In historischer Schreibweise · Die Absatznummern verlinken einzelne Textstellen.
Ungeprüfte OCR-Arbeitsfassung. Keine manuelle Gegenlesung. Haupttext, Anmerkungen, Register und Tabellen sind nicht redaktionell getrennt; Erkennungsfehler und fehlerhafte Lesereihenfolgen sind möglich. Alle neun Bände. Historische Orthografie und OCR-Fehler bleiben erhalten. Katalogfehler bei Namen und Jahresangaben werden nicht als Textkorrekturen übernommen.
Scanseite 1
Geſchichte Preuſſens, von den aͤlteſten Zeiten bis zum Untergange der Herrſchaft des Deutſchen Ordens, e ge von Sopannes Voigt. Bünfter Band. Die Zeit vom Hochmeiſter Ludolf König von Weizau 1342 bis zum Tode des Hochmeiſters Konrad von Wallenrod 1393. Koͤnigs berg,
Scanseite 2
l 2 == — | en = — = eu = = 2 7 de DAS RATIHIHAUS UND DER ARTUSHOF IN .DANZU
Scanseite 3
Vorrede. Es war mein Vorſatz, nicht früher als in dem Vor⸗ worte zum letzten Bande dieſes Werkes uͤber alles, was ihm in ſeiner Entſtehung und ſeinem Fortgange förderlich und guͤnſtig geweſen, wie auch über das, was ſich ihm hinderlich und feindlich gegenuͤbergeſtellt, in einer kurzen Geſchichte ſeiner Schickſale zu ſprechen und darin näher zu berichten, wie vielfach es ſich einer Seits der Beweiſe hoͤherer Huld, Beguͤnſtigung und Unterſtuͤtzung zu feinem Fortſchreiten zu erfreuen gehabt und wie es anderer Seits auch mit Hemmungen und Hinderniſſen hat kaͤmpfen muͤſſen, ehe es zur Vollen⸗ dung hat kommen koͤnnen. Ich habe dieſen Gedanken auch jetzt noch feſtgehalten. Hier indeſſen ein kurzes Wort im voraus. Es iſt ſchon lange ein boͤſer, feindlicher Geiſt um dieſes Werk umhergegangen, der durch Neid getrieben
Scanseite 4
vı Vorrede. und gequaͤlt von Eiferſucht uͤber ſein Gelingen nichts unverſucht gelaſſen, hier Einzelnheiten in demſelben zu verdaͤchtigen, dort ſeinen Werth zu verkleinern und wenn es moͤglich, ſeinen Fortgang zu hemmen. Fuͤr⸗ wahr es iſt mir merkwuͤrdig zur Kenntniß einer menſch⸗ lichen Seele geweſen, das manchfaltige Treiben und Ergreifen dieſer und jener Mittel allmaͤhlich zu beobach⸗ ten, womit man ſich gemuͤhet hat, die Meinung des Publicums uͤber dieſes Werk umſtricken zu wollen. Es ſind mir Mittheilungen geſchehen, wie es zuerſt ver⸗ ſucht worden, vom Lehrſtuhle herab uͤber den Werth des Werkes die vornehme Rolle des kritiſchen Meiſters zu ſpielen, vielleicht um Juͤnglinge vom Studium die⸗ fer vaterlaͤndiſchen Geſchichte abzuziehen und für eine andere anzulocken. — Dann iſt mir zu Augen ge⸗ kommen, wie man gebildete Maͤnner gegen das Werk dadurch ſcheu zu machen geſucht, daß man, die Zeit und ihre Geſchichte meiſterlich nach der Elle meſſend, die kecke Behauptung hingeſtellt: es werde dieſes Werk „gewiß“ eine Reihe von zehn Bänden füllen, eine Be⸗ rechnung, welche bei ſeiner Beendigung von ſelbſt zu Schanden gehen wird. — Nun blieb noch uͤbrig, auch den Gelehrten uͤber den Werth und die Richtigkeit ein⸗ zelner Zahlen und Namen in dem Werke wo moͤglich irre zu fuͤhren; man hat auch dieſen Verſuch gemacht. Es wurde ein pomphafter Streit uͤber das Mein und
Scanseite 5 · Druckseite VII
Vorrede. VII Dein im Werke hingeworfen, der, mit ergößlichem Reden von literaͤriſchem Eigenthum durchwebt, bewei⸗ ſen ſoll, daß ich fremde Fruͤchte, die ein anderer auf meinem Acker zuſammengeleſen und, wie es jedermann ihnen bald anſieht, nur unter Benutzung meiner Freund⸗ ſchaft und nur mit meiner Erlaubniß und Bereitwillig⸗ keit (wofür mir jetzt der Dank wird) geſammelt wer⸗ den konnten, in meine Scheune gebracht habe. Er betrifft Sammlungen von Zahlen und Namen, die aus den von mir zur Hand geſtellten Schaͤtzen des Archivs zuſammengeſtellt ſind, deren Anfertigung mir leicht auch jeder meiner Zuhörer hätte beſorgen koͤnnen, da nicht viel mehr als zwei Augen und fünf Finger zu ſolcher Arbeit erforderlich ſind. Der Streit erhebt ſie mit leicht erkenntlicher Abſicht zu ungemeiner Wichtigkeit. Doch wie man klar ſieht, es iſt Syſtem in der Ma⸗ nier des Gegners. Und was, meint man wohl, antworte ich nun auf ſolche hochwichtige Dinge? — Nichts weiter, als daß ich es tief unter meiner Wuͤrde finde, auf Angriffe ſol⸗ cherlei Geiſtes jetzt oder auch fernerhin jemals nur ein Wort zu erwiedern, was auch andererſeits je uͤber die Sache geſagt werden mag. Das Publicum hieſiges Orts hat vollkommen zu meiner Genuͤge ge⸗ richtet; richte es auch auswaͤrts! Iſt mein Werk ein gutes Werk, fo wird es beſtehen; iſt es ein ſchlech⸗
Scanseite 6 · Druckseite VIII
VIII Vorrede tes Werk, ſo wird es untergehen, und beides ohne ſolche Gehuͤlfen! Was dieſen Band betrifft, ſo iſt er zum Theil in einer ſchweren Zeit geſchrieben und faſt fuͤrchte ich, daß ſie ſich ihm aufgedruͤckt habe, denn es war nicht im⸗ mer die innere Ruhe und der ſtille Friede des Gei⸗ ſtes vorhanden, die dem Geſchichtſchreiber inwohnen muͤſſen, wenn das Werk gedeihen ſoll. Überdieß um⸗ faßt dieſer Band die Zeit der immer wiederkehrenden Kriegsreiſen ins nachbarliche Heidenland, eine Reihe von kriegeriſchen Ereigniſſen umſchließend, die großen Theils ohne Farbe und Charakter vor uns liegen. Den Grund davon tragen theils die Quellen, theils die Er⸗ eigniſſe ſelbſt. Aber es war Pflicht des Geſchichtſchrei⸗ bers, das Bild der Zeit zu zeichnen, wie es ſich giebt und wie es ihm gegeben wird. Das Gemaͤlde dieſer Heidenzuͤge, deren eine große Zahl in dem Werke nicht einmal erwaͤhnt iſt, war kein anderes, als es hier ge⸗ zeichnet iſt oder doch wir kennen es nicht anders. — Auch Preuſſens inneres und aͤußeres Handelsleben fin⸗ det in dieſem Bande eine genauere Beachtung, als es bisher in geſchichtlichen Werken geſchehen iſt, und ſeine Schilderung bildet einen weſentlichen Theil deſſelben. Wie dort in jenen raſtloſen Kriegsfahrten ins Heiden⸗ land das Bild des regen und ruͤſtigen Ritterlebens, ſo hier in dieſen Seefahrten an fremde Kuͤſten und in al⸗
Scanseite 7 · Druckseite IX
Vorrede. IX lem, was ſich an ſie knüpft, das Gemälde des rühri- gen und regſamen Gewerbs⸗ und Handelslebens der Staͤdte und der Buͤrgerwelt; hier wie dort ein eigener Geiſt und eine eigenthuͤmliche Richtung der Zeit, dort an die unruhige Thaͤtigkeit des Kriegsſchwertes, hier an die emſige Beweglichkeit des Schiffes gebunden. Es iſt mit voller Abſicht in der Darſtellung das Eine von dem Andern nicht getrennt und hier nur vom Kriege und dort nur vom Handel und Buͤrgerleben geſprochen worden. Beide umſchlingen und durchkreuzen fich in der Wirklichkeit und wie das Leben ſelbſt ſich nicht in Einzelnheiten zerſchneiden laͤßt, ſo auch ein getreues Bild des Lebens nicht. Man hat die Frage gethan: Warum in dieſem Werke bisher noch keine beſondere Darſtellung der Ver⸗ faſſung des Ordens und des Landes, des Verwaltungs⸗ weſens und deſſen einzelner Zweige gegeben ſey? Die Antwort iſt: daß es aus Quellen des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts nicht moͤglich war, ein voll⸗ ftändiges und genuͤgendes Bild des geſammten Ver⸗ faſſungs⸗ und Verwaltungsweſens aufzuſtellen. Aus Quellen ſpaͤterer Zeit aber uͤber den Zuſtand der Dinge in früheren Jahrhunderten zu ſprechen, wäre in jeder Weiſe ungeſchichtlich. Weil jedoch eben dieſe Quellen in den erſten Zeiten des funfzehnten Jahrhunderts uͤber den ganzen innern Zuſtand des Landes und die Ver⸗
Scanseite 8 · Druckseite X
x Vorrede. haͤltniſſe der Verfaſſung und Verwaltung in ungemei⸗ nem Reichthum fließen, ſo wird der naͤchſte Band die⸗ ſes Werkes eine moͤglichſt getreue Darſtellung dieſer Verhaͤltniſſe dem Leſer entgegenbringen. Vieles hat in dieſem Bande eine ganz andere Geſtalt gewonnen, als es bisher dageſtanden. Die Kritik hat mit aller Schaͤrfe geuͤbt werden muͤſſen, um Irrthuͤmer zu beſeitigen und Wahrheit und Erdichtung zu ſcheiden. Es iſt deshalb noͤthig geweſen, in einer der angefügten Beilagen einen ſchnoͤden Betrug zu ent⸗ huͤllen, der mit der Lebensgeſchichte Winrichs von Knip⸗ rode getrieben worden iſt. Steht nun auch das Bild dieſes Meiſters vielleicht nicht mehr in ſo glaͤnzenden Farben da, ſo iſt es auf jeden Fall wahrer und ge⸗ treuer gezeichnet. Und wie dieſes, ſo auch manches andere. Koͤnigsberg, am 15. December 1831. Johannes Voigt.
Scanseite 9 · Druckseite XI
In hal Kapitel I. h Ludolf König von Weizau Hochmeiſter Verhandlungen zum Frieden mit Polen Friedensſchluß mit Polen Verhaͤltniſſe in Litthauen und Eſthland Verhoͤltniſſe in Eſthland . Volksempoͤrung in Eſthland . . Heidenfahrt nach Litthauen Geiſtesverwirrung des Hochmeiſters er Wahl des Hochmeiſters Heinrich Duſmer von 1 Arſſberg Heinrich Duſmer von Arffberg Hochmeiſter Kriegszuͤge nach Litthauen Bemuͤhungen für Landescultur Verkauf von Eſthland an den Orden Einfall der Litth aur Generals Kapitel zu Marienburg Einfall der Litthauerr Die Schlacht an der Strebtee Nußere Verhaͤltniſſe des Ordens Handelsverhaͤltniſſe Preuſſens?̃k Innere Verhaͤltniſſſe Die Peſt in Preuſſeieien Letzte Zeit des Hochmeiſterrs Abdankung und Tod des Hochmeiſters Kapitel II. Winrich von Kniprode Hochmeiſter Erneuerung des Kampfes mit den Litthauern Einfall der Litthauer in Samland Innere Landesanordnungen Einfall der Litt hauen Innere Landesverwaltung . -»- - - - Neue Züge nach Samaitn - - - -
Scanseite 10 · Druckseite XII
XII Inhalt. Seite Verhaͤltniſſe des Ordens zum Kaiſer 113 — — — Papſte . 116 — — — zu Polen 120 Kriegszug nach Samaite n 125 Stillſtand des Krieges mit Litthauen 127 Snnere Landesverhältniſſ e 129 Kriegszug nach Litthauen „ Vernichtung der neuen Burg Raigrob „ ee Beguͤnſtigungen des Orden.. 138 Kriegszuͤge nach Litthaue nn 141 Kynſtuttes Gefangennehmunng 143 — Befreiung "in fall der Lithauue 147 Nriegszug gegen Kauen?n 130 Belagerung von Kau n 132 Eroberung und Zerſtöͤrung von Kauen 157 Kriegszuͤge nach Samaiten 161 — — Litth auen 1864 Kapitel III. Kriegszuͤge nach Litthauens 168 Zerstörung Ben Miſten „ P 170 — 11 Emfall der Tillhauer = «u. Es ee 173 Beraubung des Ordensſchatzes . 174 Kriegsereigniſſe 173 Bükaud und Zurville 1175 Kriege mit den Litth auen 178 Einfall der Litthauer PP Des Ordens Ruhm im Heſdenkampft e Innerer Juſtand des Landes 183 Kriegszuͤſſe „ ee e Suͤhne mit dem Erzbiſchof r 13888 Ausgleichung mit dem Biſchof von Samland 190 Marienburg in Litthauen 8 1492 Die Hanſeſtaͤdte in Preuſſen. 193 Kriegs zuge Innere Landesverwaltung 205 Kriegszug nach Litthaun. - » - 222 nn 208 Die Burg Gotteswerder und die Baierbung 209 Die Schlacht bei Ru dau 2 3 Verhandlungen mit Waldemar von Danemark. 221 — dem Johanniter⸗ Orden 222 Herzog Leopold von Sſterreich in Preuſſen. 224
Scanseite 11 · Druckseite XIII
Inhalt. XIII Seit Verhaͤltniſſe zu Polen und Maſov ien 27 Kriegsfehden mit den Litthauer n 831 Kapitel IV. Streit des Ordens mit dem Biſchofe von Ermland 235 Handelsverhaͤltniſſe Preuſſen s . 49 Schreiben des Papſtes an die Litthauiſchen Zürften 5 Litthauiſche Kriegsfehden. 2857 Biſchof Wicbold von Ku mme... 259 Der weiße Fuͤrſt Wladis las 2864 Kriegsreiſe nach Litt hauen l 265 Kriegsfehden mit den Litthauern Be 2 Tod des Biſchofs Nicolaus von jr re 271 Kriegsreiſe nach Litthauen „ 272 Heidenfahrt des Herzogs Albrecht von Sf 25 Einfälle in Litthauenmn e er r 284 Oigierds Tod 8 — Sohne e eee ee eee Bekaͤmpfung Litthauens a Olgierds Tod ET ee Vertrag des Ordens mit den Litthauiſchen Fuͤrſten . . 292 Innere Landesverwaltung - = = » 2 2 2 297 Städtewefen - . - 2 „ „ 304 Handelsverhaͤltniſſe mit Polen und England = ent 306 — den Niederlanden - - » » . 309 Verbindung der Preuſſiſchen Städte mit der Hanſe 314 Vertilgung der Seeraͤuber auf der Oſtſme . . 813 Handelsverhaͤltniſſe mit Skandinavien 314 — Frankreich.. 317 Verhoͤltniſſe des Ordens und der Preuſſiſchen Handelsſtaͤdte 321 edel des Ordens 324 Staͤdteweſen in Preuſſen 327 Kapitel V. Verhaͤltniſſe des Ordens zum Kaiſer 347 — — — — Papſte 350 — — — zu Litthauenns 353 Kriegszuͤge nach Litthaueg «aa 358 Kynſtutte und Jagal in Zwietracht 361 Kriegsfehden in Litthau aa „366 ee Gefangenfhaft -» - ==. u. 371 — und Tod 372 Jagals ae beben gegen Kynſtuttes Angehörige 373 Innere Landesverwaltung 374 Handel mit dem Auslande 376 Staͤdtiſche Bildungsanſt alten 43382
Scanseite 12 · Druckseite XIV
xIv Inhalt. Seite Hirchen⸗ und Kloſterweſen „ , 387 Winrichs von Aniprode Tod. 392 Winti nn 4 Kapitel VI. Wahl des Hochmeiſters Konrad Zoͤllner von Rotenſtein . 404 Konrad Zöllner von Rotenſtein Hochmeiſter . . 405 Auswärtige Verhaͤltniſſe 407 Witowd's Befreiung re u. (ed Verhandlungen mit Jagal von eitthauen 10 Neue Feindſchaft mit Jagal von Litthauen 420 Kriegsfahrt nach Litthauen „ 421 Neue Erweiterungen des Ordensgebietes 595565552 Kriegs fahrt nach Likth auen 430 Aufbau von Marienwerd » - » = = 4432 Vertrag mit Herzog Witowd - - 2 en 4433 Verhaͤltniſſe in Litthauen und Polen 434 Witowds Verrätheriit - » - + 0-2 0 4436 Belagerung Marienwerdas - 2 0 02 nn 4438 Verluſte in Litthauen 2 — D 441 Vertrag mit dem Herzoge Semovit — Maſovien 23442 Jagals Bewerbung um die Polniſche Krone 443 Handeleverhäliniffe - » » - - .» - Beiden e — mik England » — — Frankreich 452 — — Flandern 434 —— a 5 — — Danemark 4356 — — Schweden 439 Seeraͤuberei „„ ee Innere Landesverhaltniſſe „„ „„ 0) %.-. > 5 0.4 Rente kaun mann ˙ iu 5 AT AGD Innere Landesverhältniſſe in EM EN 69 Kirchliche Verhaͤltniſ e. 471 Kriegszug nach Litthauen ne re Anerbieten des Fuͤrſten Andrei von Polotsk 3478 Jagal König von Polen 4477 Buͤndniß des Ordens mit Pommern 5 4483 Verbeſſerung des Zuſtandes der Deutſchen Ordensballeien 485 Verhaͤltniſſe des Ordens zum Kaiſeer 486 — — Pap fe 27 Beförderung der Kriegszuͤge nach Litthauen . 489 Plan zu einer Univerſitaͤt in Ku mem 491 Taufe der Litthaue rr 495
Scanseite 13 · Druckseite XV
Inhalt. xv Seite Verhandlungen am paͤpſtlichen Hofe 497 Veränderungen in den oberſten Gebietiger⸗Amtern 500 Verhäͤltniſſe des ns mit Polen 301 Kriegsverhältniffe gegen Polen und Litthauen . 508 Einfall der Polen in Maſovien . 506 Kriegszug nach Litth auen „307 Herzog Wilhelm von Geldern ı . . . Sr: 508 Neue Zwiſtigkeit des Ordens mit dem Herzoge von Pommern 515 Verhandlungen mit Polen 516 Schreiben des Roͤmiſchen Königs Wenceslav an König Sagal 518 Verhandlungen mit den Nachbarfuͤrſen . . 520 Einfall in das Gebiet von Medenike n 522 der Weichſe l 523 Handelsverhaͤltniſſe mit England . 5% — Daͤnema k 530 — — Flandern 2 531 e ae We 5 6 Neuer Kampf in Eitthaun - - 2 2 en 336 Buͤndniß mit den Samaiten . . . „ 38 Vorbereitungen zur Kriegsreiſe nach Wilna „ e e 0 Ankunft fremder Kriegsgaͤſte 341 Kiesszug gegen Wilnaqdn 36543 / 644 Abzug von Wilna 438 Tod Konrad Zöllners von Rotenſtei an . 550 Konrad Zoͤllners W alten „331 Bi // Ge „ ( :; Das Biſthum Pomeſan iss 559 „ —— e ˙DAy—5 ˙ 361 — / u. Eu . Fe APBSGA: / ³· (ee Be GE Kapitel VII. Stellung des Ordens zu Polen . 568 — — = — Maſovien „ A ar = 570 — — — Polen und Pommern . 571 — „ Polen 75 Otto von Kampen, Abt zu Luͤnebumg g. 579 Wahl des Hochmeiſters Konrad von Wallenrdd 380 Wandlung der Gediet iger 583 Friedensverhandlung mit Polen. 584 Handelsverhaͤltniſſe mit England 3 Herzog Wladislav von Oppeln und der Orden Pe. un Kriegszug nach Litthaun . » - »- "en. 6595
Scanseite 14 · Druckseite XVI
XVI Inhalt. Kriegshaͤndel im Dobrinerlande - Umgeſtaltung der Verhaͤltniſſe Litthauens Verhandlungen wegen der Neumark und Dobrin Witowd's neuer Abfall vom Orden Verpfaͤndung Dobrins an den Orden Annäherung der Herzoge von Stettin an den Orden Kriegszug an den Nare yu 3 Streit mit dem Biſchof von Riga 3 Verhandlungen wegen Dobrin und der Neumark . Kriegsreiſe gegen Garten Uneinigkeit der Litthauiſchen Fuͤrſten Friedensverhandlungen des paͤpſtlichen — „. Kriegszug nach Maſovien „ . Des Hochmeisters Toohd ee Innere Handelsverhaͤltniſſ qu Handelöverhältniffe mit England : ve — landen Eu — — Daͤnem ark % Go ˙¹wwũ13ꝛ ˙· WA Handelsverhaͤltniſſe mit Rußland. Innere Verwaltung „ en , Verhaͤltniß des Meiſters zur Geitigtet . „ e eee Die heilige Dorothea S A eu N J. Nero II. Neo III. Neo IV. Nr V. Nro VI. Beilagen. über die Abdankung des Hochmeiſters . Koͤnig von Weizauu . . .. 7 Über die Schlacht an der Strebe l. Aufdeckung eines literaͤriſchen Betruges in der Geſchichte Preuſſe s Ben TH über die Schlacht bei udo über den Ehrentiſch in Preuſſeen. Über den Hochmeiſter Konrad von Wallenrod
Scanseite 15
Er ſte s Kapitel. Das Jahr 1341 hatte dem Orden in Preuſſen endlich Friede bringen ſollen in feinem langwierigen Streite mit Polen; al⸗ lein der Tod des edlen Meiſters Dieterichs von Altenburg un⸗ terbrach den Fortgang der zu Thorn begonnenen Unterhand⸗ lungen 1), denn es trat ſofort nach des Ordens Geſetz die ſtell⸗ vertretende Verwaltung des Großkomthurs Ludolfs König von Weizau ein, der in ſo wichtigen Dingen im Namen des ge⸗ ſammten Ordens keinen Beſchluß faſſen konnte. Je nothwen⸗ diger aber unter ſolchen Verhaͤltniſſen der Zeit ein neues Haupt fuͤr den Orden war, um ſo mehr beeilten ſich auch die ober⸗ ſten Gebietiger in Preuſſen, die beiden Meifter von Deutſch⸗ land und Livland nebſt den uͤbrigen vornehmſten Ordensbeam⸗ ten zur Wahl eines neuen Hochmeiſters ins Ordenshaupthaus einzuladen und dieſe erſchienen daſelbſt ſchon mit dem Anfange des Jahres 1342, ſo daß in den erſten Tagen des Januars das Wahlkapitel verſammelt und der bisherige Großkomthur Ludolf König von Weizau, feiner Geburt ein Sachſe 2), als neuer Meiſter erkoren wurde). Seine Erhebung zur Meiſter⸗ 1) Vgl. B. IV. S. 582 ff. 2) Kojalowiez p. 305 macht aus ihm einen Rudolphus Dux Saxouiae. 3) Gewoͤhnlich wird nach Bachem Chronol. der Hochmeiſt. S. 32. der 4. Januar als der Wahltag bezeichnet. Wigand. p. 283 und nach ihm Schütz p. 71 ſetzen die Wahl drei Tage vor heil. drei Kö: nige, das Verzeichniß der Hochmeiſter bei Lindenblatt S. 362 auf den oberſten Tag oder heil. drei Königes andere, wie Henneberger P. 287, Lucas David B. VI. S. 143 (vgl. Erlöut. Preuſſ. B. II. V. Mi
Scanseite 16 · Druckseite 2
2 Ludolf König von Weizau Hochmeiſter (1342). wuͤrde war der Preis ſeiner Verdienſte, die er ſich bereits in mehren hohen Amtern erworben, denn ſieben Jahre lang hatte er als Treßler der Verwaltung des Ordensſchatzes vorgeſtanden und war im Jahre 1338 von Meiſter Dieterich von Altenburg zu der wichtigen Wuͤrde des Großkomthurs erhoben worden, die er bis zu feiner Meiſterwahl aufs ruͤhmlichſte bekleidet ). Dieſes Amt uͤbernahm alsbald nach des Kapitels Beſchluß Heinrich von Boventen aus den Rheinlanden 2). Die uͤbrigen hoͤheren Ordensaͤmter beſetzte der neue Meiſter erſt einige Zeit nachher mit andern Gebietigern, indem er die Wuͤrde des ober⸗ ſten Marſchalls, welche Hako einige Jahre verwaltet hatte, dem bisherigen Komthur von Danzig Winrich von Kniprode uͤbertrug und ſo dieſem zuerſt ſeine große Bahn oͤffnete, das Amt des oberſten Spittlers Alexandern von Kornre, das des S. 390) weichen ebenfalls in einigen Tagen abz der Unterſchied iſt nicht von Bedeutung; ſ. De Wal Histoire de PO. T. T. III. p. 253. Über das J. 1342, worüber man Ps ebenfalls ungewiß war, ift jest kein Zweifel mehr. 1) Die von mehren Neueren, wie von Baczko B. II. S. 118, Kotzebue B. II. S. 180 aufgenommene Nachricht von dem ſtrengen Regimente des Statthalters Karl von Schwarzburg, von dem dadurch veranlaßten Abfalle einiger in den Polniſchen Eroberungen eingeſetzten Komthure an den König von Polen u. |. w. muß aus der Geſchichte Preuſſens geſtrichen werden; ſie iſt offenbar eine Erdichtung, die den Moͤnch Simon Grunau Tr. XII. c. IX. S. 4 zum Verfaſſer hat, und aus deſſen Chronik zu Lucas David B. VI. S. 142, Henne: berger p. 287, Leo p. 148, Duellius p. 32 u. A. übergegangen iſt. Nicht nur der zeitgendſſiſche Wigand. Marb. und der befonnene Schütz wiſſen nichts von dieſer Angabe, ſondern die unwahrheit der ganzen Erzaͤhlung verraͤth ſich ſelbſt auch in dem Namen Karl von Schwarz⸗ burg, denn es gab unter den Ordensgebietigern dieſer Zeit weder einen Karl, noch einen Konrad von Schwarzburg und De Wal T. III. p. 252 behält alſo gegen Kotzebue B. II. S. 399 Recht, wenn er ſagt: La situation des affaires que les Chevaliers avoient avec les Polonois, dément complettement cette assertion. 2) Dort bluͤhte fein Geſchlecht ſchon im vorigen Jahrhundert; ſ. Würdtwein Diplomat. Magunt. T. I. p. 24, ein Otto von Boventen im Gebiete des Erzbiſch. von Mainz; Guden. Cod. diplom. T. III. p. 14.
Scanseite 17 · Druckseite 3
Ludolf König von Weizau Hochmeiſter (1342). 3 oberſten Trapiers Konraden von Bruningsheim und die Ver⸗ waltung des Schatzes dem bisherigen Komthur von Thorn Friederich von Spira als Ordenstreßler anvertraute ). Die wichtigſte Aufgabe war für den Meiſter zunächſt, die Unterhandlungen zur Herſtellung des Friedens mit Polen wie⸗ der aufzunehmen, um zu vollenden, was ſein Vorgaͤnger in ſeinen letzten Tagen begonnen. Da indeſſen einige Monate nach ſeiner Meiſterwahl der Papſt Benedict der Zwoͤlfte ſtarb und ohne die Einwirkung des Nachfolgers Clemens des Sechſten der Friede unter den obwaltenden Verhaͤltniſſen ſchwerlich zu Stande kommen konnte, da uͤberdieß auch die vom Hochmeiſter ver⸗ langten Entſagebriefe auf Pommern, Michelau und Kulmer⸗ land vom Koͤnige von Ungern durch Koͤnig Kaſimir von Po⸗ len noch nicht ausgewirkt waren 2), fo widmete der neue Mei⸗ 1) Dieſe „Wandlung der Gebietiger“ — ſo nannte man die Ver⸗ änderungen in den oberſten Ordensaͤmtern — erfolgte zum Theil noch im Laufe des J. 1342, zum Theil erſt im folgenden. Die Namen von Gebietigern, wie fie Leo p. 148 und ſelbſt De Wall. c. anführen, z. B. Berenger von Eybach als Großkomthur, Otto von Lawingen als Spittler u. ſ. w. ſind offenbar aus Simon Grunau Tr. XII. c. VI. entnommen und faſt ohne Ausnahme erdichtet, wie urkunden erweiſen. Der in den bisherigen Gebietiger⸗Liſten unbekannt geblie⸗ bene Marſchall Hako nahm das Amt im Octbr. 1339 an, wo es Hein⸗ rich Duſemer von Arffberg niederlegte, woruͤber Urkunden den Beweis geben. 2) Dieß war, wie aus der Urkunde im geh. Arch. Schiebl. 60 Nr. 36 erhellt, eine der wichtigſten urſachen der Verzögerung des Friedens; es heißt: Mortuo domino Wladislao inter dium Kazymi- rum Regem Polonie et suos heredes et successores ex una et inter dium Magistrum et fratres suos parte ex altera ordinacio pacis et concordie per amicabiles compositores sollempniter intervenit, quod inter cetera contenta in illa ordinacione idem düus Rex Kazymi- rus debebat a serenissimo principe diio Rege Ungarie et a suis he- redibus necnon a domina magnifica Regina sua litteras et instru- menta renunciacionis perpetue super terris Pomeranie, Culmensi et Michalovie finaliter procurasse et dictis düo Magistro et fratribus presentasse; sed quia hoc non perfecit, ideirco illa ordinacio pacis et concordie pendebat pluribus annis sine fine; fo erklärt ſich, was De Wal I. c. in der Sache unerklärlich findet. 1 *
Scanseite 18 · Druckseite 4
4 Ludolf König von Weizau Hochmeiſter (1342). ſter das erſte Jahr feiner Regentſchaft faſt ausſchließlich nur der innern Landesverwaltung und der Sorge fuͤr das Wohl der Unterthanen. Er durchreiſte das ganze Land bis an die Graͤnze Galindiens, lernte überall ſelbſt die Wuͤnſche und Be: duͤrfniſſe des Landmannes kennen, ſtellte eine große Zahl von laͤndlichen Verſchreibungen aus, beſonders auch fuͤr Stamm⸗ preuſſen mit Preuſſiſchem Rechte und ſuchte den beſſeren An⸗ bau des Landes auf alle Weiſe zu foͤrdern ). Auch die Staͤdte und Kloͤſter erfreuten ſich mancher Beweiſe ſeiner landesvaͤter⸗ lichen Sorgfalt; ſo beguͤnſtigte er den Handel der Stadt Thorn durch Erweiterung und Vermehrung ihrer ſtaͤdtiſchen Handels⸗ gebaͤude, denn der groͤßte Theil der Kaufwaaren wurde da⸗ mals, wie auch in Deutſchen Städten noch herkoͤmmlich war ?), in öffentlichen Lagerhaͤuſern feil geboten und es bedurften die Handelsſtaͤdte in Preuſſen ſolcher Kaufhaͤuſer, mit Kramlaͤden und Buden umgeben, zur ſicheren Niederlage der Waaren noch um ſo mehr, als die Wohnhaͤuſer im Ganzen ſchlecht verwahrt und gegen die Raubſucht der Zeit keineswegs noch ſicher genug waren Fuͤr dieſen Zweck größerer Sicherheit geſchah es auch ohne Zweifel, daß bald nachher Danzig, die rechte Stadt, in der von dieſer Zeit an eine neue Bluͤthe ihres Handels ſowohl mit Polen als mit den Hanſeatiſchen Seeſtaͤdten begann ), auf des Meiſters Anordnung ungleich ſtaͤrker befeftigt ward 7). Sie erhielt nun auch ihre herrliche S. Marien-Kirche, eine 1) Die Beweiſe hievon in den verſchiedenen Verſchreibungsbuͤchern im geh. Arch. 2) Kirchner Geſchichte der Stadt Frankfurt B. I. S. 240. Huͤllmann Stäͤdteweſen des MU. B. I. S. 295; in Beziehung auf Thorn ſ. Preuſſ. Samml. B. II. S. 246, 247. Die Nachricht im Erlaͤut. Preuſſ. B. II. S. 767 und bei Henneberger p. 455, daß im J. 1343 ein grauer Moͤnch zu Thorn die erſte Orgel in Preuſſen mit 22 Pfeifen erbaut und das Werk fuͤr ein großes Wunder gegolten haben ſoll, iſt aus Simon Grunau Tr. XII. c. XII. und ſomit ſehr verdaͤchtig. 8) Schütz p. 71. 4) Schütz I. c. Werdenhagen de rebus publ. Hansent. P. III. c. 24, p. 344.
Scanseite 19 · Druckseite 5
Ludolf König von Weizau Hochmeiſter (1342). 5 der merkwürdigſten im ganzen Norden, denn unter dieſem Hochmeiſter ſoll der großartige Bau wenigſtens begonnen wor⸗ den ſeyn ). Das nahe Kloſter Oliva nahm Ludolf König nicht bloß in ſeinen beſondern Schutz und beſtaͤtigte ihm alle ſeine Vorrechte und Freiheiten, namentlich in Beziehung auf Bernſteinfiſcherei, Heringsfang, Strandrecht u. ſ. w. 2), ſon⸗ dern er brachte auch den Vertrag in Ausfuͤhrung, welchen Dieterich von Altenburg im letzten Jahre ſeines Lebens mit dem Kloſter geſchloſſen hatte »). Ebenſo glich er einen Streit mit dem Kloſter Pelplin uͤber Graͤnzirrungen zwiſchen den Klo⸗ ſterguͤtern und den Komthurbezirken von Engelsberg und Mewe aus und beugte durch die genauſten Beſtimmungen allen kuͤnf⸗ tigen Zwiſtigkeiten vor“). Auch die mit dem Nonnenkloſter Sarnowitz ſeit den letzten Jahren obwaltenden Streitigkeiten uͤber ſeine Graͤnzen beſeitigte der neue Meiſter und beſtaͤtigte ihm alle von den Pommeriſchen Fuͤrſten je ertheilten Freihei⸗ ten, Rechte und Beguͤnſtigungen ). Mittlerweile erfolgte vom paͤpſtlichen Hofe ein neues Frie⸗ denswort. Clemens der Sechſte ermahnte die drei Bifchöfe von Meißen, Krakau und Kulm aufs neue, das ihnen von 1) Gralath Verſuch einer Geſchichte Danzigs B. I. S. 78. Ed⸗ ſchin Geſchichte Danzigs B. I. S. 80. De Wal T. III. p. 279 nennt die Marienkirche zu Danzig mit Recht un des edifices les plus remarquables du nord. 2) Urkunde dat.: Marienburg in vigilia omnium Sanctor. an. 1342 in einer alten Copie im geh. Arch. Schiebl. 50. Nr. 57. und im Liber Kyriand. p. 342. Die Urkunde ift für die Geſchichte und den Guͤterbeſiz des Kloſters von großer Wichtigkeit. 8) S. B. IV. S. 581. Die urkunde des Hochmeiſters Ludolf König, dat.: Marienb. in vigilia ommium Sanctor. an. 1342 im geh. Arch. Schiebl. LVI. Nr. 26, die des Abts von Oliva Schiebl. L. Nr. 58. Vgl. Preuſſ. Samml. B. III. S. 92. Das Nähere hierüber gehoͤrt der Geſchichte des Kloſters an. 4) Originalurkunde des Hochmeiſters, dat: Marienb. die Sy- mon. et Jude an. 1342 im geh. Arch. Schiebl. LIX. Nr. 24, die des Abts von Pelplin Schiebl. 50. Nr. 78. 5) Originalurkunde des Hochmeiſters, dat.: Marienb. in vigilia omn. Sanctor. an. 1342 im geh. Arch. Schiebl. 50. Nr. 20.
Scanseite 20 · Druckseite 6
6 Verhandlungen zum Frieden mit Polen (1343). feinem Vorgänger aufgetragene Friedenswerk mit allem Eifer zu beſchleunigen, um den Gefahren, die aus ſolcher fortdauern⸗ den Zwietracht dem Glauben und der Kirche droheten, bei Zeiten zu begegnen, und er wiederholte dieſe Ermahnung an die beiden zuletzt genannten Biſchoͤfe noch einmal im Mai des naͤchſten Jahres 1343 mit ausdruͤcklicher Hinweiſung auf ſei⸗ nes Vorgaͤngers Beſtimmungen, auf welche der Friede fuͤr die Dauer begründet werden ſollte !). Er unterließ auch nicht, in einem beſondern Ermahnungsſchreiben die Ordensgebietiger ſelbſt mit ſeinem ſehnlichſten Wunſche bekannt zu machen und ſie aufs nachdruͤcklichſte an friedfertige Geſinnungen zu erin⸗ nern :). Und die ernſtvollen Worte, mit welchen er vorzuͤg⸗ lich in jener wiederholten Ermahnung den beiden Praͤlaten das Friedensgeſchaͤft als eine Pflicht und Gewiſſensſache der Kirche ans Herz legte, hatten gluͤckliche Folgen, denn eben waren die Beſorgniſſe eines neuen Krieges mit Polen wieder erwacht, indem der Koͤnig Kaſimir, in deſſen Reich auch kriegeriſche Un⸗ ruhen von Oſten her droheten, bei der Vermaͤhlung ſeiner Toch⸗ ter Eliſabeth mit Herzog Boguslav von Stettin im Falle ei⸗ nes neuen Krieges gegen den Orden ſich der thätigen Beihüͤlfe 1) Wir haben zwei Bullen von Clemens VI. in dieſer Sache, die erſte mit dem Datum: Apud Villam novam Avinionens. Dioces. II. Non. Augusti p. n. a. primo (4. Auguſt 1342) in Regest. litter. commu- nium Clement. VI. an. I. ep. 1797. p. 383, im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 394, bei Dogiel T. IV. Nr. LXI. p. 66; die zweite da⸗ tirt: Avinion. III. Non. Maji p. n. a. primo (5. Mai 1343) in Re- gest. litter. commun. Clement. VI. an. I. ep. 399 p. 270, im Co⸗ pienb. des geh. Arch. Nr. 392, auch in einer alten Abſchrift im ſ. g. Codex Olivens. im geh. Staatsarchiv zu Berlin I. c. 13. p. CLV. Im Inhalte ſtimmen beide ziemlich überein; nur in der Form weichen fie von einander ab; auch iſt die letztere nur an die beiden Biſchöͤfe von Kulm und Krakau gerichtet. Vgl. Raynald annal. eccles. an. 1343. Nr. 39, De Wal T. III. p. 254. 2) Das Schreiben des Papſtes an dieſe, datirt: Apnd Villam no- vam Avinion. Dioc. II. Non. Aug. p. n. a. primo in Regest litter. commun. Clement. VI. an. I. epist. 1796. p. 388, im Copienb. des geh. Arch. Nr. 393.
Scanseite 21 · Druckseite 7
Verhandlungen zum Frieden mit Polen (1343). 7 dieſes Fürſten hatte verſichern und das Verſprechen geben laſ⸗ fen, kraͤftig dafür zu ſorgen, daß niemand durch des Herzogs Gebiet aus Deutſchland den Ordensherren Zuzug leiſten ſolle 1). Dieſe neue duͤſtere Wolke verſcheuchte das mahnende Wort des Papſtes. Der Orden und ſein Meiſter, laͤngſt zur fried⸗ lichen Ausgleichung mit Polen uͤber den langwierigen Streit geneigt, mußten den Friedensſchluß jetzt um ſo dringender wuͤn⸗ ſchen, als nicht nur jenes Huͤlfsbuͤndniß des Koͤniges mit dem Herzoge von Vorpommern im Weſten den Ordenslanden dro⸗ hend daſtand, ſondern auch in Livland und Litthauen gerade in dieſer Zeit, wie ſich bald zeigen wird, Verhaͤltniſſe obwal⸗ teten, die alle Thaͤtigkeit und den aufmerkſamſten Blick des Ordens dorthin zogen. Nicht minder gerne bot der Koͤnig von Polen die Hand zum Frieden, denn von jeher mehr den Ge⸗ nuͤſſen friedlicher Zeiten hingegeben als zum Kriege geneigt :), über ein Reich gebietend, deſſen Schatz faſt gänzlich erfchöpft, deſſen Geſetze kaum noch in einiger Achtung, deſſen Wohlfahrt ſchon laͤngſt tief untergraben und deſſen ganze innere Verfaſ⸗ fung aufs ſchrecklichſte erfchüttert war, welches alſo nichts noth⸗ wendiger als Ruhe und Friede zu ſeiner Erholung und Er⸗ kraͤftigung bedurfte), dabei immer ein folgfamer Sohn des Papſtes und der Kirche, deren Gunſt und Gnadenmittel ihm bei ſeinem ausſchweifenden Leben“) wohl doppelt erwuͤnſcht ſeyn mußten, uͤberdieß jetzt von feindlichen Nachbarn im Oſten, von Ruſſen und Tataren bedroht und nach Gedimins, ſeines Schwiegervaters, Tod auch gegen Litthauen nicht mehr ſicher ), 1) Der Vertrag bei Dogiel T. I. p. 568. Nr. 1., dat.: Posna- niae in die Mathiae Apost. (24. Febr.) 1343. Eigentlich ſchloſſen die⸗ ſes Buͤndniß mit dem Könige die drei Brüder Boguslav, Barnim und Warcislav, Herzoge von Vorpommern. 2) Dlugoss. L. IX. p. 1030. 1066. 3) Wie der König ſelbſt in der Friedensurkunde bei Dag iel T. IV. LXII. p. 68 erklärt. 4) über das liederliche Leben des Königes, der es nicht einmal verſchmähte, feine illecebras carnales durch eine ſchoͤne Sübin zu be⸗ friedigen, ſpricht ſich Diugoss. p. 1088 und 1110 ſtark genug aus. 5) Dlugots. p. 1066. Vgl. Karamſin B. IV. S. 209.
Scanseite 22 · Druckseite 8
8 Verhandlungen zum Frieden mit Polen (1343). — fo konnte Kaſimir des Krieges Erneuerung wohl unmöoͤg⸗ lich wuͤnſchen. Alſo fand Johannes Grotho, der Biſchof von Krakau, bei ſeinem Koͤnige nicht minder, als der Biſchof Otto von Kulm beim Hochmeiſter und im Orden friedfertige Geſin⸗ nungen. Die Verhandlungen wurden eingeleitet; die Stadt Kaliſch ward zum Verſammlungsorte beſtimmt und in den er⸗ ſten Tagen des Juli 1343 erſchienen dort der Koͤnig in zahl⸗ reichem Geleite von geiſtlichen und weltlichen Großen ſeines Reiches und der Herzog Boguslav von Stettin mit feinem Ge⸗ folge. Der Hochmeiſter nebſt den vornehmſten feiner Gebietiger begab ſich, wie es ſcheint, auf das Haus Morin in Cujavien 1), um von da aus das Friedenswerk zu leiten. So nothwendig es aber ihm und ſeinen Gebietigern ſchien, nach den Erfah⸗ rungen der Zeit und unter den Verhaͤltniſſen des Koͤniges zu den Großen ſeines Reiches beim Abſchluſſe des Friedens mit aller Vorſicht, Behutſamkeit und Überlegung zu Werke zu ge⸗ hen, ſo wenig mochten doch weitlaͤuftige Verhandlungen dazu noch erforderlich ſeyn, denn ſeit Jahren war ja in der Streik⸗ ſache ſo viel unterſucht, geſprochen und berathen worden und man hatte die gegenſeitigen Anſpruͤche und Forderungen ſchon oft ſo beſtimmt und ſcharf hingeſtellt, daß jeder aufs genauſte wußte, was der andere wollte. Der Koͤnig hatte auch eidlich bekraͤftigt, es ſey nicht ſeine Schuld, daß der Koͤnig von Un⸗ gern die verlangten Verzichtbriefe noch nicht ausgeſtellt habe, obgleich er alle Muͤhe angewendet, ſolche zu erhalten 2). Als ihm daher der Hochmeiſter die entworfenen Friedensbedingun⸗ gen uͤberſandte, antwortete er: er ſey bereit ſie anzunehmen und zu erfüllen ?). Sofort ſtellte zuerſt am ſechſten Juli der Her⸗ J) In Morin finden wir wenigſtens den Meiſter bald nachher bei der Auswechſelung der Friedensinſtrumente. 2) Darüber heißt es in der Urkunde (Schiebl. 60. Nr. 36): Do- minus Kazymirus Rex juravit, quod laborans fideliter pro illis non potuit nec potest hodie illas litteras renunciacionis de Ungaria im- petrare. 3) Nach Dlugoss. p. 1066 ſcheint der Hochmeiſter dem Könige die Friedensbedingungen vorgeſchrieben zu haben; vgl. De Wal T. III. p- 255— 256,
Scanseite 23 · Druckseite 9
Friedensſchluß mit Polen (1343). 9 zog Boguslav von Stettin das urkundliche Verſprechen aus, daß er dem Koͤnige, ſeinem Schwiegervater, im Falle dieſer den Frieden mit dem Orden wieder brechen oder in irgend ei⸗ ner Weiſe verletzen werde, auf keine Art Hülfe leiſten, viel⸗ mehr ſtets alles anwenden wolle, den Koͤnig bei friedlichen Geſinnungen zu erhalten!). Wenige Tage darauf, am achten Juli, erfolgte auch das koͤnigliche Friedenswort ſelbſt, denn Kaſimir entſagte nicht nur den früher behaupteten Anſpruͤchen auf das Kulmerland, auf das Haus Neſſau und die beiden Hoͤfe Orlow und Morin im Cujavierlande und beſtaͤtigte dem Orden deren Beſitz, ſondern er verzichtete auch auf alle Rechte und Anforderungen auf das Land Michelau und auf Pom⸗ mern fuͤr ſich und alle ſeine Nachfolger, ſowie fuͤr ſeine Ge⸗ mahlin die Koͤnigin Adelheid, mit der Erklaͤrung, daß er den Titel eines Herzogs von Pommern weder in Siegeln, noch in Schriften jemals wieder annehmen und gebrauchen wolle 2). Dieſe Entſagung von Seiten des Koͤniges allein genuͤgte jedoch dem vorſichtigen Ordensmeiſter noch keineswegs. Er mußte ferner nicht nur auch verſprechen, vom Koͤnige von Ungern, ſeinem muthmaßlichen Nachfolger auf dem Throne, und deſſen Ge⸗ mahlin Verzichtbriefe uͤber ihre Anſpruͤche auf die erwaͤhnten Länder fir den Orden beizubringen ), ſondern ſich auch ver⸗ 1) Originalurkunde, dat.: Kaliz a. d. 1343 feria sexta ante diem S. Margarete virg. im geh. Arch. Schiebl. 50. Nr. 155 fie iſt die erſte unter den noch vorhandenen Friedensurkunden. 2) Originalurk., dat.: Kalis in die b. Kiliani et socior. a. d. 1343 Schiebl. 74. Nr. 5, gedruckt bei Dogiel T. IV. Nr. LXII. p. 68 und Acta Boruss. B. III. S. 553, wo jedoch in beiden ſtatt Kiliani — Christiani ſteht und der Name der Curia Morin in Ogorin verdorben iſt; Hennig bei Lucas David B. VI. S. 144 hat beide Fehler wieder nachgeſchrieben, ebenſo Baczko B. II. S. 143. Ein ſchlechter Abdruck der Urk. in den Preuſſ. Samml. B. III. S. 292. Vgl De Wal T. III. p. 257239. 3) Preuſſ. Samml. B. III. S. 301, wo aber ſtatt Karolo Rege Ungarie — Ludovico R. U. ſtehen müßte, wenn die Urkunde aus die⸗ ſer Zeit iſt, denn ſie iſt hier ohne das Datum gedruckt; ſie ſcheint ein früherer Entwurf zu ſeyn.
Scanseite 24 · Druckseite 10
10 Friedensſchluß mit Polen (1343). pflichten, den Orden in ſeinem Rechte zu vertreten und nach allen Kraͤften frei und ſicher zu ſtellen, ſofern jemals Koͤnig Ludwig von Ungern, deſſen Gemahlin Eliſabeth oder deren Erben wegen eines der genannten Laͤnder und Gebiete gegen den Orden Anforderungen erheben, ihn vor Gericht belangen oder mit Gewalt und wehrhafter Hand bedraͤngen wollten !). Er mußte außerdem feierlich geloben, den Heiden gegen den Orden nie wieder weder in Rath noch That zu Huͤlfe zu ſte⸗ hen 2), zugleich auch des Meiſters Verlangen erfüllen, alle ge⸗ fangenen Ordens⸗Unterthanen in ſeinem Reiche frei zu geben und ſeinen Unterthanen zu gebieten, dieſelben ungehindert und ſicher ins Ordensgebiet ziehen zu laſſen, auch allen denen, welche im Laufe des Krieges aus ſeinem Lande in des Ordens Ge⸗ biet gefluͤchtet oder dieſem mit Treue ergeben geweſen ſeyen, nicht bloß Verzeihung, ſondern auch die Freiheit zu bewilligen, auf ihre Güter zuruͤckzukehren und dieſe frank und frei zu ver⸗ kaufen, ſofern fie wollten). Endlich mußte der König noch verſprechen, von den Staͤnden ſeines Reiches, geiſtlichen und weltlichen, Verzichtleiſtungen auf alle Anforderungen wegen des vom Orden waͤhrend des Krieges verurſachten Schadens oder ſonſtiger Unbill auszuwirken und den Orden auch in dieſer Hin⸗ ſicht gegen alle etwanigen Anſpruͤche zu vertreten *). 1) Die Urk., dat.: Kalis in die b. Kiliani et socior. an. d. 1343 Schiebl. 60. Nr. 44, bei Dogiel T. IV. Nr. LXIII. p. 69. Acta Boruss. B. III. S. 558; vgl. De Wal T. III. p. 260. 2) Die Urk. von demſelben Datum Schiebl. 60. Nr. 13 und 43, auch im Foliant. G. und F. p. 53. Der König erklärt, er leiſte die⸗ ſes Verſprechen, den Heiden nicht ferner beizuſtehen, ob reverenciam venerabilis in christo patris et domini Jaroslai divina providentia Sancte Gneznensis ecclesie Archiepiscopi. In den Preuſſ. Samml. B. III. S. 305 lautet die urkunde etwas anders; es geht auch aus ihr hervor, daß alle hier abgedruckten Urkunden nur frühere Entwürfe und deshalb auch ohne Datum find. 3) Beide Urkunden vom naͤmlichen Datum im Fol. F. p. 54—55. im geh. Arch. und in Preuſſ. Samml. B. III. ©. 302303. 4) Preuſſ. Samml. B. III. S. 299. Die Urkunde des Erzbi⸗ ſchofs von Gneſen und der Biſchöͤfe von Leslau, Poſen und Mloczk
Scanseite 25 · Druckseite 11
Friedensſchluß mit Polen (1343). 11 Erwog indeſſen der Meiſter, wie wenig des Königes Wort ohne die Zuſtimmung der Stände galt, wie entſchieden des Lan⸗ des Magnaten dem Frieden mit dem Orden im Wege geſtan⸗ den und wie ohnmaͤchtig ſchon früher Kaſimirs friedlicher Wille gegen den ſtarren Trotz der mächtigen Barone und Biſchoͤfe geweſen war, fo konnten ihm ſelbſt dieſe Erbietungen und Zu⸗ ſagen des Koͤniges noch keineswegs genügend ſcheinen. So klug als vorſichtig verlangte er alſo auch von dieſer Seite die ſicherſte Buͤrgſchaft für die Aufrechthaltung des Friedens. Die Herzoge von Maſovien, Semovit Herr von Wisna, Semo⸗ vit Herr von Czirna und Boleslav Herr von Ploczko entſag⸗ ten allen ihren Rechten auf Pommern, Kulmerland und Mi⸗ chelau und den Frieden mit beſtaͤtigend verſprachen ſie feierlich, dem Koͤnige bei etwaniger Verletzung des Friedens in keiner Weiſe beizuſtehen, vielmehr jeder Zeit mit aller Kraft dahin zu wirken, daß die Eintracht fortbeſtehe ). Ebenfo erklärten ſich die Herzoge Kaſimir von Gnievkow und Ladislav von Lancicz und Dobrin 2). Auch die weltlichen Staͤnde des Rei⸗ hierüber Schiebl. 75. Nr. 23 und 13, und in Abſchrift im Cod. Oliv. p. CLXIII. im geh. Staatsarchiv zu Berlin. 1) urk. dat.: in Rawa die s. Margarethe a. d. 1343 in mehren Transſumten in Schiebl. 57. Nr. 17, 18, 19, 26. Schiebl. 58. Nr. 16; in Abſchrift im Cod. Oliv. p. CLIX. 2) Urk. dat.: Lancicie die b. Margarethe virg. an. d. 1343 in mehren Transſumten in Schiebl. 50. Nr. 85. Schiebl. 58. Nr. 18. 19, in Abſchrift im Cod. Oliv. p. CLVIII., ſehr fehlerhaft in Preuff. Samml. B. III. S. 737. Die Gemahlin des Herzogs Ladislav wird hier Anna Lancicie et Dobrinen. terrarum Ducissa genannt. über dieſe Verzichtbriefe heißt es in der Urkunde Schiebl. 60. Nr. 36: Sed ad hoc, quod illa compositio amicabilis, que tam sollempniter facta fuit, finem et processum consequi valeat adoptatum, secundum pre- concepta et preordinata in recompensam illius renunciationis Unga- rie et pacis et concordie perpetue consistentia ampliori, ipse domi- nus Rex procuravit et fecit fieri per inclitos Principes dominos Du- ces Mazovie omnes necnon de Dobrin ac de Cuyavia, qui verisimi- liter possent et deberent, si sine liberis successuris decederet, quod absit, in Regno succedere eidem, renunciationem eandem quam ip- semet fecit pro se et suis heredibus etc.
