. nach Lucid 1420 Schbl. L. 29. 3) Bulle der Papſtes, d. Rome apud s. Peirum VIII Idus Decemb. b. a. IV. Fol. C. p. 197 0 4) Bulle des Papſtes an d. König v. Polen, d. wie die vorige, Fol. (. p. 198, Abſchriſt Schbl. XXI. 19. 5) Bulle des Papſtes an Witowd, d. wie die vorige, Fol. C. a 199. Schr. des Procurators, d. Rom am T. Thomä 1420 Schöl. 52. 6) Schr. des Procur⸗tors, d. Rom Sonnab. vor h. drei Könige 1421 Schbl. I. 130.
Scanseite 397 · Druckseite 384
384 Streitverhaͤltniſſe mit dem Könige von Polen. (1421.) dem neuen Deutſchmeiſter der Auftrag ertheilt, auf dem Reichstage zu Nuͤrnberg den Reichsfuͤrſten das Intereſſe des Ordens nochmals aufs dringendſte ans Herz zu legen.) Es geſchah, und der Erfolg davon war eines Theils ein Schrei⸗ ben der Kurfuͤrſten an den Papſt und das geſammte Kar⸗ dinal⸗Kollegium, worin ſie dieſe aufs dringendſte erſuchten, die Appellation des Polniſchen Koͤniges gegen den Spruch zu Breslau nicht anzunehmen, da er offenbar damit nur neue Umtriebe im Werke habe und nach Ablauf der Waffen⸗ ruhe doch gewiß wieder Krieg anheben werde;? andern Theils aber erhob jetzt auch der Nom. König die nachdruck⸗ vollſte Sprache gegen den Papſt: Er koͤnne ſich nicht genug wundern, wie der Koͤnig von Polen mit Witowd es wage, gegen ſeinen ſchiedsrichterlichen Ausſpruch am Roͤmiſchen Hofe eine ſo unangemeſſene Klage zu fuͤhren und ſich er⸗ kuͤhne, nicht nur ſeine, ſondern auch des Papſtes Ehre ſo ſchwer zu verletzen, zumal da er beim Ausſpruche ſowohl dem Rathe der paͤpſtlichen Legaten als dem der Kurfuͤrſten und der Fuͤrſten von Ungern und Boͤhmen gefolgt ſey und alles ſich auf die Einſicht von Beweisgruͤnden, Briefen und Urkunden des Königes ſelbſt, Witowds und deren Vorfahren ſtuͤtze; er habe in allem nur nach ſtrengſter Gewiſſenhaftig⸗ keit und Gerechtigkeit geurtheilt und muͤſſe demnach ſcine Heiligkeit aufs dringendſte bitten, in Ruͤckſicht auf die ge⸗ handhabte Gerechtigkeit des Koͤniges und Witowds Sach⸗ waltern weiter kein Gehör zu geben und ihnen Stillſchweigen zu gebieten, zugleich aber auch den rechtmäßig gethanen Spruch in Ruͤckſicht auf feine Ehre und Gerechtigkeit ſeiner Seits zu beftätigen. ? Seitdem ruhte der Streit am paͤpſt⸗ lichen Hofe von neuem bis in den Maͤrz dieſes Jahres, 1) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. Danzig Freit, vor Purif. Mariä 1421 gigſtr. V. p. 121. 2) Schr. der Kurfürſten an d. Papſt u. die Kardinäle, d. Bopar- die die prima Martii 1421 Fol. C. p. 214. 3) Schr. des Nom, Königes an d. Papſt o. D. im Fol, C. p. 215; Schr. des Procurators, d. Rom am T. Purif. Mariä 1421 Schbl. I. 91.
Scanseite 398 · Druckseite 385
Streitverhaͤltniſſe mit dem Könige von Polen. (1421.) 385 denn außerdem erlaubte auch felbft des Papſtes ſchmerzliche Krankheit, dann die in Rom ausbrechende Peſt, die Flucht des paͤpſtliches Hofes und manches andere Hinderniß noch nicht, die beiderſeitigen Bevollmaͤchtigten mit ihren Klagen und Beweiſen zu hoͤren.) Nun erhob ſich zwar bald, nach⸗ dem der Papſt einem Kardinal das Verhör der Parteien uͤbertragen, ein aͤußerſt heftiger Streit unter den beiderſei⸗ tigen Sachwaltern; es wurden eine Menge von Urkunden und alten Privilegien geprüft, denn jeder ſuchte durch weit⸗ laͤuftige Beweisfuͤhrungen wie ſchriftlich ſo muͤndlich das Recht ſeiner Partei aufs beſte zu bewaͤhren und zu erhaͤr⸗ ten.“ Als indeß der Papſt erklaͤrte: er wolle im Streit keineswegs als Richter verfahren, ſondern ſobald er die Rechte beider Theile kennen gelernt und gepruͤft, auf irgend ein Mittel denken, wie der Friede zu bewirken ſey, da ſah jeder ein, daß auch am paͤpſtlichen Hofe trotz alles Streitens und Gegenſtreitens keine Entſcheidung zu erwarten ſey, denn den Frieden von den Polen mit Opfern erkaufen, wie der Papſt ſie anrieth, wollten die Ordensbevollmaͤchtigten auf keine Weiſe. 9 Sobald indeß der König von Polen vernommen daß er auch am päpftlichen Hofe nicht zu feinem Ziele gelange, wandte er ſich ſchnell zu andern Mitteln. Zuerſt wurden in der Neumark allerlei Umtriebe angeſponnen. Gewiß nicht ohne des Koͤniges Weiſung verſolgten dort die nahegeſeſſenen Polniſchen Hauptleute insgeheim den Plan, ſich Falkenburgs zu bemaͤchtigen, um von einem feſten Punkte aus weiter ins Land vorzudringen, und unter dem fehde- und raub⸗ luſtigen Adel des Landes gab es immer noch ſolche, die ſich gerne an Polen anhingen und das Unternehmen befoͤrderten. Am gefaͤhrlichſten war die maͤchtige und weitverzweigte Familie 1) Schr. des Procurators Schbl. I. 91. 2) Diefe Streitſchriſten alle ganz ausfuhrlich im Fol. C. p. 202 233 21. 8) Ulber dieſe Streitverhandlungen ein weitläuftiger Bericht des Pros curators an d. HM. d. Rom Dienſt. zu Oſtern 1421 Schbl. I. 17, * ö 25
Scanseite 399 · Druckseite 386
3 386 Streitverhälmiffe mit dem Könige von Polen. (1421.) der Wedel, von denen Henning und Haſſe es auch wirlich uͤbernahmen, die Burg und Stadt Falkenburg in ihre Ge walt zu bringen und fie beim Ausbruche des Krieges dem Koͤnige zu uͤberliefern.) Noch zur guten Stunde aber ward dem Vogt der Neumark der geinze Plan verrathen; man ſandte ihm eiligſt Unterſtuͤtzung und es gluͤckte ihm, nicht nur ſeine Burgen mit zahlreicher Mannſchaft zu ver⸗ ſorgen, ſondern ſich auch der Stadt und des Schloſſes Neuwedel zu bemaͤchtigen.) So war dieſe Gefahr befei- tigt. Noch gefährlicher aber für den Orden drohte ein Buͤnd⸗ tiß, welches eben damals der neue Kurfuͤrſt Friederich von Brandenburg (der erſt vor kurzem eine Verlängerung des Beifriedens zwiſchen Polen und dem Orden hatte vermitteln wollen), ? um die Neumark mit feinen Landen wieder zu vereinigen, mit dem Könige von Polen und dem Großfuͤrßen gegen den Orden abgeſchloſſen hatte, worin man überein gekommen war: man wolle ſich in einem Kriege gegen die Kreuzherren gegenſeitig mit aller Macht unterſtuͤtzen, um ihnen die Landgebiete wieder abzugewinnen, die ſie der Krone Polen und der Mark Brandenburg entriffen hätten: * was man davon erobere, ſolle dem verbleiben, dem es zu— gehoͤre; was keinem von beiden gehöre, ſolle abgeſchaͤtzt und nach Verhaͤltniß der Kriegsmacht vertheilt werden. Niemand, weder der Papſt, noch irgend ein Fuͤrſt ſolle einen der Ver⸗ buͤndeten von der Leiſtung der Beihuͤlfe abziehen oder tren- nen koͤnnen. Keiner ſolle denen, die dem Orden zu Huͤlfe kommen oder ſich uͤberhaupt in deſſen Land begeben wollen, 1) Schr. des Vogts der Neumark an den HM. d. Schievelbein Sonnt. in Faſtnacht 1421 Schol. III. 51. u. ein anderes Schbl. XIV. 72. 2) Schr. des Vogts der Neumark, d. am T. Dorothea 1421 Schbl. XIV. 19, 3) Schr. des Koͤniges v. Polen an d. Markgrafen v. Brandenburg, d. Grodeck sabbato post Marcelli 1421 Schbl. XXI. 30. 4) Das Buͤndniß, heißt es, werde geſchloſſen contra cruciferos de Prusia inimicos nostros et terrarum nostrarum ac bonorum multor un vecupalores frivolos et pretensos.
Scanseite 400 · Druckseite 387
Streitverhaͤltniſſe mit dem Könige von Polen. (142:.) 387 Durchzug durch ſein Gebiet geſtatten. Werde die Burg Drieſen erobert oder irgendwie den Kreuzherren entriſſen, fo folle fie in des Koͤniges Beſitz kommen; über das Eigen⸗ thumsrecht auf die Burg wie uͤber Santok ſollten dann Schiedsrichter entſcheiden.) Der Koͤnig hatte den Kurs fuͤrſten auch dadurch an dieſes Buͤndniß zu feſſeln gewußt, daß er deſſen zweitem Sohne Friederich feine Tochter Hed⸗ wig zur Gemahlin zugeſagt, mit der Beſtimmung, daß, im Falle er ohne maͤnnliche Erben ſterbe, die Krone Polen an Hedwig und ihren Gemahl erblich übergehen ſolle. ? Ein Anlaß zum Kriege aber, worauf dieſes Buͤndniß berechnet war, ſchien ſich bald von ſelbſt darzubieten. Die Friſt der Zahlung der zweiten Hälfte der im Breslauer Spruche beſtimmten Geldſumme ruͤckte jetzt heran. So ſchwer es dem Hochmeiſter auch fiel,? fo hatte er doch alle Mittel aufgeboten, um die Summe aufzubringen. Als der Zahlungs⸗ tag erſchien, begaben ſich Bevollmaͤchtigte des Hochmeiſters nach Thorn. Dort fanden ſich auch die Sendboten des Kö: niges ein. Da traten aber die erſtern mit der Erklaͤrung auf: der Meiſter wolle auch jetzt durch Entrichtung der uͤbrigen Summe dem Breslauer Spruche, wie er ſchon fruͤher gethan, jetzt gerne puͤnktlich Folge leiſten; da er indeß be⸗ 1) Das Buͤndniß, d. Cracovie feria terlia proxima post domini- cam Misericord. dni 1421 im Fol, C. p. 259. 2) Die Urkunde des Kurfuͤrſten, d. wie die vorige im Fol. C. p. 200 z beide Urkunden in einem Transſumt im Fol. D. p. 240. Wir ha⸗ ben fie auch in einem Notariatsinſtrument, welches der Röm. König ans fertigen ließ. Für die Brandenburgiſche Geſchichte find fie von noch un⸗ gleich größerer Wichtigkeit. Vgl. Diugoss. p. 437 — 438. Gund⸗ ling Leben Friederichs I. S. 183; Lancizolle Geſch. der Bildung d. Preuſſ. Staats S. 293. 2) Schr. des Meiſters v. Livland, d. Riga Sonnab. vor Palmar. 1421 Schbl. X. 823 er ſchildert den Zuſtand Livlands Außerft jammer⸗ voll; überall Armuth, Mißwachs und Peſtilenz. Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. Marienb. am T. Lucia 1420 Rgſtr. V. p. 114. 9 die Beifteuer der Gebietiger in Preuſſen die Verzeichniſſe im Rgſtr. b. 138 — 140. 297
Scanseite 401 · Druckseite 388
388 Streitverhaͤltniſſe mit dem Könige von Polen. (1421.) nachrichtigt fen, daß der König den Spruch am paͤpſtlichen Hofe für nichtig, ungerecht und aͤrgerlich habe erklären laſſen und ihn aufzuheben ſuche, ſo koͤnne die Zahlung nur dann erſt erfolgen, wenn man vom Könige einen foͤrmlichen Wider⸗ ruf jener Erklaͤrung, eine Zuruͤcknahme feines Streites gegen den Spruch am päpftlichen Hofe und eine öffentliche Aner⸗ kennung deſſelben von Seiten des Großfuͤrſten aufweiſen werde. Die koͤniglichen Sendboten indeß erwiederten: ſol⸗ ches ſey nicht ihre Sache; ihr Auftrag laute nur, das Geld in Empfang zu nehmen. Alſo blieb die Zahlung eingeſtellt und die Geſandten ſchieden von dannen. Obgleich der Hochmeiſter ſich auch gegen den Koͤnig ſelbſt noch beſonders zur Entrichtung der Summe bereit er⸗ klaͤrte, ſobald man ihn nur ſicher ftelle, 2 fo war er doch nicht ohne große Beſorgniß, daß jener die Verweigerung der Zahlung ohne weiteres als Friedensbruch betrachten werde. Zwar trat der Kurfuͤrſt von Brandenburg bald wieder mit Unterhandlungen wegen Verlängerung des Beifriedens da⸗ zwiſchen; allein wenn ihm der Meiſter auch hoͤflichſt dank⸗ te,» fo konnte er zu ihm doch durchaus kein Vertrauen faſ⸗ fen; es war nur ein argliſtiges Spiel, welches der Kurfuͤrſt trieb.) Und ſah der Hochmeiſter nach Oſten hin, ſo ſchien der baldige Ausbruch eines Krieges faſt ganz gewiß, denn ſeit Witowd von der drohenden Gefahr der Tataren wieder mehr befreit war und der wankelmuͤthige Fuͤrſt Switrigal ſich friedlicher mit ihm geſtellt hatte, trat er jetzt trotziger A J) Daruͤber ein Notariatsinſtrument, d. Thorun die XXIII. men- sis April. 1421 Schbl. 65. 52 u. 53. 2) Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Marienb. Mont. vor Himmelf. 1421 Rgſtr. V. p. 37; Auftrag des HM. für einen Send⸗ boten Fol. D. p. 179 ff. 3) Schr. des HM. an den Markgrafen v. Brandenburg, d. Mar, Dienſt. vor Himmelf. 1421 Rgſtr. V. p. 149. 4) Wie Diugoss. P. 438 auch ausdruͤcklich ſagt. 5) Schr. des Komthurs von Duͤnaburg an den Livland. Meifter d. Duͤnaburg Mont, nach Quaſimodogen. 1421. Schbl, XVII. 97.
Scanseite 402 · Druckseite 389
Streitverhältniffe mit dem Könige von Polen. (1421.) 389 und feindlicher als je zuvor gegen den Orden auf, verleum⸗ dete ihn am Röm. Hofe auf die aͤrgſte Weiſe, ſchilderte den Geiz und die Gierigkeit der Ordensritter als die einzige Ur⸗ ſache alles Blutvergießens; ja er, der ſich ſo oft ſchon mit Ungläubigen zum Kampfe verbunden gehabt, warf jetzt dem Orden den Frieden mit den Heiden als das ſchwerſte und gottloſeſte Verbrechen vor. ) Zum feindlichen Worte aber ſollte bei ihm auch die That kommen; er ruͤſtete mit ſo au⸗ ßerordentlicher Anſtrengung, daß man von ihm ſchon faſt jeden Tag einen Einfall ins Gebiet des Ordens befuͤrchten mußte. Vergebens rief der Hochmeiſter in dieſer Bedraͤng⸗ niß den Rom. König um Schutz und Beiſtand an, denn dieſen beſchaftigten die Huſſiten in Böhmen dergeſtalt, daß er an andere Dinge kaum auch nur denken konnte. 2) Auch aus Rom kamen untröftliche Nachrichten. Die Schreiben der Kurfürften und des Nom. Koͤniges hatten den Papſt, ſtatt ihn für die Sache des Ordens zu ermuthigen, Klein: muͤthig und zaghaft gemacht. Er wollte es offenbar mit keinem Theile verderben; daher erklaͤrte er dem Procurator: „er werde einen neuen Beifrieden auf ein Jahr gebieten; mittlerweile wolle er durch ein rechtliches Erkenntniß enden, was zu enden möglich fey. Werde der König ſich ungehor⸗ ſam zeigen, fo müffe der Papſt ſich über ihn beklagen; aber er fen leider nicht fo mächtig, daß er ihn zu zwingen ver möge, was er gerne thun möchte, wenn er dazu die Macht habe. Als ihm der Procurator darauf erwiederte: es ſey ja aber doch Pflicht ſeiner Heiligkeit, im Chriſtenvolke Friede zu erhalten, entgegnete jener: er wolle dem Orden ja auch gerne Friede ſchaffen; aber etwas beſſeres als einen Beifrie⸗ den wiſſe er vorerſt nicht. Der Orden bittet um Schutz 1) Schr. des HM. an Witowd, d. Elbing am Palmtage 1421 Rgſtr. V. p. 35; der HM. antwortet ihm auf die obigen Beſchuldigun⸗ gen auf eine ſehr nachdruͤckliche Weile, 2) Schr. des HM. an d. Röm. König, d. Mar. Freit. nach Cor⸗ poris Chriſti 1421 Ngſtr. V. P. 158.
Scanseite 403 · Druckseite 390
390 Schwere Bedraͤngniß des Ordens. (1421.) und Schirm in ſeinem Rechte, aber die Polen bitten des⸗ gleichen. Sie wollen vom Ausſpruche zuruͤcktreten; alſo muͤſſet ihr euch zur Vertheidigung anſchicken; wollet ihr ihre Forderungen anerkennen, fo werden fie ſich beugen laſſen.“ „ Allerdings eine merkwuͤrdige Sprache des Papſtes, aber troſt⸗ los genug für den Hochmeiſter. Er ſchrieb daher kummer⸗ voll dein Roͤm. Koͤnige: „Gott ſey mein Zeuge, es iſt in meinem Herzen eine ſolche Pein und Quaal, daß ich es die Fuͤlle nicht zu ſchreiben weiß. Wir haben es Gott weiß jetzt ſchwer; darum, guͤtigſter Herr, geruhet von angeborener Güte darauf zu denken, ob nicht auf irgend eine Weiſe dies fen Landen Troſt und Schutz in fo großer Faͤhrlichkeit Fom- men koͤnne. Wuͤrden meine Widerſacher ihren Vorſatz, da Gott vor ſey, an dieſen Landen behalten, ſo betrachtet ſelbſt, was daraus fuͤr das Chriſtenthum und euch ſelbſt entſtehen würde. 2 In der That war jetzt die Lage des Hochmeiſters ſo verzweiflungsvoll, als ſie kaum je geweſen, denn waͤhrend im Oſten Witowds gewaltige Ruͤſtungen jeden Tag den ſchwerſten Kampf befuͤrchten ließen, ſchienen der Koͤnig von Polen und der Kurfuͤrſt von Brandenburg nur eine geeignete Zeit zu erwarten, um den Zweck ihres Buͤndniſſes in Aus⸗ führung zu bringen. Und da dieſe dem Orden leicht alle Kriegshuͤlfe aus Deutſchland abſchneiden konnten, ſo ſah man kaum eine Möglichkeit, ſich dieſen Feinden, wenn es nothig werden ſollte, auch nur mit einiger Kraft entgegen: ſtellen zu konnen.) Ueberdieß welche troſtloſe Nachrichten aus Deutſchland! Meldete doch der Deutſchmeiſter, dem laͤngſt die möglichfte Ruͤſtung aufgetragen war: er werde ſchwerlich mit dreißig Pferden kommen können, etwa mit 1) Schr. des Ordensprocurators, d. Rom Dienſt. vor Himmelf. 1421 Schbl. I. 131. 2) Schr. des HM. an d. Röm. König, d. Mar. Freit. nach Corpor. Chriſti 1421 Agſtr. V. p. 153. 3) Schr. des HM. an d. Röm. König, d. Grebin Freit. vor Viti u. Modeſti 1321 Ngſtr. V. p. 152.
Scanseite 404 · Druckseite 391
Schwere Bedraͤngniß des Ordens. (1121.) 391 ſechs oder acht, denn die Armuth, die Schulden und andere Bedrängniſſe der Deutſchen Ordensbeſitzungen feyen ſo groß und alle Ordensaͤmter dort in ſolcher Noth, daß man un⸗ möglich einen anſehnlichen Zug nach Preuſſen unternehmen koͤnne. Umſonſt machte ihn der Hochmeiſter auf den großen Nachtheil, auf die Schmach und den verderblichen Einfluß ſowohl auf die Feinde, als auf die Landesritter und die Dienſipflichtigen im Lande, ſelbſt auf die fremden Fuͤrſten aufmerkſam, wenn der Orden in Deutſchland nur ſo gerin⸗ gen Beiſtand leiſte. Und doch war kaum noch eine Aus⸗ ſicht, daß der König von Polen ſich mit irgend billigen Be⸗ dingungen befriedigen werde; der Erzbiſchof von Gneſen hatte bereits den Auftrag, ſich mit dem Orden in gar keine Unterhand⸗ lungen mehr einzulaſſen, bis dem Könige die letzte Geldſum⸗ me entrichtet und der Hochmeiſter von ſeiner hartnaͤckigen Wei⸗ gerung zuruͤckgekommen ſey. ? Seine Vorwuͤrfe wegen Nicht⸗ zahlung dieſes Geldes, wegen Bedruͤckung Polniſcher Kauf leute mit ungewöhnlichen Abgaben, Hemmung der Schif⸗ fahrt u. dgl. wurden immer heftiger und drohender. ) Selbſt der Papſt und der Rom. König zweifelten fo ſehr am Frie⸗ den, daß jener rieth, dem Könige, um ihn zu befriedigen, ganz Pommerellen abzutreten, dieſer, wenigſtens alle Rechte auf Samaiten aufzugeben. Der Hochmeiſter, wohl einſe— hend, daß ohne dieſes Opfer Krieg unvermeidlich ſey, war mit den Gebietigern hiezu um ſo mehr bereit, weil Sigis⸗ mund verſprochen hatte, den Koͤnig von Polen dann auch mit allem Nachdruck zum Frieden zu bewegen.“ 1) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. Mar. Dienſt. vor Viti u. Modefli 1221 Nafir. V. p. 157. Schr. des Deutſchmeiſters an den HM. d. Samſtag vor Margarethä 1421 Schbi. XXII. 23. 2) Schr. des Königs v. Polen an den Erzbiſch. v. Gneſen, d. in nava eivitale feria tertia post domin. Rogatiou. 1421 Schbl. XXX. 7. 3) Schr. dis Königs v. Polen an d. HM. d. in nova Sandeez feria quarta ante festum Peutecost. 1421. 4) Schr. des Procurators, d. Rom Freit. um Pfingſt. 1421 Schbl. XIX. 46. Schr. des HM. an d. Röm. König, d. Sobbowitz Dienſt. nach Viti u. Modeſti 1421 Raſtr. V. p. 153.
Scanseite 405 · Druckseite 392
. 392 Schwere Bedraͤngniß des Ordens. (1421.) Da traf die Nachricht ein, daß durch den Kurfürften von Brandenburg abermals eine Verlängerung des Beifrie⸗ dens auf ein Jahr bis naͤchſtkuͤnftigen Johannis⸗Tag zu Stande gekommen ſey ) und man ſah nun wieder einer ge⸗ wiſſen Ruhe entgegen. Sie war freilich keineswegs unge⸗ ſtoͤrt, denn bald wurden die Unterthanen des Ordens an den Graͤnzen von Witowds Leuten haͤufig gemißhandelt und bis auf die Haut ausgepluͤndert, bald des Meiſters Send⸗ boten auf dem Strande niedergeworfen und ihrer Briefe be⸗ raubt, bald andere Miffethaten ausgeuͤbt, ſo daß kein Tag verging, an welchem dem Meiſter nicht Klagen ſolcher Art entgegen kamen. Mitten in dieſen trüben Verhaͤltniſſen erheiterte den alten Hochmeiſter eine erfreuliche Geſandtſchaft des Koͤniges von England; es erſchien im Haupthauſe der Engliſche Ritter Gwiwert de Alveto mit mehren ſehr koſt⸗ baren Geſchenken, einigen mit Goldfedern gezierten Helmen, einem goldenen Trinkgefäße und vier prachtvollen Bogen mit Koͤchern und Geſchoſſen. Lange hatte den ſchwergebeug⸗ ten Meiſter nichts ſo innig erfreut, als dieſe Zeichen koͤnig⸗ licher Huld. 9 Da trat ein Ereigniß ein, welches von neuem die Kräfte des Ordens in Anſpruch nahm. Schon ſeit dem Fruͤhling dieſes Jahres hatte die Sache der Huſſiten in 1) Die Urkunde des Kurfürften hierüber, d. Berlin feria quarta post festum s. Viti 1421 im Fol. C. p. 224; dabei die Beſtätigung des verlängerten Beifriedens durch Witowd, d. Dubitz am T. Jacobi 1421 Rgſtr. V. p. 43, Schbl. XVII. 4. Schr. des HM. an den Markgr. v. Brandenburg, d. Elbing Donnerſt. nach Petri und Pauli 1421 Rgſtr. V. p. 162. 2) Schr. des HM. an Witowd, d. Bartenſtein Sonnt. vor Mi⸗ chaelis 1421 Rgſtr. V. p. 44. 3) Dankſchreiben des HM. an d. König v. England, d. Murienb. nona die mensis Junii 1421 Rgſtr. V. p. 159. Bald nachher erfreute den HM. auch der Erbkaͤmmerer des Röm. Königes Konrad v. Wins⸗ berg mit einem Geſchenk von mehren Gemälden u. Jagdmeſſern; Schr. des Konrad v. Winsberg an d. HM. Schbl. L. 30; vgl. Voigt Ge⸗ ſchichte Marienb. S. 321.
Scanseite 406 · Druckseite 393
Die Huſſiten. (1421.) 393 Boͤhmen reißenden Fortgang gewonnen. Durch ganz Deutſch⸗ land ging ein Klaggeſchrei und der Aufruf zur Rettung der glaͤubigen Kirche gegen die ketzeriſchen Schaaren, die mit ſtuͤrmiſcher Macht nun auch ſchon die naͤchſten Nachbarlande, Schleſien u. a. bedrohten. An allen Orten, wo die wil⸗ den Kriegshaufen mit ihrer oft thieriſchen Grauſamkeit er⸗ ſchienen, erhob ſich ein Jammergeſchrei ohne gleichen. „ Nicht bloß der Roͤm. König war in Gefahr, feine Boͤhmi⸗ ſche Koͤnigskrone zu verlieren, ſondern ganz Deutſchland konnte leicht in den blutigen Religionskrieg mit hineingezo⸗ gen werden. Aber auch dem Orden in Preuſſen drohte von den Unruhen in Boͤhmen manchfaches Unheil, denn der König von Polen hatte ſchon ſeit dem vorigen Jahre aus Rache gegen Sigismund die Huſſiten vielfach beguͤnſtigt und ſie hatten bereits ſo viel Vertrauen zu ihm gewonnen, daß die Prager, um die Uebermacht der Taboriten zu beſchraͤn⸗ ken, ihm die Krone von Böhmen hatten anbieten laſſen; man hatte ihn zu deren Annahme vorzuͤglich durch die Vor⸗ ſtellung zu locken gefucht, daß er mit dieſer vereinten Macht dann um ſo gewiſſer auch ſeinen Hauptfeind, den Orden, werde beſiegen konnen.) Noch war es ungewiß, ob er die Krone annehmen werde; um aber die Huſſiten zu ſei⸗ nen Zwecken gegen Sigismund und den Orden benutzen zu koͤnnen, förderte er ihre Sache fort und fort, wo und wie er vermochte.?) Als ſich nun die Rheiniſchen Kurfuͤrſten nebſt mehren andern Fuͤrſten am S. Georgstage zu Nürnberg mit dem Rom. Könige zur Bekämpfung und Vertilgung der Ketzerei in einem Buͤndniſſe vereinigten und dann zu Gorlitz in einer neuen Berathung ſich auch die Markgrafen von Brandenburg und Meißen, die Herzoge von Schleſien 1) Abſchrift eines ſolchen Hülferufs, d. am T. S. Marci 1421 Schbl. VIII. 49. 2) Pfiſter Geſchichte d. Deutſchen B. III. S. 425 — 426. Diugoss. p. 432 sed. Kojalowiez p. 110. 3) Schr. des Röm. Königes an d. HM. d. Preßburg Samſtag nach Margar. 1421 Fol. C. p. 1. Windeck I. c. p. 1144,
Scanseite 407 · Druckseite 394
394 Die Huſſiten. (1421.) mit noch andern Fuͤrſten und einer großen Zahl von Reichs⸗ ſtaͤdten dem Bunde anfchloffen, 9 ſandten Sigismund und die Kurfuͤrſten auch eine Botſchaft an den Hochmeiſter mit einer dringenden Aufforderung zur Beihuͤlfe gegen den Glau⸗ bensfeind. ) Insbeſondere ſtellte es erſterer dem Meiſter als die heiligſte Pflicht des Ordens vor, gegen das Ketzer⸗ volk mit in die Waffen zu treten, zunaͤchſt aber mit aller Macht ſich gegen den Koͤnig von Polen und den Großfuͤr⸗ ſten von Litthauen zu ruͤſten, um ſie ſofort angreifen zu konnen, wenn fie den Ketzern offenen Beiſtand leiſten wuͤr⸗ den. ) Zur Freude Sigismunds zeigte ſich der Hochmei⸗ ſter hiezu auch ſehr bereit“ und traf alsbald Anſtalten, um zu dieſem Zwecke eine Kriegsmacht aufzuſtellen. Waͤhrend eine Botſchaft dem Nom. Könige und den Kurfuͤrſten da— von Nachricht brachte, 9 wurden die Staͤdte des Landes aufgefordert, ſich zur Beihuͤlſe vorzubereiten.“) Auf einem Tage zu Elbing ward das Naͤhere berathen; es ſchien allen am rathſamſten, die geſammelte Streitmacht vorerſt im Lan⸗ de ſtehen zu laſſen, um fo den König von Polen zu zwin⸗ gen, ſeine Kriegsmannſchaft in ſeinem eigenen Lande zu⸗ ) Pfiſter a. a. O. Das Buͤndniß der Kurfürften zu Nürnberg in Abſchrift im geh. Archiv. Schr. des Hans von Schildau an d. HM. d. Freit. vor Petri u. Pauli (1321) Schbl. VIII. 17. Schr. David Roſenfelds an d. HM. d. Breslau Sonnt. nach Johanni 1421 Schbl. VIII. 78; er führt 86 Reichsſtädte als mit den Fürſten verbunden an. 2) Schr. des Vogts der Neumark, d. Hermannsdorf am Abend Johanni 1421 Schbl. XIII. 112. Gedächtniß der Sendboten des HM. an die Kurfürften Schbl. XXI. 29. 3) Schr. des Röm. Königes an d. HM. d. Preßburg Samſtag nach Margaretha (1421) Fol. C. p. 2. Schr. des Rem. Königes an den Kardinal⸗Legaten Branda, d. Posonii XVIII Julii (1421) Schbl. VIII. 79. 4) Schr. des Röm. Königes an d. HM. d. Preßburg Mittw. vor Margar. (1421) Schbl. IV. 36. 5) Aufträge für die Sendboten Schbl. XXI. 29 u. Fol. D. p. 175 — 178. 6) Schr. des HM. an den Rath v. Thorn, d. Mar. am T. Do⸗ miniei 1421.
Scanseite 408 · Druckseite 395
Stellung des Ordens gegen Polen. (1421.) 395 ruͤckzubehalten, Y öffentlich aber zu erklaͤren, die Kriegsruͤ⸗ ſtung in Preuſſen ziele gegen die Ketzer in Boͤhmen. Dem Verlangen der Kurfürften, die Huͤlfsmannſchaft des Ordens ſogleich dem Reichsheere zuzufuͤhren, ſprach man auf dem Tage allgemein entgegen.) So wurde nun überall geruͤ⸗ ſtet. Wie das Kulmerland zwanzig gutbewaffnete Spieße aufſtellen mußte, ſo hob man in allen Komthurbezirken nach Verhaͤltniß ihres Umfanges eine Anzahl Kriegspflich⸗ tiger mit einigen Ordensrittern aus,) doch überall mit ſchonender Ruͤckſicht auf die faſt allenthalben herrſchende Armuth und Noth. Man erleichterte die Ruͤſtung ſo viel man nur irgend konnte.) Da indeß das Reichsheer ſich gegen den Feind im Felde wenig thaͤtig zeigte und im Oc⸗ tober ſogar ſich wieder zerſtreute, 9 fo ging auch in Preuſ⸗ fen alles nur ſehr langſam von Statten; erſt als im De⸗ cember Sigismund gegen die Huſſiten an die Spitze eines neuen ſtarken Heeres trat, befahl auch der Hochmeiſter die Ruͤſtung mehr zu beſchleunigen. © Der König von Polen aber und Witowd mochten wohl wiſſen, wohin die kriegeriſchen Vorbereitungen in Preuſſen eigentlich zielten. Sie ſuchten nach alter Art zu taͤuſchen und zu verlocken; beide verſicherten dem Rom. Könige ihre Freundſchaft und Ergebenheit; ja der König ließ ihm ſogar das Anerbieten machen: er wolle ihn gegen die Böhmen und Tuͤrken mit aller ſeiner Macht unterſtuͤtzen, ſofern Si⸗ gismund ihm nachher auch gegen feinen Feind, den Deut: ſchen Orden, Huͤlfe leiſten wolle. Dieſer wies es jedoch 1) Schr. des HM. an d. Röm. König, d. Mar, am T. Transſi⸗ gurat. 1421 Rgſtr. V. p. 164. 2) Fol. D. p. 175 — 178. 3) Schr. des HM. an d. Komthur v. Thorn, d. Königsberg Don⸗ nerſt. nach Kreuzerhöhung 1421 Schbl. VIII. 113. 4) Schr. des HM. an d. Komthur v. Thorn a. a. O. 5) Windeck J. c. p. 1145 — 1146. 6) Schr. des HM. an mehre Komthure, d. Danzig Donnerſt. nach Neujahr (1422) Schbl. LIX. 52.
Scanseite 409 · Druckseite 396
396 Einwirken des Papſtes. (1421.) nicht nur ohne weiteres zuruͤck, ſondern gab ſofort auch dem Hochmeiſter davon Nachricht.) Ebenſo ſpielte Witowd gegen den Orden ſeine falſche Rolle fort. Er ſchien jetzt gegen den Hochmeiſter nichts weniger als feindlich geſinnt; er ſandte ihm unter freundlichen Worten ſogar manche Ge⸗ ſchenke zu. 9 Daneben aber ſetzte er in feinen Landen die Kriegsruͤſtungen mit allem Eifer fort, keiner wußte den Zweck. I Der Meiſter von Livland ließ ihn warnen, ſich durch ſeine Kriegsanſtalten nicht die Feindſchaft und den Zorn aller Reichsfuͤrſten zuzuziehen. Er gab daruͤber gar kei⸗ ne Antwort.“) Und doch gingen dabei die Raͤubereien, graufamen Mißhandlungen und ſelbſt feindliche Ueberfälle an den Gränzen Litthauens, Maſoviens und Polens, be— ſonders in der Neumark immer ihren gewohnten Gang. Keine Klage daruͤber wurde irgend beruͤckſichtigt. 5) Auch am Roͤmiſchen Hofe ſtand alles noch gleichſam in der Schwebe; der Papſt ſelbſt ſchwankte noch hin und her; reiche Polniſche Ehrengeſchenke hatten ihn noch mehr auf die Seite der Polen gezogen; die Kardinaͤle aber und die paͤpſt⸗ lichen Gerichtsbeamten dachten ſtets mehr bei obwaltenden Streitverhandlungen auf den daraus erwachſenden Gewinn, als auf ſchnelle Beendigung. Die Oberhand im Rechte muf- te in der Regel durch reiche Spenden und Ehrengaben er⸗ kauft werden und die Polniſchen Sachwalter ließen es daran nie fehlen, während es denen des Ordens immer an den nö: 1) Drei Schr. des Nom, Königes an d. HM. d. Brunau Sonnt. nach Lucid u. Preßburg Donnerſt. nach Michaelis (1421) Schbl. IVV. 41, Fol. C. p. 2 u. I. 2) Schr. des HM. an Witowd, d. Mar. Sonnt. in der Octava Martini 1421 Rgſtr. V. p. 46. 3) Schr. des Livländ. Meiſters, d. Riga in vigilia b. Laurentii 1421 Schbl. X. 3. 4) Schr. des Livland. Meiſters, d. Riga Mont. nach Bartholom. 1421 Schbl. VIII. 65. 80. 5) Schr. des HM. an d. König v. Polen, d. Mar. Mittw. ver Laurentii 1421 Rgſtr. V. p. 41. Schbl. XIII. 174.
Scanseite 410 · Druckseite 397
Einwirken des Papſtes. (1121-) 397 thigen Mitteln gebrach, um auf dieſe Weiſe mit Nachdruck für ihre Sache wirken zu können. 9 Der Papſt fand endlich rathſam, ſich wenigſtens auf irgend eine Art zur Schlich⸗ tung des Streites thaͤtig zu zeigen. Man faßte den Be⸗ ſchluß, einen gelehrten Doctor Antonius Zeno von Mai⸗ land nach Polen und Preuſſen zu ſenden, durch ihn Zeu⸗ gen uͤber die einzelnen Streitpunkte abhoͤren und wo moͤg⸗ lich die beiden Parteien verführen zu laſſen. Die Sach⸗ walter des Ordens indeß, wohl eingedenk, wie wenig auf ſolchem Wege in fruͤherer Zeit erreicht war, ſuchten die Sendung zu hindern.) Ohnedieß konnten fie eine Unter⸗ ſuchung nicht fuͤglich zugeben, da es in dem Streite jetzt ja nur auf die Anerkennung des Breslauer Spruches von Seiten des Koͤniges und des Großfurſten ankam. Der Biſchof Johannes von Ermland erklärte aufs beſtimmteſte: des Ordens Rechte ſeyen vollkommen erwieſen und begruͤn⸗ det; es bebürfe keiner weitern Ergänzung; es ſey unnuͤtz, den Orden in feinen Landesgraͤnzen mit neuen Unterfuchun: gen zu belaͤſtigen; der Papſt duͤrfe nur ſuchen, den Aus: ſpruch unverändert aufrecht zu erhalten.) Allein verge⸗ bens; der paͤpſtliche Nuntius wurde dennoch abgeſandt. Beiden Parteien aufs dringendſte in feinem wichtigen Auf⸗ trage empfohlen, erhielt er in zwei Bullen die Vollmacht: er ſolle des Papſtes fehnlichften Wunſch, Friede und Ber: fühnung zu bewirken, auf jedem Wege zu erfüllen ſuchen, und wenn ihm dieſes nicht gelinge, ſo ſolle er, um den Weg des Rechts und der Gerechtigkeit zu verfolgen, die Klag⸗ punkte und und Anforderungen beider Theile verhoͤren, ihre Briefe und Inſtrumente zur Beweisfuͤhrung aufneh⸗ 1) Schr. des Ordensbruders Joſt Quednau an d. HM. d. Rom am Sten T. S. Laurentii 1421 Schbl. XXI. 33; Schr. deſſelben, d. Rom 1. Sept. 1421 Schbl. II. 176. Vgl. Dlug uss. p. 445. 2) Schr. des Ordens⸗ Sollicitators Nicolaus Friſckzu an d. HM. d. Rom Mont. vor Simon und Judä 1421 Schbl. LXVIII. 59. 3) Schr. des Biſchofs v. Ermland an den Procurator, d. Heils- berg ipso die s. Leonardi 1421 Schbl. LXVI. 67.
Scanseite 411 · Druckseite 398
398 Einwirken des Röm. Königes. (1421.) men, uͤber alles an den Papſt berichten und die Parteien zum Endurtheil vor deſſen Stuhl vorladen. Glogau und ein zum Verhoͤr uͤber die Verhältniſſe Litthauens und Sa⸗ maitens geeigneter Ort wurden vom Papſt zur Verhand⸗ lung vorgeſchlagen. ) Es ward alles aber noch verwickelter, als zu Ende die: ſes Jahres Sendboten des Roͤm. Koͤniges dem Papſte vor⸗ ſtellten: es ſey jetzt zwar ein Ausweg zur friedlichen Ver⸗ gleichung vorhanden; der Koͤnig von Polen habe ihn ſelbſt dargeboten; er verlange Samaiten bis an die See, ferner Sudauen und das alte Jadzwinger-Land fuͤr Litthauen, endlich die Zahlung der noch ruͤckſtaͤndigen Geldſumme; der Hochmeiſter habe darüber eine Antwort ertheilt, die zur Ei- nigung führen koͤnne. Allein erſterer habe wegen des Bres⸗ lauer Spruches an den Nom. Hof appellirt, wo daruͤber bereits gerichtlich verhandelt werde; das ſey neu und uner⸗ hört, und beeintraͤchtige die kaiſerliche Würde, da in welt: lichen Dingen der Kaiſer keinen Hoͤhern anerkenne; alſo werde auch der Roͤm. Koͤnig in keiner Weiſe hierin ſich nach des Papſtes Ausſpruͤchen richten, denn es ſey eben⸗ falls unerhoͤrt, daß je ein Papſt über kaiſerliche Erkennt⸗ niſſe verfügt und erkannt habe; der Papſt werde daher er⸗ ſucht, an dem mit Beirath ſeiner eigenen Legaten gethanen Ausſpruche nichts zu aͤndern noch zu beſſern, ſondern ihn ohne weiteres zu genehmigen und zu beflätigen. 2 1) Eredenzbrief des Papſtes an d. HM. d. Rome apud 8. Petrum Cal. Decembr. p. a. quinto Fol. C. p. 253, cbendaf. die beiden Bullen des Papſtes, d. Rome ap. s. Petrum VIII Calend. Decemb. p- a. quin- to; die eine heißt bulla amicabilis compositionis faciendae, die andere bulla iusticialis. Vgl. Dlugoss. p. 448. Raynald Aunal. eecles. an. 1421 nr. 15. 1 2) Das Naͤhere hieruͤber im Fol. C. p. 3. Die Sendboten des Röm. Königs gingen nach Rom circa festum s. Thomae 1421. Hin- deck 1. c. p. 1144 erwähnt, daß um Weihnachten 1421 der Rom. Konig auch einen Herold Romreich zum Poln. König geſandt habe, um ihn wegen deſſen Beguͤnſtigung der Huſſiten zu befragen; der König ha⸗ be fie aber geläugnet,
Scanseite 412 · Druckseite 399
Einwirken des Röm. Königs. (1422.) 399 Bald darauf that Sigismund einen neuen Schritt. Von der Sendung des paͤpſtlichen Nuntius benachrichtigt, erließ er ſofort eine Proteſtation gegen den in deſſen Voll⸗ macht ausgeſprochenen Zweck ſeiner Sendung, worin er er⸗ Härte: der Streit zwiſchen Polen und dem Orden uͤber die Lande Pommern, Kulm und Michelau, ſowie uͤber ver⸗ ſchiedene andere Punkte ſey durch mehre Friedensbriefe, ſchiedsrichterliche Spruͤche und insbeſondere durch den Frie⸗ den zu Thorn vollig beigelegt und dieſer Friede wiederum durch ſeinen Ausſpruch zu Breslau neu beſtaͤtigt, deſſen Be⸗ obachtung aber beiden Theilen unter namhafter Strafe an⸗ befohlen; alſo beduͤrfe es nicht der Sendung eines paͤpſtli⸗ chen Nuntius, um einen neuen Frieden zu ſchließen oder neue Unterſuchungen anzuordnen; es ſey dem Hochmeiſter und dem Orden durch kaiſerliche Briefe unter beſtimmter Strafe unterfagt, ſich wegen jener Lander, welche Reichs⸗ lehen ſeyen, vor irgend einem andern Richter zu ſtellen; zudem ſey Antonius Zeno aus mehren Gründen verdaͤchtig tbeils wegen ſeiner vertrauten Verhaͤltniſſe theils wegen glei⸗ cher Herkunft mit mehren Sachwaltern und Foͤrderern der Sache des Polniſchen Koͤniges. Da der Papſt von dem allen durch des Koͤniges Sendboten unrichtig belehrt wor— den, ſo appellire er nun an einen beſſer zu unterrichtenden Papit und erſuche dieſen, dem paͤpſtlichen Nuntius Einhalt zu thun.) In gleicher Weiſe ſandte auch der Hochmeiſter, ſobald er von des Nuntius Sendung und deſſen Vollmacht Nachricht erhielt, in Uebereinſtimmung aller ſeiner Gebieti⸗ ger eine Appellation an den Rom. Hof, theils fi) im vor: aus gegen jeden fein Recht verletzenden Schritt des päpft- lichen Nuntius verwahrend, theils ſich gleichfalls an einen beſſer zu unterrichtenden Papſt berufend.? Bereits indeß war Antonius Zeno auf dem Wege nach Polen zu. 1) Die Appellation des Rom. Koͤniges, d. in villa Schacz die Martis tertia deeima mensis Januar. 1422 in Abſchrift Schbl XXI. 46. 2) Die Appellation des HM. d. Marienb. die ultima Januar. 1422
Scanseite 413 · Druckseite 400
400 Neue Kriegsgefahr. 1422.) Mittlerweile aber hatte ſich die Ausſicht in die Zukunft immer mehr getruͤbt; es gingen in Litthauen und Polen gegen den Orden wieder allerlei Umtriebe vor. Obgleich Witowd und die Großfuͤrſtin dem Hochmeiſter eben erſt durch Ueberſendung mehrer Geſchenke freundlichere Geſinnun⸗ gen entgegenzubringen ſchienen, v fo war im Anfange des Jahres 1422 doch kaum der Koͤnig von Polen in Litthauen angekommen, als ſich dort alles wieder feindlich geſtaltete. Zwar geſtattete dieſer nicht, daß Witowd das Anerbieten einer dort eintreffenden Geſandtſchaft aus Boͤhmen, Herr und König der Böhmen zu werden, annehmen durfte, 2 denn die Boͤhmiſche Krone war bereits Witowds Bruder, dem Fuͤrſten Sigismund Koribut (Kariebut) zugeſagt; al⸗ lein die Reiſen beider Fuͤrſten an den Graͤnzen umher, die neue ſtarke Beſchatzung aller Bewohner Litthauens, die ge⸗ heimen Berathungen mit dem Großfuͤrſten von Moskau und die anſehnliche Ruͤſtung in Polen zu einer ſtarken Landwehr an die nördlichen Graͤnzen des Reiches, alles deutete wies der auf feindliche Plane gegen den Orden hin. Aus Deutſchland erhielt der Meiſter auch Nachricht, daß der Köͤ⸗ nig uͤberall ſchon wieder Kriegsvolk werben und anderes auch in Rußland ſammeln laſſe, um dieſes Jahr noch ge⸗ gen den Orden das Schwert zu erheben. Er hatte in einer Verſammlung feiner Reichsgroßen ſelbſt erklart: er wiſſe recht gut, daß der Orden nur auf ſeinen oder Witowds im Fol. C. p. 251; man ficht klar, daß der HM. die Appellation des Röm. Königes vor Augen gehabt hat. Eine ähnliche Erklärung der Ordens» Sachwalter in Nom im Fol. C. p. 255. 1) Dankſchreiben des HM. an Witowd u. deſſen Gemahlin, d. Mar. Donnerft. nach Epiphan. 1422 Rgſtr. V. p. 49, 2) Kojalowiez p. III läßt Witowd'n die Krone Böhmens frei⸗ willig ablehnen. 3) Schr. des Komthurs von Duͤnaburg an den Livland. Meiſter, d. Duͤnaburg Freit. nach Neujahr 1422 Schbl. VIII. 52. Schr. eines Ungenannten an den HM. d. Thorn Sonnab. Fabiani u. Sebaſt. o. J. Schbl. VIII. 43. 5
Scanseite 414 · Druckseite 401
Neue Kriegsgefahr. (1422.) 401 Tod warte, um in Polen einzubrechen, das Volk zu ent: zweien und fuͤr immer zu ſchwaͤchen. Aber ſo weit wolle er es nicht kommen laſſen und ſich ſelbſt lieber fuͤr ſeine Polen opfern; darum wolle er ſein Volk jetzt in ſtarker Zahl verſammeln, um den Orden ſo niederzudruͤcken, daß er auch nach ſeinem Tode dem Reiche nicht mehr ſchaden koͤnne. D Es ſchien alſo jetzt mehr als je gewiß, daß Krieg die Loſung dieſes Jahres ſeyn werde. In ſolcher Gefahr blie⸗ ben dem Meiſter nur zwei Mittel uͤbrig, um, wenn ſie hereinbrechen ſollte, gegen ſie beſtehen zu koͤnnen. Er mußte zunaͤchſt feine Kriegsmacht wie im Lande fo auswaͤrtsher ſo viel als möglich verſtärken; er ließ den Meiſter von Liv⸗ land mit einem anſehnlichen Streithaufen herbeirufen.) Er mußte ferner den Nom. König feſt in feinem Intereſſe er⸗ halten, denn nur von ihm konnte der Orden noch einigen Schutz erwarten. Schon darum auch durfte er ſich in die Unterhandlungen des paͤpſtlichen Nuntius gar nicht einlaſſen, denn Sigismund hatte an ihn die Warnung erlaſſen: „Es iſt unſere Meinung, und wir verbieten dir bei unſerer und des Reiches Huld und bei Behaͤltniß deines Ordens Land und Gut, daß du ohne unſern Willen und Wiſſen keinen Anlaß oder Teiding mit dem Koͤnige von Polen und Wi⸗ towd'n anſchlageſt, aufnimmſt oder des Ordens Land uͤber⸗ giebſt. Waͤre es, daß Antonius, des Papſtes Bote, etwas thun wollte, was uns, dem Reiche und deinem Orden ſchaͤd⸗ lich waͤre, ſo wollen wir, daß du dich dann davon rufeſt und appellireſt an den Papſt, der uns auch entboten hat, daß er wider unſern Ausſpruch nichts vornehmen oder ver- aͤndern wolle ohne unſer Wiſſen und Wollen. 3 1) Schr. des Ordensprocurators Johann Thiergart, 8 Januar 1422 Schbl. I. 95. 2) Schr. des Livland. Meiſters, d. Walke Sonnab. vor 1422 Schbl. X. 79. 3) Schr. des Röm. Königes an den HM. d. Brünn Donnerſt. nach unſ. Fr. Lichtmeß 1422 Schbl. IV. 40. VII. d. Nuͤrnberg Pauli Belehr. * 26
Scanseite 415 · Druckseite 402
402 Abdankung und Tod Michael Küchmeifters. (1422.) So wurde die Verwickelung der Verhaͤltniſſe immer un⸗ auflösbarer. Der Rom. König hatte ſonach jede Unter: handlung und Beſchließung mit dem Koͤnige von Polen ſtreng unterſagt. Er ſchien jetzt uberhaupt keinen Frieden zwiſchen dem Orden und dem Koͤnige zu wollen, ſondern vielmehr zu wuͤnſchen, daß letzterer durch den erſtern beſchaͤf⸗ tigt bleibe, damit die Kriegsmacht Polens den Huſſiten nicht zu Huͤlfe kommen koͤnne; und dennoch wieder behaup⸗ tete er gegen den Papſt: es beſtehe Friede zwiſchen Polen und dem Orden und es beduͤrfe keines Legaten, um einen ſolchen erſt einzuleiten. Daher auch die oft ganz widerſpre⸗ chenden Nachrichten, die der Meiſter uͤber Sigismunds Ge⸗ ſinnungen erhielt, ſo daß er kaum recht trauen konnte, ob es dieſer mit dem Orden redlich meine.) So viel war we⸗ nigſtens gewiß, der Rom. König wollte jetzt den Orden für die ihm näher liegenden Zwecke benutzen. Das ſah auch der Hochmeiſter mehr und mehr ein; er fuͤrchtete, der Koͤ⸗ nig von Polen werde ſich zuletzt, zum Kriege gehörig vor bereitet, weder um den Papſt, noch um den Roͤm. Koͤnig, noch um Recht und Urkunden weiter viel bekuͤmmern und thun, was er wolle; der Orden alſo werde das Opfer aller dieſer Verwickelungen feyn. ® Alſo thuͤrmte ſich das Ungewitter immer mächtiger auf. Des Meiſters hohes Alter aber ließ ihm nicht mehr den Muth zu, ſich dem drohenden Sturme mit maͤnnlicher Kraft entgegenſtellen zu konnen; fein Geiſt war laͤngſt durch Kum⸗ mer und Sorgen niedergedruͤckt; er fuͤhlte ſich nicht mehr im Stande, mit feſtem Vertrauen auf ſich ſelbſt in die 1) Kojolowiex p. 113, 2) Schr. des Ordensbruders Joſt Quednau d. Brünn an T. Puri⸗ ficat. Marid 1422 Schbl. XIX. 7; wo Sigismunds zweideutiges Ver⸗ halten geſchildert iſt. Auch Kojalowicz p. 114 erwähnt der geheimen machinationes Cacsaris. 3) Schr. des EM. an den Procurator, d. Holland Sonnt. eir- eumdeder. 1422 Schbl. XXII. 21, wo ſich der HM., wie oben er⸗ waͤhnt, ausſpricht.
Scanseite 416 · Druckseite 403
Abdankung und Tod Michael Kuͤchmeiſters. (1422.) 403 wildverſchlungenen Verhaͤltniſſe der Zeit kraͤftig einzugreifen. Eine ſchmerzliche Krankheit — er litt ſchon Jahre lang an Stein⸗ ſchmerzen — hatte ihn ſeit mehren Monden ſo angegriffen, daß er endlich den Entſchluß faßte, dem Meiſteramte zu entſagen und die letzten Tage feines Lebens in ſtiller Ruhe hinzubringen.) Keiner der Gebietiger mochte jetzt Verlan⸗ gen tragen, das kummervolle Amt zu übernehmen; allein ihre dringenden Bitten konnten auch ihn nicht bewegen, es weiter fortzufuͤhren. Die Meiſter von Livland und Deutſch⸗ land waren bereits zu einem Ordenskapitel im Anfange des Maͤrz ins Haupthaus eingeladen. Als es verſammelt war, legte Michael Kuͤchmeiſter ſein Amt, dem er acht Jahre und zwei Monate vorgeſtanden, förmlich nieder, worauf am zehnten März zur neuen Meifterwahl geſchritten und mit voller Stimmeneinheit der bisherige Ordens-Trappier Paul von Rußdorf zum Meiſter erkoren wurde. 3) Auf des alten Meiſters Wunſch ward ihm das Komthuramt zu Danzig uͤbertragen, welches er aber nicht einmal zwei Jahre ver- waltete, denn er ſtarb ſchon am zwanzigſten December 1424. I) Daß Krankheit bei der Abdankung des HM. mitwirkte, ſein Nachfolger in einem Schr. an d. Biſchof v. Donnerſt. nach Oculi 1422 Ngſtr. V. P. 53; Lindenblatt S. 364, feiner Stein ſchmerzen erwähnt ein Schr. des Ord. Procurators an d. HM. d. Rom Dienft, vor Himmelf. 1422 Schbl. J. 5. Hiärn a. a. O. ©. 173. Voigt Geſchichte Marienb. =, 322, 2) Schr. des Livl. Meiſters, d. Segenwalde Sonnt. vor Purif. Mariä 1422 Schbl. X. 80. Schr. des HM. an d. Procurator, d. Holland Mont. nach Dorothea 1422 Schbl. XXI. 169. 3) Den Wahltag Pauls v. Rußdorf giebt das Verzeichniß bei Lin⸗ denblatt S. 364 genau an; Bachem Chron. der HM. S. 42. Die Abdankung Michael Kuͤchmeiſters geſchah wahrſcheinlich am nämlichen Tage. Was de al Recherches T. I. p. 151 vom äten Maͤrz als Wahltag Pauls v. Nußdorf ſagt, iſt unrichtig, denn ein Schr. Michael Küchmeiſters iſt noch dat. Marienb. am Sten Tage Marti und ein an⸗ deres Marienb. Sonnab. vor Reminiſcere (7. März) 1422 Rgſtr. V. p. 180 — 181. Ganz falſch iſt die Angabe einiger Chroniften von Michael Kuͤchmeiſters gezwungener Abdankung, wie die Schr. in der Anmerk. 1 ausweiſen. J 480. Supplem. C. 40. ſagt Leſlau, d. Marienb. 26
Scanseite 417 · Druckseite 404
404 Innere Landesverhaͤltniſſe. (1422.) Er fand als ehemaliger Meiſter in der S. Annengruft zu Marienburg feine Ruheſtatt.“) Sah Michael Kuͤchmeiſter am Ende ſeines Lebens auf ſeine hochmeiſterliche Laufbahn zuruͤck, ſo war kaum irgend eine Zeit zu finden, deren er ſich erfreuen konnte. Vom erſten Tage ſeines Amtes bis auf den letzten hatte er fort und fort mit Sorgen, Kummer und Bebrängniffen gekaͤmpft. Es koͤnnte Mitleid erwecken, wenn man ihn Jahre lang unter der Laſt ſchwerer Beſorgniſſe und druͤckender Staats⸗ verhaͤltniſſe in ſeinen Briefen uͤber ſein und ſeines Ordens hartes Schickſal klagen und jammern hoͤrt, wenn man nicht ſagen muͤßte, daß er dieſes Loos an ſeinem Vorgaͤnger um ſo mehr verdient habe, als er, wie es ſcheint, nie zur Er⸗ kenntniß ſeines Unrechts kommen wollte, denn noch immer ſaß der alte Meiſter Heinrich von Plauen, ſeiner Freiheit beraubt, in ſeinem einſamen Gemache zu Brandenburg und ſein Bruder, der ehemalige Komthur von Danzig, hatte es immer noch nicht gewagt, vor dem Hochmeifter zu erſchei⸗ nen.) Die Lage des Landes aber war unter Kuͤchmeiſters Verwaltung nicht nur keineswegs gebeſſert, ſondern noch ungleich trauriger geworden. Wiederholte Beſchatzungen des ganzen Landes, faſt jedes Jahr erneuerte Kriegsruͤſtungen, mehrmalige und doch immer fruchtloſe Geldzahlungen an den Koͤnig von Polen, koſtſpielige Verhandlungstage und Ge⸗ ſandtſchaften, uͤberhaupt fortwaͤhrende Opfer, die der Orden und das Land bringen mußten, um den Feind von den Landesgraͤnzen zuruͤckzuhalten — das war die troſtloſe Reihe von Bedraͤngniſſen und Muͤhen, die alle Geldſchaͤtze ver⸗ Bachem a. a. O. giebt eine unrichtige Zeit an; die genaue Angabe uͤber des HM. Tod in einem Schr. Pauls v. Nußdorf an den Großkomthur v. J. 1424, wo der Mittw. vor Thomä als ſein Todes⸗ tag genannt iſt; ebenſo in einem Schr. des HM. an den Livl. Meifter, d. Marienb. Mittw. nach Thoma 1424 Schbl. X. 6. Schutz p. 113. Hiärn a. a. O. S. 174. 2) Schr. Heinrichs Herr zu Gera an den HM. d. Donnerſt. Him⸗ melf. 1321 Schbl. LXIX. 63,
Scanseite 418 · Druckseite 405
Innere Landesverhaltuiſſe. (1422. 405 ſchlangen, die beſten Kraͤfte des Landes verzehrten und in die Burgen des Ordens, wie in Haus und Hütte des Bir: gers und Landmannes Armut) und Elend brachten. Der Meiſter ſelbſt war oft in ſolcher Noth, daß es ihm ſchwer ward, einige tauſend Gulden Schulden zu bezahlen. ) Auch die Biſchoͤfe, beſonders der von Kulm lebten in der kuͤm⸗ merlichſten Lage. Natuͤrlich konnte unter ſolchen Verhaͤlt⸗ niſſen fuͤr das immer mehr verarmende und im Wohlſtand ſinkende Land wenig oder nichts zur Auſhuͤlfe geſchehen. Daher die große Unficherheit der Landſtraßen, wo uͤberall Rauber lauerten und den Wanderer uͤberfielen und pluͤn⸗ derten. D Selbſt die großen Handelsftädte kamen von ihrer früheren Wohlhabenheit und Bluͤthe immer mehr zuruͤck. Das ſonſt ſo reiche und regſame Elbing giebt davon ein Bei⸗ ſpiel; da war nirgends mehr das fruͤhere Wohlleben, nir⸗ gends mehr die glänzenden Feſtmahle bei Hochzeiten und Kindtaufen, keine Spur des ehemaligen Kleiderluxus; ?“ ein Haus nach dem andern wurde abgebrochen, ohne daß ſich ein neues erhob, fo daß verordnet werden mußte: es ſolle niemand mehr ein Haus brechen, ohne die Stelle wieder bebauen zu wollen, wo nicht, ſo falle das wuͤſte Erbe dem Rathe der Stadt anheim. ) Und wie in dem einſt fo voll reichen Elbing, wo ſonſt die Mauern der Stadt immer hat ten erweitert werden muͤſſen, ſo auch in den andern Hau delsſtädten des Landes nirgends mehr das alte rege Han⸗ delsleben. Danzig allein erfreute ſich eines ziemlich ausge⸗ dehnten Holz- und Salzhandels. ) “ Nach einem Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter Agſir. “ p. 158. 2) Schr. des Komthurs v. Graudenz, d. Graudenz Donnerſt. vor Purif. Maria (0. J.) Schbl. XX. 143. 3) Darüber das Zeugniß eines Zeitgenoſſen, des Pfarrers v. Ei: ving, an den HM. Schbl. LIV. 33. 4) Die Verordnung des HM. darüber, d. Pr. Holland am S. Dorothea 1422 Ngſtr. V. p. 176 — 177. 5) Fiſcher Geſch. des Deutſ. Handels B. II. S. 383,
Scanseite 419 · Druckseite 406
406 Innere Landesverhaͤltniſſe. (1422.) Man ließ es allerdings nicht an Geſetzen und Anord⸗ nungen feblen, um den innern Betrieb und Binnenhandel mehr zu ordnen, ihn von fruͤheren Beſchränkungen und Hemmungen zu befreien und kaufmaͤnniſchen Fleiß zu bele⸗ ben. Sowohl unter Heinrich von Plauen als unter Michael Kuͤchmeiſter wurden auf Tagfahrten eine Menge von Be⸗ Ihlüffen gefaßt theils über Handelsrecht, uͤber Beſchatzung der Waaren, uͤber Getreideverkauf, Holz- und Wollhandel, über freie Aus-und Einfuhr, über ſchiffbruͤchiges Gut und Bergegeld, uͤber Einſchmelzen des Silbers, theils uͤber Gleich⸗ heit von Maaß und Gewicht, uͤber Tuchfabrication und Tuchhandel, Waarenzeichen, uͤber den Handelsbetrieb frem⸗ der Kaufleute im Lande, uͤber das Schuldenweſen im Han⸗ delsverkehr, uͤber Handwerksordnungen, Preiswuͤrdigkeit der zum Verkauf geſtellten Handwerksarbeiten u. d. g. Man ſuchte die Weichſelſchiffahrt durch vortheilhafte Geſetze fuͤr die Schiffer zu beleben; man war beſorgt, dem Kaufmanne auf den Handelsſtraßen größere Sicherheit zu verſchaffen. !) Das ſtaͤdtiſche Leben ward uͤberhaupt in vieler Hinſicht freier und beweglicher; es wurden wie in den ſtaͤdtiſchen, ſo in den Landesverhaͤltniſſen im Allgemeinen manche alte hemmen⸗ de Formen und veraltete Satzungen und Gewohnheiten nie⸗ dergeworfen, die das Volksleben beengt hatten und dagegen manche neue Rechte und Freiheiten zu freieren Lebensformen gewonnen. So hatten es die Städte bereits errungen, daß ſie auf ihren Tagfahrten den beiden letzten Hochmeiſtern nach deren Wahl bei der Huldigung gewiſſe Beſtimmungen vorlegen konnten, deren Genehmigung und Aüfrechthaltung ſie von den neuen Meiſtern verlangen zu koͤnnen glaubten, Beſtimmungen, die in ihrem Inhalte jedesmal erweitert und vervollſtandigt wurden.) Man forderte unter andern und 1) Die verſchiedenen Geſetze und Verordnungen Über den Binnene handel Hanf. Receſſ. II. p. 545 — 516, 537 ff. 569. Resess. Hunsent. an. 1414. 1415. 1419. 1420. Rgſtr. IV. p- 93. 170. 191. Schr. XXXIV. 54. LIX. 10, Vgl. Fiſcher B. I. S. 389. 2) Die näheren Beſtimmungen in zwei hanſeat. Tagſatzungen v. J.
Scanseite 420 · Druckseite 407
Innere Landesverhaͤltniſſe. (1422.) 407 der neue Meiſter mußte geloben, das Land bei ſeinen allen Rechten und Privilegien zu laſſen und ihm darin keinen Ab⸗ bruch zu thun, den Städten die freie Wahl ihrer Buͤrger⸗ meiſter, Rathsmanne und Schoͤppen nach alter Gewohnheit und Recht nicht zu verkuͤmmern, alſo daß die Herrſchaft ſich darein nicht miſchen dürfe. Desgleichen mußte der Hoch⸗ meiſter verſprechen, den Schulmeiſter, den eine Stadt zum Beſten ihrer Jugend wählen werde, jedesmal zu beſtaͤtigen und ihr mit keinem andern beſchwerlich zu fallen. Man legte das Geſuch vor und es mußte genehmigt werden, daß ſowohl der Hochmeiſter als die Gebietiger zu ihren Dienern vorzugsweiſe Landeskinder wählen und nicht ſo viele ankom⸗ mende Fremdlinge in ihre Dienſte nehmen möchten. Der Hochmeiſter mußte zugeben, daß aller Heiratszwang aufhoͤ⸗ ren ſolle und jeder ſeine Tochter oder Freundin zur Frau geben konne, wem er wolle. Die Staͤdte wirkten ſich das Recht aus, ſich mit Rath und Mitwiſſen ihrer Herren nach ihrem eigenen Vermögen felbft befeſtigen zu duͤrfen. Man trug von Seiten der Stände darauf an, den Muͤhlenzwang abzuſtellen oder wenigſtens den uͤbermaͤßigen Beſchwerden dabei Einhalt zu thun. Man verlangte ferner, daß Ritter, Knechte und Städte die Gerichtsbarkeit binnen ihren Gütern und auf ihren Freiheiten von der Herrſchaft ungehindert aus⸗ üben duͤrften, daß die Herren des Landes niemand in einer Stadt oder auf dem Lande Schulden halber auspfanden laf- fen, ſondern ihr Recht in dem Gerichte ſuchen ſollten, worin der Schuldner ſitze. Der Hochmeiſter mußte ſeine Zuſtim⸗ mung zu dem Antrage geben, daß jemand, der durch ein⸗ ſtimmige Wahl des Landes auf Berathungstage gerufen uͤber Landesſachen Antwort gebe, von der Herrſchaft deshalb kei⸗ nen Verdacht oder irgend welche Hinderung erleiden ſolle, weil wenn eine ſolche freie Sprache in Landesangelegenheiten 1411 u. 1414 in Hanſeat. Receſſ. II. p. 537 u. 569. Vgl. Hiärn Ehſt⸗ Liv⸗ und Lettländ. Geſchichte herausgeg. v. Napiersky S. 173.
Scanseite 421 · Druckseite 408
408 Handel und Verkehr. (1422.) nicht gehört werden dürfe, dem Orden und dem Lande bar- aus großer Nachtheil entſtehen werde. „ Allein bei allen dieſen und aͤhnlichen Zugeſtandniſſen und bei aller freieren Stellung der Verhaͤltniſſe der Stͤͤdte zur Landesherrſchaft ließen doch mancherlei Hemmungen und Hinderniſſe den früheren regen Handelsgeiſt und das friſche ruͤhrige Volksleben nicht mehr recht zum Gedeihen kommen. Zu den traurigen Verhaͤltniſſen Preuſſens zu allen feinen Nachbarlanden, zu den immer neuen Opfern an Mitteln und Kraͤften, die auch die Staͤdte von Jahr zu Jahr im⸗ mer erfolglos ſpenden mußten, kamen nicht nur neue hin⸗ nerliche Umftände hinzu, die den Handel und Verkehr mit med Auslande niederdruͤckten, ſondern es wirkten ihm auch doch die alten Beſchwerden nachtbeilig entgegen. Zu jenen gehoͤrte vorzuͤglich die ſeit Heinrichs von Plauen Zeit immer zunehmende Verſchlechterung der Landesmuͤnze, denn wie um dieſe Zeit in Schonen, Flandern und andern Laͤndern die ſchlechte Muͤnze wegen der bedeutenden Verluſte fuͤr den Kauf⸗ mann Anlaß zu vielen Klagen und Verhandlungen auf den Hanſe-Tagen gab, ſo beſchwerte ſich der Ausländer auch haufig über die Muͤnzverſchlechterung in Preuſſen, die den Verkehr in dem Maaße benachtheiligte und ſtoͤrte, daß auf einer Tagfahrt zu Roſtock im Jahre 1417 der Beſchluß ge⸗ faßt wurde, auf jede Weiſe dahin zu wirken, „daß die Muͤnze in Preuſſen wieder in redlichen und geziemenden Stand geſetzt werde, damit der Kaufmann ſich beſſer darin verwahren konne.“ ) Das Münzweſen war allerdings auch häufig genug Gegenfland der Berathung und Verhandlung des Meiſters mit den Staͤnden; man ließ es auch keines⸗ wegs, wie wir ſchon ſahen, an Veränderungen in der Muͤn⸗ ze fehlen. Wir erinnern uns, was darin im Jahre 1416 1) Daruber das Nahere in Hanf, Receſſ. II. a. a. O. 2) Hanſcat. Receſſ. VI. p. 97, über den großen Nachtheil der ſchlechten Münze in Preuſſen ein Schr. der Alterleute und des Kauf⸗ manns der Hanſe in Vruͤgge, d. 28, Aug. o. J. Schl. 88. nro 16.
Scanseite 422 · Druckseite 409
Handel und Verkehr. (1422.) 409 geſchah, wo zugleich beſchloſſen wurde, daß der Muͤnzwerth forthin nicht mehr verringert werden und die Hauptmuͤnz⸗ ſtaͤtte in Thorn ſeyn ſolle. ) Allein eine weſentliche Ver⸗ beſſerung war damit noch nicht bewirkt; die Klagen uͤber die ſchlechte Preuſſiſche Muͤnze dauerten im Auslande noch immer fort und auch im Lande ſelbſt ſchrieben verftändige Zeitgenoſſen das zunehmende Sinken des Wohlſtandes der Städte vorzuͤglich dem häufigen Umſchlage und der Ver: ſchlechterung der Landesmuͤnze zu.? Nicht minder druͤckend fuͤr den fremden Kaufmann im Handelsverkehr mit Preuſſen war der hier noch immer er⸗ hobene Pfundzoll. Da ihn die Hanſeſtaͤdte ſchon laͤngſt abs geſtellt hatten, ſo beſchwerte man ſich ſchon im Jahre 1411 auf einer Tagfahrt zu Wismar, daß die laͤſtige Abgabe ganz gegen ihren urſpruͤnglichen Zweck noch fortbeſtehe und man beſchloß, mit allem Nachdruck auf ihre Abſtellung anzutra⸗ gen. Allein man ging in Preuſſen darauf weiter nicht ein; vielmehr ward auf einer Tagfahrt zu Elbing 1415 feſtge⸗ ſetzt: es ſolle auch forthin mit dem Pfundzolle nach altem Herkommen gehalten werden.) Die Hanſeaten erneuerten ihr Geſuch. Der Hochmeiſter jedoch erwiederte: der Zoll ſey ihm von ſeinen Vorfahren uͤberkommen; er ſehe nicht ein, warum er ihn zu Gunſten der Ausländer aufgeben fol: le.) Als darauf die Hanſeſtaͤdte abermals mit ſcharfem 1) Das Nähere über das damalige Muͤnzweſen in Preuſſen Han⸗ feat. Reccſſ. II. p. 571 — 572 u. Recess. Hanscat. an. 1416. Vgl. Braun vom Poln. und Preuſſ. Muͤnzweſen S. 33 — 34, wo es heißt: es ward den beiden Staͤdten Thorn und Danzig aufgetragen, auf cine Zeitlang zu münzen, der halbe Gewinn ſolle dem HM. zukommen. 2) Zeugniß des Pfarrers von Elbing Schbl. LIV. 33: „So er⸗ fare ich vaſte under den leuwten, wie dis arme lant merglich hat abge⸗ nomen von manchfaldiger umſlaunge der montze die vorzieten ſind geſcheen. 3) Recess. Hanseat. an. 1415 ; über die Art der Erhebung des Pfundzolls nähere Angaben im Fol. Miſſive p. 187. 2) Schr. des HM. an die Hanſeſtädte, d. Marienb. Sonnab. nach Himmelf. 1416 Rgſtr. IV. p. 149.
Scanseite 423 · Druckseite 410
210 Handel und Verkehr. (1422.) Ernſte auf Abſtellung drangen, gaben die Preuſſiſchen Schwe⸗ ſterſtadte, aufs nachdruͤcklichſte an den Gehorſam gemahnt, den ſie hanſeatiſchen Beſchluͤſſen ſchuldig ſeyen, ihrer Seits zwar nach. ) Allein die Finanzverhaltniſſe des Ordens wa⸗ ren keineswegs der Art, daß der Hochmeiſter dieſen Ein⸗ fünften entſagen zu koͤnnen glaubte.) Er erließ vielmehr neue Beſtimmungen uͤber ihre Erhebung.“ Selbſt der Be⸗ ſchluß der Hanſeſtaͤdte, wegen Aufhebung der Abgabe ſich an den Röm. König zu wenden, bewog den Meiſter zu keiner Aenderung. ® So zog ſich der Streit, beſonders auf einer Tagfahrt zu Luͤbeck im Jahre 1418 mit des Ordens Sendboten mit großer Lebendigkeit geführt, 9 bis zum Jahre 1421 hin, wo eine abermalige Geſandtſchaft der Seeſtaͤdte beim Hochmeiſter mit der größten Entſchiedenheit ihre For⸗ derung erneuerte. Dieſer weigerte ſich auch jetzt wieder aufs beſtimmteſte, zumal da die Städte von ihm auch eine ge naue Berechnung uͤber die bisherige Verwendung des erho⸗ benen Pfundzolls verlangten. Da traten die Hanfeftäbte Preuſſens, einen foͤrmlichen Bruch zwiſchen der Hanſe und ihrem Landesherrn beſorgend, als Vermittler auf; es kam zu einer Ausgleichung; die Sendboten gaben ihre Forderung wegen Rechnungslegung auf; der Hochmeiſter verſprach nicht nur den Pfundzoll zum Beſten der Staͤdte abzuſtellen, ſon⸗ dern willigte auch ein, daß die Beſchluͤſſe und Satzungen der Hanſe, in Gegenwart der Bevollmächtigten der Staͤdte Preuſſens und Livlands gefaßt, auch fuͤr dieſe guͤltig ſeyn ſollten und er ſie genehmigen und beſtatigen wolle, ſofern 1) Schr. d. Hanſeſtädte an d. HM. u. an die Preuſſ. Städte in Hanfeat, Receſſ. VI. p. 77 — 79. Recess. Hanseat. an. 1417. 2) Schr. des HM. an die Hanſeſtädte, d. Marienb. Freit. nach Corp. Chriſti 1417 Ngſtr. IV. p. 221. 3) Rgſtr. IV. Kotzebue B. III. S. 323. 4) Beſchluß in Hanſeat. Receſſ. VI. p. 122. 5) Die Verhandlungen weitlaͤuftig in Hanſcat Reteſſ. VI p. 166 — 169, 179 — 181. Schr. des HM. an die Hanſiſtaͤdte, d. Soldau Donnerſt. vor Martini 1420 Rgſtr. V. p. 107.
Scanseite 424 · Druckseite 411
Hemmungen im Handel mit dem Auslande. (1422.) 411 ſie nicht ihm oder dem Wohle ſeines Ordens und Landes entgegen ſeyn wuͤrden. Schon hieraus leuchtet auch ein, daß das alte Verhaͤlt⸗ niß zwiſchen Preuſſen und den Hanſeſtaͤdten ſeit längerer Zeit nicht mehr ganz daſſelbe war. Der Hochmeiſter wurde zwar noch jetzt zuweilen, wie im Jahre 1415 im Streite Luͤbecks mit dem Könige von Dänemark, von den Hanſe⸗ ſtaͤdten als Schiedsrichter aufgerufen; 2 allein die Städte Preuſſens ſtanden jetzt keineswegs mehr in der Wichtigkeit da, in der ſie fruͤher, wie wir ſahen, in den Hanſeatiſchen Verhandlungen immer mit eine Hauptrolle ſpielten. Häufig erſchienen auf Tagfahrten gar keine Preuſſiſchen Bevollmaͤch⸗ tigten mehr, auf andern zuweilen nur einer oder zwei,“) während früher gewöhnlich jede Stadt ſich durch einen ſol⸗ chen vertreten ließ. Auch waren die Handelsverhaͤltniſſe Preuſſens jetzt weit ſeltener der Gegenſtand der Berathung auf den Tagfahrten. In Folge des Streites über den Pfund⸗ zoll war uͤberdieß beſonders ſeit dem Jahre 1418 zwiſchen den Staͤdten Preuſſens und den Hanſeſtädten eine gewiſſe Spannung eingetreten, denn wenn auch die wichtigen Tags⸗ beſchluͤſſe auf den Tagfahrten wie in Marienburg, ſo in an⸗ dern Staͤdten zur allgemeinen Nachachtung an den Nath: häuſern ausgehaͤngt wurden, „ ſo ſchloſſen ſich doch die Preuſſiſchen Städte dem Schutz- und Huͤlfsbuͤndniſſe der Hanſeſtadte unter einander, obgleich ſie zur Theilnahme ein⸗ geladen waren, nicht an und verweigerten die Stellung der 1) Die Verhandlungen in Hanſeat. Receſſ. VI. p. 261 ff. u. bei Seliiltæ p. 112 — 118. Schr. des Meiſters v. Livland an den HM. aus dem J. 1421 Schbl. LX. 149 — 150. Sartorius Geſch. der Hanſe B. II. S. 175 — 177. 2) Schr. des HM. an Lübeck, d. Sobowitz Mont. nach Quaſimod. 1416 Raftr. IV. p. 139. 3) Dieß geſchah jedoch nach beſonderem Zugeſtändniß der Hanſe; ſ. Sartorius Geſch. der Hanſe B. II. S. 62. 4) Ngſtr. V. p. 127.
Scanseite 425 · Druckseite 412
412 Hemmungen im Handel mit dem Auslande. (1422.) auf fie berechneten Mannſchaft.) Erſt nach Beilegung je: nes Streites gingen im Jahre 1421 der Orden und deſſen Lande mit den Hanſeſtaͤdten ein Schutz- und Trutzbuͤndniß auf zehn Jahre ein, worin die letztern verſprachen, dem Orden im Falle eines Angriffes zweitauſend Bewaffnete zu Roß oder Fuß zu Huͤlfe zu ſenden. Seitdem ſchloß ſich der Hochmeiſter wieder näher an die Hanſeſtaͤdte an.) Zu dieſen Hemmungen im Handelsverkehr Preuſſens kam das alte Unweſen der Seeraͤuberei auch noch in dieſer Zeit hinzu, denn noch immer war die See vom Raubvolke der Vitalienbruͤder nicht geſaͤubert, noch immer bildete Fries⸗ land den Schlupfwinkel, wo die loſen Raubgeſellen Schutz und Herberge fanden, noch immer fuͤgte durch fie der mäch- tige Häuptling Keno then Brock auch Preuſſiſchen Seefah⸗ rern oft ſehr bedeutenden Schaden zu. Schon im Jahre 1411 klagten daruͤber die Staͤdte Preuſſens bei den Hanſea⸗ ten und baten um Vorkehrungen.) Bremen verwandte ſich mit allem Eifer bei jenem Häuptling um Auslieferung des den Preuſſen weggenommenen Kaufgutes, jedoch ohne Er⸗ folg, denn Keno trotzte auf ſeine dreihundert Raubgeſellen, durch die er die See weit und breit durchkreuzen ließ.“ Verbote, wie auf der Tagfahrt zu Luͤneburg im Jahre 1412, daß niemand mehr die Vitalier hegen und foͤrdern ſolle, 1) Das Buͤndniß der Hanſeſtaͤdte im Recess. Hanseat. an. 1418 u. Ngſtr. V. p. 131. Die Preuſſ. Städte ſollen 90 Wäppner und 10 Schützen ſtellen. Sartor ius Geſch. der Hanſe B. II. S. 16. 2) Von dieſem Vertrage iſt bloß noch der Entwurf vorhanden; ſei⸗ ner erwähnt Kotzebue B. III. S. 182. 424; Schbl. XX XIV. 41; er iſt ohne Datum und wird unrichtig von Kotzebue ins J. 1417 ge⸗ ſetzt; er gehört offenbar ins J. 1421, wie ſchon daraus hervorgeht, daß er zum Theil auch in Hanſeat. Neceſſ. VI. p. 271 mitten unter den Verhandlungen des HM. mit den Hanſeſtädten wegen des Pfundzolls zu Marienburg (1421) ſteht. Der Vertrag enthält noch mehre nähere Be⸗ ſtimmungen über die Huͤlfeleiſtung; manches führt auch Schule p. 113 an. 3) Hanf. Receſſ. II. p. 541 — 522. V. p. 431. 4) Schr. des Rathes von Bremen an Danzig im Recess. Laussal. au 1411 .
Scanseite 426 · Druckseite 413
Hemmungen im Handel mit dem Auslande. (1422.) 413 und die Verhandlungen, welche von da aus mit Keno be⸗ trieben wurden, D blieben im Ganzen erfolglos. Man mußte das alte Mittel ergreifen, Friedeſchiffe auszuruͤſten, und die Staͤdte Preuſſens wurden auch jetzt wieder zur! Beihuͤlfe aufgefordert. 2 Aber auch dieſes fruchtete nicht viel, denn noch in den Jahren 1417 und 1418 zogen aus Oſt⸗ und Weſtfriesland haͤuſig ganze Schaaren von Seeraͤubern aus, die alles auffingen, was ihnen auf der See begegnete, 9 fo daß zuletzt die Hanſeſtaͤdtie klagend ſich an den Roͤm. Koͤnig wandten, der auch Anſtalten zur Vertilgung des Un⸗ weſens und zur Sicherheit des Seefahrers verſprach.“) Ueber⸗ dieß aber wurden die Handelsſchiffe auch noch von Raub⸗ ſchiffen aus andern Laͤndern, beſonders oft von Schotten, zuweilen ſelbſt von Spaniern aufgefangen und ausgepluͤn⸗ dert.) Durch die Raubuͤberfaͤlle der erſtern hatten oft auch Preuſſiſche Schiffe aus Thorn und Danzig bedeutenden Ver⸗ luſt erlitten.) Weil nun auf Anfordern der Hanſe kein Erſatz fuͤr das geraubte Gut erfolgte, ſo ward durch ein Hanſeatiſches Statut im Jahre 1412 den Hanſeaten aller Handel mit Schottland und aller Betrieb mit Schottiſchem Tuch unterfagt.D Allein obgleich die Schotten trotz dem ihr Raubweſen forttrieben, ſo wurde doch gerade in Preuſſen das Verbot am wenigſten beachtet, zumal in Danzig, wo nach wie vor mit Schottiſchem Tuche bedeutende Geſchaͤfte gemacht wurden, weshalb beſonders der Kaufmann der Deutſchen Hanſe zu Brügge wiederholt nachdruͤckliche Klagen 1) Hanſeat. Receſſ. II. p. 553, 555. 2) Hanſeat. Reciff. I. p. 564. 3) Hanſeat. Receſſ. VI. p. 82. 4) Schr. des Rom. Königes an die Hanſeſtädte, d. Baſel Mont. nach Corp. Chriſti Hanſeat. Receſſ. VI. p. 153. 5) Schr. des HM. an d. Herzog v. Burgund, d. Mar. Donnerſt. vor Neminiſcere 1422 Rgſtr. V. p. 178, 6) Schr. des Deutſ. Kaufmanns aus Brügge an d. Staͤdte Preuſſ., d. 13 Aug. 1412 Hanſeat. Receſſ. V. p. 433, Recess. Hauseat. an. 1412. 7) Hanſcat. Receſſ. II. p. 557. V. p. 433. Recess. Iauscnk. an. 1412. Sartorius B. II. S. 632.
Scanseite 427 · Druckseite 414
414 Sandelsverhältniffe mit England u. Flandern. (1422.) über dieſe Nichtachtung des Hanſcatiſchen Beſchluſſes führte und die Städte Preuſſens mehrmals mit Ernſt an ihre Verpflichtung erinnerte, denn dieſem Umſtande ſchrieb man es zu, daß ſich die Schotten an keine Maaßregel der Han⸗ ſeſtaͤdte kehren wollten. ) Zu dieſen Stoͤrungen im Handel mit dem Auslande kam endlich theils noch das wegen Mißwachſes in Preuſſen fo häufig nothwendig werdende Verbot der Getreideausfuhr, 2 theils das fortdauernde Syſtem perſonlicher Repreſſalien ge: gen das Eigenthum jedes Volkes, von dem jemand Scha⸗ den erlitten hatte. Jeder erholte ſich ſeines Verluſtes, wo und wie er konnte, denn dem bibliſchen Grundſatze, den in einem ſolchen Falle der Erzbiſchof von Gneſen geltend ma- chen wollte: „der Sohn ſolle nicht die Schuld des Vaters tragen,“ wurde nirgends Gehoͤr gegeben. Durch alle dieſe Störungen gehemmt konnte der Han⸗ delsverkehr Preuſſens mit keinem Lande zu rechtem friſchen Leben gedeihen. Was zunaͤchſt den Handel mit England betrifft, durch den Preuſſen vorzuͤglich ſeinen Bedarf an Salz, Oel, Tuch u. dgl. erhielt, ſo wurden dort dem Kauf⸗ manne die ihm fruͤher verliehenen Privilegien immer noch wenig gehalten;?) man klagte noch fort und fort uͤber die dem fremden Kaufmanne in England aufgebuͤrdeten, unge⸗ wohnlichen Auflagen.) Schon der Meiſter Heinrich von Plauen beſchwerte ſich mehrmals beim Koͤnige, daß der Han⸗ del ſeiner Unterthanen nach England ſo unſicher ſey und den Seefahrern aus Preuſſen ihre Schiffe bald in Beſchlag ge⸗ 1) Mehre Schr. der Alterleute in Brügge an die Städte in Preuſ⸗ fen in Hanſeat. Receſſ. V. p. 435. 442. 445. Recess. Hanseat. an. 1413. 1414. 1415. Sartorius B. II. S. 632 — 633. 2) 3. B. in den J. 1415, 1417, 1422. Schr. des HM. an den Buͤrgermeiſter v. Sund, d. Holland am T. Scholaſtica 1422 Ngſtr. V. P. 3) Hanſcat. Receſſ. U. p. 591. V. p. 431, 4) Hanſeat. Neceſſ. II. p. 553.
Scanseite 428 · Druckseite 415
Handelsverhaͤltniſſe mit England u. Flandern.. (1422.) 415 nommen, bald räuberifch ausgepluͤndert wuͤrden ;) auch fein Nachfolger mußte faſt jedes Jahr noch die naͤmlichen Klagen fuͤhren.) Man beſchloß, den Engländern wie in den uͤbri⸗ gen Hanſeſtaͤdten fo auch in Preuſſen alle Privilegien zu verweigern, wenn den Beſchwerden nicht abgeholfen werde.“ Allein noch im Jahre 1417 dauerten nicht nur die Klagen uͤber die hohen Abgaben in England noch immer fort, ſondern es kamen auch haͤufig gewaltthaͤtige Behandlungen Hanſeatiſcher Seefahrer durch die Engländer hinzu, wobei auch Kauffahrer aus Preußen und Livland anſehnliche Vers luſte erlitten. Der auf des Hochmeiſters Anforderung vom Koͤnige Heinrich verſprochene Erſatz des Schadens wurde nie geleiſtet, fo oft er auch verlangt ward.) Vielmehr wurden von neuem mehre Schiffe aus Danzig in Engliſchen Haͤfen aufgehalten, die Guͤter in Beſchlag genommen und die Schiffsleute gefangen geſetzt, zum Theil jämmerlich gemiß⸗ handelt. Da auch jetzt die bittern Klagen des Hochmeiſters und ſeine Bitte um Abhuͤlfe ſolcher Unbill ohne allen Er⸗ folg blieben,“ fo waren nun in den Städten Preuſſens, ) Schr. des HM. an den König v. England, d. Elbing 1 Mai 1412 Rgſtr. II. p. 8. 2) Schr. des HM. an den König v. England, d. Danzig 25 Jan. 1414 Agſtr. II. p. 30; ein anderes v. J. 1417 Rgſtr. IV. p. 214. 3) Hanſcat. Receſſ. II. p. 557. 4) Hanſcat. Receſſ. VI. p. 97, 5) Hanſeat. Receſſ. VI. p. 82. 6 Schr. der Stadt Riga an den HM. d. am Abend Matthäi Evang. 1917 Schbl. XXI. 10. ueber die Entſchaͤdigungsſumme, die nach einer Urkunde v. J. 1424 Schbl. 83, 17 für Livland und Preuffen 19,274 und dann noch für Preuſſen allein 3635 Nobeln betrug, f. die Urkunden Schbl. XXXII. 10. 19. 73 u. Schbl. 83, 10. 11. 13. 20. 42. 44. Im J. 1412 war Hans von Baiſen in dieſer Angelegenheit in England, Hanſcat. Receſſ. II. p. 563. Ngſtr. V. p. 83 — 84. 7) Schr. des HM. an d. König v. England, d. Grebin feria V ante festam Triuitat. 1418 Fol. Miſſive p. 136. Schr. des HM. an denſelben, d. Labiau 10 Derob. 1418 Fol. Miſſive p. 152. u. ein ande⸗ des, d. Barthen Freit. vor Judica 1420 Rgſtr. V. p. 83.
Scanseite 429 · Druckseite 416
416 Handelsverhättniffe mit England und Flandern. (1422.) namentlich in Danzig ſtarke Repreſſalien gegen die Englän- der unvermeidlich. Jetzt erſuchte nun zwar der König den Hochmeiſter: er moͤge, um die unter ihren Vorfahren be⸗ ſtandene Freundſchaft zu erhalten, den Engliſchen Kaufleu⸗ ten in Preuſſen ebenſo den Genuß ihrer Freiheiten geſtatten, wie die aus Preuſſen ſich ihrer Privilegien in England in Ruhe und Frieden erfreuen follten, da jetzt der Engliſche Kaufmann, wie ihm gemeldet ſey, in Preuſſen große Ver⸗ luſte erleide und unfreundlich behandelt werde.) Allein es geſchah vom Koͤnige auch jetzt noch nichts, um jenen Frie⸗ den für den Preuſſiſchen Kaufmann in England zu verwirk⸗ lichen.“ Danziger und Engländer nahmen ſich nach wie vor gegenſeitig die Schiffe weg, zumal da die letztern durch— aus keinen Seehandel von Preuſſen aus nach Schottland dulden wollten. Es kam daher trotz alles Beſtrebens bei⸗ der Fuͤrſten zwiſchen England und Preuſſen auch in dieſer Zeit zu keinem friedlichen und ungeſtoͤrten Verkehr.“) Der Handel mit Flandern, woher Preuſſen feine Tuͤ— cher unter verſchiedenen Namen, Wein, feine Fruͤchte und Gewuͤrze u. dgl. erhielt, litt ebenfalls mancherlei Stoͤrungen. Zunachſt wirkte ſchon die bekannte Luͤbecker Stadtfehde zwi⸗ ſchen dem alten und neuen Rath bei der Stellung Luͤbecks im ganzen nordiſchen Handelsverhaͤltniß auch auf den Han⸗ del zwiſchen Preuſſen und Flandern ſo nachtheilig ein, daß ſchon der Hochmeiſter Heinrich von Plauen auf Anliegen Gents, Yperns und Bruͤgge's eifrigſt bemüht war, feiner Seits fo viel als möglich zur Beilegung der Unruhen in Luͤbeck mitzuwirken.) Ferner brachte die im Jahre 1411 1) Schr. des Koͤniges v. England an den HM. d. Westmonasie- rii XXIX Jun. an. regni VII Schbl. 83. 22. 2) Schr. des HM. an den König v. England, d. Marienb. 17 Aug. 1419 Rgſtr. V. p. 665 ein anderes Schr. an den König bei 16 mer T. IV. P. II. p. 22. 3) Mehres Specielle Über den Handel zwiſchen England u. Preuſſen muß hier uͤbergangen werden. 2) Schr. des HM, an d. genannten Städte, d. Schlochau Dienſt.
Scanseite 430 · Druckseite 417
Handelsverhaͤltniſſe mit England und Flandern. (1422.) 417 in Flandern neugeſchlagene ſchwere Muͤnze dem fremden Kauf⸗ manne großen Schaden, weshalb auch die Städte Preuſſens dahin arbeiteten, daß der Herzog von Burgund ſie wieder einziehe.) Ueberdieß hatten ſich im Jahre 1412 eine An⸗ zahl Engliſcher, Holländifcher, Seelaͤndiſcher und Schotti⸗ ſcher Schiffe verbunden, um an Flanderns Kuͤſte, beſonders am Hafen Sween umherſtreifend die nach Flandern ſegeln⸗ den Schiffe aufzufangen und ihren Raub unter ſich zu thei⸗ len. Wie uͤberall, fo war es auch hier der Mangel des Gefuͤhls fuͤr Recht, Ehrlichkeit und Heiligkeit des Beſitz⸗ rechts, was keine Freiheit und Sicherheit im Handelsbetrieb beſtehen ließ; man ſah den Kaufmann meiſt ſchon deshalb für rechtlos und fein Kaufgut für eine Beute an, weil er ſich mit dieſem auf der See oder in fremden Landen befand. Als einſt z. B. ein Danziger Schiff mit Kaufmannsgut nach England ſegelnd unterwegs beſchaͤdigt wurde und eiligſt eine Ausladung nothwendig war, erbot ſich eine Anzahl Seelaͤnder dabei behuͤlflich zu ſeyn, trieb indeß bald die Mannſchaft aus dem Schiffe, lud die Waare in ihre Fahr⸗ zeuge uͤber und eilte mit dem Raube an Werth von ſech⸗ zehnhundert Nobeln davon.?) Die Hochmeiſter und die Herzoge von Holland und Burgund ermuͤdeten ſich viele Jahre lang theils durch Klagen uͤber Mißhandlungen ihrer Kauf: leute, uͤber Raͤubereien, Verkuͤrzung und Verletzung der Pri⸗ vilegien u. ſ. w., theils mit Wuͤnſchen uͤber friedlichen Ver⸗ kehr, Aufrechthaltung der verliehenen Freiheiten u. dgl.; zu Pfingſt. 1411. Schr. der genannten Städte an die Städte Preuſſ. uͤber die verderblichen Folgen der Lübecker Fehde Hanf. Receſſ. V. p. 424, Recess. Hanseat. an. 1411, 1) Schr. des Raths von Hamburg an Danzig, d. Sonnt. vor Viti 1411 Hanf. Receſſ. V. p. 426. Recess. Hanseat. an. 1411. 2) Schr. des Kaufmanns aus Brügge an die Preuff, Städte, d. 13 Aug. 1412 Hanf. Receſſ. V. p. 432. Recess. Hauscat. an, 1412, 3) Schr. des HM. an Herzog Wilhelm v. Holland, d. Grebin Sonnab. nach Purif. Mariä 1413 Ngſtr. III. und ein anderes vom J. 1415 Rgſtr. IV. p. 104. VII. 27
Scanseite 431 · Druckseite 418
418 Handelsverhältniffe mit England und Flandern. (1422.) aber dieſe Wünſche auszuführen, daran ſcheiterte alles Be⸗ muͤhen der Fuͤrſten; ) es ſcheiterte immer am Handels neid der Handelsſtaͤdte und Handelsvolker. Beſchwerten ſich duch die Hanſcaten ſelbſt darüber, daß viele Nicht- Hanjeaten, beſonders Holländer und Seelaͤnder nicht nur immer ſtaͤrkern Verkehr mit Livland anknuͤpften, ſondern auch ihre Kinder dahin ſendeten, um dort die Landesſprache zu erlernen; man nahm es den Livlaͤndern ſogar uͤbel, daß ſie ſolches zum Nachtheil des Kaufmanns der Hanſe duldeten und es wurde auf einer Tagfahrt das Verbot erlaſſen, daß forthin nie⸗ mand, der nicht in der Hanſe ſey, in Livland die Sprache erlernen oder dorthin Handel treiben ſolle.? Auch im Bernſteinhandel mit Bruͤgge fielen manche Störungen vor. Der Großſchaͤffer von Königsberg hatte im Jahre 1418 mit dem Gewerke der dortigen Paternoſterma⸗ cher über den Preis des Bernſteins einen Vertrag geſchloſſen. Das Gewerk indeß klagte bald, daß dieſer ihm nicht gehal⸗ ten werde, weil man in Buͤchern gefunden habe, daß ſonſt der Preis viel hoͤher geſtanden und man dieſen nun eben⸗ falls verlange.) Der Hochmeiſter half der Klage zwar da— durch ab, daß er den Preis des neuen Vertrages geneh— migte;” allein da das Gewerk bald aus Mangel an Waa⸗ renabſatz in der Kriegszeit dem Großſchaͤffer keine Zahlung leiſten konnte und dieſer bald alle fernere Bernſteinſendun— gen nach Brügge verweigerte, fo lam dadurch das Bern— ſteingewerk in ſolche Noth, daß man den Hochmeiſter aufs dringendſte um Abanderung dieſes Beſchluſſes erſuchen muß⸗ te“) und er verhieß die fernere Lieferung, ſofern auch das 1) Schr. an die Herzoge von Holland und Burgund im Rgſtr. IV p. 173. V. p. 103. 108 — 109, 2) Hanſeat. Receſſ. VI. p. 94 — 95 u. 135. 3) Schr. des Amtes der Paternoſtermacher zu Brügge, d. 3 Maͤrz 1419 Schbl. LXXVXIII. 54. 4) Schr. des HM. an die Paternoflermacher, d. Thorn Oftern 1419 Fol. Miſſive p. 61. 5) Schr. des Buͤrgermeiſters und der Rathelcute v. Brügg. an d.
Scanseite 432 · Druckseite 419
Handelsverhaͤltniſſe mit Dänemark. (1422. 419 Gewerk den verabredeten Beſtimmungen nachkommen werde.“ Auch aus Luͤbeck liefen mitunter Klagen ein, daß man den Bernſtein dem dortigen Paternoſtergewerke in viel zu ſchlech⸗ ter Gattung uͤberſende. 9 Eben ſo wenig ſtand der Handel mit den Skandinavi⸗ ſchen Reichen in irgend regem Leben. Der Verkehr mit Schweden ſcheint uͤberhaupt nicht bedeutend geweſen zu ſeyn, doch ſah man zuweilen Schwediſche Schiffe mit Oeſemund, Talg, Haͤuten u. dgl. in Danzig.?) Den Handel mit Daͤ⸗ nemark ſtoͤrten auch um dieſe Zeit noch mancherlei Hinder⸗ niſſe, beſonders die auch in den drei nordiſchen Reichen, namentlich auf Schonen gangbare ſchlechte Muͤnze, woruͤber mit allen Hanſeſtaͤdten auch die in Preuſſen ſchon ſeit dem Jahre 1411 faſt auf allen Tagfahrten klagten.) Man bat allgemein den Koͤnig von Daͤnemark um Aenderung des Muͤnzfußes ;) er zeigte ſich auch geneigt und verſprach den Hanſeſtaͤdten überhaupt alle die Gerechtſame und Freiheiten in ſeinen Reichen zu geſtatten, die ihnen nur je von ſeinen Vorfahren bewilligt ſeyen.“) Allein die vieljährigen Fehden und Streithaͤndel des Daͤniſchen Koͤniges mit den Grafen von Holſtein um den Beſitz von Schleswig entzogen dem Verkehr mit Danemark alle zu feinem Gedeihen nöthige Sir cherheit, fo daß ſchon deshalb die Hanſeſtädte alles aufbo⸗ ten, um als Vermittler eine Suͤhne zu bewirken.“ Zu die⸗ HM. d. 26 März 1421 Schbl. LXXXIII. 40. Schr. der Alterlcute u. fe w. in Brügge, d. 20 Juni 1421 ebend. 42. 1) Schr. des HM. an das Gewerk der Paternoſtermacher in Bruͤg⸗ ge, d. Soldau Donnerſt. vor Martini 1421 Rgſtr. V. p. 110. 2) Schr. des HM. an Lübeck, d. Mar. Sten T. Epiphan. 1422 Rgſtr V. p. 175. 3) Urkunde des Magiſtrats v. Stockholm, d. Stockholm Sonnt. Jubilate 1418 Schbl. 88. 1. 4) Hanf. Receſſ. II. p. 543, 5) Sanf. Receſſ II. p. 553. 562. 565. 6) Hanf. Receſſ. II. p. 568. 7) Hanf. Receſſ. VI. p. 116. Schr. des HM. an die Holſieiner, 27
Scanseite 433 · Druckseite 420
420 Handelsverhaͤltniſſe mit Dänemark. (1422.) fen den Handel ſchon ſehr niederdruckenden Verhaͤltniſſen ka⸗ men auch noch manche Störungen anderer Art. Wir erins nern uns, daß eine Zeitlang der König von Dänemark mit dem Hochmeiſter nicht in freundlichem Vernehmen ſtand. Der ſonſt ſo rege Verkehr zwiſchen Preuſſen und Schonen hatte ſchon ſeit Heinrichs von Plauen Zeit bedeutend gelitten. Man verkuͤrzte auch dort den Preuſſiſchen Seefahrern und Kaufleuten ihre Freiheiten und Privilegien; umſonſt bat der Hochmeiſter den Koͤnig um Schutz fuͤr ſeine Unterthanen; die Amtleute des Erzbiſchofs von Lund und des Biſchofs von Roſchild bedruͤckten ſie nach wie vor.) Die Preuſſen wurden von ihrer Vitte zu Falſterbude mehr und mehr ver⸗ draͤngt; Daͤniſche Fiſcher und anderes Volk ließen ſich dort ohne weiteres nieder, ohne dem dort ſitzenden Vogt nur im mindeſten Gehorſam zu beweifen, wie es doch die vom Kb: nige Waldemar den Preuſſiſchen Städten verliehenen Privi- legien ausdruͤcklich verlangten.) Man erſuchte den Koͤnig um Abhuͤlfe; 9 allein es lag jetzt uͤberhaupt in feinem Sn: tereſſe, die fremde Heringsfiſcherei auf Schonen zu beſchraͤn⸗ ken. Er bewies es im Jahre 1415 an Luͤbeck, deſſen Kauf- leute auf Schonen er ſaͤmmtlich gefangen nehmen ließ. Die Stadt wandte ſich an den Hochmeiſter um Vermittlung; er erklaͤrte ſich bereit.) Da erweckte aber der König wieder den alten Streit wegen der einſt uͤber Bort geworfenen Buͤrger von Kalmar, eine Erklaͤrung fordernd, was in die⸗ ſer bereits ganz vergeſſenen Streitſache geſchehen ſey, wor⸗ d. Mar. Donnerſt. vor Luck 1420 Rgſtr. V. p. 103. Vol, Sarto⸗ rius Geſch. der Hanſe B. II. S. 251 ff. 1) Schr. des HM. an d. König v. Dänemark, d. Mar. am ten Tag Himmelf. Mariä (1411) Rgſtr. II. p. 16. 2) Schr. des HM. an d. Vogt zu Falſterbude auf Schonen, d. Mar. in vigilia Laurentii 1912 Rgſtr. II. p. 15. 3) Hanf, Receſſ. II. p. 571. 4) Schr. des HM. an Lubeck, d. Mar. Dienſt. vor Galli 1415 Rgſtr. IV. p. 119. Sartorius Geſch. der Hanſe B. II. S. 253. Kantzow Chron. v. Pommern v. Böhmer S. 190.
Scanseite 434 · Druckseite 421
Handelöverhältn. mit Polen und Litthauen. (1222) 421 aus man ſah, daß er nur Hader und Zwiſt ſuche. Der Hochmeiſter ſcheint daher wegen der obwaltenden Unſicherheit die Schiffahrt und allen Verkehr nach Dänemark völlig uns terſagt zu haben.) Wenn ſich auch nachher die beiden Fürs ſten einander wieder naͤherten, ſo waren die Handelsverbin⸗ dungen doch zerriſſen, ſo daß ſich kaum noch einige Spu⸗ ren von einem Verkehr beider Laͤnder finden. Der Handel mit Polen und Maſovien unterlag allen den Störungen und Gebrechen, die bei ſolchem Mißtrauen und ſolcher Feindſchaft der Fuͤrſten und Volker nur irgend denkbar ſind. Heinrich von Plauen verbot ausdruͤcklich allen Verkehr nach Polen und Litthauen, weil man, wie er ſagt, durch den Kaufmann zu viel erfahre und ausſpaͤhe; er gab dem Meiſter von Livland denſelben Rath, mit der Weiſung, immer nur einen oder zwei Kaufleute ins feindliche Land ziehen zu laſſen, um Nachrichten durch ſie einzuholen.? Man bediente ſich alſo des Kaufmanns zugleich als Spion; die meiſten Berichte uͤber den Zuſtand der Dinge in Polen und Litthauen erfuhr man in Preuſſen auch wirklich aus dem Munde der Kaufleute. Daher zum Theil die Mißhand⸗ lungen, denen der Kaufmann in den beiderſeitigen Ländern ſo oft unterliegen mußte. In Michael Kuͤchmeiſters erſter Zeit ſchienen ſich zwar fuͤr den Handel guͤnſtigere Ausſichten zu eröffnen, denn der König und der Meifter verſprachen ſich gegenſeitig Freiheit und Sicherheit des Kaufmannes und Oeffnung aller Handelsſtraßen;) allein ſchon im Herbſt 1414 hörte der Verkehr mit Polen faſt gänzlich auf; auf dem Pergament wurde er zwar im naͤchſten Jahre wieder 1) Schr. des HM. an d. König v. Dänemark, d. Mar. Mont. nach Aegidii 1415 Rgſtr. IV. p. 116. Schr. des HM. an die Ordens⸗ bevollmächtigten in Koſtnitz, d. Danzig am T. Priſcä 1416 Rgſtr. IV. p. 128. 2) Schr. des HM. Heinrich v. Plauen an den Livland. Meiſter o. D. 3) Schr. des HM. an den König v. Polen, d. Mar. Dienſt. nach Trinitat. 1414 Agſtr. IV. p. 19. 2
Scanseite 435 · Druckseite 422
422 Handelsverhaͤltn. mit Polen, Litthauen u. Rußland. (1422.) ins Leben gerufen; da indeß der Handel Preuſſens mit dem Auslande beinahe ganz ſtockte, der fremde Kaufmann der ſchlechten Muͤnze wegen das Land faſt gar nicht mehr beſuchte, wenig Waaren eingefuͤhrt wurden und uͤberdieß die kriegeriſchen Verhaͤltniſſe zwiſchen Polen und dem Orden alle Verbindungen abſchnitten, ſo lag nun aller Handel dorthin ganz darnieder 2 und fo blieb es auch in den nachfolgenden Jahren. — Den Handel mit Maſovien druͤckten die naͤmli⸗ chen politiſchen Verhaͤltniſſe, wie in Polen. Der Hochmei⸗ ſter that wirklich viel, um den Verkehr mit den Maſoviern ſicher zu ſtellen und Stoͤrungen zu befeitigen,? denn der wichtige Holzhandel Maſoviens auf der Weichſel nach Dan⸗ zig und dann weiter zur See brachte dieſer Stadt ſehr be⸗ deutende Vortheile;“ Maſovien bezog von da vorzüglich ſeinen Bedarf an Salz und Hering. Da der Handel mit Litthauen, woher nach Danzig ebenfalls ſtarker Holzhandel betrieben wurde,“) fo häufig un⸗ terbrochen war und nur zuweilen zu einigem Leben gelangen konnte, ſo gewann natuͤrlich auch die Handelsgemeinſchaft mit Rußland keine feſte Dauer. Den Handel mit dem nördlichen Rußland ſuchten uͤberdieß die Livlaͤndiſchen Staͤdte monopoliſch an ſich zu ziehen. Keine Waare aus Flandern durfte ſeit 1411 dorthin eingefuͤhrt werden. Der Tuchhan⸗ del nach Rußland ward vielen Beſchraͤnkungen unterwor- fen.) Auf einer Tagfahrt zu Roſtock im Jahre 1417 wurde N) Urkunde des HM. d. Marienb. in domin. Ramispalmar. 1415 Rgſtr. IV. p. 44 u. 47. 2) Lindenblatt S. 289, 3) Schr. des HM. an Herzog Johannes v. Maſovien, d. Stuhm Breit. vor Quaſimodog. 1417 Rgſtr. IV. p. 213. 4) Schr. des Herzogs Johannes v. Maſovien an d. HM. d. War⸗ ſchau Sonnt. Quaſimodog. 1421 Schbl. XIX. 14. 5) Schr. des HM. an Witowd v. Jahr 1419 Fol. Miffive p. 50. 6) Schr. der Livländ. Städte an die in Preuſſen, d. Reval Freit. nach Oſtern 1411, Recess. Ilanseat. an. 1411.
Scanseite 436 · Druckseite 423
Handelsverhaͤltniſſe mit Rußland. (1422.) 423 allen Hanſeaten, alſo auch den Preuffifchen Städten, auch aller Handelsverkehr mit Nowgorod und Pleſkow aufs ſtreng⸗ fie unterſagt, v fo daß unter ſolchen Umftänden von einem Handel zwiſchen Preuſſen und Rußland uͤberhaupt nicht viel die Rede ſeyn kann. 1) Hanf. Receſſ. VI. p. 130 — 131. Fiſcher B. I. S. 370.
Scanseite 437 · Druckseite 424
424 Wahl Pauls v. Rußdorf zum Hochmeiſter. (1422.) Fuͤnftes Kapitel. An dem Tage, als der alte Hochmeiſter Michael Kuͤchmei⸗ ſter von Sternberg dem Meiſteramte entſagte, ward als ſein Nachfolger nicht, wie manche berichten, erſt nach vielen hef⸗ tigen Streitigkeiten, ſondern nach der Ordensregel einſtim⸗ mig! der Oberſt-Trappier Paul von Rußdorf erwählt. Am Rhein in dem erzbiſchoͤflichen Sprengel von Kon ge⸗ boren, wo fein edles Geſchlecht ſchon feit einigen Sahrhun- derten blühte, 2 hatte er bisher neun Jahre hindurch die manchfaltigſten Ordensaͤmter verwaltet, zuerſt das eines Pfle⸗ J) Die Fabeleien über die argen Zwiſtigkeiten bei Pauls v. Rußdorf Wahl haben einzig den Simon Grunau Tr. XV. C. XVIII S. 3 zur Quelle und find von ihm durch Henneberger p. 303 auf Pauli B. IV. S. 281, Baczko B. III. S. 96 — 97, Kotzebue B. III. S. 205 uͤbergegangen. Die Parteinamen der Wachtelbuben und des goldenen Schiffes hat wahrſcheinlich niemand als nur Simon Grunau gekannt. Kein bewährter Zeuge weiß von ſolchen Wahlhetzereien, wie ſie Kotzebue dem Mönche ohne weiteres nacherzählt. S. das alte Hoch⸗ meiſterverzeichniß bei Lindenblatt S. 364. Schr. des HM. an die Stadt Riga Schbl. XXVI. 20; Schr. des HM. an den Procurator, d. Thorn am T. Corpor. Chr. 1422 Schbl. LXIII. 64. Voigt Ge⸗ ſchichte Marienb. S. 323. ö 2) Baczko a. a. O. Kotzebue a. a. O. laſſen ihn aus Kärn⸗ then gebürtig ſeyn. Daß aber das Geſchlecht der Rußdorf oder Roßdorf aus den Dibceſen von Mainz und Koln ſtammte, beweiſen theils urkun⸗ den bei Würdtwein Diplom. Magunt. T. J. p. 23. 100 und 109 und Guden Cod. diplom. p. 823, 892 vgl. mit p. 416, wo mehre des Namens vorkommen, theils ſagt der Erzbiſchof von Köln ausdrücklich in einem Briefe vom J. 1441, daß Paul von Rußdorf in ſeinem Erzſtifte geboren ſey. Vgl. Voigt die Weſtphäl. Femgerichte S. 27. Auch alte Chron. nennen ihn einen Rheinlaͤnder. Voigt Geſchichte Marienb. S. 207. N
Scanseite 438 · Druckseite 425
Wahl Pauls v. Rußdorf zum Hochmeiſter. (1422.) 425 gers zu Tuchel im Jahre 1413 nur kurze Zeit, dann das eines Vogts zu Leipe und Papau nur wenige Monate, hier⸗ auf im Anfange des Jahres 1414 das ſchwierige Treßler⸗ amt, dem er anderthalb Jahre vorſtand und im Jahre 1415 das Amt des Ordens-Trappiers und die Verwaltung der Komthureien zu Chriſtburg und Mewe. Schon um Pfing⸗ ſten 1416 erhob ihn der Hochmeiſter in die Wuͤrde des Groß⸗ komthurs, die er jedoch nur zwei Jahre bekleidend, im Juni 1418 in fein fruͤheres Amt als Ordens-Trappier wieder zuruͤcktrat. Von hier aus hob ihn jetzt, noch im kraͤftigſten Mannesalter, die Wahl der Gebietiger in die hochmeiſter⸗ liche Wuͤrde empor. In dieſen Aemtern hatte er waͤhrend der bedraͤngten und ungluͤcklichen Zeit feines Vorgängers eis ne reiche Erfahrung geerndtet. Glaubhafte Zeugniſſe ſchil⸗ dern ihn als einen Mann von „hohem, klugen und witzi⸗ gen Verſtand, der ſelbſt bei den Polen große Achtung ges noß; “ man rühmte feine Froͤmmigkeit, friedſame Gefinnung und ſein Streben, ſein Land durch ſtrenge Ordnung und innere Ruhe zum Wohlſtand wieder emporzubringen. 9 Aber er trat in einer Zeit an des Ordens Spitze, in welcher ihm manche feiner Tugenden leicht als tadelnswerthe Mängel und Gebrechen, manche ſeiner loͤblichen Beſtrebungen als unzei⸗ tige und verkehrte Richtungen gedeutet werden mußten. D Die innere Einheit und der innige Verband durch Geſetz und Gehorſam war im Orden laͤngſt zerriſſen; es ſtanden Parteien da, die in den Verhältniſſen zu Polen die wider: ſprechendſten Intereſſen und Beſtrebungen verfolgend von den verſchiedenſten Anſichten getrieben wurden. Mochten ſie Namen führen, welche fie wollten; die innere Zerriſſenheit I) Ordenschron. p. 75 (Mſcr.). Stegemanns Preuſſ. Ehron. p. 18. 2) Henneberger p. 303, Schütz p. 113, Hiärn S. 174. 3) Ordenschron. a. a. O. ſagt: Seine gebittiger aber von den Franken, Schwaben und Beyrn auß yhrem uͤbermuth hilten yn fuͤr ey⸗ nen bloden veygen und vorczagten man, alſo das er ehr ein ſchloß ader czwee yn den grund breche denn das er feinen feinden mennlich under augen czuͤge.
Scanseite 439 · Druckseite 426
426 Wahl Pauls v. Rußdorf zum Hochmeiſter. (1422.) war da und der boͤsartige Krebs, der am Herzen des Or⸗ dens ſelbſt fraß, konnte nicht mehr geheilt werden. ) Alſo war es eine uͤberaus unheilvolle und verderbendrohende Zeit, in der Paul von Rußdorf das Steuer in die Hand nahm, denn auch er vermochte es nicht, den heilloſen Geiſt im Bu⸗ ßen des Ordens ſelbſt zu unterdruͤcken und den von außen furchtbar drohenden Sturm in irgend einer Weiſe zu be: ſchwichtigen. Aber es iſt fuͤr ihn gewiß ein ruͤhmliches Zeug⸗ niß, daß die Parteien ſich in ſeiner Wahl vereinigten und daß er bisher im Denken und Handeln im Getreibe der Intereſſen eine Stellung behauptet hatte, die Vertrauen zu ihm gewinnen ließ. Die erſte edle Handlung, mit welcher der neue Meiſter ſein Amt begann, war die Befreiung des alten Hochmei⸗ ſters Heinrich von Plauen aus ſeinem einſamen Gemache zu Brandenburg. Er wies ihm die Burg Lochſtaͤdt am friſchen Haff als Aufenthalt an mit einem angemeſſenen Jahrgehalte, zu welchem die Gebietiger beiſteuern mußten und woruͤber er zu ſeinem Lebensunterhalte voͤllig frei verfuͤgen konnte. Es war mehr Schuld der ſchwer bedraͤngten Zeit, als Man⸗ gel in der Anordnung des Hochmeiſters, wenn dem alten Meiſter nicht immer zukam, was ihm beſtimmt war, denn ſo oft er uͤber Mangel klagte und Wuͤnſche ausſprach, war jener ſtets bereit zu helfen, was moͤglich war. In ſtiller Zuruͤckgezogenheit lebte dort Heinrich von Plauen noch acht Jahre, > oft fein Auge auf die nahe See gewandt, die heu— te wild ſtuͤrmt und aufbrauſt, und morgen doch in ihre ſtille Ruhe zurücktritt. Das Bild gab feiner Seele Troſt. Zu⸗ letzt uͤbertrug ihm der Hochmeiſter das Pflegeramt zu Loch⸗ ſtaͤdt; er verwaltete es aber kaum ein Jahr, indem er in 1) Ordenschron. a. a. O. 2) Vgl. die Abhandlung uͤber die letzten Schickſale und das Todes⸗ jahr Heinr. von Plauen von Faber in d. Beiträgen zur Kunde Peeuſſ. B. I. S. 89, wo mehre Briefe Heinrichs v. Plauen aus Lochſtaͤdt an den HM. mitgetheilt ſind. Ueber das Jahrgehalt einige Briefe des HM. aus dem J. 1422 Schbl. LXIX. 73. 74.
Scanseite 440 · Druckseite 427
Wahl Pauls v. Rußdorf zum Hochmeiſter. (1422.) 427 den letzten Tagen des Jahres 1429 ſtarb. 9 So hatte Paul von Rußdorf ſo viel als moͤglich die alte ſchwere Schuld an dem einſt fo hochverdienten Meiſter gefühnt. Ueberhaupt ging des neuen Meiſters ganzes Streben darauf hin, die alten Irrungen und Mißhelligkeiten ſo viel als moͤglich auszugleichen und Friede und Eintracht herzu⸗ ſtellen, weil nur auf dieſem Wege das verarmte Land wie⸗ der zu Wohlſtand und Gedeihen gelangen konnte. Gerne ging er daher auf das Geſuch des Herzogs Johannes von Maſovien ein, auf einem Verhandlungstage die noch obwal⸗ tenden Graͤnzſtreitigkeiten völlig beizulegen und unter ihren Gränzunterthanen ein friedliches Vernehmen einzuleiten. Auf einer Tagfahrt zu Marienburg berieth er ſich mit den Städten des Landes, was zur Aufrechthaltung des Friedens und der Ordnung im Lande und zur Foͤrderung des Ge⸗ meinwohls am zweckmaͤßigſten anzuordnen fey. 9 Auch zur Beſeitigung des unheilvollen Streites mit dem Könige von Polen hätte er gerne mit Fräftigem Willen eingewirkl; hiezu indeß eröffnete ſich vorerſt noch wenig Ausſicht, denn aus Rom kam die Nachricht: der Papſt ſchwanke noch hin und her; vor des Antonius Zeno Ruͤckkehr werde er keinen Schritt thun; man ſehe aus allem, daß er ungern gegen den Kb: nig von Polen, aber auch ungern gegen des Rom. Königes Spruch und des Ordens Recht handeln möge, da letzteres fo klar ſey als die Sonne am Mittage.“ 1) S. die Abhandlung von Faber a. a. O. vgl. mit Voigt Geſchichte Marienburgs S. 296 — 297, wo erwieſen iſt, daß Heinrich von Plauen nicht im J. 1430, ſondern im J. 1429 geſtorben ſeyn muß. Sein noch vorhandener Grabſtein in der S. Annen⸗Gruft zu Marien⸗ burg iſt hinlänglicher Beweis dafür. 2) Schr. des Herzogs v. Maſovien an den HM. d. Czechonowo Sonnab. nach Reminiſcere 1422 Schbl. XIX. 31. 3) Schr. des Proconſuls und Secrekaͤrs der Stadt Danzig an den Kaplan des HM. d. am T. Galli 1445 Schbl. LXIX. 2, woraus wir erfahren, daß dieſe Tagfahrt am Sonnt. Laͤtare 1422 gehalten wurde. 4) Schr. des Procurators, d. Nom Freit. vor Lätare 1422 Schöl. *
Scanseite 441 · Druckseite 428
428 Wahl Pauls v. Rußdorf zum Hochmeiſter. (1422. Da rief der Rom. König den Hochmeiſter wieder zu den Waffen. Drei Heere, meldete er ihm, ruͤſte Witowd zu gleicher Zeit, das eine von ihm felbft angeführt zum An⸗ griffe auf Preuſſen, ein anderes fuͤr Herzog Sigismund den Ketzern in Böhmen zum Beiſtand und das dritte gegen den Orden in Livland. Er forderte den Hochmeiſter auf, wohl auf ſeiner Hut zu ſeyn und den Polniſchen Koͤnig und Wi⸗ towd'n, ſobald fie ihn ſelbſt oder den Orden mit Krieg be- draͤngen wuͤrden, ſofort mit aller Macht anzugreifen, wo er nur irgend koͤnne, wohl erwaͤgend, daß es des Ordens Sa⸗ che ſey, um derentwillen er mit dieſen beiden Fuͤrſten in Unfriede gekommen. Den paͤpſtlichen Nuntius ſchilderte der Koͤnig als einen Mann, der mit unredlichen Dingen umge— he, dem man nachſtellen, aufhalten und bekuͤmmern muͤſſe, wo man nur koͤnne.) Der Hochmeiſter indeß, für Preuf- ſen vorerſt weniger beſorgt, nahm Anfangs Anſtand, des Koͤniges Aufforderung zur Ruͤſtung zu folgen; allein bald mahnte ihn hiezu mit ernſten Vorſtellungen nicht nur der zum Hauptmann uͤber alle Schleſiſchen Fuͤrſten ernannte Bi⸗ ſchof von Breslau, 2 ſondern die Verhaͤltniſſe in Polen und Litthauen geſtalteten ſich auch wirklich wieder gefahrvoll. Der Koͤnig von Polen hielt mit Friederich, des Markgrafen von Brandenburg Sohn, mit Herzog Switrigal und ſeinen Woiwoden eine Berathung, deren Zweck, wie man wußte, nicht ein Kriegszug nach Böhmen war, denn die zahlreichen Abſagbriefe, wodurch ihn die Kurfürften, Fuͤrſten und Reichs⸗ ſtaͤdte mit Krieg bedroht, im Fall er den Boͤhmen in irgend einer Weiſe Huͤlfe leiſte, hatten ihn von dieſem Plane zu⸗ ruͤckgeſchreckt; um ſo wahrſcheinlicher aber zielte alles auf einen Angriff des Ordens, denn der Großfuͤrſt zog bereits ſeine Kriegsmacht mehr und mehr zuſammen und ſchon ſtan⸗ I) Schr. des Rom. Koͤniges an den HM. d. Weil Dienſt. nach Oſtern 1422. 2) Schr. des Biſchofs Konrad v. Breslau an den HM. d. Breslau Sonnab. vor Miſericord. (1422) Schbl. IX. 57.
Scanseite 442 · Druckseite 429
Der paͤpſtl. Nuntius Antonius Zeno in Preuſſen. (1422.) 429 den ihm auch bedeutende Heerhaufen von Tataren zu Ge⸗ bot, mit denen er ſich ins Ordensgebiet zu werfen gedachte.“ Mittlerweile war der paͤpſtliche Nuntius, uͤberall wohl aufgenommen, in Preuſſen angekommen,? zunaͤchſt mit dem Auftrage vom Papſte, wo möglich zuerſt den Beifrieden zu verlängern. 9 Zwar war unterdeß der letztere durch wieder⸗ holte nachdruͤckliche Erklaͤrungen des Nom. Koͤniges bewo⸗ gen worden, in die Zuruͤckberufung des Nuntius einzuwil⸗ ligen; allein bevor dieſer den Befehl erhielt, hatten die Verhandlungen ſchon begonnen. Der Hochmeiſter, mit Ab⸗ ſicht aus Marienburg ſich entfernend, als der Nuntius dort ankam, ſandte ihm nach Thorn die Erklaͤrung nach: er ſey zu einer Zuſammenkunft mit Witowd und dem Könige be⸗ reit, um ihre Behauptungen zu hoͤren und zu beantworten, auch auf billige und gerechte Bedingungen zu unterhandeln, und erfreut durch dieſes Erbieten zog ſofort der Nuntius zum Könige, um einen Verhandlungstag zu Stande zu brin⸗ gen. ) Dieſer indeß trat auch jetzt wieder mit feinen alten Forderungen auf: die Abtretung Pommerns, Kulmerlands, der Burg Neſſau und des Gebietes von Michelau, oder wenigſtens das Michelauerland, die Burg Neſſau, die Haͤlfte des Weichſelſtromes bis an die Graͤnzen Pommerns, die fruͤher ihm gebotene Geldſumme, freie Weichſelſchiffahrt bis Danzig und die Oberlehensherrlichkeit uͤber Pommern und Kulmerland, alſo daß der Orden in dieſen Landen des Koͤ⸗ 1) Schr. des Komthurs v. Thorn an den HM., d. Thorn Sonnt. nach Marci 1422 Schbl. XXI. 44. 2) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Schlochau Dienſt. nach Palm. 1422 Schbl. XXI. 39. 3) Darüber die Bulle des Papſtes, d. Rome apud s. Petrum V Cal. April. p. a. quinto Fol. C. p. 235. 4) Schr. des Procurators, d. Rom Sonnt. Quaſimodogen. 1422 Schbl. I. 98. 95) Schr. des Nuntius an den HM. d. Thorun XXIX April, (1422) im Fol. C. p. 265. Schr. des Treßlers an den HM. d. Marienv. am S. Georgs⸗Abend (1422) Schbl. XXI. 155.
Scanseite 443 · Druckseite 430
430 Der paͤpſtl. Nuntius Antonius Zeno in Preuſſen. (1422.) niges Vaſall ſeyn ſolle; ) desgleichen auch für den Groß: fürften die alten Bedingungen.) Es konnte natürlich un⸗ ter ſolchen Umſtaͤnden beim Hochmeiſter von einer Unter: handlung weiter nicht die Rede ſeyn;? er erſchien daher weder ſelbſt, noch ſandte er Bevollmaͤchtigte auf den vom Nuntius angeordneten Berathungstag, wo der König ſelbſt mit feinen Raͤthen ſich eingefunden und nicht ohne Zorn nach vergeblichem Harren auf die Ordensgeſandten endlich wieder von dannen zog.) Man vergeudete die Zeit mit Unterhandlungen wegen eines neuen Tages, denn bald wei— gerte ſich der Koͤnig, bald der Meiſter, den vorgeſchlagenen Verhandlungstag zu genehmigen.?) Schon drohte dem Or— den, wie der Nuntius erklaͤrte, das Schwert, wenn er ſich friedlichen Verhandlungen nicht fuͤgen wolle.) Da ſandte endlich der Meiſter ſeine Bevollmaͤchtigten. Als indeß der Nuntius nun laut feines Auftrages die Friedensverlaͤngerung zur Sprache brachte, entſpann ſich neuer Zwiſt, denn die Ordensgeſandten erklaͤrten im Namen ihres Herrn, daß er die Verlängerung des Beifriedens nur inſofern genehmigen Tonne, als dadurch des Nom. Koͤniges Ausſpruche nicht zu nahe getreten werde. In dieſe verfaͤngliche Bedingung aber wollten die Polen nicht einwilligen; eben ſo wenig war der 1) Darüber heißt es im Fol. C. p. 265: De terris autem Pa- meranie et Culmensi, quod omagium recognoscerent secundum jus vu- sallorum et quando dominus Rex trausiret in Gdanezk per Wisslam, ut sibi victualia et necessaria illic et econverso ministrarent. 2) Die Forderungen des Großfüuͤrſten in Betreff der Graͤnzen Fol. C. P. 265. 3) Wir ſehen aus einem Zeugniſſe des Kardinals Guillerinus vom J. 1423 bei Dogiel. T. IV. nr. 92, daß der HM. ſich bemuͤhte, dem Nuntius alle die angeſprochenen Lande betreffenden Urkunden vorlegen zu laſſen, um ihn von feinem Rechte zu überzeugen. 4) Die Erklärungen des HM. und ein Schr. des Nuntius an den HM. d. Raczans XIX Maii 1422 im Fol. C. p 266, Schbl. XXI. 22. 5) Die Briefe hieruͤber im Fol. C. p. 266 — 267. 6) Schr. des Nuntius an den HM. d. Thorun in die ascension. (1422) ibid.
Scanseite 444 · Druckseite 431
Der päpſtl. Nuntius Antonius Zeno in Preuſſen. (1422.) 431 Hochmeiſter zur Nachgiebigkeit zu bewegen,) denn theils faßte er gegen des Nuntius redliche Abſichten und deſſen Parteilichkeit für den König ſchon immer ſtarkeres Miß⸗ trauen, > theils konnte und durfte er auch in feinem Ver⸗ haͤltniſſe zum Roͤm. Koͤnige und zum Reiche durchaus nicht anders handeln; er hatte erſt kuͤrzlich auf dem Reichstage zu Regensburg durch ſeinen Botſchafter, den Komthur von Brandenburg erklaren laſſen: der Orden werde ſtets nur nach des Röm. Koͤniges Rath verfahren und immerdar bereit ſeyn, wie des Reiches uͤbrige Fuͤrſten auch ſeiner Seits fuͤr den Glauben und das heil. Roͤmiſche Reich nach Vermoͤgen thaͤtig zu wirken, hoffend, der Kom. König, die Reichs⸗ fuͤrſten und Deutſchlands Ritterſchaft wuͤrden den Orden und ſein Land ſicher ſtellen, daß ſie nicht von den Feinden des Chriſtenthums überwältigt würden. 9 Beim Papfie aber hatten unterdeß die erneuerten Kla- gen des Röm. Königes Über des Nuntius Verfahren in Preuſſen mit ſolchem Nachdrucke gewirkt, daß er ſich bei dieſem uͤber die Sendung und das unbefugte und vorlaute Eingreifen des Geſandten in die dort obwaltenden Verhaͤlt⸗ niſſe, namentlich inſofern es die Wuͤrde und das Anſehen des Rom. Köͤniges verletzen koͤnne, nicht nur demuͤthig ent: ſchuldigte, ® ſondern auch ſofort an den Nuntius ſelbſt den Befehl erließ: da der Nom. König die Meinung gefaßt ha⸗ be, daß ſeine Sendung ihm zu Schmach gereiche und ſei— nen Ausſpruch zu entkraften beabſichtige, fo ſolle er alsbald 1) Die Verhandlungen darüber im Fol. C. p. 272 — 273, 2) Schr. des. HM. an d. Komthur v. Thorn, d. Schlochau fin 1422 Schbl. XXII. 59. x sg 3) Die Aufträge an den Komthur v. Brandenburg bei feiner Sen⸗ dung, d. Sonnt. Jubilate 1422 Schbl. VIII. 53. 4) Daruͤber zwei Schreiben des Papſtes an d. Röm. König ziemlich eleichen Inhalts, das eine dat. Rome ap. s. Petrum V. Calend. April an, quinto im Fol. (. p. 276, das andere dat. Rome ap. S. Mariam maiorem XIII Calend. Julii an. quinto Schbl. VIII. 110. Haynalil Aunal. eccles. an. 1422. nr. 21.
Scanseite 445 · Druckseite 432
432 Neue Kriegsgefahren. (1422. alles, was von ihm etwa gegen des Koͤniges Spruch und Ehre geſchehen ſey, widerrufen und nach Rom zuruͤckkehren, da es nie feine Abſicht geweſen ſey, eine Sache von fo gro— ßem Gewichte und eines ſolchen Fuͤrſten Ehre durch irgend eine Handlung des Legaten zu verletzen, ſondern ſein Wunſch ſtets nur nach Friede und Eintracht geſtanden habe.) Der Nuntius erhielt dieſen Befehl zu Groß-Glogau, wohin er den Hochmeiſter zum Verhoͤr und zur Rechtfertigung uͤber eine große Zahl von Klagen und Anſchuldigungen des Pol⸗ niſchen Koͤniges und des Großfuͤrſten vorgeladen hatte. Die: ſer war indeß nicht ſelbſt erſchienen, ſondern hatte zu ſeiner Verantwortung einen feiner Rechtsgelehrten geſandt, 9 der ſich nur darauf beſchraͤnkte, den Nuntius als der Parteilich⸗ keit verdaͤchtig und als dem Orden feindlich geſinnt ohne weiteres zuruͤckzuweiſen, feine Richtergewalt zu verwerfen und gegen die Vorladung des Hochmeiſters an den Rom. Stuhl zu appelliren.) Damit hatten die Verhandlungen des Nuntius ein Ende und er kehrte jetzt nach Rom zuruͤck. Seine drohende Mahnung aber ging bald in Erfuͤllung. Schlau hatte der König von Polen während des Nuntius Anweſenheit in der Rolle des Friedfertigen im Dobrinerland verkuͤndigen laſſen: bei Strafe des Halſes ſolle es niemand wagen, den Bewohnern Preuſſens an der Graͤnze das ge⸗ ringſte Leid zuzufuͤgen; es herrſchte daher dort einige Zeit ein fo friedlicher Zuſtand, wie ſeit vielen Jahren nicht. Bald indeß ward alles anders. Erneuerte Klagen des Ko: niges über des Ordens unfriedlichen Geiſt bildeten das Vor⸗ 1) Schr. des Papſtes an Antonius Zeno, d. Rome ap. s. Petrum V Cal. April. an. quinto im Fol. C. p. 277, 2) Schr. des Antonius Zeno an Herzog Heinrich Senior von Glo⸗ gau, d. Frauenſtadt 4 Juli 1422 Schbl. XXI. 45. 3) Abſchrift der Appellation, d. Glogovie VIII Julii 1422 Schbl. II. 53. Diusoss. p. 454 — 455 ſpricht natürlich über dieſe Verhand⸗ lungen des Nuntius in ſeinem gewöhnlichen Geiſte. 4) Schr. des Kellermeiſters v. Brathean, d. Brathean Dienſt. vor Johanni ante portam latinam (1422) Schbl. XXI. 21,
Scanseite 446 · Druckseite 433
Neue Kriegsgefahren. (1422) 433 ſpiel zu neuen Scenen von Mord und Brand. Er ſchrieb es den Ordensrittern als Schuld zu, daß, nachdem durch ſie alle bisherigen Verhandlungstage vereitelt und verſaͤumt ſeyen, die Großen ſeines Reiches allen friedlichen Geſinnungen ent⸗ ſagt und er bisher nur dem Papſte zu Gefallen in die Ver⸗ längerung des Waffenſtillſtands gewilligt habe. Darauf er⸗ ließ er an die Ritterſchaft, den Adel und die Lehensleute in Preuſſen ein offenes Schreiben, D worin er, um ſich vor der Welt zu rechtfertigen und ſeine Unſchuld darzuthun, die Urſachen aller Feindſchaft und Zwietracht auf den Orden waͤlzte. Das Ungluͤck früherer Kriege erwägend, erklaͤrte er, und um ferneres Blutvergießen zu verhuͤten, habe er auf des Papſtes Befehl aus Gehorſam und Friedensliebe gerne den Waffenſtillſtand verlängern wollen und deshalb den Ver: handlungstag zu Solecz angeordnet; des Ordens Bevoll⸗ maͤchtigte indeß haͤtten auf weitere Abſchließung des Beifrie⸗ dens nicht einwilligen wollen und durch Unterlegung nach⸗ theiliger Bedingungen ſich der Beftätigung entzogen. Da man nun den Frieden mit ihm nicht mehr aufrecht halten wolle, fo muͤſſe er jetzt den Ausgang feiner gerechten Sache dem Gerichte Gottes anheimſtellen. Um ſie zu vertheidigen, bitte er die Stände Preuſſens um ihren Beiſtand. 2 Alſo war jetzt klar, daß der König Krieg wollte. Der Hoch⸗ meiſter jedoch, obgleich vom Biſchof von Leſlau ernſtlich zur Nachgiebigkeit und zur Erhaltung des Friedens aufgefordert,) blieb feſt entſchloſſen, ſich feinem dem Rom. Koͤnige gege⸗ benen Worte getreu und deſſen Befehle gehorſam zu bewei⸗ 1) Es iſt überſchrieben: Universis et singulis Militihus, Nobili- bus, Clientibus et vasallis per terras, dominia et distrietus Prussie ubilibet constitulis amieis et benivolis grate dilectis. 2) Das Schr. des Königes, d. in Gnezna proxima dominiea post corp. Christi 1422 Schbl. XXII. 100. 3) Schr. des Biſchofs Johannes v. Leſlau, d. in Raezans feria VI post octavam corp. Christi 1422 Schbl. LX VIII. 58. VII. 28
Scanseite 447 · Druckseite 434
434 Neue Kriegsgefahren. (1422,) ſen. ) Und in der That blieb auch kaum eine andere Wahl, denn der Name des Polenkoͤniges war durch ſeine allbekannte Theilnahme an der Ketzer⸗Sache in Boͤhmen hereits überall in fo uͤblem Rufe, daß es die Ehre des Ordens ſchwerlich noch erlaubte, mit ihm einen Frieden zu ſchließen, der ihm zum Schutze der Ketzer freie Hand ließ. Und nicht nur die Ehre des Ordens, auch die Ehre des Landes, die Sache des Glaubens und der Kirche war jetzt mit im Spiele; da durfte der Meiſter, da konnten feine Gebietiger vor der Ge: fahr eines Krieges nicht ſcheu und beſorgt zuruͤcktreten. In dieſer Ueberzeugung ruͤſtete der Meiſter ſich eiligſt zum Widerſtand, gebot dem Meiſter von Livland auch dort alles zur Gegenwehr bereit zu halten und ſich wo möglich mit den Ruſſen näher zu verbinden; er ſelbſt Unuͤpfte durch die Herzogin Sophia von Pommern Unterhandlungen mit dem Daͤniſchen Koͤnige an, wiewohl deſſen Streit mit den Holſteinern eine nähere Verſtändigung noch hinderte.) Dar- auf berief er die Stande des Landes, Pralatın, Ritter, Knechte, Städte und Dienſcpflichtige nach Marienburg zu einem Tage, ihnen vorſtellend, wie die Verhandlung zu Solecz ohne Erfolg geblieben, wie der paͤpſtliche Nuntius gehandelt, warum des Ordens Widerſacher den Beifrieden nicht verlängert und alle Erbietung zuruͤckgewieſen. Er bat ſie dann um Rath, was ſie fuͤr das Land, für ſich ſelbſt und den Orden „ehrlich, redlich und beſtaͤndlich erkennten.“ Die Stände erflärten einmuͤthig: „Wir ſehen wohl, daß der Orden und das Land eines Krieges nicht überhoben ſeyn kann; aber wir wollen Leib, Leben und Gut mit dem Or⸗ den daran ſetzen um des Glaubens und Chriſtenthums wil⸗ 1) Schr. eines Sendboten des Röm. Königes an denſclben, dat. Thorn 11 Juni (1422) Schbl. VIII. 1. 2) Schr. des HM. an den Meiſter von Livland, dat. Raſtenburg Dienſt. nach Jubilate 1422 Schbl. XVII. 73 Schr. des HM. an den⸗ ſelb. d. Hohenſtein Sonnt. vor Himmelfahrt 1422 Schbl. X. 75. 3) Schr. der Herzogin v. Pommern an den HM. d. Ruͤgenwalde am heil. Leichnamst. 1222.