Scanseite 26 · Druckseite 12
12 Friedensſchluß mit Polen (1343). ches, Woiwoden und Caſtellane bezeugten, daß ſie niemandem, ſelbſt ihrem Koͤnige nicht, irgend Beiſtand leiſten wuͤrden, wenn er wider den Orden in Betreff der erwaͤhnten Lande den Krieg wieder erneuern wolle ), und eine gleiche Buͤrgſchaft für den Frieden ſtellten dem Orden auch die Staͤdte Poſen, Kaliſch, Leſlau, Brzesk, Krakau, Sendomir und Sandez aus, verſpre⸗ chend, daß ſie jeder Zeit alles aufbieten wuͤrden, den Orden im ruhigen Beſitze der genannten Lande zu erhalten 2). Sei⸗ ner Seits endlich verzichtete der Hochmeiſter nebſt ſeinen ober⸗ ſten Gebietigern auf die bisher noch beſetzt gehaltenen Lande Cu⸗ javien und Dobrin und raͤumte ſie, ſoweit ſie durch Waffen⸗ gewalt vom Orden waren erobert worden, dem Koͤnige wieder ein ). Nun erſchien am dreiundzwanzigſten Juli bei dem Dorfe Wirbitzino zwiſchen Neu = Leflau und Morin, wo auf einer Wieſe zwei praͤchtige Zelte fuͤr den Koͤnig und den Hochmei⸗ ſter aufgeſchlagen waren, vor dem letztern zuerſt der Erzbiſchof Jaroslav von Gneſen zur Auswechſelung der Friedensurkun⸗ den, mit dem Erbieten, daß er in des Koͤniges Namen alles verbeſſern und ergaͤnzen werde, was der Meiſter im Inhalte 1) Die Urk., dat.: Cracovie in die division. Apostol. a. d. 1543 und eine andere dat.: Kalis in die b. Kiliani et socior. a. 1343 in mehren Transſumten im geh. Arch. Schiebl. 60. Nr. 28—29: Ab⸗ ſchrift im Cod. Oliv. p. CLXI.; Dogiel T. IV. Nr. 65. p. 70. Die Woiwoden und Caſtellane find in den Urkunden alle namentlich auf⸗ gefuͤhrt. 2) Die Urkunden hieruͤber datirt wie die vorigen in mehren Trans⸗ ſumten Schiebl. 60. Nr. 30 — 85 und in Abſchrift im Cod. Oliv. p. CLXII. Preuſſ. Samml. B. III. S. 742. Diugoss. p. 1067. Die ſaͤmmtlichen bisher erwähnten Urkunden findet man auch in ſehr alten Abſchriften im Fol. C. p. 116-119 im geh. Arch. 3) Es iſt auffallend, daß wir von dieſer Zuruͤckgabe der beiden erwähnten Länder, wozu noch die Burg Bromberg kam, nur durch die chroniſtiſchen Berichte bei Dusb. supplem. c. 22, Dlug oss. p. 1067, Schütz p. 71 u. a. belehrt werden und daß in allen erwähnten zahl: reichen Urkunden, ſelbſt in der eigentlichen Friedensurkunde des Koͤni⸗ ges mit keiner Silbe die Rede davon iſt. Vgl. De Wal T. III. p. 256.
Scanseite 27 · Druckseite 13
Friedensſchluß mit Polen (1343). 13 oder in den Siegeln noch verändert wuͤnſche ). Nachdem be⸗ grüßten ſich der Koͤnig und der Hochmeiſter in einer perſoͤn⸗ lichen Zuſammenkunft mit zahlreichem Gefolge; der Erzbiſchof von Gneſen trat vor ihnen auf, verkuͤndigte feierlich und öf- fentlich den vollendeten Friedensſchluß, trug der Verſammlung den geſammten Inhalt der Friedensbedingungen vor und be⸗ theuerte es nochmals vor aller Gegenwart, daß ſein Herr, der Koͤnig, alles aufbieten werde, bei dem Koͤnige von Ungern die laͤngſt erbetenen Verzichtbriefe auf Pommern, Kulmerland und Michelau auszuwirken. Die beiden Fuͤrſten verbuͤrgten ſich durch Auswechſelung der Hauptfriedensbriefe und durch den Friedens⸗ kuß gegenſeitige Freundſchaft und nachdem der Koͤnig den Frie⸗ den auf die Krone ſeines Hauptes, der Meiſter durch Beruͤh⸗ rung ſeines Ordenskreuzes feierlichſt beſchworen ?), ward man noch einig, von Seiten des Koͤniges und des Ordens durch eine Geſandtſchaft dem Papſte die Friedensbriefe zur Beſtaͤti⸗ gung zuzuſenden, weshalb ſowohl die gegenwaͤrtigen Polniſchen Praͤlaten als die Biſchoͤfe von Kulm, Pomeſanien und Erm⸗ land die Erklaͤrung ausſtellten, daß ſie der Friedensverhand⸗ 1) Es heißt in der nachbemerkten Urkunde: Termino constituto venerabilis pater dominus Jarozlaus sacre Gneznen. Ecclesie Ar- chiepiscopus litteras et instrumenta preconcepta et preordinata ad hunc finem eidem donino Magistro et suis sub tentorio suo per- spicienda et examinanda presentavit de parte Regali, promittens cercius omnem defectum tam in tenore quam in sigillis corrigere ad omnem voluntatem dicti domini Magistri et supplere; Littere quo- que et instrumenta de parte Magistri et fratrum correspondentes sub forma reversa sibi e converso similiter fuerunt presentate. 2) Wir haben über den Vorgang dieſes Friedensſchluſſes ein No⸗ tariatsinſtrument im geh. Arch. Schiebl. 60. Nr. 36, woraus hervor⸗ geht, daß die Zuſammenkunft erfolgte inter Morin prope Wirbitzhino in graminibus et Juvenem Wladislaviam, d. h. bei dem jetzigen Dorfe Wierzbiezanow zwiſchen Inowraclaw und Murſinno, alſo nicht „auf einer ſchoͤnen Wieſe zwiſchen Brzeſk und Wladislav“ wie Hen ne⸗ berger p. 287 dem Simon Grun au Tr. XII. c. II. nachſchreibt. Als Zeugen werden dabei erwähnt die Biſchdfe Matthias von Leſlau, Johannes von Poſen, Clemens von Ploczk, Otto von Kulm, Ber⸗ thold von Pomefanien und Hermann von Ermland.
Scanseite 28 · Druckseite 14
14 Friedensſchluß mit Polen (1343). lung perſoͤnlich beigewohnt und es ſelbſt vernommen hätten, wie der Koͤnig mit koͤrperlichem Eide fuͤr ſich und alle ſeine Nachfolger auf Pommern, Kulmerland und Michelau fuͤr ewige Zeiten Verzicht geleiſtet!). Endlich entſagten nach dem Bei⸗ ſpiele der Polniſchen Biſchoͤfe und Kloͤſter auch der Biſchof Otto von Kulm nebſt ſeinem Kapitel und mehre Kloͤſter in Preuſ⸗ ſen und Pommern allem Erſatze des ihnen im Kriege zuge⸗ fügten Schadens und Verluſtes ?) und fo war nun das Fries denswerk, ein Werk, an welchem viele Jahre mit ſo unendli⸗ cher Mühe umſonſt gearbeitet worden, mit dem glüdlichften 1) Die urkundliche Erklaͤrung der Polniſchen Biſchoͤfe, dat. in Juveni Wladislavia in crastino b. Marie Magdal. a. d. 1343 im geh. Arch. Schiebl. 75. Nr. 23 und ein Zransfumt davon vom J. 1421 Schiebl. 60. Nr. 39; in Abſchrift im kleinen päpftlichen Privilegienbuche, gedruckt in Actis Boruss. B. III. S. 559 und bei Dogiel Tr. IV. Nr. 64. p. 70; die der Preuſſiſchen Bifchöfe, dat.: uff dem hueſe Morin X. Calend. August. 1343 im Fol. F. p. 58, wo es heißt: die Biſchoͤfe ſeyen gegenwärtig geweſen, „mit einer unczelicher Veelkeit an⸗ der fuͤrſten, Prelaten und edelinge und taten von beiden ſeyten eide und kuͤſſe des ſredes.“ Die Angabe bei Diugoss. L. IX. p. 1066 — 1067 (wo überhaupt Über den Frieden ſehr parteüſch geſprochen wird), daß der Erzbiſchof von Gneſen und mehre andere Polniſche Bilchöfe, namentlich die von Leſlau, Poſen und Ploczk, dem Friedensſchluſſe nicht beigeſtimmt hätten und ihm vielmehr entgegen geweſen ſeyen, iſt ſchon von De Wal T. III. p. 264 widerlegt und fuͤr ungegruͤndet erklart worden. Es wird aber uͤberdieß in ſpaͤtern Erörterungen über dieſen Frieden der Zuſtimmung ſaͤmmtlicher Praͤlaten auch ausdruͤcklich er⸗ waͤhnt, indem es z. B. im Fol. C. p. 210 in Beziehung auf dieſen Frieden heißt: quod dietam concordiam omnes prelati, Duces, pro- ceres, Civitates, Abbates et ceteri magnates tocins Regni Polonie approbarunt et confirmarunt, und p. 242 gefagt wird, daß auf die mehrerwaͤhnten Laͤnder non solnm Rex, sed totum Regnnm rennncia- vit und daß darin auch eingeſtimmt hätten omnes Prelati, Barones, Duces, Nobiles et civitatum et opidornm universitates. Vgl. auch Lucas David B. VI. S. 145. Kantzow Pomerania B. I. S. 352. 2) Dogiel T. IV. Nr. 66. p. 70. urkunde im geh. Arch. Schiebl. XX. Nr. 5; eine gleiche Urk. der Poln. Klöfter Schiebl. 75. Nr. 12.
Scanseite 29 · Druckseite 15
Friedensſchluß mit Polen (1343). 15 Erfolg fur den Orden vollendet). Es blieb nur noch uͤbrig, gewiſſe Graͤnzſtreitigkeiten zu beſeitigen, die bisher zwiſchen dem Orden und den Herzogen Semovit und Boleslav von Maſovien obgewaltet, und auch dieſes geſchah noch im Verlaufe dieſes Jahres auf dem Ordenshauſe Brathean, wo ſich die bei⸗ den Herzoge bei dem Hochmeiſter einfanden 2). So ſehr indeſſen dieſe wichtigen Verhandlungen des Mei⸗ ſters Thaͤtigkeit in Anſpruch genommen, ſo beſchaͤftigte ihn doch daneben auch fort und fort die Sorge fuͤr die Cultur des Lan⸗ des und die Anordnung verſchiedener ſtaͤdtiſcher Verhaͤltniſſe. So erfüllte er gerne die Bitte der Stadt Elbing um Erthei⸗ lung des Appellationsrechtes nach Luͤbeck in ihren ſtaͤdtiſchen Streithaͤndeln, mit der Beſtimmung, daß jeder, der mit dem ihm vom Rathe und Gerichte geſprochenen Urtheile unzufrie⸗ den ſich um beſſere Rechtsentſcheidung nach Luͤbeck berufen wolle, zuvor in Elbing vierzig Mark verbuͤrgen oder verpfaͤnden muͤſſe, welche im Falle, daß das Urtheil fuͤr ihn dort guͤnſtiger ſey, ihm zufallen, im Gegentheil aber zur Haͤlfte dem Hauſe zu Elbing und zur andern der Stadt zukommen ſollten. Indeſ⸗ ſen geſchah dieſe Ertheilung des Berufungsrechtes nach Luͤbeck vorerſt nur auf ein Jahr, um zu pruͤfen, ob dieſe Anordnung fir die Stadt von heilſamer Folge ſeyn werde). 1) Die Nachricht, daß der Koͤnig den Hochmeiſter nach Thorn be⸗ gleitet haben und von dieſem fuͤnf Tage lang feſtlich bewirthet worden ſeyn ſoll, iſt von Henneberger p. 287 aus Simon Grunau ent⸗ nommen und alfo unzuverläffig, da ſonſt niemand etwas davon weiß. 2) Die beiden Urkunden hierüber, dat.: in cnria Brathian sabato proximo ante diem Martini Episcopi Schiebl. 57. Nr. 16 und 39, im Cod. Oliv. p. CLXXI., in einer alten Abſchrift im Privilegienb. des Stiftes Samland p. 41. Die vom Hochmeiſter ausgeſtellte Urk. bei Dogiel T. IV. p. 107. 3) Die Urkunde, dat.: uf dem huſe zum Elbinge am tage Petri und Pauli der heil. Zwölfboten 1343 befindet ſich im Stadtarchiv zu Elbing. Sie enthält noch einige nähere Beſtimmungen. So heißt es 8. B.: Vorbas ſal man beſchriben clage und antworte mit mitwiſſen und mit bekenntniſſe des Huscomthurs und gerichtis und Ratis an die von Lubeck. Duch ſal der Brief befloffen fin und vorſigilt beyde mit
Scanseite 30 · Druckseite 16
16 Verhaͤltniſſe in Litthauen und Eſthland (1343). Mittlerweile zogen wichtige Ereigniſſe in Litthauen und Eſthland des Meiſters Augenmerk nach Oſten hin. Seit Ge⸗ dimins, des Großfuͤrſten Tod war in dem erſtern Lande eine bedeutende Veränderung der Verhaͤltniſſe eingetreten, die auch auf Preuſſens nachfolgende Schickſale nicht ohne großen Ein⸗ fluß blieb. Nach Gedimins Anordnung war ſein Reich unter ſeine ſieben Soͤhne dergeſtalt getheilt worden, daß Jawnut, der aͤlteſte von ihnen, die Hauptſtadt Wilna nebſt Wilkomierz, das nördliche Braslav und Oſchmjana, der zweite Sohn Olgjerd die Herrſchaft über Witepſk und uber die Gebiete von Krewen oder Krewy an bis zur Berezina, der dritte Kynſtutte das Sa⸗ maitenland, die Landſchaften von Traken, Garthen, Kauen (Troki, Grodno, Kowno) nebſt einigen andern, und die uͤbri⸗ gen Söhne verſchiedene andere Landestheile erhalten hatten !). des Huskomthurs und der Stat Ingeſegilen und ſal gevuͤrt werdin von den ſachwalden adir von iren ſichirn boten bis zu Luͤbeck. Vgl. Fuchs Beſchreib. von Elbing B. I. S. 33. 1) Dieſe drei Bruͤder treten vorerſt in der Geſchichte am bemerk⸗ lichſten hervor. Über die Schreibart ihrer Namen herrſcht große Ver⸗ ſchiedenheit bei den Chroniſten. Den aͤlteſten nennt Kara mſin B. IV. S. 218 Jewnutij; die Schreibart Jawnut gruͤndet ſich auf ältere Quellen und hat zugleich die ſpaͤteren Zeugniſſe von Kojalowiez p. 281, Dlagoss. L. X. p. 60 fuͤr ſich. Ebenſo halten wir nach Ver⸗ gleichung mehrer der aͤlteſten Quellen den vielfach veraͤnderten Namen Olgierd, den Karamſin a. a. O. S. 213 Ol'gerd ſchreibt, für den richtigſten. Über den Namen Kynſtutte kann kaum noch ein Zweifel ſeyn, denn fo ſteht er auf feinem eigenen Siegel; in der Urkunde, woran die⸗ ſes befindlich iſt, findet er ſich Kenstutte geſchrieben (1379). Auf Chro⸗ niken kann man ſich in Ruͤckſicht der richtigen Schreibart der Litthaui⸗ ſchen Namen ſelten verlaſſen, weshalb auch Keftutij, wie Karamſin ſchreibt, ſchwerlich richtig iſt. — über die Theilung der Laͤnder vgl. Diugoss. L. X. p. 60, Kojalowiez p. 281, nach ihnen Schloͤzer Geſch. von Litthauen S. 65, Karamſin B. IV. S. 302. Wir ha⸗ ben hier auch noch eine bisher unbenutzte Quelle, nämlich; eine hiſtori⸗ ſche Deduction des nachherigen Großfürften Witowd im Fol. F. p. 22 unter dem Titel: „Dis iſt Witoldis ſache wedir Jagaln und Skir⸗ galn “, wo es gleich im Anfange heißt: Do unſers faters fater (Gedi⸗ min) vorloren wart, unſer Elderfater, do gap her uff ſyne ſtad czu herſchen di groſe herſchaft czu der Wille (Wilna) Jawnuten und Ja⸗ 8 7. . .-.
Scanseite 31 · Druckseite 17
Verhältniſſe in Litthauen und Eſthland (1343). 17 Unter allen glaͤnzte Olgjerd am meiſten hervor wie an Verſtand und Klugheit, fo durch kriegeriſchen Geiſt. Seine Tapferkeit und ſein raſtlos thaͤtiges und maͤßiges Leben machten ihn bald zu einem weitgefuͤrchteten Krieger; er genoß weder Wein, noch ſtarken Meth; man ſah ihn nie bei geraͤuſchvollen Gaſtgela⸗ gen; waͤhrend Andere die Zeit in eitlen Vergnuͤgungen vergeu⸗ deten, hielt er Rath mit ſeinen Großen, lebte im Kriegsfelde oder ſann auf Mittel und Plane zur Erweiterung feiner Macht 1). Gleiche Geſinnung und gleiches Streben theilte mit ihm ſein Bruder Kynſtutte, ein Krieger, deſſen Schwert weder Goͤttli⸗ ches noch Menſchliches ſchonte, wenn es Sieg, Eroberung und Pluͤnderung galt und deſſen tapferer Geiſt durch kein Mißge⸗ ſchick zu beugen war. Anfangs hatte Olgjerd ſeine Waffen gegen die Ruſſen gewandt, Moſaisk belagert und ſein Gebiet gen Oſten hin erweitert. Aber ſchon im Jahre 1342 in den Krieg des Livlaͤndiſchen Ordens mit den Bewohnern von Pſkow hineingezogen ), beſchloß er mit feinem Bruder Kynſtutte, fein gefuͤrchtetes Schwert nach Livland zu tragen, um dort den Tod des Fuͤrſten Ljubko, Gedimins Neffen, den die Ritter gefan⸗ gen und ermordet, mit Blut und Raub zu raͤchen ). Der Orden in Livland indeſſen, von einem Kriege mit den Pfko⸗ wern und Novgorodern bedroht, war keineswegs im Stande, die auffteigende Macht der beiden Litthauiſchen Fuͤrſten mit Kraft niederzuhalten und ihre Waffen in ihren Landen ſelbſt zu be⸗ ſchaͤftigen. Aus Preuſſen hatte ein Theil der Streitkraͤfte des galn fatir Algarden die herſchaft czu Witawis (Witepſk) und minem fatir herczogen Kinſtutten czu Traken (Troki). 1) So Karamſin B. IV. S. 213 und 302. über Kynſtutte heißt es in der alten Preuſſ. Cronica p. 37 (Mſcr.): Kynſtod waz gar eyn ſtreythaftig man und warhaftig, Wenn her wolde reyſen zeu Prewſen yns lant, daz entpot her vor czu dem marſchalke und quam och gewys. Och zo her mit dem Meiſter eynen vrede machte, den hilt her gar veſte. Welchen bruder des ordens her irkante kuͤne und man⸗ haftig, den libete her beſundern. 2) Vgl. Karamſin a. a. O. S. 215. 3) über dieſen Krieg in Livland f. die Ordenschron. bei Mat⸗ Ihaeus T. V. p- 778.
Scanseite 32 · Druckseite 18
18 Verhaͤltniſſe in Eſthland (1343). Ordens dem Meiſter von Livland zu Huͤlfe entfandt werden muͤſſen, weil in dem Nachbarlande Livlands um dieſe Zeit Er⸗ eigniſſe vorgingen, die eine bedeutende Streitmacht des Ordens dort nothwendig machten, alſo daß auch der Hochmeiſter von Preuſſen aus die gewohnten Heerfahrten nach Litthauen jetzt noch nicht erneuern konnte. Mehr als hundert Jahre naͤmlich hatten Dänemarks Koͤ⸗ nige auch Herren von Eſthland geheißen und dieſen entlege⸗ nen Theil ihres Herrſchergebietes durch Statthalter oder koͤnig⸗ liche Hauptleute verwalten laſſen!). Im Jahre 1329 aber hatte Koͤnig Chriſtoph der Zweite von Daͤnemark bei Ausglei⸗ chung ſeines Streites mit dem maͤchtigen Kanut Porſe, den er zum Herzoge von Halland und Samſo erhob, dieſem auch Eſthland mit den Staͤdten Reval, Weſenberg und Narva als erbliches Herzogthum übergeben oder doch wenigſtens zugeſagt ), worauf es jedoch bald wieder an Otto, den Erbprinzen von Daͤnemark, gefallen war, der es im Jahre 1333 trotz der dem Eſthlaͤndiſchen Adel eben erſt gegebenen Zuſage, daß Eſthland nie von der Daͤniſchen Krone entfremdet oder irgendwie ver⸗ aͤußert werden ſolle ;), feinem Schwager dem Markgrafen Lud⸗ wig von Brandenburg als Heirathsgut ſeiner Schweſter Mar⸗ garethe uͤberwies mit der Erlaubniß, das Land zu verkaufen oder zu vertauſchen, wem und wie er wolle). Hatten aber ſchon die unruhigen Zeiten, welche Daͤnemark waͤhrend der un⸗ gluͤcklichen Zwiſchenherrſchaft ſah, auch fuͤr Eſthland die un⸗ ſeligſten Folgen gehabt, ſo war nun bei dieſem Wechſel des Oberherrn, zumal da der Markgraf von Brandenburg das Land 1) Vgl. oben B. II. S. 306 ff. B. IV. S. 27. 49. 2) Von dieſer Verleihung wiſſen die Livlaͤndiſchen Geſchichtſchrei⸗ ber nichts. Ekendahl Geſch. des Schwed. Volks B. I. S. 613 er⸗ waͤhnt ihrer. Die Urkunde darüber im geh. Arch.; ſ. Hennig's Co: piebuch T. XIX. p. 41. Mallet Geſchichte von Daͤnemark B. I. S. 471. 3) Mallet a. a. O. S. 476. 4) Gereken Cod. diplom. Brandenb. T. I. p. 153. 161. Arndt Livl. Chron. B. II. S. 92.
Scanseite 33 · Druckseite 19
Verhältniffe in Eſthland (1343). 19 keineswegs förmlich in Befig nehmen, ſondern fortwährend noch von einem Daͤniſchen Statthalter verwalten ließ, bald alle Ord⸗ nung im Innern des Landes aufgelöſt. Die Losſagung von den wiederholten Zuſicherungen der früheren Daͤniſchen Könige hatte unter den Eſthlaͤndern, wie bei den Vornehmeren ſo im gemeinen Volke allgemeinen Unwillen erzeugt, der bis zum bitterſten Haß und Ingrimm ſtieg, als man ſah, daß die Daͤniſchen Verwalter, Ritter und Kriegsleute auf nichts eifri⸗ ger mehr bedacht waren, als in den letzten Tagen ihres Schal⸗ tens und Waltens ihrer Habſucht und ihren gemeinen Lüften und Leidenſchaften alles zum Opfer zu bringen. Die uner⸗ traͤglichen Laſten, die man den Bewohnern aufgebuͤrdet, das Feilſchen und Handeln mit Land und Eigenthum an Fremd⸗ linge, die Tyrannei der Machthaber, die den Bauer zur Skla⸗ verei herabgedruͤckt, und die Verbrechen an der Menſchenwuͤrde, die faſt taͤglich an den Eingeborenen begangen wurden, hatten ſchon im Jahre 1339 das ungluͤckliche Volk in ſeiner Verzweif⸗ lung dahin gebracht, daß es ſich mit bitteren Klagen und mit dringender Bitte um Befreiung von ſeinen Draͤngern an den Orden in Livland wandte, an deſſen Spitze damals noch der Meiſter Eberhard von Monheim ſtand ). In der That ſchien der Orden nicht abgeneigt, ſich des Landes zu bemaͤchtigen, um dort eine andere Ordnung der Dinge einzufuͤhren. Allein der Kaiſer Ludwig, hievon bald benachrichtigt, erließ noch in demſelben Jahre an den Hochmeiſter Dieterich von Altenburg die Weiſung: Eſthland gehoͤre dem Markgrafen von Branden⸗ 1) Wigand. Marb. p. 382 bezeugt, daß Milites et clientes re- eis tantis oneribus et fatigis incolas opprimebant, quod in gemitu et delore nimio Magistro et fratribus querulabantur, signanter illi, qui vnlgariter dicuntur Xstenses, Osalyenses et ceteri vulgares; tanta quoque fuit eorum violencia, quod uxores eorum dehonesta- bant, virgines deflorabant, possessiones auferebant et eis ut servis usi sunt. Wenn übrigens Arndt Th. II. S. 92 meint, daß Eſth⸗ land ſchon vom J. 1334 an einige Zeit ohne einen Daͤniſchen Statt⸗ halter geweſen ſey, fo iſt dieſes unrichtig, denn wir finden des Konz rad Prene als eines ſolchen noch bis zum J. 1341 in Urkunden er⸗ wähnt; großes Privilegienbuch p. 141. 2
Scanseite 34 · Druckseite 20
20 Verhaͤltniſſe in Eſthland (1343). burg als Brautſchatz ſeiner Gemahlin; wolle der Orden es an⸗ greifen und erobern, fo muͤſſe er es dem Markgrafen oder dem Koͤnige Waldemar von Daͤnemark uͤberweiſen; wuͤnſche er je⸗ doch von dieſen das Land fuͤr ſich zu erwerben, ſo werde der Kaiſer auf geziemende Weiſe ihm dazu behuͤlflich ſeyn !). Der Orden nahm jetzt Anſtand, ſich in die Sache weiter einzulaſ⸗ ſen und die Eſthlaͤnder wandten ſich nun um Erleichterung ih⸗ res Joches und um Abhuͤlfe der furchtbaren Erpreſſungen an Koͤnig Waldemar ſelbſt. Allein auch hier fand ihre Bitte kein Gehoͤr, denn Waldemar that nichts weiter, als daß er die Abtretung des Landes an ſeinen Schwager den Markgrafen von Brandenburg nach ſeines Bruders Beiſpiel erneuerte und beſtaͤtigte?). Zugleich aber ertheilte dieſem der Kaiſer, um das Intereſſe des Ordens von neuem anzuregen, die Erlaub⸗ niß, mit dem Orden wegen des Verkaufes des Landes in naͤ⸗ here Unterhandlung zu treten) und nun ging dieſer mit Ernſt auf die Erwerbung Eſthlands ein. Dennoch war es nicht der 1) Das Original dieſes kaiſerl. Schreibens, dat.: Franchenfurt feria tercia ante domin. Judica a. d. 1339, Regni nostri anno vice- simo quinto, imperii vero duodecimo im geh. Arch. Schiebl. 28. Nr. 2. Die Worte: Insuper scire debes, quod si terram Estlant pretactam tibi tuoque ordini placuerit comparare, ad hoc te tuumque ordinem promovebimus vobisque cooperabimur modis decentibus ut valemus, weiſen klar darauf hin, daß der Kaiſer nicht abgeneigt war, dem Or⸗ den das Land zuzubringen. Arndt a. a. O. S. 93 erwähnt noch zweier andern Schreiben des Kaiſers an den Livland. Orden von glei⸗ chem Inhalte; Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 422. 2) Urk., dat.: Spandow am Sonnt. Oculi 1340 im groß. Pri- vilegienb. p. 139; Arndt a. a. O. Gadebuſch S. 425. König war freilich Waldemar um dieſe Zeit eigentlich noch nicht, obgleich der Kaiſer in der Urkunde ihn fo nennt und Wigand. Marb. I. c. von ihm ebenfalls als Rex Dacie ſpricht. Er nennt ſich ſelbſt noch Dano- rum Domicellus et Dux Estonie und ſagt in der Urkunde: Promitti- mus eciam presentibus, quod quamprimiun ex omnipotentis dei gracia in Regem Dacie uncti et coronati fuerimus, er dieſe Verleihung für den Markgrafen erneuern wolle. 8) Gercken Cod. diplom. T. IV. p. 553 und im groß. Privile⸗ gienb. p. 141.
Scanseite 35 · Druckseite 21
Verhältniffe in Eſthland (1343). 21 Markgraf ſelbſt, ſondern Waldemar, der ungeachtet feines ſchon im Anfange des Jahres 1341 dem Daͤniſchen Statthalter in Eſthland Konrad Prene ertheilten Befehles zur Übergabe des Landes an den Markgrafen oder deſſen Bevollmaͤchtigten ), einige Monate darauf mit dem Orden und deſſen Hochmeiſter einen Kaufvertrag abſchloß, nach welchem er dieſem Eſthland, namentlich Harrien, Wirland und Allentaken nebſt den Bur⸗ gen und Städten Reval, Weſenberg und Narva für die Kauf⸗ ſumme von dreizehntauſend Mark Silber uͤberließ und dieſe dem Markgrafen von Brandenburg als Heirathsgut ſeiner Schweſter zuſagte ). Der Verkauf des Landes ſtand allerdings nun auf dem Pergamente; allein der Orden war mit ſeiner Erwerbung noch lange nicht am Ziele. In Daͤnemark wurden bald in der Sache bisher ganz unbeachtete Intereſſen geltend gemacht; in Eſthland ſelbſt ſchalteten und walteten noch fort und fort Daͤ⸗ niſche Beamten, Königliche Raͤthe und Vaſallen und unter dem Volke wußte jetzt keiner mehr, wer eigentlich Herr und Gebie⸗ ter des Landes ſey; im Orden endlich in Livland wie in Preuſ⸗ ſen traten nicht minder mancherlei Hinderniſſe den weitern Ver⸗ handlungen entgegen, denn ſchon im Jahre 1341 brachte nicht 1) urk., dat.: Paddenburg crastino die Convers. Pauli a. d. 1341 im groß. Privilegienb. p. 141. Sie iſt gerichtet an Conradus Prene Capitaneus in toto Ducatu nostro Terre nostre Estonie. Bei Arndt a. a. O. S. 94 und Gadebuſch S. 426 iſt der Name Pfreen gedruckt. 2) Dieſe merkwuͤrdige Urkunde ſteht in einer Sammlung mehrer im 15ten Jahrh. gemachten Copien Liv⸗, Eſth⸗ und Kurländifcher Ur- kunden im geh. Arch. Ein Irrthum in der Jahresangabe kann nicht Statt finden, da die letzte Zahl mit dem Worte primo geſchrieben iſt und das Datum lautet: Roskild a. d. M. CCC. XL. primo feria se- cunda post festum Asceusionis di. Auch ift der Name Dieterichs von Altenburg ausdruͤcklich genannt. Daß dagegen der Kaufvertrag, deſſen Arndt a. a. O. S. 94 als am Tage Matthaͤi 1341 zu Tan⸗ germuͤnde zwiſchen dem Markgrafen und dem Orden abgeſchloſſen er⸗ wähnt, nicht von dieſem Jahre ſeyn kann, beweiſet ſchon der ange⸗ führte Name des Hochmeiſters Heinrich Duſmer und wirklich haben wir das Original dieſes Vertrages vom J. 1346 im geh. Arch.
Scanseite 36 · Druckseite 22
23 Volksempoͤrung in Eſthland (1343). nur der Tod des Hochmeiſters Dieterichs von Altenburg, fo: wie die Abdankung des bisherigen Meiſters von Livland Eber⸗ hards von Monheim!) und die Ernennung feines Nachfolgers Burchards von Dreyleben 2), ſondern im naͤchſten Jahre auch der Krieg des Livlaͤndiſchen Ordens mit dem Fuͤrſten Alexan⸗ der Wſewolodowitſch, dem Befehlshaber von Pfkow und uͤber⸗ dieß die drohende Gefahr vom Litthauiſchen Fuͤrſten Olgjerd, vielfache Stoͤrung in den Fortgang der Sache. Dieſer Krieg mit den Bewohnern von Pfkow und ihren Verbuͤndeten von Novgorod, in den auch Olgjerd mit hineingezogen ward, hielt die Waffen des Ordens auch im Jahre 1343 beſchaͤftigt, und der Meiſter von Livland lag eben nach einer gluͤcklichen Schlacht gegen die Ruſſen zur Belagerung vor den Mauern von Is⸗ borsk, als ihm aus Livland die Nachricht von großen Gefah⸗ ren an den Graͤnzen der Ordenslande zukam ). In der S. Georgsnacht, am dreiundzwanzigſten April des Jahres 1343, brach ploͤtzlich, lange im Geheimen vorbe⸗ reitet, eine furchtbare Verſchwoͤrung der Eſthlaͤnder, beſonders des ſchwergedruͤckten Landvolkes von Harrien aus, denn je druͤckender Jahre lang das knechtiſche Joch auf dem Nacken der Landesbewohner gelegen hatte und je tiefer Ingrimm und Er⸗ bitterung in ihrem Innern eingewurzelt war, um ſo wilder und unaufhaltſamer durchbrach die Wuth der Rache mit ei⸗ nemmal alle Schranken der Geſetze. Mehr als achtzehnhun⸗ dert Deutſche wurden ſchon in der erſten Nacht die Opfer der Verzweiflung; alles, was ihre oder die Daͤniſche Sprache ſprach, Juͤnglinge und Greiſe, Frauen und Jungfrauen, Her⸗ ren und Knechte wurden ohne Erbarmen erwuͤrgt; ſelbſt Kir⸗ chen und Kloͤſter blieben nicht verſchont “); es galt dem Volke nichts heilig mehr, indem die Gewalthaber die Heiligkeit der 1) Ordenschron. bei Matthaeus T. V. p. 779. 2) Es iſt der naͤmliche, den Kojalowiez p. 307 ſonderbar genug Burchardus Horem nennt. 3) Wigand. Marb. p. 283. Karamſin B. IV. S. 214 ff. 4) Russow Lyfflend. Chronica p. 15. Hiärn S. 205. Det⸗ mar des Leſemeiſters Chron. herausgeg. v. Grautoff B. I. S. 256.
Scanseite 37 · Druckseite 23
Bolksempörung in Eſthland (1343). 23 Menſchenwürde Jahre hindurch mit Fuͤßen zertreten, denn der Menſch achtet den Menſchen oft nur ſo lange, als er ſelbſt noch Achtung findet. Als die Looſung aber einmal gegeben war, ging der Aufruhr wie ein untilgbares, wildes Feuer von einer Gegend und einer Landſchaft zur andern fort und ſelbſt auf Dejel ermordeten die Bewohner alle Deutſchen und den dortigen Ordensvogt nebſt ſeinem ganzen Convente. Ein ſtar⸗ ker Haufe von zehntauſend Bauern warf ſich jetzt vor die Hauptſtadt Reval, um mit deren Erſtuͤrmung die fremde Herr⸗ ſchaft gänzlich zu vertilgen!). Da riefen die Ritter, Raͤthe und Vaſallen des Daͤniſchen Königes, die nach Reval gefluͤch⸗ tet an aller Rettung verzweifelten, in ſchwerer Bedraͤngniß den bereits an die Graͤnzen feines Landes zuruͤckgekehrten Meiſter von Livland um Huͤlfe an. Burchard von Dreyleben eilte alsbald mit einem anſehnlichen Streitheere herbei, das auf⸗ ruͤhreriſche Volk zu zerſtreuen. Allein es beharrte in feinem Plane, die Stadt mit allen ihren Bewohnern voͤllig zu ver⸗ nichten. Auf des Meiſters Befragen uͤber Anlaß und Urſache der Graͤuelthaten, womit ſie das Land erfuͤllten, ließen ſie ihm antworten: es ſeyen der herriſche Druck, die Tyrannei und die ſchreienden Ungerechtigkeiten, von Rittern und Edlen an ihnen begangen, um die ſie jetzt zur Rache aufgeſtanden ſeyen; lieber wollten ſie alle ſterben, als in ſolcher Knecht⸗ ſchaft aufgerieben werden, in der ſie nirgends Gerechtigkeit gefunden. Darum fleheten ſie die Gnade des Meiſters an, wenn er ihr ferneres Wohlſeyn wuͤnſche. Statt dieſer Worte 1) Wigand. Marb. I. c. Arndt Th. II. p. 95. Schütz p. 70. Die Biſchöfe von Dorpat und Oeſel fagen in einer Urkunde von die⸗ ſem Jahre im Fol. Privilegia des Stifts Samland p. 222: Snb. a. d. M. CCC. XLIII. instante et seviente crudelitate immani perfidorum neophitorum in Estonia commorancium, qui dyabnlo instigante in apostasyam relapsi innnmerabiles christianos, Clericos et laycos, se- nes et iuvenes, utriusque sexus crudeliter occiderunt, quorum furor adhuc nondum quievit, qui eciam non solum rerum nostrarum de- predacionem, ymo et eciam personarum nostrarum interitum cottidie machinantur.
Scanseite 38 · Druckseite 24
24 Volksempoͤrung in Eſthland (1343). indeß legte der Unterhaͤndler den Aufruͤhrern trotzige Reden in den Mund, woruͤber der Meiſter erbittert das Volk alsbald angreifen und faſt den ganzen Heerhaufen unter Revals Mauern niedermachen ließ). So war Reval befreit. Die Daͤniſchen Ritter aber und Vaſallen ernannten den Ordensmeiſter ſofort zu ihrem Hauptmanne und des Landes Schutzherrn und uͤber⸗ gaben ihm Reval, Weſenberg und die ganze umliegende Land⸗ ſchaft, um ſie der Daͤniſchen Krone zu erhalten, doch mit der Bedingung, daß er einen Monat nach geſchehener Aufforde⸗ rung dem Koͤnige von Daͤnemark alles wieder einraͤume, ſo⸗ bald er zuvor hinlaͤnglichen Erſatz aller verwandten Kriegsko⸗ ſten erhalten habe?). Um jeglicher falſchen Deutung dieſes Schrittes vorzubeugen, ließ ſich der Meiſter vom Biſchofe von Reval, deſſen Domſtifte, allen Rittern und Vaſallen in Eſth⸗ land das Zeugniß ausſtellen, daß ſie nach dem grauſamen Morden und den Graͤuelthaten der Aufruͤhrer nicht im Stande geweſen, das empoͤrte Volk zum Gehorſam zurückzubringen, 1) So nach Wigand. I. c. Der Landmeiſter kam, wie es heißt, ut dictos paganos compesceret et converteret. Das Volk zeigte auch Vertrauen zu ihm, „cum gratiam magistri quesissent.“ Daß aber eine Schurkerei des Dolmetſchers dabei im Spiele war, geht aus den Worten hervor: sed interpres decepit dictos Hargienses, mendacia proponens magistro, dicens, se respondisse, si non fecissent huius- modi, adhuc vellent facere; unde Magister concorditer cum suis in- vasit eos et similiter Ystenses et ex eis ultra 12000 sunt occisi. Nach Schütz p. 70 kamen „hin und wieder im Lande“ 12000 um. Detmar Chron. B. I. S. 256. Corner Chron. ap. Eœcard. T. II. p. 1068. 2) Die Urkunde hieruͤber, dat.: Revalie feria sexta proxima ante festum Ascens. di (16. Mai) 1343 im groß. Privilegienb. p. 136. Die Ritter und Vaſallen fügen am Schluſſe hinzu: In hac autem or- dinacione Castrorum et Terre predictorum in verbo veritatis dici- mus nichil fore in preiudieium Regis et Corone Regni Dacie at- temptatum, sed quia timemus dicta Castra et Terram, si hoc non faceremus, a Corona Regni Dacie perpetuo alienari; vgl. Arndt Th. II. S. 96, wo jedoch fälſchlich dieſe Urkunde ins J. 1344 geſetzt wird. Acta Boruss. B. III. S. 734. Es geht hieraus hervor, daß man den Kaufvertrag uͤber Eſthland noch gar nicht weiter beachtete.
Scanseite 39 · Druckseite 25
Volksempoͤrung in Eſthland (1343). 25 und in ſchwerer Bedraͤngniß kein anderes Mittel gewußt haͤt⸗ ten, als die Deutſchen Ordensritter aus Livland herbeizuru⸗ fen, ohne deren Schutz die neue Pflanzung der Kirche nicht habe vertheidigt werden koͤnnen, da durch das Beiſpiel der Aufrührer gereizt auch andere Bewohner des Landes in ihrer Treue zu wanken angefangen und die Zahl der Empoͤrer ſich mit jedem Tage vermehrt habe, weshalb die eiligſte Huͤlfe ge⸗ gen die Abtruͤnnigen unumgaͤnglich nöthig geweſen ſey ). Sobald dem Meiſter Reval uͤbergeben war, ſandte er durch einen Eilboten einen Bericht uͤber die Ereigniſſe an den Hoch⸗ meiſter mit der Bitte um ſchleunigſte Verſtaͤrkung ſeiner Kriegs⸗ macht, denn es war ihm ſchon die Nachricht uͤberbracht wor⸗ den, daß die Eſthlaͤnder beſchloſſen, zur Rache an einem be⸗ ſtimmten Tage in Livland einzufallen und dort alle Chriſten zu erſchlagen. Schnell zogen auf des Meiſters Geheiß drei Komthure aus Preuſſen, Johannes Nothaft aus Birgelau, Konrad von Gartow aus Engelsberg und an ihrer Spitze Heinrich Duſmer aus Strasburg mit ſiebenhundert trefflich ge⸗ ruͤſteten Reiſigen nach Livland hinauf, wo ſie mit der Livlaͤn⸗ diſchen Streitmacht vereint vom Landmeiſter theils zur Ver⸗ theidigung des Landes in drei Heerhaufen vertheilt, theils bald darauf ins feindliche Gebiet von Harrien geführt wurden 2). 1) Dieſes urkundliche Zeugniß, dat.: Revalie a. d. 1343 in vigi- lia Symon. et Jude im groß. Privilegienb. p. 136. Arndt a. a. O. Acta Boruss. B. III. S. 736. Außerdem ſtellten auch die Biſchoͤfe von Dorpat und Oeſel ein Zeugniß aus, worin es heißt: Verentes ne propter intestinas discordias hec novella Orientalis Ecclesia multo fidelium sanguine fundata, suscipiat detrimentum, dum inter nos divisi infidelium multitudinem resistere non valeamus necessitate in- evitabili, que legem non habet, nos ad hoc cogente cum honorabi- libus et religiosis viris Magistro et fratribus H. S. M. Th. per Li- voniam, sine quorum presidio Ecclesie nostre defensari non possunt, concordiam et amicicium nostris temporibus affectantes cum eisdem convenimus etc., im Fol. Privilegia des Stifts Samland p. 222. 2) Das Einzelne zum Theil noch genauer bei Weigand. p. 284, wo auch erwähnt wird, daß der Hochmeiſter den Komthur Heinrich Duſmer beauftragt habe, Xstenses, Haryenses, Osalienses omnes ſi -
Scanseite 40 · Druckseite 26
26 Volksempoͤrung in Eſthland (1343). Und als fie dort unter dem empoͤrten Volke eine furchtbar blutige Rache geübt, wandten fie ſich nach Oeſel hinuͤber, deſ⸗ fen Bewohner ſich mittlerweile einen eigenen König erwaͤhlt und hinter einem Sumpfe durch ſtarke Wehrſchanzen zu ſichern geſucht hatten. Die Befeſtigungswerke wurden erſtuͤrmt und an zweitauſend Menfchen für die fuͤnfhundert Chriſten geopfert, die man kurz zuvor vor den Schanzen erwürgt‘). So blu⸗ tig man aber zur Daͤmpfung des Aufruhres fort und fort ver⸗ fuhr, ſo koſtete es dem Meiſter von Livland doch noch den ganzen folgenden Winter, ehe es ihm gelang, das empoͤrte Volk uͤberall wieder in Ruhe und Gehorſam zu bringen, weil ein großer Theil ſeiner Streitmacht in Livland beſchaͤftigt war, das Land gegen einen verheerenden Einfall des Litthauiſchen Fuͤrſten Olgjerd zu vertheidigen, bis dieſer bald von Preuſſen aus in ſeinem eigenen Gebiete durch eine maͤchtige Heeresmacht bedroht ward. Mittlerweile naͤmlich war in mehren Theilen Deutſchlands, in Boͤhmen, Maͤhren, Ungern und Holland unter den Fuͤrſten dieſer Länder ein neuer Heereszug gegen das heidniſche Volk der Litthauer beſchloſſen und vorbereitet worden, gerade in der Zeit als der Papſt alles aufbot, um einen Kreuzzug gegen die Tuͤrken in Bewegung zu ſetzen, welche damals das Grie⸗ dei inimicos una die vita privari. Die erwähnten Komthure kommen in den Jahren 1342 und 1343 auch in Urkunden vor, Schiebl. LIX. Nr. 24. 29. Wenn Schütz p. 70 den Komthur von Strasburg Hein⸗ rich Duſmer zugleich als Marſchall bezeichnet, ſo moͤchte dieſes nur ſo zu verſtehen ſeyn, daß er als Oberſter an der Spitze dieſes geſen⸗ deten Kriegsvolkes ſtand, denn im J. 1342 war Hako und 1343 Win⸗ rich von Kniprode Ordensmarſchall. 1) Schütz 1. c. giebt die Zahl der auf Oeſel Erſchlagenen auf 9000, Wigand. nur auf 2000 an. Den erwaͤhlten Koͤnig nennt er Wesse und ſagt, daß er captivatus fuit et strictissime ligatus et iuxta anchas suspensus. Auf die Zeitangabe kann man ſich bei Wi⸗ gand zwar nicht immer verlaſſen; er laͤßt aber den Ordensmeiſter nach Martini 1343 in Harrien einbrechen und ſagt dann: postea precepto- res in medio XLme revertuntur cum suis et in festo Pasche veni- unt in Prussiam de Lyvonia cum profectn.
Scanseite 41 · Druckseite 27
Heidenfahrt nach Litthauen (1344). 27 chiſche Reich bedrohten). Nachdem die Fürften mit ihren Streithaufen ſich zu Breslau verſammelt, waren ſie noch vor dem Eintritte des Winters in Preuſſen angekommen. An ih⸗ rer Spitze ſtanden der ſtreitluſtige König Johann von Böhmen, der nun zum drittenmale das Schwert gegen die Heiden er⸗ griffen ), und der jugendliche Koͤnig Ludwig von Ungern, der den Beinamen des Großen führt *); in ihrer Begleitung Mark⸗ graf Karl von Maͤhren, des Boͤhmiſchen Koͤniges Sohn, Graf Wilhelm der Vierte von Holland, den Preuſſen ſchon zwei⸗ mal auf ſolchen Kriegsfahrten gegen die Heiden geſehen hatte“), ferner der Graf Guͤnther von Schwarzburg, Graf Heinrich von 1) Trithem. Chron. Hirsaug. p. 194. Raynald. annal. eccles. an. 1343 — 1344. 2) Nach der Vita Caroli IV. ap. Freher. rer. Bohem. scriptt. p. 104 ſoll König Johann von Böhmen den erſten Anlaß zu dieſer Heerfahrt gegeben haben. 3) über Ludwigs Anweſenheit in Preuſſen ſpricht auch Suchen⸗ wirt herausgegeb. von Prim iſſer S. 2, wo es heißt: In Preuſ⸗ fenland mit wehrhafter That ließ ſich der Edle (Kön. Ludwig) ſchauen, zum Dienſte unſerer Frauen, mit Koͤnigen, mit Grafen hochgeboren, Freien, Dienſtmannen auserkoren, mit Rittern, Knechten, Muthes reich. Fray Annal. Regum Hung. P. II. p. 52 erwähnt in den J. 1343 — 1344 nichts davon. Die unrichtige Angabe bei Bonfin. rer. Ungar. D. II. c. 10. p. 329 hat ſchon De Wal T. III. p. 292 widerlegt. 4) Fragment. vet. Chron, ap. Maithaeum Analect. T. I. p. 62. Das Chron. Belgic. ap. Pistor. T. II. p. 307 läßt den Grafen Wil: helm ſchon im J. 1319 nach Preuſſen kommen und lange hier verwei⸗ len; die Geſchichte der vereinigt. Niederlande Th. I. S. 498 ſetzt den erſten Zug nach Preuſſen ins J. 1329 und den andern ins J. 1334 ober etwas ſpaͤter. Störung des Handels feiner Unterthanen auf der Oſtſee war, wie hier angegeben iſt, wohl ſchwerlich eine nöthige Ur⸗ ſache zu ſolchen Zuͤgen fuͤr einen Fuͤrſten, der zuvor auch eine Pilger⸗ reife ins heil. Land unternommen haben ſoll; ſ. Jo. Vitodurani Chron. p. 1887, wo berichtet wird, daß er unmittelbar nach dieſer Pilger⸗ fahrt reassumpta sua turma pedissequa relicta Paduae, in terram Prusciae se transtulit absque mora, ut inde contra Paganos dimica- turus aliqua magnalia perageret. Nach der Chron. de Hollant ap. Matthaeum T. V. p. 557 kam er in magna manu contra gentiles. Wigand. Marb. p. 283 und 284 ſpricht an zwei Stellen von Kriegs⸗ zügen des Grafen nach Litthauen im J. 1343, fo daß es faſt ſcheint
Scanseite 42 · Druckseite 28
28 Heidenfahrt nach Litthauen (134). Holſtein ), nebſt vielen andern Grafen, Freiherren, Rittern und Edlen, ſo daß die Zahl der Begleiter beider Könige an zweihundert betrug). Nachdem man lange Zeit vergeblich feftere Witterung er⸗ wartet, da der Winter ſehr mild und naß war ), brach der Hoch⸗ meiſter mit der ganzen Streitmacht, wie es ſcheint, in ſudlicher Richtung gegen Litthauen hin auf, noch ungewiß, wo er ins feind⸗ liche Land einbrechen ſolle. Dort ſcheint er ſich mit dem geſamm⸗ ten Heere zunächft vor eine Burg geworfen zu haben, um ſich durch deren Eroberung den Eingang ins Land zu oͤffnen und dann vielleicht Wilna, Litthauens Hauptſtadt, zu beſtürmen *). Da ward ihm ploͤtzlich die Nachricht zugebracht, der Großfürft von Litthauen ſei bereits mit einer gewaltigen Kriegerſchaar ins oͤſtliche Samland eingefallen, habe auf dem platten Lande alles verheert und niedergebrannt und die Bewohner, denen die Flucht in die Staͤdte und Burgen nicht moͤglich geweſen, in großer Zahl erſchlagen oder gefangen genommen ). Mit als ſey Wilhelm fruͤher als die uͤbrigen Fuͤrſten angekommen und ein⸗ mal ſchon vorher im feindlichen Lande geweſen. 1) Detmar B. L S. 2583 wahrſcheinlich iſt der Comes de Hal- les bei Kojalowiez p. 307 aus dem Geſchlechte der Grafen von Hals, deren Grafſchaft im J. 1375 mit dem Ausſterben des Stammes an die Landgrafen von Leuchtenberg uͤberging; Hellbach Adelslexicon B. II. S. 34. Pfeffinger Vitriar. Ilustrat. T. II. p. 625. 2) Wigand. Marb. I. c., der diefe Fuͤrſten alle anführt, fügt hinzu: es ſeyen da geweſen in numero 200 domiui ; vgl. Albert. Ar- gentor. Chron. ap. Urstis. T. II. p. 131. Vita Caroli IV. I. c. p. 104. Corneri Chron. ap. Eccard. 1. II. p. 1004. Von der gro⸗ ßen Zahl der anweſenden edlen Herren ſpricht auch Peter Suche n⸗ wirt S. 49, wo er des Sſterreichiſchen Ritters Leutold von Stadeck als gegenwärtig erwähnt. Kojalowiez p. 307 bringt auch den Mark: grafen von Brandenburg und Danica auxilia herbei und ſagt ſogar: Elos plane militiae Europeae in armis erat. 3) Vita Caroli IV. I. e 4) Darauf gehen die Worte bei Wigund. Marb. I. c. Cum qui- bus Magister exiit in obsidionem domus in magno comitatu; Krantz Wandalia L. VIII. c. 27. p. 195 fügt hinzu, daß ſich in dieſe Burg viele vom Landadel geworfen hätten; Detmar a. a. O. 5) Nach Wigand. I. c. notificatum est Magistro per quandanı animosam paganam, Regem Lithuanorum comportasse magnam mul-
Scanseite 43 · Druckseite 29
Heidenfahrt nach Litthauen (1344). 29 Beiſtimmung der Könige und Fürften eilte der Meifter alsbald nach Samland zuruck, um es gegen den wilden Feind zu ver⸗ theidigen und zu ſchuͤtzen ). Allein zeitig benachrichtigt von dem Heranzuge der ſtarken Heeresmacht hatte ſich dieſer be⸗ reits nach Livland gewendet ?), in der Hoffnung, dort in des Meiſters Abweſenheit, der damals gerade mit der Bezaͤhmung der Eſthlaͤnder beſchaͤftigt war, fuͤr ſeine Raubluſt die reichſte Ernte zu finden. In der That richteten dort die Litthauer und die mit ihnen verbundenen Samaiten in den Gebieten von Mitau, Riga, Neuermuͤhlen bis nach Segewalde hin eine furchtbare Verwuͤſtung an, raubten und brannten alles nieder, was im Wege lag, ermordeten Kinder und Greiſe, Frauen und Geſinde und fuͤhrten außer einer zahlreichen Beute an Vieh und andern Guͤtern uͤber zwoͤlfhundert Gefangene in die Knechtſchaft mit fort ). titudinem, cum qua vellet terram Sambiensem devastare und nach den Aunal. Oliv. p. 60 vastare terram Zambiensem et alias Christia- norum terras disponebant. Nach Schütz p. 71 erfolgte der Einfall und die Verheerung in Samland wirklich und da dieſer Chroniſt den vollftändigen Wigand benutzte, fo ſcheint feine Nachricht begruͤndeter; Diugoss. p. 1071 mit ihm uͤbereinſtimmend. Lucas David B. VI. ©. 147 wie Wigand. Der von Kraniz J. c. angegebene Grund zur Aufhebung der Belagerung der Burg, daß naͤmlich der Hochmeiſter den Koͤnigen eius terrae dominium invideret, iſt ungereimt. 1) Nach Det mar a. a. O. hatten die Könige, nicht der Hoch meiſter, die Burg belagert; es war nahe daran, ſie zu erobern, als der Meiſter ſie durch die Nachricht vom Einfalle der Litthauer in Preuſſen zuruͤckrief; ebenſo Corner. I. c. p. 1064, der dem Hochmei⸗ ſter ſogar eine Verraͤtherei in den Buſen ſchiebt: Quod castrum cum iam quasi expugnassent, Lutherus Magister fratrum proditorie agens, misit nuncios cum litteris ad Reges praefatos, scribens eis pro au- xilio ferendo. 2) Nach Kojalowiez p. 308 hatte ſich Dlgjerd gleich Anfangs nach Livland geworfen, während Kynſtutte in Preuſſen eingefallen war. 3) Arndt Th. II. S. 98 übereinftimmend mit Wigand. I. c., der als Beftätigung einer früher von uns erwähnten heidniſchen Sitte erzählt: Occurrit ei (hosti) iuvenis mercator, sarcinam mercando- rum fereng, volens intrare opidum Rigense, nihil sciens de guerris,
Scanseite 44 · Druckseite 30
30 Heidenfahrt nach Litthauen (1344). Die beiden Koͤnige von Boͤhmen und Ungern hatten dem Meiſter, als ſie Samland vom Feinde ſchon verlaſſen fanden, aufs dringendſte gerathen, dem Litthauiſchen Raubheer auf der Spur nach Livland nachzufolgen, um dort der Verheerung des Landes vorzubeugen. Allein der Hochmeiſter hatte den Ge⸗ danken gefaßt, es ſey weit zweckmaͤßiger, die geſammte Streit⸗ macht nach Litthauen zu fuͤhren, den Feind durch Verwuͤſtung ſeines Landes aus Livland in ſein Gebiet zuruͤckzuziehen und ſomit nicht nur das Ordensgebiet vom feindlichen Heere zu befreien, ſondern den Krieg auf ſeinen eigenen Boden zu ſpie⸗ len; und da man in aͤhnlicher Weiſe auch fruͤher ſchon oͤfter gegen den Feind mit gluͤcklichem Erfolge verfahren war, fo gelang es den Königen durch keine Überredung, den Meiſter von dieſem Plane zuruͤckzubringen. Von ihm geführt brachen ſie gegen den Anfang des Jahres 1344 ins Gebiet von Lit⸗ thauen ein, verwuͤſteten durch Raub und Feuer einige Meilen Landes und machten eine geringe Zahl der dortigen Bewohner zu Gefangenen, denn da der groͤßte Theil des Volkes in die Waͤlder entflohen, das Land uͤberall wuͤſte und menſchenleer war, ſo daß es zu ritterlichen Kriegsthaten an aller Gelegenheit gebrach, und uͤberdieß bald auch neu eintretende gelinde Wit⸗ terung zur Ruͤckkehr zwang ), fo blieb die Unternehmung faſt quem apprehenderunt et ligaverunt pagani, ventrem eius sciderunt et circumducunt eum arbori, donec intestina eius omnia extraheret, deposueruntque eum de trunco sanguinem eius sic sacrificando, in quo delectabantur exultantes; ſ. oben B. I. S. 540. Schütz p. 71. Diugoss. p. 1071. Leo p. 150 ſpricht nur von Samaiten, die zuerft in Samland, dann in Livland eingefallen ſeyen; die Nachricht iſt aus Simon Grunau Tr. XII. c 13. 1) So muͤſſen die Angaben bei Wigand. Schütz I. c., Drug oss. p. 1075 (wo unrichtig ſchon Heinrich Duſmer als Hochmeiſter und Begleiter der Koͤnige genannt wird), Annal. Oliv. p. 61, Vita Ca- roli IV. J. c. (wo allein die milde Witterung die Schuld des Mißlin⸗ gens trägt) und Pet. Suchenwirt S. 49 verbunden werden, wenn Zuſammenhang in die Ereigniſſe kommen fol. Detmar a. a. O. ſtellt die Sache etwas anders dar. Auf Kojalowiez p. 308, deſſen Darſtellung hier ſehr abweicht und zu pomphaft iſt, darf man wenig
Scanseite 45 · Druckseite 31
Heidenfahrt nach Litthauen (1344). 3 ohne allen Erfolg und nur mit dem ritterlichen Namen eini- ger edlen Kriegsgaͤſte vermehrt, die der Meiſter im beidniſchen Lande mit dem Ritterſchlage beglüdt hatte“), kam das Heer der Könige nach Preuſſen zurück 2). Es war nur Eine Stimme der Unzufriedenheit uͤber das Mißlingen dieſer Heidenfahrt. Über zehn Tage lang ) hatte die zahlreiche Kriegsmacht der Fuͤrſten faſt ganz nutzlos das feindliche Land durchzogen, waͤhrend Livland nach dem Rathe der Könige von der ſchweren Verheerung durch ſie leicht hätte befreit werden koͤnnen. Die fremden Kriegsgaͤſte warfen die ganze Schuld dieſes Unglückes auf des Meiſters hartnaͤckiges Beharren bei ſeinem Plane. Man erklaͤrte ihm frei heraus: auf ſeinem Gewiſſen laſteten die furchtbaren Graͤuelthaten, welche der Feind in Livland veruͤbt; leichtſinnig und muthwillig habe er Leben und Wohlfahrt von Tauſenden ſeiner Unterthanen ſei⸗ nem Eigenſinne aufgeopfert und ihm allein ſei es zuzumeſſen, daß die Koͤnige und Fuͤrſten ihre Streithaufen nutzlos aus ih⸗ ren Landen herbeigeführt und nun ohne Kampf, ohne Ruhm, ohne Verdienſt und ohne allen Erfolg in die Heimat zurüd- führen müßten ). bauen. Selbſt Königsberg ſoll nach ihm durch Kynſtutte vernichtet und mehre Burgen und Städte ſollen verwuͤſtet worden ſeyn. 1) Pet. Suchenwirt S. 49. Es geht aus vielen Beiſpielen und zunaͤchſt auch aus einer alten Schrift im Fol. Graͤnzbuch p. 124 (im geh. Arch.) hervor, daß man bei Ertheilung der Ritterwürde auf einem ſolchen Kriegszuge darauf eine beſondere Wichtigkeit legte, daß der Ritterſchlag durch den Hochmeiſter oder einen der oberſten Gebieti⸗ ger nicht in Preuſſen ſelbſt, ſondern im heidniſchen Lande geſchah. 2) Schütz I. c. ift hier die wichtigſte Quelle, denn der Auszug von Wigand., den wir haben, iſt hier ſichtbar mangelbaft gegeben, um des Hochmeiſters Schuld an der Verheerung Livlands nicht zu ſtark hervortreten zu laſſen. Pet. Suchenwirt a. a. O. weiß manches von den Ereigniſſen in Litthauen zu erzählen; nach ihm wurde auch der Öfterreicher Leutold von Stadeck damals zum Ritter geſchlagen. 3) Pet. Suchenwirt a. a. O. „Man was mer wenn tzehen tag In der Littaw lande.“ 4) Was die Zeit der Anweſenheit der Könige betrifft, fo ſetzen manche Chroniften, als Detmar B. I. S. 258, Arndt Th. II.
Scanseite 46 · Druckseite 32
32 Geiſtesverwirrung des Hochmeiſters (1344). Aber nicht bloß die fremden Fuͤrſten, auch ſeine eigenen Ordensgebietiger, beſonders die aus Livland, uͤberhaͤuften den Hochmeiſter mit den bitterſten Vorwürfen). Die Sache griff ihm tief ins Gewiſſen und bei ſeiner an ſich ſchon unruhigen und hitzigen Gemuͤthsart ließ ihn das Bewußtſeyn der Ver⸗ ſchuldung alles Ungluͤckes um ſo weniger zu ruhiger Beſinnung uͤber das Zweckmaͤßige ſeines Planes und uͤber das Untaug⸗ liche ſeines Mittels kommen, je allgemeiner in ſeiner Umge⸗ S. 98 u. a. fie ins J. 1345. Erſtens aber iſt uns hier das Zeugniß von Wigand. Marb., der die Ereigniſſe in dem Winter 1343 — 1344 geſchehen läßt, worin ihm auch Schutz p. 71, Dlugoss. p. 1070, An- nal. Oliv. p. 60 u. a. folgen, viel wichtiger, als das jener auslaͤndi⸗ ſchen Quellen; zweitens finden wir den Koͤnig Johann von Boͤhmen im Herbſt und Winter 1343 und 1344 in Deutſchland in ſeinen Ver⸗ haͤltniſſen zu Ludwig IV. viel zu ſehr beſchaͤftigt, als daß er in dieſer Zeit eine Heidenfahrt nach Preuſſen hätte unternehmen koͤnnen; ſ. H. Rebdorf a. 1344. Mannert Ludwig IV. S. 504 ff. Vgl. die Bei⸗ lage Nr. I. zu dieſem Bande. I) Wigund. I. c., die eigentliche Quelle dieſer Nachrichten, aus der auch hier Schutz und Dlugoss. p. 1070 — 1071 ſchöͤpften, ſagt: Ambo Reges Bohemorum et Ungarorum asscribebant culpam Magi- stro, quod cum voluntate talia forent facta, quodque gratis de suis regnis et terris cum aliis venissent et spe frustrati absque bello paganorum secederent et varie detractiones ab eis et aliis nobilibus contra magistrum sunt audite; similiter et fratres sui. In Albert. Argent. Chron. I. c. heißt es: Propter desidiam Magistri de eis (sc. Regibus) diffidentis, cum venissent in terram Lithuaniae et dicere- tur regem Lithuaniae in Prussiam ex alia parte ingressum, reversi sunt et infecto negotio discesserunt. Detmar a. a. O.: Do de brodere van deme dudeſchen hus horden, dat de koninghe unde de heren ſo ſwarliken droghen, dat ere ſware reiſe uppe de heidene ſe ovele was vorſtoret, do ſegheden fe ere unſchult unde worpen fo up eren home⸗ ſter; ebenſo Corner. Chron. I. c., der uͤberdieß noch weiß, daß Magi- ster favebat obsessis in castro et pro eorum redemtione mendacium illud confixerat de hostium ingressu. Kojalowiez p. 309 fagt: Ita Principes a cogitatione belli ad iurgia et contumelias versi aucto- rem belli execrari: Magistrum Prussiae prope ut proditorem tra- etare. Einige ſprechen auch von Briefen, wodurch der Hochmeiſter den Meiſter von Livland vorher ſicher geſtellt habe; die Quelle dieſer An⸗ gabe iſt aber Sim. Grunau Tr. XII. c. 13.
Scanseite 47 · Druckseite 33
Geiſtesverwirrung des Hochmeiſters (1344). 33 bung das Urtheil der Verdammung über ihn ausgeſprochen wurde. Je länger er aber in Zerwuͤrfniß mit ſich ſelbſt über das Geſchehene dachte und ſann, um ſo weniger ward es ihm moͤglich, ſich wieder zu ſammeln und zu faſſen; er verfiel bald in tiefe Schwermuth, die mitunter bis zur Geiſtesverwir⸗ rung ſtieg und zuweilen in foͤrmlichen Wahnſinn ausartete 1). Auf einige Zeit kehrte dann wohl Ruhe und Beſinnung zuruck und man faßte neue Hoffnung zur Wiedergeneſung; ſo zog ſich dieſer Wechſel durch das ganze Jahr 1344 hindurch und es fanden ſich Zeiten ein, in denen der ungluͤckliche Meiſter einige ſeiner Regierungsgeſchaͤfte wieder ſelbſt verwalten konnte. Je oͤfter indeſſen die Geiſtesverwirrung wiederkehrte, um ſo beun⸗ ruhigender wurden ihre Folgen und da er einmal einen Ver⸗ ſuch gegen ſein Leben machte, ſo mußten die Gebietiger auf Mittel denken, einem ſolchen ungluͤcklichen Falle vorzubeugen. Man ordnete ihm einen Diener zu, der beſtaͤndig um ihn ſeyn und ihn uͤberall beobachten und bewachen mußte. Zuweilen zerſtreute ſich der Meiſter durch kleine Reiſen im Lande um⸗ her ), während der Großkomthur und der Ordensmarſchall die Landesverwaltung leiteten, obgleich auch aus dem Jahre 1345 noch Beweiſe vorhanden ſind, daß er hie und da noch ſelbſt 1) Wigund. I. c. bezeugt dieſes mit klaren Worten: Magister Luterus (Ludolfus) audiens huiusmodi mala suis facta, perturbatione motus demens efficitur; und dann: Quare (d. h. wegen der bittern Vorwuͤrfe), desipuit in sermone et defecit in racione, qui pridem alti consilii et profundi sermonis fuerat; und als Urſache führt er an: Lumine racionis fuit privatus, eo quod Curland, Doblen et Mi- tow erant vastata, imo et castra sic dicta ab inimicis victa et sic destitutus a racione ab officio destituitur. Sonderbar ift die Nach⸗ richt bei Kojalowiez p. 305 — 806, Diugoss. p. 1065, Miecho L. IV. c. 23, die auch Raynald. an. 1342 wiederholt, daß der Hochmei⸗ fter im J. 1342 mit der Eroberung der Neumark beſchaͤftigt geweſen ſey, waͤhrend die Litthauer in Preuſſen eingefallen ſeyen und daruͤber der Meiſter wahnſinnig geworden. Die beiden Könige kommen nach dieſen Chroniſten erſt unter dem nachfolgenden Hochmeiſter nach Preuſ⸗ ſen und zwar auf die eifrigen Ermahnungen des Papſtes Clemens VI. 2) Wir finden ihn nach urkunden zu Elbing, Oſterode, Star⸗ gard u. ſ. w. 3
Scanseite 48 · Druckseite 34
34 Geiſtesverwirrung des Hochmeiſters (1344). in den Regierungsgeſchaͤften mit thaͤtig war. Indeſſen betraf ſein Einwirken in die Verwaltung doch meiſt nur Dinge von minderer Bedeutung, denn das Wichtigſte war etwa der Ver⸗ trag des Ordens mit dem Erzbiſchofe Jaroslav von Gneſen uͤber die Entrichtung des Zinſes und des Zehnten von den in der erzbiſchoͤflichen Diöcefe in Pommern liegenden Ordensguͤ⸗ tern, die auf Deutſches Recht ausgethan und bereits im Cul⸗ turſtande waren ). Bei dieſem Wechſel im Gemuͤthszuſtande des Meiſters und in der immer erneuerten Hoffnung feiner völligen Wiedergene⸗ ſung nahm man auch im Sommer des Jahres 1345 noch Anſtand, ihn von ſeinem hohen Amte durch die Wahl eines neuen Oberhauptes zu entfernen, bis er im September eines Tages den ihn begleitenden Diener, der ihn, wie er vorgab, beim Gebete geſtoͤrt hatte, im Zorne mit einem Meſſer erſte⸗ chen wollte und ſtark verwundete 2). Die oberſten Gebietiger traten jetzt zu einer Berathung zuſammen und es ward be⸗ ſchloſſen, den Meiſter ernſtlich zu erſuchen, ſeine Wuͤrde in freiwilliger Entſagung niederzulegen und es ihm frei zu ſtellen, 1) Es ſind nur aͤußerſt wenig Urkunden aus den Jahren 1344 und 1345 übrig. Der Vertrag mit dem Erzbiſchofe von Gneſen, dat.: in Marienburg in die beati Briceii Episcopi (13. Nov.) 1344 Schiebl. 75. Nr. 27, das Original der vom Erzbiſchofe ausgefertigten Urkunde, dat.: Lanchitie in crastino b. apost. Symonis et Jude 1344 Schiebl. 75. Nr. 25 a). Der Hauptpunkt des Vertrages war, daß von allen Ordensguͤtern in Pommern in der Diöcefe von Gneſen, die auf Jus Theutonicale ausgethan und im Culturſtande ſeyen (ad cul- turam jam redacta), die Beſitzer von jeder Zinshube (mansus censua- lis) dem Erzbiſchofe und deſſen Nachfolgern zwei Skot Preuſſ. De⸗ nare als Zehnten (nomine decime) von der Zeit an geben ſollten, als der Orden angefangen, in jenen Guͤtern ſeinen Zins zu erheben. — Faſt alle andern Urkunden aus dieſen Jahren betreffen nur Guͤter⸗ verleihungen und ſelbſt von dieſen ſind aus dem J. 1345 nur einige vorhanden. 2) Nach den Annal. Oliv. p. 61 war der Diener ſelbſt zum Theil Schuld daran, weil er den Meiſter curiosius custodire volens, sae- pius in mane vel in vespere, cum esset in orationibus suis, im- pedivit.
Scanseite 49 · Druckseite 35
Geiſtesverwirrung des Hochmeiſters (1344). 35 ein anderes, weniger wichtiges Amt zu waͤhlen, ſofern er es wuͤnſche n). Man fand ihn bereitwilliger, als man vielleicht vermuthet hatte; denn er erklärte alsbald, feiner Meiſterwuͤrde entſagen und dafür das Komthuramt zu Engelsberg im Kul⸗ merlande übernehmen zu wollen. Man übertrug die einſtwei⸗ lige Landesverwaltung dem vormaligen Ordensmarſchall Hein⸗ rich Duſmer von Arffberg?) als Stellvertreter des Hochmei⸗ ſters und lud ſofort die beiden Meiſter und oberſten Gebieti⸗ ger in Deutſchland und Livland zu einer neuen Meiſterwahl nach Marienburg ein °). Ehe jedoch das Wahlkapitel noch zuſammenkam, ſtuͤrmten in den erſten Tagen des Novembers die Fuͤrſten Olgjerd und Kynſtutte plotzlich und unvermuthet mit einer anſehnlichen Rei⸗ terſchaar durch Sudauen ins Land herein bis Raſtenburg, uͤber⸗ fielen die Stadt, hauten fuͤnfundvierzig Maͤnner in Stuͤcken vor den Thoren nieder, ſteckten alles in Brand und fuͤhrten 1) Wigand. I. c. Tandem motus in ira cultro vulneravit ser- vum, unde preceptores petierunt eum propter deum, ut officio re- nunciaret et ut consilia daret pro alio utili eligendo, forte dono dei possens sensus et rationem recuperare. 2) Es iſt unrichtig, wenn in neuſten Zeiten behauptet worden ift, daß Heinrich Duſmer von Arffberg das Marſchallamt bis zum 13. De⸗ cemb. 1345 verwaltet habe. So genau dieſe Angabe ausſieht, ſo be⸗ weiſen doch ſorgſamere Unterſuchungen, daß man einen Ordensmarſchall Hako, der das Amt im J. 1339 — 1342 verſah (wie eine Originalur⸗ kunde, dat.: in castro Kungisberg sexta feria post diem b. Luce ewang. 1340 im Archiv des Domkapitels zu Frauenburg L. Nr. 52 und in Abſchrift in den Handfeſt. des Biſth. Samland p. XLVI. aus⸗ weiſt), gar nicht kannte und daß Winrich von Kniprode ſeit dem J. 1343 ſchon Ordensmarſchall war; in der Anm. 1. S. 34 erwaͤhnten Ori⸗ ginalurk. kommt er als ſolcher im J. 1344 vor; cbenfo in andern in Samländ. Handfeſt. p. 128, 150 und Handfeſt. der Freien in Sam⸗ land p 145 im J. 1345. Aber ſchon eine Originalurkunde vom 7. Sept. 1343 nennt ihn als Marſchall. 8 3) Dieſe Darſtellung ftüst ſich vorzüglich auf das Zeugniß des Mig and. p. 284 und der Annal. Oliv. p. 61. Da aber andere Quel⸗ len in Rückſicht der Abdankung dieſes Hochmeiſters abweichen, fo folgt cine nähere Grörterung der Sache in der Beilage Nr. = 3
Scanseite 50 · Druckseite 36
36 Wahl des Hochm. Heinrich Dufmer von Arffberg (1345). die ſaͤmmtlichen Übrigen Bewohner, Männer, Frauen und Kin⸗ der in die Sklaverei mit fort. In wenigen Stunden war der Graͤuel vollbracht und Raſtenburg zu einem Steinhaufen ge⸗ worden. Der wilde Feind eilte ohne weiteres in ſein Land zuruck), um von dort ſogleich feine Waffen gegen die Ruſ⸗ fen zu wenden und an Novgorod Rache zu nehmen, weil man in dieſer Stadt den Fuͤrſten Olgjerd oͤffentlich einen Hund ge⸗ nannt ?). Als hierauf die fremden Ordensgebietiger auf dem Haupt⸗ hauſe Marienburg angelangt waren, ward am dreizehnten De⸗ cember das Wahlkapitel verſammelt. Es war dießmal ein eigener Fall, wie er ſich in der Geſchichte des Ordens noch nie ereignet. Zuerſt erſchien im Kapitel der bisherige Hoch⸗ meiſter ſelbſt, um feine frühere Erklärung oͤffentlich vor allen verſammelten Gebietigern zu wiederholen, denn es konnte nach Herkommen und Geſetz kein Schritt zu einer neuen Meiſter⸗ wahl geſchehen, als bis ein noch lebender Meiſter im vollen Ordenskapitel entweder auf des Kapitels Beſchluß ſeines Am⸗ tes entſetzt war oder ſelbſt darauf Verzicht geleiſtet hatte. Lu⸗ dolf Koͤnig legte es jetzt in offener Verſammlung freiwillig nie⸗ der, wohl erkennend, daß dieſe ſeine Entſagung nur zum Heile des Ordens dienen koͤnne, und nun erfolgte alsbald auch die neue Meiſterwahl, welche einſtimmig auf den bisherigen Stell⸗ vertreter des Hochmeiſters, Heinrich Duſmer von Arffberg fiel ). „I) Migand. 1. c. fest dieſe Zerftörung Raſtenburgs auf feria quinta in ebdomada animarum. 2) Karam ſin B. IV. S. 218. 3) über die Zeit der Amtsentſagung Ludolfs heißt es bei Wi- gand.: Frater Luterus Rex licentiam petivit et absolutionem de of- ficio magisterii et obtinuit in die Exaltacionis sancte crucis. Dieſe Angabe bezieht ſich wohl offenbar auf die erſte Entſagung, die in dem gewoͤhnlich an dieſem Tage gehaltenen Kapitel, alſo ſchon am 14. Septemb. geſchah. Das Wahlkapitel zu Marienburg fiel dagegen, wie Wigand. ſelbſt angiebt, auf den Tag der heil. Lucia, d. h. 18. De⸗ cemb., wie auch das Verzeichniß bei Lindenblatt S. 362, Schütz p. 71, Lucas David B. VII. S. 2. u. a. beftätigen. Daß Ludol⸗ fen in einem am 8. Decemb. gehaltenen Ordenskapitel die Meiſterwuͤrde
Scanseite 51 · Druckseite 37
Wahl des Hochm. Heinrich Duſmer von Arffberg (1345). 37 Dem alten Meiſter, deſſen Schickſal im ganzen Lande großes Mitleid erregte), wurde das Ordenshaus Engelsberg als Komthur förmlich übergeben und er verwaltete dieſes Amt, in ſtiller Ruhe ſich mehr und mehr wieder erholend und zuletzt von feinem Übel ganz befreit), noch einige Jahre hindurch, bis er im Jahre 1348 auf dieſer Burg ſtarb und in der Ka⸗ thedrale zu Marienwerder begraben ward ). Unter ſo gefahrdrohenden Zeiten, wie ſie jetzt bei dem kriegeriſchen und raubſuͤchtigen Geiſte der jungen Beherrſcher Litthauens dem Ordensſtaate bevorſtanden, konnte die neue Meiſterwahl kaum glücklicher und ſchwerlich auf einen andern, als auf Heinrich Duſmer von Arffberg fallen, denn ſeit Jah⸗ wieder angeboten worden ſey, er ſie aber abgelehnt habe, iſt eine Nach⸗ richt, welche Hennig bei Lucas David a. a. O. aus Simon Grunau Tr. XII. c. 14. entnommen und ohne Pruͤfung hingeſchrie⸗ ben hat. über Ludolfs freiwillige Entſagung ſagen die Annal. Oliv. p. 62: In capitulo praedictus Magister cessit voluntarie et insignia Magisterii libens resignavit et tunc electus fuit fr. Henricus Tusmer concorditer in Magistrum. Nach Detmar B. I. S. 258 und 41 bert. Argent. Chron. I. c. wäre Ludolf feines Amtes entſetzt worden, denn bei letzterem heißt es: Ob desidiam deposito Magistro, alter vi- rilis est substitutus. De Wal T. III. p. 297 Yäugnet zwar, daß Heinrich Duſmer Stellvertreter des Hochmeiſters geweſen ſey; allein Wigand. fagt von ihm ausdruͤcklich: qui locum magistri tenuit. 1) Ordenschron. bei Matthaeus p. 779. 2) Dieß bezeugen Wigand. I. c. und die Annal. Oliv. I. c. 3) Wigand. I. c. ſagt: sepultus est in Marienburg und die Or⸗ denschron. bei Maithaeus a. a. O. ſtimmt damit überein. Wir wuͤr⸗ den dieſe Angabe fuͤr unbedenklich richtig halten, wenn nicht nur an⸗ dere Quellen, z. B. Schütz p. 71 Marienwerder als den Begraͤbniß⸗ ort nennten, ſondern auch Kaspar Stein nach den Act. Boruss. B. I. S. 224 feinen Begraͤbnißſtein dort noch geſehen haben will. Nach der Angabe dieſes Letztern ſtarb Ludolf im J. 1348, welches durch Urkun⸗ den inſofern beſtätigt wird, als er am 5. Jun. 1347 noch als Kom⸗ thur von Engelsberg mit auf einem Generalkapitel zu Marienburg er⸗ ccheint, im J. 1349 aber Sander (Alexander) von Kornre als Kom: hur jenes Hauſes vorkommt.
Scanseite 52 · Druckseite 38
38 Heinrich Duſmer von Arffberg Hochmeiſter (1345). ren hatte er ſich im Kampfe gegen die nachbarlichen Heiden durch Muth und Tapferkeit, wie durch Kriegserfahrung vor allen hervorgethan und an ritterlichem Geiſte und Adel der Geſin⸗ nung war er von keinem uͤbertroffen !). Aus einem adeligen Geſchlechte Pommerns ſtammend, welches unter den abwech⸗ ſelnden Namen Duſmer, Duſemer, Duſmar und Teſmar dort noch in ſpaͤterer Zeit bluͤhete, oder wie andere wollen aus Schwaben gebürtig?), war er, wie es ſcheint, frühzeitig in den Orden eingetreten. Er trug den Ordensmantel ſchon uͤber zwanzig Jahre, denn ſchon vor dem Jahre 1327 hatte er eine geraume Zeit als Conventsbruder in Königsberg gelebt ), als ihm der damalige Hochmeiſter das Pflegeramt zu Tapiau anvertraute. Er verwaltete es zu ſolcher Zufriedenheit der oberſten Gebietiger, daß man ihm einige Jahre ſpaͤter zuerſt das Komthuramt zu Ragnit und dann die ſchwierigere Ver⸗ waltung der Ordensvogtei in Samland uͤbertrug und auch in dieſem Wirkungskreiſe zeugen von ſeiner eifrigen Thaͤtigkeit be⸗ ſonders in Ruͤckſicht ſeiner Sorgfalt fuͤr die Cultur des Lan⸗ des noch zahlreiche Beweiſe vorzuͤglich aus den Jahren 1333 und 1334). Hierauf bekleidete er ein Jahr lang das wich: 1) Wigand, I. c. Annal. Oliv. I. c. Contra Lithwinos semper ſuit pugnator strenuus et virilis. 2) Gewoͤhnlich wird Pommern als ſein Geburtsland genannt und eine Pommeriſche Familie Tesmar kommt auch vor; ſ. Hell bach Adelslexicon B. II. S. 575. Dieſe Abſtammung iſt jedoch noch etwas zweifelhaft, weil ihn manche Quellen, als Albert. Argent. Chron. p. 144, Chron. German. ap. Pistor. T. II. p. 891 einen Suevus nennen. Die Schreibart feines Namens wechſelt ſehr; die Ordens⸗ chron. bei Matih. p. 779 nennt ihn Deſmeer; Wigand. ſchreibt Du⸗ ſemer und dieſer Schreibart folgten wir B. IV. S. 523. In den von ihm ausgeſtellten Urkunden wird ſein Name bald Duſmer oder Tuſmer, bald Tuſemer geſchricben, jenes am oͤfterſten. Der Name Arffberg ſteht nur ſelten dabei. 3) Schon im J. 1318 finden wir ihn als Conventsbruder in Labiau. 4) Nach Schütz p. 43 ſoll dieſer Duſmer im J. 1332 auch Bern⸗ ſteinmeiſter in Lochftätt geweſen ſeyn (denn ſtatt Hermann müßte es bei ihm Heinrich heißen). Es wird von ihm berichtet, daß er als ſol
Scanseite 53 · Druckseite 39
Heinrich Duſmer von Arffberg Hochmeiſter (1345). 39 tige Komthuramt von Brandenburg, wo er ſich im Kriegs⸗ weſen fo ausgebildet und in den Kaͤmpfen mit den Litthauern ſtets ſo entſchloſſen und tapfer bewieſen, daß ihn Dieterich von Altenburg bei ſeiner Meiſterwahl mit der Wuͤrde des ober⸗ ſten Ordensmarſchalls ſchmuͤckte, die er zugleich mit dem Kom⸗ thuramte zu Koͤnigsberg bis ins Jahr 1339 verwaltete ). Bei der drohenden Stellung aber, welche damals Polen noch ge⸗ gen den Orden hatte, uͤbertrug ihm der Hochmeiſter das Kom⸗ thuramt des Ordenshauſes Strasburg, von wo ihn der letzte Meiſter, wie wir ſahen, nach Livland entſandte, um dort den Aufruhr des Eſthlaͤndiſchen Volkes mit daͤmpfen zu helfen. Es lag demnach eine reiche Erfahrung wie in Verhaͤltniſſen fried⸗ licher Verwaltung, ſo in Dingen des Krieges vor ſeinem Geiſte, als ihm die oberſten Gebietiger in Anerkennung ſeiner Ver⸗ dienſte und ritterlichen Tugenden die Meiſterwuͤrde zuerkannten. In Litthauen hatte mittlerweile eine Veraͤnderung in der Herrſchaft des Landes die Gefahr fuͤr Preuſſen von neuem geſteigert. Fuͤrſt Olgjerd, von unerfättlicher Herrſchluſt getrie⸗ cher in dieſem Jahre ein anſehnliches Stuͤck ſehr weichen und aus der Erde gegrabenen Bernſteins erhalten und, um zu verſuchen, ob das Seewaſſer den Bernſtein fo ſtark verhärte, einen Zettel mit den Wor⸗ ten in die weiche Maſſe eingeſchloſſen und in die See geworfen habe: „Anno 1332 Ich Bruder H. von Arfberg Boͤrnſtein Herr auf Loch⸗ ſtetten hab um Erfahrung willen dieſen Brief vermachet in ein Stuͤck dieſer Materien, die man in Sandbergen gefunden, ob der Boͤrnſtein daraus wuͤrde.“ Dieſe Maſſe habe man nachmals im J. 1498 wieder aufgefunden. — Die Erzaͤhlung lautet an ſich ſchon etwas fabelhaft; die Sprache und Schreibart, ſowie der Name Hermann von Arffen⸗ berg, den ſich Heinrich Duſmer gegeben haben ſoll, machen ſie noch verdaͤchtiger, und was ihr faſt allen Glauben nimmt, iſt der umſtand, daß Schütz fie ohne Zweifel aus Simon Grunau Tr. I. c. 5 ent⸗ lehnt hat. 1) Diefe Angaben über den Amterwechſel Heinrich Duſmers ftügen ſich auf Urkunden. Verſchreibungen in den Handfeſt. der Freien von Samland p. 130, 205, 221 und 248 nennen ihn in den 3. 1333 — 1334 als Vogt von Samland; zu Ende Nov. 1334 kommt er aber ſchon als Komthur von Brandenburg vor. In einer Urkunde vom J. 1329 wird feiner als Komtbur in Ragnit erwähnt.
Scanseite 54 · Druckseite 40
40 Kriegszuͤge nach Litthauen (1335). ben, trat mit feinem Bruder Kynſtutte in ein enges Buͤndniß, um das in fo viele Theile zerſtuͤckelte Land mehr zu einem Ganzen zu vereinen und ſomit ihre Macht nach außenhin un⸗ gleich mehr zu befeſtigen. Es gelang ihnen, ihren aͤltern Bru⸗ der Jawnut aus Wilna und ſeinen uͤbrigen Beſitzungen zu vertreiben; er mußte nach Smolensk entfliehen, ſowie ein an⸗ derer Bruder Narimant ſeiner Herrſchaft uͤber Pinsk beraubt feine Zuflucht zum ZTatar= Chan nehmen mußte. Seitdem ſtand Olgjerd, mit ſeinem Bruder Kynſtutte vereint, in ſeiner Ober⸗ gewalt uͤber die andern Bruͤder faſt als Alleinherrſcher uͤber ganz Litthauen da, fuͤr die nahen Ordenslande aber auch um fo furchtbarer !). Der neue Hochmeiſter uͤbernahm jedoch feine Wuͤrde mit dem feſten Entſchluſſe, alle Kraͤfte und Mittel ſei⸗ nes Landes aufzubieten, die wachſende Macht der Litthauiſchen Fuͤrſten niederzudruͤcken, das Ordensgebiet gegen die unſeligen Raub⸗ und Verheerungszuͤge des heidniſchen Nachbarvolkes ſicherer zu ſtellen und es von dem faſt jährlich wiederkehren⸗ den Unglück der Auspluͤnderung und Entvölferung zu befreien. Sein erſter Befehl war daher die Errichtung einer neuen Or⸗ densburg am Piſſa⸗Fluſſe im ſuͤdlichen Sudauen vor der Ga⸗ lindiſchen Wildniß, weil wahrſcheinlich von jener unbewehrten und wenlg geſchuͤtzten Gegend her der Feind zum letztenmal gegen Raſtenburg herauf ins Land eingedrungen war. Die Burg ward mit aller Eile erbaut, ſtark befeſtigt und vom Hochmeiſter die Johannisburg genannt ). Es war aber in dem erwaͤhnten Wahlkapitel an die Stelle Burchards von Dreyleben, der ſeinem Meiſteramte in Livland 1) Nach dem oben erwähnten Berichte im Fol. F. p. 22, wo die Verraͤtherei der beiden Brüder Olgjerd und Kynſtutte genauer erzählt wird; Karamſin B. IV. S. 218. 2) Die Erbauung der Johannisburg wird ron Wigand. I. c., wo es heißt: Ad profectum patrie fr. H. Dusemer Magister fecit edificare Castrum Johannis supra flumen Pisse dietum, zu beſtimmt in den Anfang der Regierung dieſes Meiſters geſetzt, als daß auf die Angaben juͤngerer Chroniſten, die ſie wie Henneberger p. 162 im J. 1268 erfolgen laſſen, viel Gewicht zu legen wäre.
Scanseite 55 · Druckseite 41
Kriegszüge nach Litthauen (1345). 41 entſagt und das Komthuramt von Strasburg uͤbernommen hatte, als neuer Meiſter von Livland Goswin von Herike er⸗ nannt worden!) und mit dieſem verabredete der Hochmeiſter noch im Winter dieſes Jahres eine Heerfahrt ins feindliche Gebiet. Nachdem man ſich in beiden Landen geruͤſtet und die Streitmacht aus Preuſſen mit der des Livlaͤndiſchen Meiſters vor der Burg Memel ſich vereinigt hatte, brach ſie in Sa⸗ maiten ein, drang bis in die Gegend von Oukaym oder Au⸗ ken vor und verheerte dort alles in gewohnter Weiſe. Ein anderer bald wiederholter Einfall ins Gebiet von Germedien hatte den naͤmlichen Erfolg. Da es jedoch ſchon herkoͤmmliche Ordnung geworden war, das Schwert gewoͤhnlich nur zwei⸗ mal im Winter in ſolchen Kriegsreiſen ins heidniſche Land zu tragen 2), fo ruhte nun der Krieg für dieſes Jahr), zumal 1) Die Nachricht bei Arndt Th. II. S. 99, De Wal T. III. p. 326, Bachem S. 39 u. a., daß Goswin von Herike erſt im J. 1347 ins Meiſteramt getreten ſey, iſt unrichtig, denn Wigand. I. c. ſagt beſtimmt: Anno 1345 in die Lucie et in eodem capitulo lecta fuit cedula, quomodo fr. Goswinus de Herike deberet esse Magister in Lyvonia und dieſe Angabe beftätigt ſich auch dadurch, daß wir um Himmelfahrt 1346 feinen Vorgänger Burchard von Dreyleben in Ur⸗ kunden ſchon als Komthur von Strasburg finden, denn es iſt ebenfalls unrichtig, daß dieſer ſchon im J. 1346 geſtorben ſey, da ſeiner ſogar noch im J. 1366 als olim preceptor Lyvonie in Urkunden erwähnt wird; ſ. das Buch Rigaiſ. Handlung p. 92 im geh. Arch. 2) So Wigand. I. c. Nec plures consueverunt in hyeme ser- vare reysas, quam 2. (Davon bald das Nähere.) Oukaym wird bei Wigand. ſchon Auken genannt; ſ. oben B. IV. S. 19. Die Nach⸗ richt bei Henneberger p. 289, daß der Meiſter im erſten Angriffe auf die Samaiten bedeutende Verluſte erlitten, dann viele der Feinde erſchlagen und eine Anzahl Chriſten aus Livland befreit habe, iſt aus Simon Grun au Tr. XII. c. 13 und nicht weiter verbuͤrgt. Ko- Jaloricz p. 310 ſpricht ebenfalls von einem erfolgloſen Einfalle in Samaiten in Anweſenheit eines Marchio Flandriae. 3) Von einem foͤrmlichen Waffenſtillſtande des Ordens mit den Litthauern, deſſen Pauli B. IV. S. 200 erwähnt, kann, wenn man den Charakter dieſes Krieges kennt, nicht die Rede ſeyn, denn der Kampf hörte jeder Zeit nur fo lange auf, als man ihn nicht fortfuͤh⸗ ren mochte oder konnte. Ebenſo iſt die Nachricht von der Tributpflich⸗
Scanseite 56 · Druckseite 42
42 Bemühungen für Landescultur (1345). da den Hochmeiſter bald wichtige Angelegenheiten des Landes und des Ordens beſchaͤftigten. Vor allem wandte er ſeine Thaͤtigkeit und ſeinen Eifer der Cultur des Landes, dem Wohlſtande und der Beguͤnſti⸗ gung des Landvolkes zu. In der That begann auch unter dieſes Meiſters Waltung fuͤr das innere Volksleben recht ei⸗ gentlich die Zeit eines neuen Aufſchwunges und einer friſche⸗ ren Bluͤthe. Eine reiche Zahl neuer Doͤrfer hob ſich wie in den Ordensgebieten, ſo in den Biſchofstheilen von Jahr zu Jahr jugendlich regſam empor!) und keine Klaſſe der Land⸗ bewohner blieb unbeachtet bei den Beguͤnſtigungen und Ver⸗ gabungen, die der Meiſter ſo reichlich ſpendete. Auch jetzt war der alte, getreue Withingsſtamm mit ſeinen Verdienſten um den Orden noch keineswegs vergeſſen; man belohnte auch jetzt noch an Soͤhnen und Enkeln die Treue und Ergebenheit, welche die Vaͤter dem Orden in fruͤhern Tagen der Gefahr bewieſen 2), und es breitete ſich daher die Klaſſe dieſer Wi⸗ thinge nun auch weiter in Preuſſen aus, beſonders uͤber Na⸗ tangen und in die Gebiete von Chriſtburg hin). Wie man ſchon laͤngſt darauf bedacht geweſen, ihr Leben und ihre Si⸗ tigkeit der Litthauer gegen den Orden ſowohl unter dieſem, als dem vorigen Hochmeiſter aus Simon Grunau Tr. XII. c. 13 — 14 in die ſpaͤteren Chroniſten übergegangen und völlig grundlos. 1) Beſonders zahlreich ſind von dieſem Hochmeiſter die Verleihun⸗ gen von laͤndlichem Beſitze zur Anlegung oder beſſeren Beſetzung neuer Dörfer in den J. 1346 und 1347. Sie befinden ſich meiſt im Fol. Privilegien vom Stifte Samland. 2) Es heißt z. B. noch in einer Verſchreibungsurkunde dieſer Zeit fuͤr den Withing Senkete im Gebiete von Medenau in Samland: At- tendentes fidem puram multaque grata et utilia fidelitatis obsequia nobis et Ecclesie nostre ac christianitati per Predessen et eius pro- genitores nobiles feodales Eoclesie a primeva conversione et loca- tione terre diligenter inpensa, Senketen filio eiusdem Predessen le- gitimo et Clare eius legitime coniugi ac eorum heredibus legitimis utriusque sexus — donamus in campo Palabiten nominato in terri- torio nostro Medenow undecim iugera terre arabilis bonis suis pa- ternis adiacentia sita; Matric. Fischhus. p. LXI. 3) ©. Chriſtburg. Verſchreibungsbuch Nr. 10. p. 84.
Scanseite 57 · Druckseite 43
Bemühungen für Landescultur (1345). 43 cherheit auf alle Weiſe zu ſchuͤtzen, fo wurde jetzt ein auf das Leben der Withinge und Freilehensleute feſtgeſetztes Wehrgeld eine faſt ganz allgemeine Landesſache, ſo daß es aus dieſen Klaſſen von Landbewohnern ſchon faſt keinen mehr gab, der ſich dieſes Wehrgeld⸗Rechtes oder, wie man es auch nannte, des „Preuſſiſchen Rechtes“ nicht zu erfreuen gehabt hätte). Um des Landes Bevoͤlkerung zu vermehren, feſſelte man jetzt auch gerne gefluͤchtete Litthauer, die ſich zum chriſtlichen Glauben gewandt, durch Verleihungen von laͤndlichem Beſitze an das Gebiet des Ordens, und die Faͤlle ſolcher Art waren beſon⸗ ders in dieſen Jahren haͤufiger als je zuvor ?). Manches ges ſchah auch zur Befoͤrderung der Viehzucht im Lande und vor⸗ züglich war es die Schafzucht, welche der Hochmeiſter durch Beguͤnſtigungen zu heben ſuchte, fo daß es ſchon jetzt hie und da Beſitzer gab, welche Heerden von ſechs- bis achthundert Schafen zur Weide trieben >). Auch die Staͤdte des Landes bluͤhten unter den Begna⸗ digungen und Beguͤnſtigungen, die man ihnen zuwandte, an Wohlſtand und aͤußerem Glanze ſowohl in den Ordensgebie⸗ ten als in den bifchöflichen Landen von Jahr zu Jahr mehr empor. So war ſchon ſeit drei Jahren der Biſchof Berthold von Pomeſanien eifrigſt bemuͤht, Marienwerder vorzuͤglich durch den praͤchtigeren Ausbau und Schmuck der dortigen Kathe⸗ 1) Vgl. oben B. IV. S. 597 — 598. In Pommern, wo dieſer Hochmeiſter ebenfalls viele Guͤter austhat, kommt das Wehrgeld nur aͤußerſt ſelten vor und ein Fall, wobei es in einer Handfeſte vom J. 1349 heißt: Ouch geſchege, das ymant dy vorgeſchreben Gelunen und Joduten (wahrſcheinlich Preuſſen) adir iren erben keyne (d. h. irgend einen) irſluge, dar ſal beſtanden ſyn XL marg wergeldis — verdient mehr nur als Ausnahme und Abweichung bemerkt zu werden. 2) Die Beweiſe hierüber im Fol. Privil. vom Stifte Samland. 3) So verleiht der Meiſter, um nur Ein Beifpiel anzuführen, dem Thorner Bürger Heinrich von Limburg eine Beſitzung von 10 Hu⸗ ben mit der Verpflichtung, eine Schäferei von 300 alten Schafen und eben fo viel Laͤmmern darauf zu haltens Fol. Privileg. vom Stifte Saml. p. 229. über die Schafzucht in Preuſſen in der Geſchichte der nachfolgenden Hochmeiſter noch einiges mehr.
Scanseite 58 · Druckseite 44
44 Bemühungen für Landescultur (1345—1346). drale zu verſchoͤnern, denn wie fie an kirchlicher Wuͤrde und Wichtigkeit hoch uͤber allen Kirchen des Biſthums daſtand, ſo ſollte ſie an aͤußerem Glanze und in Erhabenheit ihres Baues billig alle uͤberſtrahlen, und fo erhob ſich damals der ehrwuͤr⸗ dige Dom dieſer Stadt in der Großartigkeit und ernſten Ho⸗ heit, in welcher er bis dieſen Tag noch das Auge auf ſich zieht. Er erſtand aber damals in ſeiner Pracht nicht ohne manches große Opfer, welches ihm der Biſchof und deſſen Kapitel darbrachten, und nicht ohne viele fromme Gaben und reiche Spenden, die ihm von frommen Gemüthern zugewieſen wurden ). Unter des Landes übrigen Städten wurde außer Elbing, deren Neuſtadt eine betraͤchtliche Erweiterung ihres Stadtgebietes mit Luͤbeckiſchem Rechte erhielt ?), vorzuͤglich Thorn in dieſen Jahren ſehr beguͤnſtigt. Der Handel dieſer Stadt, insbeſondere der Tuchhandel war jetzt in großer Bluͤthe und ſeit dem Friedensſchluſſe mit Polen eroͤffnete ſich ihm in dieſes Reich wiederum ein neuer Weg, denn Koͤnig Kaſimir verlieh den Thornern für alle ihre Kaufwaaren und nament⸗ 1) Originalurkunde, dat.: a. d. 1343 in die b. Johannis apostoli et ewang. im geh. Arch. Schiebl. XXII. Nr. 10, in einer alten Co⸗ pie im Buche: Privileg. Capituli Pomesan. p. VI. Der Erzbiſchof nennt die Kirche, wie ſie bis jetzt dageſtanden habe, humilis, ruinosa et penitus indecens ecelesie cathedralis fabrica und ſagt dann: Ideo de concordi tocius capituli nostri consilio et voluntate pro eo, quod prelibata ecclesie nostre fabrica erigenda de novo solempniter instaure- tur, et instaurata et erecta sublimius pre ceteris eidem subiectis eccle- siis, quas sicut dignitatis honore excellencioris preeminet, ita eminen- cioris preciositate structure sublimior et gloriosior eisdem ecclesiis iugiter favente domino conservetur. Er verſchreibt dann der Kirche zu dieſem Behufe das bifchöfliche Dorf Walthersdorf und fügt hinzu: Hanc paginam propriis manibus cum quadam pecia terre de bonis seu fundo dicte ville nobis allata in signum tradite ac translate possessionis ipsius super venerandum altare b. Johannis apost. et evangel. ponendam dignum duximus, Es erfolgten hierauf manche fromme Gaben an die Kirche, deren Werth der Biſchof ſehr erhob. Vgl. Privileg. Capituli Pomesan. p. VII. 2) Urkunde im Rathsarchiv zu Elbing und im geh. Arch. Fol. Privileg. des Stifts Samland p. 229.
Scanseite 59 · Druckseite 45
Bemühungen für Landescultur (1345— 1346). 45 lich für ihren Tuchhandel freien Markt in feinem ganzen Lande, verfprach ihnen volle Sicherheit, behielt ſich zwar den Vorkauf vor, ſtellte es aber im Falle, daß man ſich bei dieſem Vor⸗ kaufe nicht vereinigen koͤnne, den Kaufleuten voͤllig frei, die eingebrachten Waaren zu verkaufen, an wen und wo ſie woll⸗ ten). Außer manchen Beguͤnſtigungen, welche vorzüglich die Befoͤrderung des Handelsbetriebes der Alt⸗ und Neuſtadt Thorn betrafen 2), ward ihr insbeſondere in Anerkennung ihrer dem Orden vielfach geleiſteten Dienſte auch die hohe und niedere Gerichtsbarkeit binnen ihren Stadtgraͤnzen und auf ihrer Frei⸗ heit verliehen mit Beſtimmung der Faͤlle, in welchen forthin das ſtaͤdtiſche Gericht und in welchen dagegen der Landrichter und der Komthur des Ordenshauſes zu richten habe). Wie in Thorn, ſo ſcheint der Hochmeiſter auch in mehren andern Staͤdten auf das Gerichtsweſen ſeine beſondere Aufmerkſam⸗ keit gerichtet zu haben und gewiß nicht ohne wichtige Gründe. Es ſind uns Zeugniſſe zugekommen, nach welchen die Roh⸗ heit der Zeit ſich nur allzu oft in den ſchwerſten Verbrechen und im ungezügeltſten Ausbruche der Leidenſchaft an den Tag legte. So wurden zum Beiſpiel vor dem einzigen Stadtge⸗ richte zu Kulm in manchen Jahren 16, 18 bis 22 und 24 Faͤlle von Todtſchlag, Mord, ſchweren Verwundungen u. dgl. gerichtet und die Verbrecher geaͤchtet oder am Leben beſtraft. Im J. 1344 kamen vor dieſem Gerichte allein vier in der 1) Originalurkunde, bat.: Cracovie feria III. infra octavas Ascension, düi. a. d. 1545 im Rathsarchiv zu Thorn Cist. VII. Nr. 25; vgl. Zernecke Thorn. Chronica S. 20. D So ertheilt der Hochmeiſter im J. 1347 der Neuſtadt Thorn das Recht, ein Kaufhaus zu erbauen; ſ. Privileg. des Stifts Saml. P. 229. Der Altſtadt Thorn erleichterte er im nämlichen Jahre ihre Abgaben für ihr Kaufhaus, ihre Krambuden, Fleiſch⸗ und Brotbäͤnke, ſowie ihre Hofzinſen durch Einzahlung einer jährlichen Geſammtſumme von 3 Mark Pfennige weniger einen Vierdung an das Ordenshaus zu Thorn; ebendaſ. 8) Originalurkunde, dat.: Marienburg 1346 am Tage S. Michae⸗ lis im RNathsarchiv zu Thorn Cist. I. Nr. 2, eine alte Copie auf Pergament im geh. Arch. Schiebl. XXI. Nr. 2.
Scanseite 60 · Druckseite 46
46 Bemühungen für Landescultur (1345— 1346). Stadt begangene Mordthaten, im Jahre 1345 ſechs, im Jahre 1346 acht und ſpaͤterhin im Jahre 1377 ſogar ſechzehn zur Unterſuchung und Beſtrafung; und außer dieſen Verbrechen war auch Hausfriedensbruch, Verſtuͤmmeiung der Glieder und Straßenraub ſehr haͤufig, ſelbſt Nothzucht, Entmannung und Zauberei gehoͤrten unter die nicht gar ſelten vorkommenden Straffaͤlle!). Um fo nothwendiger wurde überall auch eine beſſere Einrichtung und Anordnung im Gerichtsweſen; jedoch waren nicht alle Städte wie Thorn, Kulm u. a. in diefer Hin⸗ ſicht auf gleiche Weiſe bevorrechtet, denn in der Neuſtadt El⸗ bing z. B. behielt ſich der Orden die Gerichte ausdrücklich vor und beſonders uͤbte er wie hier ſo uͤberall das Gericht uͤber Preuſſen und Polen ganz ausſchließlich 2). Gleiche Sorgfalt widmete der Meiſter auch den innern Verhaͤltniſſen Pommerns. Auch dort war er bemüht, durch Vermehrung der Zahl der Grundbeſitzer den beſſern Anbau des Landes aufs moͤglichſte zu foͤrdern und durch mancherlei Begünftigungen unter den Landbewohnern lebensfreudigen Muth 1) Das Nähere hierüber liefert ein Liber proscriptorum über die in Kulm verhandelten Criminalfaͤlle in einem Folianten im geh. Arch., vom J. 1340 an alle Straffaͤlle jedes Jahres mit Angabe der began⸗ genen Verbrechen enthaltend. Die Zahl der proscripti pro homicidio und pro vulneribus (die ihrer Zahl nach immer angegeben werden) iſt immer die ſtaͤrkſte; dann ſehr häufig die proscripti pro fractura pacis domesticae oder hussuche und heymsuche; oft auch die proseripti pro adiutorio homicidii oder pro velleist (auch volleist) homicidii, pro insidiis viarum, pro clauditate, auch hie und da Fälle pro de- floratione virginis, pro noitzucht, pro quadam violentia in quadam virgine; zuweilen auch proscripti pro incantatione, pro amputatione nasi, oder pro spolio unius annuli, pro furto palii etc. Einmal heißt es: Pro homicidio Tilo Colonus in palude interfectus. 2) Es heißt daher in dem ſchon erwähnten Privilegium für die Neuſtadt Elbing: Wir geben en alle den genys, den ſi in derſelben Stat haben und noch gemachen mogin und uff irre vriheit, usgenomen ſundirlichin das gerichte beyde gros und cleyne, was wir tun oder la⸗ fin, das fi des gevolgic fin, usneme wir ouch di Polen und di Pru- ſin, di wir ſundirlichin uns behaldin zu richtin, wen wir ſi von al⸗ dir gerichtet habin.