Scanseite 448 · Druckseite 435
Neue Kriegsgefahren. (1422. 435 len und dem Meiſter uns als getreue, fromme und gute Leute beweiſen.“ Da kam zur Stunde eine paͤpſtliche Bulle aus Rom an, die der Meiſter der Verſammlung mittheilte; ſie erregte hohe Freude und erweckte in allen friſchen Muth. Dieß meldete eiligſt der Hochmeiſter auch dem Vogt der Neumark und dem Komthur von Brandenburg in Deutſch⸗ land, jenem mit dem Auftrage, auch die Mannen und Staͤdte der Neumark zur ſchleunigen Ruͤſtung aufzufordern, 1 dieſem mit dem Befehle, in Eile Soͤldner zu werben, neue Ritterbruͤder von edler Geburt und guter Sitte in den Or—⸗ den aufzunehmen, vor allem aber den Roͤm. Koͤnig, die Kurfuͤrſten und Reichsgroßen um Beiſtand anzurufen.? Bereits kam aus Polen und Litthauen Kunde von ge⸗ waltigen Ruͤſtungen. Der Koͤnig und Witowd ſammelten eine ungeheuere Heeresmacht. Ueber den Narew und die Weichſel wurden an mehren Orten Bruͤcken geſchlagen. Man erfuhr, daß Witowd und der König in einer Zuſammen⸗ kunft beſchloſſen, bei ihrem Einfalle ins Land zuerſt auf Neidenburg loszugehen.?) Auch in Preuſſen war alles in voller kriegeriſcher Thaͤtigkeit; eiligſt wurden die Burgen mit Kriegsmitteln verſorgt, die Warten in der Wildniß bei Rhein und Johannisburg mit Wartleuten zahlreich beſetzt. © Auf auswärtige Beihülfe konnte der Meiſter vorerſt nur we⸗ nig rechnen, denn in Deutſchland waren jetzt ſchwer große Soͤldnerhaufen aufzubringen.“ Jedoch ſagten die Herzoge 1) Schr. des HM. an d. Vogt der Neumark, d. Mar. am T. Johann 1422 Schbl. XIII. 177; ein Schr. gleiches Inhalts an den Procurator Schbl. XXII. 97 und ein anderes an den Livland. Meiſter Schbl. XXI. 33. g 2) Schr. des HM. an d. Komthur v. Brandenburg, d. Mar. am T. Johanni 1422 Schbl. XIII. 176. Schr. des Komthurs an den HM. d. Kuͤſtrin Mont. vor Johanni 1922 Schbl. LXXV. 5. 3) Schr. des Komthurs v. Nhein, d. Raſtenburg Freit. nach Vi⸗ ſitat. Maria 1422 Schbl. XXI. 29, 4) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Eilau Freit. nach Viſitat. Mariä 1422. 5) Bericht des Geſchaͤftstraͤgers Hans v. Ponkau an d. HM. 2 * 42
Scanseite 449 · Druckseite 436
436 Neue Kriegsgefahren. (1422.) Otto und Kaſimir von Stettin mit ihren Freunden ihren Beiſtand bereitwillig zu;“ auch die Hanfeftädte wollten Zu: zug leiſten, doch zunächft erſt auf einer Tagfahrt ſich bera⸗ then. Vertrauungsvoll auf ſeine erſte Bitte als Hochmei⸗ ſter wandte er ſich auch an die Ritterſchaft in Harrien und Wierland um eine Schaar reiſiger Kriegsleute; auf ſie ſetzte er ein beſonderes Vertrauen.) Es war um die Mitte des Juli, als der Meiſter ſelbſt das Haupthaus verließ, um in Deutſch⸗Eilau mit den vornehmſten Gebietigern Kriegsrath zu halten. Dort legte der Ordensmarſchall den bereits ent⸗ worfenen Kriegsplan zur Vertheidigung des Landes dem Meiſter vor. ® Ufo zog die gefammte Streitmacht des Ordens gegen Ende des Juli ins Kulmerland gegen die Graͤnze Polens hinab, denn dort erwartete man des Feindes Einfall in we⸗ nigen Tagen. Man hatte Nachricht, daß der Koͤnig mit ſtarker Macht gegen die Graͤnze heranruͤcke. Gerne hätte der Meiſter den drohenden Sturm noch einige Zeit zuruͤckgehal⸗ ten, um von auswaͤrtsher noch fremde Kriegsvolker herbei⸗ zurufen. Er ſandte von dort aus Eilboten an den Vogt der Neumark, an den Komthur von Brandenburg und an den Deutſchmeiſter, theils ſie zum eiligſten Heranzuge mit Kriegsvolk aufzufordern, theils durch ſie den Roͤm. Koͤnig und die Großfuͤrſten zu einem Angriffe des Polniſchen Koͤ⸗ niges von Ungern oder Schleſien aus zu gewinnen.“ Al⸗ 1) Schr. der Herzoge v. Stettin an d. HM. d. Bernſtein am T. Maria Magdal. 1422 Schbl. XV. 7). 2) Schr. des Raths von Roſtock an den HM. d. am T. Maria Magdal. 1422 Schbl. XXXIV. 14. Schr. des Raths v. Wismar, d. Montags vor Maria Magdal. 1422 Schbl. 65. 59. 3) Schr. des HM. an die Ritterſchaft v. Harcien und Wierland, d. Deutſch⸗Eilau Sonnt. nach Diviſion. Apoſt. 1422 Schbl. XXII. 99; ebendaſ. nr. 66 ein Schr. des HM. an den Livland. Meiſter. 4) Der Kriegeplan des Ordensmarſchalls Schbi. XX. 124. 5) Schr. des HM. an d. Vogt der Neumark, d. Vierzig⸗Huben Freit. vor Jacobi 1422 Schbl. XV. 70,
Scanseite 450 · Druckseite 437
Einfall des Koͤniges von Polen ins Land. (1422.) 437 lein es war wenig Ausſicht auf fremde Beihuͤlfe, denn der Kurfürſt von Brandenburg hatte den Durchzug von Kriegs⸗ volkern durch die Altmark unterſagt und es hatte keinen Er⸗ folg, daß fi) der Hochmeiſter deshalb an den Rom. Koͤ⸗ nig gewandt.) Da brach plotzlich in den letzten Tagen des Juli der Koͤnig, mit des Großfuͤrſten Streitmacht vereinigt, an der Spitze einer furchtbaren Kriegerzahl, — angeblich uͤber hun⸗ derttauſend Reiter, das Fußvolk ungerechnet? — fait auf demſelben Wege, wie vor der Schlacht bei Tannenberg, bei Lautenburg ins Gebiet des Ordens ein. Erſt jetzt kuͤn⸗ digten der Koͤnig und Herzog Switrigal dem Meiſter foͤrm⸗ lich Kampf und Fehde an.“) Die feindliche Uebermacht aber drängte alsbald das an der Graͤnze liegende Ordensvolk zu⸗ ruͤck; auch hatte der Hochmeiſter vorerſt die offene Feldſchlacht unterſagt, um zuvor die Beihuͤlfe aus Livland heranzuzie⸗ hen, denn, noch hoffte er dem Feinde mit Macht widerſtehen zu konnen.“ Auf die Nachricht aber, daß ſich das Ordens⸗ heer bei Lobau zur Gewehr aufgeſtellt, ſtuͤrmten am erſten Auguſt mächtige Polniſche Heerhaufen bis unter die Mauern 1) Schr. des HM. an d. Komthur v. Brandenburg, d. Vierzig⸗ Huben Freit. vor Jacobi 1422 Schbl. XXII. 6I. 2) Diugoss. p. 455 ſetzt den Uebergang über die Gränge auf pen- ultima die Juli und giebt die obenerwähnte Stärke des Heeres an, doch irrt er, wenn er den HM. bei Marienburg zurückbleiben läßt; wir wiſſen aus feinen Briefen, daß er ſich beim Kriegsheere befand, Dus- burg Supplem. C. 40 ſpricht vom Einfalle des Königes unbeſtümmt eirca Nestum Jacobi cum ingentissimo Lithuanorum et Tarlarorum exereitu. Rufus Ehron. bei Detmar B. II. S. 522 erhebt die Stärke des Poln. Herres auf 200,000 Mann, das Ordensheer nur auf 23,000 Wöppner, fest aber den Krieg unrichtig ins J. 1423. 3) Schr. des HM. an d. Lioländ. Meiſter, d. Preuſſiſch⸗Mark Sonnt. nach Petri Kettenfcier 1922 Schbl. X. 99. Der Entſogbrief Switrigals, d. in Borawo terre Mazevie silualo feria II. post festum s. Jacobi 1422 Schbl. XVII. 63; er nennt ſich darin einen subditus. servitor et adiuter Witowds und des Koͤniges. 4) Schr. des HM. an d. Livländ. Meifter Schbl. X. 99.
Scanseite 451 · Druckseite 438
438 Einfall des Königes von Polen ins Land. (1422.) der Stadt vor,“ die, nachdem die Hauptmacht des Ordens ſich zuruͤckgezogen, der Vogt von Dirſchau mit einer bedeu⸗ tenden Schaar kriegsluſtiger Leute beſetzt hielt. Sie ging dem heranziehenden Feinde zum Kampfe entgegen, ward je⸗ doch von deſſen flärferer Macht nicht ohne Verluſt in die Stadt zuruͤckgeworfen. 2 Darauf ruͤckten mit der Haupt⸗ macht auch der Koͤnig und Witowd und bald nach ihnen auch der dem letztern zu Huͤlfe gezogene Chan der Tataren heran. Bald war der erſte Stadtgraben durch Vernichtung einer Schleuſe entwaͤſſert; allein den zweiten noch gefuͤllten vertheidigte der Vogt fort und fort mit der aͤußerſten An⸗ ſtrengung; alſo war ein Sturm auf die Stadt auch nicht moͤglich. Da der König auch vorerſt nur eine einzige ſtarke Buͤchſe im Heere fuͤhrte, ſo konnte er auch die Beſatzung nicht viel ſchrecken; nur eine Menge von Feuerpfeilen wur⸗ den in die Stadt geſchleudert, doch ohne weiter zu ſchaden. Zwar ward befohlen, aus Brzeſc eine groͤßere Zahl von Donnerbuͤchſen herbeizuſchaffen;s) ehe ſie aber ankamen, hob der König die Belagerung plotzlich auf, angeblich weil er vernahm, daß die Stadt dem Biſchofe von Kulm, nicht dem Orden zugehoͤrte. Mit manchen bedeutenden Verluſten brach er gegen die Drewenz auf, um weiter ins Kulmerland einzudringen.) Waͤhrend ſchon ein Theil des Polniſchen Kriegsvolkes, beſonders auch die zahlreichen leichten und un⸗ geharniſchten Reiterhaufen aus Litthauen ſich weit und breit zu Raub und Brand zerſtreuten, ward vom Könige der 1) Schr. Witowds an d. HM. d. bei Brathean am S. Lorenz⸗ Abend 1422 Schbl. XVII. 9. Diugoss. P. 455. 2) Schr. des Vogts v. Dirſchau an d. Ordensmarſchall, d. Lobau Mittw. nach Vincula Petri 1422 Schbl. XXII. 101, Dlugoss. P. 456. 3) Schr. des Vogts v. Dirſchau a. a. O. Alte Preuſſ. Chron. . 45. läßt den. Konig 14 Tage vor Löbau liegen. 4) Dlugoss. I. e. hat offenbar manches unrichtig, wie das Schr. des Vogts von Dirſchau deutlich zeigt. Rufus d. a. O. S. 523 läßt Lobau acht Tage lang vom Feinde beſtuͤrmen und ihn dann mit einem Verluſte von 2000 Mann abzichen. 5) Schr. des Vogts v. Dirſchau a, a. O.
Scanseite 452 · Druckseite 439
Einfall des Keuiges von Pelen ins Land. (122.) 439 Uebergang Über die Drewenz erzwungen, die Heerhaufen des Ordens zuruͤckgeworfen und das Gebiet von Brathean furchtbar verwuͤſtet. Ein feindlicher Schwarm ſtuͤrmte vor bis Rieſenburg, plünderte und legte es in Aſche. Des Bi⸗ ſckofs von Pomeſanjen Vogt war feig genug, die wohlver⸗ ſorgte, ihm zur Vertheidigung anvertraute Burg dem Feinde ſofort zu uͤbergeben. Die herrliche Kirche ging in Flammen auf.) Dann warf fi der feindliche Haufe verheerend ins Gebiet von Stuhm und ſtreifte bis vor das Haupthaus Marienburg. ” Da ward dem Könige ein dringendes Ermahnungs⸗ ſchreiben der Kurfürften aus Nürnberg uͤberbracht: er ſolle als chriſtlicher Fuͤrſt feine. Streitkraft zur Vertilgung der Ketzer verwenden und die Waffen gegen den Orden nieder⸗ legen.) Er ließ ſofort von Brathean aus dem Hochmeiſter Friede aubieten, ſofern er ihm gewähren wolle, was er fuͤr billig und recht halte. Der Großfuͤrſt erbot ſich zur Ver⸗ mittlung.“ Einen Frieden aber, wie ihn der Koͤnig mit dem Schwerte in der Hand wollte, konnte der Meiſter nicht annehmen, zumal da von auswaͤrtsher überall erfreuliche Botſchaft kam. Der Komthur von Schlochau hatte Zem⸗ pelburg erſtuͤrmt, die Stadt aufgebrannt, die Polniſche Be⸗ ſatzung bis Nakel vertrieben, dann auch die Burg und Stadt Camin eingenommen und beide niedergebrannt. Mit neuer Kriegshuͤlfe wollte er den Feind bis über die Graͤnze Po⸗ lens verfolgen.?) Auch die Hülfe aus Deutſchland ſchien 1) Diugoss p. 457; über die feige Uebergabe der Burg Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. Donnerſt. nach Dorothea 1425 Schbl. XXII. 19, Vgl. Rufus d. a. O. 2) Dlugoss p. 461. 3) Schr. der Kurfürſten an d. König v. Pelen, d. Nuremberg XXVI die Juli 1422 Abſchrift Schl. XXI. 28. Wändeek I. g. p. 1155 — 1157. 3) Schr. Witowds an den HM. d. bei Brachean am S. Lorenz Abend 1422 Schbl. XVII. 9. 5) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Schlochau Mont. vol Dominici 1422 Schbl. XXI 38.
Scanseite 453 · Druckseite 440
440 Einfall des Königes von Polen ins Land. (4422.) jetz nicht mehr fern. Auf dem Reichstage zu Nuͤrnberg hatte nicht nur König Sigismund Öffentlich erklart: er werde alles daran ſetzen, um den Orden zu retten, ſondern auch alle verſammelten Fuͤrſten hatten ihren Beiſtand zugeſagt. 1) Zudem kam auch die Nachricht, der Roͤm. Koͤnig habe be⸗ reits Befehl ertheilt, ſeine Kriegsmacht in Ungern ſolle im Falle eines Angriffes der Polen gegen den Orden ſogleich in Polen einfallen, er ſelbſt wolle ſich alsbald nach dem Reichstage an die Spitze ſeines Kriegsheeres ſtellen, um den Polniſchen Koͤnig auch von Schleſien aus anzugreifen, weshalb er den Schleſiſchen Fürsten auch ſchon befohlen habe, fi) zum Beizuge fertig zu halten. 2 Dieß alles beſtaͤtigte ein Schreiben der zu Nuͤrnberg verſammelten Kurfuͤrſten, worin ſie meldeten: der Roͤm. Koͤnig habe auch die Reichs⸗ ſtadte, die den Ordenslanden nahegelegenen Hanfeftädte, den Biſchof von Kamin und den Herzog von Stettin zur Hülfe für den Orden aufgerufen; ſie ſelbſt wuͤrden ihm ebenfalls nach allem Vermögen beiſtehen. 9 Bei ſolchen Ausſichten zu kraͤftigem Beiſtande verwarf der Meiſter des Königes Anerbieten zum Frieden oder auch zum Waffenſtillſtand. Das Schickſal des Landes ward aber freilich nit jedem Tage ſchrecklicher. Die Kriegsmacht des Ordens + auch jetzt wieder viel zu fehr zerſtreut und konnte ohne große Gefahr nicht auf einem Punkte vereinigt wer⸗ den, um dem Feinde die Schlacht zu bieten. Sie reichte vorerſt kaum aus, um die Burgen des Landes zu ſchuͤtzen, zumal da der Meiſter von Livland nur erſt einen Theil ſei⸗ ner Beihuͤlfe zugeſandt und der andere noch nicht hatte an⸗ J) Schr. des Komthurs v. Brandenburg an d. HM. u. den Kom⸗ thur v. Thorn, d. Nürnberg Freit. vor Vincula Petri 1422 Schbl. XXI. 47. 48. Schr. deſſelben an den HM, d. Nuͤrnberg Freit. vor Vincula Petri (1422) Schbl. XXIX. 61. 2) Bericht uͤber eine Geſandtſchaft an den Rom. König, d. Preuſſ. Mark Freit. vor Vincula Petri 1422 Schbl. XXI. 23. ) Schr. der Kurfürſten an d. HM. d. Nürnberg 20 Aug. 1422 Schbl. W. 98. 3
Scanseite 454 · Druckseite 441
Einfall des Königes von Polen ins Land. (1422.) 441 langen konnen.) Der Feind aber hatte ſich bei feiner ge⸗ waltigen Starke ſchon fiber den größten Theil des weftlichen Ordensſtaates ausgedehnt, denn während er bei Strasburg ſengte und brannte, leuchteten auch ſeine Feuerflammen beim Ordenshauſe Stuhm, ja man mußte ſchon Bedacht nehmen, von Danzig aus die Nogatdaͤmme zu beſetzen, um die Raub⸗ haufen vom Werder abzuhalten,? und während er ferner bei Oſterode und Soldau raubte und verheerte, mußte der Vogt der Neumark bei Woldenberg alle Kraft aufbieten, um der verſtaͤrkten Macht der Polen dort widerſtehen zu koͤnnen. 9 Von allen Seiten ergingen an den Meiſter die dringendſten Bitten um ſtaͤrkere Beihuͤlfe. Der Komthur von Oſterode klagte uͤber ſeine geringe Mannſchaft auf Soldau und Nei⸗ denburg, die zugleich die Haͤuſer beſchuͤtzen und den Feind im offenen Felde von Raub und Verheerung zuruͤckhalten ſollte.) Der Ordensmarſchall, der ſich nach Chriſtburg ge⸗ worfen, um dort mehr Mannſchaft an ſich zu ziehen, fand ſich in den Zuſagen der Gebietiger, die ihm Kriegsleute zu: ſenden ſollten, ſo getaͤuſcht, daß er dem Meiſter erklaͤrte, es werde dort alles verloren ſeyn, wenn ihn der Feind auch nur mit einiger Macht angreifen werde; er war uͤberhaupt hoͤchſt unzufrieden, daß man dem Könige nicht Anfangs ſo⸗ gleich mit der ganzen Kriegsmacht entgegengeruͤckt war. Er erſuchte den Meiſter um ſtrenge Befehle, daß ihm mehr Kriegsvolk zukomme, um ſich nach Marienwerder werfen zu konnen.) Am meiſten bedraͤngt waren die Komthure 1) Schr. des Livländ. Meiſters an d. HM. d. Riga am T. Affumt. Mariä 1422 Schbl. X. 76, 2) Schr. des Vogts v. Dirſchau, d. Pelplin Sonnt. vor S. Lo⸗ renz⸗Abend 1422. 3) Schr. des Vogts der Neumark, d. Woldenberg Sonnt. nach Aſ⸗ ſumt. Mariä 1422 Schbl. XV. 30. 4) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Oſterode Mittw. nach Aſ⸗ ſumt. Maria (1422) Schbl. XXI. 159; er ſchildert den Zuſtand feines Gebietes im traurigſten Bilde. 5) Schr. des Ordensmarſchalls, d. Chriſtburg Mittw. vor Bern⸗
Scanseite 455 · Druckseite 442
442 Einfall des Königes von Polen ins Land. (4422. von Golub, Strasburg, Thorn und Überhaupt im Kulmer⸗ lande. “) Mittlerweile hatte fi; Witowd Biſchofswerder's bemäch- tigt. Der Meiſter hatte ſich erboten, mit ihm in Unterhand⸗ lungen zu treten, ſofern er und der Koͤnig das Land rau: men wollten. Allein der Großfuͤrſt antwortete: „Wir ha⸗ ben euch zuvor geſchrieben, daß wir es gerne geſehen, daß chriſtliches Blut fo jaͤmmerlich nicht vergoffen wuͤrde. Nun fordert ihr ein Unmoͤgliches, daß wir euer Land mit unſern Heeren raͤumen ſollen. Ihr wiſſet, Meiſter, daß wir manch⸗ mal vom Felde mit einem guten Ende hinweggezogen ſind. Aber auf ſo leichte Schreiben von euch werden wir unſer Heer ohne ein gutes Ende nicht entlaſſen, denn wir haben es darum geſammelt und find hieher gekommen, um uns und unſern Landen mit Gottes Huͤlfe einen ewigen Frieden zu gewinnen. Welt ihr mit uns und unſerm Bruder zu einem Gleichen kommen, ſo ſuchet das bei Zeiten, damit nicht cuer Land noch mehr beſchaͤdigt werde. Wollt ihr das aber nicht, ſo ſetzen wir es zu Gott und was darum ge— ſchehen wird, das geſchieht auf euere Seele.“ ?) Darauf ruͤckte der Großfuͤrſt alsbald mit ſeiner Kriegsmacht weiter hin vor Golub, während der König am ſunfzehnten Auguſt zwei N 9 5 von Strasburg beim Wanſen-See ein Lager ſchlug. Der Gewinn von Golub ſollte die Verbindung mit en eröffnen. ? Die Stadt ward bald mit verrü- iberiſcher Lift erſtuͤrmt und gepluͤndert.) Der Komthur der hardi (1322) Schbl. XXII. 112. Schr. deſſelben an den HM., dat. Rheden Sonnt. vor Barlhelem. (1422) Schbl. LXXXV. 45, I) Diugoss. p. di, 2) Schr. Witow ds an den HM. d. Biſchoſswerder Donnerſt. vor Aſſumt. Maria = chbl. II. II. CR Index corp. histor. di- plom. Livoniae T. I. p. 222. 3) Schr. des We v. Strasburg an den von Golub, d. Strasburg am T. Aſſumt. Mariä 1322 Schbl. LXXXV. Il. 3) Ebendaſ. Golub ſollte am 10ten oder 17ten Aug. berennt werden. 5) Diugoss. p. 438.
Scanseite 456 · Druckseite 443
Einfall des Königes von Polen ins Land. (1422 443 Burg aber und ſeine ruͤſtige Mannſchaft, auf sch aus Thorn und Schönfee hoffend, wehrten ſich mit ruͤhmlicher Tapferkeit. Bald jedoch ward ein Thurm vom Feinde ge⸗ wonnen; vierzehn Buͤchſen zertruͤmmerten die Burgmauern; die Vorburg ging in Flammen auf; da fruchtete kein Wi⸗ derſtand mehr. Die Beſatzung mußte ſich ergeben. Funf⸗ zehn Ordensritter, unter ihnen auch der Komthur waren im Kampfe gefallen. Die übrigen fielen in Gefangenſchaft. „ Auch um Schöoͤnſee ward alles terwüftet und verbrannt. 9 Auf den Guͤtern des reichen Ritters Hans von Orſechau ging faſt alles in Feuer auf; beinahe das ganze Kulmerland war vom Feinde überzogen und da die Ordensburgen uͤber⸗ all nur ſchwach, manche kaum mit der nöthigen Mannſchaft zur Vertheidigung beſetzt waren, fo unterlag das platte Land aller Orten der ſchrecklichſten Verheerung und Pluͤn⸗ derung; allenthalben leuchteten die Feuerflammen, die Doͤr⸗ fer und Hoͤfe in Aſche legten. Taͤglich mehrte der Feind die Schaaren feiner Gefangenen.) Dabei wurden von den ro: hen Horden der Tataren und Walachen die fuͤrchterlichſten Graͤuel veruͤbt, Jungfrauen und Frauen ſelbſt in Kirchen bis zum Tode geſchaͤndet, ihre Leichname zerfleiſcht, Prieſter bei den Fuͤßen aufgehängt und aufs frevelhafteſte zerſtuͤckel:; Chriſti Brot warfen die wilden Krieger aus den heiligen Gefaͤßen, zerſtampften es mit den Füßen und riefen hoͤhnend aus: das iſt der Chriſten Gott; laßt ſehen, ob er ſich hel⸗ fen kann! 1) Plugoss. I. c.; es waren Schleſiſche und Meißniſche Soldner in der Burg. 2) Diugoss. p. 463, Alte Preuſſ. Chron. p. 45. 3) Schr. des Komthurs v. Thorn an den Ordensmarſchall, dat. Schoͤnſce Freit. vor Laurentü (1322) Schbl. XX. 116. 4) Schr. des Ordensmarſchalls, d. Rheden Sonnt. vor Bartho⸗ kom. (1422) Schbl. LXXXV. 45. 5) So ſchildert der HM. die Graͤucl ſelbſt in einer Schrift. vis Hochmeiſters Vorrede Schbl. XXI. 179. Anders lautet freilich vis Er⸗ dählung bei Dlugoss. P. 458.
Scanseite 457 · Druckseite 444
444 Einfall des Königes von Polen ins Land. (1422.) Die meiſten Burgen im Kulmerlande, bereits vom Fein⸗ de umzingelt, konnten ſich kaum noch einige Wochen halten. Zwar wurde der Feind vom Hauſe Schoͤnſee, wohin der Ordensmarſchall Verſtaͤrkung und neuen Kriegsbedarf ge⸗ ſandt, mit bedeutendem Verluſte zuruͤckgeworfen. 0 Allein der König faßte jetzt den Entſchluß, vor allem die beiden Hauptburgen des Kulmerlandes Thorn und Kulm zu über waͤltigen?) und es brachte keinen Erfolg, daß der Meiſter, um des Koͤniges Macht zu ſchwaͤchen und einen Theil ſeiner Truppen in ſein eigenes Land zu ziehen, eine Schaar von achttayfend Mann nach Kujavien entſandte, wo fie fünf Städte und das Kloſter Crone eroberte und mit ähnlichen Verheerungen und Grauſamkeiten pluͤnderte, wie die Polen in Preuffen.? Der König, feſt in feinem Entſchluſſe, ließ in den erſten Tagen des Septembers eine anſehnliche Streit⸗ macht gegen Thorn anruͤcken; ® es ſchien kaum gerettet wer⸗ den zu koͤnnen, denn außer der Schwäche der Beſatzung, um deren Verſtaͤrkung der Komthur wiederholt umſonſt ge⸗ beten, war man, wie es ſcheint, der Treue eines Theils der Bürger auch jetzt nicht ganz gewiß.“ Ueberhaupt war man nicht nur im Volke, ſondern zum Theil auch unter den Gebietigern hoͤchſt unzufrieden, daß der Meiſter mit der ge: ſammelten Kriegsmacht dem Feinde ſich nicht zum Kampfe ſtelle, ſondern das Land der Pluͤnderung und Verheerung ohne weiteres Preis gebe. Selbſt der Ordensmarſchall konn⸗ te des Meiſters Saͤumniß, die nur dem Feinde nuͤtzte, auf keine Weiſe billigen. Es erging an dieſen die Aufforderung, 1) Dlugoss. p. 364. Schr. des Ordensmarſchalls, d. Roggen⸗ haufen Dienſt. nach Bartholam. (1422) Schbl. XX. 137. 2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn am T. Aſſumt. Ma⸗ ria 1422 Schbl. XXII. 60. 3) Schütz p. 113. Rufus a. a. O. S. 523 weiß, daß der Hauptmann von Crone gekoͤpft worden ſcy. 4) Dlugoss. p. 464. 5) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn am T. Aſſumt. Ma⸗ rid 1422 Schbl. XXII. 60. *
Scanseite 458 · Druckseite 445
Einfall des Königes von Polen ins Land. (1422.) 445 er folle aufbrechen und den Grauſamkeiten ſteuern. Da zog der Meiſter mit dem Heere vor das Haus Rheden, deſ⸗ fen Vertheidigung dem Komthur von Rhein vertraut war. Es war dort hohe Noth, denn bei der Uneinigkeit des Kom⸗ thurs mit der Beſatzung und dem in der Burg herrſchenden Mangel wuͤrde ſie unfehlbar in des Feindes Haͤnde gefallen ſeyn. 2 Zwar ſtellte ſich der Meiſter auch jetzt dem Feinde noch nicht entgegen; allein er bewirkte doch, daß ſich der Koͤnig nicht mit ſeiner ganzen Macht vor Thorn werfen konnte, denn offenbar beſorgte dieſer weit mehr eine Eine ſchließung vom Feinde zwiſchen der Weichſel und der Dre⸗ wenz, als die angeblich in Thorn herrſchende Krankheit.“ Nur einzelne vordringende Haufen ſteckten die Vorftädte in Brand und verwuͤſteten die dortigen Weinberge. Nachdem aber der Koͤnig durch reiche Zufuhr von Lebensmitteln aus dem Dobrinerlande ſein Heer wieder mit allem hinlaͤnglich verſorgt,“ ließ er feine Hauptmacht wieder tiefer ins Land ruͤcken und warf fi) nun vor Kulm. Die Stadt wie die Burg waren nur ſchlecht bemannt, denn der Komthur von Tuchel hatte auf der Burg kaum zweihundert berittene Kriegs⸗ leute und auch dieſe waren auf eine Belagerung gar nicht weiter vorbereitet; alles uͤbrige war armes und zur Ver⸗ theidigung unbrauchbares Volk. ) Aiſo wurde die Stadt auch bald vom Feinde erobert, die Beſatzung meiſt nieder gemetzelt und unter den Bewohnern furchtbar gemordet. 1) Schr. des Komthurs von Elbing, d. Strasburg Dienſt. nach Bartholom. 1422 Schbl. XXI. 162. Schr. des Ordensmarſchalls, d. Roggenhauſen Dienſt. nach Bartholom. (1422) Schbl. XX. 137. 2) Schr. des Ordensmarſchalls, d. Nheden Sonnt. vor Bartho⸗ lom. (1422) Schbl. LXXXV. 45. 3) Dlugoss. p. 464, 4) Dlugoss. 1. e. Schr. des Komthurs v. Thorn Gibt. XXII. 60. 5) Diugoss. I. e. 6) Schr. des Komthurs v. Tuchel, d. Kulm Freit. nach Bartho⸗ lom. 1422,
Scanseite 459 · Druckseite 446
446 Einfall des Königes von Polen ins Land. (1422.) Frauen und Jungfrauen, Kinder und Greiſe unterlagen den ſchrecklichſten Grauſamkeiten; die ſchoͤne Pfarrkirche ging in Feuer auf, ihre Ruine ward in eine Paſtei verwandelt. » Als der Hochmeiſter ſolches vernahm, warf er ſich ei⸗ ligſt mit ſeiner Kriegsmacht, vereinigt mit dem Heerhaufen aus Pommerellen, vor Kulm, verſchanzte ſich ringsumher und ſchloß ſomit den Koͤnig in der Stadt ein. Mangel an Lebensmitteln und die Unmoͤglichkeit der Zufuhr, weil weit und breit alles verwuͤſtet und die Stadt vom Ordensheere umzingelt war, brachten ihn bald in die größte Bedraͤng⸗ niß.) Zwar ſtand ein Polniſches Heer am See Melno unfern von Rheden in einem verſchanzten Lager; allein das Ordensheer in ſeinen Verſchanzungen anzugreifen, durfte es nicht wagen. Dieſe Lage des Königes glaubte der Meifter benutzen zu muͤſſen, um dem Lande Friede zu verſchaffen. Es leuchtete keine Hoffnung mehr auf Gluͤck. Der Verſuch einer Geſandtſchaft des Roͤm. Koͤniges, bei dem von Polen vorerſt einen Waffenſtillſtand zu vermitteln, war ohne Er— folg geblieben.) Söldner hatte der Meiſter nur anderthalb tauſend Mann im Lande; aber auch dieſen konnte die Loͤh⸗ nung nur mit ſchwerer Muͤhe entrichtet werden.) Das Land, weit und breit jaͤmmerlich verheert, verbrannt, aus: gezehrt und zum Theil entvoͤlkert, konnte nichts mehr lei— ſten. Vom Roͤm. Könige und aus dem Reiche waren ſtets nur Verſprechungen und Hoffnungen vorgehalten; keine war noch erfüllt. Selbſt der Deutſchmeiſter hatte noch nicht ci- nen Mann gefandt. Es kamen von dorther neue troͤſtende Nachrichten, Ermahnungen und Ermunterungen: der Mei— 1) Dushurg Supplem. C. 50. Sekätz p. 113, Hufus d. 0. O. ©. 523. Diugoss. 1. e. ſagt nichts von der Einnahme Kulms, offen⸗ bar abſichtlich. Kojalowiez p. 116. 2) Schütz I. e. Rufus a. a. O. 3) Die Verhandlung bei Diugoss. p. 439 — 461. Kojalowiez p. 112. Schr. des HM. an den Livländ. Meiſter, d. Marienb. Don⸗ nerſt. nach Aegidii 1422 Schbl. XXII. 98. 9) Angabe des HM. in dem erwähnten Schreiben.
Scanseite 460 · Druckseite 447
Der Friede am Melno⸗Sce. (1422.) 447 ſter möge ſich gegen den Feind moͤglichſt halten und mit ihm nicht Friede ſchließen; es kamen Zuſagen: der Pfalz: graf vom Rhein, der Erzbiſchof von Köln und andere Fürs ſten ſeyen in Rüftung, um mit dem Deutſchmeiſter dem Dr: den zu Hülfe zu ziehen; ) auch der Roͤm. König ſandte neue Zuſicherungen vom Beiſtande Deutſcher Fuͤrſten, der Hanſeſtaͤdte, aus der Lauſitz und Schleſien.“ Allein theils war in allen die Zeit der Beihuͤlfe noch ziemlich weit hin⸗ ausgeſtellt, theils hatten bei ihrer Ankunft in Preuſſen die Unterhandlungen zum Frieden bereits begonnen. Da verſammelte der Meiſter die Staͤnde des Landes zu Marienwerder zu einem Tage und hielt Berathung. Alles ſtimmte für den Frieden, und den beiden Biſchdfen von Pomeſanien und Ermland nebſt den Komthuren von Elbing und Thorn ward der Auftrag, die Friedensverhand⸗ lungen mit dem Könige einzuleiten. Sie begaben ſich ins Kriegslager am Melno- See. “ Allein fie fanden die For- derungen der Polen abermals hochgeſteigert und es war nicht moglich, fie zur Mäßigung und Milderung zu gewinnen.“) Alſo wurde nach vielen Unterhandlungen endlich auf folgende Bedingungen Friede geſchloſſen: Aller Streit iſt beigelegt und ſoll ſorthin nie wieder angeregt oder zum Nachtheile eines Theils in Betracht gezogen werden; alle geiſtlichen Güter im Ordensgebiete bleiben bei allen ihren Rechten, Herkommen, Zubehoͤrungen und Einkuͤnften. Der Orden tritt das Gebiet von Neſſau mit den Doͤrfern Orlow, Mo⸗ rin und Neuendorf, ſowie den Boden der Burg Neſſau, die er ſchleifen wird, an Polen ab, zugleich mit der Hälfte der Weichſel, ihren Inſeln und Zöllen vom Einſtuſſe der 1) Mehre Schr. des Komthars von Brandenburg an den HM. aus Nurnberg Schbl. XXI. 24. 26. 49. LV. 7. 2) Schr. des Nom. Koͤniges an den HM. d. Nürnberg Der nerſt. nach Acgidii (1422) Scheel. IV. 42, bei Koßebue B. III. S. 492 — 403. 3) Diuzuss. p. 464 — 465. 2) Bericht der oben genannten Bevollmaͤchtigten an den HM. d. am Melden⸗See Sonnab. vor Michacli 1422 Schbi. XXI. 37.
Scanseite 461 · Druckseite 448
448 Der Friede am Melno- See, (1422.) Drewenz an bis herunter an die alten Gränzen von Pom⸗ mern und Bidgoſt, nebſt der Hälfte des Zolles an der Jahre bei Thorn. Die Burg Neſſau wird bis nächften Johannis- tag vom Orden gebrochen. Die Graͤnzen zwiſchen Polen und Pommern, der Neumark, dem Kulmer und Michel⸗ auerland werden in beſtimmter Zeit berichtigt, alſo daß er- ſteres ebenſo wie die Herzoge von Maſovien bei ihren alten, vom Orden bereits verbrieften Graͤnzen bleiben. Samaiten und Sudauen mit genau beſtimmten Gränzen werden an den Koͤnig und den Großfuͤrſten abgetreten. Der Handel zwi⸗ ſchen Polen, Preuſſen und den andern Landen ſoll frei ſeyn und durch keine neue Abgabe erſchwert werden. In Han⸗ delsſtreitigkeiten findet ein beſtimmter Gerichtstag Statt. Entlaufene Dienſtpflichtige werden beider Seits ausgeliefert, flüchtige Verbrecher von keinem Theile gehegt, ſondern be— ſtraft. Alle Urkunden und Vertraͤge des Ordens uͤber den Beſitz Neſſau's, der drei genannten Doͤrfer und der Faͤhre bei Thorn, beſonders die Urkunde des Thorner Friedens, die beiden Ausſpruͤche Sigismunds zu Ofen und Breslau und des Koͤniges von Polen eigene Verzichtleiſtungen uͤber Samaiten, Sudauen und Livland werden dieſem ausgelie⸗ fert. Alle Privilegien des Ordens, ſofern ſie dieſem Frie— densvertrage in irgend einem Punkte widerſprechen, werden als unguͤltig und nichtig betrachtet. Pommern, Kulmer⸗ und Michelauerland verbleiben forthin dem Orden; der uͤber Pommern gefaͤllte Schiedsſpruch der paͤpſtlichen Richter wird dem Hochmeiſter uͤberliefert, um ihn zu vernichten. Alle Abtruͤnnige des Ordens werden aus des Koͤniges Landen ver— trieben und nirgends mehr geduldet. Erſatz für Kriegsſchaden oder ſonſtige Verletzungen ſoll kein Theil zur Sprache bringen. Den Schluß des Vertrages endlich bildete die merkwuͤrdige Beſtimmung: wenn ein Theil dem andern gegen dieſen Frieden Krieg oder Fehde zuziehen wolle, fo ſollen des Fried⸗ bruͤchigen Untertanen ihm weder Gehorſam noch Beiſtand leiſten und er ihnen ſchriftlich die Befugniß zur Wider⸗ ſetzlichkeit und zum Ungehorſam verbriefen und verbuͤr⸗
Scanseite 462 · Druckseite 449
Der Friede am Melno⸗See. (1422.) 449 gen. Alle künftigen Könige von Polen, Großfuͤrſten von Litthauen und die Hochmeiſter des Ordens ſollen ſich verpflich⸗ ten, den Vertrag ſtets unverbruͤchlich zu halten.) Paul von Rußdorf gelobte noch ausdruͤcklich, den Frieden unver⸗ letzlich zu beachten und ihn mit dem großen Ordensſiegel zu bekraͤftigen. ) Noch nie hatte man einen ſolchen Frieden, ſo ſchmach⸗ voll fuͤr den Orden, abgeſchloſſen. Dem alten Meiſter Heinrich von Plauen war es leichter geworden, von ſeinem Hochmeiſterſitze herabzuſteigen, als dem unverſoͤhnlichen Koͤ— nige ſolche Bedingungen zu bewilligen. Es iſt dem Meiſter Paul von Rußdorf zu großer Schande und faſt wie ein Verbrechen an ſeinem Orden und Lande zugerechnet worden, daß er dem Feinde einen ſolchen Vertrag zugeſtand; gewiß jedoch mit Unrecht, denn zuerſt nicht er allein, ſondern der Orden und des Landes Stände ſchloſſen den Frieden ab 300 ſodann wollte und forderte man ihn im ganzen Lande und allerdings hatte ihn auch der Hochmeiſter ganz anders er⸗ 1) Auffallend iſt, daß Kotzebue B. III. S. 211 dieſe Bedingung am demüͤthigendſten für den Orden fand. Sie bezieht ſich aber offenbar auf beide Theile, wie augenſcheinlich iſt, wenn man die Stelle bei Baczko B. III. S. 169 nachſieht. 2) Das von den Ordeusbevollmaͤchtigten ausgeſtellte Original des Friedensinſtruments, d. in loco stalionis exereituum dominorum Regis el dueis in [lumine Ossa iuxta lacum Melno inter Radzyn et Rogozau castra in terris Prussie ipso die s. Stauistai pontif. 1422 Schbl. 65. 55, ein Transſumt nro 56. Die Urkunde des Königes und des Große fuͤrſten in einem Transſumt v. J. 1481 cbendaſ. uro 57, gedruckt bei Dogiel T. IV. p. 110 u. Baczko B. III. S. 1613 beide Abdrucke ſind ſehr fehlerhaft. Auch im Fol. D. p. 12 — 23 u. Schbl. Varia nro 151. Cf. Index eorp. histor. diplom. Livouiae T. I. p. 229. 3) Die vom HM. beſonders ausgeſtellte urkunde von demſelben Da⸗ tum Schbl. 65. 54. 4) Außer den genannten Biſchoͤfen und Gebietigern unterhandelten den Frieden auch die Landesritter Johannes von Czyppelyn, Hans von Logendorf und Nicolaus von Schillingsdorf im Namen der Stände, Schr. der Komthure v. Thorn u. Elbing, d. am Melden⸗See Sonnab. vor Michaelis 1422 Schbl. XXII. 54. VII. 29
Scanseite 463 · Druckseite 450
450 Neue Bedraͤngniſſe des Hochmeiſters. (1422.) wartet, als er zugeſtanden ward.) Hie und da zeigten ſich in unzufriedener Stimmung der Unterthanen bedenkliche Be⸗ wegungen; man drohte mit Abfall vom Orden, wenn er den Krieg nicht endige, denn obgleich er mit Zuſtimmung der Staͤnde begonnen war, ſo hatte man doch deſſen Fuͤh⸗ rung und Ausgang in ſolcher Weiſe nicht vermuthet. Aber auch ſelbſt zur Fortſetzung des Kampfes war nicht nur die Kriegsmacht des Ordens gegen die des Feindes viel zu ſchwach, die oft verheißene fremde Beihuͤlfe viel zu entfernt und ungewiß, ſondern auch der Ordensſchatz in ſeinen Mit⸗ teln viel zu ſehr erſchoͤpft, als daß irgend auf Kriegsgluͤck noch gerechnet werden konnte. Wie beſtimmt war, zog der König nach wenigen Ta⸗ gen mit ſeiner Streitmacht auf ſieben Bruͤcken uͤber die Dre⸗ wenz ins Dobrinerland zuruck.?) Er verließ das Kulmer⸗ land im allertraurigſten Zuſtande, die Biſthuͤmer von Kulm und Pomeſanien in dem Maaße verheert, daß die Biſchoͤfe kaum noch zu leben hatten,“ das Getreide auf den Feldern vom Feinde groͤßtentheils vernichtet, die Bewohner überall in der fuͤrchterlichſten Armuth und Noth ſelbſt um das noͤ⸗ thige Saatkorn zur Beſtellung des Ackers. In großen Hau⸗ fen beftürmten die Ungluͤcklichen den Komthur von Thorn um Linderung ihres Elends ;) der Hochmeifler bot alle Mit⸗ tel zur Huͤlfe auf; aber ſelbſt die vom Kriege nicht beruͤhr⸗ ten Gebiete konnten das Nothige nicht beiſteuern. Der Or⸗ densmarſchall war ſo troſtlos, daß er ſeinem Amte entſagen — — 1) Das ſagen auch die Bevollmächtigten in ihrem Schreiben an den HM. a. a. O. 2) Dlugoss. P. 464. 3) Diugoss. p. 465. Schr. der Komthure v. Thorn u. Elbing a. a. O. 4) Schr. des HM. an den Erzbiſchof v. Riga, d. Mar. Donnerſt. vor Thomä 1422 Schbl. XII. 18. 5) Schr. des Komthurs v. Fhorn, d. Thorn am T. Marci Papd 1422 Schbl. III. 77.
Scanseite 464 · Druckseite 451
Neue Bedraͤngniſſe des Hochmeiſters. (1122) 451 wollte.) Auch der Blick in die Zukunft war durch den Frieden nicht erheitert. Bald nämlich erließ der König an den Komthur von Thorn die Aufforderung, ihm das Gebiet von Neſſau, die drei Doͤrfer und die Haͤlfte der Thorner Faͤhre fofort einzuräumen. 2 Dieß konnte nicht bewilligt werden, weil zuvor die Hauptverſiegelung des Friedensver⸗ trags erforderlich war,“ und als dieſe auf einem zu Gneb⸗ kau (Gnievcowo) anberaumten Tage erfolgen ſollte, fanden ſich mancherlei Schwierigkeiten. Der Meiſter von Livland hatte, wie verlangt war, weder ſelbſt erſcheinen, noch auch die noͤthigen Siegel feiner Gebietiger ſenden koͤnnen; hie und da ſchien man ſich dort zu weigern, den Frieden mit beſie⸗ geln zu wollen.“ Ufo ging der Tag zu großem Verdruß des Königes erfolglos voruͤber. Das erweckte neues Miß⸗ trauen; man fing an zu zweifeln, ob der Hochmeiſter über- haupt den Frieden aufrecht halten und beſiegeln wolle,“ zumal der Großfuͤrſt, der deshalb an den Meiſter eine be: ſtimmte Anfrage erließ, denn ihm ſchien alles auf unfried⸗ liche Geſinnungen hinzudeuten.) Und allerdings mußte es ſcheinen, als wolle der Orden den Krieg erneuern, denn 1) Schr. des Ordensmarſchals, d. Königsberg Donnerſt. vor Dio⸗ nyf. (1422) Schbl. LXX. 40. 2) Schr. des Köͤniges an d. Komthur v. Thorn, d. in Strzelno ipso die Francisci 1422 Schbl. LII. 77. 3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn am T. Marci 1422 ebendaſ. 4) Schr. des HM. an d. Meiſter v. Livland, d. Mar. Sonnab. vor Franeiſci 1422 Schbl. XXI. 31. Die Antwort des Livl. Meiſters, d. Riga Dienft, vor Calixti 1422 Schbl. XXI. 30. 32 und ein aude⸗ res Schr. Schbl. XXXIX. 5. 5) Schr. der Poln. Bevollmächtigten an die Biſchöfe von Ermland u. Pomeſanien u. an die Komthure v. Elbing u. Thorn, d. Gueweow feria secunda in crastino Onnium Sanctor. 1422 Schbl. XXI. 42. Schr. des Koͤniges an den HM. d. in Schidlow in erastino 8. Catha- rinae 1422 Schbl. XXI. 425, 6) Schr. Witowds, d. Jagdhof zu Berzſch Sonnab. in vizilia 8. Andreae 1422 Schbl. XVII. 15. 29 *
Scanseite 465 · Druckseite 452
452 Neue Bedraͤngniſſe des Hochmeiſters. (1422.) wie im Kriege lagen die Wartleute noch an den Gränzen, die fremden Truppen blieben noch forthin im Lande ;) faſt jeden Tag ſah man noch neue Haufen ankommen; ſchon im November erſchienen mit anſehnlichem Kriegsgeleite der Erz⸗ biſchof von Köln, der Pfalzgraf Ludwig vom Rhein, der Herzog Heinrich von Baiern nebſt mehren andern hohen Herren.“ Die Zahl der Ankommenden vermehrte ſich noch, als im December der Landkomthur von Elſaß mit einer Heerſchaar anlangte und andere Soͤldnerhaufen ihm nach⸗ folgten.) \ Der Hochmeiſter war allerdings in großen Sorgen, wie das Land ſo ausgehungert dieſe Truppen werde unterhalten und der erſchoͤpfte Ordensſchatz ihre Soldforderungen befrie⸗ digen koͤnnen. Allein er konnte und durfte fie nicht entlaſ⸗ ſen, bevor er in feinen neuen Verhandlungen mit dem Ron. Könige zur Gewißheit kam.)“ Auf einem Tage zu Kaͤs⸗ mark hatten nämlich Sigismunds und des Poln. Königes Raͤthe die obwaltenden Streithaͤndel zwar im allgemeinen ausgeglichen; allein erſterer hatte dabei die Sache des Or⸗ dens noch keineswegs aufgegeben. Sein Plan ging, wie der an ihn abgeſandte Ordensmarſchall dem Meiſter berich- tete, auf nichts geringeres hinaus, als zwiſchen den Unge⸗ 1) Schr. Witowds, d. Hof am Fluſſe Oſcha Donnerſt. vor Tho⸗ mä 1422 Schbl. XVII. 12. 2) Schr. des Erzbiſchofs v. Köln an den HM. d. Mohrungen crastino b. Andreae (1422) Schbl. V. 45. Dusburg Supplem. C. 41. Rufus a. a. O. S. 524. Nach Windeck I. c. p. 1164 kam der Pfalzgraf Ludwig vom Rhein, vom Papſt, dem Röm. Könige und den Reichsfurſten zu Nürnberg geſandt, mit dem Auftrage nach Preuſſen, zwiſchen dem Könige v. Polen und dem Orden im Namen des Röm. Köoͤniges und des Papſtes auf irgend eine Weiſe den Frieden zu vermitteln. 3) Schr. des Deutſchmeiſters an d. Ordensmarſchall, d. Ilmenau Samſt. vor Michaelis 1422 Schbl. LXX. 46. 4) Schr. des HM. an den Livländ. Meiſter, d. Mariend, Sonnt. Nicolai 1422 Schbl. X. 102. 5) Bericht des Biſchofs Albert ven Krakau, d. in Kezemarkt die Saturni XII. Decemb. 1422 Schbl. XXX. 20.
Scanseite 466 · Druckseite 453
Neue Bedraͤngniſſe des Hochmeiſters. (1422. 453 riſchen Magnaten und den Fürften und Städten Schleſiens zu Gunſten des Ordens ein Buͤndniß zu bewirken, dann den König von Polen zu einem fuͤr den Orden guͤnſtigeren Frie⸗ den aufzufordern und im Falle der Weigerung im naͤchſten Sommer im ganzen Reiche einen allgemeinen Heereszug ges gen ihn in Bewegung zu ſetzen. 1) Der Pfalzgraf vom Rhein, der Biſchof von Breslau und mehre andere Fuͤrſten waren dafuͤr unermuͤdlich thaͤtig. ? Aber freilich welche Opfer koſtete auch dieſer Plan wie⸗ derum dem Lande! Die Soldnerhaufen verzehrten faſt alle feine letzten Krafte; der Meiſter wußte kaum noch Mittel und Wege, auch nur ihren nothduͤrftigen Unterhalt zu be⸗ ſtreiten. Alle Burgen waren bereits ausgehungert, ſelbſt im Haupthauſe Marienburg herrſchte ſolcher Mangel, daß man die Konventspferde in die Waͤlder treiben mußte.“ Wo der Meiſter hinſah, ſah er nur Elend und Jammer. „Wir können Gott wohl klagen, ſchrieb er nach Livland, daß wir dahin gediehen ſind, wo wir alle Tage nichts anders fin⸗ den denn dieſes Landes und unſer aller Verderben. Wir haben unſern armen, abgebrannten, verheerten Leuten nicht zu helfen, die uns in allen Gegenden mit ſchweren Worten anfertigen. Wir verwuͤſten unſere Haͤuſer, Hoͤfe und Staͤdte in allen Dingen und verdienen doch damit wie an den Gaͤ⸗ ſten, ſo an unſern eigenen Leuten ungehofften großen Un⸗ willen und werden doch zuletzt nichts anderes davon empfan⸗ gen, als Schaden, Schmach und Schande. Verdenkt es uns nicht, lieber Herr Gebietiger, daß wir euch unſern Y) Schr. des Ordensmarſchaus, d. Troppau Sonnt. vor Lucia 1422 Schbl. VIII. 51. Dlugoss. p. 366. 2) Schr. des Ordensmarſchalls, d. Preßburg am Stephans Tage 1422 Schbl. XXI. 174. Schr. des Pfalzgrafen Ludwig vom Rhein, d. Preßburg am Abend Nativit. Chriſti 1422 Schbl. IV. 97. Er hatte alſo Preuſſen wieder verlaſſen und war nach Preßburg zum Rom. Kö: nig gezogen; Windeck I. e. p. 1164. 3) Schr. des HM. an d. Meiſter v. Livland, d. Mar. am h. Ehriſttage 1422 Schbl. X. 67.
Scanseite 467 · Druckseite 454
454 Verhaͤltniſſe des HM. zum Röm. König. (1423.) Jammer ſo getreulich fehreiben, denn wir find fo hoch be— kuͤmmert, daß wir euch unfer Herz ganz müffen entblößen.“ v So begann das Jahr 1423 unter Kummer und Be⸗ drängniß. Aber ſchon in den erſten Tagen deſſelben ward das Buͤndniß zwiſchen dem Rom. Könige, dem Koͤnigreiche Ungern, den Fuͤrſten und Staͤdten in Schleſien und der Lauſitz, und dem Orden wirklich abgeſchloſſen; erſterer ſchrieb ſelbſt die Art und Weiſe vor, wie der Hochmeiſter ſeiner Seits den Bundesbrief abfaſſen ſollte. Der Ordensmar⸗ ſchall und der Pfalzgraf vom Rhein, damals am Hofe des N Roͤm. Koͤniges, hatten dabei das meiſte Verdienſt.“ Auch ſelbſt beim Ausſterben des Aſkaniſch⸗Saͤchſiſchen Kurfuͤrſten⸗ ſtammes und der Belehnung Friederichs des Streitbaren Markgrafen von Meißen mit der Kurwuͤrde und dem Her⸗ zogthum Sachſen ließ Sigismund des Ordens Intereſſe nicht aus dem Auge, denn ſtatt einer großen ihm gebotenen Geld⸗ ſumme verpflichtete er den genannten Fuͤrſten, dem Orden in Preuſſen, ſobald es dieſer verlange, zweitauſend Spieße, jeden von vier Roſſen und drei Waͤppnern ſieben Monde lang auf eigene Koſten zuzuführen und weder ſelbſt noch durch ſeine Erben und Nachkommen dem Polniſchen Koͤnige oder Witowd'n gegen den Orden jemals Huͤlfe zukommen zu laſſen.“ Jetzt wankte der Hochmeiſter eine Zeitlang un⸗ ſchluͤſſig, ob er Krieg oder Frieden waͤhlen ſolle. Der Mei⸗ ſter von Livland, den er befragt, gab den Rath: er möge den Herzog Heinrich von Baiern und die Raͤthe der Kur: fürften, die eben jetzt in Preuſſen anweſend, nebſt den ge⸗ wichtigſten Rittern und Knechten des Landes zu einer Be⸗ 1) Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland a. a. O. Vgl. Voigt Geſchichte Marienb. S. 327. 2) Schr. des Ordensmarſchalls an den HM. d. Preßburg am T. der heil. drei Könige 1423 Schbl. XXII. 42. 3) Schr. des Ordensmarſchalls, d. Preßburg am T. Epiphania 1423 Schl. XI. 203; die gebotene Summe betrug 200,900 Gulden. Boͤttiger Geſchichte Sachſens B. I. S. 311 erwähnt des oben be⸗ ruͤhrten umſtandes nicht.
Scanseite 468 · Druckseite 455
Verhaltniſſe des HM. zum Rom. König. (1423.) 455 rathung berufen, ihnen des Ordens Gerechtigkeit und Pri⸗ vilegien, aber zugleich auch deſſen Noth, Bedraͤngniß und die Beſchaffenheit ſeiner Macht vorſtellen, damit ſie erken⸗ nen möchten, ob Krieg oder Friede zu wählen ſey. Wuͤr⸗ den ſie zu Krieg rathen, ſo möge man ihnen folgen und mit Rath der Gebietiger das Beſte dabei thun.) Eine ſolche Berathung mit den Gebietigern und den Herren aus Deutſchland fand auch bald zu Elbing Statt. Den naͤhern Anlaß gab ein Sendbote Witowds, der jetzt aufs entſchiedenſte die Erklarung verlangte: ob der Orden den geſchloſſenen Frieden halten und die Beſiegelung voll: ziehen wolle oder nicht.) Man war in der Verſammlung fir den Frieden geſtimmt und beſchloß, den König wo moͤg⸗ lich noch zur Veränderung einiger Punkte im Friedensver trage zu gewinnen und ihn dann zu vollziehen. 3) Um ſich dieſem und Witowd'n friedlicher zu zeigen, entließ jetzt der Meiſter einen großen Theil des fremden Kriegsvolkes. Am Buͤndniſſe mit dem Rom. Könige und den Schleſiſchen Fuͤrſten, fuͤr den Orden eine zu wichtige Stuͤtze, hielt er jedoch feftz® der Ordensmarſchall ward beauftragt, den Beitritt des Ordens durch eine urkundliche Zuſicherung foͤrm⸗ lich zuzuſagen, ?) denn nur auf dieſem Wege glaubte der Hochmeiſter beim Könige von Polen jene Veranderung eini⸗ ger Punkte im Vertrage bewirken zu können. Sie betrafen 1) Schr. des Livland. Meiſters, d. Riga Sonnt. nach Eircumeiſ. Dom. 1423 Schbl. XXII. I. 2) Schon in einem Schr. Witowds an den HM. d. Traken Mittw · vor Neujahr 1422 Schbl. XVII. 10 war eine Anfrage geſchehen; es war dieſes bie vierte, die der Großfürſt an den HM, ergehen ließ. Er wiederholte Fe) noch einmal. 3) Schr. des HM. an den Livländ. Meiſter, d. Mar. Mont. nach Antenii 1423 Schbl. X. 4. 4) Schr. des HM. an den Livland. Meiſter, d. Mar. Dienſt. nach Converſ. Pauli 1423 Schbl. XXII. 45. 5) Der Entwurf der Urkunde uͤber den Beitritt zum Bunde, d. Mar, Sonnt, ver Converſ. Pauli 1423 Schbl. IV. 131. Schr. des HM. an d. Ordensmarſchall, d. wie die erwähnte Url, ebendaſ. 132
Scanseite 469 · Druckseite 456
456 Verhäͤltniſſe des HM. zum Röm. König. (1423.) die Erhaltung der bisherigen Landesgraͤnzen. Hoͤchſtens ſollte am Lande Samaiten einiges Gebiet und die drei oft erwähnten Dörfer an Polen übergeben werden, jedoch fo daß die Graͤnzburgen des Ordens dadurch nicht gefährdet, Neſſau aber und die Fähre bei Thorn dem Orden erhalten würden. Dieß hoffte der Meiſter durch den Roͤm. König noch zu erreichen.!) Da kam vom Ordensmarſchall die Schreckensnachricht: der Koͤnig von Polen und Witowd, von jenem Buͤndniſſe und den geheimen Planen des Hochmeiſters unterrichtet, ruͤ⸗ ſteten von neuem mit aller Macht ſowohl gegen den Orden als gegen den Roͤm. König, um ein Heer nach Preuſſen und ein anderes mit den Huſſüten vereint nach Schleſien zu führen; bereits ſeyen dem Tuͤrken koſtbare Gaben zugeſandt, um ihn zum Kriege gegen den Nom. König zu gewinnen und ſo den Waffen Polens die Vernichtung des Ordens zu erleichtern. Auch eine Botſchaft beider Fuͤrſten zum Kaiſer der Tataren ſey ſchon auf dem Wege, um mit dieſem auf drei Jahre Friede zu ſchließen und ſeine Kriegsmacht gegen Preuſſen zu benutzen; der Koͤnig und Witowd wollten alle Mittel aufbieten, um die Tuͤrken und Tataren gegen Si⸗ gismund und den Orden zum Kriege aufzuhetzen. ) Hie⸗ durch nicht wenig erſchreckt eilte jetzt der Hochmeiſter vom Großfuͤrſten einen Verhandlungstag zu erbitten, auf dem er die Beſiegelung des Friedens zu vollziehen verſprach. s) Kaum aber war der Röm. König hievon benachrichtigt, ſo ſuchte er nun auch ſeiner Seits ſich mit dem Polniſchen Koͤnig friedlich zu verſtaͤndigen. Man kam bald uͤber eine perfonliche Zuſammenkunft zur Ausgleichung aller ihrer 1) Schr. des HM. an den Ordensmarſchall, d. Mar. Sonnt. vor Converſ. Pauli 1423 Schbl. IV. 133. 2) Schr. des Ordensmarſchalls, d. Breslau Freit. vor Purif, Mas rid 1423 Schbl. XXII. 28. Der Marſchall hatte die Nachricht gewiſſen redlichen Luethen.“ 3) Schr. des HM. an den Livländ. Meiſier, d. vor Eſtomihi 1423 Schbl. XVII. 120, „von Sobowitz Freit.
Scanseite 470 · Druckseite 457
Verhaͤltniſſe des HM. zum Roͤm. König. (1423.) 457 Streitigkeiten überein; v fie fand zu Ende des März zu Käsmark auch wirklich Statt. Es ward auf Grund der al⸗ ten Vertraͤge ein gegenſeitiges Friedensbuͤndniß erneuert, ohne daß Sigismund des Ordens dabei auch nur im mindeſten gedachte, 2) fo ſchwer hatte ihn jener Schritt des Hochmei⸗ ſters verdroſſen. Ja er war ſogar bereitwillig genug, die Entſchuldigung des Polniſchen Koͤniges wegen ſeiner Be⸗ ſchuͤtzung der Boͤhmiſchen Ketzer für fo hinreichend und ge⸗ nuͤgend aufzunehmen, daß er ihn durch ein öffentliches Be⸗ kenntniß des Markgrafen von Brandenburg fuͤr „ganz un⸗ ſchuldig und einen rechten Liebhaber und getreuen Koͤnig und Fuͤrſten der heil. Chriſtenheit“ erklaͤren ließ.“ Dieſer aber, jetzt daruͤber gewiß, daß der mit dem Orden geſchloſ⸗ ſene Friede keinen Veraͤnderungen mehr unterliegen werde,“ that nun den kecken Schritt, einige um die Burg Neſſau gelegene Dörfer mit der Hälfte der Weichſel-Faͤhre ohne weiteres einem ſeiner getreuen Ritter zu verleihen.) Der Hochmeiſter erlaubte ſich in ſeiner Lage nicht einmal einen Widerſpruch; er eilte vielmehr, ſich Witowds Wuͤnſchen auf jede Weiſe zu fuͤgen und ſeine Zuneigung zu gewinnen. 1) Schr. des Koͤniges v. Polen an den Kanzler und verſchiedene Käthe des Rom. Königes, d. circa stagnum Thur feria VI ante fe- stum purif. Mariae 1423 Schbl. XXII. 26. Schr. des HM. an den Ordensmarſchall, d. Meſelanz Sonnt. in Faſten 1423 Schbl. XVI. 43, 2) Der neue Vertrag zwiſchen beiden Königen bei Dogiel T. I. nro XIII. p. 52. Die vom Poln. Könige ausgeſtellte Urk. in Abſchrift Schbl. XXII. 25. Dlugoss. p. 469 — 470. Ueber die Zuſammen⸗ kunft beider Könige vgl. Windeck 1. c. p. 1166, 3) Das offene Schr. des Markgrafen v. Brandenburg, d. 10 April 1423 Schbl. VIII. 54, 4) Nach einem Schr. des HM. an d. Livländ. Meiſter, d. Mar. Freit. vor Miſericord. 1423 Schbl. XXII. 27 war auf dem Tage zu Käsmark (wo auch der Ordensmarſchall gegenwärtig) beſtimmt worden, „das is bleipt bey dem beteidingeten frede, der czwuſchen uns und un⸗ fern wedirſachen gemacht iſt im Colmiſchen lande.“ 5) Schr. des Poln. Koniges an d. Ordensmarſchall, d. Luboza feria VI aute festum Pasche 1423 Schbl. XXII. 79.
Scanseite 471 · Druckseite 458
458 Verhaͤltniſſe des HM. zum Roͤm. König. (1423.) Bereits waren zu dieſem Zwecke mancherlei Geſchenke nach Litthauen gegangen, für die Großfuͤrſtin Juliane unter an⸗ dern eine Ladung Rheinfall und ein Faͤßchen des vorzuͤg⸗ lichſten Rheinweins, für den Großfuͤrſten ſelbſt neben man: chem andern auch eine Sendung ausgeſuchter Heringe. “) Nachdem nun der Hochmeiſter mit groͤßter Aengſtlichkeit fuͤr Beiſchaffung der zur Befeſtigung des Friedens noͤthigen Siegel aus Preuſſen und Livland geſorgt,? ſchickte er ſich zu dem feſtgeſetzten Verhandlungstage an. Im Anfange Mars kam er nebſt dem Meiſter von Livland mit dem Groß⸗ fürften bei Welun zuſammen. Das wichtigſte Geſchaͤft, die Beſiegelung des Friedensinſtruments, ward im Beiſeyn des Kanzlers und mehrer Raͤthe des Koͤniges von Polen ohne weitere Veränderung vollzogen, denn obgleich der Meiſter nochmals mehre Punkte „als gegen das natuͤrliche und ge⸗ ſchriebene Recht ſtreitend“ anders gefaßt und gemaͤßigt wuͤnſchte und alles aufbot, den Großfuͤrſten und die Polni⸗ ſchen Bevollmächtigten dazu zu bewegen, fo blieb dieß doch fruchtlos. Er mußte alſo alles bewilligen, was man im Frieden vorgeſchrieben. Selbſt eine Beftätigung deſſelben durch den Papſt oder den Rom. König wollten die Polen nicht zugeben, denn ſo viel wußte der Meiſter wohl, daß der König von Polen des Krieges Erneuerung lieber geſe⸗ hen hätte, als die Befeſtigung des Friedens.“ Nachdem man darauf die Beſtimmungen uͤber die Berichtigung der Graͤnzen zwiſchen Polen und dem Ordensgebiet entworfen, ſchieden die Fuͤrſten von einander.“ Kr Dankſchreiben der Großfuͤrſtin Juliane an d. HM. d. Jagdhof zu Berzſtan Mittw. nach Oculi 1423 Schbl. XVII. 6I. 2) Schr. des HM. an den Livland. Meiſter Schbl. XXII. 27. 3) Schr. des HM. an den Procurator in Rom, d. Mar. Dienſt. nach Trinitat. 1423 Schbl. XXII. 29. 4) Die Urk. darüber, d. in Weluna XVIII. Mali 1423 in Ab⸗ ſchrift Schbl. XXII. 43. Dlugoss. p. 471. In einer andern Urk. d. Welun 17 Mai 1423 Schbl. 53. 19 verbürgt ſich Witowd dafuͤr, daß die Geiſtlichkeit in Polen für den im Kriege durch die Kriegsleute des Ordens erlittenen Schaden keinen Erſatz verlangen ſolle.
Scanseite 472 · Druckseite 459
Vollfuͤhrung des Friedens am Melno⸗See. (1423.) 459 So ſtand nun der Orden, obwohl im Frieden, gegen feine alten Widerſacher wieder ganz huͤlflos da, völlig wie⸗ der den launenhaften und boͤswilligen Neckereien hingegeben, wie ſie der Koͤnig Jahre lang an ihm ſchon geuͤbt hatte. Am Nom. Hofe hatte er jetzt gar keine Stuͤtze; vielmehr war der Papſt, wenn er ſich uͤber die Herſtellung des Friedens auch zu freuen ſchien, erzuͤrnt über die Stellung, die der Hochmeiſter bisher zum Rom. Könige gehabt.) Aber auch auf Sigismunds Schutz und thaͤtigen Beiſtand war unter den jetzigen Verhaͤltniſſen weiter nicht zu rechnen. Konnte oder mochte er es beim Koͤnige von Polen doch nicht einmal bewirken, daß die Abbrechung der Burg Neſſau, auf die dieſer augenblicklich drang, um einige Monate verſchoben werde, denn ſchlau genug wollte der Koͤnig die gewuͤnſchte Friſt nur unter der Bedingung zugeſtehen, daß das Kom⸗ thur-Gemach und die ganze Vorburg ſtehen bleiben und die Ringmauer nur bis zur Bruſt eines Mannes gebrochen wer⸗ den folle. 2 Indeß riethen die meiſten Gebietiger, das Haus lieber in aller Eile bis auf den Grund brechen und alles Baumaterial hinwegſchaffen zu laſſen, denn man erkannte wohl des Koͤniges Abſicht, die Burg dann leicht wieder voͤl⸗ lig herſtellen zu laſſen, offenbar zu des Ordens groͤßtem Nachtheil.“ Der Meiſter folgte dem Rathe und beeilte ſich uͤberhaupt, ſeiner Seits die Friedensbedingungen aufs puͤnkt⸗ lichſte zu erfuͤllen.) Als er jedoch ein Gleiches auch vom Koͤnige verlangte, ward er nur zu bald gewahr, daß ihn 1) Schr. des HM. an den Procurator, d. Königsberg Freit. vor Philippi u. Jacobi 1423 Schbl. XXII. 35. Schr. des Procurators, d. Rom 27 Aug. 1423 Schbl. I. 102. 2) Schr. des Ordensbruders Joſt Quednau an d. HM. d. Thorn Mittw. vor S. Georgii (1423) Schbl. XXII. 49. 3) Gutachten des Ordensmarſchalls u. der Komthure v. Elbing, Danzig, Chriſtburg, Brandenburg u. a., d. am S. Georgs⸗Tag (1 123) Schbl. XXII. 64; man ſieht aus ihnen, wie richtig die meiſten den König beurtheilten. 4) Diugoss. p. 470,
Scanseite 473 · Druckseite 460
460 Vollfuͤhrung des Friedens am Melno⸗See. (1423.) dieſer in Betreff der Auslieferung des erwähnten Urtheils⸗ ſpruches der paͤpſtlichen Nuntien über Pommerellen dennoch uͤberliſtet hatte, denn ſchlau hatte der Koͤnig im Vertrage geſagt: „wenn man ihn haben konne.“ Als ihn jetzt der Procurator in Rom forderte, ward ihm von des Koͤniges Sachwaltern geantwortet: man habe ihn nicht, und wenn man ihn auch habe, fo werde man ihn nicht ausliefern. ) Und doch kam der Koͤnig, waͤhrend man dieſes truͤgeriſche Spiel trieb, um ſeinen in der chriſtlichen Welt geſunkenen Ruf wieder mehr emporzuheben, beim Papſte anſcheinend voll Reue mit der Bitte ein: er moͤge ihn von dem durch die im vorigen Kriege in den Ordenslanden begangenen Graͤuel und Verbrechen wohlverdienten Banne losſprechen und feinen Heerführern und Kriegsleuten gleiche Gnade er— weiſen, denn er habe den Krieg nur darum unternommen, weil er gezweifelt, daß ohne dieſes Mittel der Zwiſt mit dem Orden jemals beigelegt werden koͤnne. Der gefaͤllige Papſt erfüllte auch wirklich die Bitte, indem er durch eine Bulle den mit Blut befleckten Namen des Koͤniges zu rei⸗ nigen fuchte. > So ſchwer es aber dem Meiſter auch geworden war, mit ſeinen Gegnern einen ſolchen Frieden ſchließen zu muͤſ— ſen, ſo erntete er doch uͤberall Undank und Unzufriedenheit ob deſſen, was geſchehen war. Herzog Heinrich von Baiern, der ohne des Meiſters Aufforderung, auf bloßen Antrieb des Rom. Königes nach Preuſſen gekommen war und während feiner Anweſenheit für den Orden nicht das mindeſte ge: wirkt, hatte das Land kaum verlaſſen, als er mit einer ſehr bedeutenden Soldforderung für feinen Aus-und Einzug, 1) Schr. des HM. an d. Procurator, d. Mar. Dienſt. nach Fri⸗ nitat. 1423 Schbl. XXII. 29; in dem Artikel war abſichtlich geſagt: si haberi poterit. Notariatsinſtrument d. Rome XXVII mensis Julii 1423 Schbl. 66. 1. Bericht des Procurators an d. HM. d. Rom 27 Aug. 1423 Schbl. I. 102. 2) Die Bulle des Papſtes, d. Rome apud s. Mariam Maiorem quinto Cal. Scptemb. p. n. a. VI bei Dog iel T. IV. nr. 91, p. 115.
Scanseite 474 · Druckseite 461
Vollführung des Friedens am Melno⸗See. (1423.) 461 ſowie der Pfalzgraf Ludwig vom Rhein mit einer Forderung der Zehrungskoſten für ſich, ſeine Diener und Mannſchaft auftrat. Der Hochmeiſter nicht im Stande, ſie zu befrie⸗ digen, ſuchte den Herzog vorlaͤufig mit einer Abſchlagſumme zu beſchwichtigen.) Dieſer indeß wandte ſich klagend an den Röm. König. Der Meiſter wurde ernſtlich von dieſem gemahnt? und auch jetzt vom Ordensmarſchall unterrichtet, daß er dem Herzoge wirklich das Verſprechen „einer moͤg⸗ lichen ziemlichen Zehrung“ gegeben habe (worauf ſich auch deſſen Forderung gründete); er erſuchte dieſen aufs dringend⸗ fie, fi) des Ordens in feiner Noth und Bedraͤngniß zu er⸗ barmen, mit einer billigen Abfindung ſeiner Forderung ſich zu begnügen und daruber die Entſcheidung verftändiger Maͤn⸗ ner anzunehmen.) Der Herzog war unerbittlich, bemaͤch⸗ tigte ſich zuerft des Ordenshauſes Genghoten in Baiern und wandte fi) dann auch an den Deutſchmeiſter mit dem Ge⸗ ſuche, den Hochmeiſter an ſeine Pflicht zu erinnern und zu bewirken, daß ihm Zahlung geleiſtet werde, wo nicht, ſo muͤſſe er noch auf andere geeignete Weiſe ſeinen Schaden zu decken ſuchen.) Der Deutſchmeiſter verfehlte nicht, den Hochmeiſter ſofort zu ermahnen; da indeß auch jetzt nichts geſchah, ſo ging der Herzog weiter, insgeheim auf allerlei Mittel ſinnend, ſich auch der andern Guͤter und Burgen des Ordens in Baiern zu bemaͤchtigen.“) 1) Schr. des HM. an den Ordensmarſchall, d. Mar. Sonnt. vor Converſ. Pauli 1423 Schbl. IV. 133. Die geforderte Summe betrug 6761 Unger. Gulden ; davon zahlte der HM. vorläufig nur 1400 Gulden. 2) Schr. des Rom, Königes an den HM. d. Kaſchau Mittw. nach Philippi u. Jacobi 1423 Schbl. IV. 45. 3) Schr. des HM. an Herzog Heinrich v. Baiern, d. Scharfau Mittw. nach Petri u. Pauli 1423 Schbl. XXII. 20. Schr. des Or⸗ densmarſchalls an den Herzog, d. Lochſtaͤdt Mittw. nach Petri u. P. 1423 Schbl. XXII. 35. 4) Schr. des Herzogs Heinrich v. Baiern an d. Deutſchmeiſter, d. Landshut Freit. nach Bartholom. 1423 Schbl. XXII. 34. 5) Schr. des Komthurs v. Thorn an d. HM. d. Oettingen Freit. vor Barbara 1423 Schol. 108. 5.
Scanseite 475 · Druckseite 462
462 Berhäftn.d. HM. z. Deutſchmſtr., Danem. u. Witowd.(1423.) Dieſes Anlaſſes aber hatte es nur bedurft, um nun auch die bisher verhaltene Unzufriedenheit des Deutſchmei⸗ ſters über den Frieden am Melno-See in bitterer Stim⸗ mung gegen den Hochmeiſter laut werden zu laſſen. Nicht ohne Einmiſchung eigener erzuͤrnter Geſinnung meldete er dieſem, welche große Mißbilligung auf dem letzten Fuͤrſten⸗ tage zu Frankfurt fich bei den Reichsfuͤrſten über den Fries den kund gegeben habe, „denn, ſchreibt er, ſie haben es allzu groͤblich und ſchwerlich aufgenommen und gefaͤllt ihnen mitnichten, daß ſich unſer Orden alſo gar weichlich und lie⸗ derlich ſeinen Feinden widerſetzt und alſo leichtlich und ge⸗ ringlich Schloͤſſer, Lande und Leute uͤbergeben hat, die vor Zeiten von ihren Altvordern, Fuͤrſten, Herren, Rittern und Knechten ſo ſchwer mit unermeßlicher Vergießung chriſtliches Blutes gebaut, gewonnen und uͤberkommen ſind dem chriſt⸗ lichen Glauben zu einem ſonderlichen Schirm und Schild an dem Orte.“ Bei ſolcher Stimmung der Fuͤrſten gegen den Frieden, faͤhrt er fort, duͤnke es ihm auch nicht ralh⸗ ſam, daß er ihn „gegen ihr Wohlgefallen“ verliebe und be— ſiegele, was auch nicht noͤthig ſey, da ja des Ordens Wi⸗ derſacher wohl einſehen wuͤrden, daß er ihnen nicht viel ſcha⸗ den koͤnne. Man moͤge ihn alſo der Beſiegelung des Frie⸗ dens entbinden, „denn wo ich das thäte, fo wuͤrde der ge⸗ meine Ruf in dieſen Landen uͤber mich gehen und moͤchte unſerm Orden hieraußen verderblichen Schaden bringen.“ .) Der Hochmeiſter ſandte darauf zwei Botſchafter nach Deutſch⸗ land, den einen Wend von Eulenburg an den Rom. Koͤ⸗ nig, der unter vielem Ruͤhmen ſeines Eifers und ſeiner gro⸗ ßen Bemuͤhungen fuͤr den Orden die Schuld des verderbli⸗ chen Friedens auf dieſen ſelbſt warf, weil nicht er den Or⸗ den, ſondern dieſer ihn zweimal unter gefaͤhrlichen Verhaͤlt⸗ niſſen verlaſſen und ohne ſein Wiſſen und Wollen Friede ge⸗ 1) Schr. des Deutſchmeiſters an den HM. d. Neuenhaus am F. Maria Magdal, 1423 Schbl. XXII. 48.
Scanseite 476 · Druckseite 463
Verhaͤltn. d. HM. z. Deutſchinſtr., Daͤnem. u. Witowd. (1423.) 463 ſchloſſen habe; D den andern Martin von der Kemnate Kom⸗ thur von Thorn zum Deutſchmeiſter nach Oettingen, wo eine Verſammlung der vornehmſten Gebietiger Statt fand. Ob⸗ gleich er indeß hier mit den eindringlichſten Ermahnungen und Vorſtellungen die Beſiegelung des Friedens verlangte, ſo ſetzten ſich doch mit dem Deutſchmeiſter alle Gebietiger aufs entſchiedenſte entgegen, die Bedingung aufſtellend: der Hochmeiſter ſolle ihnen zuvor die Koſten ihrer Ruͤſtung und ihres Zuzuges im letzten Kriege vergüten. Selbſt der Machtbrief, nach welchem ihnen der Hochmeiſter unter dem Gebote des Gehorſams die Beſiegelung anbefahl, hatte kei⸗ nen Erfolg.?) Man kam endlich dahin überein: der Hoch⸗ meiſter ſolle den Gebietigern eine Verſchreibung auf neun⸗ tauſend Gulden ausſtellen; ein Botſchafter, dem man das beſiegelte Friedensinſtrument einhaͤndigen wolle, ſolle fie in Empfang nehmen; weigere ſich deſſen der Meiſter, ſo ſolle jener das Inſtrument vernichten.?) Allein das Ende des Jahres, bis wohin das vom Deutſchmeiſter beſiegelte In⸗ ſtrument dem Koͤnige von Polen uͤberliefert werden ſollte, ruͤckte heran, ohne daß es der Hochmeiſter in den Händen hatte, wodurch er in neue Verlegenheit gerieth, denn bereits hoͤrte man ſchon ernſte Klagen aus Polen, daß der Meiſter dem Frieden nicht Genuͤge leiſten wolle.“ Mittlerweile waren auch die Irrungen zwiſchen Daͤne⸗ mark und dem Orden freundlich ausgeglichen. Nachdem der König ſich mit den Hanſeſtaͤdten ſchon im Anfange dieſes Jahres friedlich verſtaͤndigt und der Krieg mit den Holſtei⸗ nern beendigt war, leitete zuerft der Buͤrgermeiſter von Stral⸗ 1) Schr. des Rom, Kdniges an den Erzbiſch. von Köln, d. Wien Samſt. vor Martini (1423) Schbl. IV. 46. 2) Zwei Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Oettingen Freit, vor Barbara 1423 Schbl. XXII. 38. 39. 3) Schr. des Komthurs von Thorn, d. Horneck am T. Concept. Marid 1423 Schbl. XXII. 37. 4) Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland, d. Mar. Mittw. nach Thoma 1423 Schbl. X. 6.
Scanseite 477 · Druckseite 464
464 Verhaͤltn. d. HM. z. Deutſchmſtr., Daͤnem. u. Witowd. ( 1423.) fund Konrad Biſchof eine Verſöhnung zwiſchen dem Orden und dem Könige ein. Der letztere wuͤnſchte den Frieden. Gegenſeitige Geſchenke, eine Sendung von Hering vom Koͤ⸗ nige und ein Kleinod oder eine Reliquie vom Meiſter wa⸗ ren die Vorläufer näherer Unterhandlungen.) Wie es ſcheint, wirkten auch die frommen Ermahnungen eines Priors aus Greifswalde Gerhard Bantſchneider auf den König ein, da er es ihm als Suͤnde ſchilderte, daß er den Orden eine Zeitlang verfolgt und, ſelbſt kinderlos, nicht ſeine Pflicht erkannt, die Deutſchen Ordensritter wie ſeine Kinder zu behandeln.) Die Unterhandlungen indeß zogen ſich noch hin, bis im Herbſt der Koͤnig ſich nach Neu-Stettin be⸗ gab, wo zwiſchen ihm, den Herzogen Otto und Kaſiwir, den Bruͤdern Wartislaw und Barnim von Stettin und Her⸗ zog Boguslaw von Pommern einer, und dem Hochmeiſter und Meiſter von Livland anderer Seits ein Schutz- und Trutzbuͤndniß zu Stande kam, nach welchem jeder dem an⸗ dern, ſobald er von außenher Schaden erleide, wenigſtens binnen drei Monden mit zweitauſend wehrhaften Kriegsleu⸗ ten zu Fuß und Roß zu Huͤlfe kommen, dem Könige aber, wenn er es noͤthig finde, ſolche Huͤlfe auch zu Schiff ge⸗ leiſtet werden ſolle.) Gegen wen eigentlich dieſes Buͤndniß 1) Schr. des Buͤrgermeiſters v. Stralſund an den HM. d. am FT. Dorothea 1423 Schbl. XIX. 3. 2) Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland, d. Raſtenburg Sonnt. Laͤtare 1423 Schbl. XIX. 13, Er bittet um „eyn cleynot, is ſey an heilgethum adir welcherley das were, das ſoſt anſichtig und erentreich iſt,“ um es dem Könige als Geſchenk zu fenden. Vgl. Voigt Geſchichte Marienb. S. 330 — 331. 3) Schr. des Priors Gerhard Bantſchneider an den HM. d. 1423 Schbl. XXXI. 91. 4) Die Urkunde, d. Neu⸗Stettin am Sten T. Nativit. Maria 1423 Schbl. 79. 8; fie ift Original und ſollte mit 36 Siegeln verſehen werden, es ſind aber nur 16 vorhanden, indem an die andern 20 Per⸗ gamentſtreifen die Siegel nicht angehängt find, Dazu kommt, daß au⸗ ßen auf der Urkunde mit alter Schrift ſteht: „Iſt nicht volfuͤrt.“ Daß aber, wenn auch die Urkunde nicht vollfuͤhrt ift, ein ſolcher Ver⸗
Scanseite 478 · Druckseite 465
Verhaͤltn. d. HM. z. Deutſchmſtr., Daͤnem. u. Witowd. (1423.) 465 gerichtet geweſen ſey und ob es überhaupt einen beſtimmten Zweck gehabt, mag dahin geſtellt ſeyn; gewiß aber iſt, daß es keineswegs überall guͤnſtig aufgenommen ward, denn nicht nur der Kurfurſt von Brandenburg fühlte ſich dadurch beleidigt und gekränkt, zumal da er damals mit dem Vogt der Neumark vielfach im Streite lag, v ſondern auch in Deutſchland wurden daruͤber Stimmen laut, die es nicht rathſam machten, die einzelnen Beſtimmungen des Bundes allgemein bekannt werden zu laſſen; nicht einmal dem Deutſch⸗ meiſter mochte man den Bundesbrief vollſtaͤndig mittheilen, aus Beſorgniß, er werde auch dieſen Schritt des Hochmei⸗ ſters nicht aufs beſte deuten. Noch ungleich erfreulicher aber war fir den Hochmei⸗ ſter und den ganzen Orden die jetzt immer mehr hervortre⸗ tende aufrichtige und friedliche Geſinnung des Großfürften von Litthauen. Seit dem Abſchluſſe des Friedens und be> ſonders ſeit der letzten Zuſammenkunft mit dem Meiſter ſchien eine völlige Veränderung feines innern Weſens erfolgt zu ſeyn. Beide Fuͤrſten erfreuten ſich ſeitdem häufig durch ge⸗ genſeitige Geſchenke und Ehrengaben jeglicher Art; beide be⸗ eiferten ſich, ihre Botſchafter aufs ehrenvollſte und freund⸗ lichſte aufzunehmen. Der Großfuͤrſt war unermuͤdlich, dem Hochmeiſter nicht nur ſeine wahrhaft freundſchaftliche und wohlgeneigte Geſinnung zu bezeugen, ſondern gab ihm auch darin einen Beweis ſeiner beſondern Gunſt, daß er ſich er⸗ bot, bei einer bevorſtehenden Zuſammenkunft mit dem Kö: nige alles, was etwa zwiſchen dieſem und dem Orden noch trag wirklich abgeſchloſſen wurde, liegt nach dem Nachfolgenden außer allem Zweifel. Eine alte Abſchrift Schbl. XXXI. 37. In einer Urk. dat. wie die eben erwähnte, mit dem königl. Siegel Schbl. 79. 7 ver⸗ ſpricht der König das Buͤndniß binnen Jahresfriſt mit feinem Maje⸗ ſtatsſiegel zu beſtaͤtigen. S. Kotzebue B. III. S. 462. 1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Berlin Mont, vor Martini 1423 Schbl. XII. 93. 2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Dettingen Freit. vor Bar⸗ bara 1423 Schbl. XXII. 38. VII. 30
Scanseite 479 · Druckseite 466
466 Ausgleichung mit dem Könige von Polen. (1424.) zu Streit Anlaß geben koͤnne, völlig auszugleichen. D Alto trat zu Ende des Jahres 1423, obgleich noch manche Irrung mit dem Koͤnige von Polen zu beſeitigen war, doch ſicherer als je die Ausſicht auf eine längere friedliche Ruhe ein. Vorerſt zog mit dem Anfange des Jahres 1424 die Reiſe des Koͤniges von Daͤnemark, die er von einer ſchwe⸗ ren Schuld gedruͤckt in dieſem Jahre nach dem heiligen Gra be zu unternehmen gedachte, > des Hochmeiſters ganze Auf- merkſamkeit auf ſich. Er hoffte von Erichs Zuſammenkunft mit dem Röm. Könige auch für den Orden glüdliche Erfol⸗ ge, denn er hatte ſich mehrmals erboten, bei dieſer Gele» genheit auch das Intereſſe des Ordens und des Hochmeiſters Wuͤnſche fo viel als möglich zu beruͤckſichtigen, zumal da beide Könige auch dem von Polen einen Beſuch zu Krakau ab ſtatten wollten.) Der Hochmeiſter hatte daher auch wah⸗ rend der ganzen Zeit, da der König ſich im Verlaufe des Winters in Pommern aufhielt, ihm alle moͤgliche Aufmerk famfeit bewiefen und ihm nicht ohne bedeutende Koſten den Großkomthur Walrabe von Hunsbach entgegen geſandt, ber. ihn bis zum Rom. Könige begleiten ſollte.) Der letztere erhielt den Auftrag, die Geſinnung des Roͤm. Königes ge: gen den Orden auszuforſchen, denn der Hochmeiſter ſchien ihm jetzt durchaus kein Vertrauen mehr zu ſchenken.“) Auch 1) Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland, d. Mohrungen Freit. vor Barbara 1423 Schbl. XXII. 44. 2) Kantzow Pommerania B. II. S. 13; Kantzow Chron. v. Pommern herausgeg. v. Böhmer S. 105. 3) Schr. des Königes v. Daͤnemark an den HM. d. Kaſſen in Un gern o. D. Schbl XXXI. 60 und ein anderes Schr. d. Ofen Freit. vor Reminiſcere (1424) Schbl. XXXI. 3, worin er das erwähnte Ver⸗ ſprechen wiederholt. 4) Schr. des Köͤniges v. Dänemark an d. HM. d. Stacgard aun Abend vor Michaclis 1423 Schbl. XXXI. 75; über die großen Kofler klagt der HM. in einem Schr. an d. Meiſter v. Livland, d. Mar: Dienſt. nach Euch 1423 Schbl. XIX. 2. 5) Schr. des HM. an den Großkomthur, d. Mar, am Abend Epiphania 1424 Schbl. XXII. 69.
Scanseite 480 · Druckseite 467
Ausgleichung mit dem Koͤnige von Polen. (1424.) 467 gegen den König von Polen erwachten wieder Bedenklichkei⸗ ten; es mußte befremden, daß auf einem zur Auswechſe⸗ lung der beſiegelten Friedensvertraͤge anberaumten Tage, wo namentlich der Meiſter den ihm bereits eingehaͤndigten Be⸗ ſiegelungsbrief des Deutſchmeiſters hatte uͤbergeben laſſen wollen, niemand von Seiten des Königes erſchienen war; wozu auch kam, daß dieſer der Graͤnzberichtigung zwiſchen Polen und dem Ordensgebiete immer neue Schwierigkeiten entgegen legte.) Die Zuſammenkunft des Daͤniſchen und Römiſchen Koͤniges fand zu Krakau wirklich Statt; beide verherrlichten dort durch ihre Gegenwart die Kroͤnung der Pelnifhen Königin, wozu der König auch den Hochmeiſter eingeladen hatte, der ſich jedoch durch zwei ſeiner Gebietiger bei dem Feſte vertreten ließ.) Was damals zwiſchen den drei Monarchen in Beziehung auf den Orden verhandelt worden, wiſſen wir nicht; man erfuhr nur, daß die dama⸗ lige Bekanntwerdung des fruͤher zwiſchen dem Koͤnige von Polen und dem Markgrafen von Brandenburg insgeheim geſchloſſenen Buͤndniſſes gegen den Orden die beiden Köni: ge aͤußerſt befremdete und daß der von Daͤnemark ſich alle Muͤhe gab, um ein innigeres und freundſchaftlicheres Ver⸗ haͤltniß zwiſchen Polen und dem Orden herzuſtellen. s) — — ) Beſonders in der Gränzberichtigung zwiſchen Polen u. der Neu mark; Schr. des Vogts der Neumark an den HM. d. Hermannsdorf Mont. vor Matthia 1424 Schbl. XXI. 05. Schr. des Claus von Redwitz (damals bei den beiden Königen) an den HM. d. Kaſchau Dienſt. nach Lätare 1424 Schbl. XIII. 142. Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland, d. Mar. am T. Epiphan. 1424 Schl. XXII. 7. 2) Schr. des HM. an d. Meiſter v. Livland, d. Mar. Mont. nach Invocavit 1424 Schbl. XXII. 60. Diugoss. p. 473. 476. Kantzow B. II. S. 14. Herbart de Hufetin Chron. hister. Polon. T. 301, Windeck I. c. p. 1168. 3) Schr. des HM. an d. Meiſter v. Livland, d. Mar. am T. Annuntiat. Mariä 1424 Schbl. XXII. 64. Vgl. nder I. c. p- 1175 — 176, der erwähnt, daß der Rom. König die Heirat zwiſchen dem Sohne des Markgrafen v. Brandenburg und der Tochter des Königes 30 *
Scanseite 481 · Druckseite 468
468 Ausgleichung mit dem Könige von Polen. (1124.) Wenn indeß der Koͤnig von Polen auch noch feindliche Plane gegen den Orden haͤtte verfolgen oder durch eine feind⸗ liche Stellung wenigſtens noch neue Forderungen geltend ma⸗ chen wollen: auf den Großfürften von Litthauen konnte er jetzt nicht viel rechnen. Deſſen Ziel war vorerſt erreicht; er wuͤnſchte jetzt nichts mehr als Friede zwiſchen Polen und dem Orden; deshalb hatte auch fein Bevollmaͤchtigter beim Kroͤ⸗ nungsfeſte zu Krakau in ſeinem Auftrage allen Eifer ange⸗ wandt, die noch irrigen Verhaͤltniſſe zwiſchen beiden ſo viel als möglich auszugleichen; eben deshalb erbot ſich der Groß⸗ fuͤrſt auch gerne feinen Sendboten auf den zwiſchen dem Koͤ⸗ nige und dem Meiſter zur Auswechſelung der Friedensver⸗ trage neuanberaumten Tage in der Naͤhe von Thorn zu ſchicken, um es durch ihn wo moͤglich mit Beſeitigung der noch obwaltenden Irrungen zu einer redlichen und wahrhaft dauernden Vereinigung beider Fuͤrſten zu bringen, denn er erklärte offen, daß er jetzt von ganzem Herzen zwiſchen bei⸗ den eine aufrichtige Freundſchaft wuͤnſche.) Er ſelbſt ſehnte ſich nach ſeinem ſturmvollen Leben je mehr und mehr nach Ruhe. Daher ſtellte er auch in der Graͤnzberichtigung und Landvermeſſung bei Memel alles der Entſcheidung des Mei⸗ ſters anheim. Aus dem naͤmlichen Grunde antwortete er den bei ihm erſcheinenden Botſchaftern der Boͤhmen: er ha⸗ be ſich laͤngſt von ihrer Sache losgeſagt, ſeinen Neffen Si⸗ gismund Koribut von ihnen zuruͤckgerufen, mit dem Roͤm. Könige einen feſten und unverbruͤchlichen Frieden geſchloſſen und dffentlich erklaͤrt, daß er den Herzog Sigismund oder jeden andern feiner Angehörigen, der ohne feine Zuſtimmung ſich zu ihnen begeben werde, fuͤr ſeinen entſchiedenen Feind v. Polen ruͤckgaͤngig gemacht habe; der Brandenburgiſche Prinz ſey nach Litthauen zu Witowd gebracht worden. 1) Schr. Witowds an den HM. d. Garkhen Sonnt. Ramis Palm. 1424 Schbl. XVII. 18. 0 2) Schr. Witowds an den HM. d. Kauen am T. Stanislai 1424 Schbl. XVII. 19. .
Scanseite 482 · Druckseite 469
Ausgleichung mit dem Könige von Polen. (1424.) 469 halten müffe.D In der That ſchien es der Großfuͤrſt jetzt um ſo aufrichtiger zu meinen, als er des Kampfes gegen den Orden, in dem er meiſt wie ein Vaſall nur des Koͤ⸗ niges Winken hatte folgen muͤſſen, muͤde geworden war. Ueberdieß druͤckte ihn auch bereits die Schwere des hohen Alters und endlich konnte er jetzt ſein Laͤndergebiet kaum weiter weſtwaͤrts ausbreiten; im Oſten dagegen fehlte ihm immer noch die nöthige feſte Sicherheit, die feine übrigen Kräfte in Anſpruch nahm. In der Zuſammenkunft des Polniſchen Koͤniges mit dem Hochmeiſter bei Neſſau Thorn gegenuͤber um Himmel⸗ fahrt, wo auch Witowds Geſandte mit dem Auftrage zur Vermittlung und Verfohnung erſchienen, trat nun zwar der König unter dem Vorwande, daß mehre dunkle und zweifelhafte Punkte des Friedensvertrages noch einer naͤhe⸗ ren Erörterung beduͤrften, von neuem mit mancherlei For⸗ derungen auf, beſonders in Betreff der Handelsverhaͤltniſſe beider Länder. Allein man verftändigte ſich jetzt doch un⸗ gleich leichter als je zuvor; es wurde feſtgeſtellt: den nach Ungern, Litthauen, Rußland und Maſovien Handel treiben⸗ den Unterthanen des Ordens ſolle die Handelsſtraße durch Polen oder des Koͤniges andere Lande vollig frei ſeyn, nur mit Vorbehalt der alten Zölle, Niederlagen und ſonſtigen beſtehenden Gewohnheiten, wie es der Friedensvertrag be⸗ ſtimme; es ſolle ihnen ferner freier Durchzug mit Handels⸗ waaren, Getreide jeglicher Gattung und jeder Art von Han⸗ delsgegenſtaͤnden zu Waſſer und Land durch Polen, Litthauen, Samaiten, Maſovien und Rußland ſowohl in Auf- als Ab⸗ 1) Erklärung Witowds an die Geſandten des Röm. Königes über die Antwort, die er den Abgeſandten der Böhmen wegen Sigismund Koribut ertheilt, d. in Curia nostra Prelom feria quarta conduetus Pasche 1424 Schbl. XVII. II. Windeck 1. e. p. 1144 giebt freilich andere Ur⸗ ſachen der Nuͤckkehr des Herzogs Sigismund aus Böhmen an. Cl. Ray- auld. Annal. eccles. an. 1424. nr. II. 2) Schr. Witowds an d. HM. d. Wilna am h. Leichnams⸗ Abend 1424 Schbl. XVII. 20.
Scanseite 483 · Druckseite 470
470 Ausgleichung mit dem Könige von Polen. (1424.) fahrt ohne alle Hinderniſſe geſtattet ſeyn, ſie ſollten ihre Waaren in jeder Stadt und jedem Orte verkaufen koͤnnen oder wenn ſie ſolche nicht verkaufen wollten, ungehindert weiter ziehen, wohin ſie wollten. Des Koͤniges Forderun⸗ gen bezogen ſich vornehmlich auf Befreiung ſeiner Kaufleute von manchen Auflagen im Ordensgebiete. Ueber die Abſtel⸗ lung des Pfundzolls fir die Polen konnte man ſich jedoch bei der Verſchiedenheit der Meinungen der verhandelnden Raͤthe nicht ganz verſtäͤndigen; es ward beſtimmt: die Ab⸗ gabe des Pfundzolls ſolle vorläufig für die Kaufleute und Unterthanen des Koͤniges eingeſtellt ſeyn, bis man ſich dar⸗ uͤber vereinigt habe, ob ſie nach dem Inhalte des Friedens⸗ vertrages fuͤr die Polen ganz aufgehoben werden muͤſſe. Da⸗ gegen von der Abgabe des Lobegeldes, welche in Danzig vom Getreide erhoben wurde, ſollten die Polniſchen Kauf⸗ leute fortan völlig befreit ſeyn.) Dann vereinigte man ſich auch noch uͤber mehre Beſtimmungen wegen Tuch- und Ge⸗ treidehandel der Ordensunterthanen in Dobrin, Kujavien, Lancziz, Siradien und Gneſen auf den dortigen Märkten, uͤber die Handelsniederlagen in Kuͤſtrin und Landsberg in der Neumark u. dgl. Sonach ſchied der Hochmeiſter von 4) Es heißt: Quod emnes mercatores et Incole Regni Polonie et Terrarum Litwanie Samagitarum Mazovie et Russie a solucione cuius- dam pecunie vulgariter Lobegelt nuncupate, que a frumento in Gdanzk recipiebatur, perpetuo sint liberi et exempti. — Lobgelt nennt es auch eine andere Abſchrift der Urkunde, ebenſo Dogiel T. IV. p- 117. In einem Zransfumt v. J. 1506, von welchem Kotzebue die Urkunde abdrucken ließ, fteht deutlich Losgelth, weshalb er B. III. S. 215 auch vom Losgeld in Danzig ſpricht. Die Lisart lobgelt iſt die richtige. Es hängen damit die Lovbriefe oder Loubbriefe zuſammen, welche der HM. zuweilen bei Getreideausfuhr ertheilte. Wir haben daruͤber ein Verzeichniß vom J. 1922; es heißt darin: diſſen nochge⸗ ſchreben iſt loube (oder lovbe) gegeben; bei jedem iſt die Anzahl der Laſten und die Getraideart genannt. Demnach ſcheint Lobgeld ſ. v. a. Erlaubgeld fur die Ausfuhr zu ſeyn. Weiter geſucht wäre eine Ablei⸗ tung von Lauben⸗ oder Krambudengeld. 2 Die Urkunde, d. in Ripa fluminis Wissla in hereditate Nye- sehowa ex opposito opidi Thorun feria IV infra Octavas Ascension.
Scanseite 484 · Druckseite 471
Innere Landesverhällniſſe (1424 — 1425.) 471 dem Tage nicht ohne manchen Gewinn; er hatte ſich keines wegs den Anforderungen des Köͤniges blindlings unterwor⸗ fen. Es war fuͤr das, was er aufgegeben, jetzt dem Han: del Preuſſens ein ungleich weiterer und freierer Spielraum eingeraumt, wie der Hochmeiſter in einem Schreiben an Witond auch dankbar anerkannte. U Alſo waren jetzt die wichtigſten Streithändel ſowohl mit dem Könige von Polen als mit dem Deutſchmeiſter vorerſt wenigſtens beigelegt und der Hochmeiſter konnte nun ſeine Thaͤtigkeit theils manchen auswärtigen Angelegenheiten von minderer Bedeutung, theils den innern Landesverhaͤltniſſen zuwenden. Der Biſchof von Leſlau gerieth mit dem Orden in neuen Streit, weil eine Anzahl Dörfer im Komthurbe zirk von Schwez den von ihm verlangten Zehnten verwei⸗ gerten, obgleich aus alten Verzeichniſſen ermittelt ward, daß die Forderung ungerecht war.?) Trotz dem wurden die Dorfer Jahrelang vom Biſchof in den Bann erklaͤrt;? ja er erlaubte ſich gegen die armen Dorfbewohner die größten Belaſtigungen und Bedruͤckungen und zwar ſelbſt gegen aus⸗ druͤckliche Verträge, worin man ſich früher über die Zehnt leiſtung verftändigt hatte.) In dieſen und andern Anfor dui 1424 bei Dogiel T. V. p. 117, in zwei alten Abſchriften Schbt. XXII. 62, ein Transſumt v. J. 1506 Schbl. 66. 3, wovon der Ab⸗ druck ei Kotzebue B. III. S. 458, aber äußerſt fehlerhaft; dabei iſt es ganz unrichtig, daß die urkunde vom 14 Octob. 1424 datirt und dadurch von der bei Dogiel verſchieden ſey; vielmehr ſind beide Urkun⸗ den, wie der erſte Blick zeigt, ganz die nämlichen und das Datum 14 Octob. gehört zum J. 1506. Kotzebue hat alſo die Urkunden kaum angeſchen. » 1) Schr. Witowds an den HM. d. Wilna am Abend des h. Leich⸗ names 1424 Schbl. XVII. 20. 2) Schr. des Komthurs v. Schwez an den HM. d. Schwez Freit. nach Margaretha 1424 Schbl. LAY III. 51. 3) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. Sonnt. nach Jo⸗ hannis Bapt. 1424 Schbl. LX VIII. 53. 4) Schr. des HM. an den Procurator, d. Liebſtadt Dienſt. nach Viſtlat. Maris 1424 Schbl. LXVIII. 32.
Scanseite 485 · Druckseite 472
472 Innere Landesverhaͤltniſſe. (1424 - 1425.) derungen, z. B. wegen des früher erwähnten abgebrochenen Biſchofshauſes vor Danzig, ging der Biſchof ſo weit, daß man von neuem den alten Plan einer Theilung des Leſlaui⸗ ſchen Biſthums und der Errichtung eines eigenen Biſthums des Ordens in Pommern wieder in Anregung brachte.) Wie er, ſo wandte auch der Biſchof von Poſen, der alte Widerſacher des Ordens, der zwar jetzt den Freund im Munde, aber den Feind im Herzen trug, im Stillen am Roͤmiſchen Hofe alles an, um dort den Erden in das nach⸗ theiligſte Licht zu ſtellen; er war es, der auf dem Concilium zu Siena den Orden oͤffentlich ein vollig unnuͤtzes Inſtitut nannte, weil er ſeine Waffen nicht gegen die Ketzer in Boͤhmen wende. Nur ein prachtvolles Geſchenk dem Papſte vom Ordensprocurator dargebracht war im Stande, des Biſchofs hinterliſtige Angriffe auf den Orden zu entkraͤften. Indeß ſetzte dieſer ſeine heimlichen Umtriebe auch ferner noch fort.? Ungleich freundlicher und friedlicher war das Ber: haͤltniß des Hochmeiſters zu den vier Landesbiſchoͤfen. Be⸗ weiſe davon gab nicht nur die Uebereinſtimmung und Ver⸗ ſtaͤndigung in allgemeinen, das Wohl des geſammten Lan⸗ des betreffenden Anordnungen, wobei die Biſchoͤfe den Mei⸗ ſter ſtets aufs thätigfte unterſtuͤtzten, ſondern ſelbſt auch die mancherlei Geſchenke, durch die man ſich gegenſeitig von Zeit zu Zeit erfreute, wie z. B. der Biſchof Gerhard von Pomeſanien dem Hochmeiſter nach einer alten Gewohnheit zu gewiſſen Zeiten ein Paar Faͤſſer Moſt als Geſchenk ſandte u. dgl.“) Auch manchen inneren Landesbeduͤrfniſſen wandte jetzt der Hochmeiſter feine Aufmerkfamkeit zu. Ein wilder Sturm 1) Schr. des HM. an d. Procuxator, d. Philſppi und Jacobi 1424 Schbl. XXII. 34. 2) Schr. des Procurators, d. Rom 23. Februar 1424 Schbl. XXII. 67, Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. Freit, vor Diviſion. Apoſtol. 1424 Schbl. J. 106, 3) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien an d. HM. d. Marienwerder am T. Burchardi 1421 Schbl. LXV. 64. Königsberg Freit. vor
Scanseite 486 · Druckseite 473
Innere Landesverhaͤltniſſe. (1424— 1425.) 473 hatte im Frühling in der Gegend von Memel ſehr bedeuten⸗ den Schaden angerichtet; nicht weniger als achtzehn Schiffe waren am Memelſchen Strande, bei Windau und Polangen geſtrandet; auch die Burg zu Memel hatte viel gelitten.“ Es mußten daher dort große Waſſerbauten vorgenommen, die alten Daͤmme durchſtochen und neue aufgeſchuͤttet wer⸗ den, weil ſonſt die Burg bei ihren faſt ganz trockenen Burg⸗ graben keinen Schutz mehr fand. Ein ähnlicher großer Bau fand im Herbſt bei der Burg Ragnit Statt. Streng hielt der Hochmeiſter auf gewiſſenhafte Handhabung des Rechts und der beſtehenden Landesgeſetze; ſelbſt Auslaͤnder ruͤhmten feine ſtrenge Gerechtigkeitsliebe.) Um fo mehr durfte er auch die auch unter ihm nicht ſelten vorkommende Einmiſchung fremder Gerichte in die innern Angelegenheiten ſeines Landes entſchieden zuruͤckweiſen. Er wirkte beim Röm. Könige die neue Verfügung aus, daß der Orden fortan vom Reichshofgerichte befreit ſeyn und alſo „niemand, wer er auch ſey, des Ordens Unterſaſſen und Leute, in welchen Wuͤrden oder Weſen fie auch ſeyen, vor des Koͤni⸗ ges und des Reiches Hofgericht laden und heiſchen ſolle.“ Der königliche Hofrichter Graf Hans von Lupfen, Landgraf zu Stulingen erhielt den gemeſſenen Befehl, ſtreng darauf zu ſehen, daß des Ordens Unterthanen forthin von Ladun⸗ gen des Hofgerichts verſchont blieben, es ſey denn, daß den Klaͤgern erweislich das Recht von ihnen oder ihren Amtleuten verſagt werde. ) Schr. des Komthurs v. Memel, d. Memel Sonnt. nach Dio⸗ nyſ. (1424) Schbl. XVII. 31. 2) Schr. des Komthurs v. Memel, d. Memel in vigilia Bartho- lom. 1424 Schbl. LVIII. 3. Schr. des Ordensmarſchalls an den HM. d. Waldau am T. Johannis Enthaupt. 1424, ebendaf. nr. 3, 3) Schr. des Kaſtellans Johann Zielkoski an d. HM. d. Neſſau Sonnt. nach Epiphan, 1424 Schbl. XXX. 57, 9) Schr. des Röm. Königs an feinen Hofrichter, d. Blindenburg Freit. vor Sophien⸗Tag 1422 Schbl. 21. 2. Wir erwähnten einer ahnlichen Verfuͤgung ſchon oben im J. 1420, wonach dieſes eigentlich
Scanseite 487 · Druckseite 474
474 Innere Landesverhaͤltniſſe. (1424— 1425.) Da kam dem Hochmeiſter ganz unerwartet mit dem An fange des Jahres 1425 eine Einladung des Königes von Polen, nach Krakau zu kommen und eine Pathenſtelle bei der Taufe ſeines Sohnes zu uͤbernehmen. Auf den Rath des Biſchofs Franciſcus von Ermland indeß, zu dem der Hochmeiſter überhaupt großes Vertrauen hatte, ward be⸗ ſchloſſen, er ſolle nicht ſelbſt dort erſcheinen, ſondern ſeine Stelle durch den Großkomthur und den Ordensſpittler ver⸗ treten laſſen, um durch dieſe zugleich noch einige irrige Ver— haͤltniſſe zu beſeitigen.) Bald darauf kuͤndigte der König zugleich mit dem Koͤnige von Daͤnemark, der ſich bei ſeiner Ruͤckreiſe eine Zeitlang in Krakau und Kaliſch bei dem er⸗ ſtern aufhielt, dem Hochmeiſter einen Beſuch in Preuſſen an.) Der Daͤniſche König hatte nach feiner Pilgerwande- rung ans heil. Grab vor allem das Verlangen, noch das erhabene, in feinem Bau fo prachtvolle Haupthaus Marien: burg zu ſehen. Der Koͤnig von Polen dagegen wuͤnſchte, wie er wenigſtens erklaͤrte, eine Art von Pilgerreiſe in das Brigitten-Kloſter zu Danzig zu machen. So wenig nun auch der Meiſter dieſen Zweck als den wahren oder einzigen anſehen konnte, fo mußte er unter den jetzigen Verhaͤltniſ ſen den Koͤnig durch eine Botſchaft doch einladen laſſen, ſo gerne er auch ſonſt dem Beſuche des Polniſchen Herrn ausgewichen ware,“ denn feine alten Ranke waren im Dr- nur eine Erneuerung der früheren Verordnung war. S. oben S. 357. Bol. Arndt Livländ. Chron. p. 125. 1) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. Donnerſt. nach Dorothea 1425 Schöl. XXII. 18. Schr. des Biſchofs v. Ermland an den HM. d. Heilsberg Dienſt. nach Agnes 1425 Schbl. XXII. 17. lug oss. P. 485. 2) Schr. des HM. an d. Meiſter v. Livland, d. Mar. Oſtern 2425 Schbl. XIX. 9; er klagt beſonders daruber, daß der Beſuch „ane groſe koſte, mü und usrichtunge nicht mag volendet werden.“ 3) Schr. des HM. an d. Meiſter v. Livland, d. Mar. Oſterabend 1425 Schbl. XIX. 15. Der HM. ſtellte dem Könige v. Polen zu ſei⸗ nem Beſuche des Brigitten-⸗Kloſters einen ſichern Geleitsbrief aud; der Entwurf o. D. Schoͤl. XXV. 37. Diugoss. p. 485.
Scanseite 488 · Druckseite 475
Ausgleichung mit dem Könige von Polen. (1425.) 475 den noch nicht vergeſſen und ſelbſt dem Könige von Daͤne⸗ mark war der eigentliche Zweck der Reiſe zweifelhaft und be⸗ denklich.) Indeß entgehen uns die weitern Nachrichten fo- wohl uͤber die Reiſe und den Aufenthalt des von Polen in Danzig, als des von Daͤnemark in Marienburg. 2 Noch immer waren zwiſchen dem Könige von Polen und dem Orden die Irrungen wegen der Graͤnzen nicht völlig ausgeglichen. Da jeder Theil nur gewinnen und kei⸗ ner etwas von Bedeutung aufopfern mochte, ſo ſchob man beider Seits die Entſcheidung immer weiter hinaus; man nahm immer neue Verhandlungstage auf, um fie wieder abzuſagen und dadurch Zeit zu gewinnen.“) Auch die Aus⸗ gleichung mit Witowd über die Granzvermeſſung zwiſchen Samaiten und dem Gebiete von Memel fand noch Schwie⸗ rigkeiten wegen der Meilenlaͤnge, bis der Großfuͤrſt vor: ſchlug, daß das Verhältniß der vier Meilen zwiſchen Elbing und Marienburg bei jener Meſſung zur Richtſchnur dienen ſolle.) Da brachte der Hochmeiſter zur näheren Erörterung hieruͤber eine perfonliche Zuſammenkunft mit Witowd und dem Könige in Vorſchlag; erſterer nahm fie an und ver: ſprach, allen Fleiß anzuwenden, um die noch obwaltenden 1) Schr. des Koͤniges v. Dancmark an d. Ordensmarſchall, d. Ko⸗ penhagen am T. des heil. Leichnams 1425 Schbl. XXXI. 78. 2) Dlugoss. I. c. ſpricht nur von der Zuſammenkunft beider Ko: nige in Kaliſch, weiß aber nichts von ihrer Reiſe ins Ordensgebiet. Der König v. Polen meldet dem Komthur v. Thorn in einem Schr. d. in Brzescze feria III ipso die b. Philippi et Jacobi 1425 Schöl. XXII. 26, daß er a die dominico post duas septimanas in Danzig zu ſeyn hoffe. 3) Schr. des Großkomthurs an den HM. d. Thorn Sonnab. Ae⸗ gidii 1425 Schbl. XXV. 12, 4) Schr. des Komthurs v. Brandenburg, d. Kreuzburg Donnerſt. vor Pfingft. 1425 Schbl. XVI. 41; vgl. mit der Meilenmeſſung zwi⸗ ſchen Marienburg und Elbing Schbl. XVII. 117. Schr. Witowds, d. Hof Melnik Dienſt. vor Margar. 1425 Schbl. XVII. 60.
Scanseite 489 · Druckseite 476
476 Ausgleichung mit dem Könige von Polen. (1423.) Brüche moͤglichſt zu beſeitigen.“ Dieſes und die eindring⸗ lichen Vorſtellungen des Daͤniſchen Königes, bei dem Streite über die Gränzen es nicht zu gefährlichen Reibungen und Aufregungen kommen zu laſſen, machten auch den König von Polen geneigt.?) Als daher die Fuͤrſten im December dieſes Jahres, wie verabredet, in Garthen zuſammenkamen, vereinigte man ſich bald in folgenden Beſtimmungen: der König ſpricht den Meiſter von der Verpflichtung der Graͤnz⸗ berichtigung zwiſchen Polen und der Neumark frei; er wird fie zu gelegener Zeit mit dem Rom. Könige ausführen oder nach deſſen etwa noch vor ihrer Beendigung erfolgtem Tode ſollen feine Nachfolger, wenn dann der Orden noch im Ber ſitze des Landes iſt, fie entſcheiden und beendigen. Nach Oſtern naͤchſtes Jahres werden Bevollmaͤchtigte des Koͤniges und des Ordens, bei Jeßnitz zuſammenkommend, ſich auch über die Graͤnzen zwiſchen Kujavien und Polen, dem Kuls merland und Pommern verſtaͤndigen nach Inhalt der fruͤhern Hauptbriefe.s) Desgleichen ſoll zwiſchen bevollmaͤchtigten Raͤthen beider Theile eine Vereinigung über die zweifelhaf⸗ ten Gränzen bei Drieſen bewirkt werden; koͤnnen fie ſich darüber nicht verſtaͤndigen, fo werden erwaͤhlte Berichtsleute darüber erkennen und find dieſe in ihrem Urtheile nicht ei= nig, ſo ſoll die Entſcheidung dem Markgrafen Friederich von Brandenburg als Obmanne anheimgeſtel't werden.“ So ſchieden die Fuͤrſten freundlich von einander. Aber nicht 1) Schr. Witowds, d. Nuwgratky Mont. S. Hedwigs 1425 Schbl. XVII. 22. 23. 2) Schr. des Königes v. Dänemark an den v. Polen o. D. (1425) Abſchrift Schbl. XXXI. 89. 3) Oder wie es heißt: „Noch dem luwthe und Inhaldunge der houptbriffe dorobir gemacht. Eynen ſunderlich den der vorgeſprochen meiſter und ordo des koniges Caſimiri und der ander hern Henrichs Thuſyner vor czithen Homeiſters, den wir (der König) haben, den von beiden teilen vorczubrengen. 4) Die hieruͤber vom Könige v. Polen ausgeſtellte Urkunde, d. Grodno Mont. nach Lucien⸗Tag 1425 Schbl. XXII. 120; cine latein. Abſchrift Schbl. XXII. 13.
Scanseite 490 · Druckseite 477
Ausgleichung mit dem Könige von Polen. (1425.) 477 ohne beſondere Urſache hatte man die Entſcheidung der Streitfrage in der Neumark in die Haͤnde des Mom. Koͤ⸗ niges und des Kurfürften von Brandenburg gelegt, denn eben damals waren zwiſchen beiden Unterhandlungen wegen der Neumark im Werke, weil letzterer ein Recht auf dieſe in Anſpruch nahm, vorgebend, daß die Neumark (nach de⸗ ren Beſitz er immer ſchon geſtrebt) ſtets zur Kurmark Bran⸗ denburg gehört habe, waͤhrend der Koͤnig behauptete: der Markgraf Friederich habe die Mark keineswegs erblich, ſon⸗ dern auf Wiederkauf von ihm erhalten, ebenſo wie der Orden die Neumark von ihm auf Wiederkauf beſitze; von dieſer aber ſey in der Verſchreibung fuͤr den Markgrafen nicht im entfernteſten die Rede. Sigismund ſuchte nun zwar den Hochmeiſter wegen des Kurfuͤrſten Anſpruͤche voll⸗ kommen zu beruhigen zv allein der Meiſter ſcheint damals doch Unterhandlungen angeknuͤpft zu haben, die entweder eine Einldſung oder eine unbedingte Beſitzzuſage der Neu⸗ mark zum Zwecke hatten.?) Erfreut über das friedliche Einverſtaͤndniß zwiſchen dem Orden und den benachbarten Fuͤrſten war jetzt der Meiſter auch mit allem Eifer bemüht, den ſchweren Klagen der Her: zogin Sophia und des Herzogs Boguslav von Pommern 1) Wir haben daruͤber ein merkwuͤrdiges Schr. des Rom. Königes an den HM. d. Ofen Donnerſt. vor S. Katharinen⸗Tag 1425 Schl. XIII. 132. Er ſagt: als er zu Krakau geweſen, habe der Großkom⸗ thur ihm wegen der Neumark vorgebracht, „wie Margraff Frederich von Brandenburg fuͤrgebe, her ſollt recht haben czu derſelben Newmark, mitſampt der mark Brandenburg, noch dem deyſelben zuſamen gehoren. Der König ſendet dem HM. aber eine Abſchrift der Verſchreibung für den Markgrafen, woraus zu erſehen ſey, „das wir Im ſie nicht erb⸗ lich, ſunder uff con widirkouff, als Ir dann die Newmark ouch uff eyn widirloſen von uns habt, vorſchreben haben. Vgl. Lancizolle Bil⸗ dung des Preuſſ. Staats B. I. S. 294. 2) Nach dem eben erwähnten Schr. wurde, wie es ſcheint, da⸗ mals die erſte Einleitung zur völligen Abtretung der Neumark (1429) angeknüpft; vgl. Lancizolle a. a. O. Stenzel Geſch. des Preufi- Staats B. I. S. 185.
Scanseite 491 · Druckseite 478
478 Innere Landesverhaͤltniſſe. (1423.) über die Gewaltthaͤtigkeiten des Komthurs von Schlochau abzuhelfen, da dieſer z. B. einmal mit nicht weniger als tauſend Menſchen und vierhundert Wagen in des Herzogs Walder eingefallen war und eine ſehr bedeutende Maſſe Holz hatte fallen und wegfahren laſſen. Der Meiſter verwies dem Komthur fein’ ſchnoͤdes Benehmen mit dem ſchaͤrfſten Nachdruck und verſprach dem Herzog Erſatz alles Schadens. “) Auch die geſpannten Verhältniſſe mit dem Deutfchmeifter waren vorerſt wieder ausgeglichen. Die Fuͤrſten im Reiche gewann der Meiſter durch die beliebten Falken-Geſchenke in alter Weiſe, womit er auch den Deutſchmeiſter reichlich ver⸗ ſah; und welchen Werth manche Fuͤrſten darauf legten, zeigte der Pfalzgraf Ludwig vom Rhein, der es dem Or— densmarſchall faſt übel nahm, als er ihn nicht wie gewoͤhn⸗ lich mit einem ſolchen Geſchenk erfreute.) Nur Herzog Heinrich von Baiern, in ſeinen Forderungen immer noch nicht befriedigt, klagte den Orden bei Fürften und Herren, Rittern und Knechten pflichtvergeſſener Saumſeligkeit an, immer heftiger mit nachdruͤcklicher Vergeltung drohend, fo daß der Deutſchmeiſter vor ernſten Ereigniſſen beſorgt dem Hochmeiſter dringend anrieth, ſich mit dem Herzoge baldigſt nach Recht oder Billigkeit auszugleichen.“) Mittlerweile fuhr der Meiſter fort, in den inneren Verhaͤltniſſen des Landes manches zweckmaͤßiger zu ordnen, anderes, was aus dem Geleiſe gewichen, wieder in Rich⸗ tung zu bringen und einſchleichenden Gebrechen Einhalt zu thun. So geſchah nicht ſelten, daß wie auswärtige wein: 125 ſo . fremde geiſtliche Gerichte, wenn Klagen gegen 1) Schr. der Herzogin und des Herzogs v. Pommern an den HA, d. Treptow Mont. nach Johannis Bapt. 1425 Schbl. XV. 256, 2) Schr. des Deutſchmeiſters, d. Horneck Sonnt. vor Lamberti 1425 Schbl. Deutſchmeiſt. uro 18. Schr. des Pfalzgrafen v. Rhein an den HM. d. Manheim Mittw. nach dem heil. Jahrstag 1426 Schbl. LXXII. 63. Vgl. Voigt Geſchichte Marienb. S. 332 — 333. 3) Schr. des Deutſchmeiſters, d. Horneck Sonnt. vor Lamberti 1425 Schbl. 98. 42.
Scanseite 492 · Druckseite 479
Innere Landesverhaͤlkniſſe. (1425.) 479 Unterthanen des Ordens an ſie gebracht wurden, dieſe mit Umgehung der eigenen Landesgerichte durch ihre Vorladun⸗ gen fort und fort belaͤſtigten. Häufig kamen Faͤlle vor, daß z. B. Leute aus Soldau nach Ploczk oder aus dem Ern land bis nach Gneſen vor Gericht gefordert oder auch daß hier beſtrafte, entwichene oder ihres Amtes entſetzte Geiß liche bei irgend einem fremden geiſtlichen Gerichte Kla⸗ gen fuͤhrten und dann die noͤthigen Zeugen von dem Ge— richte zum Verhöre geladen wurden. Außer der Schwaͤchung des Anſehens und der Wirkſamkeit der Landesgerichte hatte dieſer Mißbrauch auch noch ſo manchen großen Nachtheil, daß der Hochmeiſter mit Beirath der Prälaten, insbeſondere der drei Biſchoͤfe von Kulm, Pomeſanien und Ermland (denn der von Samland war in dieſem Jahre geſtorben und ſein Nachfolger Michael Junge hatte das Amt noch nicht angetreten“) auf Mittel zur Abſtellung ſolcher Belaͤſtigun⸗ gen bedacht ſeyn mußte. Man fand noͤthig, den Papſt um eine Bulle zu erſuchen, wodurch die Ordensunterthanen ge⸗ gen ſolche Eingriffe fremder Gerichte geſchuͤtzt wuͤrden, denn in der Regel war es bei ſolchen Vorladungen nur auf Geld⸗ gewinn durch Loskaufen der Vorladungen abgeſehen.?) An: laß zu ſolchen Mißbraͤuchen gab freilich auch vielfaͤltig der innerlich zerworfene Zuſtand der kirchlichen Verhäͤltniſſe Preuſſens. Haͤuſig klagten ſchon die Praͤlaten des Landes uͤber die auch hier immer mehr herrſchend werdende Ketzerei, uͤber Verachtung des geiſtlichen Standes, Verſpottung der Prieſterwuͤrde, Geringſchaͤtzung des Anſehens des paͤpſtlichen Stuhles, Nichtachtung der kirchlichen Gerichtsbarkeit u. ſ. w. s) 1) Gebſer Geſchichte der Domkirche zu Königsberg S. 181. 2) Schr. des Biſchofs von Kulm an den HM. d. Löbau am T. Vincentii (1425) Schl. L.XII. 36; dabei ein Schr. deſſelben an den Procurator, worin er den geiſtlichen Gerichtsunfug näher ſchildert. ER des Biſchofs von Ermland an den HM., d. Heilsberg Dienſt. nach Agnes 1425 Schbl. XXII. 17. 3) Schr. des Biſchofs von Ermland an den Erzbiſchof v. Gneſen, d. Heilsberg XXVIII Januar. 1425 Schbl. LIV. 973 er e
Scanseite 493 · Druckseite 480
480 Innere Landesverhaͤltniſſe. (4425.) Daher nicht ſelten Beiſpiele, daß Geiſtliche und Pfarrher⸗ ren, deren Lebenswandel freilich mitunter auch wenig Ach⸗ tung gegen ihren Stand erweckte, gemißhandelt, ſchwer ver- wundet oder auch ermordet wurden; ſelbſt Ordensbruͤder lie⸗ ßen fi) ſolche Verbrechen zu Schulden kommen.) Wurden nun ſolche Menſchen von den Biſchoͤfen beſtraft, entſetzt oder in den Bann gethan, fo wandten fie ſich haufig an die geiſtlichen Gerichte in Leſlau, Ploczk, Poſen und Gne— ſen, wo ſie mit ihren Klagen immer leicht Gehoͤr fanden und von wo aus dann die laͤſtigen Vorladungen an die Unterthanen des Ordens erfolgten.“ Nicht felten von die— ſen Gerichten abſolvirt kamen die Klaͤger ins Ordensgebiet wieder zuruͤck, ſchlichen ſich in ihre Aemter wieder ein oder erzwangen wohl auch die Wiedereinſetzung von ihren Patro— nen, auch wenn fie noch im Banne waren.?) Die Leich⸗ tigkeit, mit der man bei der hohen Geiſtlichkeit Verbrechen und Unthaten aller Art durch Geld und andere Mittel ab⸗ buͤßen und abkaufen konnte, forderte natürlich) das Unwe⸗ fen noch mehr. So forderte z. B. der Biſchof von Leflau ſechzig gute Mark für Aufhebung des Interdiets wegen eines im Danziger Gebiete erſchlagenen Pfarrers; ſein Official legte ſchon niemals mehr Bußen vor den Kreuzen auf, fon: dern buͤßte die meiſten Vergehungen mit Geld, nahm aber dafuͤr wohl auch gerne Bier, Gewande oder andere Waa⸗ — dern: Ista turbacio heresis pestifere que iamiam multorum ceorda in pluribus partibus sie sauciavit, ut apud quamplures status elericalis contempnitur et sacerd»tium irridetur. Nune autem supervenienlibna tam variis tribulationibus homines fatigati ineipiunt revera, ut senli- mus, in fie tepescere, reverenciam sedis apostolice vilipendere , in- risdictionem ezelesiasticam contempnere et sanetum sacerdatium con- euleare ete. 1) Schr. an den Kaplan des HM. d. Königsberg 30 Sept. 1425 Schbl. LV. 34. Schr. des HM. an den Biſchof v. Ermland, o. D. Schbl. LXVI. 127. Vgl. Kotzebue B. III. S. 463. 2) Schr. des HM. an den Procurator, d. Mar. Donnerſt. nach Dorothea 1425 Schbl. I. 132. F 3) Im erwähnten Schr. des HM.
Scanseite 494 · Druckseite 481
Innere Landesverhaͤltniſſe. (1425.) 481 ren.) Mehr als je waren daher die nachdruͤcklichſten Vor⸗ kehrungsmittel gegen ſolche Mißbraͤuche nothwendig.“ Aber auch in andern kirchlichen Verhaͤltniſſen riſſen allmaͤhlig mehr und mehr Unregelmaͤßigkeiten ein, auf deren Abſtellung man den Hochmeifter aufmerkſam machte. So klagte der Biſchof von Ermland, daß ſchon häufig Komthure und andere Or: densbeamte ohne weiteres Prieſter fuͤr ſich weihen ließen, daß ferner oft Kirchen nach dem Tode ihrer Pfarrer ſo gaͤnzlich beraubt wuͤrden, daß fuͤr die Nachfolger nicht das mindeſte uͤbrig bleibe u. |. w.?) Der Hochmeiſter unterließ es nie, ſolchen und aͤhnlichen Mißbraͤuchen im Kirchenweſen mit ernſten Verboten entgegen zu wirken, wie er z. B. die Verordnung gab, es ſolle niemand an heiligen Tagen auf Maͤrkten Waaren zum Verkaufe auslegen, es ſey denn daß die Hochmeſſe beendigt ſey. Auch zur Foͤrderung der Induſtrie und des Verkehrs im Lande traf der Hochmeifter um dieſe Zeit manche zweck⸗ maͤßige Anordnung, ſtellte im Marktverkehr Mißbraͤuche ab, die dem Gedeihen einzelner Gewerke im Wege ſtanden und verbeſſerte in den verſchiedenen Gewerksordnungen, was den Zeitverhaͤltniſſen nicht mehr angemeſſen ſchien. In vielen Beziehungen regelte er das ſtaͤdtiſche Marktrecht, gab Ge: ſetze über das kaufmaͤnniſche Schuldenwefen. u. dgl.“ Da vor allem, wie ſchon fruͤher erwaͤhnt, die Beſchaffenheit der Muͤnze in Preuſſen dem Handel und Verkehr noch fort und fort großen Abbruch that, ſo ließ es ſich Paul von Rußdorf ſeine angelegentlichſte Sorge ſeyn, hierin eine Aenderung I) Schr. des HM. an den Procurator a. q O. 2) Der HM. dringt beim Procurator mit allem Nachdruck darauf, beim Papſte kräftige Maaßregeln auszuwirken. 3) Schr. des Biſchofs v. Ermland an den HM. d. Heilsberg Mittw. nach Quaſimodogen. 1425 Schbl. II. 164. 4) Die Verordnungen hicrüber, d. Mar. nach Eliſabeth 1426 Schbl. LXXIII. 98. Schr. der Rathsmanne von Thorn an den HM. d. Thorn am T. Andrea 1424 Schbl. XXII. 68 und ein ähnliches Schr. vom 3, 1425 Schbl. LI. 99. VII. 31
Scanseite 495 · Druckseite 482
482 Witowds Zuneigung gegen den Orden. 11426.) zu bewirken. Die Sache hatte freilich ihre ſehr großen Schwierigkeiten und wurde auf mehren Verhandlungstagen mit den Gebietigern und den Staͤnden des Landes in ernſte Berathung gezogen, bis man endlich auf einem Berathungs⸗ tage zu Elbing den Beſchluß faßte: man wolle, um beſon⸗ ders die alten Schillinge ohne Schaden außer Gang zu ſetzen, durchs ganze Land einen allgemeinen Schoß erheben, die erhobenen Summen mit genauen Verzeichniſſen nach Marienburg einliefern laſſen und ſie dann als ein Haupt kapital in die Muͤnze bringen, damit auf dieſe Weiſe den Klagen über die ſchlechte Münze ein Ende gemacht werde. Man unterwarf ſich uͤberall gerne dieſer Maaßregel; doch erklaͤrten dabei die Ritterſchaft und die Städte im Erm⸗ land: weil ſchon Heinrich von Plauen und Michael Kuͤch⸗ meiſter bei aͤhnlichen Erhebungen ihnen auf Ehre und Treue zugeſagt haͤtten, „daß ihnen ſolche Bekuͤmmerniſſe und Bitten nicht mehr Noth thun ſollten, ſo moͤge auch jetzt der Meiſter die Erklaͤrung ausſtellen, daß dieſe Maaßnahme nicht wider den Biſchof, ſondern wohl zu Dank geſchehe,“ eine Beſtimmung, die ihres Biſchofs Rechte und damit auch die ihrigen gegen etwanige willkuͤhrliche Forderungen des Ordens verwahren follte. 2 Auf dem Tage zu Garthen aber hatten Witowd und der Hochmeiſter in ihrem gegenſeitigen Intereſſe ſich noch mehr verſtaͤndigt, alſo daß jener jetzt klar einſah, der Koͤnig von Polen duͤrfe gegen den Orden nicht zu ſicher geſtellt werden, wenn nicht zu befürchten ſeyn ſollte, die Macht Polens werde dann über fein eigenes Haupt zu ſtark und gewaltig emporſteigen. Er fand es in ſeinem 1) Die Ausſchreiben des HM. hierüber an ſaͤmmtliche Gebietiger, Biſchofe, Klöͤſter u. ſ. w. d. Mar. am T. Galli 1425 Schbl. LXXIV. 37. Hartknoch Dissertat. de re numm. Pruss. S XVI. p. 306. Voigt Geſchichte Marienb. S. 336. 2) Schr. des Biſchofs v. Ermland an den HM. d. Hcilsberg Mont. vor Galli 1425 Schbl. LXVI. 127,
Scanseite 496 · Druckseite 483
Witewds Zuneigung gegen den Orden. (1426.) 483 eigenen Intereſſe, daß dem Orden der Eingang nach Po⸗ len immer offen bleibe und trat daher ſchon damals mit dem Hochmeiſter dem Koͤnige mit dem Geſuche entgegen, dem Orden den Wiederaufbau der nach dem Friedensver⸗ trage bereits abgebrochenen Mühle Luͤbitſch an der Dre: wenz zu erlauben. Der König ſchlug es ohne weiteres ab;“ als man jetzt die Sache mit Witowds nachdruͤck⸗ licher Unterſtuͤtzung von neuem in Anregung brachte, 2, ſtellte der Koͤnig als Bedingung auf, daß ihm, um ſich den Eingang nach Preuſſen offen zu erhalten, gleichfalls der Bau einer ſolchen Muͤhle am naͤmlichen Fluſſe geſtat⸗ tet werden muͤſſe. Nicht nur der Hochmeiſter, ſondern auch der Großfürft, der ſich der Sache des Ordens jetzt mit einem Eifer und einer Waͤrme wie nie zuvor annahm, fanden die Forderung völlig unzulaͤſſig, weshalb der letz⸗ tere erklärte, er werde dem Orden, wenn der König in das Geſuch nicht einwillige, als Entſchaͤdigung einen Theil ſeines Gebietes bei Polangen abtreten.) Dieß war je⸗ doch für den Orden zu der laͤngſt gewünſchten Verbin⸗ dung zwiſchen Preuſſen und Livland von viel zu großer Wichtigkeit, als daß der Koͤnig nicht rathſamer gefunden haͤtte, lieber etwas nachzugeben; da ſich indeß der Hoch— meiſter mit der Erlaubniß zum Aufbau einer Muͤhle von Holz, ohne Befeſtigung und Vertheidigungswehren noch keineswegs zufrieden ſtellen ließ, ſo verſchob er die Sache bis zur Verſammlung feines Reichsrathes. 1 1) Darüber ein Bericht Schbl. XXII. 90. Diugoss. p. 488. 2) Dingoss. p. 489. Schr. Witowds an d. HM. d. Obolecz (zwiſchen Witepek und Smolensk) in octava Epiphan. 1426 Schbl. XVII. 30. 3) Dlugoss. I. e. Schr. Witowds an den HM. d. Smolensk am T. Converſ. Pauli 1426 Schbl. XVII. 25. Kotzebue B. III. S. 217. Schr. des Komthurs v. Balga an d. HM. d. Traken Freit. nach heil. Leichnam 1426 Schbl. XXII. 90, wo berichtet wird, wie viel dem Könige daran gelegen ſey, daß Polangen an den Orden nicht abgetreten werde. 4) Schr. Witowds an d. HM. d. Traken Sonnt. nach Vincentii 1426 Schbl. XVII. 26; eine Erklarung des Königes über die nicht zu⸗ Bu
Scanseite 497 · Druckseite 484
48: Die Mühle Luͤbitſch. (1426.) Mittlerweile aber führten andere Verhaͤltniſſe näher zum Ziele. Als naͤmlich im Frühling zur Graͤnzberichti⸗ gung zwiſchen dem Ordensgebiete und Kujavien der Köͤß⸗ nig in dieſe Landſchaft kam, ſandte ihm der Meiſter, der ihn erſt kurz zuvor durch ein Geſchenk von ausgezeichnet ſchoͤnen Falken erfreut, den 2 Ordensſpittler Heinrich Holt nebſt mehren andern Komthuren entgegen, die den Koͤnig bei der Slotorie mit aller gebührenden Auszeichnung em⸗ pfingen. Die ganze Thorner Buͤrgerſchaft, feſtlich geſchmuͤckt, war hinausgezogen, um ihn nach herkoͤmmlicher Sitte freundlich zu in Die ehrenvolle Aufnahme und ins⸗ beſondere des Ordensſpittlers herzliche und biedere Anrede machten ſichtbar auf den Koͤnig einen großen Eindruck; er war uͤberdieß ſehr leidend, denn eine ſchwere Krank⸗ heit hatte ihn ſo geſchwaͤcht, daß er bei ſeiner Reiſe zu Schiff aus⸗ und eingetragen werden mußte, weshalb ihm auch auf ſeine Bitte der Hochmeiſter ſeinen beſten Arzt entgegenſandte.“ Da kam nun auch die Sache wegen der Muͤhle Lübitſch zur Sprache. „Habt ihr wirklich, fragte der König die Gebietiger, des Gtoßfuͤrſten Anerbieten an⸗ genommen?“ Der Ordensſpittler erwiederte: „warum ſollten wir Herzogs Witowds Gabe nicht gerne aufnehmen, da wir wohl wiſſen, daß es nicht wider euern Willen iſt. Begabt uns euere koͤnigliche Gnade womit, wie möchten wir uns deſſen entſchlagen?“ Die Antwort machte auf den König großen Eindruck.) Seitdem in allen Verhand⸗ lungen hoͤchſt nachglebig und gefaͤllig, bewies er ſelbſt durch anſehnliche Geſchenke an die Gebietiger ſeine Geneigtheit geſtattende Befeſtigung der Mühle Schbl. XXII. 83. Diugoss. I. o. weicht hier ab. 1) Dankſchreiben des Königes an d. HM. Schbl. XXII. 81. 2) Nach Diugoss. p. 489 hatte der König auf einer Bärenjagd ein Bein gebrochen. 3) Schr. des Ordensſpittlers an d. HM. d. Thorn Donnerft, vor Sencie 1426 Schbl, XXII. 82.