Scanseite 61 · Druckseite 47
Bemühungen für Landescultur (1345—1346). 47 zu wecken. Die alten, noch aus den Zeiten der Herzoge her⸗ ſtammenden Frohn⸗, Hand» und Spann⸗Dienſte ), die fo ſchwer auf dem Landmanne laſteten und gewoͤhnlich die guͤn⸗ ſtigſte Zeit für feine Landarbeit für jene Dienſte in Anſpruch nahmen, wurden je mehr und mehr erleichtert, bald in Geld⸗ abgaben verwandelt, bald auch ganz erlaſſen 2). Auch die Staͤdte Pommerns wurden durch mancherlei neue Rechte und Begnadigungen beguͤnſtigt. Unter den Mauern der Ordens⸗ burg Tuchel ſtieg damals durch die Bemuͤhung des Komthurs dieſes Hauſes Dieterichs von Lichtenhain eine neue Stadt glei⸗ ches Namens empor, die vom Hochmeiſter in ihrer Handfeſte die beſondere Begnadigung erhielt, daß jede Hofſtaͤte auch mit einem Garten und zwei Morgen Wieſenland verſehen und dieſe für immer von jedem Haufe unabtheilbar ſeyn ſollten, wofür die Stadt die Verpflichtung auf ſich nehmen mußte, dem Hoch⸗ meiſter alljaͤhrlich auf Martini ſechs Eimer Honig einzuliefern, eine Abgabe, von welcher ſie jedoch nach ſechs Jahren ſchon befreit wurde ). Manches von dem Ruhme aber, den ſich der Meiſter in dieſen Jahren durch ſeine Thaͤtigkeit in der innern Landesver⸗ waltung und in den nachfolgenden Zeiten auch auf dem Kriegs⸗ felde erwarb, theilte er mit einem Kreiſe von Maͤnnern, wie ſie in ſolcher Auszeichnung ſelten mit an der Spitze der Or⸗ densherrſchaft geſtanden hatten; denn in die Würde des Groß⸗ komthurs, welche der umſichtige und beſonnene Ordensgebie⸗ tiger Heinrich von Boventen faſt fuͤnf Jahre lang bekleidet = 1) Vgl. darüber Stenzel Geſchichte des Preuſſ. Staats B. I. 920. 2) Nach Handfeſten im Verſchreibungsbuche von Tuchel. 8) Die Handfeſte der Stadt vom Hochmeiſter zu Marienburg am S. Marien⸗Magdalenen⸗Tag 1346 ausgeſtellt im Verſchreibungeb. von Tuchel p. 20; ebendaſ. auch die Befreiung der Stadt von der Einlieferung des Honigs von Winrich von Kniprode im J. 1352. Daß die Stadt der Komthur zu FTuchel Dieterich von Lichtenhain (der das Amt von 1335 bis 1345 verwaltete) gegründet und zuerſt mit Kulmiſchem Rechte beſetzt habe, wird in der Urkunde ausdruͤcklich erwähnt.
Scanseite 62 · Druckseite 48
48 Bemühungen für Landescultur (1345—1346). hatte, trat noch im Jahre 1346 der fo ruͤſtigthaͤtige als kluge Winrich von Kniprode; dagegen uͤbernahm ſein bisheriges Amt des Ordensmarſchalls der kriegskundige und tapfere Rit⸗ ter Siegfried von Dahenfeld, ein Mann, der eben ſo von Liebe für Dichtkunſt und Geſang durchdrungen war, als er mit Muth und ritterlichem Geiſte der Schlacht entgegen ging:). Dem ſtilleren Spittler⸗Amte ſtand Alexander von Kornre und bald nachher Hermann von Kudorf, dem Tra⸗ pier⸗Amte Konrad von Bruningshauſen und nach ihm Lud⸗ wig von Wolkenberg vor; das wichtige Amt des Treßlers end⸗ lich oder die Finanzverwaltung fuͤhrte viele Jahre lang der zu dieſem Geſchaͤfte überaus tüchtige Ordensritter Johann von Langerak 2). Da uͤberraſchte den Hochmeiſter auf ſeinem Haupthauſe 1) Dahenfeld oder Dahenvelt geſchrieben kommt der Name in fei- nen eigenen Urkunden vor; bei Chroniſten iſt er oft ſehr entſtellt. Hennig zu Lucas David B. IV. Anhang Vorr. p. V—VI. zieht die Schreibart Tanncfeld vor; fie iſt indeß die ungewoͤhnlichere. In den J. 1342 — 44 war Dahenfeld Komthur zu Ragnit, dann bis in den Herbſt des J. 1346 Ordenstrapier. Daß er nicht erſt 1347, wie Hennig zu Lucas David B. VII. Vorr. annimmt, ſondern ſchon im Octob. 1346 Ordensmarſchall war, beweiſt die Urkunde im geh. Arch. Schiebl. XXIII. Nr. 10 durch ihr Datum: in die b. Francisci Confess. a. 1346. — Auf feine Bitte uͤberſetzte der Minoriten ⸗ Bruder Claus Cranc zwiſchen den J. 1346 — 1357 die großen und kleinen Propheten, welche Überfegung im Original im geh. Arch. noch vor⸗ handen und von Hennig in ſ. hiſtor. kritiſch. Würdigung einer über⸗ ſetzung eines Theils der Bibel S. 34 ff. beſchrieben iſt. Daß ſie auf Veranlaſſung des Ordensmarſchalls gemacht wurde, erſieht man, wenn man die erſten Buchſtaben der Vorrede (die bei Hennig a. a. O. S. 58 ſteht) zuſammenlieſt, wo es dann heißt: Gote czw lobe diner Geer ritter gut bruder Siwrid von Taenvelt hoyſte marfcalc des dwt⸗ ſchen ordens ich minnerbruder Claws Cranc Cuſtos zw P. habe di groſſin und minnern Propheten mit Marien hulfe hy zu duzche bracht. 2) Die Angaben ſind aus Urkunden entnommen und außer Zwei⸗ fel. Wenn Hennig zu Luc. Dav. B. VII. S. 3 die Nachricht des Chroniſten über die damaligen Gebietiger aus „Archiv⸗ Nachrichten“ berichtigen wollte, fo hätte er zu beſſeren Quellen gehen koͤnnen, denn ſeine Angaben ſind meiſt falſch.
Scanseite 63 · Druckseite 49
Verkauf von Eſthland an den Orden (1346). 49 Marienburg im Spaͤtſommer des Jahres 1346 König Walde⸗ mar der Dritte von Daͤnemark in Begleitung ſeines Bruders Otto und des Herzogs Erich von Sachſen-Lauenburg nebſt einem anſehnlichen Kriegsgeleite. Der Zweck ſeiner Reiſe war, wie einige behaupten, ein Kriegszug gegen die heidniſchen Lit⸗ thauer; der naͤhere Anlaß lag jedoch in den fruͤher erwaͤhnten unruhigen Verhaͤltniſſen Eſthlands, die bisher zumeiſt auch we⸗ gen des ungluͤcklichen Zuſtandes des letzten Hochmeiſters uner⸗ oͤrtert geblieben waren!). Schon im Anfange dieſes Jahres war der Koͤnig, uͤber Luͤbeck und wie es ſcheint auch uͤber Preuſſen reiſend, ſelbſt zu Reval geweſen, um ſich uͤber die Lage des Landes naͤher zu unterrichten und er hatte das Volk überall wieder ziemlich beruhigt gefunden ?). Der abermalige Verkauf Eſthlands an den Deutſchen Orden (denn den fruͤhe⸗ ren Kaufvertrag hatte man ſchon laͤngſt als unguͤltig betrach⸗ tet) war damals zwar wieder eingeleitet worden; allein man⸗ cherlei Hinderniſſe hatten die Verhandlungen nicht zum Schluſſe kommen laſſen, theils wahrſcheinlich ſchon die vom Orden auf die Erhaltung und Vertheidigung der in Eſthland ihm uͤber⸗ 1) Detmar B. I. S. 263 giebt als Zweck der Reiſe einen Kriegszug gegen die Litthauer an. In Corneri Chron. p. 1068 heißt es: Woldemarus — transfretavit in Prutziam, cupiens ulterius profi- cisci cum fratribus de domo Teutonica contra inimicos crucis Chri- sti. Sed quia protunc expeditio nulla fieri potuit, ipse cum prae- dieto Erico Duce et cum quibusdam de suis Nobilibus mare trans- iens, peregrinatus est versus Terram sanctam etc. Eben biejen Zweck giebt Petri Olai Chron. ap. Langebeck T. I. p. 134 an, hin⸗ zufuͤgend, der König ſey gekommen cum magno exercitu. De Wal T. III. p. 314 will dagegen aus der Schnelligkeit der Reife ſchließen, daß der Koͤnig nur eine geringe Begleitung gehabt und an einen Kriegs⸗ zug gegen die Litthauer nicht gedacht habe. 2) Eine Urkunde vom Koͤnige zu Reval am T. der heil. Agnes (21. Januar) 1346 ausgeſtellt, weiſet ſeine Anweſenheit zu Reval um dieſe Zeit unzweifelhaft nach; er nennt ſich darin noch Dux Esto- nie und ſieht ſich Überhaupt noch völlig als Landesherr von Eſthland an. Vgl. damit, was Mallet Geſch. von Daͤnemark B. I. S. 486, Arndt Th. II. S. 97, De Wal T. III. p. 313 — 314 über feine TE zu Reval fagen. 4
Scanseite 64 · Druckseite 50
50 Verkauf von Eſthland an den Orden (1346). gebenen Burgen und Städte verwandten Koſten, deren Er: ſtattung man ihm zugeſagt, theils die Unterhandlungen mit dem Markgrafen Ludwig von Brandenburg, der, wie wir wiſ⸗ ſen, ebenfalls Anſpruͤche an das Land erhalten hatte, theils wohl auch manche andere verwickelte Verhaͤltniſſe, namentlich die behaupteten Anrechte der Soͤhne des Herzogs Kanut Porſe auf Eſthlands Beſitz!) Das Hin- und Herſchenken des Lan⸗ des hatte uͤberhaupt eine wunderliche Verwirrung in die Lage der Dinge gebracht. Koͤnig Waldemar war daher im Fruͤh⸗ ling dieſes Jahres nach Daͤnemark zuruͤckgekehrt, um dort zu⸗ erſt die wichtigſten Hinderniſſe des Verkaufes aus dem Wege zu raͤumen, und es war ihm gelungen, ſie zum Theil dadurch zu beſeitigen, daß er des Herzogs Kanut Porſe's Soͤhne durch das Herzogthum Holbeck entſchaͤdigte und ſomit auch bewog, auf ihren Beſitz in Eſthland für alle Zeiten Verzicht zu leiſten 2). Mittlerweile aber hatte Waldemars aͤlterer Bruder, der erwaͤhnte Prinz Otto, der Anfangs durch eine lange Gefan⸗ genſchaft von der Übernahme der Koͤnigskrone abgehalten, zu Gunſten Waldemars auf den Thron Verzicht gethan, den Ent⸗ ſchluß gefaßt, ſelbſt als Ritterbruder in den Orden einzutre⸗ ten. Weil nun hiedurch die Verhandlungen mit dem Orden uͤber den Verkauf von Eſthland ungleich mehr erleichtert ſchie⸗ nen, ſo hatte ſich Koͤnig Waldemar im Auguſt dieſes Jahres 1) Nach Mallet a. a. O. S. 487 hatten die Soͤhne des Her⸗ zogs Kanut Porſe, Haquin und Kanut, wenigſtens noch Anfprüche auf einen großen Theil Eſthlands, waͤhrend ein anderer Theil von Waldemar ſchon ſeit Jahren dem Markgrafen von Brandenburg ver⸗ pfaͤndet war. Vgl. De Wal T. III. p. 309 — 315. Ekendahl Geſch. des Schwed. Volks. B. I. S. 613. 2) Des Königes eigene urkundliche Erklärung hierüber, dat.: Ha- fenis die Assumption. b. Marie virg. (15. Aug.) 1346 im geh. Arch. im groß. Urkundenb. p. 137; Hennigs Copiebuch T. XIX. p. 89. Es heißt darin, quod sepedieti Domicelli (Haquinus et Canutus) nec eciam dominus Rex Swecie seu quivis alii ad predictum ducatum Estonie ius aliquod habent vel habere nec predictis Magistro et fratribus impeticionem movere de iure poterunt pronunc et infutu- rum aliquam questionem.
Scanseite 65 · Druckseite 51
Verkauf von Eſthland an den Orden (1346). 51 abermals nach Preuſſen begeben, zum Theil auch um des Prin- zen Aufnahme in den Orden beizuwohnen und das Feſt durch feine Gegenwart noch mehr zu verherrlichen!). Bald nach ſeiner Ankunft, ſchon am neunundzwanzigſten Auguſt wurde der Kaufvertrag über Eſthland wirklich abgeſchloſſen. Wal⸗ demar, der ſich bisher immer noch Herzog von Eſthland ge⸗ nannt, uͤberließ dem Orden das geſammte Land mit allen Bur⸗ gen und Staͤdten, mit der vollkommenſten Landeshoheit und dem unbedingten Eigenthumsrechte für die Kaufſumme von neunzehntauſend Mark reines Silbers Coͤlniſches Gewichtes, mit der ausdruͤcklichen Erklaͤrung, daß er, weil fein Bruder Otto, dem das Herzogthum Eſthland nach dem Erbrechte zu⸗ gehoͤre, in den Orden eintrete, ſowohl zu deſſen Seelenheil als zur Vergebung der Suͤnden ſeiner Vorfahren und um der guten Werke der Ordensbruͤder theilhaftig zu werden, mit ſei⸗ nes Bruders Zuſtimmung dem Orden alles das ſchenke, was das Land in feinem Preiſe wohl mehr werth ſeyn koͤnne ). 1) über des Prinzen Eintritt in den Orden, woruͤber die Anga⸗ ben bei Schütz p. 37, Maliet a. a. O. S. 487, De Wall. c. p. 316 — 317 ſehr von einander abweichen, kann nach der eben er⸗ waͤhnten und der nachfolgenden Urkunde kein Zweifel mehr obwalten, denn daß er am 15. Aug. 1346 vorerſt nur entſchloſſen war, in den Orden zu treten, beweiſen in der erſten Urkunde ganz ausdruͤcklich die Worte: Insuper fatemur, quod si sincerissimus senior frater noster Domicellus Otto prout proposuit deo et beate Marie virgini vovit, Ordinem Hospitalis b. M. D. Th. J. morte preveutus, quod absit, vel aliquo impedimento alio detentus, non intraret, ita quod votum suum processum non haberet, nichilominus tamen vendicio nostra et donacio ac eciam empcio Magistri et fratrum Ordinis predicti de sepedicto Ducatu Estonie — in suo robore et firmitate perpetuis temporibus debent permanere. Petri Olai Chron. I c. p. 132. Es iſt demnach unrichtig, wenn manche, bei De Wal 1. c. angeführte Schriftſteller den Eintritt des Prinzen ſchon ins J. 1345 ſetzen. 2) Das Original dieſes vom Könige Waldemar aue gefertigten Kaufvertrages, dat.: Actum et datum Marienburg a. d. Millesimo Trecentesimo Quadragesimo Sexto, die decollationis s. Johannis Bapt. mit dem königlichen Siegel verſehen, im geh. Arch. Schiebl. XXVII.. Nr. 3, in Abſchrift im groß. Urkundenb. p. 145. Dieſe 4 *
Scanseite 66 · Druckseite 52
52 Verkauf von Eſthland an den Orden (1346). Der Koͤnig verweilte hierauf noch einige Wochen bei dem Mei⸗ ſter in Marienburg, wahrſcheinlich um zugleich die Empfang⸗ nahme der erwaͤhnten Kaufſumme abzuwarten, wiewohl wir uͤber alles, was bei dem Aufenthalte des koͤniglichen Gaſtes im Haupthauſe vorgegangen ſeyn mag, weiter gar nicht unter⸗ richtet ſind:). Man hatte ſofort auch dem Markgrafen Lud⸗ wig von Brandenburg und deſſen Vater dem Kaiſer Ludwig Nachricht von dem Verkaufe gegeben und um deren Zutritt und Beſtaͤtigung gebeten und ſchon am einundzwanzigſten September ſtellte erſterer, der gerne ſeine Anrechte für eine baare Geldſumme aufgab, noch ein beſonderes Verkaufsinſtru⸗ ment aus, worin er ſeine Anſpruͤche auf Eſthland in Form ei⸗ nes Verkaufes des Landes fuͤr die Summe von ſechstauſend Mark reines Silbers Coͤlniſches Gewichtes dem Orden uͤber⸗ ließ ), fo daß dieſer für das ganze Land die Geſammtſumme achte Originalurkunde zerſtreut zugleich alle Zweifel über die Zeit des Verkaufes von Eſthland an den Orden und es bleibt unbegreiflich, wie Arndt Th. II. S. 100 nach der S. 101 angefuͤhrten Verkaufsur⸗ kunde vom J. 1346 den Verkauf doch erſt ins J. 1347 ſetzen konnte, worin ihm De Wal l. c. p. 318 nachfolgt. Daß der Prinz Otto jetzt wirklich in den Orden eintrat, beweiſen folgende Worte der Ur⸗ kunde: Ex quo sincerissimus Senior frater noster carnalis Domicel- Ius Otto, ad quem idem Ducatus iure hereditario pertinet, ob salu- tem anime sue ordinem predictorum fratrum se et sua dedicando ingreditur, eciam in remissionem peccaminum progenitorum nostro- rum etc. de consilio et consensu eiusdem fratris nostri donamus ex certa sciencia irrevocabiliter inter vivos dictis Magistro, fratribus et ordini, quod res nunc valet plus precii vel valere poterit. Vgl. die wichtige Stelle in Hamsfortii Chronol. ap. Langebek T. I. p. 306 beim J. 1347; fie enthalt indeſſen manche Unrichtigkeiten. 1) Daß ſich der Koͤnig noch im Septemb. in Marienburg befand, mit Geldangelegenheiten beſchaͤftigt, erhellt aus einer von ihm auege- ſtellten Quittung, dat.: Marienburg 1346 feria quarta proxima ante diem Nativit. Marie virg. im groß. urkundenb. p. 141. Nach Petri Olai Chron. I. c. blieb der König während des Winters in Preuſſen und begab ſich dann ins heil. Land; nach Hamsfort I. c. ging er nach Daͤnemark zuruͤck. 2) Originalurkunde, dat.: In civitate nostra Tangermund a. d. 1346 feria quinta die S. Mathei Apost, et Evang. (worin als Zeuge
Scanseite 67 · Druckseite 53
Verkauf von Eſthland an den Orden (1346). 53 von fünfundzwanzig taufend Mark Silber zahlte und beiden Fuͤrſten größtentheils alsbald entrichtete). Nachdem hierauf auch der Kaiſer Ludwig feine Beſtaͤtigung?) und auf Waldemars Bitte endlich auch der Papſt Clemens der Sechſte ſeine Zu⸗ ſtimmung und Genehmigung ertheilt ), war das Wichtigfte, was zum feſten und unbeſtreitbaren Beſitzrechte der neuen Er⸗ werbung für den Orden erforderlich ſchien, in noͤthiger Form mit genannt ift Johannes Burggravius de Nurenberg) im geh. Arch. Schiebl. XXVIII. Nr. 4. Sie lautet faft woͤrtlich wie die des Koͤniges Waldemar, nur daß Ludwig voran erklaͤrt, das Land ſey ihm vom Prinzen Otto als Mitgift fuͤr ſeine Gemahlin Margarethe geſchenkt. 1) Aus Arndt Th. II. S. 100 erhellt, daß man lange uͤber die Hoͤhe der Kaufſumme ungewiß war, indem einige 18,000, andere 19,000, noch andere 30,000 Mark angaben. Bei Fant Script. rer. Sueeicar. T. I. p. 90 wird fie fogar auf 80,000 Mark löth. Silb. geſteigert. Nach De Wal T. III. p. 322 hätte fie nur 19,000 Mark betragen und der Koͤnig nur 7000, der Markgraf dagegen 12,000 er⸗ halten. Dem widerſprechen aber urkunden, denn Waldemar ſagt in dem Verkaufsinſtrumente ausdruͤcklich: quam pecuniam (decem et no- vem milium marcarum puri argenti pond. Colon.) profitemur pre- sentibus Nos ab ipsis Magistro et fratribus habuisse et recepisse ac nobis integre datam, solutam et numeratam esse, und der Mark⸗ graf erklaͤrt in ſeinem Verkaufsinſtrumente, daß von ſeiner Seite der Verkauf geſchehen ſey pro sex milibus marcarum puri argenti Colon. pond., quam pecunjiam confitemur preseutibus Nos ab ipsis Magi- stro et fratribus habuisse et recepisse. Schon Lucas David B. VII. S. 20— 21 giebt die richtige Summe von 25,000 Mark an und ſtellt überhaupt den ganzen Verlauf der Verhandlungen über dieſe Sache ſehr richtig dar; er hatte hier Urkunden des Archivs vor ſich. 2) Die Beſtaͤtigungsurkunde, dat: Franchenfurt in vigilia 8. Mathei apost. a. d. 1346, Regni nostri a. XXXII, Imperii a. XIX. im Fol. Privileg. Apost. p. 338, eine Copie im Copiarium Liv⸗, Eſth⸗ und Kurl. Urk. im geh. Arch. Hennigs Copieb. B. II. S. 411. 3) Die Bulle des Papſtes, dat.: Avinion. VI. Idus Februar. P. n. a. VI zweimal im geh. Arch. Schiebl. VII. Nr. 2. 3. Sie enthält zugleich das Schreiben des Königes an den Papſt, welches fi außer: dem noch beſonders im Original, dat.: In Hafenis in die b. Johan- nis Bapt. a. 1347 im geh. Arch. Schiebl. XXVII. Nr. 5 und in Ab⸗ ſchrift Nr. 6 befindet.
Scanseite 68 · Druckseite 54
54 Verkauf von Eſthland an den Orden (1346). geſchehen und es blieben jetzt nur noch einzelne Nebendinge über die Kaufſumme und deren völlige Entrichtung zu eroͤr⸗ tern übrig‘). Darauf erfolgte die förmliche Übergabe des Landes von Seiten des Daͤniſchen Statthalters an den Liv⸗ laͤndiſchen Meiſter Goswin von Herike ), wobei dieſer mit ſeinen vornehmſten Ordensgebietigern den Rittern und Vaſal⸗ len Eſthlands die Verſicherung gab, daß der Orden ſie jeder Zeit wie die Seinigen behandeln, ihnen mit Liebe und Gunſt begegnen und der Hochmeiſter die von den Daͤniſchen Königen ihnen ertheilten Rechte, Begnadigungen und Freiheiten fuͤr alle Zeiten beſtaͤtigen, auch ſolche eher noch vermehren als irgend⸗ wie beſchraͤnken werde). Als endlich gegen Ausgang des Jahres 1346 auch der Markgraf von Brandenburg in ſeiner Verkaufsſumme ſchon befriedigt war, ließ er dem Hochmeiſter ſeine Verzichtbriefe einhaͤndigen, mit dem Verſprechen, daß er wo moͤglich naͤchſtens ſelbſt ſich nach Preuſſen begeben wolle, um den Meiſter perſönlich zu begrüßen *). Schon im Januar des naͤchſten Jahres 1347 kam der Markgraf auch wirklich in Marienburg an, vom Hochmeiſter aufs glaͤnzendſte empfangen und aufs praͤchtigſte bewirthet. Er erſchien jedoch nicht, wie bisher die meiſten Gäfte, zu ei⸗ nem Kriegszuge gegen die benachbarten Heiden, ſondern mehr nur, wie es ſcheint, zu einem freundlichen Beſuche?). Kaum “ = 1) Das Verzeichniß der einzelnen Urkunden darüber bei Lucas David B. VII. S. 16— 17. 2) Bei Hamsfort. I. c. heißt es: Kal. Novemb. praesidia Da- norum Revalia et e Livonia deducuntur secundum praescriptum ta- bularum Waldemari, et conscensis navibus in Daniam redeunt, Ma- rianis Burchardum Dreilevum Revaliae et omni orae Estonicae com- mendatorem imponentibus. 3) Urkunde, dat.: Witenstein a. d. 1346 sabbato post festum omnium Sanctor. in einem Transſumt v. 1397 im geh. Arch. 4) Urkunde, dat.: in Berlin a 1346 feria secunda in die b. Barbare virg. (4. Det.) im groß. urkundenb. p. 144. Vgl. uͤberhaupt das Verzeichniß der Urkunden bei Lucas David B. VII. S. 11 ff. 5) Seine Anweſenheit in Marienburg beweiſet nur eine urkunde, dat.: in Marienburg a. J. 1347 die Prisce virg. (18. Januar) im
Scanseite 69 · Druckseite 55
Einfall der Litthauer (1347). 55 indeß hatte er das Haupthaus wieder verlaffen, als aus den o ſtlichen Landen des Ordensgebietes ein wildes Kriegsgeſchrei ſchnell von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt erſcholl, denn im Februar brachen ploͤtzlich die beiden Großfürften Olg⸗ jerd und Kynſtutte, nachdem ſie im vergangenen Jahre ihre Waffen meiſt in Rußland beſchaͤftigt, mit einer ſtarken Raub⸗ ſchaar über die Graͤnzen ein und drangen unter furchtbarer Verheerung abermals gegen Raſtenburg vor, alles ermordend, was fie auf dem Zuge fanden. Zuerſt nordwaͤrts vorſtuͤrmend ins Barterland bis an die Burg Gerdauen hinab, wo vier volkreiche Doͤrfer von ihnen ausgepluͤndert in Flammen auf⸗ gingen, wandten ſich dann die rohen Raubhaufen wieder ge⸗ gen Süden hin und warfen ſich dort vor die ſtarkbewehrte Leunenburg am Guber⸗Fluſſe, um fie zu vernichten. Da aber die ritterliche Beſatzung tapfer widerſtand, ſo zog die raubgierige Schaar, nachdem ſie die Vorburg mit einer Kirche in Brand geſteckt, zwiſchen Raſtenburg und Roͤßel, wo alle Doͤrfer durchpluͤndert und verbrannt und eine große Zahl der Landbewohner mit in die Sklaverei hinweggeſchleppt wurden, ihren Graͤnzen wieder zu, eine ſchreckliche Verwuͤſtung und nichts als Jammer und Elend hinter ſich zuruͤcklaſſend ), wo⸗ groß. Urkundenb. p. 145, worin er dem Hochmeiſter uͤber den Em⸗ pfang der 6000 Mark für ſeine Verzichtleiſtung nochmals quittirt. S. Lucas David a. a. O. Arndt Th. II. S. 101. Nr. 6. Einige Chroniſten ſchreiben ihm einen Kriegszug gegen die Heiden zu; ſo ſagt Albert. Argent. Chren. ap. Urstis. P. II. p. 139: Iverat au- tem marchio Brandenburgensis Prussiam contra gentiles und in Jo. Vitodurani Chron. ap. Eceard. T. I. p. 1920 heißt es: a. d. 1847 circiter quadragesimam Marchio Brandenburgensis, filius senior Ludwici Imperatoris rediit de Lytaonia, debellatis ibidem Paganis, ducens secum Regem vel tres Paganorum captivos cum Satrapis suis pluribus, quos, ut fertur, Principibus catholicis diversis distri- buit possidendos, qui sui triumphi magnifici sunt evidens testimo- num. Die Sache wäre moglich, aber einbeimiſche Chroniſten wiſſen richts davon. 1) Wigand. p. 284. Schütz p. 72, welcher auch die Burg und Stadt Roͤßel von den Litthauern erobern und pluͤndern läßt, was Wi⸗
Scanseite 70 · Druckseite 56
55 Einfall der Litthauer (1347). von die naͤchſte Folge war, daß der Ordensconvent der Leu⸗ nenburg wegen Mangel an Einkuͤnften aufgehoben werden mußte, ſowie der Hochmeiſter bald nachher auch den Convent in Inſterburg aufhob und das Komthuramt in das eines Pfle⸗ gers verwandelte). Die reiche Beute indeß lockte den Feind zu neuen Ver⸗ ſuchen. Auf die Nachricht, daß die Litthauer auch Samland in gleicher Weiſe heimzuſuchen bereit ſtaͤnden, hatte der Mei⸗ ſter an die Landesgraͤnze eine hinlaͤnglich ſtarke Streitmacht zur Wache und Abwehr ausgelegt. Nachdem ſie jedoch eine Zeitlang dort geftanden, ohne den Feind wahrzunehmen, war ſie ins innere Land zuruͤckgekehrt und hatte ſich aufgeloͤſt. Das gerade aber hatte der Fuͤhrer eines ſtarken, verborgen gelege⸗ nen Heerhaufens beabſichtigt und erwartet und ſtuͤrzte ſich nun ungehindert mit Pluͤnderung und Verheerung ins Samlaͤndi⸗ ſche Gebiet herein, wo ihm ein reicher Raub zu Theil ward 2). — Auf die Kunde von dieſer abermaligen graͤuelhaften Ver⸗ wüſtung des Ordensgebietes beſchloß jetzt der Hochmeiſter, fein Land von dieſem ſo oft wiederkehrenden Jammer und Verder⸗ ben wo moͤglich für immer zu befreien und den laͤſtigen, alles Gluͤck der nahe liegenden Lande untergrabenden Feind, ſtatt der bisher gewoͤhnlichen Kriegsreiſen, mit einer Heeresmacht zu überziehen, die ihn durch ihre Größe und Furchtbarkeit viel⸗ leicht von allen weitern Raubzuͤgen ins Ordensland zuruͤck⸗ ſchrecken ſollte. Er ſandte ſofort Botſchaft aus und ließ in Deutſchland und andern Laͤndern alles kriegsluſtige Volk, Rit⸗ ter und Knechte zu einer großen Heidenfahrt auf naͤchſten Win⸗ ter nach Preuſſen laden. Wahrſcheinlich war dieſe Kriegsfahrt auch ein Gegenſtand gand nicht erwaͤhnt. Lucas David B. VII. S. 5 ſetzt dieſen Ein⸗ fall mit einem andern in Verbindung. 1) Wigand. I. c. Urkunden ſtimmen damit überein; fie nennen im J. 1343 den Ritter Eckhard Kulbug noch Commendator domus In- sterburg, im J. 1348 dagegen Konrad Thetheneg als Pfleger zu In ſterburg. 2) Wigand. J. e. Annal. Oliv. p. 52. Schütz p. 72.
Scanseite 71 · Druckseite 57
General: Kapitel zu Marienburg (1347). 57 der Berathung in dem General⸗Kapitel, welches der Meiſter in den erſten Tagen des Juni 1347 im Ordenshaupthauſe verſammelt hatte, wo namentlich auch die beiden Meiſter aus Deutſchland und Livland, Wolfram von Nellenburg und Gos⸗ win von Herike, nebſt dem ehemaligen Hochmeiſter Ludolf König und einer großen Zahl anderer Gebietiger erſchienen wa⸗ ven‘). Es wurde manche wichtige Verhandlung gepflogen. Man entwarf zuerſt verſchiedene Geſetze fuͤr die Ordensbruͤder theils in Beziehung auf Kleiderordnung und ihre Vergnuͤgungs⸗ reiſen im Lande, theils in Ruͤckſicht ihrer Lebensweiſe in den Conventen?). Hierauf kam auch die neue Erwerbung Eſth⸗ lands zur Sprache. Man fand fuͤr die Verwaltung dieſes Landes von Preuſſen aus unmittelbar durch den Hochmeiſter die Entfernung viel zu groß, als daß ein zweckmaͤßiges Re⸗ giment von ihm dort haͤtte geleitet und aufrecht erhalten wer⸗ den koͤnnen ?). Man beſchloß daher, ganz Eſthland mit allen Einkünften gegen Erlegung der Kaufſumme von zwanzigtau⸗ ſend Mark Silber dem Orden in Livland zu uͤbergeben, jedoch mit dem Bedinge, daß der Hochmeiſter es gegen Rückzahlung 1) Dieſes General: Kapitels erwähnen die Chroniſten nicht, wohl aber mehre urkunden, wo es z. B. im Datum heißt: Marienburg in Capitulo nostro generali, presentibus et consentientibus capitulari- bus nostris fratribus a. d. die dominica infra Corporis Christi Octa- vas. Es begann ſonach ſchon in den legten Tagen des Mai. Außer dem Deutſchmeiſter waren auch der Landkomthur von Elſaß Mangold von Brandis, der Landkomthur von Lothringen u. a. zugegen. Unter den Zeugen der im Kapitel abgefaßten Urkunden wird auch „Ludolf Koͤnig alder Meiſter und Komthur zu Engelsberg“ als gegenwaͤrtig aufgeführt. 2) Diefe Geſetze ſ. in Hennigs Ordens-Statut. S. 130 — 131. 3) Der Hochmeiſter ſagt ſelbſt in einer an die Eſthlaͤnder gerich⸗ teten urkunde: Cum longo terrarum spacio nos et vos incolas tra- otus periculosus et viarum incommoditas prohdolor disiungat et pro- pter que expensarum, personarum et aliarum subvencionum defectus et carencia vobis incumbere posset et imminere, volentes igitur commoditatibus vestris et talibus perieulis occurrere et provi- dere etc,
Scanseite 72 · Druckseite 58
58 General: Kapitel zu Marienburg (1347). der Summe jeder Zeit wieder zuruͤcknehmen Fünne !); worauf die Eſthlaͤnder vom General-Kapitel aus durch eine darin ab⸗ gefaßte offene Erklaͤrung mit dieſer Anordnung bekannt ge⸗ macht und der Meiſter von Livland zum oberſten Verwalter und Hauptmann über die Gebietiger von Reval, Harrien und Wirland mit unbeſchraͤnkter Vollmacht in allen Verwaltungs⸗ zweigen und Landesverhaͤltniſſen Eſthlands ernannt und einge⸗ ſetzt ward :). Den einzelnen Ständen und insbeſondere den Kloͤſtern ſicherte und beſtaͤtigte der Hochmeiſter alle ihre Rechte und Freiheiten, womit bisher die Koͤnige von Daͤnemark ſie begünftigt hatten). Endlich wurden im General⸗Kapitel auch manche innere Landesſachen berathen und beſſer geordnet, ſo unter andern ein großer Streit geſchlichtet, den bisher die Alt⸗ und Neuſtadt Thorn in Ruͤckſicht ihrer ſtaͤdtiſchen Freiheiten und Gerechtſame gegen einander führten ). 1) Urkunde, dat.: Marienburg a. d. 1347 in octava Corpor. Christi im Copiar. Liv⸗, Eſth⸗ und Kurländ. Urkund. im geh. Arch. Arndt Th. II. S. 101. Nr. 8. Hiaerne Collect. p. 154. 2) Urkunde des Hochmeiſters, dat. wie oben Anmerk. 3 im Fol. Privileg. des Stifts Samland p. 250. Es heißt darin: De unanimi conpreceptorum nostrorum consilio fecimus et constituimus relig. vi- rum fratrem Goswinum Preceptorem Lyvonie Capitaneum nostrum terrarum nestrarum Revalie, Harrie et Wyronie, dantes ei plenam potestatem faciendi et dimittendi nostro nomine in omnibus et per omnia, que nos facere personaliter possemus, ratum et firmui ha bituri, quidquid per ipsum factum fuerit in premissis. De Wal T. III. p. 326 ſagt bei dieſer Gelegenheit: La Livonie &toit un gon- vernement totalement séparé d’interets avec la Prusse; ces deux vastes états, obeissant A un me&me maitre, et ne composant qu'une meme souveraineté, s’entr’aidoient dans leurs besoins. Les Grand- Maitres avoient réglé, que tous les ans, les Maitres Provinciaux de Livonie verservient une certaine somme dans leur tresor, pour subvenir aux nécessités générales: cette redevance, qui devoit etre considerable, dut encore etre augmentée, lorsqu’on leur attribua la partie de I’Estonie qu'on venoit d’acheter. 3) Urkunde, dat. wie oben Anmerk. 1. vor. S. im Fol. Privileg. vom Stifte Samland p. 250; vgl. Arndt S. 101, Gadebuſch List. Jahrb. B. I. S. 440. 4) Originalurkunde im Rathsarchiv zu Thorn Cist. IV. Nr. 5.
Scanseite 73 · Druckseite 59
Einfall der Litthauer (1347). 59 Mit folcher Verwaltung der innern Landesverhaͤltniſſe, abwechſelnd mit der Ruſtung und Vorbereitung zu dem be ſchloſſenen Heereszuge war der Meiſter auch noch im weitern Verlaufe des Sommers beſchaͤftigt, indem er bald mit dem Abte Martin vom Kloſter Hylda in Pommern wegen des An⸗ kaufes des ſchoͤnen Kloſtergutes Strepow in der Dioͤceſe von Kamin in Unterhandlung ſtand ), bald mit dem Grafen Jeſchko von Slave, Herrn von Ruͤgenwalde mancherlei Be⸗ ſtimmungen über die anſehnlichen, dem Orden früher uͤberlaſ⸗ ſenen Güter Crampe und Lubona (Labuhn), die noch in die⸗ ſem Jahre dem Orden völlig anheim fielen, feſtzuſtellen ſuchte ?), bald endlich allerlei ſtaͤdtiſche und laͤndliche Anordnungen in Preuſſen ſelbſt traf. Dieſes friedliche Walten des Hochmeiſters ſtoͤrte aber im Herbſte dieſes Jahres wieder ein wilder, unerwarteter Sturm von Oſten her, denn in den erſten Tagen des Octobers brach der Großfuͤrſt von Litthauen abermals mit einer ſtarken Streit⸗ horde uͤber Ragnit her, wo er drei Tage mit Raub und Feuer heerete, im eiligſten Zuge durch den Grauden-Wald s) ins Gebiet von Inſterburg, hauſte auch da nach gewohnter Weiſe, drang dann ſchnell bis Wehlau vor, wo er die Stadt am ſechſten October ohne Widerſtand einnahm, da alle Be⸗ wohner entflohen waren; nachdem er ſie in Aſche gelegt, zog er mit furchtbarer Verwuͤſtung gegen die Alle hin uͤber Wo⸗ men ins Gebiet von Wohnsdorf, wo ihm zwar der Ordens⸗ Sie beweiſt, daß das General: Kapitel am Tage Bonifacii (5. Jun.) noch verſammelt war. 1) Der Verkaufsbrief des Abtes im geh. Arch. Schiebl. 50. Nr. 48. Der Verkauf geſchah mit Erlaubniß des Erzabtes und des General: Kapitels des Ciſtercienſer⸗Ordens (urk. Nr. 51) wegen der zu ent⸗ fernten Lage des Gutes vom Kloſter (urk. Nr. 46) für die Summe von 400 Mark (nicht 40, wie Kotzebue B. II. S. 405 angiebt). 2) Originalurkunde, dat.: Marienburg am S. Nicolaus: Tage 1347 Schiebl. 50. Nr. 45, ein Transſumt Nr. 44, in Abſchrift im Cod. Oliv. im geh. Staatsarchiv zu Berlin. Die Sache iſt oben B. IV. S. 438 ſchon beruͤhrt. 8) Grauden Silvam, Wigund. I. c. S. oben B. IV. S. 38.
Scanseite 74 · Druckseite 60
60 Die Schlacht an der Strebe (1348). ritter Werner von Holland mit einer anſehnlichen Streitſchaar entgegentrat, bald aber uͤberwaͤltigt, mit vierzehn ſeiner Rei⸗ ſigen und einer bedeutenden Zahl anderer Kriegsleute erſchlagen und die uͤbrige Schaar gefangen mit hinweggeſchleppt ward. Die Verheerung, die zum Theil auch wieder das Gebiet von Gerdauen traf, war abermals unbeſchreiblich und der Hoch⸗ meiſter erwartete jetzt mit Sehnſucht die verhoffte Beihuͤlfe und die paſſende Zeit, um dieſen wilden Frevel des heidniſchen Vol⸗ kes mit allem Nachdruck zu vergelten !). Dieſe Zeit erſchien mit dem Anfange des Jahres 1348, als aus Deutſchland und ſelbſt aus Frankreich und England ſtreitluſtige Ritter mit Kriegsleuten in großer Zahl in Preuſ⸗ ſen anlangten, um unter des Ordens Heerfahnen ihr Schwert in einem Kampfe mit den Heiden zu verherrlichen. Auf des Meiſters Aufgebot zogen alsbald auch die Komthure aus Pom⸗ mern, Kulmerland und Preuſſen mit ihrer Wehrmannſchaft herbei, alle aufs trefflichſte geruͤſtet und in fo zahlreichen Schaa⸗ ren, daß das ganze Streitheer ſich auf vierzigtauſend belief ?), 1) Wigand, I. c. giebt ſowohl die Zeit als die Richtung dieſes Zuges am genauſten an. Nach ihm wurde Wehlau mit ſeiner Kirche in die s. Fidis virginis (6. Octob.) erobert und verbrannt. Darauf zog der Feind in terram Wolmensem oder nach Schütz p. 72 ins Wolmirſche Gebiet. Dieß muß zwiſchen Wehlau und Wohnsdorf gele⸗ gen haben und kann demnach kein anderes ſeyn als die Feldmark Wom⸗ men, jetzt ein kleiner Ort weſtwaͤrts von Allenburg nahe an der Alle, der damals wahrſcheinlich viel bedeutender war. Simon Grunau Tr. XII. c. 13 ſagt von dieſem Zuge: „Im Jahr 1348 kam Kyn⸗ ſtutto und gewann Welau und fuͤhrte wohl 40,000 Perſonen () in Litthauen und lag 7 Wochen (!) auf Natangen und Niemand that ihm nichts und zog mit Freuden heim. Von dieſem Schaden ſchaͤmete ſich der Homeiſter, denn er ja nichts darzu thate.“ Ihm folgt auch Lucas David B. VII. S. 4, wo die Zahl der Gefangenen jedoch nur 10,000 beträgt. 2) Nach Wigand. p. 285; bei Schätz p. 72 muß ſtatt „vierzehn tauſent“ geleſen werden „vierzig tauſent“, denn Diugoss. p. 1079 und Kojalowiez p. 310 haben dieſelbe Zahl wie Wigand. In A bert. Argent. Chron. p. 144 wird die Stärke der Reiterei des Or⸗
Scanseite 75 · Druckseite 61
Die Schlacht an der Strebe (1348). 61 eine Kriegsmacht, wie ſie ſeit langer Zeit unter der Fahne 0 des Ordens nicht geſtanden hatte. Unter den Englaͤndern glaͤnzte vorzüglich der ritterliche Graf Thomas von Offart, wahrſcheinlich derſelbe, der dem Orden vor ſiebzehn Jahren ſchon eine anſehnliche Huͤlfsſchaar zugeführt hatte n). An des Heeres Spitze ſtellte ſich der Hochmeiſter ſelbſt, begleitet vom Ordensmarſchall Siegfried von Dahenfeld, vom Groß⸗ komthur Winrich von Kniprode, vom Ordenstrapier Ludwig von Wolkenberg und mehren andern Gebietigern des Ordens, und man beſchloß, mit dieſer ſtarken Kriegsmacht den Heiden allen Graͤuel und alles Unheil zu vergelten, was ſie ſeit Jah⸗ ren durch ihre Raubzuͤge im Ordenslande veruͤbt?). Unter der prachtvollen Ordensfahne der Jungfrau Maria zog das Heer nach Inſterburg, wo der Hochmeiſter auf ſeiner Gebie⸗ tiger Rath, wahrſcheinlich mit einem Theile der Streitmacht zuruͤckblieb, die Oberanfuͤhrung des Heeres dem Ordensmar⸗ ſchall mit Beirath des Großkomthurs und des Ordenstrapiers uͤberlaſſend >). Am ſechsundzwanzigſten Januar, am Sonnabend densheeres auf 22,000 angegeben. Die Angabe bei Lucas David B. VII. S. 5 iſt aus Simon Grunau. 1) S. oben B. IV. S. 488. Wigand. I. c. erwaͤhnt des Gra⸗ fen auch jetzt wieder, ſpricht aber außerdem auch von mehren andern Anglicis peregrinis et Francigenis. Daß auch ein Herzog Wilhelm von Holſtein um dieſe Zeit in Preuſſen geweſen ſey, wie Baczko B. II. S. 128 anführt, iſt dem Simon Grun au Tr. XII. c. 13 nachgeſchrieben. Detmar B. I. S. 267, der von den Kriegsgaͤſten aus England, Frankreich, vom Rhein und andern Gegenden ſpricht, würde ſeiner gewiß gedacht haben. In der Cronica de Trajecto bei Matthaeus T. V. p. 357, wo es heißt: a. d. 1348 reversus est Co- mes Willelmus tertio de Prusia, ubi bellaverat cum dominis de Prusia contra gentiles, muß die Jahrzahl 1345 beißen, benn Wil⸗ helm von Holland ſtarb noch in dieſem Jahre gegen bie Frieſen; ſ. Det mar S. 259. 2) Nach einem alten Berichte im Fol. Handfeſt. des Biſth. Sam⸗ land p. CLXIV. 3) Wigand. I. c. Von der Ordens fahne heißt es: Virginis Marie Imago in vexillo eleganter depicta erat.
Scanseite 76 · Druckseite 62
62 Die Schlacht an der Strebe (1348). vor S. Pauli Bekehrung ) uͤberſchritt man die feindliche Graͤnze und brach ſuͤdwaͤrts von Kauen in die Auſtetter Ge⸗ gend vor?), das Land umher fieben Tage lang mit Raub, Brand und Mord furchtbar verheerend, denn auf des Mar⸗ ſchalls Befehl ward weder Alter noch Geſchlecht geſchont und Greis und Kind auf gleiche Weiſe erwuͤrgt ?). Am achten Tage aber erſchien der Feind in gewaltiger Macht. Ohne Zweifel von den Ruͤſtungen im Ordenslande laͤngſt benachrich⸗ tigt, hatte Olgjerd ſich beeilt, mit Novgorod, gegen welches er eine Zeitlang im Kriege ſtand, Friede zu ſchließen und nicht bloß in ſeinen eigenen Landen war eine zahlreiche Wehrmann⸗ ſchaft zuſammengerufen, ſondern auch aus Rußland und na⸗ mentlich Wladimir, Brzeſk, Smolensk und Polotsk eine an⸗ ſehnliche Streitmacht herbeigezogen, mit welchem Kriegsheere er jetzt den Waffen des Ordens entgegeneilte*). Der Ordens⸗ 1) Der erwähnte Bericht und Wigand. ſtimmen in dieſer Angabe uͤberein. 2) Eigentlich hieß das ganze Gebiet von Welun (Wiliona) an der Memel oͤſtlich hin das Land Auſteten oder Auſtetten, wie denn auch die Bewohner „die Auſteten“ genannt wurden; f. Fol. Graͤnz⸗ buch B. p. 124. Nach einer Angabe im Formularbuche p. 63 bildete dieſcs Gebiet Auſteten das ſ. g. Oberland von Samaiten, superiores partes; die Gegenden von Welun an bis Widuckeln, Roſſiene und Erogel nannte man das Mittelland, mediae partes und die Gebiete von Medeniken, Wangen u. ſ. w. das Niederland, partes inferiores, Ohne Zweifel iſt der Name Auſteten aus Auxstote entſtanden; dar⸗ uͤber vgl. oben B. IV. S. 11. Vielleicht iſt daher die Schreibart Auch⸗ ſteten richtiger. 3) Jussu Marschalei pagani utriusque sexus, senes cum iuniori- bus occisi sunt et terra igne vastata; Wigand. Ebenſo der erwähnte Bericht; vgl. Lucas David B. VII. S. 5. In Albert. Argent. Chron. I. c. heißt es, daß der Hochmeiſter sex hebdomadis terram (Lituaniae) vastavit. 4) In Albert. Argent. Chron. I. c. wird bie Stärke des Litthaui⸗ ſchen Heeres auf 40,000 angegeben. Wigand. ſagt: Rex vero con- vocat magnum exercitum, in quo vocati intererant Ruteni de La- demer, de Brisik, Wytenberge, de Smalentz, vulgariter de Ploscz- kow. Karamſin B. IV. S. 218 fuͤhrt die von Witepsk, Polotsk und Smolensk an. Ein Wytenberg im Ruſſiſchen Gebiet wird von
Scanseite 77 · Druckseite 63
Die Schlacht an der Strebe (1348). 63 marſchall, von des Feindes Anzug unterrichtet, wagte es nicht, ſich tief im Lande mit dem feindlichen Heere zu meſſen und nahm eine ruͤckgaͤngige Bewegung, um ſich in guͤnſtiger Stel⸗ lung zur Schlacht zu bereiten. Am Strebe-Fluſſe, der ſüd⸗ lich von der Wilia fließt und von Oſten her ſich in die Me⸗ mel ergießt, ſtellte ſich das Ordensheer in Schlachtordnung, ſo daß der Feind, der ihm ſchnell nachgefolgt war, das Gewaͤſ⸗ fer im Rücken hatte!). Am zweiten Februar, gerade am Feſte von Maria Reinigung e), erfolgte der Angriff, von Seiten des Litthauiſchen Heeres um fo heftiger und ftürmifcher, weil es über den ſchwach gefrorenen Fluß in feinem Rüden wenig Hoffnung zur Flucht fah. Ein Regen von Lanzen, Bogen: geſchoſſen und andern Wurfwaffen flog auf das Ordensheer heruͤber und warf Mann und Roß in großer Zahl darnieder. Nun kam es zum handgemeinen Kampfe. Die Ordensritter den Chroniſten öfter genannt. Brisik iſt das Litthauiſche Brzeſk, Brestia. Schütz p. 73, der hier alles durch einander wirrt, fuͤhrt nur Smolensker, Polotzker und Reuſſen an. Von einem Reuſſen⸗Kö⸗ nig Norman, den Schütz für Olgjerds Bruder Narimant haͤlt, weiß Wigand. nichts. Seine Beihuͤlfe für einen Bruder, der ihn erſt vor wenigen Jahren ſeiner Herrſchaft beraubt hatte, iſt ohnedieß ſehr un⸗ wahrſcheinlich. Vermuthlich iſt dieſer Norman ebenſo, wie der Lit⸗ thauiſche Fuͤrſt Ortmannowitz, durch Simon Grunau Tr. XII. c. 14 in die Geſchichte gekommen, denn dieſer weiß nicht nur, daß Nortmand Fürft von Moskau war (f. Karamfin a. a. O) fondern auch daß er 8000 Mann herbeigefuͤhrt und Ortmannowitz an der Spitze von 12,000 geſtanden habe; vgl. Lucas David B. VII. S. 6. Moͤg⸗ lich wäre indeſſen Narimants Anweſenheit dennoch, denn auch die Or⸗ benschron. bei Matthaeus p. 779 weiß von „Narmant dem Ruyſchen Coninck“ und giebt ihn fuͤr einen Halbbruder Kynſtutte's aus. I) Schütz l. c. In Albert. Argent. Chron. I. c. heißt es: Quem (exercitum fratrum) in reversione usque ad glaciem fluvii revertentem, rex Lituaniae insequitur, animo eos cum simul ad gla- ciem venissent, submergendi. At Christiani, qui jam super glaciem Partim venerant, videntes illos, reversi de glacie, ad campum iniere conflictum. 2) Wigand. mit obigem Berichte einſtimmend; auch Simon Grun au a. a. O. nennt dieſen Tag. Lucas David B. VII. S. 6.
Scanseite 78 · Druckseite 64
64 Die Schlacht an der Strebe (1348). und ihre Kriegsſchaaren ſtritten mit außerordentlicher Tapfer⸗ keit und die Schlacht ward immer furchtbarer. Am blutigſten aber wurde bald der Streit in der Naͤhe der Ordenshaupt⸗ fahne, wohin der Feind ſeine ſtaͤrkſte Kraft wandte, um ſich ihrer zu bemaͤchtigen. Funfzig Ordensritter fielen bei ihrer Vertheidigung, unter ihnen der brave Komthur von Danzig Gerhard von Stregen und der Biſchofsvogt von Samland Jo⸗ hannes von Lonſtein ). Jetzt ſtuͤrmt das Ordensheer mit neuermuthigter Kraft in die feindlichen Maſſen ein, der Ge⸗ fallenen Tod zu rächen. Es wirft alles vor ſich nieder und die Schlachtordnung der Feinde wird zerriſſen. Die Litthaui⸗ ſchen und ruſſiſchen Schaaren, keines Widerſtandes mehr maͤch⸗ tig, ergreifen die Flucht; alles flürzt ſich auf das hinter ihnen liegende Gewaͤſſer, was den Waffen der Ordenskrieger zu entfliehen ſucht und da das Ordensheer den Flüchtlingen ſchnell nachfolgt und alles am Fluſſe zuſammendraͤngt, ſo geht eine große Zahl der Feinde in den Wellen unter, weil das ſchwache Eis unter der Maſſe einbricht 2). Es war der glaͤnzendſte Sieg errungen, wie er lange den Ordenswaffen nicht zugefallen war. Zwar wurde mancher tapfere Krieger beweint, denn der Orden bezahlte das Sie⸗ gergluͤck mit dem Verluſte von viertauſend ſeiner beſten Kriegs⸗ leute und jenen funfzig ſeiner Bruͤder. Ungleich groͤßer aber war die Niederlage des Feindes, da achtzehntauſend Litthauer 1) Wigand. p. 285. Der erwaͤhnte Bericht, welcher von einer „unzähligen Mennung der Unglaͤubigen“ ſpricht, die ſich dem Ordens⸗ heere entgegengeſtellt, deutet an, daß „die gebuͤhrliche Kriegsordnung im Ordensheere nicht gehalten“, alſo wahrſcheinlich vom Feinde durchbro⸗ chen und zerriſſen worden ſey. Den Biſchofsvogt von Samland nennt Wigand. Johannes de Love. In Urkunden finden wir den richtigern Namen Johannes von Lonſtein; er war wahrſcheinlich aus den Rhein⸗ landen, wo die Burg Lonſtein lag; Albert. Argent. Chron. I. c. 2) Pagani subsidium fuge querebant, pulsi a christianis, ubi in dieto flumine multi visi sunt mortui, wie Wigand. ſagt. In Albert. Argent. Chron. I. c. heißt es, daß die Ordensritter illos (Lithuanos) trudentes ad glaciem ipsorum circa sex millia submerserunt. Koja- Towicz p. 311 läßt den Fuͤrſten Olgjerd nach Welun (Velonam) flüchten.
Scanseite 79 · Druckseite 65
- Die Schlacht an der Strebe (1348). 65 und Ruſſen auf der Wahlſtatt lagen oder im Fluſſe ihren Tod gefunden, unter ihnen auch mancher ihrer Edlen. Es ſchien ein Wunder, wie bei dem Anfangs fo ſchwankenden Glüde der Sieg hatte erkaͤmpft werden koͤnnen und man wußte es ſelbſt nicht, wie er gewonnen worden war!). Darum ſchrie⸗ ben ihn die Ordensgebietiger der höheren Mithülfe der Schutz⸗ heiligen des Ordens zu, um deren Heerfahne man ſo ritter⸗ lich gekaͤmpft?). Reich durch Beute belohnt trat das Ordens⸗ heer alsbald den Ruͤckzug an, ohne den Feind tiefer ins Land zu verfolgen, und als der Hochmeiſter mit ſeinen oberſten Ge⸗ bietigern nach Königsberg gelangte, begann man ſofort in frommer und dankbarer Geſinnung fuͤr das Gluͤck der Or⸗ denswaffen das Klofter zu erbauen, deſſen Errichtung der Mei: ſter ſchon fruͤher gelobt hatte, wenn ſeinem Heere der Sieg zufalle. Es ward der Jungfrau Maria, der heilbringenden Siegerin geweiht und ſchon im naͤchſten Jahre dreizehn Jung⸗ frauen des Bernhardiner-Ordens mit reicher Begabung von ländlichen Beſitzungen und manchen Vorrechten und Freihei⸗ ten angewieſen). Bis zum Untergange des Ordens, durch die nachfolgenden Meiſter noch vielfach beguͤnſtigt und berei⸗ chert, ſtand es da als ein großes Siegeszeichen der Macht des 1) über die richtige Zeitangabe der Schlacht, die Zahl der Tod⸗ ten und Gefangenen und manche andere Einzelnheiten ſ. die Beilage zu dieſem Bande Nr. II. 2) „Der Herr und ſeine gebenedeite Gebaͤrerin die Jungfrau Maria für fie fechtend, haben fie 10,000 der ungläubigen und mehr erſchla⸗ gen u. ſ. w.“ heißt es in dem erwaͤhnten Berichte. 3) Wir haben daruber außer der Nachricht bei Wigand. 1. c. und Kojalowiez p. 311, Schütz p. 72 noch zwei ſichere Documente; das eine der oft genannte alte Bericht uͤber die Veranlaſſung des Klo⸗ ſterbaues im Fol. Handfeſt. des Biſth. Samland p. Cl XIV; das zweite eine Urkunde des Hochmeiſters, dat.: Marienburg 1349 am Dienſtag nach Martini in einer Copie auf Pergament aus der Mitte des 14. Jahrh. im geh. Arch. Schiebl. XXXIII. Nr. 4, worin das Kloſter mit den nöthigen ländlichen Beſigungen und Freiheiten be⸗ ſchenkt wird. Vgl. auch Lucas David B. VII. S. 8 — 9 und Hartknoch Dissertat. XIV. p. 230. W. 5
Scanseite 80 · Druckseite 66
66 Die Schlacht an der Strebe (1348). Kreuzes uͤber die rohe Gewalt der Heiden und noch bis die⸗ ſen Tag iſt es fuͤr Arme und Leidende der Ort des Troſtes und lindernder Huͤlfe !). Auch zu Wehlau, welches vor kur⸗ zem durch den Feind ſo ſchwer gelitten, ward vom frommen Meiſter zur Feier des Sieges und zu Gottes Lob ein Kloſter für Minoriten erbaut ), denn auf ſolche Weiſe ſprach am liebſten die frommglaͤubige Zeit ihren Dank gegen die Hand des Himmels aus und wo der Menſch den Glauben hat, ſey die Form auch welche ſie mag, iſt er darin achtungswerth. Der Feind war durch die blutige Niederlage zu ſehr ge: ſchwaͤcht und geſchreckt, als daß man ſeine Ermattung zu ſei⸗ ner weitern Bekaͤmpfung und zur Verwuͤſtung ſeiner Gebiete ſofort nicht haͤtte benutzen ſollen. Alſo ließ der Meiſter im Laufe dieſes Jahres den Heiden weder Raſt noch Ruhe. Zwei⸗ mal entſandte er den ſtreitluſtigen Ordensmarſchall Siegfried von Dahenfeld mit angemeſſener Macht nach Samaiten, wo zuerſt das Gebiet von Erogel an der Dobiſſa mit Mord und Verheerung heimgeſucht und dann auf einem wiederholten Kriegszuge nicht nur dieſes Gebiet abermals, ſondern auch die Lande um Paſtow, Pernare und Geſow ſechs Tage hindurch ausgepluͤndert und ausgebrannt wurden ohne Schonung gegen Alter und Geſchlecht?). Und als im Sommer dieſes Jahres wieder neue Streithaufen aus Deutſchland und andern Lan⸗ den des Ordens Kriegsmacht verſtaͤrkten, brach der Hochmei⸗ ſter ſelbſt, den Ordensmarſchall uͤber Ragnit an der Memel hin gegen Biſten vorausſendend, mit dem Hauptheere an dem Strome aufwaͤrts vor bis an die wiedereroberte heidniſche Burg Welun, die Schutzfeſte eines nahen heiligen Waldes, deren Mauern er, mit dem Marſchall dort wieder vereinigt, vier Tage mit ſolcher Heftigkeit beſtürmte, daß die Beſatzung, funfzehnhundert Mann ſtark, bald allen Muth zum Wider⸗ ſtande verlor und auf des Meiſters Auffoderung und Verſpre⸗ 1) Fabers Taſchenbuch von Königsberg S. 58. 2) Wigand. I. c. 3) Wigand. I. c. Schütz p. 72. Über das Geographiſche vgl. oben B. IV. S. 84.
Scanseite 81 · Druckseite 67
Äuffere Verhällniſſe des Ordens (1348). 67 chen ihrer Schonung ſich ohne weiteres ergab. Die Burg ward in Brand geſteckt und bis auf den Grund vernichtet, die Beſatzung aber mit Weib und Kind nach Samland ge⸗ führt, dort getauft und auf Ländlichen Beſitzungen vertheilt ). So war auch dieſe Schutzwehr des nahen Heiligthums und dieſes aͤußere feſte Vorwerk der Heiden wiederum gebrochen und das Kriegsgluͤck hatte die Ordenswaffen in dieſem Jahre fo herrlich beguͤnſtigt, wie felten in vorigen Zeiten. Mittlerweile hatte ſich auch in des Ordens aͤußeren Ver⸗ haͤltniſſen manches anders geſtaltet. Schon im October des Jahres 1347 war ſein hoher Goͤnner, Kaiſer Ludwig der Vierte geſtorben, nachdem er bis in ſein letztes Lebensjahr nie aufgehoͤrt, dem Orden zahlreiche Beweiſe ſeiner Huld und Zu⸗ neigung zu geben und ihn beſonders in ſeinen Ordensbeſitzun⸗ gen in Deutſchland durch mancherlei Vorrechte und Freiheiten zu beguͤnſtigen, in welcher Beguͤnſtigung obenan das Ordens⸗ haus zu Mergentheim ſtand ?). Ludwigs Nachfolger auf dem 1) Wigand. l. c. Schütz I. c. Diugoss. L. IX. p. 1079. Lucas David B. VII. S. 10. Detmar BI. S. 258 zaͤhlt 1600 Gefangene, Männer und Frauen. Welun ift, wie ſchon erwähnt, das jetzige Wiliona. Wir finden die Gegend in einer etwas ſpaͤtern Streit⸗ ſchrift fo beſchrieben: Bei dem Castro Welune videlicet a parte me- ridionali ultra fluvium Nemen et versus fluvium Suppa est villa sen predium et possessio, que dicebatur Peygowa cum ipsius territorio et districtu, ad partem vero orientalem dieti Castri Weluna terri- torium dietum Pestwa (Biſten ober Beſten, ſ. oben B. IV. S. 13) cum sua possessione seu predio et monte, ubi alias Castrum erat erectum. Item versus oceidentem dieti Castri Weluna ex una parte fluvii Nemen villa, que vocabatur Woygowa et ex alia parte fluvii Nemen Silva dicta ventus, que alias sancta in paganismo voca- batur, circa quam silvam fuit villa dieta Calsina; item versus par- tem septentrionalem dieti Castri Weluna fuit villa dieta Gastowdi. Den Angriff auf die Burg Welun läßt übrigens Wigand. am Tage Assumption. Mariae (15. Aug.) geſchehen. 2) Jaeger Cod. diplom. ord. Theut. T. II. enthält vom J. 1340 bis 1347 eine bedeutende Zahl von kaiſerlichen Privilegien, welche theils das Ordenshaus und die Stadt Mergentheim, theils andere deutſche Ordensbeſitzungen betreffen. In einer Urkunde des Kaiſers, worin er den Orden und beſonders das Ordenshaus zu Mergentheim 5 *
Scanseite 82 · Druckseite 68
68 Nufſſere Verhättniffe des Ordens (1348). Throne, Karl der Vierte, Sohn des Koͤniges Johann von Böhmen, derſelbige, welcher dieſen feinen Vater einigemal auf deſſen Heereszuͤgen nach Preuſſen begleitet und wohl damals ſchon eine gewiſſe Vorliebe für den Orden gewonnen, hatte den Deutſchen Koͤnigsthron kaum beſtiegen, als auch er ſchon in dem erſten Monate ſeiner Herrſchaft ihm ſeine Gunſt und wohlgeneigte Geſinnung in manchen Beweiſen kund gab. So ſprach er auf die Bitte des ihm wohlbefreundeten Landkom⸗ thurs zu Franken Burggrafen Berthold von Nurnberg den Or⸗ den frei von der Verpflichtung, auf die ſ. g. erſten Bitten der Roͤmiſchen Koͤnige und Kaiſer irgend Perſonen in ſeine Haͤu⸗ ſer aufzunehmen und er verlieh ihm dieſe Befreiung insbeſon⸗ dere aus Ruͤckſicht auf die Verdienſte, die ſich der Orden in Sachen des Reiches erworben, und auf die unwandelbare Treue, die er von jeher dem Kaiſerthrone bewieſen !). Es war fer⸗ ner ein beſonderer Beweis der Gunſt des neuen Koͤniges, daß er allen Landvoͤgten, Obrigkeiten, Richtern und Amtleuten im ganzen Reiche das Gebot ertheilte, des Ordens ſ. g. eigene dem Biſchofe Hermann von Wuͤrzburg empfiehlt, heißt es ausdruͤck⸗ lich: Cum viros venerabiles et religiosos, preceptorem generalem tocius ordinis necnon Magistrum generalem Germaniae secretarıum nostrum dilectum ac singulos commendatores et generaliter cunctos degentes in religione illa Fratrum b. M. D. Th. H. I. similiter no- bis devotos, eorumque domos affectione specialissima complectamur, ipsosque deceat, cum sint imperii plantula, sub umbra alarum pro- tectionis nostre celsitudinis floride quietudinis pausam recipere, vel- uti a nobis et Imperio clementissime receptati, Ipsos eorumque do- mos tue ditioni subditas et specialiter Domum in Mergentheim cum cunctis eisdem pertinentibus care tue sinceritati speciali affectu re- commendandos decrevimus etc. Jaeger l. c. an. 1334. In andern urkunden nennt der Kaiſer den Deutſchmeiſter Wolfram von Nellen⸗ burg oft „unſer lieber Heimlicher,“ und ruͤhmt von ihm, „das er uns getrewlich nach allen unſern Willen und Gebot gedient hat und noch alle tag willechlichin tut.“ 1) Urkunde, dat.: In Nuremberg XII. Calend. Decembr. an. 1347, regnor. nostror. secundo im kleinen paͤpſtl. Privilegien. p. 18. Der Burggraf Berthold von Nuͤrnberg kommt wenigſtens im J. 1345 als Landkomthur von Franken vor, ſ. Jaeger I. c. an. 1345.
Scanseite 83 · Druckseite 69
Auffere Verhaͤltniſſe des Ordens (1348). 69 Leute, wo man ſolche auch ſeßhaft finde, in allen ihren Ver⸗ haͤltniſſen nicht nur in Friede und Ruhe zu laſſen, an ſie keine Forderungen zu richten oder ſie in irgend einer Weiſe zu be⸗ drängen und zu beſchweren, ſondern vielmehr überall gegen andere in Schutz zu nehmen und ihre Rechte zu verwahren 1). Außerdem beſtaͤtigte Karl dem Orden nicht bloß alle ſeine fruͤ⸗ heren Rechte und Freiheiten ſowohl in Deutſchland als Boͤh⸗ men, ſondern begnadigte auch einzelne Ordenshaͤuſer im Reiche mit manchen neuen Gerechtſamen und Beguͤnſtigungen 2). Anders der Papſt. Clemens, der gleich im Anfange ſei⸗ nes Pontificats das Kulmerland wieder einmal mit der For⸗ derung des Peterspfenniges in Anſpruch genommen ), kuͤm⸗ merte ſich nur wenig um den Deutſchen Orden, zumal da er ihn der Sache des verhaßten Kaiſers Ludwig ſtets ſo treu er⸗ geben ſah, denn außer der dem Orden in Preuſſen und Liv⸗ land zugeſtandenen Erlaubniß, daß der Meiſter und Ordens⸗ marſchall auf ihren Kriegszuͤgen gegen die Heiden zur Win⸗ terzeit die Fruͤhmeſſe auf einem tragbaren Altare im Lager hal⸗ ten laſſen dürften *), hatte er ſeit mehren Jahren nicht den 1) Urkunde, dat.: Nürnberg n. Chr. Geb. 1347 am Samſtag nach S. Andrestag im andern Jar unſers riches, im kleinen paͤpſtl. Privilegienb. p. 14. 2) Die Urkunden theils in Jaeger Cod. diplom. T. II., theils im Original im geh. Arch. Schiebl. 20; auch im Hiſtor. diplomat. Unter⸗ richt und Deduction Beil. Nr. 15. 16. Merkwuͤrdig iſt eine Urkunde Karls, worin er dem Orden ſein Recht, in Muͤhlhauſen das Schul⸗ weſen zu ordnen und zu leiten, beſtaͤtigt. Es heißt darin, man habe ihm die Bitte vorgelegt, quatenus fratribus eiusdem Ordinis in Mül- husen litteras recolende memorie Ilustris quondam Heinrici Rona- norum regis predecessoris nostri per ipsos super jure locacionis et regiminis scolarum in Mülhusen neenon ordinacione elemosine ibi- dem, que regis clemencia nuncupatur obtentas, ratiſicare et confir- mare de benignitate solita dignaremur; ſ. klein. päpftl. Privilegienb. P. 186. 3) Es geſchah ſchon im J. 1343; Raynald. an. 1343. Nr. 40. 4) Das Original der Bulle, dat.: Avinion. II. Calend. Jun. p. a. III. (31. Mai 1344) im geh. Arch. Schiebl. VII. Nr. 1. Die Er⸗ laubniß wird jedoch mit der Weiſung gegeben, quod ipsi Magister et
Scanseite 84 · Druckseite 70
70 Äuffere Berhättniffe des Ordens (1348). geringften Beweis ſeines Wohlwollens gegen den Orden ge geben. Um ſo hoͤher ſtand der Orden auch noch um dieſe Zeit in Achtung und Anſehen bei den edelſten Haͤuſern im Reiche, an Fürftenhöfen und ſelbſt an den Thronen der Könige. Nicht bloß Soͤhne edler Familien in Deutſchland, ſelbſt fuͤrſtliche Prinzen, ſelbſt ein Koͤnigsſohn aus dem Norden traten gerne in den hochgeachteten Bruͤderverein. Zahlreich waren die Pri⸗ vilegien, Freiheiten und Beguͤnſtigungen jeglicher Art, in wel⸗ chen die Fuͤrſten in Franken, Heſſen, Baiern, Sſterreich und andern Laͤndern ihre Gunſt und Liebe gegen die ritterlichen Brüder des Ordens an den Tag legten). Am lebendigſten aber und am thaͤtigſten ſprach ſich die Zuneigung und das Wohlwollen, deſſen der Orden ſich allenthalben zu erfreuen hatte, in dem beſtaͤndigen Zuſtroͤmen ritterlicher Krieger zur Beihuͤlfe in feinen Kämpfen gegen die Heiden aus, denn lag es auch mit in der Sitte, in der Richtung und dem Geiſte der Zeit, daß man die Kraft des Armes zu Gottes Ehre, zum Heile der Kirche und zur Erwerbung ritterliches Ruhmes vor allem auf den Kampf wider die Heiden verwenden zu müffen meinte, ſo trieben doch manchen, der das Schwert ergriff, auch andere Geſinnungen fuͤr den Orden zu den bedeutenden Opfern, welche ein Zug nach Preuſſen zum Streit für feine Sache forderte. Es galt ja ſchon laͤngſt fuͤr ſolche, die zum Kampfe gegen die Litthauer mit Kriegsſchaaren herbeigezogen waren und ſich in Schlachten oder ſonſt hervorgethan, als eine hohe Belohnung ihrer Verdienſte, wenn der Orden ſie mit der Aufnahme in die Zahl der ſ. g. Halbbruͤder erfreute und fie für ihre Mühen und Opfer im Heidenkampfe des reichen Gnadenſegens, den Gott, wie man meinte, dem Orden ver⸗ Capitaneus parce huiusmodi concessione utantur, quia cum in alta- ris officio immoletur dominus noster dei filius Jhesus christus, qui candor est Jucis eterne, congruit hoe non in noctis tenebris fieri, sed in luce. 1) Solche Privilegien aus dieſer Zeit in Jaeger Cod. diplom. T. II., in Duellii Histor. Ordin. P. III. c. II. p. 68.
Scanseite 85 · Druckseite 71
Xuffere Verhältniſſe des Ordens (1348). 71 liehen, für wuͤrdig und theilhaftig erkannte, wie ſchon zur Zeit Werners von Orſeln mehren Fuͤrſten von Schlefien geſchah ). Es war in Deutſchland wie in fremden Landen allbe⸗ kannt, daß der Meiſter und die Gebietiger in Preuffen in der Regel wenigſtens zweimal in jedem Jahre zur Zeit der Hoch⸗ feſte der Jungfrau Maria, der Schutzpatronin des Ordens, im Winter um das Feſt von Mariqͤ Reinigung im Anfange des Februars und im Sommer um die Zeit von Marid Him⸗ melfahrt in der Mitte Auguſts eine Heerfahrt ins Heidenland oder, wie man es nannte, „eine Reiſe“ zum Kampfe mit den Heiden zu unternehmen pflegten, theils weil man dieſe Zeiten am geeignetſten zu ſolchen Kriegszuͤgen gefunden, theils weil die Ritter waͤhnten, durch ſolche Heidenkaͤmpfe die Hochfeſte der Königin der Ehren am angemeſſenſten zu verherrlichen 2). Spaͤtere Zeiten moͤgen es einen Wahn nennen, in welchem die Ordensritter mit ihrer ganzen Zeit befangen waren. „Aber 1) Vgl. meine Abhandlung uͤber die Halbbruͤderſchaft des Deutſch. Ord. in den Beitraͤgen zur Kunde Preuſſ. B. VII. H. 2. S. 157. 2) In einer alten Streitſchrift der Polen gegen den Orden im Fol. G. heißt es hierüber: Fratres ... in praecipuis et maioribus sancte Marie festivitatibus, videlicet in die Assumpcionis et in die purificacionis suas huiusmodi invasiones vices seu Resas faciunt et fecerunt ac communiter et regulariter consueverunt; und in einer andern Stelle: Fratres ... quasi ex quadam lege sive regula annis singulis bis in anno congregatis validis exercitibus armatorum tem- poribus eis ad hoc negocium magis aptis et accommodis, videlicet de mensibus Februarii in yeme et Julii (2) in estate invadebant partes infidelium, nunc istas, nunc alias, excepto quod quandoque propter inundaciones aquarum vel propter alia viarum impedimenta ad easdem partes se cum dictis exercitibus transferre non pote- runt; — quamvis eciam quandoque non solum bis in anno predicta, sed tociens quociens eisdem fratribus placuit vel eciam videbatur, quas quidem invasiones seu vices invadendi huiusmodi in suo ser- mone „Resas““ vulgariter vocant. Den Polen ſcheint der Ausdruck „Reiſen“ für Heereszuͤge etwas Befremdendes gehabt zu haben. In Preuſſen und Deutſchland war er ſehr gewöhnlich. In Briefen des dochmeiſters kommt er fpäterhin ſehr häufig vor; auch Wigand. ge: zraucht ihn Koͤnigshoven Elſaß. Thron. S. 32 nennt ſelbſt den
Scanseite 86 · Druckseite 72
72 Auſſere Verhaͤltniſſe des Ordens (1348). die Herren des Mittelalters ſetzten an einen Wahn, den ſie mit Weisheit verwechſelten, und eben weil er ihnen Weisheit war, Blut, Leben und Eigenthum; ſo ſchlecht ihre Vernunft belehrt war, ſo heldenmaͤßig gehorchten ſie ihren hoͤchſten Ge⸗ ſetzen — und koͤnnen wir, ihre verfeinerten Enkel, uns wohl rühmen, daß wir an unſere Weisheit nur halb ſo viel, als fie an ihre Thorheit, wagen?“ !) Von Alters her hatte der Glaube an ſolche Zuͤge ins Heidenland und an die Kaͤmpfe mit den Unglaͤubigen eine gewiſſe Religioſitaͤt geknuͤpft. In ihnen konnten ſich religiöfe Froͤmmigkeit und der Geiſt des Ritterthums am innigſten durchdringen; man ſah ſie an wie Acte einer gewiſſen ritterlich⸗ religioͤſen Weihe für jeglichen, welcher Theil an ihnen nahm; es gab nichts fuͤr den from⸗ men und zugleich tapfern Rittersmann, wobei hoher Ruhm vor Menſchen und hohes Verdienſt um Glaube und Kirche ſich ſo nahe ſtanden, und ſchon dieſe Anſicht — für uns ein Wahn, für jene Zeit eine begeiſternde Überzeugung — zog faſt jedes Jahr zahlreiche Schaaren ins Ordensland, um im Glaubens⸗ kampfe wider Chriſti Feinde der Seele Seligkeit und den ein⸗ ſtigen Lohn des Himmels zu verdienen. Wen aber dieſe Über⸗ zeugung und dieſer Glaube nicht trieb, der kam als Kaͤmpfer herbei, um in ſolchem Streite unter des Ordens Panier Rit⸗ terdienſt zu uͤben und ſich den Ritternamen zu erwerben, denn wie einſt der Ritter vor allen hoch geachtet war, welcher im heiligen Lande das Grab Chriſti wider die Saracenen 2) mit ſeinem Blute vertheidigt hatte, ſo jetzt der auch, welcher dem Schutze der Kirche und der Sache der Kirche ſein Schwert gegen die Heiden und Saracenen in Litthauen gewidmet, und der Rittername konnte nirgends mit hoͤherem Ruhme und mit Zug gegen Troja „die groͤſte und herrlichſte Reiſe“ jener Zeit; ſ. auch Chron. Salisburg. ap. Pez script. rer. Austr. T. I. p. 416, Kirch⸗ ner Geſchichte der Stadt Frankfurt a. M. B. I. S. 265. 1) Schiller Vorrede zu der Geſchichte des Maltheſerordens nach Bertot. 2) Bekanntlich ein Name, den man in Urkunden auch den heid⸗ niſchen Litthauern gegeben findet.
Scanseite 87 · Druckseite 73
Zuffere Verhältniſſe des Drdens (1349). 73 einer ſchoͤneren Weihe gewonnen werden als im heidniſchen Lande von Männern, die im Schwerte und Kreuze Ritter⸗ thum und Religion vermaͤhlten. — Endlich zogen wohl man⸗ chen Kriegsmann aus Deutſchland auch die Banden naher Verwandtſchaft nach Preuſſen hin; wie manchen lockte nicht der Sohn, der Bruder, ein naher Verwandter oder ſonſt ein ähnliches nahes Verhaͤltniß zur Ritterfahrt in dieſes Land! Es bleibt für uns alſo, wenn wir den Geiſt jener Zeit verſtehen, keine unerklaͤrlich wunderbare Erſcheinung, wenn wir auch kuͤnf⸗ tighin oft von Jahr zu Jahr neue Kriegerſchaaren, Fuͤrſten und Ritter an ihrer Spitze, dem Orden in ſeinem Kampfe wider die Heiden zu Huͤlfe eilen ſehen ). Mitunter gab es freilich auch Zeiten, in denen ſolches Herbeiſtroͤmen fremder Kriegshaufen nicht Statt fand und der Orden bald aus Mangel fremder Streitkräfte, bald wegen unguͤnſtiger Witterung um die gewöhnliche Kriegszeit oder auch aus andern Urſachen keine Kriegsreiſen ins heidniſche Land unternahm und ſein Schwert gegen den Feind in Ruhe ließ. Dieß war der Fall auch in den letzten Jahren des Hochmei⸗ ſters Heimich Duſmers von Arffberg, in denen er ſich faſt ausſchließlich nur mit Dingen der innern Landesverwaltung und mit ſolchen Verhaͤltniſſen beſchaͤftigte, welche den Frieden ſeiner Unterthanen, die buͤrgerliche Sicherheit und das Gedei⸗ 1) Auch darüber ſpricht ſich die oben erwähnte Streitſchrift der Polen aus, freilich nicht ohne Schelſucht und Verlaͤumdung von Zweck und Abſicht bei den Ordensrittern, wenn es z. B. heißt: Fratres — volentes quasi per mendicata suffragia sue cupiditatis propositum facilius adimplere multarum pareium plurimos christianos multosque milites et gentes armigeras christianas sibi in auxilium attraxerunt ac eciam converterunt, ita quod de diversis partibus christianis di- versi status homines eodem errore taliter seducti, decepti pariter et infecti causa milicie annis singulis in magna multitudine ipsis fra- tribus in auxilium concurrebant et confluere consueverunt maxime temporibus et mensibus supradictis Resas predietas contra huiusmodi infideles cum eisdem fratribus faciendo, dictosque infideles et eorum terras et dominia taliter invadendo, impugnando, turbando, mo- lestando.
Scanseite 88 · Druckseite 74
74 Üuffere Verhaͤltniſſe des Ordens (1349). hen und den Wohlſtand der Staͤdte und des Landmannes aufrecht halten und foͤrdern konnten. Mit dem Koͤnige Kaſi⸗ mir von Polen, der mit dem Orden ſeit jenem Frieden immer noch in freundlichen Verhaͤltniſſen ſtand, glich er ſich über ge⸗ wiſſe Graͤnzirrungen aus, die zwiſchen den Ordenslanden in Pommern und Kulmerland und Polen und Cujavien bisher noch uneroͤrtert geblieben waren, ſo daß nunmehr die Graͤnz⸗ linie aufs genaueſte beſtimmt wurde, welche die genannten Lande von einander ſcheiden ſollte. Man kam dabei auch überein, daß niemand, der über die Weichſel gehe, ſoweit fie die Gränzlinie bilde, für Perſon oder Gut irgend eine Abgabe entrichten und Streitigkeiten beiderſeitiger Unterthanen in den Graͤnzdoͤrfern von redlichen Nachbarn unterſucht und geſchlich⸗ tet werden ſollten!). Um dieſelbe Zeit bewirkte der Meiſter auch bei dem Koͤnige, daß dieſer zur Belebung und Foͤrde⸗ rung des Handelsbetriebes den Kaufleuten aus Preuſſen fuͤr ihren Verkehr von Thorn nach Breslau eine freie Handels⸗ 1) Urkunde des Hochmeiſters bei Dogiel T. IV. Nr. 67. p. 71; die Gegenurkunde des Koͤniges, dat. in Transacz de&mo octavo Kalend. Julii a. d 1349 in einem Transſumt von 1421 im geh. Arch. Schiebl. 61. Nr. 1. Die Graͤnzlinie zwiſchen Kulmerland und Cujavien bildet von der Gränze des Neſſauiſchen Gebietes an bis an das der Abtei Biſſau gehörige Dorf Bezendorf (in der Nähe von Tranſatz oder Trenſatz) der Weichſel⸗Strom. Von da geht dann die Gränzlinie zwiſchen Cujavien und Pommern über Groß⸗Zupanino (jetzt Supponin), die Dorfgraͤnzen von Zambovo (Zembowo) nach Ne⸗ bescyn (Niewiesczyn), dann uͤber das Dorf Slochaw nach Brusk (Pruſt) an die Dorfgraͤnzen von Groß⸗Lowyn und Brzezin (Brzezno), über Schroczk (Szierotzken), Yeſſeniz (Jaſchinitz) nach Dambagora (nunc deserta“) und Lubetors, über die Dorfgränzen von Sucha (Suchau) gegen Clonow (Klonowo) bis an den Fluß Dbra (Braa); diefen aufwärts bis wo die Kamona (Camionka) hineinfaͤllt, dann längs dieſem Fluͤßchen fort bis an das Dorf Grymowo, von da an den See Sucow, von welchem der Fluß Debrincz (Dobbrinka) aus⸗ geht, an dem die Graͤnze dann fortgeht bis wo der Fluß Gwda Gud⸗ dow) in ihn fallt (jetzt bei Landeck). Alſo iſt dieſe Gränzlinie von der Weichſel bis an die Braa dieſelbe, welche jetzt noch Statt findet, nur von da bis Landeck von der neuern abweichend.
Scanseite 89 · Druckseite 75
Handelsverhaͤltniſſe Preuſſens (1349). 75 ſtraße durch fein Reich über Radziejewo, Konin, Kaliſch und Schildberg, dann für ihren Handel nach Volhynien (welches Kaſimir, ſo weit er es fruͤher den Litthauiſchen Fuͤrſten Kyn⸗ ſtutte und Ljubart abgetreten, ihnen in dieſem Jahre wieder abgenommen hatte)!) und insbeſondere nach Wladimir eine Handelsſtraße über Czechow, Kaſimir und Lublin, ſowie zum Verkehre nach Sandomir eine freie Straße uͤber Brzeſk, Lan⸗ cziz und Opoczno eröffnete und dem Kaufmanne auf dieſen Handelswegen gegen Entrichtung der üblichen Zölle völlige Si⸗ cherheit gewaͤhrte. In gleicher Weiſe ertheilte er zum Vor⸗ theile ſeiner Stadt Sandomir den Kaufleuten aus Preuſſen für ihren Handelsverkehr nach Ungern einen freien Durchzug mit ihren Waaren durch Sandomir und verhieß allen, welche dieſe Handelsſtraße nach Ungern oder von dort her nach Preuſ⸗ ſen einſchlagen wuͤrden, Sicherheit gegen alle Hinderniſſe und Unfaͤlle, welche auf andern Wegen den Kauffahrer zu treffen pflegten ?). Somit erhielt der Handel von Preuſſen aus nach Schleſien, beſonders mit dem regſamen Breslau, nach Polen, Ungern und Volhynien eine neue Ausdehnung und ungleich freiere Beweglichkeit und Lebendigkeit. Fielen bisweilen auch Mißhelligkeiten zwiſchen Unterthanen des Ordens und des Köͤ⸗ niges von Polen Über Handelsverhaͤltniſſe noch vor, fo war man beiderſeits immer eifrigſt bemuͤht, ſie zum Wohle des 1) Karamſin B. IV. S. 224. 2) Die beiden urkunden des Koͤniges hieruͤber, die eine dat.: in Brest feria sexta post octavas corporis christi a, d. 1349, die an⸗ dere: Sandomirie die s. Bartholomei Apost. befinden fi im Original im Rathsarchiv zu Thorn Cist. VII. Nr. 14 und 16. Eine andere Urkunde, die, dat.: Sandomir. a. 1349 infra octav. sancti Andree, ſich auf den oben erwähnten Handelsweg bezieht, enthält für die Kauf⸗ leute aus Preuſſen und insbeſondere aus Thorn die vom Könige be⸗ willigte Erlaubniß per terram nostram Rusie transeundi et ad Ladi- miriam nostram Civitatem veniendi ibique negociandi, mercandi et morandi, salvis rebus omnibus et personis, ſowie Erſatz fuͤr allen Schcden, der ihnen etwa geſchehe; im Rathsarchiv zu Thorn Cist. VI. r. 25.
Scanseite 90 · Druckseite 76
76 Handelsverhaͤltniſſe Preuſſens (13499. Ganzen ſo ſchnell als moͤglich beizulegen und den Handelsfrie⸗ den von neuem zu befeſtigen ). Insbeſondere war es auch jetzt noch, wie ſchon erwaͤhnt, der Tuchhandel, deſſen Betrieb von Thorn aus in die genann⸗ ten Laͤnder nun eine neue Regſamkeit gewann, weshalb jetzt auch der Hochmeiſter mit Zuziehung der vornehmſten Staͤdte ſeines Landes auf dieſen Handelszweig ſeine beſondere Auf⸗ merkſamkeit richtete und die ihn betreffenden Geſetze und Will: kuͤhren der Staͤdte gerne beſtaͤtigte ?). Als Haupthandelsplatz im ſuͤdlichen Preuſſen, an der bequemen Straße des Weich⸗ ſel⸗Stromes, der es nordwaͤrts mit der See und ſüdwaͤrts mit dem Innern Polens in leichte Verbindung ſetzte, nahm daher auch Thorn von Jahr zu Jahr an Umfang und Bevoͤl⸗ kerung bedeutend zu und der Hochmeiſter nahm gerne jegliche Gelegenheit wahr, den Wohlſtand und das Gedeihen des be⸗ triebſamen Bürgerſtandes immer mehr zu heben ). Was aber 1) So erklaͤrt z. B. der Koͤnig, als einigen Polniſchen Kaufleu⸗ ten ihre Tuchwaaren in Thorn aus irgend einer Urſache angehalten worden waren, quod propter detentionem pannorum in Thorun factam Cives Thorunens. et alios quoscunque praefato Ordini sub- zectos nullatenus iure vel facto in rebus aut personis infestare vo- lumus, nec aliquo molestaciones genere perturbare. Die Urkunde, dat.: in Lamburga die b. Bartholomei a. d. 1350 im Original im geh. Arch. Schiebl. 61. Nr. 2. 2) So heißt es in einem alten Buche im geh. Arch.: Anno dit 1349 proxima dominica ante festum Elyzabeth: Actum et arbitra- tum per Civitates terre consensu et voluntate dominii nostri supe- rioris sub hiis verbis: Wir willekorn daz alle tuch dy man machit in dem lande geverbit adir ungelibit behaldin fullin driſik elin lanc, ift 5 eynir halbin elin kurczir daz zal zyn ane var, waz vz abir me kurczir iſt, daz zal man vornugin vol byz czu driſik elin noch geſecze des koufis. SIE vz abir acht und czwenczic elin kurcz, zo zal man daz tuch in czwey ſniden und zal yz nicht gancz vercoufin, dor czu ſal yz gebin eyn ſirdunc buſe der ſtath do yz ynne czu marcte brocht wirt. 3) über die vermehrte Bevölkerung Thorns eine Urkunde vom 2. 1349 im Rathsarchiv zu Thorn Cist. IV. Nr. 19, worin wegen der zunehmenden Menſchenmenge der Stadt eine Erweiterung des Kirchho⸗ fes genehmigt wird.
Scanseite 91 · Druckseite 77
Handelsverhältniſſe Preuſſens (1349). 72 Thorn fir Preuſſens Handel in die ſuͤdlichen Länder, das war Elbing auch noch um dieſe Zeit fuͤr den Handel zur See, ob⸗ gleich auch Thorn einen ziemlich regen Handel Seewaͤrts trieb 1). Wie dieſes vorzuͤglich den Tuchhandel in den Händen hatte, ſo Elbing in den fruchtergiebigen Werdern vor allem den Ge⸗ treidehandel in die verſchiedenen Oſtſee⸗Laͤnder, und ſelbſt mit England ſcheint der Getreidehandel um dieſe Zeit ſchon in re⸗ gem Leben geweſen zu ſeyn ?). Von Elbing und Danzig aus fand auch ſchon ein ziemlich lebendiger Verkehr mit den Nie⸗ derlanden Statt, wovon beſonders der Umſtand zeugt, daß Margaretha, Kaiſerin von Rom und Graͤfin von Hennegau und Holland, den gemeinen Kaufleuten aus Preuſſen ebenſo wie denen aus Weſtphalen die Freiheiten beſtaͤtigte, welche ih⸗ nen in Handelsverhaͤltniſſen ihr Bruder der Graf Wilhelm von Holland mehre Jahre zuvor ertheilt ?). Je mehr aber der Orden dieſes rege Leben in den Staͤdten erwachen und ſich erweitern ſah, um ſo bereitwilliger raͤumte man Hinder⸗ niſſe hinweg und erleichterte Laſten und Beſchwerden, die den Bürger drückten. So geſchah es im Jahre 1348, daß der Hochmeiſter die Buͤrger Elbings, nachdem ſie eine bedeutende Dammarbeit im Werder vollendet hatten, fuͤr alle Zeiten von der Dammpflichtigkeit frei ſprach, um die beſtrebſame Buͤrger⸗ ſchaft von einer den Handel ſtoͤrenden Laſt fuͤr immer zu ent⸗ binden). Neben Thorn, Danzig und Elbing hob ſich als vierte Schweſterſtadt jetzt auch Koͤnigsberg in ſeinem Handel ungleich mehr empor und wie wir ſehen werden, erhielt ſie ſchon in einem der naͤchſten Jahre voͤllig gleiche Handelsrechte mit ihren genannten Schweſterſtaͤdten. Es wird berichtet, daß 1) Fiſcher Geſchichte des Handels B. II. S. 162. Im 3.1345 ſtrandete ein Thornſches Schiff in Friesland. 2) Fiſcher a. a. O. S. 158. Ander ſon Geſchichte des Han⸗ dels B. II. S. 256. 3) S. die Urkunde vom J. 1346 in Sartorius Url. Geſchichte der Hanſe B. II. Nr. 161. S. 390. 4) Originalurkunde des Ordenstreßlers, dat.: In der Capelle bei der Paute am naͤchſten Dienſtag nach Petri und Pauli 1348 im Raths⸗ archiv zu Elbing Nr. 35.
Scanseite 92 · Druckseite 78
78 Innere Verhaͤltniſſe (1349). dieſer Hochmeiſter, um Handel und Wandel mehr zu foͤrdern und das fremde Polniſche und Boͤhmiſche Geld mehr und mehr aus dem Lande zu verdraͤngen, eine neue Münze, Groſchen, je zwanzig auf eine Mark habe ſchlagen laſſen; jedoch iſt dieſe Nachricht nicht ganz ſicher verbuͤrgt ). Mit zunehmendem Reichthum aber und mit dem ſteigen⸗ den Wohlſtande in den Staͤdten gingen freilich mehr und mehr auch hier, wie immer und uͤberall, Wohlleben, Schwelgerei und uͤbermaͤßige Genußſucht in gleichem Schritte, alſo daß es der Hochmeiſter ſchon noͤthig erachtete, reiſenden Ordensbruͤ⸗ dern den Aufenthalt in den Staͤdten ernſtlich zu verbieten und beſonders vor Elbing zu warnen, wo wie es ſcheint Schmau⸗ ſereien und Trinkgelage unter den reichen Kaufleuten ſchon ſtark im Gange waren 2). Es iſt die Nachricht erhalten, daß auch zwei neue Staͤdte, Seeſten und Sensburg um dieſe Zeit von dem Hochmeiſter gegründet worden feyen ?) und Thorn durch ihn eine ſtaͤrkere Befeſtigung erhalten habe“). Schip⸗ penbeil erhielt von ihm fein Gruͤndungsprivilegium ). Nicht minder ſorgſam und thaͤtig zeigte ſich der wackere Meiſter in der Befoͤrderung des Wohlſtandes des Landmannes und des regen Fleißes im Ackerbau. Bald war es die Vieh⸗ zucht und beſonders die immer mehr auflebende Schafzucht, die er bei dem ſteigenden Tuchhandel nach dem Auslande auf alle Weiſe zu heben und zu erweitern ſuchte »); bald ließ er 1) Die Nachricht ruͤhrt naͤmlich nur von Simon Grun au Tr. XII. c. 14 her, aus welchem fie Lucas David B. VII. S. 10 genommen hat. Hartknoch Dissertat. XVI. p. 297 — 298. 2) Ordens⸗Statute herausgeg. von Hennig S. 131. 3) Henneberger S. 434. Hartknoch A. und N. Preuff. S. 425. Nach dieſen ſoll auch Soldau, das Städtchen, im J. 1349 erbaut, nach andern Nachrichten dagegen ſchon unter dem vorigen Hochmeiſter gegruͤndet worden ſeyn. 4) Hartknoch a. a. O. S. 369. De Wal T. III. p. 329. 5) Es hat das Datum: Marienburg am Sten Tag des oberſten Tags 1351; Abſchriſt im geh. Arch. 6) Urkunde vom J. 1348 im Buche: Handfeſt. des Biſth. Sam⸗ land p. 98.
Scanseite 93 · Druckseite 79
Innere Verhaͤltniſſe (1349). 79 auf eigene Koſten einem Fluſſe eine andere Richtung geben, um ſeiner Unterthanen Gebrechen am Mahlwerke bei ihren Muͤhlen abzuhelfen ); bald mußte auf ſein Geheiß der Kom⸗ thur von Balga und Vogt von Natangen durch neue Land⸗ vergabungen und neue Anſiedler die traurigen Spuren der wil⸗ den Verheerungen bei den Einfaͤllen der Litthauer in ſeiner Landſchaft zu vertilgen ſuchen?); bald wies er ſelbſt neuen Bewohnern lediggewordene Güter an oder verſetzte zuweilen auch arme Landleute zu ihrem beſſeren Fortkommen aus einer Landſchaft in eine andere u. ſ. w.). Vor allem hochgeachtet war der Meiſter im ganzen Lande wegen ſeiner ſtrengen Gerechtigkeitsliebe und der Geiſt dieſer hohen Fürftentugend war durch ihn auch auf die oberſten Ge⸗ bietiger uͤbergegangen, die ihm mit Rath in des Landes Ver⸗ waltung zur Seite ſtanden. Wir ſahen fruͤher ſchon, welche Sorgfalt er der beſſeren Ordnung des Gerichtsweſens wid⸗ mete. Man berief ſich daher ſtets und überall gerne in ſtrei⸗ tigen Faͤllen auf ſein und ſeiner Gebietiger Urtheil und fuͤgte ſich willig in ihre gerechte Entſcheidung. Wie der Komthur des Johanniter⸗Hauſes zu Schoͤneck in Pommern, Johannes von Bortveld, in ſeinem Streite mit dem Abte von Pelplin iiber Güter und Graͤnzirrungen ihrer Gebiete ſich vertrauungs⸗ voll dem ſchiedsrichterlichen Urtheile des Ordensſpittlers Her⸗ 1) Urkunde vom J. 1347 im geh. Arch. Schiebl. L VI. Nr. 28 und VIII. Nr. 6. Annal. Oliv. p. 53 — 54. 2) So heißt es z. B. in einer Verſchreibungsurkunde des Kom⸗ thurs von Balga Ortolf von Trier, der zugleich Vogt von Natangen war: postquam Terra Barthen per insultationem Littwinorum proh- dolor fuit desolata ac hostiliter devastata et eadem terra distrietui ac domui Balga fuit redonata, fo gebe er auf Geheiß des Hochmei⸗ ſters und mit Vollmacht des Ordenskapitels den Preuſſen Saukul, Kaysyn, Clersils und Nickel Gebruͤdern eine Strecke Landes ein ad replantacionem dicte terre Barthen, jedem mit 30 Mark Wehrgeldes; Originalurk. Schiebl. XXVI. Nr. 5. . 3 Hievon die Beweiſe in den verſchiedenen Verſchreibungsbuͤchern im geh. Arch.
Scanseite 94 · Druckseite 80
so Die Peſt in Preuſſen (1350). mann von Kudorf unterwarf !), fo ſtellten der Biſchof Ar⸗ nold von Pomeſanien und ſein Domkapitel ihren langwierigen Zwiſt uͤber gewiſſe zeitliche Einkuͤnfte, die ſich erſterer zuge⸗ eignet, und über das Patronatrecht und die Domherrnwahl, in welche die Stiftsherren ſich Eingriffe erlaubt, der Entſchei⸗ dung des würdigen Großkomthurs Winrichs von Kniprode, des erwaͤhnten Ordensſpittlers und einiger andern Schiedsrich⸗ ter anheim und begnuͤgten ſich mit deren Richterſpruch, der beide Theile in die Graͤnzen ihrer Rechte wies 2). Je ſchoͤner aber unter ſolchen Bemühungen des edlen Meiſters das Land in aller Hinſicht aufbluͤhete und die Be⸗ völferung fi) mehrte, um fo trauriger waren fuͤr ihn die Erz eigniſſe, welche das Jahr 1350 füllten, da fie alles Gedeihen und alles friſche Aufleben des Volkes auf lange Zeit zu ver⸗ nichten drohten. Jene furchtbare Peſtſeuche, die dritte, die unter die ſchrecklichſten ſeit Menſchengedenken gezaͤhlt wird, der ſchwarze Tod genannt, verbreitete ſich endlich, nachdem ſie von China oder Indien ausgegangen, ſich durch Aſien gewaͤlzt, in den Reichen Europas bereits den dritten Theil der Menſchheit, in London allein 50,000 Einwohner und in Preuſſens Nach⸗ barlaͤndern, in Polen und Skandinavien, eine faſt unglaubliche Zahl von Opfern hingerafft hatte 3), in dieſem Jahre auch 1) Urkunde im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 80. 2) Eine alte Abſchrift vom ſchiedsrichterlichen Urtheile über die⸗ ſen Streit, der in den J. 1348 und 1349 ſehr lebendig gefuͤhrt wurde, im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 20 und in den Privileg. Capituli Po- mesan. p. VIII. Der Biſchof erhielt den Beſcheid: quod dominus Arnoldus Episcopus Pomesan. debet cessare ab omni impetitione rerum temporalium tam mobilium quam immobilium, in quarum pos- sessione hucusque et retroactis temporibus fuerant et existunt ca- nonici pacifice et quiete, ipsosque ab omni impetitione reddere im- munes et quietos et relinquere consciencie sue. Der Streit über das Patronatrecht betraf das Dorf Heinrichau, welches dem Kapitel ge⸗ orte. e 3) Petri Olai Annal. Danic. ap. Langebeck T. I. p. 191. Hamsfort Chronol. ib. p. 307 nennt fie pestis bubonaria. Fant Script. rer. Suecicar. T. I. p. 29 und 100. Ekendahl Geſch. des
Scanseite 95 · Druckseite 81
Die Peft in Preuffen (1350). 81 über das Ordensland. In vielen Ländern hatten die Erſchei⸗ nungen dieſer graͤßlichen Seuche, fürchterliche Erdbeben 1) und ungeheuere Waſſerfluthen, die tauſende in die Tiefe der Erde oder in die Wellen vergruben, die Natur wie aus ihrer Ord⸗ nung und Angel gehoben und der wilde Todesengel alle Ban⸗ den des Blutes, der Familie und der Verwandtſchaft zerriſſen. Der Bruder floh den Bruder, das Kind die Altern, der Gatte die Gattin, weil jede Beruͤhrung des Kranken faſt unfehlbar toͤdtete und der zweite oder dritte Tag jeder Zeit den Tod brachte. Gottesdienſt, Feier der Begraͤbniſſe, Gehorſam gegen die Obrigkeit, alle Ordnung und Geſetze hoͤrten auf. Man ſuchte vergeblich die Quelle und die Schuld des ſchweren Un⸗ gluͤckes am Himmel und auf der Erde. Aſtrologen wollten ſie in der Stellung der Geſtirne erkennen; in Deutſchland und bis nach Polen herein zogen ſchwaͤrmeriſche Secten, Geißler und Kreuzbruͤder umher, um unter harten Buͤßungen den Zorn des Himmels zu verſoͤhnen 2); viele glaubten dem ſchweren Strafgerichte in Kloͤſtern zu entfliehen. In mehren Laͤndern, beſonders in den Rheingegenden und bis nach Polen wurden die Juden als die Schuldbeladenen aufs jaͤmmerlichſte zu Tode gequaͤlt und zu tauſenden erwuͤrgt ). Wie überall, fo richtete Schwed. Volks B. I. S. 651 653. Dlugoss. L. IX. p. 1090. Kojalowiez p. 315. Kantzow Pomerania B. I. S. 370. Detmar B. I. S. 276 beſchreibt ihre Verheerungen in Luͤbeck; Karam ſin B. IV. S. 227 die in Rußland; im Allgemeinen Trithemiö Chron. Hirsaug. an. 1349. Raynald Annal. eccles. an. 1349. Nr. 18 und 1348. Nr. 30. Die beruͤhmteſte Beſchreibung dieſer Peſt giebt Boc- caccio Decamerone, giorn. I. Götting. gelehrt. Anzeigen Jahrg. 1830. Nr. 197, wo Heeren fie mit der eben in Preuſſens Nachbarländern herrſchenden Cholera vergleicht. 1) Beſonders in Kaͤrnthen, wie die meiſten Chroniſten erwähnen. 2) Kantzow Pomerania a. a. O. 3) Albert. Argent. Chron. p. 148. Bothon. Chron. Brunsw. ap. Leibn. Script. Brunsw. T. III. p- 330. -Chron. Aegidü ib. p. 593. Trühem. Chron. Hirsaug. p. 207 — 8. J. v. Müller Schweiz. Geſch. B. II. S. 200 — 201. Rommel Geſch. v. Heſſen B. U. S. 154. Pfiſter Geſch. von Schwaben B. II. Abth. II. S. 15 — 17. V. 6
Scanseite 96 · Druckseite 82
82 Letzte Zeit des Hochmeiſters (1350). dieſe Peſt auch in Preuſſen eine furchtbare Verheerung an und in manchen Gegenden wurden Staͤdte und Doͤrfer beinahe gänzlich entvoͤlkert. Es ſtarben in einem Jahre in Danzig uͤber dreizehntauſend, in Thorn uͤber viertauſend, in Elbing gegen ſechstauſend, zu Koͤnigsberg an achttauſend Menſchen und von den Ordensherren hundertundſiebzehn Brüder 1). Weil aber damals gerade der Papſt die Feier des Jubeljahres ver⸗ kuͤndigt hatte, fo entvoͤlkerte uͤberdieß in vielen Ländern eine allgemeine Wanderſucht nach Rom an die Graͤber der Apo⸗ fiel Dörfer uud Staͤdte ), denn wie in Deutſchland, fo ſoll auch in Preuſſen eine unzaͤhlige Menſchenmenge Haus und Heerd, auch um des ſchweren Unglüdes willen, gerne verlaf- ſen haben und Buͤrger und Landmann in großer Zahl von der Heimat mit fortgeriſſen worden ſeyn ). Und auch hiemit war das Maaß des Ungluͤckes im Lande noch nicht voll. Das rei⸗ zende Kloſter Oliva verzehrten die Flammen; denn als am ſtillen Freitage die Moͤnche nach der Meſſe im Refectorium nach Gewohnheit ihr Brod und Waſſer genoſſen, wollten die Kuͤchen⸗ buben mit einer großen Maſſe angezuͤndetes Strohs den Schorn⸗ ſtein vom Ruſſe reinigen; das Feuer aber griff ſtark vom Winde getrieben weiter um ſich, verbreitete ſich auf das Schlafhaus, dann uͤber die Kirche und ſaͤmmtliche Kloſtergebaͤude, ſo daß in wenigen Stunden von dem ganzen ſchoͤnen Bau, an deſ—⸗ ſen Ausſchmuck und Verherrlichung fromme Gemuͤther immer mit neuer Luſt gearbeitet, nichts weiter mehr daſtand, als die 1) Lucas David B. VII. S. 23 und Simon Grunau Tr. XII. c. 14 ſprechen hier nur von dem großen Menſchenſterben in Preuſſen im Allgemeinen; die Annal. Oliv. p. 54 beſchreiben die Seuche genauer; Schäz p. 73 giebt beim Jahr 1352 die obenerwähnten Zah⸗ len uͤber die Sterblichkeit in Preuſſen an. 2) Albert. Argent. Chron. p. 155. 3) Simon Grunau a. a. O. und Lucas David a. a. O. mögen die Sache wohl übertrieben ſchildern; da indeſſen nach glaub⸗ haften Berichten auch in andern Ländern die Wanderungsſucht nach Rom ungemein groß war, ſo iſt glaubhaft, daß auch aus den Ordens⸗ landen viel Volkes dahin gezogen ſey, wofuͤr auch Tiedemanns Chron. S. 112 ſpricht.