Scanseite 498 · Druckseite 485
Die Mühle Luͤbitſch. (1426.) 485 zu einer güflichen Ausgleichung.) Ex erklärte ſich jetzt bereit, auf Verwendung des Großfürften (den er freilich auf keine Weiſe von ſeinem Verlangen hatte zurückbringen konnen,)? dem Orden die Befugniß einzuräumen, die Mühle zu Luͤbitſch wieder aufbauen zu duͤrfen, hinzuſuͤ⸗ gend, daß es ihm leid thue, des Fuͤrſten Willen nicht früher erfüllt zu haben. Er gab darauf zu Lancziz feine feſte urkundliche Zuſage.) Seit langer Zeit war es das erſtemal, daß der König des Meiſters Wunſch nachgege—⸗ ben; aber er hatte auch nur nachgegeben, weil dabei der Friede mit dem Großfuͤrſten wirklich auf dem Spiele ſtand, denn dieſer hatte dem Hochmeiſter ſein fuͤrſtliches Wort gegeben, ihm ſeine Forderung mit durchfuͤhren zu helfen. Noch nie hatte ſich dieſer Fuͤrſt dem Intereſſe des Ordens fo aufrichtig ergeben gezeigt, noch nie war feine Geſin⸗ nung gegen den Hochmeiſter fo treu und offen hervorge: treten, aber auch noch nie hatte er ſich dem Willen des Koͤniges mit ſolcher Entſchiedenheit und Feſtigkeit entge⸗ gengeſtellt, als bei dieſer Angelegenheit. Seitdem wett: eiferten beide Fuͤrſten in gegenſeitigen Beweiſen aufrich⸗ tiger Freundſchaft und Ergebenheit. 1) Schr. des Königes v. Polen an den Ordenslpittler, d. Nye- schowa feria II Rogation. 1426 Schbl. XXII. 92, 2) Bericht in Schbl. XXII. 90, wo es heißt: Dominus Rex serip- sit bina vice domino Magno duci: si dederis Palangen Cruciferis, terra Litwanie, samogitie ct solusmet dominus Magnus dux debereut Pro eo plorare, quem ploratum dominus M. dux et ejus Baiori oinnes alte sibi ponderant, qnare plorare deberent, cum el prius non plo- rarunt, quum eadem Polanga eorum non fuerat. 3) Schr. Witowds an ben HM. d. Hof Wylkia Freit. des heil. Kreuzes 1426 Schbl. XVII. 29. 4) Originalurkunde, d. in Laneicia in eraslino 8. trinitat. 1420 Schbl. XIX. 12. Vgl. Diugoss. p. 491. - 5) Schr. des Komtpurs v. Balga an d. HM. d. Traken Freit. nach heil. Leichnam 1426 Schbl. XXII. 90. Der HM. erfreute Wi: towds Gemahlin Juliane mit Geſchenken von Wein, Confect u. dgl. Schr. der Großfürftin an d. HM. d. Hof Mempz bei Wilng Mont. nach Procop. 1420 Schbl. XVII. 58.
Scanseite 499 · Druckseite 486
486 Kirchliche Verhandlungen. (1426.) Auch mit den übrigen Fuͤrſten des Auslandes ſtand der Orden forthin in friedlichen Verhaͤltniſſen, denn eis nige Irrungen mit der Herzogin Sophia und Herzog Bo⸗ guslav von Pommern uͤber Entſchaͤdigungen und die Lan⸗ desgraͤnzen zwiſchen Neu-Stettin und Hammerſtein wurden leicht beſeitigt.) Mit ganz beſonderem Vertrauen beehr⸗ ten ſich gegenſeitig der Hochmeiſter und Herzog Konrad Kanthener von Schleſien.. Auch aus Deutſchland erhielt er vielfache Beweiſe von günftigen Geſinnungen der Fürs ſten gegen den Orden; nur Herzog Heinrich von Baiern trotzte noch fort und fort auf ſeine Forderungen, obgleich der Deutſchmeiſter und der Komthur von Ofterode ihm auf dem Reichstage zu Nuͤrnberg in des Hochmeiſters Namen Bedingungen zur Ausgleichung geſtellt hatten, die von allen Fuͤrſten billig und gerecht befunden wurden.“ So von außenher uͤberall des Friedens gewiß, widmete der Meiſter feine ganze uͤbrige Thätigkeit den inneren Ber: haͤltniſſen des Landes. Beſonders beſchaͤftigte ihn eine wich⸗ tige Angelegenheit der Preuſſiſchen Biſchoͤfe, zu denen ſeit Anfang dieſes Jahres auch der neubeftätigte Biſchof Mi⸗ chael Junge von Samland gekommen war. Der neue Erzbiſchof von Riga naͤmlich, Henning Scharfenberg, noch nicht lange im Amte“ und gegen des Hochmeiſters Wunſch 1) Schr. der Herzogin v. Pommern an d. HM. d. Stolpe Dienſt. vor Pauli Bekehr. 1426 Schbl. XV. 26. 257. 2) Schr. des Herzogs Konrad v. Schleſien an d. HM. d. Oels am Abend Viſit. Mariä 1426 Schbl. VIII. 67 u. einige andere Schbl. IX. 66. 65. 3) Schr. des Komthurs v. Oſterode an d. HM. d. Nürnberg Dienſt. nach Trinit. 1326 Schbl. IV. 99. 4) Ueber Michaels Antritt feines Amtes findet man bei Hartknoch Kirchengeſch. S. 170 und Arnold Kirchengeſch. S. 172 keine Nach⸗ richt, wohl aber nähere Angaben in einem Schr. des Biſchofs ſelbſt an d. HM. d. Königsb. am Aſchtage 1426 Schbl. LXVII. 40 u. einem Schr. Arnolds von Datteln Dompropſt zu Frauenburg , d. Rom am T. Agnetis 1426 Schbl. LXVII. 40; vgl. Gebſer Geſch. des Doms zu Königsberg S. 181. 5) ladex corp. hist, diplomat. Livouiae T. II. p. 357.
Scanseite 500 · Druckseite 487
Kirchliche Werhandiungen. (1426.) 487 zu feiner Würde gelangt, ſcheint bald nach dem Antritte ſeines Amtes den Plan gefaßt zu haben, nicht nur das bisherige untergeordnete Verhaͤltniß der Livländiſchen Kirche unter des Ordens Oberherrſchaft aufzuheben und deshalb auch die Ordenskleidung der hohen Geiſtlichen Livlands, uͤber die man fruͤher ſo viel geſtritten, wieder abzuſtellen, ſondern auch in das Preuſſiſche Kirchenweſen wirkſamer eingreifend den Verſuch wagen zu wollen, ob nicht auch den Biſchoͤfen in Preuſſen eine freiere Stellung gegen den Orden zu geben ſey. Gewiß hatte er wichtige Veraͤnde⸗ rungen im Plane, als er zu Anfang dieſes Jahres die Biſchoͤfe Preuſſens in einer Provinzial⸗Synode zu Riga zu erſcheinen aufforderte unter Androhung einer namhaften Buße, ſofern ſie ſich nicht einfinden wuͤrden. Dieſes Recht ſtand dem Erzbiſchof allerdings geſetzlich zu und ſchon im Jahre 1422 war eine ähnliche Aufforderung an die Preuſ⸗ ſiſchen Biſchöfe ergangen, damals aber vom Hochmeiſter wegen der druͤckenden Zeitverhaͤltniſſe zuruͤckgewieſen wor⸗ den. Auch jetzt weigerten ſich die Biſchoͤfe auf der Sy⸗ node zu erſcheinen? und der Hochmeiſter wandte ſich mit ihnen an den Papſt, um bei dieſem eine Bulle auszuwir⸗ ken, die ſie von der verlangten Verpflichtung frei ſprechen moͤchte, denn wie begreiflich war die Sache auch fuͤr den Meiſter von größter Wichtigkeit.) Allein der Papſt, kei⸗ neswegs zu dieſer Befreiung geneigt, ſchob die Entſchei⸗ dung unter mancherlei Vorwaͤnden immer weiter hinaus und der Hochmeiſter, um einen offenen Streit mit dem 1) Schr. des HM. an den Erzbiſchof v. Riga, d. Marienb. Donnerſt. vor Thoma 1422 Schbl. XII. 18. 2) Schr. des Biſchofs Gerhard v. Pomeſanjen an d. HM. d. Ma⸗ rienwerder Freit. nach Valentini 1426 Schbl. LXV. 63. 3) Schr. d. HM. an den Biſchof v. Kurland (damals in Rom), d. Marienb. Mont. nach Quaſimodogen. 1426 Schbl. XLI. 50. Index eorpor. histor. diplomat. Livonine T. I. p. 261. 4) Schr. des Biſchofs v. Kurland an d. HM. d. Rom 10. Juni 1420 Schl. 1. 113.
Scanseite 501 · Druckseite 488
488 Kirchliche Verhandlungen. (1426.) Erzbiſchof zu vermeiden, fand es nun bedenklich, mit Nach⸗ druck einzugreifen, weil es leicht ſcheinen konnte, als gehe er darauf aus, den Einfluß und das Anſehen des Erzbi⸗ ſchofs beſchraͤnken zu wollen; am wenigſten mochte er dem Plane der Bifchöfe Preuſſens beiſtimmen, am Roͤm. Hofe die völlige Aufloͤſung des kirchlichen Verhaͤltniſſes mit dem Erzbiſchof von Riga zu bewirken und darauf anzutragen, daß Preuſſen feinen eigenen Erzbiſchof erhalte. Der Pro: curator zu Rom durſte daher dieſes Planes beim Papſte gar nicht weiter erwaͤhnen. Da nun wenig Hoffnung war, in Rom zum erwuͤnſchten Ziele zu gelangen, fo er: ſuchte jetzt der Meiſter den Erzbiſchof ſelbſt, die Biſchoͤfe dießmal wenigſtens von ihrer Verpflichtung zu entbinden, weil die Biſthuͤmer Kulm und Pomeſanien ſo verheert und durch Brand verwuͤſtet und die beiden andern Biſchoͤfe durch fo viele Beſchwerniſſe bedraͤngt ſeyen, daß ihnen eine Reiſe nach Livland faſt unmöglich ſeyn werde.) Der Erzbiſchof ſcheint dieſer Bitte wohl nachgegeben zu haben; allein noch vor dem Schluſſe dieſes Jahres war in Rom eine Bulle ausgewirkt, worin der Papſt die Rigaiſche Kirche von der Deutſchen Ordensregel entband und ihren Geiſtlichen wieder den Habit und die Obſervanz des Au⸗ guſtiner-Ordens gab, wodurch der Same zu neuen Zwi⸗ ſtigkeiten ausgeworfen war. Aber auch andere Beiſpiele bewieſen, daß fuͤr den Orden der Roͤm. Hof nicht mehr war, was er in fruͤheren Zeiten geweſen; nur ſchwer und unter Anſtrengungen und Opfern, wie auch andere ſie brin⸗ gen mußten, gelang es ihm bisweilen, dort Gehoͤr und Erfuͤllung ſeiner Antraͤge zu finden; wo aber ſchlaue und 1) Schr. des HM. an den Procurator, d. Marienb. Sonnt. vor Johanni 1426 Schbl. 1. 115. 2) Schr. d. HM. an den Erzbiſch. v. Riga, d. Marienb. am Abend aller Heilig. 1426 Schbl. XLI. 47. Schr. des HM. an d. Livländ. Meiſter vom naͤmlichen Dat. Schbl. XII. 49. 3) Die Bulle des Papſtes Martin V, d. Rome Idus Novembr. p. an. IX im Copiarium Liv⸗ und Ehſtländ. Urkunden.
Scanseite 502 · Druckseite 489
Nüftung gegen die Huſſiten. (1426.) 489 reichere Widerſacher entgegenarbeiteten, gelangte er keines⸗ wegs immer zum Ziele. Hing doch der alte Streit mit dem Biſchofe von Leſlau wegen des Zehnten in Pommerellen auch jetzt noch unentſchieden bei den Roͤmiſchen Gerichten, obgleich der Hochmeiſter auf deſſen Entſcheidung kein geringes Gewicht legte, weil nach ſeiner Anſicht auf ihr das Wohl und Wehe aller Bewohner jener Gegend be⸗ ruhte. Außerdem beſchaͤftigte den Hochmeiſter in der innern Landesverwaltung ein fuͤr den Seehandel von Elbing und Koͤnigsberg hoͤchſt nothwendiger, aber zugleich aͤußerſt ſchwieriger und koſtſpieliger Waſſerbau am neuen Tief bei der Ausfahrt aus dem friſchen Haff in die offene See bei dem Stoͤrhofe. Da bei der Unterſuchung die Waſſertiefe ſehr ungleich befunden wurde, ſo mußte eine weitausge⸗ dehnte Verdaͤmmung vorgenommen werden, wenn nicht der Seehandel beider Staͤdte bedeutenden Schaden erlei⸗ den follte. 2 Das Jahr aber follte nicht voruͤbergehen ohne kriege⸗ riſche Ruͤſtungen. Es war im Spaͤtherbſt, als des Hoch⸗ meiſters Botſchafter aus Deutſchland mit der Nachricht heimkehrte, es ſey vom Roͤm. Könige und den Kurfürften ein großer Plan zur Bekaͤmpfung der Huſſiten entworfen; alle Fuͤrſten, der hohe Adel und die Reichsſtaͤdte ſollten nach Vermoͤgen und Gebuͤhr ihre Kriegsmannſchaft zum Reichsheere ſtellen; auch der Orden in Preuſſen habe ſich dießmal der Beihülfe nicht entſchlagen konnen und der Roͤm. König verlange jetzt ausdruͤcklich auch von ihm Hüͤlfsvolk. Der Meiſter erließ demnach alsbald an ſaͤmmt⸗ liche Komthure das Gebot, alle Dienſtpflichtigen ihrer Ge⸗ 1) Schr. d. HM. an den Ordens ⸗Procurator, d. Marienb. Freit. vor Michaelis 1426 Schbl. I. 117. 2) Schr. des Ordens⸗Marſchalls, d. Störhof Donnerſt. vor Palmar. 1426 Schbl. LXXII. 52. Die Größe des Tiefs giebt er auf eine kleine halbe Meile an. 3) Windeck 1. c. p. 1188 — 1189,
Scanseite 503 · Druckseite 490
490 Ruͤſtung gegen die Huſſiten. (1426.) biete und die Raͤthe ihrer Staͤdte mit der Forderung des Roͤm. Koͤniges bekannt zu machen, ſie zur Berathung uͤber das Aufbringen und die Rüſtung des verlangten Hülfsvolkes aufzufordern und dann den gefaßten Beſchluß auf einer Tagfahrt zu Elbing zu ſernerer Berathung vor⸗ legen zu laſſen.) Ein gleiches Aufgebot erhielten auch die Landesbiſchoͤfe. Es ward darauf zu Elbing beſchloſſen: es ſollten funfzig Spieße zum Reichsheere geſandt und der Vogt von Leipe Gottfried Rodenberg zum Hauptmann des Streithaufens ernannt werden.) Um jedoch die Fleis nern Staͤdte und die Dienſtpflichtigen mit der Ruͤſtung nicht zu ſchwer zu belaͤſtigen, uͤbernahm der Hochmeiſter einen großen Theil der zuſtellenden Mannſchaft auf die Gebietiger und die Ordens-Zinsleute, ſo daß das Land verhaͤltnißmaͤßig nur eine geringe Zahl zu ſtellen hatte, wozu noch kam, daß es den Dienſtpflichtigen beſtimmter Gebiete frei geſtellt ward, ſtatt der Mannſchaft eine ver: haͤltnißmaͤßige Geldſteuer zu entrichten, womit man im Auslande Soͤldner aufnehmen wollte. Ueberhaupt bewies der Meiſter auch bei dieſer Gelegenheit, wie ſehr er ſtets bemuͤht war, das Volk mit Milde und Guͤte und das Land mit aller moͤglichen Schonung zu behandeln. ® Die Ruͤſtung war bald beendigt. Da indeß bald Nachricht kam, daß die Fuͤrſten in Schleſien und Franken und der Adel in mehren Deutſchen Landen ſich erſt im Januar des Jahres 1427 zum Kampfe anſchicken wollten, dann zuvor noch ein Reichstag gehalten und die Kriegs⸗ 1) Das Ausſchreiben des HM. an die Komthure, d. Marienb. Breit. vor Martini 1426 Schbl. VIII. 119, 2) Wir haben eine ſ. g. „usrichtunge der lewte und Spis uff dy ketzere ken Behemen geſcheen und usgeſatzt czu Elbinge am Mitwoche nach Katherine im 1426 Jar.““ Aus einem Schr. des Vogts v. Leipe (Schbl. XXII. 9) erſieht man auch, daß man 50 Spieße vom Orden verlangte. 3) Schr. des HM. an den Ordensmarſchall, d. Holland am T. Andred 1426 Schbl, VIII. 118,
Scanseite 504 · Druckseite 491
* Kreuzpredigt gegen die Huſſiten. (1427.) 491 unternehmung erſt um Pfingſten ausgeführt werden ſollte, ſo zog der Vogt von Leipe auch erſt im Frühling mit dem Heerhaufen aus Preuſſen aus. Aber ſchon aus Zit⸗ tau mußte er den Hochmeiſter um beſſere Verſorgung ſei⸗ ner Kriegsleute mit Geld und Kleidern erſuchen, weil fonft der Orden Schande davon haben werde, mit ſolchen Kriegern im Kriegsfelde zu erſcheinen. 2 Preuſſen ward aber fuͤr denſelben Zweck auch noch auf andere Weiſe in Anſpruch genommen. Durch eine paͤpſtliche Bulle bevollmaͤchtigt, vom Roͤm. Koͤnige ausge⸗ ſandt und vom Kurfuͤrſten von Brandenburg dem Hoch⸗ meiſter beſonders empfohlen erſchien als Kreuzprediger ges gen die Huſſitiſche Ketzerei der Prediger-Moͤnch Meifter Gerhard Bantſchneider, ) aus Danzig gebuͤrtig, wo er früher Leſemeiſter in einem Kloſter geweſen, kurz vor Oſtern auch in Preuſſen, um auch hier zur Beiſteuer und Hülfe gegen die Ketzer aufzufordern.) Auf des Hoch⸗ meiſters Anfrage bei den Landesbiſchoͤfen, wie mit dem Moͤnche zu verfahren und inwiefern ihm die Kreuzpredigt im Lande zu erlauben ſey, “ riethen jedoch die von Erm— land und Samland: man moͤge ihn mit ſeinen Predigten N) Darüber die Documente in gleichzeitigen Abſchriften Schbl. VIII. 3. 5. 81. 83. Windeck I. c. p. 1192 sequ. Schmidt Geſchichte d. Deutſchen B. V. S. 139 — 140. Pfiſter Geſch. der Deutſchen B. III. S. 430. 2) Schr. des Vogts v. Leipe an d. HM. d. Zittau Freit. vor Palmar. 1427 Schbl. XXII. 9; nach der Schilderung des Vogts muß 0 — der Rüftung der ausgeſandten Krieger äußerſt ſchlecht ausgeſehen aben. 3) Wir finden ihn im J. 1423 (f. oben S. 464) als Prior in Greifswalde. 4) Die an Gerhard Bantſchneider gerichtete Bulle des Papſtes, d. Rome apud s. apostolos III. Cal. Novemb. P. a. nono Schbl. VIII. 121 in Abſchrift. Das Empfehlungsſchreiben des Kurfuͤrſten v. Bran⸗ denburg, d. Baircuth Donnerſt. nach Mathiä 1427 Schbl. VIII. 55. 5) Schr. des HM. an die Biſchöfe o. D. (kurz vor Oſtern 1427) Schbl. VIII. 121.
Scanseite 505 · Druckseite 492
492 Verhandlungen mit d. Könige v. Polen. (1427.) das an ſich ſchon ſehr verarmte Land nicht durchziehen laſſen; Preuſſen habe ſeinen Gehorſam gegen den Papſt und die Kirche bereits durch die Ausſendung ſeiner Kriegs⸗ hülfe gegen die Ketzer bewahrt; um indeß das Volk der in der Kreuzbulle verheißenen Gnadenverleihungen theil⸗ haftig werden zu laſſen, moͤge man dem Moͤnche einige geſchickte, fromme Prieſter zugeſellen, denen es wohl auch eher gelingen werde, die Menſchen fuͤr die Sache zu er⸗ waͤrmen, des Papſtes Willen zu erfüllen und den Zweck ſeiner Bulle zu erreichen. ) Der Hochmeiſter folgte dem Rathe; es ward feſtgeſetzt, auf welche Punkte ſich die Predigt vor dem Volke beſchraͤnken ſolle; die Biſchoͤfe ſandten dann jeder drei vom Hochmeiſter ſelbſt beſtimmte Stadtpfarrer nach Marienwerder, wo ſie Gerhard Bant⸗ ſchneider zu ihrem Geſchaͤft ſörmlich bevollmaͤchtigte und mit dem Inhalte der paͤpſtlichen Bulle bekannt machte. Der Meiſter befahl hierauf, daß an allen Kirchen die Spendekaſten ausgeſetzt werden ſollten. So hatte man, ohne des Papſtes Willen zu verletzen, dem fremden Moͤn⸗ che die Kreuz- und Ablaßpredigt entnommen und ſie Maͤn⸗ nern uͤbertragen, von denen man keinen Mißbrauch der verliehenen Gewalt zu befuͤrchten hatte. ) Indeß ſcheint der Ertrag der Beiſteuer nicht von ſonderlicher Bedeutung geweſen zu ſeyn. Mittlerweile wurden auch die Verhandlungen mit dem Könige von Polen fortgeſetzt; allein mit ſeinen Worten ſtand ſeine Geſinnung auch jetzt noch ſtets im Widerſpruch. 1) Schr. des Biſchofs Michael v. Samland, d. Königeb. am gu⸗ ten Donnerſt. 1427 Schbl. ILXVII. 43. Schr. des von Ermland, d. Wormdit Mont. nach Palmar. 1427 Schbl. LXVI. 112, 2) Schr. des HM. an die Biſchöfe des Landes, d. Elbing Sonnab. vor Quaſimodogen. 1427 Schbl. VIII. 121. 3) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Königsb. Sonnt. nach Luca 1427 Schbl. LVII. 10, wonach in der Altſtadt und im Loͤbenicht zu Koͤnigs⸗ berg der Ertrag nur 0 Mark war; im Kaſten im Lobenicht fand man nur drei Mark.
Scanseite 506 · Druckseite 493
Verhandlungen mit d. Könige v. Polen. (1427.) 493 Er erklaͤrte es zwar als ſeinen ſehnlichſten Wunſch, die Graͤnzberichtigung beendigt zu fehen, ? und der Hochmei⸗ ſter und Witowd freuten ſich, daß der Koͤnig jetzt alle Gelegenheit zu neuen Irrungen befeitigen zu wollen ſchien. “ Auch der Roͤm. König ſprach ſich ſehr bereitwillig über die Sendung eines Bevollmaͤchtigten aus.) Allein der Koͤnig von Polen verbarg ſeine unfriedliche Geſinnung nur hinter glatten Worten, denn ſein ganzes Ziel ging immer darauf hin, dem Orden Drieſen zu entziehen. Der Ordens-Marſchall hatte ihn darin auch laͤngſt durchſchaut, denn des Koͤniges Erklaͤrung: „wenn jemand redliches ihn mit Redlichkeit unterweiſen moͤchte, ſo werde er ſich be— ſcheiden“, meldete er dem Meiſter mit den Worten: „wir koͤnnen nur nicht vernehmen, wen er fuͤr redlich halten will und wie die Redlichkeit ſeyn ſoll.““ Es wurden wiederholt Verhandlungstage aufgenommen und wieder ab- geſtellt, bald wegen Futtermangel, wie der Koͤnig vorgab, bald weil er den Roͤm. Koͤnig zur Sendung eines Bevoll⸗ maͤchtigten zu ſpaͤt benachrichtigte, oder fie blieben erfolg: los, weil ſich die zum Tage verfammelten Raͤthe über nichts vereinigen konnten.) Jetzt ſuchte Witowd die Ent⸗ ſcheidung des Streites wo moͤglich in ſeine Haͤnde zu be⸗ kommen, indem er dem Hochmeiſter vorſchlug, die Streit⸗ 1) Schr. des Koͤniges an d. HM. d. Feria yuinta in crastino Circumcision. dni 1427 Schbl. XXII. 7. 2) Schr. Witowds an d. HM. d. Merecz Mont. vor Purif. Ma⸗ ria 1427 Schbl. XVII. 34, 3) Fragment eines Schr. des Röm. Königes an den v. Polen, d. Braſſonie Freit. vor Mathid 1427 Schbl. XXI. 66. 4) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Waldau Sonnt. Lätare 1427 Schbl. XXII. 8. 5) Darüber mehre Schr. Witowds an den HM. aus dieſer Zeit Schbl. XVII. 38. 39. 35. Schr. des Rom. Königes an d. HM. d. Marienburg im Wurzlande Dienft. zu Oſtern 1927 Schbl. XXII. 72. Schr. des Königes v. Polen an d. HM. d. in Vislieia die domin. post Festum Assumt. Marie 1427 Schbl. XXII. 6 und eine Urkunde des Königes Schbl. 66, 6.
Scanseite 507 · Druckseite 494
494 Verhandlungen mit d. Könige v. Polen. (1427.) fragen über die Graͤnzen bei Drieſen und Jeßnitz auf einem und demſelben Tage zu verhandeln, das richterliche Urtheil ihm anheimzuſtellen und Bevollmaͤchtigte an ihn abzufertigen, ſobald ſich der Koͤnig bei ihm in Litthauen befinde; er verſprach weder Zeit, noch Muͤhe oder Koſten zu ſparen, um alles zu einem guten Ende zu führen. !) Der Hochmeiſter, das Anerbieten annehmend, ſandte im December, weil der Koͤnig das Weihnachtsfeſt bei Witowd feiern wollte, den Ordens: Spittler Heinrich Holt, den Komthur von Balga Joſt von Strupberg, den Ritter Hans von Logendorf Landrichter des Kulmerlandes und einige andere bewaͤhrte Maͤnner mit Vollmacht nach Litthauen ab.“ Allein der König wollte weder von Dies ſer Geſandtſchaft noch von Unterhandlungen irgend etwas wiſſen; er erflärte dem Großfürften: er habe mit dem Meiſter einen Verhandlungstag auf der Graͤnze aufgenom⸗ men, werde es da wohl zugehen, ſo ſolle es ihm lieb ſeyn, wo nicht, ſo wiſſe er, was ferner zu thun ſey. Das deutete auf feindſelige Maaßregeln und in der That war der Koͤnig jetzt wieder mehr als je zur Entſcheidung durchs Schwert geneigt, denn hie und da zeigten ſich in Polen ſchon kriegeriſche Bewegungen, fo daß die Polni⸗ ſchen Großen, die ihre Kinder auf die Schule nach Thorn gegeben batten, dieſe bereits nach Hauſe bringen ließen.“ Endlich gelang es nun zwar dem Großfuͤrſten, den König zu bewegen, des Meiſters Botſchaft zuzulaſſen;“ da in⸗ deß die Gebietiger, nachdem ſie dem Koͤnige fuͤr ein Ge⸗ ſchenk von Wildpret und dem Gropfürften für einen Zel⸗ 1) Schr. des Großfürſten an d. HM. d. Kauen Sonnt. vor Simon und Juda 1427 Schbl. XVII. 54. Kojalowiez p. 122, 2) Eredenzbrief des HM. für die Geſandten, d. Marienb. Dienft. nach Nicolai 1427 Schbl. XVII. 189. 3) Schr. des Komthurs v. Thorn an den HM. d. Thorn am T. Anna 1427 Schbl. XXII. 46. 4) Schr. des Pflegers v. Raſtenburg, d. Raſtenburg Dienft. nach Concept. Maria 1427 Schbl. XXII. 42.
Scanseite 508 · Druckseite 495
Verhandlungen mit d. Könige v. Polen. (1427.) 495 ter, einen Laͤufer und zwei Kameele, womit ſie den Hoch⸗ meiſter vor kurzem erfreut, in deſſen Namen aufs freund⸗ lichſte gedankt, ihre Auftraͤge und Erbietungen beiden Fuͤrſten mit der Erklaͤrung vorlegten: der Meiſter konne in des Koͤniges Forderung, ihm die Hälfte der Netze bei der Burg Drieſen abzutreten, auf keine Weiſe eingehen,“ fo zerſchlug ſich ſofort alle weitere Verhandlung, denn fo viel ſich Witowd auch bemuͤhte, als Vermittler die Par⸗ teien einander naͤher zu bringen und ſo vielfach auch der Ordens⸗Marſchall, der ſpaͤter noch hinzukam, Mittel und Wege zur freundlichen Ausgleichung vorſchlug, ſo ließen ſich doch die Polen auf nichts weiter ein.“ Nur dazu verſtand ſich endlich der Koͤnig: es ſollten vier Richter geſetzt und Klage und Antwort ihnen vorgelegt werden; ſie und ein Obmann ſollten dann im naͤchſten Jahre uͤber den Streit entſcheiden.) Alſo ſah man auch bei dieſer Verhandlung, daß obgleich der Koͤnig immer vom Frieden ſprach, doch noch feindlicher Stoff genug vorhanden war, der zum Kriege haͤtte fuͤhren muͤſſen, wenn nicht der Großfuͤrſt immer vermittelnd und beſchwichtigend dazwiſchen getreten wäre. Das Verhaͤltniß zwiſchen ihm und dem Orden wurde daher immer freundlicher und inniger. So oft Gebietiger und Sendboten aus Preuſſen oder Livland zu ihm kamen, erfreuten ſie ſich reicher Geſchenke bald von ſchoͤnen ſeidenen Stuͤcken, koſtbaren Schauben, bald ) Die von den Ordens ⸗Sendboten vorgelegten Punkte, d. um Luca 1427 Schbl. XXII. 113, 2) Schr. des Ord. Marſchalls, d. am Oeßfluß im Grauden am T. Thoma 1427 Schbl. XXII. 3; wo man zugleich cine Schilderung der böſen und grundloſen Wege findet, wie Preuſſen ſie damals hatte. 3) Schr. des Ord. Marſchalls an d. HM. d. Ragnit Freit. nach Epiphan. 1428 Schbl. XXII. 44, Der Compromiß des Königes auf die vier Richter, d. Troki Feria IV in vigilia circuncision. Uni 1428 Schbl. XXII. 57. 4) Darüber die von den Sendboten vorgelegten Punkte Schöl. XXII. 113.
Scanseite 509 · Druckseite 496
496 Verhäͤltniſſe zu den Nachbarfürſten. (1427.) von Pelzwerk oder andern werthvollen Dingen.) Dem Hochmeiſter ſandte er einſt ſechs Tataren, um ſie bei ſei⸗ ner Dienerſchaft zu gebrauchen;? dieſer dagegen ſchickte ihm einen Hofnarren Namens Henne zu, der ihn durch feine luſtigen Streiche und Einfälle ergoͤtzen ſollte. Als indeß der Fuͤrſt ſich den Spaß erlaubte, den Luſtigmacher zum Ritter zu ſchlagen, wollte dieſer ſeitdem nicht ferner mehr den Hofnarren ſpielen, behauptend, die eine Backe ſey ihm beim Ritterſchlage fo krumm geworden, daß er keine Narrenſtreiche mehr machen koͤnne; weshalb er den Narrenrock auch abgelegt. Der Fürft jedoch wußte ihn bald durch die Drohung, ihm durch eine Ohrfeige auf die andere Backe die krumme wieder gerade zu machen, wieder in die Richtung zu bringen, gab aber nach, daß Herr Henne am Vormittag Ritter ſeyn und ſich klug und verſtaͤndig zeigen durfte, am Nachmiktag und Abend da⸗ gegen den Narren ſpielen und den Narrenrock mit Ohren und Falten tragen mußte. Auch mit den Herzogen von Maſovien lebte der Mei⸗ ſter jetzt in den freundlichſten Verhaͤltniſſen. Der Herzog Johannes von Maſovien zeigte ſich ſehr geneigt, die noch obwaltenden Graͤnzirrungen auf die guͤtlichſte Weiſe aus⸗ zugleichen und bewies uͤberhaupt gegen den Orden wohl⸗ 1) Schr. des Komthurs v. Duͤnaburg an d. Livl. Meiſter, d. Duͤnaburg Freit. vor Invocavit 1427 Schbl. XVII. 127, 2) Schr. Witowds an d. Komthur v. Ragnit, d. Traken Freit. vor Pfingft. 1427 Schbl. XVII. 32; er nennt die Tataren nebenbei auch „Ruſeſches Geſinde.“ 3) Schr. Witowds an d. HM. d. Cryczow am Abend Diviſion. Apoſtol. 1427 Schbl. XVII. 37. Voigt Geſchichte Marienburgs S. 334 — 335. Sehr intereſſant iſt ein Schr. dieſes Hofnarren an den HM. d. Smolensk an u. L. Fr. Abend (1428) Schl. LXIX. II, worin er Nachricht giebt von den zahlreichen Geſchenken (Pferden, Schauben, Säbeln, Kameelen u. ſ. w.), womit Witowd bei der Ber reiſung ſeines Landes beehrt worden ſey. Er unterzeichnet ſich hier ſelbſt. „Henne vormittage rytter, nachmittage geck, euwer hovgeſinde.““
Scanseite 510 · Druckseite 497
Verhandlungen mit Dänemark. (1427.) 495 wollende Gefinnungen; ? er ſandte nicht felten junge Edel⸗ leute an den Hof des Hochmeiſters, damit ſie ſich in Er⸗ lernung der Deutſchen Sprache und im feinern Hofleben ausbilden ſollten. So hielt ſich um dieſe Zeit auch der junge Herzog Michael, Bruder des Herzogs Troyden von Maſovien und Fürſten von Rußland am Hofe zu Marien⸗ burg auf, denn der Hochmeiſter nahm gerr: ſolche Prinzen „nd vornehme junge Edelleute in feinen Hofdienſt. ® Auch in den zwiſchen dem Könige Erich von Daͤne⸗ mark und den Hanſeſtaͤdten damals obwaltenden Streit⸗ haͤndeln ſuchte der Hochmeiſter zur friedlichen Ausgleichung hinzuwirken. Es war den Holſteiniſchen Herren in ihrer Kriegsfehde mit dem Koͤnige jetzt gelungen, auch die Han⸗ ſeſtaͤdte, nachdem fie vergeblich bei dieſem uͤber den durch den Krieg erlittenen Schaden und Verluſt in ihrem Han⸗ del geklagt, zur Beihülfe gegen den König zu gewi en. Eine bedeutende Anzahl der Staͤdte hatten bereits dem Kenige durch Entſagbriefe den Frieden aufgekuͤndigt“, als bald nach Oſtern ihre Geſandtſchaft beim Hochmeiſter erſchien, um auch ihn und die Hanſeſtaͤdte Preuſſens zur Theilnahme am Kriege aufzufordern. Der Meiſter fand zwar die Klagen der Geſandten und die Gruͤnde zum Kriege keineswegs ungerecht; da indeß eben auch eine Botſchaft des Koͤniges ihn um Vermittlung in dem Streite erſuchte, fo erflärte er: er wolle zuvor wie an die Staͤdte, „ ) Schr. des Herzogs Johannes v. Maſovien an d. HM. d. Makow feria V post nativit. Marine 1927 Schbl. XIX. 15. LIT. 20. Schr. bes Komthurs v. Balga, d. Eilau Freit. vor Oculi 1427 Schbl. XIX. 149. 2) Schr. des Herzogs Johannes v. Maſovien, d. Szacroezyn feria III post fest. Bartholom. 1427 Schbl. XIX. 128. 3) Schr. des Herzogs Troyden v. Maſovien an d. HM. d. in Ploczko feria II ipso die Rogation. 1427 Schbl. XIX. 6. 4) Vgl. Mallet Geſch. Dänemarks B. II. S. 43. Sartorius Geſch. der Hanſe B. II. S. 255 ff. Detmar B. II. S. 39 — 41. Kantzows Pommerania B. II. S. 21 ff. VII. 32
Scanseite 511 · Druckseite 498
398 Verhandlungen mit Daͤnemark. (1427.) fo an den König eine Botſchaft ſenden, um vermittelnd eine Ausgleichung nach Recht und Redlichkeit zu verſu⸗ chen 9. Flensburg wurde eben von den Holſteinern und den Hanſeaten ſchwer belagert und der Koͤnig hatte Schiffe und Mannſchaſt zum Entſatz dahin abgeſandt, als die Ordensgeſandten, der Ordensmarſchall, der Ritter Hans von Baiſen und die Buͤrgermeiſter von Kulm und Dan⸗ zig in Kopenhagen anlangten D. Erich nahm das Aner⸗ bieten der vom Ordensmarſchall bei den Hanſeſtaͤdten ein: geleiteten Vermittlung gerne an und verſprach, ſich in allen Streithaͤndeln mit den Hanſeaten des Hochmeiſters Ausſpruche willig zu unterwerfen, jedoch nur unter der Bedingung, daß ihm das durch den Spruch des Roͤm. Königes im Streite mit den Holſteinern bereits Zugeſpro⸗ chene unveraͤndert gehalten werde, weil er ſolches keines⸗ wegs der Entſcheidung eines andern Richters weiter an⸗ heimgeben koͤnne D. Hieran aber ſcheiterte alles Gelingen der fernern Unterhandlungen, denn ſo eifrig dieſe auch der Ordensmarſchall zwiſchen beiden Theilen betrieb (was ſelbſt der König mit dem größten Danke anerkannte), fo ſank im Herbſt doch alle Hoffnung zum Frieden, da die Holſteiner dem Marſchall erklärten: es koͤnne vom Frieden mit dem Koͤnige nur dann die Rede ſeyn, wenn ihnen ihr rechtmaͤßiges vaͤterliches Erbe Gottorp und das Herzogthum Schleswig verbleibe, und die Hanſeſtaͤdte antworteten: ihr Buͤndniß mit den Holſteinern ſey unzer⸗ trennlich, ſo lange dieſe noch nicht im ungeſtoͤrten Beſitze ihrer väterlichen Lande ſeyen. Alto ruͤſtete jetzt der Koͤ⸗ nig von neuem zum Kriege und forderte nach dem zwi⸗ 1) Schäts P. 115. 2) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Stralſund am T. Johannis und Pauli 1427 Schbl. XXII. 4. Schr. des Hans v. Baiſen an d. Or⸗ dens ⸗Treßler, d. Kopenhagen Sonnt. vor Viſitat. Mariä (1427) Schbl. LXXVII. 124. 3) Schr. des Königes v. Dänemark an d. HM. d. Roſchild am S. Jacobs ⸗Abend 1427 Schbl. XXXI. 88.
Scanseite 512 · Druckseite 499
Verhandlungen mit Dänemark. (1427.) 499 ſchen ihnen beſtehenden Buͤndniſſe nun auch den Hochmei⸗ fer zur Huͤlfsleiſtung auf”. Aber auch die Hanſeſtaͤdte hatten ſich bereits um Unterſtuͤtzung an den Meiſter und ihre Bundesſchweſtern, die Städte Preuſſens gewandt *. Man kam durch dieſe Lage der Dinge in nicht geringe Verlegenheit, denn an den Koͤnig feſſelte ein Vertrag, der zur Hülfsleiftung verpflichtete und ohne trifftige Gruͤn⸗ de nicht aufgehoben werden konnte ; aber auch die Han⸗ ſeſtaͤdte verlangten aus vollkommen gerechten Urſachen Beihuͤlfe von den Bundesſtaͤdten in Preuſſen, die ſelbſt der Hochmeiſter nicht verweigern zu koͤnnen glaubte, denn, abgeſehen von dem engen Bundesverhaͤltniſſe der Staͤdte untereinander, forderte der Handel und Verkehr ſeiner Unterthanen mit den Hanſeſtaͤdten, das freundliche Ver: nehmen, in welchem bisher der Hochmeiſter mit den wich⸗ tigſten Gliedern der Hanſe geſtanden, daß der Orden das Intereſſe der Staͤdte auf keine Weiſe beeintraͤchtige, um ſo mehr da eben erſt der Ordensmarſchall bei ſeiner An⸗ weſenheit in den Seeſtaͤdten Beweiſe von Vertrauen, bo- her Achtung und Zuneigung gegen den Orden erfahren hatte, die auch der Hochmeiſter hoch aufnahm und aner⸗ kannte. Dieſer erklaͤrte daher den Staͤdten: er koͤnne vorerſt auf ihre Bitte um Hülfe noch keine Antwort er⸗ theilen, bis er alles mit ſeinen Gebietigern wohl erwogen habe; dabei verlangte er aber, daß zwei und zwanzig Schiffe aus Preuffen, welche die Hanſeaten in dieſem — 1) Schr. des Königes v. Dänemark an d. HM. d. Kopenhagen Sonnab. nach Dionyfii 1427 Schbl. XXXI. 2. 2) Schr. der Städte Luͤbeck, Roſtock, Wismar u. a., durch ihre Rathsſendboten zu Stralſund verſammelt, d. Stralſund Mont. nach Decollat. Johannis Bapt. 1427 Schbl. 88. 14. 3) Schr. des Daͤn. Koniges an d. HM. d. Kopenhagen am T. nach Calixti 1427 Schbl. XXXI. 39. Der König behauptete und wollie darüber Nachricht haben, daß es die Hanſeſtädte nur darauf a den Hochmeiſter von dem Buͤndniſſe mit dem Könige zu rennen. Sr
Scanseite 513 · Druckseite 500
500 Störung des Seehandels. (1427.) Sommer aufgegriffen hatten, ſofort frei gegeben und An⸗ ſtalten getroffen wuͤrden, daß nicht ferner ihre Schiffe bis an die Preuffifchen Häfen kaͤmen, um alles, was fie auf der See faͤnden, ohne weiteres wegzunehmen . Auf des Koͤniges Bitte um Beiſtand erwiederte er: noch koͤnne er ſolchen nicht leiſten, denn die Holſteiner und die See⸗ ſtaͤdte erklaͤtten ſich noch fort und fort zur friedlichen Ausgleichung durch Güte oder durchs Recht geneigt. Und hiebei beharrte der Hochmeiſter, obgleich der Koͤnig ſein Geſuch durch den beſtehenden Vertrag bald von neuem geltend machte . Außer der durch dieſen Krieg ſchon veranlaßten Stoͤ⸗ rung des Seehandels hakte die Fehde fuͤr Preuſſen auch noch andere nachtheilige Folgen. Die See war wieder von einer Menge von Seeraͤubern überzogen ”, die alles, was ihnen begegnete, aufgriffen und auspluͤnderten. Sie wagten ſich nicht ſelten bis an die Preuſſiſche Kuͤſte her⸗ an, fingen die aus- oder einſegelnden Schiffe auf, raub⸗ ten was ſie fanden und nabmen die Schiffsmannſchaft ge⸗ fangen, ſo daß ſich kaum noch ein Seefahrer in die offene Ser hinausbegeben durſte. Schiffe, die aus Luͤbeck Kauf⸗ waaren nach Preuſſen bringen ſollten, mußten eine be⸗ waffnete Soͤldner⸗Wache bei ſich führen, wenn fie ſicher bis in die Weichſel gelangen wollten ®. und waͤhrend ſo die innern Huͤlfsquellen Preuſſens 1) Schr. des HM. an die Hanſeſtädte Luͤbeck, Noſtock, Stral⸗ ſund u. ſ. w. ohne Dat. Schbl. XXXIV. 86. 2) Schr. des Dän. Königes an den HM. d. Helſingborg am T. nach Lucid 1427 Schbl. XXXI. 17, 3) Detmar B. II. S. 51 — 52. 4) Schr. des Komthurs v. Danzig an d. HM. d. Danzig am T. Lamberti 1427 Schbl. XXXIV. 49. 50. Drei der Raubſchiffe wurden durch einen ſtarken Sturm aus Norden an den Königsberger und El⸗ bingiſchen Strand und nach Hela geworfen und die Raͤuber gefangen. Schr. der Konſuln von Lubeck an den HM. d. Sonnab. nach Dionyf. 1427 Schl. 87. 9.
Scanseite 514 · Druckseite 501
Störung des Seehandels. (1427.) 501 durch die Störung feines Handels immer mehr geſchmaͤ⸗ lert wurden, nahmen auch andere auswärtige Verhaͤltniſſe die Kraͤfte des Ordens immer ſtaͤrker in Anſpruch. Der Vogt von Leipe lag mit ſeinem gegen die Ketzer ausge⸗ ſandten Kriegshaufen waͤhrend des Sommers unthaͤtig in Zittau, fort und fort um Geld mahnend theils zur Un⸗ terhaltung ſeiner Kriegsleute, theils zur Bezahlung der Soͤldner, mit denen er auf Verlangen ſeine Schaar noch hatte verſtaͤrken muͤſſen “. Der Hochmeiſter mußte daher, um die noͤthigen Geldmittel aufzubringen, aufs Land eine neue Grundſteuer und auf die Staͤdte abermals einen Schoß ausſchreiben 9. Mittlerweile war nun zwar eine Heeresabtheilung der Sachſen unter der Führung der Markgrafen von Meißen in Boͤhmen eingefallen; allein der Vogt von Leipe war wegen Mangel an Heergeraͤthe und Pferden nicht einmal im Stande, am Kriegszuge mit Theil zu nehmen ). Man ſah überhaupt noch gar nicht ab, wie lange dieſes Kriegsvolk vom Orden auswaͤrts werde unterhalten werden muͤſſen, denn auch jetzt noch ward unter den Färften in Deutſchland über den Plan des Ketzerkrieges viel geredet, viel verhandelt, und wenig ausgeführt. Man hatte im Novemb. einen neuen Fürs ſtentag zu Frankfurt angeordnet, wohin der paͤpſtliche Legat Kardinal Heinrich von Wincheſter auch den Hoch⸗ meiſter oder deſſen Bevollmaͤchtigte eingeladen“ und es 1) Schr. des Vogts v. Lcipe, d. Zittau Sonnab. vor Palmar. 1427 Schbl. VIII. 122. 2) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Elbing am T. Johannis 1427 Schbl. LIV. 25. Die dienſtpflichtige Hube gab einen guten Schilling. Schr. des HM. an den Livländ. Meiſter, d. Marienb. Mont, vor Himmelfahrt (1427) Schbl. VIII. 82. 3) Schr. des Vogts v. Leipe, d. Zittau Dienft, vor Margaretha 1427 Schbl. VIII. 85. 4) Schr. des papſtl. Legaten an den HM. d. Frankfort in ſesto 3. Mathaei (1427) Schbl. I. 219. Pfiſter Geſch. der Deutſchen B. III. S. 432.
Scanseite 515 · Druckseite 502
502 Anforderung d. Röm. Kon. z. Hülfe g. d. Türken. (1427.) war zu erwarten, daß hier neue Anforderungen an den Orden ergehen wuͤrden. Waͤhrend deß aber war feine Beihuͤlfe auch ſchon anderwaͤrts in Anſpruch genommen. Der Roͤm. Koͤnig Sigismund, in Ungern mit dem Kampfe gegen die Tuͤr⸗ ken befchäftigt, erließ von dorther im Frühling dieſes Jahres ein Schreiben an den Meiſter, darin meldend: er wuͤnſche jetzt mehr als je ſich ein bleibendes Anden⸗ ken bei dem Orden zu ſtiften und an deſſen Foͤrderung ſeiner Seele Seligkeit zu verdienen. Da er es gerne ſehe und fuͤr den Orden heilſam finde, daß ſtets ein oder zwei Ordensbruͤder in feiner Umgebung ſeyen, fo habe er bereits den Ordensritter Nicolaus von Redwitz als feinen Rath aufgenommen, der ihm in Angelegenhei⸗ ten des Ordens beiraͤthig und behuͤlflich ſeyn ſolle. Aber er wuͤnſche noch mehr fuͤr den Orden zu thun und deſſen Ehre und Namen noch weiter zu verbreiten; er wolle ihn in ſeine eigenen Lande verpflanzen und erſuche daher den Meiſter, ihm einige Ordensritter und eine Anzahl Bürger, Kaufleute, Schiffsmeiſter und Schiffskinder zuzuſenden, um mit ihnen die neue Anſiedelung zu begründen. Kas⸗ par Slick, des Koͤniges getreuer Secretaͤr, erhielt den Auftrag, ſich zum Hochmeiſter zu begeben, um mit ihm das Nähere zu berathen . So wohlgeſinnt jedoch ſich Sigismund ausſprach, ſo ſtellte ſich die Sache doch etwas anders, als Kaspar Slick dem Meiſter des Koͤniges Ver⸗ langen vortrug. Der Koͤnig, hieß es, entſchloſſen, die Tuͤrken fo lange zu bekaͤmpfen, bis er ſich der Donau bis ans Meer bemaͤchtigt, erſuche den Orden um Beis huͤlfe zu dieſem Kriege, da dieſer ja dazu geſtiftet ſey, ſich um Mehrung und Verbreitung des Glaubens zu be. muͤhen, zumal da er jetzt von Heiden nicht mehr bekuͤm⸗ mert werde; der Koͤnig vertraue daher, der Orden werde 1) Schr. des Röm. Kdͤniges an d. HM. d. Marienburg im Wurz⸗ lande Mittw, nach Judica 1427 Schbl. IV. 48.
Scanseite 516 · Druckseite 503
Anforderung d. Röm. Kom, z. Hülfe g. d. Türken. (1427.) 503 ihn in dieſer Sache nicht verlaſſen, denn er ſey es dem Rom. König ſchuldig, ihm wider die Heiden zu helfen. Dieſer verlange alſo eine Anzahl von Ordensrittern, je mehre deſto beſſer, wo moͤglich einige in der Polniſchen oder Ruſſiſchen Sprache bewandert, ferner vier des Kriegs⸗ weſens zu Waſſer und Land kundige Buͤrger aus Thorn und Danzig, die ſowohl hierin als in Kaufmannsſachen, Fiſcherei und andern Hantirungen, wie man ſie in Preuſſen treibe, Rath ertheilen und beim Könige verweilen koͤnn⸗ ten, dann zwanzig Schiffsbauer, etliche gute Schiffshaupt⸗ leute, etwa tauſend Schiffskinder u. ſ. w. Die letztern wolle er auf der Donau und auf dem Meere gegen die Tuͤrken gebrauchen. Der Hochmeiſter aber ſolle dieſe Leute auf ſeine eigenen Koſten ausfertigen und hinſenden; die Koſten wolle der König auf die Neumark auf Ab⸗ ſchlag eines erblichen Kaufes ſchlagen, worüber er ſich mit dem Orden noch weiter vereinigen wolle. Darüber hatte Kaspar Slick des Koͤniges Majeſtaͤtsbrief. Weber: dieß ließ Sigismund den Hochmeiſter (ohne Zweifel um ihn fuͤr ſein Verlangen zu gewinnen) auffordern, uͤber die Abſchließung der bereits früher eingeleiteten Verhand- lung wegen des erblichen Ankaufes der Neumark durch den Orden den zuzuſendenden Ordensrittern die noͤthige Vollmacht zu geben, denn auch in dieſer Sache wollte der König, wie er erflärte, ſich beim Orden ein gutes Gedaͤchtniß ſtiften. Endlich erbot ſich der Koͤnig, nun auch die Graͤnzſtreitigkeit zwiſchen Polen und der Neu: mark zu beendigen, woruͤber Kaspar Slick die noͤthigen Befehle an die koͤniglichen Bevollmaͤchtigten dem Hochmei⸗ ſter vorlegte. Wie die Erklärung des Hochmeiſters Über dieſes alles ausgefallen ſeyn mag, iſt ungewiß. Wahr⸗ 1) Diefe merkwürdige Botſchaft des Rom. Königes, mit der äuße⸗ ren Umſchrift: des Rom. koniges Botſchaft durch Caspar Slick ſynem Schreiber geentwert und gekomen zum Sthume am tage Invention. Cru cis 1427 Schbl. IV. 101,
Scanseite 517 · Druckseite 504
504 unglückliche Ereigniſſe im Lande. (1227.) ſcheinlich hatte er jetzt hinreichende Gruͤnde, die koſtſpie⸗ lige Unternehmung auf eine guͤtliche Weiſe vorerſt zuruͤck⸗ zuweiſen Das Land war auch kaum im Stande, ſolche Opfer aufzuwenden, denn gerade in dieſem Jahre hatte es wie⸗ derholt manches ſchwere Ungluͤck zu ertragen. Zuerſl durchbrach im Fruͤhling beim Eisgange eine gewaltige Waſſerfluth die Weichſel-Daͤmme und ſtuͤrzte ſich mit fo reißender Schnelligkeit in den kleinen Werder bis gegen Danzig, daß eine große Menge Menſchen und Vieh in den Wellen ihren Tod fanden . Ein aͤhnliches Ungluͤck traf im Herbſt die Memel-Gegend, denn es flürzte im October aus der Wildniß wahrſcheinlich durch einen Wol⸗ kenbruch plotzlich eine ſolche Waſſermaſſe in das Bette des Memel-Stromes, daß fie in wenigen Stunden die Daͤmme an mehren Orten uͤberſtieg; trotz der Tag und Nacht fortgeſetzten Anſtrengung des Komthurs von Me⸗ mel, die Daͤmme zu halten, wuchs der Andrang des Waſſers doch ſo gewaltig an, daß er zuletzt, um die Daͤmme nicht an mehren Orten durchbrechen zu laſſen, einen Damm durchſtechen laſſen mußte, um fo der Waſ⸗ ſermaſſe einen Ausweg zu verſchaffen. An beiden Stroͤ⸗ men aber hatten die Daͤmme ſo außerordentlichen Scha⸗ den gelitten, daß Monate lang Hunderte von Menſchen befchäftigt feyn mußten, um ihnen wieder die noͤthige Höhe und Feſtigkeit zu geben D. Noch ſchrecklicher wa⸗ ren die Folgen einer ungewoͤhnlichen Witterung, denn nachdem im Sommer eine faſt beiſpielloſe Trockenheit und Hitze geherrſcht, weil von Oſtern bis in die Mitte des Auguſts gar kein Regen fiel, folgte ein ſo lauer und gelinder Herbſt und Winter, daß im Anfange des De: I) Wir werden ſehen, daß der König fein Geſuch bald erneuerte. 2) Schütz p. 115. 3) Schr. des Komthurs v. Memel an den HM. d. Memel Frei. nach 11,000 Jungfr. 1427 Schbl. LVIII. 51.
Scanseite 518 · Druckseite 505
Landesverordnungen. (1427.) 505 cembers die Bäume wieder gruͤnten und bluͤhten. Da brach eine anſteckende Seuche aus, die ſo fuͤrchterlich um ſich griff, daß nicht weniger als 183 Ordensbruͤder, 560 Domherren und Prieſter, über 38,000 Bürger und Bau⸗ ern, uͤber 25,000 Knechte und Maͤgde und gegen 18,000 Kinder hingerafft ſeyn ſollen D. Die Pomeſaniſche Kirche verlor in dieſem Jahre auch ihren Biſchof Gerhard; er hinterließ das Biſthum in einem ſo traurigen und ver⸗ armten Zuſtande, es hatte ſich ſeit der letzten graͤuelvol⸗ len Verheerung durch die Polen und Tataren noch ſo wenig erholen koͤnnen und die biſchoͤflichen Einkuͤnfte wa⸗ ren ſo geſchmaͤlert durch Verwuͤſtung der Guͤter, daß der biſchoͤfliche Stuhl eine Zeitlang unbeſetzt bleiben mußte. Der Hochmeiſter übertrug die einſtweilige Verwaltung des un, helihen Biſthums feinem Hofkanzler Johannes Vinkeler, für den er ſich dann auch an den Papſt wandte, um ihm die Biſchofswuͤrde auszuwirken, nicht ohne Erwähnung der ruͤhmlichen Tugenden, die ihn vor andern auszeichneten. Unter dem Drucke fo ungluͤcklicher Verhaͤltniſſe aber, wie ſie ſchon eine Reihe von Jahren auf dem Lande la⸗ 1) So giebt Schütz p. 115 die Zahlen an; fie mögen ſchwer⸗ lich ganz richtig ſeyn, denn der Chroniſt erwähnt auch, daß drei Bi⸗ ſchöfe in dieſem Jahre geſtorben ſeyen, was offenbar falſch iſt. Zer⸗ necke Thorn. Chron. p. 47. 2) Die Zeit des Todes des Biſchofs Gerhard und des Amtsantritts ſeines Nachfolgers Johannes iſt nicht genau zu ermitteln. Daß er bis in den Spaͤtherbſt des J. 1426 noch lebte, iſt gewiß; wahrſcheinlich ſtarb er erſt im J. 1427, wie auch Hartknock Dissertat. IV. p. 226 annimmt; ob an der herrschenden Seuche, iſt zweifelhaft. Da der HM. in ſcinem Schreiben an den Papſt, leider ohne Datum Schbl. LXV. 113, worin er den Johannes Vinkeler empfiehlt und den traurigen Bus ſtand des Biſthums ſchildert, ſagt: Tarlari infideles cum gorum rege Polonie et quibusdam aliis - Pomezaniensem ceclesiam, que heu ultro annum suo viduata pastore iacuit, hostilitor, erudeliter , fero- eiter invaserunt, und wir den neuen Biſchof Johannes am 23, Septem. 1425 im Amte finden, fo möchte die Ernennung deſſelben wohl im Sommer 1428 erfolgt und ſein Vorgaͤnger vielleicht im Frühling oder Vorſommer 1427 geſtorben ſeyn. .
Scanseite 519 · Druckseite 506
506 Landesverordnungen. (1427,) gen, war natürlich manches aus der Bahn geſetzlicher Ordnung und ſittlichen Gebrauchs gewichen, was durch neue Geſetze und Feſtſtellungen wieder geregelt werden mußte. Beſonders war dieß der Fall in den Verhaͤlt⸗ niſſen der dienenden Klaſſe und der Handwerker. Man entwarf daher naͤhere Beſtimmungen ſowohl fuͤr die Ge⸗ ſindeordnung als fuͤr den gewerklichen Verkehr; es ward unter andern verordnet: Preuſſiſches Geſinde und Unter⸗ thanen ſolle man fleißig zum Glauben und zur Kirche anhalten; in Staͤdten, Deutſchen Doͤrfern und Kretſchmern ſolle kein Preuſſe und keine Preuſſin dienen oder ge— miethet werden; keinem Preuſſen duͤrfe man ein Deut⸗ ſches Erbe verkaufen. Im Handel und Verkehr ward aller Vorkauf ſtreng unterſagt; jede Waare ſolle zu Markt gebracht werden; die Gewerke ſollten achtſam auf ihre alten Satzungen halten. Mehre Verordnungen be— ſchraͤnkten den unnuͤtzen Aufwand bei Hochzeiten und Kindtaufen oder Kindelbieren; die Staͤdter wie die Land⸗ leute erhielten daruͤber beſtimmte Vorſchriften. Bei Straf⸗ beſtimmungen unter den Handwerkern wurden alle Bier⸗ bußen abgeſchafft und in Geldſtrafen verwandelt, um da⸗ mit fir jedes Handwerk Harniſch und Geſchoß anzukau⸗ fen nach Gutdünken der Magiſtrate. Der Verkauf frem⸗ der Biere ward ſtreng verboten, desgleichen auch die Be⸗ herbergung offenbarer Ehebrecher, unehelicher gemeiner Weibsperſonen, Spieler, Toppeler u. ſ. w. mit Nach⸗ druck unterſagt, ſo daß niemand von ſolchem Geſindel auf Maͤrkten ſeinen Erwerb ſuchen ſolle. Andere Verord⸗ nungen betrafen den Kleinhandel auf dem Lande u. ſ. w. 1) Wir finden die Landesverordnungen, woraus oben nur ein Aue: zug gegeben iſt, mit der Ueberſchrift: „usſatzunge vorramet czur Prü⸗ ſchen Maw am Sontag nach Converſion. Pauli im XXVII. ior,“ im Fol. des geh. Archivs: das Elbing. u. Holländ. Gebiet. Wie aus mehren Beſtimmungen hervorgeht, ſind dieſes die in einem Biſthum publicirten Verordnungen.
Scanseite 520 · Druckseite 507
Ordensgeſetze. (1427.) 507 Ueber dieſe Landesverordnungen kam es jedoch zwi⸗ ſchen dem Hochmeiſter und dem Biſchof Franciſcus von Ermland zu allerlei Erörterungen. Zuerſt konnte ſich Dies ſer kaum entſchließen, die Verordnung uͤber den Dienſt der Preuſſen zu genehmigen, aus Beſorgniß, dieſe moͤch— ten dadurch in ihrem Glauben geſchwaͤcht werden “; dann fand er die entworfene Landesordnung auch nicht voll⸗ ſtaͤndig genug, verlangte z. B. die Beſchraͤnkung der Zahl der Jahrmaͤrkte, die Abſtellung des Unſugs, daß Ge⸗ bannte, Moͤrder und Spieler auf Jahrmaͤrkten unter dem Namen von Geiſſelern oder Fleiſcher umherziehen duͤrften, die armen Leuten viel Schaden braͤchten u. ſ. w. ? Obs gleich endlich der Viſchof fuͤr ſein Land alle Beſtimmun⸗ gen der Landesordnung annahm, ſo ließ er ſie doch nicht oͤffentlich bekannt machen; niemand beobachtete ſie, woraus für die nahen Komthurbezirke von Balga, Brandenburg, Koͤnigsberg und Elbing große Nachtheile hervorgingen, denn alles Geſinde, welches in dieſen Gebieten nach den neuen Beſtimmungen gelohnt und gehalten werden ſollte, lief von hier nach Ermland, wo es ſich nach den alten Beſtimmungen beſſer ſtand, worüber die Komthure aufs bitterſte klagten.) Da auch im Lebenswandel und Verhalten der Ordens⸗ bruͤder manche Unordnung eingeriſſen, manches alte zweck⸗ maͤßige Geſetz vergeſſen oder doch lange unbeachtet ge— blieben, auch für manche neugeſtalteten Verhaͤltniſſe neue 1) Schr. des Biſchofs v. Ermland an d. HM., d. Eilau Sonnt. nach Converſ. Pauli 1427 Schbl. LXXII. 2) Schr. des Biſchofs v. Ermland an d. HM., d. Heilsberg Dienſt. vor Petri Kathedr. 1427 Schbl. LXXII; er klagt hier unter andern: Ouch fo furwerken etliche gebuwer und ſunderlich in unſerm Biſtum und koufſlagen ken Danczk ſaltz, dle, hering, fremde byr u. ſ. w., domitte die bürger vorterbet werden und Ir acker vorſuͤmet. 3) Schr. des Komthurs v. Balga an d. HM. d. Eilau Freit. vor Oculi 1427 Schbl. XIX. 149; Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Burdeyn Donnerſt. vor Palmar. 1427 Schbl. LXXI.
Scanseite 521 · Druckseite 508
508 Ordensgeſetze. (1427.) Beſtimmungen nothwendig geworden waren, ſo verſam⸗ melte der Meiſter im December d. J. ein Kapitel ſeiner Rathsgebietiger und erneuerte da theils die Verordnung, daß eine Anzahl älterer Geſetze den Konventsbruͤdern durch oͤfteres Bekanntmachen und Vorleſen in den Hauskapiteln ſchaͤrfer eingepraͤgt und auf deren Beobachtung ſtrenger gehalten werden ſolle, theils wurden mit Beirath der Ge: bietiger mehre neue Satzungen entworfen ſowohl in Bes ziehung auf die Sittlichkeit, den Lebenswandel und das Verhalten der Ordensbruͤder in ihrer Berührung mit welt: lichen Leuten, als auch in Ruͤckſicht auf ihre amtlichen und uͤbrigen Verhaͤltniſſe zu den Unterthanen. Es wurde z. B. verordnet: man ſolle dem Landmanne nicht unge⸗ woͤhnliches Scharwerk zumuthen und das Land damit be⸗ ſchweren, auch kein Gebietiger ſeine Hoͤfe auf Koſten des Landes bauen. Jeglicher Gebietiger ſolle bei ſeinen Amt⸗ leuten darauf ſehen, daß ſie das Land mit den Gerichten nicht zu ſehr beſchwerten und arme Leute gnaͤdig richteten; hohe Gerichte ſollten dieſe nie uͤben ohne ihrer Oberſten Wiſſen. Wenn ſich ein Armer von Noth wegen auf den Meiſter berufe, fo ſolle man ihn ungehindert dieſen auf: ſuchen laſſen, um ihm ſeine Noth zu klagen und darum ſolle man ihn nicht ſtocken oder thürmen.” Und aller: 1) Dieſe Statuten Pauls von Rußdorf ſind in ihrem weſentlichen Inhalte ſchon früher an geeigneten Orten im Eten Bande in den Ab⸗ ſchnitten über Ordens- und Landes- Verfaſſung mitgetheilt. Warum fie nicht in dem Ordensgeſetzbuche ſtehen, (wo man in der Ausgabe von Hennig S. 140 ff. nur einige minder wichtige aus dem J. 1422 findet) iſt nicht abzuſehen, vielleicht weil fie nicht im Beiſeyn der Mei⸗ ſter von Deutſchland und Livland entworfen waren. Eine gleichzeitige Abſchrift derſelben im geh. Archiv hat die Vorbemerkung: „Deſe noch⸗ geſcreben Articuli ſyn usgeſatezt und vorramet von unſerm Homeyſter mit eyntrechtigen ſynes Rathes Gebitigern in unſers Ordens Capittel am Sontag vor Lucie gehalden im J. 1427, Voran ſteht ein Rund⸗ ſchreiben des HM. an die Komthure, d. Marienb. ... vor Thoma 1427, worin er dieſen auftragt, die Satzungen im Kapitel leſen und in das Ordensbuch des Konvents einſchreiben zu laſſen.
Scanseite 522 · Druckseite 509
Guͤnſtige Stellung Witowd's zum Orden. (1428.) 509 dings war es hoͤchſt nothwendig, im Orden auf ſtrengere Beachtung der Geſetze zu ſehen; es kamen z. B. ſchon Faͤlle vor, daß Ordensritter beim Eintritt in den Orden ihre Schulden verheimlichten und dadurch den Orden in Unglimpf brachten; man hoͤrte mitunter von den groͤb⸗ ſten Exceſſen und blutigen Pruͤgeleien unter den Ordens⸗ bruͤdern einzelner Konvente u. ſ. w.? Nun war der Hochmeiſter mit dem Anfange des Jah⸗ res 1428 vor allem bemuͤht, ſo bald als moͤglich den noch obwaltenden Streit mit dem Koͤnige von Polen bei⸗ zulegen, da dieſer ſich dem Urtheile von vier Schiedsrich⸗ tern unterworfen hatte.) Es kam zur Berathung; allein die Verhandlung blieb erfolglos, da es die Polniſchen Send⸗ boten abſichtlich nur auf allerlei Zweifelsfragen und Zaͤnke⸗ reien anlegten und der Erzbiſchof von Gneſen mit neuen Klagen Zwiſt anregte.“ Der König hatte dieſen Ausweg offenbar auch nur gewählt, um nicht den Großfürften als Schiedsrichter in der Sache auftreten zu laſſen; das Miß— trauen deſſelben gegen den Koͤnig nahm daher auch taͤg⸗ lich zu, weshalb er auch, da dieſer abermals um die Erlaubniß gebeten hatte, ſich nach Danzig begeben zu dürfen, um da das Brigitten-Kloſter zu beſuchen, dem Meiſter rieth, die Einwilligung nicht zu ertheilen, weil gar nicht abzuſehen ſey, was der Koͤnig bei der Reiſe 1) Schr. des Komthurs v. Ellingen Arnold v. Hirzberg, d. Nuͤrn⸗ berg am Kilianstage 1428 Schbl. 102. 5. 2) Schr. des Komthurs v. Graudenz, d. Graudenz Sonnab. vor Michael. 1428 Schbl. LIX. 21, worin dem HM. ein genauer Bericht über eine blutige Prügelei unter den Konventsbruͤdern von Schwez mit⸗ getheilt wird. Man ging mit Meſſern auf einander los. Die Schule digen wurden vom HM. aufs nachdruͤcklichſte beſtraft. 3) Urkunde d. Königes daruͤber „ d. Wilna feria V ipso die cir- eumeision. dni 1928 Schbl. 66. 5. 4) Notariatsinſtrument, d. in Szamotuli Posnan. dioc. XXII men- sis Februar. 1428 Schbl. 66. 4. Schr. des Erzbiſchofs v. Gneſen an d. HM. dat. in castro Lowiez in erastino purif. Mariae 1428 Schbl. XXX. 16.
Scanseite 523 · Druckseite 510
510 Guͤnſtige Stellung Witord’3 zum Orden. (1428.) bezwecke, denn der angegebene Zweck ſey durchaus nicht glaublih.” Da diefer indeß bald ſah, daß er durch laͤngere Widerſetzlichkeit den Großfuͤrſten gaͤnzlich von ſich entfremden werde, ſo ging er endlich, wie er vorgab, auf den Rath ſeiner Reichsgroßen darauf ein, die ſchiedsrich⸗ terliche Entſcheidung uͤber den Graͤnzſtreit bei Drieſen Witowd'n anheimzuſtellen. In einer Zuſammenkunft des Koͤniges und des Hochmeiſters bei Neu-Neſſau ward von beiden eine urkundliche Unterwerfungsacte unter des Groß: fürſten Richterſpruch ausgeſtellt. Auch der Rom. König, durch eine Botſchaft des Koͤniges von Polen an ihn ver⸗ anlaßt, wirkte in der Sache fuͤr den Orden guͤnſtig, denn auch er erbot ſich, die noch obſchwebenden Irrungen, bes ſonders in Rüͤckſicht Drieſens und der Neumark durch eine Ausgleichung zu beſeitigen, die dem Frieden Sicherheit und Feſtigkeit gewähren ſolle.) Dadurch ward nun zwar Witowd's ſchiedsrichterlicher Ausſpruch immer weiter hin⸗ gezogen;“ mittlerweile aber unterhandelte der Roͤm. Koͤ⸗ nig mit dem von Polen und dem Großfuͤrſten wegen ei⸗ ner zuveranſtaltenden Zuſammenkunft der beiden Könige, Witowd's und des Hochmeiſters, denn nur auf dieſem Wege glaubte man endlich zum Ziele gelangen zu koͤnnen. Die Spannung zwiſchen dem Polniſchen Koͤnige und dem Großfurſten war bereits ſo hoch geſtiegen, daß jener die Königin nebſt einigen Biſchoͤfen nach Litthauen ſandte, um die Mißverhaͤltniſſe wo moͤglich zu beſeitigen. Die Großen Polens glaubten allgemein, daß ein Krieg gegen Y) Schr. Witowds an d. HM. d. Traken Donnerft, vor Priſcä 1428 Schbl. XVII. 52. 2) Die Urkunde des Kdoͤniges, d. in nova civitate Nieszowa feria Ill intra octavas Ascens. dui 1428 bei Dogiel T. IV. nr. 95., bie des HM. Schbl. XXII. 51. 3) Schr. des Rom. Königes an den HM. d. Kewyn am T. Petri und Pauli 1428 Schbl. XXII. 55. 4) Schr. Witowds, d. Litthauiſch ⸗Novogrodek Sonnt. in der Octava Aſſumt. Mariä 1428 Schbl. XVII. 42.
Scanseite 524 · Druckseite 511
Günſtige Stellung Witowd's zum Orden. (1428.) 511 den Orden nicht mehr gar ferne ſey, worauf auch der Umſtand hinzudeuten ſchien, daß der Koͤnig eine Botſchaft der Boͤhmiſchen Ketzer mit dem Geſuche, ihnen zu einem Einfalle ins Ordensgebiet den Durchzug durch einen Theil feines Landes zu erlauben, nicht ganz abſchlaͤgig beſchie⸗ den hatte.“ Niemand ging bereitwilliger in den Vorſchlag einer perfönlichen Zuſammenkunft ein als Witowd; er ſchlug Luczk, die Hauptſtadt Volhyniens, als den paſſendſten Ort der Fuͤrſtenverſammlung vor, kam aber mit Sigis⸗ mund auch wegen einer beſondern Berathung überein, an welcher der Koͤnig von Polen nicht Theil nehmen ſollte. Zwar wurden als Zweck derſelben Urſachen vorgeſchoben, die theils nur auf das bloße freundſchaftliche Verhaͤltniß beider Fuͤrſten, theils auf den Tuͤrken- und Huſſiten-Krieg Beziehung zu haben ſchienen;? allein offenbar hatte Witowd dabei ein großes Ziel im Auge, worüuͤber er ſich zuvor insgeheim mit dem Roͤm. Koͤnige verſtaͤndigen wollte. Es ging auf nichts geringeres hinaus, als ſich der ihm taͤglich laͤſtiger werdenden Lehensabhaͤngigkeit von Polen zu entſchlagen, das immer lockerer gewordene Band zwis ſchen Polen und Litthauen voͤllig zu zerreißen, aus ſeinen Landen, die ſein Kriegsſchwert ſeit einigen Jahren durch neue Eroberungen wieder erweitert, ein eigenes Reich zu gruͤnden und ſich am Abende ſeines Lebens die Koͤnigs⸗ krone aufs Haupt zu ſetzen. Daß Sigismund ihm in dieſem Plane nicht hinderlich ſeyn, ihn vielmehr befördern werde, war ihm gewiß, denn er kannte deſſen Groll ge⸗ gen den Koͤnig von Polen, der ihm die Beihuͤlfe zum Tuͤr⸗ kenkriege verſagt und immer noch die Huſſiten beguͤnſtigte. 1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Freit. nach Burchardi 1428 Schbl. XXII. 59. 2) Schr. Witowds, d. Garthen Sonnt. vor Nicolai 1428 Schbl. XVII. 40. Schr. Witowds an den Röm. Konig wegen ihrer Zuſam⸗ menkunft in Luczk Schbl. XVII. 151. 3) Nach dem erwähnten Schr. Vgl. Dlugoss. p. 508.
Scanseite 525 · Druckseite 512
512 Theilnahme Preuſſens am nordiſchen Kriege. ( 1428.) Auch auf den Hochmeiſter, der von dem Plane noch nicht unterrichtet war, durfte er ganz ſicher rechnen, denn man hatte im Orden laͤngſt nichts mehr als eine Trennung Litthauens von Polen gewuͤnſcht. Wie der Großfürft, fo forderte nun auch der Roͤm. König den Hochmeiſter auf, einige ſeiner Gebietiger auf den Tag nach Luczk zu ſenden, weil er in ihrer Anweſenheit mit dem Koͤnige von Polen vor allem auch uͤber die Neumark, Drieſen und andere dem Orden erſprießliche Punkte zu verhandeln wuͤnſche.) Alſo bereiteten ſich gegen Ende dieſes Jahres fuͤr das folgende die wichtigſten Ereigniſſe vor. Noch mehr beſchaͤftigten den Meiſter im Verlaufe die⸗ ſes Jahres die Streithaͤndel der Holſteiner und der Hanfes ſtaͤdte mit dem Könige von Daͤnemark, in die bereits auch Preuſſen mit hineingezogen war. Auch nach en frucht⸗ loſen Vermittlungsverſuchen des Ordensmarſchalls noch im⸗ mer hoffend, vielleicht auf andere Weiſe eine Suͤhne zu bewirken, ſandte er einen neuen Bevollmaͤchtigten, erreichte jedoch nicht, daß ſich die Seeſtaͤdte von den Holſteinern trennten, denn ſie verlangten, der Hochmeiſter ſolle einen ſechsjaͤhrigen Waffenſtillſtand vermitteln, während deſſen jede der kriegfuͤhrenden Parteien das Ihrige behalten und ihnen der Genuß aller ihrer Privilegien in den nordiſchen Reichen ungekuͤmmert bleiben ſolle; uͤberdieß forderten ſie auch, der Hochmeiſter ſolle waͤhrend ihrer Streithaͤndel ſeine Häfen ſchließen.“ Da dieſes der Meiſter nicht zugeben 1) Schr. Witowds an d. HM. d. Garthen Sonnt. vor Thomä 1428 Schbl. XVII. 151. Schr. des Röm. Königes an d. HM. d. Scbiſch am T. Andrea 1428 Schbl. IV. 52. Daß der Komthur von Ragnit, ein Herr von Muͤmpelgard, Witowds Vertrauen gewonnen und als ſein Geſchäftstrager des Großfuͤrſten Wunſch beim Rom. Könige zuerſt ange⸗ bracht habe, wie Kotzebue B. III. S. 226 u. 465 aus S’mon Grunau Tr. XV. c. 14 S. 2 anfuͤhrt, iſt unerweislich und ſchon des⸗ halb unrichtig, weil Konrad von Erlichshauſen damals Komthur von Ragnit war. 2) Schr. des Peter Holſte (Rathsmann aus Danzig u. Sendbote
Scanseite 526 · Druckseite 513
Theilnahme Preuſſens am nordiſchen Kriege. (1428.) 513 konnte und der Koͤnig von Doͤnemark ſich auf weiter keine Verhandlungen mit den Staͤdten einlaſſen wollte, bevor fie ſich der Sache der Holſteiner nicht gänzlich entfchlügen, dieſe aber den Krieg der Holſteiner als mit ihrem Inter⸗ eſſe aufs innigſte verknuͤpft und als gemeinſam erklaͤrten, ſo ſchwand bald auch die letzte Hoffnung zu einer friedli⸗ chen Ausgleichung. Der Koͤnig Erich aber war um ſo mehr bemuͤht, den Meiſter auf ſeiner Seite zu behalten, theils indem er alle Preuſſiſchen Kauffahrern genommenen Schiffe und Güter ausliefern oder verguͤten zu laſſen ver- ſprach,) theils ihn mit mancherlei Geſchenken erfreute, 3 B. mit einigen Faͤſſern Hering zur Faſtenſpeiſe, ? denn es drohte ſeinem Reiche eben auch ein Krieg im Oſten, da eine Botſchaft der Groß-Novgoroder und anderer Ruſ⸗ ſen bei ihm mit der Forderung auftrat: er ſolle die von ſeinen Vorfahren ihnen abgedrungenen und zum Chriſten⸗ thum bekehrten Lande wieder zurückgeben und den fortan ruhigen Beſitz derſelben verbuͤrgen oder ſie wurden mit Ab⸗ lauf der jetzigen Friedensfriſt als ſeine Feinde erſcheinen. Die Drohung lautete fo ernſt, daß der König fie nur durch den Hochmeiſter befeitigen zu koͤnnen glaubte und ſich deshalb bittend an ihn wandte. Aber auch die Hanſe⸗ ſtaͤdte in Preuſſen und Livland zeigten ſich bereits feind⸗ lich gegen den Koͤnig und dieſer klagte ſchon dem Mei⸗ ſter, daß feinen Schwediſchen Unterthanen aus den Haͤ⸗ fen Preuſſens manchfacher Schade zugefügt und Feindſchaft geübt werde.) Das lag in der Stellung der Verhaͤlt⸗ des HM.), d. Lübeck am Abend vor heil. drei Könige 1428 Schbl. XXXI. 134. 1) Schr. des Thyme Stoling u. Berthold Buͤramer, Sendboten aus Preuſſen, an den HM. aus d. Anfange des J. 1428 aus Kopenhagen, Schbl. XXXIV. 4. 2) Schr. des Koͤniges v. Dänemark an d. HM. d. Kopenhagen am T. Agathä 1428 Schbl. XXXII. 11. 3) Schr. des Königes v. Danemark an d. HM. d. Kopenhagen am T. ge 1428 Schbl XV. 6. Wie ſehr dem Könige daran lag, den 33
Scanseite 527 · Druckseite 514
514 Theilnahme Preuſſens am nordiſchen Kriege. (1428.) niſſe. Der Seehandel Preuſſens nach den Hanſeſtaͤdten, wie nach den Niederlanden war durch den Krieg des Daͤ⸗ nen⸗Koͤniges viel zu ſehr beeinträchtigt und geſtoͤrt, als daß die Handelsſtaͤdte Preuſſens ihr Intereſſe nicht zum Beiſtande für ihre Bundesſchweſtern haͤtte hinziehen muͤſſen; ſelbſt der Herzog von Burgund beſchwerte ſich bitterlich beim Meiſter, daß durch den Daͤniſchen Krieg faſt aller Verkehr zwiſchen Holland, Seeland und Preuſſen erdrückt ſey.) Konnte doch ſelbſt der Hochmeiſter nicht einmal feinen Wein aus Koblenz über See nach Preuſſen bringen laſſen, weil die Hanſeſtaͤdte mit einer ſtarken Flotte in den Sund geſegelt und kein fremdes Schiff vor ihnen mehr ſicher war. Die Verhaͤltniſſe aber wurden noch verwickelter. Im Fruͤhling naͤmlich erſchienen die Flotten der Hamburger und Luͤbecker im Nordſund, dem verabredeten Sammel⸗ platze. Dorthin ſegelten auch etwa dreißig Kauffahrer mit einigen Kriegsſchiffen aus Preuſſen, die ihnen die Staͤdte zu Huͤlfe geſandt.“ Jedoch noch vor ihrer An⸗ kunft griffen die Hanſeaten gegen die Verabredung die Daͤniſche Flotte an; die Luͤbecker nahmen ſiegend den Daͤ⸗ nen mehre Schiffe weg; die Hamburger dagegen uͤbermannt wurden gefangen, meiſt ermordet und ihre Schiffe verſenkt oder genommen. Drei Stunden nach dem Kampfe fegels ten auch die Preuſſen heran. Von den Daͤnen alsbald angegriffen wehrten ſie ſich eine Zeitlang mit der ruͤhm⸗ HM. an fein Intereſſe zu feſſeln, geht aus einem andern Schr. des Kd⸗ niges an d. HM. d. Kopenhagen am T. Dorothea 1428 Schbl. XXXI. 4 hervor. 1) Schr. des Herzogs v. Burgund an d. HM. d. Leiden 8 Januar 1428 Schbl. XXXIII. 2. 2) Schr. des Andreas Kojan an d. Komthur v. Koblenz, d. Bruͤgge 29 April 1428 Schbl. LXXII. 39. 3) Detmar B. II. S. 45 — 46 erwähnt dieſer Schiffe ſchon im J. 1427 in einem Gefecht zwiſchen der Daͤniſchen Flotte und den Hans ſcaten.
Scanseite 528 · Druckseite 515
Theilnahme Preuſſens am nordiſchen Kriege. (1428.) 515 lichſten Tapferkeit und brachten dem Feinde manchen Ver⸗ luſt, bis ſie der Uebermacht des Feindes weichend die Flucht ergreifen und einen Theil ihrer Schiffe den Daͤnen uͤberlaſſen mußten.“ Sie kehrten zuruck. Da ihnen aber die Hanſeaten den verlangten Schadenerſatz verweigerten, ſo ließ der Hochmeiſter die in ſeinen Haͤfen eingelaufenen Schiffe aus Wismar und Roſtock feſthalten und die Mann- ſchaft gefangen nehmen. So geſchah, daß nun der See: handel Preuſſens vorerſt gaͤnzlich auſhoͤrte, denn die Lil: becker warnten die Preuſſiſchen Städte aufs ernftlichite, kein Schiff mehr ausſegeln zu laſſen, weil die ſtarke Daͤ⸗ niſche Flotte alles auf der See wegnahm und Befehl ge⸗ geben war, daß auch alle aus Preuſſen ausſegelnde Schiffe, die ohne einen beſondern Ausweis des Hochmeiſters durch den Sund gehen wollten, ohne weiteres aufgegriffen wer⸗ den ſollten.) Da nun auch die Verhandlungen des Kb: niges mit den Hanſeſtaͤdten zu Nykoͤping noch keine Aus⸗ ſicht zum Frieden eroͤffneten und alle Ausfuhr aus Preuf: fen gehemmt war, während Holländer und Englaͤnder in Danzig mit auswaͤrtigem Kaufgute in großer Zahl anlang⸗ ten, jedoch ohne es zu wagen, mit Preuſſiſchen Ausfuhr⸗ artickeln in die Heimat zuruͤckzufahren, fo mußte der Meiſter jetzt alles anwenden, feine Städte aus der Ver: wickelung zu befreien, wenn nicht bald auch die letzten I) Schütz p. 116. 2) Schr. der Wismarer und Roſtocker an die Stadt Danzig, d. am Abend Philippi u. Jacobi 1428 Schbl. LX. 176. 3) Schr. der Luͤbecker an die Stadt Danzig, d. Freit, vor Viti 1428 Schbl. LX. 175. Schr. der Bürgermeifter und Rathsmanne von Lubeck, Hamburg, Roſtock u. a. an den HM. d. Lubeck Sonnt. Reminiſcere 1428 Schbl. 87. 12. vgl. nr. 10 Schr. der Rathsſendboten und Hauptleute der Staͤdtewehr zu Wismar, d. Wismar Breit. nach Kreuzerhoͤhung 1428. Schr. des Vogts v. Gothland an den OM. d. Wisborg am T. Annü (1428) Schbl. XXXI. 74. 4) Schr. des Pfundmeiſters v. Danzig, d. Danzig am F. vor 1I h Jungfr. 1428 Schbl. LXXXIII. 54. Er giebt 110 Schiffe an, die mit Salz, Gewand und Flämiſchen Waaren eingelaufen ſeyen. 335
Scanseite 529 · Druckseite 516
516 Huſſiten⸗ Steuer (1428.) Spuren alles Wohlſtandes in ihnen verſchwinden ſollten. Koͤnig Erich ließ ſich bald geneigt finden, den Seefahrern aus Preuſſen, wenn die Staͤdte nicht ferner ſeinen Fein⸗ den Huͤlfe leiſten wollten, voͤllige Sicherheit zur See zu gewaͤhren,) und gerne ſchieden dieſe aus einem Kriege aus, der ihnen nur Nachtheil und Verluſte gebracht. Selbſt die Hanſeſtaͤdte, die bereits einſahen, daß ſie von Preuſſen aus wenig Beiſtand zu erwarten haͤtten, gaben ihre Einwilligung. Seitdem ſtand der Orden mit ſeinen Staͤdten im fernern Streite der Hanſe mit dem Könige ohne weitere Theilnahme da. Wie dieſer Krieg im Norden, ſo nahm auch der weit ausgedehntere Kampf gegen die Boͤhmiſchen Ketzer Preuſ⸗ ſens Kraͤfte von neuem in Anſpruch. Unmittelbar ward es zwar von ihm noch nicht beruͤhrt; wir hören nicht ein⸗ mal, daß der vom Orden ausgeſandte Heerhaufe am Streite gegen die Huſſiten in Schleſien, wo ſie in dieſem Jahre fo entſetzlich hauſten,“ mit Theil genommen habe.“ Als jedoch der Kurfuͤrſt Friederich von Brandenburg, als ober⸗ ſter Befehlshaber im Huſſitenkriege gewählt, für feine um⸗ faſſenderen Plane größere Geldmittel nothwendig fand, ward wie in den uͤbrigen Reichslanden auch in Preuſſen die von den Kurfuͤrſten ausgeſchriebene Huſſitenſteuer „des gemeinen Pfenniges“ verlangt.“ Man war nun zwar kei⸗ neswegs geneigt, das Land, welches für den Huſſitenkrieg ſchon mehr gethan als mancher Deutſche Fuͤrſt, der neuen Steuer zu unterwerfen und der Biſchof von Ermland rieth zu einer ernſten Vorſtellung an die Kurfuͤrſten, wie der Orden, die Praͤlaten, die Edeln und Staͤdte Preuſſens 1) Schütz p. 116. Schr. des Berthold Büramer an d. HM. d. Kopenhagen am F. Aſſumt. Mariä (1428) Schbl. XXXI. 69. 2) Stenzel Geſchichte des Preuſſ. Staats B. I. S. 185. Win- deck l. c. p. 1203 — 4. „ 3) Schr. des Biſchofs Konrad von Breslau an d. HM. d. War⸗ tenberg Freit. vor Pfingſt. 1428 Schbl. VIII. 08. 10 Vgl. das Nähere darüber bei Wändeck I. c. p. 1201.
Scanseite 530 · Druckseite 517
Huſſiten⸗Steuer (1428.) 517 verarmt zum Theil nicht einmal ihr halbes Einkommen mehr haͤtten, der Orden auch ſchon vor zwei Jahren unter großen Koſten einen anſehnlichen Kriegshaufen geſtellt habe, die Praͤlaten, der Adel und die Staͤdte des Landes ſich auch ſchwerlich zu der neuen Beſteuerung verſtehen wuͤr⸗ den u. ſ. w. Der Hochmeiſter, dieſem Rathe folgend, unterließ zwar auch das Gebot zur Erhebung der Kriegs⸗ ſteuer; allein es erfolgte bald das nachdruͤcklichſte Ermah⸗ nungsſchreiben der Kurfuͤrſten an den Hochmeiſter, worin er mit allem Ernſte zur Aufbringung der verlangten Steuer aufgefordert und dabei gewarnt wurde, ſich in der Sache keine Verſaͤumniß zu Schulden kommen zu laſſen; ? da⸗ neben erhielt er auch ein ernſtes Schreiben des Roͤm. Koͤ⸗ niges, worin dieſer allen Reichsſtaͤnden eine thaͤtigere Bei⸗ ſteuer und Mitwirkung zur Vertilgung der Ketzer anbe⸗ fahl.) Da man indeß ſelbſt in Deutſchland bei Erhe⸗ bung der Steuer noch vielen Widerſtand und wenig rech⸗ ten Ernſt zum Kriege zeigte, “ da ferner der paͤpſtliche Legat ſelbſt des Hochmeiſters Entſchuldigung wegen Nicht: leiſtung der Beiſteuer für gültig anerkannt )und auch der Erzbiſchof von Riga gegen ſie fuͤr ſein Gebiet proteſtirt hatte,“ ſo eilte eben auch der Meiſter nicht, der Mah⸗ nung der Kurfürſten nachzukommen. Es ſchien ihm zwed- I) Schr. des Biſchofs v. Ermland, d. Wormdit Freit. nach As: gidii 1428 Schbl. LXVI. 120. 2) Schr. der Kurfuͤrſten an den HM. d. Heidelberg am T. Gaul: 1428 Schbl. VIII. 86. 3) Schr. des Rom. Königes, d. Ilied Samſtag nach Bartholont. 1428 Schbl. vin. 7; dabei ein ernſtes Mahnſchreiben des Kurfuͤrſten v. Brandenburg an die Reicheftände wegen ſchleuniger Einſendung der Hu: fitenfteuer, d. Nürnberg Mont. vor Simon und Juda 1428. 4) Schr. des Deutſchmeiſters an den HM. d. Horneck Sonnt. Mi⸗ ſericord. dni 1428 Schbl. XXII. 38. 5) Schr. des Kardinals von England u. paͤpſtl. Legaten an d. HA. d. Franchurdie VII Decemb. s. an. Schbl. XL. 1. 6) Schr. des Erzbiſchofs v. Riga an d. HM. d. Nownemborch (Ronneburg) am T. Maria Magd. 1428 Schbl. ALL. 34.
Scanseite 531 · Druckseite 518
518 Streit mit der Livland. Geiſtlichkeit. (1428.) maͤßiger, mit dem, was der Ordensſchatz erübrigen konnte, einen noch ruͤckſtaͤndigen, vom Herzog Ludwig von Brieg geforderten, anſehnlichen Sold für die früheren Schleſiſchen Soͤldlinge, weshalb der Orden beim Roͤm. Koͤnige verklagt worden war, zu entrichten) und endlich auch den Herzog Heinrich von Baiern zu befriedigen, denn nachdem dieſer lange Zeit den Ordensguͤtern in Baiern bedeutenden Scha⸗ den zugefügt, war der Zwiſt auf Erbieten des Hochmei⸗ ſters und durch Vermittlung des Pfalzgrafen Ludwig vom Rhein zuletzt dahin beigelegt worden, daß jener dem Her⸗ zoge dreitauſend Gulden entrichten folle. Die Verhaͤltniſſe mit der Livlaͤndiſchen Geiſtlichkeit, bes ſonders mit dem Erzbiſchof von Riga ſchienen im Anfange dieſes Jahres eine ſehr ernſte und bedenkliche Wendung zu nehmen. Auf einer Synode zu Riga naͤmlich war theils vom Erzbiſchof, theils von andern Geiſtlichen ſchwer geklagt worden uͤber Unterdruͤckung vieler alter Privilegien der Livlaͤndiſchen Kirche und andere Gebrechen, welche ſie bisher hatte erdulden muͤſſen. Um ſie gegen den Orden freier zu ſtellen und die kirchliche Wirkſamkeit des Erzbi⸗ ſchofs und feiner Domherren vom Ordensmeiſter unabhaͤngi⸗ ger zu machen, zugleich auch die alten Freiheiten der Kirche wieder zu gewinnen, war auf der Synode beſchloſ— ſen worden, der Erzbiſchof und fein Domſtift ſollten darauf beharren, durch Ablegung des Ordenskleides als Ordens⸗ glieder aus der Ordensverbindung auszuſcheiden; außerdem hatte man gewiſſe Klagpunkte uͤber den geſunkenen und unterdruͤckten Zuſtand der Kirche, Über Verkuͤrzung mehrer ihrer Rechte u. ſ. w. abgefaßt, um ſie dem Papſte zur 1) Schr. des Herzogs von Brieg, d. Mariemverder Sonnab. vor Simon u. Juda 1428 Schbl. IX. 33, woraus hervorgeht, daß der Her⸗ zog damals in Preuſſen war. I 2) Schr. des Deutſchmeiſters an den HM. d. Donnerſt. nach Ae⸗ gidii 1427 Schbl. 99. 7 und das eben erwähnte Schr. deſſelben Schbl. XXII. 38.
Scanseite 532 · Druckseite 519
Streit mit der Livland. Geiſtlichkeit. (1428.) 519 Abhülfe vorlegen zu laſſen. Die Sache hatte ſtreng ge: nommen nichts Feindliches gegen die jetzigen Haͤupter des Ordens, denn wie der Erzbiſchof ſelbſt dem Hochmeiſter offen erklaͤrte, war es mehr der durch frühere Verhaͤltniſſe fo druckend gewordene Zuſtand der Dinge, den man ins Auge gefaßt hatte und verändert wuͤnſchte. Einige Ni: gaiſche Stiftsboten, mehre Domherren und der Dechant von Reval, begleitet von einigen vornehmen Livlaͤndern, die auf die hohen Schulen nach Italien ziehen wollten, ſollten die Schrift nach Rom bringen, wurden aber vom Vogt von Durben in Livland, der ihnen auflauerte, ihres Geldes und ihrer Papiere beraubt und die Domherren, an Haͤnden und Fuͤßen gebunden, in einen Strom geworfen und erſaͤuft. Er ſelbſt berichtete den Landesbiſchöͤfen die That, ihnen erklaͤrend: aus eigenem Entſchluſſe ſey ſolches geſchehen, ohne Mitwiſſen anderer und ohne Befehl ſeiner Obern; an ihm allein alfo moͤge man Rache nehmen; er habe an Landesverraͤthern nicht anders handeln Fünnen. ” Das Ereigniß konnte die allertraurigſten Folgen haben, zumal da ſich eben der Propſt von Riga in Rom befand, ein Mann, der dem Orden durch ſeine Beredſamkeit, Schlauheit, Gunſt beim Papſte und dabei durch ſeinen Haß gegen die Ordensritter hoͤchſt gefaͤhrlich war, zumal da der Orden auch jetzt noch beim Papſte nicht eben be⸗ liebt war und am Hofe manchen Feind hatte. Daß hier alſo zu Gunſten des Ordens nicht viel werde zu be⸗ 1) Schr. des Erzbiſchofs an den HM. d. Rownemborch (Rome: burg) am T. Maria Magd. 1428 Schbl. XII. 31. 2) Vgl. Arndt Livl. Chron. p. 128. Corner ap. Eecard T. II. P. 1289. Gadebuſch B. II. S. 65; der Thaͤter war aber nicht, wie dieſe Berichte ſagen, der Vogt von Grebin, ſondern der von Durben, wie wir aus einem Briefe des HM. erfahren. Rufus bei Detmar B. Il S. 564 erwaͤhnt ebenfalls des Vogts von Grebin Goswin Aſcheberg. 3) Eine fpeeielle Schilderung der erwahnten Verhöltniffe in Rom pn Schr. des Ordensprocurators, d. Rom 12 Mai 1428 Schu ee
Scanseite 533 · Druckseite 520
520 Streit mit der Livland. Geiſtlichkeit. (1228.) wirken ſeyn, ſah der Hochmeiſter wohl ein, auch daß bis⸗ her von Seiten des Ordens gegen die Liolaͤndiſche Geiſt⸗ lichkeit allerdings manches verfehlt ſey und der Orden ſelbſt die Schuld trage, daß ſolche Schritte in Livland hatten geſchehen konnen. Auf des Biſchofs von Ermland Rath trug er daher dem Meiſter von Livland auf, „mit dem Erzbiſchof und den Seinen alles ſo viel moͤglich in die beſte Falte zu bringen,“ in allem mit Geduld und Ruhe zu verfahren und die Geiſtlichkeit uͤberhaupt zu keinem Streit zu relzen, weil ſie ſonſt gewiß mit ihren bisheri⸗ gen Schritten ſich nicht begnuͤgen werde.) So wurden zwiſchen dem Erzbiſchof und dem Meiſter gewiſſe Artickel entworfen, uͤber die man ſich auf einem Verhandlungstage noch naͤher vereinigen wollte. Der Hochmeiſter billigte ſie; er rieth vor allem, die Streitſache nur nicht an den Roͤm. Hof bringen zu laſſen, weil die Ermordung der Stifts⸗ boten dem Orden unfehlbar das uͤbelſte Geruͤcht zuziehen mußte. Um einem Interdict, welches der Meiſter befuͤrch⸗ tete, vorzubeugen, ſchien ihm rathſam, dem Ordensprocu⸗ rator den Vorfall als eine Privatſache des Vogts von Dur⸗ ben vorſtellen zu laſſen, wobei es auf einen Mord keines⸗ wegs abgeſehen geweſen ſey; der Vogt ſey aus dem Orden entwichen, man wiſſe nicht, wohin er ſich geflüchtet. ? Die beiden Parteien kamen ſich bald näher. Abge⸗ ordnete des Erzbiſchofs und des Livlaͤndiſchen Meiſters verglichen ſich uͤber die Wahl von vierundzwanzig Rittern beider Theile, die als Schiedsrichter den Streit gütlich beilegen ſollten und der Erzbiſchof bahnte hiezu ſelbſt den Weg, indem er dem Hochmeiſter offen und frei die Gruͤnde auseinander ſetzte und ſich daruͤber rechtfertigte, warum er mit ſeinem Domkapitel durch Ablegung des Ordens⸗ 1) Schr. des HM. an d. Livland. Meiſter, d. Graudenz Freit. nach Himmelf. 1428 Schbl. XLI. 33. 2) Schr. des HM. an d. Livländ. Meiſter, d. Marienb. Dienft, Viti u. Modeſti 1428 Schbl, XLI. 53. 1
Scanseite 534 · Druckseite 521
Streit mit der Livland. Geiſtlichkeit. (1428.) 521 kleides aus dem Orden ausgeſchieden ſey 9. Alſo ver einigten ſich hierauf im Auguſt dieſes Jahres auf einem Verhandlungstage zu Walk die Schiedsrichter leicht über folgende Beſtimmungen: der Erzbiſchof und ſein Kapitel ſollen den Meiſter und ſeinen Orden wegen Ablegung des Ordenskleides um Verzeihung bitten und wenn jener es verlangt, aufs Gewiſſen erklaͤren, daß es nicht zu Hohn und Schmach des Ordens geſchehen ſey; wegen Ermor⸗ dung der Stiftsboten fol vom Erzbiſchof und den Vi⸗ ſchoͤfen Livlands gegen den Meiſter weder binnen noch außer Landes Klage erhoben werden, weil beide Mei— ſter ſich genuͤgend entſchuldigt haben; Schadenerſatz mag man nur vom Vogt von Durben oder deſſen Mitſchuldi⸗ gen fordern; findet man fie, fo will man über fie Ge⸗ richt halten. Den Streit wegen der Ordenskleidung ſoll jeder Theil am Röm. Hofe weiter verfolgen nach Aus⸗ weis feiner Documente >, So kam alfo ein neuer Streit, der aͤrgerliche Klei⸗ dungszwiſt, an den paͤpſtlichen Hof, wo bisher der Bi⸗ ſchof von Kurland Johannes Thiergart noch immer unter den druͤckendſten Verhaͤltniſſen das Procurator-Amt ver: waltet hatte, denn Beſtechlichkeit, Geldgier und Habſucht waren jetzt am Roͤm. Hofe fo allgemein herrſchende La: ſter und ohne Geſchenke an den Papſt, ohne Beſtechung der Kardinaͤle und ohne Befriedigung der Habgier der zahlreichen Höflinge und Hofbeamten war jetzt in irgend einer Sache von Wichtigkeit ſo wenig mit Erfolg zu wirken, daß der Procurator dem Meiſter den Rath geben mußte, es müßten dem Ordens⸗Sachwalter zu Geſchenken I) Dieſes wichtige Schr. des Erzbiſchofs an den HM. d. Ronne⸗ burg am T. Maria Magd. 1428 Schbl. XII. 31 iſt leider durch Mo⸗ der zum Theil unleſerlich geworden. 2) Die Urkunde hierüber, d. Walk am Abend vor Mariä Him⸗ melf. 1428 in einer gleichzeitigen Abſchrift Schbl. LXXI. 23; ein ge⸗ treuer Auszug bei Arndt p. 129 u. Gadebuſch B. II. S. 67 — 68; wir haben oben einige Beſtimmungen uͤbergangen.
Scanseite 535 · Druckseite 522
522 Der Fuͤrſtentag zu Luczk. (1429.) und dgl. beſtaͤndig gegen viertauſend Goldgulden zur Verfügung ſtehen, weil man ſonſt in keiner Sache zum Ziele kommen könne. Nachdem aus Eckel und Ueber⸗ druß an dieſem Weſen der bisherige Procurator um Ent⸗ laſſung von ſeinem ſchweren Amte wiederholt gebeten, übertrug es der Meiſter im Herbſt dieſes Jahres dem Ordensbruder Kaspar Wandofen, mußte aber, um ihn mit dem noͤthigen Gelde und Reiſegeraͤth auszuſtatten, die verſchiedenen Komthure zu Beiſteuer auffordern, denn auch jetzt noch war der Ordensſchatz in dem traurigſten finanziellen Zuſtande 2. Und gerade jetzt waren wieder allerlei Streithaͤndel mit den Polniſchen Bifchöfen zu bes ſeitigen, die nur in Rom erledigt werden konnten, mit dem von Gneſen uͤber die Erhebung des Biſchofsgeldes in den Komthureien von Schlochau und Tuchel, mit dem von Kamin uͤber dieſelbe Sache, mit dem von Leſlau noch über das abgebrochene biſchöfliche Haus vor Danzig u. ſ. w. »Mit Beginn des Jahres 1429 entſandte nun der Hochmeiſter den Komthur von Balga und den Pfleger von Raſtenburg als Bevollmaͤchtigte zur Fuͤrſtenverſamm⸗ lung nach Luczk, wo der Großfuͤrſt und der Koͤnig von Polen und mit ihnen viele Fuͤrſten, Erzbiſchoͤfe, Biſchoͤfe und andere Herren in zahlreichen Geleiten bereits ange⸗ langt waren. Erſterer empfing die Ordensgeſandten mit 1) Schr. des Ordensprocurators, d. Rom 16 Mai 1428 Schbl. 1. 122. Raum er Hiſtor. Taſchenbuch Jahrg. IV. S. 95. 2) Schr. des HM. an den Ordensmarſchall und mehre Komthure, d. Marienb. Mont. vor Michacli 1428 Schbl. II. 52. wo man die verſchiedenen Arten von Geſchenken genannt finder, die man den Kardi⸗ nalen und andern wichtigen Höflingen zubrachte, als Ruſſiſche Huͤte und Taſchen, Ruſſiſche Meſſer, Ruſſiſche Schauben und Pelzwerk u. dgl. Ein Notariatsinſtrument über die Ernennung des Kaspar Wandofen zum Proturator, d. Marienb. 6 Octob. 1428 Schbl. II. 51. 3) Darüber verſchiedene Schr. aus dieſem Jahre Schbl. XV. 97. 98. LXVIII. 38. LX. 10, 15.
Scanseite 536 · Druckseite 523
Der Zürftentag zu Luczk. (1429.) 523 ganz beſonderer Auszeichnung und mit Ehrenbezeugungen, wie er ſie keinem andern erwies; er verſprach mit freund⸗ licher Güte, die Angelegenheiten des Ordens beim Pol⸗ niſchen und Roͤm. Könige nach allen Kräften zu foͤrdern. Vierzehn Tage aber, die unter Gaſtereien und Vergnuͤ⸗ gungen hinliefen, mußte man auf des letztern Ankunft warten, denn vielfach gehindert hielt er erſt am zwei und zwanzigſten Januar feinen Einzug in Luczk . Man uns terhandelte über den Tuͤrken- und Huſſitenkrieg und vie⸗ ies andere, was hier keine Erwähnung finden kann B. Mit den Ordensgeſandten beſprach ſich Sigismund von neuem uͤber den Plan, einen Zweig des Ordens an die Donau zu verpflanzen. Da auch eine Botſchaft des Koͤ⸗ niges von Daͤnemark in deſſen Namen uͤber die Wider⸗ ſpenſtigkeit der Holſteiner und der Hanſeſtädte klagte, fo erließ der Roͤm. König an den Hochmeiſter die Aufforde⸗ rung, beiden ſofort durch eine Botſchaft ankuͤndigen zu laſſen, daß ſie den Krieg einſtellen und gegen des Koͤni⸗ ges Erbietungen ſich am Rechte begnuͤgen ſollten, da widrigenfalls gegen ſie als Widerſpenſtige des Reiches eine ernſte Strafe verfügt werden muͤſſe . Mittlerweile war zwiſchen Witowd und Sigismund auch der Plan zur Sprache gekommen, jenem die Köͤ⸗ 1) Die mancherlei irrigen Nachrichten über dieſen Verhandlungstag, aus Dlugoss. p. 513 sed. u. Kojalowicz p. 125 sed. von Kotze⸗ bue B. III. S. 226 — 227 aufgenommen, find meift ſchon in einer Abhandlung von Fa ber „uͤber eine berühmte Fuͤrſten-Zuſammenkunft in Älterer Zeit“ berichtigt „ ſ. Beiträge zur Kunde Preuſſ. B. II. H. 5. S. 396 ff. Außer den dort abgedruckten Schr. des Großfuͤrſten an den HM. (Schbl. Xyn. 62) haben wir noch ein Schr. der beiden Or⸗ densgeſandten an d. HM. d. Luczk Sonnt. vor Antonü 1429 Schbl. XVII. 173, worin ſie ihren außerordentlich ehrenvollen Empfang beim Großfuͤrſten melden. 2) Vgl. Diugoss. p. 514 in ſehr breiten und ausführlichen Bes richten. Kojalowiez p. 126 — 127, 3) Schr. des Rom. Königes an d. HM. d. Luczk in Reußen Samſt. vor Purif. Maria 1429 Schbl. IV. 53.
Scanseite 537 · Druckseite 524
524 Der Fuͤrſtentag zu Luczk. (1429.) nigskrone Litthauens aufs Haupt zu ſetzen D. Der König regte die Sache zuerſt in einem vertraulichen Geſpraͤche an;; Witowd jedoch entgegnete: ſie ſey von ſo großer Wichtigkeit, daß er darin ohne des Polniſchen Koͤniges Rath nichts thun koͤnne, da ſie beide ſich bisher gegen⸗ ſeitig immer zu berathen gepflegt. Sigismund erbot ſich, dieſem den Plan vorzutragen; es geſchah bei einem Be⸗ ſuche, den ihm der Koͤnig von Polen machte und dieſer ſchien auch einzuwilligen, worauf am andern Tage auch zwiſchen Witowd und den beiden Koͤnigen eine Verhand⸗ lung daruͤber Statt fand. Da ſich auch jetzt der von Polen für die Sache geneigt ausſprach, rieth Witowd: er moͤge ſie nicht zu ſehr beeiligen und ſie zuvor auch mit ſeinen Reichsgroßen in Erwaͤgung ziehen; er wolle mit den Seinigen desgleichen thun. Dieß geſchah. Allein in einer darauf folgenden Berathung der Polniſchen und Litthauiſchen Großen, woran der Großfürft ſelbſt Theil nahm, traten die erſtern mit entſchiedenem Widerſpruche auf 2; es kam zum heftigſten Streit, bis Witowd den Sei⸗ nen Schweigen gebot und ſich zum Koͤnige begab, um ihm den Widerſpruch feiner Reichsgroßen zu melden. Dieſer indeß er⸗ klärte ſich auch jetzt noch fir die Sache fo guͤnſtig, daß der Großfüͤrſt feiner Zuſtimmung ganz gewiß ſeyn zu koͤnnen glaub⸗ te, und wie er, fo hoffte auch der Roͤm. Koͤnig, die Großen Polens würden von ihrem Herrn wohl noch gewonnen werden. Nach wenigen Tagen verabſchiedeten ſich die Fuͤrſten, denn an⸗ dere wichtige Verhandlungen fanden weiter nicht Statt . 1) Nach Diugoss. p. 515 war dieſer Plan ſchon laͤngſt (ante Annos viginti) im Werke. S. oben S. 63 — 64. 2) Kojalowiez p. 129, 3) Diugoss. p. 518 — 520 iſt hier nicht ganz zuverläſſig. Wenn er ſagt: der Poln. König habe ſchon in Luczk Berathung mit ſeinen Großen gehalten, man ſey meiſt gegen Witowds Krönung geweſen, woruͤber dieſer erzuͤrnt und voll Unmuth die Verſammlung mit den Worten verlaſſen habe: quando id certum et obstinatum est, at egi. ad rem perfieiendam aliis atque nliis utar urtibus, fo hätte dieſes doch
Scanseite 538 · Druckseite 525
Verhandiungen wegen Witorod’s Königskrönung (1429.) 525 Allein auch hier hatte der König von Polen nur die Rolle des Heuchlers geſpielt; ſeine angebliche Freude war erlogen, denn kaum war Sigismund zu Kaſchau in Un⸗ gern angelangt, als eine Geſandtſchaft aus Polen mit einem Schreiben bei ihm eintraf, ihm meldend: nach fpäterer näherer Erwägung des Planes wegen Witowds Kroͤnung habe der Koͤnig gefunden, daß ſie keine guten Folgen haben konne, denn es ſey daraus zwiſchen Polen und Litthauen viel Spaltung und Krieg zu befürchten; die zwiſchen beiden Ländern beſtehenden Buͤndniſſe und Verträge wurden dadurch aufgelöft und zerriffen. Der⸗ gleichen Bedenklichkeiten wurden noch mehre aufgeſtellt und endlich an Sigismund das Geſuch gethan: er moͤge in Erwaͤgung der Wohlfahrt des Koͤnigreiches Polen und der Möglichkeit des vielfachen Unheils von dem Unter⸗ nehmen der Krönung Witowds abſtehen “. Dieſer indeß, uͤber die ſchnelle Veraͤnderung des Polniſchen Koͤniges verwundert, nahm das Anſinnen nicht nur ſehr empfind⸗ lich auf, ſondern erklaͤrte ihm auch geradezu, daß er den mit ſeinem eigenen Rath und Beifall aufgefaßten und verhandelten Plan auf keine Weiſe aufgeben und das mit feiner eigenen Einwilligung dem Großfürften gethane Anerbieten mitnichten zurücknehmen koͤnne, wohl aber er⸗ biete er ſich zu einer neuen Zuſammenkunſt an der Graͤnze Preuſſens, um da die Sache in naͤhere Berathung zu ziehen 9. Kaum aber war Witowd durch den Roͤm. gewiß der Röm. König auch wiſſen muͤſſen; dem widerſpricht aber ein Schr. deſſelben an den HM. d. Kaſchau Freit. vor Reminiſcere 1429 Schbl. XVII. 46 ganz offenbar. Den eigentlichen Vorgang berichtet Witowd ſelbſt in einem Schr. an den König Schbl. XVII. 136. 1) Schr. des Königes v. Polen an den Röm. König, Abſchrift ohne Dat. Schbl. XVII. 136. 2) Schr. des Röm. Königes an den v. Polen, o. D. Schbl. XVII. 136. In zwei Schr. des Röm. Königes an den HM. d. Kaſchau Freit, vor Reminiſcere 1429 Schbl. XVII. 46 und Mont. nach Oculi 1429 Schbl. IV. 55 werden auch dem HM. alle Verhandlungen zwi⸗ ſchen Witowd und den beiden Königen mitgetheilt.
Scanseite 539 · Druckseite 526
526 Verhandlungen wegen Witowds Koͤnigskroͤnung. (1429.) Koͤnig von dieſen Verhaͤltniſſen benachrichtigt, als er bit⸗ ter erzuͤrnt in einem Schreiben an den Koͤnig von Po⸗ len ſeinen ganzen Unmuth und die große Unzufriedenheit ſeiner Barone beſonders daruͤber ausſprach, daß er beim Roͤm. Koͤnige die Litthauer als ſolche angeſchwaͤrzt und verdaͤchtigt habe, die nur darauf ausgingen, alle Ver⸗ träge und Bündniffe leichtfinnig zu brechen ; er machte dem Könige die nachdruͤcklichſten Vorwürfe, daß er nicht ihm zuvor in der Sache das Wort geboten und lieber beim Roͤm. Könige feinen und feiner Großen Character und Namen verkleinert habe; er erklaͤrte ihm ganz offen, daß ihn der ganze Inhalt feines Schreibens an den Röm. Koͤnig aufs tiefſte gekraͤnkt und erbittert und ebenſo ſeine Barone ſchwer verletzt habe 2. Eben fo offen und ent: ſchieden ſprach ſich der Großfuͤrſt gegen Sigismund uͤber des Polniſchen Koͤniges zweideutiges Verhalten aus: er ſolle doch wiſſen, daß ein koͤnigliches Wort ſtets feſten Fortgang haben muͤſſe; er ſelbſt habe in der ganzen Ans gelegenheit nicht voreilig und unüberlegt gehandelt; des Koͤniges Einwendungen gegen die Kroͤnung ſeyen nicht nur grundlos, ſondern verletzten auch ſeine und ſeiner Barone ſchuldige Achtung; er wolle keine Zwietracht und kein Zerwuͤrfniß zwiſchen Polen und Litthauen anregen, wie es jetzt der König the, der die Herzoge und Baro- ne Litthauens zu Vaſallen ſeiner Krone zu machen ſtrebe; das haͤtten ſie ſchwer aufgenommen, da ſie immer freie Herren und keinem Lande lehenspflichtig geweſen. Alſo trat der Großfuͤrſt, wie auch aus dieſer Erklaͤrung her⸗ vorging, keineswegs von feinem Vorhaben ab . 1) Dieß war es beſonders, was der Großfürſt nicht verſchmerzen konnte, 2) Schr. Witowds an d. König von Polen, d. Tracky feria V ante dumin. Reminiscere 1429 Schbl. XVII. 136. 3) Schr. Witowds an d. Rom. König, d. in Curia nostra Eyxischky die domin. Invocavit 1429 Schbl. XVII. 136. Vgl. Dlu- goss. P. 521. Kojalowiez p. 130.
Scanseite 540 · Druckseite 527
Ausgleichung mit Polen. (1429.) 527 So war feit dem Fürftentage zu Luczk die ſchon laͤngſt vorhandene Spannung zwiſchen dem Großfürften und dem Könige wenn auch noch nicht in offene Feind⸗ ſchaft, doch in eine hoͤchſt aufgereizte, feindſelige Stim⸗ mung übergegangen. Deshalb erklaͤrte erſterer auch zum voraus, er werde an dem vom Roͤm. Koͤnige von neuem vorgeſchlagenen Verhandlungstage nicht Theil nehmen, vorausſehend, daß die Verhandlungen mit dem Polniſchen Könige von keinem Erfolge ſeyn wirden”. Um fo mehr aber war er jetzt bemuͤht, den Hochmeiſter in den Plan feiner Krönung hineinzuziehen, desgleichen auch der Roͤm. Koͤnig, und was konnte dem ganzen Orden erwuͤnſchter ſeyn, als auf dieſe Weiſe eine gaͤnzliche Trennung Lit⸗ thauens und Polens bewirkt zu ſehen! Der Roͤm. König, Witowd und der Meiſter ſtanden daher jetzt in fortwaͤh⸗ renden Unterhandlungen und ihr Verhaͤltniß ward immer inniger und vertraulicher, zumal ſeitdem der Hochmeiſter den Roͤm. Koͤnig und deſſen Gemahlin in die Mitbruͤder⸗ ſchaft des Ordens aufgenommen hatte 9. Natürlich ward das Mißtrauen des Polniſchen Koͤniges bald rege. Von jenen Unterhandlungen der Fuͤrſten unterrichtet, glaubte er, alles ziele auf Krieg und ploͤtzlichen Einfall in ſein Reich und er ſprach dieſe Beſorgniß nicht nur offen ge⸗ gen Witowd aus ), ſondern ließ auch ſofort zum Kriege rüften . Am bedenklichſten ſchien ihm das freundliche Einverſtaͤndniß zwiſchen dem Großfuͤrſten und dem Hoch⸗ 1) Schr. Witowds an din HM. d. Berſchi Mittw. nach Judica 1429 Schbl. XVII. 50. Wegen des neuen Verhandlungstages Schr. des Röm. Koͤniges an den HM. d. Balz am T. S. Blaſii 1429 Schbl. V. 51. 2) Schr. des Röm. Königes an den HM. d. Preßburg Sonnt. nach Tiburtü 1929 Schbl. IV. 50. 3) Ueber die vielfachen Verhandlungen zwiſchen Witowd und dem Poln. Könige Dlugoss. p. 524 — 529. 4) Schr. des Komthurs v. Thorn an d. HM. d. Thorn Sonnt. vor Marci 1429 Schbl. XXII. 52.
Scanseite 541 · Druckseite 528
528 Ausgleichung mit Polen. (1429.) meiſter. Er ſuchte dieſen letztern jetzt moͤglichſt zu be⸗ guͤtigen, uͤberraſchte ihn und mehre Gebietiger mit Ge⸗ ſchenken von Wildpret, wandte ſich an den Komthur von Tborn Ludwig von Lanſe, dem er immer ſchon ein be⸗ ſonderes Vertrauen geſchenkt, und begab ſich, um den Komthur zu ſprechen, im Fruͤhling nach der Graͤnze U. Da knuͤpfte er wieder Unterhandlungen wegen der Graͤnz⸗ berichtigung bei Drieſen an; in einer Berathung zwiſchen ihm und dem erwaͤhnten Komthur ſtellte er ſeine Forde⸗ rung nur dahin, daß die Mitte der Netze die Graͤnze zwiſchen Polen und dem Ordensgebiete ſeyn ſolle; von ſeinem Anrechte an Drieſen ſelbſt war gar nicht weiter die Rede, fo daß man klar ſah, der König wolle durch dieſe ſcheinbare Maͤßigung den Meiſter für ſich gewin⸗ nen 9. Man ließ ſich nun zwar durch die alten Kuͤnſte des Koͤniges uͤber ſeinen Character nicht mehr taͤuſchen; auch warnte Witowd den Meiſter, den friedlichen Wor⸗ ten nicht zu trauen, auch gegen ihn ſey des Koͤniges Seele voll Mißtrauen und Ungunſt; man moͤge ſich jetzt in der Graͤnzſache nicht zu ſehr gegen ihn demuͤthigen, denn er werde ſich nachher nur um fo höher erheben ®. Indeß war des Königes Bereitwilligkeit, den Graͤnzſtreit endlich zu beſeitigen, dem Meiſter doch zu erwuͤnſcht, als daß er nicht auf die geſtellten Bedingungen haͤtte einge⸗ hen ſollen. Auf einem Tage zu Lancziz kam daher der Komthur von Thorn mit dem Koͤnige darin uͤberein: die Krone Polen werde von allen Anſpruͤchen, die ſie gegen den Orden wegen der Graͤnzen bei Drieſen, Landsberg und dortumher ſowohl in der Neumark als anderswo ge⸗ 1) Schr. Witowds, d. Traken Dienſt. Nogation. 1429 Schbl. XVII. 48. Schr. des Poln. Königes an d. Komthur v. Thorn, d. in Skaw loco venationis die domin. ante Stanislai 1429 Schbl. XXII. 109. 2) Darüber ein Bericht vom Sonnt. vor Viti u. Modeſti 1429 Schbl. XIV. 26. 3) Schr. Witowds an d. HM. d. Solecznily Sonnab, nach Viti 1429 Schbl. XVII. 47. *
Scanseite 542 · Druckseite 529
Verhandlungen wegen Witowds Königskrönung. (1429.) 529 habt, von jetzt an zuruͤcktreten; der Meiſter dagegen Über: laſſe dem Könige die Graͤnzen jenſeits Drieſen bis in die Mitte der Netze gegen Polen hinab, doch ſo, daß dieſer innerhalb der alten Graͤnzen keine Befeſtigung oder andere Gebaͤude errichten ſolle, die dem Hauſe Drieſen ſchaͤdlich ſeyn koͤnnten. Damit ſolle der Graͤnzſtreit für immer beigelegt ſeyn; doch behielt ſich der Koͤnig noch eine Friſt von vier Wochen zur Beſtaͤtigung vor, um die verhandel⸗ ten Punkte erſt ſeinen Reichsgroßen in Krakau vorzule⸗ gen.) So war endlich eine Ausſicht eröffnet, den viel⸗ jaͤhrigen Streit um Drieſen beendigt zu ſehen. Indeß ließ der Meiſter dem Roͤm. Könige doch ausdruͤcklich er⸗ klaͤren, daß er ſich durch dieſe Ausgleichung mit dem Könige von Polen von ihm keineswegs getrennt habe, vielmehr auch ferner dem Buͤndniſſe mit ihm getreu blei⸗ ben werde, denn mit jenem ſeyen immer noch manche ſtreitige Verhaͤltniſſe auseinander zu ſetzen. > Je feſter aber der Großfuͤrſt bei dem Entſchluſſe ſei⸗ ner Kroͤnung beharrte und je ernſthafter er ſie, von Si— gismund aufgefordert, beim Könige von Polen zu betrei⸗ ben ſuchte, um ſo mehr nahm die feindliche Spannung zwiſchen beiden Koͤnigen zu, denn in Polen wußte man wohl, daß vor allem der Roͤm. Koͤnig die Triebſeder des ganzen Planes ſey.) Da erhielt der Großfuͤrſt Nachricht von einer Verhandlung, die er mittlerweile durch Bevoll⸗ mächtigte mit dem Könige von Polen zu Lancziz wegen der Kroͤnung hatte führen laſſen, indem er ihm dort die beſtimmte Frage vorlegen ließ: ob er in die Kroͤnung willigen wolle oder nicht und ob er ſeine zu Luczk gege⸗ 1) Erklarung des Komthurs v. Thorn über die Auscinanderſetzung mit dem Poln. Könige, d. Stuhm Sonnt. vor Jacobi 1429 Schbl. XXI. 59. 2) Schr. des HM. an Klaus von Redwitz am Hofe des Röm. Kö⸗ niges, d. Marienb. am Abend Laurenti 1429 Schbl. XXI. 56. 3) Kojalowiez p. 130. Y Das erwähnte Schr. an Klaus v. Redwitz a. a. O. VII. 34
Scanseite 543 · Druckseite 530
330 Verhandlungen wegen Witowds Koͤnigskroͤnung. (1429.) bene Zuſtimmung jetzt beſtaͤtigen oder zuruͤcknehmen werde? Der König ſuchte Ausfluͤchte, leugnete jene Zuſtimmung jetzt foͤrmlich ab und beſchraͤnkte ſich in feiner nähern Er⸗ klaͤrung auf eine zuvor nothwendige Berathung mit ſeinen Reichsgroßen. Da legten ihm aber die Bevollmächtigten die andere Frage vor: ob ſich der Großfuͤrſt für einen freien Herrn halten duͤrfe oder nicht? Der Koͤnig erklaͤrte zwar: der Fürſt ſey frei und koͤnne thun, was ihm be⸗ liebe; allein die Art, wie er die Geſandten behandelte, und der bittere Unwille, mit dem er uͤber die Sache ſprach, gaben klar zu erkennen, daß er in die Kroͤnung auf keine Weiſe willigen werde. Witowd, jetzt uͤber des Königes Willen gewiß, gab ſich nun alle mögliche Mühe, fih der Unterſtuͤtzung und Beihuͤlfe des Hochmeiſters zu verſichern; “ dieſer indeß, mit dem Koͤnige noch nicht ganz am Ziele, mußte alle Vorſicht aufbieten, deſſen Mißtrauen nicht noch mehr zu wecken. Dadurch trat zwar zwiſchen dem Großfürſten und dem Meiſter eine gewiſſe Lauheit ein; allein der Rom. König, uͤber Witowds Feſtigkeit in ſeinem Entſchluſſe hocherfreut, bot alles auf, das Vertrauen des Fuͤrſten zum Meiſter, welches auch durch des Komthurs von Thorn Unterhandlungen mit dem Könige wankend geworben, von neuem zu befeſtigen. Alſo ſchloſſen ſich die drei Fuͤr⸗ ſten in ihrer Stellung gegen Polen immer enger an einander und es verlief nun eine geraume Zeit in fortwaͤhrenden Ver⸗ handlungen uͤber abzuhaltende Berathungstage zwiſchen den beiden Königen, dem Großfuͤrſten und dem Meiſter. Die Komthure von Chriſtburg, Brandenburg und Balga zogen Y Schr. Witowds an den HM. d. Hof zu Kyrnau Dienſt. nach Vincula Petri 1429 Sol. XVII. 44. 2) Schr. des HM. an den Komthur v. Thorn, d. Roggenhauſen Sonnab. nach Bartholom. 1429 Schbl. XXII. 103. 3) Schr. des Rom. Koͤniges an Witowd, d. Posonii sabato proxi- mo post fest. Aegidii 1429 Schbl. XVII. 190. Witowd hatte ſich ge⸗ gen den König bedenklich über die Unterhandlungen des Komthurs v. Thorn mit dem Poln, Könige geäußert.
Scanseite 544 · Druckseite 531
Gefahr vor den Huſſiten. (1429.) 531 zwiſchen den beiden letztern hin und her, um ſich über das Einzelne ihrer Intereſſen noch näher zu verſtaͤndigen. “) Der Koͤnig von Polen wußte zwar Witowd'n noch zu einer perſonlichen Zuſammenkunft zu bereden, in der Hoff⸗ nung, ihn vielleicht noch von ſeinem Plane zuruͤckzubrin⸗ gen; allein ſie muß, wenn ſie wirklich Statt fand, von keinem Erfolge geweſen ſeyn.“ Wie aber der König von Polen in feinen Unterhand- lungen mit dem Hochmeiſter dieſen vom Großfürften zu trennen ſuchte, ſo war es laͤngſt ſein eifriges Bemuͤhen, den Roͤm. König durch deſſen Feinde wieder mehr zu be- fhäftigen und fo feine Thaͤtigkeit anderswohin zu lenken. Er war es daher vorzüglich geweſen, der waͤhrend der Verhandlungen Sigismunds mit den Boͤhmiſchen Ketzern der Herſtellung des Friedens insgeheim entgegen gewirkt und durch eine Geſandtſchaft dieſe zu bewegen geſucht hatte, keinen Frieden einzugehen; er hatte ferner durch eine andere Geſandtſchaft auch die Türken beſtimmen wol⸗ len, ihren mit Sigismund auf drei Jahre abgeſchloſſenen Frieden dieſem wieder aufzukündigen. Der Hochmeiſter, hievon genau unterrichtet, trug um ſo ſchleuniger ſeinem Procurator in Rom auf, dieſe Umtriebe zur Kenntniß des Papſtes zu bringen, damit er erfahre, wer eigentlich den Frieden der Chriſtenheit am meiſten zu ſtoͤren ſuche,“ weil ihn ſelbſt die Fortſchritte der Huſſitiſchen Waffen 1) Schr. Witowds an den HM. d. Hof Herſchoff am Abend Mathaͤi Evang. 1429 Schbl. XVII. 45, Verzeichniß der Artickel, dem Komthur v. Balga zur Verhandlung mit Witowd mitgegeben, d. Elbing Donnerſt. nach Luca 1429 Schbl. XXII. 103. 2) Schr. Witowds an d. HM. d. Garthen Sonnab. nach Andrea 1429 Schbl. XVII. 191. Zwiſchen dem Poln. und Röm. Könige fielen ſchon ſolche Verletzungen und Beleidigungen vor, daß fie Sigismund nicht Länger mehr ertragen konnte; daruͤber ein Schr. des Kom, Kos niges an Witowd, d. Posonii feria V post fest. omnium sanclor. (1429) Schbl. XVII. 191. 3) Schr. des HM. an den Procurator, d. Marienb. Miltw. nach Aſſumt. Mariä 1429 Schbl. VIII. 59, 34
Scanseite 545 · Druckseite 532
532 Gefahr vor den Huſſiten. (1429.) jetzt mehr als je für ſein eigenes Land beſorgt machten. Die Neumark, welche der Roͤm. Koͤnig durch ein hoͤchſt ehrenvolles, die Verdienſte des Ordens anerkennendes Pri⸗ vilegium dieſem mit Aufhebung des Wiederkaufs und mit völliger ewiger Verzichtleiſtung aller Anſpruͤche und Rechte am ſiebenten September dieſes Jahres uͤberlaſſen hatte, um dadurch die Wohlfahrt und Erhebung des Ordens aus feiner Geſunkenheit wieder mehr zu fördern, war bereits in großer Gefahr, von den Ketzerhaufen aus Boͤhmen überzogen zu werden; und als nun bald dem Hochmeiſter die Nachricht zukam, daß die Anführer der Ketzerheere den Plan gefaßt haͤtten, im Winter nicht nur in die Neumark, ſondern wo moͤglich ſogar bis nach Preuſſen vorzurücken, erging eiligſt an die Komthure die Auffor⸗ derung, in ihren Gebieten ſich kriegsfertig zu halten, alle Waffenfaͤhigen in Stadt und Land zu bewaffnen, fo daß auf den erſten Aufruf alles ins Feld ruͤcken Fönne. ? Einen Theil der Mannſchaft wollte man zum Schutze der Neumark fenden. ? Am ſchwierigſten war aber dabei die 1) Dieſes in vieler Hinſicht wichtige Document, d. Preßburg am Abend Nativit. Marid 1429 mit dem großen Reichsſiegel im Original Schkl. 43. 9 und 10. 11 in lateiniſcher Sprache und in Transſumten v. J. 1444 und 1452. Das von Baczko B. III. S. 226 in Pfiſter Geſchichte d. Deutſchen B. III. S. 436 übergegangene Datum iſt uns richtig. Gedruckt iſt die Urkunde bei Gercken Cod. diplom. Brandenb. T. V. p. 254: vgl. Lancizolle Geſch. der Bild. des Preuſſ. Staats S. 294. uebrigens koſtete dieſes Document eine hübſche Summe Gel⸗ des. In einem Schr. des Klaus von Redwitz an den HM. d. Ofen Sonnt. vor Galli 1429 Schbl. VII. 23 berichtet er: ich hab ge⸗ geben Achthundert gulden zu loſung aus der kanzeley des groſſen Privi⸗ legii und ouch ander noftürftiger brief, die darczu gehoren auff die newen margk. Vgl. ein Schr. des HM. an Klaus v. Redwitz, d. Marienb. am FT. Simon und Juda 1429 Schbl. XXI. 57. 2) Schr. des HM. an den Komthur v. Ragnit, d. Marienb. Mittw. nach Martini 1429 Schbl. XXII. 105. 3) Schr. des Ordensmarſchalls an d. HM. d. Brandenb. Mont. nach Martini 1429 Schbl. XXII 107.
Scanseite 546 · Druckseite 533
Gefahr vor den Huſſiten. (4429.) 533 Loͤſung der Frage: wie bei der Erſchoͤpfung des Ordens⸗ ſchatzes die nöthigen Kriegsgelder aufgebracht werden koͤnn⸗ ten? Einen Schoß auf das Land wollte der Meiſter nicht ausſchreiben, weil er davon großen Unwillen befuͤrchtete und vom Orden in Deutſchland war ihm bei der großen Verſchuldung der meiſten Balleien alle Beihuͤlfe verſagt. In einer Berathung mit den Gebietigern zu Elbing griff man zu dem Mittel, von allen Getraͤnken eine Acciſe zu erheben, die jedermann, auch ſelbſt der fremde Gaſt ent⸗ richten, wovon aber jede Stadt die Haͤlfte des Ertrages erhalten ſollte, um ſich damit ſelbſt, wenn es Noth thue, in beſſern wehrhaften Stand zu ſetzen. Der Hochmeiſter ſah dieß als das gelindeſte und bequemſte Mittel an, ſowohl den Anforderungen an den Orden zum Schutze ſeiner eigenen Unterthanen als dem dringenden Verlangen um Beihuͤlfe für die Deutſchen Fuͤrſten Gnuͤge leiſten zu koͤnnen. Ueberdieß waren auch die Biſchoͤfe des Landes vom Erzbiſchof von Riga, ihrem Metropolitan, bereits aufgefordert worden, die Entrichtung der von ihnen ver⸗ langten Huffitens Steuer nicht länger zu verweigern, denn obgleich er ſelbſt fruͤher gegen dieſe Beſteuerung appellirt batte, fo waren doch vom Rom. Könige und den Reichs⸗ fürften nochmals fo ernſte und nachdruͤckliche Aufforderun⸗ gen an ihn ergangen, daß er ſich jetzt genoͤthigt ſah, auch die Biſchoͤfe Preuſſens zu ermahnen, ſeinem Beiſpiele in der Bewilligung der Steuer zu folgen.“ Der Orden aber hatte bereits im Laufe dieſes Jahres I) Schr. der Landkomthure und Komthure von Deutſchland an d. HM. d. Frankfurt am S. Jacobstage 1429 Schbl. XXII. 32. 2) Schr. des HM. an die Komthure des Landes, d. Marienb, Mont. vor Andreä 1429 Schbl. VIII. 87. 3) Schr. des Erzbiſchofs v. Riga an die Biſchöfe Johannes von Kulm, Johannes v. Pomeſanien, Franciſcus v. Ermland und Michael v. Samland, d. in castro eeclesiae nosirac Hokenhusen feria VI aute domin. Palmar. 1429 Schbl. VIII. 58. Schr. des Biſchofs v. Ermland an d. HM. d. Heilsberg Dienſt. nach Marci 1429 Schbl. LXVI. II7.
Scanseite 547 · Druckseite 534
534 Die Ordens Kolonie an der Donau. (1429.) zum Schutze des Reiches und der Kirche ein anderes nicht unbedeutendes Opfer gebracht. Der Roͤm. Koͤnig hatte waͤhrend der Unterhandlung wegen der Neumark den fruͤher ſchon erwaͤhnten Plan, eine Anzahl feſter Burgen in den Donau = Gegenden zwiſchen Ungern, Servien und der Was lachei zur Schutzwehr gegen die Tuͤrken einer dorthin ver⸗ pflanzten ritterlichen Kolonie von Deutſchen Ordensbruͤdern zu uͤbergeben, von neuem zur Sprache gebracht“ und er= ließ, nachdem er mit dem ihm ſehr vertrauten Ordens— ritter Klaus von Redwitz (von ihm zur Wuͤrde eines ober⸗ ſten Grafen der Muͤnz- und Salzkammern in Siebenbuͤr⸗ gen erhoben?) alles ſorgfaͤltig erwogen, ſchon im Fruͤh⸗ ling an den Hochmeiſter die abermalige Aufforderung, ihm eine Anzahl Ritterbruͤder mit den noͤthigen Handwerksleu⸗ ten zuzufenden, ? nicht ohne Hindeutung auf des Ordens urſpruͤngliche Beſtimmung und Verpflichtung des Schutzes der Kirche und des Glaubens. Jetzt konnte der Meiſter nicht umhin, mit Beirath der oberſten Gebietiger eine Zahl von Ordensbruͤdern zu dieſer Beſtimmung auszuruͤ⸗ ſten; alle Komthure des Landes mußten verhaͤltnißmaͤßig beiſteuern.“ Im Mai traten die Ritter unter des Klaus von Redwitz Führung, der deshalb nach Preuſſen gefom: men war, mit den noͤthigen Büchern, Kirchengeraͤthe und andern Beduͤrfniſſen verſorgt, die Reiſe an.“ Zu Preß⸗ 1) Schr. des Röm. Königes an den HM. d. Sebiſch am T. Dionyſ. 1428 und an den Großkomthur Schbl. IV. 54. 56. 2) Klaus v. Redwitz hat um dieſe Zeit verſchiedene Titel; Sigis⸗ mund nennt ihn im J. 1428 Vogt auf Samland; in feinen eigenen Briefen im J. 1429 heißt er Vogt zu Stuhm und Verweſer der andern gefandten Brüder in ungern, und in einem Schr. v. J 1430 „Baeen zu Severie Obriſter Graff der Moncz⸗ und Salcz⸗Camern zu Syben⸗ burgen.“ 3) Schr. des Röm. Königes an den HM. d. Preßburg Sonnt. nach Tiburtii 1429 Schbl. IV. 50. 4) Schr. des HM. an die Komthure des Landes, d. Eilau Sonut. nach Himmelf. 1429 Schbl. VII. 19, 5) Die J. g. Ausrichtung der nach ungern geſandten Ordensbruͤder,
Scanseite 548 · Druckseite 535
Verhandlung in der nordiſchen Fehde. (1429.) 535 burg von Sigismund aͤußerſt freundlich empfangen und mit den nöthigen Vorſchriften verſehen, denen fie in ihren neuen Beſitzungen nachkommen ſollten, wurden ſie von koͤniglichen Amtleuten in ihre neue Heimat begleitet, er⸗ freut durch des Koͤniges Zuſicherung, daß er alles für die neue Stiftung thun werde, was nur irgend ihr Ge— deihen befördern koͤnne. Indem er dann bald darauf den Hochmeiſter erſuchte, die neue Stiftung ſobald als möglich noch etwas zu vergrößern, ſtellte er ihm zugleich anheim, ob er nicht dem vielverdienten Ordensbruder Klaus von Redwitz den Titel eines Ordensmeiſters in Ungern verleihen wolle, denn nach des Koͤniges Plan ſollten die neuen Ordensburgen ebenſo mit Komthuren und Amtleu— ten beſetzt und verſorgt werden, wie in Preuſſen.“ Und doch bei allen dieſen Opfern, die der Orden und das Land zu bringen hatten, war noch wenig Ausſicht, daß der Handel, die Quelle ſeines Wohlſtandes, bald wieder zu gedeihlichem Leben kommen werde. Die nordiſche Fehde, die den Verkehr zur See voͤllig erdruͤckte, dauerte noch fort. Zwar hatte der Daͤniſche König auf des Mei⸗ ſters Angeſuch den Schiffen aus Preuſſen die Erlaubniß der freien Fahrt durch den Sund ertheilt, allein doch nur unter ſehr befchränfenden Bedingungen, z. B. daß die Preuſſiſchen Schiffe mit des Koͤniges Feinden nicht die entfernteſte Verbindung anknüpfen oder ihnen irgend welche Güter zuführen dürften, daß des Ordens Unter: thanen die dem Könige feindlichen Städte mit ihrer Kauf⸗ b. Stuhm Sonnt. nach Corpor. Chr. 1429 Schbl. VII. 25. Es find im Ganzen nur ſieben Ordensritter aufgeführt, darunter die Voͤgte von Soldau und Lauenburg u. a. 1) Darüber zwei Schr. des Nom, Königes an den HM. d. Profi: burg Samſt. vor Petri ad Vincula und Freit. nach Nativit. Mario 1429 Schbl. VIEL. 86. Die Ordens⸗Kolonie ſcheint nach wenigen Jah⸗ ren ſchon einen ſehr bedeutenden Verluſt in einem Kampfe mit den Tuͤr⸗ ken erlitten zu haben, wie Windeck l. e. p. 1249 — 1250, jedoch nur fragmentariſch berichtet.
Scanseite 549 · Druckseite 536
536 Verhandlung in der nordiſchen Fehde. (1429.) waare nicht beſuchen und der Hochmeiſter den letztern nicht erlauben ſolle, mit Preuſſen in Handelsverbindungen zu treten u. ſ. w.) Nun kam es zwar zwiſchen den Staͤdten der Hanſe und dem Könige zu einem Verhand⸗ lungstage zu Nykoͤping;? beide Theile hatten ſich an den Hochmeiſter um Vermittlung gewandt, denn der Köͤ⸗ nig legte auf deſſen Freundſchaft ganz beſondern Werth und bewies ihm bei jeder Gelegenheit ſeine Zuneigung und hohe Achtung, und die Hanſeſtaͤdte wuͤnſchten nichts ſehnlicher als eine friedliche Ausgleichung, weil die Stoͤ⸗ rung des Handels mit Preuſſen ihnen unermeßlichen Scha- den brachte, beſonders wegen Hemmung aller Getreide- Ausfuhr. Der Hochmeiſter ſandte auch den Komthur von Schlochau auf den erwaͤhnten Tag mit den noͤthigen Aufträgen, um einen Vergleich einzuleiten; ® allein die Verhandlung blieb ohne Erfolg. Der Krieg dauerte fort und mit ihm auch die Störung alles Handels.) Wag⸗ ten ſich auch zuweilen einzelne mit Getreide beladenen Schiffe gegen des Meiſters Anordnung auf die See, um in den Hafen irgend einer Hanſeſtadt einzulaufen, ſo wur⸗ den ſie von den Daͤnen haͤufig aufgefangen, ihrer Ladung beraubt und die Mannſchaft gefangen genommen.“) Und was nicht den Dänen, fiel den zahlreichen Rotten von Seeraͤubern in die Haͤnde, die ſich oft bis in die Gegend von Hela, ja ſelbſt bis auf die Rhede von Danzig wag⸗ 1) Schr. des Königes v. Dänemark an den HM. d. Kopenhagen am Abend Mathiä 1429 Schbi. XXXI. 34. 2) Rufus a. a. O. S. 575. 3) Schr. der Conſuln v. Luͤbeck an den HM. d. am Freit. nach Pfingſt. 1429 Schbl. 87. 13. 4) Schr. des HM. an den Komthur v. Schlochau, d. Mohrungen Dienſt. um Pfingſt. 1429 Schbl. XXXI. 20. Die dem Komthur und Burchard von Guͤntersberg mitgegebene Inſtruction Schbl. XXXI. 61. 5) Schr. des HM. an Klaus v. Redwitz, d. am Abend Laurentii 1429 Schbl. XXI. 50. 6) Daruͤber ein Notariatsinſtrument „ d. Hafais VI Juli 1429 Schbl. 88. 2.
Scanseite 550 · Druckseite 537
Verhandlungen am Roͤm. Hofe. (1429 — 1430.) 537 ten, ſo daß der Rath von Danzig abermals eine Anzahl Schiffe ausrüſten und in die Nähe von Hela legen mußte, um das Raubvolk von der Kuͤſte zuruͤckzuhalten.“ In Folge dieſer Hemmung alles Verkehrs zur See trat bald in Preuſſen ein ſehr großer Mangel an uͤberſeeiſchen Waa⸗ ren und namentlich an fremden Züchern ein und die noch vorhandenen fliegen zu außerordentlichen Preiſen, fo daß ſelbſt der Hochmeiſter erklaͤrte: in einem ſolchen tiefen Verfalle ſey die Schiffahrt in Preuſſen noch nie geweſen. > Endlich brachte im Herbſt auch ein gewaltiger Seeſturm an den Preuſſiſchen Küften einer großen Zahl von Schiffen unermeßlichen Schaden. Auch in Rom gewannen die Verhandlungen in den An⸗ gelegenheiten des Ordens keinen ſonderlichen Fortgang. Der neue Ordensprocurator erhielt zwar bald nach ſeiner Ankunft und nach einem koſtbaren Geſchenke von tauſend Ducaten, womit er den Papſt und die Kardinaͤle gewon⸗ nen,“ von jenem das Verſprechen, daß er die Streitſache mit den Rigaern bald nach Oſtern vornehmen und dahin zu entſcheiden ſuchen wolle, daß der Erzbiſchof mit dem Domſtifte die Ordenskleidung wieder annehmen folle. ? Er leugnete jetzt geradezu, jemals den Rigaern die Ablegung der Ordenskleidung erlaubt zu haben, und wirklich war die Bulle, welche jene daruͤber erhalten zu haben vorga⸗ ben, in den Regiſtern nirgends zu finden. Da nun der Biſchof Johannes von Kurland, der noch in Rom war, ) Schr. des Pfundmeiſters v. Danzig an d. HM. d. Danzig Freit. nach Aegidii 1429 Schbl. LX. 172. 2) Schr. des HM. an Klaus v. Redwitz, d. Stuhm am T. Si⸗ mon u. Judd 1429 Schbi. XXI. 57. 3) Schr. des Komthurs v. Memel, d. Sonnt. nach Crucis 1429 u. Schr. des Hauskomthurs v. Memel an ſeinen Komthur, d. Memel Breit. nach Crutis 1429 Schbl. LXII. 1. 6. 7) Schr. des Procurators, d. Rom Mont. nach Lätare 1429 Schbl. J. 41. 5) Schr. des Procurators, d. Rom 29 März 1429 Schbl. I. 45.
Scanseite 551 · Druckseite 538
538 Verhandlungen am Roͤm. Hofe. (1429.) die Bulle geradehin fir untergeſchoben erklärte und der Papſt die Unterſuchung einigen Kardinaͤlen uͤbertrug, ſo zog ſich ſchon dadurch die Entſcheidung in die Ränge; und als darauf der Papſt mit dem Kardinal⸗ Collegium der Peſt wegen Rom verlaſſend nach Anagni flüchtete, dort ſich in der Naͤhe in ein feſtes Kaſtell einſchloß und nie⸗ mand vor ſich ließ, konnte zur Foͤrderung der Streitſache nicht das mindeſte gefchehen. ? Später gab der Papſt dem Ordensſachwalter zwar oͤfter angenehme Verſprechun⸗ gen, hinderte aber ſelbſt oft am Tage nachher, was er am Tage zuvor verſprochen hatte: alles Folge ſeiner Geld⸗ gier, denn er verſprach, wenn ſich Hoffnung zu Geſchen⸗ ken zeigte, und hintertrieb ſelbſt das Verſprochene, wenn die Gegner des Ordens mit volleren Händen erſchienen,“ und die Rigaer ließen es an Geſchenken und Geldſpen⸗ den nicht fehlen. 2. Ueberdieß hatte der Papſt bereits auch eine andere, dem Orden nicht minder wichtige An⸗ forderung zur Sprache gebracht, wobei es ebenfalls, wie man bald ſah, nur auf Gelderpreſſung abgeſehen war. Gegen alle bisherige Gewohnheit wollte er ſich das Recht zueignen, daß jeder neuerkorene Hochmeiſter vom paͤpſtli⸗ chen Hofe, wie jeder Biſchof, die Beſtaͤtigung einholen muͤſſe.) Dem entgegenzuwirken wußte der Procurator keinen andern Ausweg, als den Papſt nicht mehr bloß durch die gewöhnlichen Geſchenke, auf die er als Pflicht: ſache betrachtet kein ſonderliches Gewicht mehr legte, ſon— dern durch neue außerordentliche Gaben und Beehrungen dem Orden wieder geneigter zu ſtimmen, weil nur dann 1) Schr. des Biſchofs Johannes v. Kurland an d. HM. d. Spo⸗ leto 16 Mai 1429 Schbl. I. 44. 2) Schr. des Procurators, d. Rom 24 Mai 1429 Schbl. II. 56. 3) Schr. des Procurators, d. Anagni II Juli 1429 Schbl. I. 43. 4) Schr. des Procurators, d. Anagni 12 Juli (1429) Schbl. 1. 42, Raumer Hiſtor. Taſchenbuch Jahrg. IV. S. 150. 5) Schr. des Procurators, d. Rom Donnerſt. nach Petri u. Pauli 1429 Schbl. II. 55.
Scanseite 552 · Druckseite 539
Verhandlungen am Röm. Hofe. (1429.) 539 auch in der Rigaiſchen Streitſache ein Fortgang zu er⸗ warten war, D denn wie der Procurator offen erklaͤrte: nur für Geld iſt Recht am Hofe feil. Der Papſt ließ ſich bald auf die Erinnerungen und Vorſtellungen des Pro⸗ curators gar nicht weiter ein;? ſelbſt die Verwendung des Roͤm. Koͤniges und der Kurfuͤrſten zur Beendigung des aͤrgerlichen Streites blieb ohne Erfolg. Endlich ſuchte der Procurator durch Verwendung von vierhundert Ducaten einige Kardinaͤle zu gewinnen, den einen durch ein ſilber— nes Trinkgefaͤß, einen andern durch zwölf ſilberne Schuͤſſel u. dgl. Dafür erhielt er zwar einige gute Rathſchlaͤge; allein der Papſt ließ nichts zur Entſcheidung kommen. Vierzehntauſend Ducaten, wie man wiſſen wollte, hatte der Streit den Livlaͤndern bereits gekoſtet und doch hatte alles Zögern und Hinhalten des Papſtes, wie der Procu⸗ rator glaubte, keinen andern Zweck, als auch vom Orden noch mehr Geld zu erpreſſen.“ Er rieth daher dem Hoch— meiſter: er moͤge endlich dem Papſte mit allem Nachdruck und Ernſt vorſtellen, was fuͤr Schande und Schade dem Orden aus dem Zaudern und Zoͤgern geſchehe, wie leicht im Livland das wilde, dem Glauben erſt neu zugewandte Volk wegen der Nachbarſchaft der Heiden vom Orden wie⸗ en abtruͤnnig und ungehorſam werden koͤnne. Aber dabei muͤſſe man auch darauf ſinnen, wie man den Papſt und die Kardinaͤle dem Orden geneigter machen und ſich Über: haupt Freunde und Gönner am Hofe verſchaffen koͤnne; »denn, fügt er, der Papſt giebt wohl gute Worte, hans delt aber doch offenbar wider unſern Orden. Denket alſo auf eine Weiſe, wie man ihn zum Freunde gewinne und wie man ſich hier Kardinaͤle, Praͤlaten und andere Kur: 1) Schr. des Procurators, d. Anagni 12 Juli (1429) Schbl. I. 42. Bierhundert Ducaten erhielt der Papſt jedesmal als Weihnachtsgeſchenk. 2) Schr. des Procurators, d. Anagni 4 Aug. 1429 Schöbl. I. 49. 3) Schr. des Procurators, d. Supino 23 Aug. 1429 Schbl. I. 48. Raumer Hiſtor. Taſchenb. Jahrg. IV. S. 122 — 123.
Scanseite 553 · Druckseite 540
540 Neue Gefahr vor den Huſſiten. (1429 — 1430.) tiſane zu Gönnern erwerbe. Ich warne noch in Zeiten, daß man den Papſt etwas erweiche; das kann man je⸗ doch anders nicht, als mit Geld und Gaben. Geld iſt allhie der Freund und der Foͤrderer, um die Sachen durch⸗ zubringen, und wer da mehr giebt, der hat auch mehr Recht! ) Ihr erkennet ja offenbar, daß dieſer Papſt uns ſerm Orden nicht geneigt iſt und aller Fuͤrſten Briefe und Reden helfen uns nichts. Darum koͤnnte man die Gie⸗ rigkeit etwas fanftmüthigen, fo wäre es wohl gut und duͤnkte mich für unſern Orden ſehr nuͤtzlich.“? So ſtanden die Verhaͤltniſſe in Rom noch im Anfange des Jahres 1430, als der Huſſiten-Krieg dem Papſte neuen Anlaß darbot, mit ernſten Befehlen gegen den Dr: den aufzutreten. Der Kampf gegen die Ketzer naͤmlich hatte bereits die Thaͤtigkeit und das Intereſſe des Hoch⸗ meiſters, fo wie des Großfurſten und des Königes von Polen mehr als je in Anſpruch genommen. In Preuſſen und Pommerellen war die Ruͤſtung zum Kriege ſelbſt mit⸗ ten im Winter mit größtem Eifer betrieben worden, zumal auch weil der Koͤnig von Polen ſich durchaus zu keiner Erklarung darüber beſtimmen ließ, ob er dem Or⸗ den im Falle eines Einbruches der Huſſiten in deſſen Ge⸗ biet Huͤlfe ſenden werde oder nicht, wiewohl der Hoch meiſter ihm ſeinen Beiſtand verſprochen, ſobald die Ketzer Polens Graͤnze überſchreiten wuͤrden. Der König hatte offenbar dabei verſteckte Abſichten.) Als daher der Kurz fürft von Brandenburg den Vogt der Neumark zum Zu: zug gegen die Ketzer in Meißen aufforderte, um in Ver⸗ 1) Schr. des Procurators, d. Peneſtrin 18 Sept. 1429 Schbl. I. 47. 2) Schr. des Procurators, d. Rom am T. Nicolai 1429 Schbl. II. 59. 3) Schr. des Komthurs v. Danzig an den HM. d. Danzig Mont. nach Neujahr 1430 Schbl. XXXI. 142. 4) Schr. Witowds an den HM. d. Hof Przewalka am Neujahrs⸗ tage 1430 Schi. XVII. 69.
Scanseite 554 · Druckseite 541
Neue Gefahr vor den Huſſiten. (1430.) 541 bindung mit ihm und den Herzogen von Pommern dieſes Land von den Huſſiten zu ſaͤubern, ließ der Meiſter durch den Vogt das Kriegsvolk aus der Neumark zwar zuſam⸗ menziehen und an der Oder aufſtellen,d dem Kurfluften aber zugleich erklaͤren, daß der Vogt bei der Unſicherheit ſeines Landes gegen den Koͤnig von Polen, der, wie man hoͤre, einen Einfall in die Neumark beabſichtige, ſeine Stellung an der Oder vorerſt nicht verlaſſen duͤrfe, um fein eigenes Land nicht großem Verderben Preis zu ges ben.“ Und je länger man den König in feinen Umtrie⸗ ben beobachtete, deſto bedenklicher fand man die Lage des Landes; der Komthur von Schlochau wußte ganz ſicher von kriegeriſchen Bewegungen in Polen, die auf den Plan eines Einfalls in Preuſſen zielten; der Großfürft hatte die Nachricht, daß auf einem Berathungstage des Koͤniges mit feinen Reichsgroßen Beſchluͤſſe gefaßt worden feyen, die nur einen Angriff Litthauens oder Preuſſens zum Zwecke haben konnten, weshalb er dem Hochmeiſter ein fes ſtes Huͤlfsbuͤndniß zwiſchen beiden Ländern in Vorſchlag brachte. 3 Die Sache nahm aber bald für den König ſelbſt eine ernſtere Wendung; er erhielt wirklich jetzt die Nachricht, daß die Huſſiten den Plan gefaßt haͤtten, auch Polen mit ihren verheerenden Waffen heimzuſuchen.“ Eiligſt wandte er fi) nun an den Großfuͤrſten und den Hochmei⸗ 1) Schr. des HM. an d. Vogt der Neumark, d. Oſterode Mont. nach Epiphania 1430 Schbl. XII. 102. Schr. des Vogts d. Neumark an d. EM, d. Schievelbein am T. Circumciſion. 1430 Schbl. XIII. 18. 2) Schr. des Vogts der Neumark an d. HM, d. Soldin Sonnab. nach Epiphania 1430 Schbl. XIII. 12. Schr. des Vogts an den Mark⸗ grafen v. Brandenburg, d. Soldin Sonnab. nach Epiphan. 1430 Schbl. XIII. 47. 3) Schr. der Komthure v. Danzig u. Tuchel an den HM. d. Tu⸗ chel Mont. nach Eſtomihi 1430 Schbl. XXII. 7. Schr. Witowds an d. HM. d. Dubitz Mittw. nach Neminiſcere 1430 Schbl. XVII. 74. 9) Schr. Witowds an den HM. d. Berſchi Sonnab. vor Palmar. 1430 Schbl. XVII. 73. f
Scanseite 555 · Druckseite 542
542 Neue Gefahr vor den Huſſiten. (1420.) ſter, um ſich ihres Beiſtandes zu verſichern, weshalb er dem letztern auch zugleich gewiſſe Punkte als Grundlage zu einem gegenſeitigen Huͤlfsbuͤndniſſe uͤberſandee. Wi⸗ towd, vom Hochmeiſter ſofort davon benachrichtigt, rieth, den Vertrag zu gegenfeitiger Huͤlfsleiſtung mit dem Koͤ⸗ nige immerhin einzugehen, weil es jedem wahren Chri⸗ ſten gezieme, gegen die Ketzer Beiſtand zu leiſten; aber zugleich warnte er auch, ſich mit dem Koͤnige nicht in viele Verhandlungen einzulaſſen, ſondern ſich ſtets nur auf die Aufrechthaltung des ewigen Friedens zu berufen.“ Er ſelbſt ruͤſtete ſich fort und fort zum Kriege, um kampf⸗ fertig dazuſtehen, wenn, wie er befürchtete, der König ihn wegen feiner Koͤnigskroͤnung angreifen werde. Jetzt aber griff auch der Papſt in die Verhaͤltniſſe mit ein. Veranlaßt durch eine Botſchaft des Kurfuͤrſten von Brandenburg, der ſich ſchwer beim Papſte beklagt, daß ſein Land ohne Beihuͤlfe aus den Nachbarlanden von den Huſſiten ſchrecklich verheert und durchpluͤndert worden ſey, erklaͤrte jener: der Deutſche Orden ſey verpflichtet und zugleich auch maͤchtig genug, um ſich dieſen Feinden der Kirche mit wehrhafter Hand entgegenzuſtellen, und er be: ſchloß alsbald, den Meiſter ſofort mit Ernſt an feine Pflicht zu mahnen und zum Widerſtand gegen die Ketzer aufzufordern.) Der Procurator bot alle moͤglichen Gruͤnde auf, den Papſt zu überzeugen, daß es dem Orden uns "möglich ſeyn werde, einen ſolchen Kampf zu uͤbernehmen theils wegen der großen Armuth und Verheerung ſeines Landes, theils wegen der Gefahr eines Einfalls eines nach⸗ barlichen Feindes ins Gebiet des Ordens, ſobald alles waffenfaͤhige Volk hinweggefuͤhrt werde. Der Papſt indeß blieb eine Zeitlang feſt bei ſeinem Entſchluſſe; man hatte ſchon eine Summe von hundert und achtzigtauſend Duca⸗ 1) Schr. Witowds an den HM. d. Garthen am Oſterabend 1430 Schbl. XVII. 195. 2) Schr. des Procurators an d. HM. d. Rom in vigilia annnnliat. Mariae 1430 Schbl. II. 60.
Scanseite 556 · Druckseite 543
Verhandlungen gegen Witowds Krönung. (1430.) 543 ten als Unterſtützung zum Kriege fur den Orden beſtimmt. Da erwachte in einem im Solde des Polniſchen Koͤniges ſtehenden Kardinal die Beſorgniß, der Orden koͤnne dieſe Unterſtützungsſumme wohl auch leicht benutzen, um feine Waffen gegen Polen zu wenden, und der Einfluß dieſes Kardinals beim Papſte war ſo bedeutend, daß dieſer ſei⸗ nen Entſchluß wieder aufgab.“ Mittlerweile aber hatte die feindliche Spannung zwi⸗ ſchen Witowd und dem Koͤnige von Polen mit jedem Tage zugenommen. Erſterer erklaͤrte geradezu: er ſchreibe dem Koͤnige nur noch in kurzen, duͤrren Worten, denn ihm fernerhin noch Rath zu ertheilen, ſcheine ihm ſo unnuͤtz, daß er dazu kein Papier mehr habe. Dagegen ward das Vertrauen des Großfürften zum Hochmeiſter immer inni⸗ ger, ſo daß er dieſem erlaubte, alle durch Preuſſen an ihn gehenden Briefe, beſonders die des Roͤm. Koͤniges, unbedenklich zu erbrechen und zu Iefen.? Nun brachte zwar der Hochmeiſter, in der Erwartung, der Koͤnig moͤge jetzt in feinen Bedraͤngniſſen vielleicht eher zur Nachgiebigs keit geneigt ſeyn, einen Verhandlungstag bei Thorn in Vorſchlag, um alle zwiſchen ihm, dem Koͤnige und Wi⸗ towd obwaltenden Irrungen zu beſeitigen und dann gegen die gemeinſame Gefahr zuſammenzutreten. Der Koͤnig nahm den Tag gerne an, obgleich er dem Großfuͤrſten er⸗ Härte, daß er lieber mit ihm allein eine freundliche Aus⸗ gleichung gewuͤnſcht. Auch Witowd verſprach einen Bes 1) Zwei Schr. des Procurators, d. Nom Freit. vor S. Georgs⸗ 125 u. vom 17 Mai 1430 Schbl. II. 89 u. VIII. 60. In dem einen heißt es: der Papſt ſey deshalb für den Plan, weil „unſer orden ytzund fredelich ſitzet mit der Heydenſchaft und her doch geſtifftet is wedir dy finde der criſtenheit czu ſtreiten. 2) Schr. Witowds an den HM. d. Kauen Sonnab. vor Himmel⸗ fahrt 1430 Schbl. XVII. 65. 3) Schr. des Königes an Witowd, d. in Gambicze feria IV in vi- Silja corp. xsti 1430 Schbl. XXIII. 1. Schr. des Komthurs v. Chriſt⸗ 1 an den HM. d. Thorn Dienſt. nach Fronleichn. 1430 Schbl. VII. 110.
Scanseite 557 · Druckseite 544
544 Verhandlungen wegen Witowds Krönung. (1430.) vollmaͤchtigten zu ſenden. Allein er konnte zu des Koͤni⸗ ges redlichen Abſichten durchaus kein Vertrauen faſſen und ſprach ſich gegen den Hochmeiſter aͤußerſt nachdruͤcklich über das zweideutige Verhalten deſſelben aus. Alſo verlief der Tag auch ohne allen Erfolg.“ Waͤhrenddeß war der Großfuͤrſt ſeinem Wunſche der Krönung näher gekommen. Der Roͤm. König hatte aufs ſicherſte verſprochen, ihm die Koͤnigskrone zuzuſenden und das Kroͤnungsfeſt ſollte um Maria Geburt zu Wilna aufs feierlichſte begangen werden. Der Hochmeiſter, der Mei⸗ ſter von Livland, ihre Ordensmarſchaͤlle und eine Anzahl der vornehmſten Gebietiger wurden dringend dazu einges laden und auch von Seiten des Roͤm. Koͤniges eine an⸗ ſehnliche Zahl von Gaͤſten erwartet; ſelbſt der Großfuͤrſt von Moskau und mehre andere Fuͤrſten aus Rußland ſoll⸗ ten das Feſt verherrlichen.. Beſonders wuͤnſchte Witowd den Ordensmarſchall Heinrich Holt beim Feſte gegenwaͤrtig, weil er der Landesſprache kundig war. Dem Hochmei⸗ ſter indeß ward von mehren Gebietigern widerrathen, der Einladung zu folgen, theils weil es an ſich ſchon mißlich ſey, daß er in ſo bedenklichen Zeiten das Land verlaſſe, theils auch weil der Großfuͤrſt in ſeinen Briefen nie von ſeiner Kroͤnung, ſondern immer nur von einer Zuſammen⸗ kunft geſprochen habe. Witowd jedoch wiederholte feine 1) Schr. Witowds an den HM. d. Hof Mlodezno Dienſt. in der Octava Corpor. Chr. 1430 Schbl. XVII. 176 und ein anderes, d. Oſchmyana am T. Corpor. Chr. 1430 Schbl. XVII. 71, Er berührt darin auch die heimliche Huͤlfsleiſtung, die der König den Ketzern ge⸗ währe: „Das iſt offenbar vil luͤthen, das yo die Polan reyten den ketzern czu huͤlfe und ketzer reiten wedir in Polan und koufen pferde har⸗ naſch und was fie bedurffen. 2) Schr. Witowds an den HM. d. Jagdhof Worani Sonnab. S. Dominick 1430 Schbl. XVII. 79; ein anderes, d. Dawgy Dienſt. vor Laurentif 1430 Schbl. XVII. 80. Diugoss. p. 544. 3) Schr. Witowds an den Ordensmarſchall, d. Dawlge (Dawgy) Dienſt. vor Laurent. 1430 Schbl. XVII. 76. 4) Schr. des Komthurs v. Chriſtburg an den HM. d. Preuſſiſch⸗
Scanseite 558 · Druckseite 545
Verhandlungen wegen Witowds Krönung. (1430.) 545 dringendſte Bitte an den Meiſter: er möge kommen; der Roͤm. Koͤnig habe ihm die Koͤnigskrone am beſtimmten Tage unfehlbar zu ſenden zugeſagt; auf jedem Falle muͤſſe zwiſchen ihnen beiden manches beſchloſſen werden, was in Beziehung auf den Koͤnig von Polen zu ihrer Lande Wohl⸗ fahrt gereichen werde;) des Meiſters Anweſenheit ſey ihm vor allem auch deshalb von Wichtigkeit, weil ſich dadurch eben ihre Gegner am meiſten von ihrer Freundſchaft und der Innigkeit ihres Buͤndniſſes überzeugen wurden. 2 Da kam unerwartet waͤhrend dieſer Verhandlungen ein Eilbote des Polniſchen Königes, der ſchon Monate lang auf keine Briefe Witowds mehr geantwortet, bei dieſem an, in ſeines Herrn Namen freundlich bittend: er moͤge den Tag ſeiner Kroͤnung weiter verſchieben; der Koͤnig wolle zuvor mit ihm perſoͤnlich zuſammenkommen; er ſey bereit alles zu thun, was der Fürft wuͤnſche; er wolle ihm willig die eigene Krone Polens abtreten, ihm ſeine Kinder in Vormundſchaft anvertrauen u. ſ. w. Allein der Groß⸗ fuͤrſt verſtand dieſe Sprache des Koͤniges und ſandte ihm die Antwort: der feſtbeſtimmte Tag koͤnne nicht geaͤndert werden und eine Zuſammenkunft mit ihm in keiner Weiſe Statt finden.) Es war das letzte Mittel der ſchlauen Liſt, welches der Koͤnig anwandte. Er hatte bisher am Röm. Hofe alles in Bewegung geſetzt, um die Kroͤnung zu verhindern und die anſehnlichen Geldſpenden, die Ge: ſchenke von Armbrüften, Schauben und andere Ehrenga⸗ ben, die er nach Rom geſandt, hatten ihren Zweck Feines: Mark am T. Aſſumt. Mariä 1430 Schbl. XVII. 109. Schr. des Or⸗ densmarſchalls, d. Elbing am Abend Aſſumt. Maria 1430 Schbl. XXIII. 11. 12. 1) Schr. Witowds an den HM. d. Hof Olyta Sonnt. vor Aſſumt. Mariä 1430 Schbl. XVII. 174. Dabei das Schr. des Nom. Königes an ihn wegen Ueberſendung der Krone. 2) Schr. Witowds an d. HM. d. Hof Dorſchuniſchky Donnerſt. nach Aſſumt. Marid 1930 Schbl. XVII. 72. 8 Witowd meldet dieß dem HM. in dem eben erwahnten Schreiben. U. 35
Scanseite 559 · Druckseite 546
546 Anſtalten zu Witowds Krönung. (1430.) wegs verfehlt. Der Papſt ſchrieb nicht nur dem Rom. Koͤnige: er ſolle ſich der Krönung Witowds nicht unter⸗ winden; dem Großfuͤrſten: er duͤrfe die Krone nicht an⸗ nehmen, und dem Hochmeiſter: er ſolle ſich um die Kroͤ⸗ nung nicht bekuͤmmern, vielmehr die Sache zu vermitteln ſuchen, ſondern er erließ auch an die beiden erſtern zwei abmahnende Bullen, worin er ſie mit ſcharfem Ernſte auf die aus Witowds Krönung hervorgehenden ſchweren Gefahren aufmerkſam machte, nicht ohne drohende Hin⸗ deutung auf die nachdruͤcklichen Schritte, die er dagegen thun müfje, zumal da fie beide die Eide brechen wuͤrden, die ſie dem Koͤnige von Polen geleiſtet. ) Man ging noch weiter: man warf ſelbſt die Frage auf: ob es in der Macht des Roͤm. Koͤniges, der vom Papſte die Kai⸗ ſerkrone noch nicht empfangen habe, liege, einem andern Fürften eine Koͤnigskrone ertheilen zu koͤnnen? Ja man wollte ſogar dem Hochmeiſter das Recht ſtreitig machen, die Krone durch ſein Land hindurchtragen zu laſſen. =) Da indeß der König durch dieß alles nicht zum Ziele ge⸗ langt war, ſo griff er jetzt zu einem Mittel der Gewalt, ließ uberall auflauern und in den Graͤnzgegenden Wachen aufſtellen, um wo moͤglich des Roͤm. Koͤniges Geſandten, welche die Krone uͤberbringen würden, aufzufangen und auszuplündern. Man hielt den Plan fuͤr gelungen, als es gluͤckte, eine Geſandtſchaft des Rom. Koͤniges, einen gelehrten Italieniſchen Doctor und einige Sendboten Wi⸗ towds in der Neumark zu uͤberfallen; man fand bei ihnen 3) Die beiden Bullen, d. Rome apud s. Apostolos III Idus Ociwwr. P. a. tertio deeimo in einem Schr. des Ordensprocurators in Abſchrift Schbl. II. 59. Dlugoss. p. 533 seq. Kojalowiex p. 134. Raynald Annal. eecles. an. 1430 S. 7. 2) Bericht eines paͤpſtl. Geſandten uͤber die erwähnten Verhand⸗ lungen Schbl. XVII. 180; über die damaligen Vorgänge in Rom ein ausführliches Schr. des Procurators an den HM. d. Rom 11. Octob. 1430 Schbl. XVII. 144. Das Schreiben kam in Preuffen erſt nach Witowds Tod an und hatte alſo auf des HM. Verhalten keinen Einfluß.
Scanseite 560 · Druckseite 547
Anſtalten zu Witowds Krönung. (1430.) 547 eine Menge von Kleinodien, Buͤcher, koſtbare Kleider u. dgl.; nur die vermuthete Krone wurde umſonſt bei ihnen geſucht. Beraubt, gemißhandelt und verwundet mußten ſie zum Theil zu Fuß bis Schlochau wandern, wo fie der Komthur mit dem Bericht uber ihr Schickſal an den Hochmeiſter weiter befoͤrderte.) Jetzt da des Koͤniges Plan enthuͤllt war, ließ der Hochmeiſter auf die Nachricht, daß drei andere nachkommende Sendboten die Krone uͤberbringen ſollten, durch den Vogt der Neu⸗ mark zu ihrer ſichern Begleitung alle moͤglichen Anſtalten treffen, denn da die Polen aus den geraubten Brief⸗ ſchaften erſehen hatten, daß die Krone bereits unterweges ſey, ſo hatten ſie ſich mit noch ſtaͤrkerer Macht an den Graͤnzen verſammelt, um die Geſandten aufzugreifen. Da trat nun auch der Hochmeiſter auf ein neues dringendes Geſuch des Großfürſten, der es faſt übel zu nehmen ſchien, daß jener ſich hatte entſchuldigen laſſen, die Reife nach Litthauen an, wo bereits der Ordensmarſchall und der Komthur von Thorn bei Witowd angelangt wa⸗ ren.“ Mittlerweile aber aͤnderte ſich im Weſten der Stand der Dinge ſehr bedenklich. Dritthalb Meilen von Fal⸗ kenburg ſtand bereits ein ſehr bedeutender Polniſcher Kriegs⸗ haufe verſammelt © und in der Naͤhe eine Reiterſchaar von vierhundert Huſſiten, welche die naͤchſten Staͤdte der —— I) Schr. des Vogts der Neumark an d. HM. d. Hermannsdorf Sonnt. nach Aſſumt. Mariä 1430 Schbl. XIII. 14. Schr. des Kom⸗ thurs v. Schlochau an d. EM. d. Schlochau Sonnab. nach Aſſumt. Mariä 1430 Schbl. XIII. 145, Diugoss. p. 545. i 2) Schr. des HM. an den Meiſter v. Livland, d. Marienb. Dienſt. vor Nativit. Maria 1430 Schbl. XVII. 175. 3) Schr. Witowds an d. Ordensmarſchall und Komthur v. Thorn, d. Kauen am FT. Bartholom. 1430 Schbl. XVII. 78. Schr. dieſer Gebietiger an d. HM. d. Wielun am T. Barthol. 1430 Schbl. XVII. 113. Der HM, trat die Reife am Mittwoch vor Nativitat. Mariä an. Y Schr. des Vogts der Neumark, d. Soldin am T. d. Geburt arid 1430 Schbl. XVII. 67; die Zahl der Polen wird auf 5000 an- gegeben. Fol. C. P. 287, ; * 7 35
Scanseite 561 · Druckseite 548
518 Anſtalten zu Witowds Kroͤnung. (1430.) Neumark zu berennen drohten. Der Vogt war in der groͤßten Bedraͤngniß. Von ihm benachrichtigt, daß je⸗ ner Polniſche Kriegshaufe auflauere, lagen die Geſandten mit der Koͤnigskrone noch zu Frankfurt, auf die Ankunft etlicher Fuͤrſten und des Erzbiſchos von Magdeburg, der die Krönung verrichten ſollte, wartend und unſchluͤſſig, welchen Weg nach Litthauen ſie nehmen ſollten, um nicht den Polen in die Haͤnde zu fallen. Da ihr Geleite nur aus vierhundert Pferden beſtand, fo begaben fie ſich vor: erſt nach Beeskow zuruͤck. Da erſchien eine abermalige Botſchaft aus Polen beim Großfürften, das frühere An⸗ erbieten des Koͤniges erneuernd und betheuernd, dieſer wuͤnſche in Wahrheit nichts ſehnlicher, als mit dem Groß⸗ fürften in Freundſchaft und bruͤderlicher Liebe zu leben. * Auch an den Hochmeiſter wandte ſich jetzt der Koͤnig mit der Bitte: er moͤge zwiſchen ihm und Witowd moͤglichſt Friede und Eintracht zu vermitteln ſuchen.“ Der Mei: ſter war mährenddeß, vom Großfuͤrſten laͤngſt mit aller Sehnſucht erwartet, aber durch heftige Winde und boͤſes Wetter auf ſeiner Reiſe lange aufgehalten, gegen Ende des Septembers in Wilna angelangt, von Witowd mit außerordentlicher Freude und den glaͤnzendſten Ehrenbe⸗ zeugungen empfangen.) Außer den Großfuͤrſten von Moskau und Twer war auch ſchon eine bedeutende An— zahl anderer hoher Gaͤſte verſammelt, die ganze Stadt bereits mit einer außerordentlichen Volksmenge ſelbſt aus 1) Schr. des Vogts der Neumark, d. Drawenburg Freit. Sten F. Nativitat. Maria 1430 Schbl. XIII. 79. Diugoss. p. 546. Koja- lowiez p. 134. 2) Schr. des Vogts der Neumark, Schbl. XVII. 67. Fol. C. b. 287. 3) Schr. Witowds an den HM. d. Traken am F. Nativit. Mariä 1430 Schbl. XVII. 70. 168 u. 169. 4) Schr. des Königes an d. HM. d. Solcez in eraslino 8. crueis 1130 Schbl. XXIII. 2. Fol. C. p. 288. 5) Dingoss. p. 547.
Scanseite 562 · Druckseite 549
Anſtalten zu Witowds Krönung. (1430.) 549 den entfernteſten Gegenden angefüllt; tief aus Rußland waren Herzoge, Fuͤrſten und Geſandte ſelbſt von den Tataren zum hohen Feſte erſchienen; alle Großbeamten, Verwandte und Freunde des Großfürften zogen im pracht⸗ vollſten Gepraͤnge auf. Allein von den Geſandten mit der Krone hatte man zu großem Befremden gar keine Nachricht; nur das Schickſal der erſten, von den Polen beraubten Geſandtſchaft vernahm der Großfuͤrſt vom Hoch⸗ meiſter mit dem größten Zorne.) Da indeß letzterer bald Nachricht erhielt: die Geſandten befaͤnden ſich mit der Krone zu Alt-Berlin und wollten uͤber Alt- Stettin gehen, fo wurden fie täglich in Wilna noch erwartet. ? Allein die Hoffnung taͤuſchte. Statt ihrer kam plotzlich die Kunde, der Koͤnig von Polen befinde ſich auf der Reife nach Litthauen. Da er den Großfüuͤrſten bisher weder durch Botſchafter noch durch Briefe zu einer per: ſoͤnlichen Zuſammenkunft hatte bewegen koͤnnen, ſondern dieſer ſich nur zu einer Berathung mit ihm in Wilna be⸗ reit erklaͤtt, ſo hatte der König, trotz der Warnungen ſeiner Raͤthe, ſich endlich in des Fuͤrſten Willen fuͤgen müſſen.“ An der Graͤnze von mehren Herzogen gezie⸗ mend empfangen, ward er eine Meile vor Wilna vom Großfuͤrſten, dem Hochmeiſter, den Großfuͤrſten von Mos⸗ kau und Twer und einer großen Zahl von Herzogen und 1) Schr. Witowds an d. Rom. König, d. Troky feria VI ante festum b. Hedwig 1430 Schbl. XVII. 185; vgl. Fol. C. p. 287. HRojaloteica p. 135. 2) Schr. Witowds an d. HM. d. Traken Sonnt. vor Mathaͤi 1430 Schbl. XVn. 75, Schr. des Ord. Marſchalls, d. Traken Dienft. vor Mathaͤi 1430 Schbl. XVII. III. 3) Schr. des Großkomthurs an d. HM. d. Stargard Dienſt. vor Michaeli 1430 Schbl. XXI. 4. Schr. des Vogts der Neumark an d. HM. d. Neu⸗Landsberg am Abend nach Dionyf. 1430 Schbl. XV. 118. Fol. C. p. 287. Dlugoss. p. 546, 4) Schr. Witowds an d. Rom. König, Schbl. XVII. 185; nach * P. 548 und Kojalowiez P. 136 lud Witowd den König zu ein.
Scanseite 563 · Druckseite 550
550 Anſtalten zu Witowds Krönung. (1430.) Fuͤrſten aͤußerſt glänzend und ehrenvoll aufgenommen. Es gehörte zur Landesſitte, daß der König und der Groß: fuͤrſt ſich umarmten und kuͤßten. Am Tage darauf be⸗ gannen zwiſchen ihnen und dem Hochmeiſter die Ver⸗ handlungen im Beiſeyn aller ihrer Raͤthe.) Witowd verlangte zuerſt, daß der Koͤnig alle zwiſchen ihm und dem Roͤm. Koͤnige obwaltenden Streitigkeiten, ſo wie die zwiſchen ihm und dem Hochmeiſter noch vorhandenen Ir⸗ rungen wegen der Graͤnzen zu ſeiner Entſcheidung ſtellen, und dann daß er ſeine Einwilligung zu ſeiner Kroͤnung geben ſolle. Nach Berathung mit ſeinen Praͤlaten und Baronen gab der König für das erſtere feine Zuſtimmung, ſofern der Roͤm. König gleichfalls bei des Großfürften Entſcheidung beharren werde. In Ruͤckſicht der andern Forderung aber erklärte er keinen Beſchluß faſſen zu Fön: nen, ohne den Rath ſeiner Landes- und Reichsraͤthe, der Praͤlaten, Barone und aller andern daruͤber eingeholt zu haben. Er ſandte deshalb eine Botſchaft nach Polen ab.“ Da jetzt die Ankunft der Geſandten mit der Krone gar nicht mehr erwartet wurde, ſo kehrte der Hochmei⸗ ſter mit den Gebietigern nach Preuſſen zuruck. Ebenſo zerſtreuten ſich nach und nach die uͤbrigen hohen Gaͤſte. Witowd aber, ohne die Antwort aus Polen zu erwarten, berichtete alsbald dem Roͤm. Koͤnige den ganzen Hergang der Dinge, ihm bezeugend: er werde ſich nie mit dem Könige vergleichen, ohne daß nicht auch der Roͤm. König und der Orden in die Suͤhne mit eingeſchloſſen ſeyen; zur Entſagung der Koͤnigskrone werde er ſich nie verſtehen; wenn es dem Koͤnige gefalle, moͤge er ſie ihm zuſenden, jedoch nicht mit fo großem Geleite und fo großem Auf⸗ ſehen auf der Reiſe, ſondern insgeheim durch einige Bot⸗ / 1) Schr. des Königes v. Polen, d. Wilna Mont. nach Hedwig 1430 Schbl. XVII. 112. Nach Fol. C. p. 287 kam der König am T. Galli (16 Octob.) zu Witowd; vgl. Diugoss. p. 549. 2) Dlugoss. I. c. 3) Schr. des Königes v. Polen Schbl. XVII. 112. Fol. C. p. 288.
Scanseite 564 · Druckseite 551
Des Großfürſten Witowds Tod. (1430.) 551 fhafter; er werde dann das Volk feines Landes zuſam⸗ menberufen und ſeinen Wunſch mit Ernſt in Ausführung bringen, um ſich nicht wieder ſolcher Schmach und Be⸗ ſchimpfung auszusetzen. Er fandte dieſen Bericht dem Hochmeiſter, um ihn auf ſichern Wegen dem Noͤm. Kür nige zukommen zu laſſen. Aber nach wenigen Tagen ward ihm die Nachricht: der Roͤm. König ſey entſchloſſen mit einem in Deutſchland geſammelten ſtarken Heerhau⸗ fen die Geſandten mit der Krone bis nach Preuſſen ge⸗ leiten zu laſſen. Witowd, in Beſorgniß, die Polen wür: den ſich dem mit aller Macht widerſetzen und ſo unfehl⸗ bar ein blutiger Kampf erfolgen, eilte dem Koͤnige aufs dringendſte dieſe Maaßregel zu widerrathen; er bat, die Krone jetzt noch nicht zu ſenden, weil er noch hoffe, er werde ſich mit dem Könige von Polen auch Über feine Krönung auf gutem Wege verſtaͤndigen.? Es war Witowds letzte Anordnung in dieſer Sache. Er hatte den Koͤnig von Polen bei deſſen Ruͤckreiſe von Wilna bis Traken begleitet, obgleich ſeit einiger Zeit Kraͤnklichkeit feine Kräfte bedeutend geſchwaͤcht hatte. Da traf ihn auf der Reife das Ungluͤck, daß er vom Roſſe fürzte; er war genoͤthigt, in dem Wagen feiner Gemah⸗ lin ſich nach Traken führen zu laſſen.) Vierzehn Tage I) Schr. des Großfuͤrſten an d. HM. d. Traken Sonnt. Hedwig 1430 Schbl. XVII. 185; dabei eine Abſchrift des Berichts an den Rom. König. Beides widerlegt die Angabe bei Diugoss. p. 548 u. Koja- fowiez p. 136 — 137, wo behauptet wird, der Großfürſt habe zu⸗ letzt dem Könige erklärt, daß er den Plan der Krönung aufgegeben habe. 2) Nach der Beilage im ebenerwahnten Schr. Witowds an d. Rom. Konig. 3) Nach Dlugoss. p. 556 geſchah der unfall am 15 Octob. An dem nämlichen Tage ſind auch die ebenerwähnten Briefe aus Traken datirt, denn der Sonnt. Hedwig ift der 15te Octob., da der Tag der heil. Hedwig (d. h. Hedwigis dueisse Polonie) im J. 1430 auf eincn Sonntag fiel, II die Angabe des Dlugoss. über den Sturz vom Pferde richtig, fo iſt es immer auffallend, daß der Großfürft in feinem Briefe von feinem Ungluͤck und feiner Krankheit nichts erwähnt. Der Unfall müßte ſich erſt ſpͤter ereignet haben.
Scanseite 565 · Druckseite 552
352 Des Großfuͤrſten Witowds Tod. (1430.) lag er hier auf dem Krankenbette, waͤhrend taͤglich ſeine Kraͤfte mehr und mehr dahin ſchwanden, weshalb auch der König feine Weiterreiſe aufſchob. Da der Großfürft endlich fühlte, daß keine Hoffnung zur Geneſung mehr vorhanden ſey, ſoͤhnte er ſich mit jenem voͤllig aus, em⸗ pfahl ſeine Gemahlin Juliana ſeiner Obhut und ſein Land Litthauen ſeiner redlichen und ſorgſamen Verwaltung. Nicht ohne tiefen Schmerz, daß nach ſeinem langen muͤhevollen Leben ihm ſeine letzten Wuͤnſche unerfuͤllt ge⸗ blieben, ſtarb er hierauf am ſieben und zwanzigſten Oc⸗ tober als ein Greis von achtzig Jahren, nachdem er Über ein halbes Jahrhundert in der Geſchichte der nordoͤſtlichen Laͤnder als einer der größten und maͤchtigſten Fuͤrſten das geſtanden. Der König beehrte ihn mit einem überaus glänzenden Begraͤbniſſe; feine ſterbliche Hülle ward in Wilna in der Kirche des heil. Stanislaus beigeſetzt.“ Er hatte ſich ſeiner Zeit und dem naͤchſten Jahrhunderte denkwuͤrdig genug gezeigt; erſt als ſein Andenken aus der Menſchen Gedaͤchtniß zu verſchwinden begann, ließ ihm die Koͤnigin Bona von Polen, Sigismunds des Erſten Gemahlin, ein prachtvolles Marmordenkmal in der Kirche zu Wilna errichten.“ 1) Das Nähere uͤber feinen Tod bei Dingoss. 1. c. Kojalowier p. 138. Schütz p. 118. Im Fol. C. p. 288 heißt es: Do wart der grosfürfte krang, Im wart eyne brune blother czwüſchen beyden ſchul⸗ dern, von der her ſtarb am obende Simonis u. Jude. Dusb. Supplem. e. 43 giebt als Todestag leria VI ante Simon. et Judae an. Man muß hier gegen die Berichte der Polen etwas mißtrauiſch ſeyn. So iſt ſchwer zu glauben, daß der Großfürft mit dem Biſchof Sbigneus von Krakau die Unterhandlung gepflogen habe, wie fie Dlugosg. p. 553 u. Kojalowies p. 137 anführen; auch daß er den König nach Wilna eingeladen habe, um ihn dort in ſeiner Krankheit zu beſuchen, iſt nicht glaublich; ſo ſtanden damals beide nicht zu einander. Eigentlich krank wurde auch Witowd, wie es ſcheint, erſt ſeit feinem Sturze vom Pfer⸗ de, obgleich fein alter Körper früher ſchon gekraͤnkelt haben mag. Windeck I. c. p. 1226, 2) Kojalowiez p. 138,
Scanseite 566 · Druckseite 553
Verhaͤltniſſe des HM. mit dem Röm. Könige. (1430.) 553 Weniger befchäftigten den Hochmeiſter die übrigen auswaͤrtigen Verhaͤltniſſe. Am Streite zwiſchen den Han⸗ ſeſtaͤdten und Daͤnemark nahm er eine Zeitlang gar kei⸗ nen Antheil, denn obgleich die Staͤdte immer noch ſeine und ſeiner Gebietiger ſchiedsrichterliche Entſcheidung an⸗ ſprachen, ſo ſcheint er in ſeinem Verhaͤltniſſe zum Koͤnige von Daͤnemark doch hinreichend Gruͤnde gehabt zu haben, ſich derſelben zu entziehen.“ Ueberhaupt nahm auch der Streit im Intereſſe der Städte eine Wendung, die für Preuſſens Handel nur eine ſehr guͤnſtige Folge haben mußte, und in der That ward der Verkehr zur See in kurzem wieder fo lebendig, daß im Sommer dieſes Jah: res an einem Tage gegen vierzig Schiffe aus Luͤbeck im Hafen von Danzig einliefen ? und im Auguſt die dortige Rhede mit Gothlaͤndiſchen, Hollaͤndiſchen, Seelaͤndiſchen und andern Schiffen bedeckt war, obgleich die Daͤnen ſich noch manchen feindlichen Zugriff auf der See und im Sunde erlaubten.“ Gegen Ausgang des Jahres indeß erhielt der Meiſter doch einen neuen Anlaß, in die nor⸗ diſchen Händel wieder thaͤtig einzugreifen. Da der Roͤm. Koͤnig und die Reichsfuͤrſten zur kraͤftigen Bekaͤmpfung der Ketzer jetzt mehr als je einen allgemeinen Reichs ⸗ und Landfrieden nothwendig gefunden und deshalb beſchloſſen hatten, wo möglich allem Fehdeweſen und allen Kriegen im Reiche ein Ziel zu ſetzen,“ fo ertheilte erſterer dem Hochmeiſter den Auftrag, er möge bei dem zuverſichtlichen N) Schr. des Stadtſchreibers v. Danzig, d. Lübeck Freit. nach h. drei Koͤnige 1430 Schbl. XX. 231. 2) Vgl. Sartorius B. II. S. 265. Detmar B. II. S. 58. 3) Schr. des Pfundmeiſters v. Danzig an d. HM. d. Danzig am T. Viſitat. Maria 1430 Schbl. XXXI. 131. 4) Schr. deſſelben an d. HM. d. Danzig am F. Dominici 1430 Schbl. XXXI. 129. Detmar B. I. S. 62. 5) Pfiſter Geſchichte d. Deutſchen B. III. S. 434 — 435. Schr. des Rom. Königes an d. HM. d. Preßburg Freit. nach d. heil. Chriſt⸗ dag 1430 Schbl. VIII. 8.
Scanseite 567 · Druckseite 554
554 DVerhältniffe des HM. mit dem Rom. Koͤnige. (1430.) Vertrauen, welches die ſtreitenden Parteien zu ihm und ſeinem Orden hegten, und bei feiner Kenntniß der ſtrei⸗ tigen Verhaͤltniſſe thaͤtig und kraͤftig in die Streitſache einwirkend durch eine Geſandtſchaft den Koͤnig und die Seeſtaͤdte für eine friedliche Ausgleichung oder doch we⸗ nigſtens für eine einſtweilige Einſtellung des Krieges zu gewinnen ſuchen, damit man auch von dorther auf Bei⸗ ſteuer gegen die Ketzer rechnen koͤnne. An beide Par⸗ teien erließ zugleich der Roͤm. König das dringendſte Geſuch, den verſoͤhnenden Vorſchlaͤgen des Hochmeiſters Gehör zu geben.“ Auf des Roͤm. Koͤniges Gunſt aber mußte gerabe jetzt der Hochmeiſter ein beſonders großes Gewicht legen, denn abgeſehen von der immer ſehr zweideutigen Geſin⸗ nung des Polniſchen Koͤniges und der offenbar abgeneig⸗ ten Stimmung des Papſtes gegen den Orden, waren ſelbſt die Verhaͤltniſſe in der Neumark und das Beneh⸗ men des Markgrafen von Brandenburg der Art, daß der Orden nothwendig am Roͤm. Koͤnige eine Stuͤtze ſuchen mußte. Es war naͤmlich den beiden Gebietigern, die der Meiſter ſchon vorlaͤngſt in die Neumark geſandt, von der dortigen Nitterfchaft und den Staͤdten nicht nur die Hul⸗ digung verweigert worden, ſondern der Vogt glaubte auch in mehren Ereigniſſen im Lande einen Geiſt wahrzu⸗ nehmen, der Bedenklichkeit erregen mußte? und den Hoch- meiſter veranlaßte, darüber den Rath und die Beihuͤlfe des Roͤm. Koͤniges in Anſpruch zu nehmen. Zweimal forderte dieſer die Neumaͤrker vergebens zur Leiſtung der Huldigung auf, denn ſie verlangten von ihm zuvor eine mündliche Entlaſſung von dem ihm früher geleiſteten Hul⸗ digungseide. Er lud deshalb acht der angeſehenſten aus der Ritterſchaft auf den Reichstag zu Nuͤrnberg, um dort 1) Das erwähnte Schr. des Rom. Königes Schbl. VIII. 8. 2) Schr. des Vogts der Neumark, d. Arnswalde am T. Vin⸗ centii 1429 Schbl. XIV. 57.
Scanseite 568 · Druckseite 555
Verhältniffe des HM, mit dem Rom. Könige. (1430.), 555 ihr Geſuch zu erfüllen.) Man vermuthete aber nicht ohne Grund, daß die Verweigerung der Huldigung vor⸗ zuͤglich eine Folge heimlicher Einwirkungen und Einfluͤſterun⸗ gen des Kurfürften von Brandenburg bei den Neumaͤr⸗ kern ſey, denn daß dieſer dem Orden wegen der voͤlligen Zueignung der Neumark nicht wohlgeneigt ſey, konnte der Meiſter ſchon daraus entnehmen, daß er ſich nicht ohne Ruͤckſicht auf dieſes Land bald mit dem Könige von Po⸗ len, bald mit den Herzogen von Pommern in geheime Buͤndniſſe einlaſſen wollte.) Selbſt in Rom war es be: kannt, daß der Kurfuͤrſt gegen den Orden hinterliſtige und unfreundliche Geſinnungen hege.) Bevor indeß die Neu⸗ maͤrker der Ladung des Roͤm. Königes Folge leiſteten, ließen ſie durch vier Bevollmaͤchtigte beim Hochmeiſter eine urkundliche Zuſage auswirken, daß der Orden die Neus mark ewig bei ihren alten Rechten und Freiheiten laſſen wolle; dann erſt ging eine Geſandtſchaft an den Roͤm. König, worauf man ſpaͤter allgemein die Huldigung lei⸗ ſtete. Indeß fand es der Meiſter unter dieſen Um: ſtaͤnden doch nothwendig, das Haus Drieſen mit ſtarker Mannſchaft aus Danzig, Mewe und andern Burgen zahl: reicher zu beſetzen und Kuͤſtrin durch neue Bauwerke beſ⸗ fer zu befeſtigen. 9 Werfen wir einen Blick auf die innern Landesver: haͤltniſſe, ſo ſind die Wirkungen einzelner Huſſitiſcher I) Schr. des Rom. Koͤniges an die Ritterſchaft und Städte der Neumark, d. Tyrnau Freit. vor Oculi 1430 Schbl. XIII. 147. 5 2) Schr. des Vogts der Neumark, d. Schievelbein Mont. nach Himmelf. 1430 Schbl. XIII. 28. 3) Schr. des Johann Karſchau Pfarrer zu Neukirch, d. Rom am T. vincula Petri 1430 Schbl. II. 185. 4) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Soldin Donnerſt. nach Kreuz⸗Erfind. 1430 Schbt, IV. 104. 5) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Landeck Dienſt. vor Barthel. 1430 Schl. XIV. 27. Schr. des Vogts d. Neumark, d. Hermannsdorf Sonnab. zu Weihnachten 1430 Schbl. XIII. 76.
Scanseite 569 · Druckseite 556
556 Unruhen des Mönches Peter Wichmann zu Thorn. (1430.) Lehrſaͤtze auf die Denkart der Menſchen ſchon unverkenn⸗ bar. Immer mehr zeigte ſich theils ein Mangel an Ach⸗ tung gegen den geiſtlichen Stand, theils uͤberhaupt eine gewiſſe Auflöfung und Ungebundenheit im kirchlichen We⸗ fen. So mußte der Pfarrer von Stuͤblau Andreas Schönau den Schutz des Hochmeiſters und dieſer die Beihuͤlfe des Biſchofs von Pomeſanien in Anſpruch nehmen, weil ihm die ganze Dorfgemeine den Tod gedroht. ) Am meiſten litt Thorn unter ſolchen Aufregungen. Die dortigen Pre⸗ diger⸗Moͤnche im S. Nicolai = Klofter in der Neuſtadt wiegelten das Volk gegen ihre Pfarrer auf und benahmen ſich auf eine ſo unanſtaͤndige Weiſe, daß der Meiſter ſchwer erzürnt die nachdruͤcklichſten Maaßregeln gegen ſie anwenden wollte und nur durch die Fürbitte des Provin⸗ zials des Prediger-Ordens davon zuruͤckgehalten wurde. Bald indeß trat ein Moͤnch jenes Kloſters Magiſter Peter Wichmann, der das Amt eines Inquiſitors verwaltete, » Öffentlich in Predigten mit der Behauptung auf: das Volk ſey keinezwegs mehr verpflichtet, den Prieſtern und Pfarrherren ihre angeblichen Gerechtſame zukommen zu laſſen, denn die meiſten von dieſen ſeyen offenbar Ketzer, man muͤſſe fie eher fie Juden und Heiden als für Chri⸗ ſten halten und dem Teufel uͤbergeben, weil ſie das Volk nur zu verfuͤhren ſuchten; ja er hatte die Kuͤhnheit, ſie kraft der ihm vom Papſte (wie er vorgab) ertheilten Vollmacht vor ſich zu laden und mit dem Banne zu drohen. Da er indeß die Vollmacht nicht beweiſen konnte, ſo beriefen ſie ſich an den Roͤm. Hof und brachten die 1) Schr. des HM. an den Biſchof v. Pomeſanien, d. Marienb. Sonnt. Lätare 1430 Schbl. LXIII. 45. 2) Schr. des Provinzials der Poln. Provinz des Predigerordens, d. Krakau Pfingft. 1430 Schbl. XXX. 36. 3) Der Provinzial v. Polen nennt ihn Magistrum Petrum Inquisi- torem. In ſehr vielen Briefen wird er Weichmann genannt, Dushurg Supplem. e. 43 ſpricht nur. ſehr allgemein über die Sache. Zernecke Thorn. Chron. p. 48.
Scanseite 570 · Druckseite 557
Unruhen des Moͤnches Peter Wichmann zu Thorn. (1430.) 557 Sache zunächft zur Klage beim Biſchofe von Kulm, deſſen Gericht jedoch der Moͤnch ſich nicht unterwerfen wollte. Der Eindruck dieſer Vorgänge auf das Volk ward noch bedenklicher, als der Moͤnch mit der Erklarung auftrat: er wolle auch den Hochmeiſter und uͤberhaupt alle Gebie⸗ tiger daruber zur Rede ſtellen und befragen: ob ſie den rechten Chriſtenglauben hielten oder halten wollten? “ Mittlerweile wirkte der Ordensprocurator in Rom, vom Hochmeiſter beauftragt, für den Biſchof von Kulm zwei Bullen aus, nach welchen dieſer den Moͤnch nicht nur in ſeinem eigenen Sprengel, ſondern ſelbſt auch aus andern Biſthuͤmern vor ſich laden und Über ihn richten Fünne, mit der Zuſicherung, daß dem Vorgeladenen keine Appel⸗ lation nach Rom irgend etwas helfen ſolle. Allein ſeitdem nahm die Sache eine noch ungleich ernſtere Ges ſtalt an. Peter Wichmann wiegelte nun auch die übrigen Moͤnche ſeines Kloſters auf; ſie boten dem Biſchofe, der jetzt kraft der paͤpſtlichen Bullen mit Schaͤrfe eingreifen wollte, nicht nur foͤrmlich Trotz, ſondern hetzten auch an⸗ dere Geiſtliche und Laien gegen die biſchoͤfliche Gewalt auf, warfen oͤffentlich den Ordensrittern allerlei Verbre⸗ chen und Laſter vor und ſchienen uͤberhaupt dem Orden wie dem Biſchofe allen Gehorſam aufzukündigen. Sie hatten bereits auch einen großen Theil der Thorner Buͤr⸗ gerſchaft auf ihre Seite gebracht; die den Buͤrgern bekannt gemachten paͤpſtlichen Mandate wurden ſchon gar nicht weiter beachtet, fo daß es faſt ſchien, als ſolle in Thorn ein eigenes Moͤnchsregiment errichtet werden. Es blieb auch fruchtlos, als der Biſchof acht von den Moͤnchen in den Bann erklaͤrte, denn ſie ſetzten ihr Unweſen fort. 1) Schr. des Hauskomthurs v. Thorn, d. Thorn Sonnab. vor Philippi und Jacobi 1430 Schbl. LXIII. 34, 2) Schr. des HM. an den Procurator, d. Stuhm Mittw. nach Miſericord. 1430, Schbl. LXIII. 25. 3) Schr. des Procurators, d. Rom 25 Sept. 1430 Schbl. I. 64,
Scanseite 571 · Druckseite 558
558 Unruhen des Moͤnches Peter Wichmann zu Thorn. (1430.) Da ließ der Hochmeiſter auf des Biſchofs Rath v den Prior und die ſechs aͤltern und unruhigſten Moͤnche durch den Komthur von Thorn aus dem Lande jagen. Aber auch dieſe Maaßregel ſchlug den aufruͤhreriſchen Moͤnchs⸗ geift noch keineswegs nieder. Eine durch den Ordens⸗ Provinzial von Polen eingeleitete Vermittlung zur Aus⸗ gleichung des Streites durch den Biſchof und das Kapi⸗ tel von Ermland blieb ohne Erfolg.“ Peter Wichmann trieb ſich eine Zeitlang in Deutſchland umher. Seine Streitſache aber gelangte auch bald nach Rom und dort erwartete man eben nicht einen fuͤr den Orden guͤnſtigen Ausgang, weil ein Biſchof des Prediger-Ordens, des Papſtes Beichtvater bei dieſem einen ſo großen Einfluß hatte, daß er wohl leicht eine nachtheilige Entſcheidung bewirken konnte, wenn ſich Peter Wichmann an ihn wandte. Nur dem eifrigen Bemuͤhen des Ordensprocurators war es zuzuſchreiben, daß es im paͤpſtlichen Conſiſtorium, wo die Sache zur Sprache gebracht wurde, zu keiner entſchiedenen Erklaͤrung kam.) In Thorn ſelbſt aber war auch nach Vertreibung jener Moͤnche noch keine Ruhe eingetreten, denn die zuruͤckgebliebenen Moͤnche fuhren trotz dem fort, durch Predigten und andere heimliche Umtriebe das Volk immer von neuem aufzuhetzen und da ihre aufwiegelnden Reden haͤufig auch gegen den Komthur und den Orden uͤberhaupt zielten, ſo mochte die Vermuthung nicht ohne Grund ſeyn, daß der unruhige Geiſt der Moͤnche ſeine Nahrung eigentlich 1) Schr. des Biſchofs v. Kulm an d. HM. d. Löbau Freit. nach Lucia (1430) Schbl. LI. 81. 2) Schr. des HM. an den Provinzial v. Polen, d. Oſterode Freit. nach Epiphan. 1231 Schbl. LII. 88. Schr. des Biſchofs v. Ermland an den HM. d. Heilsberg am T. Vincent 1431 Schbl. LII. 57, Schr. des Provinzials v. Polen an den HM. d. Ploczk Sonnt. Ne⸗ miniſcere 1431 Schbl. XXX. 35, 3) Schr. des Procurators, d. Rom 20. Aug. 1431 Schbl. II. 1. Schr. des Felir Pechwinkel an den Kaplan des HM. d. Rom 3 Jan. 1432.
Scanseite 572 · Druckseite 559
— Der Landesrath. (1430.) 559 aus Polen erhalte.) So war es bis zum Jahre 1432 dahin gekommen, daß die Moͤnche und Stadtgeiſtlichen ſich gegenſeitig fir gebannt erklaͤrten, die Pfarrkirche geſchloſſen war, kein Geiſtlicher mehr Meſſe hielt und ſelbſt der Kom⸗ thur durch keinen Befehl bewirken konnte, daß der Got: tesdienſt ungeſtoͤrt gefeiert werde. Die ganze Buͤrgerge⸗ meine war in Parteien getheilt und ſelbſt der Magiſtrat hatte keine durchgreifende Gewalt mehr; wenigſtens wagte er es nicht, einen aufruͤhreriſchen Buͤrger, Hans Golau, der durch das Vorgeben, Bullen und Briefe aus Rom erhalten zu haben, wodurch die Gebannten vom Banne frei geſprochen wuͤrden, neue Verwirrung und Gaͤhrungen im Volke anregte, zu beſtrafen. So war in Thorn mehre Jahre lang faſt alle kirchliche Ordnung aufgelöft, ? In Beziehung auf die Landesverwaltung ward auf einer Tagfahrt zu Elbing ſchon im Fruͤhling dieſes Jahres die ſchon fruͤher getroffene Einrichtung des ſ. g. Landes⸗ rathes wieder erneuert, vielleicht weil er bisher in ſeiner Wirkſamkeit noch nicht die Stellung gehabt, welche die Stände des Landes von ihm erwartet hatten.“ Es wur⸗ 1) In einem Schr. an den HM. d. Nom am Gilveftertag 1431 wird in der Mönchsſtreitigkeit auf den König von Polen ziemlich deutlich hingewieſen. 2) Schr. des Komthurs v. Thorn an den HM. d. Dienſt. nach Reminiſc. 1432 und ein anderes, d. Lewen Dienſt. nach Invocavit 1432 Schbl. LI. 102 und 103. Vgl. Zernecke Thorn. Chron. p. 48. Dusb. Supplem. c. 43. 8) ueber den Grund dieſer Erneuerung des Landesrathes wiſſen wir nichts Beſtimmtes; was Kotzebue B. III. S. 221 — 222 und S. 463 — 464 darüber ſagt, find bloße Vermuthungen. Möglich waͤre, daß die Anforderungen des HM. an das Land wegen der Beihülfe gegen die Ketzer Anlaß gegeben habe. Wir hören wenigſtens, daß dem Komthur von Danzig ſowohl aus der Stadt als vom Lande Klage dar⸗ über zukam, daß der HM. bei den bisherigen Berathungen über Kriegs⸗ ruͤſtungen niemand vom Lande oder von den Städten zugezogen habe. Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Danzig Mont. nach Aller Heil. (1429) Schbl. LX. 109. ?
Scanseite 573 · Druckseite 560
560 Der Landesrath. (1430.) de beſtimmt: der große Landesrath ſolle beſtehen aus dem Meiſter, ſechs Gebietigern, ſechs Praͤlaten, ſechs aus der Landesritterſchaft und ſechs von den Staͤdten, alles red⸗ liche, rechtſchaffene und erfahrene Männer, vom Hochs meiſter und dem Lande gewaͤhlt, ohne deren Beirath und Zuſtimmung keine wichtige Landes angelegenheit beſchloſſen und ausgeführt werden ſolle. Der Meiſter folle ihn jedes Jahr wenigſtens einmal verſammeln, um Über die Landes⸗ verwaltung, beſonders die Muͤnze mit ihm zu berathen; man ſolle dann darauf achten, daß jedem feine Privile⸗ gien und Beſitzrechte unangetaſtet blieben; Streit daruͤber ſolle der Meiſter und der große Rath entſcheiden; kein Unterthan des Ordens ſolle ohne Gericht und Urtheil an Leib und Gut geſtraft werden. Ohne des Rathes und der Staͤnde Bewilligung ſolle der Hochmeiſter dem Lande weder einen Schoß noch ſonſt eine beſchwerliche Abgabe auferlegen durfen, wobei ſich jedoch der Meiſter die Ges rechtſame ſeines Ordens vorbehielt, die ihm durch kaiſer⸗ liche Privilegien zugeſichert waren.) Veraͤndert und ums geſtaltet wurde jedoch die Verfaſſung und Landesverwal⸗ tung dadurch wohl keineswegs und der Hochmeiſter in ſeinen landesherrlichen Rechten auf keine Weiſe mehr be⸗ ſchraͤnkt als er es bisher ſchon war. 2 Auch konnte im Character ſeiner Regierung ſchwerlich irgend ein Grund zu einer eingreifenden Neuerung liegen, denn milder und ſchonender als jetzt die Anforderungen des Ordens waren, 1) So bei Schütz p. 117 — 118, Baczko B. III. S. 170; es iſt auffallend, daß ſich im Archiv keine Spur von dieſen Beſtimmun⸗ gen vorfindet. Wenn man nicht annehmen müßte, daß Schütz hiebei irgend eine alte Nachricht vor Augen gehabt habe, fo dürfte faſt zu zweifeln ſeyn, ob wirklich eine ſolche Erneuerung der bisherigen Ein⸗ richtung Statt gefunden habe. 2) Die bei Baczko a. a. O. und Kotzebue B. III. S. 222 aufgeſtellte Anficht von einer neuen Umgeftaltung der Staatsverfaſſung Preuſſens durch dieſe Anordnung iſt offenbar unrichtig.
Scanseite 574 · Druckseite 561
Der Landesrath. (1430.) 561 konnten fie kaum je geweſen ſeyn.) Freilich war ber Ordensſchatz jetzt nicht mehr im Stande, den Dienſtpflich⸗ tigen wie fruͤherhin ihre Dienſte durch Unterſtuͤtzungen zu erleichtern und Verunglückten wie vordem durch Vorſchuͤſſe oder Huͤlfsſummen ſchneller wieder empor zu helfen. So konnte auch in dieſem Jahre wenig zur Linderung der Noth geſchehen, als eine ſeuchenartige Krankheit in den meiſten Theilen Preuſſens, beſonders in Ermland, Pome⸗ ſanien und Kulmerland die Pferde in ſo außerordentlicher Zahl wegraffte, daß der Biſchof von Ermland nicht ein⸗ mal die noͤthigen Reiſepferde aufbringen und im Kulmer⸗ land die Feldarbeit nicht mehr beſtellt werden konnte. > 1) Bgl. daruͤber die Schr. der Komthure v. Elbing und Chriſt⸗ burg Schbl. XXIII. 8. LIII. 45, LIV. 16, 2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Lewen am Abend Simon und Juda 1430 Schbl. LXXII. 114, VII 36
Scanseite 575 · Druckseite 562
562 Verhandlungen mit dem Großfuͤrſten Switrigal. (1431.) Sechſtes Kapitel. Witowds Tod waͤre wohl in jeder fruͤheren Zeit ein Gluͤck für Preuſſen und den Orden geweſen, jetzt indeſſen keineswegs. Da er kinderlos geſtorben war, ſo konnten vier Fuͤrſten auf die Herrſchaft Litthauens Anſpruͤche er⸗ heben, die Fuͤrſten Sigismund von Starodub, Witowds Bruder, Alexander von Kiew, Sigismund Koribut, den die Böhmen zum Könige erwaͤhlt, und Herzog Switrigal, des Polniſchen Königes Bruder. Es fehlte keinem ganz an Anhang im Lande.) Der König ſelbſt wollte, wie es ſcheint, die Entſcheidung geben, denn man behauptete, Witowd habe kurz vor ſeinem Tode das Großfuͤrſtenthum ihm als Erbherrn wieder uͤbergeben und ſeine Großen an ihn als ihren erblichen Oberherrn gewieſen.) Allein eben dieſe Großen Litthauens und Reußens veranſtalteten ſofort eine Zuſammenkunft und erkoren einmuͤthig Herzog Switrigal zum Herrn ihres Landes, wozu dann auch der Koͤnig ſeine Zuſtimmung gab. Auf des neuen Groß⸗ fürften Forderung mußte er darauf die Zuſicherung aus⸗ ſtellen, mit Switrigal bald einen Tag zur Abſchließung eines feſten und ſichern Friedens aufzunehmen. Erſt nach dieſer Zuſage — denn fo lange hielt ihn der Großfuͤrſt in ſeiner Umgebung — ließ ihn dieſer mit Geſchenken 1) Kojalowiez p. 140. 2) Bericht im Fol. C. p. 288, wonach auch mehre Polniſche Gro⸗ ßen aus des Koͤniges Begleitung ſich alsbald aufmachten, um ſich in Podolien der Landesburgen zu bemaͤchtigen; vgl. Dlugoss. p. 539. 3) Fol. C. I. e. Kojalowiez p. 141. Windeck I. e. p. 1227.
Scanseite 576 · Druckseite 563
Verhandlungen mit dem Großfuͤrſten Switrigal. (1431.) 563 beehrt in fein Reich zurückkehren.) In Polen aber war mittlerweile das Geruͤcht, der Koͤnig werde von Switrigal gefangen gehalten, ſo allgemein verbreitet, daß die Reichs⸗ großen an den Hochmeiſter bereits die Aufforderung hatten ergehen laſſen, mit feiner Kriegsmacht ihnen zu des Koͤ⸗ niges Befreiung Hülfe zu leiſten. Der Meiſter lehnte es ab, denn gefangen war dieſer keineswegs. Switrigal indeß kannte laͤngſt ſeines Bruders ganzes Weſen und bewarb ſich deshalb ſofort nicht nur um die fortdauernde Freundſchaft und Huͤlfsgenoſſenſchaft des Ordens durch Unterhandlungen mit dem Meiſter von Livland, ſondern er ließ auch durch eine Geſandtſchaft dem Röm. Könige, dem er ſeine Erhebung anzeigte, das Erbieten vorlegen: er ſey bereit, mit ihm und dem Orden ein Hüͤlfsbuͤndniß abzuſchließen gegen jeden, der einen von ihnen angreifen werde; auch dem Könige von Polen möge der Zutritt frei ſtehen; wolle man ihm, wie ſeinem Vorfahr, die Koͤ⸗ nigskrone geben, ſo werde er ſie gerne annehmen und dafür, wie ein Sohn feinem Vater, ewig dankbar ſeyn u. ſ. w.) Der König nahm dieß freundlich auf, ſagte ihm ſowohl das Bündniß als die Königskrone bereitwillig zu, erbot ſich ſogar, ſelbſt nach Preuſſen kommen zu wollen, um das Bündniß und die Krönung zu vollziehen; nur rieth er, erſteres auf jedem Falle unter ihnen zuerſt abzuſchließen und dann erſt dem Koͤnige von Polen den Beitritt frei zu ſtellen, weil ſonſt neue Hinderniſſe zu be⸗ fürchten ſeyen. Dem Hochmeiſter ward die ganze An⸗ ordnung und Vermittlung in dieſen Verhaͤltniſſen uͤber⸗ 1) Fol. C. 1. C. Die Zuſage des Koͤniges, d. Troky feria III ante festum b. Martini 1430 Schbl. XXIII. 17. Diugoss. p. 563. Kojalowiez p. 142. 2) Fol. C. p. 289. 3) Schr. des Meiſters v. Livland an d. HM. d. Trikaten Mont. nach Eliſabeth 1430 Schbl. XVII. 96. ) Schr. des Großfürſten Switrigal an den Röm. König, d. Traken Donnerſt. vor Martini 1430 Abſchrift Schol. XVII. 84. 36 *
Scanseite 577 · Druckseite 564
564 Verhandlungen mit dem Großfürften Switrigal. (1431.) tragen, denn auf ihn ſetzte Sigismund das groͤßte Ver⸗ trauen; er ſollte mit Switrigal alles zuvor berathen und vorbereiten. Seine Stellung jedoch erforderte gerade jetzt die moͤglichſte Vorſicht. Der König naͤmlich war kaum nach Polen zuruͤckge⸗ kehrt, als die Reichsgroßen mit der Erklaͤrung auftraten: er habe ohne ihre Zuſtimmung in die Wahl des neuen Großfürften nicht einwilligen und ihn als ſolchen nicht anerkennen dürfen, denn Litthauen ſey ihrem Koͤnigreiche einverleibt. Die Großen Litthauens aber ſprachen dem aufs entſchiedenſte entgegen. Unterhandlungen brachten keinen Erfolg. Offenbar war dieß alles des Koͤniges hinterliſtiges Werk, denn nun ließ er dem Hochmeiſter ein Bündniß gegen Litthauen anbieten. Dieſer wies es jedoch mit Glimpf zuruͤck, trug aber Anfangs auch Be⸗ denken, mit Switrigal ein offenes Bündniß einzugehen, weil ein ſolcher Schritt den König jedenfalls beleidigen mußte.) Da indeß die Gefahr wegen eines Einfalls der Huſſiten ins Ordensgebiet jetzt wieder naͤher trat, weil ihr Haß jetzt mehr als je ſich gegen alle geiſtlichen Orden wie in Boͤhmen, ſo in andern Laͤndern gerichtet hatte, ) da ſich auch die Nachricht verbreitete, daß zu Krakau ein Berathungstag zwiſchen den Polen und Huſſi⸗ ten Statt gefunden, der König ſich mit dieſen verbinden wolle, ihnen bereits den Einzug in ſein Reich und den Ankauf von Pferden, Waffen und allerlei Kriegsbeduͤrf⸗ niſſen verſtattet habe, fo kunuͤpfte der Hochmeiſter auf 1) Bericht der Botſchafter Schbl. XVII. 84, 2) Bericht im Fol. C. p. 289. Diugoss. p. 573 — 574. 3) Schr. des HM. an d. Meiſter v. Livland, d. Soldau Mittw. vor Priſcà 1431 Schbl. XVII. 104. Bericht der Botſchafter Schbl. XVII. 84. 4) Fol. C. b. 289, wo es von den Huſſiten heißt: allen Orden waren ſie gehas, yn erem lande czu Behmen ſie alle Orden hatten mit eren cloſtern vortreben und verſtoret. 5) Fol. C. I. o. Diugoss, p. 575.
Scanseite 578 · Druckseite 565
Verhandlungen mit dem Großfuͤrſten Switrigal. (1431.) 565 den Rath des Meiſters von Livland bald naͤhere Unter⸗ handlungen zu einem Bündniſſe mit dem Großfuͤrſten an, doch alſo, daß er ihm vorerſt nur die Ausſicht zur Huͤlfs⸗ genoſſenſchaft eröffnete, ohne noch einen foͤrmlichen Vertrag darüber abzuſchließen, denn fo nothwendig der Hochmeiſter für ſich auch Switrigals Freundſchaft fand, fo vorſichtig und beſonnen mußte er doch des Koͤniges von Polen we⸗ gen in der Sache zu Werke gehen. Bald indeß ruͤckte die Gefahr noch naͤher. Die Nach⸗ richt, daß der Koͤnig von Polen, weil der Hochmeiſter das Buͤndniß mit ihm zurüdgewiefen, gegen den Orden Krieg beſchloſſen habe, und der Umſtand, daß in Polen wirklich nicht bloß gewaltig geruͤſtet wurde, ſondern be⸗ reits auch zwei Polniſche Hauptleute, die als Ketzer be⸗ kannt waren, der Herzog Sigismund nach Dobrin und der Hauptmann Puchala nach Bromberg, beide mit ſtar⸗ ken Heerhaufen an die Graͤnze Preuſſens gezogen waren, ſetzten den Hochmeiſter in die groͤßte Beſorgniß. Sie wurde noch vermehrt, als drei Komthure, die als Bot⸗ ſchafter zum Roͤm. und Polniſchen Koͤnige ausgeſandt wa⸗ ren, an der Graͤnze Polens zuruͤckgewieſen wurden, woraus man ſchloß, daß der Krieg gegen den Orden in Polen bereits entſchieden ſey.) Der Hochmeiſter wollte daher ſofort die Komthure von Balga und Ragnit zum Groß⸗ fuͤrſten entſenden, um mit ihm das Buͤndniß zu beſchleu⸗ nigen, als ihm dieſer zuvorkommend durch eine Bot: ſchaft die Praͤliminarien zu einem gegenſeitigen Huͤlfs⸗ buͤndniſſe entgegenbringen ließ. Er ſchlug zugleich zum foͤrmlichen Abſchluſſe des Buͤndniſſes eine perſönliche Zu⸗ ſammenkunft vor und der Hochmeiſter nahm beides jetzt 1) Fol. C. p. 290. Schr. des Meiſters v. Livland an den HM. d. Burtnik Dienſi. nach Vincentii 1431 Schbl. X. 12. 2) Schr. des HM. an den Procurator, d. Stuhm Sonnt. Qua⸗ ſimodogen. 1431 Schbl. XXIV. 75. 3) Die Verhaltungsbefehle für die Komtbure Schbl. XXIV 57. XVII 81.
Scanseite 579 · Druckseite 566
566 Hütfsbimdniß des Ordens mit Switrigal. (1431.) ohne weiteres an, denn auch der Noͤm. König mahnte ſowohl den Hochmeiſter als den Großfuͤrſten zur Beſchleu⸗ nigung des Buͤndniſſes und zur Vorſicht gegen den Koͤnig von Polen. Diefer jedoch ſuchte vorerſt den Ernſt feiner Kriegs⸗ rͤſtungen hinter dem Scheine friedlicher Unterhandlungen noch zu verſtecken; den Großfuͤrſten wollte er durch die Hoffnung taͤuſchen, auf dem zu Pfingſten anberaumten Verhandlungstage werde aller Streit zwiſchen ihnen aus⸗ geglichen werden; auch mit dem Hochmeiſter knuͤpfte er neue Unterhandlungen an und ließ die Komthure von Thorn und Danzig, die fruͤher an der Graͤnze zuruͤckge⸗ wieſen waren, auffordern, aufs eiligſte zu ihm zu kom⸗ men. Allein keiner von ihnen ließ ſich uͤberliſten. Swi⸗ trigal verſicherte ſich der Beihuͤlfe des Oberhauptes der Tataren mit deſſen ganzer Kriegsmacht und nahm auch gerne die Zuſage des Herzogs Wladislav von Maſovien, ſeines Schweſterſohnes, an, ihm mit Huͤlfsvolk beizuſtehen, ſofern er verſchiedene von Witowd ſeinem Anherrn ent⸗ riſſene Beſitzungen wieder zurückerhalten werde.. Des⸗ gleichen begannen auch in Preuſſen, beſonders in den Lan⸗ den an der Polniſchen Graͤnze kriegeriſche Ruͤſtungen und 1) Die Präliminarartidel, d. Marienb. Freit. nach Kreuz⸗Erfind. 1431 Schbl. XXIV. 52. 2) Schr. des Rom. Königes an den HM. d. Nürnberg Dienſt. nach S. Georgstag 1431 Schbl. IV. 60. Raynald. I. c. an. 1431 8. 3) Schr. Switrigals an d. Ordensmarſchall, d. Novogrodek Sonnt. vor Philippi und Jacobi 1431 Schbl. XVII. 39. Nach Diugoss. p. 574 ſoll den König eine Ohrfeige ſehr verdroſſen haben, die Switrigal einem Poln. Geſandten gab. 4) Schr. des Hauptmannes v. Neu = Leſlau an d. Komthur v. Thorn, dat. Nyeschovie ipso die domin. Pasche 1431, Schbl. XXX. 58, 5) Schr. Switrigals an den HM. d. Garthen in vigil. ascension. 1431 Schbl. XVII. 40; vgl. Kotzebue Switrigal S. 55. Schr. deſſelben an den HM. d. Kriczow Sonnab. vor Pfingſt. (1431).
Scanseite 580 · Druckseite 567
Hiufsbinonig des Ordens mit Switrigal. (1131.) 567 bald ſtand dort alles ſchlagfertig und zum Auſbruche be: reit da. Da jetzt der Großfuͤrſt den Hochmeiſter je mehr und mehr zum Abſchluſſe des Buͤndniſſes draͤngte, bevor noch der mit dem Koͤnige verabredete Verhandlungstag heran⸗ nahete, ſo trat dieſer um die Mitte des Juni die Reiſe nach Litthauen an. So freudig als ehrenvoll empfing ihn Switrigal zu Chriſtmemel, wo ſich eine große Zahl der Litthauiſchen Großen um ihren Herrn verſammelt und auch der Meiſter von Livland ſich eingefunden hatte. Man kam nach kurzen Verhandlungen über das Bündniß in folgenden Punkten überein: werde der Großfuͤrſt oder der Orden von irgend jemand mit Krieg uͤberzogen, fo ſolle einer dem andern mit ſeiner ganzen Macht oder ſo ſtark es der Angegriffene verlange, zu Huͤlfe ziehen; wolle ei: ner aus redlichen Urſachen ſelbſt Krieg anheben, ſo ſolle es nur mit Rath und Willen des andern geſchehen. Er⸗ oberungen an Landen, Städten, Schloͤſſern u. ſ. w. ſoll⸗ ten gleichmaͤßig getheilt werden. Die Graͤnzen ihrer Lan⸗ de ſollten bleiben, wie ſie zu Witowds Zeit beſtimmt worden, und Irrungen guͤtlich ausgeglichen werden; kei⸗ ner von beiden ſolle mit irgend jemand ein Bündniß oder einen Suͤhnevertrag eingehen, ohne zugleich den andern mit einzuſchließen. Der Bund aber ſolle auch unter des Großfuͤrſten und des Meiſters Nachfolgern noch fortbe⸗ ſtehen und von neuem befeſtigt werden. Mit Abſicht war im Bundesbrlefe des Königes von Polen Name weiter nicht genannt. Kaum aber war der Hochmeiſter nach Preuſſen zuruͤck⸗ gekehrt, als Switrigal die Nachricht erhielt, daß die Po⸗ 1) Schr. des Pflegers v. Raſtenburg an d. HM. d. Raſtenb. am T. Invention. Stephanie 1431 Schbl. XIX. 17, 2) Die Urkunde über das Bündniß, d. Kirsmemel Dienft, vor Johannis Bapt. 1431 im Fol. C. p. 290, gedruckt bei Kotzebue B. III. S. 468 — 471. Unter den Zeugen find auch die vier Biſchbfe in Preuſſen genannt.
Scanseite 581 · Druckseite 568
568 Drohende Stellung gegen Polen. (1431.) len ſich mit Heeresmacht an drei Orten ſeinen Graͤnzen näherten und zum Theil in fein Gebiet ſchon eingebrochen ſeyen;! er erſuchte daher den Meiſter aufs dringendſte, ſofort in Preuſſen ein allgemeines Kriegsgebot ergehen zu laſſen, um dadurch den Feind zum Ruͤckzuge in ſein Land zu noͤthigen und wenn dieſer nicht erfolge, eiligſt in Po⸗ len einzufallen und dort des Koͤniges Waffen zu beſchaͤf— tigen.) Alſo war der Krieg nun voͤllig entſchieden; des Koͤniges Abſagebrief und das Einruͤcken eiuer ſtarken Hee⸗ resmacht in die großfuͤrſtlichen Lande verkuͤndigten dem Großfuͤrſten ſeinen Beginn.) Da jetzt neue Opfer vom Lande gefordert werden mußten, ſo hielt der Meiſter fuͤr nothwendig, den Landen und Staͤdten durch die Komthure die Gruͤnde vorlegen zu laſſen, die ihn bewogen, ſich mit dem Großfuͤrſten von Litthauen gegen den König von Po- len zu gegenſeitiger Huͤlfe zu verbinden, wovon der wich⸗ tigſte der war, daß der Großfuͤrſt, vom Könige gedrängt, ſich unfehlbar mit dieſem gegen den Orden hätte vereis nigen muͤſſen, wenn letzterer nicht ihm als Huͤlfsgenoſſe zur Seite getreten wäre, weshalb auch ſelbſt der Roͤm König zu einem Buͤndniſſe mit Litthauen gerathen.) Zur gleich gebot er im ganzen Lande eiligſte Ruͤſtung, ſandte nach Soldtruppen aus, befahl aus der Neumark Kriegs: volk herbeizuführen und dort die Burgen und Städte in beſtem wehrhaften Stand zu halten, denn mit jeden Tage war zu erwarten, daß nun der Koͤnig auch dem 1) Schr. Switrigals an den HM. d. Wilna Mont. nach Johannis Bapt. 1431 Schbl. XVII. 29. Kejelowiez p. 144 — 145. 2) Schr. Switrigals an den HM. d. Novogrodek Dienſt. nach Vi⸗ ſitat. Maria 1431 Schbl. XVII. 25. Schr. deſſelb. an den Ordensmar⸗ ſchall vom näml. Dat. Schbl. XVII. 30. 3) Fol. C. p. 292 — 293. Schr. Switrigals an den HM. d. an der Wildniß beim Bache Przipeth Sonnt. am T. der Apoſtels⸗ Theil. 1131 Fol. C. p. 293. 4) Die Erklärung des HM. d. am T. Divlſton. Apoſtol. 1431 Schbl. XXIII. 140 u. Fol. C. p. 290.
Scanseite 582 · Druckseite 569
Drohende Stellung gegen Polen. (1431.) 569 Orden den Frieden aufkuͤndigen werde.) Dieſer indeß ſchlau bemüht, Switrigals Verbündete fo lange als moͤg⸗ lich noch unthaͤtig zu halten, entſchuldigte ſich nicht nur beim Roͤm. Koͤnige, daß er ihm wegen des nothwendigen Krieges gegen ſeinen treuloſen Bruder, der ihm unrecht⸗ mäßig die zu Polen gehörigen oͤſtlichen Lande entriſſen, keinen Beiſtand zur Bekaͤmpfung der Ketzer leiſten koͤnne, ſondern forderte ihn ſogar ſelbſt zur Mithuͤlfe im Kriege gegen den Großfuͤrſten auf. Auch mit dem Hochmeiſter knuͤpfte er freundliche Unterhandlungen an, ließ ihm zuerſt durch den Biſchof von Leſlau den verbindlichſten Dank fuͤr ſeine vielen Bemuͤhungen zum Frieden zwiſchen Polen und Litthauen bezeugen und ihn ſeiner friedlichen Geſinnungen und ſeines fernern treuen Feſthaltens am ewigen Frieden verfichern, ? dann durch den Erzbiſchof von Gneſen Ver⸗ handlungen wegen eines zwiſchen ihm und dem Hochmei: ſter zu haltenden Tages einleiten,“ und wandte ſich end⸗ lich ſelbſt in hoͤflichen und freundlichen Worten an dieſen, theils um ihm von Olgjerds Zeiten her ſeine unbeſtritte⸗ nen Rechte auf die Oberherrſchaft Litthauens zu beweiſen, theils ihm zu berichten, wie undankbar, ja ſchimpflich und ſchwachvoll er ſeit Witowds Tod von feinem Bruder Swi⸗ trigal behandelt worden, wie ſehr er ſich um die Aufrecht— haltung des Friedens bemüht, wie dringend er den Bru- der erſucht habe, von ſeinem widerrechtlichen und gewalt⸗ 1) Schr. des HM. an d. Vogt der Neumark, d. Stuhm am T. Jacobi 1431 Schbl. XIII. 84; ein anderes an Lamprecht von Wedel vom näml. Dat. Schbl. VIII. 88. 2) Schr. des Königes v. Polen an d. Rom. Konig, d. in loco campestri esoreituum nostrorum super fluvio Bug prope Urodlo sabbato in vigilia s. Marte Magdal. 1431 Schbl. XXIV. 67. 3) Gewerbe des Biſchofs d. Leſlau an den HM. am Dienſt. nach Jacobi 1431 Fol. C. p. 295. Schr. d. HM. an den Biſchof, d. Mar rienb. am T. Dominici Confeſſ. 1431 Fol. C. p. 297. 4) Schr. des Erzbiſchofs von Gneſen an d. HM. d. in Lowiez “es. politi et se. 1431 Fol. C. p. 297; die Antwort des HM. bp. 298.
Scanseite 583 · Druckseite 570
570 Krieg mit Polen. (1431.) thätigen Verfahren abzuſtehen u. ſ. w.; kurz der König bot alle moͤglichen Redekuͤnſte und Vorſtellungen auf, um den Meiſter von ſeinem redlichen, liebreichen und friedfer⸗ tigen Verhalten gegen ſeinen Bruder zu Überzeugen, wes⸗ halb er ihm ſelbſt den mit dieſem geführten Brieſwechſel überfandte. D Obgleich der Hochmeiſter hierauf weiter keine Antwort gab, ſo erhielt er doch bald vom Koͤnige, der bereits bis Luczk vorgedrungen war, die Stadt bela⸗ gerte und berannte, neue freundliche Berichte uͤber ſein Waffenglück, um vielleicht auf ſolche Weiſe den Hochmei⸗ ſter vom Großfürſten abzuziehen. 9 Der Meiſter indeß ließ ſich nicht verlocken, fort und fort unermüdlich thaͤtig, theils um an der Graͤnze Polens von Maſovien an bis in die Neumark hin die noͤthige Mannſchaft zur Wehr des Landes aufzuſtellen, zumal da trotz der ſcheinbar friedlichen Geſinnungen des Koͤni⸗ ges ſich an der Graͤnze Polens hie und da kriegeriſche Bewegungen zeigten und bei Bromberg und Nakel ſich feindliche Heerhaufen fammelten , ? theils um im Lande ſelbſt die Ruͤſtungen zu beſchleunigen, denn es behemm⸗ ten ſie manche Schwierigkeiten, beſonders der große Man⸗ gel tauglicher Kriegspferde wegen der Seuche im vorigen Jahre. Der Komthur von Memel z. B. konnte nicht einmal einen Wagen beſpannen, um fein Reiſegeraͤth wei⸗ ter zu bringen; ® ebenſo konnte das Ermland nur eine geringe Mannſchaft ſtellen. Die Dienſtpflichtigen mußten 1) Schr. des Koͤniges v. Polen an d. HM. dat. in loco exeici- iuum nostror. ante Irodlo subbato post b. Alevii 1431 Fol. C. p. 299. 2) Schr. des Königes v. Polen an den HM. d. iu Luczka feria IV ipso die viucula Petri 1431 Fol. C. p. 303. Dusb. Supplem. c. 43. 3) Schr. des Pflegers v. Raſtenburg an d. HM. d. Naltenl, am T. Transfigurat. 1431 Schbl. XXIII. 151. 4) Schr. des Komthurs v. Schwez, d. Sonnt. nach Laurent. 1431 Schbl. LXXXV. 94. 5) Schr. des Komthurs v. Memel, d. Memct am T. Transſigu⸗ rat. 1431.
Scanseite 584 · Druckseite 571
Krieg mit Polen. (1431.) 571 fi) zwar bereit erklaren; allein die beſten darunter woll⸗ ten laut ihrer Privilegien nur bis zur Graͤnze des Erm⸗ laͤndiſchen Sprengels ziehen; auch aus den Städten und vom Bauernſtande war keine betraͤchtliche Zahl zu erwar⸗ ten, weil es auch hier theils an Geld zur Ausruͤſtung, theils an den noͤthigen Pferden fehlte. Dieß hatte auch nachtheiligen Einfluß aufs Balgaiſche Komthurgebiet, wo ſich die Bewohner von Stadt und Land, ſich auf die Ermlaͤnder berufend, ebenfalls ſtraͤubten, ſich in der ver: langten Anzahl zu ruͤſten und es mußte daher der Kom⸗ thur ſeine ganze amtliche Macht aufbieten, um die noͤthige Mannſchaft zuſammenzuhringen. Da jetzt der Großfuͤrſt, von des Koͤniges Kriegsmacht immer mehr bedraͤngt, den Meiſter aufs neue dringend um Huüͤlfe erſuchte und an das Huͤlfsbuͤndniß erinnerte, erwiederte ihm dieſer: „Wir haben uns mit allen den unſrigen zugerichtet und ſind bereit, mit unſerer ganzen Macht ins feindliche Land einzufallen und euch in aller Weiſe beizuſtehen, damit ihr in der That findet, daß wir es mit Treue meinen und unſerer Verſchreibung Gnüͤge leiſten. Habt guten Muth und zweifelt nicht; doch duͤrft ihr ohne den Orden keinen Frieden ſchließen, denn wir vermuthen wohl, wenn die Polen unſern Ernſt ſehen, ſo werden ſie ſich zuruͤckwenden und ihren Zug gegen unſere Lande richten; dann aber laſſet nicht ab „ ſondern bedraͤn⸗ get, uͤberziehet und beſchaͤdiget fie, fo fehr ihr nur könnt.“ Bald darauf, am ſiebzehnten Auguſt ſandte der Hochmei⸗ ſter dem Koͤnige einen Abſagebrief, darin als Grund zum Kriege hervorhebend, daß der Koͤnig, obgleich mit dem Orden im Frieden, ſeinen Bruder aufgefordert habe, mit 1) Schr. des Komthurs v. Balga an d. HM. d. Eilau am T. Aſſumtion. Mariä 1431 Schbl. LXVI. 135; er giebt darin einen Be⸗ richt des Biſchofs von Ermland über den Zuſtand feines Biſthums. 2) Schr. Switrigals an den HM. d. Stepanie Donnerſt. nach setava s. Pauli 1431 u. Antwort des HM. darauf, d. Marienb, Sonnt. dach Laurent. 1431 Fol. C. p. 303 — 304.
Scanseite 585 · Druckseite 572
572 Einfälle des Ordensheeres ins Poln. Gebiet. (1431.) ihm in einem Bündniſſe vereint, jenen zu vernichten, wie Switrigal nicht nur mündlich verſichert, ſondern ſich auch aus andern beweislichen Umſtaͤnden ergeben habe, alſo daß man fuͤrwahr wiſſe, der Koͤnig ſinne Tag fuͤr Tag auf nichts mehr, als den Orden gaͤnzlich zu Grunde zu richten.) Alsbald ließ nun der Meiſter, da die Graͤnze nach Maſovien hin durch eine dort aufgeſtellte Landwehr unter dem Pfleger von Raſtenburg hinlaͤnglich gedeckt war, ® zum Einfall in Polen ein dreifach getheiltes Heer in Be⸗ wegung ſetzen. Der Ordensmarſchall mit niederlaͤndiſchem Kriegsvolke unter den Komthuren von Ragnit, Branden- burg und Balga, mit dem Komthur von Chriſtburg ver⸗ eint, ging, nicht ohne große Schwierigkeiten wegen des hohen Waſſerſtandes, bei Mewe uͤber die Weichſel und brach dann mit dem Pommerelliſchen Kriegsvolke verbun⸗ den hinauf ins Krainerland, um in Kujavien einzufallen. Eine zweite Heerſchaar aus Kulmerland, an deren Spitze der Komthur von Thorn mit den Komthuren von Althaus und Golub, dem Vogt von Leipe u. a., brach ins Dobri⸗ nerland ein.) Der Vogt der Neumark fuhrte den drit⸗ ten ſtarken Heerhaufen, meiſt Soͤldlinge, nach Großpolen auf Poſen zu. Noch war dem Koͤnige von dem allen nichts bekannt; er ahnete ſo wenig des Hochmeiſters feindliche Stellung, daß er dieſem aus dem Feldlager vor Luczk nicht nur ei⸗ nen freundlichen Verhandlungstag ihrer beiderſeitigen Raͤ⸗ 1) Der Abſagebrief des HM. d. Marienb. Freit. nach Aſſumt. Ma⸗ via 1431 Schbl. XXI. 98 u. Fol. C. P. 305, bei Kotzebue B. III. S. 472. 2) Schr. des Pflegers v. Naſtenburg, d. Raſtenb. am T. Aſſumt. Maris 1431 Schbl. XXIII. 143. 3) Dusb. Supplem. C. 43. Schr. des Ord. Marſchalls, d. Mewe in vigilia Bartholom. 1431 Schbl. LXXII. 117. 2) Dusb. Supplem. I. e. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Kulm⸗ ſee Sonnab. nach Bartholom. 1431 Schbl. XXIII. 145. 5) Bericht im Fol. C. p. 306. Schr. des HM. an Switrigal, d. Warienb. Mittw. nach Bartholom. 1431 Fol. C. p. 307.
Scanseite 586 · Druckseite 573
Einfälle des Ordensheeres ins Poln. Gebiet. (1434.) 573 the anbot, ſondern zugleich auch meldete: Fuͤrſt Switri⸗ gal habe ſich zu Unterhandlungen erboten, ein Rath von zwoͤlf Schiedsrichtern folle einen Vergleich vermitteln; ) er hoffe, es werde zwiſchen ihm und dem Bruder zur Ver⸗ ſoͤhnung kommen; der Hauptmann von Luczk wolle ſich ergeben, wenn die Burg nicht binnen drei Tagen durch Switrigal entſetzt werde. Der Hochmeiſter indeß ließ ſich durch dieſen Bericht nicht irren; er traute keinem Worte des Koͤniges mehr. Die Ordensheere ſengten und raubten bereits in Polen an allen Orten; das Kulmiſche hatte das ganze Dobrinerland durchzogen, die Staͤdte Ry⸗ pin und Lipno zerſtoͤrt, die Doͤrfer weit und breit ausge⸗ plündert und zum Theil verbrannt. Vier Lehensmanne aus Kulmerland, unter ihnen Hans von Czegenberg, der Kulmiſche Bannerfuͤhrer, erwarben ſich die Ritterwuͤrde. Thorns Buͤrgerſchaft entſchaͤdigte ſich fuͤr ihren Kriegs⸗ dienſt durch die Auspluͤnderung von Diebau. Das Haus ließ der Meiſter von neuem mit Mannſchaft und Geſchoß verſorgen, um es gegen den Feind zu halten; die Stadt dagegen ward niedergebrannt.) Auch Neſſau, Stadt und Burg, wurde gewonnen, letztere durch Uebergabe des Pol⸗ niſchen Befehlshabers, erſtere ging zur Freude Thorns, welches laͤngſt ihr friſches Aufbluͤhen mit Neid angeſehen, groͤßtentheils in Feuer auf.“) Auch die Fahnen des Or: densmarſchalls wehten ſechs Meilen weit in Kujavien um⸗ 1) Dlugoss. p. 590. 2) Schr. des Koͤniges v. Polen, d. ante Luezsno in vigilia as- sumtion. Nariae 1431 Schbl. XXIII. 128 u. Fol. C. p. 307. 3) Dush. Supplem. 1. c. Schr. des HM. an Switrigal, d. Ma: rienb. am T. Aegidü 1431 Fol. C. p. 308. 4) Fol. C. p. 309. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn am F. Nativit. Mariä 1431 Schbl. XXIV. 72. Schr. des Komthurs v. Chriſt⸗ burg, d. Preuſſ. Mark Dienſt. vor Nativit. Maria 1431 Schbl. XXIII. 13. \ 5) Diugoss. P. 592. Ob es wahr ift, daß man, wie der Chro⸗ niſt erzählt, jeden, der ein Dorf oder eine Stadt in Brand ſteckte, noch mit ein bis drei Mark belohnte?
Scanseite 587 · Druckseite 574
574 Einfälle des Ordensheeres ins Poln. Gebiet. (1431.) her. Bis jenſeits Brzeſc unterlag alles wilder Verhee⸗ rung. Jung ⸗Leſlau, Burg und Stadt, ergab ſich nach kurzer Gegenwehr, die letztere mit der ſchoͤnen Kathedrale wurde geplündert und ausgebrannt, auf der Burg alles zu Gefangenen gemacht. Bis Radzin ſetzte der Marſchall ſeinen Zug fort, ohne daß ihm ein Feind erſchien; ein großer Bauernhaufen, der ſich zum Widerſtand verſam⸗ melt, durfte keinen Angriff wagen. So wurden Tobri⸗ nerland und Kujavien auf eine Weiſe verheert und vers wuͤſtet, wie kaum je zuvor.“ Ungluͤcklicher war eine Reis terſchaar unter dem Komthur von Tuchel, mit dem der Meiſter den Landmarſchall und einige Gebietiger aus Liv⸗ land mit ihrem Huͤlfsvolke verbunden hatte, um die Häu⸗ fer Tuchel und Schlochau in Schutz zu halten,“ denn als er mit dieſem Kriegerhaufen und einer Anzahl Soͤld⸗ ner ins Polniſche Gebiet Krain einfallend Lobeſens erſtürm⸗ te und verbrannte, wurde er vom Polniſchen Hauptmanne von Nakel uͤberraſcht und zerſtreut, mußte ſich mit den Seinen in die Bruͤche an der Netze flüchten, ward auch dort vom Feinde angegriffen und nebſt mehren andern in der Nähe von Nakel erſchlagen; der Laudmarſchall von Livland, der Komthur von Goldingen und der Vogt von Grebin mit vielen ihrer Leute wurden gefangen genom⸗ men und nach Poſen gebracht. Man wußte lange nichts über ihr Schickſal.. So betruͤbend dieſe Nachricht, fo 1) Diugoss. p. 593 — 594; nach ihm ſollen in Kujavien und Do⸗ brin 24 Städte und mehr als 1000 Dörfer verbrannt worden ſeyn (?). Fol. C. p. 309. Verzeichniß der Gefangenen zu Leſlau Schbl. XXIII. 130, 155. Schr. des Ord. Marſchalls, d. zwiſchen Krußwitz und Rad⸗ zin Mittw. vor Nativit. Mariä 1431 Schbl. XXIII. 152. 2) Schr. des HM. im Fol. C. p. 316; der Hülfehaufe aus Liv⸗ land beſtand aus 400 Mann, meiſt Kuren. 3) Dusb. Supplem. c. 43. Schr. des HM. im Fol. C. p. 316. Schr. deſſelben an den Livländ. Meiſter, d. Marienb. Sonnab. nach Mathäi 1431 Schbl. XXIII. 119. Schr. des Pflegers v. Bukow, d. Tuchel Dienſt. nach Kreuzerhöh. 1431 Schbl. X. 15, Schr. deſſelben an den Ord. Marſchall, d. Tuchel Sten T. unſerer Frauen Geburt 1951
Scanseite 588 · Druckseite 575
Feindl. Stellung d. Ordens zum Königev. Polen. (1431.) 575 erfreulich kam dem Hochmeiſter eine andere des Rom. Koͤniges, daß auch er jetzt dem Bündniſſe des Meiſters und des Großfuͤrſten offen beitreten, dem Orden jeden möglichen Beiſtand leiſten und nicht eher ruhen wolle, als bis der Krone Ungerns in Reußen alles, was ihr dort gehoͤre, wieder eingeraͤumt und dem Großfuͤrſten und dem Orden alles zuruͤckgegeben ſey, worauf ſie rechtmaͤßige An⸗ ſprüche erheben koͤnntein, zumal was er felbft früher in ſeinem ſchiedsrichterlichen Spruche dem Orden zugeſprochen, daß aber auch dann noch ihr Buͤndniß fortdauern ſolle, weil man gegen Polen vor Unrecht und Bewaͤltigung niemals ganz ſicher ſey.“ Da traf ploͤtzlich aus Litthauen die befremdende Bot: ſchaft ein: Switrigal habe mit dem Koͤnige einen Waf⸗ fenſtillſtand geſchloſſen; der Koͤnig im Lager vor Luczk vom Einfalle des Ordensheeres in ſein Land benachrichtigt, habe ſchleunigſt dem Großfuͤrſten Unterhandlungen zu einem Bei⸗ frieden angeboten und dieſer habe ihn angenommen; auf ſein ausdruͤckliches Verlangen aber ſey auch der Orden in den Beifrieden mit eingefchloffen. ? Auf des Großfürſten Bitte ließ der Meiſter fofort die Heerhaufen aus Polen zurückziehen, doch zugleich auch Anſtalten zu kuͤnftiger Schbl. XXIII. 150. Ein Schr. des Vogts der Neumark Schöl. XIII. 82 nennt die zu Poſen liegenden Gefangenen. Aus allen dieſen Quellen geht hervor, daß Diugoss. p. 594 das Ganze viel zu pomphaft aus⸗ malt; nach ihm p. 595 ſollen außer dem Landmarſchall noch acht Kom⸗ thure (2) gefangen worden ſeyn. 1) Schr. des Röm. Koniges an den HM. d. Nürnberg am Ges baldus⸗Tag 1431 Schbl. XXIV. 70. 2) Dlugoss. p. 593. Die Urkunden Über den Beifrieden, d. vor Luczk Sonnt. nach Bartholom. 1431 im Fol. C. p. 310 — 315 u, Fol. D. p. 36; die Documente weichen in mehren Beſtimmungen ab; ge⸗ druckt bei Kotzebue B. III. S. 477, Diugoss. p. 59 1. Kojalowiez P. 149. 3) Schr. Switrigals an den HM. d. inxta flumen Styr Dienſt. vor Nativit. Maria 1431 Fol. C. p. 309; Schbl. XVII. 41. Schr. des Komthurs v. Chriſtburg, d. Thorn Dienſt. nach Nalivit. Maria
Scanseite 589 · Druckseite 576
576 Feindl. Stekung d. Ordens zum Königev. Polen. (1434.) Vertheidigung treffen, denn er wußte wohl, daß der Kö: nig von Polen nie vergaß und nie verzieh. Thorn ward ſtaͤkker befeſtigt und bemannt, das neue Haus zu Neſſau noch mehr bewehrt und mit zahlreicher Beſatzung verſehen, desgleichen die übrigen Burgen an der Graͤnze.) Und nur zu bald erfuhr man des Koͤniges eigentliche Abſichten, denn ſein ganzes Streben zielte vorerſt nur darauf hin, ben Großfuͤrſten vom Buͤndniſſe mit dem Orden zu tren⸗ nen, wozu man ihm allerlei Mittel in Vorſchlag gebracht hatte; die Koͤnigin ſollte auf die Großfuͤrſtin durch man⸗ cherlei Verheißungen wirken; im aͤußerſten Falle ſolle auch Gift nicht unbenutzt bleiben. Der Hochmeiſter verfehlte nicht, den Großfuͤrſten von dem allen in Kenntniß zu ſetzen. Waͤhrend der König aber fortfuhr, den Bruder wo moͤglich zu beruͤcken und zu verlocken, » trat er beim Roͤm. Könige mit den heftigſten Klagen über den Hochmeiſter auf wegen des veruͤbten Friedensbruches und wegen der ſchweren Verheerung und Pluͤnderung feines Landes in eis ner Zeit, wo er ſich nach des Meiſters Zuſagen gegen den Orden ganz ſicher geglaubt; dringend bat er zugleich um Beiſtand zur Vergeltung der veruͤbten Unbill.) Gleich bittere Beſchwerden uͤber des Ordens Treuloſigkeit ergingen an den Pfalzgrafen Ludwig vom Rhein und an andere 1431 Schbl. XXIII. 149. Schr. des Marſchalls, d. zu Sluſow Mont. nach Nativit. Maria 1431 Schbl. XXIII. 132. 1) Schr. des Komthurs v. Chriſtburg, d. Thorn Mittw. nach Na⸗ tivit. Mariä 1431 Schbl. XXII. 142. 134. 2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Lewen Sonnab. nach Nativit. Maria 1431 Schbl. XXIV. 68. 3) Schr. des HM. an den Livländ. Meiſter, d. Marienb. Somnab, nach Mathäi 1431 Schbl. XXIII. 129. 4) Kojalowiez Ip. 150. Schr. Switrigals an d. HM. d. Pynſk Dienſt. nach Nativit. Marià 1431 Fol. C. p. 315. 5) Schr. des Königes v. Polen an d. Röm. König, d. in Lublin sahbato die in crastino 8. erueis 1431 Schbl. XXIV. 59. Fol. C. p. 330.
Scanseite 590 · Druckseite 577
Feindl. Stellung d. Ordens zum Könige v. Polen. (1431.) 577 Reichsfürſſen. Gegen die Anklagen beim Rom. Könige hielt ſich der Meifter für vollig ſicher, darauf vertrauend, daß dieſer von des Ordens gerechter Sache läaͤngſt über: zeugt ſey;? nicht jo bei manchen Fuͤrſten und beſonders am Röm. Hofe, wo der König den Orden ebenfalls ſchwe⸗ rer Verbrechen beſchuldigt. Er hielt daher für nothwen— dig, ſich in ſeinem Verfahren zu rechtfertigen und entwarf eine treffliche Vertheidigungsſchrift, worin er bündig und gedraͤngt das ganze wortbruͤchige, treuloſe und argliſtige Benehmen des Koͤniges gegen den Orden auseinander ſetzte und in einer mit aller Wahrheit und Treue ent: worfenen Schilderung der gleißneriſchen Politik deſſelben bewies, wie er bis jetzt jeden Frieden nur geſchloſſen habe, um ihn zu ſeinem Gewinne wieder zu brechen, wie er allen feſtgeſtellten Friedensbeſtimmungen durch ſeine Handlungen Hohn geſprochen, nach jedem Frieden wort: bruͤchig keine Bedingung erfüllt, aller Sühne entgegenge⸗ arbeitet und mit Hinterliſt und Tuͤcke gerade dann immer am meiſten auf des Ordens Verderben und Unheil geſon⸗ nen habe, wenn er auf den mit ihm aufgenommenen Verhandlungstagen die Miene freundlicher Verſoͤhnung ge⸗ zeigt, wie dieß zuletzt auch in ſeinen Verhandlungen mit Witowd und dem neuen Großfuͤrſten der Fall geweſen u. ſ. w. Noch nie war des Koͤniges heimtüͤckiſches, rachgieriges und treuloſes Verhalten mit ſolcher Schaͤrfe, mit fo ſchlagenden Gründen, mit fo überzeugender Wahr: heit der Welt vor Augen geſtellt worden, als in dieſer Rechtfertigung, die der Meiſter in Deutſchland überall verbreiten und zugleich auch an den Nöm. Hof bringen ließ, denn nie ſchien es nothwendiger, der Luͤgenhaftigkeit 1) Schr. des Königes v. Polen an den Pfalzgrafen v. Rhein, d. in Crassinistaw feria V infra oetavas nativit. Mariae 1431 Schbl. XXIII. 125 u. Fol. C. p. 331, 2) Schr. des HM. an Switrigal o. D. Fol. C. p. 329. 3) Dieſe Rechtfertigungsſchrift in Abſchreft Fol. C. p. 317 — 322, Entwurf Schbl. XXIII. 156. II. af
Scanseite 591 · Druckseite 578
578 Feindl. Stellung d. Ordens zum Könige v. Polen. (1431.) des Gegners die volle Kraft der Wahrheit entgegenzu⸗ ſtellen. Von ſolchen Geſinnungen des Koͤniges aber konnte der Meiſter keinen Frieden erwarten; uͤberall wurden die Anſtalten zur Gegenwehr mit allem Eifer fortgeſetzt, der Komthur von Thorn beauftragt, im Kulmerland alles in kriegsfertigem Stande zu halten, um den Polen beim Eindringen ins Land mit aller Kraft entgegen zu treten. * Die Burgen Diebau und Neſſau blieben auch forthin ſtark mit Ordenskriegern beſetzt, obgleich ſie der Koͤnig zurückverlangte.. Vor allem aber mußten dle Graͤnz⸗ lande gegen Maſovien hin mit zahlreicherer Landwehr verſorgt und die dortigen Warten beſſer beſtellt werden, denn von Maſovien her drohte bald die meiſte Gefahr. Man vernahm, daß ſich in des Herzogs Johannes Land immer bedeutendere Heerhaufen von Polen her zuſammen⸗ zögen und bald auch, daß die beiden Herzoge von Ma⸗ fovien nicht ohne Ausſicht auf ſtarke Beihuͤlfe aus Po⸗ len mit einer anſehnlichen Kriegsſchaar bereits nur noch neun Meilen von Soldau laͤgen, um entweder allein in Preuſſen einzudringen oder ein Polniſches Heer bei ſei⸗ nem Einfalle zu verftärken. ? Waͤhrend der Komthur von Oſterode in jenen Landen alles waffenfaͤhige Volk zur Gegenwehr zuſammenrief und gegen die Graͤnze hin⸗ aufführte, entſandte eiligſt der Hochmeiſter den Pfleger 1) Schr. des HM. an den Komthur v. Thorn, d. Marienb. Sonnt. nach Kreuzerhoͤh. 1431 Schbl. XXIII. 131. 2) Schr. Switrigals an d. HM. d. Worani Mont. vor Stanielai 1431 Fol. C. p. 323. 3) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Neidenburg am T. Kreuz⸗ erhoͤh. 1431 Schbl. XIX. 126. 158. 4) Schr. des Vogts v. Pomejanien, d. Stangenwalde Freit. nach Franciſci 1431 Schbl. LXX. I. 5) Schr. des Komthurs v. Osterode, d. Oſterode Dienſt. vor Franciſei 1431 Schbl. XXIV. 03. Schr. des Pflegers v. Lyck an den von Raſtenburg Schbl. XXIV. 65.
Scanseite 592 · Druckseite 579
Feindl. Stellung d. Ordens zum Könige v. Polen. (1431.) 579 von Neidenburg an die Herzoge mit der Anfrage: wozu die Kriegsruͤſtung und die Truppenſammlung? ob ſie den durch den Großfürſten geſchloſſenen Beifrieden auch ihrer Seits halten wollten oder nicht? ) Eine aͤhnliche Anfra⸗ ge geſchah auf des Hochmeiſters Antrieb vom Großfuͤrſten auch beim Könige.” Seine Antwort lautete im Ganzen friedlich, wiewohl nicht ohne Klagen Über des Ordens Ungerechtigkeiten im Dobrinerland, ) immer kriegeriſcher dagegen alle Nachrichten aus Maſovien; aber man erſah leicht aus allem, daß insgeheim auch dort der Koͤnig wirke, denn von einem ſeiner Guͤnſtlinge ward in einer Verſammlung der Landes-Edlen erklärt: noch nie ſey der Krone Polen eine ſolche Schmach zugefügt, ſeit Men- ſchengedenken nichts der Art geſehen und erhoͤrt, in kei⸗ ner Chronik finde man ſo etwas geſchrieben, als was unter dieſem Hochmeiſter gegen das Reich geſchehen ſey. Darum wenn die Rüſtung vollendet und der Kriegsplan entworfen ſey, muͤſſe man ſofort den Frieden aufkuͤn⸗ digen und dem Orden mit dem Maaße meſſen, mit dem er der Krone Polen gemeſſen habe.“ Bei fo dro⸗ hender Gefahr ließ der Komthur von Balga in aller Eile das baufällige und wenig befeſtigte Haus Johannisburg in wehr⸗ haften Stand ſetzen, ebenſo die Burg Seeſten von Balga und Eilau mit Geſchoß und den noͤthigen Vertheidigungsmit⸗ teln verſehen, waͤhrend der Pfleger von Raſtenburg in ſei⸗ 1) Auftrag an den Pfleger v. Neidenburg, d. Stuhm am Abend Franciſci 1431 Schbl. XXI. 34. 2) Schr. des HM. an Switrigal, d. Marienb. am Abend Mathaͤi 1431 Fol. C. p. 323. 3) Schr. des Koniges v. Polen an Switrigal, d. in Sambor feria II post festum undecim millium virg. 1431 Schbl. XVII. 181 Schr. Switrigals an den HM. d. Jagdhof Symino Dienſt. nach Si⸗ mon u. Juda 1431 Schbl. XVII. 27, Fol. C. p. 325. 4) Schr. des Komthurs v. Soldau, d. Soldau am T. Dionyſii 1431 Schbl. XXIV. 71. Schr. des Pflegers v. Raſtenburg, d. Nas ſtenb. Seeit. nach Dionyf. 1431 Schbl. XIX. 17. 33
Scanseite 593 · Druckseite 580
580 umtriebe des Königes v. Polen gegen den Orden. (1431.) nem Gebiete alles waffenfaͤhige Volk unter die Waffen rief.“ ie kaum hatte der König von dieſen Anſtalten zur Gegenwehr Nachricht, als er dem Großfuͤrſten klagend meldete: der Orden ruͤſte trotz des Waffenſtillſtandes mit gewaltiger Anſirengung und treffe Anſtalten, um an drei Orten zugleich das Koͤnigreich zu uͤberfallen, weshalb be⸗ reits, wie man höre, ein Theil feiner Kriegsmacht über die Weichſel geſetzt ſey.) Dabei hatte er allerdings auch ſeine Abſichten, denn theils zog er unter dem Vorgeben ſolcher Gefahr vor dem Orden neues Kriegsvolk aus Neus ßen und von Lemberg her an die Graͤnze und ließ im Auslande Söldner werben, ? theils ging noch immer fein ganzes Streben darauf hin, den Großfürſten von ſeinem Buͤndniſſe mit dem Orden loszureißen. Switrigal indeß, mit dieſem Ziele aller Umtriebe und luͤgneriſchen Kuͤnſte des Koͤniges nicht unbekannt, ſetzte ihm ſtets die uner⸗ ſchütterlichſte Treue und Freundſchaft gegen den Orden entgegen.“ In ähnlicher Weiſe ſuchte der Koͤnig den Roͤm. König für fi) zu gewinnen. Eine Geſandtſchaſt brachte dieſem nicht nur abermals ſchwere Klagen uͤber des Ordens Einfall in Polen und die dort verübten Ver⸗ heerungen, ſondern auch das Anerbieten von Hülfe gegen den widerſpenſtigen Woiwoden von der Moldau entgegen, wenn er ihm dafuͤr gegen den Orden beiſtehen werde. „Lieber Herr und Bruder, ließ ihm der Koͤnig ſagen, 1) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Woria Sonnab. nach Dio⸗ nyſ. 1431 Schbl. XXIV. 74. 2) Schr. des Koͤniges v. Polen an Switrigal, d. in Premislia feria VI ante lest. Simon. et Jud. 1431 Schbl. XXIII. 126. Fol. C. p. 328. 3) Schr. Switrigals an den HM. d. Jagdhof Symino Sonnt. Simon und Juda Schbl. XVII. 23. Kotzebue Switrigal S. 28. 4) Schr. Switrigals an den HM. d. Woloßino Sonnt. nach Lu⸗ cia 1431 Schbl. XVII. 26. Fol. C. p. 331. Schr. des HM. an Swi⸗ trigal, d. Danzig am Abend Concept. Maris 1431 Fol. C. p. 333.
Scanseite 594 · Druckseite 581
Umtriebe des Königes v. Polen gegen den Orden. (1431.) 581 du weißt wohl, daß ich wider dich nie gethan habe; fo haſt du auch wider mich nicht gethan. Nun ſieheſt du aber wohl, daß der Woiwode aus der Moldau ein boͤ⸗ ſer Mann iſt und will dir noch mir nicht dienen. Dar⸗ um iſt es dein Wille, ſo will ich dir gerne mit ganzer Macht helfen, damit das Land nach unſerer Verſchreibung getheilt werde, doch alſo daß du mir auch gegen die Preuſſen beholfen ſeyſt u. ſ. w.“ Der Polniſche Koͤnig indeß kam hiemit nicht zum Ziele, denn Sigismund kannte den ſchmeichleriſchen Freund, wie der Vicekanzler Kaspar Slick dem Hochmeiſter meldete, viel zu gut, als daß er fein Anerbieten nicht hätte belaͤcheln ſollen; ) er gab dem Meiſter jetzt neue Hoffnung, ihn bald perſoͤnlich in Preuſſen zu beſuchen theils wegen der Kroͤnung des Groß⸗ fürften, theils wegen anderer den Orden betreffenden Ver⸗ haͤltniſſe. > Beſſer ſchienen dem Könige von Polen feine Anfchlä: ge am paͤpſtlichen Hofe zu gelingen. Seit dem März ſaß dort Eugenius der Vierte auf dem Roͤm. Stuhle. Der Ordensprocurator, damals zugleich auch Hauptmann auf der Engelsburg, war zwar bemuͤht geweſen, den neuen Papſt durch Ehrengeſchenke fuͤr den Orden zu gewinnen, denn ſolche Mittel mußten jetzt nothwendig immer wieder in Bewegung geſetzt werden.) Allein der beſtaͤndige druͤ⸗ ckende Geldmangel des Procurators, die Unmoͤglichkeit, von Preuſſen aus allen ſeinen Forderungen zu genuͤgen und ein aͤrgerlicher Hader mit einem andern Sachwalter des Ordens, die ſich einander verunglimpften und ver⸗ folgten, ® hemmten feine Thaͤtigkeit, um ſich beim neuen I) Schr. des Vicekanzlers Kaspar Slick, d. Feldkirch am T. der 11,000 Jungfr. 1431 Schbl. XXIV. 02. 2) Schr. des Rom. Koͤniges an d. HM. d. Ulm Donnerſt. vor Martini (1431) Schbl. IV. 61. 3) Schr. des Procurators, d. Rom 1 März 1431 Schbl. II. 128 1) Schr. des Sachwalters Andreas Schönau, d. Rom Oſtern 1431 Schbl. II. 61.
Scanseite 595 · Druckseite 582
582 umtriebe des Königes v. Polen gegen den Orden. (1431.) Papſte Einfluß zu verſchaffen. Ueberdieß fiel er wegen einer Verraͤtherei auf der Engelsburg, die er als Haupt: mann nicht zeitig genug angezeigt, beim Papſt in fo gro⸗ ße Ungnade, daß dieſer ihn ohne weiteres von der Burg hinwegjagte. Um ſo mehr aber gewannen dadurch des Koͤniges von Polen Sachwalter den erwuͤnſchten Spiel⸗ raum, um am Hofe dem Orden in allen Dingen entges gen zu arbeiten. Endlich hatte auch der Hochmeiſter ſelbſt im Auguſt dieſes Jahres dem Papſte zu ſeiner Wahl weder Gluͤck gewuͤnſcht, noch wie gewoͤhnlich war ein Ehrengeſchenk uͤberreichen laſſen, was um ſo mehr dort auffiel, weil nicht nur alle chriſtlichen Koͤnige und Fuͤrſten dieſer Sitte nachgekommen waren, fordern man auch wohl wußte, daß der Meiſter bisher ein weit groͤ⸗ ßeres Gewicht auf die Gunſt und Geneigtheit des Roͤm. Koͤniges, als auf die des Papſtes gelegt. ? Von dem allen längſt genau unterrichtet hatte nicht nur der Koͤ⸗ nig von Polen, ſondern ſelbſt auch die Koͤnigin, der Biſchof von Krakau und die Polniſche Geiſtlichkeit am Hofe die bitterſten Beſchwerden gegen den Orden wegen der in Polen veruͤbten Gewaltthaten und uͤber den Frie— densbruch geführt, vorgebend, die Ordensritter hätten ſich zur Ausübung ihrer Schandthaten und Graͤuel ſelbſt mit den Heiden in Verbindung geſetzt; und der Papſt und die Kardinaͤle waren durch dieſe Anklagen in ſolchen Zorn gerathen, daß ſie dem Procurator bei ſeiner Vertheidigung nicht einmal Gehoͤr ſchenkten. Eugenius uͤbergab ſofort die Sache der Polen zur weitern Unterſuchung zwei Kar⸗ dinaͤlen, entſchloſſen, fo bald als moͤglich einen befonderu Legaten nach Preuſſen zu ſenden mit dem gemeſſenen Befehle, der Orden ſolle ohne Widerſtreben ſein Schwert J) Schr. des Procurators, d. Rom 24 Juli 1431 Schbl. LX. 6G. 8. 2) Schr. des Procurators, d. Nom 20 Aug. 1431 Schbl. II. 56; cs heißt: Deſer Pobiſt iſt ein Venediger, welche dem Adler und ſcinen beilegern hwerlde czuwedir geweſt fein und noch ſeint und von art wel⸗ len fie hoch geeret und begobit fein.