Scanseite 97 · Druckseite 83
Letzte Zeit des Hochmeiſters (1350). 83 bloßen ausgebrannten Mauern. Je tiefer aber der Menſch von der Schwere harter Leiden oft niedergebeugt wird, um fo mehr öffnet ſich fein Geiſt fuͤr edle Gedanken und fromme Entſchließungen. Das Ungluͤck erregte im ganzen Lande ſo große Theilnahme und das ſchwere Strafgericht des Himmels, das über Preuſſen ergangen war, forderte fo nachdruͤcklich zu Werken frommer Mildthaͤtigkeit auf, daß durch die reichgeſpen⸗ deten Beiſteuern des Hochmeiſters, des Großkomthurs, der übrigen Gebietiger, der Biſchoͤfe von Preuſſen und Gujavien, des Abtes von Pelplin und einer großen Zahl Anderer das Kloſter ungleich beſſer und bequemer als zuvor ſchon binnen einem Jahre wieder aufgebaut werden konnte; weshalb jene Biſchoͤfe und die Ordensgebietiger, wie die Chroniſten melden, ſich als die eigentlichen Stifter Olivas ruͤhmten, weil ſie das Kloſter von Grund aus wieder aufgerichtet !). Unter ſo ungluͤcklichen Ereigniſſen war das Jahr hinge⸗ gangen. Auf Niemanden machten ſie einen ſchmerzlicheren Ein⸗ druck als auf den edlen Meiſter, der unermuͤdlich Jahre lang mit ſeines Landes Wohlfahrt und Gedeihen befchäftigt, nun mit tiefer Trauer fo viele Gegenden entvoͤlkert und verödet ſe⸗ hen mußte. Blickte er auch nicht ohne ein troͤſtendes Bewußt⸗ ſeyn ſeines edlen Strebens fuͤr alles Gute und Loͤbliche auf die vergangenen Tage ſeines Wirkens zuruͤck und faßte er auch die Hoffnung, daß bald gluͤcklichere Zeiten dem Wohlſtande ſeines Volkes wieder foͤrderlicher ſeyn wuͤrden, ſo fuͤhlte er ſich doch nicht mehr in der noͤthigen Kraft, unter ſolchen Verhaͤlt⸗ niffen das Steuer der Regentſchaft nach Amt und Pflicht fer⸗ ner noch zu lenken, denn es beugte ihn außer einem ziemlich hohen Alter auch Kraͤnklichkeit des Korpers 2). Er berief des⸗ halb im Nachſommer des Jahres 1351, bis wohin außer ei⸗ 1) Von dieſem Brande ſprechen faſt alle Landeschronikenz mit unrecht aber ſetzen ihn Wigund. und Schütz p. 73 ins J. 1348, denn die Annal. Oliv. p. 56 und das Chron. Oliv. p. 68 geben ſelbſt das J. 1350 an; ſ. Lucas David B. VII. S. 24. 2) Ordenschron. bei Matthaeus T. V. S. 780. Lucas David B. VII. S. 25. 6 *
Scanseite 98 · Druckseite 84
84 Abdankung und Tod des Hochmeiſters (1351). ner Graͤnzberichtigung und Anordnung des zu leiſtenden Zehn⸗ ten, die er mit dem Biſchofe Johannes von Camin noch ge⸗ gen Ende des Jahres 1350 traf !), faſt gar keine Spuren feiner öffentlichen Thaͤtigkeit mehr übrig find), die oberſten Ordensgebietiger zu einem großen Kapitel ins Haupthaus Ma⸗ rienburg und legte in dieſem am Tage Kreuzeserhoͤhung oder am vierzehnten September ſein hochmeiſterliches Amt freiwillig nieder, mit dem Wunſche, den Abend ſeines Lebens in einem ruhigen und einſamen Ordenshauſe hinbringen zu koͤnnen ). Er waͤhlte ſich die ſchoͤngelegene Ordensburg Brathean am Drewenz⸗Fluſſe zwiſchen Loͤbau und Neumark, wo er im Ge⸗ nuſſe der heitern Natur in einem freundlichen und reizenden Thale noch ein Jahr lebte. Seine Ruheſtaͤtte fand er in der S. Annen⸗Kapelle zu Marienburg). Es ſchied mit ihm einer der edelſten Meiſter, die Preuſ⸗ ſen bis jetzt geſehen. Sein ganzes Leben ſpricht uͤber ihn nur 1) Originalurkunde des Biſchofes, dat.: Camin a. d. 1350. V Idus mensis Novemb. im geh. Arch. Schiebl. 50. Nr. 75. Deutſch ſteht die Urkunde im Buche: Rigiſche Handlung p. 187 ff. 2) Eine der wichtigeren Urkunden dieſes Hochmeiſters aus ſpaͤte⸗ rer Zeit iſt noch eine Beſtaͤtigung der Freiheiten und Rechte der Geiſt⸗ lichen, Ritter, Edelleute und der uͤbrigen Bewohner Harriens und Wirlands und eine Beſtimmung ihrer Dienſtleiſtungen fuͤr ihn und den Livländiſchen Orden. Sie iſt dat.: Marienburg in die b. Urbani (25. Mai) 1350 und wir erfahren aus ihr zugleich, daß damals der Deutſchmeiſter Wolfram von Nellenburg und der Meiſter von Livland Goswin von Herike nebſt mehren Ordensbeamten aus beiden Laͤndern in Marienburg waren. 3) Wir nehmen dieſen Tag als den der Amtsentſagung des Hoch⸗ meiſters an, weil wir beſtimmt wiſſen, daß ſeitdem ſein Nachfolger in das Amt trat und bei der Abdankung eines Meiſters eine ſtellvertre⸗ tende Verwaltung ungewoͤhnlich und unnöthig war. In einer Ver⸗ ſchreibung des Komthurs von Schlochau vom 18. Jun. 1351 wird des Hochmeiſters Heinrich noch namentlich gedacht. In der Ordenschron. bei Matthaeus p. 780 iſt unrichtig das J. MCCCLIX ſtatt MCCCLI angegeben, wie es dieſelbe Chron. im Mſer. hat. 4) Lindenblatt Jahrb. S. 362. Wigand. I. c. Alte Preuſſ. Ehron. p. 37 (Mfer.) Lucas David B. VII. S. 25.
Scanseite 99 · Druckseite 85
Abdankung und Tod des Hochmeiſters (1351). 85 die Sprache des einſtimmigen Lobes, man mag ihn im Kriegs⸗ felde mit dem Schwerte vor dem Feinde oder in ſeines Lan⸗ des friedlicher Verwaltung beſchaͤftigt ſehen. Stets weiſe in ſeinen Zwecken, beſonnen in ſeinen Mitteln, vorſichtig im Han⸗ deln, ſtreng gerecht in ſeinem Fuͤrſtenamte, freundlich und her⸗ ablaſſend im Umgange, ein Muſter der Frömmigkeit und des Gottvertrauens im Frieden, wie in Kriegsgefahr und den Sei⸗ nen ein ſtetes Beiſpiel in allen Tugenden, die den Ritter zier⸗ ten und das Geſetz des Ordens forderte): — ſo hat dieſer Meiſter auch lange noch nach ſeinem Tode wirkſam und ein⸗ flußreich ſeinen Ordensbruͤdern ein hohes Vorbild hinterlaſſen. 1) Wigand. I. c. Ordenschron. bei Matthaeus p. 779. Lucas David a. a. O. De Wal T. III. p. 331.
Scanseite 100 · Druckseite 86
Zweites Kapitel. Wir begruͤßen in der Geſchichte Preuſſens eine wichtige und große Zeit; — wichtig durch das friſche und ſtrebſame Buͤr⸗ gerleben in den ſtaͤdtiſchen Gemeinen, durch Bluͤthe und rege Thaͤtigkeit im Handel, durch munteren Verkehr nach allen Rich⸗ tungen, durch den Urſprung und die erſte Geſtaltung mancher bürgerlichen Verhaͤltniſſe und Ordnungen, die lange Zeit ſchoͤn und ſegensreich dageſtanden, durch neue Lebendigkeit in den Gewerben, durch eine Thaͤtigkeit und einen Fortgang in der Cultur des Landes, wie kaum je vorher und vor allem durch ein ſo maͤnnliches Heranreifen eines Buͤrgerſtandes, daß es ihm ſelbſt nun fuͤhlbar wurde, welche Kraft des ſelbſteigenen Wirkens und Handelns in ſeinen Verhaͤltniſſen in ihm lag; — groß durch das bedeutungsvollere Eingreifen Preuſſens in die wichtigſten Ereigniſſe der Zeit insbeſondere im Norden Europa's, durch die gewichtvolle Stellung, welche Preuſſen nun bald unter den erſten Handelsſtaaten einnahm, vorzüglich aber groß durch den Mann, der drei Jahrzehnde uͤber den Ordensſtaat waltete, der feine Zeit in allen Richtungen ver: ſtand und erfaßte, aus deſſen hohen Geiſt die Impulſe des regen Lebens und ruͤſtigen Wirkens ausgingen und deſſen Seele die Gedanken der neuen Schöpfung gebar. Es war Winrich von Kniprode, der Großkomthur, auf den in demſelben Generalkapitel, in welchem Heinrich Duſmer der Meiſterwuͤrde entſagte, bei der Kür des neuen Oberhaup⸗
Scanseite 101 · Druckseite 87
Winrich von Kniprode Hochmeiſter (1351). 87 tes einhellig die Wahlſtimmen fielen?) einen Mann, der ſeit Hermanns von Salza Zeiten als Meiſter des Ordens in der Großartigkeit ſeines Waltens mit keinem zu vergleichen, wie in der Dauer ſeiner ruhmvollen Herrſchaft ſo vor als nach ihm von keinem uͤbertroffen iſt. Allen Wahlherren im Kapitel galt er fur den edelſten, den tüchtigften und unter den ge⸗ ſammten Gebietigern für den wuͤrdigſten, an der Spitze des Ordens zu ſtehen. So erhoben ſich aber der Griffel der Ge⸗ ſchichtſchreibung fühlt, wenn es ihm obliegt, das Schaffen und Wirken des großſinnigen Mannes in geſchichtlicher Dar⸗ ſtellung zu zeichnen, ſo ſchmerzlich iſt der Mangel aller naͤhe⸗ ren Kunde uͤber das fruͤhere Heranreifen und die jugendliche Ausbildung, wie uͤber die Schickſale und Verhaͤltniſſe der Per⸗ ſoͤnlichkeit. Von Winrich von Kniprode entgehen uns alle 1) Der 14te Septemb. 1351 wird in der Regel als der Wahltag Winrichs von Kniprode angenommen und es laͤßt ſich nichts dagegen ſagen; vielmehr beftätigt ihn der Umſtand, daß bei der Amtsentſagung eines Hochmeiſters in dem naͤmlichen Generalkapitel, wo ſie geſchah und die oberſten Gebietiger einmal verſammelt waren, auch immer ſo⸗ gleich der Nachfolger im Meiſteramte erwählt wurde. Schutz p. 73 ſagt: „Deſſelben Jahres (1351) als dieſer Hochmeiſter das Ampt an ſich nam, an dem Tage Exaltationis Crucis, war ein ſolch ſchreck⸗ lich Ungewitter“ u. ſ. w. Zwar koͤnnte es in dieſen Worten ungewiß bleiben, ob der Chroniſt die Tagesangabe auf die Wahl oder auf die Naturerſcheinung bezogen habe; allein hoͤchſt wahrſcheinlich wollte er damit den Amtsantritt des neuen Meiſters bezeichnen; auf jeden Fall nennt er uns beſtimmt das J. 1351, welches auch andere Quel⸗ len, z. B. das Verzeichn. bg Lindenblatt Jahrb. S. 363, Alte Preuſſ. Chron. p. 37 (Mfer.) u. a. beftätigen. Wenn daher Wi- Sand. J. c. von Winrich ſagt: in die Epiphanie electus est, fo kann dieſe Beſtimmung ſchwerlich für richtig gelten, denn fie würbe ins J. 1352 fallen. Eben fo wenig kann die Angabe bei Lucas Da vid B. VII. S. 25 vgl. mit S. 37, daß die Wahl erſt nach dem Tode des vorigen Hochmeiſters, nämlich am Tage der Erſcheinung Chriſti (wie Wigand.), oder die des Simon Grunau Tr. XIII. c. L, der fie fon am Tage Johannis des Taͤuf. im J. 1351 erfolgen läßt, Glauben verdienen, die erſtere auch deshalb nicht, weil gar kein Grund vorhanden iſt, warum die Wahl vom Herbſt 1351 bis zum Anfange des folgenden Jahres hätte aufgeſchoben werden muͤſſen.
Scanseite 102 · Druckseite 88
88 Winrich von Kniprode Hochmeiſter (1351). Nachrichten uͤber ſein fruͤheres Leben. Aus einer edlen Fa⸗ milie entſproſſen, die nicht eben ſehr beruͤhmt ihren Stammſitz wahrſcheinlich in den Rheinlanden hatte !), war er noch nicht ſo lange in dem Orden geweſen, als ſonſt ein Ritterbruder zu ſeyn pflegte, wenn ihm die oberſte Meiſterwuͤrde zu Theil ward. Es iſt unbekannt, welche minder wichtige Ordensaͤm⸗ ter er ſchon verwaltet hatte, als ihm ums Jahr 1338 vom Hochmeiſter Dieterich von Altenburg das Komthuramt zu Dan⸗ zig uͤbertragen wurde, dem er mit ruͤhmlichſtem Eifer bis ins Jahr 1341 vorſtand. Dieterichs Nachfolger, der Meiſter Lu⸗ dolf König hatte ihm hierauf einen noch größeren Wirkungs⸗ kreis in dem Komthuramte zu Balga und in der damit ver⸗ bundenen Vogtei uͤber ganz Natangen uͤberwieſen, bis ihm nach kurzer Zeit ſchon im Jahre 1343 die Ordensmarſchalls⸗ wuͤrde zuerkannt wurde?). Im Jahre 1346 aber erhob ihn Heinrich Duſmer in die erſte Ehrenſtelle nach dem Meiſter⸗ amte und er leitete nun als Großkomthur und erſter Rath des Hochmeiſters die Landesverwaltung fuͤnf Jahre hindurch mit ſolcher Weisheit und Umſicht, mit ſolcher Beſonnenheit und ſo tiefer Einſicht und Redlichkeit, daß man in der Wahlver⸗ ſammlung ihn vor allen an das Ruder der Verwaltung ſtel⸗ 1) über Winrichs Abſtammung geben unſere Quellen keine Aus⸗ kunft. Daß er aus der Gegend von Mainz gebuͤrtig geweſen ſeyn möge, könnte aus dem freilich nicht ganz zulaͤnglichen Grunde geſchlof⸗ ſen werden, daß er, nach einem Briefe im Formularbuche p. 72 im geh. Arch., dem Papſte meldet, ſeinem Brudersſohne Winrich von Kniprode, der in Bologna und Orleans das Recht ſtudirt, aber von beiden Orten ſich wegen der dortigen Widerſacher gegen den Papſt habe entfernen muͤſſen, ſey zwar vom paͤpſtlichen Hofe aus eine Praͤ⸗ bende von der Kirche zu Mainz ausgeſetzt worden, er habe aber da⸗ von noch keinen Erfolg geſehen. Nach einer Urkunde im Formular⸗ buche p. 36 war dieſer Winrich im J. 1377 sacrosancte Maguntine et sancti Pauli Leodiensis ecelesiarum canonicus; es ift der naͤm⸗ liche, der als Doctor der Rechte nach L in denblatt S. 358 im J. 1419 als Biſchof von Oſel ſtarb. 2) S. oben S. 35. Anmerk. 2. Als Komthur zu Balga finden wir Winrich in einer Urk. vom Mittwoch vor Johan. Bapt. 1342.
Scanseite 103 · Druckseite 89
Winrich von Kniprode Hochmeiſter (1351). 89 len zu muͤſſen glaubte, um der bedrohten und faſt ſchon hin⸗ welkenden Bluͤthe des Landes wieder friſches Aufleben und Gedeihen zu bringen‘). Schon in feinem Äußern lag etwas Vielverſprechendes und Ehrfurchtgebietended; fein großer, ſtarkgebauter Körper in ſeiner wuͤrdigen und fuͤrſtlichen Haltung wies wie von ſelbſt auf die Wichtigkeit und Erhabenheit des Amtes hin, dem er jetzt als Meiſter vorſtand. Sein Geiſt vereinte alle Tugenden und Eigenſchaften, die den Ritter und den Helden zieren, alle Talente, die den Regenten ſchmuͤcken und alles Edle und Große in Geſinnung und Gedanken, was den Fuͤrſten im Kreiſe der Fuͤrſten adelt. Ihm zur Seite aber in den ober⸗ ſten Gebietigeraͤmtern ſtanden auch jetzt wieder Maͤnner, die zu den ausgezeichnetſten Rittern des ganzen Ordens gehoͤrten; in das von ihm ſelbſt verwaltete Amt des Großkomthurs ſetzte er denſelben Heinrich von Boventen wieder ein, der dieſe Wuͤrde ſchon vor ihm mehre Jahre bekleidet und ſie von jetzt an noch gegen neun Jahre trug. Dem Amte des Ordens⸗ marſchalls ſtand auch ferner noch Siegfried von Dahenfeld, dem des Oberſtſpittlers einige Zeit noch Hermann von Ku⸗ dorf, dem des Ordenstrapiers Ludwig von Wolkenberg vor und den Ordensſchatz verwaltete als Treßler Johann von Lan⸗ gerak ?). Und ſolcher Männer bedurfte es, um die Stuͤrme zu beſchwichtigen, die das Ordensland von außenher bedroh⸗ ten, um die Wunden wieder zu heilen, welche die ungluͤckli⸗ chen Ereigniſſe im Innern des Landes dem Volke geſchlagen und auch noch ferner ſchlugen, um dem Orden in ſeiner Ver⸗ 1) Die Angaben über Winrichs Ordensèͤmter beruhen auf Ur⸗ kunden. 2) So fand die erwähnten Gebietiger ſchon Lucas David B. VII. S. 25 in Urkunden und widerlegt hier mit Recht die Faſelei Simon Grunau's Tr. XIII. c. 1. um fo unbegreiflicher iſt es, wie Hennig in einer Anmerk. bei erſterem die Angaben dieſes Moͤn⸗ ches in Schutz nehmen und ſagen konnte, „Archiv⸗ Nachrichten“ beftä- tigten die Namen der Gebietiger, die S. Grunau faſt alle falſch hinſchrieb.
Scanseite 104 · Druckseite 90
90 Winrich von Kniprode Hochmeiſter (1351). faſſung feſte Dauer und durch Tugend und inneren geiſtigen Adel die Achtung vor der Welt zu bewahren, um unter den Unterthanen, im gemeinen Volke regſame Thaͤtigkeit und Ver⸗ trauen zu der Obrigkeit und im vornehmern Buͤrgerſtande an⸗ gemeſſene Bildung, hoͤhere Entwickelung des Menſchen und vor allem tuͤchtigen Buͤrgerſinn zu verbreiten und zu fordern: — denn ſolches waren die großen Ziele, welche Winrich ſich als Landesfuͤrſt zur Aufgabe ſeines Wirkens in ſeinem hohen Amte geſtellt hatte. Noch aber dauerte die Geißel des Ungluͤckes fort, welche das Land ſchon in den letzten Jahren des vorigen Meiſters ſo ſchwer heimgeſucht. Ein Komet ſetzte die Menſchen im gan⸗ zen Norden in großen Schrecken; er ſchien noch groͤßeres Ver⸗ derben zu verkuͤndigen. Über Danzig zog noch im Jahre 1351 ein ſo furchtbarer Orkan, daß ſechzig Schiffe im Hafen ſchei⸗ terten und ſiebenunddreißig größere und kleinere Thuͤrme von den Kirchen der Stadt herabgeſtuͤrzt wurden!). Die Peſt⸗ ſeuche wuͤthete auch im erſten und andern Jahre des neuen Meiſters auf eine ſo graͤßliche Weiſe noch fort, daß waͤhrend dieſer Zeit, beſonders in dem faulen und feuchten Winter die Zahl der Sterbenden in den Staͤdten außerordentlich groß war 2). Dazu der Stillſtand der Gewerbe, die Stockung im Handel, die moraliſche Entartung, die Nichtachtung alles Sitt⸗ lichen, das Erſticken und Erſterben aller edleren menſchlichen Gefühle und die Zerrüttung aller Ordnung im Buͤrger- und Familienleben: jeder Zeit das traurige Geleite ſolcher ſchreck⸗ haften Peſtſeuchen. 1) Schütz p. 73. Lucas David B. VII. S. 38 fest das Er⸗ cigniß ins J. 1352 nach Oſtern im Anfange des Mai. Vgl. auch Magnum Chron. Belgic. ap. Pistor. T. II. p. 332 — 333. 2) Hier nennt Schütz I. c. die vorhin erwähnten Zahlen der Ver⸗ ſtorbenen. Lucas David B. VII. S. 38 giebt an, daß im J. 1352 von Michacli bis auf Purification. des folgenden Jahres zu Danzig 13065, zu Thorn 4000, in Elbing 7000, in Koͤnigsberg 5097, von den Ordensbruͤdern 117 und von der Dienerſchaft auf den Burgen 3012 Menſchen geſtorben ſeyen; allein dieſe Zahlen ſind aus Simon Grunau a. a. O. genommen.
Scanseite 105 · Druckseite 91
Erneuerung des Kampfes mit den Litthauern (1352). 91 Der erzürnte Himmel ſchien Werke der Verſöhnung zu fordern. Wie anderwaͤrts die Menſchen in troſtloſer Verzwei⸗ felung durch wunderliche Andachtsuͤbungen und Kaſteiungen, durch Judenmord und Wallfahrten an heilige Orte Gottes Zorn zu mildern ſuchten, fo fand man hier eine Suͤhne ſei⸗ ner ſtrafenden Hand nach dem Glauben der Zeit in der Er⸗ neucrung des dem Himmel ſtets wohlgefaͤlligen Kampfes wi⸗ der die Heiden. Dieſer Kampf mit den Litthauern hatte ei⸗ nige Jahre geruht, denn die Waffen der Großfuͤrſten waren in einem Kriege mit König Kaſimir von Polen befchaftigt ge: weſen, der Anfangs im Siegergluͤcke ſich bedeutender Laͤnder⸗ ſtrecken, als des weſtlichen Volhyniens, Podoliens und ande⸗ rer Gebiete, die den Litthauern durch den König ſelbſt über: laſſen waren, bemaͤchtigt hatte, bis dieſe ſich wieder erman⸗ nend, ihre Macht durch Verbindungen mit Ruſſiſchen Fuͤrſten verſtaͤrkend 1), nachdem fie den König von Polen, wie ſelbſt den Papſt durch vorgebliche Bereitwilligkeit zur Annahme des Chriſtenthums uber ihre Abſichten eine Zeitlang getaͤuſcht und dann deren Bemühungen fuͤr ihre Bekehrung gaͤnzlich vereitelt hatten, die entriſſenen Lande nicht nur wieder eroberten und die Polen uͤberall vertrieben, ſondern mit Tataren verbunden Polen ſelbſt weit und breit uͤberſchwemmten und furchtbar ver⸗ wuͤſteten?). Dieſer Verheerungskrieg war auch im Jahre 1352 1) Olgjerd vermaͤhlte ſich damals mit Juliana, einer Tochter des Alexander Michailowitſch von Twer, Schweſter der Gemahlin des Großfuͤrſten Simeon Joannowitſch, unter der Bedingung, daß er ſeine Kinder im Chriſtenthum erziehen laſſe; Karamſin B. IV. S. 225. 2) Das Nähere darüber bei Dlugoss. L. IX. p. 1087 — 1096, Kojalowiez p. 314 — 319. Anonym. Archidiac, Gnesn. Chron. ap. Sommersberg T. II. p. 98; vgl. auch Albert. Argent. ap. Urstis. p- 159, Heinr. Rebdorf Annal. ap. Freher. p. 447. Karamſin a. a. O. Da der König Ludwig von Ungern den von Polen im Kriege gegen die Litthauer unterſtuͤtzte, fo erwähnt deſſen auch Pray Annal. Reg. Hungar. P. II. p. 86 — 87. Bei Raynald. a. 1349. Nr. 23 — 24. das Schreiben des Papſtes an Kynſtutte, worin er dieſen durch fromme Redensarten zur Bekehrung und Erkenntniß der Wahrheit zu ermuntern ſuchte. Wir erfahren daraus zugleich, daß der Papſt dem
Scanseite 106 · Druckseite 92
92 Erneuerung des Kampfes mit den Litthauern (1352). mit allen ſeinen Schrecken noch im vollen Gange, als Win⸗ rich von Kniprode, eben mit der Ruͤſtung feines Heeres be⸗ ſchaͤftigt, in der Meinung, daß die ganze Waffenmacht der Lit⸗ thauer gegen Polen gerichtet ſey, die Nachricht erhielt, daß in Litthauen ein ſtarker Heerhaufe zu einem Raubzuge ins Or⸗ densland in Bereitſchaft ſtehe. Um ſo eiliger brach er jetzt mit einer anſehnlichen Streitſchaar auf, begleitet von dem Burggrafen von Nürnberg ') und dem Grafen von Oettin⸗ gen 2), die als Kriegsgaͤſte nach Preuſſen gekommen waren, warf ſich ins oͤſtliche Samaiten und verheerte dort die Gebiete von Geſow, Erogeln und Roſſiena bis gen Widukeln hin. Allein der Kriegszug endete mit den traurigſten Folgen. Schnell eintretendes Thauwetter und ſtarke Regenguͤſſe zwangen das Heer zum Ruͤckzuge uͤber Paſtow gegen Ragnit; bei der Eile des Marſches mußten die Gefangenen und die Heerden ge⸗ raubtes Viehes nebſt aller Beute zuruͤckgelaſſen werden. Ein Theil der Streitroſſe fiel aus Mangel an Futter, ein anderer ging auf dem morſchen Eiſe der Stroͤme unter; manche Krie⸗ ger farben aus Hunger, andere ertranken in den Gewaͤſſern und ſo kehrte der Meiſter tief betruͤbt uͤber dieſe Verluſte und den ungluͤcklichen Ausgang mit dem Reſte des Heeres nach Preuſſen zuruͤcks). Ergbiſchofe von Gneſen € auch den Auftrag ertheilt hatte, tuͤchtige Geiſt⸗ liche für das Werk der Bekehrung nach Litthauen zu ſenden. Naͤchſt⸗ dem erhielt auch der Koͤnig von Polen Ermunterungsbriefe, um die Sache ſo viel als moͤglich zu foͤrdern. Dennoch, ſagt Raynald., tanta tamque praeclara conversionis Lithuanorum spes evanuit et Casimirus Rex egregia coepta tristi exitu confudit. 1) Welcher von den damaligen Burggrafen, ob Albrecht, Frie⸗ drich IV oder Johann II, wird nicht erwaͤhnt. 1 2) Wahrſcheinlich Graf Ludwig von Öttingen der Altere, der in Ordensurkunden in Deutſchland als des Ordens Freund genannt wird; Jaeger Cod. diplom. an. 1340. 3) Wigand. p. 285 ſetzt dieſe Kriegsereigniſſe ins J. 1352, in primo anno sui (Winrici) Magisterii ante carnisprivium, wonach fie alſo nicht in den Winter 1352 — 1353 fallen können, wie De Wal T. III. p. 339 will, ſondern in den vorhergehenden Winter. Schütz p- 74. =
Scanseite 107 · Druckseite 93
Einfall der Litthauer in Samland (1352). 93 Doch war dieſer Verluſt noch ſehr gering gegen das ſchwere Unglück, dem bald Samland unterlag. Ein maͤchti⸗ ges feindliches Heer, an ſeiner Spitze die beiden Fuͤrſten Olg⸗ jerd und Kynſtutte und ihr Verbündeter der Fürſt Patirke von Smolensk, Kynſtuttes Sohn!), warf ſich wenige Tage darauf ; ins Ordensgebiet mit außerordentlicher Schnelligkeit herein und erſchien wie ein wilder Strom ſo ploͤtzlich und unvermuthet am Kuriſchen Haff ſchon in den erſten Tagen des Februars, daß die Bewohner des Landes nichts mehr vor dem Feinde retten konnten 2). Jenſeits Labiau in vier Heerhaufen getheilt ftürzte ſich der eine längs dem Haff in die Gegend von Scha⸗ ken, der zweite drang bis Powunden vor, der dritte fiel ſud⸗ waͤrts in das Gebiet von Caymen ein, der vierte endlich zog 1) Wigand. I. c. bezeichnet ihn als Rex de Smalentz und be⸗ merkt bald nachher, daß dieſer Fuͤrſt von Smolensk ein Sohn des Großfürſten Kynſtutte geweſen ſey. In einer andern Stelle beim J. 1356 nennt er ihn Rex Paterky de Karten vulgariter. Lucas Da⸗ vid B. VII. S. 37 und Diugoss. L. IX. p. 1097 führen den Na⸗ men Patrikik als den des dritten Anfuͤhrers der Litthauer ausdruͤcklich an und es iſt demnach kein Zweifel, daß es der Fuͤrſt Patirke war, der die beiden andern begleitete. Dlugoss. nennt ihn bald p. 1085 ei⸗ nen Bruder Olgjerds, bald L. X. p. 61 einen Sohn Kynſtutte's, Ko- Jalowicz p. 320 einen Enkel Olgjerds. Eine Urkunde im geh. Arch. Schiebl. 74. Nr. 6 giebt uns die ziemliche Gewißheit, daß Patirke, wie ihn die Urkunde wohl am richtigſten ſchreibt, der Sohn Kynſtut⸗ te's war. Zwar werden uns um dieſe Zeit andere als Fuͤrſten von Smolensk genannt; ſ. Kar amſin B. IV. S. 199, 231; allein Smo⸗ lensk erſcheint in dieſer Zeit immer als verbuͤndet mit den Fuͤrſten von Litthauen und es gab zu gleicher Zeit mehre Fuͤrſten von Smolensk. Wigand. bezeichnet die Beherrſcher von Litthauen faſt immer mit dem Ausdrucke Reges, weil ſie in ihrer Sprache wahrſcheinlich einen ent⸗ ſprechenden Titel fuͤhrten; wir behalten lieber die einmal gewoͤhnlich gewordenen Bezeichnungen: Großfürften bei, obgleich eigentlich nur Olgjerd der Oberfuͤrſt geweſen zu ſeyn ſcheint. 2) Der Feind kam nach Wigand. iuxta Gilgam und dann trans stagnum vulgariter Kurische Hab intrat terram; er erſchien zuerſt iuxta fluvium Canusken oder richtiger Camisken, dem jetzigen Bräft- Graben bei Kampken, war alſo über den ſüͤdöſtlichen Theil des Kuri- ſchen Haffs gegangen. *
Scanseite 108 · Druckseite 94
94 Einfall der Litthauer in Samland (1352). laͤngs der Deime hin. Es wurde furchtbar von dieſen Horden geraubt, gebrannt und gemordet. Vom maͤnnlichen Geſchlecht erlagen alle, die waffenfaͤhig und nicht geflüchtet waren, dem feindlichen Schwerte; Weiber und Kinder, aus dem Gebiete von Schaken an ſiebenhundert, aus der Gegend von Caymen gegen fünfhundert, an Handen und Füßen gebunden wurden auf Schlitten geworfen und mitten unter zahlreichen erbeute⸗ ten Viehheerden hinweggeſchleppt. Dem vierten Haufen, an deſſen Spitze der Fuͤrſt von Smolensk, ward jedoch ſein wil⸗ des Raubweſen ſchwer vergolten. Mit vierhundert Gefange⸗ nen zog er laͤngs der Deime hin bis gegen Labiau. Dort aber hatte ihm der tapfere Komthur Henning Schindekopf, der rit⸗ terliche Held, der jetzt zum erſtenmal in der Geſchichte her⸗ vortritt, den Weg verlegt und ſchlug aus ſeinem Hinterhalte den Feind mit großem Verluſte zurüd '); und als darauf die⸗ ſer auf einem andern Wege ſich nach dem Kuriſchen Haff wandte, gerieth er an ein tiefes Gebruͤch, das bei der Gelin⸗ digkeit der Witterung wenig gefroren einen großen Theil von Mann und Roß verſchlang, denn der Komthur war nachgezo⸗ gen und ſchlug im Ruͤcken tapfer auf den Feind ein. Da ſuchte der Fuͤrſt mit dem Reſte ſeines Streithaufens die Deime zu erreichen; allein das Eis des Fluſſes war ſo muͤrbe, daß es unter den Fluͤchtenden zuſammenbrach und funfzehnhun⸗ dert?) wurden vom Gewaͤſſer verſchlungen und ins Haff ge⸗ trieben. Auch der Fuͤrſt ſelbſt ſank im Fluſſe unter, ward 1) Zuerſt heißt es bei Wigand.: Rex de Smalentz festinat prope Labio mane ante septa veniens; dann von Henning Schindekopf Pa- ganos a septis vulgariter Slege repellens. Dieſer ſoll damals Kom⸗ thur von Labiau geweſen ſeyn, wie man gewöhnlich nach Schütz p. 74 annimmt; allein 1350 kommt er in einer urkunde als Komthur von Ragnit vor und es iſt wahrſcheinlich, daß er das Komthuramt dieſer Burg auch noch im 3. 1352 verwaltete, denn weder Schütz noch Wigand nennen ihn als Komthur von Labiau. Eigentlich gab es auch keine Komthure zu Labiau, ſondern nur Hauskomthure, die unter dem Komthur von Ragnit ſtanden. 2) Schütz p. 74. Bei Wigand, ſteht 500, wahrſcheinlich ein Schreibfehler fuͤr 1500.
Scanseite 109 · Druckseite 95
Einfall der Litthauer in Samland (1352). 95 aber vom Komthur vom Tode gerettet und gefangen genom⸗ men ). Die hier dem Untergange entkommen und nach dem Haff hinab geflohen waren, wurden vom Ordensvolke auch dorthin verfolgt, zum größten Theile erſchlagen und die übri- gen, an fuͤnfundvierzig Mann, als Gefangene mit fortgeführt. So blieb von dieſem Haufen faſt kein Einziger uͤbrig, der den Seinen die Nachricht von dem Ungluͤcke hätte bringen konnen. Erſt nach mehren Tagen uͤberbrachte der Fuͤrſt von Smolensk ſelbſt dem Großfuͤrſt Kynſtutte die traurige Kunde, denn der edle Komthur Schindekopf mochte ihn, dem er das Leben ge⸗ rettet, nicht als Gefangenen bei ſich ſehen, ließ ihn in einem Wagen dem Großfuͤrſten zufuͤhren und dem Vater den Sohn „als koſtbares Geſchenk“ übergeben ?). Als der Fuͤrſt durch Wehlau fuhr, erbat er ſich die Erlaubniß, einem vornehmen Litthauer, der dort erſchlagen und ſchimpflich verſtuͤmmelt war ), ein Todtenopfer bringen und den entſtellten Leichnam auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu duͤrfen. Die uͤbrigen Heerhau⸗ fen, mittlerweile in eine Heerſchaar wieder vereinigt, waren unter der Fuͤhrung ihrer Großfuͤrſten mit großem Raube und zahlreichen Gefangenen ihrer Heimat ungehindert zugezogen. Seitdem ruhten die Waffen des Ordens für dieſes Jahr ). 1) So Wigand. l. c. Lucas David a. a. O. läßt dieſes bei Wehlau geſchehen und Henning Schindekopf zu Wehlau ſeyn. Daß aber alles an der Deime vorfiel, wird von dem erſtern Chroniſten aus⸗ druͤcklich geſagt. 2) Frater Heningus extraxit regem de flumine Deim et in rheda letus posuit eum et misit domum, volens regi Kynstute com- placere eo, quod fuit filius et eum ei pro magna presenta presen- tare; Wigand. 3) Es heißt, daß dem Leichnam pudibenda fuerunt detruncata. 4) Henr. de Knygkton de eventib. Angliae in Histor. Angl. Soriptt. Loud. 1652. p. 2604 erzählt beim J. 1351: Capta est treuga inter reges Angliae et Franciae. Et super hoc Henricus dux Lan- canstrie transivit versus le Sprusiam cum multis viris in sua comi- tiva de maioribus regni. Et cum pervenisset in altam Almaniam, arestatus est cum aliis multis de sociis suis, et fecit redemptionem pro se et suis de iii mile scutis auri. In hoc itinere mortuus est Dominus le Ros. Dann heißt es beim J. 1852: Cum igitur dux
Scanseite 110 · Druckseite 96
96 Innere Landesanordnungen (1352). Der Meiſter Winrich widmete nun alle feine Thaͤtigkeit theils der innern Landesverwaltung, theils der Sorge fuͤr die Ord⸗ nung in den Ordensburgen und fuͤr die Bildung ſeiner Ritter⸗ bruͤder. Es war ſein erſtes Bemuͤhen, die durch die Peſtkrank⸗ heit beſitzlos gewordenen Lehenerbe mit neuen Beſitzern zu ver⸗ ſehen und ihnen durch mancherlei Beguͤnſtigungen und Befrei⸗ ungen in der ſchweren Zeit ihr Aufkommen und Gedeihen ſo viel als möglich zu erleichtern). So erhielten manche beſon⸗ dere Begnadigungen im Erbrechte, andere freie Marktgerech⸗ tigkeit bei Verkauf ihrer Erzeugniſſe, andere wieder Befreiung von den Kriegsreiſen nach Litthauen u. ſ. w.?) Lancastriae veuisset Coloniam, nunciatum est duci Lancastriae per quendam militem, quod Dux de Bronneswyk habuit in mandatis de rege Franciae, ut caperet ducem Lancastriae sic peregrinantem versus inimicos Christi; ipse tamen tenuit iter suum, quo tenderet, et securus ductus fuit per diversas comitivas; set ante adventum suum in Spruciam treuga per plures annos capta est inter Christia- nos et Paganos, quod multum ei displicuit. Er begab ſich darauf nach Coͤln zuruͤck. Inlaͤndiſche Quellen wiſſen davon nichts. Noch ausführlicher ſpricht von dieſer vorgehabten Kriegsreiſe des Grafen Heinrich von Derby nach Preuſſen Herm. Corneri Chron. p. 1088. Cf. Cronica de Hollant bei Matthacus T. V. p. 570. Auch die ur⸗ kunde bei Rymer Acta T. III. p. 80 hat Bezichung darauf. 1) Liedert Oratio de meritis in Prussiam Vinrici a Kniprode, 2) So heißt es z. B. in einer Verſchreibungsurkunde für Heinrich von Friſchenbach, den der Hochmeiſter mit manchen andern Freiheiten und Rechten begünftigte: Och welle wir von unſer Gunſt wegen, daz derſelbige her Heinrich adir ſin erbe ſollen hindir ſich erben of ir menn⸗ liche erben, di noch in geboren werden czu erem ſchilde und in och un⸗ ſer begnodunge und belenunge der friheit nochfolgen ſal czu ewigen ta⸗ gen, wo ſi ſich undir uns ſezen und breiten adir inkawfen mit erer Wonunge. Originalurk. Schiebl. XLIII. Nr. 6. In einer, andern ur⸗ kunde für Luprecht Sudowyn den Ritter: Geſchege's das derſelbe Her Luprecht adir ſeyne erben vorſchiden adir vorgingen ane rechte erben, fo ſullen deſe vorgenanten gutter gefallen an iren neſten maac von Manisnamen bis uff das vierde geliedt, wenn das vierde geliedt ende nymet, ſo ſollen deſe vorgeſcrebenen gutter an uns und unſir brudir gefallen. Verſchreibungsbuch Nr. 8. p. 245. — Wegen Befreiung des Kriegsdienſtes nach Litthauen heißt es z. B. in einer Urkunde: Eximi-
Scanseite 111 · Druckseite 97
Innere Landesanordnungen (1352). 97 Das ſtädtiſche Leben erhielt während Winrichs Zeit einen ganz neuen Aufſchwung. Schon jetzt traf er, nachdem er die Zahl der Städte durch die Gründung von Zinten vermehrt ), manche zweckmaͤßige Anordnungen, die dem Charakter des in⸗ neren Staͤdteweſens eine ganz andere Richtung gaben, denn eine innere Umgeſtaltung des Buͤrgerlebens ſchien ihm in man⸗ chen Beziehungen hoͤchſt nothwendig. Er begann mit einer be⸗ ſtimmteren Kleiderordnung, worin ihm die Anordnung zuge⸗ ſchrieben wird: Buͤrgermeiſter, Schultheißen und Rathsherren ſollen im Winter einen langen Mantel und ein Marderfell um den Hals, im Sommer einen Hut mit drei ſilbernen Knoͤpf⸗ chen und einen Guͤrtel mit ſilbernen Spangen nebſt Degen mit ſilbernen Scheiden tragen; den Kaufmann ſoll ein ſeide⸗ nes Wamms und ein goldener Ring auszeichnen, auf welchem letztern ſein Kaufmanns zeichen eingegraben iſt, womit ein je⸗ der ſeine Waare zu bezeichnen hat; der gemeine Buͤrgersmann ſoll Lundiſches Gewand und kein anderes mit hoͤheren Preiſen tragen, doch mit ſilbernen Heften oder Malgen geſchmuͤckt. Alle ſoll der maͤnnliche Schmuck des Bartes zieren. Der Kopf⸗ putz der Frauen ſollen Sammethauben in der Form der Für: ſtenhuͤte, nur obenhin mehr geſpitzt und zugebogen ſeyn; die reicheren mögen fie mit Goldſtoff oder goldenen Borden ſchmuͤcken. Den Jungfrauen, als Rathsherren⸗Toͤchtern foll vergönnt ſeyn, ihr Haar mit Perlenkraͤnzen oder ſilbernen Spangen, minder vornehmeren das ihrige mit gebogenen oder ungebogenen Flit⸗ tern zu zieren. — Dieſe Tracht ſoll den Buͤrgern und den Deutſchen Bauern auf dem Lande ſehr wohl gefallen haben 2). nus villam Pippingisse pertinentem ad hospitale in Thorun a facien- dis Reysis Lyttowiensibus, sic quod inhabitatores ipsius nec ho- mines aliquos ad eam mittere, nec pro ipsa Reysa quidquam dare aut solvere teneantur; Privileg. des Stifts Samland p. 236. 1) Das Privilegium hierüber, welches wir wenigſtens für das Gruͤndungsprivilegium halten, dat.: Marienburg tertia feria post b. Elisabeth festum 1352 im Fol. Privileg. des Stifts Samland p. 241. 2) Daß dieſer Hochmeiſter eine Kleiderordnung gegeben habe, er⸗ wähnt auch Schütz p. 74 und dieſes Zeugniß läßt über die Sache im 3 keinen Zweifel zu. Das Einzelne daruͤber liefert uns freilich - e 7
Scanseite 112 · Druckseite 98
98 Innere Landesanordnungen (1352). Naͤchſtdem ging Winrich von Kniprode noch auf ein an⸗ deres weit wichtigeres Ziel hin. Die Stellung des Buͤrgers und die Beſtimmung ſeines Lebens und Wirkens waren in den Zeiten des Mittelalters zum Theil noch ganz andere, als in fpäteren Jahrhunderten. Es reichte nicht hin, Streben und Kraft nur auf das innere ſtille Leben, Handel und Gewerbe oder andere Geſchaͤfte des Friedens zu wenden; der Buͤrger mußte wehrhaftig und waffenfaͤhig ſeyn. So forderte es die Zeit in ihrer Eigenthuͤmlichkeit. Darum faßte auch der Hoch⸗ meiſter den Gedanken, die Bürger feiner Städte für die Sache des Krieges mehr vorzubereiten und in den Waffen einzuuͤben, um für die Zeiten der Gefahr von außen her aus ihnen einen feſten Kern für feine Kriegsmacht und eine ſtarke Wehr für ihre eigene Sicherheit zu gewinnen. Aber wie einſt Koͤnig Hein⸗ rich in Deutſchland, der Beſieger der Ungern, in der Bedraͤng⸗ niß gegen dieſes Raubvolk, ſo verband auch Wirrich bei ſei⸗ nem Mittel die Luſt und das Vergnuͤgen mit dem Ernſte des Lebens. Er führte in jeder Stadt die Sitte des Vogelſchie⸗ ßens ein mit beſtimmten Preifen für die guten Schuͤſſe und für den beſten Schuß und mit dem Koͤnigstitel für den beſten Schuͤtzen, ſowie mit mancherlei Ehrenbezeigungen ein ganzes Jahr hindurch; uͤberdieß ordnete er in ſtaͤdtiſchen Zwingern und Schießgaͤrten auch Schießuͤbungen nach der Scheibe an, verband auch dieſe mit verſchiedenen Vergnuͤgungen und es gelang ſomit, daß nach Verlauf einiger Jahre ſich in Preuſ⸗ ſens Staͤdten unter vergnuͤglicher und geſelliger Waffenuͤbung für das ernſte Kriegsgeſchaͤft die trefflichſten Schützen bildeten, die in den Litthauiſchen Kriegsreiſen nachmals, wie wir ſehen nur Simon Grunau Tr. XIII. c. 1 und aus ihm Lucas David B. VII. S. 29 — 33. Ob in dieſen Chroniſten nicht manches mehr ausgeſchmuͤckt iſt, kann ſchwerlich genau beſtimmt werden. Etwas von einer Kleiderordnung ſindet man auch bei Becker Geſchichte Winrichs von Kniprode S. 101, aber ohne Angabe der Quellen und nicht ganz mit den erwähnten Nachrichten uͤbereinſtimmend. über den Werth bie: ſes Werkchens — die Arbeit eines zweiten Simon Grunau — werden wir uns in der Beilage Nr. III. weiter auslaſſen.
Scanseite 113 · Druckseite 99
Innere Landesanordnungen (1352). 99 werden, mit dem glücklichſten Erfolge benutzt wurden oder die eigenen Mauern gegen den ſtuͤrmenden Feind aufs tapferſte zu vertheidigen wußten '). So wuchs auch hiedurch der Buͤrger⸗ ftand, kraͤftig und regſam für ſtaͤdtiſchen Betrieb und tüchtig und wohlgeuͤbt fuͤr den Gebrauch der Waffen immer bluͤhen⸗ der heran und Winrich wußte die Bedeutung und Wichtigkeit dieſes Standes in jeder Hinſicht aufs vollkommenſte zu wuͤr⸗ digen, denn er ſah nur zu klar ein, welchem Jammer und Ungluͤck Preuſſen noch lange werde erliegen muͤſſen, wenn es ſeinen Schutz und ſeine Vertheidigung gegen den Feind im Oſten immer nur von ſeinen Ordensrittern oder von Soͤldnern und Kreuzfahrern aus fremden Landen erwarten ſollte. Er erkannte, wie nothwendig es ſey, aus‘ feinem Volke felbft eine wohlgeuͤbte Waffenmacht zu bilden, um in jedem Augenblicke dem heranziehenden Feinde mit aller Kraft entgegen zu treten. Wie der Hochmeiſter aber auf ſolche Weiſe den Buͤrger zu einem gewiſſen Grade zum Kriegsmanne umzubilden ſuchte, fo war er nicht minder bemüht, in feinen Ordensrittern mehr und mehr eine hoͤhere, edlere Bildung zu erwecken und zu foͤr⸗ dern, denn er ſah gleichfalls ein, daß die Art und der Kreis der Beſchaͤftigungen, die bis jetzt in friedlichen Zeiten dem Or⸗ densbruder dargeboten waren, feinen Geiſt keineswegs zu hoͤ⸗ heren Beſtrebungen erheben, die geiſtigen Kräfte naͤhren und bilden, edle Sittigung und Adel der Geſinnung erzeugen und am wenigſten ſelbſt zu ſolchen Pflichten befaͤhigen konnten, die er, außer ſeinem Kriegskampfe mit den Heiden, in der Ver⸗ waltung des Landes als Komthur eines Landbezirkes und vor allem als Richter in den Verhaͤltniſſen der ihm zunaͤchſt an⸗ vertrauten Unterthanen erfüllen ſollte ?). Vor allem war noth⸗ 1) Auch hier deutet Schütz p. 73 die Sache nur kurz an. Si⸗ mon Grunau a. a. O. und beſonders Lucas David a. a. O. ſpre⸗ chen ausfuͤhrlicher daruͤber. 2) Man legt ihm als Beweis, wie ſehr er die Nothwendigkit ei⸗ ner Höheren Bildung feiner Ordensritter gefühlt habe, die Worte bei: Non defuturas unquam Teutonico Ordini facultates et divitias: at deſectum virorum doctorum et ad regendas provincias idoneorum 7 *
Scanseite 114 · Druckseite 100
100 Innere Landesanordnungen (1352). wendig, den innern Zuſtand der Ritterconvente des Landes aufs genauſte kennen zu lernen. Deshalb ſandte Winrich den Komthur von Thorn, einen der gebildetſten Ritter und einen geiſtlichen Ordensbruder aus dem Convente des Haupthauſes in alle Ordensburgen durch ganz Preuſſen mit unbeſchraͤnkter Vollmacht zur ſtrengſten Unterſuchung uͤber die Beobachtung der Regeln, Geſetze und Gewohnheiten, und mit dem Auf⸗ trage, ihm uͤber Leben und Wandel, uͤber den ſittlichen und religiöfen Zuſtand jedes Conventes den genauſten Bericht zu geben und wo es noͤthig befunden werde, Verbrechen und Fehle auf der Stelle mit angemeſſenen Strafen zu ahnden ). In ſolcher Weiſe uͤber die Lage der Dinge bis ins Ein⸗ zelne unterrichtet, traf der Meiſter die Anordnung, daß forthin jegliches Ordenshaus in Preuſſen, welches einen Convent, alſo wenigſtens zwoͤlf Ritterbruͤder und ſechs Ordensprieſter in ſich ſchloß, mit zwei beſonders gelehrten Ordensbruͤdern verſehen ſeyn ſollte, von denen der eine genaue Kenntniß in der Got⸗ tesgelahrtheit, der andere im Rechte haben mußte. Sie ſoll⸗ ten verpflichtet ſeyn, die uͤbrigen Bruͤder des Hauſes in Sa⸗ chen der Religion und des Rechtes mit Fleiß zu unterrichten, damit die Prieſter tiefere Einſichten in religioͤſen Dingen ver⸗ breiten und die Ritterbruͤder einſt in ihren Komthuraͤmtern als Richter und Rathgeber Gewandtheit und Erfahrung mit gruͤnd⸗ licher Kenntniß des Rechtes, ſo weit ſie damals moͤglich war, verbinden möchten?). Die eigentliche Pflanzſchule für jene merito fore metuendum. Cf. Pisanski Histor. litterar. Pruss. P. I. p. 24. 1) Wir beſitzen noch den vom Hochmeiſter daruͤber ausgeſtellten Viſitationsbrief. Er iſt gerichtet an alle preceptores, commendato- es necnon hniversos dieti Ordinis per Prusiam constitutos und es eißt zuletzt: Dantes eisdem plenam et omnimodam potestatem se- ‚undum Ordinis nostri regulam, statuta et consuetudines in omni- zus, que ad dietum visitationis officium pertinet in omnes et; singu- lares personas et fratres per Prusiam in casibus, eriminibus et de- fectibus quibuscunque gravibus, gravioribus et gravissimis, manife- stis seu occultis exercendi; im Formularbuche p. 13. 2) Lucas David B. VI. S. 27. Darauf bezieht es ſich auch,
Scanseite 115 · Druckseite 101
Innere Lanbesanordnungen (1352). 101 gelehrteren Ordensbruͤder ſollte nach Winrichs Plan das Haupt⸗ haus Marienburg ſeyn, wo natuͤrlich die Anzahl der Ordens⸗ ritter immer viel bedeutender war, als in den andern Ordens⸗ burgen. Deshalb berief der Meiſter hieher die beruͤhmteſten Gelehrten ſowohl aus Deutſchland als aus Italien und beſon⸗ ders waren es ausgezeichnete Rechtsgelehrte, die er an ſeinen Hof zog, um durch ſie eine Bildungsſchule fuͤr ſolche Ordens⸗ ritter zu gruͤnden, die nachmals entweder als Komthure der andern Ordenshaͤuſer ihr Richteramt auch mit der noͤthigen Kenntniß in Rechtsverhaͤltniſſen zu verwalten oder als Sach⸗ walter und Botſchafter am Kaiſerhofe und bei andern Fuͤrſten die Sache des Ordens mit Gewandtheit und mit erforderlicher Rechtskunde zu fuͤhren und zu vertheidigen im Stande ſeyen. Somit entſtand in Marienburg eine Art von Rechtsſchule, in welcher den Ordensrittern theils Vorleſungen uͤber das Recht gehalten, theils auch allerlei praktiſche Ubungen angeſtellt wur⸗ den, indem die Lehrer den Bruͤdern verwickelte Rechtsfaͤlle vor⸗ legten, uͤber welche dieſe ihr Gutachten und Urtheil mit Gruͤn⸗ den aus dem Rechte, rechtlicher Gewohnheit oder auch der Geſchichte belegt ausſprechen mußten 1). Und der Meiſter erfreute ſich bald des ſchoͤnſten Erfolges dieſer ſeiner Anſtalt, denn der gelehrte Verein, der in ſolcher Weiſe auf dem Haupthauſe Marienburg gegruͤndet war, dieſer Sammelplatz und dieſe Pflanzſchule der angeſehenſten Rechts⸗ gelehrten verbreitete über das erhabene Ordenshaus und uͤber Preuſſen nicht bloß einen eigenen Glanz, ſo daß das Ausland ſtaunte, wie in dem nordiſchen Lande, wo vor einem Jahr⸗ wenn Duellius p. 34 von Winrich ſagt: pariter Reipublicae bono Iudos literarios per uni versam provinciam ordinavit, Pisanski Hi- storia litterar. Pruss. P. I. p. 24; vgl. meine Geſchichte von Marien⸗ burg S. 165. Über die Frage, ob in dieſer Zeit ſchon die kleinen Conventsbibliotheken, die wir in fpäterer Zeit finden, angelegt ſeyn möͤ⸗ gen, läßt ſich nichts ermitteln, wie uns überhaupt aus Archivsquellen über die obenerwähnten Anordnungen dieſes Hochmeiſters nichts be⸗ kannt if. 1) Lucas David B. VII. S. 28. Henneberger p. 291. Zeitgendſſiſche Quellen ſchweigen über dieſe Anſtalt.
Scanseite 116 · Druckseite 102
102 Innere Landesanordbnungen (1352). hunderte noch ſo viel Barbarei und Rohheit geherrſcht, mit einemmale ein ſolcher Lichtpunkt von Bildung und Gelehrſam⸗ keit aufging, ſondern es bildete dieſer Verein der tüchtigften Rechtsgelehrten bald auch eine Art von hohem Gerichtshofe, „ein Conſiſtorium von rechtserfahrenen Männern“, welches theils in Sachen des Landes und des Ordens die letzte Entſcheidung gab, theils auch ſelbſt von Fuͤrſten und Staͤdten des Auslan⸗ des in verwickelten Streitfaͤllen um Rechtsſpruͤche gefragt wur⸗ de ). Alſo war in kurzer Zeit das geſammte Rechtsweſen im Ordensſtaate in einer Ordnung und Regelmaͤßigkeit, wie in dieſem Jahrhunderte in wenigen Laͤndern Deutſchlands, und die Rechtsverhandlungen in Preuſſen erweckten bei dem vom Hochmeiſter in allen Gerichten feſtgeſtellten Grundgeſetze, daß jeglicher Rechtsſpruch durch Gruͤnde des Rechtes, der Billig⸗ keit oder der Geſchichte befeſtigt und geſtuͤtzt ſeyn muͤſſe, ſelbſt in fremden Landen ein unbedingtes Vertrauen, ſo daß ſelbſt „aus Deutſchen Landen viel hochwichtige und fuͤrtreffliche Sa⸗ chen auf die Bruͤder in Preuſſen zu entrichten und entſcheiden veranlaßt wurden.“ Unter den übrigen inneren Landes angelegenheiten beſchaͤf⸗ tigte den Meiſter in dieſem Jahre vorzuͤglich noch eine wich⸗ tige Landestheilung in Nadrauen zwiſchen dem Orden und dem Biſchofe Jacob von Samland, die wahrſcheinlich durch den letzten Einfall der Litthauer zur Sprache gekommen war und die Gebiete betraf, welche die Linie von Taplaken an die Nehne aufwaͤrts zwiſchen Laukiſken und Spargillen, dann uͤber den Timber⸗Kanal und den großen Bruch bis Lauknen, von da am Felde von Wanglauken fort gegen die Memel bei Kall⸗ wen, am Memel Strome oſtwaͤrts weiter bis wo die Szes⸗ zuppe in ihn einfaͤllt, von dieſem Fluſſe dann ſuͤdlich herab nach Kraupiſchken an der Inſter und an dieſem Fluſſe fort bis wo er in den Pregel faͤllt und am Pregel endlich wieder —— ——— 1) Schütz p. 73. Pisanski I. c. p. 24. Hartknoch Dissertat. de republ. vet. Pruss. $. XIX; vgl. meine Geſchichte von Marien⸗ burg S. 169.