Scanseite 596 · Druckseite 583
Krieger. Stell. d. Kön. v. Pol. geg. d. Orden. (1431 — 1432.) 583 gegen die Ketzer erheben, ſtatt daß er jetzt einen Fuͤrſten bekriege, der ſich erboten habe, in dieſem Jahre noch die Ketzerei in Boͤhmen gaͤnzlich zu vertilgen, denn das hatte der Koͤnig dem Papſte verſprochen, er, der eben im Begriff war, ſich mit den Huſſiten zur Vernichtung des Ordens zu verbinden. Beim Großfuͤrſten bot der Koͤnig noch fort und fort alle Mittel der Liſt und Schlauheit auf, um ihn auf ir⸗ gend eine Weiſe zu verlocken, bald ihm den Plan vorle⸗ gend: ſie wollten ſich beide verbinden; er werde dann auch den Kurfuͤrſten von Brandenburg und im Oſten die Tataren zur Beihuͤlfe gewinnen, um das Ordensland von allen Seiten zu uͤberfallen und dann unter ſich zu thei⸗ len;? bald ihm wieder durch angeſehene Polniſche Große die Krone Polens verſprechend, weun er ſich jetzt mit ihm vereinige. Obgleich indeß Switrigal, ſo voll Mißtrauen gegen ſeinen Bruder, daß er ſelbſt Bedenken trug, den Wein zu trinken, den ihm dieſer aus Polen ſandte, auf nichts der Art einging, ſo hoffte der Koͤnig doch immer noch, bei einer perſoͤnlichen Zuſammenkunft auf einem Verhandlungstage im naͤchſten Jahre ſein Ziel zu erreichen.“ Aber fo viel war jetzt ſchon außer Zweifel, daß der Koͤnig ohne weiteres gegen den Orden das Schwert ergreifen werde, ſobald er nur irgend den Groß⸗ fürften nicht mehr zu fürchten hatte. Ueberall ſchon gewahrte man gegen Ende des Jahres kriegeriſche An⸗ ſtalten. Eine bedeutende Heerſchaar ſammelte ſich an der Graͤnze der Neumark, um dort ins Land einzubre⸗ 1) Schr. des Procurators, d. Rom 12 Novemb. 1431 Schbl. II. 183. Raynald. an. 1432 nro 10. 2) Schr. des Pflegers v. Naſtenburg, d. Raſtenb. Sonnab. nach Thomä 1431 Schbl. XXIX. 59, 3) Schr. des Gabriel (v. Baiſen — 2) an den HM. d. Olſchany Mont. vor Thoma 1431, Adels⸗Geſch. ure 40 im geh. Archiv. * 4) Schr. des HM. an d. Procurator, d. Ciplau Mont. vor Luz cid 1431 Schbl. XXIV. 68,
Scanseite 597 · Druckseite 584
584 Krieger. Stell. d. Koͤn. v. Pol. geg. d. Orden. (1491 — 1432.) chen; ” eine andere lagerte bei Nakel, um von dort die Gebiete von Schlochau, Tuchel und Schwez zu überziehen; 2 die Kriegsmannſchaft aus Dobrinerland war nach Kujavien gezogen, um von daher die Burg Neſſau zu berennen. “ Dieſe Verhaͤltniſſe mit Polen und Litthauen erlaub⸗ ten dem Hochmeiſter während dieſes ganzen Jahres nur geringe Theilnahme an den uͤbrigen auswaͤrtigen Angele⸗ genheiten. In den Streit des Daͤniſchen Koͤniges mit den Holſteinern und den Hanſeaten griff er nur noch ein, weil der Roͤm. Koͤnig immer noch hoffte, daß es ihm vor allem noch gelingen werde, einen Frieden oder wenigſtens einen laͤngern Waffenſtillſtand zu vermitteln,“ denn mit König Erich, der ihn haͤufig durch allerlei ans genehme Geſchenke erfreute, ſtand der Meiſter in ſo freund— ſchaftlichem Verhaͤltniſſe und jener legte ſo großen Werth auf deſſen Freundſchaft, daß ſich allerdings ein guͤnſtiger Erfolg von des Hochmeiſters Einwirken in die Streithaͤn⸗ del erwarten ließ.“ Und in der That geſchah es vor- züglich auch durch die Bemuͤhungen einer Geſandtſchaft des Meiſters, an deren Spitze der Komthur von Danzig ſtand, daß zwiſchen dem Könige, den Holſteiniſchen Gra— fen und den Hanſeſtaͤdten ein neuer Verhandlungstag aufgenommen wurde, der im naͤchſten Jahre zu Wer⸗ dinborg Statt finden und wo moͤglich einen feſten Frie⸗ 1) Schr. des Waldmeiſters v. Schicvelbein, d. Schicvelbein am 3. Innocentium 1431 Schbl. XIII. 115. Schr. des Vogts der Neu⸗ mark an den HM. d. Woldenberg Sonnt. nach Gircumcifion. 1432 Schbl. XIII. 21. 2) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Sonnt. nach Nativit. Ehriſti 1431 Schbl. XXIV. 63. 3) Schr. des Komthurs v. Strasburg, d. Sonnt. vor Nativit. Chriſti 1431 Schbl. LIE. 90. 4) Schr. des Röm. Koͤniges an den HM. d. Nürnberg Freit. nach Quaſimodogen. (1431) Schbl. IV. 58. Schr. deſſelben an die Gra⸗ fon v. Holſtein, d. Nürnb. Mont. nach Mifericord, 1431 Schbl. XXXI. 141. 5) Schr. des Daͤn. Königes an den HM. d. Kopenhagen Gonnal, nach Miſericord. 1431 Schbl. XXXI. 53,
Scanseite 598 · Druckseite 585
Krieger. Stell. d. Koͤn. v. Pol. geg. d. Orden. (1471 — 1432.) 585 den oder doch einen laͤngern Waffenſtillſtand herbeiführen ſollte. Auch der Streit mit dem Erzbiſchof von Riga er⸗ reichte bald das laͤngſt erwuͤnſchte Ende. Anfangs frei⸗ lich widerſetzte ſich das Domkapitel dem mit dem Erz⸗ biſchof uͤber die wichtigſten Streitpunkte getroffenen Ueber⸗ einkommen mit der größten Heftigkeit.“ Es kam indeß zur Ausgleichung. Die paͤpſtliche Beſtaͤtigung jedoch ver⸗ zoͤgerte ſich theils durch den Tod Martins V. und die Mahl Eugenius IV, theils durch des letztern Krankheit und endlich auch dadurch, daß der Biſchof von Defel durch ein truͤgliches Vorgeben am Roͤm. Hofe eine neue Unterſuchung veranlaßte, bis in den Februar des naͤch— ſten Jahres, ſo daß nun der Erzbiſchof und das Dom⸗ kapitel durch Aufhebung der Bulle Martins V zum Dr: den ganz wieder in daſſelbige Verhaͤltniß traten, wie un= ter Bonifacius dem Neunten.“ Seit Anfang des Jahres 1432 aber thürmte ſich das Ungewitter von Polen her gegen den Orden noch ſtaͤrker auf. Des Koͤniges Klagen uͤber Ungerechtigkeiten und 1) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Luͤbeck Freit. vor Dominici 1351 Schbl. XXXI. 20. Bericht der Bevollmächtigten des Dan. Köni⸗ ges an den Komthur v. Danzig, d. Donnerſt. vor Michaclis 1431 Schbl. XXXI. 42. Schr. der Conſuln von Lübeck an d. Komthur v. Danzig, d. am Abend Concept. Mariͤ 1431 Schbl. 87. 175 vgl. Sartorius B. II. S. 267 — 208. 2) Schr. des Livland. Meiſters, d. Trikaten Mont. nach Eliſa⸗ veth 1430 Schbl. XVII. 96, 3) Schr. des Procurators, d. Rom 20 Juni 1431 Schbl. I. 40. Schr. deſſelb. an den HM. d. Rom 20 Aug. 1431 Schbl. I. 38. 4) Die päpſtl. Bulle, d. Rome apud s. Petrum an. 1431 octavo Cal. Marcii p. a. primo Schbl. XLI. 57. in Abſchrift. Das Datum iſt aber offenbar unrichtig, obgleich es auch im Index corp. Lister, diplom. Livoniae T. J. p. 279 ungeändert geblieben iſt. Da Martin V erſt am 26. Februar ſtarb, Eugenius erſt am 3. März 1431 gewählt und am 11. März gekrönt wurde und die Procuratoren- Briefe ſelbſt im Novemb. 1431 (Schbl. I. 31. 23) von der noch nicht erfolgten Be⸗ ſtätigung ſprechen, ſo muß die Jahrzahl 1432 heißen.
Scanseite 599 · Druckseite 586
586 Krieger. Stell. d. Kön. v. Pol. geg. d. Orden. (1131 — 1432.) Verletzungen des Beifriedens, die, wie er vorgab, die Ordensritter taͤglich an ihm und den Seinigen veruͤbten, wurden abſichtlich immer erneuert, denn ſie ſollten den König rechtfertigen, wenn er gegen den Orden das Schwert erhebe.) Auch die Verſuche zur Verlockung des Groß⸗ fürften wurden noch nicht aufgegeben? und an den Graͤn⸗ zen die Ruſtungen und Wehranſtalten mit raſtloſem Ei⸗ fer fortgeſetzt, denn weder der Orden noch die Polen glaubten ſich auch nur noch einen Tag vor einem feind⸗ lichen Einfalle ſicher. Alſo haͤuften ſich die Heermaſſen dort immer ſtaͤrker an; die Burgen zu Nakel und Brom⸗ berg mit zahlreicherer Beſatzung verſehen wurden aufs aͤngſtlichſte bewacht, der Netze-Fluß jeden Tag aufgeeiſt, um den Uebergang zu erſchweren.“ Um fo nothwendi⸗ ger fand man auf einem Landtage zu Elbing eine um: faſſendere Landesvertheidigung; es ward dort mit Rath und Zuſtimmung der Stände feſtgeſetzt: der Hochmeiſter ſolle mit den Gebietigern durch Beihülfe aus Livland und Deutſchland auf eigene Koſten zweitauſend ſtellen und das Land auf drei Monde tauſend Spieße aufbringen, wobei es von den Praͤlaten, der Ritterſchaft und den Staͤdten unterſtützt werden ſolle. Außerdem erbot ſich das Land in allen Gebieten auch noch zu dem bisher immer ſchon gewoͤhnlichen Kriegsdienſt; ebenſo wollte der Hochmeiſter außer jener Kriegsmacht alle Kraͤfte ſeines Ordens zur Bewehrung des Landes aufbieten.“ Noch ruhte jedoch unter dieſen ernſten Ruͤſtungen ei 1) Schr. des Königes an d. Großfuͤrſten, d. Radoschieze [eria V post octavas epiphan. 1932 Fol. C. p. 338, Schbl. XXIX. 57. 2) Schr. des Hauptmannes Schaffranccz von Krakau an d. Groß⸗ fürſten, d. Cracovie die domin. infra oclavas nulivit. christi 1431 Fol. C. p. 336. 3) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Schlochau Freit. nach heil. drei Könige 1432 Schbl. XXIV. 3. 4) Beſchluß der Stände auf dem Tage zu Elbing am T. Conveiſ. Pauli 1432 Schbi. XXIV. 32.
Scanseite 600 · Druckseite 587
Krieger. Stell. d. Koͤn. v. Pol. geg. d. Orden. (1431— 4432.) 587 nige Friedenshoffnung auf dem Tage, der im Februar zwiſchen dem Koͤnige und Switrigal gehalten werden ſollte; allein auch dieſe zerſchlug ſich bald, denn auf des letz⸗ tern ausdruͤcklichen Wunſch ſandte zwar der Hochmeiſter die Komthure von Balga und Mewe mit Vollmacht ba: hin ab, um den Verhandlungen beizuwohnen; ) der Kos nig indeß weigerte ſich, die beiden Gebietiger in ſeinen ausgeſtellten Geleitsbrief mit aufzunehmen, weil er vers langte, mit dem Großfürften allein zu verhandeln. Dieſer dagegen nahm es nicht nur ſehr empfindlich auf, daß ihm der Koͤnig anmuthete, er ſolle gegen ſein im Buͤndniß dem Orden gegebenes Wort, gegen Ehre und Treue handeln, ſondern es kraͤnkte ihn auch aufs bitterſte, daß er im koͤniglichen Geleitsbriefe nur als Herzog, nicht als Großfuͤrſt bezeichnet war. Zornig entließ er daher die Polni⸗ ſchen Sendboten mit der Erklaͤrung: er werde mit dem Könige weiter gar nicht mehr unterhandeln, ſofern dieſer nicht auch Bevollmaͤchtigte des Ordens mit Theil nehmen laſ⸗ fen wolle. So blieb der aufgenommene Tag ohne allen Erfolg. Mittlerweile drohte die Gefahr eines Einfalls der Polen an der Graͤnze des Kulmerlandes immer mehr. Thorn gegenüber lag eine ſo ſtarke feindliche Heeresmacht, daß der dortige Komthur den Feind in feinem Gebiete jeden Tag erwarten mußte. Obgleich er bereits alle Dienſtpflichtigen des Kulmiſchen Baniers nach Thorn zu- ſammenberufen, um dort als Landwehr gegen den Feind I) Vollmacht für die Komthure v. Mewe und Balga im Fol. C. I. 333. Dlugoss. p. 602 — 603. 2) Schr. der Komthure v. Mewe und Balga, d. Garthen Sonnab. nach Pauli Bekehr. 1432 Schbl. XVI. 12. Der Geleitsbrief des Ss niges im Fol. C. p. 340. 3) Schr. des Vogts dv. Brathean, d. Moſty an u. Fr. Lichtmeh 1432 Schbt. XVI. 15; er berichtet die ganze Unterredung zwiſchen dem Großfürſten und den Poln, Geſandten über den Geleitsbrief.
Scanseite 601 · Druckseite 588
588 Krieger. Stell. d. Koͤn. v. Pol. geg. d. Orden. (1432.) aufzutreten,“ ſo mußte er, dem Feinde bei weitem noch nicht gewachſen, den Meiſter doch aufs dringendſte um Verſtaͤrkung feiner Mannſchaft bitten.. Gleiche Beſorg⸗ niſſe kamen dieſem aus der Gegend von Johannisburg zu, wo ſich die feindliche Macht ebenfalls noch ſtaͤrker ver⸗ ſammelte.) Der Ordensmarſchall brach ſofort mit ci: nem Streithaufen zu Hülfe des bedrohten Kulmerlandes auf;“) erwartetes Kriegsvolk aus Livland ſollte ihm nach⸗ ziehen. Da auch von Litthauen her, ſelbſt vom Woiwo⸗ den der Walachei auf Beihuͤlfe zu rechnen war,“ fo hoffte man mit Zuverſicht auf Gluͤck, wenn der Kampf beginnen ſollte. Selbſt das Traumgeſicht einer frommen Klauſnerin Eliſabeth zu Marienwerder, worin ihr Chri⸗ ſtus mit allen Zeichen ſeiner Kreuzigung erſchienen war und dem Koͤnige von Polen ſeinen Zorn und ſchweres Verderben fuͤr die Feindſchaft und Verfolgung ſeiner aus⸗ erwaͤhlten chriſtlichen Ritterſchaft gedroht, den Streitern Chriſti aber Heil und Sieg, wenn gleich erſt nach mans cherlei Ungluͤck und Bedraͤngniß, verheißen haben ſollte, blieb, wie es ſcheint, nicht ohne ermuthigenden Eindruck auf den Meiſter und die Gebietiger.“ Bevor indeß jene Beihuͤlfe im Kulmerlande ankam, floß in der Naͤhe von 1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn Dienſt. vor Ca⸗ thedra Petri 1432 Schbl. XXIV. 27. 2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn Sonnt. nach Valen⸗ tini 1932 Schbl. XXIV. 15. 3) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Kaporn Sonnab. nach Valentini 1432 Schbl. XXIV. 30. 4) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Königsberg Mittw. vor Cathedr. Petri 1432 Schbl. XXIII. 158. 5) Schr. Switrigals an den HM. d. Slonymo Sonnt. vor Ga: thedr. Petri 1432 Schbl. XVII. II. Schr. des Vogts v. Brathean Schbl. XXV. II. 6) Schr. des Livländ. Meiſters, d. Wenden Dienft. nach Mathia 1432 Schbl. XL. 3; er ſendet dem HM. die der Klauſnerin von Ma⸗ rienwerder geſchehene Offenbarung zu; ſie liegt dem Briefe bei und ent⸗ halt manches Wunderliche.
Scanseite 602 · Druckseite 589
Krieger. Stell. d. Kon. v. Pol. geg. d. Orden. (1132.) 589 Thorn ſchon feindliches Blut. Da dort die Vornehmſten unter den Kriegspflichtigen bald den laͤngern Landwehr⸗ dienſt verweigerten, weil ſie ſahen, daß man die gerin⸗ gern und aͤrmern Kriegspflichtigen im Dienſte weit mehr ſchonte, fo hatte der Komthur von Thorn einen Theil des als Landwehr aufgeſtellten Volkes auseinander gehen laſſen müſſen. Dieß benutzend brach ein Polnifcher Kriegs⸗ haufe von etlichen Rittern angefuͤhrt uͤber die Graͤnze, ſteckte Alt = Thorn in Brand und raubte dem Komthur vierzig Pferde, ward aber darauf von einer Kulmiſchen Reiterſchaar angegriffen und mit anſehnlichem Verluſte uͤber die Graͤnze zuruͤckgetrieben. Zum Gluͤck ward das Haus Alt⸗Thorn vom Brande noch gerettet. Das Hauptziel der Polen war aber jetzt, ſich zuerſt des Hauſes Neu-Neſſau zu bemaͤchtigen, um von dieſein feſten Punkte aus dann weiter vorzudringen. Man war daher allgemein wegen Erhaltung dieſes Hauſes in der größten Beſorgniß. Die Komthure von Neſſau und Thoen ſtelten es wiederholt dem Meiſter als hoͤchſt nothwendig vor, die Burg ſtaͤrker zu bemannen, denn die Gefahr ward immer dringender, da man vernahm, daß die Po⸗ len in großer Zahl bereits in die Gegend von Brzefe mit Sturmleitern und Belagerungsbüchfen herangezogen ſeyen und nur den Eisgang der Weichſel erwarteten, um das Haus anzugreifen. Der Ordensmarſchall, in der Gegend von Graudenz liegend, ſchien nicht Luſt zu haben, ſeine Kriegsmannſchaft zu theilen;? endlich auf die nachdruͤck⸗ üichſts Mahnung der Komthure fandte er zwar einige Bei⸗ I) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn Dienſt. nach Mathia 1432 Schbl. XXIV. 8. 2) Schr. der Komthure v. Thorn und Neſſau, d. Sonnt. vor Mathias 1432 Schbl. XXIV. 5. 7. Schr. des Komthurs v. Neſſau an d. Großkomthur v. näml. Dat. Schbl. XXIII. 170. 3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn Sonnt. zu Faſtnacht 1432 Schbl. XXIV. 35. Deſſelb. Schr. an den Marſchall v. namt. Dat. Schbl. XXIV. 16.
Scanseite 603 · Druckseite 590
590 Krieger. Stell. d. Koͤn. v. Pol. geg. d. Orden. (1432.) huͤlfe, die er und die Komthure von Elbing, Branden⸗ burg und Balga zuſammengebracht hatten; allein ſie reichte bei weitem nicht hin, um die Burg zu vertheidigen.“ Es war ein Gluͤck, daß die Polen dieſen Zuſtand der Dinge nicht genau kannten, denn bei dem Mangel an einmuͤthigem Zuſammenwirken unter den Gebietigern, bei der ſchon immer mehr erwachenden Unzufriedenheit des Volkes im Kulmerlande, wo man bald den Kriegsdienſt, bald wie in Thorn die Entrichtung des ausgeſchriebenen Schoſſes verweigerte,, und bei dem ſchon mehr und mehr hervortretenden Mißtrauen und Ungehorſam der Un: terthanen gegen die Landesverwalter wuͤrde der Feind bei einem Einfalle ins Land nicht bedeutenden Widerſtand, hie und da vielleicht ſchon manchen Anhang gefunden ha— ben. In der That zeigten ſich jetzt ſchon die erſten Spu⸗ ren des Geiſtes, der bald im Preuſſiſchen Bunde fo maͤch— tig wirkſam auftrat. Die unruhige und mißvergnuͤgte Stimmung verbreitete ſich bereits in dieſer Zeit fo bedeu— tend unter dem Adel des groͤßten Theiles vom Kulmer⸗ land, daß man hie und da ſchon von verraͤtheriſchen Pla: nen gegen die Landesherrſchaft, vom Abfalle vom Orden -ſprach. Man warnte bereits den Hochmeiſter: man habe die Abſicht, ſich im Kulmerlande der wichtigſten Burgen, zunaͤchſt Strasburgs und der andern an der Graͤnze zu bemaͤchtigen; der Koͤnig von Polen, in die Naͤhe kommend, duͤrfe dann, wie er auch vorhabe, nur einen auffordern: den Klagbrief ins Land ſenden, ſo werde er an der bos⸗ haft verraͤtheriſchen Ritterſchaſt gewiß großen Anhang fin⸗ den. Die Komthure von Chriſtburg und Oſterode, mit ihnen Hans von Baiſen und einige aus dem Landesrathe wurden vom Hochmeiſter beauftragt, die bedenkliche Sache 1) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Graudenz Mont. vor Einerum 1432 Schbl. XXIV. 2. 2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn Mittw. vor Oculi 1432 Schbl. Li. 67.
Scanseite 604 · Druckseite 591
Krieger. Stell. d. Kon. v. Pol. geg. d. Orden. (1432.) 591 zu erwaͤgen und Maaßregeln vorzuſchlagen, damit die unruhige Stimmung und der Geiſt der Unzufriedenheit nicht auch in die naͤchſten Gebiete, namentlich ins Oſtero⸗ diſche eindringe. Man hielt für das Rath ſamſte, daß der Meiſter ſelbſt einige der vornehmſten und einflußreichſten Ritter des Kulmerlandes vor ſich lade und ſich mit ihnen über ihre Klagen und Gebrechen verſtaͤndige. Wir wifs fen nicht, ob dieſer den Rath ausgeführt; gewiß aber war es ein Gluͤck, daß die Polen bald ihr Augenmerk mehr auf Pommerellen, als aufs Kulmeriand richteten. Der Koͤnig naͤmlich hatte jetzt ein anderes Ziel im Auge. Er hatte Unterhandlungen wegen eines Huͤlfs⸗ bimdniffes mit dem Herzog von Pommern angeknuͤpft und dieſer Fuͤrſt war auch ſelbſt nicht abgeneigt, nur wider⸗ ſtrebte noch ein großer Theil ſeiner Raͤthe und der Rit⸗ terſchaft, die keinen Beiſtand gegen den Orden leiſten wollten. ? Der König indeß feste feine Werbungen nicht nur bei den Herzogen von Stettin und Wolgaſt mit allem Eifer fort, ſondern ſuchte auch von neuem den Kurfürften von Brandenburg für ſich zu gewinnen, um in ſolcher Weiſe die Neumark von da aus mit Krieg zu uͤberziehen und den Orden von Deutſchland gaͤnzlich abzuſchneiden. Der Vogt der Neumark rieth daher dem Hochmeiſter aufs dringendſte, den Herzog von Stettin, der dem Orden ge— rade nicht abgeneigt war, auf feiner Seite zu behalten.“ 1) Ueber dieſe unruhigen Bewegungen im Kulmerlande, die der Entſtehung des Preuſſ. Bundes offenbar zum Grunde lagen, ein Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. am T. Mathiä Apoſt. 1432 Schbl. LXXVI. 56 und ein anderes deſſelben Komthurs, d. Soldau Sonnt. nach Dionyf. 1432 Schbl. XVII. 9; aus beiden das oben Geſagte. 2) Schr. des Vogts der Neumark, d. Schievelbein Dienſt. nach Mathid 1432 Schbl. XIII. 86. Merkwuͤrdig it, daß die Raͤthe und Ritter erklärten, „das fie nicht uf unſern Orden meinen czu helfen, es were denne das der Irluchteſter fürfte und here konig czu Denemar⸗ ken en das by ſeinem hogeſten gebote wuͤrde heiſen und gebyten. 3) Schr. des Vogts der Neumark, d. Woldenburg Sonnt. Invo⸗ cavit 1432 Schbl. XIII. 90.
Scanseite 605 · Druckseite 592
592 Krieger. Stell. d. Kön. v. Pol. geg. d. Orden. (1432.) Bereits aber hatte ſich die Hauptmacht der Polen an die Gränze Pommerellens hinüber gezogen und fand dort bereit, beim erſten Wink ins Gebiet des Ordens einzu⸗ fallen. Wie es ſchien, wartete man nur noch auf die Ankunft der tauſend Mann Huſſiten, die, wie der Vogt der Neumark erfuhr, Herzog Hans von Sagan dem Kö— nige zu Hülfe zu ſenden verſprochen hatte.“ Indeß hatten auch die dortigen Komthure von der Weichſel an bis hinaus in die Neumark alles in kriegsfertigen Stand geftellt, um dem Feinde beim erſten Kriegsgeſchrei entgegen zu gehen. Ebenſo hatte Switrigal an der Maſoviſchen Graͤnze ein be⸗ deutendes Kriegsheer aufgeſtellt, um auf des Meiſters erſten Wink in Polen und Maſovien einzubrechen.“ Alſo ſtand ſich zu Ende des März alles kampfgerüſtet gegenüber. Mittlerweile war der Koͤnig fort und fort bemuͤht, auch den Noͤm. Hof immer mehr gegen den Orden aufzureizen, denn auf ſeinen Antrieb waren die dorthin geſandten Ge— ſchaͤftstraͤger unermüdlich thaͤtig, durch allerlei nachtheilige Berichte den Hochmeiſter und ſeine Gebietiger beim Papſte und den Kardinälen in das übeljte Licht zu ſtellen, und wer konnte es dort beurtheilen, wenn ſie den Orden be= ſchuldigten: er habe die Heiden wieder aufgehetzt und ſich mit ihnen wider den König von Polen verbunden?“ Nun trat zwar der Ordensprocurator, um die beabſichtigte Sendung eines paͤpſtlichen Legaten nach Preuſſen zu bins tertreiben, beim Papſte mit der Erklaͤrung auf: der Or- den muͤſſe jetzt nothwendig zu ſeiner Rettung das Schwert ergreifen, weil jetzt außer Zweifel ſey, daß ſich der Koͤ⸗ 1) Schr. des Komthurs v Thorn, d. Thorn Sonnab. vor Faſc⸗ nacht 1432 Schbl. XXIV. 20. Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Mont. nach Eſtomihi 1432 Schbl. XXIV. 24. 2) Schr. des Vogts der Neumark, d. Kuͤſtrin Dienſt. nach Rerniniſe. 1432 Schbl. XIII. 46. 3) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Holland Sonnt. Lätare 1432 Schbl. XXIV. 6. 4) Schr. des Procurators, d. Rom 1. März 1432 Schbl. II. 114.
Scanseite 606 · Druckseite 593
Krieger. Stell. d. Kön. v. Pol. geg. d. Orden. (1432.) 593 nig zu ſeiner Vernichtung mit den Huſſiten verbunden habe, ) und dieſe Beſchuldigung machte um ſo groͤßeres Aufſehen am Hofe, weil die Polniſchen Sachwalter ſie keineswegs ablaͤugneten, ſondern nur damit rechtfertigen wollten, daß der Papſt Martin ſelbſt zu einer ſolchen Verbindung ſeine Einwilligung gegeben habe; allein das Polniſche Geld hielt den Papſt Eugenius dennoch auf der Seite des Königes; ja er erlaubte dieſem ſogar, von ſeiner Geiſtlichkeit in Polen zur Bekämpfung des Ordens den Zehnten zu erheben gegen die Haͤlſte der Abgabe an die Kardinaͤle und da der Papſt wie am Könige von Frankreich, ſo auch an dem von Polen einen feſten Halt gegen den Roͤm. Koͤnig ſuchte, ſo konnte der von Polen immer ziemlich ſicher auf feine fernere Gunſt rechnen. ? Von Rom aus war alfo fuͤr den Orden auf keine Ret⸗ tung aus ſeiner Bedraͤngniß zu hoffen; ſie konnte nur zunaͤchſt im Buͤndniſſe mit dem Großfuͤrſten erwartet wer⸗ den. Da nun im April ſich ein Ketzerheer bis an die Oder vorgedraͤngt, Frankfurt belagert und beſtuͤrmt hatte und dann ſich nach Croſſen hin an die Polniſche Graͤnze zog, um ſich, wie man vermuthete, mit der Polniſchen Hauptmacht zu verbinden, ® da ferner die Nachricht kam, daß die Ketzer den Koͤnig von Polen bereits zum Ver⸗ weſer und Schutzherrn Boͤhmens aufgenommen, mit ihm ein foͤrmliches Buͤndniß eingeleitet und den Plan gefaßt 1) Schr. des Procurators, d. Rom 29 März 1432 Schbl. II. 111, ueber die Unterhandlungen des Koͤniges mit den Huſſiten gegen den Orden Dlugoss. P. 605 seg. 2) Schr. des Procurators, d. Rom 29 März 1432 Schbl. II. 112, 116. In einem Schr. des Procurators, d. Rom 11 Aprit 1432 Schbl. IT. 76 heißt es: Dy Polen geen alhir noch hüte des tagis mit groſem ruwme und goffczin, wy ſy unſern orden mit der ketzer bülfe meynen genczlich czu kaſteyen. 3) Schr. des Vogts der Neumark, d. Soldin Sonnab. vor Pal⸗ mar. 1432 und zwei andere Schbl. XIII. 22. 24. 89. VII. 38
Scanseite 607 · Druckseite 594
594 Krieger. Stell. d. Kön. v. Pol. geg. d. Orden. (1132.) hätten, in die Neumark einzubrechen, ) jo ließ der Hoch⸗ meiſter nicht nur eiligſt neues Huͤlfsvolk aus Livland her⸗ beiziehen, ſondern fand auch fuͤr nothwendig, mit dem Großfürften ſich perſoͤnllch über kraͤftige Maaßregeln zu berathen. Alſo kam in der Mitte des Mai der Meiſter mit dem Großfürſten in Chriſtmemel zuſammen. Zunaͤchſt wurde das Bündniß dadurch noch feſter geknuͤpft und „gegen falſcher, ungetreuer und aller boͤſen Leute betruͤgliche Li⸗ ſtigkeit und Aufſaͤtze“ geſichert, daß auch beider Fuͤrſten Gebietiger, Baioren, Ritter und Städte aus allen Gebieten beider Lande es genehmigten, ihm mit Eidſchwur beitraten und es ewig feſt und treu zu halten verſprachen, alſo daß es nun nicht mehr ein bloßes Buͤndniß der beiden Fürſten, ſondern auch ihrer beiderſeitigen Unterthanen und Lande war.) Dann ward manches andere verhandelt, was die dringenden Zeitverhaͤltniſſe erſorderten; es war auch zwiſchen dem Großfürſten und den Herzogen von Maſovien durch des Herzogs Bolko von Maſovien Wittwe eine gegenſeitige Verbindung eingeleitet; auch der Orden ſollte darin aufgenommen und deshalb ein naͤherer Be⸗ rathungstag gehalten werden.) Dieß alles ſchreckte den König von Polen von ernſtern Schritten zuruck; den Or⸗ den durfte er jetzt ohne große Gefahr auf keine Weiſe mit Krieg uͤberziehen. Er ſchwankte nun in feinen Maaß⸗ regeln hin und her, ſprach von friedlicher Beilegung aller obwaltenden Streithaͤndel, brachte einen neuen Verhand⸗ lungstag um Michaeli in der Gegend von Thorn in Vor⸗ ſchlag, an welchem auch der Hochmeiſter Theil nehmen 1) Schr. des Hauptmanns von Kuͤſtrin an den Vogt d. Neumark, d. Küftein Freit. vor der Kreuzwoche 1432 Schbl. XXIV. 10. 2) Die beiden Urkunden darüber, d. Chriſtmemel Donnerſt. S. Sophia 1432 Fol. C. P. 342 — 344, Fol. E. Abſchrift Schbl. XVII. 14. 3) Schr. des Vogts v. Brathean, d. Garthen Sonnt. nach Him⸗ melf. 1432 Schbl. XVII. 134. Schr. Switrigals an d. HM. d. No⸗ wogrodeck Sonnt. inira octavas corp. christi 1432 Schbl. XVII. 13,
Scanseite 608 · Druckseite 595
Krieger. Stell, d. Koͤn. v. Pol. geg. d. Orden. (1432.) 595 ſollte. Dieſer ſowohl als der Großfürft nahmen ihn auch an. Da jedoch bald die Kunde kam, daß der Koͤ⸗ nig dennoch in ſeinem Lande die Kriegsanſtalten fortſetze, drei Bruͤcken über die Weichſel ſchlagen laſſe, mit den Huſſiten noch fort und fort in Unterhandlungen ſtehe und ſie zu einem Einfall ins Ordensgebiet aufmuntere, ? fo erließ der Großfuͤrſt an den Konig jetzt die drohende Er⸗ klaͤrung: „es ſey ihm kund geworden, daß die Voͤhmiſchen Ketzer, von Polen aus aufgefordert, bereits uͤber die Oder geſchritten und jetzt im Begriff ſeyen, das Gebiet des Ordens zu überfallen, daß fie in Verhandlungen mit dem Koͤnige ſtaͤnden und taͤglich in Polen einruͤckend uͤber⸗ all Vorſchub und Unterſtuͤtzung faͤnden. Das alles ſtreite wider den Inhalt des geſchloſſenen Beifriedens; der Kö: nig ſolle die Seinen von ſolchem Unternehmen, welches nicht ohne ſeine Zuſtimmung im Werke ſeyn koͤnne, mit Ernſt zurückhalten, wohl erwaͤgend, daß nach dem Buͤnd⸗ niſſe, in dem er mit dem Orden und den Walachen ftehe, alles, was dieſen geſchehe, jeder Zeit auch ihn treffe. ® Dem Hochmeiſter aber meldete der Großfuͤrſt: feine ganze Kriegsmacht ſtehe jetzt bereit, aufs naͤchſte Gebot ſofort ins Feld zu rücken; ſobald die Polen und Böhmen ins Ordensgebiet einbrechen wuͤrden, werde er mit ſeiner gan⸗ zen Macht in Polen einfallen; die Walachen als Huͤlfs⸗ genoſſen ſeyen dazu ſchon aufgefordert; wuͤnſche es der Meiſter, ſo wolle er ihm auch eine anſehnliche Huͤlfsmacht nach Preuſſen ſenden. Auf den König aber machte Switrigals drohendes Wort ſolchen Eindruck, daß er als⸗ 1) Schr. Switrigals an den HM, d. Garthen Freit. nach Himmelf. 1432 Schbl. XVII. 12. 2) Schr. des Komthurs v. Golub, d. Sonnab. nach Diviſion. Apoſtol. 1432 Schbl. XXIII. 166. 3) Schr. Switrigals an den König v. Polen, d. Hrodno feriu W ante fest. Mariae Magdal. 1422 Schbl. XVII. 188. 4) Schr. Switrigals an den HM. d. Garthen Sonnt. vor Maria Magdal. 1432 Schbl. XVII. 22. 38 *
Scanseite 609 · Druckseite 596
596 Krieger. Stell. d. Kön. v. Pol. geg. d. Orden. (1432.) bald feine Kriegshaufen aus einander gehen, die Brücken Über die Weichſel wieder abbrechen und an den Graͤnzen bei Strafe an Leib und Gut aufs ſtrengſte den Frieden gebieten ließ. Auch die Huſſiten zogen ſich darauf wie⸗ der nach der Graͤnze Schleſiens zuruͤck. Dem Groß⸗ fürſten aber ſchrieb darauf der König: Ihr pfleget uns oͤfter, uns über mancherlei Dinge anklagend, in harten und rauhen Worten zu ſchreiben, was wir von euch mit ſchmerzlicher Empfindung ertragen, da wir uns fuͤr un⸗ ſchuldig und gerecht halten. Moͤget wiſſen, daß wir uns in unſern Handlungen nicht anders als wie einen chriſt⸗ lichen und gläubigen Fürften und gekroͤnten Koͤnig bewei⸗ ſen. Den Beifrieden werden wir ſtets mit unſern Unter⸗ thanen unverbruͤchlich halten, ſofern er auch uns gehalten wird. Die Böhmen aber haben wir während des Waf⸗ fenſtillſtandes keineswegs zum Einfall ins Ordensgebiet auf⸗ gereizt, auch unſere Unterthanen ihnen mitnichten Huͤlfe geleiſtet, wie euch faͤlſchlich berichtet iſt. Glaubet alſo ſolche erdichtete und wahrheitswidrige Dinge nicht und fallt uns mit Schreiben ſolcher Art ferner nicht mehr laͤ⸗ ſtig. Daß unſere Boten zwiſchen uns und den Boͤhmen haͤuſig hin und her reiten, laſſet euch nicht wundern; wir haben ja den Auftrag und Befehl ſowohl vom Papſte Martin als dem jetzigen heil. Vater Eugenius, auf jeg⸗ liche Weiſe die Boͤhmen zu bekehren und zur Einigkeit mit der Mutterkirche zurückzuführen, ein Werk, welches wir in Chriſti Namen ausführen muͤſſen und zum gluͤck⸗ lichen Ziele zu bringen hoffen u. ſ. w. * So der heuchleriſche Koͤnig. Aber auch der Herzog von Pommern war jetzt in ſeiner Geſinnung dem Orden mehr enthüllt. Man erfuhr, daß insgeheim zwiſchen ihm 1) Schr. des Komthurs v. Schwez, d. Schwez Mittw. nach Maria Magdal. 1432 Schbl. XXIII. 173, 2) Schr. des Könige v. Polen an den Großfuͤrſten, d. in Op- yoezne sabbalo in festo s. Anur 1432 Schbl. XXIII. 177,
Scanseite 610 · Druckseite 597
Krieger. Stell. d. Kön. v. Pol geg. d. Orden. (1432.) 597 und dem Könige von Polen eine Verbindung zu Stande gekommen ſey, in welcher er ſich verpflichtet habe, in einem Kriege gegen den Orden als des Koͤniges Verbuͤn⸗ deter mit aufzutreten.) Eine Heirath zwiſchen ihm und der Tochter des Herzogs Semaſke von Maſovien, Swi⸗ trigals Schweſterſohn, hatte auch dieſen Fuͤrſten fuͤr das Buͤndniß gewinnen ſollen; allein der Plan ſcheiterte an feiner unverbruͤchlichen, feſten Treue gegen den Großfür: ſten und den Orden, die er mit aller ſeiner und ſeiner Bruͤder Macht gegen Polen zu unterſtuͤtzen verſprach. Je naͤher nun aber der zwiſchen den drei Fuͤrſten zur Ausgleichung der wichtigſten Streitfragen aufgenommene Tag herankam, um ſo weniger ſchien Hoffnung, daß er von irgend bedeutendem Erfolge feyn werde.) Der Kö: nig hatte ja nicht einmal erlaubt, daß den in Krakau in dem jammervollſten Zuſtande hinſchmachtenden Gefan⸗ genen des Ordens einiges Geld und Kleider zugeſandt werden durften.“ Am S. Lorenztage kamen nun endlich die Bevollmaͤchtigten der drei Fuͤrſten auf einem Werder in der Weichſel bei Oſtromitz zuſammen, von Seiten des Ordens der Großkomthur mit fuͤnf Komthuren, Hans von Logendorf u. a.) Der Beifriede wurde von neuem beſtaͤtigt; dann verhandelte man über Schadenerſatz und über Beſtimmungen wegen Verhinderung der bisherigen Raͤubereien und Pluͤnderungen längs den Graͤnzen Preuſ— ſens und Polen und uͤber andere minder wichtige Ver⸗ haͤltniſſe; endlich ward ein neuer Tag zu Ruſſiſch⸗Brzeſe 1) Schr. des Pflegers v. Buͤtow, d. am Pfingſttage 1432. Schr. des Waldmeiſters v. Schievelbein an den Komthur v. Danzig, d. Schie⸗ velbein am T. Mariä Magdal. 1432 Schbl. XV. 123. 2) Schr. Switrigals an den Großkomthur, d. Garthen Mont. nach Jacobi 1432 Schbl. XVII. 91. 3) Schr. des Großkomthurs, d. Raſtenburg am T. Vincula Petri 1432 Schol. XVII. 131. 4) Schr. Switrigals an den HM., d. Worauy Mont. vor- Lau⸗ rentii 1432 Schbl. XVII. 6. 5) Fol. C. p. 345.
Scanseite 611 · Druckseite 598
598 Switrigals Vertreibung. (1432.) aufgenommen, wo zwiſchen dem Könige, dem Großfürften und den Geſandten des Ordens das Friedenswerk vollen⸗ det und alles völlig ausgeglichen werden ſollte.“ Da aͤnderte ſich in Litthauen mit einemmale die gan⸗ ze Lage der Dinge. Der Großfuͤrſt hatte den neuen Ber: handlungstag genehmigt. Vorausſetzend, daß auch der Koͤnig perſoͤnlich erſcheinen werde, trat er die Reiſe nach Ruſſiſch⸗Brzeſc an.) Allein am letzten Tage des Aus guſts ward er in Oſchmjana mit anbrechendem Morgen vom Herzog Sigismund, Witowds Bruder und Fuͤrſten von Starodub, den Herzogen Simon und Alexander und einer anſehnlichen Zahl von Woiwoden und Hauptleuten, die Sigismund insgeheim gewonnen, plotzlich uͤberfallen. Nur mit Muͤhe gelang es ihm, mit dem Hauptmanne von Wilna auf eiligſter Flucht bis in die Burg Polozk an der Livlaͤndiſchen Gränze zu entkommen.“ Die Gros ßen Litthauens aber riefen alsbald Sigismunden zum Großfuͤrſten und Herrn des Landes aus, indem fie Swi⸗ trigal'n beſchuldigten, daß unter ſeiner Verwaltung der chriſtliche Glaube im Lande geſchwaͤcht worden ſey, weil er mehr dem Ruſſiſchen als dem Roͤmiſchen Glauben an⸗ gehangen, daß er den Großen des Landes viel Leid und Unrecht zugefuͤgt habe u. ſ. w. Ganz Litthauen mit al⸗ len Staͤdten und Burgen huldigte ſofort dem neuen Herrn; nur die Ruſſen blieben dem alten Fuͤrſten treu.“ 1) Receß über die Verhandlungen am T. Laurenti 1432 Schbl. XXIII. 165. Fol. C. p. 344 — 340. 2) Schr. des Vogts v. Brathean, d. Traken Mittw. nach Aſſumt. Mariä 1432 Schbl. XVII. 135. 3) Der Ort wird in einem Berichte auch Oyſmenne genannt; Swi⸗ trigal nennt ihn ſelbſt Oschmana. 4) So im Fol. C. p. 346, wo die Burg Poloſchko genannt wird. Schr. des Vogts v. Brathean, d. Wilna Dienft. nach Octava Bar⸗ tholom. 1432 Schbl. XVII. 19. Schr. Switrigals an den Livländ. Meiſter, d. in castro nostro Polocensi feria IV ante festum nativit. Marie 1432 Schl. XVII. 3, wo er ſelbſt Bericht darüber giebt. 5) Diugoss. p. 611. Kajalowicz p. 151 — 133.
Scanseite 612 · Druckseite 599
Sigismund Großfürft von Lirthauen. (1432.) 599 Da kam eine Botſchaft des neuen Großfürſten an den Hochmeiſter: auch er wolle gerne an dem Buͤndniſſe zwi⸗ ſchen Preuſſen und Litthauen feſthalten und bereitwillig alles darin Ändern, was etwa dem Meiſter mißfaͤllig ſey; er wuͤnſche nichts ſehnlicher als Friede mit dem Orden, desgleichen alle Großen ſeines Landes; darum moͤge er ſich gerne mit dem Meiſter perſoͤnlich über die Erhaltung des Friedens beſprechen. Dieſer indeß nicht ohne Scheu und Mißtrauen ſandte zuvor den gewandten und klugen Komthur von Mewe Ludwig von Lanſe nach Litthauen, um naͤhere Nachrichten uͤber die dortigen Verhaͤltniſſe ein⸗ zuziehen.) Da kam waͤhrend deſſen Anweſenheit beim Großfürſten auch eine Botſchafſt des Königes von Polen, der, obgleich er, wie es ſcheint, an der Umwandlung der Dinge in Litthauen keinen Antheil hatte,“ ſich jetzt be⸗ eilte, Sigismunden an ſein Intereſſe zu feſſeln und das Bündniß mit dem Orden zu trennen. Er ließ ihm deshalb einen Verhandlungstag in Vorſchlag bringen, dem er ſelbſt beiwohnen wollte und an welchem auch der Be⸗ vollmaͤchtigte des Ordens Theil nehmen ſollte. Allein ſtatt des Koͤniges erſchienen bald darauf zum Tage zu Garthen nur ſeine Bevollmaͤchtigten. Die Verhandlungen begannen; der Botſchafter des Ordens indeß ward auf Antrieb der Polen von den Berathungen ausgeſchloſſen. Acht = hindurch bemühte ſich Sigismund vergebens, 1) Schr. des Vogts v. Brathean Schbl. XVII. 19. Fol. C. p. 346. 2) Fol. C. p. 346. Schr. des Komthurs v. Mewe, d. Bude Sonnab. vor Nativit. Maria 1432 Schbl. XVII. 194. Dlugoss. p- 611 — 612. 3) In keinem Berichte wird das Mindeſte von der Theilnahme oder dem Mitwiſſen des Königes an den beruͤhrten Ereigniſſen erwähnt; ſelbſt Switrigal ſagt davon in feinem angeführten Schreiben nicht das Geringſte. 4) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Malga Mittw. nach Maria Geburt 1432 Schbl. XXIII. 168. 5) Fol. C. p. 346.
Scanseite 613 · Druckseite 600
600 Sigismund Großfuͤrſt von Litthauen. (1432.) eine Vergleichung zwiſchen Polen und dem Orden zu ver: mitteln, denn hiezu hatten die königlichen Sendboten keine Vollmacht. Man kam endlich nur darin uͤberein: Switrigal, der ſich zur Wiedereroberung ſeines Fuͤrſtenſtuh⸗ les um Hüͤlfe an den Meiſter von Livland gewandt, von dieſem jedoch noch keine Zuſage erhalten hatte,“ ſolle bei etwanigen feindlichen Verſuchen mit allem Nachdruck be⸗ kaͤmpft werden; der neue Großfuͤrſt werde dem Könige Po: dolien abtreten, wofuͤr ihn dieſer zur Eroberung der dem Herzog Switrigal treu gebliebenen Ruſſiſchen Provinzen mit Kriegsvolk unterſtützen ſolle; dem Hochmeiſter ſolle anheim geſtellt ſeyn, eine Botſchaft zum Koͤnige zu ſenden, wohin ſich dann der Großfürft ebenfalls begeben wolle, um wo möglich zwiſchen den drei Landen Friede und Freundſchaft berzuſtellen. Dieſe Beſchluͤſſe ließ Sigismund auch dem Hochmeifter überbringen, ?) Allein der König hatte es anders im Sinne. Erfreut daruͤber, daß er dem Orden den Bundesgenoſſen, wie er meinte, entzogen habe, wollte er weder Krieg in Litthauen, noch feſten Frieden mit dem Orden. Dieſen zu bekaͤmpfen, hatte er bereits neue Unterhandlungen mit den Huſſiten an⸗ geknuͤpft. In Litthauen wollte er einen Vergleich vermitteln; um Switrigal'n zu beſchwichtigen und doch unſchaͤdlich zu machen, ſollte dieſer die Ruſſiſchen Lande erhalten, wodurch zugleich eine dem Könige erwuͤnſchte Theilung und Schwaͤ⸗ chung der gefaͤhrlichen Macht Litthauens erzielt wurde. Durch ein Buͤndniß mit beiden Fuͤrſten ſollte dann der Orden von dorther aller Beihülfe beraubt werden. Zu gleichem Zwecke knuͤpfte der Koͤnig auch Unterhandlungen mit den Herzogen von Pommern an, ſelbſt an den Koͤnig von Daͤne⸗ mark gingen ſeine Botſchafter, theils um dem Orden die Straße nach Deutſchland zu verſperren, theils der Zuſendung J) Schr. des Livland. Meiſters, d. Wenden Dienſt. nach Maria Geburt 1432 Schbl. XVII. 3, , 2) Der Bericht daruͤber Fol. C. p. 347. Diugoss. p. 613.
Scanseite 614 · Druckseite 601
Kriegsereigniſſe in Litthauen. (1432.) 601 von Hüͤlfsvolk vorzubeugen. Dieſe Verhaͤltniſſe waren aber gerade jetzt um ſo gefahrvoller, da im Kulmerlande der unruhige und unzufriedene Geiſt unter der Ritterſchaft noch fortdauerte, ſich weiter verbreitete und immer be⸗ denklicher hervortrat.“ Des Koͤniges ganzer Plan aber ward entbült, als zu Anfang des Octobers dem Hochmeiſter ein Schreiben der vornehmſten Hauptleute der Huſſiten zukam, worin ſie er⸗ klaͤrten, daß ſie dem Orden wegen des oͤftern Beiſtandes, den er dem Roͤm. Koͤnige zu ihrer Vernichtung geleiſtet, wegen des unermeßlichen Schadens, den ſie dadurch er⸗ litten, und wegen des ungerechten und mit Graͤueln aller Art verbundenen Einfalles der Ordensheere ins Land des Koͤniges von Polen, den Frieden aufkuͤndigen muͤßten, ſo⸗ fern dem letztern fuͤr die an ſeinen Unterthanen veruͤbten Verbrechen nicht die vollkommenſte Genugthuung geſchehe, denn es erfordere ihre Pflicht, dem Koͤnige dann allen moͤglichen Beiſtand zu gewaͤhren.) Dieß war in des Koͤniges Verbindung mit den Huſſiten der erſte oͤffentliche Schritt; fie nannten ihn ſelbſt ihren Beſchuͤtzer und Goͤn⸗ ner. Der baldige Beginn eines Krieges war alſo jetzt nicht zweifelhaft; ja es verlautete ſchon, daß man beim Ausbruche eines Kampfes auch gegen den Markgrafen von Brandenburg nicht ſicher ſey.“ Mittlerweile aber hatte in Litthauen der Krieg bereits begonnen. Herzog Switrigal, theils ermuthigt durch die Treue und Ergebenheit vieler ſeiner Unterthanen, wie durch die ſtandhafte Vertheidigung mehrer ſeiner wichtigſten Bur⸗ I) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Soldau Sonnt. nach Dionyſ. 1432 Schbl. XVII. 9. 2) Schr. der Huſſitiſchen Hauptleute, d. ipso die nativitat. Ma- rie 1432 im Fol. C. p. 347. Voran ſteht die Bemerkung: Nach be⸗ gerunge der Polen haben die ketzer dem Homeiſter und ſeyme ganzen Orden alſo geſchrieben und vilnach entſaget. 3) Schr. des Vogts der Neumark, d. Woldenberg am T. Simno u. Juda 1432 Schbl. XV. 82.
Scanseite 615 · Druckseite 602
602 Kriegsereigniſſe in Litthauen. (1122.) gen, theils ſich ſtuͤtzend auf die Beihülfe des Meiſters von Livland, der ihm auf des Hochmeiſters Befehl eine Reis terſchaar unter den Komthuren von Aſcherade und Duͤna⸗ burg zugeſandt, 2) vor allem aber vertrauend auf den Bei⸗ ſtand der maͤchtigſten Oberhaͤupter der Tataren und der Walachei hatte gegen den Großfuͤrſten Sigismund das Schwert ergriffen, ? und anfangs nicht ohne Gluck, denn bei des Gegners ſchwacher Kriegsmacht ſand er nirgends Widerſtand; uͤberall ſtroͤmte ihm das Volk aus Haß ge⸗ gen die Polen, mit denen Sigismund ſich verbuͤndet, in Haufen zu, denn nicht das Volk, wie man nun ſah, ſondern nur die Großen des Landes hatten den neuen Großfurſten emporgehoben. ? Nur Traken und Wilna waren dieſem noch uͤbrig.“ Minsk hatte ſich Switrigal'n bereits ergeben. Neu ermuthigt durch die Nachricht, daß der Woiwode der Walachei dem Koͤnige von Polen den Frieden aufgekuͤndigt und deſſen Graͤnze ſchon überfchrit- ten habe, forderte der Herzog auch den Hochmeiſter auf, zur Vergeltung des Friedensbruches gegen den König das Schwert zu ergreifen.) Der Meiſter wollte zwiſchen bei⸗ den Fürften eine Vermittlung zu friedlicher Ausgleichung ubernehmen; allein fie ward von Sigismund zurückgewie⸗ ſen.) Da drang Switrigal tiefer ins Land ein; bis Oſchmjana unterwarf ſich alles ohne Widerſtand. Dort ein Lager ſchlagend erwartete er nur noch die eine Tag⸗ reife von ihm entfernt liegende Livlaͤndiſche Reiterſchaar, — — U Schr. des Livland. Meiſters, d. Wenden Freit. nach aller Heil. 1432 Schbl. XVII. 5. 2) Dlugoss. p. 621. 3) Schr. des Hans Balg aus Braunsberg an d. HM. d. Brauns⸗ berg am Abend Martini 1432 Schbl. XVII. 20. 4) Kojalowiez p. 154. 5) Schr. Switrigals an d. HM. d. in Borissow feria V. b. Briccii 1432 Schbl. XVII. 1. 6) Schr. des Großfuͤrſten Sigismund an den HM. d. Hof Wack⸗ myk Sonnt. des Advents 1432 Fol. C. p. 348.
Scanseite 616 · Druckseite 603
Kriegsereigniſſe in Litthauen. (1432.) 603 um gegen Wilna vorzuruͤcken; es war das naͤchſte Ziel ſeines ungetrübten Waffenglückes. Da trat ihm am fies beuten December ein nicht unbedeutendes Heer des Groß⸗ fürſten zur Schlacht entgegen. Allein beide Fuͤrſten ſchrie⸗ ben ſich den Sieg zu; beide ſuchten durch ihre Sieges⸗ berichte den Hochmeiſter fuͤr ihre Sache und zum Bei⸗ ſtande zu gewinnen. ? Switrigal indeß war bis Ploskow zurückgewichen, von dort den Hochmeiſter unter den lok⸗ kendſten Verheißungen um Beihülfe aus Preuſſen oder Livland bittend.? Dieſer verließ auch jetzt den alten Bundesgenoſſen nicht; er ſandte den Komthur von Mewe Ludwig von Lanſe an feine Hofſtatt mit der Zuſage der kraͤftigſten Unterſtützung durch den Orden, wodurch nicht nur der Herzog und die ſchon wankenden Ruſſiſchen Gro⸗ ßen wieder ſriſchen Muth, ſondern Switrigals ſchon faſt ſinkende Sache auch unter dem Volke wieder neuen Auf⸗ ſchwung gewann.“ Gerne willigte er daher auch in des Hochmeiſters Forderung ein, dem Orden das fuͤr dieſen ſo wichtige Polangen abzutreten, um es wieder aufzubauen, wozu noch eine Landſtrecke von drei Meilen bis an die Gränze gegen die Wildniß hin beigegeben wurde. 1) Schr. Switrigals an den Livländ. Meiſter, d. Hof Woſchmene, ſieben Meilen von Wilna 30 Nov. (1432) Schbl. XVII. 100. Schr. des Livland. Meiſters an den HM. d. Burtenig am T. Lucid 1432 Schbl. XVII. 100. 2) Schr. Sigismunds an d. HM. d. auf dem Schlachtfelde bei Oſchmjana Dienſt. nach Concept. Maria 1432 Fol. C. p. 348. Er ſagt: „ geſtern“ ſey die Schlacht vorgefallen; alſo wäre die Schlacht auf Mon⸗ tag d. 7. December erfolgt; aber der 7. December war in dieſem Jahre ein Sonntag, wonach ein Irrthum in der Angabe obwalten muß. Ko- jalowiex p. 158 giebt IV Idus Decembr. (10 Decemb.) als Schlacht- tag an. Nach Dlugoss. p. 622 gewann Sigismund den Sieg. Da⸗ gegen das Schr. Switrigals an den HM. d. Ploſkauwe am T. Lucia 1432 Fol. C. p. 349. 3) Schr. Switrigals a. a. O. 4) Schr. des Komthurs v. Mewe, d. Weitwiske am T. Thomä 1432 Schbl. XVII. 101. 5) Schr. des Komthurs von Mewe an den Ordensmarſchall,
Scanseite 617 · Druckseite 604
604 Kriegsereigniſſe in Litthauen. (1432.) Dieſe Erwerbung Polangens, der ſich der Koͤnig von Polen, wie erinnerlich iſt, ſchon früher mit allem Nach⸗ drucke widerſetzt hatte, war jetzt fuͤr ihn ein neuer Sta⸗ chel des Zornes und der Erbitterung gegen den Orden. Gerne haͤtte er daher gegen dieſen alsbald den Krieg be⸗ gonnen, denn am Herzog von Pommern ſtand ihm ja ein treuer Bundesgenoſſe zur Seite, durch den ermuthigt die Polniſchen Hauptleute an den Graͤnzen beſonders ins Schlochauiſche und Tuchelſche Gebiet einen Raubzug nach dem andern wagten und durch ihre unaufhoͤrlichen Pluͤn⸗ derungen die Bewohner jener Gegenden in die druͤckendſte Armuth brachten;“ es ſtand ihm ferner an der Weſt⸗ graͤnze ſeines Reiches an den Ketzern eine Huͤlfsmacht zu Gebote, die wohl allein ſchon im Stande geweſen waͤre, den Orden an den Rand des Unterganges zu führen. ? Allein die Ereigniſſe in Litthauen hielten ſein Schwert noch in der Scheide; denn dieſe hatten ihn nicht nur ge⸗ noͤthigt, einen anſehnlichen Theil ſeiner Streitkraͤfte ſelbſt aus Großpolen an die oͤſtliche Graͤnze gegen Luczk zu ent— ſenden,“ ſondern der Anzug der mit Switrigal verbuͤn⸗ deten Podolier, Walachen und Tataren ſetzte dort ſeine Lande in fo große Gefahr und die Herzoge von Maſo⸗ vien, denen der Koͤnig dort den Heerbefehl uͤber ſeine Kriegsmacht uͤbertragen, fanden ſich dem andringenden Feinde ſo wenig gewachſen, daß der Koͤnig bis von Kra⸗ kau her und in den meiſt geſchuͤtzten Gegenden alles waf⸗ datirt Weitwiske am Tage Stephani Prothomart. 1432 Schbl. XVII. 15. 1) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Schlochau Donnerſt. nach Eliſabeth 1432 Schbl. XXIII. 174, Man berechnete den kuͤrzlich veruͤb⸗ ten Schaden durch die Raubeinfälle im Schlochauiſchen auf 33,624 Mark. Schr. des Komthurs v. Tuchel, d. Tuchel am Abend Eliſabeth 1432 Shot. XXIII. 103 u. XXIV. 23. 2) Schr. des Vogts der Neumark, d. Arnswalde am T. Clemen⸗ tis 1432 Schbl. VIII. 659. 3) Schr. des Pflegers v. Raſtenburg, d, am T. Martini 1432 Schbl. XXIV. 36.
Scanseite 618 · Druckseite 605
Krieger. Stellung des Ordens u. d. Koͤniges v. Polen. (14 a.) 695 fenfaͤhige Volk aufbieten mußte, um der Gefahr im Oſten zu begegnen.) Und doch erlitten dort die Polen noch vor Ausgang dieſes Jahres durch die Uebermacht der Po⸗ dolier, Walachen und Tataren unter der Fuͤhrung des Po⸗ doliſchen Herzogs Vetko eine Niederlage, die ihnen zwölf: tauſend Mann und darunter gegen vierthalbhundert rit⸗ termaͤßige Krieger gekoſtet haben ſoll.“ Unter ſolchen Verhaͤltniſſen begann das Jahr 1433, eins der verhaͤngnißvollſten fir den Orden. Nach zwei Richtungen hin mußte fort und fort des Meiſters ganze Thaͤtigkeit und ſtete Aufmerkſamkeit gerichtet ſeyn. Im Oſten mußte er nothwendig die Fortdauer des Krieges wuͤnſchen, um dort die Waffen des Koͤniges ſo viel als moͤglich beſchaͤftigt zu ſehen. Es fanden deshalb mit Switrigal allerlei Unterhandlungen Statt und es ſchien ſich für ihn auch alles immer gluͤcklicher zu geflalten. Zwar zog ſich die Kriegsmacht der Polen und Maſovier in immer groͤßerer Staͤrke gegen Litthauen hin, weil man dort bald wieder eine Schlacht erwartete; ? allein Swi⸗ trigal hatte vom Tatariſchen Kaiſer Machmet die Zuſage erhalten: er werde ihm mit ſtarker Macht zu Huͤlfe kom⸗ men, und Herzog Michael von Kiev hatte bereits Befehl von ihm, Switrigal'n ſofort mit ſeinem Reitervolke zu⸗ zueilen. Der Hochmeiſter aber ſuchte die Podolier ge⸗ gen Polen in den Waffen zu halten, indem er ihren Her⸗ zog Ybaßke, Woiwoden in Klein- Podolien aufforderte, 1) Schr. des Komthurs v. Golub, d. Golub am T. Barbara 1432 Schbl. XXIV. 18. 2) Schr. des Komthurs v. Mewe an d. Ordensmarſchall, d. Weit⸗ wiske m T. Stephani 1432 Schbl. XVII. 15 u. XXIV. 46. 3) Schr. des Ordensmarſchalls, d. Waldau am T. Eircumciſ. 1433 Schbl. XVII. 175. Kotzebue Switrigal S. 99. 4) Schr. des Vogts v. Soldau, d. Soldau am T. Valentini 1433 Schbl. XXIII. 125. 5) Schr. des Komthurs v. Mewe, d. Weitwiske am T. Epiphan. 1433 Schbl. XVII. 107; er ſendet dem HM. den aus dem Catariſchen ins Deutſche überſetzten Brief des Tatar. Kaiſers, der noch beiliegt.
Scanseite 619 · Druckseite 606
606 Krieger. Stellung des Ordens u. d. Königesv. Polen. (1433.) mit ſeinem Volke, den Walachen, Tataren und den Her⸗ zogen Michael von Kiev und Vetko von Podolien zu ei⸗ nem Einfalle in Polen bereit zu ſtehen, ſobald der Orden feiner Seits ins Koͤnigreich einbreche, um fo die feind⸗ liche Macht zu theilen und von der Huͤlfsleiſtung für den Großfürften abzuziehen.) Bis dieſe Streitmacht ſich ge- ſammelt haben wuͤrde, mußte der letztere durch allerlei Unterhandlungen hingehalten werden, weshalb ihm der Hochmeiſter den Vorſchlag machen ließ: er moͤge dem Herzog Switrigal „etliche Winkel des Landes“ einraͤumen; dieſer ſolle ihm alle andern Lande abtreten; wolle aber der Großfuͤcſt dieß nicht zugeſtehen, fo möge er erlauben, daß der Hochmeiſter ihn aufnehme und ihm etwas zu ſei⸗ nem Unterhalte anweiſe. Der Großfuͤrſt nicht abgeneigt erließ alsbald an den Meiſter von Livland das Geſuch, fein Hülſsvolk aus Litthauen zurückzuziehen. Statt deſſen aber ſandte ihm dieſer einen foͤrmlichen Entſagebrief und ſetzte ihn dadurch von neuem in Ungewißheit uͤber des Hochmeiſters Abſichten; “ denn fo ſtand dieſer nun zu ihm in einer Stellung, die gerade nicht entſchieden feindlich, aber auch nicht friedlich war. Allerdings gewann dieſe Stellung des Hochmeiſters den Schein der Zweideutigkeit; ſelbſt der Meiſter von Liv⸗ land wurde irre, warum der Orden feinen Schuͤtzling, den Herzog Switrigal von Preuſſen aus nicht kraͤftiger unterſtuͤtze. Allein das ganze Streben des erſtern zielte nur darauf hin, die Kriegsflamme in Litthauen nicht er⸗ 1) Schr. des HM. an den Herzog Ybaßke in Klein⸗Podolien Woi⸗ wode, d. Marienb. Sonnab. nach Priſcä 1433 Regiſtr. VI. p. 6 — 7. 2) Schr. des Großfuͤrſt. Sigismund an den HM. d. Traken Mittw. nach Gonverfion. Pauli 1433 Schbl. XVI. 44. Fol. C. p. 350. 3) Schr. des Ord. Marſchalls an den HM. d. Königsberg Freit. vor Antoni 1433 Schbl. XVII. 174; er deutet ſelbſt auf die erwähnte Stellung des HM. hin. 4) Schr. des Livländ. Meiſters, d. Wenden am T. Mathia Apoſt. 1433 Schbl. XVII. 90,
Scanseite 620 · Druckseite 607
Krieger. Stellung des Ordens u. d. Königes v. Polen. (1432.) 607 ſticken zu laſſen und den Koͤnig von Polen mit den Ma⸗ ſoviern zu zwingen, einen großen Theil ihrer Kriegsmacht zur Beihuͤlfe Sigismunds und zur Deckung der Oſtgraͤn⸗ zen ihrer Laͤnder gegen Switrigals Verbuͤndete zu verwen⸗ den. Deshalb antwortete er auch dem Großluͤrſten auf ſeine Klagen wegen eines Einfalls des Livlaͤndiſchen Mei⸗ ſters in fein Gebiet:) Wir haben dem Meiſter etlichemal geſchrieben, ſtille zu ſitzen und nichts gegen euch zu thun; jedoch iſt uns darüber keine Antwort gegeben. Was aber jetzt die Livlaͤnder gethan haben, daran iſt niemand als ihr ſelbſt Schuld, denn hattet ihr euch mit den Polen nicht wider den Orden verbunden, was immer der zwi⸗ ſchen euch und dem Orden geſchehenen Verſchreibung zu⸗ wider iſt, ſo waͤre auch jenes nicht geſchehen. Wir ſind auch jetzt wegen der Verbindung zwiſchen euch und Po⸗ len noch fo zweifelhaft, daß wir nicht wiſſen, ob wir uns zu euch und den euern vollkommene Freundſchaft zu vermuthen haben oder nicht. Gebt uns darüber eine ſolche Antwort, daß wir uns darauf verlaſſen mögen. An uns ſoll es nicht gebrechen.“ Daß dieſes aber nur die Spra⸗ che der Politik war, daß der Hochmeiſter ſich keineswegs mit Sigismund, „dem ſtrengen und heftigen Manne, der viele ſeiner Leute auf allerlei Weiſe vom Leben zum Tode bringen ließ,“ zu verſtaͤndigen gedachte, vielmehr Swi⸗ trigal'n auch ferner treu zu bleiben und deſſen Sache aus allen Kraͤften aufrecht zu erhalten entſchloſſen ſey, bezeugte er nicht nur dem Deutſchmeiſter, ſondern auch dem Her⸗ zoge jelbft. “ 1) Fol. C. p. 351. Schr. des Livländ. Meiſters, d. Wenden Mittw. vor Faſtnacht 1433 Schbl. X. 45. Schr. des Komthurs v. Mewe, d Luckelin Mittw. vor Valentini 1433 Schbl. XVII. 90. 2) Schr. des HM. an d. Großfürſten Sigismund, d. Marienb. Donnerſt. vor Invotavit 1433 Rgſtr. VI. p. 1 — 2. 3) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter, d. Marienb, am Aſch⸗ tage 1433 Rgſtr. VI. p. 138. Schr. an Switrigal d. Marienb. Sonnt. Otuli 1433 Rgſtr. VI. p. 2 — 3.
Scanseite 621 · Druckseite 608
608 Krieger. Stellung des Ordens u. d. Königes v. Polen. (1433. Dieſe Stellung des Hochmeiſters aber forderten auch die Verhaͤltniſſe, die ſich mittlerweile im Weſten des Or⸗ densſtaates geſtaltet hatten. Schon ſeit den erſten Ta⸗ gen dieſes Jahres mußte man in der Neumark oder an Preuſſens Gränzen ſelbſt faſt taglich den Ausbruch des Krieges befürchten. D Es kam die Kunde, daß eine Bot- ſchaft der Ketzer, vom Könige hochgeehrt und beſchenkt, ihm eine Huͤlfsmacht von elftauſend Pferden zugeſagt habe; Preuſſen ſolle zu gleicher Zeit durch die Polen und Huf: fiten im Süden und von den Samaiten von Nordoſt her überzogen werden.“ Wirklich haͤuften ſich auch an den Graͤnzen die feindlichen Heerhaufen immer ſtaͤrker an, je⸗ den Tag drohend, ſchon wegen des drückenden Mangels an Lebensmitteln ins Ordensgebiet einzufallen. Einzelne Haufen, worunter auch die des Herzogs von Stolpe, hat⸗ ten ſich hie und da an den Heerwegen verſteckt, um die dem Orden zukommenden Soͤldnerrotten aufzufangen. 0 Kein Tag verging ohne gegenfeitige Raͤubereien und Plün- derungen, denn auch die Komthure an ben Graͤnzen be⸗ nutzten jede Gelegenheit zu feindlichen Eingriffen ins Nach⸗ barland.?) Dazu bei allen Nachbarfürfien dem Orden feindſelige und abgewandte Geſinnungen. Der Herzog von Stolpe ſtand ſchon oͤffentlich als Gegner da. Der von Stettin, um deſſen Gunſt eine Zeitlang ſowohl der König als der Hochmeiſter gebuhlt, wollte dieſem ſeine 1) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Danzig Sonnab. nach Epi⸗ phan. 1433 Schbl. LIX. 53. 2) Schr. des Vogts v. Soldau, d. Soldau am T. Valentini 1433 Schbl. XXIII. 125. 3) Schr. des Komthurs v. Tuchel, d. Tuchel am T. Cathedra Petri 1433 Schbl. LXXV. I. 4) Schr. des Pflegers v. Jeßnitz, d. Dienft. Fabian 1433 Schbl. XIII. 116. Schr. des Komthurs v. Schlochau d. Sonnab. am T. Va⸗ lentini 1433 Schbl. XXIV. 91. 5) Klagbriefe darüber von Poln. Hauptleuten u. Komthuren Schbl. XXIII. 109. 112. 107.
Scanseite 622 · Druckseite 609
Krieger. Stellung des Ordens u: d. Königesv. Polen. (1433.) 609 Freundſchaft zuerſt für zweitauſend Gulden und ein an- ſehnliches Darlehn, dann auch bloß fuͤr das letztere ver⸗ kaufen, ohne ſich irgend zur Beihuͤlfe zu verpflichten, ſchloß aber bald darauf, da der Hochmeiſter ſeine For⸗ derungen nicht erfüllen konnte, nebſt den übrigen Pom⸗ meriſchen Fuͤrſten ein Buͤndniß mit dem Koͤnige von Po⸗ len gegen den Orden.) Die Herzoge von Maſovien wa⸗ ren zum Theil eine Zeitlang dem Orden geneigt und ſtan⸗ den mit dem Meiſter in freundlichen Verhaͤltniſſen. Al⸗ lein durch ihre Lage ſchon in ihrem Handeln characterlos waren ſie ſtets nur wie Werkzeuge fuͤr die Launen des Koͤniges; von ihm ſcheu gemacht und aufgehetzt ſtanden fie jetzt wieder als feine Verbuͤndete da. 2 Daß es unter dieſen Verhaͤltniſſen im Laufe des Win⸗ ters noch nicht zum offenen Kampfe kam, lag theils an den ungeheueren Schneemaſſen, die alle Heerwege ungang⸗ bar machten, theils ſchien der König erſt erwarten zu wollen, welchen Eindruck und welche Folgen des Kaiſers Anklage wegen ſeiner Verbindung mit den Huſſiten beim Concilium zu Baſel haben werde, denn Sigismund hatte dieſem „die Verſchwoͤrung des Polniſchen Koͤniges,“ wie er es nannte, mit allem Nachdruck als eine Sache ans Herz gelegt, die das Intereſſe der ganzen Chriſtenheit be⸗ ruͤhre, und dabei fuͤr den Orden mit einer Waͤrme ge⸗ ſprochen, die gewiß einen ernſten Erfolg erwarten ließ,“ 1) Schr. Friederichs v. Bieberſtein, d. Beskau Sonnt. Reminiscere (1433) Schbl. XV. 85. Schr. der Brüder Burckard u. Eckhard von Guͤntersberg, d. Arnswalde am T. Agnes 1433. 2) Schr. des HM. an die Herzoge Semovit u. Wladislav v. Ma⸗ ſovien, d. Elbing Freit. vor Oculi 1433 Rgſtr. VI. p. 5. Schr. des Komthurs v. Strasburg, d. am T. Dorothea 1433 Schbi. XXIV. 97. Schr. des Pflegers v. Lyck an den Pfleger v. Barten, d. am T. Apol⸗ lonia 1433 Schbl. XI X. 20. 3) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter, d. Marienb. am Aſch⸗ tage 1433 Saft, VI. p. 138. 4) Copia missivae domini Imperatoris ad saerum coneilium Basi liense lecia in euugregatione generali die Martis tereia Februar. 1433 VII. 39
Scanseite 623 · Druckseite 610
610 Krieger. Stellung des Ordens u. d. Koͤniges v. Polen. (1433.) da er erklaͤrte, er ſey entſchloſſen, ſowohl den Orden als Switrigal'n mit allen Mitteln ſeiner Macht gegen ihre Feinde aufrecht zu erhalten. ) Das Concilium beſchloß, zuvor eine genaue Unterſuchung der wichtigſten Streit⸗ punkte anzuordnen, um dann um ſo leichter den Frieden zu vermitteln. Es erſchien bald zu dieſem Zwecke Dal⸗ finus, der Biſchof von Parma, von zwei gelehrten Doc⸗ toren begleitet, uͤber Polen kommend, beim Hochmeiſter zu Marienburg. 2) Ehrenvoll empfangen begannen fie als⸗ bald die Unterhandlungen; der Meiſter erklaͤrte ſich zum Frieden geneigt und ernannte ſofort die Biſchoͤfe von Erm⸗ land und Kurland, den Ordensmarſchall und einige Ge⸗ bietiger zu Friedensunterhaͤndlern.“ Mit gewiſſen Be⸗ ſtimmungen, die der Hochmeiſter als Grundlage des Frie⸗ dens entworfen,“ zogen die Legaten nach Polen zuruͤck, um auch den Koͤnig zu einer friedlichen Verhandlung zu gewinnen.) Allein ſchon bei den Unterhandlungen uͤber den Ort der Zuſammenkunft der Unterhaͤndler ſanken faſt alle Friedenshoffnungen, denn das gegenſeitige Mißtrauen ließ es ſelbſt daruͤber nur unter großen Schwierigkeiten zu einer Vereinigung kommen; und als dieſe den Lega⸗ ten endlich gluͤckte, legten die Bevollmächtigten des Koͤ⸗ niges denen des Ordens abermals Forderungen vor, in denen keine Ausgleichung zu erwarten war, unter andern dat. in Civitate nostra Senarum gie XVI. mensis Januar. (1435) Schbl. Bafıler Concil. 1) Zwei Schr. Sigismunds an d. HM. d. Senis Freit. vor Ans tonii und Samſtag vor Matbia 1433 Schbl. IV. 64. 65. 2) Die Bulle des Conciliums, d. Basilee IV Non. Januar. 143 Fol. C. p. 352. Dingoss. p. 623 nennt den Legaten Johannes. Mar- tene Ampliss. collectio T. VIII. p. 582. 3) Die erſten Verhandlungen des HM. mit den Legaten, Ernen⸗ nung der Ordens bevollmächtigten ꝛc. Rgſtr. VI. p. 149. 155 — 156. 4) Das Nähere über die Verhandlungen im Fol. C. p. 352 — 333. 5) Schr. des HM. an die Komthure v. (raudenz u. Thorn, d. Marienb. Mont. zu Oſtern 1433 Schbl. X V. 92. 4
Scanseite 624 · Druckseite 611
Krieger. Stellung des Ordens u. d. Köͤniges v. Polen. (1433.) 611 z. B. die Zahlung von vierzigtauſend Mark als Scha⸗ denerſatz fuͤr erlittene Verluſte, die Abtretung Kulmer⸗ lands, Pommerns, Michelauerlands, der Burg Neſſau, die Haͤlfte des Weichſel- Stromes u. ſ. w.) Die Or⸗ densgeſandten verlangten dagegen als die nothwendigſte Friedensbedingung die Wiedereinſetzung Switrigals in den Beſitz des Großfuͤrſtenthums. Natuͤrlich gelang unter die⸗ fen Verhaͤltniſſen den Legaten des Conciliums kein Ver⸗ ſuch der Vermittlung und der Verhandlungstag blieb ohne“ allen Erfolg. Sie kehrten zum Hochmeiſter zuruͤck und nachdem ſich dieſer zu ſeiner Rechtfertigung uͤber den gan⸗ zen Verlauf der Verhandlungen von ihnen ein urkundli⸗ ches Zeugniß hatte ausſtellen laſſen, traten fie die Ruͤck⸗ reife nach Baſel an.“ Des Meiſters Ahnung aber, daß die Unterhandlungen der Polen, „ein hinterliſtiges Scheinſpiel und eine un: menſchliche Berruͤglichkeit,“ wie er es nannte, von ihnen nur begonnen ſeyen, um Zeit zu gewinnen und waͤhrend⸗ deß die Huſſiten an die Graͤnzen der Neumark heranzie⸗ hen zu laſſen,“ war wirklich in Erfüllung gegangen; denn während die Legaten mit des Koͤniges Sendboten uber den Frieden noch verhandelten, erhielt er nicht nur die Nach⸗ richt: der Einfall der Polen und Huſſiten ins Gebiet des Ordens ſey jetzt feſt beſchloſſen und bereits ein ketzeriſcher Haufe bei Tragheim über die Graͤnze gegangen, ſondern I) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. Marienb. Dienft, nach Trinitat. 1433 Rgſtr. VI. p. 175. Schr. deſſ. an den König v. Daͤ⸗ nemark o. D. Rgſtr. VI. p. 198. 2) Die Verhandlungen im Speciellen im Fol. C. p. 353 — 358; vgl, Dusburg Supplem. c. 45. 3) Die Verhandlungen des HM. mit den Legaten in Marienburg Fol. C. p. 358 — 360; die von den letztern ausgeſtellte Urkunde, die ſummariſch den ganzen Hergang berichtet, d. Marienb. XV. mensis Ju- uli 1433 Fol. C. p. 360. 4) Schr. des HM. an den Röm. König, Herzog Wilhelm v. Baiern u. a. dat. Marienb. Dienſt. nach Trinit. 1433 Rgſtr. VI. p. 175 — 180. 5) Schr. des Raths v. Breslau an den HM., d. Mittw. zu Oſtern 39 *
Scanseite 625 · Druckseite 612
612 Krieger. Stellung des Ordens u. d. Königesv. Polen. (1433.) um dieſelbe Zeit brach auch ſchon eine Polniſche Reiter⸗ ſchaar ins Gebiet des Komthurs von Schwez ein und brannte mehre Doͤrfer nieder, ohne daß ſie der Komthur bei ihrer Staͤrke weiter verfolgen konnte.) Es kam außer⸗ dem die Kunde, daß auch in Samaiten das Volk ſich bereits zu Haufen ſammle, um in die Gegend von In⸗ ſterburg einzufallen, weshalb auch dort allerlei Maaßregeln zur Gegenwehr getroffen werden mußten. So vielſei⸗ -tig drohenden Gefahren aber ſchien die Kriegsmacht des Ordens keineswegs gewachſen. Zwar hatte ſich der Hoch⸗ meiſter laͤngſt an die Fuͤrſten des Reiches, als an den Pfalzgrafen vom Rhein, an die Grafen von Plauen, ſelbſt an den Markgrafen von Brandenburg und viele andere aufs dringendſte um Huͤlfe gewandt? und es be fand ſich auch ſchon eine ziemliche Anzahl fremder Kriegs⸗ gaͤſte im Lande; allein auf ſtarken Beiſtand aus Deutſch⸗ land war doch auf keine Weiſe zu rechnen, denn theils ließen manche Fuͤrſten, wie die von Meißen, in ihren Landen keine Soͤldner werben, theils hielt andere Zwiſt und Fehde ab, dem Orden zu Huͤlfe zu kommen. Mehre Fuͤrſten Schleſiens, wie Herzog Konrad Kanthener, Herz zog Heinrich, Hans von Sagan, der weiße Herzog ſtan⸗ den im Dienſte des Koͤniges von Polen,“ und andere, wie Herzog Ludwig, waren in ihren Landen ſo verarmt und zu Grunde gerichtet, daß fie ſelbſt die Unterſtuͤtzung 1433 Schbl. IX. 10. Schr. des Vogts der Neumark, d. Drawenburg Dienſt. zu Oſtern 1433 Schbl. XIII. 96. 1) Schr. des Komthurs v. Schwez, d. Quaſimodogen. 1433 Schbl. XXIV. 105. 2) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Königsb. Mittw. vor Walpur⸗ gis 1433 Schbl. XVI. 26. 3) Schr. des HM. an die obengenannten Fuͤrſten, d. Oſterode Freit. vor Judica u. Marienb. Donnerſt. nach Oſtern 1433 Noftr. VI. p. 142. 143. 145 — 146. 5 4) Schr. des Biſchofs von Breslau, d. Breslau Dienſt. nach Miſericord. (1433) Schbl. VIII. 20. Schr. des Peter Zan an den HM. d. Mittw. nach Miſericord. (1433) Schbl. XXIII. 55.
Scanseite 626 · Druckseite 613
Krieger. Stellung des Ordens u. d. Koͤniges v. Polen. (1433.) 613 des Ordens in Anſpruch nahmen. Indeß war der Hochmeiſter noch unablaͤſſig hemuͤht, feine Kriegs macht von auswärts her zu verſtaͤrken, theils die Landkomthure in Deutſchland zu kraͤftiger Beihuͤlfe auffordernd, theils die Hanſeſtaͤdte erſuchend, ihm fo viel als moͤglich Schiffs⸗ kinder zuzuſenden, die er in Sold nehmen und ſelbſt durch Raub in Feindesland zufrieden ſtellen wolle. Es kamen auch bald viele Hunderte dieſer Schiffskinder an, die theils in Danzig aufs Haus, theils in die Burgen zu Schwez, Tuchel und Schlochau verlegt wurden, denn zur Vertheidigung der Burgen galten dieſe Leute wegen ihrer Gewandtheit und Kühnheit für beſonders brauchbar.“ Unterdeß ward der Hochmeiſter durch manche Nach⸗ richten von Oſten her neuermuthigt. Vierzigtauſend Ta⸗ taren von Podolien aus in Polen einfallend hatten ein Polniſches Heer unter der Führung des Heergrafen Czol⸗ leck mit einem gewaltigen Verluſte geſchlagen und ver⸗ wuͤſteten von Lemberg und Halicz aus dort die beſten Laͤnder des Koͤnigreiches. In Litthauen hatten ſich Swi⸗ trigal'n ſeit kurzem fuͤnf Burgen, darunter auch Luczk freiwillig ergeben; ? das Volk ſtroͤmte ihm in Haufen zu, alles ihm als Herrn huldigend. Es wurde berichtet, der Großfürſt Sigismund ſey daruͤber in Wahnſinn ge⸗ fallen und auf die Polen habe dieß ſolchen Eindruck ge⸗ macht, daß der König den Großfürſten jetzt ganz aufge: ben werde. In Maſovien war unter den Herzogen Zer⸗ würfniß eingetreten; man wollte eine neue Landestheilung 1) Schr. des HM. an Herzog Ludwig v. Schleſien, d. Marienb. Sonnt. Quaſimodogen. 1433 Ngſtr. VI. P. 147. 2) Schr. des HM. an die Ballei Franken u. ſ. w., und Schr. an die Hanfeftäbte, d. Stuhm Sonnab. nach Philippi u. Jacobi 1433 Ngſtr. VI. p- 148. 151. 3) Schr. des Hauskomthurs v. Danzig, d. Dienſt. zu Pfingſt. 1433 Schbl. LX. 17. 87. 4) Bericht eines Ungenannten an den HM. Schbl. XXIII. 124 Schr. des HM. an den Procurator in Baſel o. D. Schöl. XVII 44
Scanseite 627 · Druckseite 614
614 Krieger. Stell. des Ordens u. d. König. v. Polen. (1433.) und Herzog Wladimir mit ſeinem Theile ſich unter den Schutz des Ordens begeben.“ Auch die Herzoge Wla⸗ dislav und Boleslav kauͤpften mit dem Hochmeiſter Un⸗ terhandlungen wegen eines Buͤndniſſes an, in welches auch Herzog Switrigal mit eingeſchloſſen werden ſollte. Endlich wurde auch bekannt, daß die Zahl der Huſſiten, die dem Könige von Polen zuziehen wuͤrden, ſchon we: gen der unter ihren Parteien obwaltenden Zwiſtigkeiten und wegen ihrer anderweitigen Kriege nicht von ſonder⸗ licher Bedeutung ſeyn werde. Fuͤnftauſend Mann, hundert und zwanzig Streitwa⸗ gen und neunhundert RNoſſe vom Ketzerheere waren im Mai dem Könige von Polen vorerſt für einen Sold von zehntauſend Schock zugezogen, um mit deſſen Volk bei Poſen in die Neumark einzufallen, waͤhrend er ſelbſt mit einem Heere ſich nach Pommerellen werfen wollte, um zunaͤchſt Tuchel zu erſtuͤrmen.) Balthaſar von Schlie⸗ ben, der Meiſter des Johanniter-Ordens, hatte den gan⸗ zen Plan erforſcht und ließ dem Hochmeiſter Nachricht ges ben. Der Vogt der Neumark bat aufs dringendſte um Verſtaͤrkung ſeiner Kriegsmacht, weil mehre ſeiner Staͤdte viel zu ſchwach beſetzt waren, allein man bedurfte der Kriegskraͤfte vorerſt noch viel zu ſehr in der Naͤhe. Der Komthur von Elbing ruͤſtete in aller Eile, um in Pom⸗ merellen einzuruͤcken und dieſes gegen den König zu ſchuͤ⸗ 1) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Eilau am T. Georgii 1433 Schbl. XVII. 43. 2) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Soldau am Abend Phi⸗ lippi u. Jacobi 1433 Schbl. X XIV. 86. Der Abſchluß eines Beifrie⸗ dens Schbl. XXI. 110. 3) Schr. des Raths von Breslau Schbl. VIII. 20. 4) Schr. des Raths v. Frankfurt an d. Vogt der Neumark, d. Mont. nach Cantate 1333 Schbl. XII. 9; auch Dusb. Supplem. C. 45 giebt eireiter 5000 Huſſiten an, qui quidem omnes pedites oceur- rerunt cum curribus eeterisque rebus bellicis. 5) Schr. des Vogts der Neumark an d. HM. d. Dramenburg Mont. nach Aſcenſ. 1433 Schbl. XIII. 93.
Scanseite 628 · Druckseite 615
Krieger. Stell. des Ordens u. d. Konig. v. Polen. (1133.) 615 gen. Den Großkomthur beſchaͤftigte deshalb der Bau einer Weichſel-Bruͤcke bei Thorn, um dort eine leichtere Verbindung zwiſchen Pommerellen und Kulmerland zu be⸗ wirken.) Der Ordensmarſchall und die Komthure in Natangen mußten ihre ganze Thaͤtigkeit nach Oſten wen⸗ den, wo überall alles in kriegeriſche Bewegung gerieth. Die Samaiten, von neuem durch den Koͤnig von Polen aufgehetzt, wagten einen Streifzug bis vor Memel, wo die ſchwache Mannſchaft die Burg kaum würde verthei⸗ digt haben, wenn nicht die Donnerbüchfen den rohen Feind zuruͤckgeſchreckt hätten. Der Marſchall war gend⸗ thigt, an der Samaitiſchen Graͤnze alle ſeine Kraͤfte zu vereinigen, um das raubluſtige Samaiten⸗Volk von Ein fällen ins Land zurückzuhalten.“ In Litthauen hatte ſich der Großfürſt durch die Beihuͤlfe der Polen wieder mehr ermannt; bei Kauen und Traken ſammelten ſich gegen Switrigal wieder betraͤchtliche Heerhaufen, weshalb dieſer von neuem die Unterftügung des Meiſters von Livland in Anſpruch nehmen mußte. Auch in Maſovien hatte ſich in kurzem alles wieder umgewandelt; die Herzoge, in ih⸗ ren Unterhandlungen mit dem Orden vielleicht nur auf Taͤuſchung ausgehend, ſtanden faſt alle wieder auf des Koͤniges Seite. Südlich von Johannisburg ſammelten ſich anſehnliche Streithaufen von Maſoviern und Polen, um ins nachbarliche Ordensgebiet einzubrechen. Die Pfleger von Barten und Raſtenburg mußten eiligſt mit 1) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Sonnab. nach Aſcenſ. 1433 Schbl. XXIII. 58. 2) Schr. des Großkomthurs, d. Marieuwerder Sonne, ver To: cunditat. 1433 Schbl. XXIII. 81. Schr. des Komtyurs v. Elbing, % Holland Mont. Nogation, 1433 Schbl. VIII. 127. 3) Schr. des Komthurs v. Memel, d. Memel Sonnt. vor Pelri u. Pauli (1433) Schbl. LXXV. 66. 4) Schr. des Livland. Meiſters, d. Wenden Freit. vor Himmelf. 1433 Schbl. XVII. 98. 5) Schr. des Pflegers von Sceſten an den v. Ortelsburg, d Sceſten Freit. vor Rogation. 1433 Schbl. XIX. 22.
Scanseite 629 · Druckseite 616
616 Einfall der Huſſiten in die Neumark. (1433.) allen ihren Kriegspflichtigen hinabziehen, um die Burg Johannisburg gegen den Feind zu ſchuͤtzen V und da ſich die Hauptmacht der Maſovier bei Ploczk verſammelte, fo mußte der Ordensmarſchall ſchleunigſt Huͤlfe herbeiſenden, um dort die Graͤnze mehr zu decken. Aus allem aber leuchtete ein, daß des Koͤniges ganzer Plan darauf hin⸗ zielte, die Kriegsmacht des Ordens in deſſen oͤſtlichen Landen zu beſchaͤftigen, wenn die Huſſiten durch die Neus mark und die Polen durch Kujavien oder durch das Do⸗ brinerland in Pommerellen oder Kulmerland einfallen wuͤrden. So war der Zuſtand der Dinge in den oͤſtlichen Landen, als in den erſten Tagen des Juni die Huſſiten die Graͤn⸗ zen der Neumark uͤberſtuͤemten.) Der Ordensvogt hatte bei weitem nicht Kräfte genug, um dem Feinde zu wis derſtehen, der mit Eile von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf weiter vordringend alles verheerte und nieder⸗ brannte.“ Die beiden Städte Friedeberg und Wolden⸗ berg wurden leicht erſtuͤrmt, jene durch Untergrabung ih⸗ rer Mauer, dieſe durch Verraͤtherei und nachdem ihre Bewohner und die dort liegenden Kriegsgaͤſte faſt alle er⸗ 1) Schr. des Komthurs v. Brandenburg an den Marſchall, d. Kreuzburg Mont. nach Vocem Jocundit. 1433 Schbl. XIX. 24. 2) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Soldau Freit. nach Him⸗ melf. 1433 Schbl. XXIV. 102. Schr. des Ord. Marſchalls, d. Kr nigsberg Himmelf. 1433 ebendaſ. Fünf Schr. des Komthurs v. Oſterode aus dieſer Zeit Schbl. XIX. 9; in dem einen ſagt er von den Herzogen von Maſovien ganz offen, „das ſy mit falſcher bedackter betriglichkeit umbgehen.“ 3) Es muß hier bemerkt werden, daß die ganze Erzählung von den Scheltbriefen gegen den Konig von Polen, wie fie Kotzebue B. III. S. 248 — 249, dem Simon Grunau Tr. XV. c. XVI. S. 2. nachgeſchrieben, eine reine Erdichtung dieſes Mduches ift, wie theils die erdichteten Namen (z. B. der des Komthurs v. Memel u. a.) theils andere Umftände beweiſen, z. B. auch das Schweigen aller ubrigen Quellen. 4) Fol. C. p. 362. Dlugoss. p. 626.
Scanseite 630 · Druckseite 617
Einfall der Huſſiten in die Neumark. (i433.) 617 wuͤrgt und erſchlagen waren, ging alles uͤbrige in Feuer auf.) Die geringe Beihuͤlfe von drei- bis vierhundert Pferden, welche jetzt die Komthure von Danzig und Schlochau herbeiſandten, war nicht im Stande, den Feind vom weitern Vordringen zuruͤckzuhalten;? er warf ſich mit ſeiner Wagenburg vor das ſtaͤrker befeſtigte und mit tauſend Reiſigen wohl bemannte Landsberg, jedoch ohne die Stadt anzugreifen, weil er ſeine Kriegsmacht durch den Zuzug der Polen erſt noch mehr verſtaͤrken wollte.“ Aber auch nachdem ſich auf Befehl des vor Landsberg liegenden Woiwoden von Poſen Sandziwog von Oſtrorog die uͤbrigen heranziehenden Polniſchen Rottenfuͤhrer dem Huſſitenheere angeſchloſſen,“ hielt ſich die Stadt tapfer gegen den Feind. Er brach darauf gegen Soldin auf, fand jedoch die Stadt ganz menſchenleer; die Bewohner ohne Vertheidigungsmittel hatten ſich gefluͤchtet und die ſchwache Beſatzung ſich nach Koͤnigsberg geworfen, um wenigſtens dieſe Stadt dem Orden zu erhalten. Der Vogt der Neumark ſandte dahin eiligſt noch fuͤnfhundert Pferde zur Verſtaͤrkung der kaum vierhundert Mann ſtar⸗ ken Beſatzung, uͤber welche Graf Heinrich von Plauen den Oberbefehl führte? und da nun die Stadt auch mit andern Vertheidigungsmitteln hinreichend verſehen 1) Fol. C. a. a. O. Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Dra⸗ wenburg am Abend des heil. Leichnams 19433 Schbl. XIII. 94. Schr. des HM. an den Lipländ. Meiſter, d. Marienb. Sonnt, nach Viſitat. Maris 1433 Rgſtr. VI. p. 174. 2) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Tuchel Sonnab. nach Pfingſt. 1433 Schbl. XIII. 30. 3) Schr. des Vogts der Neumark, d. Arnswalde Dienſt. nad) Trinitat. 1433 Schbl. XIII. 94. 2. 4) Befehl des Woiwoden v. Poſen, d. in campo circa Lands- berg feria VI. infra oclavas corpor. christi 1433 Schbl. XXIII. 71. 5) Schr, des Komthurs v. Schlochau an den v. Danzig, d. Arns⸗ walde am F. nach Frohnleichn. 1433 Schl. LXIX. 57. Schr. des SM. an Heinrich Reuß v. Plauen, d. Marienb. Sonnab, vor Johan⸗ nis Bapt. 1433 Rgſtr. VI. p. 161.
Scanseite 631 · Druckseite 618
618 Einfall der Huſſiten in die Neumark. (1433.) war, ſo konnte ſie, als die Huſſiten und Polen vor ih⸗ ren Mauern erſchienen, ihnen ſtandhaſte Gegenwehr lei⸗ ſten. Haͤtte man uͤberhaupt dem Feinde gleich Anfangs eine ſtaͤrkere Kriegsmacht entgegenſtellen koͤnnen, wäre der Vogt der Neumark beſſer gerüftet und mit den noͤ⸗ thigen Mitteln verſorgt geweſen, um die Söldner durch Zahlung ihres Soldes mehr zu befriedigen und zu ermu⸗ thigen und haͤtte nicht überall Mangel an allen Beduͤrf⸗ niſſen die vorhandenen Kriegskraͤfte geſchwächt und ge⸗ laͤhmt, der Feind, der vor Landsberg an reiſigem Zeuge nur einige tauſend Pferde ſtark war und bei ſeiner Ver⸗ heerungs⸗- und Vernichtungswuth ſich nirgends lange be⸗ haupten konnte, haͤtte leicht an den Graͤnzen der Neu⸗ mark wieder zuruͤckgeworfen werden koͤnnen. ) Allein man klagte bald uͤberall, daß die Söldner des Ordens ſich wegen Mißmuth mit dem Feinde nicht ſchlagen woll⸗ ten und in Arnswalde mußte der Vogt alles aufbieten, die Soldtruppen von dem Entſchluſſe abzubringen, die Stadt dem Feinde, ſobald er erſcheine, ſofort zu uͤbergeben. Freilich war es fuͤr den Hochmeiſter keine geringe Aufgabe, zur Befriedigung von fuͤnf bis ſechstauſend Soͤldnern die noͤthigen Geldmittel herbeizuſchaffen. Schon im Fruͤhling hatten die Komthure des Landes Befehl, ihre ſaͤmmtlichen Konventsbruͤder aufzufordern, alles, was ſie an Gold und Silber in Bereitſchaft haͤtten, gewiſſen⸗ haft anzuzeigen, unter ſtrenger Strafe bei etwaniger Ver⸗ heimlichung, falſcher Angabe oder gar Widerſetzlichkeit; ? es war ihnen ferner befohlen, aufs ſtrengſte darauf zu halten, daß die dem Orden auf dem Tage zu Elbing von den Ständen bewilligte Kriegsſteuer fo gewiſſenhaft 1) Schr. des Peter Zan an den HM. d. Königsberg Sonnab. nach Corpor. Chrifti 1433 Schbl. XXIII. 73. 2) Schr. des Vogts der Neumark, d. Arnswalde Dienſt. nach Corpor. Chriſti 1433 Schbl. XIII. 95. 2. 3) Befehl des HM. an die Komthure, d. Marienb. Dienſt. vor Lätare 1433 Kgſtr. VI. p. 139.
Scanseite 632 · Druckseite 619
Einfall über die Huſſiten der Neumark. (1433.) 619 als moͤglich von allen Unterthanen ohne Ausnahme und ohne allen Erlaß eingetrieben werde.“ Allein dieſes Finanzmittel hatte nicht uͤberall Erfolg gehabt. Der Komthur von Althaus z. B. ſtellte es als eine Unmoͤg⸗ lichkeit vor, dem Meiſter durch Geldſteuer aus ſeinem Konvent oder durch Schoß von ſeiner Landſchaft zu Hilfe zu kommen, weil er ſelbſt kaum im Stande war, mit ſeinen Einkünften die Beduͤrfniſſe ſeines Konvents zu beſtreiten.) Die Entrichtung des Schoſſes ward hie und da theils wegen großer Armuth, theils auch aus Wider⸗ ſpenſtigkeit und Unmuth unter allerlei Vorwaͤnden ver⸗ weigert, ſo in den Gebieten von Althaus, Leipe und überhaupt des Kulmerlandes.“ Manche Städte verſag⸗ ten auch ſchon die Stellung der verlangten Kriegsmann⸗ ſchaft. Der Rath von Danzig wollte erſt dann die Kriegsſchaar des Komthurs verſtaͤrken, wenn der Meiſter ſelbſt ins Feld ziehe.“ Da man demnach auf die Ta⸗ pferkeit und ſelbſt auch nur auf die Bereitwilligkeit der Soͤldner zum Kampfe wenig Vertrauen ſetzen konnte,) ſo mußte der Hochmeiſter noch mehre Komthure zum Zu⸗ zuge nach Pommerellen und in die Neumark auffordern. Selbſt der Ordensmarſchall mußte, die Oberaufſicht uͤber die Kriegsverhaͤltniſſe des Niederlandes dem Pfleger von Lochſtaͤdt anvertrauend, die Dienſtmannſchaft ſeines Ge⸗ bietes gegen die Weichſel fuͤhren.“ Der Komthur von 1) Befehl des HM. an die Komthure, d. Marienb. Mittw. nach Palmar. 1433 Rgſtr. VI. p. 144. 2) Schr. des Komthurs von Althaus, d. Donnerſt. nach Corpor. Chriſti 1433 Schbl. LXXIII. 51. 3) Schr. des Vogts v. Leipe, d. Schönſee am T. Marci 1433 Schbl. XXII. 80, 4) Schr. des Hauskomthurs v. Danzig, d. Danzig am Abend Corpor. Chr. 1433 Schbl. XXIII. 57. 5) Dusburg Supplem. e. 45 ſagt überhaupt von den Söldnern: al stipendia duntaxat, non ad praelia veniebant. 6) Schr. des Marſchalls, d. Königsberg Mittw. nach Gorpor. Chriſti 1283 Schbl. XXIII. 80. *
Scanseite 633 · Druckseite 620
620 Die Huffiten in der Neumark. (1433.) Danzig war waͤhrenddeß in die Neumark vorgezogen und nachdem er das bisher nur ſchlecht mit Mannſchaft und Lebensmitteln verſorgte Schloß zu Schievelbein, eins der wichtigſten jener Gegend, mit zahlreicherer Beſatzung und andern Bebürfniffen verſehen, bis Dramburg vorge⸗ rückt, wohin er, um dieſes gegen den Feind behaupten zu koͤnnen, auch die noch bei Schlochau liegenden Kom⸗ thure von Chriſtburg und Elbing berief.“ Der Feind aber, dem Koͤnigsberg und Landsberg im⸗ mer noch widerſtanden, hatte waͤhrenddeß neuen Vor⸗ ſchub gewonnen. Herzog Boguslav von Stolpe hatte dem Orden den Frieden jetzt foͤrmlich aufgekuͤndigt, mit feinen Mannen und Städten ſich auf des Koͤniges von Polen Seite gewandt und die Stadt Arnswalde, wo ſich der Vogt mit ſeinen Söldnern bei der Furcht der Be⸗ wohner vor dem Feinde nicht behaupten konnte, einge⸗ nommen. Vergebens wandte ſich der Hochmeiſter an des Herzogs Mannen und Staͤdte, um durch ſie den Fuͤrſten zu ernſter Beſinnung Über das Schmachvolle und Unchriſtliche einer Verbindung mit den Ketzern zu bewe⸗ gen. Durch des Herzogs Zutritt neu ermuthigt drang jetzt das Heer der Huſſiten und Polen weiter vor; nichts hemmte ſeinen Fortzug, denn die Komthure von Elbing und Chriſtburg hatten ſich an die Graͤnze des Gebietes von Tuchel ziehen müſſen, weil dort die Polen von Na⸗ 1) Schr. des Komthurs v. Danzig an die v. Chriſtburg und Ei: bing, d. Dramburg Sonnt. nach Corpor. Chr. 1433 Schbl. XIII. 141. 2) Entſagebriefe des Herzogs v. Stolpe, der Stadt Stargart, mehrer Pommeriſ. Edelleute u. a. Fol. C. p. 362 — 363. Schr. des Komthurs v. Danzig a. a. O. In einer Urkunde des SM. vom J. 1436 im Ngſtr. VI. p. 209 heißt es: Fideles eives et quidaui nostri de Arnswalde metu exerciluun domini Regis eidem domino Regi se subdiderunt et omagia prestiteruut. 3) Schr. des HM. an die Mannen und Staͤdte des Herzogth. Pommern, d. Marienb. Sonnt. vor Johanni Bapt. 1433 Rgſtr. VI. . 11. Schr. deſſelben an die Stadt Stolpe Naſtr. VI. P. 170,
Scanseite 634 · Druckseite 621
Die Huffiten vor Konitz. (1433.) 621 kel her ins Land einzubrechen verſuchten. Aus Preufs fen aber konnte der Hochmeiſter keine Verſtaͤrkung der Kriegsmacht mehr entſenden, denn die Gebietiger des Kulmerlandes mußten ſich eiligſt zur Landwehr an die Ufer der Weichſel und Drewenz legen, weil man erfuhr, der Koͤnig drohe aus Dobrinerland dort bei Golub oder Luͤbitſch einzufallen, weshalb ſich bereits bedeutende Streit⸗ haufen von Polen und Maſoviern an der Graͤnze ver⸗ ſammelten. Man hoͤrte auch, daß auf dem Hauſe Neſſau ſchon Verraͤther erkauft ſeyen, um es den Po- len in die Haͤnde zu ſpielen. Weiterhin an der Graͤnze Maſoviens ſtand ſich alles noch feindlich und kriegsfertig gegenuͤber, die Herzoge Maſoviens nur auf den Einfall des Koͤniges ins Ordensgebiet harrend, um dann ſogleich auch ihrer Seits ins feindliche Land vorzufchreiten. ® Alſo drang jetzt das Ketzerheer, nachdem es die Neu: mark großen Theils foͤrmlich wie zur Wuͤſte gemacht und Graͤuelthaten an Kirchen, Kloͤſtern, Frauen, Jungfrauen und Kindern ohne Zahl veruͤbt hatte,“ die Huſſiten un⸗ ter der Fuͤhrung ihres Feldhauptmannes Johann Czapek oder Czapko von Saan, “ die Polen unter dem Heer: befehle des Woiwoden von Poſen Sandziwog von Oſtro⸗ rog, durch neuen Zuzug Polniſcher Heerhaufen und der Kriegsſchaar des Herzogs von Pommern noch anſehnlich 1) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Schlochau Dienſt. vor Jo⸗ hannis Bapt. 1433 Schbl. XXIV. 82. 2) Schr. des Vogts v. Leipe, d. Laucke Sonnt. vor Johanni 1433 Schbl. XXIV. 90. 3) Schr. des Pflegers von Johannisburg an den Pfleger v. Seeſten, d. Johannisburg Donnerſt. nach Johanni 1433 Schbl. XXIV. 103. 4) Klagſchreiben des HM. an die Deutſchen Fuͤrſten, d. Marienb. Dienſt. nach Petri u. Pauli 1433 Rgſtr. VI. p. 171. 5) Der Herzog Boguslav von Stettin richtet einen Eredenzbrief (Schbl. XV. 126) an Johanni Czapck de Saan supremo Capitanco Exereitus Orphanorum Regni Boemie necnon Sandivogio de Osirorog in exereitu Polonorum supremo Capitaneo. Den erſtern Namen findet man auch Häufig Czapko geſchrieben.
Scanseite 635 · Druckseite 622
622 Die Huſſiten vor Konitz. (1433.) verſtaͤrkt, faſt ohne allen Widerſtand bis Konitz und Tu⸗ chel vor, denn niemand wagte es ſich mit dem Feinde im offenen Felde zu meſſen; man mußte ſich begnuͤgen, Burgen und Staͤdte gegen Angriff und Sturm zu ver⸗ theidigen. In Tuchel wehrte ſich die Beſatzung mit aͤußerſter Tapferkeit; das ſchwere Geſchuͤtz hielt uͤberdieß den Feind von den Mauern meiſt fern.“ Nach Konitz hatte ſich kurz zuvor der entſchloſſene und kriegsgewandte Komthur von Balga Erasmus Fiſchborn mit ſeinem rei⸗ ſigen Zeuge geworfen und die Mauern der Stadt aufs ſchleunigſte ſtaͤrker befeſtigen laſſen. Ritter und Buͤrger, ſelbſt Frauen und Kinder waren Tag und Nacht unab⸗ laͤſſig thaͤtig geweſen und da nun die Befeſtigung vollen⸗ det war, konnte man den Feind getroſt und muthig er⸗ warten.“ Er ſtuͤrmte, nachdem er kurze Zeit vor der Burg zu Schlochau gelegen, am ſechſten Juli in den er⸗ ſten Heerhaufen gegen die Stadt heran; am folgenden Tage erſchien die eigentliche Hauptmacht, die Stadt von allen Seiten umlagernd: “ ein unanſehnliches Kriegsvolk, zum Theil halb nackt oder aufs jaͤmmerlichſte bekleidet, im Ganzen nur wenig reiſige und ordentlich bewaffnete Leute, die ſich oft aus Mangel an Brot mit einem Ge⸗ menge von Trebern ſaͤttigten. Ihre Wagenburg beſtand aus ungefähr fuͤnfhundert Wagen, in deren Aufrichtung ſie eine ganz beſondere Geſchicklichkeit beſaßen, ſo daß es ſelbſt erprobten Kriegern oft aͤußerſt ſchwer ward, eine ſolche Huſſitiſche Wagenburg zu zerbrechen. Es war da⸗ ) Dlugoss. p. 629. 2) Diugoss. |. c. 3) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Konitz Mittw. am Abend Viſitat. Mariä 1433 Schbl. LIX. 61; das Einzige, was der Komthur vorerſt wuͤnſchte, war ein tuͤchtiger Buͤchſenſchuͤtze. 3) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Konitz Dienſt. nach Viſitat. Mariä 1433 Schbl. XXIII. 111. 5) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Konitz Dienſt. nach Viſitat. Marit 1433 Schbl. XXIII. 65.
Scanseite 636 · Druckseite 623
Die Huſſiten vor Konitz. (1433-) 623 her dem Hochmeiſter der Rath gegeben, ſ. g. ſchlagende Keulen gegen die Ketzer in ihrer Wagenburg als die zweckmaͤßigſte Waffe zu gebrauchen, womit dem Feinde geſchadet werden konnte. Obgleich in einem Kriegsrathe der Belagerer beſchloſ⸗ ſen ward, die Belagerung nicht eher aufzuheben, als bis die Stadt erobert fey, ? fo hoffte der Komthur von Balga doch ſich gegen den Feind behaupten zu koͤnnen, ſobald feine Kriegskraͤfte nur noch einigermaßen verſtaͤrkt ſeyn wuͤrden. Er erſuchte daher den Hochmeiſter, mit einigen Komthuren und einer Anzahl Kriegsgaͤſte heranzu⸗ ziehen und den Feind, bevor er ſich noch verſtaͤrke, von außenher anzugreifen.“) Allein dieſer konnte jetzt uamoͤg⸗ lich friſche Mannſchaft ſenden. Die Kriegsfehde mit den Litthauern hatte eben ernſthaft begonnen und der Pfleger von Raſtenburg gegen ſie das erſte blutige Gefecht be— ſtanden.“ Dort waren alle Kriegskraͤfte unentbehrlich. Auch an den Graͤnzen des Kulmerlandes drohte die Ge: fahr eines feindlichen Einfalls immer mehr; die feindliche Heeresmacht wuchs dort immer ſtaͤrker an; man erfuhr, der Koͤnig wolle zuerſt Neſſau erſtuͤrmen und dann den Heranzug der Huſſiten erwartend mit dieſen vereinigt das ganze Ordensland überziehen und den Orden ver— nichten. Man ſprach von dreißigtauſend Taboriten, die 1) Den Rath gab dem HM. der Pfarrer v. Thorn in einem Schr. d. Leipzig Mont. nach Simon und Juda 1431 Schbl. VIII. 63. Er beſchreibt die ſchlagenden Keulen wie eine Art von Raketen. Sie wurden in die Wagenburg hineingeworfen und geſchleudert, „wen dy begundin czu ſloen, fi plazzen, ſy ſloen, ſy entzuͤndin, morden Wayn pferd und alles das do by iſt. Alſo muſte mit gewald die Waynburg werdin zuſtoret u. ſ. w. 2) Dlugoss. p- 630. 3) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Konitz Donnerſt. nach Vi⸗ ſitat. Maria 1433 Schbl. XXIII. 62, 8 4) Schr. des Pflegers v. Raſtenburg, d. Mittw. nach Viſitat. Mariä 1433 Schbl. XXI. 111.
Scanseite 637 · Druckseite 624
624 Die Huſſiten vor Konitz. (1433.) dem Könige noch zu Hülfe kommen ſollten.) Alſo war der Komthur von Balga in Konitz nur auf ſeine eigene Kraft, auf ſeinen Muth und auf die Tapferkeit der Sei⸗ nen gewieſen; aber er bewaͤhrte ſie auf die ruͤhmlichſte Weiſe. In der Nacht des neunten Juli begannen die Ketzer einen furchtbaren Sturm auf die Mauern der Stadt, der bis zum Mittage des folgenden Tages unun⸗ terbrochen fortdauerte. Allein die Beſatzung wehrte ſich mit ſolcher Kuͤhnheit und Entſchloſſenheit, daß der Feind nicht einmal die erſten Graben und Waͤlle mit einigem Erfolge erreichen konnte, vielmehr durch den Ausfall eis nes Theiles der Beſatzung im Gefecht an Todten und Gefangenen einen bedeutenden Verluſt erlitt. Er wurde jedoch durch den Zuzug neuer Kriegsſchaaren aus Polen bald wieder erſetzt; auch Donnerbuͤchſen und anderer Kriegsbedarf kamen von dort in großer Menge. Ermu⸗ thigt erklaͤrten da die Polniſchen Hauptleute, Pommerel⸗ len ſolle nicht eher geraͤumt werden, als bis alle Staͤdte gewonnen und niedergebrannt ſeyen, „ſollten fie auch al le dabei ihre Haͤlſe laſſen.“?? Da der Ordensmarſchall, der bisher in Stuͤblau hart an der Weichſel nordwaͤrts von Dirſchau ſtand, jetzt erfuhr, daß ein Theil des Ketzer⸗ heeres, weil es vor Konitz ſehr an Lebensmitteln und Futter gebrach, gegen Tuchel hin und ein anderer weiter bis über die Braga vordringen wolle,) da alſo Preuſſen dann in Gefahr ſtand, vom gierigen Raubvolke [über ſchwemmt zu werden, ſo beſchloß er dem Feinde naͤher zu ruͤken. Weil indeß noch kein feſter Plan gefaßt 1) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Soldau am Abend Vi⸗ ſitat. Marid 1433 Schbl. VIII. 102 u. XXIII. 122. Dlugoss. p. 628. 2) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Konitz am T. der ſieben Brüder 1433 Schbl. XXIII. 63. 3) Schr. des Komthurs v. Tuchel, d. Tuchel Sonnab. vor Margar. 1433 Schbl. LIX. 62. 4) Schr. des Marſchalls, d. Stuͤblau Sonnab. vor Margar. 1433 Schbl. XXIII. 67.
Scanseite 638 · Druckseite 625
Die Huſſiten vor Konitz. (1433.) 625 werden konnte, indem man erſt nähere Nachricht uber des Feindes eigentliche Abſicht einziehen mußte, ſo rieth er dem Meiſter, ſein eigenes Kriegsvolk vorerſt an der Weichſel aufzuſtellen; er ſelbſt wollte ſich an der Braa und Bda lagern, um den Feind beim Uebergang uͤber die Fluͤſſe zurüͤckzuwerfen. Sein Heerhaufe war freilich bei weitem nicht ſtark genug, um ſich dem Ketzerheere mit Vertrauen entgegenſtellen zu koͤnnen, denn noch hatte keiner der in Pommern und der Neumark zerſtreut lie⸗ genden Komthure ſich mit ihm vereinigen koͤnnen und eine neue Kriegshuͤlfe aus Danzig war nicht in der erwar⸗ teten Stärke gekommen.) Nun ruͤckten zwar die Kom: thure von Chriſtburg und Danzig mit einer großen Schaar von Kriegsgaͤſten und fuͤnftauſend Pferde ſtark über Pol⸗ zin und Polnow ins Gebiet von Buͤtow ein;? der Marſchall bat den Meiſter um Befehl, daß dieſes Kriegs⸗ volk ſich mit ihm vereinige und aus den Gebieten von Kulm, Oſterode, Elbing und Chriſtburg ihm alle ent⸗ behrliche Waffenmannſchaft mit einer Wagenburg zuge⸗ ſandt werde;? er drang auf größte Eile, weil fein Kriegsvorrath nur kaum noch eine Woche zureichte, ſeine Truppen auf einem engen Raum zuſammengehalten wer: den mußten und der Feind ſich von Tag zu Tag noch verſtaͤrkte.. Wäre jetzt mit raſcher Thaͤtigkeit gehandelt worden, haͤtte man die Kraͤfte eiligſt auf einem Punkte vereinigt und fo der Marſchall, voll muthiger Entſchloſ- ſenheit dem feindlichen Heere mit Nachdruck begegnen I) Schr. des Marſchalls, d. Stüblau Sonnab. vor Margar. 1433 Schbl. VII. 103. N 2) Schr. des Pflegers v. Bütow an den Ord. Marſchall, d. Bü⸗ tow Sonnt. vor Margar. 1433 Schbl. VIII. 99. Dusb. Supplem. c. 45. 3) Schr. des Marſchalls, d. Ywitz Sonnt. vor Margar. 19423 Schbl. XXIII. 79. Ywitz iſt das heutige Iwiteczno, ſuͤdlich vom Kirch⸗ dorfe Gr. Pinſchin, nahe am Schwarzwaſſer. 5 Schr. des Marſchalls, d. Ywig am T. Margar. 1433 Schbl XXIII. 61, VII. 40
Scanseite 639 · Druckseite 626
626 Die Huffiten vor Konitz. (1433.) konnen, dem Lande würde gewiß viel Ungluͤck und Elend erſpart worden ſeyn. Allein der Hochmeiſter befchäftigte ſich in Marienburg mit Klagſchreiben an das Concilium und an die Deutſchen Fuͤrſten uͤber die grauſamen Ver⸗ heerungen der Polen und Ketzer und am bitterſten uͤber die Theilnahme des Herzogs von Stolpe; die beiden Komthure von Chriſtburg und Danzig, ſtatt dem Mar⸗ ſchall zuzuziehen, warfen ſich ins Herzogthum Pommern und drangen bis in die Gegend von Stolpe, um ihr ermattetes Kriegsvolk durch Raub und Pluͤnderung naͤh⸗ rend nach Lauenburg und Danzig zurückzuführen, und doch ſchon in der erſten Stadt mußte der Komthur von Chriſtburg wegen Mangel an Unterhalt und wegen Ab⸗ gang der Pferde alle ſeine Ritter und das uͤbrige Volk in die Heimat entlaffen. ? Mittlerweile ſchwanden die Streitkraͤfte des Mar⸗ fhalts mit jedem Tage mehr und mehr dahin. Ein ploͤtz⸗ licher Ueberfall der Polen ins Gebiet von Buͤtow machte es nothwendig, den Pfleger dieſer Burg mit mehr Mann⸗ ſchaft zu deren Erhaltung zu unterſtützen.“ Einen an: dern Hülfspaufen mußte der Marſchall nach Tuchel ſen⸗ den, weil auch dieſes Haus gegen den ſtaͤrkern Andrang des Feindes viel zu ſchwach bemannt war. Ueberdieß riß Krankheit im Ordensheere ein; die Pferde fielen in großer Zahl. Die Danziger und Dirſchauer kehrten hau⸗ fenweis nach Hauſe zuruck, um das Ihrige dort in Si⸗ cherheit zu bringen.“ Aus Preuſſen aber war kein Er⸗ 1) Schr. des HM. an Herzog Wilhelm v. Baiern, d. Grebin am T. Margar. 1433 Rgſtr. VI. p. 186. 2) Schr. des Komthurs v. Chriſtburg, d. auf den Waldauer Guͤ⸗ tern am T. Margar. u. ein anderes d. Lauenburg am T. Diviſion. Apoſtol. 1433 Schbl. XV. 83. u. XXIV. 00. 3) Schr. des Pflegers v. Bütow, d. Buͤtow am aller Apoſtel⸗ Tage 1433 Schl. XXIV. 93. 4) Schr. des Marſchalls, d. Putko Donnerſt. nach Diviſion. Apoſtol. 1433 Schbl. XXII. 76. Auch der Großkomthur befand ſich um dieſe Zeit bei dem Ordensheere an der Bda.
Scanseite 640 · Druckseite 627
Die Huffiten vor Konitz. (1433.) 627 ſatz dieſer Verluſte zu erwarten; dem Gebiete von Schwez drohte taͤglich ein Einfall von vierhundert Spießen Kra⸗ kauer, die ſich mit Puchala verbunden an der Graͤnze gelagert; in gleicher Gefahr ſtand auch jetzt noch Kul⸗ merland, wo ſich auch jetzt wieder unter der Ritterſchaſt und den vornehmern Landbeſitzern ein widerſpenſtiger Geiſt zeigte, denn auf des Meiſters Aufforderung, funf⸗ zig Spieße auserleſener Leute mit Streitwagen und Ge⸗ ſchoß nach Mewe zu ſenden, erklaͤrten ſie, ſie ſeyen nicht pflichtig weiter als innerhalb der Oſſa, Drewenz und Weichſel zu dienen; doch da der Orden vom Feinde be⸗ draͤngt werde, ſo wollten ſie ihm zu Gefallen reiten, ſofern er ihnen Zeit und Geld zur Ruͤſtung, Harniſch und Pferde gebe und ihnen fuͤr Gefangenſchaft und Scha⸗ den ſtehe. “ Waͤhrend alſo der Marſchall nur darauf beſchraͤnkt blieb, wo moͤglich ſeine Stellung an der Braa und Bda zu behaupten, war der Komthur von Elbing aus der Mark bis nach Schlochau herangezogen, von wo er durch wiederholte Angriffe das Ketzerheer vor Konitz mehr und mehr belaͤſtigte; nur war er ebenfalls nicht ſtark genug, um eine entſcheidende Unternehmung auszufuͤhren. Aber auch die Lage des Huſſiten-Heeres war keineswegs eine guͤnſtige. Anfangs nur etwa fünftaufend Mann ſtark hatte ſich die Streitmacht durch den Zuzug der Polen zwar bald bis auf vier und zwanzigtauſend Mann vermehrt; 2 allein ſchon in den erſten Wochen. war, weil man einen fo langen Widerſtand gar nicht erwartet, in der Umger gend weit und breit alles aufgezehrt und verwüuſtet, Doͤrfer und Höfe allenthalben niedergebrannt.) Mangel 1) Schr. des Vogts v. Leipe, d. Grunau am T. Divifion. Apoſtol. 1433 Schbl. LXXVI. 543 er nennt beſonders die Gebiete von Thorn, Birgelau und Leipe als ſolche, wo man ſich unfuͤgſam zeige. 2) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Konitz Mont. am F. Stephani Invent. 1433 Schbl. VIII. 92. 8) Diugoss. p. 630, 40 *
Scanseite 641 · Druckseite 628
625 Die Huſſiten vor Konitz. (1433.) an Lebensmitteln, Krankheiten, Uneinigkeit zwiſchen den Ketzern und Polen und eine große Zahl von Verwunde⸗ ten hatten den Muth des Feindes ſchon ſtark gebrochen; die Huſſiten wollten des Raubes wegen weiter vordrin⸗ gen, die Polen dagegen Konitz nicht eher verlaſſen, als bis es gewonnen ſey, und doch wagte man eine Zeitlang nicht einmal einen ordentlichen Sturm auf die Stadt, indem man ſich nur mit den Verſuchen begnuͤgte, hier die Mauer zu untergraben, dort einen Thurm einzuſchie⸗ zen oder den kleinen See vor der Stadt abzuſtechen, was aber gar keinen weitern Erfolg hatte. Dabei hielt man die Stadt fo ſtreng belagert, daß niemand aus noch einkommen konnte. Die immer ſteigende Noth indeß und der Mißmuth des gemeinen Kriegsvolkes zwan⸗ gen endlich die Anfuͤhrer zum erneuerten Verſuche, die Stadt durch Sturm zu gewinnen. Er ward am zwei und zwanzigſten Juli unternommen. Waͤhrend Mauern und Thuͤrme aufs furchtbarſte beſchoſſen wurden, hatte man durch das Abſtechen des Sees Raum gewinnen wol⸗ len, die Stadt von dieſer Seite her leichter angreifen zu koͤnnen, weil fie hier weniger befeftigt war. Allein die Buͤrger wetteiferten mit der Beſatzung in der muthvoll⸗ fien Vertheidigung. Die kriegsfaͤhige Mannſchaft ſchleu⸗ derte Pfeile und Steine, Weiber und Kinder goſſen fie- dendes Waſſer und brennendes Pech auf den Feind un⸗ ter den Mauern. Viele Stunden dauerte der Kampf, am blutigſten im Moraſte des Sees, wo eine große Zahl von Huſſiten und Polen dem feindlichen Geſchoſſe erlag und eine noch groͤßere verwundet ward, denn es wird berichtet, daß mehr als der dritte Theil des ganzen Heeres verwundet aus dem Lager in die naͤchſten Graͤnz⸗ ſtaͤdte Polens abgeführt worden ſey. Und doch war durch I) Dlugoss. I. c. 2) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Schlochau Mont. vor Ma⸗ ria Magdal. 1433 Schbl. XXIV. 80.
Scanseite 642 · Druckseite 629
Die Huſſiten vor Konitz. (1133.) 629 alle Opfer nichts gewonnen. Mehre der Hauptleute, Soͤhne von Woiwoden und andere Edle waren im Kam⸗ pfe gefallen oder ſchwer verwundet, Pulver und anderer Kriegsbedarf unnuͤtz verbraucht und nach wenigen Tagen gelang es der Kuͤhnheit einiger Ordenskrieger, auch ſaͤmmt⸗ liche „Schirme“ und die Sturmwerkzeuge — Feindes in Brand zu ſtecken.) Da ſich der Huſſiten⸗ Hauptmann Gapko durch dieſe Verluſte auf mehre Wochen außer Stand ſah, die Stadt auf irgend eine Weiſe zu gewinnen, ſo fand er fuͤr zweck⸗ mäßig, zwiſchen dem Orden und dem Könige von Polen eine Unterhandlung einzuleiten, die vorzliglich mit auf den Vortheil ſeines eigenen Heeres berechnet war. Der Ordensmarſchall, durch einen von Czapko's Vertrauten insgeheim von dem Anerbieten benachrichtigt, war nicht abgeneigt, die Unterhandlung anzunehmen; da fie in⸗ deß zu keinem Erfolge fuͤhrte, ſo faßte er jetzt einen an⸗ dern Plan. Weil die ganze Umgegend, wo er bisher geſtanden, ſchon voͤllig ausgehungert war, die Soͤldner⸗ haufen aus Noth am armen Landvolke die groͤbſten Miß⸗ handlungen veruͤbten, taͤglich auch die Zahl der aus ſeinem Lager entweichenden Kriegsleute ſich mehrte und ſeine Streittraͤfte gegen den Feind, wenn dieſer vordringen ſollte, ſchon viel zu ſchwach waren, ſo beſchloß er mit Beirath der Soͤldner- Hauptleute, Heinrichs Burggrafen von Mei⸗ ßen und Herrn zu Plauen, Friederichs von Bieberſtein und Beßkau, Heinrichs Reuß von Plauen, Herrn zu Greitz, Heinrichs von Wida, Heinrichs von Gera, Friederichs von Dohna, Heinrichs von Maltitz u. a., die nahe umher⸗ 1) Schr. des Komthurs von Tuchel, d. Tuchel am T. Jacobi 1433“ Schbl. XXIII. 126. Fol. C. p. 364. Auch Dlugoss. P. 631 laßt hier den Vertheidigern von Konitz alle Gerechtigleit widerfahren; er ſagt am Schluſſe: urbs ipsa tune egregie defeusa- 2) Schr. des Marſchalls, d. im Felde zu Schwarzwalde Mitte. nach Jacobi 1433 Schbl. VII. 101. 3) Soldverſchreibung des HM. fur die Rollenfuͤhrer u, Soldner⸗
Scanseite 643 · Druckseite 630
630 Die Yuffiten vor Konitz. (1433.) liegenden Burgen, beſonders Tuchel und Schlochau mit Söldnern ſo ſtark als moͤglich zu bemannen, ſich ſelbſt aber nach Graudenz und dann nach Thorn zuruͤckzuziehen, um von da, durch neue Mannſchaft aus Kulmerland ver: ſtaͤrkt, in Kujavien einzufallen und in ſolcher Weiſe den Feind aus Pommerellen dorthin zu locken.) Nur auf dieſe Art glaubte er auch Konitz retten zu koͤnnen, wo die Huſſiten eben den Verſuch machten, durch Untergra⸗ bung der Mauern in die Stadt einzubringen. ? Und da bereits der Komthur von Thorn mit Beihuͤlfe des von Oſterode einen Einfall ins Dobrinerland gewagt, bis an die Maſoviſche Graͤnze alles verheert und abgebrannt hatte und durch ſeine fortwaͤhrend drohende Stellung an der Graͤnze die Bewohner in Furcht hielt, ſo durfte man ſicher ſeyn, daß Kujavien aus dem Dobrinerlande keinen Beiſtand erhalten werde. Schon begannen indeß friedliche Unterhandlungen. In Pommern, beſonders im Gebiete von Stolpe hatten die Ordenskrieger, zumal die raubgierigen Söldner fo furcht⸗ Hauptleute, d. Danzig Mont. nach Jacobi 1433 Kgſtr. VI. p. 193. Dusb. Supplem. c. 45 nennt Otto von Donyn unter den Hauptleuten. ° 1) Schr. des Marſchalls, d. im Felde zu Schwarzwalde am T. Stephani Invent. 1433 Schbl. XXIII. 87. Aus „unerrathenen urſa⸗ chen,“ wie Kotzebue B. II. S. 252 ſagt, verließ der Marſchall feine bisherige Stellung keineswegs. Er läßt ſich in dem Schreiben über die Urſachen näher aus. Vgl. Dusb. Supplem. c. 45, wo es heißt: der Marſchall habe ſich erſt prope villam Schwarzwalde gelagert, Quod si ibidem duntaxat cum exereitu moram faciendo stelissent, abs omni pugna terram servassent illacsam. Sed (heu dolor!) insano freti con- silio aut vertiginis turbati spiritu arundineo metu sparguntur, abinde »ccedentes, hostibusque locum dantes terram ipsam invadendi et fun- ditus desolandi. 2) Schr. des Vogts von Pomeſanjen, d. Marienwerder am T. Dominici 1433 Schbl. XXIII. 64. 3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn am T. Vincula Pe⸗ tri 1433 Schbl. XXIII. 106. Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Sol⸗ dau Dienſt. vor Maria Magdal. 1433 Schbl. XXIII. 99.
Scanseite 644 · Druckseite 631
Die Huſſiten vor Konitz. (1433.) 631 bar gehauſt und an Frauen und Jungfrauen, an Kirchen und Heiligthuͤmern ſolche Miſſethaten veruͤbt, daß ſowohl die Stadt, als Ritter, Mannen und Knechte des Gebie— tes dem Hochmeiſter den Frieden gerne zuſagten.. Auch zwiſchen dem Koͤnige von Polen und dem Orden wurden friedliche Verhandlungen eingeleitet; erſterer und alle Reichs⸗ großen wünfchten jetzt ein Ende des nutzloſen Kampfes, weil ſie ſich offenbar in ihrem Plane getaͤuſcht fanden, zumal da ſchon jetzt die Hauptleute der Huſſiten einen Schadenerſatz von funfzigtauſend Schock Groſchen berech⸗ neten, den fie von ihm forderten.? Man ging jedoch von Seiten des Ordens mit größter Vorſicht zu Werke“ und knuͤpfte auch neue Unterhandlungen mit dem Huſſiten⸗ Hauptmann Czapko an. Dieſer hatte jetzt, nachdem er beinahe ſechs Wochen vor Konitz Zeit und Kraͤfte nutzlos verſchwendet, ) aus druͤckender Noth? die Belagerung auf: gegeben und weiter oſtwaͤrts ſchreitend ſein Heer bereits über die Braa geſetzt, um gegen Schwez vorzuruͤcken.“ Die Stadt, bisher nur ſchwach beſetzt, mußte eiligſt ſtaͤr⸗ ker bemannt werden, weshalb ſich, da der Marſchall bis⸗ her noch in Graudenz zuruͤckgehalten feinen Zug nach Kus javien auszuführen Willens war,“ der Großkomthur mit 1) Schr. des Raths von Stolpe an den HM. d. Mont. vor Ma⸗ ria Magdal. 1433 Schbl. XV. 161. Die Schilderung der veruͤbten Gräuel ift ſchrecklich. Schr. des HM. an die Stadt Stolpe, d. Ma⸗ rienb. am FT. Viſitat. Mariä 1433 Ngſtr. VI. 173. 2) Schr. des Peter Zan an den HM. d. Landsberg Sonnt. vor Aſſumt. Mariä 1433 Schbl. VIII. 92. 3) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Soldau Dienſt. vor Do⸗ minici 1433 Schbl. XXIV. 87. 4) Schütz p. 122. Dusb. supplem. I. c. ſagt plusquam quatuor hebdomades. Diugoss. p. 632 zählt acht Wochen. 5) Dlugoss. I. e. ſchildert fie. 6) Schr. des Großkomthurs, d. Kulm Dienſt. nach Aſſumt. Maris 1433 Schbl. XXIV. 94. Schr. des HM. an den Kaiſer, d. Marienb. Mont. nach Jacobi 1433 Rgſtr. VI. 196, 7) Schr. des Marſchalls, d. Graudenz Sonnt, vor Laurentü 1433 Schbl. XXIII. 100.
Scanseite 645 · Druckseite 632
632 Die Huffiten vor Dirſchau u. Danzig. (1433.) dem Komthur von Chriſtburg und Hans von Baiſen in Eile nach Schwez begab, um von dort mit Czapko die Uaterhandlungen fortzufuͤhren. Es liefen Botſchafter hin und her, waͤhrend das Huſſiten-Heer und hinter ihm die Polen immer weiter vorruͤckten. Die Verhandlungen in⸗ deß blieben ohne Erfolg.“ Mittlerweile hatte ſich der Feind, ſtatt auf Schwez loszugehen, noͤrdlich hinauf ges wandt und ſtuͤrmte gen Neuenburg und Mewe hin.) Der Ordensmarſchall ſandte eiligſt den tapfern Vertheidiger von Konitz, den Komthur von Balga in die letztere Stadt, ſie gegen den Anſturm zu vertheidigen. Auf die Nach⸗ richt, daß das Huffiten= Heer in das Stuͤblauiſche Werder und dann bis Danzig vordringen wolle, ſeinen Zug nach Kujavien jetzt aufgebend, zog er ſelbſt mit ſeiner Kriegs⸗ macht am Weichſel- Ufer bis Dirſchau hin, um da den Feind zu beobachten und vom Uebergange uͤber den Strom abzuhalten, weshalb er dem Hochmeiſter riet), die Weich⸗ ſel⸗Daͤmme ſorgſam bewachen, den Strom mit ſtark be= mannten Schiffen beſetzen und die Danziger warnen zu laſſen, daß der Feind nicht etwa auf die Nehring Übers ſetzen konne. Dieſer indeß zog unter ſchrecklicher Ver⸗ heerung und Verwuͤſtung und unter unbeſchreiblichen Grau: ſamkeiten an den Bewohnern immer weiter vorwaͤrts; nir⸗ gends fand er Widerſtand, denn ein Theil der Soldtrup⸗ pen lag in den Burgen und Staͤdten als Beſatzung, ein anderer verweigerte den Kriegsdienſt, bis ihm der ruͤckſtaͤn⸗ dige Sold entrichtet ſey.) Alſo drang das feindliche Heer ungehindert und ohne vor den befeſtigten Städten und Burgen lange zu verweilen, bis an das Kloſter Pel⸗ 1) Fol. C. p. 364. Schr. des Großkomthurs, d. Schwez Dienſt. nach Aſſumt. Mariä 1433 Schbl. VIII. 97. 2) Diugoss. p. 632. Schr. des Großkomthurs a. a. O. 3) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Nebrau Mittw. nach Bartholom. 1433 Schbl. VIII. 128. i 4) Schr. des Vogts v. Leipe, d. Thorn Mont: nach Affumt, Ma⸗ rid 1433 Schbl. XXIII. 96.
Scanseite 646 · Druckseite 633
Die Yufliten vor Dirſchau u. Danzig. (1433.) 633 plin vor; es ward erſtuͤrmt, ſchrecklich verwuͤſtet und die Kirche zum Viehſtall und Schlachthof umgewandelt.) Von da warf ſich der Feind nordwaͤrts nach Dirſchau zu, wo er am neunundzwanzigſten Auguſt erſchien. Da ſich außer vielem Landvolke auch ein Haufe von Soͤldnern und Schiffs⸗ kindern in die Stadt gefluͤchtet hatte, theils ſie zu ver⸗ theidigen, theils ſich hier zu ſichern, ſo fielen zuerſt einige blutige Gefechte unter den Mauern der Stadt vor, wor⸗ auf einige Raubgeſellen etliche Gebaͤude an der Stadt⸗ mauer, die aus Sorgloſigkeit nicht niedergeriſſen waren, in Brand ſteckten.) Ein gewaltiger Sturmwind aber trieb die Flammen in die Stadt und hier ſchnell von Haus zu Haus; an Tilgung des ungeheuern Feuers war bald nicht zu denken. Waͤhrend das Flammenmeer von Mi⸗ nute zu Minute wuchs, ſtuͤrzte alles, Bewohner und Be— ſatzung in wildem Angſtgeſchrei durch die Straßen hin und her, hier nach dem Weichſel-Strome, dort nach den Stadtthoren, um ſie aufzureißen und dem Feuertode zu entfliehen. Allein die meiſten der Fliehenden fielen dem Feinde in die Haͤnde und wurden grauſam ermordet oder gefangen hinweggeſchleppt; eine große Zahl der Einwoh⸗ ner verzehrte das furchtbare Feuer, denn faſt die ganze Stadt ging in Flammen auf; gegen zehntauſend von den Einwohnern, der Beſatzung und dem dahin gefluͤchteten Landvolke ſollen an dieſem furchtbaren Tage theils in der Feuergluth, theils unter dem feindlichen Schwerte umge⸗ kommen feyn. ? An dieſer Metzelei vor Dirſchau's Mauern hatte jedoch nur das Polniſche Kriegsvolk Theil gehabt. Die Blutgier der ſpaͤter herankommenden Huſſiten war mit dieſen Opfern noch nicht geſaͤttigt. Unter den zehn⸗ 1) Fol. C. p. 364. Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Marienb. Freit. nach Bartholom. 1433 Schbl. XXIII. 97. Dlugoss. p. 632. 2) Dingoss. P. 633. 5 3) Schütz p. 122. Fol. C. p. 26%. Dusb. Supplem. c. 45, am vollſtaͤndigſten bei Dlygoss. p. 633 — 634. 9) Dlugoss. p. 632 — 633 läßt die Böhmen zuerſt vor Dirſchau
Scanseite 647 · Druckseite 634
634 Die Huſſiten vor Dirſchau u. Danzig. (1433.) tauſend Gefangenen, die im Polniſchen Lager ſeufzten, befanden ſich auch ein Haufe Böhmen, die während des Krieges zum Ordensheere uͤbergegangen und in Dirſchau gefangen genommen waren. Auf des Hauptmannes Cza⸗ pko Verlangen wurden ſie ihm ausgeliefert; er ließ mit⸗ ten im Lager einen gewaltigen Scheiterhaufen errichten, der durch die Huffiten ſelbſt angezuͤndet ihre unglüdlichen Bruͤder verzehren mußte, weil ſie, wie der grauſame Hauptmann erklaͤrte, gegen die Polen gekämpft hätten, die gleiches Stammes mit ihnen ſeyen. Da ließ von gleicher Rachgier entflammt ein Polniſcher Hauptmann ei⸗ nen Haufen tapferer Schiffskinder, die er gefangen, in eine hoͤlzerne Verzaͤunung einſperren, dieſe rings mit Strauchwerk umgeben und darauf in Brand ſtecken. Als die Flamme aufloderte, durchbrachen die Ungluͤcklichen die Verzaͤunung, wurden aber mit teufeliſcher Luſt von den Polen in die Gluth zuruͤckgetrieben oder niedergeſtoßen, bis der menſchlichere Kaſtellan von Krakau Nicolaus von Michalow dem Graͤuel ein Ende machte, indem er die etwa noch Verſchonten zu retten befahl. Schonender bes wies ſich der blutdürſtige Feind gegen die in Dirſchau gefangenen Frauen und Kinder; ſie wurden ſorgſam be— wacht und dann in Freiheit geſetzt, um ſie der Wolluſt des gemeinen Kriegers zu entziehen.“ Jetzt war die größte Beſorgniß, der Feind möge Über die Weichſel ſetzen, um in den reichen Werdern ſeine Raubgier zu befriedigen, denn es war unmoͤglich geweſen, ankommen und ihr Lager bei dem nahe liegenden Subkau ſchlagen; das Polniſche Heer nachkommend liegt ebenfalls erſt einige Zeit vor der Stadt. 1) Diugoss. p. 633 sed. erwähnt ſelbſt ſehr im Speciellen aller bei Dirſchau veruͤbten Gräuel der Polen und Huſſiten. Vom HM. ſagt er: Egressus sub eodem tempore ſuerat ex castro Marienburg Magi- ster Prussiae Paulus de Ruzdorff in insulam Zolavam et cum falconi- b usvenationi intentus, caplurae alitum operam dabat; unwahr, denn wir wiſſen aus ſicheren Quellen, daß er ſich damals in Stuhm befand. Auch manches andere in der Erzählung des Diugoss. möchte zu bezwei⸗ fein ſeyn, z. B. die Zahl der 10,000 gefangenen Soldner.
Scanseite 648 · Druckseite 635
Die Huſſiten vor Dirſchau u. Danzig. (1433.) 635 von Danzig aus den Strom hinreichend mit Schiffen und Mannſchaft zu beſetzen, weil dort der Rath alles wehr⸗ hafte Volk zur Vertheidigung der Stadt aufgenommen“ und Koͤnigsberg, wohin ſich der Hochmeiſter gewandt, erſt ſpaͤtere Huͤlfe verheißen hatte.) Die wilden Raubhaufen indeß, von Danzigs Handelsſchaͤtzen gelockt, flürmten ges gen dieſe Stadt heran. Unfern davon bei Prauſt ange⸗ langt, ſandten die Hauptleute einen Sendboten an den Rath, klagend, daß ſie ſelbſt gerne Frieden ſchließen, der Orden ihn aber nicht annehmen wolle, ſondern lieber ſein Land verderben laſſe. Der Rath erwiederte: er wolle ſich beim Meiſter um den gewuͤnſchten Frieden verwenden; man bezweckte dabei, den Feind eine Zeitlang zuruͤckzu⸗ halten, um mittlerweile die Altſtadt beſſer zu befeſtigen.“ Allein am erſten September ſchon ſchlugen die Huſſiten auf dem Biſchoſs- und Hagelsberg ihr Lager auf, von dort aus alles verwuͤſtend und niederbrennend, was außer⸗ halb der Stadtmauer lag. Die Stadt ſelbſt, wohin der Ordensmarſchall von Fuͤrſtenwerder aus zuvor den Kom⸗ thur von Chriſtburg mit einem Heerhaufen geſandt, war zur Gegenwehr laͤngſt vorbereitet, alles wehrhafte Volk mit der Beſatzung zur Vertheidigung vereinigt, die Mann⸗ ſchaft der im Hafen zahlreich liegenden Schiffe ſaͤmmtlich bewaffnet, deren Geſchuͤtz auf die Mauern und Thuͤrme aufgepflanzt und mit ſolcher Thaͤtigkeit in Wirkſamkeit ge⸗ ſetzt, daß der Feind es kaum wagen durfte, ſich außer⸗ halb feiner Schanzen in der Nähe der Stadt zu zeigen.) 1) Schr. des Hauskomthurs v. Danzig, d. Danzig Donnerſt. nach Barrtholom. 1433 Schbl. LX. 86. 2) Schr. des Pflegers v. Lochſtädt, d. Koͤnigsb. Mont. nach Fe⸗ licis et Adaucti 1433 Schbr. LVI. 30. 3) Schr. des Großkomthurs, o. Dat. Schbl. LIV. 63. 4) Schr. des Did. Marſchalls, d. Fuͤrſtenwerder am Neuen⸗Waſ⸗ ler am T. Xogidii 1433 Schbl. XXIII. 110. 5) Schütz p. 122. Fol. C. p. 304 erwähnt nur, daß der Feind dor Danzig drei Tage gelegen habe.
Scanseite 649 · Druckseite 636
636 Die Huffiten vor Dirſchau u. Danzig. (1423.) So gingen mehre Tage unter einzelnen Gefechten hin. Der Ordensmarſchall, jetzt mit dem Soͤldnerhaufen des von Bieberſtein zum Schutze der Nehring am Neuen- Waſſer bei Fuͤrſtenwerder liegend, war mittlerweile in größter Beſorgniß, der Feind möge dort, da ſchon eini⸗ gemal zwanzig bis dreißig Reiter bis dahin vorgeſprengt waren, in Maſſe vordringen, das ſchmale und ſeichte Neue⸗ Waſſer leicht uͤberſchreitend auf die Nehring und von da auch in den Werder einfallen, denn der Huſſiten— Hauptmann Czapko hatte wirklich damit bereits gedroht und der Marſchall fand ſeine Mannſchaft viel zu ſchwach, um der feindlichen Kriegsmacht auch nur auf einige Stun⸗ den entſchiedenen Widerſtand leiſten zu koͤnnen. Er bat daher den Meiſter aufs dringendſte um verſtaͤrkende Huͤlfe. ? Nachdem indeß Czapko vier Tage im Lager vor Danzig ohne Erfolg hingebracht, hob er die Belagerung auf, brannte rings umher die Doͤrfer nieder, raubte und ver heerte, drang bis ans Kloſter Oliva vor, ließ es pluͤn⸗ dern und in Brand ſtecken und eilte dann gegen die See 1) Die Erzählung von dem Ausfalle der 200) Bürger und der 800 Schiffskinder und von dem Kampfe der 8 beherzten Bürger, wie man fie bei Schätz p. 122, Baczko B. III. S. 126 — 127 und Kotzebue B. III. S. 253 — 254 findet, haben wir uns nicht uͤberwin den können, hier aufzunehmen. Sie iſt hoͤchſt wahrſcheinlich eine Er dichtung, denn Schütz ſchrieb fie faſt wortlich dem Simon Grunau Tr. XV. e. XVI. S. 5. nach; auch die angeführten verdächtigen Na men (die in der latein. Ausgabe des Schütz p. 257 auch etwas andere lauten) ſind ganz die Grunauiſchen. Keine einzige andere ſichere Quelle, weder eine Archivs⸗ Nachricht, noch Diugoss. erwähnen dieſes Ercit, niſſes und doch find die uns zur Hand ſtehenden Berichte über den Hu f ſiten⸗ Krieg fo genau und zuverlaͤſſig. Die Uebereinſtinmung bei Sc mit Simon Gru nau zeigt auch, daß jener nur dieſen zur einzigen Que lie hatte und ſo glauben wir mit vollem Rechte die ganze Erzählung aus der Geſchichte Preuſſens hinwegweiſen zu konnen. 2) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Fuͤrſtenwerder am T. Aeg'eidii 1433 Schbl. XXIII. 110 u. ein anderes Schr. d. Fuͤrſtenwerder am F. Aegidii 1433 Schbl. XXIII. 108.
Scanseite 650 · Druckseite 637
Waffenſtillſtand und Abzug der Huſſiten. (1433.) 637 hinab, wo er bei Weichſelmuͤnde alles vernichtete. Un⸗ ter dem Jubel ſeiner Krieger trat der Boͤhmen Haupt⸗ mann am Meeresufer in die Mitte der Seinigen, ſich ſtolz ruͤhmend: ungehindert und in vollem Siegeslaufe habe er ſein Kriegsvolk bis ans Ende der Erde geführt; nur das Meer habe feinen Eroberungen ein Ziel ſetzen koͤnnen. Zum Andenken dieſes Kriegsgluͤckes ward mehr als zwei⸗ hundert vornehmen Polen am Meeresufer der Ritterſchlag ertheilt; auch den Huſſiten-Hauptmann Czapko fhmüdte man mit der Ritterwuͤrde und die Huſſiten füllten unter Triumphruf ihre Flaſchen mit Seewaſſer, um es als Sie⸗ geszeichen nach Böhmen heim zu tragen.“ Darauf wandten ſich die feindlichen Heere zum Ruͤck⸗ zuge. Sie fanden, vor Schoͤneck und Stargard ange⸗ langt, alles in ſo gutem Vertheidigungszuſtande, daß ſie keinen Verſuch zur Erſtuͤrmung wagten. Bereits waren ſeit ihrem Abzuge von Danzig durch den Großkomthur Fried ensverhandlungen angeknüpft“ und es erſchien zu die⸗ ſem Zwecke vor Stargard im feindlichen Lager eine Ge⸗ ſandtſchaft des Hochmeiſters, den Frieden zu beſchleunigen, jedoch ohne Erfolg.“ Da warf ſich das feindliche Heer, bei Neuenburg und Schwez ohne den Verſuch eines An⸗ griffes voruͤberziehend, vor die nur mit zwanzig Kriegs⸗ 1) Schr. des Ord. Marſchalls a. a. O. Schütz p. 123. Dlugoss. p. 636. D 2) Schütz 1. c. Dusb. Supplem. c. 45. Dlugoss. I. e. Schr. des Großkomthurs o. D. Schbl. LIV. 63. 3) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Fuͤrſtenwerder Freit. nach Ae⸗ gidii 1433 Schbl. XXII. 119. 4) Schr. des Großkomthurs, o. D. Schbl. LIV. 63. 5) Geleitsbrief für die Ordensgeſandten, d. in campis slalionum exercituum nostrorum unum miliare reiro Stargart in vigilia nativit. Mariae 1433 im Fol. C. p. 364. Es ſtellen ihn aus: Semovitus dux Masoviac, Nicolaus de Michalow Castellan. et Capitanens Cracoviens. exereituungue regui Poloniae Capitancus supremus, Johannes Czapck Capitaneus eyereituum Bohemorum alias Serotbcorum , Sandzivogius de Ostrorog Poznanien. etc.
Scanseite 651 · Druckseite 638
638 Waffenſtillſtand und Abzug der Huſſiten. (1433) leuten beſetzte Burg Jeßnitz unfern von Bromberg.) Man begann Unterhandlungen; etliche Ordensritter begaben ſich deshalb aus der Burg ins Lager. Mittlerweile aber ward das Haus verraͤtheriſch überfallen, die Beſatzung grauſam ermordet und die Ritter im Lager in Feſſeln gelegt, um fie dem Hochmeiſter fur ein ſchweres Loͤſegeld feil zu bie⸗ ten. Die Burg ward in Aſche gelegt und iſt ſeitdem nicht wieder auferbaut. So krönte das Polen: und Huſ⸗ ſiten⸗ Heer die Reihe feiner gottloſen Graͤuel in der letz⸗ ten That durch elende Verraͤtherei und ſchimpflichen Mord. Da begann der Ordensmarſchall, der dem Feinde am rechten Weichſel-Ufer uͤber Marienwerder bis Rheden mit feinem Kriegsvolke nachgefolgt war, ? von neuem Frie⸗ densverhandlungen und ſie gediehen jetzt unter Theilnahme des Großkomthurs Konrad von Erlichshauſen, des Oberſt⸗ Spittlers Heinrich Reuß von Plauen, des Oberſt-Trap⸗ piers Konrad von Baldersheim und einiger andern Unter⸗ händler vorerſt zu einem Beifrieden, im Lager bei Jeß⸗ nitz am dreizehnten September auf folgende Bedingungen abgeſchloſſen: Alle Anhaͤnger beider Theile, demnach von des Koͤniges Seite der Großfuͤrſt Sigismund von Litthauen, die Herzoge von Maſovien und Pommern, der Meiſter des Johanniter-Ordens Balthaſar von Schlieben, der Woiwode Elias von der Moldau und Walachei und die Herren von Wedel, Tuetz und Falkenburg, von des Mei⸗ ſters Seite die beiden Meiſter von Deutſchland und Liv⸗ land und Herzog Switrigal ſind in den Beifrieden mit einbegriffen; er dauert bis Weihnachten; mittlerweile ſoll auf Andreas-Tag zu Brzeſc zwiſchen des Meiſters und des Koͤniges Raͤthen ein Verhandlungstag zum Abſchluſſe 1) Dusb. Supplem. c. 47. 2) Fol. C. p. 364. Schütz p. 123. Diugoss. p. 636 — 637 bemäntelt die Verrätherei- 3) Wir finden ihn nach einem Schr. Schbl. XXIII. 88 am Abend Nativit. Mari zu Marienwerder u. am Mittw. nach Nativit. Maria Schbl. XXIII. 102 in Aheden,
Scanseite 652 · Druckseite 639
Waffenſtillſtand und Abzug der Huſſiten. (1433.) 639 eines ewigen Friedens gehalten werden;“ alles, was die Polen in der Neumark an Burgen und Haͤuſern gewon⸗ nen, verbleibt ihnen bis zum Friedensſchluſſe. Darauf ging das Polniſche Heer alsbald uͤber die Graͤnze und die Huſſiten wandten ſich zum Ruͤckzuge nach Böhmen. ® Es iſt befremdend gefunden und der Hochmeiſter des⸗ halb ſchwer getadelt worden, daß er, ber früher fo zu— verſichtlich und keck uͤber den Krieg mit den Huſſiten ge⸗ ſprochen, nun ſo wenig gethan, um der Verheerung ſeines Landes durch den Feind ein Ziel zu ſetzen, da nirgends ein Gebietiger, ſelbſt nicht einmal der Ordensmarſchall es wagte, dem raubſuͤchtigen Feinde in offener Feldſchlacht entgegenzutreten, und erſt dann ein Waffenſtillſtand ge- ſchloſſen ward, als Pommern ſo graͤuelvoll verwuͤſtet da⸗ lag, daß nur noch vierzehn Doͤrfer, ihren Schutz den ſie umgebenden Moraͤſten und Seen verdankend, der Veroͤ⸗ dung und dem Brande entgangen waren.“ Allein ein Blick auf die Verhaͤltniſſe des Ordens zu den Nachbar⸗ landen und auf die innere Lage des Landes moͤchte den Meiſter wohl rechtfertigen. Es war gleich Anfangs viel darauf gerechnet, daß Switrigal mit dem Meiſter von Livland zu zeitiger Stunde in Litthauen und die verbuͤn⸗ deten Podolier, Tataren und Walachen zugleich in Polen einfallen und dort des Koͤniges Waffen fortdauernd be⸗ ſchaͤftigen ſollten. Allein trotz aller dringenden Aufforde⸗ 1) Nach Dusb. Supplem. c. 47 ſollte der Beifriede nur dauern adusque festum s. Andreae Apostoli. - 2) Die vom Könige ausgeſtellte Urkunde, d. Dominico die ante festum exaltation. erucis in stalione campestri exercituali anle castrum Jessenitz 1433 im Fol. C. p. 365; die Hauptpunkte bei Dlugoss. P. 637. Uebrigens nahmen die Huſſiten am Waffenſtillſtande nicht Theil, weshalb auch ihr Anführer im Document nicht mit genannt iſt. 3) Diugoss. p. 638. Schr. des HM. an den Konig v. Polen, d. Marienb. am T. Mathäi 1433 Rgſtr. VI. p. 20%, worin er um die Auslieferung des alten Marſchalls von Livland bittet, die jedoch erſt im Decemb. erfolgte. 4) Dlugoss. p. 637. Kantzow Pommerania B. II. S. 38.
Scanseite 653 · Druckseite 640
640 Waffenſtillſtand und Abzug der Huſſiten. (1433.) rungen des Hochmeiſters hatte Switrigal faſt den ganzen Sommer hindurch gezoͤgert das Schwert zu erheben, fo daß es den Litthauern ſogar moͤglich war, einen Einfall ins Ordensgebiet zu wagen. Einige Einfälle der Po: dolier ins Polniſche Gebiet hatten gleichfalls ſo wenig Er⸗ folg gehabt, daß es dem Koͤnige ſogar gelungen war, den Woiwoden der Moldau und Walachei auf ſeine Seite zu zieben. ? Erſt als die Huſſiten Pommern bereits mit Feuer und Schwert durchzogen hatten, war Switrigal mit einer anſehnlichen Streitmacht bis gegen Kauen vorgedrun⸗ gen, hatte den Herzog Michael nebſt vielen Bojaren und andern Kriegsleuten gefangen genommen und Sigismun⸗ den gezwungen ſich in die Waͤlder zu fluͤchten.) Die Folge dieſer Saͤumniß Switrigals aber war, daß die Her⸗ zoge Maſoviens ihre Kriegshaufen theils beſtaͤndig mit ei⸗ nem Einfalle drohend an der Graͤnze aufſtellen, theils mit den Polen vereinigen konnten, daß alſo dort der Or⸗ den immer einen Theil ſeiner Streitkraͤfte in Bereitſchaft halten mußte und die dortigen Gebietiger zur Abwehr des Feindes fort und fort beſchaͤftigt blieben.) Daher kam es ferner, daß der Komthur von Thorn, der auf die Bei⸗ huͤlfe jener Gebietiger gerechnet, ſich den im Dobriner⸗ 1) Schr. des HM. an den Livländ. Meiſter, d. Marienb. Sonnt. nach Viſitat. Mariä 1433 Ngſtr. VI. p. 174. 2) Schr. des Pflegers v. Raſtenburg, d. Raſtenb. Sonnt. vor Pe⸗ tri u. Pauli 1433 Schbl. XIX. 16. 3) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Soldau Freit. nach Mar⸗ gar. 1433. 4) Schr. des Komthurs v. Ragnit, d. Koͤnigsberg Donnerſt. nach Nativit. Mariä 1433 Schbl. XVII. 40. Kotzebue Switrigal S. 109, De Samaiten wanderten damals in großen Haufen nach Preuſſen aus, um da Unterhalt oder neue Niederlaſſungen zu ſuchen, ſo daß der Or⸗ densmarſchall bald nicht mehr Mittel genug hatte, die Ueberlaͤufer zu ernähren oder irgendwie unterzubringen; Schr. des Marſchalls Schbl. XXIII. 86. 5) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Soldau Donnerſt. nach Nativit. Maria 1433 Schbl. XXIII. 98.
Scanseite 654 · Druckseite 641
Waffenſtillſtand und Abzug der Huſſiten. (1433.) 641 lande verſammelten und einigemal in die Graͤnzgebiete des Ordens einbrechenden Polen mit keiner hinlaͤnglichen Streit⸗ macht entgegenſtellen konnte, denn eben jene Verhaͤltniſſe in Litthauen hatten es dem Koͤnige moͤglich gemacht, bei Raczanz und in Dobrin bedeutende Streitkraͤfte aufzu⸗ ſtellen, die das Kulmerland bedrobten und ſo den Orden zwangen, auch hier beſtaͤndig eine angemeſſene Heeres macht bereit zu halten.) Alſo konnte auch aus Kulmer⸗ land der Ordensmarſchall zur Bekämpfung des Ketzerhee⸗ res nicht die nöthige Verſtaͤrkung erhalten, vielmehr war dort im Anfange des Septembers die Gefahr eines feind⸗ lichen Einfalles ſo groß, daß der Hochmeiſter die Biſchoͤfe von Pomeſanien und Kulm und die Komthure von Chriſt⸗ burg, Oſterode, Brathean und die ganze bewaffnete Mann⸗ ſchaft der Niederlande auffordern mußte, dem Komthur von Thorn zu Huͤlfe zu eilen, um den Feind durch einen Kriegszug ins Dobrinerland zuruͤckzudraͤngen.) Auch aus der Neumark konnte man keine merkliche Huͤlfe erhalten; der freie Durchzug fremder Soͤldner war gehemmt; die dort liegenden Soͤldnerhaufen zeigten, nachdem die Kom⸗ thure von Danzig und Chriſtburg ſich zuruͤckgezogen, ge⸗ gen die dortigen Hauptleute den trotzigſten Ungehorſam und Uebermuth, ſo daß ſie, um Freund und Feind zu berau⸗ ben, den Krieg ſchon ganz auf eigene Fauſt fuͤhrten.“ Zudem hielt auch der Herzog von Pommern die Beſatzun⸗ gen der dortigen Städte und Burgen durch Einfälle und Belagerungen in beſtaͤndiger Thaͤtigkeit.) Man ſah ſich 1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn Mont. nach Felicis et Aucti 1433 Schbl. XXIV. 83. 2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Schönfee Mont. in vigilia natiyitat. Mariae 1433 Schbl. XXIV. 98. 3) Schr. Arnolds v. Walde u. Hennings vom Borne, Hauptleute zu Dramburg an den HM. d. am T. Sixti (1433) Schbl. XIV. 91. 93. 4) Schr. Friederichs von der Oelsnitz, eines Soldnerhauptmannes, an d. HM., d. Schievelbein (1433) Schbl. XV. 86; vgl. Rgſtr. VI. P. 197. Schr. Burchards u. Eckards v. Guͤntersberg an d. HM., d. Schievelbein am Abend Laurent. 1433 Schbl. XIV. 44. VII. Al
Scanseite 655 · Druckseite 642
642 Verhaͤltniſſe des Ordens im Huſſiten⸗Kriege. (1433.) endlich genoͤthigt, dem Herzog friedliche Unterhandlungen anzubieten und er fand es auch ſelbſt in ſeinem In⸗ tereſſe, noch vor der Huſſiten Abzug ſich mit dem Orden zu vergleichen, vorausſehend, daß man ihm ſpaͤter weni⸗ ger zugeſtehen werde, als in der Zeit der Bedraͤngniß. Nicht minder beſchraͤnkt waren dem Meiſter die Mit⸗ tel zum Kriege, die er aus dem Lande gewinnen mußte. Der unzufriedene und mißmuthige Geiſt, wie er ſich bis⸗ her unter dem Adel im Kulmerlande gezeigt, hatte ſich auch ſchon uͤber das Gebiet von Oſterode und weiter ver⸗ breitet. Und wie der Landadel, ſo traten auch die Ab⸗ geordneten der groͤßeren Staͤdte den Anforderungen und Geboten des Hochmeiſters haͤufig widerſtrebend entgegen. Er ſchlug den Staͤnden des Landes auf einem Tage zu Elbing zur Deckung der Kriegskoſten eine Abgabe von Le⸗ bensmitteln, eine ſ. g. Zieſe vor; allein Ritter und Staͤdte verweigerten ſie und die Unterhandlungen daruͤber mach⸗ ten es den Gebietigern mehr als je fühlbar, daß fie nicht über der Unterthanen Eigenthum willkuͤhrlich verfügen koͤnn⸗ ten. So bereitwillig ſich auch die Staͤnde zur Unterſtü⸗ tzung des Ordens in dringender Noth erklaͤrten, ſo ent⸗ ſchieden ſahen ſie es doch ſchon als eine Sache ihrer ei⸗ genen Berathung und Beſtimmung an, wie die Beihülfe zu leiſten ſey, und der Orden, durch Geldnoth hart be⸗ draͤngt, mußte, um zum Zwecke zu gelangen, nach vielen Verhandlungen den Staͤnden anheimſtellen, wie ſie die noͤthige Unterſtuͤtzung bewilligen wollten. Man geſtand die Erhebung einer Kopf- und Vermoͤgensſteuer zu, von welcher auch fremde, im Lande handelnde Kaufleute nicht ausgenommen ſeyn ſollten, ſondern nur Geiſtliche, Moͤnche 1) Schr. Eckards v. Güntersberg an d. HM. d. Schievelbein Mom. nach Joharnis Enthaupt. 1433 Schbl. XIII. 36. Schr. des Vogts der Neumark, d. Landsberg Mont. vor Nativitat. Mariä 1933 Schbl. XIII. 40. Die Verhandlungen mit dem Herzog zogen ſich jedoch noch weiter hinaus. Schr. des Ord. Marſchalls, d. Graudenz Dienſt, nach Kreuz⸗ Erhöb. 1433 Schl. XXIV. 70.
Scanseite 656 · Druckseite 643
Berhältniffe des Ordens im Huffiten Kriege. (1133.) 643 und unmuͤndige Kinder. Allein an mehren Orten blieb der Ertrag weit unter der Erwartung; an andern fand die Erhebung Widerſtand und war erfolglos. Daher die druckende Geldnoth des Ordens, die Widerſpenſtigkeit, das Murren, der Trotz und das eigenwillige Verfahren der nie bezahlten Soͤldlinge. Das Bedenklichſte aber und Gefahrvollſte fuͤr den Orden war eben jener immer ſtaͤr⸗ ker aufwachende widerſetzliche Geiſt des Adels und des Bürgerflandes; ſchon jetzt war er durch kein Mittel mehr zu beſchwichtigen. Kaum war durch den Waffenſtillſtand die Ruhe wieder zuruͤckgekehrt, als im Kulmerlande Rit⸗ ter, Landadel und die Vornehmſten aus den Staͤdten zu eigenen ſelbſtaͤndigen Verſammlungen zuſammentraten. Hans von Logendorf, an ihrer Spitze ſtehend, mußte vom Hochmeiſter eine Tagfahrt verlangen, auf der ſie dem Or⸗ den ihre Wünſche und Forderungen vorlegen wollten. Der Meiſter bewilligte ſie; allein der Ordensmarſchall, von ihm darüber berathfragt, ſchrieb bedenklich: „Was wir von den Sachen und Teidingen gehoͤrt, welche die Kul⸗ miſchen unter einander haben, ſo geht es wunderlich durch einander und es euerer Gnade beſſer und klaͤrlicher vor: kommt, als es gut iſt. Darum werdet ihr zu Rathe, Cals ihr zugeſagt habt) den Tag zu halten (als es euere Gnade in dieſen Laͤufen nicht anders thun kann, denn ihr muͤſſet ihnen folgen), fo iſt unſer aller Gutduͤnken, daß ihr aus allen Gebieten des Landes von den ehrba⸗ ren Leuten, Rittern und Knechten und aus Staͤdten, ſo wenige ihr koͤnnet, zu euch verbottet und ſonderlich die, zu denen ihr euch gutes Rathes und Treue verſehet, auf 1) Die Verhandlungen daruber, belehrend Über den in den Ständen obwaltenden Geiſt, bei Sc b. 120 — 121. Wenn der Chroniſt jedoch ſagt: „was für eine große Summe Geldes und wie biel Tonnen Goldes (1) dieſe Anlage getragen habe, entſtehe ich mich nicht dieſes Orts nachzuſagen, wie es von etlichen Chroniken berechnet ſey“ ſo ha⸗ ben wir do ch ſichere Nachrichten, daß in mehren Gebieten bedeutende Ausfälle Statt fanden. 41 *
Scanseite 657 · Druckseite 644
644 Verhaͤltniſſe des Ordens im Huſſiten⸗ Kriege. (1433.) daß man gründlich erfahre die Meinung ihres Vorhabens und mit Behendigkeit bei fie komme.“ Auch der Koͤnig hatte manche gewichtige Gruͤnde, ein friedliches Verhaͤltniß gegen den Orden herbeizuwuͤn⸗ ſchen. Hatte er ſein eigentliches Ziel, den Orden durch die Huſſiten bis auf ſeine letzten Kraͤfte aufzureiben, auch nicht erreicht, ſo war ſein Durſt nach Rache doch eini⸗ germaßen geſtillt. Seine Kriegsmacht, beſonders die Rei⸗ terei, obgleich ſie keine ernſte Schlacht geliefert, hatte in dem armen, ausgehungerten Lande ſo außerordentlich gelitten, daß die Reichsgroßen allgemein Friede wuͤnſch⸗ ten, 2 und derſelbe Wunſch ging auch durchs ganze uͤbri⸗ ge Volk, zumal nachdem man auch in Polen die Raub⸗ gier der Huſſiten kennen gelernt, denn als bei ihrer Ruͤck⸗ kehr durch Polen von ihren Hauptleuten dem Koͤnige eine Berechnung ihres erlittenen Schadens vorgelegt ward, ſuchte dieſer, nicht im Stande ihren Forderungen zu ge⸗ nuͤgen, den Hauptmann Czapko mit einigem Gelde, ſchöͤ⸗ nen Gewanden u. dgl. moͤglichſt zu befriedigen, eilte dann aber von Poſen fort, um ſich in der Wildniß zwanzig Meilen entfernt zu verbergen.. Das gemeine Huſſiten⸗ volk indeß begann furchtbar zu rauben und zu pluͤndern, nahm die Geiſtlichen gefangen, um ſie zu beſchatzen, er⸗ brach uberall die Kirchen, um ſich der heiligen Geraͤthe zu bemaͤchtigen und hauſte uͤberhaupt auf die fuͤrchter⸗ lichſte Weife. ® Dieß bewog den König, die Verhand⸗ lungen zum Abſchluſſe eines feſten Friedens moͤglichſt zu beſchleunigen. 5 1) Schr. des Orb. Marſchalls, d. Königsberg Dienſt. nach Luca Evang. 1433 Schbl. LXXVI. 52. 2) Schr. des Komthurs v. Neſſau, d. Neſſau Mont. nach Fran⸗ cifei 1433 Schbl. XXIII. 116. Schr. des Ord. Marſchalls, d. Grau⸗ denz nach Kreuz-Erhöh. 1433 Schbl. XXIV. 76. 3) Diugoss. Pp. 639. 4) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn Freit. nach Francisci 1433 Schbl. VIII. 96. 5) Schr. des Kaſtellans von Krakau Nicolaus von Michalow an 7
Scanseite 658 · Druckseite 645
Der Beifriede von Brzeſc. (1433.) 645 So traten in den letzten Tagen des Novemb. zu Brzeſe die beiderſeitigen Bevollmächtigten zum Friedenswerke zu: ſammen, von Seiten des Ordens der Ordensmarſchall Soft von Strupberg, der Oberſt⸗- Spittler Heinrich Reuß von Plauen, der Komthur von Thorn Vincenz von Wirsberg, der von Rheden Johann von Pommersheim, der Kulmi⸗ ſche Landrichter Hans von Logendorf u. a., an ihrer Spitze der Biſchof Franciſcus von Ermland.) Nach alter Sitte hatte auch jetzt der Meiſter verordnet, daß waͤhrend der Friedensverhandlungen in allen Konventen wöchentlich drei⸗ mal feierlicher Gottesdienſt gehalten, beſtimmte Meſſen geſungen, jeden Freitag eine feierliche Proceſſion Statt finden und von allen Brüdern und Angehörigen des Dr: dens Gott um Abwendung ſeines Zornes angerufen wer⸗ den ſolle. Mit ſo frommen Wuͤnſchen und aufrichtiger Friedensliebe ſchritt der Hochmeiſter an das gute Werk. Dennoch ſchien es nicht gelingen zu wollen, denn die Polniſchen Bevollmaͤchtigten begannen die Verhandlungen nicht nur mit harten Beſchuldigungen uͤber Friedensbruch und dadurch ihrem Koͤnige und dem Reiche zugezogenen großen Schimpf und Schaden, ſondern verweigerten auch hartnaͤckig des Kaiſers Sendboten, die der Verhandlung ebenfalls beiwohnen ſollten, das ſichere Geleit; endlich d. HM. d. Pysdri domin. die ante ſestum Mathaei 1433 Schbl. XXIV. 35. 1) Diugoss. D. 642. Schr. des HM. an den König v. Polen, d. Elbing Sonnab. nach Eliſabeth 1433 Rgſtr. VI. 18. Die fuͤr die Send⸗ boten ausgeſtellte Vollmacht, d. Marienb. am T. Katharina 1433 Rgſtr. VI. 116, 120. Es werden noch genannt: Hans von Czegenberg, Kul⸗ miſcher Bannerfuͤhrer, Nicolaus v. Buchwalde, Hans von Oſterwicz, Gottſchalk von Smolang, Stibor von Baiſen u. a. 2) Die Vorſchrift des HM. an alle Komthure, d. Marienb. am T. Katharina 1433 Rgſtr. VI. p. 117. 3) Schr. des Kaiſers Sigismund an d. HM. d. Baſel am T. Ka⸗ tharina 1433 Schbl. IV. 66. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn in vigilia Barbarae 1433 Schbl. XXIV. 81. Dusb. Supplen. c. 47. Dluguss. p. 642.
Scanseite 659 · Druckseite 646
646 Der Beifriede von Brzeſc. (1433.) ſtellten fie auch die Bedingung auf, der Orden muͤſſe vor allem ſeine Verbindung mit Switrigal ganz aufgeben, widrigenfalls fie ſich in gar keine weitern Verhandlungen einlaſſen wollten.) Der Hochmeiſter mußte ſich ſchleu⸗ nigſt nach Thorn begeben, um ſeinen Bevollmaͤchtigten mit Rath und That zur Hand zu feyn.? Allein bei dem in allen Staͤnden Polens immer lauter werdenden Verlangen nach Frieden, kam es endlich nach vielen Ver⸗ handlungen zwar nicht zu einem eigentlichen Friedens⸗ ſchluſſe, aber doch vorerſt zu einem Waffenſtillſtande auf zwölf Jahre; er ward zu Lancziz unter folgenden Bedin⸗ gungen geſchloſſen: Zum Abſchluſſe eines ewigen Friedens ſollen auf Maris Geburt die Bevollmaͤchtigten beider Thelle zu Stonft ® ober einem andern Orte zuſammenkommen; gelingt kein feſter Friedensſchluß, fo ſoll der Waffenſtill⸗ ſtand auf zwoͤlf Jahre Beſtand haben; waͤhrenddeß bleibt jeder Theil im Beſitze feiner Eroberungen, alſo der Ks nig im Beſitze von Arnswalde, der Güter der Herren von Wedel und Falkenburg und der Dörfer Morin, Dr: low und Neuendorf, der Orden dagegen im Beſitze der Burg Neſſau und ihrer Dörfer, fo wie der Weichſel-Faͤhre bei Thorn. Die Graͤnzen der Herzoge von Mafovien und Stolpe bleiben wie beim Beginne des letzten Krieges. Der Orden ſoll den Polniſchen Biſchoͤfen alle von alten Zeiten her von ihnen beſeſſenen Güter, Doͤrfer und Be: ſitzungen wieder einraͤumen. Der Hochmeiſter und der Meiſter von Livland werden jede Verbindung mit Herzog Switrigal aufheben, ihn ſofort verlaſſen und niemals 1) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Briſk (Brzeſc) Dienſt. nach Andrea 1433 Schbl. XXIII. 123. 2) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Briſk Donnerſt. vigilia Barbarae 1433 Schbl. XXII. 83. 3) Dusb. Supplem. e. 47. Schr. des Komtyurs v. Oſterode, d. Soldau Mittw. vor Barbara 1433 Schbl. XXIV. 100. 4) In locum seu villam dictam Slousko, oder wie es im andern Document heißt: in locum seu villam nostram Slusko,
Scanseite 660 · Druckseite 647
Der Beifriede von Brzeſc. (1433) 647 wieder gegen den Koͤnig und ſeine Nachfolger oder gegen das Koͤnigreich unterſtuͤtzen. Der Koͤnig dagegen ver⸗ pflichtet ſich, den Beitritt des Großfuͤrſten Sigismund zu dieſem Waffenſtillſtand, ſo wie der Hochmeiſter den des Meiſters von Livland zu bewirken. Verbrecher und Ueber⸗ laͤufer, ſobald ſie uͤber die Graͤnze fluͤchten, wird man gegenſeitig aufgreifen und ihnen nirgends Herberge geben. Kein Theil ſoll denen, die dem andern den Frieden auf⸗ ſagen und ihn befehden wollen, den Durchzug durch ſein Land oder ſonſtigen Vortheil geſtatten. Dem Kauffahrer aus beiden Landen, wie dem aus Maſovien, Pommern, Samaiten und Livland ſoll die Handelsſtraße zu Waſſer und Land voͤllig ungehindert offen ſtehen ohne Erhebung neuer Zölle, nur mit Beibehaltung der alten Abgaben und bisherigen Handelsgewohnheiten. Ueber den Pfund zoll wird man ſich in der kuͤnftigen Friedensverhandlung naͤher verſtändigen.) Auf keines Menſchen Forderung, Anſin⸗ nen, Beredung oder Befehl, ſelbſt wenn ſie vom Papſte oder dem Kaiſer oder einem Concilium kaͤmen, ſoll dieſer Waffenſtillſtand weder im Einzelnen noch im Ganzen ir: gendwie verletzt oder gebrochen werden. Endlich ver: ſprach man ſich gegenſeitig Verſicherungsbriefe auszuſtel⸗ len, nach welchen die Unterthanen des Theiles, der wah- rend der Dauer des Waffenſtillſtandes den andern mit Krieg überziehen wollte, ihm darin nicht nur nicht bei⸗ ſtimmen und Gehorſam leiſten, ſondern vielmehr vom Ei⸗ de der Treue und aller Unterthanenpflicht gaͤnzlich entbun⸗ den ſeyn ſollten. Alſo geſchah der Abſchluß dieſes wich⸗ I) ueber den Handelsverkehr enthält die Urkunde noch einige nähere Beſtimmungen. 2) Der Verſicherungsbrief des HM. ſollte lauten: Quod si nos vel successores nostri pendentihus huiusmodi treugis domino vegi ot corone vellemus aut conaremur huiusmodi gwerras aut bella move- re, non debeut nobis et ordini nostro sabdili uostri ad hoc consen- lire nee in hoc obedire aut Parere, zmmo erunt ab omnibus nostri
Scanseite 661 · Druckseite 648
648 Der Beifriede von Brzeſc. (1433.) tigen Beifriedens am funfzehnten December des Jahres 1433. Mittlerweile hatten ſich auch anderwaͤrts die Verhaͤlt⸗ niſſe des Ordens ungleich guͤnſtiger geſtellt. Auf dem Concilium zu Baſel, wohin der Hochmeiſter mehre Procu⸗ ratoren, unter ihnen auch den im geiſtlichen Rechte ſehr bewanderten Doctor Andreas Pfaffendorf zur Vertretung des Intereſſe des Ordens ſandte,? wußte dieſer die Rechte und Auſpruͤche deſſelben gegen die Polniſchen Sach⸗ walter auf eine ſo buͤndige und uͤberzeugende Weiſe zu erweiſen und zu vertheidigen, daß alle Goͤnner und Freunde des Ordens ihn bewunderten und ſelbſt der beruͤhmte und ausgezeichnete Advocat Kaspar von Perugia, der ſchon lange in Polniſchem Solde ſtand, nicht das mindeſte da⸗ gegen zu erwiedern im Stande war.“ Seitdem ferner der Roͤm. Koͤnig, mit dem Papſte verſoͤhnt, in Rom die Kaiſerkrone erhalten hatte, nahm mehr und mehr auch die Stimmung am paͤpſtlichen Hofe, wo bisher die Po⸗ len immer noch in beſonderer Gunſt und Einfluß geſtan⸗ den hatten, fuͤr den Orden eine guͤnſtigere Richtung, denn der Kaiſer war in jeder Weiſe bemüht dort für das Beſte des Ordens zu wirken. Er ließ nicht nur et ordinis nostri omagiis, iuramentis et subieclionibus liberi et solu- ti, donee nos ad observalionem huiusmodi treugarum revertamur, 1) Das vom Könige ausgeſtellte Originaldocument, d. Laneiciac feria III post festum s. Luciae 1433 Schbl. 66. 8, in Abſchrift Schbl. XXIV. 106. Die Urkunde des HM. im Fol. C. p. 367. Vgl. über die Unterhandlungen und den Abſchluß des Beifriedens Dush. Supplem. c. 47, wo offenbar die Urkunde benutzt if, Diugoss. p- 642 — 643. 2) Die Urkunde über die Ernennung der Procuratoren, d. in cas- tro Elbing mensis Februar. quinta decima 1433 in einem Transſumt vom J. 1442 Schbl. 66. 7. Entwurf der Vollmacht Schbl. II. 74. 3) Schr. des Pfarrers v. Thorn, d. Baſel Dienſt. zu Oftern 1433 Schbl. XVII. 94. Eine im Concilium gehaltene Rede Schbl. II. 4. Schr. des Pfarrers v. Thorn, d. Baſel am Abend Himmelf. Chriſti 1433 Schbl. II. 2. 5.
Scanseite 662 · Druckseite 649
Der Beifriede von Brzeſc. (1433.) 649 eine Schrift bekannt machen und uͤberall vertheilen, worin die Ungerechtigkeit, Argkiſt und Meineidigkeit des Koͤniges von Polen eben ſo buͤndig und uͤberzeugend als nachdruͤcklich derb aufgedeckt war, ſondern nachdem man ſie auch dem Papſte und dem Kardinalcollegium vorgele⸗ ſen und ein Polniſcher Advocat den Koͤnig vertheidigen wollte, trat der Kaiſer ſelbſt in der Verſammlung mit den Worten auf: „Ich brauche von niemand darin Un⸗ terweiſung, ſondern es iſt meine eigene Sache und ich habe es ſelbſt oft geſehen und iſt mir auch ſelbſt ges ſchehen, als ich mit dem Koͤnige von Polen im Felde lag, daß mir dieſer Koͤnig nie ſeine Verſprechungen ge— halten; das kann ich mit offenbaren Briefen beweiſen.“ Dann erzaͤhlte er weiter, wie der Koͤnig immer darnach geſtanden habe, die Deutſchen Herren und die Deutſche Zunge in Preuſſen zu vertilgen; er bewies es durch die Geſchichte der Vermaͤhlung der Koͤnigin Hedwig, der Verlobten des Herzogs von Oeſterreich, mit dem jetzigen Koͤnige, der damals noch ein Heide und ein Ehebrecher geweſen ſey.) „Das haben die Polen damals ſchon deshalb gethan, daß fie mit Hülfe der Heiden die Deut⸗ ſchen Herren und Kreuziger verderben wollten, wie ſie leider gethan haben und noch thun.“ Er ſtellte ferner vor, wie oft er und andere Fuͤrſten ſchiedsrichterliche Spruͤche und Berichtigungen zwiſchen dem Könige und dem Orden uͤbernommen, welche die Polen nie gehalten, und wie ſie mit ihren Geluͤbden, Eiden und Briefen die Herren von Preuſſen und ihn ſelbſt betrogen haͤtten. Des Kaiſers Rede machte auf den Papſt außerordentli⸗ chen Eindruck. Er antwortete keine Silbe, ſtand unmu⸗ thig auf und ging in ſein Gemach. Sigismund aber 1) „Wenne eyne konigynne von Polen Hedwig genant hatte eynen hertzok von Oſterrich, den dy Polen vortreben und goben derſelbigen konigynne deſen konigk von Polen, der eyn heide was und eyn eebre⸗ cher, wenne by des herzok von Oſterrich leben czyten her weder willen der konigynne von Polen ſy beſlyff.““
Scanseite 663 · Druckseite 650
650 Folgen des Beifriedens zu Brzeſc. (1433 — 1434.) hatte bei allen, die ihn hoͤrten, für den Orden den glaͤn⸗ zendſten, ehrenreichſten Sieg gewonnen. Man ſchalt die Polen uberall oͤffentlich Ketzer und Meineidige; in des Papſtes Gunſt waren ſie ſeitdem bedeutend geſunken, denn auch er fand mehr und mehr, daß ihn die Polniſchen Sachwalter mit Luͤgen umſtrickt und nie gehalten hatten, was ſie verſprochen. So ſchienen nun auch die Streit⸗ verhandlungen des Ordens am Roͤm. Hofe durch des Kaiſers Einfluß einen weit guͤnſtigeren Ausgang gewin⸗ nen zu koͤnnen.“ Uueberhaupt benutzte dieſer jetzt mehr als je jede Gelegenheit, dem Orden ſeine Gunſt und Gencigtheit zu bezeugen. Er ſelbſt ſchmuͤckte den Sad: walter des Ordens auf ſeiner Ruͤckreiſe zu Perugia mit den Inſignien der Doctorwuͤrde, eine Ehre, die dort noch keinem Deutſchen zu Theil geworden war und zugleich auch dem Hochmeiſter und dem Orden erwieſen ward.“ Je eifriger aber der Kaiſer beim Papſte und im Concilium bisher des Ordens Intereſſe gefoͤrdert und deſ⸗ ſen Ruhm und Gedeihen gegen die Umtriebe der Polen aufrecht zu erhalten geſucht, um ſo mehr ſtieg ſein Un⸗ wille und Zorn uͤber den Inhalt des mit dem Koͤnige von Polen geſchloſſenen Beifriedens, denn er fuͤhlte durch einen darin enthaltenen Artikel nicht nur ſeine kaiſerliche Majeſtaͤt verletzt, weil ſelbſt feine Einſprache gegen den ohne feine Zuſtimmung eingegangenen Frieden nicht bes achtet werden ſollte,) ſondern man fand es auch wider die Ehre, den Eid und die heilige Zuſicherung des Or- 1) Schr. des Joh. Niclausdorf (comes palatinus) an den HM. d. Rom 1 Aug. 1433 Schbl. II. 156. 2) Schr. des Joh. Niclausdorf (Statthalter des Ord. Procura⸗ tors) d. Rom 3. Sept. 1433 Schl. II. 156. 3) Schr. des Kardinals v. Piſa an d. HM. d. Florenlie IV. mensis Septem. (1433) Schbl. I. 216. 4) Schr. des Joh. Niclausdorf, d. Rom 6 Sept. 1433 Schbl. II. 157. 153. 5) Dusb. Supplem. c. 48.
Scanseite 664 · Druckseite 651
Folgen des Beifriedens zu Brzeſc. (1433 — 1434.) 651 dens ſtreitend, daß Herzog Switrigal im Frieden aufge⸗ geben und ihm alle fernere Beihuͤlfe verſagt worden war;“ denn allerdings ſchien ſich dadurch der Orden aller Welt zu Schimpf und Schmach Preis geſtellt zu haben. „Ich hätte lieber gehört, ſchrieb der Ordensanwalt aus Baſel, in ganz Preuſſenland ſtehe kein einziges Dorf mehr, wel⸗ ches die Ketzer und Polen nicht niedergebrannt, als daß ich von dieſem Beifrieden vernehmen muß, denn er iſt ein gruͤndliches Verderbniß unſeres ganzen Ordens, des bin ich ſicher. Alſo mich duͤnkt, hättet ihr in keiner Weiſe Herzog Switrigal'n uͤbergeben ſollen, es waͤre denn daß ihr euch aller euerer Ehre wolltet entſchlagen und ehrlos und meineidig in der Welt genannt werden.“ Der Kaiſer erließ zwar bald durch Briefe und Bots ſchafter den Befehl an den Hochmeiſter, den ſchimpfli⸗ chen Waffenſtillſtand wieder aufzukuͤndigen und Switrigal'n nach wie vor zu unterftügen, wozu er ſelbſt feinen und anderer Fuͤrſten Beiſtand verhieß. Allein der Meiſter fo: wohl als ſeine Gebietiger und die Staͤnde des Landes fanden es gegen Ehre und Gewiſſen, dem kaiſerlichen Befehle zu folgen. Sie ſandten vielmehr wiederholt Bot: ſchafter, den Komthur von Rheden Johann von Pommers⸗ heim u. a. an den Kaiſer, ihm die Bedraͤngniſſe vorzu⸗ ſtellen, durch die der Beifriede nothwendig geworden fey. ® Sigismund indeß gab ihnen im Zorne kaum Gehoͤr. 1) Schr. des Kaiſers an d. HM. d. Baſel Sonnt. Oculi 1434 bei Kotzebue Switrigal S. 150 — 153. 2) Schr. des Andreas Pfaffendorf, d. Baſel am T. Luca 1433 Schbl. II. 6. a 3) Schr. deſſelb. an den HM. d. Baſel am Abend Aller Heil. 1433 Schbl. XXIV. 88. 4) Dusb. Snpplem. e. 48 erwähnt einer dreimaligen Geſandtſchaft an den Kaifer, zuerſt des Komthurs von Rheden Joh. v. Pommers⸗ heim allein, dann „„iteratoce dieſes Komthurs abermals und des Oberſt⸗ ſpittlers Heinrich Reuß von Plauen; sed cum tales modicum vel nihil profiverent, adhuc terlia et plenior Ambasiata disponitur, videlicet per dominos Canitzen Cummendatvrem Christburgensem, Sigismandun
Scanseite 665 · Druckseite 652
652 Folgen des Beifriedens zu Brzeſc. (1432.) Der Hochmeiſter war jedoch ſeit dem Beginn des Jahres 1434 in jeder Weiſe bemüht, den Beſtimmungen des Beifriedens aufs gewiſſenhafteſte nachzukommen, ſo⸗ wohl in Rückſicht auf die Ausgleichung der gegenſeitigen Entſchaͤdigung mit dem Herzog Wladislav von Maſovien wegen der erlittenen Verluſte ihrer Unterthanen, als in Beziehung auf das friedliche Verſtaͤndniß mit dem Groß⸗ fürſten Sigismund von Litthauen, durch den er auch bald mit der Zuſicherung erfreut wurde, daß er nicht nur den Waffenſtillſtand aufs puͤnktlichſte beobachten, ſondern wo moͤglich auch bald einen ewigen, unverbruͤchlichen Frieden zu bewirken ſuchen wolle. 2) Nicht dieſe Friedensliebe fand der Hochmeiſter beim Koͤnige von Polen, wenigſtens nicht bei deſſen Hauptleuten an den Graͤnzen, denn wie in der Neumark, ſo ſetzten dieſe auch an der Graͤnze Pommerellens das Syſtem der altgewohnten Raubſucht fort,) fo daß der Meiſter dem Koͤnige in bittern Kla⸗ gen ſchrieb: „noch immer werden die Unſrigen ohne Un⸗ terlaß uͤberfallen, beraubt und der Beifriede aufs ſchnoͤ⸗ deſte gebrochen. Wir koͤnnen jetzt nicht mehr dazu ſchwei gen, denn unſere Graͤnzunterthanen in den Gebieten von Schlochau, Tuchel und Schwez werden von den Hauptleu⸗ ten aus Bromberg, Nakel und andern Orten ſo oft ge⸗ plündert, vertrieben und zu Grunde gerichtet, als wenn de Wapels militem et Johannem Sterz burgimagistrum Colmensem ble Der Komthur von Chriſtburg hier Canitz genannt, war ohne Zweifel Ludwig von Lanſe, der dem Amte des Ordenstrappiers ſeit dem 22 April 1434 vorſtand. 1) Schr. des Herzogs Wladislav v. Maſovien an d. HM. d. ploczko die domin. conductus Pasche 1434 Schbl. XIX. 42. Schr. des HM. an den Herzog, d. Leſke Freit. vor Miſericord. 1434 Agſtr. VI. 28. 2) Schr. des Großfuͤrſten Sigismund an den HM. d. Merecz auf der Memel Dienſt. nach heil. drei Könige 1434 Schbl. XVI. 47, 3) Schr. des Vogts der Neumark, d. Drawenburg Gonnal, ver Mijericord, 1484 Schbl. XIII. 98.
Scanseite 666 · Druckseite 653
Folgen des Beifriedens zu Brzeſc. (1434.) 653 gar kein Friede beſtaͤnde.“ D Und gleiche Klagen mußte er auch beim Herzog von Stolpe fuͤhren, denn auch an den Gränzen Pommerns hatte der Waffenſtillſtand dem Rauben, Brennen und andern Mißhandlungen der Or⸗ densunterthanen kein Ziel geſetzt; vielmehr war zwiſchen den Bewohnern der Gebiete von Stolpe und Danzig ein Brandſchatzungs⸗ und Raubſyſtem herrſchend geworden, welches keinen Menſchen auf offener Straße vor feindli⸗ chen Ueberfaͤllen mehr ſicher ſeyn ließ. Da ſchien endlich der Koͤnig, in ſeinem eigenen Reiche ſchwerer als je gedemuͤthigt, gegen den Orden friedlichen Geſinnungen Raum zu geben, denn als auf dem Reichs⸗ tage zu Korczin eine Geſandtſchaft nach Baſel erkoren werden ſollte, um dort den König wegen feiner Verbin⸗ dung mit den Huſſiten und ſeines verheerenden Krieges gegen den Orden zu rechtfertigen, trat der Biſchof Sbig⸗ neus von Krakau, einer der erwaͤhlten Geſandten, in der Verſammlung während des Koͤniges Gegenwart mit einer fo nachdrucksvollen Rede über deſſen Laſter, Schwel⸗ gerei, Geiz, Verſaͤumniß des Gottesdienſtes, Bedruckung der Geiſtlichkeit und der Kloͤſter, uͤber den graͤnzenloſen Aufwand feiner zahlreichen Hoͤſlinge, Vernachlaͤſſigung der Reichsverwaltung, Verſchlechterung der Landesmuͤnze, Be⸗ drückung der Unterthanen und andere Verſaͤumniſſe feiner Regentenpflichten auf, daß der König tief erſchuͤttert Thraͤnen vergoß ob der ſchweren Vorwuͤrfe des kuͤhnen Praͤlaten, dann aber ſich ermannend voll Zorn und Grimm ihn in die Schranken der Maͤßigung zuruͤckwies, ihn aufs heftigſte tadelnd, daß er es mit ſolcher Frechheit gewagt, ihn in der Reichsgroßen Gegenwart ſolcher Suͤnden und Laſter zu bezuͤchtigen.) Aber ſtaunend ſah er alsbald 1) Schr. des HM. an den König v. Polen, d. Marienb. Dienſt. nach Quaſimodog. 1434 Rgſtr. VI. 26. 2) Schr. des HM. an den Herzog v. Stolpe, d. Marienb. Mont. nach Philippi u. Jacobi 1434 Rgſtr. VI. p. 30 — 32. 8) Ck. Baynald. annal. eccles, un, 1434 nro 26.
Scanseite 667 · Druckseite 654
654 Folgen des Beifriedens zu Brzeſc. (1434.) die ganze Verſammlung ſich erheben, einmuͤthig erklaͤrend, daß ſie allzumal dem hochwuͤrdigen Biſchofe in ſeinen Worten beiſtimmten. Da erwachte ſein Gewiſſen; tief ergriffen verließ er mit lautem Schmerze die Verſamm⸗ lung, ſtellte ſofort mehre Gebrechen im Reiche ab, gab Kloͤſtern geraubte Güter zuruck, verbeſſerte die Münze und begab ſich dann nach Krakau.) Es ſollte jetzt eine per⸗ ſoͤnliche Zuſammenkunft zwiſchen ihm und dem Meiſter Statt finden. Zuvor indeß fandte dieſer eine auserwählte Bot⸗ ſchaft, an ihrer Spitze den Komthur von Thorn Vincenz von Wirsberg an den Koͤnig, um die Friedensbedingun⸗ gen einzuleiten, von denen man die endliche Sicherſtel⸗ lung eines feſten Friedens erwartete. Man hatte dazu Maͤnner erkoren, die in vorzuͤglichem Grade zur Abſchlie⸗ ßung eines fo wichtigen Friedensgeſchaͤfts geeignet waren.“ Der Rath von Thorn verweigerte jedoch die Theilnahme an der Geſandtſchaft, wenn nicht auch die uͤbrigen groͤ⸗ ßeren Städte mit hinzugezogen würden. ? Wir wiſſen nicht, ob die Geſandten den Koͤnig noch am Leben ge⸗ funden; denn auf ſeinem Hofe Medica, wo er von den Beſchwerden einer Reiſe ſich erholen wollte und in kal⸗ ter, feuchter Abendluft zu lange am Geſange einer Nach⸗ tigal ſich ergoͤtzte, hatte er ſich eine bedeutende Erkaͤl⸗ tung zugezogen. Sie griff ſeinen alten, ſchwachen Koͤr⸗ per in dem Maaße an, daß ſeine Kraͤfte ſichtbar immer mehr dahinſchwanden. Er ließ ſich ums Pfingſtfeſt nach Grodef bringen und da er dem Tode immer näher ent⸗ 1) Das Nähere hierüber bei Du goss. p. 647 — 650. 2) Schr. des HM. an den Erzbiſchof v. Gneſen u. den Haupt⸗ mann v. Brzeſc, d. Maricnb. Pfingſtabend 1434 Ngſtr. VI. p. 31; ein anderes Schr. an den König v. Polen (das letzte, welches ihm der HM. ſandte) v. demſ. Dat, p. 31 — 32; er kündigt darin dem Könige die Geſandtſchaft an. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn Pfingſtabend 1434 Schbl. XXIV. 48. 3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn Mont. zu Pfingſt. 1434 Schbl. XXIV. 40.
Scanseite 668 · Druckseite 655
Tod des Königes v. Polen. (1434) 655 gegen ging, indem die Fieberkrankheit in ſiebzehn Tagen ſich immer mehr ſteigerte, verſammelte er die Großen fei- nes Reiches um ſein Krankenlager, empfahl ihnen ſeinen erſtgeborenen Sohn als Nachfolger auf dem Throne und verſchied bald darauf in den Armen anweſender Geiſtli⸗ chen am ein und dreißigſten Mai des Jahres 1434. Wenn irgend je eines Monarchen Tod fuͤr ſein Reich ein Gluͤck geweſen, ſo war es gewiß der des Koͤniges Jagjel für Polen, dafür ſprechen nicht nur die Vorwuͤr⸗ ſe, die jener Praͤlat in der Reichsverſammlung gegen den Koͤnig laut werden ließ, ſondern auch die Einſtimmung aller verſammelten Reichsgroßen in den ſchweren Tadel; dafuͤr ſpricht auch der troſtloſe und verarmte Zuſtand des ganzen Reiches, eine Folge des untilgbaren, tiefgewur— zelten Haſſes, der argliſtigen Vernichtungswuth und der ungebandigten Kriegsluſt, womit er uͤber ein halbes Jahr⸗ hundert den Orden in Preuſſen und alles, was dieſem anhing und huldigte, fort und fort verfolgt hatte. Wir beduͤrfen hier keiner Schilderung des Geiſtes und ſittli⸗ chen Characters dieſes Koͤniges mehr; die Geſchichte hat fie gegeben und ihr Gericht hat über ihn gerichtet! ? Ein noch größeres Gluͤck war des Koͤniges Tod fuͤr Preuſſen und fuͤr den Orden, wenn irgendwie der Tod eines Menſchen dem letztern noch Gluͤck bringen konnte. Fuͤr jenes wenigſtens erfolgte jetzt eine glüdliche Ruhe, in welcher der Meiſter Zeit gewann, die tiefen Wunden zu heilen, welche das ſchwere Uugluͤck der letzten Jahre ihm noch geſchlagen hatte. Und der Hochmeiſter ließ es nicht an Anordnungen und Bemühungen fehlen, wie feine Für: ſtenpflicht von ihm verlangte. Vor allem war feine Sorg⸗ 1) Vgl. Dlugoss. p. 651. Kojalowies p. 163 — 164, 2) Dlugoss. I. e. und Kojalowiez 1. e. liefern hinlänglichen Stoff zu einer Characterſchilderung des Köͤniges; letzterer fuͤhrt eine Menge intereſſanter Zuͤge und Eigenthuͤmlichkeiten deſſelben an. In ein Bild zufammengefaßt gehören fie aber mehr der Geſchichte Polens, als einer Geſchichte Preuſſens an; vgl. Kotzebue B. III. S. 261.
Scanseite 669 · Druckseite 656
656 Innere Landesanordnungen. (1434) falt der verarmten und verwüfteten Landſchaft Pommerel⸗ len zugewendet. Die Vernichtungswuth der Huſſiten und Polen hatte ſie großen Theils zur Einöde umgewandelt. Das ſchoͤne Kloſter Pelplin lag in einem ſo troſtloſen Zuſtande da, daß der Moͤnchskonvent kaum das taͤgliche Brot hatte und der Gottesdienſt gaͤnzlich eingeſtellt war. Der Abt, ein Greis im hoͤchſten Lebensalter, ſchrieb eis nen herzzerreißenden Brief an den Hochmeiſter, ihn aufs dringendſte in feiner Noth um Huͤlfe bittend.“ Im ganzen Komthurbezirk von Mewe war die Lage des Land⸗ mannes unbeſchreiblich traurig. Der Meiſter half, ſoweit nur irgend die Mittel zureichten. ? Es gingen deshalb Botſchafter wie an den Koͤnig von Daͤnemark, um die ihm bei feiner Ruͤckreiſe vom heil. Lande einſt vorgeſchoſ— ſene Geldſumme zuruͤckzufordern,“ fo an den König von England, um ihn an Entrichtung der noch ruͤckſtaͤndigen Entſchaͤdigungsgelder zu mahnen. Selbſt des jüngft verſtorbenen Ordensprocurators Kaspar Wandofens Nach⸗ laß an Kleinodien, Geſchmeide und Silbergeraͤth ward zu dieſem Zwecke nicht unbeachtet gelaſſen. Ueberall war Sparſamkeit und weiſe Anwendung der zuſtaͤndigen Huͤlfs⸗ mittel das erſte Geſetz, welches der Meiſter im ganzen Staatshaushalte des Ordens geltend zu machen fuchte, denn auch in Preuſſen war der Zuſtand des Landes im hoͤchſten Grade beklagenswerth. Theuerung aller Lebens⸗ bedürfniſſe und eine außerordentliche Sterblichkeit nahm 1) Schr. des Abtes v. Pelplin, d. Pelplin am T. Tiburtſi u. Valerian. 1434 Schbl. LIX. 145. 2) Schr. des Komthurs v. Mewe, d. Mewe Mont. zu Pfingſt. 1434 Schbl. XXIV. 44. 3) Quittung des HM. d. Marienb. Sonnab. vor Jubilate 1434 Roftr. VI. p. 130. 4) Schr. des HM. an d. König v. England, d. Marienb. feria VI ante fest. Margareth. 1434 Agſtr. VI. p. 146. Detmar B. II. S. 78. 5) Vollmacht des HM. an den Ordensſpittler, d. Marienb. Dienft, vor Barnaba 1434 Rgſtr. VI. p. 139.
Scanseite 670 · Druckseite 657
Innere Landesanordnungen. (1434.) 657 hier im Fruͤhling mit jedem Tage in ſolchem Grade zu und eine hoͤchſt unguͤnſtige Witterung ließ fuͤr das Ge⸗ deihen der Saaten ſo wenig Hoffnung faſſen, daß nur die Gnade des Himmels noch eine Rettung des Landes aus ſeinem Elende erwarten ließ. Deshalb erging vom Hochmeiſter an ſaͤmmtliche Biſchoͤfe und Komthure das Gebot, daß in allen Kirchen des Landes woͤchentlich bis zu Michaeli Meſſen und Proceſſionen gehalten und Gott um Segen und Gedeihen angerufen werden ſolle, ” und da auch im Sommer das Ungluͤck noch ſchwer auf dem Lande lag, ſo erließ der Meiſter an die Praͤlgten und Komthure den Befehl, zur Abwendung der druͤckenden Landesplagenn mit aller Strenge auf Heilighaltung der Feſttage, auf Abſtellung aller Arbeit an heil. Tagen, aller Schmauſereien, Gaſtmaͤhler und jeder leichtfertigen Verſchwendung zu ſehen und jeden ungeordneten Lebens⸗ wandel mit Nachdruck zu ſtrafen, weil in ſolchen Süͤn⸗ den und Unordnungen der Jammer und das Leiden des Laudes immer neuen Fortgang finde. ? N Zum Theil waren dieſe Gebote des Meiſters ſchon durch die Landesſatzungen vorbereitet, welche, auf einer Tagfahrt zu Elbing von den Staͤnden des Landes als zur Verbeſſerung des Landesregiments fuͤr nothwendig bes ſunden und vom Hochmeiſter beſtaͤtigt worden waren. ® Sie betrafen das wiederholte Verbot alles Handels und Verkehrs an Sonntagen, an Kirchen und auf Kirchhoͤfen, die ſtrenge Aufſicht auf Wucher, Betrug mit unrichtigem Maaß und Gewicht, Verfaͤlſchung von Speiſen und Ge: tränken, die Belaͤſtigung armer Leute durch ungerechte Gerichte, wobei ausdruͤcklich beſtimmt war: das Gericht 1) Befehl an die Biſchöfe und Komthure, d. Marienb. Mont. nach Corpor. Chr. 1434 Agſtr. VI. P. 336. 2) Berordnung an die Praͤlaten und Komthure, d. Marienb. Freit. nach Margar. 1434 Agſtr. VI. p. 149 — 150. 3) Schütz p- 123. VII. 42
Scanseite 671 · Druckseite 658
658 Streit mit den Johannitern. (1434.) ſolle über den Armen wie über den Reichen gleich recht: fertig ſeyn nach Ausweis der Willkuͤhren und Landespri⸗ vilegien. Eine Menge anderer Feſtſetzungen beruͤckſichtig⸗ ten den Handel und Verkehr im Lande, indem hierin eine gewiſſe Gleichheit der Rechte des ſtaͤdtiſchen Kauf⸗ mannes mit der Landesherrſchaft erzielt und die Vor⸗ rechte der Ordensbeamten im Handel abgeſtellt werden ſollten;“) andere bezweckten die völlig freie Wahl der ſtaͤdtiſchen Behoͤrden nach Recht und alter Gewohnheit ohne Einmiſchung der Landesherrſchaſt, den Vorzug der Landeseingeborenen in Dienſtanſtellungen beim Hochmeiſter und den Ordensbeamten vor den Fremdlingen. Es ward ferner beſtimmt, daß Beſchluͤſſe, von einem Hochmeiſter und feinen Gebietigern mit Zuſtimmung der Staͤnde ges faßt, feſte Gültigkeit haben und nach dem Tode eines Hochmeiſters nicht verändert werden ſollten, außer mit Beirath der Stände. Endlich wurden auch uͤber vers ſchiedene Verhaͤltniſſe des Gerichtsweſens mehre zweckmaͤßige Anordnungen getroffen. Das Jahr indeß ging nicht voruͤber, ohne daß in den Nachbarlanden nicht abermals bedenkliche Mißhelligkeiten erwachten. Mit dem Herzog von Stolpe begann ein Streit wegen Beſetzung einiger dem Orden in der Naͤhe von Stolpe zugehoͤrigen Dörfer? und aus dein Lande des Herzogs von Stettin geſchahen bald wieder ſo ge⸗ waltthaͤtige Eingriffe ins Gebiet der Neumark, daß der Vogt, da der Herzog ſelbſt daran Theil nahm, den Hochmeiſter dringend um Verſtaͤrkung feiner Kriegsmacht erſuchen mußte.“ Ja der Vogt ſtand ſelbſt in Gefahr, J) Darüber die näheren Beſtimmungen bei Schütz I. c. 2) Vgl. das Nähere über die erwähnten und mehre andere Be⸗ ſtimmungen bei Schuts 1. e. 3) Schr. des HM. an die Stadt Stolpe, d. Marienb. Freit. vor Margar. 1434 Rgſtr. VI. p. 35; die erwähnten Dörfer hießen Krampe und Labunc, 4) Schr. des Vogts der Neumark an d. HM. de Kuͤſtrin Freit, nach Simon u. Juda 1434 Schbl. XV. 87
Scanseite 672 · Druckseite 659
Streit mit den Johannitern. (1434.) 659 mit dem altverbruͤderten Johanniter = Orden in der Neus mark eine ernſte Fehde beſtehen zu muͤſſen. Bei An⸗ naherung der Huſſiten nämlich hatte der Hochmeiſter den Meiſter des Johanniter -Ordens Balthaſar von Schlieben freundlich aufgefordert, dem Orden einſtweilen die wich⸗ tige Burg Zantoch in der Neumark einzuraͤumen, weil bei gehoͤriger Bemannung derſelben dem einbrechenden Feinde die Straße leicht geſperrt werden konnte. Dieß war jedoch nicht nur verweigert worden, ſondern die Johanniter hatten vielmehr beim Heranzuge des Feindes die Feſte den Polen uͤbergeben, dadurch dem feindlichen Heere Wege und Stege geoͤffnet und auf dieſe Weiſe vorzüglich die graͤßliche Verheerung der Neumark mit verſchuldet; dagegen waren ihre Beſitzungen in der Mark, weil ſie ſich ſogar dem Koͤnige von Polen als Verbün⸗ dete anſchloſſen, gegen feindliche Pluͤnderungen geſichert worden.“ Weil fie ſonach als Feinde des Ordens auf⸗ getreten waren, fo hatte ſich der Ordensvogt ihres Ho⸗ fes Quarz und einiger Dörfer bemaͤchtigt und blieb trotz aller Forderung der Zuruͤckgabe von Seiten des Johanni⸗ ter⸗Meiſters in deren Beſitz.) Selbſt der Kurfuͤrſt volt Brandenburg verlangte vergebens die Räumung der be ſetzten Orte“ und man war eben im Begriff, ernſte Mittel der Gewalt in Anwendung zu bringen, als auf einen kaiſerlichen Befehl, daß der Hof den Johannitern ohne weiteres zuruͤckgegeben und der Streit vor dem Bi⸗ 1) Nähern Aufſchluß giebt ein Notariatsinſtrument, d. in opidlo Nova Landsberg XII Octob. 1434 Schbl. 47. 8. Schr. des HM. an d. Markgraf. v. Brandenburg, d. Waldau Sonnab. vor Valentin. 1435 Rgſtr. VI. p. 101. 2) Schr. des Johanniter ⸗Meiſters in der Mark Balthaſar v. Schlieben an den HM. d. Berlin am Abend Marja Magdal. 1433 Schbl. XIV. 6. i — 3) Schr. des Markgrafen v. Brandenburg an den HM. d. Ca⸗ dolsburg Dienſt. nach Michaeli 1434 Schbl. XIV. 9. 12. Die Ver⸗ handlungen des HM, mit dem Markgrafen im Rgſtr. VI. p. 157 — 16. 42 —
Scanseite 673 · Druckseite 660
660 Verhandlungen mit Polen. (1434.) ſchof von Camin als kaiſerlichen Commiſſarius entſchieden werden ſolle, der Großkomthur zu naͤherer Unterhand⸗ lung in die Mark geſandt wurde und nun allerdings den Thatbeſtand ganz anders ermittelte, indem man fand, daß ein Hauptmann gegen den ausdrücklichen Willen des Meiſters die Burg Zantoch den Polen verraͤtheriſch uͤber⸗ geben hatte.“ Indeß zog ſich der Streit über man⸗ cherlei Verletzungen des Eigenthums der Johanniter und uͤber ihre ſchwere Beſchuldigungen gegen den Deutſchen Orden bei mehren Fuͤrſten bis ins naͤchſte Jahr hinein, wo endlich eine friedliche Vereinigung beider Meiſter zu Stande kam. Auch mit Polen konnte es noch zu keinem feſten Frieden kommen. Waͤhrend im Reiche ſelbſt Hader und Zerwürfniß über des neuen Koͤniges Wladislavs des Drit⸗ ten Thronfolge und Krönung obwalteten,“ ging ein zur Einleitung des Friedensgeſchaͤfts mit mehren Reichsgroßen gehaltener Verhandlungstag ohne allen Erfolg vorüber. . Es ward nun zwar zu Ausgang dieſes Jahres ein neuer Verhandlungstag zu Brzeſc zu demſelben Zwecke aufge⸗ nommen,“ allein bei dem fortdauernden Raubweſen der noch an den Graͤnzen liegenden Polniſchen Heerhaufen konnte der Hochmeiſter fo wenig Vertrauen zu. friedlichen 1) Schr. des Kaifers an den HM. d. Regensburg Freit, nach Michaeli 1434 Schbl. XIV. 10. Be, 2) Darüber das ſchon erwähnte Notariatsinſtrument Schbl. . 8. 3) Schr. des Vogts der Neumark, d. Landsberg Sonnt. nach All. Heilig. 1434 Schbl. XIV. 71. 16. Das Friedensinſtrument, d. Maricnb. am guten Freit, 1435 bei Gercken Cod., diplom. Irandenb. P. I. p. 103, auch im Agſtr. VI. p. 171. Nachricht von einigen Häuſern des Geſchlechts der von Schlieben, Beilage aro 26. 4) Dlugoss. p. 662 seg- 5) Geleitsbrief für die Ordensbevollmachtigten, d. Raczanz die domin. ante festum exaltat. crucis 1434 Schbl. 66. 17. Schr. des HM. an den Kaifer, d. Marienb. Freit. vor Michaeli 1234 Rgſtr. VI. p. 154. Pr. 6) Dilugoss, p. 673.
Scanseite 674 · Druckseite 661
Verhandlungen mit Polen. (1434) 661 Geſinnungen der Polen faſſen, daß er in den Graͤnzlan⸗ den ſogar kriegeriſche Ruͤſtungen anordnen ließ. Auch in Litthauen trat ſeit des Polniſchen Königes Tod zwi⸗ ſchen dem Großfuͤrſten Sigismund und dem Orden von neuem ein feindliches Verhaͤltniß hervor, denn es zeigte ſich bald deutlich, daß der Hochmeifter den Herzog Swi⸗ trigal in der That eigentlich noch keineswegs aufgegeben hatte oder ihn doch jetzt nicht aufgeben wollte. Als ſich daher der Herzog an ihn jetzt wieder um Beiſtand wandte, antwortete er ihm: „Zweifelt nicht, es ſoll und wird an uns nicht fehlen und gebrechen. Wir wollen, ob Gott will, in allen Sachen uns fo rechtfertig und wohl be⸗ weiſen, daß ihr und jedermann ſollet erkennen, daß wir genug gethan haben, und ſo duͤrfet ihr euch von uns und unſerm Orden keines andern beſorgen.““ Zwar hielt ſich der Hochmeiſter noch feſt an den Beifrieden; allein der Meiſter von Livland hatte ſich nie an ihn bins den zu muͤſſen geglaubt und Switrigal's Sache fort und fort beguͤnſtigt. Er brach daher auch jetzt, nachdem er Sigismunden einen neuen Entſagebrief geſandt, zugleich mit drei Heerhaufen in Samaiten ein, freilich mit we⸗ nig Glück, denn der eine ward im Kampfe mit den Samaiten uͤberwaͤltigt, der andere von ihnen in der Nacht umzingelt und nachdem er unter Zuſicherung eines freien Abzuges ſeine Waffen abgelegt, verraͤtheriſch uͤber⸗ fallen und faſt gaͤnzlich aufgerieben, ſo daß nur der dritte ohne beſondere Verluſte mit feinen Gefangenen zuruͤck⸗ kehrte. ) Schr. des HM. an den Rath v. Danzig, d. Preuſſiſch⸗ Mark am Abend Katharinà 1434, 2) Schr. des HM. an Herzog Switrigal, d. Marienb. am T. Margar. 1434 Rgſtr. VI. p. 37. 3) Schr. Sigismunds an den HM. d. Traken Mittw. Aegibit 1434 Schbl. XVI. 45. Schr. des Komthurs v. Ragnit, d. Labiau Donnerſt. nach Nativit. Maria 1434 Schbl. XIV. 11, Vgl. Kotzebue Switri⸗ gal S. 120.
Scanseite 675 · Druckseite 662
662 Verhandlungen mit Polen. (1435.) Der neue Verhandlungstag zu Brzeſc blieb abermals ohne Erfolg, denn die Polniſchen Bevollmaͤchtigten wei⸗ gerten ſich, vier vorgelegte Friedensbedingungen, die der Kaiſer dem Hochmeiſter vorgeſchrieben hatte und ohne welche der Orden dem Rande des Verderbens immer näher kommen mußte, zu bewilligen. Der Kaiſer naͤm⸗ lich und der Hochmeiſter hatten ſich mittlerweile in ihrem Intereſſe gegen Polen verſtaͤndigt; jener ſicherte von neuem dem Orden ſeinen Beiſtand und ſeine kraͤftige Mitwirkung in der Friedensſache, ſowie Switrigal'n ſeine eifrigſte Bei⸗ huͤlfe zu, weshalb er ſelbſt mit dem jungen Könige von Polen einen Verhandlungstag aufzunehmen und den Frie⸗ den mit dem Orden dadurch moͤglichſt zu foͤrdern ver⸗ ſprach.) Auch der Hochmeiſter hatte erwogen, daß die Stellung des Ordens gegen Polen ungleich guͤnſtiger aus⸗ fallen muͤſſe, wenn er im feſten Einverſtaͤndniſſe mit dem Kaiſer den Frieden ſchließen werde, weshalb er durch ſei⸗ nen Sendboten, den Komthur von Chriſtburg Ludwig von Lanſe dieſem die Bitte vorlegen ließ, zu bewirken, daß die Unterhandlungen des Kaiſers und die des Ordens auf einem und demſelbigen Verhandlungstage Statt finden moͤchten. Allein die Polniſchen Bevollmaͤchtigten beim Kai⸗ ſer, bemuͤht, die Sache des Ordens von der des Kaiſers getrennt zu halten, gingen darauf nicht ein. Letzterer ſchob daher feinen Verhandlungstag in die Weite hinaus;? der von Seiten des Ordens neuaufgenommene Tag wurde zwar gehalten, aber wiederum ohne Erfolg, denn der Hochmei— ſter, im Vertrauen auf des Kaiſers Beiſtand und Schutz, hielt mit allem Nachdruck an den Beſtimmungen feſt, die für die Ehre des Ordens und das Gedeihen des Landes 1) Diugoss. p. 678. 2) Schr. des Kaiſers an den HM. d. Wien Mittw. nach Pauli Bekehr. 1435 Schbl. IV. 68. 8) Schr. des Kaiſers an den HM. d. Preßburg Dienſt. nach Gregori 1435 Schbl. I. 67. 72. 37; er giebt darin dem HM. ge⸗ naue Rechenſchaft von feinen Unterhandlungen mit den Poln. Geſandten.
Scanseite 676 · Druckseite 663
Verhandlungen mit Polen. (1435.) 663 als nothwendige Bedingungen hingeſtellt waren. Wie argwoͤhniſch man aber in Polen auf dieſes Zuſammenwir⸗ ken und dieſe Einmuͤthigkeit des Kaiſers und des Ordens war, bewies ſchon der Umſtand, daß den Geſandten des Ordens an den Kaiſer nicht geſtattet wurde, ihren Weg durch Polen zu nehmen, indem man behauptete, im ewi- gen Frieden ſey ausdruͤcklich beſtimmt, daß der Orden mit dem Kaiſer „unverworren“ bleiben ſolle.“ So verlief nun der groͤßte Theil dieſes Jahres, ohne daß die Verhaͤltniſſe mit den benachbarten Fürften ſich merklich aͤnderten. An den Pommeriſchen und Polniſchen Graͤnzen ward trotz des beſtehenden Beifriedens das alte Raub⸗ und Pluͤnderungsweſen unter feindlichen Einfaͤllen nach wie vor fortgeſetzt. Mit den Herzogen von Ma⸗ fovien wurden über allerlei unbedeutende Streithaͤndel Tage auf Tage gehalten, ohne daß man ſich vergleichen konnte.) In Litthauen ſtanden die beiden Fuͤrſten fort und fort in Fehde, jeder, um eine Hauptſchlacht zu wagen, auf den verſprochenen Beiſtand feiner Verbünde⸗ ten wartend, Switrigal auf den des Kaiſers und des Ordens, von welchem letztern er auch fortwaͤhrend viel⸗ fach beguͤnſtigt ward, Sigismund auf den des Koͤniges von Polen, der ihn auch gerne mehr emporgehoben haͤt— te, wenn er nicht durch die Beſorgniß abgehalten wor⸗ den ware, dadurch mit einemmale alle Friedens verhand⸗ lungen mit dem Kaiſer und dem Orden zu ſtoͤren. Schon 1) Dlugoss. p. 686 — 689. 2) Schr. der Komthure v. Thorn und Rheden, d. Redſyn Don⸗ nerſt. nach Stanislai 1435. Schr. des HM. an den Kaiſer, d. Thorn am T. Invention. Crucis 1435 Rgſtr. VI. p. 177. 3) Schr. des Komthurs v. Tuchel, d. Schlochau Sonnt. Jocun⸗ dit. 1435 Schbl. XXIV. Schr. des HM. an Ritter und Knechte des Gebietes von Stolpe, d. Marienb. Sonnt. sub octavam Ascens. 1435 Röfte, VI. p. 42. 4) Schr. des Herzogs v. Maſovien an den HM., d. Ploczko am ten T. nach. Jubilate 1435 Schbi. XIX. 53. 57.
Scanseite 677 · Druckseite 664
664 Der Bürgermeifter Johann Sterg zu Kulm. (1435.) im Sommer indeß ließ er eine neue Kriegsmacht ruͤſten, man wußte nicht, ob zu dem Zwecke, dem Großfürften, wenn es nicht zum Frieden kaͤme, damit zu Huͤlfe zu eilen oder um den Orden wenigſtens dadurch zu ſchrecken und zum Friedensſchluſſe geneigter zu machen.) Somit ſah ſich auch der Hochmeiſter gezwungen, in ſeinem Lande eine neue Kriegsruͤſtung anzuordnen und insbeſondere an die Ritterſchaft und die groͤßeren Staͤdte den Befehl zu erlaſſen, Roſſe und Harniſch in ſteter Bereitſchaft zu halten, damit beim Aufgebote alles ſofort ins Feld ri cken koͤnne. Da traten aber die Staͤnde mit der Erklaͤrung auf: ſolchem Gebote koͤnne man nicht willfahren; ſie haͤtten den Beifrieden auf zwoͤlf Jahre mit verbrieft und verſiegelt, alſo wollten ſie ihn auch halten, wie es ihre Ehre und Redlichkeit fordere; es ſey ja ausdruͤcklich beſtimmt, ſofern der Hochmeiſter oder der Koͤnig den Beifrieden brechen wuͤrden, ſo ſollten ihre Unterthanen nicht verpflichtet ſeyn, ihnen Folge zu leiſten.) Am lauteſten waren die Stim⸗ men der Mißbilligung im Kulmerlande und unter den kuͤhnſten Rednern trat dort der Buͤrgermeiſter von Kulm Johann Stertz auf, der den Beifrieden ebenfalls mit be⸗ ſiegelt und uͤberhaupt ſeit einigen Jahren in die wichtig⸗ ſten Verhandlungen mit eingegriffen hatte. Er ſcheute ſich nicht, oͤffentlich zu erklaͤren: der Orden koͤnne den Frieden wohl erhalten, wenn er nur wolle; es ſey nicht wahr, daß der Kaiſer dem Frieden mit Polen wider- ſtrebe; was das Gebot zur neuen Heerfahrt betreffe, ſo 1) Schr. des HM. an den Kaiſer, d. Marienb. Mont. zu Pfingſt. 1435 Rgſtr. VI. p. 47. 180. 1823 er ſagt: Es iſt offenbar, das unſir Vyende, die Polan, mechtiglich czu krigen ſient bereitet, wol gehen rede und ſprechen ouch ſelbiſt, das ſie Herzog Segemund ken Lit⸗ tauwen wellen czu Huͤlffe cziehen, aber ich werde gewarnet und iſt ſich ouch am meiſten czu beſorgen, das ſie mich und meinen Orden anclei⸗ ben und obirfallen werden. 2) Schütz p. 127.
Scanseite 678 · Druckseite 665
Stimmung im Kulmerlande. (1435.) 665 ließen die Ordensherren ſolche Befehle ohne der Staͤnde Wiſſen und Rath ergehen, gleich als ſeyen ihnen dieſe entbehrlich; was jene in ſolchen Dingen zu thun mein⸗ ten, muͤſſe ſtets mit Willen und Einſtimmung der Lande und Staͤdte geſchehen, die es ebenfalls nahe angehe, denn ſonſt koͤnne wohl einmal ein boͤſer Wind zu wehen anfan⸗ gen, der ſich nur langſam wieder legen werde. — U Je allgemeiner aber dieſe und aͤhnliche kuͤhne Reden des Buͤrgermeiſters bei dem ſchon ſeit Jahren im Kulmerlande wach gewordenen unzufriedenen Geiſte dort Anklang und Billigung fanden, um ſo mehr deuteten bald die Ordens⸗ gebietiger alles, was von ihm geſchah, als Volksauſhetzung zu Ungehorſam und Empoͤrung. Der Komthur von Thorn ward vom Meiſter beauftragt, den Aufwiegler vor fein Gericht zu laden. Er laͤugnete im Verhoͤre keine ſeiner Aeußerungen, erklaͤrte jedoch, er habe ſie nirgends aus⸗ geſprochen, wo fie dem Orden Schaden bringen konnten, ſondern nur vor den Komthuren von Elbing und Schwez und vor Hans von Baiſen. Dennoch ſchien dem Kom⸗ thur von Thorn der Buͤrgermeiſter hoͤchſt ſtrafbar; auch Hans von Logendorf, der Kulmiſche Landrichter, vom Komthur zu Rath gezogen, ſtimmte fuͤr Gefaͤngniß, jedoch rathend, ohne der Staͤnde Rath und Wiſſen kein weite⸗ res Gericht über ihn ergehen zu laffen. ? Sonach ward Johann Stertz auf des Komthurs Bericht durch Beſchluß einer Anzahl zu Preuſſiſch-Mark verſammelter Gebietiger zur Kerkerſtrafe verurtheilt. Bald indeß kamen Geſuche auf Geſuche vom Rathe zu Kulm, von andern Staͤdten und Rittern an den Hochmeiſter, den Bürgermeiſter auf Bürgſchaft wieder frei zu laſſen; er wies die Bitten zu⸗ ruͤck; die Geſuche aber wurden nachdruͤcklicher und ernſt⸗ licher; die Sache ward dem Meiſter mit jedem Tage be⸗ 1) So bei Schätz 1. c. 2) Schr. des Komthurs v. Thorn an den HM. d. Rheden am T. Viſitat. Mariä 1435 Schbl. XXIV. 21.
Scanseite 679 · Druckseite 666
666 Stimmung im Kulmerlande. (1435.) denklicher; ) es zeigten ſich bald in mehren Theilen des Kulmerlandes ſo gefahrdrohende Bewegungen und Erſchei⸗ nungen, daß er ſich endlich beeiligen mußte, den Ge⸗ fangenen ohne weiteres in Freiheit ſetzen zu laſſen. Es blieb in der That nichts anderes uͤbrig als gefuͤgiges Nachgeben, denn wie gefahrvoll ſchon hie und da die Stimmung war, beweiſt ein Bericht des Komthurs von Thorn an den Meiſter, dem er meldet: „Geruhet zu wiſſen, daß der Rath der Altſtadt Thorn die Gemeine vor ſich geladen hat, zuerſt die Geſchworenen der Ges werke, dann die Buͤrgerſchaft und darauf das uͤbrige Volk außerhalb der Stadt auf ihrer Freiheit und nachdem er ihnen eine Abſchrift des Beifriedens vorgeleſen, hat er ihnen erklaͤrt: wollten ſie, die Buͤrger, bei ihm, dem Rathe, bleiben, ſo hoffe er, er wolle dann auch bei den Artikeln des Friedens bleiben und am Kriege nicht Theil nehmen. Dann fragte er ſie auch: ob ſie bei ihm oder bei dem Orden bleiben wollten? Und alle antworteten: ſie wollten beim Rathe lebend und todt bleiben. Darauf hat der Rath ihnen vorgegeben: ſofern der Hochmeiſter mit ſeinen Leuten gegen den Feind ins Feld ruͤcken werde, wolle man zu Thorn ſtille ſitzen und nichts dazu thun, und werde der Meiſter etliche aus der Stadt heiſchen, ſo wolle man keinen herausgeben und wollten darin alle an einander halten, ſollten ſie ſich auch alle bei einander er⸗ wuͤrgen laſſen. Aber es iſt wohl zu vernehmen, daß fie das nicht allein ſeyen, ſondern die andern Staͤdte auch dergleichen mitfahren.“ Der Komthur ſtellt daher dem Hochmeiſter anheim, ob es nicht rathſam ſeyn moͤchte, die dortigen Ordensburgen beſſer zu verwahren und etliche Herren und Diener aus den Niederlanden dorthin zu ſetzen; er berichtet ferner dem Meiſter von einem Briefe aus Krakau, nach welchem dort die Nachricht ſey, daß die 1) Schr. des Komthurs v. Chriſtburg an den HM., d. Preuſſiſch⸗ Mark Mont. vor Margar. 1435 Schbl. XXIV. 22
Scanseite 680 · Druckseite 667
Stimmung im Kulmerlande. (1435.) 667 Staͤdte Kulmerlandes den König. von Polen um Hilfe angerufen haben ſollten, weil ſie nicht einig ſeyen mit ihren Herren. Und endlich fuͤgte der Komthur noch hinzu: „Der Rath der Altſtadt Thorn hat der Gemeine auch vor⸗ gegeben, daß auch die Ritter und Knechte in der erwaͤhn⸗ ten Sachen bei ihnen bleiben wollten. So bin ich auch durch einen wahrhaften redlichen Mann unterrichtet, daß Herr Hans von Logendorf, Herr Hans von Czegenberg, Herr Hans Seykau Ritter des Kulmiſchen Landes, Herr Hans von Baiſen aus dem Oſterodiſchen Gebiete, Michael Senskau und Hans von Moſſolk aus dem Bratheaniſchen juͤngſt zu Niclausdorf im letztern Gebiete zuſammengewe⸗ fen ſeyen unter dem Vorgeben, daß Herr Hans von Los gendorf das genannte Dorf kaufen wolle; aber fie haben da ſonderliche Handlung unter einander gehabt, daß ſie in keiner Weiſe ſich in einen Krieg begeben wollen.““) Da endlich auch im ganzen Komthurbezirk von Strasburg ſich uͤberall ein hoͤchſt bedenklicher, unzufriedener Geiſt offenbarte und der dortige Komthur deshalb mit der gan: zen Ritterſchaft und der Stadt Strasburg in ſolchem Zerwuͤrſniſſe lebte, daß man, um letztere im Gehorſam zu erhalten, ihn entfernen mußte, und da es uͤberhaupt in jenen Gegenden ſchon dahin gekommen war, daß man auf die Treue und Dienſtwilligkeit der Kulmiſchen Rit⸗ terſchaft faſt nirgends mehr rechnen durfte, ſo bat der Komthur von Thorn aufs dringendſte, zur Bewahrung der Graͤnze gegen Polen einen anſehnlichen Soͤldnerhau⸗ fen hinabzuſenden, weil die Ritterſchaft den gebotenen Kriegsdienſt ſchon durchaus verweigerte. Unter ſolchen Verhaͤltniſſen mußte der Hochmeiſter bald jeden Gedanken eines Krieges ohne weiteres aufge⸗ ben; nur durch einen feſten, vortheilhaften Frieden konnte 1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Birgelau Donnerſt. nach Aſſumt. Mariä 1435 Schbl. LXXVI. 51. 2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Schönſee Mont. vor Do⸗ minici (o. J.) Schbl. XX. 112.
Scanseite 681 · Druckseite 668
668 Verhaͤltniſſe mit Litthauen und Polen. (1435.) dem aufgeregten und verarmten Lande wieder innere Ruhe und Gedeihen zugebracht werden. Fuͤr den Orden gab es jetzt in der That keine andere Wahl; denn ergriff er bei dieſer Stimmung im Lande dennoch das Schwert, ſo ſtand fuͤr ihn alles auf dem Spiele. Und das Gluͤck des Friedens ſchien ihm wirklich bald zu Theil werden zu koͤnnen. Der Kaiſer ließ es weder an Botſchaftern, noch an Ermahnungen fehlen, um den Koͤnig von Polen friedlicher zu ſtimmen; dieſer aber berief ſich nur noch auf die Beiſtimmung des Großfuͤrſten Sigismund und deſſen Landherren Rath, um in des Kaiſers Wunſch ein⸗ gehen zu koͤnnen.) In Litthauen jedoch erfolgte gerade jetzt ein gaͤnzlicher Umſchlag der Verhaͤltniſſe. Durch neue Hüͤlfsvoͤlker aus Rußland und den Zuzug des Mei: ſters von Livland ermuthigt fiel Herzog Switrigal in den letzten Tagen des Auguſts abermals in Litthauen ein. Der Großfürſt, durch eine Huͤlfsſchaar von achttauſend Polen verſtaͤrkt, ruͤcte ihm bis an die Swienta entgegen, wo es zu einer ſehr blutigen Schlacht kam, die, fo ſtark auch Switrigals Macht war, ſeinem Gegner den entſchie⸗ denſten Sieg brachte. Sein Heer ward faſt gaͤnzlich aufgerieben; er ſelbſt rettete ſich kaum noch durch die Flucht. Die zuletzt aus dem Kampfe weichenden Livlaͤn⸗ der erlagen fliehend beinahe alle dem feindlichen Schwerte. Der Meiſter ſelbſt war auf dem Schlachtfelde gefallen und ſo ſchien nun fuͤr Switrigal alles verloren. > Liv⸗ land war in groͤßter Gefahr, vom ſiegstrunkenen Feinde mit Brand und Verheerung heimgeſucht zu werden, und nur mit Muͤhe hatte Sigismund, wie er ſelbſt dem Hoch⸗ meiſter berichtete, feine Soldtruppen von einem Raub⸗ 1) Schr. des Kaifers an den HM. d. Tirnaw Mont. nach Augu⸗ ſtini 1435 Schbl. XXIV. 35. 2) Eine ins Specielle eingehende Beſchreibung der Schlacht giebt der Vogt von Narwa dem HM. in einem Schr. d. Kirchholm Mont. nach Franciſci 1435 Schb. XVI. 70.
Scanseite 682 · Druckseite 669
Verhaͤltniſſe mit Litthauen und Polen. (1435) 669 zuge nach Livland zuruͤckhalten koͤnnen.) Switrigal nahm zwar in ſeinem Ungluͤck des Hochmeiſters Beihuͤlfe von neuem in Anſpruch, ihn nicht nur an das zwiſchen ihnen noch beſtehende Buͤndniß erinnernd, ſondern ihn auch auf⸗ fordernd, durch einen Einfall in Polen den Feind zu be⸗ ſchaͤftigen.“ Der Meiſter indeß ſah jetzt klar ein, daß er die Sache ſeines alten Verbuͤndeten nicht mehr auf⸗ recht halten koͤnne; er konnte nur darauf denken, das Intereſſe ſeines Landes und Ordens gegen Switrigals Feinde ſo viel als moͤglich noch emporzuhalten. Aber auch dabei erwachten in ihm manche ſchwere Beſorgniſſe. Es war vorauszuſehen, daß die Polen das Kriegsgluͤck in Litthauen in ihren naͤchſten Verhandlungen geltend zu machen ſuchen würden; es war ſelbſt ſehr zu befuͤrchten, daß ſie, wenn ihren Forderungen nicht Genuͤge geſchehe, Preuſſen mit einem Kriege bedrohen wuͤrden, denn bereits kamen wirklich wieder kriegeriſche Nachrichten aus Polen.“) Alſo ſah der Hochmeiſter dem zu Raczanz neu aufge⸗ nommenen Verhandlungstage mit banger Beſorgniß ent⸗ gegen, zumal da ihm die Nachricht zukam, die Reichs⸗ großen in Polen ſeyen in einer Berathung uͤbereingekom⸗ men, ſich des Hauſes Neſſau unter allen Umſtaͤnden wie⸗ der zu bemaͤchtigen, „follten fie auch alle ihre Haͤlſe darum laſſen.“ Es zog ſich auch wirklich waͤhrend des Verhand⸗ lungstages an den Graͤnzen und bei Poſen eine anſehn⸗ liche Streitmacht zuſammen und nach Leſlau wurden be— reits Sturmmaſchinen und ſchweres Geſchuͤtz gebracht, um 1) Schr. des Großfürſten Sigismund an den HM., d. Traken Mittw. am T. Mathäi 1435 Schbl. XVI. 49. Schr. des HM. an den Kaiſer, d. Marienb. am Abend Mathäi 1435 Rgſtr. VI. p. 199. Schr. des Landmarſchalls v. Livland, d. Riga Freit. nach Nativit. Mas ria 1435 Schbl. X. 23. . 2) Schr. Switrigals an den HM. d. Villowsko sabbato post b. Mathaei 1435 Schbl. XVII. 57. 3) Schr. des HM. an den Kaifer o. D. Ngſtr. VI. p. 199. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn Sonnab. nach Kreuzerhöh. 1435 Sul, XXIV. 31.
Scanseite 683 · Druckseite 670
670 Verhaͤltniſſe mit Litthauen und Polen. (1435.) die Burg anzugreifen, ſofern die Verhandlungen nicht nach des Königes Willen ausfallen würden. Nun blieb zwar auch dieſer Tag ohne beſondern Erfolg und die Be⸗ rathung ward auf einen kuͤnftigen hinausgeſchoben. Ak⸗ lein fo viel hatte der Meiſter jetzt klar erkannt, daß der Friede nur mit ſchweren und ſchmerzlichen Opfern werde erkauft werden muͤſſen. Auch die Staͤdte Preuſſens hat⸗ ten dieſe Gelegenheit nicht voruͤbergehen laſſen, ohne ein neues Recht in Anſpruch zu nehmen, denn ſie wollten die vom Hochmeiſter zu dem Tage erwaͤhlten ſtaͤdtiſchen Sendboten nicht anerkennen, behauptend, daß ſie nur das Recht beſaͤßen, ſolche Bevollmaͤchtigte zu Verhandlungs⸗ tagen aus ihrer Mitte ſelbſt zu waͤhlen, wiewohl keinem Gebietiger ein ſolches Recht irgendwoher bekannt war. Sonach dauerte der traurige Zuſtand des Ordens⸗ landes unter Raub- und Fehdeluſt noch immer fort; denn wenn es in den Graͤnzgebieten Preuſſens ſeit einiger Zeit auch etwas ruhiger geworden war, ſo litten doch das Gebiet von Schlochau und die Neumark um ſo ſchreckli⸗ cher,“ fo daß auch dort die Unterthanen des Ordens ſchon anfingen, alles Vertrauen zur Landesherrſchaft auf⸗ zugeben, da ſie nirgends mehr Schutz und Huͤlfe gewaͤh⸗ ren zu konnen ſchien. Man hielt auch in der Neumark bereits Verſammlungen und Berathungen, deren Geiſt 1) Schr. des Komthurs v. Thorn an den HM., d. Thorn am T. Dionyf. 1435 Schbl. XXIV. 27. Schr. des Komthurs v. Neſſau, d. Neſſau in vigilin Burchardi 1435 Schbl. XXIV. 33. 2) Schr. des HM. an den Kaiſer, d. Graudenz am Abend Simon. u. Juda 1435 Nofte, VI. p. 200. Der nächſte Verhandlungstag war auf S. Nicolai⸗ Tag feſtgeſtellt. 3) Die Verhandlung hieruͤber zwiſchen den ſtäͤdtiſchen Bevollmaͤch⸗ tigten und dem Biſchof v. Ermland Schbl. XXIV. 20. 4) Eine genaue Nachweiſung des im Schlochauiſchen Gebiete ver⸗ übten Schadens Schbl. XXIV. 17. Eine ſchreckliche Schilderung des damaligen Zuſtandes der Neumark in einem Schr. des Vogts der Neu⸗ mark, d. am Stephans⸗ Tage 1435,
Scanseite 684 · Druckseite 671
Verhaͤltniſſe mit Litthauen und Polen. (1435) 671 den Gehorſam gegen den Orden je mehr und mehr zwei: felhaft werden ließ, denn man ſuchte ſich einem Zuſtande zu entwinden, in welchem das Leben kaum noch einen Werth zu haben ſchien.) So jammervoll auch die Kla⸗ gen der Mannen und Staͤdte Über ihre taͤglichen Leiden, über die Vernichtung ihres ganzen Wohlſtandes und uͤber die im Lande ällgemein herrſchende Armuth und Troſtlo⸗ ſigkeit waren, ſo zeigte ſich doch kaum irgendwo eine Ausſicht zur Rettung,? denn wenn auch der Kaiſer dem Hochmeiſter über die Mortbrüchigkeit der Polen mit der ſie gegen alle ihre Zuſicherungen an den Ereigniſſen in Litthauen Theil genommen, ſeinen Unwillen und Zorn bezeugte, ihn ermunterte, gutes Muthes zu ſeyn und für die Zukunft erhebende Hoffnung zu faſſen, wenn er ihm ferner auch, ſobald er in Boͤhmen als Koͤnig anerkannt ſey, den kraͤftigſten Beiſtand verſprach, um ihn dadurch zu bewegen, in den Verhandlungen mit den Polen keine zu große Nachgiebigkeit zu zeigen, ſondern beharrlich an den geſtellten Bedingungen feſtzuhalten, ſo konnte doch auf ſolche Zuſicherungen kein ſonderliches Gewicht mehr gelegt werden. Wie viel hatte nicht ſeit Jahren ſchon der Kaiſer verſprochen, ohne jemals mit allem Ernst zur That zu ſchreiten! Alſo erkannte der Hochmeiſter wohl, daß vom Keiser der ſeinem Lande ſo nothwendige Friede jetzt ſchwerlich zu erwarten ſey und daß er als Fuͤrſt des Landes und Oberhaupt des Ordens ſich ihn ſelbſt erringen muͤſſe, wenn er je ſeinem Volke zu Theil werden ſolle. Ent⸗ ſchloſſen, jedes mit der Ehre des Ordens und der Pflicht 1) Schr. des Vogts der Neumark, d. Landsberg am T. Simon. u. Juda 1435 Schbl. XIV. 47. 2) Schr. der Mannen u. Städte der Neumark, d. am F. Ste⸗ hani 1435 u. Schr. des Vogts der Neumark, d. Landsberg am T. Johannis 1435 Schbl. XIII. 100. 3) Schr. des Kaiſers an den HM. d. Preßburg Sonnt. nach Aller Heil. (1435) Schbl. IV. 71.
Scanseite 685 · Druckseite 672
672 Der ewige Friede zu Brzeſc. (1435.) feines Amtes vertraͤgliche Opfer dafur darzubringen, ſandte er im December abermals eine Anzahl ſeiner Gebietiger, Praͤlaten und Sendboten aus den Staͤnden, an ihrer Spitze den Oberſtſpittler Heinrich Reuß von Plauen, den Oberſttrappier Ludwig von Lanſe und den Komthur von Oſterode Wolf von Sannsheim 2 mit hinlaͤnglicher Voll⸗ macht zu dem mit den Polen aufgenommenen Verhand⸗ lungstage zu Brzeſc. Vier volle Wochen ward Tag für Tag Über die wichtigſten Friedenspunkte unterhandelt, bis endlich um Weihnachten der foͤrmliche Abſchluß nahe war.) Am Neujahrs⸗ Abend 1435 wurde die Verhand⸗ lung völlig geſchloſſen und ein ewiger Friede auf folgende Bedingungen feſtgeſtellt: . Aller Streit zwiſchen König Wladislav von Polen, dem Großfuͤrſten von Litthauen, des Koͤniges Bruder Ka⸗ ſimir, den Herzogen Semovit, Kaſimir, Wladislav und Boleslav von Maſovien und Herzog Boguslav von Stolpe einer, und dem Hochmeiſter Paul von Rußdorf und deſſen Orden in Preuſſen, Livland und Deutſchland und in der Neumark anderer Seits, ſowie aller zwiſchen ihnen geſchehene Schaden ſollen hingelegt, abgethan und ver⸗ geſſen ſeyn. Alle Guͤter der Polniſchen Bifchöfe und Kloͤſter im Ordensgebiete werden bei allen ihren Rechten, Zubehörungen und Einkünften erhalten und aller ſeit zwei Jahren vom Orden in ihnen erhobene Zehnte und ſon⸗ ſtigen Einkünfte den Biſchoͤfen zurückgezahlt. Das Buͤnd⸗ niß des Ordens mit Switrigal ſoll ungültig und nichtig ſeyn, der Orden den Fuͤrſten aufgeben und weder ihn 1) Dlugoss. p. 687 führt außerdem als Sendboten des Ordens an die Biſchöfe Franciſcus von Ermland und, Johannes von Pomeſanien, Hans von Bälfen, Hans von Megow Kulmiſcher Richter, Sigismund von Wazels Chriſtburgiſ. Bannerführer u. m. a. 2) Schr. des HM. an den Landmarſchall v. Livland, d. Marienb. am heil. Chriſt⸗Abend 1435 Schbl. X. 22. Im Fol. CG. p. 371 heißt es: man habe zu Brzeſc unterhandelt von Andreas⸗Tag bis Neujahrs⸗ Abend, „ee man des dinges eyns kunde werden.“ Dlugoss. p. 088.
Scanseite 686 · Druckseite 673
Der ewige Friede zu Briefe. (1435.) 673 noch irgend einen andern Großfürften von Litthauen gegen die Krone Polen oder den jetzigen Großfuͤrſten Sigis⸗ mund jemals unterſtuͤtzen oder auch irgend einen andern als den vom Koͤnige von Polen eingeſetzten anerkennen. Wie der König, fo ſoll der Hochmeiſter auf keines an⸗ dern Anforderung, Befehl oder Anſinnen, ſelbſt nicht auf das des Papſtes, des Kaiſers, eines Koͤniges oder einer Kirchenverſammlung dem andern auf irgend eine Weiſe entgegenhandeln oder irgendwie verletzen, und ſelbſt wenn der Kaiſer oder feine Nachfolger den einen oder den an— dern mit Krieg uͤberziehen wuͤrden, ſoll ihnen keiner gegen den andern Beiſtand leiſten.) Die Graͤnzen an der Drewenz (wo die Muͤhle zu Lübitſch nicht wieder erbaut werden ſollte) und am Weichſel-Strome wurden zum Theil nach einem fruͤhern Friedensſchluſſe?) näher beſtimmt. Mit aͤngſtlicher Genauigkeit wurden Maaßregeln feſtge⸗ ſtellt, wie die Graͤnzen zwiſchen der Neumark und Polen ermittelt und geregelt, desgleichen auch die zwiſchen den Herzogthuͤmern Maſovien und Stolpe und dem Ordensge⸗ biete beſtimmt werden ſollten. Die Burg Jeßnitz, hieß es ferner, ſoll dem Orden, das Haus Neſſau aber mit ſeinem ganzen Gebiete und mit den Doͤrfern Morin, Or⸗ low und Neuendorf auf ewige Zeit dem Koͤnige von Po⸗ len gehoͤren, doch alſo daß die Unterthanen in ihren Rechten, namentlich im Handel und Verkehr in keiner Weiſe beeinträchtigt und geftört werden ſollen. Samaiten und Sudauen ſollen nach feſtbeſtimmten Graͤnzen auf ewige Zeit der Krone Polen, Pommerellen dagegen, Kul⸗ mer= und Michelauerland dem Orden verbleiben und der früher erwaͤhnte Richterſpruch in Beziehung auf dieſe Lande dem Hochmeiſter oder deſſen Sachwalter am Roͤm. 1) Dieſer Punkt wird keineswegs allein vom Könige dem Hochmei⸗ ſter zugeſagt, wie Baczko B. Ul. S. 131 erwähnt, ſondern im Frie⸗ densinſtrument des Ordens verſpricht dieß der HM. auch dem Könige. 2) Nämlich dem zwiſchen dem Könige Kaſimir und dem HM. Duſ⸗ mer von Arfberg. VII. 43 4
Scanseite 687 · Druckseite 674
674 Der ewige Friede zu Brzeſc. (1435.) Hofe zur Vernichtung eingehaͤndigt werden, ſobald man ihn erhalten kann. Handel und Wandel der Unterthanen der genannten Fuͤrſten ſoll in den gegenſeitigen Landen vollig frei und ungehindert ſeyn. Bauern, Gärtner oder ſonſt pflichtige Unterthanen, die in der andern Fuͤrſten Lande entweichen, ſollen auf Erfordern ihrer Herren aus⸗ geliefert werden, desgleichen Diebe oder andere Verbre⸗ cher; keiner ſoll ſie in ſeinen Landen hegen oder ihnen Aufenthalt und Niederlaſſung geſtatten. Keiner darf dem Feinde des andern den Durchzug durch ſein Land erlau⸗ ben. Alle Privilegien und Verſchreibungen uͤber Neſſau und die erwaͤhnten Doͤrfer, der Thorner Friede, die ſchiedsrichterlichen Ausſpruͤche des Roͤm. Koͤniges zu Ofen und Breslau u. a. ſolen vom Orden dem Könige aus⸗ geliefert werden und alle Privilegien des Ordens, ſofern ſie den Beſtimmungen dieſes Friedens entgegen ſeyn koͤnn⸗ ten, fortan null und nichtig ſeyn. Alle Gefangenen ſind frei, mit Ausnahme derer, die ſeit dem Waffenſtillſtande in Litthauen gefangen worden. Alle Ueberlaͤufer ſollen in ihr Land zuruͤckkehren und uͤber ihr zuruͤckgelaſſenes Eigenthum verfügen konnen. Der Orden darf die, welche ihm um des Koͤniges willen entſagt haben, in keiner Weiſe beſchweren. Alle Abtruͤnnige vom Orden ſollen aus des Koͤniges Landen vertrieben und forthin keine mehr aufgenommen werden. Kein Kaufmann oder ein anderer darf wegen der Schuld oder des Verbrechens eines an⸗ dern gefangen geſetzt oder ſonſt beſchwert werden. Der vieljährige Streit über den Pfundzoll (deſſen fernere Er⸗ hebung der Kaiſer dem Orden erſt in dieſem Jahre von neuem beſtaͤtigt hatte)“ fol dahin beigelegt ſeyn, daß Polniſche und Litthauiſche Kaufleute ihn entrichten ſollen, wenn ſie mit ihren Guͤtern in eigenen Schiffen uͤber See fahren, doch ſo, daß wenn die Seeſtaͤdte davon rechtlich 1) Die Beſtätigungsurkunde des Kaiſers, d. Preßburg Mittw. vor Neujahr 1435 Schbl. 21. 1.
Scanseite 688 · Druckseite 675
Der ewige Friede zu Brzeſc. (1436.) 675 frei geſprochen wuͤrden, auch fie davon befreit feyn ſoll— ten. Alle andern Abgaben, namentlich das Lobgeld, » ſollen fortan von des Koͤniges Unterthanen in den Dr: denslanden nicht mehr erhoben werden. Der König ver: pflichtet ſich keine neuen Zoͤlle anzulegen und alle ſeit dem Frieden am Melno neuerhobenen abzuſtellen. Wer von des Koͤniges oder des Ordens Beamten den gegen— ſeitigen Unterthanen in Klagen Recht und Gericht ver— weigern wuͤrde, ſoll ſeines Amtes entlaſſen werden, ſofern er feine Schuldloſigkeit nicht eidlich erweiſen kann. Fuͤ⸗ gen Unterthanen eines Theiles denen des andern durch Raub, Brand oder andere Miſſethaten Schaden zu, ſo ſoll dadurch der Friede nicht als verletzt betrachtet, die Verbrecher aber von den Beamten zur Strafe gezogen und zur Schadloshaltung gezwungen werden. Zwei Komthure und zwei Woiwoden, jene vom Koͤnige, dieſe vom Meiſter gewaͤhlt, ſollen jaͤhrlich abwechſelnd zu Neſſau und Thorn um beſtimmte Zeit zuſammenkommen, um alle neu ent— ſtandenen Zwiſtigkeiten zu ſchlichten, ebenſo ſoll es zwis ſchen Samaiten, Litthauen und Livland, und zwiſchen den Herzogthuͤmern Maſovien und Stolpe und dem Orden gehalten werden. Alle Beſchwerden der Geiſtlichkeit in Preuſſen und Polen gegen den Koͤnig und den Orden oder deren Anhänger ſollen auf ewig abgethan und hin: gelegt ſeyn. Der Orden wird dem Koͤnige die Summe von neuntauſend fuͤnfhundert Unger. Gulden zahlen. Der ſo lange obſchwebende Streit des Ordens mit dem Biſchofe von Leſlau wegen des zerſtoͤrten biſchoͤflichen Hauſes vor Danzig ſoll dadurch beigelegt ſeyn, daß jener dem Bi⸗ ſchofe zum Erſatz zwoͤlfhundert Ducaten entrichtet. Der Deutſchmeiſter ſoll in Jahresfriſt den Friedensſchluß beſie⸗ geln; wofern er ſich weigert und den Krieg gegen Polen fortſetzt, ſoll ihm der Orden in Preuſſen und Livland keinen Beiſtand leiſten; geſchieht dieſes dennoch, ſo ſollen — 1) S. oben S. 470. 43 **
Scanseite 689 · Druckseite 676
676 Der ewige Friede zu Brzeſc. (1436.) alle ſeine Unterthanen von Eid und Pflicht ſo lange ent⸗ bunden ſeyn, bis er den Frieden wieder halten wird. Der Koͤnig verheißt die bis jetzt noch beſetzte Stadt Arns⸗ walde in beſtimmter Zeit wieder einzuraͤumen und die Herren von Neu- Wedel und Falkenburg ihres geleiſteten Lehenseides zu entbinden, und der Hochmeiſter ſoll jene wie dieſe wieder zu Gnaden annehmen. In derſelben Friſt ſoll der Hochmeiſter dem Koͤnige die Burg Neſſau übergeben laſſen. Beide, ſowie alle ihre Nachfolger follen dieſen Friedensſchluß mit einem koͤrperlichen Eide beſchwoͤ⸗ ren und von zehn zu zehn Jahren ſollen ihn auch die beiderſeitigen Großen, Gebietiger, Praͤlaten und andere Unterthanen durch einen Eid von neuem bekraͤftigen und befeſtigen. Der Koͤnig und der Hochmeiſter ſprachen ihre Unterthanen im Falle eines Friedensbruches von Pflicht und Gehorſam los. So war endlich das langerſehnte Ziel eines feſten Friedens erreicht; man wandte die hoͤchſtmoͤgliche Sorg⸗ falt an, um fuͤr die Zukunft die theuererkaufte Friedens⸗ 1) In Betreff der Stadt Arnswalde geſchah dieß durch eine form⸗ liche Urkunde des HM. d. Marienb. feria II sub octavas Epiphan. 1436 Rofir, VI. p. 209 — 210. 2) Das Friedensinſtrument, d. in Brzescie dioces. Wladislav. sabbatho in vigilia circumeision. dni 1436 in mehren Transſumten Schbl. 66. 14. 15. 16. Die vom HM. ausgeftellte Urkunde im Fol. C. p. 371, eine deutſche ueberſetzung im Fol. D. p. 321, mehre fpä= tere latein. und deutſche Abſchriften Schbl. XXIVz gedruckt bei Dogiel T. IV. nr. 97 p. 123, in einer deutf, Ueberſetzung bei Venator Hiſtor. Bericht vom Marian, Deutf. Ritter Orden p. 134. Einige Punkte des Friedens bei Schütz p. 127; vgl. Diugoss. p. 686 — 87. Was das richtige Datum dieſes Friedensſchluſſes betrifft, ſo iſt es unzweifel⸗ haft der Ziſte Decemb. 1435, denn wenn das Datum in den Docu⸗ menten ſteht: Sonnabend Eircumciſion. Domini als Neujahrstag unſers Herrn 1436, fo iſt dieß der nämliche Tag, nicht aber der 3iſte Decemb. 1436, wie Baczko B. III. S. 131 angiebt, wo übrigens ein guter Auszug aus der Urkunde gegeben iſt. Gadebuſch S. 96 hat daher keineswegs Unrecht, wie Kotzebue B. III. S. 503 angiebt, wenn er den Frieden am 31Iſten des Chriſtmonats ſchließen läßt.
Scanseite 690 · Druckseite 677
Der ewige Friede zu Brzeſc. (1436.) 677 ruhe auf jede Weiſe zu befeſtigen und zu verſichern.“ Allein es zeigten ſich bald manche bedenkliche Schwierig⸗ keiten, die fuͤr den Orden und das Land noch keineswegs die erwuͤnſchte Ruhe und Einigkeit erwarten ließen. Aus Livland meldete der Landmarſchall, daß dort viele den Frieden nicht mit beſiegeln wuͤrden und es waren daher dorthin von Seiten des Hochmeiſters ſehr ernſtliche Bez fehle nothwendig.) Aber auch in Preuſſen widerſetzten ſich beſonders unter der Ritterſchaft nicht wenige der Beſiegelung des Friedensdocuments, erklaͤrend: ſie haͤtten geſchworen, mit Herzog Switrigal einen ewigen Frieden zu halten; man wiſſe nicht, wie dieß ſich mit dem neuen Frieden vereinigen laſſe.“ Daß der Kaifer ihn nicht billigen werde, ließ ſich ſchon deshalb erwarten, weil er mit dem Koͤnige von Polen nicht einmal einen Waffen⸗ ſtillſtand oder irgend eine Unterhandlung hatte eingehen wollen, ſofern nicht ausdruͤcklich Switrigal daran Theil nehme, denn ohne dieſen, hatte er beſtimmt erklärt, werde er nimmermehr mit dem Koͤnige von Polen Friede ſchließen.) Der Herzog Switrigal ſelbſt aber, vom Abſchluſſe dieſes Friedens lange gar nicht unterrichtet, hoffte immer noch auf Beiſtand vom Orden, indem er wiederholt verſicherte, daß er am Buͤndniſſe mit dem 1) Der König und der HM. ſtellten noch beſondere Erklärungen aus, durch die fie dem Frieden nicht nur ihre Beſtätigung ertheilten, ſondern ihre Untertharen nochmals von allem Gehorſam, Vaſallen⸗ pflichten und Eiden losſagten, ſofern ſie den Frieden brechen wuͤrden; urk. des Koͤniges, d. in Brzescie sabbatho in vigilia circumeision. dni 1435; die des HM. d. Marienb. ipsa die domin. Laetare 1436 bei Dogiel T. IV. nr. 98. 99 u. Fol. C. p. 379. 2) Schr. des Landmarſchalls von Livland, d. Segenwalde Mont. vor heil. drei Könige 1436 Schbl. X. 40; Antwort des HM. d. Ma⸗ rienb. Dienſt. nach Epiphan. 1436 Schbl. X. 38. 3) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Eilau am T. Fabian und Sebaſt. 1436 Schbl. XXIII. 54. 4) Schr. des Kaiſers an Switrigal, d. in Alba regali die lune ante fest. purificat. Marie 1436 Schbl. XVII. 55.
Scanseite 691 · Druckseite 678
678 Der ewige Friede zu Brzeſc. (1436.) Orden unverbruͤchlich feſthalten werde, daſſelbe jedoch auch vom Orden erwarte, zumal da ſein Kriegsgluͤck ſich wie⸗ der mehr emporhebe und mehre Burgen wieder in ſeine Gewalt gekommen ſeyen.) Sogar noch im März des Jahres 1436 hielt er den Hochmeiſter fuͤr feinen treuen Bundesgenoſſen und forderte ihn von neuem auf, die Polen durch einen Einfall ins Koͤnigreich in ihrem eige⸗ nen Lande zu beſchaͤftigen, denn ſelbſt bis dahin hatte der Meiſter dem Fuͤrſten auf keinen feiner Briefe geant: wortet, was dieſer mit dem nach feiner Niederlage all⸗ gemein verbreiteten Geruͤchte zu entſchuldigen ſuchte, daß er in der Schlacht gefangen oder erſchlagen ſeyn folle. ?) Und nicht einmal die erwuͤnſchte Sicherheit und ges deihliche Ruhe fuͤr feine Unterthanen hatte der Hochmei⸗ ſter durch die Opfer errungen, die ihm der Friede an Land und Leuten, an des Kaiſers Gunſt, an der Freund: ſchaft und dem Beiſtande ſeines bisherigen Verbuͤndeten gekoſtet, denn fihon wenige Wochen nach dem Friedenss ſchluſſe mußte er von neuem die Klage fuͤhren: der Friede werde von des Koͤniges Unterthanen ſo wenig beachtet, daß die des Ordens noch ebenſo wie im offenen Kriege mit Raub und Brand, Vernichtung der Kirchen und Entweihung der Sacramente heimgeſucht würden, beſon— ders durch die Beſatzungen von Tragheim und Krone, vor welchen die nahen Bewohner des Ordensgebietes kei— nen Tag ſicher feyen.? Nun wurden zwar auf den An— trag des Erzbiſchofs von Gneſen mehre Polniſche Haupt⸗ leute, die ſich ſolche Feindſeligkeiten gegen des Koͤniges Willen hatten zu Schulden kommen laſſen, zur Strafe I) Schr. Switrigals an den HM. u. die Gebietiger, d. in castro nostro Kyow feria IV post fest. b. Mathiae 1436 Schbl. XVII. 89. 2) Schr. Switrigals an den HM. d. Ryow feria V post b. Gros Forii pape 1436 Schbl. XVII. 88. 3) Schr. des HM. an den Erzbiſchof v. Gneſen, den Biſchof v. Leſlau und mehre Woiwoden, d. Marienb. Freit. nach Purif. Mariä 1436 Rgſtr. VI. p. 58. 59.
Scanseite 692 · Druckseite 679
Der ewige Friede zu Brzeſc. (146.) 679 in die Ruſſiſchen und Podoliſchen Lande entfernt, um dort ihrem ungezaͤhmten Kriegsmuthe im wilden Kampfe mit den Tataren freieren Zuͤgel zu geben; allein andere an ihrer Stelle verfuhren bald auf die naͤmliche Weiſe, denn die lange Kriegszeit ſeit mehren Jahrzehnden hatte es wie zum unvertilglichen Weſen und Character dieſer Polniſchen Befehlshaber ausgepraͤgt, ihr kriegeriſches Ta- gewerk nur in Naubereien und Pluͤnderungen zu ſuchen. “ Schon die erſten Monate dieſes Jahres füllten ein ganz anſehnliches Verzeichniß ihrer raͤuberiſchen Eingriffe. ? 1) Schr. des Erzbiſchofs v. Gneſen an den HM. d. Oppatliow sabhato ante domin. Estomihi 1436 Schbl. XXX. 1. Schr. des HM. an den Erzbiſchof, d. Holland Donnerft. nach Reminiſcere 1436 Roi. VI. p. 229. 230 — 232. 2) Dieſes Verzeichniß vom 2ten Tag nach Reminiſ. 1436 Schbl. XXIV. 12. 5
Scanseite 693 · Druckseite 680
680 Verhandlungen wegen des Friedens zu Brzeſc. (1436.) Siebentes Kapitel. Ueberall traten jetzt der Vollfuͤhrung der Friedensbeſtim⸗ mungen die groͤßten Schwierigkeiten und Hemmungen ent⸗ gegen. Der Friedensvertrag ward zwar auf einem Reichs⸗ tage zu Siradien von den Großen Polens beſchworen und beſiegelt, und zwei Komthure durchzogen dann die Provinzen, um den Reichsadel auf gleiche Weiſe zur Buͤrgſchaft für den Frieden zu verpflichten; daſſelbe ge⸗ ſchah auch in Preuſſen durch den Polniſchen Vice⸗Kanz⸗ ler und den Woiwoden von Brzefe. ? Allein weil in der Neumark die Uebergabe der Stadt Aruswalde und der Burgen Falkenburg und Neu- Wedel verweigert ward, da noch kein koͤniglicher Befehl zur Räumung ergangen war,? fo ertheilte auch der Hochmeiſter die Weiſung, Neſſau den Polniſchen Bevollmaͤchtigten nicht zu überge— ben und eben ſo wenig dem Biſchof von Leſlau die im Friedensvertrage beſtimmte Geldſumme zu zahlen.) Eine andere große Schwierigkeit boten die im Frieden feſtge⸗ ſtellten Geldzahlungen an den Koͤnig und die Polniſchen Biſchoͤfe, denn der ausgeſchriebene Schoß ward in meh⸗ ren Gegenden, beſonders im Kulmerlande durchaus ver: weigert und doch war der Ordensſchatz bereits fo er⸗ ſchoͤpft, daß ſchon tauſend Mark vom Biſchofe von Erm⸗ — — I) Dlugoss. p. 688 — 689. 2) Darüber zwei Notariats⸗Inſtrumente „ d. Drawenburg die XX Martii 1436 Schbl. 51. 13. 14. 3) Schr. des HM. an den Großkomthur, d. Marienb. Dienſt. nach Laͤtare 1436 Schbl. XXIV. 96.
Scanseite 694 · Druckseite 681
Verhandlungen wegen des Friedens zu Brzeſc. (1436.) 681 land hatten aufgenommen werden muͤſſen, um nur einige jener Forderungen zu befriedigen.) Am ſchwierigſten aber war die Aufgabe, wie der Kaiſer, das Baſeler Concilium, die Ordensgebietiger in Deutſchland und vor allen der Deutſchmeiſter von der unbedingten Nothwendigkeit des Friedensſchluſſes und der dabei gebrachten Opfer uͤberzeugt werden koͤnnten, denn als die Sendboten des Hochmei⸗ ſters zu Ofen dem Kaiſer den Inhalt des Friedens mit⸗ getheilt hatten, gerieth er in ſolchen Zorn, daß er aufs heftigſte bewegt in die Worte ausbrach: „Habt ihr des Macht gehabt? Nein, ihr habt des keine Macht. Wiſſet ihr denn nicht, daß ihr einen Oberſten uͤber euch habt? Ihr ſollt es gewahr werden; wir wollen dazu thun, daß ihr wiſſen ſollt, was das Nömifche Reich iſt oder wir wollen unſern Hals darum geben.“ Die Sendboten, Gnade und Gunſt erbittend, ſtellten ihm vor: er moͤge bedenken und zu Herzen nehmen, wie viel der Orden und das ganze Land fuͤr ihren Gehorſam gegen das Reich ſchon erduldet und wie viel Blut deshalb ſchon vergoſſen worden u. ſ. w. Allein der Kaiſer ließ ſich durch nichts beſaͤnftigen; des zur Beilegung aller Streithaͤndel zu Prag angeordneten Tages gedenkend, erklaͤrte er voll Zorn: „Wir wollen und gebieten dem Hochmeiſter und dem Or— den bei Gehorſam und bei Vermeidung unſerer großen Ungnade, (hiebei ſchlug er mit ſchwerem Ernſt an ſeine Bruſt) daß der Meiſter eine treffliche Botſchaft, nicht geringe Leute, ſondern Praͤlaten, Gebietiger, aus der Rit⸗ terſchaft und den Staͤdten ſenden ſolle, und wollen jetzt ſehen, ob uns der Hochmeiſter darin ungehorſam ſeyn wird.“ In ſolcher Erbitterung verließen die Sendboten 1) Schr. des Vogts v. Leipe, d. Schoͤnſee Mont. nach Vincentii 1436 Schbl. LXXIII. 52. ueber die Anleihe beim Ermloͤnd. Biſchofe die Quittung des HM. Rgſtr. VI. p. 227. Der Erzbiſchof von Gne⸗ ſen wurde in ſeinen Forderungen befriedigt; ſ. Quittung des Erzbiſchofs Schbl. 76. 12.
Scanseite 695 · Druckseite 682
682 Verhandlungen wegen des Friedens zu Brzeſc. (14.'6.) den Kaiſer, der jetzt entſchloſſen ſchien, den Orden die ganze Fülle feines Zornes fühlen zu laſſen. “ 8 Dieß abzuwenden wandte ſich der Hochmeiſter zunaͤchſt an das Concilium zu Baſel und den Erzbiſchof von Köln, um durch ſie eine Vermittlung einzuleiten. „In dem Friedensvertrage, erklaͤrte er, ſind etliche Artikel begriffen, die wohl ſchwer, hart und grob lauten, weshalb viel⸗ leicht, wie wir beſorgen, der Roͤm. Koͤnig auf uns und unſern Orden ſeine Ungunſt werfen mag. Aber wir ha⸗ ben doch darin weder gegen die heilige Kirche, noch wi⸗ der das Kaiſerreich irgend einen Ungehorſam gemeint, in⸗ dem derſelben ſchweren Artikel Meinung und Sinn nur allein darauf geht, daß wir und unſer Orden, desglei⸗ chen auch die Polen wider den Frieden nicht handeln ſollen. Gott weiß, daß wir jene ſchweren Artikel mit ganzem Unwillen und um großer merklicher Sache und Noth willen haben angehen muͤſſen, denn ſollten wir und unſer Orden zu einem beſtaͤndigen, ewigen Frieden kom⸗ men, ſo konnten wir nicht weniger dabei thun. Darum bitten wir und rufen an ſammt unſern Gebietigern mit Demuth und Innigkeit unſers Herzens aufs hoͤchſte, als wir koͤnnen, euere Vaͤterlichkeit, geruhet uns und unſern Orden mit Verklarung unſerer Meinung, die doch Gott weiß von Grunde gut und rechtfertig iſt, bei unſerm gnaͤdigſten Herrn dem Roͤm. Koͤnige in ſolchem zu ent⸗ ſchuldigen, ihn bittend, daß er darum ſeine Ungunſt auf uns und unſern Orden nicht werfe, ſondern ſeinen Un⸗ muth und feine Ungnade in milde Gunſt und Güte als zu ſeinen gehorſamen und unterthaͤnigen Soͤhnen verwan⸗ deln moͤge.“ An den Kaifer ſelbſt fertigte der Meiſter 1) Der Bericht daruber, beim HM. angelangt am Donnerſt. vor Palmar. 1436 Schbl. XXIV. 45. 2) Schr. des HM. an das Concilium und den Erzbiſchof v. Kbln, d. Marienb. Mittw. zu Oſtern 1436 Agſtr. VI. b. 235. Schr. des HM. an den Doctor Pfaffendorf in Baſel, d. Dienſt. zu Oſtern 1486 Schbl. XXIV. 6.
Scanseite 696 · Druckseite 683
Verhandlungen wegen des Friedens zu Brzeſc. 11436.) 683 alsbald die verlangte feierliche Geſandtſchaft aus, um in Prag dem angeordneten Verhandlungstage beizuwohnen; allein mitten in Polen wurde ihr aus Mißtrauen wegen des Zweckes ihrer Sendung das weitere Geleit verſagt, ſo daß ſie nach Thorn zurückziehen mußte.“ Noch bedenklicher war für den Hochmeiſter die Spra⸗ che, mit welcher die Gebietiger in Deutſchland gegen den Frieden auftraten, denn kaum war dort der Inhalt deſ⸗ ſelben bekannt geworden, als die Landkomthure und Kom⸗ thure der Balleien Franken, Bießen, Marburg, Utrecht, Thuͤringen, Weſtphalen, Lothringen und Sachſen, in ei⸗ nem Ordenskapitel zu Frankfurt verſammelt, an ihn eine Erklärung ausfertigten, worin fie ihn zuerſt erinnerten, wie fie ihm ſchon vor zwei Jahren ſchriftlich kund ges than, » wie ſchmachvoll und nachtheilig der damals mit Polen geſchloſſene Beifriede fuͤr den Orden geweſen ſey und wie viel böfe Nachrede er dieſem in manchen Lan⸗ den gebracht, die man nicht mit Redlichkeit habe verant⸗ worten konnen, theils weil man darin den Herzog Swi⸗ trigal trotz des beſchworenen Buͤndniſſes mit ihm aufge⸗ geben, theils auch weil man in Beziehung auf den Papſt, die Kirche, den Kaiſer und das Reich darin erklaͤrt habe, daß ſie dem Hochmeiſter nicht zu gebieten haͤtten, gegen den Beifrieden zu handeln, theils endlich weil die Praͤ⸗ laten, die Ritterſchaft und Staͤdte des Ordens alles Ge— borſams und aller Eide entbunden ſeyn ſollten, ſofern der Hochmeiſter mit Polen wieder zu Krieg Fame, Sie erinnerten den Meiſter ferner, wie fie ihn damals demü- thig gebeten und treulich gerathen haͤtten, dieſe Punkte 1) Schr. des Komthurs von Thorn, d. Redzyn Donnerſt. nach Stanislai 1436 Schbl. XXIV. 3. Schr. des HM. an d. Kaiſer o. D. Rgſtr. VI. p. 238. 239 — 240. Schr. des HM. an d. Kaiſer, d. Ma⸗ rienb. Mont, vor Himmelf. 1436 Ngſtr. VI. p. 241. 2) Sie berufen ſich auf ein Schreiben, welches ſie damals in einem Kapitel zu Frankfurt am Donnerſt. nach Aſſumt, Mariä 1434 abge⸗ faßt hatten.
Scanseite 697 · Druckseite 684
684 Verhandlungen wegen des Friedens zu Brzeſc. (1436.) nicht einzugehen, weil die beiden Meiſter von Deutſch⸗ land und Livland ſie durchaus nicht billigen koͤnnten. Nun gehe aber an vielen Fuͤrſtenhoͤfen ſchon offen die Rede, daß er mit Polen einen Frieden geſchloſſen und auch eidlich befeſtigt habe, der jene Punkte dennoch ent⸗ halte. Das ſey um ſo mehr zu beklagen, da der Hoch⸗ meiſter mit ſchwerem Eide ſich dazu verpflichtet und ver⸗ bunden habe, Herzog Switrigal'n nicht aufzugeben, auch dem Kaiſer durch zwei Komthure das Verſprechen geleiſtet, keinen jener Punkte je in einem Frieden mit Polen auf⸗ zunehmen, und weil endlich auch in einem vom Deutſch⸗ meiſter verſammelten Ordenskapitel damals beſtimmt wor⸗ den ſey, der Hochmeiſter dürfe in einem ewigen Frieden mit Polen keinen jener Artikel eingehen. „Da nun, fah⸗ ren die Gebietiger fort, ſchon als der Beifriede geſchloſ— fen ward, euch und unſerem Orden viele Nachreden ge: ſchehen find und an vielen Orten noch geſchehen, die un: ſerem Orden ſchaͤndlich und ſchaͤdlich zu hören und zu leiden ſind und da nun euere Gnaden das noch mehr geoffenbart und dadurch, wie wir vernehmen, es noch ver: ſchlimmert hat, daß ihr unſerem gnaͤdigſten Herrn dem Kaiſer etwas verheißen habt, dem ihr nicht nachgegangen ſeyd, wovon denn unſerem Orden von neuem viele Nach⸗ rede, Schande und Schimpf entſtehen wird und bereits auch entſtanden iſt, ſo bitten wir euere Gnaden demuͤthig, dem zu widerſtehen und es ruͤckgaͤngig zu machen, damit unſerem Orden nicht noch mehr Schande und Schade bar: aus entſtehe, denn wenn ſolche Schmachreden auf die Länge beſtehen ſollten, fo müßten wir mit unſerem Mei- ſter von Deutſchland daruͤber reden und uns auch ſelbſt verantworten bei allen Fuͤrſten, allem Adel und bei je⸗ dem, wo es Noth iſt, daß weder unſer Meiſter, noch wir irgend Rath oder That an ſolcher Geſchichte haben, J) Nämlich durch den Komthur zu Elbing zu Ulm u. dann wieder durch Ludwig von Lanſe Komthur von Chriſtburg.
Scanseite 698 · Druckseite 685
Verhandlungen wegen des Friedens zu Brzeſc. (1436.) 685 ſondern ſie uns allwege leid und zuwider iſt.““ — So ſprachen ſich die Gebietiger uͤber den Frieden aus. Der Deutſchmeiſter ſelbſt trat, gewiß mit Abſicht, mit ſeiner Meinung noch nicht hervor, wahrſcheinlich um abzuwar⸗ ten, wie ſich der Hochmeiſter über die Vorſtellung der Gebietiger erklären werde. Dieſer indeß ließ mehre Mo⸗ nate voruͤbergehen, ohne darauf zu antworten. Erſt nachdem die nachtheiligen Urtheile, die dem Hochmeiſter uͤber den Frieden und uͤber ſein ganzes bis⸗ heriges Verhalten aus Deutſchland zukamen, ſich immer mehr haͤuften, ſchien es ihm nothwendig, theils dem Deutſchmeiſter und den erwaͤhnten Gebietigern eine genaue Darſtellung der Verhaͤltniſſe vorlegen zu laſſen, theils ſich uͤberhaupt uͤber ſeine bisherige Handlungsweiſe zu rechtfertigen. „Schon Witowd, erklaͤrte er, verkuͤndete uns, wie hart ihm die Polen, mit denen damals Friede beſtand, angelegen hätten, ihnen beizuſtehen, um den Or⸗ den zu überfallen, und er bewies ſolches klaͤrlich durch des Koͤniges Briefe. Binnen deß ſtarb er. Ein Glei⸗ ches geſchah auch von Switrigal, als er Großfuͤrſt ward, wie er uns ebenfalls durch Briefe erwies. Dem nun zu widerſtehen, gingen wir mit dieſem ein Buͤndniß ein, oh⸗ ne welches der Orden und deſſen Land in gruͤndliches Verderben geſtuͤrzt worden waͤre. Dennoch ſchloß der Großſuͤrſt vor Luczk Friede mit dem Könige ohne des Ordens Wiſſen, wodurch dieſer zu unverwindlichem Scha⸗ den kam. Wir ließen ihn warnen; wir gingen ſelbſt zu ihm nach Litthauen, ihn aufmerkſam zu machen auf die Verbindung der Polen mit den Boͤhmen, die ihm und unſerem Orden zu großem Verderben gereichen koͤnne; wir baten ihn, Krieg zu beginnen, ehe es zu ſpaͤt ſey. J) Schr. der erwähnten Gebietiger an den HM. d. im Kapitel zu Frankfurt Dienſt. nach dem Sonnt. vocem iocunditat. 1436 Schbl. XXIV. 29. (Abſchrift). Es ſteht bei dem Datum: „under unſers meiſters und des Comenthurs von Mergentheim Ingeſigele gebrochen halb der unſern.