Scanseite 117 · Druckseite 103
Einfall der Litthauer (1353). 103 bis Taplaken einſchließt. Nachdem man dieſe beträchtliche Land⸗ ſtrecke nach gewohnter Art in drei Theile getheilt, uͤberließ der Meiſter dem Biſchofe die Wahl feines Theiles und dieſer wählte fofort den Theil, welcher oͤſtlich von der Inſter und ſuͤdlich vom Pregel begraͤnzt wird, als ſeinen Biſchofstheil, uͤbergab jedoch bald nachher ein Drittel dieſes Theiles ſeinem Kapitel als Kapitelgut ). Es war um dieſelbe Zeit, als der Biſchof Johann von Kurland, um ſeinen Fehden mit dem Komthur von Goldingen zu entgehen, zu dem genannten Biſchofe von Samland kam und ſich am Fluſſe Bledau nordweſtwaͤrts von Powunden ein Stuͤckchen Landes erbat, um ſich in freundli⸗ cher Naturumgebung ein kleines Haus zu erbauen und hier in ruhiger Einſamkeit feine letzten Tage zuzubringen ?). Dieſes ruhige Walten im Lande ward jedoch im Anfange Februars des naͤchſten Jahres 1353 wieder durch ein wildes Kriegsgeſchrei im Oſten geſtoͤrt, denn Olgjerd und Kynſtutte brachen ploͤtzlich abermals in die Gegend von Roͤßel ein, brann⸗ ten, mordeten und heerten auf die ſchrecklichſte Weiſe und ſchleppten funfzehnhundert Gefangene zuſammen. Mittlerweile aber hatten ſich der Biſchofsvogt von Ermland Heinrich von Dbart *) und der Ordensritter Heinrich von Kranichfeld mit 1) Die Urkunde uͤber die Theilung, dat.: Marienburg am Dien⸗ ſtag nach S. Eliſabethstag 1352 in einem Transſumt vom J. 1415. Schicbl. LII. Nr. 11, in alten Abſchriften im Fol. Privileg. des Stifts Samland p. 3, Handfeſt. des Biſth. Samland p. LI; ebendaſ. die Theilungsurkunde des Biſchofes fuͤr ſein Domkapitel, dat.: in castro nostro Vyschhusen 1353 feria VI in festo Penthecost. Vgl. auch das Buch: Rigiſche Handlung p. 28 und Handfeſt. von Samland, Pomeſanien u. ſ. w. p. 81 — 82. 2) Urkunde des Biſch. von Samland hierüber, bat.: in castro nostro Vischhusen VIII. Cal. Octob. a. d. 1352 in den Matricul. Vischhus. p. LXXXVIII. 3) So finden wir den Vogt von Ermland bei Wigand. p. 286 und Schätz p. 74 (wo er jedoch den Taufnamen Friederich hat) ger nannt. In urkunden iſt der Name nirgends. In den Jahren 1347 1359 kommt vielmehr ſehr häufig Henricus de Luttyr als Advoca- tus ecclesie Warmiensis vor und es werden auch von ihm fidelia et multiplicia servitia geruͤhmt, wonach faſt zu vermuthen ſteht, daß
Scanseite 118 · Druckseite 104
104 Einfall ber Litthauer (1353). ihrer Wehrmannſchaft vereinigt, folgten dem Feinde nach, grif⸗ fen ihn muthig an und brachten ihn mit bedeutendem Verluſte zur Flucht. Der Sieg ſchien ſchon errungen, als plotzlich der Feind in guͤnſtiger Stellung den Kampf erneuernd das Ordens⸗ volk umzingelte, einen großen Theil erſchlug und die Übrigen gefangen nahm, unter dieſen auch den Biſchofsvogt und den Ritter Heimich von Kranichfeld !), fo daß nur eine geringe Zahl ſich durch die Flucht rettete. Das Raubheer zog nun ungeftört feinen Graͤnzen wieder zu. Bald aber gaben die Großfuͤrſten, ſey es aus Erbitterung über ihren Verluſt oder aus Beſorgniß einer ihnen nachfolgenden groͤßeren feindlichen Schaar, den blutigen Befehl, alles was ihnen auf dem eili⸗ gen Ruͤckzuge nicht ſchnell genug folgen konnte, ohne Unter⸗ ſchied zu erwuͤrgen und ſo ward der groͤßte Theil der Gefan⸗ genen ohne Erbarmen dem Schwerte geopfert. Gerne haͤtte der Meiſter den raͤuberiſchen Einfall und ſeiner Unterthanen Blut geraͤcht; allein die Witterung war im Sommer und Herbſt einer Kriegsreiſe ſo unguͤnſtig und ſelbſt im nachfol⸗ genden Winter, in welchem die Großfuͤrſten wieder verheerend bis Wartenburg vorſtuͤrmten 2), noch ſo wenig zu einem laͤn⸗ dieſes der richtige Name und der bei Wigand. verdorben iſt. Moͤg⸗ lich wäre freilich auch, daß Henricus de Luttyr der Vogt des Erm- ländifchen Kapitels war. 1) Wigand. J. c. bezeichnet Heinrichen von Kranichfeld bloß als Ordensritter, frater; Schütz I. c. dagegen als Komthur, ohne zu ſa⸗ gen, von welchem Hauſe. In den Jahren 1336 bis 1343 finden wir ihn unter den Kompanen des Hochmeiſters, dann im J. 1346 als Komthur von Birgelau. Schütz weicht hier von Wigand. darin ab, daß er ſowohl den Biſchofsvogt als Heinrichen von Kranichfeld er⸗ ſchlagen werden läßt, während fie beide nach dieſem letztern nur gefan⸗ gen genommen werden. Da Heinrich von Kranichfeld in den Jahren 1357 bis 1361 noch vorkommt, fo muß ſich Schütz bei Benutzung ſei⸗ ner Quellen geirrt haben. 2) Wigand. I. c. Schütz p. 74; vgl. Albert. Argent. Chron. p- 161, Diugoss. p. 1098, Lucas David B. VII. S. 39. Dieſe beiden letzten Chroniſten erzählen, daß im J. 1353 noch um Pfingften eine ſehr heftige Kälte geherrſcht habe und der Schnee noch eine Elle hoch gefallen ſey; dennoch habe dieſe Witterung ein ſehr fruchtbares
Scanseite 119 · Druckseite 105
Innere Landesverwaltung (1353). 105 gern Heereszuge geeignet, daß er es vorzog, feine Streitkräfte zur Rache für guͤnſtigere Zeiten zu fparen. Es waren daher weniger glaͤnzende, in ihren Wirkungen aber um fo ſegensreichere Verhältniffe der inneren Landesver⸗ waltung, mit denen ſich ſowohl der Hochmeiſter und ſeine oberſten Gebietiger, als die Biſchoͤfe mit ihren Kapiteln in ih⸗ ren Landestheilen waͤhrend der friedlichen Tage dieſer Jahre beſchaͤftigten. Der Meiſter trat nicht nur in den einſtweiligen Beſitz des dem Koͤnige von Polen zugehoͤrigen Gebietes von Dobrin nebſt der Burg Bobrownik und den Gebieten von Ry⸗ pin und Kenithen, welche ihm König Kaſimir für ein Darle⸗ hen von vierzigtauſend Gulden als Pfand bis zur Zuruͤckzah⸗ lung zu freier Benutzung uͤberließ n), und erweiterte außerdem im Sommer des Jahres 1353 auch das Gebiet des Ordens mehr nach Pommern hinein, indem ihm Peter von Polnow, fruͤher Peter von Neuenburg genannt, Sohn des ehemaligen Pommeriſchen Kanzlers Peter Swencza, fein ganzes vaͤterliches Erbe des Landes Tuchel mit Verzichtleiſtung aller jemaligen Anfprüche für fi und feine Erben abtrat 2), ſondern er be⸗ Jahr zur Folge gehabt. Kojalowiez p. 320 ſagt: tanta fertilitas successit, ut nunquam maiores ex agris coloni proventus collegerint. 1) Die Urkunde des Hochmeiſters uͤber dieſe Verpfaͤndung von Do⸗ brin befindet ſich im Formularbuche p. 13 und zwar ohne Datum. Sie muß indeſſen aus den Jahren 1352 oder 1353 ſeyn, da Hermann von Kudorf noch als Oberſtſpittler darin genannt iſt. Der Hochmei⸗ ſter ſagt ausdruͤcklich, er gebe die Anleihe considerata bona voluntate clarissimi principis domini Kasmyri illustris regis Polonie — ein Beweis des fortdauernden guten Einverftänbniffes. 2) Die von Peter von Polnow ſelbſt (wie es in der Urk. heißt: bern Peters kentczelers fon) ausgeſtellte Urkunde, dat.: Slochow 1853 am Dienſtage nach S. Johannis⸗Tage, in einem Transſumt vom J. 1421 im geh. Arch. Schiebl. 77. Nr. 1; in Abſchrift im groß. Copie⸗ buche p. LX. Es wird darin bloß die Abtretung des Landes erklärt ohne weitere Angabe, auf welchem Wege der Hochmeiſter von Peter v. Polnow das Land eigentlich erworben habe. Außen ſteht auf der Urkunde von gleichzeitiger Hand geſchrieben: Donatio territorii Tuchel, wonach es als eine reine Schenkung anzufehen wäre. Die Burg Tuchel beſaß der Orden ſchon ſeit vielen Jahren, denn Dieterich
Scanseite 120 · Druckseite 106
106 Innere Landesverwaltung (1353). reiſte auch, da das Menſchenſterben ſchon allgemach nachgelaſ⸗ ſen, das ganze Ordensland nach allen Richtungen hin, lernte überall die Beduͤrfniſſe und Gebrechen des Landes und feiner Unterthanen ſelbſt kennen und half allenthalben durch augen⸗ blickliche Hülfe ſowohl in Städten als auf dem Lande !). In gleicher Weiſe finden wir auch die oberſten Gebietiger und Kom⸗ thure der einzelnen Bezirke beſonders mit der Aufhuͤlfe des Ackerbaues im Laufe dieſer Zeit in voller Thaͤtigkeit 2). Nicht mindern Eifer zeigten die Bifchöfe und Domkapi⸗ tel in ihren Bemuͤhungen fuͤr die Wohlfahrt und das Gedei⸗ hen ihrer Lande und wie der Ermlaͤnder von jeher ſich durch das regſte Beſtreben fuͤr das Heil ſeiner Unterthanen ausge⸗ zeichnet, ſo ging er auch jetzt den uͤbrigen durch ſein ruͤhmlich⸗ ſtes Bemuͤhen mit ſeinem Domkapitel voran. So erhielt durch dieſes letztere im Jahre 1353 die Stadt Allenſtein im Gebiete des Domkapitels ihre Entſtehung mit einem anſehnlichen Land⸗ beſitz und wichtigen Freiheiten und Vorrechten. Johannes von Leyſen ward vom Kapitel zum erſten Schultheißen und An⸗ ordner der buͤrgerlichen Verhaͤltniſſe der neuen Stadt auserſe⸗ hen. Eine auf vierzehn Jahre ausgedehnte Freiheit von allem Hufenzinſe ſollte dazu dienen, der jungen Buͤrgergemeine ihr friſches Aufſtreben ſo viel als moͤglich zu erleichtern und nach einigen zwanzig Jahren war die Stadt ſchon ſo bedeutend übervölfert, daß fie beträchtlich erweitert und die Neuſtadt Al: lenſtein gegründet werden mußte). Außerdem geſchah im von Lichtenhain (von 1336 — 1343) und Konrad Vullekop (von 1344 — 1352 und im J. 1347 auch Friederich von Spira) waren ſchon Komthure von Tuchel. 1) Daher in den Jahren 1353 und 1354 eine zahlreiche Menge von Verſchreibungen bald hier bald dort ausgeſtellt. So befand er ſich im Sept. 1353 zu Brathean und erweiterte von dort aus der Stadt Strasburg ihr ſtaͤdtiſches Gebiet; Privileg. des Stifts Saml. p. 229. 2) Die Beweiſe dafür in den verſchiedenen Verſchreibungsbuͤchern. 8) Das Gründungs- Privilegium, dat.: Frowenburg in vigilia omnium Sanctor. a. d. 1353, vom Domkapitel ausgeſtellt, im Privi⸗ legienb. von Ermland p. 75. Die Stadt erhalt Kulmiſches Recht; die hohe Gerichtsbarkeit uͤber Deutſche und Preuſſen in der Stadt und
Scanseite 121 · Druckseite 107
Innere Landesverwaltung (1353). 107 Ermland um dieſe Zeit auch ungemein viel theils für des Lan⸗ des ſtaͤrkere Bevoͤlkerung, theils fuͤr den Wohlſtand des Land⸗ mannes und für den Flor des Ackerbaues. Es ward jetzt häufig, was früher feltenere Beiſpiele waren, auch den Nachkoͤmmlin⸗ gen der alten Stammpreuſſen geſtattet, nicht bloß neue Doͤr⸗ fer zu gruͤnden, ſondern darin auch das Schultheißenamt zu verwalten mit allen den Rechten und Vortheilen, die damit verbunden waren ), hie und da auch mit beſonderen Vorzuͤ⸗ gen im Erbrechte nebſt der Befreiung von Zinsleiſtung auf eine bedeutende Anzahl Jahre?). Wo man konnte, ſuchte man dem Landmanne Erleichterung zu verſchaffen, z. B. in Veraͤnderung des Zinstermins wegen der mitunter ſo uͤberaus ſchlechten Beſchaffenheit der Wege, wo es unmoͤglich ward, vom Lande in die Städte und Ordensburgen zu kommen ). deren Bezirke übt der Kapitelvogt, die niedere der Schultheiß. Vgl. oben B. III. S. 496. Die Neuſtadt Allenſtein iſt im J. 1378 ge⸗ gruͤndet, wie das Privilegium vom 4. Mai 1378 ausweiſet; ſie erhielt gleiches Recht wie die Altſtadt; Privilegienb. von Ermland p. 76. 1) Dies fängt beſonders ſeit dem J. 1347 an und geht nun auch in der folgenden Zeit fort. Der Preuſſiſche Schultheiß übt nun in ſolchen Fällen auch die niedere Gerichtsbarkeit und erhält von der ho⸗ hen, die dem Vogte verbleibt, ein Drittheil der Gefaͤlle. So bekommt z. B. der Preuſſe Nenozodis 2 Huben ratione locationis et ad scul- tetiam libere und 4 Huben ad unum servitium, aber mit der aus⸗ druͤcklichen Beſtimmung: quia bona supradicta non sunt multum fer- tiles (), ideo nolumus ut Scultetus pro se recipiat meliores ınansos, sed recipere debeat sicut alii Rustici secundum sortem. 2) So erhalten z. B. die beiden Preuſſen Janneſite und Sangede als Gründer des Dorfes Schönefeld für die Bewohner des neuen Dor⸗ fes 13 Freijahre und in Ruͤckſicht des Erbrechtes wird beſtimmt: ad evitandum errorem, qui inposterum posset evenire, expresse conce- dimus omnia, que predictis Pruthenis concessiinus, eorum utriusque sexus heredibus ac successoribus legitimis non solum masculis, sed etiam filiabus. 3) So heißt es z. B. in einer Verſchreibung vom J. 1354: At- tendentes lubricitatem neenon lutositatem viarum, que plerumque ante et circa festum b. Martini, quo terminus de solvendo censu incolis ville Wunenberg in eorum privilegio ipsis Prius concesso da- tus et prefixus extitit, consueverat provenire, ita ut extunc civita-
Scanseite 122 · Druckseite 108
108 Innere Landesverwaltung (1354). So ward es ſeit Winrichs Zeit auch immer mehr gewoͤhnlich, manche perſoͤnliche und Hand- und Spanndienſte in Geldab⸗ gaben zu verwandeln und die dem Landmanne zu ſchwer fal⸗ lenden Leiſtungen zu ermaͤßigen !). Vorzüglich fing man jetzt auch an, auf die Verminderung des Wildes zu denken, wel⸗ ches dem Landmanne auf ſeinen Feldern oft unermeßlichen Schaden brachte; man ertheilte daher ſowohl einzelnen Staͤd⸗ ten als den Gutsbeſitzern auf dem Lande jetzt mehr als je freie Jagdgerechtigkeit, beſonders in den großen Waldungen und Wildniſſen, dieſen verborgenen Schlupfwinkeln des Wildes, wo ſich die ſchaͤdlichen Thiere noch in unzaͤhligen Schaaren aufhielten ?). Auch Samland erhielt um dieſe Zeit manche loͤbliche Ein⸗ richtung und erfreute ſich mancher Beweiſe der Sorgfalt ſei⸗ nes Biſchofs Jacob und des Domkapitels. Durch jenen ent⸗ tes pro exquirendo censu visitare commode non poterint et accedi, habe man zum Beſten des Dorfes den Termin auf Weihnachten ge⸗ fest. Man machte daher auch die Verbeſſerung der Wege und Bruͤcken bei Verleihungen oft zur ausdruͤcklichen Verpfüchtung, wo es denn heißt: nt dietus Johanes suique successores legittimi ad reparatio- nem, meliorationem seu refectionem poncium, vadorum, viarnm et semitarum, ubi, quando et quotiens necessitate exigente per nos et nostros successores ipsis mandatum fuerit, sint astricti; vgl. Handfeft. des Biſth. Samland p. 24, 26, 29 u. ſ. w. 1) Dann heißt es z. B. in Winrichs Verſchreibungen: Ouch gebe wir yn von ſunderlicher genaden wenne der ackir geringe iſt, das ſy uns alle ierlich gebin ſullen von iczlicher huben eynen ſcheffel habir vor das pflugkornz oder: Ouch ſullen ſy uns gebin vor kuͤe und swyn und vor dy Polenſchen recht und vors pflugkorn von iczlicher huben, ſy ſy beſaczt adir unbeſaczt alle yar 111 ſcheffil habir, oder es wurde dafuͤr ein Geldzins geſetzt. 2) Wie z. B. die Stadt Allenſtein freies Jagdrecht erhält, fo heißt es in den Verſchreibungen des Ermlaͤndiſchen Biſchofs und Kapitels feit den Jahren 1353 und 1354 ſehr häufig: Ipsis concedi- mus in extrema nostra solitudine more aliorum Pruthenorum licen- tiam venandi. Meiſt war die Jagdberechtigung unbeſchraͤnkt; öfter bewilligte man auch nur die kleine Jagd, venationes ferarum mi- nutarum.
Scanseite 123 · Druckseite 109
Innere Landesverwaltung (1354). 109 ſtand unter andern im Jahre 1354 die Bruüderſchaft armer Prieſter, eine Geſellſchaft oder Verbindung von Geiſtlichen, die ſich zu dem Zwecke vereinigten, unter einander auf Redlichkeit und Unbeſcholtenheit ihres Wandels zu ſehen, in Krankheiten einander zu unterſtuͤtzen und zu pflegen, ſich bei Todesfaͤllen die letzten Ehrendienſte zu erweiſen, für die Verſtorbenen Meſ⸗ fen und Vigilien zu feiern u. ſ. w.!) So bewirkte die Ge⸗ ſellſchaft im Geiſte der damaligen Zeit gewiß manches Ruͤhm⸗ liche und verwahrte wohl manchen Geiſtlichen vor der Gefahr, in die Gemeinheit des Lebens hinabzuſinken. Auch fuͤr Sam⸗ lands verminderte Bevölkerung und für die Cultur des Bo⸗ dens war der Biſchof und naͤchſt ihm vorzüglich der Samlaͤn⸗ diſche Dompropſt Bartholomaͤus, der nach jenem den biſchoͤf⸗ lichen Stuhl erhielt, mit raſtloſem Eifer thaͤtig. In allen Theilen des Landes erſtanden neue Dörfer. Man gab häufig anſehnliche Waldſtrecken aus, um ſie unter Beguͤnſtigung einer gewiſſen Zahl von Freijahren zu lichten und zur Cultur zu bringen. Vorzuͤgliche Sorgfalt wandte man in dieſer Land⸗ ſchaft auf den Honigbau ) und hie und da auch auf Obſt⸗ zucht. Aber auch die geiſtige und religiöfe Bildung des Vol⸗ kes ward nicht außer Acht gelaſſen; auf Anlaß und mit Un⸗ terſtuͤtzung des Biſchofs Jacob wurden in ſeinen biſchoͤflichen Landen eine bedeutende Anzahl neuer Kirchen erbaut?) und 1) Die Stiftungsurkunde dieſer Geſellſchaft, dat.: in Castro no- stro Vischusen a. d. 1354 proxima feria secunda post Quasimodo- geniti in Matricul. Vischhus. p. XCV. Sie enthält die Statuten und zugleich die biſchoͤfl. Beſtaͤtigung. Unter andern heißt es auch: Quicunque ex nobis loca suspecta visitare consueverit et post am- monitionem canonicam desistere noluerit, a nostro consortio irrevo- cabiliter moveatur. Item quilibet nostrum det duos scotos per an- num ad reficiendum quos inter nos egrotare conspexerimus. Item si ex nohis aliqui discordaverint inter se, reliqui amicabiliter illos inducant ad componendum, et si quis ex eis amicabili compositioni consentire noluerit, penam subeat pro seniorum voluntate: gewiß alles Löbliche Beſtimmungen für jene Zeit. 2) Daruͤber ſpaͤterhin das Naͤhere. 8) So erbaute z. B. der Biſchof Jacob die Kirche zu Heiligen⸗
Scanseite 124 · Druckseite 110
110 Neue Züge nach Samaiten (1355). vom Samlaͤndiſchen Domkapitel aus ſorgte man jetzt mehr als je fuͤr Erweiterung und Verbeſſerung des Landſchulwe⸗ ſens ). — Ungleich ruhigere Zeiten als dieſe beiden Biſthuͤ⸗ mer Ermland und Samland hatten viele Jahre ſchon Pome⸗ fanien und Kulmerland genoſſen, wohin der verheerende Feind nicht vorgedrungen und wo demnach außer den Verheerungen der Peſtſeuche auch keine ſo doppeltſchwere Wunden zu heilen waren. Weit unfriedlicher und ſtuͤrmiſcher waren aber wiederum die folgenden Jahre. Auch der Feind des Ordens hatte die friedliche Zeit für die Sache des Krieges benutzt. Se öfter ſchon die verheerenden Einfaͤlle der Ritter den Bewohnern Sa⸗ maitens Angſt und Verderben gebracht, um ſo mehr waren ſie bemuͤht geweſen, dieſe Einfaͤlle zu erſchweren und das Land an feinen Graͤnzen fo viel als moͤglich zu bewehren. Man hatte daher im Laufe mehrer Jahre ſowohl an den ſuͤdlichen Graͤnzen laͤngs der Memel hin eine Art von Wehrſchanzen, damals Hagen genannt), aufgeführt, als auch die weſtli⸗ chen Graͤnzgebiete auf ſolche Weiſe zu ſchuͤtzen geſucht, weil dieſe Hagen mit Wehrmannſchaft beſetzt den einbrechenden Feind wenigſtens im erſten Anſturme aufhalten und mittler⸗ weile das innere Land von der herannahenden Gefahr benach⸗ richtigt werden konnte). Dort hielt deshalb die Ordensrit⸗ Kreuz bei den Sudauern (im Sudauiſchen Winkel) ganz neu; ebenſo eine neue Kirche zu Bieskobnicken, indem der Biſchof ſagt: augmen- tationi divini cultus et commodis subditorum nostrorum intendentes, ut fructus orthodoxe fidei et devotio crescat in fructus animarum. 1) Hie und da geſchieht der Landſchulen Erwähnung, mehr aber nur in den Biſchofstheilen. 2) Daher wahrſcheinlich der Ausdruck Hakelwerk ſ. v. a. Hagen⸗ werk, ſchwerlich gleichbedeutend mit Hachelburg oder einem Flecken, wie es bei Lucas David B. VIL S. 5 genommen iſt; eben fo wenig ableitbar von Hecke ſ. v. a. Heckenwerk, wie es Adel ung nimmt. 3) Wir lernen dieſe Bewehrung des Landes durch geſchlagene Ha⸗ gen oder Haine (wovon früher ſchon die Rede geweſen iſt) als Graͤn⸗ zen von Samaiten im Suͤden, wo es an die dem Orden zugehörige Wildniß ſtieß und im Weſten, wo es an das Ordensgebiet graͤnzte,
Scanseite 125 · Druckseite 111
Neue Züge nach Samaiten (1355). 111 terſchaft auch jeder Zeit eine Berathung, ob es dienlicher fey, hier oder da ins feinliche Land einzufallen *). Je mehr man aber den Feind durch ſolche und aͤhnliche Anſtalten ſein Land zu bewehren und die Graͤnzen zu bewachen bemuͤht ſah, deſto eifriger ſannen die Ordensritter auf Mittel, ihn in ſeiner Wach⸗ ſamkeit zu täufchen oder in irgend einer Art zu uͤberliſten. Wollten z. B. die Gebietiger gegen Litthauen oder nach Sa⸗ maiten ziehen, ſo ſchrieb man nach Livland, man wolle Polen heimſuchen oder man werde einen Verhandlungstag mit dem Markgrafen von Brandenburg halten; ebenſo verfuhr man in Livland, wenn man von dorther ins Gebiet der Litthauer ein⸗ zubrechen gedachte, wobei man natürlich nicht unterließ, ſolche Benachrichtigungen zur Überliſtung des Feindes zuvor ins feind⸗ liche Land zu bringen 2). Zu gleichem Zwecke war ferner auch eine Geheimſchrift, eine ſ. g. Chifferſchrift im Gebrauche, durch welche man dem Feinde, wenn ihm Briefe uͤber Kriegsverhaͤlt⸗ niſſe in die Haͤnde fielen, den Inhalt unverſtändlich machte 3). welches lange zu Kurland gerechnet wurde, durch einen ſpätern Be⸗ weis kennen, der durch dieſe Hagen über die Graͤnzen zwiſchen dem Ordensgebiete und Samaiten gefuͤhrt werden ſollte. Es heißt unter andern: Wy ufte das di heren von Pruͤſen czogen und reyſeten kegen und in das lant czu Samayten, wen ſi quomen obir das vlis Memel in das lant geheyſen Kurlant und der heren wiltniſſe, alle di czit das ſi nicht quomen durch di Samaytiſchen Hegene, ſo wart geſprochen, das ſi weren in Pruͤſen und in erer heren lande, wen ſi aber mit dem here quomen durch di Samaptiſchen hegene, fo wart geſprochen, ſie weren in Samayten, So machten di heren von Pruͤſen ritter us erer manſchaft und von erwirdigen geſten mancherleye geczunges alz in heydeniſchen landen. 1) In der eben erwähnten Schrift heißt es: Wen fi obir di Me⸗ mel vor und an die Samaytiſche Hegene quomen, fo nomen di heren mit erer manſchaft ein geſpreche, welch geſpreche uf und czu Pruͤſcher czunge heyſet Karigewayte. 2) S. Lucas David B. VII. S. 196 und B. V. S. 87. 3) Wir finden darüber eine Nachweiſung im Buche: Rigiſche Handlung p. 113, wo es z. B. heißt: Ein Punkt mit dem Striche aufwärts (J) bedeutet Kurland und Livlandz ein anderer Punkt mit dem Striche aufwaͤrts (|) bezeichnet Ruſſen und anderes heidniſche
Scanseite 126 · Druckseite 112
112 Neue Züge nach Samaiten (1355 — 1356). Da nun vor kurzem felbft der Papſt abermals aufs drin⸗ gendſte zur neuen Bekaͤmpfung des unglaͤubigen Volkes der Litthauer gemahnt hatte ), jo brach im Anfange des Februars im Jahre 1355 um die gewöhnliche Zeit der Kriegsreiſen der Ordensmarſchall Siegfried von Dahenfeld mit einer anſehnli⸗ chen Kriegsſchaar in Samaiten ein, heerte fünf Tage hindurch im Gebiete von Medenicken, warf ſich dann ſuͤdoͤſtlich in die Lande von Erogeln, Wayken und in andere Gegenden und vergalt durch Raub und Verwuͤſtung allen Schaden, den Preuſ⸗ fen bei den letzten Einfällen erlitten. Im Sommer ward ein aͤhnlicher Zug unternommen und im naͤchſten Winter ſollte er zum drittenmale wiederholt werden, als ein Ungluͤck ihn ver⸗ eitelte, denn um Weihnachten wurde die feſte Ordensburg Ragnit durch eine ſchreckliche Feuersbrunſt bis auf den Grund in Aſche gelegt und alle Kriegsruͤſtung, Roſſe, Vieh und ſaͤmmtliche Vorraͤthe von den Flammen verzehrt. Da ſie die Schutzburg fuͤr die ganze umliegende Gegend geweſen, ſo mußte eiligſt alle Kraft auf ihren Wiederaufbau verwendet werden. Allein ſie ſtand noch nicht ganz vollendet wieder da, als zwi⸗ ſchen Oſtern und Pfingſten im Jahre 1356 ein abermaliger Brand den neuen Bau verzehrte, weshalb die Burg zum drit⸗ tenmale errichtet werden mußte und zwar mit ſo außerordent⸗ licher Schnelligkeit, daß ſie in vier Wochen faſt ſchon bewohn⸗ bar war 2). Ihre Beſatzung befehligte Kuno von Hattenſtein Land; der Punkt mit dem Striche niederwaͤrts (J) iſt Preuſſen;z ein Punkt mit dem Striche queraufwaͤrts (2) die Häufer auf der Memel. Ein bloßer Punkt nach dem Datum bedeutet, daß die Feinde nichts wiſſen u. ſ. w. 1) Raynald. Annal. eccles. a. 1354 Nr. 25. 2) Schütz p. 74 ſpricht nur von einem, Wigand. p. 286 dage⸗ gen von einem zweiten Brand und ſeine Worte laſſen keinen Zweifel übrig: Post hoc Castrum Ragnite a proprio igne inflammatum et funditus exustum fuit ante festum nativitatis christi. Magister vero statim reedificavit aliud in consimili et omnimoda dispositione post predicta festa. Consequenter eodem anno inter pascha et penthe- costes secundo omnino igne est consumptum ut prius, et a dicto
Scanseite 127 · Druckseite 113
Verhaͤltniſſe des Ordens zum Kaiſer (1355—1356). 113 als Komthur des Haufes'). Bald darauf begab ſich der Meiſter Winrich ſelbſt nach Ragnit hinauf, um von dort aus den Aufbau des Schalauiſchen Hauſes zu leiten, welches mehre Jahre früher von den Litthauern zerftört in feinen Trüm⸗ mern dagelegen hatte. Es wurde vorzuͤglich durch einen ge⸗ waltigen Graben befeſtigt, der eine halbe Meile weit bis an den Ragnitiſchen See fortlief. Da indeß der Hochmeiſter hie⸗ bei eines Tages die noͤthigen Anweiſungen ertheilen wollte, ſo traf ihn das Ungluͤck, daß er niederfallend den rechten Schen⸗ kel brach, wodurch er unter ſchweren Schmerzen lange Zeit an aller Thaͤtigkeit gehindert ward ?). Um fo mehr bedurfte der Meiſter der Erheiterung, die ihm die Beweiſe hoher Gunſt und Zuneigung wie vom kai⸗ ſerlichen Hofe ſo vom paͤpſtlichen Stuhle brachten. Wir ſa⸗ hen früher, wie Karl der Vierte, ſobald er den Deutſchen Thron beſtiegen, dem Orden vielfach ſeine Huld erwies und er bethaͤtigte ſie auf mancherlei Weiſe auch unter dieſem Hoch⸗ meiſter. Schon im Jahre 1354 hatte er alle Rechte und Freiheiten beſtaͤtigt, die einſt Kaiſer Friederich der Zweite dem Orden verliehen. Es war indeß in dieſer Beſtaͤtigung, wie in einer andern im folgenden Jahre ) weniger eigentlich der Magistro cum suorum preceptorum consilio in spacio 4 ebdomatum novum erectum et consumatum in eodem loco. 1) Wigand. I. c. Zu Ende des J. 1355 war Kuno von Hat⸗ tenſtein noch Vogt von Samland; im J. 1357 war er ſchon Kom⸗ thur von Ragnit. 2) Nach Schütz fiel der Meiſter von einem Geruͤſte, nach Wi- Sand. Magister deambulans iuxta dietam fossam cepit nutare, fre- git dextrum crus eius. Nach Kojalowiez p. 322 hatte fi) ein Or⸗ densheer zu einem Einfalle in Litthauen eben bei Ragnit verſammelt, als Magister ab ego lapsus brachium dextrum fregitz; nach ihm fol auch erſt in derſelben Nacht die Burg Ragnit verbrannt ſeyn. 3) Die eine Urkunde Karls, dat.: Norinberg a. d. 135% indi- etion. IX, IV Non. Januar, regnor. nostr. an. X, Imperii primo im geh. Arch. Schiebl. 21. Nr. 2; die andere dat.: Nürenberg a. d. 1355 octava Indict. XVI Cal. Januar. regu. nostr. an. X, Imperii primo Schiebl. 20. Nr. 1. Wir haben auch noch eine kaiſerl. Beſtaͤtigung der Privilegien des Ordens, dat.: Senis a. d. 1355 indict. VIII, VII V. 8
Scanseite 128 · Druckseite 114
114 Verhaͤltniſſe des Ordens zum Kaiſer (1355—1356). Inhalt, als vielmehr die Form und Art, in welcher Karl vom Orden ſprach, die den Meiſter ſehr erfreuen mußte; denn wenn dem Orden durch dieſe kaiſerlichen Briefe auch keine neuen Rechte und Beguͤnſtigungen zuwuchſen, fo hatten fie doch durch die ſo offen ausgeſprochenen Geſinnungen der be⸗ ſonderen Zuneigung, der ausgezeichnetſten Gunſt und der ch- renvollen Anerkennung ſeiner Verdienſte und treuen Anhaͤng⸗ lichkeit gegen den Kaiſerthron ihre erfreuliche Wichtigkeit. Karl bezeugte indeß dieſe feine Geſinnung gegen den Orden auch noch auf andere Weiſe, indem er bald die ſo vielen Beein⸗ traͤchtigungen ausgeſetzten Ordenshaͤuſer der Ballei Franken in ſeinen beſondern Schutz nahm und jegliche Unbill gegen die Ordensglieder dieſer Ballei aufs ſtrengſte unterfagte !), bald den Orden fuͤr den ihm zu leiſtenden Dienſt auf ſeinem Zuge nach Italien im ganzen Reiche frei ſprach von aller Steuer oder von Wagen⸗ und Roßdienſt an irgend einen Fuͤrſten oder ſonſtigen Reichsſtand ), bald die Stadt Mergentheim zum Beſten des Ordens durch neue Rechte beguͤnſtigte). So un⸗ terſtuͤtzte er auch den Orden bei Beſtrafung ſeiner abtruͤnnigen Ordensbruͤder, denn weil damals ſchon der Fall nicht ſelten vorkam, daß Ordensritter ihr Ordenskleid wieder von ſich war⸗ fen, ins weltliche Leben zuruͤckkehrten und wenn ſie vom Or⸗ den wegen ihres Abfalles zur geſetzmaͤßigen Strafe gezogen werden ſollten, ſich bei Freunden und Bekannten verbargen und von dieſen in Schutz genommen wurden, ſo hatte ſich der Cal. Maji regn. nostr. an. IX. Imper. I. im kleinen paͤpſtl. Privile⸗ gienb. p. 180. 1) Die Urkunde, dat.: Hoensten a. d. 1355 tercia feria proxima ante Walpurgis regn. nostr. an. IX. Iinp. I. im kleinen paͤpſtl. Pri⸗ vilegienb. p. 16 und 188. 2) Die Urkunde, dat.: Mantwa des erſten Sontags nach ſant Laurencientag der heil. Jungfr. in dem neundten Jare unſerer Riche in Jaeger Cod. diplom. an. 1354. 3) Darüber mehre Urkunden in Jaeger I. c. Namentlich hatte ſich der Komthur zu Mergentheim Philipp von Bickenbach auf Karls Roͤmerfahrt mancherlei Verdienſte erworben, welche dieſer zu vergel⸗ ten ſuchte.
Scanseite 129 · Druckseite 115
Verhaͤltniſſe des Ordens zum Kaiſer (1355—1356). 115 Hochmeiſter über dieſe Verletzung der Ordensregel durch den Komthur von Coblenz Chriſtian von Binsfeld bei dem Kaiſer beſchwert und um ſtrenge Maßregeln gegen ſolche Geſetzwidrig⸗ keit gebeten‘). Karl ertheilte fofort dem Orden nicht nur die Erlaubniß, einen abtruͤnnigen Ordensbruder überall, wo man ihn finde, aufzugreifen und feſtzunehmen ſelbſt mit Zuziehung des weltlichen Armes, ſondern er unterſagte auch aufs ernſt⸗ lichſte allen Fuͤrſten, Herzogen, Markgrafen und überhaupt unter Androhung ſeiner hoͤchſten Ungnade und einer Strafe von funfzig Mark Goldes, irgend einen entlaufenen Ordens⸗ bruder bei ſich zu beherbergen oder die vom Orden zu ſeiner Verhaftung Bevollmaͤchtigten daran in irgend einer Art zu verhindern oder ſonſt zu belaͤſtigen ?). Vorzuͤglich traf dieſe Klage uͤber die Abtruͤnnigkeit mehrer Ordensbruͤder die Ordens⸗ convente in Deutſchland, denn es fehlt uns nicht an Nach⸗ richten, wie ſehr ſchon um dieſe Zeit in manchen Ordenshaͤu⸗ fern dort Zucht und Sitte gewichen waren ). Auch am paͤpſtlichen Stuhle genoß der Orden jetzt wie⸗ der eine Gunſt, wie ſie ihm von dorther ſeit langen Zeiten nicht geworden war. Papſt Clemens der Sechſte, der, wie 1) Der Kaifer ſagt in Beziehung auf die bei ihm angebrachte Klage: Der Bevollmaͤchtigte habe ihm auseinander geſetzt, quod licet vos iuxta regulam Ordinis fratres vestros professos, qui dimisso re- ligionis habitu et observancia regulari postposita apostando in se- culo divagantur, apprehendere, capere ad ordiuem ipsum quoque reducere ac secundum statuta et disciplinas Ordinis punire possitis et consueveritis ab antiquo, quia tamen uounulli ex ipsis Apostatis de amicorum suorum seu aliorum Laicorum munimine confidentes ad tantam se rebellionem et inobedientiam prefati Ordinis et vestram erigere non verentur, quod regula huiusmodi debitum iu premissis adversus eosdem exequi nullatenus valeatis, Propter quod Culmini nostro Imperiali supplicari fecistis etc. 2) Die Urkunde, dat.: Nuremberg a. d. 1356 indietion. IX, quarto Nonas Januar. Regn. nostr. au. X Imper. primo in einem Transſumt vom J. 1416 im geh. Arch. Schiebl. 20. Nr. 8. 3) So herrſchte z. B. im Ordenshauſe zu Freiſach ein gottloſer Geiſt unter den Ordensrittern, woruͤber ein Brief aus Freiſach im Formularbuche p. 56 näheren Aufſchluß giebt. 8 *
Scanseite 130 · Druckseite 116
116 Verhaͤltniſſe des Ordens zum Papſte (1356). wir fruͤher ſahen, ſich um den Orden nur wenig bekuͤmmert, war ſchon im Jahre 1352 geſtorben und es ſaß ſeitdem In⸗ nocenz der Sechſte auf dem paͤpſtlichen Stuhle, ein Mann, der nicht bloß an Gelehrſamkeit und hoͤherer Bildung, ſondern auch an Rechtſchaffenheit der Geſinnung, an ſtrengen Grund⸗ ſaͤtzen in ſeinem Handeln und durch wahrhafte Anerkennung fremder Verdienſte feinen moͤnchiſchgeſinnten und herrſchſuͤch⸗ tigen Vorgaͤnger weit uͤbertraf. Dieſen Charakter offenbarte der neue Papſt gleich im Anfange ſeines Pontificats auch in ſeinem Verhalten gegen den Deutſchen Orden. Es konnte zwar ſcheinen, als hege er gegen dieſen eine eben nicht beſon⸗ ders wohlwollende Geſinnung, da er auf die erneuerte An⸗ klage und Beſchwerde des Erzbiſchofs Frommhold von Riga, der die alte Streitſache am paͤpſtlichen Hofe abermals in An⸗ regung gebracht, den Biſchoͤfen von Weſteraͤs, Lincoͤping und Oeſel eine neue Unterſuchung der alten Streitpunkte anempfahl und wie man klar ſah, durch die Vorſtellung des Erzbiſchofs eine für den Orden nicht eben guͤnſtige Anſicht von der Sache gewonnen hatte); und zwar um ſo mehr, da der Orden, weil er der Forderung dieſer Biſchoͤfe wegen voͤllig freier Zu⸗ ruͤckgabe Riga's an den Erzbiſchof nicht Folge leiſtete, vom Biſchofe von Weſteraͤs wirklich in den Bann erklaͤrt wurde ?). Allein der Papſt nahm dieſe Streitſache nur von Seiten des ſtrengen Rechtes, welches einer Unterſuchung und Entſcheidung unterworfen werden mußte, denn ſeine wohlwollende Geſin⸗ nung gegen den Orden ſprach er ſchon im naͤchſten Jahre nicht 1) Die Bulle hierüber, dat.: Apud Villam novam Avinion. Dio- ces. II Idus Augusti a. p. primo in Regest. litter. communium Innocentii VI an. I. epist. 1480 p. 494, im Copiebuche des geh. Arch. Nr. 397, auch bei Dogiel T. V. Nr. XLIV. p. 48, wo aber unrichtig das J. 1352 angegeben iſt, wie ſchon Gadebuſch Liv. Jahrb. B. I. S. 450 bemerkt. 2) Dogiel T. V. Nr. XLV. p. 55—56. Der Bann erfolgte im J. 1354, aus welchem Jahre wir im Buche: Dys ſint die Privileg. von Leyflant, auch eine Urkunde haben, wonach ſich der Biſchof Ma⸗ gnus von Weſteräs als paͤpſtlicher Commiſſarius in der Streitſache ausweifetz fie iſt ohne Datum.
Scanseite 131 · Druckseite 117
Verhaͤltniſſe des Ordens zum Papfte (1356). 117 bloß dadurch aus, daß er auch ihn, wie die Johanniter⸗Ritter (die er mitunter wegen ihres genußſuͤchtigen Lebens und ihres ruhm⸗ und fruchtlofen Daſeyns ſchwer tadelte und auf das Beiſpiel des raſtlos für die Kirche arbeitenden und fie in Ver⸗ dienſten und gluͤcklichen Erfolgen weit übertreffenden Deutfchen Ordens zur Nachahmung hinwies) 1) von der damals verord⸗ neten dreijährigen Erhebung des Zehnten von allen Einkuͤnf⸗ ten der Ordens⸗ und MWeltgeiftlichen zur Tuͤrkenſteuer völlig frei forach *), ſondern er bethaͤtigte fein Wohlwollen auch in dem Eifer, mit welchem er ſich des Ordens annahm, als der damalige Koͤnig von Schweden Magnus Smek ihn einer bedeutenden Anzahl ſeiner Guͤter beraubt hatte und der Orden es durch kein Mittel dahin bringen konnte, ihn zur Heraus⸗ gabe derſelben zu bewegen, bis der Papſt, vom Hochmeiſter davon unterrichtet, den Biſchof von Luͤbeck beauftragte, den Koͤnig unter Androhung des Kirchenbannes dazu aufzufor⸗ dern ). Am meiſten aber gab ſich des Papſtes Bemühen um 1) Die beſonders auch in Beziehung auf den Johanniter⸗Orden ſehr merkwürdige Bulle, die den damaligen moraliſchen Zuſtand dieſes Ordens eben nicht von der günftigften Seite ſchildert, dat.: Avinion. II Idus Octobr. p. u. a. III. in Regest. litterar. cameral. an. III. ep. 167, im Copiebuche des geh. Arch. Nr. 398 und zum Cheil bei Raynald. Annales eccles. au. 1355. Nr. 38. Der Papſt ſagt unter andern den Johannitern: Pingutastis (nicht pugnastis, wie Raynald. hat) quidem in umbra deliciarum, et scire debetis, quod sequens religio, videlicet beate Marie Theutonicorum, que non longe la- psis temporibus erat absque comparatione in omnibus minor vestra, qnia laborare non destitit, vos dormientes eximiis meritis, devotio- nis habundantia, felicibus successibus et gloriosis acquisitionibus antecedit, et quanto ista illi cedunt ad gloriam, tanto vobis ad igno- winiam et pudorem. 2) Original der paͤpſtl. Bulle, dat.: Avinion. Idus Maji P. n. a. III. (15. Mai 1355) im geh. Arch. Schicht. VII. Nr. 2. Sie iſt zu⸗ nächft ein Reglement für den Erzbiſchof von Trier. 3) Das Schreiben des Papſtes an den Biſchof von Luͤbeck, dat.: Avinion. II Calend. Februar. p. a. III. in Regest. lütferar. com- mun. Innocentii VI an. III. epist. 32. p. 182, im Copiebuche des geh. Arch. Nr. 399.
Scanseite 132 · Druckseite 118
118 Verhaͤltniſſe des Ordens zum Papfte (1356). die Erhebung und Beguͤnſtigung des Ordens in einem paͤpſt⸗ lichen Schreiben an den Kaiſer kund, in welchem er den Or⸗ den nicht allein mit ungemeinem Lobe erhob und ſeine Ver⸗ dienſte außerordentlich ruͤhmte, ſondern es ihm auch als eine der wichtigſten Pflichten ſeiner Kaiſerwuͤrde aufs dringendſte ans Herz legte, den von allen Fuͤrſten ſo hoch geachteten Rit⸗ terverein gegen alle feine Feinde und Unterdruͤcker mit dem Schilde ſeiner Macht aufs eifrigſte zu ſchuͤtzen und zu verthei⸗ digen !). Jie mehr aber Innocenz ſich in ſolcher Weiſe um den Schutz und Frieden und um das Gluͤck und Gedeihen des Ordens beeiferte, um ſo dringender mußte auch der Wunſch in ihm ſeyn, endlich den langen, wieder erwachten Hader zwi⸗ ſchen der Kirche von Riga und dem Orden in Livland völlig erſtickt und eine feſte Suͤhne begruͤndet zu ſehen. Er richtete daher eines Theils an den Hochmeiſter, den Meiſter von Liv⸗ land und die dortigen Gebietiger eine Ermahnung voll wohl⸗ wollender Geſinnung, daß ſie den Frieden, zu dem ſie, wie er gehoͤrt, bereit ſeyen, nach allen Kraͤften befoͤrdern und da⸗ durch ihren Ruhm und einſtigen höheren Lohn vermehren moͤch⸗ ten, weil auch dadurch ihre Gunſt am paͤpſtlichen Stuhle noch bedeutend wachſen werde, andern Theils erließ er ein ungleich 1) Dieſes Schreiben, dat.: Avinion. VII Idus Februar. an. IV. in Regest. epist. archityp an. IV. epist. 55, im Copieb. des geh. Arch. Nr. 402, fängt mit den Worten an: Quid amoris, quidve fa- voris et gracie Ordo b. Marie Theuton., murus Christianitatis tu- tissimus, ac Christiane fidei propagator mirabilis et infidelium im- pugnator magnificus in conspectu catholicorum Principum et totius christiani populi mereatur, prudentissima Tua Serenitas gesta gran- dia, que personarum eiusdem Ordinis rumoribus frequentissimis au- diens agnoscit plenius; dann heißt es: Imperialem Celsitudinem quanto aflectuosius possumus deprecamur, quatinus attente conside- rans, quod conservatio ac defensio eiusdem Ordinis ad Tuam Sub- limitatem pertinet, pro cunctis Principibus orbis Terre ipsum Or- dinem ac eius terras et subditos habeas pro Dei et sue genetrieis revereutia, nostrorumque adiectione precaminum sinceris affectibus commendatos etc.
Scanseite 133 · Druckseite 119
Verhältniffe des Ordens zum Papſte (1356). 119 ernſteres Ermahnungsſchreiben an den Erzbiſchof von Riga, empfahl ihm feines prieſterlichen Amtes würbigere, friedliche Geſinnungen an, warnte ihn vor haßfüchtigen Vorwürfen und Schmaͤhreden und machte ihm insbeſondere bemerklich, daß er ſich nur durch friedfertigen Sinn und durch ernſtlicheren Eifer für die Wiederherſtellung der Eintracht beim paͤpſtlichen Stuhle reichere Gunſt und Wohlgefallen erwerben werde. Den Bi⸗ ſchof von Luͤbeck aber, der dem Papſte als Friedensunter⸗ haͤndler und Vermittler genannt worden war, ermunterte er, ſein loͤbliches Bemühen um den Frieden mit allem Eifer fortzu⸗ ſetzen, damit durch dieſes ſein Verdienſt die Kraft des Or⸗ dens, „dieſer feſten Schutzmauer des katholiſchen Glaubens,“ in ſeinem Kampfe gegen die Unglaͤubigen um ſo mehr ver⸗ ſtaͤrkt werde!). Es gingen freilich doch noch einige Jahre hin, ehe ein Endurtheil erfolgte ?). Der Hochmeiſter Winrich ſandte jedoch dem Papſte aus Erkenntlichkeit für deſſen wohl⸗ wollende Geſinnung gegen den Orden zwei ausgezeichnet ſchoͤne Zelterpferde, für Innocenz ein ſehr angenehmes Geſchenk ). In demſelben Schreiben aber, in welchem der Papſt dem Meiſter für dieſes Geſchenk feinen Dank bezeugte, ermahnte er ihn auch zur Fortſetzung des Kampfes mit den nahen Hei⸗ den ). Dieſen Krieg naͤmlich hatte der Meiſter im Jahre 1356 vorerſt eingeſtellt, obgleich ſchon im Januar die drei Fuͤrſten Olgjerd, Kynſtutte und Patirke mit einem ſtarken 1) Dieſe vier Schreiben des Papſtes vom naͤmlichen Datum: Avinion. Calend. Martii an. IV. in Regest, epist. ex archityp. In- nocent. VI. an. IV. epist. 75 — 78, im Copieb. Nr. 403—406. Zwei gleiche Schreiben, wie an den Erzbiſchof ergingen auch an die Bir ſchoͤfe von Oeſel und Dorpat. 2) Vgl. Bergmann Magazin für Rußlands Geſchichte B. I. H. 2. S. 13 — 14. 3) Das Dankſagungsſchreiben des Papſtes, bat.: Urgoni Avinion. Dioc. VIII Idus Julii an. IV. in Regest. epist. archityp. An. IV. epist. 536, im Copieb. Nr. 408. 4) Es heißt naͤmlich: Te autem et confratres tuos ad religionis observantiam ac bellum dominicum, quod iugiter geritis, apostolicis exhortamur persuasionibus.
Scanseite 134 · Druckseite 120
120 Verhaͤltniſſe des Ordens zu Polen (1356). Heere ins Ordensgebiet eingefallen, bis in die Gegend von Allenſtein und Guttſtadt vorgeftürmt waren, ſiebzehn Dörfer ausgebrannt, alles umher verheert und eine reiche Beute da⸗ von getragen hatten!). Der Einfall war, wie es ſcheint, zu ſchnell voruͤbergegangen, als daß der Orden ſeine Heeresmacht haͤtte ſammeln und dem feindlichen Haufen begegnen koͤnnen, und da Olgjerds Waffen ſich um dieſe Zeit wieder mehr nach Rußland auf neue Eroberungen wandten ), fo mochte Win⸗ rich jetzt keine neuen Kriegsreiſen nach Litthauen unternehmen. Er hatte jedoch noch einen andern wichtigen Grund, Preuſſen von ſeiner Kriegsmacht nicht zu entbloͤßen. Es walteten ernſt⸗ liche Mißverhaͤltniſſe mit Polen ob. Schon oft naͤmlich hatte der Koͤnig Kaſimir den Hochmeiſter um eine angemeſſene Bei⸗ bülfe zur Bekaͤmpfung der Litthauer gebeten, da dieſe fein Königreich jetzt wieder mehr als je zuvor belaͤſtigten. Vor einiger Zeit hatte er dem Meiſter gemeldet: Sieben Tataren⸗ Fuͤrſten ſeyen bereit, ihm mit zahlreicher Mannſchaft gegen das grauſame und blutduͤrſtige Volk zu Huͤlfe zu ziehen; er habe ihnen auch Botſchafter mit Geſchenken, wie es ſich zieme, ſchon entgegen geſandt und da er nun in kurzem perſoͤnlich die Kriegsreiſe gegen die Litthauer antreten wolle, ſo verſpreche er es ſich vertrauungsvoll von des Meiſters Freundſchaft, daß auch er ihm perſoͤnlich mit einer Huͤlfsſchaar Beiſtand leiſten werde, um das heidniſche Volk mit aller Macht zu demuͤthi⸗ gen, denn auf eine andere Weiſe werde es ihm immer ſchwer ſeyn, ohne Mithuͤlfe des Hochmeiſters die Handelswege nach Rußland hin zum Vortheile der Handelsleute aus dem Or⸗ densgebiete fuͤr den Handelsbetrieb offen zu halten?). Win⸗ 1) Wigand. p. 286. Schütz p. 74. Dlugoss. L. IX. p. 1110, Kojalowiez p. 322. 2) Ka ramſin B. IV. S. 237—238. 3) Der Brief des Koͤniges an den Hochmeiſter, ohne Datum, im Formularbuche p. 46. Er ſteht mit dem Schreiben des Papſtes an den Meiſter, deſſen wir ſogleich näher gedenken werden, im Zuſam⸗ menhange, denn dem Papſte war, wie er ſagt, berichtet worden, quod carissimus in Christo filius noster Kazimirus Rex Poloniae il-
Scanseite 135 · Druckseite 121
Verhaͤltniſſe des Ordens zu Polen (1356). 121 rich war indeß auf keine Weiſe zu bewegen geweſen, des Kö: niges Bitte zu erfuͤllen!) und da nun ſchon ſeit einigen Jah⸗ ren die Kriege mit den Litthauern nicht mehr mit dem frühe: ren Eifer fortgeſetzt worden waren, fo hatten beim Könige bald allerlei mißtrauiſche Gedanken Wurzel gefaßt, die durch Gerüchte von heimlichen Verbindungen des Ordens mit den Heiden zu neuen Eroberungen in Polen immer mehr genaͤhrt ) bis zu feindlichen Geſinnungen ſtiegen. Der Koͤnig erhob ge⸗ gen den Orden allerlei Anrechte und Forderungen; es kam zu vielfaͤltigen Verhandlungen, die aber nur die Folge hatten, die Spannung zwiſchen Kaſimir und dem Orden immer hoͤher zu ſteigern. Dem Markgrafen Ludwig von Brandenburg, der dem Könige, feinem Schwiegervater, bereits feine Beihuͤlfe zugeſagt, waren die eingetretenen feindſeligen Verhaͤltniſſe zwi⸗ ſchen den beiden Nachbarn viel zu wichtig, als daß er nicht eine Vermittlung zur Ausgleichung haͤtte verſuchen ſollen. Er wandte ſich an den Hochmeiſter, ihm berichtend: Juͤngſt auf einer Reiſe zum Beſuche feines Schwiegervaters ), des Koͤniges, ſeyen zu Soldin vier Ordensgebietiger zu ihm gekommen, ihm die Verhandlungen vorlegend, die eben zwiſchen dem Orden und dem Könige im Werke ſeyen; er habe dieſem mehres dar: über mitgetheilt und ihn zu einer billigen Ausgleichung der Mißverhaͤltniſſe ſehr geneigt gefunden. Ihm ſelbſt, dem Mark: Iustris apud vos pro auxilio impendendo sibi adversus Litwanos in- fideles imploraverat. Die Beruͤhrung der Handelswege in beiden Schreiben ſpricht ebenfalls dafür. In dem des Königes heißt es: Alias satis erit nobis difficile, ut vias versus Rusiam ad utilitatem vestrorum Civium et Mercatorum singulorum propriis rebus et per- sonis absque iuvamine vestro debeamus apperire: 1) über die näheren Urſachen des Hochmeiſters find wir nicht uns terrichtet. 2) Worüber der Papſt in ſeinem Schreiben an den Hochmeiſter ſpricht. 8) Ludwig nennt den König in ſeinem Briefe patrem, socerum et dominum nostrum sincere carissimum, wonach es alſo gewiſſer iſt, als es Pauli Preuſſ Staatsgeſchichte B. I. S. 513 annimmt, daß Ludwig ein Schwiegerſohn des Koͤniges von Polen war.