Scanseite 699 · Druckseite 686
686 Verhandlungen wegen des Friedens zu Brzeſc. (1426.) Er hoͤrte auf keinen Rath. Wir meldeten ihm, daß Verraͤtherei gegen ihn im Werke ſey und man warnte ihn abermals; allein er glaubte es nicht, bis ihm der Glaube in die Haͤnde kam. Verrathen mußte er ent⸗ fliehen. Noch wollten wir ihn nicht verlaſſen, ſondern mit den Livlaͤndern ihn wieder zu ſeinem Erbe bringen und haben deshalb großen Schaden an Landen und Leu⸗ ten genommen; es hat uns Blut und Kraft gekoſtet und unſer Geld und Gut; die Soͤldner haben uns ausgeſogen. Wir hatten keine Huͤlfe mehr; nur Gott allein konnte helfen. Da mußten wir aus Noth Friede ſchließen. Als ſolches der Kaiſer erfuhr, gebot er uns, Krieg zu beginnen, er wolle uns helfen und in eigener Perſon mit großer Macht zu Felde ziehen. Auf dieſe Zuſage verzo⸗ gen wir die Vollführung des Friedens von Tag zu Tag; die Polen draͤngten; wir erinnerten den Kaiſer durch Briefe und Botſchafter; allein es geſchah nichts, vielleicht des Kaiſers vieler Geſchaͤfte wegen. Da griff Switrigal auf des Kaiſers Geheiß und Verſprechen, ihm Huͤlfe zu leiſten, mit den Livlaͤndern die Polen an; der Kaiſer aber that wiederum nichts und Switrigal ward gefchla- gen; der Meiſter von Livland und mehre der Seinen blie— ben im Kampfe. Hätte der Kaiſer damals, wie er vers ſprochen, die Polen auf der andern Seite angegriffen, ſo waͤren ſie daheim geblieben. Wir ließen ihm wohl ent⸗ bieten, ſofern er nicht eile, muͤßten wir Friede ſchließen; da hielt er aber unſere Boten auf, bis wir Switrigal'n und den Livlaͤndern keine Huͤlfe mehr bringen konnten. Auch die Ruſſen fielen von Switrigal'n jetzt ab, ſo daß wir bis heutiges Tages keine Nachricht von ihm haben und wiſſen nicht, ob er tobt iſt oder noch lebt.“ Aus 1) Wenn der HM. hier ſagt: „So das wir ſint der czeit keyne worhaftige kuntſchafft von em gehabt und em ouch keyne kuntſchafft ha⸗ ben thun konnen und noch hewtestages nicht enwiſſen, ab her tod ſey adir lebe und keyne brieffe noch botſchaft von em gehabt haben,“ fo ift dieß eigentlich eine unwahrheit, mit der ſich der HM. fo zu ſagen de⸗
Scanseite 700 · Druckseite 687
Verhandlungen wegen des Friedens zu Brzeſc. (1426.) 687 ſeinem Friedensſchluſſe vor Luczk aber hat er ſich ſelbſt all ſein Ungluͤck und ſeinen Jammer geſchaffen; hätte er unſern Rath befolgt, es waͤre ſolche Noth nicht gekom⸗ men. Ihr werft uns vor, der Papſt, die Kirche, der Kaiſer und das Reich ſeyen von uns im Frieden uͤberge⸗ ben worden. Gott weiß, daß ſolches nie in unſer Herz gekommen, denn wir find ihnen ſtets gehorſam geweſen. Der Sinn des Artikels iſt nur, daß man den ewigen Frieden halten ſolle und iſt darin nichts unehrlich und wider die Vernunft. Daß auch die Lande im Frieden ſich haben verſchreiben muͤſſen, ſoll ihn nur ſichern, weil es dahin zwiſchen uns und den Polen gekommen iſt, daß ſie weder uns, noch wir ihnen mehr trauen. Soll⸗ ten wir Arnswalde, Falkenburg und die Wedel wieder gewinnen, ſo mußte Neſſau um des Friedens willen uͤber⸗ geben werden. Alſo ſuchte ſich der Hochmeiſter wegen des Friedens— ſchluſſes zu rechtfertigen. Aber wie in Deutſchland, fo fand ſeine Annahme und Beſchwoͤrung, obgleich er jetzt durch die Uebergabe der Staͤdte und Burgen in der Neu⸗ mark ſchon ungleich feſter begruͤndet war, auch in Liv⸗ fand noch großen Widerſtand, denn dort lag der neue Meiſter Heinrich von Buckenvorde mit dem Großfuͤrſten Sigismund fortwährend in Streit wegen Freilaſſung der Gefangenen, indem dieſer zuvor die Freigebung aller der ſeinigen verlangte, die jedoch der Meiſter ohne ein hin⸗ reichendes Loͤſegeld nicht zugeben wollte. Außerdem aber weigerte ſich auch die geſammte Ritterſchaft in Livland, den für das Land an ſich ſchon nicht guͤnſtigen Frieden cken wollte, denn es ſind mehre Briefe Switrigals ſelbſt noch aus die⸗ ſem Jahre an den HM. vorhanden und dieſer wußte wirklich recht gut, wie es mit dem Fuͤrſten ſtand. 1) Schr. des HM. an den Deutſchmeiſter und die Gebietiger in allen Balleien Deutſchlands, d. Marienb. am T. Aegidii 1436 Ngſtr. VL. p. 260 — 205. Des Schreiben iſt ſehr weitläuftig; ein Auszug auch bei Kotzebue B. III. S. 265.
Scanseite 701 · Druckseite 688
688 Finanz⸗Bedraͤngniſſe des Ordens. (1436.) anzuerkennen, wenn nicht zuvor alle ihre in Litthauen ge⸗ fangenen Freunde und Verwandten frei gegeben ſeyen. “) Daß aber Sigismund dem Friedensworte des Ordens noch nicht traute, war natuͤrlich, denn Herzog Switrigal ſtand immer noch als getreuer Freund des Ordens da; er ſelbſt konnte immer noch nicht glauben, daß ihn der Hochmei⸗ ſter verlaſſen habe,“ und wenn es ihn auch befremdete, daß dieſer ihm auf alle ſeine Briefe uͤber den Fortgang feines Waffengluͤckes niemals eine Antwort ertheilte, fo hielt er doch ſtets am Buͤndniſſe mit dem Orden feſt; als er ſelbſt noch im November dieſes Jahres mit dem Koͤnige von Polen auf deſſen Verlangen einen Waffenſtillſtand ein⸗ ging, erklaͤrte er offen, er werde ohne des Hochmeiſters Wiſſen und Willen fi) in keinen Frieden jemals einlaſſen.“ Nicht minder ſchwere Sorgen brachten dem Hochmei⸗ ſter die finanziellen Bedraͤngniſſe, in denen ſich noch fort und fort der Ordensſchatz befand. Aus Deutſchland war natuͤrlich nicht die geringſte Beihuͤlfe zu erwarten; ver⸗ langte doch der Deutſchmeiſter, dringende Beduͤrfniſſe vor: ſchuͤtzend, ſchon im Jahre 1435 vom Hochmeiſter die Zahlung einer Schuldſumme von ſechzehnhalbhundert Gul⸗ den.) Der Friedensſchluß aber forderte Geldopfer, die kaum irgendwie noch aufzubringen waren. Nur mit groͤß⸗ ter Mühe hatte man die eine Hälfte der dem Könige zugeſprochenen Summe entrichten koͤnnen. Die andere 1) Schr. des Livland. Meiſters, d. Marienb. (in Livland) am T. Lamberti 1436 Schbl. X. 39. XVII. 114. 2) Schr. Switrigals an den HM. d. Ryow feria IV. ante domin. palmar. 1436 Schbl. XVII. 82. 3) Schr. Switrigals an den HM. d. in superiori castro Luezko in vigilia b. Andreae 1436 Schbl. XVII. 87. Schr. des Ordensmar⸗ ſchalls an den HM. d. Königsberg am T. Galli 1436 Schbl. XVI. 41. 4) Schr. des Deutſchmeiſters, d. Mergentheim am T. Dorothea 1435 Schbl. 98. 40. 5) Quittung des Königes Über 4750 Unger. Gulden, d. Tborun feria IV ipso die b. Petri ad vineula 4436 Fol. C. p. 380. Vena- 20 Hiſtor. Bericht vom Marian. Ritterorden p. 181. ”
Scanseite 702 · Druckseite 689
Finanz = Bebrängniffe des Ordens. (1436.) 689 ſollte um Martini gezahlt werden. Bei der gaͤnzlichen Erſchoͤpfung des Ordensſchatzes mußte man zu dem alten Mittel eines außerordentlichen Schoſſes greifen. Allein es ſtellten ſich manche große Schwierigkeiten entgegen; man⸗ che Gebiete, wie z. B. das des Vogts von Brathean waren ſo verarmt, daß das Landvolk weder Schoß noch Zins zahlen konnte und aus einem ganzen Komthurbezirk kaum funfzig bis ſechzig Mark zuſammenzubringen waren.“) In andern wiederum ſtellte ſich den Anforderungen der Herrſchaft der Landadel hinderlich entgegen. So war z. B. der Biſchof von Ermland ſehr geneigt, den Hoch— meiſter mit einer Geldſteuer aus feinem Gebiete zu ums terſtutzen; allein der Ermlaͤndiſche Adel erregte ihm aller: lei Beſorgniſſe.) Auf einer Tagfahrt zu Elbing erklaͤr⸗ ten ſich nun zwar die Gebiete von Samland, Elbing, Chriſtburg, Balga, Brandenburg u. a. zur Leiſtung ei⸗ nes Schoſſes bereitwillig; wie aber das Gebiet von Oſterode durch ſeinen Bevollmaͤchtigten die Hoͤhe deſſelben ſelbſt beſtimmte, ſo folgten hierin auch die uͤbrigen, ſo daß es nicht mehr dem Meiſter und den Gebietigern zugeſtanden ward, den Betrag des Schoſſes ſelbſt vorzuſchreiben. “) Daher konnte dem Koͤnige die uͤbrige Summe auch erſt zu Ende dieſes Jahres entrichtet werden.“ Ueberdieß gelangten an den Hochmeiſter eine Menge von andern Anforderungen, befönverd von den Söldner: 1) Schr. des Kompans des Vogts v. Brathean, d. Brathean Mont. nach Trinitat. o. J. Schbl. LXXIII. 72. Schr. des Komthurs v. Tuchel, ohne Dat. Schbl. LXXIII. 70. 2) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Elbing Sonnt, nach Michaeli 1436 Schbl. LXVI. 132. 3) Schr. des Komthurs v. Elbing und des Treßlers, d. Elbing, am F. Luck Evangel. 1436 Schbl. LXXIII. 54. Schr. des Ord. Marſchalls, d. Kaporn Mittw. vor Simon. u. Judä 1436 ebenda. 53. Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Holland Mont, nach Lätare o. J. Schbl. LXXIII. 71. 4) Quittung des Königed über nochmals 4750 Unger. Gulden, d. Thorun sabbato post Lucie virg. 1436 Fol. C. p. 380. Vendtor p. 183. VII. 44
Scanseite 703 · Druckseite 690
690 Heinrich von Maltitz. (1436.) Hauptleuten, die dem Orden im letzten Kriege zu Dienſt gezogen waren. Die unverſchaͤmteſte Frechheit bewies darin Heinrich von Maltitz, ein Saͤchſiſcher Rottenfuͤhrer, der ſchon im Jahre 1434 unbefriedigte Forderungen er⸗ bob angeblich wegen nicht vollſtaͤndig entrichteten Soldes und nicht hinlaͤnglich verguͤteten Schadens. Der Meiſter, ihm ſeine ausgeſtellten Quittungen vorlegend, wies ihn zuruͤck, zumal da er ihn uͤberdieß noch durch Geſchenke beehrt hatte;) indeß erbot er ſich, da Maltitz ſich an den Herzog von Sachſen gewandt, zu einer genauern Un⸗ terſuchung auf einem Tage zu Schievelbein.“ Jener in⸗ deß erſchien weder auf dieſem, noch auf andern ihm an⸗ gebotenen Verhandlungstagen unter allerlei unnützen Vor⸗ waͤnden, ) fing vielmehr an ernſtlich zu drohen, den Orden ſchmaͤhlich zu verleumden und wandte ſich endlich an die Gebietiger, fie erſuchend, „den ſchalkhaften, ſchnöͤ⸗ den, boͤſen Fuͤrſten“ eines Beſſern zu unterweifen. ? An den Hochmeiſter felbft ſchrieb er die frechen Worte: „Nun koͤnnen meine Freunde und ich anders nicht erkennen, als daß ihr mit Leckerei, Bosheit und Untreue umgehet, und alles, was euere Gnade je geſchrieben oder euere Boten zu mir geworben haben, das iſt allzumal Untreue, Bosheit und Luͤge geweſen. Ihr verhaltet uns das Un⸗ ſere wider Gott, Ehre und Recht, was kein biederer Fuͤrſt zu thun pflegt. Mit eueren ſuͤßen Worten, die ihr mir ſelbſt geſagt, habt ihr mich ſchaͤndlich und ſchimpf⸗ lich betrogen. Es waͤre beſſer geweſen, ihr haͤttet das 1) Schr. des HM. an Heinr. v. Maltitz, d. Marienb. Sonnt. nach Philippi u. Jacobi 1434 Rgſtr. VI. p. 134. 2) Schr. des HM. an den Herzog v. Sachſen, d. Marienb. am Oſtertage 1435 Rgſtr. VI. P. 173. 3) Schr. des HM. an den Herzog v. Sachſen u. an Heinr. v. Maltitz, d. Preuſſiſch⸗Mark Freit. nach Petri u. Pauli 1435 Rgſtr. VI. p. 184. Schr. des HM. an dieſelben, d. Marienb. Donnerſt. nach Andrea 1435 Rgſtr. VI. p. 205 — 207. 4) Kotzebue B. III. S. 273. 507.
Scanseite 704 · Druckseite 691
Heinrich von Maltitz. (1436.) 691 Ordensſiegel einem Eſel vor feinen Hintern drucken laſ⸗ ſen, ſo haͤtte er den Schwanz daruͤber gehangen, daß es die Leute nicht hätten ſehen koͤnnen u. ſ. w. An dieſe groben Schmaͤhreden ſchloß ſich eine Fehdeerklaͤrung von nahe an achtzig Edelleuten und Rittern aus Sachſen an, die die Sache Heinrichs von Maltitz zur Sache ihres Schwertes gegen den Orden machen wollten. Indeß zog ſich der Streit noch bis ins naͤchſte Jahr hinein, denn obgleich der Meiſter ſich fort und fort auf Malti⸗ tzens vollgüͤltige Quittungen uͤber feine vollſtaͤndige Befrie⸗ digung berief und ſich immer von neuem zu einer gruͤnd⸗ lichen Unterſuchung und Rechtsentſcheidung erbot, ſo ver⸗ warf doch Maltitz entweder die vorgeſchlagenen Verhand⸗ lungstage oder er zog die Sache von einem Schiedsrichter zum andern, ſo daß ſich ſelbſt die Nachricht verloren hat, wie der Streit endlich verglichen oder ausgefochten worden iſt. Das Jahr 1437 begann auch fuͤr Litthauen mit friedlicheren Ausſichten. Dort ſtanden zwar die beiden Fuͤrſten ſich immer noch als Feinde gegenüber; allein Switrigals Gluͤck hatte ſich in der letzten Zeit immer mehr emporgehoben, denn Sigismund war durch ſein grauſames Verfahren ſehr verhaßt geworden und man konnte vorausſehen, daß er feine Herrſchaft nicht lange mehr werde behaupten koͤnnen. Da reichte der König 1) Schr. Heinrichs v. Maltitz an den HM. d. Finſterwalde Sonn⸗ abend nach Himmelf. 1436 Schbl. Adelsgeſch. M. 54; gedruckt bei Kogebue B. III. S. 507. 2) Verzeichniß der Saͤchſiſchen Edelleute und Ritter im Fol. C. p. 279 — 280; Heinrich von Maltitz obenan, dann unter andern Hans von Kanitz, Chriſtophel von Czateltitz, Heinrich v. Czeſchau, Heinrich Pickeler, 15 von Pflug, ein von Erdmannsdorf, 2 von Korbitz, Hans und Wenzlav v. Polens, 5 von Kökeritz, Balthaſar von Karlowitz, Johann von Berg, Hans von Schenkenberg u. a. Von mehren die Jehdebriefe Schbl. Adelsgeſch. M. 53. 55. 3) Der Streit veranlaßte eine zahlreiche Menge von Schr. des HM. an den Herzog v. Sachſen u. Heinrich v. Mallitz ſelbſt noch in dem J. 1437 im Raſtr. VI. 44 *
Scanseite 705 · Druckseite 692
692 DVerhältn, mit dem Kaiſer u. dem Koͤn. v. Daͤnem. (1437.) von Polen dem Herzog Switrigal ſelbſt die Hand zum Frieden; eine Botſchaft forderte dieſen zur Verſoͤhnung auf. Allein treu ſeinem Worte wandte er ſich zuerſt um Rath an den Hochmeiſter, der zum Frieden rieth und das Verſprechen gab, daß er auch ſeiner Seits alles thun werde, was zu beider Theile Eintracht führen koͤnne. ı) Ufo kam es wirklich zur Suͤhne, dem Hochmeiſter zu großer Freude.“ Nur Sigismund blieb noch unverſoͤhn⸗ lich an der Spitze eines Heeres. Mit Livland war der Friede zwar durch Eid und Siegel befeſtigt, allein uͤber die Auslöfung der Gefangenen waltete immer noch Streit ob.“ So ruhten nun uͤberall die Waffen. Es war des Hochmeiſters eifrigſtes Streben, theils den Frieden mit den Nachbarfuͤrſten ſo viel als moͤglich zu befeſtigen, theils ſich die Gunſt und Geneigtheit des Kaiſers wieder zu erwerben, theils endlich auch den Zwieſpalt zwiſchen dem Orden in Preuſſen und den Gebietigern in Deutſch⸗ land irgendwie zu beſchwichtigen. Die Beeidigung zur Aufrechthaltung des Friedens in Preuſſen, Pommern, der Neumark, Polen und Maſovien mit großem Eifer fortge⸗ ſetzt, hatte jetzt überall glücklichen Erfolg. ) Die noch obwaltenden Streithaͤndel mit den Herzogen von Pomz mern und Maſovien über Graͤnzen, Schadenverguͤtung u. dgl. wurden überall in gütlicher Weiſe ausgeglichen.“ 1) Schr. des HM. an Switrigal, d. Leſke am Abend Eircumciſ. Oni 1437 Rgſtr. VI. p. 74. 2) Schr. des HM. an Switrigal, d. Marienb. am T. Georgii 1437 Rgſtr. VI. p. 84. 3) Schr. des Livländ. Meiſters an den HM. d. Riga Mittw. vor Lichtmeß 1437 Schbl. XLI. 59. ö 4) Darüber die Vollmachten des HM. für mehre Komthure im Raftr, VI. p. 76. 81. 82. Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Sol⸗ dau Sonnab. vor Trinitat. 1437 Schbi. XIX. 72. 5) Schr. des Herzogs Boguslav v. Stettin an den HM. d. Bel⸗ gard Sonnab. zu Oſtern 1437 Schbl. XV. 129. Schr. des Herzogs Boleslav v. Majovien, d. Neuſtadt 2ter Tag nach Lätare 1437 Schbl. XIX. S. Rgſtr. VI. p. 315.
Scanseite 706 · Druckseite 693
Verhaͤltn. mit dem Kaiſer u. dem Koͤn. v. Daͤnem. (1437.) 693 An der Polniſchen Graͤnze fielen zwar noch haͤufig aller⸗ lei Mißhelligkeiten vor und auf der Weichſel wurde der Verkehr durch Wegnahme der Kaufwaaren und Verhin⸗ derung der Fahrzeuge von we Polniſchen Hauptleuten mitunter noch ſehr geſtoͤrt;“ allein auf einem Richttage zu Thorn wurden die meiſten dieſer Streithaͤndel geſchlich⸗ tet ? und die beſſere Geſinnung der meiſten Reichsgroßen, beſonders der Polniſchen Biſchoͤfe gegen den Orden ließ auch hier endlich mehr Ruhe erwarten. Mit großer Auszeichnung nahm daher auch der Hochmeiſter den Biſchof von Krakau auf, als dieſer mit mehren Begleitern auf einer Pilgerfahrt nach S. Albrecht in Preuſſen erſchien.“ Vor allem aber ſchien es dem Meiſter nothwendig zur Befeſtigung des Friedens ſich der Gunſt des Kaiſers wie⸗ der mehr zu verſichern. Gerne erfuͤllte er daher auch deſſen Wunſch, die von ihm ſehr ehrenvoll empfohlenen beiden Burggrafen Franz und Sigismund von Donyn in ſeinen Hofdienſt aufzunehmen und zwar um ſo mehr, da ſich ein anderer Sproͤßling dieſes edlen Geſchlechtes, Friederich von Donyn in den letzten Kriegen und Ver⸗ handlungen durch Tapferkeit und ritterliche Geſinnung ruhmvoll ausgezeichnet. Außerdem ſuchte der Meiſter vorzüglich auch durch den beruͤhmten kaiſerl. Kanzler Kas⸗ par Slick auf Sigismund einzuwirken. Mit einem ſehr verbindlichen Dankſchreiben für feine dem Orden ſchon 1) Schr. des HM. an d. Hauptmann v. Bromberg, d. Danzig Sonnt. nach Kreuzerſind. 1437 Rgſtr. VI. p. 86. 2) Darüber eine Urkunde, d. Thorun feria II post visitat. Ma- riae 1437 Schbl. 66. 20. u. 92. 1. 3) Schr. des HM. an den 8 v. Ploczk, d. Elbing Mittw. nach Miſericord. 1937 Rgſtr. VI. 4) Schr. des HM. an den ie v. Krakau, d. Elbing Mittw. nach Miſericord. 1437 Rgſtr. VI. p. 80. 5) Schr. des Kaiſers an den HM. d. Prag Donnerſt. vor S. Gregori 1437 Schbl. IV. 77. Schr. des HM. an den Kaiſer, d. Mar. Mittw. vor Pfingſt. 1437 Rgſtr. VI. p. 329. Schr. des HM. an Aleſch zu Sternberg, d. Mar. am Palmabend 1437 Rgſtr. VI. p. 230
Scanseite 707 · Druckseite 694
694 Verhaͤltn. mit dem Kaiſer u. dem Koͤn. v. Daͤnem. (1437.) vielfach bewieſene Geneigtheit ſandte er ihm nicht nur einen praͤchtigen Schwediſchen Hengſt als Geſchenk, ſon⸗ dern erſuchte ihn auch ausdruͤcklich, beim Kaiſer wo moͤg⸗ lich guͤnſtigere und wohlgeneigtere Geſinnungen gegen den Orden zu erwecken und ihn auf jede Weiſe wegen Ab⸗ ſchließung des Friedens mit Polen zu rechtfertigen. Der Hochmeifter bekannte offen, wie ſchmerzlich es ihm ſey, beim Kaiſer in Ungnade zu ſtehen und wie ſehr es fein eifrigſtes Beſtreben ſeyn ſolle, den Wuͤnſchen deſſelben in jeder Hinſicht zu entſprechen.“ Zu demſelben Zwecke hatte er ſich mit einer gleichen Bitte und einem Geſchenk von acht ausgezeichnet ſchoͤnen rothen Jagdfalken an Her⸗ zog Albrecht von Oeſterreich gewandt, weil auch dieſer auf den Kaiſer großen Einfluß hatte. Bald brachten aber auch andere Verhaͤltniſſe den Hochs meiſter wieder in naͤhere Verbindung mit dem Kaiſer. Schon im März des Jahres 1485 naͤmlich hatten ſich die Staͤnde Schwedens in ihrem Streite mit dem Koͤnige Erich von Daͤnemark mit ſchweren Klagen über deſſen Tyrannei, Eingriffe in ihre Rechte und Unterdrückung ihrer Reichsfreiheit“ an den Hochmeiſter und an die Staͤdte Thorn, Danzig und Koͤnigsberg gewandt, theils ſie um Hülfsleiftung und Vermittlung in ihrem Zwiſte mit dem Koͤnige zu erſuchen, theils zu bewirken, daß den ihr Reich haͤufig angreifenden Seeraͤubern der Aufenthalt in den Seehaͤfen Preuſſens nicht ferner mehr geſtattet werde. Dafuͤr verſprachen ſie fuͤr jedes Preuſſiſche nach Schweden ſegelnde Handelsſchiff voͤllige Zollfreiheit in ihrem Reiche. Der Hochmeiſter hatte damals einen Ge⸗ 1) Zwei Schr. des HM. an Kaspar Slick, d. Mar. am S. Georgs⸗ Tage u. Mont. nach Corpor. Chriſti 1437 Rgſtr. VI. p. 321. 335. 2) Schr. des HM. an Herzog Albrecht v. Oeſterreich, d. Mar, am T. Converſion. Pauli 1437 Rgſtr. VI. p. 300. 3) Vgl. darüber Dalin Geſchichte Schwedens B. II. S. 505 ff. Rühs Geſch. Schwedens Th. II. S. 24. Detmar B. II. S. 71. Kangow Pommerania B. II. S. 42.
Scanseite 708 · Druckseite 695
Verhaͤltniſſe mit dem Kaiſer u. dem Koͤn. v. Dänen. (1437.) 695 bietiger an den Koͤnig geſandt, um eine Vermittlung zwiſchen dieſem und den Staͤnden zu bewirken und bei dem großen Vertrauen, welches ſich dieſer bei Erich erworben, war es ihm vorzuͤglich gelungen, daß der König ſich mit den Ständen durch einen Vergleich ver: ſöͤhnte.“ Allein die Ruhe war keineswegs von langer Dauer. Da geſchah, daß König Erich auf einer See⸗ fahrt von Gothland nach Soöͤderkoͤping durch einen toben⸗ den Sturm heimgeſucht nach Wismar verſchlagen wurde. Ganz unerwartet kam er dann drei Wochen vor Pfingſten dieſes Jahres im Hafen von Danzig an. Der Hoch⸗ meiſter eilte ihn dort wuͤrdig zu empfangen; auch des Königes Vettern und Freunde, die Herzoge von Stolpe, Barth, Meklenburg und Wolgaſt (deſſen Sohn der Mei⸗ ſter damals in den Orden aufnahm)“ beehrten ihn mit ihrem Beſuche und es hatte dieſe Zuſammenkunft des Hochmeiſters mit den nachbarlichen Fuͤrſten den erſprieß⸗ lichen Erfolg, daß hier mündlich manches ausgeglichen wurde, worüber man ſich bis dahin noch nicht hatte verſtaͤndigen koͤnnen. Sechs Wochen verweilte der Koͤnig in Danzig und im Haupthauſe Marienburg. Auf ſeine Bitte um Kriegsvolk, mit dem er nach Gothland zurück⸗ kehren wollte, weil die Lage der Dinge in ſeinem Reiche 1) Schr. der Stände Schwedens an den HM. d. Waczstenis ultima die mensis Martii 1435 Schbl. XXXI. 20, vgl. Baczko B. III. S. 138 — 139. 172. Schr. des Königes v. Dänemark an den HM. d. Kopenhagen Mittw. vor urbani 1435 Schbl. XXXI. 30 (lei⸗ der nur zur Hälfte lesbar). Schr. des Königes v. Daͤnemark an den HM. d. Stockholm am T. Calixti 1435 Schbl. XXXI. 5. Der König ſagt ausdrücklich, daß durch die thätige Mitwirkung des Komthurs von Althaus ſein Vergleich mit den Ständen zu Stande gekommen ſey. Vgl. Gejer Geſch. Schwedens B. I. S. 203. Detmar Chron. B. II. S. 68. 71. 2) Ruͤhs a. a. O. S. 41. Dalin a. a. O. S. 518. 3) Detmar B. II. S. 75. 4) Schr. des HM. an d. Herzog v. Wolgaſt, d. Elbing Breit, vor Georgii 1437 Rgſtr. VI. p. 315.
Scanseite 709 · Druckseite 696
696 Berhältn. mit dem Kaiſer u. dem Kön. v. Daͤnem. (1437.) der Art war, daß er ſich nur mit fremder Kriegshuͤlfe gegen ſeine Feinde aufrecht zu halten hoffen konnte, ließ mittlerweile der Hochmeiſter zwei Schiffe ausrüften, ? auf denen der Komthur von Danzig mit bewaffnetem Volke nach Gothland hinüber ſegelte und dann den König auch nach Daͤnemark begleitete. Dieſe Verhaͤltniſſe waren es, welche den Hochmeiſter auch mit dem Kaiſer wieder in naͤhere Verbindung brach⸗ ten, denn da dem letztern die Kunde zugekommen war, der Däniſche König, aus feinem Reiche geflüchtet, ſey nach Preuſſen gewandert, um da forthin unter den Rit⸗ tern des Ordens ſeinen Wohnſitz aufzuſchlagen, ſo eilte der Meiſter, ihm ſeinem Wunſche gemaͤß genauere Nach⸗ richt mitzutheilen und ſeine Beſorgniſſe daruͤber ihm durch die Verſicherung zu entnehmen, daß die Daͤnen, wie man höre, ihren König mit Sehnſucht in ihr Land zuruͤck⸗ wünfchten. ? Der Kalſer wandte auch wirklich bald dem Orden eine ſo guͤnſtige Geſinnung zu, daß er ihm alle durch die Huſſiten entriſſenen Guͤter wieder zuruͤckgeben ließ.) Der Koͤnig von Daͤnemark aber konnte kaum Worte finden, um dem Hochmeiſter fuͤr die vielfachen Beweiſe von Gunſt und Freundſchaft, die er in Preuſſen gefunden, feine innigſte Dankbarkeit zu bezeugen. ® 1) Schr. des HM. an den Kaiſer, d. Mar. Mittw. vor Laurentii 1437 Rgſtr. VI. p. 351. Vgl. Mallet Geſch. Dänemarks B. II. S. 67. 2) Detmar B. II. S. 75 — 76. 3) Das ebenerwähnte Schr. des HM. an den Kaiſer a. a. O. Detmar a. a. O. berichtet, daß die Schweden dem Könige eine Ein⸗ ladung zur Ruͤckkehr zugeſandt hätten, dieſer ihr aber nicht ſogleich ge⸗ folgt ſey. 4) Schr. des Kaiſers an den HM. d. Prag Dienſt. nach Nativit. Mariä 1437 Schbl. IV. 79. 5) Zwei Schr. des Königes v. Dänemark an den HM. und die Komthure, d. Wisborg auf Gothland am T. Diviſion. Apoſtol. 1437 Schbl. XXXI. 8. 21. Antwort des HM. darauf, d. Mar. Freit. vor Dominici 1337 Rgſir. VI. p. 348.
Scanseite 710 · Druckseite 697
Streit des HM. mit dem Deutſchmeiſter. (1437.) 697 Jetzt ſuchte der Hochmeiſter auch beim Deutſchmeiſter und den Gebietigern in Deutſchland die Nothwendigkeit ſeines Friedens mit Polen zu rechtfertigen, um ſo die Eintracht im Orden wieder herzuſtellen. Er ließ zu dem Zwecke durch zwei Komthure die Erklaͤrung ausſtellen: es ſey unrichtig, daß man dem Kaiſer zugeſagt habe: der Hochmeiſter werde unter keiner Bedingung irgend einen der verfaͤnglichen Artikel in einem Frieden mit Polen genehmigen, ſondern die Zuſage ſey dem Kaiſer nur unter der Bedingung geſchehen, daß er dem Orden die ihm ſo oft durch ſeine Botſchafter verſprochene Bei⸗ huͤlfe leiſten oder in eigener Perſon gegen des Ordens Feinde zu Feld ziehen werde. Die Nichterfuͤllung der Verſprechungen des Kaiſers aber habe den Orden in ſolche Bedraͤngniß gebracht, daß er unter allen Umſtaͤnden habe auf Friede denken muͤſſen.) Dieſe Erklaͤrung indeß blieb ohne Erfolg. Die unter den Gebietigern in Deutſchland herrſchende widrige Stimmung dauerte nicht nur fort, ſondern fie ertheilten bald darauf in einem großen Dr: denskapitel dem Deutſchmeiſter (gewiß nicht ohne deſſen eigenen Antrieb) den Auftrag: er ſolle ſofort an den Hochmeiſter eine Botſchaft fenden, ihn kraft der durch die Statuten Werners von Orſeln ihm verliehenen Macht und nach den Geſetzen des Ordens wegen ſeiner unordentlichen und unredlichen Verwaltung ernſtlich ermahnen und zur Abſtellung ſeines geſetz- und ordnungswidrigen Verfahrens und Handelns auffordern laſſen. Es geſchah. Zwei Sendboten, der Komthur von Virnsberg und der Haus- komthur von Frankfurt uͤberbrachten dem Hochmeiſter Mah⸗ nung und Warnung, mit der Aufforderung, die ihm vor— gelegten Gebrechen und Unordnungen in der Verwaltung binnen drei Monden abzuſtellen und einen beſſern Zuſtand der Dinge herbeizufuͤhren. Der Hochmeiſter ließ dem — 1) Schr. der Komthure v. Elbing und Mewe an die Gebietiger in Deutſchland, d. Mar. Dienſt. nach Quaſimodogen. 1437 Schbl. XXIV. 42,
Scanseite 711 · Druckseite 698
698 Streit des HM. mit dem Deutſchmeiſter. (1437.) Deutſchmeiſter vorerſt bloß erwiedern: eine Botſchaft werde ihm naͤchſtens ſeine und ſeiner Gebietiger Antwort uͤberbringen; bald darauf ſandte er den Komthur von Rheden Heinrich Marſchall und den Hauskomthur von Marienburg Erwin Hug von Heiligenberg, die in einem Ordenskapitel zu Frankfurt erklaͤrten: ) „der Hochmeiſter habe den ihm uͤberſandten Brief (die Statuten Werners von Orſeln enthaltend) allen ſeinen Gebietigern vorgelegt; keinem ſey etwas von einem ſolchen Briefe bekannt; man wundere ſich, daß er ſo lange verborgen geblieben ſey, da ſeitdem doch mancher Meiſter geſtorben, entſetzt und abgegangen ſey und in keinem großen Kapitel ſeiner je erwaͤhnt worden. Man lege dem, der in den Orden trete, das Ordensbuch vor, welches des Ordens Satzun⸗ gen enthalte, aber nie einen Brief, worin man finde, daß ein Hochmeiſter unter des Deutſchmeiſters Gehorſam ſtehe; wohl aber ſey bekannt, daß beide Meiſter von Deutſchland und Livland dem Hochmeiſter zu Gehorſam verpflichtet feyen, weshalb er eben Hochmeiſter genannt werde. Alſo ſtehe es dem Deutſchmeiſter auch nicht zu, dieſem einen ſolchen Brief zu ſenden. 2) Darauf gingen die Sendboten auf die Bedeutung und richtige Beziehung der vier Artikel im ewigen Frieden über, indem ſie ſich theils über den richtigen Sinn, theils uͤber die Noth⸗ wendigkeit ihrer Aufnahme in den Frieden weitlaͤuftig ausließen, mit der Erklaͤrung ſchließend: „der Friede mit den vier Artikeln iſt jetzt beſchworen und beſiegelt, alſo daß man ſie in keiner Weiſe mehr abſtellen kann, der Friede wuͤrde denn gebrochen. Was Frommens dar⸗ 1) Schr. des HM. an d. Deutſchmeiſter, d. Mar. am T. Jacobi 1437 Rgſtr. VI. p. 357. Das Ordenskapitel fand um Bartholemäi Statt. 2) Wir haben eine genaue Auseinanderſetzung dieſer Verhandlung unter dem Titel: Antwert uff die gewerbe, die der kumpthur von Virns⸗ berg und der Huwskumpthur von Frankford ingebracht haben. Sie iſt im Namen des HM. abgefaßt. .
Scanseite 712 · Druckseite 699
Streit des HM. mit dem Deutſchmeiſter. (1437.) 699 aus kommen moͤchte, mag man in guter Maaße wohl erkennen.“ D Dem Ordenskapitel genuͤgte indeß dieſe Rechtfertigung noch keineswegs und der Deutſchmeiſter ward bevollmaͤch⸗ tigt, nach Ausweis der Geſetze ſeine Schritte weiter zu verfolgen. Nachdem er daher beim Kaiſer, bei dem er in hoher Gunſt und Anſehen ſtand, ? eine Beſtaͤtigung der Statuten Werners von Orſeln ausgewirkt und ſomit die wirkſame Kraft dieſer Geſetze, wie er glaubte, hin⸗ laͤnglich befeſtigt hatte, ſchrieb er nach Rath feiner Gebietiger ein neues Ordenskapitel nach Mergentheim auf den Sonntag Cantate des folgenden Jahres aus und lud dorthin den Hochmeiſter mit den Worten vor: „von Macht und Gewalt wegen, die uns in ſolchen Sachen von unſerem Orden und ſonderlich dem beſiegelten Statut und Geſetz Meiſter Werners von Orſeln befohlen und gegeben iſt, bitten, heiſchen, fordern und ermahnen wir euch bei ſolchem Gehorſam, den ihr unſerem Orden ges than habt und ſchuldig ſeyd, daß ihr auf Samſtag zu Nacht naͤchſt vor Sonntag Cantate zu Mergentheim bei uns und unſern Gebietigern ſeyn und in eigener Perſon erſcheinen wollet, euch in demſelben Kapitel der bewuß⸗ ten Artikel und was man alsdann von euch zu fordern hat, zu verantworten und dem nachzugehen, als ſich ge⸗ buͤhrt nach Inhalt des Briefes und Geſetzes, das Meiſter 1) Die vier Artikel, von denen hier immer die Rede iſt, betreffen die in dem Friedensſchluſſe enthaltenen Beſtimmungen 1) in Beziehung auf den Kaifer und den Papſt, 2) uber Herzog Switrigal, 3) die Ueber⸗ gebung von Landen und Leuten an Polen, 4) die Ledigſagung der Unter⸗ thanen von Eid und Treue, im Falle daß der Friede gebrochen und wieder Krieg begonnen werde. 2) Schr. des Andreas Pfaffendorf an den HM. d. Mont. vor Pfingſt. 1435 Schbl. II. 7; auf einem Reichstage zu Frankfurt trat der Deutſchmeiſter in des Kaiſers Abweſenheit ſogar als deſſen Stellver⸗ treter auf. 3) Die Beſtätigung des Kaiſers, d. Eger am S. Peterstage ad vineula 1437 in Jaeger Cod. diplomat. Ordin, Teut, an. 1437.
Scanseite 713 · Druckseite 700
700 Streit des HM. mit dem Deutſchmeiſter. (1437.) Werner von Orſeln geſetzt und gemacht hat, und ſollet wiſſen, kommet ihr nicht, daß wir euch fuͤr einen unge⸗ horſamen Bruder halten, das verkuͤndigen und dem nach⸗ gehen wollen an allen Enden, als ſich gebuͤhrt, und die Sachen vollfuͤhren nach Ausweiſung unſerer Ordensregeln und der beruͤhrten Statute und Geſetze.“ “ Nach dieſer Sprache des Deutſchmeiſters und nach den Vorwuͤrfen von Unredlichkeit in der Verwaltung, von Vergehungen gegen Kirche und Reich, gegen des Ordens Ehre und Wohlfahrt, von Geſetzwidrigkeiten in ſeinen Handlungen, von Meineid und Ungehorſam gegen die Ordensregeln, womit der Hochmeiſter uͤberhaͤuft ward, konnte er, wenn er der Vorladung folgte, kaum etwas anders erwarten, als eine ſchimpfliche Abſetzung von ſei⸗ nem Meiſteramte und das traurigſte Loos in ſeinen letzten Lebenstagen. Aber es war ebenfalls gewiß, daß bei ſeinem Nichterſcheinen irgend ein bedeutſamer Schritt gegen ihn geſchehen werde. Die Gefahr ſchien ſich noch zu vermehren, als aus Baſel die Nachricht kam: der Kaiſer habe den Plan, beim Papſte und dem Concilium zu bewirken, daß der Deutſche Orden in Preuſſen gaͤnz⸗ lich aufgehoben und an die Gränze der Zürfen verſetzt werde, weil er hier ſeiner eigentlichen Beſtimmung des Kampfes gegen die Unglaͤubigen näher kommen und Preuſſen fuͤglicher an andere Herren vertheilt werden koͤnne. Auf jedem Falle alſo ſchien jetzt ein Sturm zu nahen, 1) Schr. des Deutſchmeiſters an d. HM. d. Horneck Dienſt. nach Michaeli 1437 Schbl. 98. 15; es wurde uͤberbracht vom Landkomthur von Lothringen Nicolaus von Remig und dem Komthur v. Nürnberg Eberhard von Steten. 2) Schr. des Ordens» Sachwalter Johann Karſchau an den HM. d. Baſel am T. Aegidü 1437 Schbl. LXIX. 48; es heißt auch: der Kaiſer ſolle geäußert haben: wenn die Griechiſche und Lateiniſche Kirche vereinigt ſeyen, ſollten auch der Deutſche und Johaͤnniter⸗Orden in Einen zuſammengeſchmolzen werden.
Scanseite 714 · Druckseite 701
Streit des HM. mit dem Deutſchmeiſter. (1437.) 701 gegen den der Hochmeiſter ſich wappnen mußte. Er ſuchte darin die kraͤftigſten Mittel der Rettung, daß er zur Aufrechthaltung guter Zucht und Sittlichkeit im Orden und in der Landesverwaltung Anordnungen traf, wodurch theils die ſittliche Kraft der Ordensbruͤder geſtaͤrkt und die Bildung des Volkes mehr emporgehoben, theils der Wohlſtand und das Gedeihen des Landes mehr gefoͤrdert werden konnten. Seit Jahren waren bereits haͤufig Klagen uͤber die ungeordnete und unſittliche Lebensweiſe einzelner Ordensbruͤder gefuͤhrt worden und mancher abtruͤnnige Ordensritter hatte im Auslande durch ſeinen ſchaͤndlichen Lebenswandel dem Orden Schimpf und Schande zuge⸗ zogen. So lief in des Herzogs von Geldern Land ein Ordensbruder umher, der in Livland die groͤbſten Schand: thaten begangen hatte, vorgebend, alles, was er gethan, ſey mit Rath. und Zuſtimmung des Meiſters und ſeiner Gebietiger geſchehen.“ Der Komthur von Memel mußte einen Ordensritter, der ſo wild und unordentlich lebte, daß er ſich Tag und Nacht in der Stadt umhertrieb, uͤberall Aergerniß erregte und ſich durch keine Strafen beſſern laſſen wollte, in den Kerker werfen laſſen.) Der Komthur von Oſterode bat den Meiſter aufs dringendſte, ihm keine untuͤchtigen und unredlichen Ordensbruͤder mehr in ſeinen Konvent zu ſenden, da er leider deren ſchon genug habe und unter allen ſeinen Rittern keiner mehr fey, dem man irgend ein Amt anvertrauen koͤnne.“ Und auf aͤhnliche Weiſe klagten auch andere Gebietiger. Es war demnach hier ein kraͤftiges Eingreifen hoch noth⸗ wendig. Nur auf zwei Wegen konnte dem immer mehr zunehmenden Sinken der ſittlichen Ordnung unter den 1) Schr. des HM. an den Herzog v. Geldern, d. Mar. Dienſt. vor Dominici 1435 Rgſtr. VI. p. 195. 2) Schr. des Komthurs v. Memel, d. Memel am Palmabend 1437 Schbl. LVII. 55. 3) Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Oſterode Sonnab, nach Nicolai 1437 Schbl. LXII. 59.
Scanseite 715 · Druckseite 702
702 Innere Landesverhaͤltniſſe. (1437 — 1438.) Ordensbruͤdern entgegengewirkt werden, nämlich durch größere Sorgſamkeit und Strenge bei der Aufnahme neuer Ordensritter und durch die größte Aufmerkſamkeit und Wachſamkeit auf den Lebenswandel der Konventsbruͤder, denn in erſterer war allerdings bisher darin gefehlt wor⸗ den, daß die Landkomthure meiſt nur mit Hinzuziehung einiger weniger Komthure die Aufnahme vollführt hatten, ohne daß immer eine genaue und gründliche Prüfung voranging. ? Auf beides richtete daher der Hochmeiſter jetzt mehr als je ſeine ganze Sorgfalt. Als ſich dem⸗ nach die Herzogin Offka von Sachſen wegen Aufnahme verſchiedener junger Edelleute an ihn wandte, ſchrieb er ihr genau vor, welche Bedingungen dabei unerlaͤßlich Statt finden müßten, ? und dem Herzog von Burgund, der ihn um die Aufnahme eines Buͤrgerſohnes aus Mes cheln erſuchte, ſtellte er vor, wie bedenklich es ſey, in ſolchen Dingen von den feſtbeſtimmten Ordensregeln abzu⸗ weichen.) Ferner ließ er von Zeit zu Zeit wieder ſtrenge Viſitationen aller Ordenskonvente in ganz Preuſſen vor⸗ nehmen, indem er den Viſttirern die gemeſſenſte Voll⸗ macht ertheilte, alle Gebrechen, Mißbraͤuche und Laſter überall mit Ernſt und Nachdruck zu beſtrafen.“ Auch in der Landesverwaltung ward manche loͤbliche Anordnung getroffen. Man wandte unter andern dem Unterricht der Jugend eine ungleich groͤßere Aufmerkſam⸗ keit zu als fruͤher. In Danzig z. B. verordnete der Rath: es ſollten in der Stadt ſechs Deutſche Knaben⸗ ſchulen errichtet und, wenn ihre Zahl nicht zureiche, dieſe 1) Schr. des Landkomthurs von Elſaß an den HM. d. Alzhauſen am Lorenztage 1436 Schbl. 103. 15. 2) Schr. des HM. an die Herzogin Offka v. Sachſen, d. Mar. Mittw. nach Eliſabeth 1436 Ngſtr. VI. p. 282. 3) Schr. des HM. an d. Herzog v. Burgund, d. Danzig am T. Johannis Bapt. 1437 Rgſtr. VI. p. 343. 4) Viſitirerbrief und Vollmacht für die Viſitirer v. 1437 Nagſtr. VI. p. 370 — 371.
Scanseite 716 · Druckseite 703
Innere Landesverhaͤltniſſe. (1437 — 1438.) 703 nach Erkenntniß des Rathes noch vermehrt, die Schulen aber ſtets mit ehrbaren und frommen Leuten beſetzt wer⸗ den, desgleichen auch Maͤdchenſchulen fo viele ihrer nöthig ſeyen, doch nicht in Verbindung mit den Knabenſchulen.“ Auch den Ackerbau ſuchte der Meiſter mehr emporzuheben. Es war oft ſchon von den Staͤnden des Landes uͤber den Nachtheil geklagt worden, den die. ſ. g. Roßtaͤuſcher durch den Pferdeverkauf dem Lande zufuͤgten und ſchon mehr: mals hatte man um Abſtellung des verderblichen Pferde⸗ handels gebeten, weil bei der großen Vernachlaͤſſigung des Ackerbaues große Theuerung zu beſorgen war.“ Der Meiſter erließ daher zuerſt die Verordnung, daß kein Pferd uͤber vier Mark aus dem Lande verkauft und des— halb jedes vorne mit einem Kreuze gezeichnet werden ſolle.“ Weil indeß dadurch dem Uebel noch nicht abgeholfen war und dem Landmanne es immer noch ſehr an tauglichen Pflugpferden gebrach, ſo verfuͤgte der Meiſter das Geſetz, daß kein Roßtaͤuſcher mehr ein Pferd unter neun Mark kaufen duͤrfe, um dem Landmanne dadurch ſeine noͤthigen Pflugpferde zu erhalten.) Ebenſo hatte er beim Verbot der fuͤr das Land mit manchen Nachtheilen verbundenen Einfuhr fremder Biere das Wohl des Landmannes im Auge. Zur Förderung der Gewerbe wurde fir mehre gewerkliche Betriebszweige eine zweckmaͤßigere Gewerksord⸗ nung oder ſ. g. Willkuͤhr feſtgeſtelt, eine ſolche betraf z. B. die Vervollkommnung der Tuchfabrication.) Zur Verhuͤtung der immer groͤßern Abnahme der Landesmuͤnze, — — 1) Die Verordnung vom J. 1436 Schbl. LX. 22. 2) Brricht eines Viſitirers an den Großkomthur, d. Brathean Sonnt. vor Maria Magdal. 1435 Schbl. LXXII. 74. 3) Das Verbot vom J. 1437 Rgſtr. VI. p. 307. 4) Die Verordnung des HM. vom J. 1438 Rgſtr. VI. p. 397. 5) Die Verordnung des HM. vom J. 1438 Rgſtr. VI. p. 398. Schr. des HM. an die Hamburger, d. Danzig Dienſt. vor Himmelf. 1437 Rgſtr. VI. p. 325. 6) Sie wurde entworfen im J. 1435 Rgſtr. VI. p. 207. 209.
Scanseite 717 · Druckseite 704
704 Tod des Kaiſers Sigismund. (1347 — 1438.) beſonders der neuen Schillinge durch Einſchmelzung und Ausführung ins Ausland wurde das Gebot erneuert, wel⸗ ches ſowohl das Einſchmelzen der Muͤnzen als die Aus⸗ führung der Schillinge außer Landes mit nachdruͤcklichen Strafen unterſagte. Da traf gegen Ende des Jahres 1437 die Nachricht ein, daß Kaiſer Sigismund am neunten December hoch⸗ bejahrt geftorben fey.? Wenn man die Stellung erwog, die der Orden auch noch bis auf dieſe Zeit gegen ihn hatte, ſo mochte dieſer Tod fie ihn vielleicht für ein Glück, wenigſtens keineswegs für einen Verluſt gelten; denn unbeſtreitbar war vorzuͤglich mit durch Sigismunds Schuld der Hochmeiſter in die verzweifelte und bedraͤngte Lage gekommen, die ihm ſeine letzten Lebensjahre ſo ſehr verkümmerte. Ueberdieß lag aller Zuneigung des Kaiſers zum Orden doch vornehmlich ſein Groll gegen den Koͤnig von Polen zum Grunde und ſein Zorn uͤber den Frieden zu Brzeſc war ſchon deshalb ungerecht, weil er ihn da⸗ durch mit veranlaßt hatte, daß er nicht erfuͤllte, was er ſo oft aufs feierlichſte verſprochen. Daher auch beim Hochmeiſter kein Laut des Schmerzes und Bedauerns bei der Nachricht von ſeinem Tode. Mit um ſo groͤßerer Freude aber und Hoffnung vernahm er zugleich, daß des Ordens bisheriger Goͤnner Herzog Albrecht von Oeſterreich, Sigismunds Eidam, zum Koͤnige von Ungern gewaͤhlt ſey. Ein Dankſchreiben Albrechts ſelbſt fuͤr ein kurz zuvor ihm zugeſandtes angenehmes Falkengeſchenk brachte ihm die froͤhliche Kunde zu, und da bald auch bekannt ward, daß durch Vermittlung des Kanzlers Kaspar Slick die Böhmen ihn ebenfalls zu ihrem Könige erkoren und anerkannt haͤtten,“ fo verfehlte der Hochmeiſter, wohl 5) Die Verordnung darüber vom J. 1436 Ngſtr. VI. p. 224 — 225. 2) Windeck I. c. 1277. 3) Schr. des Königes Albrecht von ungern an den HM. d. Wei⸗ ßenburg Freit. nach dem heil. Ebenweichtag 1438 Schbl. VII. 7. 4) Schr. des Kaspar Slick an den Rath v. Breslau, d. Prag
Scanseite 718 · Druckseite 705
Streit des HM. mit dem Deutſchmeiſter. (1438.) 705 fühlend, wie ſehr er und der Orden jetzt einer kraͤftigen Stuͤtze beduͤrften, auch nicht, ſich von neuem Albrechts und ſeines Kanzlers Gunſt zu verſichern. Mit einem Schreiben voll der freudigſten Aeußerungen uͤber ſeine Thronerhebung uͤberſandte er dem erſtern ein Geſchenk von zwei ſeiner beſten Roſſe mit zwei Tummel⸗Jungen, der Koͤnigin Eliſabeth ein praͤchtiges weißes Bernſtein-Pater⸗ noſter und dem Kanzler Slick einen ſchoͤnen Kyber. Weil er aber beſorgte, daß der Deutſchmeiſter nicht verſaͤumen werde, auch bei dem neuen Koͤnige mit ſeinen Klagen gegen ihn aufzutreten, ſo erſuchte er den Kanzler zugleich aufs dringendſte, in dieſem Falle den Orden in Preuſſen aufs angelegentlichſte zu verantworten und zu rechtfer⸗ tigen.“ - Nichts aber druckte jetzt den alten Hochmeiſter ſchwe⸗ rer darnieder als der im Orden obwaltende Zwieſpalt, zumal da vor kurzem auch der Meiſter von Livland Hein⸗ rich von Buckenvorde, auf den er in der Streitſache großes Vertrauen ſetzte, auf einer Reiſe nach Preuſſen geſtorben war? und die Wahl feines Nachfolgers vorerſt noch unentſchieden blieb. Dazu kam, daß ehen jetzt der Biſchof von Ermland mit dem Zeugniſſe hervorgetreten war, er habe die Satzungen Werners von Orſeln wirklich geſehen, alſo daß an ihrem Daſeyn durchaus nicht mehr gezweifelt werden konnte. Die Livlindifhen Gebietiger am S. Johannis- Tag zu Weihnachten (1437) Schbl. IV. 136. Kurz Deſterreich unter Albrecht JI. B. II. S. 279. Die Utraquiften erkann⸗ ten Albrecht'n nicht als König an. x 1) Schr. des HM. an den König v. Ungern, d. Mar, Donnerſt. vor Judica 1438 Rgſtr. VI. p. 394; ebendaf. die Schr. des HM. an die Königin Eliſabeth u. an Kaspar Slick. 2) Vachem Chronolog. der HM. S. 45 — 46 hat hier vielfäl⸗ tige Irrthuͤmer in der Chronologie. Heinrich von Buckenvorde oder Bockenvorde, genannt Schungel, folgte dem in der Schlacht gegen die Litthauer gefallenen Meiſter Franz v. Kerßdorf noch im J. 1435; er ſtarb aber nicht erſt 1438, ſondern ſchon im Decemb. 1437; vgl. Index Cvrpor. historie. diplom. Livoniae T. I. p. 298. 304. 351. VII. 45
Scanseite 719 · Druckseite 706
706 Streit des HM. mit dem Deutſchmeiſter. (1438.) gaben daher dem Hochmeiſter einmuͤthig den Rath: er moͤge den Biſchof von Ermland erſuchen, beim Deutſch⸗ meiſter die Zuruͤcknahme der Vorladung des Hochmeiſters zu bewirken und ein General⸗ Kapitel in Preuſſen vor⸗ zuſchlagen, wo alles, was einer Verbeſſerung bedürfe, in Berathung gezogen werden ſolle, um das Zerwuͤrfniß im Orden zu beendigen. Bald darauf gingen auch als Sendboten der Ordenstreſſler Eberhard von Weſenthau und der Komthur von Althaus Konrad von Erlichshauſen mit dem Auftrage an den Deutſchmeiſter, ihn im Namen ſaͤmmtlicher Gebietiger zu einem Kapitel einzuladen, wo in friedlicher Berathung erwogen werden ſollte, wie die Zwietracht im Orden ausgeglichen und durch eine gruͤnd⸗ liche Verbeſſerung aller Maͤngel und Gebrechen den For⸗ derungen Genuͤge geleiſtet werden koͤnne. Die Sendboten ſollten dem Deutſchmeiſter vorſtellen, daß der Hochmeiſter bereits feinen Gebietiger⸗ Rath geändert habe, zum Be⸗ weiſe, daß es ihm Ernſt ſey, etwanigen Mißbraͤuchen ab⸗ zuhelfen; 2) wenn jener die Einladung nach Preuſſen aber nicht annehme, ſo ſollten ſie ihn auffordern, ſelbſt einen Ausweg zum Frieden in Vorſchlag zu bringen oder ihm einen Berathungstag in der Neumark beſtimmen. Ver⸗ werfe er aber dieſes alles, ſo ſollten ſie in aller Gebie⸗ tiger Namen ihm erklären: da man erkenne, daß die Schuld des Unfriedens nicht am Hochmeiſter liege, ſo ſey man entſchloſſen, forthin treu und feſt zu ihm zu halten und alles mit ihm zu dulden, es moͤge Gedeihen oder Verderben daraus erfolgen.“ Das alles geſchah. Allein der Deutſchmeiſter erwiederte: nach Preuſſen zu 1) Schr. des Landmarſchalls von Livland an d. HM. d. Riga am Neujahrstage 1438 Schbl. IV. 43. 2 2) Schr. des Erzbiſchofs v. Köln an den HM. d. Poppelsdorf Donnerſt. nach Pfingſt. 1438 Schbl. V. 39; er billigt die Veranderung im Gebietiger⸗Nath. 3) Eredenzſchreiben des HM. für die Sendboten, d. Elbing am T. Priſck 1438 Ngſtr. VI. p. 383; die ihnen ertheilte Inſtruction Schl. 99.
Scanseite 720 · Druckseite 707
Streit des HM. mit dem Deutſchmeiſter. (1438) 707 kommen, ſey unnuͤtz; er ſey oft dort geweſen ohne ſon⸗ derlichen Erfolg; es bleibe bei dem, was im Kapitel zu Frankfurt beſchloſſen ſey und wozu er von Amts wegen die Macht habe; er habe den Hochmeiſter auf ein Ka⸗ pitel vorgeladen und dem muͤſſe dieſer folgen; mit den Parteien in Preuſſen habe er nichts zu ſchaffen, denn die Lande zu Franken, Baiern und Schwaben ſeyen ebenſo drei Beſitzungen des Ordens, wie die andern u. ſ. w.“ Alſo kehrten die Sendboten ohne Erfolg zuruͤck. Da aber jetzt der Hochmeiſter keinen Ausweg zu friedlicher Vergleichung mehr uͤbrig ſah, ſo berief er im Haupthauſe ein Kapitel ſeiner wichtigſten Gebietiger, wo nach gemein⸗ ſamen Rath und Beſchluß der Deutſchmeiſter feines Am⸗ tes entſetzt ward, weil er ungehorſam auf des Hochmei⸗ ſters Ladung zu einem Kapitel nicht erſchienen fiy. Der Schritt geſchah, wie es hieß, „von paͤpſtlicher Macht und erſter Einſetzung und Stiftung des Ordens.“ Alsbald wurden der Komthur von Graudenz und Andreas Ruperti Pfarrer zu Thorn nach Deutſchland geſandk mit dem Befehle, alle Ordensbruͤder von Eid und Gehorſam gegen den Deutſchmeiſter zu entbinden, und mit der Aufforde⸗ rung an alle dortige Landkomthure und Komthure, aus ihrer Mitte zwei Gebietiger nach alter Gewohnheit zu er⸗ wählen, von denen der Hochmeiſter einen als Deutſch— meiſter beſtaͤtigen werde. Der Hochmeiſter indeß taͤuſchte fi), wenn er geglaubt hatte, durch dieſen Schritt dem zu Mergentheim anberaumten Ordenskapitel entgegen zu wirken; denn es fand nicht nur bei ſehr zahlreicher Ver⸗ ſammlung der Gebietiger Statt, ſondern die Satzungen — 3) Bericht der Sendboten über die Antwort des Deutſchmeiſters (nicht ganz vollſtändig) Schbl. 99. 2) Die Urkunde des HM., wodurch er die Abſetzung des Deutſch⸗ meiſters zur offentlichen Kenntniß brachte, d. Mar. Donnerſt. nach Oſtern 1438 Schbl. 99. 5; ſie iſt leider großen Theils durch Moder ſo ver⸗ dorben, daß nur noch einiges vom Inhalte zu entziffern iſt. 3) Der HM. gab ſpaͤter in einem Schr. an den Ordensprocurator 1439 (Schbl. XX. 25) dem Biſchof von Ermland Schuld, durch ſeine 425
Scanseite 721 · Druckseite 708
708 Zwieſpalt im Orden in Livland. (1438.) Werners von Orſeln wurden, nachdem fie allen Verſam⸗ melten zur Kenntniß gebracht und der Deutſchmeiſter alle Vergehungen des Hochmeiſters, deſſen Eidbruch, die vier erwähnten Friedensartikel und andere Geſetzwidrigkeiten oͤffentlich dem Kapitel vorgelegt hatte, in voller Kraft und Gültigkeit anerkannt,“ alſo daß nun nicht mehr bloß der Hochmeiſter und der Deutſchmeiſter, ſondern ſammtliche Gebietiger in Preuſſen und Deutſchland in Zwietracht wider einander fanden, ” Mittlerweile aber war auch unter den Gebiefigern Livlauds Zwieſpalt und Feindſchaft erwacht. Durch frucht⸗ loſe Unterhandlungen mit dem Großfuͤrſten Sigismund wegen Ausloͤſung der Gefangenen lange hingehalten, konn⸗ ten dort die Gebietiger erſt wenige Wochen vor Oſtern zur Wahl eines neuen Meiſters ſchreiten.“ Da nad) als tem Herkommen jeder Zeit zwei gewaͤhlt werden mußten, deren einen der Hochmeiſter dann zu beſtaͤtigen pflegte, fo traf dießmal die Wahl der Rheinlaͤnder den Vogt von Jerwen Heinrich von Nothleben, die der Weſtphalen da⸗ gegen den Vogt von Wenden Heidenreich Finke von Over⸗ berg und von beiden Theilen gingen Sendboten an den Hochmeiſter, um die Beſtaͤtigung einzuholen. Weil indeß die ſtaͤrkere Partei der Weſtphalen ſchon im voraus erklaͤrte, ſie werde, wenn der Hochmeiſter den von ihr Erwaͤhlten nicht beflätige, den andern nicht als Meiſter anerkennen, ſo kam man nach manchen Verhandlungen endlich darin überein: der Beſtaͤtigte folle von beiden Parteien als Mei⸗ S Keuferungen Anlaß gegeben zu haben, daß man ſich um die Abſetzung des Deutſchmeiſters nicht weiter gekuͤmmert habe. 1) Das uͤber das Kapitel abgeſaßte Protokoll, d. Sonnt. Cantate 1438 in Jaeger Cod. diplom. Ordin. Teut. s. an. 1438. 2) Nach einem Schr. mehrer Gebietiger an den Landkomthur v. Elſaß, d. Elbing Mittw. nach Frohnleichn. 1438 Schbl. XX. 1. ſcheint dieſer Landkomthur allein auf dem Kapitel zu Mergentheim die Partei des HM. genommen zu haben. 4 3) Schr. des Landmarſchalls v. Livland an den HM, d. Riga Freit. nach Dorothea 1438 Schbl. IV. 45.
Scanseite 722 · Druckseite 709
Zwieſpalt im Orden in Livland. (1438.) 709 ſter anerkannt werden, der Nichtbeſtaͤtigte aber Landmar⸗ ſchall ſeyn und alle Übrigen Aemter ſollten beiden Par: teien in gleicher Zahl zufallen. So ward es verbrieſt und beſiegelt. Da ſandte der Hochmeiſter, um in feinen Namen den FTuͤchtigſten als Meiſter zu beſtaͤtigen, zwei Gebietiger nach Livland zugleich mit einem für den kuͤnf⸗ tigen Meiſter entworfenen Statut, wodurch er allem Zwiſte im Orden vorgebeugt zu haben glaubte; fie ertheil⸗ ten dem Vogt Heinrich von Nothleben die hochmeiſterliche Beſtaͤtigung und die Rheinlaͤnder, ſowie die Nitterfchaft und die Staͤdte, durch ein Schreiben des Hochmeiſters ermahnt, nahmen ihn als Meiſter auf. Die Weſtpha⸗ len dagegen, jetzt erklaͤrend, daß ſie zu der ausgeſtellten Erklaͤrung gezwungen ſeyen, verweigerten die Anerkennung, verſagten dem neuen Meiſter den Gehorſam und beriefen ihrer Seits ein Ordenskapitel, um da eine neue Ent⸗ ſchließung zu faſſen. Da fie zugleich aber auch alle ihre Burgen ſtark bewehrten und bemannten, ſo ſtellte die zaghaftere Portei der Rheinlaͤnder, ein noch größeres Zer⸗ wuͤrfniß beſorgend, ein Appellations⸗Inſtrument an ein kuͤnftiges General⸗ Kapitel aus und ernannte einſtweilen Heidenreich Finke von Overberg zum Statthalter des Or⸗ dens. Alſo ſtand nun auch hier alles in Zwietracht gegen einander. Am meiſten aber beſorgte der Hochmeiſter, daß die Unzufriedenen ſich an den Deutſchmeiſter wenden und mit ihm gegen den Orden in Preuſſen gemeinſchaftliche Sache machen wurden, denn wenn auch der vorige 1) Vollmacht für den Komthur v. Elbing Heinrich Reuß von Plauen und den Komthur v. Ragnit Hans v. Schauenburg, d. Elbing Donnerſt. nach Oſtern 1438 Rgſtr. VI. p. 41J. Das Statut für den neuen Mei⸗ ſter, d. Mar. Dienſt. zu Oſtern 1438 Schbl. IV. 46. Es heißt auch hier: Wenn eyn Meiſter iſt von cyme teile, das denne eyn landmar⸗ ſchalk jo ſey vom andern teile. 2) Schr. des HM. an die Ritter, Knechte u. Städte in Livland, d. Mar. Donnerſt. nach Oſtern 1428 Rgſtr. J. p. 412. 3) Schr. des Großkemthurs und ber übrigen Nathsgebietiger an den Landkomthur v. Elſaß, d. Elbing Mittw. nach Corpor. Chr. 438
Scanseite 723 · Druckseite 710
710 Berhätiniffe zu den Nachbarfürften. (1438.) Meiſter von Livland die bereits ſchon im vorigen Jahre erfolgte Aufforderung des Deutſchmeiſters und deſſen Ge⸗ bietiger, mit ihnen gemeinſchaſtlich beim Hochmeiſter die Abſtellung und den Widerruf der vier erwaͤhnten Friedens⸗ artikel zu bewirken, zuruͤckgewieſen, ſie zur Ruhe und Eintracht ermahnt und die Entſcheidung einem General: Kapitel anheim geſtellt hatte, ſo war doch jetzt die Ge⸗ ſtalt der Dinge in Livland bei der Spaltung im Orden viel bedenklicher geworden.) Ueberdieß waren auch mit den Nachbarfuͤrſten noch keineswegs alle Mißverhaͤltniſſe ausgeglichen. Mit dem Großfuͤrſten von Litthauen dauerten die Unterhandlungen wegen Auslöfung der Gefangenen noch immer fort und es war ſo wenig Ausſicht zu einer gegenſeitigen Ausglei⸗ chung, ? daß der Hochmeiſter ſich endlich genoͤthigt ſah, die Vermittlung des Koͤniges von Ungern dabei in An⸗ ſpruch zu nehmen, „denn, ſchrieb er dieſem, der Fuͤrſt iſt ein gar ſeltſamer Herr, mit dem uͤbel zu teidingen und zu verhandeln iſt.““ Allein es ging noch eine lange Zeit vorüber, ohne daß die aͤrgerlichen Verhandlungen zu irgend einem Grfolg gelangten.) Mit Polen hatte das Han⸗ delsintereſſe neuen Streit angeregt. Der Koͤnig naͤmlich beſchwerte ſich, daß den Kaufleuten ſeines Reiches bei ihrem Handelsverkehr nach Preuſſen und beim Transport ihrer Produkte zum Seehandel von den Ordensbeamten Schbtl. XX. 1. Das Schreiben iſt um fo wichtiger, weil es die Streits ſache in Livland vollig aufklaͤrt. 1) Schr. des Meiſters v. Livland an den Deutſchmeiſter, d. Riga Sonnt. nach Frohnleichn. 1437 Schbl. XX. 2. 2) Schr. des HM. d. Mar. Mont. nach Invocavit 1438 Rgſtr. VI. p. 391. Schr. Sigismunds an d. HM. d. Berſti Mittw. nach Verkünd. Mariä 1438 Schbl. XVI. 52. 3) Schr. des HM. an den König v. Ungern, d. Mar. Sonnt. Quaſimodogen. 1438 Rgſtr. VI. p. 415. 4) Schr. des Großfuͤrſten Sigismund an den HM. d. Traken Sonnt. nach Philippi u. Breſtiani (2) Dienſt. vor Pfingſt. 1438 Schbl. XVI. 51. XVII. 145.
Scanseite 724 · Druckseite 711
Berhältniffe zu den Nachbarfuͤrſten. (1438.) 711 große Schwierigkeiten in den Weg gelegt und oft auch bedeutender Schade zugefügt werde, während er für feine Unterthanen doch auf dieſelbe Handelsfreiheit Anſpruch machen zu duͤrfen glaubte, wie er ſie denen des Ordens in ſeinem Reiche geſtattete. 2 Darin ſtimmte nun aller⸗ dings der Hochmeiſter mit dem Koͤnige uͤberein; allein er ging dabei von dem Grundſatze aus, daß das, was im Handel und Verkehr ſeinen Unterthanen verboten ſey, auch dem Auslaͤnder nicht erlaubt ſeyn duͤrfe, und weil er nun wegen Mißwachſes im vorigen Jahre und wegen zu beſuͤrchtender Theuerung und Hungersnoth die Getreideaus⸗ fuhr hatte verbieten müſſen, fo konnte er auch den Polen nicht geſtatten, das von ihnen aufgekaufte Getreide uͤber See auszuführen.) Das nahm der König ſchon uͤbel auf. Dazu kamen bald mißtrauiſche Gedanken uͤber die Unterhandlungen des Hochmeiſters mit dem Großfürften von Litthauen, hinter denen der Koͤnig allerlei geheime Plane verſteckt glaubte, alſo daß in kurzem zwiſchen ihm und dem Meiſter wieder eine große argwoͤhniſche Spannung eintrat. Mit den Herzogen von Maſovien walteten immer noch Graͤnzſtreitigkeiten ob und es kam dabei mitunter zu ſehr ernſten Erklärungen. ® Auch mit dem Markgrafen von Brandenburg entſpannen ſich neue Streithändel. Anlaß gab ein Naubeinfall eines Lehens⸗ mannes des Markgrafen, des Grafen von Lindau zu Rep: 1) Schr. des Koniges an d. HM. d. Cracovie feria II post domin. Reminise. 1438 Schbl. XXIV. 27. Schr. des Biſchofs v. Leſlau an den HM. d. WIadislavie feria II post domin. Oculi 1438 Schbl. LXVI I. 72. N 2) Schr. des HM. an den König v. Polen, d. Mar. Mittw. nach Lätare 1438 Ngſtr. VI. p. 113. Der HM. ſchlug dem Könige feine Bitte zum zweitenmale ab; Schr. an den Konig, d. Stuhm Mont, nach Quaſimodogen. 1438 Naſtr. II. P. 116. 3) Schr. des HM. an den Großfuͤrſten Sigismund, d. Elbing Mont, nach Corpor. Chriſti 1438 Rgſtr. VI. p. 118. 4) Schr. des HM. an die Herzoge v. Maſovien, d. Mar. Freit. nach Viſitat. Maria 1438 Ngſtr. VI p 119. 122.
Scanseite 725 · Druckseite 712
712 Verhaͤltniſſe zu den Nachbarfuͤrſten. (1438.) pin in die Neumark, wobei es, da ihm der Vogt eiligſt begegnete, zu einem blutigen Gefechte kam. So unbedeu⸗ tend indeß das Ereigniß an ſich war, ſo wichtig ward es dem Hochmeiſter durch die Nachricht: der Markgraf ſelbſt ſey der Anſtifter; er ſuche argliſtig den Orden zu gleichen Gewaltthaͤtigkeiten aufzureizen, um dann Urſachen zum Kriege und zur Eroberung der Neumark zu finden.) Und in der That blieben auch alle Klagen des Hochmei⸗ ſters uͤber die Frevelthat beim Markgrafen erfolglos; man zog die Sache mit Abſicht in die Lange,? bis endlich der letztere mit der Gegenklage auftrat: der Vogt der Neumark habe gegen alles Recht den Plan gefaßt, ſeinem Schloſſe Santoch gegenüber eine Feſte zu erbauen und von dort aus die Mark zu uͤberziehen. Obgleich der Meiſter offen erklaͤrte: der Aufbau dieſer Feſte beziele durchaus nichts weiter als nur die Sicherheit des Ordensgebietes, ſo dauerte die mißtrauiſche Spannung zwiſchen beiden Fuͤrſten doch fort“) und ihre Streithaͤndel zogen ſich auch noch in die folgenden Jahre hinein. ® Sah nun aber der Hochmeiſter von dieſen unerfreuli⸗ chen Verhaͤltniſſen nach außenhin auf die innere Lage feis nes Landes, fo begegneten ihm nicht ſelten Ereigniſſe, die ſeinen Blick in die Zukunft keineswegs erheitern konn⸗ — 1) Schr. des Vogts der Neumark an den HM. d. Königsberg Dienft. nach Scholaſtica 1438 Schbl. XII. 109; der Vogt ſpricht die obenangedeutete Abſicht des Markgrafen ganz offen aus. 2) Schr. des HM. an d. Markgr. v. Brandenburg, d. Preuſſiſch⸗ Mark Mittw. vor Cathedra Petri 1438 Rgſtr. VI. p. 389. Schr. deſ⸗ ſelben an Haſſe von Bredow, Statthalter des Markgr. d. Stuhm Sonnab. vor Judica 1438 ebend. p. 400. Schr. dieſcs letztern an den HM. d. Tangermünde Oſterabend 1428 Schbl. XIII. 99. 100. Andere Schr. hierüber Rgſtr. VI. p. 441. 449. Schbl. XII. 111. 3) Schr. des HM. an den Markgr. v. Brandenburg, d. Mar. am T. Nativit. Maria 1433 Ngſtr. VI. p. 449. 4) Schr. des Biſchofs Peter von Leubus an den HM. d. Finſter⸗ walde am S. Marcus⸗ Doge 1439 Schbl. XII. 17.
Scanseite 726 · Druckseite 713
Verhaͤltniſſe im Innern bes Landes. (1438.) 713 ten. So gerieth im Sommer dieſes Jahres im Kulmer⸗ lande eine Zeitiang alles in Gaͤhrung und Bewegung. Es hatten ſich dort eine Anzahl Ritter und Knechte zu einer Berathung verſammelt, um ihre Handſeſten gegen gewiſſe Anforderungen der Herrſchaft zu vertheidigen. Sey es daß das Unerlaubte ſolcher Verſammlungen unter dem Volke zur Sprache kam oder daß manches kuͤhne und nachdruͤckliche Wort über die Gebrechen der Landesverwal⸗ tung unter den Verſammelten ſelbſt bald Beſorgniſſe er= regte: kurz es verbreitete ſich ploͤtzlich das Gerücht: der Ordensmarſchall ſey mit bewaffneter Mannſchaft im An⸗ zuge, um auf des Meiſters Befehl die Verſammelten zu uͤberfallen und gefangen zu nehmen. Alle ergriffen eiligſt die Flucht theils nach Kulm, theils nach Thorn, um da die Buͤrger zu ihrer Rettung aufzurufen. Es wurden wirklich ernſtliche Maaßregeln ergriffen; allein ſie zeigten ſich bald unnoͤthig. Ob wirklich ein ernſter Schritt von Seiten des Ordens gegen den unruhigen Adel im Kul— merlande vorbereitet geweſen ſey, iſt ungewiß. Sobald jedoch der Meiſter von der Sache benachrichtigt ward, eilte er, der Ritterſchaft und den beiden Staͤdten die Verſicherung zu geben: es ſey ihm nie in den Sinn ge— kommen, einen Befehl der Art zu ertheilen; nur Verraͤ⸗ ther und boͤswillige Menſchen könnten das Gerücht erfonz nen haben; aber es ſchmerze ihn tief, daß man ſolchen mehr Glauben und Vertrauen ſchenke, als ſeinen ſo oft gegebenen Verſicherungen, daß er es nicht anders als gut mit ſeinen Unterthanen meine. Der Hochmeiſter ſah alſo in dem Ereigniſſe ſelbſt einen neuen Beweis, wie ſehr bereits des Vertrauen zur Landesherrſchaft geſunken ſey.“ Auch in Danzig waltete noch immer der alte unzufriede⸗ ne und unruhige Geiſt. Er brach laut gegen den dorti⸗ I) Wir haben über dieſe Sache wenig Nachricht; den meiſten Aufſchluß giebt das Schr. des HM. an die Kulmer (Ritter u. Knechte und an die Städte Kulm u. Thorn), d. Sobbowitz Sonnab. nach Vincula Petri 1438 Rgſtr. VI. p. 446.
Scanseite 727 · Druckseite 714
714 Streit des HM. mit den Livl. u. dem Deutſchm. (1438. gen Bärgermeifter Heinrich Vorrath aus, als dieſer von einer Sendung nach England zuruͤckkehrend den Abſchluß gewiſſer Handelsartikel mitbrachte, die im Auftrage des Hochmeiſters und der Staͤdte Preuſſens abgeſchloſſen den Handel zwiſchen England und Preuſſen mehr ordnen ſoll⸗ ten. Man war in Danzig aber mit ihrem Inhalte fo unzufrieden, daß man nicht nur ihre Beſtaͤtigung von Seiten der Stadt verweigerte, ſondern geradezu ihre Zu⸗ rücknahme verlangte, indem man behauptete, der Buͤrger⸗ meiſter ſey vom Koͤnige und Parlament zum Abſchluſſe der Artikel beſtochen worden und die Gaͤhrung im Volk ging bald ſo weit, daß er kaum noch ſeines Lebens ſicher war.) Da vollguͤltige Zeugniſſe feine Unſchuld bald er⸗ wieſen, ſo war klar, daß der unzufriedene Geiſt der Bür⸗ gerſchaft an ihm nur Anlaß geſucht hatte, oͤffentlich her⸗ vorzutreten. Ueberall alſo Mißtrauen und Unftiede in den aͤu⸗ fern Verhaͤltniſſen, Gaͤhrung und Ungehorſam im In⸗ nern; ſo war die Lage des alten Meiſters in jeder Wei⸗ ſe verzweifelungsvoll. Da aber die unheilvolle Spaltung im Orden ſelbſt die Gefahr des ſchwerdrohenden Sturmes mit jedem Tage noch ſteigerte, ſo ſchien nichts nothwen⸗ diger, als vor allem das am Herzen des Ordens ſelbſt nagende Uebel durch ein wirkſames Mittel zu heilen, denn die Rettung ſchien unmöglich, wenn unter ſolchen Zuſtaͤnden von außenher ein Sturm gegen den Orden hereinbrach. Und doch wie die Sache ſich in Livland ge⸗ ſtaltet, ſo ſchien eine Ausgleichung der Parteien dort kaum noch denkbar, denn ſie traten ſich dort faſt jeden Tag noch ſchaͤrfer und feindlicher gegenuͤber. Den Landmar⸗ 1) Schr. des Heinrich Vorrath an den HM. d. Danzig Dienſt. vor Stanislai 1438 Schbl. XXXIV. 30. 2) Schr. des Propſtes Franko Keddeken an den HM. d. am 9. Juli 1438 Schbl. XXXIII. 123; er rechtfertigt den Buͤrgermeiſter ges gen alle Anklagen und ſpricht ihn namentlich von aller Beſtechung vol lig frei.
Scanseite 728 · Druckseite 715
Streit des HM. mit den Livl. u. dem Deutſchm. (1438.) 715 ſchall und ſeine Partei hatte die Leidenſchaft ſchon dahin getrieben, daß er eine Botſchaft an das Concilium zu Baſel, an den Koͤm. König und die Kurfürften ſenden, den Hochmeiſter auf Grund der Statuten Werners von Orſeln des Ungehorſams anklagen und wo möglich be⸗ wirken wollte, daß die kaiſerliche Acht gegen ihn verfügt werde, denn auch er nahm es jetzt, vom Deutſchmeiſter gewonnen, als ſeine Sache auf, daß der Hochmeiſter den Statuten nicht Folge leiſten wollte.) Weil man aber dort im Ungehorſam gegen den Meiſter Schritt vor Schritt weiter ging, bereits an einer Verbindung der widerſpen⸗ ſtigen Partei mit den Landesbiſchoͤfen gearbeitet und ein Berathungstag zu Pernau anberaumt wurde, um da nach Verwerfung der erſt vor kurzem vom Hochmeiſter gegebe⸗ nen Beſtimmungen über die Verwaltung neue Beſchluͤſſe zu faſſen, da alſo alles ſchon mehr und mehr auf eine völlige Losfagung vom Hochmeiſter hinzuzielen ſchien, ? fo beſchloß dieſer jetzt, von ſeiner Macht als Oberhaupt des Ordens Gebrauch zu machen und „bei paͤpſtlicher Gewalt, erſter Satzung des Ordens und bei dem Gehorſam, dem man ihm ſchuldig ſey,“ der widerſtrebenden Partei den ernſtlichſten Befehl zur Anerkennung des von ihm beſtaͤ⸗ tigten Meiſters Heinrich von Nothleben zuzufertigen.“ Sofern ſie dem aber nicht nachkommen werde, war der Hochmeiſter zu Gewaltmaaßregeln durch bewaffnete Macht entſchloſſen, die in Livland einruͤcken, die wichtigſten Lan⸗ desburgen beſetzen, ſich dann auch der widerſpenſtigen Partei bemaͤchtigen und dieſe zum Gehorſam zwingen ſollte; und bei des Landmarſchalls trotzigfeſtem Character 1) Schr. des Komthurs v. Goldingen an d. HM. d. Goldingen Freit. nach Frohnleichn. 1438 Schbl. XX. 12. 2) Schr. des Komthurs v. Goldingen an d. HM. d. Goldingen am T. Johannis 1438 Schbl. XX. 7. 3) Der Entwurf zu dem Befehle, d. Dolſtädt am Abend Viſitat. Maria 1438 Schbl. XX. 9. Er ſcheint aber nicht vollfuͤhrt zu ſeyn, denn außen ſteht: non scribalur, sed reponatur.
Scanseite 729 · Druckseite 716
716 Streit des HM. mit den Livl. u. dem Deutſchm. (1438. und unbeugſamen Willen würde es offenbar zum Blut⸗ vergießen gekommen ſeyn, Y wenn nicht der als Livlaͤn⸗ diſcher Meiſter bereits beſtaͤtigte Heinrich von Nothleben aufs entſchiedenſte von allen Gewaltſchritten abgerathen und dringend gebeten haͤtte, die nochmalige Beſtaͤtigung eines Meiſters bis zum naͤchſten General: Kapitel anſtehen zu laſſen; zumal da zu befuͤrchten war, daß leicht das ganze Land in die Fehde und Zwietracht mit hineingeriſ⸗ ſen werden koͤnne. Was aber den Hochmeiſter beſonders ſcheu machte, war die Nachricht, daß aus dem Kulmer⸗ lande und aus dem Gebiete von Oſterode eine Botſchaft nach Livland gezogen ſey, man wußte nicht zu welchem Zwecke.) Ueberdieß hatte auch der von den Staͤnden Liv⸗ lands zu Pernau gehaltene Landtag einen ganz andern Erfolg, als der Landmarſchall erwartet; denn ſaͤmmtliche Stände erklaͤrten einmüthig, dem Hochmeiſter treu und gehorſam bleiben und dem von ihm beſtaͤtigten Meiſter huldigen zu wollen, alſo den Vogt zu Jerwen Heinrich von Nothleben und keinen andern als ihren Meiſter anzu⸗ erkennen, doch dergeſtalt daß man zunaͤchſt alles der wei⸗ tern Beſchließung eines kuͤnftigen General⸗Kapitels ans heim geſtellt ſeyn laſſen wollte. So ſprachen ſich auch die Lande Harrien und Wierland, die Stadt Reval und mehre andere aus. Bereits aber hatte in Deutſchland und uberall die unheilvolle Spaltung und Zwietracht im Orden die all⸗ 1) Schr. des Komthurs v. Goldingen an d. HM. d. Goldingen am T. Marid Magdal. 1438 Schbl. XX. 13. Daß es dem HM. Ernſt war, mit den Waffen einzuſchreiten, geht auch aus einem Schr. des Großfürsten Sigismund an d. HM. d. Traken Mittw. vor Bar⸗ tholom. 1438 Schbl. XVII. 146 hervor. 2) Schr. des Vogts v. Jerwen, d. Pernau am Abend Jacobi 1438 Schbl. IV. 44. 3) Schr. des Komthurs v. Memel, d. Grobin Mittw. vor Petri Vincula 1428 Schbl. XX. 18. Schr. der Ritter und Knechte v. Har⸗ rien und Wierland an d. HM. d. am T. Himmelf. Mariä 1438 Schel. XX. 16.
Scanseite 730 · Druckseite 717
Streit des HM. mit den Livl. u. dem Deutſchm. (1438.) 717 gemeinſte Theilnahme erregt. Allenthalben ſprach ſich die allgemeine Meinung zu Gunſten des Hochmeiſters aus. Der Erzbiſchof von Köln wirkte mit allem Eifer fuͤr eine guͤtliche Beilegung des Streites, beſonders mit dem Deutſchmeiſter.“ Im Concilium zu Baſel fand der hoch⸗ meiſterliche Sachwalter die angeſehenſten Kardinale und andere hohe Geiſtliche dem Orden in Preuſſen theils ſchon geneigt, theils wurden ſie für ihn durch eine ange⸗ meſſene Darſtellung aller Verhaͤltniſſe neu gewonnen, bevor noch die Geſandtſchaft aus Livland dort anlangte. ? Am entſchiedenſten aber erklaͤrte ſich der Papſt. Schon im vorigen Jahre hatte er in einer Bulle dem Deutſch⸗ meiſter nicht nur ſeine Mißbilligung zu erkennen gegeben, daß er es unter dem Vorwande eines Jurisdictionsrechtes uber den Hochmeiſter gewagt habe, dieſen zur Verant⸗ wortung vorzuladen, ſondern auch die Gultigkeit der Sta⸗ tuten Werners von Orſeln und das daraus gefolgerte Ju⸗ risdictionsrecht geradezu beſtritten, weil ja allbekannt fey, daß ein Hochmeifter keinem andern als nur dem Roͤm. Stuhle im Gerichte unterworfen ſey; er hatte ferner alle dem Hochmeiſter in Beziehung auf den Frieden mit Po⸗ len angeſchuldigten Vergehungen und alle vorgeblichen Ur⸗ ſachen der Unzufriedenheit über deſſen Verfahren für durchaus nichtig erflärt und alles zweckmaͤßig und gut geheißen, was von ihm zur Befeſtigung des Friedens ge⸗ ſchehen war; und endlich war damals ſchon der Deutſch⸗ meiſter von ihm aufs nachdruͤcklichſte ermahnt worden, den Hochmeiſter in keiner Weiſe forthin mehr zu belaͤſti⸗ gen, vielmehr ſich mit ihm zu verſoͤhnen, ihm den ſchul⸗ digen Gehorſam und die gebuͤhrende Achtung zu erweiſen 1) Schr. des HM. an den Erzbiſchof v. Köln, d. Mar. Mont. vor Dominici 1438 Rgſtr. VI. p. 447. Schr. des Statthalters Heiden⸗ reich Finke an den Erzbiſchof v. Köln, d. Riga am T. Himmelf. Mariä. 1428 Schbl. XX. 17. 2) Schr. des Ordensbruders Johannes von Aſt an d. HM. d. Bafıl Donnerſt. vor Laurentii 1438 Schl. II. 29.
Scanseite 731 · Druckseite 718
718 Streit des HM. mit den Livl. u. dem Deutſchm. (1438.) oder etwanige gerechte Klagen über ihn an den Roͤm. Stuhl zu bringen. Der Papſt hatte alle Schritte, wel⸗ che der Deutſchmeiſter bis dahin ſchon gethan hatte oder ins kuͤnftige in dem Streite noch thun werde, für durchs aus ungültig und kraftlos erklaͤrt.“ Allein der Deutſch⸗ meiſter hatte bisher dieſen Ermahnungen kein Gehör ges geben, keck behauptend, die Bulle ſey erſchlichen und ohne des Papſtes Wiſſen ausgefertigt. Da erließ der Papſt im Fruͤhling dieſes Jahres eine neue Bulle, den Deutſch⸗ meiſter noch einmal mit ſchaͤrfſtem Ernſte zum Frieden er- mahnend. In einer andern aber an den Biſchof von Ermland ſprach er ſeinen großen Unwillen und Schmerz uͤber die Ereigniſſe in Livland, die mit Verachtung des hochmeiſterlichen Anſehens geſchehene Verwerfung des von ihm beſtaͤtigten Meiſters und uͤber die Geringſchaͤtzung der Satzungen des Ordens aus. Da er ſelbſt Gefahr fuͤr das fernere Beſtehen des Ordens befuͤrchtete, ſofern die innere Zwietracht und die Auflehnung gegen den Hoch⸗ meiſter nicht mit ernſtem Nachdruck und ſtrengſter Ahn⸗ dung unterdruͤckt werde, ſo ertheilte er dem Biſchofe den Auftrag, die Parteien noch einmal mit gebieteriſchem Ernſte zur friedlichen Einigung zu ermahnen und zur Ruhe zu verweiſen; wenn es aber trotz dem nicht zu ei⸗ ner Ausgleichung und zum Frieden komme, mit Beiſeit⸗ ſetzung aller Rechtsfoͤrmlichkeiten, nur nach alleiniger Er⸗ mittlung des wahren Thatbeſtandes über die obwaltenden Streitpunkte einen endlichen Beſcheid zu geben und fo den Parteien Recht widerfahren zu laſſen, den Wider⸗ ſpenſtigen aber und Unfriedfertigen nebſt ihren Anhaͤngern eine beſtimmte Friſt zu ſtellen, binnen welcher ſie ihren Zwiſt beilegen und den vom Hochmeiſter beftätigten Mei⸗ ſter anerkennen und ihm Gehorſam leiſten ſollten. Die Unfolgfamen ſolle er ohne weiteres durch nachdrüͤckliche 1) Die an den Deutſchmeiſter gerichtete Bulle, d. Bononie a. 1437 duodecimo Cal. Februar, p. u. a. seplimo Schl. XI. b.
Scanseite 732 · Druckseite 719
Streit des HM. mit den Livl. u. dem Deutſchm. (4438.) 719 Kirchenſtrafen zur Ruhe bringen, noͤthigenſalls ſelbſt mit Hülfe des weltlichen Armes. Alle etwanigen Verbindun⸗ gen zwiſchen Eberhard von Sanusheim und den Livlaͤndern, wodurch des Hochmeiſters Anſehen und der Gehorſam gegen ihn beeinträchtigt werde, ſolle der Biſchof für aufgeloͤſt und nichtig erklaͤren, ſelbſt wenn ſie mit Eiden befeſtigt ſeyen, weil ſolche Eide nur zum Verderben des Ordens gereichen würden, ® Das Wort des Papſtes war allerdings nicht ohne Wirkung geblieben, denn in Livland war ohne Zweifel die auf dem Tage zu Pernau fuͤr den Hochmeiſter guͤn⸗ ſtig ausgeſprochene Stimmung ihr Erfolg, und beim Deutſch⸗ meiſter hatte ſie den Entſchluß erzeugt, ſich nach Preuſſen zu begeben, um auf einem General-Kapitel eine Aus⸗ gleichung zu verſuchen. Allein trotz aller Bemuͤhungen des Biſchofs von Ermland zu einer völligen Ausſöhnung ſtellten ſich doch neue Hinderniſſe entgegen. Der Deutſch⸗ meiſter fand den ihm zugeſandten ſichern Geleitsbrief nicht nur in jeder Beziehung ungenügend, ſondern fuͤr ſeine Ehre auch beleidigend, weil ihn der Hochmeiſter darin als abgeſetzten Gebietiger von Deutſchland bezeichnet hat⸗ te. Er ſchrieb ſelbſt die Form und Faſſung und uͤber⸗ haupt eine Reihe von Bedingungen vor, unter denen al⸗ lein er ſich in Preuſſen einfinden wollte und von wel⸗ chen nicht ein einziges Wort veraͤndert werden ſollte. Dieß alles haͤtte ihm nun zwar bewilligt werden koͤnnen; allein in ſeiner Sprache und in ſeinem ganzen Benehmen gegen den Hochmeiſter trat noch ein Mißtrauen, ein Uebermuth und Trotz hervor, der in keiner Weiſe eine Ausgleichung erwarten ließ. ? Und da man überdieß im 1) Die Original⸗Bulle an d. Biſchof v. Ermland, d. Florentie a. 1438 Jeeimo seplimo Cal. April. p. n. a. nono Schbl. XI. 7. Ein Auszug bei Kotzebue B. IV. S. 243 — 3443 es wird hier aber unrichtig angenommen, die Bulle ſey an den HM. gerichtet. 2) Schr. des Deutſchmeiſters an den Biſchof von Ermland, d. Storberg Sonnt. nach Aſſumt. Marid 1438 Schbl. 99. 8. Das ihm zugeſandte Geleite nennt er „gar ein ſchlecht geleyte des Homeiſters,
Scanseite 733 · Druckseite 720
720 Streit des HM. mit den Livl. u. dem Deutſchm. (1438.) Concilium zu Baſel bereits damit umging, den Papſt Eugenius, den bisherigen Beſchüͤtzer des hochmeiſterlichen Anſehens, ſeiner Wuͤrde zu entſetzen, der Deutſchmeiſter aber immer wieder auf die Behauptung zurück kam, die paͤpſtlichen Bullen ſeyen erſchlichen, und da es ihm durch einige hohe Gönner im Concilium ſogar gelang, auf ges heimen Wegen eine Beſtaͤtigung der Statuten Werners von Orſeln zu erhalten,“ fo ſchwand bald wieder alle Hoffnung zum Frieden. Mochte daher der Papſt dem Hochmeiſter immerhin verſprechen, er werde ihn gegen den Frevel des Deutſchmeiſters mit aller Kraft ſchuͤtzen und beſchirmen, mochte er es immer hoch Übel nehmen, daß dieſer feine bisherigen Bullen für nichtig erklaͤrte, moch⸗ ten endlich immerhin neue Bullen aus Rom kommen, die im firengftem Ernſt und Zorn zu ihm ſprachen:? Eberhard blieb unerſchuͤtterlich in feinem Vorſatze, ſich in keiner Weiſe zu demuͤthigen; denn der Papſt, das fah er bald, war nicht ſehr zu fürchten; vielmehr ſtanden ihm ſelbſt noch zwei Stuͤtzen zur Seiten, die ihm in ſeiner Stellung Schutz und Halt geben konnten, die Livlaͤnder und der Roͤm. Koͤnig Albrecht. In Livland naͤmlich hatten ſich zwar die Bifchöfe, die Ritterſchaft und die Städte, laͤngſt unzufrieden uͤber die dem Lande ſo ſehr verderbliche Spaltung im Orden, 3 damede wir unverſorget ſin.“ Ueber dieſen Geleitsbrief ein Schr. des Landkomthurs v. Elſaß Ludwig von Lanſe an den Großkomthur, d. Stuttgart Dienſt. vor Aſſumt. Marid 1438 Schbl. 103, 18. Schr. des Biſchofs v. Ermland an den HM. d. Heilsberg Mittw. nach Na⸗ tivit, Mariä 1438 Schbl. LXVI. 113. 1) Die Beſtätigungsbulle des Conciliums über die Statuten, d. Basilee quarto Cal. Octobr. 1437 in Abſchrift Schbl. LXXI. 81. Schr. des Sachwalters Johann von Aſt an den HM. d. Baſel am T. Bartholom, 1438 Schbl. II. 28. 2) Schr. des Ordensprocurators Johannes Crewl, d. Ferrara am T. Aegidii 1438 Schbl. XX. 39 3) Schr. der Ritter, Knechte u. Städte Livlands an den Kom⸗ thur v. Danzig, d. Walk o. J. Schbl. VI. 9; ſie beſorgten eine form⸗ liche Trennung Livlands von Preuſſen.
Scanseite 734 · Druckseite 721
* Streit des HM. mit den Livl. u. dem Deutſchm. (1438.) 721 auf des Hochmeiſters Seite gewandt und den Beſchluß gefaßt, ſich jedem Unternehmen des Ordens, welches dem Lande Unruhe und Verderben bringen koͤnne,“ mit aller Macht zu widerſetzen; allein die Partei des Statthalters zeigte ſich nichts weniger als nachgiebig, zu: mal da der beſtaͤtigte Meiſter unter fo zwiſtigen Verhaͤlt— niſſen ſein Amt nicht einmal uͤbernehmen wollte. Auch die Vermittlung des edlen Herrn Gerhard Junker von Cleve, Grafen von der Mark, der auf einer Pilgerreiſe ins heil. Land begriffen, ſich von Preuſſen nach Livland begab, ? um eine Suͤhne einzuleiten, hatte keinen Ers folg, da man ihm erklaͤrte, daß ohne Theilnahme des Deutſchmeiſters kein Verhandlungstag mit dem Hochmei⸗ ſter Statt finden koͤnne. — Vielmehr bemaͤchtigte ſich der Statthalter Schritt vor Schritt durch Liſt und Gewalt einer Burg nach der andern, ſuchte auf Verſammlungs⸗ tagen durch lockende Verſprechungen einen Gebietiger nach dem andern für ſich zu gewinnen,“ beſtaͤndig mit der Forderung auftretend: der Hochmeiſter folle ein Generals Kapitel verſammeln, damit durch dieſes die Zwietracht im Orden beſchwichtigt, der rechtmaͤßige Meiſter von Liv⸗ land beſtaͤtigt und allen Gebrechen des Ordens durch neue Satzungen abgeholfen werde.) Dieſe Forderung aber, jetzt allerdings der geeignetſte Weg, auf dem allein die Herſtellung des Friedens im Orden noch moͤglich ſchien, 1) Schr. des Vogts von Roſſiten, d. Goldingen am T. Batholom. 1438 Schbl. XX. 19. 2) Schr. des HM. an den Großfuͤrſten v. Litthauen u. an Her⸗ zog Georg v. Rußland, d. Mar. am T. Jacobi 1438 Rgſtr. VI. p. 121. 3) Schr. Gerhards v. Cleve, Grafen von d. Mark, an den HM. d. Zabein (in Kurland) am Abend Bartholom. 1438 Schbl. XX. 36, 4) Das Specielle in einem Schr. des Vogts von Grebin an den Kom⸗ thur v. Memel, d. Goldingen Dienft. vor Bartholom. 1438 Schbl. XX. 8. 5) Sehr ausfuhrliche Nachrichten über alle Verhandlungen des Statthalters, des Biſchofs v. Kurland und des Grafen Gerhard von Cleve in einem Schr. des Biſchofs v. Kurland an d. HM. d. Pilten Freit. vor Acgidi 1438 Schbl. XX. 11. VII. 46
Scanseite 735 · Druckseite 722
722 Streit des HM. mit den Livl. u. dem Deutſchm. (1438.) fand bald überall, ſelbſt auch bei der Gegenpartei allge⸗ meine Billigung. Alſo traten bald darauf die Staͤnde des Landes zu einem Landtage zu Walk zuſammen, um dort des Landes gemeines Beſte zu berathen. Da er⸗ ging nach einigen Verhandlungen wie von den Staͤnden, ſo von den beiden Gebietigern, dem Vogt von Jerwen Heinrich von Nothleben und dem von Wenden Heiden⸗ reich Finke die Aufforderung an den Hochmeiſter: er moͤ⸗ ge dem Streit über die Meiſterwahl durch eine auf ei⸗ nem General-Kapitel vollzogene Beſtaͤtigung eines der Er: waͤhlten endlich eine Graͤnze ſetzen; dem Spruche des Ka⸗ pitels wuͤrden ſich alle in Gehorſam unterwerfen; ihm moͤ⸗ ge auch die Entſcheidung in der Streitſache des Hochmei⸗ ſters und über fein Recht anheimgeſtellt werden.“ Man ließ nichts unverſucht, den Hochmeiſter für dieſen Ausweg zu gewinnen. Wie bereits der Statthalter den Biſchof Michael von Samland, 2 fo erfuchten jetzt der Erzbiſchof von Riga (der lange zwiſchen den Parteien hin und her geſchwankt), der Biſchof von Dorpat und die Stifte von Riga, Dorpat und Oeſel die ſaͤmmtlichen Preuſſiſchen Biſchoͤfe und deren Stifte aufs dringendſte, dem Hoch⸗ meiſter eine etwanige gewaltſame Einſetzung des von ihm beftätigten Meiſters abzurathen und ihn zur Berufung ei⸗ nes General = Kapitels geneigt zu ſtimmen; dabei aber wieſen ſie zugleich auch auf ein in Livland zwiſchen dem Orden, den Biſchoͤfen und den übrigen Staͤnden bereits beſtehendes Buͤndniß hin, deſſen Zweck ſey, jede das Land 1) Schr. der Prälaten, der Ritterſchaft, der Städte und des Or⸗ dens in Livland an den HM. d. auf dem gemeinen Landtage zu Walk Donnerſt. nach Michaelis 1438 Schbl. IV. 28. 2) Schr. des Statthalters Heidenreich Finke an den Biſchof Mi⸗ chael v. Samland, d. Wenden Donnerſt. nach Aegidii 1438 Schbl. XX. 10. Das Schreiben iſt deshalb merkwürdig, weil man in ihm die Anſichten des Statthalters von ihm ſelbſt erfährt. 3) Schr. des Erzbiſchofs Henning von Riga an den HM. d. Tho⸗ reiden am T. Bartholom. 1438 Schbl. XX. 22
Scanseite 736 · Druckseite 723
— ——— —— —— —ää— — Verhaͤltniſſe zum Roͤm. Könige Albrecht. (1438.) 723 von außenher bedraͤngende Gewalt mit Gewalt zuruͤckzu⸗ treiben.) Eine gleiche Aufforderung erließen die erwaͤhn⸗ ten Praͤlaten auch an die großen Städte Preuſſens. Alſo von allen Seiten her fuͤr den Hochmeiſter Mahnung und Drohung genug, um wo moͤglich eine baldige Suͤhne herbeizuſuͤhren. Außerdem aber mochte wohl auch die gaͤnzlich ver⸗ änderte Stellung des Ordens in Preuſſen, beſonders des Hochmeiſters zum Roͤm. Koͤnige den Deutſchmeiſter im⸗ mer noch ermuthigen, auf ſeiner Bahn zu beharren. Albrecht naͤmlich, obgleich bisher dem Meiſter ſtets ſehr gewogen, brachte ihn bald von neuem in nicht geringe Bedraͤngniſſe. Mit der Krone Boͤhmens hatte er zugleich auch einen Krieg gegen Polen erhalten, denn ein großer Theil der Barone des Landes (die Utraquiſten) und viele koͤniglichen Städte, gegen Albrecht für ihre Landesfrei⸗ heiten voll Mißtrauen, hatten den dreizehnjaͤhrigen Kaſi⸗ mir, Bruder des Koͤniges Wladislav von Polen, zu ih⸗ rem Koͤnige erwaͤhlt und dieſer bereits auch dem Anhange ſeines Bruders eine anſehnliche Hülfe geſandt, eine noch bedeutendere aber fir die Folge zugeſagt. Da Albrecht jetzt wüͤnſchen mußte, des Koͤniges von Polen Kriegsmacht fo viel als moͤglich anderwaͤrts beſchaͤftigt zu ſehen, ſo ſandte er, nachdem er kurz zuvor mit der Roͤm. Koͤnigs⸗ krone geſchmuͤckt worden, den Ritter Martin von Baronow an den Hochmeiſter, ihn mit dringenden Gruͤnden erſu— chend, gegen Polen das Schwert zu ergreifen. Der 1) Schr. des Erzbiſchofs v. Riga u. ſ. w. an die Bischöfe von Preuſſen, d. auf dem Landtage zu Walk am T. Michaelis 1438 Schbl. IV. 30. 2) Schr. des Erzbiſchofs v. Riga u. ſ. w. an die Städte Danzig, Thorn, Elbing, Kulm, Königsberg, d. wie das vorige Schbl. IV. 29. 3) Woltmann Geſchichte v. Böhmen S. 258. Kurz Oeſterreich unter Albrecht II. B. II. S. 280 — 282, 4) Credenz⸗Schr. des Röm. Königes für Martin von Baronow, d. Prag Donnerſt. vor Margaretha 1438 Schbl. IV. 121. 46 *
Scanseite 737 · Druckseite 724
724 Verhaͤltniſſe zum Roͤm. Könige Albrecht. (1438.) Orden, meinte er, als ein merklich Glied des Roͤm. Reiches, geſtiftet zur Handhabung des Glaubens, muͤſſe auch jetzt ſeiner Pflicht nachkommen, denn die Sache bes treffe Reich und Glauben. Der ewige Friede koͤnne dem nicht entgegen ſtehen, denn er ſey ungültig, weil darin ein Artikel gegen Kaiſer und Reich ſpreche. Werde der Orden den verlangten Beiſtand verweigern, ſo moͤge er wohl bedenken, daß das Reich daran wohl Urſache fin⸗ den koͤnne, ähn aller feiner Beſitzungen in Deutſchland zu berauben und ihm, wenn er je wieder von Polen an⸗ gefochten werde, alle Beihuͤlfe von dort zu entziehen, weil er fi) vom Reiche losgeſagt. Der Hochmeiſter ant⸗ wortete: den ewigen Frieden könne er mit Ehre und Glimpf nicht brechen; Krieg und Verheerung acht und zwanzig Jahre hindurch haͤtten des Ordens Macht derge— ſtalt geſchwaͤcht, daß er keine Kraft zu den Waffen mehr habe. Der Friede mit Polen habe aus Noth und Ge⸗ drang geſchloſſen werden müffen, weil weder das Reich noch irgend ein Reichsfürſt dem Orden in ſeinen Noͤthen Schirm und Troſt gewaͤhrt. Dabei möge der König wohl bedenken, wie oft ihm von ſeinem Vorfahr im Reiche Hülfe verſprochen und' nie geleiſtet ſey u. ſ. w. ) Je⸗ doch mit dieſer Antwort nicht zufrieden wiederholte nicht nur Albrecht ſein dringendes Geſuch, ſondern duch die Nachricht erſchreckt, der Koͤnig von Polen wolle an der Spitze einer ſtarken Heeresmacht in eigener Perſon in Boͤhmen einbrechen, forderte er den Hochmeiſter auch auf, ſofort eine Botſchaft einiger ſeiner Gebietiger, vier aus der Ritterſchaft und vier von den Staͤdten nach Breslau zu ſenden, um da mit ihnen und den Bevollmaͤchtigten des Groffürften von Litthauen ein Buͤndniß gegen Polen abzuſchließen, damit er durch ſolche Beihuͤlfe des Ordens und des Großfürften den Frevel und Uebermuth befttafen 1) Das Anbringen der Geſandten und die Antwort des HM. weit⸗ Yäuftig bei Schütz p. 130 — 131; das erſtere faſt wörtlich wie bei Schutz Schbl. IV. 137.
Scanseite 738 · Druckseite 725
Verhaͤltniſſe zum Nöm. Könige Albrecht. (1438.) 725 könne, den der Polenkoͤnig durch den Angriff auf Boͤh⸗ men auch am Reiche zu verüben gedenke. Auch der Reichskanzler Kaspar Slick bot alle Beredſamkeit auf, den Hochmeiſter dem Verlangen des Koͤniges geneigt zu ſtimmen; er machte aufmerkſam auf den Tadel, den man bereits im Reiche unter Fuͤrſten und Herren darüber hoͤre, daß der Orden ſo leichtfertig zuſehe, wie des Reiches Oberhaupt in ſeiner Ehre verfürzt werde; dann deutete er auch auf den Streit des Hochmeiſters mit dem Deutſchmei⸗ ſter hin, „denn, ſagt er, ich fuͤrchte ſehr, daß die Zwie⸗ tracht zwiſchen euch und dem Deutſchmeiſter noch tiefer einrei⸗ ßen wird, als ich denn vernehme, daß in der Verſamm⸗ lung der Kurfürften, Füͤrſten und Städte zu Nürnberg auf S. Gallen Tag, wo auch unſeres Herrn des Koͤni⸗ ges Raͤthe ſeyn werden, Rede und Handlung davon ge⸗ halten werden wird.““ Allein der Hochmeiſter, die traurige Lage ſeines Landes mehr als jedes andere Ver⸗ haͤltniß beruͤckſichtigend, blieb feſt in ſeinem Entſchluſſe und ſeine Geſandten brachten dem Koͤnige in Breslau die naͤmliche Antwort. Da ſandte der König in einer nochmaligen Botſchaft den Markgrafen Johann von Bran⸗ denburg und den Domherrn von Worms Meiſter Rudolf von Rüdesheim nach Preuſſen nicht bloß an den Hoch— meiſter und deſſen Gebietiger, ſondern auch an die Praͤ⸗ laten, die Ritterſchaft und die Staͤdte mit ſchweren Kla⸗ gen über den Frevel des Polenköniges. Ihre Sprache aber war jetzt ernſt und ſtreng; man forderte: der Friede J) Schr. des Koniges Albrecht an d. HM. d. im Felde vor dem Tabor Sonnt. nach Nativit. Maria 1438 Schbl. XXIV. 38; vol. ein anderes Schr. des Königes, d. Prag Miktw. vor Petri ad vincula 1438 Schbl. IV. 120. vgl. Kurz a. a. O. S. 289, 2) Schr. des Kaspar Slick an den HM. d. Prag am T. Hiero⸗ nomi 1438 Schbl. XXIV. 34. Wir fehen aus dicſem Schr., daß der Ritter Martin von Baronow auch beim Großfuͤrſten Sigismund gewe⸗ fen war und deſſen Antwort ſcheint dem Könige genügt zu haben. 3) Schütz p. 131.
Scanseite 739 · Druckseite 726
726 Streit mit dem Deutſchmeiſter. (1438.) mit Polen ſolle abgethan und dem Roͤm. Koͤnige Gehor⸗ ſam geleiſtet werden, weil jener wider das Reich, die Kirche, den Papſt und wider alles Recht ſtreite. Allein der Biſchof von Ermland erklärte in des Meiſters, der Gebietiger und der Stände Namen: es koͤnne der For⸗ derung des Koͤniges in keiner Weiſe Genuͤge geſchehen; Kaiſer und Reich haͤtten es fruͤher durch ihre Saͤumniß gegen den Orden in feinen Noͤthen ſelbſt verſchuldet, daß ein ſolcher Friede mit Polen habe geſchloſſen werden muͤſ⸗ ſen. Alſo zogen die Botſchafter abermals ohne Erfolg davon.“ Dieſe Stellung des Ordens zum Roͤm. Koͤnige machte es aber jetzt dringend nothwendig, den Zwieſpalt mit den Livlaͤndern und dem Meiſter von Deutſchland auf irgend eine Weiſe auszugleichen, denn nicht ohne Abſicht hatte der Reichskanzler auf den Streit mit dem Deutſchmeiſter hingewieſen;? aus Baſel kamen an den Hochmeiſter die ernſtlichſten Ermahnungen zu Friede und Eintracht im Orden, ) denn dort waren bereits im Concilium die Send⸗ boten aus Livland angelangt und man vernahm in den Verhandlungen nicht ſelten Aeußerungen, welche die Ehre des Ordens aufs tiefſte verletzten. Johann Hoffheim, des Deutſchmeiſters Kaplan, trat oͤffentlich in der Verſammlung mit den Worten auf: „Unſer Oberhaupt iſt krank und ſchwach und die ihm rathen, ſind eines boͤſen Regiments. Darum iſt ſonderlich Noth, daß man das Haupt ſtrafe und reformire, ſowie auch die, welche dem Haupte uͤbel 1) Schütz p. 132. Schr. des Königes Albrecht an die „ehrſamen Sendboten des HM., die auf der heil. drei Koͤnige⸗Tag auf dem Tage zu Frankfurt ſeyn werden, d. Breslau am T. Johannis Evang. 1438 Schbl. IV. 119. Das Nähere uͤber den Streit Albrechts mit dem Pola. Könige bei Kurz a. a. O. S. 287. ff. 2) Wahrſcheinlich in Bezug darauf ſchrieb ein Sachwalter des HM. an dieſen aus Baſel um Martini 1438: Vornemet auch wol mit dem Röm. konige, alhir geen hemlich wundirliche rede. 8) So in einem Schr. des Kardinals von Arelat an den HM. d. Basilee XVIII Novemb. 1438 Schbl. II. 31.
Scanseite 740 · Druckseite 727
Verhandlungen mit dem Deutſchmeiſter. (1438.) 727 rathen und regieren helfen, und das will der Meiſter von Deutſchland um ſeines Ordens Nutzen und Ehre wil⸗ len und es gehoͤrt ihm zu von der Statuten wegen, die in einem allgemeinen Kapitel gefaßt und in dieſem Con⸗ cilium beſtaͤtigt ſind. Dieſe Statuten aber ſind ehrlich, nuͤtzlich und froͤmmlich unſerem ganzen Orden; darum muß man ſie in Kraſt halten und nicht widerrufen.“ Dem entgegnete des Hochmeiſters Sachwalter: „Von rechter Ordnung, wie ihr wiſſet, foll in jeglichem Orden ein Oberhaupt ſeyn; der Gebietiger in Deutſchland aber will drei Häupter in einem Orden, gleich als wolle man drei Häupter auf einen Leib ſetzen. Wie Lucifer einſt ſeinen Stuhl neben Gottes Stuhl ſetzen wollte, aber um ſeiner Hoffahrt willen herabgeſtoßen ward, alſo will jetzt auch der Deutſchmeiſter ſeinen Stuhl neben den ſeines Oberſten ſetzen.“ Und in ähnlicher Weiſe haderten die Parteien faſt taͤglich wider einander. * Alſo eilte jetzt der Hochmeiſter, auch das letzte Hin⸗ derniß hinweg zudaͤnmen, indem er dem Deutſchmeiſter ein vollkommenes, auch von den uͤbrigen Gebietigern, den Ständen des Landes und namentlich von allen Bifhöfen Preuſſens durch urkundliche Zuſicherungen ausdruͤcklich noch verbuͤrgtes ſicheres Geleit zur Reiſe nach Preuſſen aus⸗ fertigte. ? Der Biſchof von Ermland und der Landkom⸗ thur vom Elſaß Ludwig von Lanſe, beide in der Sache eifrigſt thatig, hatten vorläufig zum Verſuche einer fried⸗ lichen Verſtaͤndigung mit dem Deutſchmeiſter einen Ver⸗ handlungstag zu Frankfurt an der Oder eingeleitet. Er, — — 1) Bericht aus dem Concilium zu Baſel, mit der Aufſchrift: Cerli artieuli propositi tam per domin. Doctorem Jobannem de Ast, quam per domin. Johanuem Hollheim preceptoris Alemanie Capellanum in deputacionibus bineinde in Basilea. Schbl. Deutſchmeiſt. nr. 38. 2) Das darüber abgefaßte Document der Biſchöfe Johannes von Kulm, Johannes von Pomeſanien, Franciſcus von Ermland und Michael von Samland, d. Braunsberg Dienſt. vor heil. Chriſttag 1438 Schbl. 99. 4.
Scanseite 741 · Druckseite 728
128 Verhandlungen mit dem Deutſchmeiſter. (1439.) fand am heil. drei Könige Tag des Jahres 1439 Statt. Es erſchienen als Friedensvermittler außer dem erwaͤhn⸗ ten Biſchof und dem Landkomthur als des Hochmeiſters Bevollmaͤchtigte der Oberſt-Spittler Heinrich Reuß von Plauen, der Oberſt-Trappier Walther von Kirſchkorb, der Komthur von Thorn Konrad von Erlichshauſen, der von Balga Tammo Wolf von Sponheim, der zu Grau⸗ denz Hans von Reibenitz, der Vogt der Neumark Hans von Stockheim u. a. Die Verhandlungen der Bevoll⸗ maͤchtigten gingen vor ollem darauf bin, den Deutſchmei⸗ ſter zu bewegen, unter ſicherem Geleite zu einer friedli⸗ chen Ausgleichung nach Preuſſen zu kommen. Weil bis⸗ her, ſprach der Biſchof von Ermland, wegen Abfaſſung der Geleitsbriefe ſtets Zwiſt obgewaltet, ſo hat auch der Hochmelſter an uns, feinen Raͤthen und Gebietigern, ein würdiges, lebendiges Geleite ſenden wollen, welches euch mit Hand und Mund bei Treue und Ehre gelobt, daß ihr mit all den Euern ſicher ſeyn ſollt Leibes und Gutes und ihr werdet es auch lieber aufnehmen als ein Per⸗ gament und ein Stück Wachs. Da indeß der Deutſch⸗ meiſter keineswegs ſo leicht, wie man erwartet, in dieſes Erbieten einging, vielmehr voll Mißtrauen und Argwohn dem Hochmeiſter nur argliſtige Anſchlaͤge unterſchob, ſo zeigten ihm die Bevollmaͤchtigten den erwaͤhnten Geleits⸗ brief, ob er dieſen lieber annehmen wolle. Allein er wies auch dieſen zornig mit den Worten zuruͤck: ich ſehe dar— aus, daß mich der Hochmeiſter fuͤr nichts weiter als einen bloßen Konventsbruder haͤlt; was nuͤtzt es da, daß ich nach Preuſſen komme, wenn ich nicht mehr Macht haben ſoll zu reden als ein bloßer Konventsbruder? Verachtet der Meiſter mich ſchon hier, was wird er thun, wenn ich nach Preuſſen komme? Man erſuchte ihn darauf: er moͤ⸗ ge unter ſicherem Geleite mit nach Danzig ziehen; dort ſolle ihm der Buͤrgermeiſter und Rath die vollkommenſte Sicherheit gewähren; alle Gebietiger aus Preuſſen dort⸗ hin kommend ſollten ihm bei Ehre und Treue ſicheres Ge⸗
Scanseite 742 · Druckseite 729
Verhandlungen mit dem Deutſchmeiſter. (1439.) 729 leit verbürgen und der Hochmeiſter ihn alſo ehren, be- nennen und bei Tiſche halten, wie man von Alters her einem Gebietiger von Deutſchland gethan. Allein er ver⸗ langte, daß ihm ein ſicherer Geleitsbrief, nach der von ihm früher vorgeſchriebenen Form abgefaßt, nach Frank⸗ furt geſandt werde, und von den Bevollmaͤchtigten aufge— fordert, Form und Inhalt noch einmal ſelbſt feſtzuſtellen, ſchrieb er vor: man ſolle ihm als Deutſchmeiſter „ſeine Würdigkeit nicht abbrechen“ und ihn nennen, wie gebraͤuch⸗ lich ſey; der Hochmeiſter ſolle erklaͤren: wofern das Ge⸗ leit nicht gehalten werde, ſo ſolle er ſammt allen, die ſich im Geleite verbürgten, von ſelbſt aller Ehren und Wuͤrden beraubt ſeyn und fortan auf immer für untaug⸗ lich zu jeglichem Amte erklaͤrt werden. So ſchwer man in dieſe Forderung eingehen konnte, ſo gaben die Gebie⸗ tiger doch endlich um des Friedens willen auch hier nach und der Geleitsbrief ward in des Hochmeiſters Namen ausgefertigt, wie ihn der Deutſchmeiſter vorgeſchrieben. Jetzt indeß warf dieſer die neue Forderung auf: „Es iſt zu Mergentheim verabredet, daß ich, wenn ich nach Preuſ— ſen kaͤme, frank und frei reden duͤrfe; des bin ich aber noch nicht verwahrt; ihr muͤſſet mir auch daruber eueren Buͤrgbrief geben, und weil ferner im Geleitsbriefe ges ſchrieben ſteht: ich ſolle den Hochmeiſter „meinen Hochmei⸗ ſter“ und er mich einen Gebietiger von Deutſchland nen⸗ nen, ſo verlange ich noch, daß dem hinzugefuͤgt werde: „Doch unſchaͤdlich beiden Theilen in ihrem Rechte“. So befremdend und verfaͤnglich dieſe Forderung auch ſchien, ſo wurde ſie doch gleichfalls zugeſtanden und nun glaubte man am Ziele zu ſeyn. Nun erklaͤrte jedoch der Deutſch⸗ meiſter: es muͤſſe zuvor erſt noch ein Berathungstag ge⸗ halten werden; dazu bedürfe er des Beirathes feiner übris gen Gebietiger; zur Reiſe nach Preuſſen gebreche es ihm jetzt an der noͤthigen Zehrung; auch ſey ihm Warnung zugekommen, woraus er erſehen, daß ihn Gottes Engel behütet habe, nicht nach Preuſſen gezogen zu ſeyn. Kurz
Scanseite 743 · Druckseite 730
730 Verhandlungen mit dem Deutſchmeiſter. (1439.) er ſuchte Ausfluͤchte und alle Vorſtellungen der Bevoll⸗ maͤchtigten blieben durchaus fruchtlos. Kaum konnte man ihn zur Annahme eines neuen Tages zum Sunde bewe⸗ gen, wo zuerſt durch vier Gebietiger und einige Gelehrte aus Preuſſen der Livlaͤndiſche Streit und dann auch der zwiſchen dem Hochmeiſter und Deutſchmeiſter geſchlichtet werden ſollte.“ Mittlerweile war man in Baſel eifrigſt bemuͤht, dem Deutſchmeiſter die maͤchtige Waffe zu zerbrechen, mit der er bisher ſo trotzig gegen den Hochmeiſter kaͤmpfte; denn da ſich ermittelt hatte, daß er die Beſtaͤtigung der Sta⸗ tuten keineswegs vom ganzen Concilium, ſondern nur durch einige Kardinaͤle erhalten hatte, ſo bot der Ordensſach⸗ walter jetzt alle Mittel auf, eine foͤrmliche Widerrufung der Beſtätigung zu bewirken. Indeß hatte dieß große Schwierigkeiten, denn für die Kardinaͤle, welche die Bes flätigung ausgeſtellt, war es nicht nur Ehrenſache, fie auſrecht zu erhalten, ſondern auch unter den uͤbrigen ge— wichtigen Männern im Concilium hatte der Deutjchmeis ſter eine bedeutende Zahl von Goͤnnern und endlich ſetzte fein bereits erwähnter Kaplan Hans Hoffheim, ein Aus ßerſt verſchmitzter und gewandter Geifllicher, alle Mittel in Bewegung, um die Beſtaͤtigung in Kraft zu erhalten. Am meiſten ernteten dabei die Kardinaͤle und Advocaten an Ehrengaben und Geſchenken jeglicher Art, denn Mos — — 1) Dieſe wichtige urkunde, ein Receß des Biſchofs von Ermland, d. Oliva Mittw. nach Kreuz-Erhöͤhung 1439 in einem Transſumt des Viſchofs v. Pomeſanien v. J. 1439 Schbl. 99. 2. Was Kotzebue B. IV. S. 8 von dieſem Tage zu Frankfurt ſagt, iſt meiſt unrichtig. Von Kurfürften und Erzbiſchöfen z. B. erwähnt die Urkunde nichts, eben ſo wenig von Eberhards Furcht vor ſeinen zahlreichen Gegnern u. ſ. w. 2) Eine Eingabe beim Concilium wegen Widerrufung der Beſtä⸗ tigung der Statuten Schbl. LXXI. 815. 3) Schr. des Sachwalters Johann von Aſt an den HM. d. Baſel Freit. nach heil. drei Könige 1439 Schbl. II. 77; Schr. deſſelben an den Kaplan des HM. d. Basilee XI die mensis Januar. 1439 Schbl. II. 50.
Scanseite 744 · Druckseite 731
Verhandlungen mit dem Deutſchmeiſter. (1439.) 731 nate lang arbeiteten ſowohl oͤffentlich in Reden als ins: geheim durch Unterhandlungen die Sachwalter des Hoch⸗ meiſters und des Deutſchmeiſters und deren Advocaten einander entgegen, bis es der des Hochmeiſters ſelbſt in ſeinem Intereſſe fand, die Sache vorerſt noch auf ſich beruhen zu laſſen, um die Unterhandlungen des Deutſch⸗ meiſters zu Frankfurt und im Sunde durch feine Werbuns gen nicht zu vereiteln. Nun traf man aller Seits die Vorbereitungen zum Verhandlungstage zum Sunde. Der Deutſchmeiſter waͤhlte vier Gebietiger und zwei Gelehrte, die ſeine Rechte auf dem Tage verfechten ſollten; dem Hochmeiſter ließ er durch den Biſchof von Ermland die Punkte vorläufig mittheilen, die zur Herſtellung eines guten Regiments im Lande noth⸗ wendig einer Aenderung beduͤrften, Beſtimmungen, von denen er auf keine Weiſe abgehen wollte.“ In Livland aber waltete immer noch ein Geiſt, der wenig gluͤcklichen Erfolg von den Verhandlungen erwarten ließ. Der Statt: halter hatte nicht nur die Biſchoͤfe, beſonders den Erzbi⸗ ſchof von Riga theils durch bedeutende Geldſummen, theils durch Abtretung mehrer Burgen und Ordensbeſitzun⸗ gen für ſeine Partei zu gewinnen geſucht, ſondern es wurden zu dem Tage auch Bevollmaͤchtigte auserkoren, denen ſchon wegen ihrer Abſtammung und ihres bisheri⸗ gen Wandels kein Löblicher Ruf voranging. ) Einer der⸗ 1) Schr. des Sachwalters Johann v. Aſt an den HM. d. Baſel Mittw. vor Oſtern 1439 Schbl. II. 32. 2) Schr. des Deutſchmeiſters an den Biſchof v. Ermland, d. Mergentheim Mittw. nach Lätare 1439 Schbl. 99. 3. 3) Der Erzbiſchof von Riga ſollte 18,000 Mark Rigaiſch heimlich erhalten haben. Indeß ließ ſich der Statthalter auf einem Tage zu Riga zur Widerlegung der Beſchuldigung des HM., daß er widerrecht⸗ lich Eigenthum des Ordens veräußert habe, das Zeugniß ausſtellen, daß dieſe Beſchuldigung unwahr ſey, um es auf dem Tage zum Sund benutzen zu Tonnen. 4) Darüber giebt ein Schr. des Komthurs v. Memel, d. Memel Mont. vor Pfingſt. 1439 Schbl. XX. 20 eine Schilderung.
Scanseite 745 · Druckseite 732
732 Verhandlungen mit dem Deutſchmeiſter zum Sunde. (1439.) ſelben, der trotzige Komthur von Neval erklaͤrte gerade⸗ zu: man moͤge ſich lieber in keine Verhandlung mehr einlaſſen, wenn nicht der Hochmeiſter ohne weiteres ſeines Amtes entlaſſen werde. Auch war in feiner Partei be: reits beſchloſſen, daß, wenn der Statthalter nicht zum Meiſteramte gelange, ſie den Vogt von Sonnenburg zu dieſer Wuͤrde erheben wolle, und daß es ihr mit dieſem Plane Ernſt war, bewies die eifrige Thaͤtigkeit, mit der ſie ihre Burgen in wehrhaften Stand ſetzte, um, wenn der Tag zum Sunde nicht zu ihrem Ziele fuͤhre, mit Ge⸗ walt durch zugreifen.“ Der Hochmeiſter ſelbſt ernannte als Bevollmaͤchtigte den Oberſt-Spittler Heinrich Reuß von Plauen, den Oberſt-Trappier Walther von Kirſch⸗ korb, den Komthur zu Thorn Konrad von Erlichshauſen, den zu Mewe Gerlach Mertz, den edlen Ritter Hans von Baiſen und einige andere. Als im Juni außer den Sendboten aus Preuſſen und Livland auch der Deutſchmeiſter mit mehren feiner Gebie⸗ tiger“ im Sunde angelangt war, begannen alsbald die Verhandlungen. Der Ordens- Spittler legte zuerſt fol⸗ gende Bedingungen zu einer friedlichen Ausgleichung vor: 1. Im ganzen Orden ſoll ſich darin Freundfchaft und Eintracht bekunden, daß alle den jetzigen Hochmeiſter für ihr Haupt und ihren Oberſten halten und anerkennen. 2. Mit ſolcher Freundſchaft und Eintracht ſoll man ſich auch über ein Haupt in Livland einigen. 3. Es ſoll mit Eintracht eine Reformation und ein Regiment angeordnet und alles, was ſtraͤflich, ſchaͤdlich und unbillig in Preufs 1) Es war Walther von Loe. 2) Schr. des Komthurs v. Memel a. a. O. 3) Vollmacht des HM. fuͤr die Sendboten, d. Mar. Sonnab. nach Himmelf. 1439 Schbl. 99. 11. 4) Es werden genannt: Arnold von Hirtzberg Landkomthur in Fran⸗ ken, Jodocus von Venien Komthur zu Mergentheim, Heinrich von Ippenburg Komth. in Heilbron, Wilhelm von Werdenow Komth. in Virnsberg u. a.
Scanseite 746 · Druckseite 733
Verhandlungen mit dem Deutſchmeiſter zum Sunde. (1439.) 733 ſen, Deutſchland oder Livland erfunden wird, zu des Ordens Wohlfahrt gewandelt und abgethan werden nach des Ordens Regel und Herkommen, es gehe oder rühre an, wen es wolle, es ſey hoch oder niedrig. 4. Da ſich Gebrechen und Unbill nicht beſſer erkennen laſſen als durch eine Viſitation nach des Ordens Gewohnheit, fo ſoll dieſe, wie ſich der Hochmeiſter oft ſchon erboten, durch alle Theile des Ordens Statt finden. 5. Man ſoll ſich über ein General- Kapitel einigen, damit wenn die Viſitirer die Gebrechen einbringen, der Hochmeiſter und die Meiſter von Livland und Deutſchland und wer ſonſt dazu gehoͤrt, das Straͤfliche und Untaugliche abthun und beſſern koͤnnen. „Daß aber ihr, fuhr dann der Ordens— Spittler ſort, uns allein in Preuſſen ein Regiment ſetzen wollet, dünkt uns unbillig, denn wir find alle Eines Or⸗ dens, unter Einer Regel, alle ein Kreuz tragend und andere wohl ebenſo oder noch mehr gebrechlich und ſtraͤf⸗ lich, als wir.“ Darauf ſchlug der Spittler zur Beile⸗ gung der obwaltenden Streitigkeiten, damit ſie nicht vor fremde Richter komme, vor: der Hochmeiſter ſolle drei feiner Gebietiger bevollmaͤchtigen, desgleichen der Deutſch⸗ meiſter; dieſen ſechs ſolle obliegen, zuerſt uͤber die ſtrei⸗ tigen Statuten nach Recht und Frommen des Ordens zu erkennen; was fie daruber als fuͤr den Orden nuͤtzlich, froͤmmlich und ehrlich nach Gott und Recht ausſpraͤchen, dabei ſolle es bleiben; woruͤber fie ſich nicht einigen koͤnn⸗ ten, das ſolle ein von ihnen zum Obmanne erforener Praͤlat des Ordeus enden und entſcheiden. Dieſe ficben Schiedsmaͤnner ſollten auch bevollmaͤchtigt ſeyn, einen Meiſter von Livland zu beſtellen und überhaupt auf ihren Eid alle Zwietracht und Spaltung im Orden nach beſter Erkenntniß hinlegen und beſchwichtigen.. — Dem trat der Deutſchmeiſter mit der Erklaͤrung entgegen: es iſt auch ) Die bieruͤber abgefaßte Urkunde, ein Notariatsinſtrument, d. in opido Sundensi die decima duinta mensis Junii 1439 Schbl. 99. 6. eine Abſchrift derſelben nr. 8.
Scanseite 747 · Druckseite 734
734 Verhandlungen mit dem Deutſchmeiſter zum Sunde. (1439.) unſere Meinung, daß wir hieher gekommen ſind, die Sache in Güte zu ſchlichten und wenn Güte keinen Er⸗ folg bringt, dann auch des Rechts zu warten; wenn aber der Spittler erklart, daß fie mitnichten hier ſeyen, um Recht zu geben oder zu nehmen, wiewohl ſie das Recht nicht fliehen wollten an Orten, wo es billig und gebuͤhr⸗ lich iſt, ſo glauben wir, daß es der Zeit keinen billigen, rechtlichen und dem Orden nützlichen und ehrlichen Aus— trag geben kann, denn allhier zum Sunde vor den Ge⸗ bietigern und Gelehrten, die dazu geſetzt werden. Man erbietet ſich in des Hochmeiſters Namen zu einem redli⸗ chen Regimente. Das haben wir und unſere Gebietiger laͤngſt begehrt; wir find oft deshalb in Preuſſen geweſen, haben viel mit dem Hochmeiſter und deſſen Gebietigern daruber verhandelt, bisher ohne allen Erfolg.“) Weil indeß der Deutſchmeiſter bald klar erkannte, daß eine Beilegung des Streites durch guͤtlichen Ausgleich unter den obwaltenden Umſtaͤnden nicht zu erwarten ſey, und weil des Hochmeiſters Bevollmaͤchtigte eine rechtliche Ent⸗ ſcheidung durch die von beiden Parteien zu ſtellenden Ges bietiger und Gelehrten in keiner Weiſe zulaſſen wollten, ſo ſchlug trotzend jener eine ſchiedsrichterliche Entſcheidung vor. „Waͤhlet nach Gefallen, wen ihr des Vertrauens würdig haltet, ſprach er; tretet mit uns vor das Conci⸗ lium, vor den Kaiſer, die Reichsfuͤrſten, Biſchoͤfe, oder befraget die Doctoren geiſtlicher und weltlicher Rechte zu Wien, Erfurt, Leipzig, Koͤln, Heidelberg; oder bringet den Zwiſt an die Ritterſchaft, an die Hanſeſtaͤdte; oder kurz und gut gehet mit uns allhier zum Sunde auf das Rathhaus, wir wollen den Rath bitten, daß er uns fünf, ſieben oder neun Richter beftelle. "2 Die Bevoll⸗ 1) Darüber das auf Veranſtalten des Deutſchmeiſters ausgefertigte Notariatsinſtrument, d. in opido Sundensi die decima quinta men- sis Juni 1439 Schbl. 99. 7. Die urkunde iſt ſehr verwirrt und unklar abgefaßt. 2) Nach Kotzebue B. IV. S. 9, der daruͤber, wie er S. 248 er⸗
Scanseite 748 · Druckseite 735
Verhandlungen mit dem Deutſchmeiſter zum Sunde. (1439.) 735 maͤchtigten des Hochmeiſters aber gingen auf keine dieſer Erbietungen ein, und ſo ſchieden die Verſammelten aber⸗ mals mit vermehrtem Grolle vom Tage. Keiner aber ging mit groͤßerer Erbitterung von dem Tage hinweg als der Deutſchmeiſter, denn er wollte von neuem erprobt haben, daß der Hochmeiſter keinem Ver⸗ ſprechen mehr treu bleibe. Noch wagte er indeß keinen entſcheidenden Schritt; er war des Roͤm. Koͤniges noch keineswegs voͤllig gewiß, weil dieſer immer noch mit dem Hochmeiſter und dem Großfürften von Litthauen in Vers handlungen ſtand, um fie wo moͤglich gegen Polen zu gewinnen.“) Auch die drohenden Warnungen des Pap⸗ ſtes, bei dem der Hochmeiſter immer noch in hoher Gunſt ſtand, ſchreckten den Deutſchmeiſter noch eine Zeitlang zuruck, denn er ließ dieſem die Weiſung geben: er ſolle nach dem Befehl der ihm geſandten Bullen, an deren Aechtheit er keineswegs zu zweiſeln habe, von ſeinem Be⸗ ginnen ablaſſen, ſich mit dem Hochmeiſter verſoͤhnen und ihm als ſeinem Oberſten Gehorſam leiſten, wo nicht, ſo werde er Maaßregeln treffen, wie ſie ſich gegen Unge⸗ horſam und Zwietracht gebührten und darin niemand ſchonen.) Kaum indeß war in den letzten Tagen des Juni der Papſt vom Concilium zu Baſel ſeines Amtes entſetzt, als nun Eberhard den laͤngſt vorbereiteten Schritt that. Er erließ an alle Gebietiger Deutſchlands ein offe⸗ nes Schreiben, worin er das Hochmeiſter- Amt fuͤr erle⸗ digt, ſich ſelbſt nach des Ordens Regel und Geſetz zum Statthalter erklaͤrte und die Gruͤnde ſeines Verfahrens theils durch des Hochmeiſters und deſſen Rathgeber ſchlech⸗ tes Regiment, durch die ihm in den Statuten Werners wähnt, eine urkundliche Abſchrift beſaß. Wir haben daruͤber auch noch ein Schr. des Deutſchmeiſters ſclbſt. 5 1) Zwei Schr. des Nom. Königes an den HM. d. Ofen am S. Veits⸗Tage 1439 Schbl. IV. 123 und 122. Kurz a. a. O. S. 300 ff. 2) Der Auftrag des Papſtes, betitelt: Commissio domini pape ad preceptorem Alumannie oretenus facta Schbl. 98, 5.
Scanseite 749 · Druckseite 736
736 Verhandlungen mit dem Deutſchmeiſter zum Sunde. (1439.) von Orſeln zugeſtandene Gewalt, theils durch die Frucht⸗ loſigkeit aller ſeiner an den Hochmeiſter ergangenen War⸗ nungen, Bitten und Ermahnungen, theils auch durch die Erfolgloſigkeit aller bisherigen Verhandlungen zu recht⸗ fertigen ſuchte.) Er warf es dem Hochmeiſter als ſchwe⸗ res Verbrechen vor, daß er die vom Concilium und dem Kaiſer beſtaͤtigten Statuten Werners von Orſeln, die den Deutſchmeiſter zum Richter uͤber eines Hochmeiſters ſchlech⸗ tes und gewiſſenloſes Regiment beſtellten, nur darum zu unterdruͤcken und zu vernichten ſich unterſtehe, um ſeine dem Orden verderbliche Regierung ungeſtoͤrt fortführen zu koͤnnen, „denn, ſagt er, wir haben nie vernommen, noch in der Chronica geleſen, daß irgend je ein Hoch⸗ meiſter ſo unredlich und ſo unrechtlich regiert habe, als der genannte Bruder Paul und daß der Orden nie fo ſchwerlich abgenommen, als zu ſeinen Zeiten. Wenn er ſolche Unredlichkeit nicht an ſich haͤtte, ſo moͤchten wir ſolche Zwietracht wohl ungerne vor uns nehmen, denn wir wiſſen wohl, wenn ein Hochmeiſter ein rechtes Re⸗ giment hat, was ihm zuſteht nach unſers Ordens Regel und Geſetz, daß er unſer Oberer iſt und wir ihm in allen ziemlichen Dingen gehorſam ſeyn ſollen. Endlich erklärt er, daß der Hochmeiſter ihm zwar die Entlaſſung von ſeinem Amte habe ankuͤndigen laſſen, dazu aber nach Ausſpruch feines Kapitels und aller feiner Gebietiger kein Recht und keine Macht gehabt. Er verlangt daher von allen Komthuren in kurzem eine beſtimmte Erklaͤrung: ob ſie forthin zu ihm ſtehen und ihm folgen oder dem Hoch— meiſter gehorſam ſeyn wollten.? Da er vernahm, daß Sendboten des Hochmeiſters in Deutſchland bei Fuͤrſten, Grafen und Rittern umherziehend wider ihn ſchwere Kla⸗ 1) Namentlich ſpricht er von den beiden Verhandlungstagen zu Frank⸗ furt und zum Sunde. 2) Darüber die an den Komthur von Coblenz und den Pfleger von Bentau erlaſſenen Erklärungen, d. Freit. vor Petri ad Vincula 1439 Schbl. 99. 12.
Scanseite 750 · Druckseite 737
Streit d. HM. mit d. Deutſchmeiſter u. d. Livlaͤndern. (1439.) 737 gen geführt, ſo erließ er eine faſt gleichlautende Recht⸗ fertigung ſeines Schrittes gegen den Hochmeiſter an die Fuͤrſſten, worin er zugleich die gegen ihn erhobenen Be⸗ ſchuldigungen zu widerlegen ſuchte. Es war ohne Beiſpiel in der Geſchichte des Ordens, daß der Deutſchmeiſter den Hochmeiſter, dieſer wieder den Deutſchmeiſter des Amtes entſetzt und Livland zu gleicher Zeit ohne einen Meiſter dageſtanden habe. Dieß machte in ganz Deutſchland ein allgewaltiges Aufſehen. Um ſo mehr hielt ſich jetzt das Concilium zu Baſel fuͤr berufen, mit Nachdruck in den aͤrgerlichen Streit einzugreifen. Es that nicht nur dem Hochmeiſter in einem ernſtmahnenden Schreiben kund, wie nothwendig es ſeine Pflicht erheiſche, die Soͤhne der Kirche im Schooße ihrer Mutter in Friede und Eintracht wieder zu vereinen, ihn zugleich auffordernd, fofort feine Bevollmächtigten zum Friedenswerke ins Con⸗ cilium zu ſenden, um durch ſie auf dem Wege des Rechts eine Ausgleichung der Parteien zu bewirken, ſondern es befahl durch eine Bulle unter ernſter Androhung des Bannfluches auch den oberſten Gebietigern in Deutſch⸗ land und Livland, binnen beſtimmter Friſt entweder in Perſon oder durch bevollmaͤchtigte Sachwalter im Conci⸗ lium zu erſcheinen und ihre Streitpunkte den von ihm Beauftragten zur Entſcheidung auf dem Wege des güflis chen Vergleichs oder des Rechts vorzulegen.“ Es war jetzt des Hochmeiſters dringendſter Wunſch, daß irgend ein angeſehener und einflußreicher Deutſcher 1) Dieſe Schrift an die Fuͤrſten Schbl. 99. 12, aber ohne Ende und ohne Datum. 2) Die Bulle des Conciliums an den HM. d. Basilee VII Idus Au- gusli a. 1439 apostolica sede vacante Schbl. XII. 6. ſchon ſtark be⸗ ſchaͤdigt. 3) Die Bulle des Conciliums, d. wie die vorige, Schbt. XII. 7 fie iſt vom Moder halb zerſtͤrt, deshalb nur wenig vom Inhalte zu verſtehen. Schr. des Dechant von Soldin Henning Settegrape an den HM. d. Sund am T. Calixti (1439) Schbl. II. 43, VII. 47
Scanseite 751 · Druckseite 738
738 Streit d. HM. mit d. Deutſchmeiſter u. d. Livlaͤndern (1439.) Reichsfürſt die Führung und Förderung ſeiner Sache uͤber⸗ nehme, denn ſeit dem Verhandlungstage zum Sunde hatte er zum Biſchofe von Ermland, der nicht ohne Abſicht ſtets nur neue Mißverſtaͤndniſſe anzuregen und faſt ſchon mehr ſich auf die Seite der Gegner des Hochmeiſters hinzuneigen ſchien, durchaus alles Vertrauen verloren. ” Er wandte ſich deshalb an den Erzbiſchof von Koͤln und erhielt von ihm die Zuſage, daß er zunaͤchſt alles auf⸗ bieten werde, beim Concilium und dem Roͤm. Koͤnige eine Widerruſung der Beſtaͤtigung der Statuten auszu⸗ wirken. Zugleich aber gab er dem Hochmeiſter den Rath, ſofort eine allgemeine Viſitation des Ordens in Deutſch⸗ land anzuordnen, um zu erfahren, welche Gebietiger und Bruͤder der Partei des Deutſchmeiſters und welche der ſeinigen anhingen, denn, wie es hieß, gab es noch viele unter den dortigen Ordensbruͤdern, die dem Hochmeiſter noch treu waren. Dieß gab dem Meiſter Anlaß, in einem offenen Schreiben an alle Gebietiger, Komthure und Ordensbrüder in Deutſchland das ganze geſetz⸗ und ordnungswidrige Verfahren des Deutſchmeiſters gründlich und buͤndig auseinander zu ſetzen. „Bruder Eberhard von Saunsheim, der alte Gebietiger zu Deutſchland,“ ſagt er, zieht gewiſſe Schriften hervor, die er Statuten oder Geſetze nennt, die, falſch, unrecht und erdichtet, ein — 1) ueber den Biſchof v. Ermland ſpricht ſich der HM. in einem Schr. an den Ordensprocurator, d. Oſterode Freit. vor Margaretha 1439 Schbl. XX. 25 aus. Es war hauptſächlich ſeine Schuld, daß, wie der HM. auch richtig erkannte, die Erklärungen der hochmeiſterli⸗ chen Sendboten zum Sunde den Beſtimmungen auf dem Tage zu Frank⸗ furt keineswegs entſprachen. Er ſucht ich daruber zu rechtfertigen in einem Schr. an die Komthure von Elbing, Chriſtburg, Thorn, Balga und Graudenz, d. Seeburg Sonnt. nach Jacobi 1439 Schbl. LXVI. II. Schr. deſſelben an den HM. d. Seeburg Dienſt. nach Aſſumt. Maria 1439 Schbl. LXVI. 130. 2) Schr. des Ordensbruders Johann von Godesberg an den HM. d. Cöln Freit, nach Nativit. Maris (1439) Schl. 99. 1,
Scanseite 752 · Druckseite 739
Streit d. HM. mit d. Deutſchmeiſter u. d.Livländern. (1439.) 739 Hochmeiſter Herr Werner von Orſeln, unſer Vorfahr, wohl vor hundert und zehn Jahren in einem großen Ka⸗ pitel zu Marienburg gemacht haben ſoll. Das ſtreitet aber wider des Ordens altes Herkommen, Gewohnheit und wider das Ordensbuch; denn es iſt immer unſeres Ordens Gewohnheit geweſen, daß man Geſetze, in einem großen Kapitel gemacht, in unſer Ordensbuch zu ſchrei⸗ ben pflegte, auf daß man ſie in Kapiteln, die man taͤg⸗ lich hält, den Bruͤdern vorleſen moͤge und ſich ein jeder darnach zu richten wiſſe. Das iſt mit dieſen Schriften, die er Statuten nennt, nicht geſchehen; ſie werden in unſerem Ordensbuche nicht gefunden; nie hat ein Menſch von ihnen etwas vernommen, wiewohl man doch jenes Meiſters uͤbrigen Geſetze in unſern Ordensbuͤchern wohl findet. Hätte der Bruder Eberhard ſolche Schriften fruͤ⸗ her gehabt, er haͤtte ſie wohl hervorgezogen, als er uns half zum Hochmeiſter erwaͤhlen; fie wären fo lange nicht verhalten worden. Er hat ſie vom Concilium und dem Kaiſer heimlich und hinter unſerm Ruͤcken beſtaͤtigen laſ⸗ ſen; welche Kraft aber ſolche Beftätigung habe, wird ſich zu ſeiner Zeit wohl finden. Ihr alle und ein jeg⸗ licher ſollet erkennen, daß wir zu Friede und Verſoͤhnung nicht mehr thun konnten, als was wir gethan. Wiewohl nun Bruder Eberhard mit Erdichtung und Unrecht vor⸗ giebt, das Hochmeiſter-Amt ſey erledigt, und er ſich Statthalter des Meiſters nennt, mit einer Gewalt und Macht, die er ſich mit Unrecht, wider Gott, Gehorfam und feiner Seele Seligkeit anmaßet, ſo wiſſen wir doch, daß wir noch Hochmeiſter ſind und er es dazu auch nim⸗ mer bringen ſoll, daß er uns entſetze. Weil er aber un⸗ gehorſam und ſeines Amtes mit Recht entlaſſen iſt, ſo 1) Der HM. ſpricht hier auch von der Vorladung ſeiner Perſon nach Mergentheim, von den wiederholten Verſuchen und Verhandlungen zur Ausgleichung des Streites auf den Tagen zu Frankfurt und zum Sunde u. ſ. w. 47 *
Scanseite 753 · Druckseite 740
740 Streit d. HM. mit d. Deutſchmeiſter u. d. Livlaͤndern. ( 1439.) befehlen wir euch allen aufs ernſtlichſte bei dem Gehorſam, den ihr vor allem Gott, uns und unſerem Orden ſchul⸗ dig ſeyd, und bei euerer Seelen Seligkeit, daß ihr ihm nicht ferner gehorchet, ſondern euch fo lange zu uns wen⸗ det, bis wir euch einen andern Gebietiger in Deutſch⸗ land geben werden. Was ihr thun und laſſen wollet, das thut uns kund, auf daß wir uns darnach zu richten wiſſen. Dieſes ernſte Wort des Hochmeiſters hatte in Deutſch⸗ land die Folge, daß mehre Balleien, als die von Mar⸗ burg, Weſtphalen, Bieſſen und Utrecht ſich in den Ge: horſam des Hochmeiſters gaben.“ In Livland aber war mittlerweile die Spaltung ſo weit gediehen, daß hier keine Annnaͤherung mehr moͤglich ſchien. Vom Tage zun Sunde hatte der Komthur von Reval vier Briefe des Deutſchmeiſters und die Statuten Werners von Orſeln mit zurückgebracht. Man theilte ſie öffentlich dem Volle in der Domkirche zu Riga mit. Da hieß es: der Hoch⸗ meiſter ſey nach den Statuten ſeiner Macht entſetzt; er ſolle nicht mehr Meiſter, auch nicht alter Hochmeiſter, ſondern nur Bruder Paul genannt werden, weil er Bur⸗ gen und Städte, Geld und Gut uͤbergeben habe. Der Meiſter zu Deutſchland gelte als Statthalter bis zum großen Kapitel. Darauf war auf einem Tage zu Riga, wo auch die Praͤlaten, die Ritterſchaft und Abgeordnete der Staͤdte erſchienen, der Statthalter Heidenreich Finke als Meiſter von Livland anerkannt, Heinrich von Noth⸗ leben als Vogt nach Roſſiten verſetzt und andere Gebie⸗ tiger willkührlich in andere Aemter gewiefen worden. Be: 1) Dieſes Schr. des HM. an die Landkomthure zu Botzen, Elſaß und Ellingen, an die Komthure und Cenvente zu Coblenz, Mergent⸗ heim, Heilbron, Caffenburg, Frankfurt, Rotenburg, Birnsberg, Nuͤrn⸗ berg, Münnerſtadt, Würzburg u. a. Dat. Marienb. Sonnab. nach Franciſci 1439 Schbl. 99. 2. (im Entwurf) und in Jaeger Cod. diplo- mat. ordin. Teut. s. h. &. l 2) Nach einer Angabe bei Kotzebue B. IV. S. 295.
Scanseite 754 · Druckseite 741
Streit des HM. mit dem Deutſchmeiſter. (4439.) 741 reits war der neue Meiſter mit bewaffneter Macht, von Erzbiſchof von Riga unterſtuͤtzt, auf einem Zuge nach Harrien und Wierland begriffen, um ſich auch dort Hul⸗ digung und Gehorſam zu erzwingen.) Alſo ward auch hier nach jahrelangem Widerſtreit die Macht des Geſetzes zerbrochen und des Hochmeiſters Auctorität darniederge⸗ treten. Die Verhaͤltniſſe wurden dadurch noch verwickel⸗ ter, daß der neue Meiſter bereits vorher auch Beſtaͤti⸗ gungsbriefe über feine Wahl beim Papſte und dem Roͤm. Koͤnige auszuwirken gewußt hatte, die ihn berechtigten, vom ganzen Lande die Huldigung zu fordern, waͤhrend nun letzterer verlangte, daß in das Buͤndniß zwiſchen ihm, dem Hochmeiſter und dem Großfürſten von Litthauen, woran er immer noch arbeitete, auch die beiden Meiſter von Livland und Deutſchland aufgenommen werden ſoll⸗ ten, weshalb jetzt- von neuem feine Botſchafter in Preuſ⸗ ſen und Litthauen erſchienen. Sein baldiger Tod in⸗ deß im October dieſes Jahres vereitelte alle feine Wünſche. So ſchuͤrzte ſich der Knoten immer verwirrter. Das Concilium wollte ihn loͤſen; allein kluge und einſichts⸗ volle Maͤnner, Goͤnner des Ordens, erſahen auf dieſem Wege der Entſcheidung wenig Erſreuliches für den Orden in Preuſſen. Es ward daher vermittelt, wahrſcheinlich durch den Erzbiſchof von Köln, daß ſtatt der Vorladung nach Baſel vom Concuium ſelbſt eine neue Aufforderung an den Hochmeiſter und die beiden Meiſter erging, nach welcher ſie auf einem im Anfange des Februars naͤchſtes Jahres zu Nuͤrnberg zu haltenden Reichstage erſcheinen ſollten, wo durch der Kurfürften Vermittlung eine Aus⸗ 1) Schr. des Komthurs v. Memel an den Ordensmarſchall, d. Memel Donnerſt. nach Mathäi 1439 Schbl. XX. 23. 2) Schr. des Komthurs v. Brandenburg, d. Waldau am T. Mau⸗ ritii 1439 Schbl. XVI. 53. 3) Kurz a. a. O. S. 207. 4) Schr. des Ordens- Sachwalters Dr. Johann Karſchau an den HM. d. Florenz 19. Octob. 1439 Schbl. II. 180.
Scanseite 755 · Druckseite 742
742 Streit des HM. mit dem Deutſchmeiſter. (1439.) gleichung oder doch wenigſtens ein friedlicher Anſtand un⸗ ter ihnen verſucht werden ſollte.) Mittlerweile aber griff auch der mit dem Concilium in Zwieſpalt lebende Papſt Eugenius wieder in den Streit ein, denn die von ihm mit der Unterſuchung und Entſcheidung der Streitſache beauftragten Kardinaͤle thaten in feinem Namen den Richs terſpruch: Eberhard von Saunsheim und die Livlaͤnder ſollten innerhalb vierundzwanzig Tagen nach Bekanntma⸗ chung des Spruches zu Pflicht und Gehorſam gegen den Hochmeiſter zuruͤckkehren, widrigenfalls nicht nur alle Ein⸗ fünfte aus den Ordensguͤtern eingezogen und eine Geld— ſtrafe von tauſend Mark reines Silber an die paͤpſtliche Kammer erlegt werden, ſondern auch über die Aufruͤhrer und Ungehorfamen und ihren ganzen Anhang der Bann und über ihre Burgen, Staͤdte und Dörfer das Inter⸗ dict verhängt ſeyn follte. ? Indeß hatte die Stimme des abgeſetzten Papſtes doch viel zu wenig Gewicht fuͤr den Deutſchmeiſter; gab er doch ſelbſt dem Vorſchlage der drei geiſtlichen Kurfuͤrſten von Mainz, Trier und Koͤln nicht einmal Gehoͤr, die im November zu Frankfurt ver⸗ ſammelt ſich zur Vermittlung in dem Streite erboten “, 1) Bulle des Conciliums, d. Basilee IX. Cal. Novemb. a. d. 1439 Schbl. XII. 5; fie iſt im Index corpor. histor. diplom. Livoniae p. 303 unrichtig ins J. 1437 geſetzt; denn obgleich die beiden letzten Ziffern der Jahrzahl weggefreſſen ſind, ſo muß ſie doch ins J. 1439 geſetzt werden, wie ſchon die ebendaſ. p. 313 unter nro 1464 verzeichnete Urkunde klar ausweiſet. 2) Das Edict der beiden Kardinäle, Biſchof Antonius von Oſtia und Presbyter Nicolaus, d. Florentie in conventu omnium sanctorum ordinis humiliatorum die Merenrii vieesima prima mensis Octohr. a. d. 1439 Schbl. 99. 9; vgl. Kotzebue B. IV. S. 245, wo die Urs kunde unrichtig ins J. 1438 geſetzt iſt. Sie enthält eine ſehr ſpecielle Auseinanderſetzung der Streitſache, iſt aber nicht bloß, wie Kotzebue a. a. O. anzunehmen ſcheint, gegen den Deutſchmeiſter, ſondern auch gegen die Livländer gerichtet. 3) Notariatsinſtrument uͤber die Erdffnung der Kurfuͤrſten an das Concilium in Baſel, d. Franklordie duodecima Novemb. a. d. 1439 Schbl. XII. 8.
Scanseite 756 · Druckseite 743
Unzufriedene Stimmung im Lande. (1439.) 743 denn auf ihre Aufforderung, die Entſcheidung des Zwiſtes einigen freundlichgeſinnten Schiedsrichtern, dem kuͤnftigen Rom. Könige und den Kurfuͤrſten anheimzuſtellen, erklaͤrte er: nach allen bisherigen Vorgaͤngen und Verhandlungen ſey für ihn und den Orden die Sache nicht ſo kurz und austräglich abzumachen; ohne Wiſſen und Willen der Liv⸗ laͤndiſchen Gebietiger, deren Meinung er nicht kenne, koͤnne er ſich auf eine ſolche Ausgleichung gar nicht einlaſſen, weil der Streit den ganzen Orden betreffe; den kuͤnfti⸗ gen Roͤm. Koͤnig wuͤrden kirchliche und Reichsangelegen⸗ heiten gleich Anfangs viel zu ſehr beſchaͤftigen; den Tag zu Nürnberg hätten die Kurfürſten zwar wieder abgeſtellt; allein das Concilium zu Baſel habe nun einmal die Par⸗ teien dahin vorgeladen und dieſer Ladung muͤſſe und werde er Folge leiſten.) So weit war dieſer aͤrgerliche Streit geführt, als nun auch ſein verderblicher Einfluß auf die innern Ver⸗ haͤltniſſe Preuſſens mehr und mehr hervortrat. Wir hoͤr⸗ ten längft von den bedenklichen Bewegungen und der un: zufriedenen Stimmung, die ſich bereits in mehren Land⸗ ſchaften tiber die Landesverwaltung kund gegeben. Der entzundbare Stoff war auch in dieſem Jahre noch vermehrt und durch manches zufälige Ungluͤck die Spannung der Gemüther noch geſteigert. Ein Durchbruch des Weichſel⸗ Stromes unweit Montau hatte Meilenweit Doͤrfer und Felder verheert. 2) Durchs ganze Land wuͤthete im Som: mer und Herbſt eine ſchreckliche Peſtſeuche, die unzaͤhlige Menſchen hinraffte.“ Die Armuth des Landvolkes ſtieg 1) Schr. des Deutſchmeiſters an die drei geiſtl. Kurfürſten, d. Hor⸗ neck Sonnt. nach Neujahr 1440 Schbl. XX. 32. 2) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Holland Sonnab. vor In⸗ vocavit 1439 Schbl. LIII. 2. 3) Von dieſer Peſtkrankheit iſt in mehren Schr. dieſes Jahres die Rede. Schr. des Koniges v. Polen an den HM. d. Jedlna feria VI. Festi s. Dienysüi 1439 Schbl. XXIV. 35: er könne fi) wegen des mit dem HM. zuhaltenden Verhandlungstages noch nicht beſtimmen propter
Scanseite 757 · Druckseite 744
* * 744 Unzufriedene Stimmung im Lande. (1439.) faſt mit jedem Tage; keine von den großen Staͤdten er⸗ freute ſich mehr der friſchen Bluͤthe, wie vor zwanzig Jahren; in Kulm z. B. war kaum noch ein Schatten des alten Wohlſtandes.) Dabei nicht felten Trotz und ſtarre Widerſetzlichkeit gegen des Meiſters Befehle. Der Buͤrgermeiſter und geſammte Rath von Kreuzburg zeigte ſich ſo widerſpenſtig, daß der Komthur von Brandenburg ihn allzumal ins Gefaͤngniß werfen mußte, und wie hier, fo anderwärts. In Folge dieſer und ahnlicher Ereig— niſſe ließ der Hochmeiſter durchs ganze Land das Gebot ergehen: fofern fortan jemand den Hochmeiſter mit Schmaͤ⸗ hungen oder ſonſtigen boͤswilligen Worten verletzen oder wohl auch ein Drdensgebictiger die Ritter und Staͤdte des Landes in ſolcher Weiſe beleidigen werde, ſo ſolle er mit Nachdruck beſtraft werden, damit andern ein Beiſpiel gegeben und Zwietracht befeitigt werde.) So traurig aber ſolche Geſetze waren, ſo wenig frommten ſie in die⸗ ſer Zeit. Da traten im Sommer dieſes Jahres Bevollmaͤchtigte der großen Staͤdte zu einer Tagfahrt in Elbing zuſam⸗ men, ſich uͤber des Landes traurige Lage und die Be— draͤngniſſe ſeiner Bewohner zu berathen. Sie erließen an den Meiſter das Geſuch: er möge fie bei ihren Priviles gien und Rechten und namentlich bei ſolcher Freiheit laſ— ſen, wie er ſie ſelbſt bei ſeiner Meiſterwahl gefunden und worauf fie ihm gehuldigt haͤtten, vor allem aber pestiferum acrem, qui in parlibus illis vigere dicitur permaxime. Des großen Menſchenſterbens in Preuſſen erwähnt auch der Biſchof von Kurland in einem Schr. an den HM. Schbl. XX. 27. Schütz p. 133. 1) Urkunde des HM. d. Marienb. Sonnt. nach Aller Heil. 1440 SHENKX.T. 2) Schr. des Komthurs v. Brandenburg, d. Neuendorf Sonnt. Invocavit 1439 Schbl. LV. 57. 3) Manufeript A. über den Preuſſ. Bund p. 3 (wird in der Folge nur Mscr. A. citirt.) 4) Val, oben S. 406 — 407.
Scanseite 758 · Druckseite 745
Unzufriedene Stimmung im Lande. (1439.) 745 den Pfundzoll und die erſt in ſeiner Zeit neu auferleg⸗ ten Zoͤlle abſtellen. Der Hochmeiſter indeß entgegnete: wie ſie ihre Rechte und Freiheiten, ſo habe auch er ſeine kaiſerlichen Briefe und Privilegien; koͤnne es nicht anders ſeyn, ſo muͤſſe im Streit daruͤber zwiſchen ihnen ein Richter entſcheiden; er werde nach dem Rechte handeln, nur moͤge man ihm nicht zu nahe treten. Aber den Pfundzoll hoffe er mit Recht zu behalten. Darauf erhob man Klage uͤber die Theilnahme der Lande und Staͤdte am gemeinen Gerichte, wovon fie gegen ihr Recht aus: geſchloſſen ſeyen, über die Vorrechte, welche die Ordens: beamten im Handel, beſonders in der Getreideausfuhr ſich angemaßt, uͤber die zu ausgedehnte Duldung frem— der Kaufleute in den Staͤdten, wodurch ihr Handel und Verkehr bedeutend geſchmaͤlert werde, uͤber Aenderung der Landesmuͤnze und manches andere, was des Landes Wohl⸗ fahrt und Gedeihen beeintraͤchtige. Ueber alles legte man dem Hochmeiſter gewiſſe Satzungen und Beſtimmungen vor, mit der Bitte, fie in die Landeswillkuͤhr aufzuneh⸗ men und mit Ernſt auf ihre Beobachtung zu halten. Allein die meiſten der Beſchwerden fanden keine Abhuͤlfe und viele von den Satzungen wurden vom Meiſter als unzulaͤſſig zuruͤckgewieſen. Die Folge war, daß ſich jetzt auch ein großer Theil des Landadels, Ritter und Knechte, beſonders im Kulmerland, durch gemeinſames Intereſſe und gleiche Beſchwerden bewogen, den Staͤdten enger anſchloſſen, wohl erkennend, daß nur durch feſtes Zuſammenhalten und Zuſammenwirken das druͤckende Joch abgeworfen werden koͤnne. Der erſte Schritt geſchah I) Schütz p. 133. Mser. A. p. 1 — 5. 10 — 11: beide ergaͤn⸗ zen ſich. Auch der Entrichtung des Wartgeldes wird erwähnt; dieſe und die Lieferung des Schalvenskornes hatten laͤngſt auch Unzufrieden⸗ heit erregt und konnten wegen druͤckender Armuth nicht mehr geleiſtet werden, fo daß ſelbſt mitunter die Komthure um Nachſicht baten; Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Oſterode Mittw. vor Oſtern (o. J.) Schbl. LXXIII. 81.
Scanseite 759 · Druckseite 746
746 Unzufriedene Stimmung im Lande. (1439 — 1440.) ſchon auf dem Tage zu Elbing, wo Ritter und Knechte des Kulmerlandes den Staͤdten gelobten, „daß ſie ihnen fortan getreulich beiſtaͤndig ſeyn wollten in ihren Geſchaͤf⸗ ten, die ſie gegen den Hochmeiſter zu thun haͤtten, als in Freiheiten, Privilegien und allen rechtfertigen Sachen.“ An die Kulmiſche Ritterſchaft aber ſchloß ſich auch ſchon die Chriſtburgiſche an.“ Mittlerweile aber waren die naͤheren Verhaͤltniſſe der Zwietracht im Orden auch unter dem Volke bekannter ges worden. Beſorgt uͤber den Eindruck, den die Erklaͤrung des Deutſchmeiſters uͤber die Gruͤnde der Abſetzung des Hochmeiſters bei der unzufriedenen Stimmung im Lande gemacht habe, ertheilte dieſer wie dem Ordensmarſchall ſo auch den Komthuren den Auftrag, in ihren Gebieten auszuforſchen, wie man im Volke über die zwiſchen den Haͤuptern des Ordens obwaltende Uneinigkeit gefinnt ſey. In Samland und in den uͤbrigen Niederlanden nahm man zur Zeit noch wenig Theil an den öffentlichen Angelegen⸗ heiten; man hielt es dort im Allgemeinen noch treu mit der Landesherrſchaft, denn Adel und Staͤdte hatten dort von jeher keinen vorherrſchenden Einfluß.“ Anders in den weſtlichen Theilen des Ordensgebietes, wo allerdings die Sprache des Deutſchmeiſters geneigteres Gehoͤr fand und die Spannung der Gemüther noch mehr ſteigerte. Da traten zu Ende dieſes Jahres die Unzufriedenen aus der Ritterſchaft des Kulmerlandes mit den Sendboten mehrer Staͤdte zu Kulm abermals zu einem Tage zuſam⸗ 1) Mser. A. p. 4. uebrigens fanden in dieſem Jahre mehre Tag⸗ fahrten Statt, woruͤber noch nähere Nachricht p. 5. 2) Schr. des Ordensmarſchalls an den HM. d. Königsberg Sonnt. vor Bartholom. 1439 Schbl. XX. 34. Die Samlaͤnder hatten geant⸗ wortet: das ſie mit den eren Doheyme genog haben czu ſchaffen und In ir geſynde vorſtyrbet und ſprechen, wie das fie von nymande andirs wifs ſen weddir von Dewtſchen landen noch leyfflendern nicht, wenne von euwern genoden alleyne und wellen leyb und gut mit euwern genoden czuſeczen, ſunder mochte eyntracht geſeyn, das ſegen ſie alle vil liber.
Scanseite 760 · Druckseite 747
Unzufriedene Stimmung im Lande. (1439 — 1440.) 747 men. Mehr als je ward die Stimme klagend laut uͤber das unheilvolle Zerwuͤrfniß im Orden ſelbſt, uͤber die Knechtſchaft, Bedrückung, den Uebermuth und die Unge⸗ rechtigkeiten, unter denen das Land, bedruͤckt von einer muthwilligen und tyranniſchen Herrſchaft, jetzt ſeufze; alle murrten uͤber die Gewaltthaten, die je länger je mehr an Rittern und Knechten, Bürgern und Landleuten, ſelbſt an Frauen und Jungfrauen von den hoffaͤrtigen Ordens⸗ rittern ohne Scheu vor Gott und Menſchen veruͤbt wuͤr⸗ den. „Wo iſt ein Armer im Lande, hieß es, deſſen Ael⸗ tern, Bruder, Freunde oder der nicht ſelbſt vom Orden gemißhandelt, wo einer, deſſen Privilegien und Freihei⸗ ten nicht geſchmaͤlert ſind? Unſere Freunde haben ſie zu Gaſt geladen und unter dem Scheine der Freundſchaft verraͤtheriſch ermordet, andere ohne Urtheil und Recht, ohne Anklage und Verhoͤr enthauptet oder ihrer Guͤter beraubt, Männer um ihrer ſchoͤnen Frauen willen erfäuft oder ihre Frauen und Toͤchter verfuͤhrt, ihre eigenen Freunde zu Waſſer und Land verkauft und den Kaufmann mit Laſten aller Art beſchwert. So iſt's vor Zeiten nie zuge⸗ gangen. Die alten Hochmeiſter, als Heinrich Duſmer, Winrich von Kniprode und andere fromme Regenten mein: ten das Land mit Treue, bauten es an, leiſteten uns Beiſtand, beſchirmten die Staͤdte, wo ein armer Mann war, dem halfen ſie, daß er bei ſeiner Nahrung blieb und nicht verdarb, und hielten fleißig Gottesdienſt, alſo daß man überall in fremden Landen dieſem Lande großes Lob nachſagte. Dieſe neuen Schwaben aber, dieſe Baiern und Franken thun jetzt in allem das Gegentheil, vergef: fen alle Gottesfurcht und ſprechen keck: wir Preuffen ſeyen nur ihre Leibeigenen, mit dem Schwerte gewonnen. Un⸗ ſere Vaͤter haben es nicht an ihnen verdient, was ſie taͤglich an uns thun wider unſere Privilegien und Frei⸗ heiten. Wenngleich ihre Vorfahren dieß Land auch ero- bert haben, wer anders hat ſie denn dabei erhalten als unſere Vaͤter unter Schweiß und Blut? Fuͤrwahr es taugt
Scanseite 761 · Druckseite 748
748 Entſtehung des Preuſſiſchen Bundes. C1110.) nicht, daß wir laͤnger ſtille ſitzen und ſchweigen, ſondern es will vonnöthen ſeyn, daß wir bedenken und berathen, wie wir ſolch unleidliches Joch von unſerm nnd unferer Nachkommen Nacken ſchuͤtteln.“ N Alſo begann das Jahr 1440 unter fortwaͤhrenden Tagfahrten und Berathungen zunaͤchſt der Ritterſchaft Kul⸗ merlandes mit den Staͤdten Kulm und Thorn; man ſchloß ſich enger an einander; man verſtand ſich immer mehr im gemeinſamen Intereſſe. Da erwachte der Ge— danke einer engeren Vereinigung, eines Bundes, um die Kraͤfte der Einzelnen zur Abwehr ungerechten Druckes und zur Erreichung billiger Wuͤnſche und gerechter An— fprüche wirkſamer zuſammenzufaſſen. Er ging bald über die Graͤnzen des Kulmerlandes hinaus und fand auch Anklang in den naͤchſten Landſchaften. Der Hochmeiſter jedoch erließ jetzt an die vornehmſten Staͤdte das Gebot: es ſollten forthin keine Verſammlungen und Berathungen wie bisher mehr Statt finden. Dieß indeß gab Anlaß zu einer neuen Tagfahrt zu Elbing, wo beſchloſſen ward: man wolle ſich dieſes Verbotes wegen zuvoͤrderſt mit der geſammten Ritterſchaft Kulmerlandes berathen und dann an den Meiſter das Geſuch bringen: das Verbot zuruͤck⸗ zunehmen und zu geſtatten, daß auch fortan die Staͤnde über ihre Gebrechen und Wuͤnſche berathen dürften; man werde in allen Dingen offen handeln und alſo daß man es verantworten koͤnne.) Man kam uͤberein: es ſolle ein Bund geſchloſſen werden zur Abwehr alles Unrechts, alles Druckes und aller Gewalt, die von den Herren des Landes an den Städten und Landesbewohnern verübt wuͤrden; man wolle beſtimmen, in welcher Weiſe einer dem andern Beiſtand leiſten ſolle in allen rechtfertigen I) So die alte Preuſſ. Chronik p. 52; mit ihr faſt wortlich über: einſtimmend Runaw Hiſtoria und einfeltige Beſchreib. des großen drei⸗ zehnjähr. Kriegs in Preuſſen, in der Vorrede. 2) Der Receß darüber im Mser. A. p. 6.
Scanseite 762 · Druckseite 749
Entſtehung des Preuffifchen Bundes. (1440.) 749 Sachen. Daruͤber ſolle zunaͤchſt der Rath jeglicher Stadt ſich mit ſeiner Gemeine berathen und auf naͤchſter Tag⸗ fahrt die Meinung der Einzelnen verhoͤrt werden.“ Nun hatte aber bereits der Hochmeiſter auf der Staͤnde Bitten einen allgemeinen Verhandlungstag zuge⸗ ſagt, auf welchem die Anforderungen und Geſuche der Stände einer genauern Prüfung unterworfen werden foll- ten. Da traten dieſe zuvor zu einer neuen Tagfahrt zu Elbing zuſammen ?, um in einigen Hauptpunkten noch vor dem Tage dem Meiſter ihre Wuͤnſche und Bitten vorzulegen und ihn um Abhuͤlfe der Gebrechen zu er— ſuchen. Sie baten 1. um ein jaͤhrliches gemeines Ge— richt, wie es vordem vom Hochmeiſter und den Staͤnden auch eingerichtet und begonnen ſey, wo jedermann ſeine Beſchwerden vorbringen, der Lande Gebrechen und Maͤn— gel geprüff und abgeſtellt und die Verwaltung des Lan: des verbeſſert werden koͤnne; 2. daß jeder bei ſeinen Privilegien, Freiheiten und Gewohnheiten gelaſſen, Zölle und andere Laſten, die erſt unter dieſem Meiſter ohne der Stände Zuſtimmung dem Lande aufgebuͤrdet worden, aufgehoben und dem Lande die Freiheiten und Gerechtſa— me gehalten wuͤrden die der Meiſter bei ſeiner Wahl ge— funden, zu erhalten verſprochen und auf die man ihm gehuldigt habe; 3. daß die Abgabe in den Mühlen nicht erhoͤht und der Muͤhlenzwang aufgehoben werde; 4. daß jedem der Verkauf von Getreide, Mehl und andern Er— zeugniſſen überallhin frei ſtehe; 5. daß der Meiſter dem ausgedehnten und ungewoͤhnlichen Handel und Verkehr 1) Der Receß über dieſe Tagfahrt im Mser. A. p. 3. 7. 2) Nach Schütz p. 13% fand dieſe Tagfahrt am Sonnabend nach Eircumciſ. dni Statt; ob aber dieſe Angabe richtig iſt? Nach dem Mser. A. wurden im Anfange des J. 1440 zwei Tagfahrten zu Elbing gehalten, ohne daß die Zeit näher angegeben iſt. Dann müßte jedoch die zweite etwas ſpäter fallen. Dieß ſcheint auch aus einem Schr. des Ordensmarſchalls an den HM. d. Thorn Mittw. nach Valentini 1440 Schbl. LXXVI. 12 hervorzugchen. —
Scanseite 763 · Druckseite 750
750 Entſtehung des Preuſſiſchen Bundes. (1440.) der Komthure und Amtleute, wodurch dem Kaufmanne und Buͤrger in ſeinem Gewerbe ſo großer Schaden und Verluſt entſtehe, Einhalt thun moͤge. Die Antworten des Hochmeiſters aber waren theils abſchlaͤgig und zu— ruͤckweiſend, theils unentſchieden. Abermals ward kalt er= wiedert: „Wie ihr euere Privilegien habt, ſo haben auch wir die unſrigen. Wir wollen zur Zeit ſie vorbringen; wozu ihr dann Recht habt, dabei werden wir euch laſſen.“ Auf Abſtellung des Pfundzolles ließ ſich der Meiſter gar nicht ein, es uͤbel aufnehmend, daß man ihn damit von neuem belaͤſtige. „Weder ich, noch ein anderer, entgeg⸗ nete er, kann das Meiſteramt halten ohne ſolche Huͤlfe; habe ich dieſe nicht, fo muß ich die Lande anders ans greifen und dann faͤllt euch das wiederum ſchwer.“ Da antworteten die Staͤnde: „wir ſehen wohl, daß ihr den Pfundzoll und die andern Beſchwerden nicht abſtellen, auch unfere Freiheiten uns nicht laſſen wollt, wie ihr fie ge— funden. Alſo muͤſſen wir ſolches an unſere Aelteſten und Gemeinen bringen; ſetzt uns jedoch eine Tagfahrt des ganzen Landes in kurzer Friſt, damit wir dann im Auftrage unſerer Gemeinen unſere Gebrechen vorlegen.“ „Vor Oſtern, erwiederte der Meiſter, kann mit den Prä= laten und Landen kein Tag gehalten werden.“ Da faß— ten die Staͤnde nach Berathung den Beſchluß: Da der Meiſter in kurzem keinen Tag bewilligen wolle, ſo muͤß⸗ ten ſie ſelbſt ſich fruͤher aus eigener Macht einen ſolchen ſetzen.“ Da traten fuͤr den Hochmeiſter neue, ſchwere Be⸗ ſorgniſſe ein, denn er vernahm nicht nur, daß der Deutſchmeiſter ſich bereits auch an die Ritterſchaft und Staͤdte des Kulmerlandes und einiger anderer Landſchaf⸗ ten gewandt, mit ihnen allerlei Unterhandlungen anzu⸗ knuͤpfen geſucht habe und daß die Stände nicht abgeneigt 1) Receß über dieſe Tagfahrt bei Schätz p. 134 — 135, faſt ganz uͤbereinſtimmend im Mser. A. p. 11 — 14.
Scanseite 764 · Druckseite 751
Sittliches Verderben im Orden. (1440.) 751 ſeyen, in eine Verbindung mit dem Deutſchmeiſter einzu⸗ gehen ”, ſondern es war auch im Orden in Preuſſen ſelbſt Haß und Zwietracht und Zerwuͤrfniß ſchon bis in das Innere der Konvente eingedrungen und der arge, feindſelige Geiſt, der wie ein krebsartiges Geſchwuͤr bis⸗ her nur an den aͤußeren Theilen des Ordenskoͤrpers ge⸗ nagt und gezehrt, hatte ſich bereits ins Herz des Or— dens ſelbſt eingeſchlichen. Der Grund des innern Uns friedens aber und der ſittlichen Geſunkenheit eines großen Theils der Ordensritter lag ſchon mit in der Leichtfertig⸗ keit, mit der man ſeit laͤngerer Zeit bei der Aufnahme neuer Ordensbrüͤder verfahren war; denn während man früher beſonders aus Niederdeutſchland, Weſtphalen, Sach⸗ ſen, aus dem Braunſchweigiſchen und den Rheinlanden nach Vorſchrift des Geſetzes meiſt nur verſtaͤndige, reblis che und wohlgeſittete Maͤnner nach ſtrenger Pruͤfung als Bruͤder auserkor, ließ man jetzt, beſonders aus Schwa⸗ ben, Baiern und Franken häufig ungeprüft junge, uner⸗ fahrene, weltluſtige Menſchen zu, die im Orden nur ihs ren Unterhalt ſuchten, die keine Leidenſchaft zu zuͤgeln, keinem Wunſche zu entſagen und ihrem Ehrgeiz und Hochs muth keine Graͤnze zu ſetzen wußten. Das ſtrenge Geſetz, von ihnen kaum zuvor gekannt, ward ihnen dann eine beſchwerliche Feſſel; die ernſte Zucht und eingezogene Lebensweiſe ſchien ihnen eine unertraͤgliche Laſt, der ſie ſich bei jeder fuͤglichen Gelegenheit moͤglichſt zu entledi⸗ gen ſuchten. Daher die haͤufigen Klagen der Komthure uͤber unfolgſame und untaugliche Konventsbruͤder, daher das häufige Entweichen abtrünniger Ordensritter. Sie konnte kein Geſetz mehr beſſern, weil die Achtung gegen 1) Es wird der Schreiben des Deutſchmeiſters an die Stände in Preuſſen und ihrer Berathung, wie ihm zu antworten ſey, in den Receſſen mehrmals erwähnt. Auf einer Tagfahrt zu Elbing ward felbft die Frage aufgeworfen, ob man nicht auch dem Deutſchmeiſter die Ge⸗ brechen des Landes vorlegen ſolle? 2) Runaw d. d. O. Alte Preuſſ. Chron, p. 53.
Scanseite 765 · Druckseite 752
752 Sittliches Verderben im Orden. (1410.) das Geſetz ſchon immer mehr geſunken war; fie beugte keine Strafe mehr, weil in ihren Augen Strafe keine Schande brachte. Und je mehr der Geiſt der Ungebun⸗ denheit und zuchtloſer Sitte im Orden herrſchend wurden, deſto leichter wußten ſich Menſchen ſolches Geiſtes gel⸗ tend zu machen und draͤngten ſich je mehr und mehr auch in die Komthur- und andere Ordensaͤmter ein. 2 So ging bald auch durch den Orden in Preuſſen eine unheilvolle Spaltung und Parteiung zwiſchen den Ober⸗ deutſchen, den Baiern, Schwaben und Franken und den Niederdeutſchen, von denen jene bald hie und da das entſchiedenſte Uebergewicht erhielten. Da Alter und Sor⸗ gen des Meiſters Geiſt ſchon ſehr gebeugt und nieberges druckt, die aͤrgerlichen Fehden mit dem Deutſchmeiſter und den Livlaͤndern ſein Anſehen auch unter den Ordensbruͤ⸗ dern in Preuſſen geſchwaͤcht, auch mitunter unzeitige Milde und allzu große Nachgiebigkeit in den letzten Jahren ſein amtliches Gewicht ſchon bedeutend verringert hatte, ſo fraß das wilde Uebel im Ordenskoͤrper immer weiter; denn ſeit der Deutfchmeifter ihn mit Anklagen und Be⸗ ſchuldigungen über ſchlechtes Regiment, Meineid und Ge⸗ ſetzwidrigkeit vor aller Welt verfolgte, mußte er wohl, um ſich die Gunſt und Treue der Gebietiger in Preuſſen zu ſichern, häufig auch da ihrem Willen nachgeben, wo er gerne eine andere Bahn eingeſchlagen haͤtte, ſo daß es wohl oft den Anſchein gewinnen mußte, daß mehr die Gebietiger, als er das Ruder der Regentſchaft führten. ? Allerdings gab es unter dieſen auch noch manche ein⸗ ſichtsvolle, beſonnene, wackere Maͤnner, die das Beſſere erkannten und ihm mit Eifer das Wort redeten; indeß gelang es auch nicht ſelten den Raͤnken und Umtrieben 1) Daher das berüchtigte Sprüͤchlein: Es mag bier niemand ein Gebietiger ſeyn Er ſey denn Baier, Schwabe oder Frauteiein. Schätz p. 135. Alte Preuſſ. Ehron. p. 53. 2) Alte Preuſſ. Chron. Pr 53.
Scanseite 766 · Druckseite 753
Sittliches Verderben im Orden. (1410.) 753 ihrer Gegner, daß ſie ihrer Aemter entlaſſen, als gemei⸗ ne Bruͤder in die Konvente zuruͤckgewieſen oder in unbe⸗ deutende Aemter an den Graͤnzen verſetzt wurden, wo fie wenig fir das Allgemeine wirken konnten.) Man fand ſelten noch einen Konvent in den groͤßeren Ordens⸗ burgen, in dem nicht Haß, Parteiung und Zwietracht herrſchten. In denen zu Königsberg, Balga und Bran⸗ denburg war die Spaltung ſchon fo arg, daß die Gleich⸗ geſinnten bereits unter ſich foͤrmliche Verſammlungen und Berathungen anordneten und das Anſehen der Komthure kaum noch irgend beachtet wurde.“ Im Konvent zu Elbing hatte waͤhrend des Komthurs Abweſenheit eine ſolche Parteiſucht und Auflöfung aller geſetzlichen Ord⸗ nung und ein ſolcher Ungehorſam uͤberhand genommen, daß der Hauskomthur es ſelbſt nicht einmal wagen durf— te, von Befehlen des Hochmeiſters zu ſprechen, weil man ihn gewöhnlich mit wilddrohenden Aeußerungen zum Schweis gen brachte. Zwei Ordensritter, der Kellermeiſter von Wallen⸗ rod und der Konventsbruder Hans von Horsbach, an der Spitze ſtehend, haiten dort die meiſten juͤngern Ordensritter in ihre Partei gezogen und ſchrieben vor, was Geſetz und Orb: nung ſeyn ſollte.) Kam es doch in jenen drei Konventen bald ſo weit, daß man den Beſchluß faßte, auf dem naͤchſten Ordenskapitel den Hochmeiſter um die Erlaub⸗ niß zu erſuchen, aus dem Orden auszuſcheiden, um in einen andern uͤberzutreten, welchem Plane jedoch der Pfleger von Gerdauen als Vermittler aufs kraͤftigſte entgegenwirkte.“ Naturlich wirkte dieſe Spaltung und Parteiung im Orden auch auf die Ereigniſſe unter den Staͤdten und der 1) Runaw a. a. O. Alte Preuſſ. Chron. p. 53. 2) Schr. des Komtyurs v. Brandenburg, d. Neuendorf u nach Epiphan. 1440 Schbl. LXXI. 48. 3) Schr. des Hauskomthurs v. Elbing, d. Elbing Mont. 0 Faſt⸗ nacht 1910 Schbl. LIV. 23. 4) Schr. des Pflegers v. Gerdauen, d. Koͤnigsberg Donnerſt. vor Judica 1440 Schbl. LXXI. 45. VII. 48
Scanseite 767 · Druckseite 754
754 Innere Zerwuͤrfniß im Orden. (1440.) Ritterſchaft des Landes und dieſe wieder auf jene ein. Waͤhrend der Meiſter ſelbſt und ein Theil ſeiner Gebie⸗ tiger zur Beſchwichtigung der Unzufriedenen im Ganzen mehr fuͤr Mittel der Milde, kluger Nachgiebigkeit und für friedliche und freundliche Verſtaͤndigung in den gegen⸗ ſeitigen Anforderungen ſtimmten, meinten andere, man muͤſſe die Aufruͤhrer mit eiſerner Strenge, durch Dro⸗ hungen und Strafen ſchrecken und zur Ruhe bringen. Wagte es ein Armer bei ſolch einem Gebietiger zu dro⸗ hen, er werde ſich wegen erlittenen Unrechts beim Hoch⸗ meiſter beklagen, ſo klopfte der geſtrenge Herr mit den Fingern auf ſeine Stirne, ihn andonnernd: Ich will Dir ſchon Hochmeiſter genug ſeyn; ihr Knechte, legt den Hunds⸗ buben ein, wo ihn weder Sonne noch Mond beſcheint.“ Sogar im Konvent des Haupthauſes ſelbſt ſoll wilde Zwietracht obgewaltet haben. Am bedenklichſten jedoch 1) Alte Preuſſ. Chron. p. 53. Runaw d. a. O. 2) Die Erzählung von dem im Konvent zu Marienburg entſtan⸗ denen Aufruhr und der Flucht des HM. nach Danzig, wie Bacz ko B. III. S. 191 — 192 u. Kotzebue B. IV. S. 16 — 17 ſie ha⸗ ben, hat zu ihrer urquelle den Simon Grunau Tr. XV. C. XX. 3 und C. XXI. 1 und iſt von dieſem auf Schütz P. 135 — 136 uͤber⸗ gegangen, nur bei dieſem mit Weglaſſung der Ungereimtheiten, die ſich auch hier beim Mönche finden. Obgleich auch Rungt a. a. O. und die alte Preuſſ. Chron. p. 53 — 54 der Fahrt des HM. nach Danzig erwähnen, ſo halten wir die Erzählung, wie ſie Simon Grun au giebt, doch für eine Fabelej. Den trifftigſten Grund dazu giebt ein Schr. des Komthurs von Danzig an den HM. d. Danzig Dienft. nach Gonverfion. Pauli 1440 Schbl. LX. 83, am 26ften Januar, alſo zehn Tage nach der angeblichen Flucht des HM. nach Danzig geſchrieben. In dieſem Schreiben iſt von einer kuͤrzlichen Anweſenheit des HM. in Danzig nicht nur gar nicht die Rede, ſondern ſein ganzer Inhalt ſetzt voran, der HM. ſey über die ihm zugethane Stimmung der Danziger noch gar nicht unterrichtet geweſen und es habe bisher immer Mißtrauen in der Gemeine über die Geſinnung des HM. und des Komthurs gegen ſie geherrſcht. Das alles paßt aber durchaus nicht zu der Erzählung bei Simon Grunau und Schütz. Ucberdieß weiß keine andere bes währte Quelle etwas von einem Aufruhr im Ordenshaupthauſe.
Scanseite 768 · Druckseite 755
Innere Zerwuͤrfniß im Orden. (1440.) 755 war fuͤr den Hochmeiſter unter den Wirren der Zeit der aufrühreriſche Geiſt der drei Konvente zu Königsberg, Balga und Brandenburg, der die Widerſpenſtigen von Tag zu Tag zu weiteren Schritten forttrieb. Da begab ſich um Faſtnacht der Meiſter ſelbſt nach Balga, dort die Klagen der Konvente gegen den Ordensmarſchall zu vernehmen. Sie traten ihm jedoch alsbald mit der Er⸗ klaͤrung entgegen: fie wuͤrden dieſen forthin nicht mehr als Ordensmarſchall anerkennen. ) Der Hochmeiſter ver⸗ ſprach eine genaue Unterſuchung; ſey der Gebietiger ſchul⸗ dig, fo ſolle er büßen; aber ſelbſt der Geringſte muͤſſe ſich doch verantworten koͤnnen. Das alles indeß brachte die Erbitterten nicht zur Ruhe. Der Meiſter hatte kaum die Niederlande wieder verlaſſen, als ſie ploͤtzlich den An⸗ geſchuldigten Überfielen, ihm Schluͤſſel und Amtsſiegel ab⸗ nahmen und ſo foͤrmlich des Amtes entſetzten, ein Schritt, den ſich noch nie Ordensbruͤder erlaubt hatten, ſeit der Orden daſtand. Darauf verlangten ſie: man ſolle ihnen einen Tag zu Elbing bewilligen, wo auch der Hochmei⸗ ſter und der Marſchall erſcheinen ſollten, damit es dort zu Friede und Eintracht kommen koͤnne.) Erſterer, nicht ohne Beſorgniß, die Konvente moͤchten ſich mit dem Deutſchmeiſter in Verbindung ſetzen und nach deſſen Rath eine ganz neue Ordnung der Dinge geltend machen, mußte der Forderung nachgeben. Und kaum war dieß geſchehen, ſo folgte eine neue Demuͤthigung. Der Großkomthur Wilhelm von Helfenſtein begab ſich plotzlich eines Tages nach Mewe, berief dorthin auch die Komthure von Thorn, Schwez und Tuchel und ertrotzte nun faſt vom Hoch⸗ meiſter, daß das Ordensmarſchallamt dem Komthur von Thorn Konrad von Erlichshauſen, dem Komthur von I) Darüber ein Bericht des HM. d. Mar. Mittw. nach Judica 1440 Schbl. LXXIII. 100. 2) Dieß Geſuch brachte an den HM. der Komthur v. Brandenburg in einem Schr. d. Königsberg am T. Blaſü 1440 Schbl. LV. 8. 48 *
Scanseite 769 · Druckseite 756
756 Innere Zerwuͤrfniß im Orden. (1440.) Schwez die Komthurei zu Thorn und dem Vogt von Leſke das Komthuramt zu Schwez uͤbertragen werden mußten, denn nur auf dieſe Weiſe meinte man die aufruͤhreriſchen Konvente vielleicht noch beruhigen zu koͤnnen.) Allein die Bemuͤhungen des Großkomthurs blieben dennoch ohne Erfolg, weshalb der Hochmeiſter, noch mehr von Miß⸗ trauen gegen ſeine redlichen Abſichten erfuͤllt, ihn ſeines Amtes entließ, ihm die kleine Komthurei Althaus uͤber⸗ wies und die Wuͤrde des Großkomthurs dem bisherigen Vogt von Dirſchau Bruno von Hirzberg anvertraute. Zugleich aber ertheilte er dem neuen Ordensmarſchall und den Komthuren von Brandenburg, Balga und Ragnit den Auftrag, jetzt nach Entfernung des alten Marſchalls die Konvente mit ſtrengſtem Ernſte zum Gehorſam zu ermahnen und in die Graͤnzen ihrer Pflicht zuruͤckzuwei⸗ fen, ? Dieſe jedoch dadurch nicht geſchreckt, ſtellten jetzt als neue Bedingungen des Friedens auf: der Hochmeiſter ſolle ſobald als moͤglich in allen Konventen eine Viſita⸗ tion veranſtalten, dann in Marienburg, ſofern es die Konvente verlangten, in einer von ihnen zu beſtimmenden Zeit ein Ordenskapitel veranſtalten, um da nach Erkennt⸗ niß der Konvente und nach Laut der einkommenden Bot⸗ ſchaft der Gebietiger Beſchluͤſſe zu faſſen. Bis dahin ſolle der Hochmeiſter keinen Nathögebietiger feines Amtes entlaſſen; erſt im Kapitel duͤrfe auf Begehr der Konvente eine etwa noͤthige Veraͤnderung in den Aemtern getroffen werden; auch ſolle kein Gebietiger in ſeinem Konvente ein Amt verwandeln oder einen Bruder aus ſeinem Kon⸗ vente entlaſſen bis zum erwaͤhnten Kapitel. Sie forder⸗ ten ferner: der Meiſter ſolle einen andern Tag nach El⸗ bing legen, auf ihm ſelbſt erſcheinen und alle Biſchoͤfe 1) Bericht des HM. a. a. O. Schr. des Komthurs v. Branden⸗ burg an den HM. d. Friedland Donnerft, nach Scholaftich 12 40 Schbl. LXXVI. 18. 2) Bericht des HM. a. a. O.
Scanseite 770 · Druckseite 757
Innere Zerwuͤrfniß im Orden. (1440.) 757 und Praͤlaten, Gebietiger und Komthure, Hauskomthure, Proͤpſte, Pfarrer, alle niedern Ordensbeamte, Konvents⸗ bruͤder u. a. dahin einladen, denn es ſolle Zweck des Ta: ges ſeyn, dem Hochmeiſter zur Herſtellung der Eintracht im Orden und zur Aufrichtung eines ordentlichen Regi⸗ ments im Lande heilſamen Rath zu ertheilen. End⸗ tich verlangten ſie: es ſolle ein großes Ordenskapitel ge⸗ halten werden und auf dieſem auch die beiden Mei⸗ ſter von Deutſchland und Livland ſich zur Berathung ein⸗ finden.“) So weit alfo war es bei dem aufruͤhreriſchen Geiſte der Konvente ſchon gekommen, daß man es wagte, dem Oberhaupte Geſetze und Paaßregeln ſeines Verhaltens vorzuſchreiben. Daß man jetzt keck und kuͤhn nicht noch weiter ſchritt, war das Verdienſt des neuen Ordensmar⸗ ſchalls, des wackern Konrad von Erlichshauſen, der mit Klugheit, Maͤßigung und Beſonnenheit, aber zugleich auch, wo es erforderlich, mit ernſtem Nachdruck und Entſchie⸗ denheit des Willens die wildauslaufenden Beſtrebungen der Unzufriedenen zu zuͤgeln und zu beſchraͤnken wußte. Mittlerweile aber hatten die Staͤnde des Landes, durch die Bewegungen im Innern des Ordens in ihren Beſtre⸗ bungen nicht wenig ermuthigt, ihre Bahn weiter verfolgt. Noch vor dem beſtimmten allgemeinen Berathungstage trat die Ritterſchaft der einzelnen Landſchaften zu Be⸗ rathungen zuſammen, um ſich zuvor im Einzelnen naͤher zu verſtaͤndigen.) Desgleichen fand ein ſolcher Tag auch unter den Staͤdten zu Elbing Statt. Weil indeß auf keinem dieſer Tage eine hinreichende Zahl der Be⸗ rathenden erſchienen war, um feſte Beſchluͤſſe faſſen zu a 1) Schr. der Hauskomthure, der Amts- und Konventsherren und Brüder der Konvente Königsberg, Balga und Brandenburg an den HM. d. Balga Freit. vor Reminiſcere 1440 Schbl. LXXVI. 35. 2) Schr. des Kompans des Komthurs v. Elbing an den HM. d. Elbing Donnerſt. vor Reminiſcere 1440 Schbl. LXXVI. 14.
Scanseite 771 · Druckseite 758
758 Erſte Ausbildung des Preuſſiſchen Bundes (1440.) können, fo war auf den Sonntag Reminiſcere eine neue allgemeine Tagfahrt nach Elbing ausgeſchrieben worden.“ Um dieſe Zeit nun ſtroͤmten Ritter und Knechte, Send⸗ boten und Bevollmaͤchtigte aus den Staͤdten aller Land⸗ ſchaften (nur die aus Pommerellen, obgleich von Kulm eingeladen, weigerten ſich zu erſcheinen)? in Elbing zu⸗ ſammen. Als die Verhandlungen begannen, haͤuften ſich Klagen auf Klagen; jeder ließ dem Unmuthe freien Lauf. Altes und Neues ward ohne Ordnung durch einander ges worfen; manches, was man laͤngſt abgethan, anderes, woruͤber den Staͤnden fruͤher gar kein Recht zugeſtanden hatte, ward jetzt von neuem als Klagpunkt hervorgeru⸗ ſen. So wurde geklagt, daß der Hochmeiſter Heinrich von Plauen durch ſeine Verbindungen mit Litthauen dem Lande großes Verderben gebracht, und doch auch wieder⸗ um, daß die Gebietiger ihn und ſeinen Bruder ohne der Staͤnde Zuſtimmung ihrer Aemter entſetzt haͤtten; ſelbſt daruͤber wurden ruͤgende Stimmen laut, daß der Orden häufig Verträge und Buͤndniſſe mit Koͤnigen und Fuͤrſten ohne der Lande und Staͤdte Wiſſen und Einwilligung ge⸗ ſchloſſen habe. Es kam zur Sprache, daß der Orden wider Recht und Herkommen den Staͤdten ihre Verſamm⸗ lungen zur Berathung ihres Gemeinwohles unterſagt habe, dem Landbeſitzer beim Mangel maͤnnlicher Nachkommen ohne Erbrecht fir Töchter Güter einziehe und weder Vers kauf noch Tauſch oder Verpfaͤndung des Grundbeſitzes er laube, gleich als ſeyen die Beſitzer Leibeigene. Andere Klagen berührten die verſchlechterte Landesmuͤnze, verkuͤrz⸗ tes Hubenmaaß, den Pfundzoll und andere neue Zölle, den Muͤhlenzwang, das Eingreifen des Ordens in der Staͤdte Rechte, Gewaltthaten und widerrechtliche Le⸗ 1) Schütz p. 136. Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Danzig Donnerſt. nach Invocavit 1440 Schbl. LX. 82. 2) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Schwez Freit. vor Remi⸗ niſcere 1440 Schl. LIT. 70. 3) Namentlich die Abſctzung des alten Ratues zu Thorn und die
Scanseite 772 · Druckseite 759
Erſte Ausbildung des Preuffifchen Bundes. (1440.) 759 bensſtrafen an Rittern“ und andern Unterthanen, Ver⸗ weigerung oder Unterdruͤckung des Rechts im Gericht, Willkuͤhr in den Nechtöverhandlungen, Belaͤſtigung des Landmannes bei Getreidelieferungen, durch Schaarwerk und Kornkauf, willkührliche Veränderungen in Maaß und Gewicht, den ungebuͤhrlichen Handelsgeiſt der Ordensbe⸗ amten und Uebervortheilung des armen Landmannes beim Getreidekauf, Beſchwerung des Landes durch Unterhaltung unbeſoldeter Kaͤmmerer und endlich die Schwelgerei und Ueppigkeit der Ordensgebietiger und Ritterbruͤder, Ver⸗ führung von Frauen und Jungfrauen ohne Beſtrafung der Schuldigen; „das alles, hieß es, geht uͤber die armen Leute und werden geſchunden und aufgerieben wie Scha⸗ fe von reißenden Wölfen, daß fie weder Wolle noch Haut behalten.“ Dahin lauteten die Klagen des Landes in vierzig Punkten zufammengefaßt. ? Zur Abwehr ſolcher Unbill und Gewalt an Landen und Staͤdten und zur Bewahrung der Freiheiten und Ge⸗ rechtſame des Landes ward von neuem beſchloſſen in ei⸗ nen Bund zuſammenzutreten, alſo daß einer für des ans dern Freiheit und Recht mit einſtehen und alle fuͤr einen zu Schutz und Schirm bürgen ſollten; auf einer Tagfabrt zu Marienwerder ſollte von allen die Bundeseinigung be⸗ ſiegelt werden,?) mittlerweile aber die Ritterſchaft Kul⸗ merlandes die andern Landſchaften und die großen Staͤdte die kleineren zum Beitritt und zum Erſcheinen auf dem Bundestage auffordern. Da trat am Schluſſe der Ver⸗ ſammlung der edle Ritter Hans von Baiſen, der gewich⸗ Einſetzung eines neuen durch Heinrich v. Plauen, Verkuͤrzung der Fi⸗ ſcherci⸗ Gerechtigkeit Elbings im Elbing, Draufen = See und friſchen Affe z 11 3. B. daß Heinrich von Plauen zwei Ritter, Nicolaus von Renys und Elfred von Königefee ohne Verhör und Erkenntniß habe enthaupten laſſen. 2) Sie ſtehen ausführlich bei Schütz p. 100 — 138. 3) Schütz p. 138.
Scanseite 773 · Druckseite 760
760 Erſte Ausbildung des Preuſſiſchen Bundes. (1440.) tigſten und angeſehenſten einer im Lande, mit der Er⸗ klaͤrung auf: auch er wolle ſich mit dem Gebiete Oſterode der Bundeseinigung anſchließen; noch aber ſey er in des Meiſters Rath und es zieme ihm nicht aus dieſem aus⸗ zuſcheiden; werde jedoch der Hochmeiſter das Land ver: unrechten, ſo werde er ihn verlaſſen und treu und feſt bei den Landen ſtehen. Und die Verſammelten allzumal zollten dem Ritter Beifall.“ Alſo hatte man offen und frei die Klagen und Be⸗ ſchwerden gegen die Landesherrſchaft ausgeſprochen. Dfs fen und frei traten jetzt die Staͤnde mit ihrem Bunde dem Landesherrn entgegen. Es ging eine Botſchaft von Rittern und Bevollmächtigten der Städte, an ihrer Spitze Hans von Czegenberg, aus einem alten edlen Gefchlech- te Kulmerlandes, der Zeit Kulmiſcher Bannerfuͤhrer, 2 nach Marienburg zum Meiſter und ſprach in deſſen Ra⸗ the: „Um des Ordens innere Zwietracht zu ſtillen, das Land gegen den Ueberfall der Polen, die lauernd daſtehen, um den Unfrieden im Lande zu deſſen Verderben zu be— nutzen, zu ſchuͤtzen, um Leib und Gut ſichern und das Recht zu ſchirmen, haben wir juͤngſt zu Elbing einen Bund beſchloſſen und bitten euch als unſers rechten Herrn getreue Leute, ihr moͤget uns bei unſern Freiheiten, Pri⸗ vilegien und Gerechtigkeiten erhalten, als ihr uns oft ſchon zugeſagt habt, und euerer Gebietiger und Amtleute Gewalt und Unrecht ſteuern.“ „Wohl, erwiederte der Meiſter, ich will gerne fuͤr euch thun, was in meiner Macht ſteht.“ „Gnaͤdiger Herr, entgegneten jene, ihr ſollt des Macht haben; wuͤrde ſie euch gebrechen, ſo wollen wir euch beiſtehen, daß ihr die Macht erlanget.“ Darauf der Meiſter: „Ihr habt nie anders denn als ges 1) Schütz p. 138. . 2) Vgl. Voigt Geſchichte der Eidechfen = Geſellſchaft S. 51, wo von den Vorfahren des Hans von Czegenberg weiter die Rede iſt. Das Geſchlecht ſcheint eigentlich „von Ziegenberg“ zu heißen, indeß behalten wir hier die gewohnliche Schreibart des Namens bei,
Scanseite 774 · Druckseite 761
Erſte Ausbildung des Preuſſiſchen Bundes. (1440.) 761 treue und ehrbare Leute an uns gehandelt und thut es auch noch jetzt. Alſo habt ihr euch vereint, um Leib und Gut zu ſichern und euer Recht zu behalten?“ „Ja Herr! erwiederten die Sendboten, darum haben wir es angehoben.“ Da fuͤgte der Großkomthur bedenklich hinzu: „Gott gebe, daß ihr's zu guter Stunde habt begonnen!“ — Darauf beurlaubten ſich die Geſandten und kehrten zuruck. Wie beſchloſſen rief nun Kulm die kleinern Staͤdte Kulmerlandes, Danzig die in Pommern und ſo die an— dern in den uͤbrigen Landſchaften zur Theilnahme am Bunde und zur Sendung ihrer Bevollmaͤchtigten auf die Tagfahrt zu Marienwerder auf.“ Des Bundes erſte Theilnehmer und Stifter waren die ſaͤmmtlichen Hanſe⸗ ſtaͤdte, als Thorn, Kulm, Elbing, Danzig, Braunsberg und Koͤnigsberg, mit ihnen die Ritter und Knechte im Kulmerlande, in den Gebieten von Oſterode, Brathean, Chriſtburg, Elbing und in den biſchoͤflichen Theilen Pos meſaniens und Ermlands. Hie und da, wie im Gebiete von Balga und in den fernern Hinterlanden ſtanden ſie noch zweifelhaft; ) allein man hoffte fie bald zu gewin⸗ nen. Ueberall nun im Lande fuͤr den Bund Regſamkeit und Thaͤtigkeit; allenthalben Verſammlungen, Berathun⸗ gen und Tagfahrten wie unter dem Adel, ſo in den Staͤdten; keiner blieb in der Gemeinſache theilnahmlos und unberuͤhrt; wer nicht dafuͤr, war dagegen in der Sache des Bundes. Wie im Kulmerlande Hans von Czegenberg an der Spitze, ſo gaben in faſt allen Land⸗ 1) Schätz p. 139. 2) Schütz 1. c. ſagt: Danzig habe die Städte Dirſchau, Konitz, Mewe, Stargard, Neuenburg, Lauenburg und Putzig aufgefordert. Das Aufrufungsſchreiben Kulms, d. Kulm Sonnab. vor Oculi 1440 Schbl. LXXXV. 35. 3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Thorn Dienſt. nach Lätare 1440 Schbl. LXXVI. 1; vol, Voigt Geld, der Eidechſen ⸗Ge⸗ ſellſch. S. 57.
Scanseite 775 · Druckseite 762
762 Erſte Ausbildung des Preuffifchen Bundes. (14410.) ſchaften gewichtige, einflußreiche Maͤnner vom Adel und in den Staͤdten die Buͤrgermeiſter den erwachten Regun⸗ gen Richtung und Haltung. Ueberall aber belauſchten die Komthure die angekuͤndigten Tagfahrten, durch forſch⸗ ten die Berathungen, berichteten aͤngſtlich und voll Be: ſorgniß dem Meiſter, was ſie erſpaͤht und auskundſchaf⸗ tet. Einige, wie der zu Schlochau, ſuchten auf die Tagsberathungen mit einzuwirken, andere, wie der zu Oſterode, warnten vor zu gewagten Schritten, riethen zur Guͤte und Nachſicht, waren bemuͤht, einflußreiche Männer und das Volk der Städte durch Freundlichkeit und Milde von der Theilnahme am Bunde abzuziehen, andere wieder gaben dem Meiſter Rath an die Hand, wie die Aufregung vielleicht noch zu beſchwichtigen ſey. Heinrich Reuß von Plauen, der Oberſt-Spittler, nach⸗ mals ſo aͤußerſt einflußreich in die Bundesverhaͤltniſſe eingreifend, einer der tuͤchtigſten unter den Gebietigern, vernahm, damals in Deutſchland abweſend, nicht ohne großen Schrecken von den Ereigniſſen in Preuſſen, als ſehe er voraus, welche traurige Schickſale fuͤr den Orden die Zukunft im Schooße trage. Auch den Hochmeiſter druckte ſchwere Beſorgniß nieder, zumal als er benach⸗ richtigt ward, daß wie die Staͤnde auch die drei er⸗ waͤhnten Konvente unter ſich eine Tagfahrt halten und 1) Schr. des Komthurs v. Graudenz, d. Graudenz Mont. nach Laͤtare 1440 Schbl. LXXXV. 36; er berichtet von einem Tage der Kulmer zu Leißau, wo ſich die Städte verbunden und Hans von Cze⸗ genberg, Kunz von Swenten und Guͤnther von Pittilkaw als ihre Be⸗ vollmächtigten nach Marienwerder erwaͤhlt haͤtten. Schr. des Kom⸗ thurs v. Thorn Schbl. LXXVI. I. 2) Schr. des Komthurs von Schlochau, d. Muskendorf Mont. nach Laͤtare 1440 Schbl. LXXVI. 13. 3) Schr. des Komthurs von Oſterode, d. Vierzighuben Mittw. nach Judica (144) Schbl. LXXVII. 159. 4) Schr. des Komthurs von Elbing an den HM. d. Speier Freit. vor Mitfaſten 1440 Schbl. LXXVI. 6,
Scanseite 776 · Druckseite 763
Erſte Ausbildung des Preuſſiſchen Bundes. (1440.) 763 uͤber mehre ihnen vom Meiſter ertheilte Befehle ſich be⸗ rathen wollten.“ Mit Klugheit aber war von den Staͤnden die Tag⸗ fahrt zu Marienwerder zur Befiegelung des Bundesbriefes in ſo kurzer Friſt anberaumt, daß den Ordensgebietigern wenig Zeit verblieb, der Theilnahme an der Bundesſache in ihren Gebieten mit Erfolg entgegenzuwirken. Auch traute niemand ihren Lockungen, keiner ſcheute ihre Drohungen. Und als der Tag nun erſchien, — es war der Sonntag Judica am vierzehnten Maͤrz — da eil⸗ ten Ritter und Knechte und die Bevollmaͤchtigten der Staͤdte in großer Zahl gen Marienwerder hin. Die Verhandlungen und Berathungen waren bald beendigt, da man ſich laͤngſt uͤber das Weſentlichſte verſtaͤndigt und vereinigt. Der Bundesbrief ward entworfen und die Beſiegelung von Landen und Staͤdten begonnen. Da kam unerwartet der Großkomthur, aus Marienburg her⸗ beigeeilt, in die Verſammlung, im Namen des Meiſters, der vielleicht in laͤngerem Verzuge das Steuer noch ans ders zu lenken hoffte, die Staͤnde zu erſuchen, die Bun⸗ desbeſieglung auf eine ſpaͤtere Friſt zu verfchieben. 2 Allein man fertigte ihn mit der Antwort ab: ein Theil der Verbuͤndeten habe ſchon beſiegelt; die uͤbrigen ſeyen bereit dazu; Verzug koͤnne demnach nicht Statt finden. Alſo ward der Bundesbrief vollendet. Er umfaßte im Weſentlichen folgende Beſtimmungen: Jeder Unterthan 1) Schr. des Ordensmarſchalls und der Komthure von Balga, Brandenburg und Ragnit an den HM. d. Balga Donnerſt. vor Lätare 1440 Schbl. LV. 9. Die genannten Gebietiger wollten den Konventen die Zuſammenkunft nicht erlauben und ftellten die Sache dem HM. ans heim. Schr. des Großkomthurs an den HM. d. Sobowitz Sonnab. vor Lätare 1440 Schbl. LXXVI. 14. 2) Nämlich bis auf die Tagfahrt nach Oſtern; der HM. wolle mittlerweile alle Schelungen und Gebrechen, die Lande und Staͤdte hätten, mit feinen Prälaten und Gebietigern mit Gottes Huͤlfe wohl gütlich hintegen, wie Schütz p. 139 fagt. 1
Scanseite 777 · Druckseite 764
764 Bundesvereinigung der Stände Preuſſens. (1440.) des Hochmeiſters oder der Praͤlaten ſoll ſeinem Herrn thun, was er ihm nach Ausweis ſeiner Privilegien ſchul⸗ dig iſt. Dafuͤr ſoll der Herr die Rechte und Freiheiten eines jeglichen ungekraͤnkt laſſen, die alten Beſchwerden abthun und keine neuen verhaͤngen. Geſchieht irgend ei⸗ nem wider Recht und Freiheit Gewalt und Bedrang, ſo ſoll er es zuerſt dem Hochmeiſter klagen; hilft dieſer nicht, ſo ſoll der Klaͤger ſeine Klage vor das jaͤhrliche große Landgericht bringen; bleibt er auch hier ohne Huͤlfe, ſo ſoll der Klaͤger aus der Ritterſchaft ſich au die aͤlteſten Ritter Kulmerlandes, der aus den Staͤdten ſich an die Staͤdte Kulm und Thorn wenden und ihnen ſeine Be— ſchwerden vorlegen; Ritterſchaft und Staͤdte ſollen dann auf gelegene Zeit und Statt zuſammentreten und durch Recht dem Klaͤger gegen den Gewaltthaͤter Beiſtand lei⸗ ſten. Wird irgend einer aus der Ritterſchaft oder aus den Staͤdten wider Recht bedruͤckt oder ihm ſeine Guͤter vorenthalten, ſo ſollen alle feſt und treu zu einander hal⸗ ten, daß jeder bei feinem Rechte bleibe. Jeder der Ver⸗ buͤndeten fol des andern Beſtes foͤrdern; wer etwas ver— nimmt, was Landen und Staͤdten Schaden bringen kann, ſoll es ſofort den andern melden. Was von Landen und Staͤdten auf Tagfahrten mit Eintracht beſchloſſen wird, ſoll von allen treu gehalten werden. Beſiegelt ward der Bund zunaͤchſt von den Banner⸗ fuͤhrern, Landrichtern und den bevollmaͤchtigten Rittern der Gebiete von Kulm, Oſterode, Rieſenburg, Chriſtburg, Elbing, Dirſchau und Mewe und außer den erwaͤhnten Hanfeftädten von Graudenz, Strasburg, Neumark, Löbau, Rheden, Neuſtadt Thorn, Neuſtadt Elbing, Loͤbenicht⸗ Koͤnigsberg, Wehlau, Allenburg, Heiligenbeil, Zinten und Landsberg.) Der Ritterſchaft und den kleinern Städten 1) Der Bundesbrief, d. Marienwerder Mont. nach Judica 1440 im Original im Rathsarchiv zu Elbing, gedruckt bei Sets p. 140 — 141. Hartknoch A. u. N. Prruſſ. p. 309 — 312. Dogiel T. IV.
Scanseite 778 · Druckseite 765
Bundesvereinigung der Stände Preuſſens. (1440.) 765 in Pommern ward ein ſpaͤterer Tag zu Danzig feſtgeſetzt, auf dem auch ſie nach wenigen Wochen in vorgeſchriebener Form ihren Beitritt zum Bunde erklaͤrten, desgleichen auf einem andern Tage die meiſten Staͤdte und die Rit⸗ terſchaft von Ermland, nebſt mehren Städten des noͤrd⸗ lichen und oͤſtlichen Preuſſens und zwei Ritter des Ge⸗ bietes von Balga.) Von der an ſich minder zahlreichen Ritterſchaft der Landſchaften Natangen und Samland nahm niemand und von den Staͤdten nur wenige Theil, theils vielleicht durch die unruhigen Bewegungen der drei Konvente zurückgehalten, theils weil dort der neue Or⸗ densmarſchall Konrad von Erlichshauſen ſowohl unter der Ritterſchaft als in den Städten die Gemuͤther zu be⸗ ſchwichtigen und von der Bundesſache abzuwenden wußte. Alſo ſtand nun der Bund der Staͤdte und der Rit— terſchaft gegen alle Unbill und Gewalt feſtgegruͤndet da. Allein gefährlicher noch als feine Richtung gegen den Or— den war ſeine bereits eingeleitete Verbindung mit dem p. 135 — 139. Du Mont Corps universel diplomat. T. III. P. I. p. 86. Runaw a, a. O. Vorrede, Baczko B. III. S. 369 — 372. Einige gleichzeitige Abſchriften Schbl. LX XVI. 8. 15. Original- Voll⸗ machtserklärung der Mannen der Rhedenſchen, Graudenziſchen und Roggenhauſiſ. Gebiete für ihre Abgeordneten auf der Tagfahrt zu El⸗ bing zur Abſchließung und Beſiegelung des Bundes, d. Rheden am T. Viti und Modeſti 1440 Schbl. XIV. 2. Zernecke Thorn Chron. p. 40 — 50. i 1) Schütz p. 139. 141. - 2) Baczko B. III. S. 202 — 203 vermuthet manche andere Urſachen der geringen Theilnathme in biefen Gebieten; es iſt wohl mog⸗ lich, daß mehre zuſammenwirkten. Zwei Schr. des Ordensmarſchalls an den HM. d. Königsberg Mont. nach Judica und am gruͤnen Donnerſt. 1440 Schbl. XXV. 10. und LXXVI. 10 ſetzen die Bemuͤhun⸗ gen des erwaͤhnten Gebietigers gegen die Theilnahme am Bunde außer Zweifel. Unter der Ritterſchaft war es beſonders Nicolaus Sparwin, den der Marſchall zu gewinnen ſuchte, „das er ſich mit allem fleyße dorinne fulle bearbeiten, das ſich die czwey gebiete Balga und Branden⸗ burg veſte ſulden halden und ſich nicht zeu ſemlicher verbindung geben, als ſie denne bisher gethan hetten.“
Scanseite 779 · Druckseite 766
766 Bundesvereinigung der Stände Preuſſens. (1440.) Deutſchmeiſter und den drei erwaͤhnten Konventen. Zwar war auf dem Reichstage zu Frankfurt im Februar, als dort Herzog Friederich von Oeſterreich zum Roͤm. Koͤnige erkoren ward, durch die verſammelten Reichsfuͤrſten aber⸗ mals eine Suͤhne der beiden Meiſter von Deutſchland und Livland mit dem Hochmeiſter verſucht worden; allein ſowohl dieſer Verſuch als der des Erzbiſchofs Dieterich von Mainz und des Pfalzgrafen Otto vom Rhein hatten nur den Erfolg gehabt, daß die Streitſache einer ſpaͤtern Verhandlung anheimgeſtellt wurde.) Der Deutſchmeiſter aber, vom Plane der Stande Preuſſens zu einem Bun— desverein gegen den Orden kaum benachrichtigt, näherte ſich den Ständen jetzt noch mehr, ihnen eine engere Ver⸗ bindung entgegenbietend, in welche auch die drei Konvente aufgenommen werden follten.? Da dem Hochmeiſter alles daran liegen mußte, die dem Orden feindſeligen Parteien ſo viel als moͤglich auseinander zu halten, ſo erließ er an die Staͤnde eine ihn rechtfertigende Auseinanderſetzung aller ſeiner bisherigen Schritte und Verhandlungen zur Verſoͤhnung mit dem Deutſchmeiſter, fie zugleich auffordernd, auch ihrer Seits wo moͤglich zur Suͤhne mitzuwirken.“ Mittlerweile ſuchte auch der Ordensmarſchall die drei Konvente durch kraͤftige Einwirkung in die geſetzliche Bahn zurückzuführen, und dieß ſchien ihm Anfangs zu gelingen; man verhieß Gehorſam gegen den Hochmeiſter und ſeine Gebote, man erlaubte ſich nichts gegen Regel und Ordnung und verſprach, jede Verbindung ohne weiteres aufzugeben, ſofern der Meiſter aufs baldigſte einen Richttag anordne, auf welchem alles gerichtet und geſchlichtet werden koͤnne.“ 1) Original- Urkunde des Erzbiſchofs v. Mainz und des Pfalzgrafen v. Rhein, d. am Sonnt. Oculi 1440 Schbl. 99. 14. 2) Schr. des Komthurs v. Nheden, d. Rheden Mont. nach Pal⸗ mar. 1440 Schbl. LXXVI. 5. 3) Die den Ständen vorgelegte Schrift des HM. Schbl. XX. 33 (Copie.) 2) Schr. des Ordensmarſchalls und der Komthure v. Balga und
Scanseite 780 · Druckseite 767
Bundesvereinigung der Stände Preuſſens. (1440.) 767 Dieſe Ruhe indeß war nur von kurzer Dauer, denn da der verlangte Richttag den Konventen nicht bewilligt ward, vielmehr die Nachricht ſich verbreitete, der Hoch⸗ meiſter laſſe bereits in mehren Landſchaften ſeine kriegs⸗ pflichtigen Lehensmanne zu einem Zuge in die Niederlande aufbieten, um dort die aufrühreriſchen Ordensbruͤder mit Gewalt in die Schranken des Gehorſams zuruͤckzubringen, brach die Erbitterung in den Konventen von neuem aus. Sie wenden ſich aber jetzt um Schutz an die Ritter und Städte des Bundes mit der kecken Klage: „das unordent⸗ liche Regiment und Haß, Neid und Zwietracht zwiſchen den Meiſtern und den Konventen iſt zu des Landes und des Ordens Schaden, Schande und ewigem Verderben trotz aller redlichen Erbietungen und Warnungen des Deutſchmeiſters immer noch im Schwange; es ſteht uͤbel in den Konventen, wie im Lande, weil der Hochmeiſter mit ſeinen Anhaͤngern gutem und getreuem Rathe, ein ordentliches Regiment aller und jeglicher Zunge aufzurich⸗ ten und die Hauptmutter des Ordens, das iſt die Regel bei Macht zu behalten und ihr auch ſelbſt gehorfam zu ſeyn, nicht folgen will. Darum hat der Deutſchmeiſter warnend an etliche Konvente, auch an etliche Biſchoͤfe, Ritter und Knechte geſchrieben, den Hochmeiſter zu unter⸗ weiſen und ihm zu rathen, ein rechtes, ordentliches Re— giment und Eintracht herzuſtellen, damit Deutſchland, Livland und Preuſſen mit den drei Meiſtern, eins dem andern zu Huͤlfe, Rath und Troſt komme. Wir haben deshalb vom Hochmeiſter einen Tag verlangt, auf welchem Brandenburg an den HM. d. Koͤnigsb. am. T. Annuntiat. Mariä 1440 Schbl. LXXVI. 4. 1) Daß dieß auch wirklich im Plane war, geht aus einem Schr. des Komthurs v. Rheden an den HM. d. Rheden Mont. nach Palmar. 1440 Schbl. LXXVI. 5 hervor, denn der HM. hatte auch ihn auf⸗ gefordert, Ritter und Knechte des Rhedenſchen Gebietes aufzubieten, um mit in das Niederland zu ziehen. Der Komthur jagt aber, daß fie zum Zuge ſchwerlich Folge leiſten würden.
Scanseite 781 · Druckseite 768
768 Verhandlung. mit d. drei Konventen u. d. Bunde. (1440.) Biſchoͤfe, Proͤpſte, Pfarrer und Prieſterbruͤder, Amtsge⸗ bietiger und Konventsbruͤder aus jedem Konvente erſchei⸗ nen, Eintracht ſtiften und den Meiſter unterweiſen ſollten, wie das Unrecht zu laſſen und das Recht zu üben ſey. Dieſen Tag verweigert er aber, obgleich er ihn fruͤher zugeſagt. Wir ſind jetzt in ſolcher Ungnade und Ungunſt, daß der Meiſter in einigen Landſchaften die Mannſchaft gegen die drei Konvente hat auffordern laſſen.“ Sie bitten daher nicht nur um Schutz gegen ſolche Gewalt, ſondern auch um die Mitwirkung der Staͤnde, daß der Meiſter binnen vierzehn Tagen einen ſolchen Tag anord⸗ ne, wo ſie ihre Schritte verantworten, ſich dem Urtheile der Verſammelten und der Ritterſchaft unterwerfen und nach Erkenntniß Rechts genießen und Unrecht entgelten wollten. Endlich erſuchen die Konvente beſonders die Ritterſchaft Kulmerlandes aufs dringendſte, dieſe ihre Vor⸗ ſtellung auch den verbuͤndeten Staͤdten, namentlich den Buͤrgermeiſtern und Rathsmannen von Thorn und Kulm mitzutheilen und ſie um Huͤlfe, Rath und Troſt zu bitten, indem fie verſprachen, daß fie ihrer Seits den Verbin: deten in ihrer Sache mit Leib und Gut, mit Rath und That beiſtehen wollten.) Der Hochmeiſter von dieſem Schritte der Konvente kaum benachrichtigt, ſandte ſofort den Großkomthur und die Komthure von Balga und Oſterode nach Balga, um dort neue Maaßregeln einzuleiten. Allein der Konvent verweigerte ihnen unter mancherlei Vorwaͤnden die Auf⸗ nahme, erklaͤrte, daß niemand ihnen Antwort ſtehen werde und verwies ſie nach Koͤnigsberg, wo die drei Konvente insgeſammt mit ihnen unterhandeln wuͤrden.“ Das I) Schr. der Hauskomthure, Amtleute und der Konventsbruͤder von Königsberg, Balga und Brandenburg an die Ritter und Banner⸗ fuͤhrer Kulmerlandes, Hans von Czegenberg u. ſ. w. d. Balga Sonnab. vor Quaſimodogen. 1440 in zwei Abſchriften Schbl. XXIV. 48. LXXVI. 17. 2) Schr. des Hauskomthurs und Konvents von Balga an den
Scanseite 782 · Druckseite 769
Verhandlung. mit d. drei Konventen u. d. Bunde. (1440.) 769 Mißtrauen aber war bereits ſo weit gediehen, daß es der Großkomthur nicht einmal mehr wagte, von Braunsberg bis Königsberg ohne ſicheres Geleit zu ziehen.) Endlich unter des Ordensmarſchalls Schutz in letzterer Stadt an⸗ gelangt, wo ſich bald auch Bevollmaͤchtigte der drei Kon⸗ vente einfanden, begann er die Verhandlungen in Anwe⸗ ſenheit des Biſchofs von Samland. Allein die Konvente ließen ſich auf nichts weiter ein, * indem fie auf ihrer Forderung eines Richttages trotzig beharrten, die Theil: nehmer an dieſem Tage ſelbſt vorſchrieben und einen ſichern Geleitsbrief verlangten unter Verbuͤrgung der beis den Biſchoͤfe von Samland und Ermland fuͤr ihre perſoͤn⸗ liche Sicherheit. Die Drohung der Konvente, daß ſie widrigenfalls nun zu andern geeigneten Mitteln und We⸗ gen entſchloſſen ſeyen, bewog die erwaͤhnten Gebietiger, dem Meiſter jetzt aufs ernſtlichſte zu rathen, der Forde— rung kluͤglich nachzugeben, jedoch den Tag in ſo kurze Friſt zu legen, daß die Konvente nicht zuvor mit den Bundesgliedern zuſammenkommen und ſich mit ihnen be⸗ rathen koͤnnten. 9 Es war fuͤrwahr jetzt die hoͤchſte Gefahr im Verzuge, denn bereits waltete auch im Konvente zu Thorn ein wilder, widerſpenſtiger Geiſt ob. Auf die Nachricht, daß der Hochmeiſter dem feines Amtes entſetzten Ordensmar⸗ ſchall Heinrich von Rabenſtein das Komthuramt zu Thorn uͤbertragen habe, hatte man auch dort die Partei der drei Konvente ergriffen und verweigerte dem neuen Komthur die Aufnahme. Mit dem Komthur von Rheden verbunden Großkomthur und die Komthure v. Balga und Oſterode, d. Balga Sonnt. Jubilate 1440 Schbl. LV. 57. 1) Schr. des Großkomthurs an den HM. d. Einſiedel Sonnt. Jubilcite 1440 Schbl. LXXVI. 10. Schr. deſſelben an den HM. d. Brandenburg Mont. nach Jubilate 1410 Schbl. LXX. 76. 2) Schr. des Großkomthurs, Ordensmarſchalls und der Komrhure v. Bal ga, Brandenburg, Oſterode und Ragnit an den HM. d. Kö⸗ nigsberg Mittw. nach Jubilate 1440 Schbl. LXXVI. 9. VII. 49
Scanseite 783 · Druckseite 770
770 Verhandlung. mit d. drei Konventen u. d. Bunde. (170.9 gelang es ihm nun zwar, mit drohender Waffengewalt den Einlaß in die Burg zu Thorn zu erzwingen; allein der Konvent erklaͤrte, ihn nicht eher anerkennen zu wol⸗ len, als bis der Zwieſpalt mit den drei Konventen bei> gelegt ſey.) Ueberdieß aber hatten bereits auch drei der wichtigſten Bundesſtaͤdte ſich den Konventen zugewandt. Koͤnigsberg zuerſt ſprach ihnen auf ihre Bitte Schutz und Huͤlfe zu; es nahm zugleich für fie auch den Beiſtand Elbings in Anſpruch und dieſes wieder wandte ſich an die Danziger. „Das Verlangen der Konvente, antwortete der Rath von Danzig, iſt an ſich ſchon ehrlich und billig, aber zudem auch zur Erhaltung allgemeiner Einigkeit und Frelheit erſprießlich.“ Er rieth daher, man folle den Hochmeiſter vor Gewaltmitteln gegen die Konvente war⸗ nen; achte er aber deſſen nicht und wolle er die Kon⸗ vente und die Staͤdte Koͤnigsberg mit Macht überziehen, ſo muͤſſe man gegen ein ſolches Wagniß von Seiten des Bundes Kriegsvolk in Bewegung ſetzen. Und bald er— klaͤrte dem Hochmeiſter auch der geſammte Bund: „fobald er den Konventen Gewalt anthue, ſey der Bund ent⸗ ſchloſſen, ihnen mit Macht beizuſtehen.“ ® So ſtand alles in gereizter Spannung, warnend, drohend, trotzig fordernd, trotzig gebietend gegen den Orden und den Meiſter da, und die Staͤnde mit den widerſpenſtigen Konventen und dieſe mit den Meiſtern von Livland und Deutſchland nebſt deren Anhang bilde— ten allzumal eine Macht, die leicht dem Orden in Preuſ— ſen das Joch des Gehorſams aufzwingen konnte. Da faßte der Hochmeiſter, wohl einſehend, daß, ohne den Gegnern die Waffen ſelbſt in die Haͤnde zu geben, kein Schritt mehr geſchehen duͤrfe, und vielleicht meinend, daß ihm im Bunde der Ritterſchaft und Städte eine mächtige I) Schr. des Konvents von Thorn an den HM. d. Thorn Donnerſt. vor Georgi 1440 Schbl. LII. 65. 2) Schätz p. 112.
Scanseite 784 · Druckseite 771
Verhandlung. mit d. drei Konventen u. d. Bunde. (1440.) 771 Stütze und Gegenmacht gegen den feindſeligen Theil ſei⸗ nes Ordens erwachſen koͤnne, mit den meiſten feiner Ge— bietiger den Entſchluß, den Bund von Seiten des Dr dens foͤrmlich zu beſtaͤtigen. Neununddreißig Gebietiger, Komthure und Amtleute willigten in die Beſtaͤtigung ein, einige aus Gefaͤlligkeit gegen den Meiſter, andere aus Beſorgniß vor der obwaltenden Gefahr, die meiſten ihren Widerſpruch auf guͤnſtigere Zeiten verſchiebend. Manche dagegen, den Bund nur als Aufruhr und die Theilneh⸗ mer als Rebellen betrachtend, warfen voll Ingrimm und Erbitterung dem Meiſter feige Nachgiebigkeit und ſchimpf⸗ liche Furchtſamkeit vor, drohend, nicht eher zu ruhen, als bis der Bund wieder zerriſſen und die treuloſen Un⸗ terthanen zu Pflicht und Gehorſam zuruͤckgebracht feyen. ” Auf ihr Anſtiften geſchah auch, daß in einer Nacht ſieb⸗ zehn dem Bunde treuergebene Edle uͤberfallen, ihre Hoͤfe in Brand geſteckt und ſonſt noch manche Unbill an den Unterthanen verübt wurde. D Dieſer Schritt des Hochmeiſters genügte jedoch noch keineswegs. Er mußte nun auch den von den Staͤnden und Konventen fo oft verlangten allgemeinen Verhand— lungstag bewilligen. Am Himmelfahrtstage ſtroͤmten Be⸗ vollmächtigte der Ritterſchaft und Staͤdte aus allen Land⸗ ſchaften in großer Zahl in Elbing zufammen. ? Als be: vollmaͤchtigte Sprecher der drei Konvente erſchienen deren I) Schütz p. 141. Daß der Bund vom Orden beſtätigt worden ſey, bezeugt auch Runge a. a. O. In der alten Preuſſ. Chron. p. 54 heißt es: Der orden ouch einen briff mitte an den vorbunt hing un zu halden und Irer XXXIX aus dem orden alle gebittiger und amptsherren Ire Sigel daran hingen yn zu halben; und p. 65: Von dem briffe, den der Orden an diſſen bunt mitte haben angehangen, wie der inne helt und fie ſich darynne vorſchriben haben, das ſteht hir nicht inne, ſunder ſie worden zuſammen ußgeſant an den Romiſchen koningk Herczogen Friderich von Oſterrich. 2) Schütz I. e. 3) Die Namen der Verſammelten im Mscr. A. 49 *
Scanseite 785 · Druckseite 772
772 Tagfahrt zu Elbing. (1440.) alte Komthure, mit den Staͤnden noch vor Eroͤffnung des Tages ſich dahin vereinigend, daß ſie einander in allen rechtfertigen Sachen getreulich rathen und helfen wollten, damit jeder bei ſeinen Rechten und Freiheiten bleibe. Die Verhandlungen begannen mit Beſchwerden über Zoͤlle. Dann begaben ſich vier von den Ständen zum Meiſter auf die Burg, theils ihn um deren Ab- ſchaffung, theils um Erhaltung der Freiheiten bittend, die er im Lande gefunden und auf die man ihm gehul⸗ digt habe. Der Meiſter entgegnet: Bei ihren Privilegien und Rechten wolle er ſie gerne laſſen; aber man ſolle ihm auch die ſeinigen nicht nehmen; uͤber die Zoͤlle habe er ſolchen Beweis, daß er ſie wohl zu behalten hoffe; jedoch ſolle es auf Rechtsentſcheidung ankommen. Die Staͤnde indeß verwerfen dieſe. Ihr habt uns frei gefun⸗ den, erwiedern ſie, und habt uns gelobt, uns unſere Freiheiten zu laſſen; darum iſt nicht Noth zu rechten. Gebt eine ſchlichte Antwort mit Ja oder Nein! Des an⸗ dern Tages ließ der Meiſter erklaͤren: er koͤnne ſeine Privilegien nicht ſo leicht aufgeben, er ſchlage ein aus Ordensbruͤdern, Praͤlaten, Rittern und Staͤdten zuſammen⸗ geſetztes Gericht vor, um die beiderſeitigen Rechte zu prüfen. Darauf ließ er die Stände erſuchen: man möge den Streit uͤber den Pfundzoll anſtehen laſſen bis zur Ankunft der Meiſter von Deutſchland und Livland zum großen Kapitel. Die Stände aber wieſen beides zuruck. Bedenkt, erwiederten die Gebietiger, daß der Hochmeiſter ohne Einwilligung jener beiden Meiſter das Recht des Zolles nicht aufgeben darf. Wie, wenn ihn dann der Deutſchmeiſter deshalb des Amtes entſetzen wollte? Das wollen wir ſchon verantworten, entgegneten die Staͤnde, unſer Herr thue als unſer Herr, er laſſe uns frei und wir werden ihn als unſern Herrn beſchirmen, ſo lange 1) Schütz p. 143; ſehr vollftändig über die Verhandlungen dieſes Tages das Mser. A.
Scanseite 786 · Druckseite 773
Tagfahrt zu Elbing. (1440.) 773 er lebt. Da ſchlugen Hans von Baiſen und der Ritter Nicolaus von Sparwin den Ausweg vor: die Landes: bewohner ſeyen frei vom Zolle; man moͤge ihn nur von Fremden nehmen. Allein auch dieß ward verworfen. Die Staͤnde erklaͤrten: Der Zoll ſolle ſchlechterdings ganz abgethan werden und der Orden nichts davon behalten; fanden Lande und Staͤdte inskuͤnftige des gemeinen Nutzens wegen einen Zoll rathſam, ſo ſolle das bei ihnen ſtehen. Da jetzt der Meiſter ſah, daß auch das Gewicht der beiden angeſehenen Landesritter nicht durchzudringen ver⸗ möge, ließ er den Staͤnden eröffnen: auf ihre dringende Bitte wolle er den Pfundzoll und alle Zoͤlle abſtellen und jeder ſolle frei ſeyn, jedoch verlange er, daß ſie forthin auch als getreuen Manne wie bisher bei ihm bleiben ſollten.) Und die Stände ſicherten ihm dieß zu. Nun kam der Streit zwiſchen dem Orden und den drei Konventen zur Verhandlung. Die Staͤnde und der Biſchof von Ermland uͤbernahmen die Vermittlung und nach mehren Tagen ward ein Vergleich geſchloſſen, nach welchem der Deutſchmeiſter unter ſicherem Geleite nach Preuſſen kommen und dann alle Gebrechen und Maͤngel im Orden abgeſtellt und verbeſſert werden ſollten; der Hochmeiſter fertigte eine von den wichtigſten Gebietigern verbuͤrgte Zuſage aus, daß alle Zwietracht beſeitigt ſeyn und niemand aus den Konventen oder von deren Ans haͤngern in irgend einer Weiſe beſtraſt werden ſolle. Nur wer ferner ſich eines Vergehens ſchuldig mache, ſolle da⸗ für nach Ausweis des Ordensbuches buͤßen. Was forthin Zwietracht zu erwecken drohe, ſolle durch den Ausſpruch von vier Gebietigern, des Ordensmarſchalls und der Kom— thure von Elbing, Chriſiburg und Balga geſchlichtet wer: 1) uchi die Verbandlungen wegen der Zeur ſtünmt Schäts J. o. mit dem Mser. A. faſt wortlich uberkia; zuweilen iſt letzteres voll⸗ ſtändiger.
Scanseite 787 · Druckseite 774
774 Tagfahrt zu Elbing. (1440.) den.) Um aber zugleich allem Zwiſt wegen Vertheilung der Ordensaͤmter, bisher der Quelle ſo vieles Haders, vorzubeugen, entwarf der Hochmeiſter daruͤber folgende Beſtimmung: Im innerſten Rathe des Hochmeiſters ſollten die Rheinlaͤnder zwei, Meißner, Thuͤringer, Sachſen und andere ihnen Zugehoͤrige zwei, die Schwaben, Franken und Baiern drei Gebietiger haben, im andern Rathe aber die Rheinlaͤnder zwei, die Meißner und Thuͤringer zwei und die Schwaben, Franken und Baiern zwei. Den erſtern ſollten zur Zeit bilden der Großkomthur Bruno von Hirzberg, der Ordensmarſchall Konrad von Erlichs⸗ hauſen, der Oberſt-Spittler Heinrich von Rabenſtein, der Oberſt⸗Trappier Eberhard von Weſenthau, der Treßler Johann von Remchingen, der Komthur von Thorn Wilhelm von Helfenſtein und der von Danzig Nicolaus Poſtar; den andern dagegen der Komthur von Balga Heinrich Reuß von Plauen, der zu Brandenburg Johann von Bernhauſen, der zu Ragnit Johann von Schauenburg, der zu Oſterode Johann von Stetten, der zu Mewe Gerlach Mertz und der zu Rheden Johann von Gleichen. Dieſe Beſtellung der Aemter nach den drei Landen und Zungen ſollte fuͤr immer unabaͤnderlich ſeyn und bis zum großen Kapitel auch unter dieſen genannten Gebietigern kein Wechſel Statt finden. Ebenſo ſollten die Hauskom⸗ thur⸗, Vogt⸗, Pfleger-, und ſonſtige große und kleine Aemter nach den drei Landen und Zungen gleich getheilt werden. Werde ein Amt durch des Verwaltenden Tod, Alter, Krankheit oder Untuͤchtigkeit erledigt, ſo ſolle man wieder einen von derſelben Zunge damit bekleiden und wenn dieſe keinen tuͤchtigen habe, nach gepflogenem Rathe 1) Schütz 1. c. Mser. A. Nach einem Schr. des Pflegers von Lochſtädt an den Komthur v. Chriſtburg, d. Lochſtöädt Mont. nach Eliſabeth 1441 Schl. LXIX. 5 ſtellte der HM. über die Verhand⸗ lungen zu Elbing eine urkundliche Erklärung aus. 2) Wie der HM. dieß ſelbſt bezeugt, indem er ſagt, „weil etliche meinten das ſemcliche Amte ungclich geteilet weren.“
Scanseite 788 · Druckseite 775
Tagfahrt zu Elbing. (1440.) 775 einen aus einer andern Zunge waͤhlen. Die fernere Guͤl⸗ tigkeit dieſer Anordnung ward nicht nur von allen er⸗ wähnten Gebietigern, ſondern auch von den vier Landes⸗ biſchoͤfen beſtaͤtigt und befiegelt. " Auch zur Ausgleichung des Streites mit den Meiſtern von Deutſchland und Livland ward ein neuer Schritt ge⸗ than, indem man beſchloß, daß beide zu einer verſoͤhn⸗ lichen Verhandlung nach Preuſſen eingeladen werden ſoll⸗ ten, und um ihnen im voraus alle Bedenklichkeiten zu entnehmen, ſtellten nicht nur der Hochmeiſter und bie Gebietiger einen nach des Deutſchmeiſters fruͤherem Ver⸗ langen abgefaßten ſichern Geleitsbrief nach Danzig aus, ſondern die Bifhöfe, die geſammte Ritterſchaft und die Bundesſtaͤdte verbürgten ſich auch, daß das ſichere Geleit aufs puͤnktlichſte und gewiſſenhafteſte für beide Meiſter gehalten werden ſolle. Eine Menge einzelner von den Staͤnden eingebrachten Klagen und Beſchwerden verſprach der Hochmeiſter auf einer andern Tagfahrt um Johanni zu berückſichtigen und man ließ ſich beruhigen. Weil aber der allgemeine Richt- tag oder das ſ. g. große Landgericht eine ſo wichtige Grundlage der Bundesverhaͤltniſſe der Staͤnde bildete, ſo ward ſchon auf dem Tage zu Elbing über feine Zuſam—⸗ menſetzung eine naͤhere Beſtimmung entworfen, dieſe — 1) Der Entwurf zu obiger Anordnung, d. Elbing Donnerſt. vor Pfingſten 1440. 2) Der Geleitsbrief des HM. für den Deutſchmeiſter und die Zu⸗ ſicherungen der Biſchöfe und Stande im Mser. A. Im erſtern ver⸗ ſpricht der HM., den Deutſchmeiſter, wenn er komme, „freundlich zu halden als einen oberſten gebyttiger in Deutſchen und Welſchen Landen und er uns widder als einen Homeiſter nach alder Gewonheit unfers Ordens.“ Die Zuſicherung der Prcuſſ. Biſchofe für den Livland Meiſter, d. Elbing Dienſt. nach Himmelf. 1440 Schl. IV. 27. Schr. des Biſchofs Johann v. Kurland an denſelben, d. Frauenburg Dienſt zu Pfingſt. 1440 Schbl. XX. 29. 3) Es wurde zu Elbing brſchloſſen, daß die Biſchofe, Domherren, Gebietiger und Ordensritter aus jedem Stande je zwei Glieder, dil
Scanseite 789 · Druckseite 776
776 Tagfahrt zu Elbing. (1440.) jedoch bald dahin abgeaͤndert, daß die Praͤlaten, der Or⸗ den, die Ritterſchaft und die Staͤdte je vier Mitglieder des Gerichtes ſtellen, alſo das große Landgericht aus ſech⸗ zehn geſchworenen Richtern beſtehen ſolle.!) Allein fo loͤblich und heilſam dieſe Anordnung, fo nichtig war ihr Erfolg; denn als der gemeine Richttag im Verlaufe dies ſes Jahres eröffnet wurde,? ſtroͤmten der Klagenden fo viele zuſammen und die Zahl der Klagen theils aus alter, theils aus neuerer Zeit, theils verletztes Eigenthum theils Ehre und Leben betreffend, war ſo uͤbermaͤßig groß, daß man den Beſchluß faßte, es ſollten zunaͤchſt nur die neu⸗ ſten, zur Zeit dieſes Hochmeiſters veranlaßten und gegen noch Lebende gerichteten Klagfaͤlle zum Verhoͤre kommen. Als man indeß in einigen derſelben zum Rechtserkenntniſſe ſchritt, fuhren die Ordensherren, ſowohl die beiſitzenden, als die zahlreichen müßigen Zuhörer wild und ergrimmt von ihren Sitzen auf mit einem ſolchen Geſchrei und Tu⸗ Ritterſchaft aus den verſchiedenen Landſchaften zuſammen elf und die großen Staͤdte ſieben Richter und Beiſitzer des Gerichts ſenden follten, Schütz p. 142 und Mser. A. Baczko B. III. S. 205 fagt, man ſehe daraus, „daß die Verbuͤndeten nicht ſowohl ihr Recht, als auch jeden vermeintlichen Anſpruch hier durchzuſetzen wuͤnſchten, da ſie dem Orden und den Prälaten, den Regenten des Landes, nur acht Stim⸗ men, den Staͤnden dagegen achtzehn ausmachten.“ Allein dieſe Zahlen⸗ angabe iſt ſehr zweifelhaft, denn das Mser. A. giebt dem Orden nur zwei Mitglieder und es ſcheint ein Mißverſtaͤndniß bei Schütz, daß die Gebietiger zwei und die Ordensritter zwei Mitglieder ſtellen ſollten. Daher nimmt Notzehme B. IV. S. 29 an, daß keine Zählung der Glieder gefordert worden. J) So das Mscr. A. 2) Ueber die Zuit, wann der große Gerichtstag in dieſem Jahre gehalten wurde, findet ſich nichts Beſtimmtes. Nach Schütz p. 142 hat man angenommen (Baezko III S. 205. Kotzebue B. IV. S. 29 — 3), daß er nach dem großen Tage zu Elbing Statt gefunden habe. Dieß iſt aber nach den Angaben im Mser. A ſehr unwahrſchein⸗ lich, vielmehr ſcheint er hiernach erſt fpät im Jahre gehalten worden zu ſeyn.
Scanseite 790 · Druckseite 777
Tagfahrt zu Elbing. (1440.) 777 mult, daß das ganze Gericht ſich aufloͤſen mußte, indem die Ordensritter den Ort der Sitzung mit der Drohung verließen: „Ihr Lande und Staͤdte ſollet hinfort den Tag nicht wieder erleben, an dem ihr über euere Herren rich— ten und Recht ſprechen wollt.“ U Darauf ward um Johanni der ſchon auf der Tag⸗ fahrt zu Elbing verſprochene Verhandlungstag zwiſchen den Bevollmaͤchtigten der Staͤnde und den vornehmſten Gebietigern gehalten,, um auf Verlangen des Bundes die Klagpunkte zu erledigen, die man auf jener Tagfahrt einer ſpaͤtern Verhandlung vorbehalten hatte. Allein nur in dem geringeren Theile derſelben fuͤgten ſich die Gebie⸗ tiger in die erhobenen Forderungen. Man entwarf Be⸗ ſtimmungen uͤber das Gerichtsweſen, worin der Komthur eines Gebietes als die naͤchſte vermittelnde und richtende Behörde, das große Landgericht von neuem als Dberges richtshof anerkannt ward.“ Der Muͤhlenzwang und die laͤſtige Mahlſteuer wurde im ganzen Lande aufgehoben. Wichtig war auch das Zugeſtaͤndniß, daß der Hochmeiſter ſich in kein Buͤndniß, Frieden oder Krieg einlaſſen wolle ohne Wiſſen und Zuſtimmung der Praͤlaten, der Ritter⸗ ſchaft und Städte. Dagegen wies dieſer die Forderung ab, daß mit Ausnahme der beiden Ordensſchaͤffnereien zu Marienburg und Königsberg aller Handelsverkehr der Ges bietiger abgeſtellt und ihnen nur der Ankauf ihrer noth⸗ wendigen Hausbeduͤrfniſſe, aber durchaus kein. &i- Nah⸗ rung und den Betrieb der Landeseinwohner eeintraͤchti⸗ gender Kauf und Verkauf geſtattet ſeyn ſolten. Andere Geſuche der Staͤnde betrafen freieren Handelsverkehr bin⸗ nen und außerhalb Landes, unbeſchraͤnktere Verfügung des 1) Schälz p. 142. 2) Mser. A; es ſeyen geſandt worden 10 von den Gebietigern, 7 von der Ritterſchaft und aus jeder Stadt ein Buͤrgermeiſter. 3) Die nahere Beſtimmungen im Mser. A. Es wurde angeordnet, daß das gemeine Gericht aus 16 Richtern beſtehen ſolle.
Scanseite 791 · Druckseite 778
778 Boftrebungen des Bundes. (1440.) Landbeſitzers uͤber ſein Grundeigenthum, Verbeſſerung der Münze u. dgl. Alſo ging man Schritt vor Schritt in den Forderun⸗ gen weiter und die Bundesſtaͤnde traten nun immer mehr als mitleitende und mitregierende Landesbehoͤrde, als Ver: waltungsrepraͤſentanten neben dem Orden auf, denn auf einer neuen Tagfahrt zu Marienwerder im Auguſt ward von ihnen der Beſchluß gefaßt: es folle forthin eine der wichtigſten Beſtrebungen des Bundes ſeyn, nicht nur darauf zu achten, daß alle bisherigen Zuſagen des Hoch— meiſters feſt und puͤnktlich gehalten, ſondern auch was er bisher noch verweigert, durch fortgeſetzte, beharrliche For⸗ derungen von ihm erlangt und durchgeſetzt werden folle. ” Und dieſes Selbſtvertrauen der Verbuͤndeten nahm noch taͤglich um ſo mehr zu, als die Theilnahme am Bunde ſich immer noch erweiterte, denn bald ſuchte jeder ſich ihm anzuſchließen, der irgend eine Laſt abwerfen, ſich einer druckenden Verpflichtung entledigen oder irgend eine Klage gegen die Landesherrſchaft fuͤhren wollte, wie z. B. Unterthanen des Ermlaͤndiſchen Domſtiſtes ſich gerne un⸗ ter den Schirm des Bundes fluͤchten mochten, um von der Entrichtung des Wartgeldes befreit zu werden. 5 Es hatte daher auch keinen Erfolg, als der Erzbiſchof von Köln ſich in einem ſehr ernſtmahnenden Schreiben an die Ritterſchaft und die Bundesſtaͤdte in Preuſſen wandte, um ſie theils auf den durch die Zwietracht des Hochmei⸗ ſters und Deutſchmeiſters immer mehr zunehmenden Ver⸗ fall des ganzen Ordens und den für ganz Deutſchland daraus hervorgehenden Nachtheil aufmerkſam zu machen, theils ihnen vorzuſtellen, wie durch die in Preuſſen im⸗ mer ſtaͤrker hervortretende Parteiung und innere Zerriſſen⸗ heit und Aufloͤſung aller Ordnung, ſowie durch den gegen 1) Das Nähere über die einzelnen Punkte im Mscr. A. 2) Mser, A. 3) Mser. A.
Scanseite 792 · Druckseite 779
Auswärtige Verhaͤltniſſe. (1440) 779 die Landesherrſchaft geſchloſſenen Bund der Ritterſchaft und Staͤdte das Land zugleich mit dem Orden dem Ver⸗ derben immer näher gebracht werden muͤſſe.“ Sonſt nahm man in Deutſchland noch wenig Anthelk an den neuen Ereigniſſen in Preuſſen. Der neue Roͤm. Koͤnig Friederich der Dritte, der vorlaͤufig ſchon im Mai dieſes Jahres den Hochmeiſter aufgefordert hatte, auf einen erſt im Februar naͤchſtes Jahres zuhaltenden Reichs⸗ tag auch ſeine bevollmaͤchtigten Sendboten zur Verhand⸗ lung uͤber den Zuſtand der Kirche zu fenden, ? hatte vom eifter ſelbſt zu feiner Verwunderung weiter gar keine — uber die Verhaͤltniſſe in Preuſſen erhalten; was er daruͤber vernommen, waren meiſt dem Orden nur nachtheilige Nachrichten. Indeß bemuͤhten ſich ſowohl der ehemalige Kanzler Kaspar Slick, als der beim Könige fo viel geltende Kanzler Konrad Seydeler, beide warme Freunde des Ordens, doch mit vielem Eifer, den König der Sache des Ordens geneigt zu ſtimmen und zugleich den Hochmeiſter auf alles aufmerkſam zu machen, wos durch der Orden ſich des Königes Gunſt gewinnen koͤnne.“ Friederich jedoch griff jetzt noch in keiner Beziehung in die Verhaͤltniſſe Preuſſens ein. Noch weniger Theilnahme bewieſen der Papſt und das Concilium zu Baſel, beide in Dingen beſchaͤftigt, die für fie eine ungleich größere Wichtigkeit hatten. Auch der König von Polen kuͤmmerte ſich jetzt wenig um die innern Angelegenheiten des nachbarlichen Ordens⸗ 1) Schr. des Erzbiſchofs von Köln an die Nitterſchaft und Städte des Bundes, d. Poppelsdorf Dienſt. nach Vincula Petri 1440 im Mser. A. 2) Schr. des Röm. Königes an den HM. d. Wien die vicesima prima Maii 1440 Schbl. VI. 40. 3) Die beiden Schreiben der Kanzler Kaspar Slick und Konrad Seydeler (Propſt zu S. Stephan in Wien) an den HM. d. Hamburg Mont. vor Bartholom. 1440 Schbl. XXV. 3. 7. Sie berichten beide, daß Hans Eckenbroch, den der Rom. König an die Seeſtaͤdte geſandt, dieſem mancherlei Nachrichten über Preuſſen mitgetheilt habe.
Scanseite 793 · Druckseite 780
780 Auswärtige Verhaͤltniſſe (1440. ſtaates. Bekanntlich war er nach des Koͤniges Albrecht Tod noch vor der Geburt des Ladiſlaus Poſthumus von den Ständen Ungernß zum Könige erwaͤhlt worden und hatte die Ungeriſche Krone angenommen. Eliſabeth aber, Albrechts Wittwe, Anfangs dieſe Wahl ſelbſt mit befoͤr⸗ dernd, ließ nachmals ihren zarten Sohn zu Kaſchau eben⸗ falls zum Koͤnige von Ungern kroͤnen und entfloh mit der heiligen Krone nach Oeſterreich zum Roͤm. Könige. Schon dieſe Verhaͤltniſſe beſchaͤfſtigten den Koͤnig von Polen ſo unablaͤſſig, daß er kaum irgend an ſeine Verhandlungen mit dem Orden denken konnte.) Ueberdieß herrſchte in Polen ſelbſt unter dem Adel Spaltung und Zerwuͤrfniß, beſonders wegen der Muͤnzverfaͤlſchung und Finanzverwal⸗ tung unter dem vorigen Koͤnige, da man nicht recht wußte, wo deſſen bedeutender Schatz hingekommen war. Die Gunſt der Koͤnigin Eliſabeth von Ungern, welche der Hochmeiſter mit einem koſtbaren Geſchenk eines wei⸗ ßen Bernſtein⸗Paternoſters erfreute, ) erwarb er ſich nicht nur durch die Zuſicherung, daß von Seiten des Ordens dem Koͤnige von Polen in ſeinem Vorhaben zur Erobe⸗ rung Ungerns nicht der geringſte Beiſtand geleiſtet wer⸗ den ſolle, ſondern auch dadurch, daß er ihr manche War⸗ nung und manche Nachricht aus Polen mittheilte, die ih⸗ rer Sache forderlich ſeyn konnte,“ denn im Intereſſe des Ordens ſelbſt mußte er ja die Verbindung der Kronen Polens und Ungerns auf jede Weiſe verhindert zu ſehen wuͤnſchen. In Polen aber war man eifrigſt bemuͤht, alles zu beſeitigen, was den Frieden mit dem Orden nur im 1) Schr. des Königes v. Polen an den HM. d. Cracovie feria quarta post domin. Oculi 1440 Schbl. XXV. 6. 2) Schr. des Komthurs v. Thorn an den HM. d. Thorn Mont. nach Oculi 1440 Schbl. XXV. 2. 3) Schr. der Königin Eliſabeth von Ungern an den HM. d. Ham⸗ brog Mont. vor Bartholom. 1440 Schbl. VII. 5. 4) Schr. der Königin Eliſabeth von ungern an den HM. d. In der Eyſnem Stadt Samſt. nach Aller Heil. 1440 Schbl. VII. 6.
Scanseite 794 · Druckseite 781
Auswärtige Verhaͤltniſſe. (1440.) 781 mindeſten ſtoͤren konnte. Als z. B. der Hochmeiſter beim Koͤnige uͤber eine Ungerechtigkeit des Burggrafen von Neſſau gegen einige Ordensunterthanen klagte, erhielt die⸗ ſer ſofort den ſtrengſten Befehl, die verübte Beeintraͤch⸗ tigung auf der Stelle wieder auszugleichen und die Koͤ⸗ nigin Sophia bezeugte dem Meiſter ihr und des Koͤniges großes Bedauern über dieſe Friedensſtoͤrung. Faſt ſeit einem Jahrhundert hatte man ſich von Polen her ſo ge⸗ neigt und zuvorkommend gegen den Orden nicht ausge⸗ ſprochen. Mit Litthauen ſtand der Orden ſeit einiger Zeit in keiner näheren Berührung weiter. Nachdem der Großfürſt Sigismund kurz vor Oſtern dieſes Jahres durch eine Verſchwoͤrung, an deren Spitze ein Czartoryski ſtand, ermordet worden, trat im Lande zwar wieder eine Par⸗ tei für den alten Großfuͤrſten Switrigal auf; allein ihr Gewicht drang auf die Laͤnge nicht durch; auch dem Or⸗ den konnte nichts mehr an Switrigals Erhebung liegen und ſo ward endlich nach langem Streite des Koͤniges von Polen Bruder Kaſimir zum Großfürſten von Litthauen ernannt, ohne daß Switrigal ſich ferner widerſetzte. a So war die Stellung des Ordens in feinen auswaͤr⸗ tigen Verhältniffen, als dem Hochmeiſter die Nachricht kam, daß die beiden Meiſter von Deutſchland und Liv» land zu einem Verhandlungstage in Preuſſen zu erſchei⸗ nen im Begriffe ſeyen. Vorſichtig ſandte der Deutfch- meiſter den Ordensritter Lucas von Lichtenſtein voraus, um durch ihn theils den Meiſter von Livland uͤber man⸗ 1) Schr. der Königin v. Polen an den HM. d. in castro Craco- viensi ipso die s. Francisci 1440 Schbl. XXV. 8. und Schr. des Biſchofs Sbigneus von Krakau an den HM. d. Kyeleze sabbate post S. Franeisei 1440 Schbl. XXV. 4. 2) Einige Nachrichten über die letzte Zcit des Großfuͤrſten Sigie⸗ mund giebt der Ordensmarſchall in einem Schr. an den HM. d. Kos nigeberg Mont. nach Judica 1440 Schbl. XXV. 10. Ueber die Vir⸗ ſchworung gegen Sigismund und feine Ermordung vgl. Kojalvwi c p. 174 — 176.
Scanseite 795 · Druckseite 782
782 Verhandlung mit dem Deutſchmeiſter zu Danzig. (1440.) ches zuvor noch naͤher unterrichten zu laſſen, theils naͤ⸗ here Kunde über die Verhaͤltniſſe in Preuffen einzuziehen und dem Hochmeiſter zugleich ſeine Ankunft anzukuͤndigen. » Um die Mitte des Octobers langten zu Danzig, dem beſtimmten Verſammlungsorte, die beiden Meiſter an, nach wenigen Tagen auch der Hochmeiſter, die Biſchoͤfe von Pomeſanien und Ermland nebſt den bevollmaͤchtigten Sendboten der Ritterſchaft und der Staͤdte, die der Hoch⸗ meiſter ausdrücklich eingeladen hatte. Dieſer begann die Unterhandlungen, indem er den beiden Meiſtern das Erbieten entgegenſandte: es möge vor allem alle Feind⸗ ſchaft und Zwietracht zwiſchen ihnen hingelegt werden, damit man in Friede und freundlicher Eintracht das Land und den Orden mit einem guten Regiment verſehen koͤnne. Was wegen der Statuten Werners von Orſeln zu eroͤr⸗ tern ſey, möge bis zu einem großen Kapitel verbleiben; faͤnde man dann etwas Gutes darin, ſo moͤge man es aufnehmen und das Nachtheilige verwerfen. „Nein, er⸗ wiederte der Deutſchmeiſter, eine ſolche Unterſuchung ver⸗ werfend, die Statuten ſind an ſich ehrlich und redlich und dienen gerade zu einem guten Regimente; da iſt nichts daran zu kritteln oder zu trennen, es ſey denn durch ein förmliches Recht.“ Da auf dieſem Wege keine Ausgleichung gelingen konnte, ſo erbot ſich jetzt der Hochmeiſter zu einem rechtlichen Erkenntniſſe beiderſeits erkorener Schiedsrichter, die über die Aechtheit und Voll⸗ gültigkeit der Statuten ein Urtheil faͤllen ſollten; er gab ſelbſt ſo viel zu, daß wenn ſie auch fir ungültig erklaͤrt 1) Schr. des Ordensritters Lucas von Lichtenſtein an den HM. d. Kuͤſtrin Donnerſt. nach Vincula Petri 1440 Schbl. IV. 42. 2) Schütz p. 145 u. ſehr ſpetiell das Mser. A., wo man auch alle Namen der Verſammelten findet. 3) Es heißt wortlich: dy ſtattuten weren erlich und reddelich und öpneten czu einem gutten Regintent des Ordens und diſſer lande und were nicht ichts Dorynne czu verkuatzen oder davon czu treten, es were denne mit Rechte oder durch ein Recht.
Scanseite 796 · Druckseite 783
Verhandlung mit dem Deutſchmeiſter zu Danzig. (1440.) 783 würden, ſie dennoch nicht ohne weiteres verworfen, ſon⸗ dern der näheren Erörterung eines großen Kapitels anheim geſtellt werden ſollten; das Nuͤtzliche und Zweckmaͤßige folle man dann annehmen. Aber auch dieſes nahmen die bei⸗ den Meiſter nicht an, erklaͤrend, ſie ſeyen zu keiner Rechts⸗ verhandlung gekommen, obgleich ſie das Recht nicht ſcheu⸗ ten. Ihre Forderung dagegen, daß alle auf der großen Tagfahrt zu Elbing verſammelt geweſenen Praͤlaten, Ge⸗ bietiger, Konvente, Landesritter und Staͤdte von neuem verſammelt werden ſollten, damit ſie ſich vor dieſen allen verantworten und rechtfertigen konnten, wies der Hoch⸗ meiſter ohne weiteres zurück, weil es unpaſſend und ſelbſt ſehr nachtheilig ſeyn werde, wenn es vor jenen Verſam⸗ melten zwiſchen ihnen zu bittern Reden kommen ſollte. Darauf wurden auf den Rath der Bevollmaͤchtigten der Stände aus ihnen ſelbſt ſechzehn Perſonen als Der mittler auserwaͤhlt, die mit den beiden Meiſtern in Ver⸗ handlung tretend ſie zu bewegen ſuchten, von den beiden Wegen der Ausgleichung durch das Recht oder durch freundliche Verftändigung den letztern, als den geziemend⸗ ſten und für beide Theile ehrenhafteſten einzuſchlagen. Der Deutſchmeiſter erklärte ſich geneigt, jedoch nur unter der Bedingung, daß der Hochmeiſter die Statuten als „ehrlich und redlich“ annehme und als aͤcht und guͤltig anerkenne. Dieſer indeß beharrte bei ſeiner Forderung, daß ſie zuvor einer Prüfung des großen Kapitels unters worfen werden müßten, um das Zweckmaͤßige auszuwaͤh⸗ len und in das Ordensbuch aufzunehmen, jedoch gab er zu, daß man fofort fich mit einer Reformation des Or⸗ dens befchäftigen und ein gutes Regiment einführen konne. Dieß billigend ſuchten die Staͤnde den Deutſchmeiſter zur Annahme dieſes Erbietens zu gewinnen. „Mitnichten, antwortete dieſer, die Statuten ſind von drei Meiſtern entworfen und beſiegelt, in einem großen Kapitel in Deutſchland im Beiſeyn aller dazu gehoͤrigen Gebietiger genehmigt und anerkannt und vom Kaiſer und Concilium
Scanseite 797 · Druckseite 784
784 Verhandlung mit dem Deutſchmeiſter zu Danzig. (1445.9 beſtaͤtigt; alſo ſteht keinem zu, etwas daran zu aͤndern. Zu einem großen Kapitel kommt der Meiſter von Livland und wir nur mit etwa drei oder vier Gebietigern, der Hochmeiſter aber wohl mit hundert der Seinigen; ſollen dann die Statuten nach der Stimmen Mehrzahl ange⸗ nommen oder verworfen werden, ſo ſtehen wir offenbar im Nachtheile und werden uͤberſtimmt. Der Hochmeiſter muß daher die Statuten ohne weiteres annehmen; in den übrigen Streitpunkten werden wir uns glimpflich und nachgiebig zeigen, um zu beweiſen, daß unſere Meinung gut und redlich iſt.“ Dem zu entgegnen, ließ der Hoch⸗ meiſter das Anerbieten machen: es ſollten auf dem Ka⸗ pitel von beiden Theilen gleich viel redliche und ehrbare Männer erwählt, dieſen die Prüfung Übertragen und ih⸗ rem Urtheile alles unterworfen werden. Werde aber auch dieſer Vorſchlag, fuͤgten die Vermittler hinzu, vom Deutſchmeiſter nicht angenommen, ſo ſeyen ſie feſt ent⸗ ſchloſſen, ſich dem Hochmeiſter als getreue und geſchwo⸗ renen Manne in allen rechtfertigen Dingen zu beweiſen, wie es ihnen nach Ehre und Recht gebuͤhre, und nicht zu geſtatten, daß man ihrem Herrn in ſeiner Ehre und Wuͤrde zu nahe trete. Da jedoch der Deutſchmeiſter auch jetzt noch trotzig auf ſeiner Forderung beharrte, ſo ſchlug man ihm endlich einen Compromiß vor, nach welchem acht Ordensritter, vier von, jedem Theile auf einem be⸗ ſonders dazu angeordneten Verhandlungstage uͤber alle Streitpunkte ſich berathen und entſcheiden und dann jeder Theil ihrem Erkenntniſſe ſich unterwerfen ſollte. Dieß nahm der Deutſchmeiſter an; die acht Ordensritter wur⸗ den ſofort ernannt, der Verhandlungstag auf naͤchſt⸗ 1) Als die acht Ordensritter werden genannt: der Oberſt. Trap⸗ pier Eberhard von Weſenthau, der Treßler Johann von Remchingen, der Komthur von Brandenburg Johann von Beenhauſen, der Land⸗ komthur zu Franken Arnold von Hirzberg, der Komthur von Mergent⸗ heim Joſt von Venien, der Komthur von Reval Walther von Loe, und der Vogt von Gerven. Der achte ſollte der erkorene Obmann ſeyn.
Scanseite 798 · Druckseite 785
Verhandlung mit dem Deutſchmeiſter zu Danzig. (1440.) 785 kommenden Tag Jacobi zu Stettin feſtgeſetzt und vorlaͤu⸗ fig auch die Praͤliminar⸗ Artikel entworfen, die als Grundlage der erwuͤnſchten Ausgleichung dienen follten. Mit dieſem Erfolge loͤſte ſich nun der Verhandlungstag zu Danzig auf? und die beiden Meiſter, keineswegs noch verſoͤhnt, kehrten in ihre Gebiete wieder zuruͤck. Die Staͤnde indeß, obgleich ſie auf dem Tage manche ihrer Klagen wieder erneuerten, hatten ſich in der Streitſache des Ordens aufs entſchiedenſte fuͤr den Hochmeiſter erklaͤrt, weil er in der That Zugeſtaͤndniſſe gemacht und eine Nachgiebigkeit bewieſen, die ſeine durchaus redlichen Be⸗ muͤhungen zur Herſtellung der Eintracht im Orden außer allen Zweifel ſetzten. Es war in den letzten Wochen des Jahres 1440, als der Hochmeiſter tief gebeugt von Danzig in das Haupthaus Marienburg zurückkehrte. Er konnte wenig Hoffnung faſſen, daß der trotzige Deutſchmeiſter, wie er ihn in Danzig naͤher kennen gelernt, ſich auf dem einge⸗ ſchlagenen Wege werde befriedigen laſſen und daß der Orden je wieder durch Friede und Eintracht zu Macht und Anſehen unter ſeinen Unterthanen und zu eigener innerer Feſtigkeit und Ordnung gelangen koͤnne. Aber laͤngſt auch hatte er keine Freude mehr an der Regentſchaft einer Koͤrperſchaft, die alle zur Aufloͤſung und zum Untergange hinfuͤhrenden Uebel und Gebrechen in ſich trug, auch keine an der Verwaltung eines Landes, in welchem taͤglich an die Landesherrſchaft Anſpruͤche und Forderungen erhoben wurden, die den Landesherrn nur wie zum Beamten der Stände herabwuͤrdigten und alle Kraft und Wirkſamkeit der alten Ordnungen und Geſetze immer mehr zu ver⸗ nichten drohten. Durch Alter und Krankheit ſehr ge⸗ ſchwaͤcht, durch Sorgen niedergebeugt, durch die Ereigniſſe der letzten Jahre mehr als je entmuthigt, ſah ſich der 1) Der Entwurf darüber, d. Danzig Mittw. nach Martini 1440 Schbl. VI. 27. 2) Die ganze Verhandlung des Tages ſehr vollſtändig im Mser. A. vll. 50
Scanseite 799 · Druckseite 786
786 Abdankung und Tod des HM. Paul v. Nußdorf. (1441) Hochmeiſter dem Sturme der Zeit nicht mehr gewachſen. Nichts mehr wuͤnſchend, als der auf ihm liegenden Laſt enthoben zu ſeyn, erließ er an die Gebietiger des Ordens die Bitte, ihn ſeines Meiſteramtes, welches er faſt neun⸗ zehn Jahre verwaltet, zu entlaſſen.) Es ward im Haupt⸗ hauſe ein Kapitel verſammelt, in welchem die berufenen oberſten Ordensbeamten, das Gewicht der Gründe des alten Meiſters wohl erwaͤgend, in ſein Geſuch willigten. Alſo legte er am zweiten Januar 1441 ſein ſchweres Amt nieder. Auf ſeine Bitte wurde ihm vom Kapitel das Pflegeramt zu Raſtenburg nebſt den Waldaͤmtern zu Luͤnenburg, Rhein und Lyck uͤbertragen. Das Kapitel verbürgte ſich, daß es, wenn die Meiſter von Deutſch⸗ land und Livland ihn auf dem Verhandlungstage zu Stet⸗ tin wegen der Statuten oder des Compromiſſes oder in irgend einer Sache in Anſpruch nehmen oder zur Verant⸗ wortung ziehen wuͤrden, fuͤr ihn dieſe uͤbernehmen und ihm allen Unwillen und Verdruß erſparen wolle. Es gab ihm endlich auch die Zuſicherung, daß weder er ſelbſt, noch der Vogt der Neumark, noch irgend ein Ordens⸗ bruder oder ſonſt jemand, der ihm in ſeinen Amtsverhaͤlt⸗ niſſen Beiſtand und Rath ertheilt, an Leib, Amt, Gut und Ehre in irgend einer Weiſe gekraͤnkt oder verletzt werden ſolle. Alle verſprachen dafür einzuſtehen, daß dieſe Zuſagen treu und feſt gehalten und auch nach des alten Meiſters Tod um anderer Perſonen willen die Zu⸗ ſicherung des Kapitels bei Kraft und Wirkſamkeit blei⸗ ben folle. ? 1) Vgl. die Urkunde über die Abdankung Pauls v. Rußdorf in Voigt Geſch. Marienburgs S. 553, wo das Kapitel ebenfalls erwähnt „ſeynes leibes gebrechen, ſwachheit und krankheith und ſuſt mancherleve unſers ordens gebrechen, den her umb ſulcher ſeynes leybes ſchwachheith nicht widderſteen noch entkegenkomen moge. 2) Die urkunde, vom Statthalter des HM. Nicolaus Poſtar Kom⸗ thur zu Danzig und den übrigen im Kapitel verſammelten Ordensge⸗ bictigern ausgeſtellt, d. Marienb. Mont, nach Circumciſion. dni 1441
Scanseite 800 · Druckseite 787
Abdankung und Tod des HM. Paul von Rußdorf. ( 1441.) 787 . So von der ſchweren Buͤrde des Meiſteramtes befreit, bereitete ſich nun Paul von Rußdorf vor, um in ſein ruhiges Pflegeramt abzugehen und dort die uͤbrigen Tage ſeines Alters in ſtiller Zuruͤckgezogenheit und Friede zu verleben. Allein der letzte dieſer Tage ward ihm fruͤher beſchieden, als er erwartet. Noch zu Marienburg über⸗ fiel ihn eine ſchwere Krankheit, der er vom Schlage ge⸗ troffen ſchon nach wenigen Tagen am neunten Januar 1441 erliegen mußte.“ Wie feine Vorgänger, fo fand auch er in der Sanct Annengruft des Haupthauſes eine friedliche Ruheſtatt. in zwei Abſchriften Schbl. LXIX. 87, gedruckt in Voigt Geſch. Ma⸗ rienburgs S. 553 — 554. J) Den Todestag Pauls von Rußdorf erfahren wir durch einen Memorialzettel für einige Sendboten des Ordens = Statthalters und der Gebietiger an den Rom. König Schbl. IV. 155, wo es heißt: Item fage man dem Rom. konige, wie das unſer Homeiſter, dem gote gnade, am eeſten montage nach der heylgen drie konige tage von gotes vorheng⸗ niſſe us deſem leben vorſcheyden ſie. Hiernach iſt der neunte Januar der Todestag. Daß die gewöhnliche Annahme, nach welcher Paul am Nicolai⸗ Tage fein Amt niedergelegt habe und am 29ſten Decemb. 1440 zu Elbing geſtorben ſey, wie Sewütz p. 145 und nach ihm Ba czko B. III. S. 210 u. Bachem Chronolog. der HM. S. 42 angeben, unrichtig iſt, beweiſt auch die erwähnt Urkunde über Pauls Amtsent⸗ ſagung. Die alte Preuſſ. Chron. p. 46 berichtet: Do deſer Meiſter Paul das ampt hatte gehalden XIX vor, do wart her alt und dy ge⸗ bittiger worden zwetrechtig, wen eyn itezlich geczunge wolde dy feynea vorczyen, alſo dy reynlender dy eren, Franken, Swoven, Beyern och dy eren, ſintdemmole daz M. Pauel eyn reynlender waz zo entſatczten ſy vn kegen raſtenborgh. Alſo ſante her etliche Wagen of vart und wolde mit den andern noch volgen. Ich weys nicht waz ſewche her ir⸗ krig und muſte dy wagen widder of Marienborgk holen und ſchire ſtarb her dornoch und rewmete nicht dez meiſters kamer. Dorume leit her begraben czu ſente anne doſelbeſt.
Scanseite 801 · Druckseite 8
EIN TEIT be ai = — 8 N . 8 > * = 1 3 — ? 4 N 2 — 5 5 8 1 A n 8. 1 = 8 Se 2 = : en As *. Kilbagı xt Laheer I in wu. Fi N
Scanseite 802 · Druckseite 9
PT, AT BEI HANNENBE BENVOI das Schlachtfeld betreffend Die Etablisfements, Waldbestände , | Wege, Graben ete, von denen bestimt ermittelt wurde, dafs sie im Jahre 1410 STARKE des Heers der Kreuzherrn = 85000 Mann | der Armee des Komigs v. Polen =165000 Mum in ‚sie: ohen . He noch nicht exist irten, sind Tortgelafsen worden, z.B. Ludwigsdorf ete: 2, Ort wo der Hochmeister fiel und 1/11 eine Caplle erbaut wurde. Seewalde (Zr OGrdllozwo) „70775 za an, aimgrtberg N55 Ä >; Y (Stemrburk J 9 N Seemen "ER % . Ws. N = — — 7, 7e 8 . AX l 55 21 2 8 d Schönwäldchen SD 3 (Szumedoick ) 3 — IQ — r 5 N ee en 8 aD Logdau z | al: Maafstab a 25000 | Si 0 500 1000 1500 2000 2500 Schritt | | — — ea | S u. 20 —— — ——. p = = RENVOIL das Ordens Heer betreffend. die Arınee des Königs von Polen betreffend. | nnr vor Br 21 | , b. c. d. f. La ger der Kreuzherrn. 8 detachirtes kleine s Corpsa.d. rechten Flu Se. E : oe Bee un gte ue 8. Reserve. 8· h. K I. n, m, 1076 Treffen, da hinter das 2%. t. d linken de. N J7JTT a 910.11 spätere Aufstellung der Reserve 8 9 Zi da De e de . 5. Reserve p 5 als Reserve. vi: 5 1 bei Seemen, | 6.7.1“ Treffen d. A Cunter-Imdram dah d gu. 5e 12. Bitter Trautenau (rechts d Marense) 5 1 — — _ — —ͤ — — — 2 — — rg re — x Ses von v. Fischer. grav.u. gedr. v. C. C. Herwig, Berlin