Scanseite 136 · Druckseite 122
122 Verhaͤltniſſe des Ordens zu Polen (1356). grafen, ſey daher die Vollmacht geworden, eine Verſoͤhnung mit dem Orden einzuleiten und den geſtoͤrten Frieden wie⸗ der herzuſtellen. Schenke ihm der Meiſter gleiches Vertrauen, ſo wolle er ſich dem Friedensgeſchaͤft gerne und mit Eifer un⸗ terziehen. Da jedoch die Feinde des Chriſtenthums, die wil⸗ den und rohen Litthauer und Ruſſen, des Koͤniges Gebiet von Tag zu Tag mit immer wachſender Grauſamkeit und Barba⸗ rei gegen alles Chriſtliche heimſuchten, fo ſey er mit dem Kö: nige uͤbereingekommen, im naͤchſten Sommer mit ſeiner gan⸗ zen Waffenmacht in Verbindung mit der Streitmacht Polens und aller nahen freundlich geſinnten Fuͤrſten, die man dazu gewinnen koͤnne, eine Heerfahrt anzutreten, um den rohen Chriſtenfeind mit Waffengewalt zuruͤckzutreiben. Darum er⸗ ſuche auch er den Hochmeiſter, ſich mit aller Macht vorzube⸗ reiten und fie auf dieſer Kriegsfahrt gegen den Glaubens feind aufs kraͤftigſte zu unterſtuͤtzen, wofür er ſich dem Orden auf ſeine ganze Lebenszeit zu Rath und Huͤlfe verpflichte. „Wo⸗ fern aber“, erklaͤrte endlich der Markgraf, „Euere Ehrbarkeit, was Gott verhüte, dem König und uns gegen die Heiden keine Beihuͤlfe leiſten wuͤrde, ſo haben wir dann die ſichere Erfah⸗ rung vor Augen, daß Euer Streben keineswegs auf Verbrei⸗ tung und Erhebung des chriſtlichen Glaubens zielt, was uns tief ſchmerzen würde. Wir würden demnach auch, wenn ihr die Huͤlfe zu dieſem Unternehmen verweigert, die fremden Kriegsgaͤſte, die euch in eueren Bedraͤngniſſen zu Beiſtand durch unſere Lande ziehen und denen wir bisher mit moͤglich⸗ fer Unterftügung, Wohlthat und Geneigtheit auf ihrem Durch⸗ zuge auf alle Weiſe foͤrderlich geweſen, forthin nicht weiter mehr mit ſolchen Geſinnungen gegen euch aufnehmen und be⸗ handeln koͤnnen.“ ) 1) Dieſer Brief befindet ſich, ebenfalls ohne Datum, im Formu⸗ larbuche p. 46. Daß er vom Markgrafen Ludwig von Brandenburg iſt, beweiſet die Unterſchrift: Lodwicus Romanus d. g. Brandebur- gen. et Lusacie Marchio ete. Ohnedieß würden auch viele Umftände im Briefe ſelbſt davon zeugen, ſo wie auch der ganze Inhalt zeigt, daß er im J. 1356 geſchrieben iſt.
Scanseite 137 · Druckseite 123
Verhaͤltniſſe des Ordens zu Polen (1356). 123 Ohne Zweifel machte ſchon dieſe Erklaͤrung des Mark⸗ grafen auf den Meiſter tiefen Eindruck. Es kam aber auch noch Folgendes hinzu. Der Koͤnig von Polen hatte in der bedenklichen Stellung gegen den Orden allenthalben um Ver⸗ bündete geworben. Gewiß ſchon zu dieſem Zwecke hatte er im vorigen Jahre fein Bundesverhaͤltniß und feinen Vertrag mit dem Koͤnige Ludwig von Ungern wegen der einſtigen Thronnachfolge in Polen erneuert und ſomit dieſen noch mehr für das Intereſſe Polens zu gewinnen gewußt ). Er hatte wahrſcheinlich das naͤmliche Ziel vor Augen, als er den Her⸗ zog Semovit von Maſovien bewog, ſeine Lande vom Koͤnige zu Lehen zu nehmen, mit dem Verſprechen, daß er den Koͤ⸗ nig in allen ſeinen Kriegen wie gegen Heiden ſo gegen Chri⸗ ſten mit aller feiner Macht unterſtuͤtzen wolle?). Am auf: fallendſten aber war, daß Kaiſer Karl, der eben erſt dem Orden ſo viele Beweiſe ſeiner Huld gegeben, zur Erneuerung des Buͤndniſſes die Hand bot, in welchem er dem Koͤnige von Polen ſchon vor acht Jahren kriegeriſche Hülfe gegen die Ordensritter und die Baiern oder andere in der Mark Bran⸗ denburg obwaltende Beſitzer zugeſagt hatte, mit ſeiner ganzen Macht, ſofern der Koͤnig angegriffen und mit ſechshundert Ge⸗ wappneten, wenn er ſelbſt zuerſt angreifen werde. Der Kö- nig ſprach es dabei offen aus, daß ſeine Abſicht bei dieſem Buͤndniſſe auf die Wiedereroberung der Graͤnzlande gehe, die er als zu Polen gehoͤrend anſehe und da er ſich in dem Ver⸗ trage ſelbſt wieder „Herr und Erbe von Pommern“ nannte, fo war fein Ziel nicht zu verkennen). Zwar mochte es wohl 1) Pray Annal. Reg. Hungar. P. II. p. 95 seq. Diugoss. L. IX. p- 1101, 2) Die Urkunde bei Dumont. I. c. Nr. 355. Diugoss. L. IX. p- 1100, 3) Der Vertrag in Ludewig Relig. Mser. T. V. p. 496. Es laßt ſich ihm, wenn man ihn genau erwägt, kaum eine andere Ten⸗ denz abgewinnen, als die oben erwaͤhnte. Ohne Zweifel hatte auf die jetzigen Verhältniffe des Königes von Polen zum Kaiſer auch der Um⸗ ſtand Einfluß, daß der letztere den Koͤnigen von Ungern und Polen
Scanseite 138 · Druckseite 124
124 Verhaͤltniſſe des Ordens zu Polen (1356). beiden mit dieſem Buͤndniſſe in ſeiner beſtimmten Richtung kein rechter Ernſt ſeyn, denn Karl, deſſen Stellung in Deutfch- land und deſſen Verhaͤltniß zu Ludwig dem Altern von Baiern damals gerade noch ſehr bedenklich war ), ſuchte eigentlich am Könige von Polen nur darum einen Bundesgenoſſen, um ſeinem Ziele zur Vergroͤßerung und Befeſtigung ſeines Hauſes gegen die Wittelsbacher um ſo ſicherer entgegen gehen zu koͤn⸗ nen 2), und beim Koͤnige von Polen ſchien der ganze Zweck des Bundniſſes nur darauf hinauszugehen, den Orden dadurch einzuſchrecken, denn an den Wiedergewinn von Pommern konnte Kaſimir im Ernſte doch wohl ſchwerlich denken. Allein auf den Hochmeiſter hatte dieſe Stellung des Kaiſers und des Koͤniges doch allerdings die berechnete Wirkung. Es kam endlich noch hinzu, daß Koͤnig Kaſimir auch an mehren Fuͤrſtenhoͤfen, als an dem des Koͤniges von Ungern ), vor allen aber auch am paͤpſtlichen Stuhle die ſchwere Klage vorgebracht hatte: er habe vor kurzem den Hochmeiſter gegen ſchon im J. 1353 Ducatum Plocensem necnon omuia jura, quae sibi in praedicto Plocensi Ducatu et aliis principatibus Masoviae com- petunt, als Schenkung abgetreten, wogegen ihm der König von Un: gern die beiden Staͤdte Beuten und Kreuzenburg im Namen des Kö: niges von Polen uͤberlaſſen hatte, wozu nun endlich im J. 1356 Ko⸗ nig Kaſimir ſeine Zuſtimmung ertheilte, indem er die Freundſchaft und Gunſt ruͤhmt, die ihm der Kaiſer bewieſen; ſ. Dumont. I. c. T. I. P. II. Nr. 337. p. 284 — 285. Pray l. c. p. 93 — 94. 1) Mannert Geſchichte Baierns B. I. S. 350. Pauli Preuf- Staatsgeſch. B. I. S. 501. De Wal J. c. T. III. p. 347 seq. 2) De Wall. c., der ſich über den Zweck dieſes Buͤndniſſes wei⸗ ter auslaͤßt, ſagt unter andern: Charles IV. avoit besoin alliés pour soutenir son Election et pour effectuer le projet qu'il avoit forme d’elever la maison de Luxembourg sur les ruines de celle de Baviere; C est pourquoi il flatta la passion dominante de Casimir, en lui promettant de l’aider à écraser Ordre Teutonique, pour Vengager à donner de Poccupation à Louis de Baviere Margrave de Brandebourg, que quelques Electeurs lui avoient donné pour com- petiteur. 3) Worüber ein Brief des Hochmeiſters an die Königin von Un- gern nähere Ausweiſung giebt.
Scanseite 139 · Druckseite 125
Kriegszug nach Samaiten (1357). 125 die ſein Land ſo oft uͤberfallenden Litthauer um Beiſtand ge⸗ beten, dieſer aber habe ihn nicht nur nicht geleiſtet, ſondern ſogar den raͤuberiſchen Heiden Huͤlfe zugeſandt, um mit deren Unterſtützung neue Eroberungen in des Koͤniges Reich zu ma⸗ chen, er habe außerdem alle öffentlichen Straßen nach Polen geſperrt, dagegen die in das Land der Heiden überall geöffnet; worauf der Papſt dem Hochmeiſter ſchrieb: er koͤnne dieſen Beſchuldigungen zwar ſchwerlich Glauben beimeſſen, weil ihm indeſſen dieſe Nachrichten wiederholt vorgekommen ſeyen, ſo halte er es für Pflicht, den Orden vor ſolchen Verbrechen, wofern ſie wahr ſeyen, ernſtlich zu warnen und aufs dringendſte zu ermahnen, dem Koͤnige in ſeinen Kriegen gegen die Litthauer allen möglichen Beiſtand zu gewähren ). Zwar ſind wir nicht unterrichtet, was Winrich zu ſeiner Rechtfertigung dem Papſte hierauf geantwortet; allein ſchon im naͤchſten Jahre 1357 erbot ſich ihm die erwuͤnſchte Gele⸗ genheit, der unwahren Beſchuldigung zu begegnen und der Ermahnung des Papſtes zu entſprechen, zugleich auch den Wuͤnſchen des Koͤniges von Polen und des Markgrafen von Brandenburg in einigem zu genuͤgen. Es zogen zahlreich aus Deutſchland, Frankreich, England und Schottland 2) Ritter und Edle mit Kriegshaufen herbei, an der Deutſchen Spitze der Burggraf von Nuͤrnberg und an der der Franzoſen ein Graf von Barkuͤn ), alle um im Kampfe mit den Heiden 1) Das Schreiben des Papſtes an den Hochmeiſter, dat.: Avinion. IV Calend. Octobr. an. IV. in Regest. litterar. ex archetyp. Inno- cent. VI. an. IV. epist. 356, im Copiebuche Nr. 407. 2) Die aus Schottland lernen wir aus einem Geleitsbriefe des Königes Eduard III. von England, dat.: a Westm. le XX jour d' Augst bei Rymer Foedera T. III. P. I. p. 128, genauer kennen, wo es heißt: Come Thomas Byset et Wauter Moigne Chivalers, et Norman Lesselin et Wauter son Frere Esquiers d’Escoce soient a venir en notre Roialme d’Angleterre, oue douze Hommes a Chival, Pur passer par ycel, as parties de dela vers Pruse, de notre Con- gie etc. . 9 Wigand. p. 286 führt einen Marchio Nurenbergensis und einen nobilis dominus de Barkun ausdruͤcklich an, denn fo finden wir
Scanseite 140 · Druckseite 126
126 Kriegszug nach Samaiten (1357). Ruhm und Verdienſt zu erwerben. Auf des Meiſters Geheiß brach der Ordensmarſchall Siegfried von Dahenfeld als ober⸗ ſter Fuͤhrer des Heeres, nachdem er die Streitmacht des Lan⸗ des mit der angekommenen Ritterſchaft vereinigt, gegen Sa⸗ maiten hin auf. Bei Ragnit die Memel uͤberſchreitend zog das Heer vor bis an den Fluß Mitwa und verheerte von da aus das ganze Gebiet von Wayken, dann durchſtuͤrmte es mit Feuer und Schwert mehre Tage lang die Lande von Roffien« Subna und Galva ſuͤdwaͤrts hinab bis Biſten!). Vor We⸗ lun ward ein Lager geſchlagen und die reiche Beute hier zu⸗ ſammengehaͤuft, waͤhrend die einzelnen Streithaufen heerend und pluͤndernd ſich hin und her zerſtreuten. Da brach ploͤtz⸗ lich ein feindlicher Heerhaufe in das nur von anderthalbhun⸗ dert Mann bewachte Lager ein, erſchlug die ganze Mannſchaft, bemächtigte ſich der ſaͤmmtlichen Beute und aller Lebensmittel ſammt allen Schlitten, Woithſaͤcken und dem ganzen Heer⸗ geräthe, fo daß ſchon hiedurch das Ordensvolk gezwungen war, wegen Mangel an Lebensunterhalt ohne weiteres zuruͤckzukeh⸗ ren 2). Es war die letzte Kriegsreiſe, welche der Ordensmar⸗ den letztern Namen bei ihm geſchrieben. Der erſtere iſt wahrſcheinlich der Burggraf Friederich von Nürnberg. Schütz p. 74 hat für den letztern einen „Grafen von Burgen“ (oder vielleicht Burgundigen). De Wal T. III. p. 349 ſagt: II y avoit parmi les Frangois un Prince ou Grand- Seigneur, dont le nom n'a pas été conserve, pour avoir ete mal écrit par les anciens, et que Schutz croit, mal-&- propos, un comte de Bourgogne; gewiß richtig! denn den Namen Burgund weiß Wigand. p. 282 recht gut zu ſchreiben und er muß hier offen⸗ bar einen ganz andern edeln Herrn haben bezeichnen wollen. Wir ha⸗ ben den Namen gelaſſen, wie wir ihn gefunden. Kojalowiez p. 322 ſpricht hier von Kriegsvölkern ex Anglia, Gallia, Moravia, Bohe- mia, Franconia, Suevia atque adeo tota Germania. 1) Den Fluß nennt Wigand. Metowe, offenbar die Mitwa, wo⸗ für Schütz Mekawen hat. Die Gebiete von Subna und Galva müf- ſen ſuͤdlich von Roſſiena gelegen haben; vgl. oben B. IV. S. 14 und 97. 2) Wigand. I. c. ſagt: Pagani privaverunt eos cibo, potu et vietualibus, redas fregerunt sive dissecarunt, occidentes ultra 150 viros, manticas et sarcinas cum suppellectili multa deportabant ad
Scanseite 141 · Druckseite 127
Stillſtand des Krieges mit Litthauen (1358—1359). 127 ſchall Siegfried von Dahenfeld ins heidniſche Land unternom⸗ men. Zwar bekleidete er ſein Amt noch einige Jahre; allein es beſchaͤftigten ihn im Verlaufe dieſer Zeit nur innere Lan⸗ desverhaͤltniſſe im Umkreiſe feines. Komthurhauſes Königsberg. Überhaupt waren die beiden naͤchſten Jahre 1358 und 1359 die ruhigſten, die Preuſſen ſeit langen Zeiten geſehen hatte. Die Kriegszuͤge ins heidniſche Land wurden mittler⸗ weile ganz eingeſtellt, da es Winrich vorzog, ſeine ganze Thaͤ⸗ tigkeit nur der Verwaltung und der Wohlfahrt ſeines Landes zu widmen, und man faßte bald ſogar die Hoffnung, die Kriegsreiſen nach Litthauen wuͤrden nie wieder unternommen werden. Die Großfuͤrſten naͤmlich hatten ſeit einer Reihe von Jahren theils im Oſten ihrer Laͤnder mit den Ruſſen aus Er⸗ oberungsluſt!), theils im Weſten und Suͤden mit den Or⸗ densrittern und mit Polen bald aus Raubgier, bald zur Ver⸗ theidigung ihrer Gebiete ſo unablaͤſſig Kriege gefuͤhrt und ihr Volk durch Fehde und Kampf in dem Maaße ermuͤdet und geſchwaͤcht, daß es auf einige Zeit der Ruhe zu beduͤrfen ſchien?). Um es aber gegen die Verheerungszuͤge des Or⸗ dens und gegen die Rache des mit dem Markgrafen von Bran⸗ denburg verbündeten Koͤniges von Polen auf alle Weiſe ſicher zu ſtellen, ſandte im Juli des Jahres 1358 der eine von ih⸗ nen, wahrſcheinlich Olgjerd, nachdem er, wie es ſcheint, den Hochmeiſter von feinem angeblichen Vorhaben unterrichtet), ſeinen Bruder Kynſtutte nach Nuͤrnberg zum Kaiſer Karl, ihm zu melden, ſie ſeyen entſchloſſen, die Taufe zu empfangen und ſich mit dem ganzen Lande der christlichen Kirche anzuſchließen. Der Kaiſer, hocherfreut durch dieſe Botſchaft, ſandte ſofort den ehrwuͤrdigen Erzbiſchof Ernſt von Prag, den Herzog Bolko von Schweidnitz und den Deutſchmeiſter Wolfram von Nel- sua; Schütz führt an, daß fie „die Schlitten mit den Wathſecken“ (d. h. Woithſaͤcken, ſ. meine Geſch. Marienburgs S. 220) und allem gerethe weggenommen. Vgl. Lucas David B. VII. S. 438. 1) Vgl. Karamſin B. IV. S. 238. 249. 2) Kojalowiez p. 323. 3) De Wal T. III. p. 380.
Scanseite 142 · Druckseite 128
128 Stillſtand des Krieges mit Litthauen (1358—1359). lenburg nach Litthauen, um mit dem Großfürſten das Naͤhere zu berathen. Dieſer ließ den Kaiſer durch ſie benachrichtigen: er werde um Weihnachten nach Breslau kommen, um ſich dort taufen zu laſſen und wuͤnſchte den Kaiſer ebenfalls da⸗ ſelbſt zu begrußen. Als die Zeit herannahte, begab ſich Karl mit einem ausgezeichneten Hofſtaate in die genannte Stadt, der feierlichen Taufe des Fuͤrſten dort beizuwohnen. Allein es kam die Antwort von dieſem, er werde die Taufe erſt dann empfangen, wenn ihm die Ordensherren alle mit Zuſtimmung des Kaiſers und feiner Vorfahren geraubten Gebiete zurüͤckge⸗ geben hätten‘). So war es dem Großfuͤrſten gelungen, wie 1) Dieſer Sache gedenkt kein einziger einheimiſcher Chroniſt, eben jo wenig die Polniſchen; ſelbſt Kojalowiez weiß nichts davon. Wir erfahren fie hauptſaͤchlich durch Heinr. Rebdorff Annal. ap. Frreher. p. 450. (Der Chroniſt nennt den Großfürften Rex Liphoniae, ent⸗ weder nur eine verdorbene Schreibart für Läthoviae, oder eine Ver⸗ wechſelung Livlands mit Litthauen.) Hierauf bezieht ſich auch die Nachricht in Jo. Fetodurant Chron. p. 1874, daß der König von Litthauen, um das ihm durch die Ordensritter abgenommene Landge⸗ biet wieder zu erhalten, ihnen feſt verſprochen habe, den chriſtl. Glau⸗ ben anzunehmen; quod dum facere recusarent (fratres), Rex Litao- niae aiebat: in hoc luculenter cumprehendo, quod non meam ſidem, ut simulant, sed pecuniam appetunt, et ideo in paganismo perseve- rabo. Etwas entſtellt lautet der Bericht in Andreae Ratisbon. Chron. ap. Eecard. T. I. p. 2113, wo es beim J. 1357 heißt: Postbaec circa diem Nativitatis Christi tres reges paganorum de Lituonia po- scebant se baptizari ab Imperatore. At ille occurrit illis cum nobi- lissimo comitatu, scilicet Principum, Baronum et militum, inter quos erant duo Duces Bawariae. Videntes autem pagani tantam gloriam Christianorum, mentiti sunt et fugam inierunt. At illi hos insequentes, multos oceiderunt. Ganz außer Zweifel ſetzt die Sache ein Bericht darüber im Fol. E. p. 258 im geh. Arch., wo es heißt: By Algart gecziten des konigs vater von Polen geſchah is, das der egenante Algard und Kynſtod wytowtis vater liſſen yn werbin auch umb eynen frede an keiſer karle, dem got gnade, der leczt ſtarb, das her geböte frede czu halten czwiſchen dem Orden und Iren landen, ſy welden an ſich nemmen dy Touffe, do ſante der egenante herre keiſer ken Littouwen durch Pruͤßen den Erczbiſchof von Prage Arneſtum und den herczog czu der czit von der Swidenicz, dy do czu yn qwomen
Scanseite 143 · Druckseite 129
Innere Landesverhaͤltniſſe (1358 —1359). 129 früher ſchon Kynſtutte gegen den Papſt und den Koͤnig von Polen gethan, den Kaiſer und den Orden zu taͤuſchen, um gegen des letztern Waffen eine Zeitlang Ruhe zu gewinnen 1). Preuſſen aber erntete aus dieſer Friedensruhe die heil⸗ ſamſten Fruͤchte, denn die Gebietiger und Komthure, ermun⸗ tert durch des Meiſters Beiſpiel, wandten nun um ſo eifriger alle Zeit und Sorgfalt auf die innere Pflege und Verwaltung ihrer Bezirke, wovon noch jetzt die redenden Zeugen aus die⸗ ſer Zeit die ungemein reiche Zahl laͤndlicher Verſchreibungen aus allen Theilen des Landes ſind. Da Preuſſen indeß auch jetzt noch bei weitem nicht ſtark genug bevoͤlkert, vielmehr die Menſchenzahl durch die ſchwere Peſtſeuche noch bedeutend ver⸗ ringert war, ſo geſchah es auch jetzt ſehr haͤufig, daß ſehr an⸗ ſehnliche Landſtrecken an einen einzigen Beſitzer ausgethan wur⸗ den, dem es überlaffen blieb, die ihm zuertheilten Güter durch Hinterſaſſen, Kleinbauern und Dienſtleute bebauen zu laſſen oder einzelne Ackertheile gegen gewiſſe Dienſte und Leiſtungen auszugeben. Wie alſo der ſtaͤdtiſche Buͤrgerſtand in Winrichs Zeit durch Handel und Gewerbe im Reichthum und Wohl⸗ ſtande immer mehr emporſtieg und ſeine Bedeutung immer klarer erkannte, ſo nahm in ſolcher Weiſe jetzt auch die Zahl und ſy anredten von der touffe wegen, und des Grijten gelouben, do vorſpotten ſy ſye und belachtin und trebin dorus Ir getuſche. Nach Urkunden finden wir auch wirklich den Kaiſer um Weihnachten 1358 in Breslau. Nach einer Urkunde deſſelben in Jaeger Cod. diplom. an. 1358 befinden ſich in ſeiner Begleitung der Erzbiſchof von Prag, der Meiſter von Deutſchland Wolfram von Nellenburg, die Bifchöfe Theodor und Albert von Minden und Schwerin, der Markgraf Wil⸗ helm von Meißen, Herzog Bolko von Schweidnitz u. m. a., vgl. auch Sommersberg Script. rer. Siles. T. II. p. 292, Ludewig Reliqu. Mscr. T. VI. p. 388. 1) An einen foͤrmlich abgeſchloſſenen Waffenſtillſtand, wie ihn Pauli B. IV. S. 207, Baczko B. II. S. 156, Kotzebue B. II. S. 202 annehmen, iſt wohl ſchwerlich zu denken; die Waffenruhe be⸗ ſtand vielmehr nur darin, daß man gegenfeitig ohne weiteres aufhoͤrte, ſich zu befehden, oder wie Schütz p. 75 es ganz richtig ausdrückt: es * von beiden Theilen Stillſtand gehalten. 9
Scanseite 144 · Druckseite 130
130 Innere Landesverhaͤltniſſe (1359—1360). der großen Gutsherren, der Landesritter und uͤberhaupt der reichbeguͤterten Adelsfamilien in allen Landſchaften bedeutend zu. So hatte Pomeſanien ſchon aus fruͤheren Zeiten her viele ſehr angeſehene Landesritter; im Kulmerland ward ihre Zahl im Laufe der Friedensjahre immer groͤßer; um Oſterode bluͤhte ſchon das nachmals berühmte Haus der Baiſen !) und gab ſchon jetzt manchem Amte wuͤrdige Verwalter. Sie treten freilich in der Geſchichte des Landes jetzt noch nicht beſonders bemerkbar hervor, denn ſie erſcheinen in der Regel nur meiſt als Landrichter und Landſchoͤppen bei den Landgerichten, wo fie bloß über Guͤter⸗Verhaͤltniſſe, Erb- und Vormundſchafts⸗ Angelegenheiten, Guͤtertauſche, Verkäufe und ähnliche Dinge zu richten und zu ſchlichten hatten. Allein eben in dieſen Ver⸗ haͤltniſſen liegt fuͤr viele mit der Keim der Bluͤthe ihres Reich⸗ thums, ihres ſpaͤtern ſo hochſteigenden Anſehens und ihres nachmals ſo bedeutenden Einfluſſes in allen Angelegenheiten ihrer Landſchaften. Manche von dieſen nachmals ſo wichtigen Adelsfamilien und Landesrittern wurden auch dadurch ſchon emporgehoben, daß ſie vom Orden die Schultheißen⸗Amter in den Staͤdten erwarben, dieſe zu ihrer Bereicherung benutz⸗ ten und ſich dann durch ihren Reichthum anſehnliche Landbe⸗ ſitze erkauften. Als z. B. vom Kointhur zu Balga und Vogt von Natangen Henning Schindekopf die durch die Litthauer verwuͤſtete Stadt Raſtenburg wieder neu beſetzt und ihr ein neues Gruͤndungsprivilegium uͤber ihre Rechte und Leiſtungen ausgeſtellt wurde ?), erhielt das eintraͤgliche Schultheißen⸗Amt 1) M. Geſchichte von Marienburg S. 308. 2) Das Original in der Beſtaͤtigung des Hochmeiſters, dat.: Ra⸗ ſtenburg am Tage Johannis mit dem guldenen Munde (23. Mai) 1378 auf dem Rathhauſe zu Raftenburg, in Abſchrift im geh. Arch. Schiebl. XXXIX. Nr. 10. Vgl. Erläut. Preuſſen B. 3. S. 662. Die Urkunde iſt darum auch merkwuͤrdig, weil ſie eben ſo, wie das Privi⸗ legium von Bartenſtein (f oben B. III. S. 443) eine Stelle von den „Preuſſiſchen Koͤnigen“ enthält, indem es heißt: Sunder di pruyſen, di undir den Eöningen und undir den Leenluyten wonhaft ſyn addir andere zeukunftege pruyſen quemen und gebrechin in dem gerichte der
Scanseite 145 · Druckseite 131
Innere Landesverhaͤltniſſe (1359 —1360). 131 Heinrich Padeluch, den wir nachmals als angeſehenen Land⸗ ſchoͤppen des Landgerichtes zu Wormditt und als Landesritter auf dem Gute Elditten zwiſchen Guttſtadt und Liebſtadt ſitzen ſehen !). Der Meiſter ſelbſt benutzte die beiden Friedensjahre, um das Land nach allen Richtungen zu bereiſen und ſo uͤberall feiner Unterthanen Wuͤnſche und Bedürfniſſe näher kennen zu lernen. Einige Zeit hielt er ſich in Pommern auf, um dort das Ordensgebiet durch neue Erwerbungen von den Kloͤſtern Lukna und Biſſow zu erweitern, indem beide dem Orden theils durch Verkauf, theils fuͤr einen jaͤhrlichen Zins anſehnliche Be⸗ ſitzungen uͤberließen?). Damals beſuchte er auch das ſchoͤne, juͤngſt erſt wieder aufgebaute Kloſter Oliva, um ſich die Gna⸗ denſpenden zu erwerben, die vor wenigen Jahren der Biſchof Mathias von Leflau allen denen verheißen, welche in frommer Andacht ſich den dortigen Heiligthuͤmern nahen und ihnen ge⸗ buͤhrende Verehrung erweiſen wuͤrden. Dort ſah der Meiſter auf den Altaͤren der Kloſterkirche Reliquien vom Holze des Kreuzes Chriſti, vom heiligen Grabe, vom Calvarienberge, vom feurigen Buſche Moſis, vom Kleide der Jungfrau Ma⸗ riaͤ, Heiligthuͤmer von fieben Apoſteln, vom heiligen Adalbert und Stanislaus, einen Zahn der Maria Magdalena, nebſt einer großen Zahl von Reliquien vieler andern Heiligen '), vorgenanten ſtat und von dem Schulczen und ſynen Helfern ufgehalden wurden, das ſal der ſchulcze richten als recht iſt. 1) Es kann hier auf die erſte Entwickelung der Verhaͤltniſſe die: fer großen Gutsbeſitzer nur hingewieſen werden und es wird fpäter ſo⸗ wohl von dieſen Landesrittern, als von den Landgerichten noch naͤher die Rede ſeyn. 2) Die vom Kloſter Lukna erworbenen Doͤrfer waren Poluzyno und Brudwino und noch hundert Hufen Landes; Urk. im geh. Arch. Schiebl. 56. Nr. 6. Vom Kloſter Biſſow kaufte der Orden die Dör- fer Poleſcowitz, Seſchino und Vicovo für 600 Mark; Urk. Schiebl. 50. Nr. 49 und 51. Nr. 3. S. Steinbrück Geſchichte der Klöfter in Pommern S. 18 und 101 — 102. 8) Die Urkunde des Biſchofs hierüber, dat. Raczens VII Cal. Aug. a. d. 1355 im geh. Arch. Schiebl. LVI. Rr. 31. Es war offen⸗ 9 *
Scanseite 146 · Druckseite 132
132 Innere Landesverhaͤltniſſe (1359—1360). und Winrich, der in feiner religiöfen Bildung keineswegs uͤber ſeine Zeit hinaus war, ward ſo ergriffen von dem Anſchauen dieſer heiligen Überbleibfel, daß er alsbald den Ordensbruder Lippold von Eglen zum Biſchofe von Paderborn ſandte, um ſich von ihm einige Reliquien des heil. Liborius, des Schutz⸗ patrons der dortigen Kirche, zu erbitten, und der Biſchof ge⸗ waͤhrte ihm dieſen Wunſch, indem er dem Meiſter aus beſon⸗ derer Ruͤckſicht auf des Ordens Verdienſte in ſeinen Kaͤmpfen mit den Unglaͤubigen zwei Stuͤcke von den aͤchten Reliquien des Heiligen uͤberſchickte, mit der Verſicherung, daß wie Gott auf die Fuͤrbitte des heil. Liborius in der Kirche zu Pader⸗ born ſchon unzaͤhlige Wunder habe geſchehen laſſen, dieſe Got⸗ teskraft nun auch dem ganzen Orden den Sieg uͤber die Wi⸗ derſacher des Glaubens verleihen werde !). So durch die Gunſt und Mithuͤlfe eines Heiligen, wie es ihm ſchien, von neuem aufgefordert, beſchloß der Meiſter Winrich von Kniprode den Kampf gegen die Heiden wieder zu beginnen, denn Olgjerd war mit Eroberungsplanen in Ruß⸗ bar darauf abgeſehen, das kaum erſt wieder aufgebaute Kloſter durch zahlreichen Beſuch wieder etwas mehr zu bereichern. Die Reliquien von 21 Heiligen und Maͤrtyrern, außer den oben erwaͤhnten, werden alle namentlich und ſpeciell in der Urkunde aufgeführt. 1) Die Urkunde des Biſchofs und Kapitels von Paderborn an den Hochmeiſter und die Gebietiger gerichtet, dat: Paderborn a. d. 1359 domin. qua cantatur Jubilate im geh. Arch. Man legte einen großen Werth auf die Mittheilung der Reliquie; denn es heißt: Nos matura deliberatione inter nos multipliciter prehabita attendentes, qualiter nos et nostri predecessores multis principibus, archiepiscopis, episcopis et prelatis pro eisdem particulis instantibus denegaverimus et denegave- rint easdem impertiri, veruntamen contemplacione ordinis vestri, quia continue maximis Jaboribus dimicatis cum Sarracenis pro fide christia- na, duas particulas de veris reliquiis b. Liborii confessoris vestro Ordiui per dictum fratrem vestrum destinamus, humiliter supplican- tes et devote, quatenus eum magna reverencia et devocione easdem conservetis, cum deus miraculose virtutes et facultates innumerabi- les precibus et meritis b. Liborii in nostra ecclesia operetur, ut si- militer toto Ordini vestro, ut speramus, victoria contra adversarios fidei catholicorum condonetur.
Scanseite 147 · Druckseite 133
Kriegszug nach Litthauen (1360). 133 land beſchaͤftigt, ſich dort einer Stadt nach der andern bemaͤch⸗ tigend ); der Himmel ſchien uͤberdieß eine neue Verſoͤhnung zu fordern, da mit dem Jahre 1360 wie in den Nachbarlan⸗ den ſo in Preuſſen die Peſt wieder ſo furchtbar wuͤthete, daß in Elbing allein im Laufe dieſes Jahres uͤber dreizehntauſend Menſchen geſtorben ſeyn ſollen?). Es ſtand aber um dieſe Zeit ein Mann dem Amte des Ordensmarſchalls vor, der an kriegeriſchem Muthe, an ritterlicher Tapferkeit und kuͤhner Ent⸗ ſchloſſenheit, wie an kluger Umſicht und onnenheit im Kriegsfelde noch von keinem uͤbertroffen war: — Henning Schindekopf, der bisherige Komthur von Balga und Vogt von Natangen war es, den der Meiſter unlaͤngſt zu dieſer Winde berufen hatte). Da eben zu der Zeit auch neue 1) Karamſin B. IV. S. 249. 2) Lindenblatt Jahrbuͤch. S. 24; vgl. die Beſchreibung bei Diugoss. L. IX. p. 1124. Detmar B. I. S. 281 ſpricht davon im J. 1359. Nach Fant Script. rer. Suec. T. I. p. 29 und 94 herrſchte die Peſt auch in Schweden, dort barnadödh genannt. 3) Schütz p. 75 giebt den Tod Siegfr. von Dahenfeld zu früh an, wenn er ihn am T. Gregorii (12. März) 1359 erfolgen läßt, denn wir haben noch eine Urkunde (im Origin.) von ihm ausgeſtellt am T. Jacobi (25. Juli) 1359, Schiebl. XXXV. Nr. 8. Da Wigand. p- 286 fagt: Post hec frater Siflridus marschalcus, qui in multis oratione promovit, vir multe probitatis et devocionis et sancte vite clausit diem extremum in die S. Gregorii, ohne ein Jahr zu nen⸗ nen und gleich darauf fortfaͤhrt: post hunc ad festem Pasche frater Henningus Schindekop a Magistro eligitur in Marschalcum superio- rem, quem strenue et virtuose vite ab omnibus famabatur et ser- vus esse dei, fo muͤſſen wir entweder dieſe Angabe des Todestages aufgeben, fo daß Siegfried im Herbſt 1359 geſtorben ſeyn Könnte (denn aus dieſer Zeit haben wir keine Urkunden mehr von ihm) oder man muß die erſten Monate des J. 1360 als Siegfrieds Todeszeit an⸗ nehmen. unrichtig iſt es in jedem Falle, wenn man ihn im April 1359 ſterben läßt, da außer der erwähnten Urkunde noch mehre andere v. J. 1359 beweiſen, daß er im Sommer dieſes Jahres noch thätig war. — Hoffmann Günther von Schwarzburg S. 68 erwaͤhnt ei⸗ nes Gozzo genannt Schindekopf und fügt hinzu: der Name Schinde⸗ cop kommt als Familienname in ſpaͤtern Urkunden vor, z. B. in Würdtwein Diplom. Magunt. T. I. p. 267.
Scanseite 148 · Druckseite 134
134 Kriegszug nach Litthauen (1360). Streithaufen aus Deutſchland herbeizogen, an ihrer Spitze der Graf Rudolf von Wertheim und mehre berühmte Ritter ), ſo brach der neue Ordensmarſchall mit dieſer durch die Sei⸗ nen noch verſtaͤrkten Streitſchaar bis gegen Welun vor, traf aber keinen Feind und verheerte bloß das Land. Ihm folgte bald auch der Hochmeiſter ſelbſt mit einer zahlreichen Macht, doch weniger eigentlich zum Kampfe, als um unter dem Schutze ſeiner Waffen 1 zur beſſeren Verſicherung der Landesgraͤnze des Hauſes Ragnit die Burg Neuhaus zu erbauen. Auch der Ordensmarſchall fand es bald fuͤr zweck⸗ maͤßiger, ſeine Kraͤfte auf die Errichtung einer neuen Burg zu verwenden und es erſtand ſo hart am Ufer des Kuriſchen Haffs die Windenburg, ohne Zweifel um die Einfahrt vom Haff in den dort einmuͤndenden Memel⸗Strom ) frei zu halten. Mittlerweile aber ging die Burg Memel durch Unvorſichtig⸗ keit in Flammen auf und der Marſchall mußte ſeine Mann⸗ ſchaft theilen, um zuerſt die Stadt Memel gegen die Heiden zu ſchuͤtzen und dann auch die Burg von neuem wieder auf⸗ zubauen ). Der Meiſter ſtand mit ſeinem Heerhaufen noch an der Memel, als ihm die Nachricht kam: König Kaſimir von Po⸗ len, mit dem die Mißverhaͤltniſſe noch immer nicht ausgegli⸗ chen waren, trete jetzt mit offenen feindlichen Planen gegen den Orden auf, laſſe an der Landesgraͤnze auf des Ordens Gebiet bei Raigrod mit aͤußerſter Eile eine ſtarke Feſte er 1) Den Grafen von Wertheim nennt Wigand. I. c.; es war wahrſcheinlich Rudolf Graf von Wertheim, der ſich nach Jaeger Cod. diplom. a. 1350 als beſonderer Gönner des Ordens zeigt. Ding oss. p. 1125 ſpricht auch vom Markgrafen von Brandenburg, ebenſo Ko- jalowiez p. 323; es iſt indeß klar, daß beide Chroniſten manches aus dem J. 1361 in das vorhergehende gezogen haben. 2) Oder den Theil des Stromes, der jetzt die Ruß heißt. 8) Wigand. I. c. giebt dieſe Nachrichten allein, denn Schütz und Diugoss. find hier ſehr kurz in ihren Berichten. Lucas David B. VII. S. 47 — 49 erzählt hier dem Simon Grun au Tr. XIII. c. 2 ganz unerweisliche Geſchichten nach. Der Zug des Hochmeiſters fiel übrigens zwiſchen Oſtern und Pfingften.
Scanseite 149 · Druckseite 135
Verni chtung der neuen Burg Raigrod (1360). 135 bauen und ſtehe bereits auch in Unterhandlungen mit den Groß⸗ fürften von Litthauen zum offenbaren Verderben des Ordens Sofort entſandte Winrich den Ordensmarſchall mit dem Kom⸗ thur zu Balga Ulrich Fricke, dem zu Brandenburg Kuno von Hattenſtein und dem Vogt von Samland Ruͤdiger von Elner nebſt einer hinlaͤnglichen Kriegsmannſchaft in die Gegend hinab. In der That fanden ſie alles, wie es berichtet war. Der Marſchall verlangte alsbald von den Hauptleuten, unter de⸗ ren Leitung die Burg errichtet ward, daß der Fortbau einge⸗ ſtellt werde, weil er auf des Ordens Gebiet geſchehe. Er er⸗ hielt jedoch die Antwort: man ſey nicht bevollmaͤchtigt, dar⸗ uͤber mit dem Orden zu rechten; der Bau erfolge auf des Koͤniges Befehl und fo muͤſſe er unter allen Umſtaͤnden fort⸗ geſetzt werden. Es kam zu lebhaften Gegenreden. „Unſere Vorfahren, erklaͤrte der Marſchall, haben dieſe Gegend den Haͤnden der Glaubensfeinde entriſſen und mit ihrem Blute er⸗ rungen. — Mag es ſeyn; wir ſind nicht von uns ſelbſt hier; ſondern uns hat der Koͤnig geſandt und thun, was ſeines Be⸗ fehls iſt. — Aber wir beweiſen mit urkundlichen Zeugniſſen, daß es des Ordens Land iſt, auf welchem ihr den Bau er⸗ richtet und koͤnnen es nicht glauben, daß der Koͤnig hier ei⸗ nen Bau befohlen, da wir mit ihm in Frieden leben. — Es kuͤmmert uns nicht, ob es des Koͤniges oder des Ordens Land hier ſey; genug, daß uns der Koͤnig geſandt. Wir wiſſen nichts von euerem Rechte auf dieſe Gebiete. — So hoͤret die Documente Semovits und Boleslavs, der Herzoge von Ma⸗ ſovien, die uͤber die Graͤnzen Maſoviens und Preuſſens aufs klarſte ſprechen. Hier ſehet ihr ſie. — Uns ſteht hierauf keine Antwort zu, weil unſer Hauptmann nicht zur Stelle iſt und unſer Amt nur dahin geht, auf das arbeitende Volk zu ach⸗ ten. Verlangt ihr Antwort, ſo erwartet ſie vom Hauptmanne zu Wisna, zu dem wir ſenden wollen. — Wozu das Zoͤgern weiter? Wir fordern von euch, laſſet gutwillig auf der Stelle den Bau und ziehet friedſam und ſicher von dannen. Wiſſet, daß wir keineswegs gekommen ſind als euere Feinde, euch zu belaͤſtigen, wohl aber um den Bau zu brechen und zu ver⸗
Scanseite 150 · Druckseite 136
136 Vernichtung der neuen Burg Raigrod (1360). nichten; und wollte uns ſolches jemand wehren, ſo ſind wir Runs Vertheidigung ſchuldig. Wiſſet auch, daß wir dieſe un⸗ ſere Waffen nicht um eurentwillen, ſondern wider unſere Tod⸗ feinde, die Litthauer, fuͤhren, denn es iſt uns wohl geſagt, daß ſolche hier bei euch ſeyen; geſtehet, ob dieß alſo iſt! — Wir koͤnnen nur ſagen, was wir wiſſen. Es ſind keine Lit⸗ thauer hier geweſen, ſondern nur Patirke nebſt ſeinem Sohne. — Nicht auch Kynſtutte, wie uns euere Leute ſagten? — Von dieſem wiſſen wir nicht. — So ſey es in Gottes Na⸗ men, ſprach der Marſchall, eilet zu den Eueren an den Ort des Baues zuruͤck; berathet euch kurz und bringet ſchleunigſt Antwort, denn wir werden euch auf dem Fuße folgen.“ — Somit brach die Unterhandlung ab und die Hauptleute begaben ſich zu den Ihrigen zurüd. Der Ordensmarſchall aber ruͤckte ſogleich mit ſeinem Kriegsvolke in die Gegend hin, wo man den Bau begonnen. Man fand die Polen ſchon entflohen; die Burg ward ohne weiteres in Brand geſteckt und bis auf den Grund vernichtet. Dann zog der Marſchall wie⸗ der heim. Wir ſind nicht unterrichtet, wie der Koͤnig dieſes Verfahren aufgenommen und ob das Ereigniß noch fernere Folgen gehabt!). Aber was bezweckte man mit dem Bau dieſer Burg auf anerkanntem Ordensgebiete? Was hatte der 1) unter den Chroniſten ſpricht Wigand. I. c. ganz allein von dieſer Sache; aber er ſagt auch bloß: Interim notificatur Magistro, quomodo rex Cracoviensis in potenti mann et hostili edificaret ca- strum Raigart ad terram suam et litteris mandavit magister Mar- schalco, quomodo rex dictus in perniciem ordinis dietum castrum edificaret. Verum marschalcus statim cum commendatore de Balga et de Brandenburg et advocato de Sambia et aliis bellicosis con- vertit se contra Polonos, propellens eos hostiliter et edificium fun- ditus evertit et igne consumpsit. Mehr würden wir über dieſes Er⸗ eigniß nicht wiſſen, kaͤme uns nicht eine Urkunde im geh. Arch. Schiebl. 74. Nr. 6 zu Huͤlfe, die uns näheren Aufſchluß giebt. Es iſt ein an Ort und Stelle — in quodam pineto distante tribus milia- ribus a loco Rogard, wo die Verhandlung vorfiel — aufgenommenes Notariatsinſtrument, welches die ganze Verhandlung von Wort zu Wort enthält. Zu bedauern iſt, daß wir nur noch einen Theil dieſer Urkunde benutzen konnen, weil der Moder den Anfang derſelben faft
Scanseite 151 · Druckseite 137
Vernichtung der neuen Burg Raigrod (1360). 137 Fuͤrſt Patirke und vielleicht auch Kynſtutte bei dieſem Bau gewollt und wozu ihr heimliches Zuſammenſeyn in einer Ge⸗ gend, wo, wie bekannt, ſchon fruͤher die Herzoge Maſoviens den nach Preuſſen einſtuͤrmenden Litthauiſchen Raubhorden ſichere Schlupfwinkel offen gehalten hatten? Hatte auch dieſe Burg einen ſolchen Zweck und war darum Kaſimir ſo ſchnell mit ſeinen Feinden, den Litthauern, verſoͤhnt, um durch ſie den Orden in deſſen eigenen Landen zu beſchaͤftigen? — Wie dem auch ſeyn mag; der Koͤnig wurde offenbar in ſeinem, vielleicht nur wenigen bekannten Plane zu zeitig uͤberraſcht; er hatte offenbar fuͤr den Orden verderbliche Abſichten, die er waͤhrend des Meiſters und der Gebietiger Abweſenheit im Lande mit Beihuͤlfe der Litthauer hatte erreichen wollen, und wie es ſcheint, war es Schaam uͤber ſeine Verbindung mit den Glau⸗ bensfeinden und uͤber die ſchnelle Entdeckung ſeiner Schlingen, die ihn von weiteren feindlichen Schritten zuruͤckhielt. Der Hochmeiſter hatte jedoch durch dieſe Ereigniſſe in des Koͤniges Seele einen klaren Blick gethan, der zur Vorſicht warnte. Deshalb erhielt der Komthur von Balga alsbald den Befehl, in jenen Gegenden zum Schutze des Ordensgebietes noch zwe neue Burgen zu erbauen, welche Grebin und Rungenbruſt ge⸗ nannt, noch in dieſem Jahre vollendet wurden ). ganz vernichtet hat. Außer dem oben mitgetheilten Inhalte erfahren wir, daß auch die beiden Pfleger von Johannisburg und Egersberg (jetzt Eckertsberg) bei der Verhandlung zugegen waren. Unter den Zeugen ſind genannt Albert von Clingenberg aus Coſtnitz, Winrich von Viſchenich und ulrich von Rundorf aus Koͤln, Georg von Wal⸗ deck und Otto von Bentznau aus Freiſingen, Walther von Pfhine und Eberhard von Stoͤpfeln aus der Didcefe von Coſtnitz, die alſo damals dem Orden zu Huͤlfe gezogen waren. Außer der ſpeciellen Verhand⸗ lung des Ordensmarſchalls enthält die Urkunde auch noch ein Trans⸗ ſumt der zwiſchen dem Orden und den Herzögen Semovit und Boles⸗ lav zu Brathean im J. 1343 abgeſchloſſenen Graͤnzvertraͤge. Da die⸗ ſes Transſumt auf Befehl des Ordenstreßlers Sweder von Pelland in Marienburg am 25. Juni 1360 verfertigt wurde, fo fällt der Zug des Marſchalls nach Raigrod ungefähr in den Anfang des Juli. 1) Die Lage dieſer Burgen bleibt ungewiß; ſelbſt für den Namen Rungenbruſt, wie ihn Wigand. hat, mögen wir nicht bürgen. «
Scanseite 152 · Druckseite 138
138 Beguͤnſtigungen des Ordens (1360). So ſehr indeß den Meiſter dieſe unfriedſame und unred⸗ liche Geſinnung des nachbarlichen Koͤniges kuͤmmerte, ſo er⸗ heiternd begegneten ihm von andern Seiten wiederum die Be⸗ weiſe von Gunſt und hoher Zuneigung, die man anderwaͤrts gegen ihn und ſeinen Orden hegte. Es war noch im Som⸗ mer dieſes Jahres, als ein Sendbote aus England ins Or⸗ denshaus Marienburg kam, den Hochmeiſter mit einem freund⸗ lichen Erbieten des Koͤniges Eduard des Dritten zu begruͤßen. Winrich hatte nämlich dieſem vorlängft gemeldet: ein alter Koͤ⸗ nig von England ), der ſich dem Orden immer ſehr geneigt und freigebig bewieſen, habe aus beſonderer Gunſt dem Or⸗ denshauſe zu Coblenz jedes Jahr zum Oſterfeſte ein Gnaden⸗ geſchenk von achtzig Goldnobeln zugeſandt, und ſo lange die⸗ ſer Koͤnig gelebt, haͤtten die Bruͤder zu Coblenz jegliches Jahr ſich dieſer Spende erfreut. Seit er aber (Eduard) auf Eng⸗ lands Thron gekommen, ſey ſchon dreimal dieſe Gabe nicht erfolgt, woran wohl Unkunde dieſer Sache Schuld ſeyn moͤge, weshalb er den Koͤnig bitte, dem Komthur jenes Ordenshau⸗ ſes die jährliche Gnadenſpende forthin zu entrichten ?). Des Koͤniges Botſchafter brachte die Antwort: „Unſer Vorfahr Kö: nig Heinrichs) hatte im neunzehnten Jahre feiner Herrſchaft zum Heil und Troſt ſeiner, wie ſeiner Vorfahren und Nach⸗ kommen Seelen gelobt, dem Meiſter und den Bruͤdern des Deutſchen Hospitals zu Jeruſalem zu ewigen Tagen alljähr: lich auf das Oſterfeſt durch eine fromme Gabe von vierzig Mark ſeine Gunſt zu bezeugen. Zwar iſt die Sitte von jenem unſern Vorfahr aus ſonderlicher Urſache nachmals wieder ab⸗ gethan; da aber Eduard unſer Vorfahr dieſelbige „Verleh⸗ 1) In Winrichs Brief wird dieſer ehemalige König von England Gothard genannt und in Beziehung auf den König als westre sere- nitatis avus“ bezeichnet. 2) Dieſer Brief des Meifters an den Koͤnig von England (deffen Name nicht genannt iſt) ſteht im Formularbuche p. 73, ohne Angabe des Datums. Daß er aus dieſer Zeit iſt, zeigt das Nachfolgende. 8) Ohne Zweifel König Heinrich III.; es wuͤrde ſomit der Anfang dieſes Oſtergeſchenkes an den Orden in das J. 1235 fallen.
Scanseite 153 · Druckseite 139
Begünfligungen bes Ordens (1360). 139 nung“ gleichfalls beftätigt und dem Meiſter und Orden des Hospitals mit Urkunden und Briefen fuͤr ſich und ſeine Erben von neuem zugeſagt hat, wie wir des kundig geworden, ſo wollen auch wir aus dankbarlicher Andacht und geneigtem Wil⸗ len, die wir tragen zu der heiligen gebenedeieten Jungfrau Maria, zur Ehre des gedachten Hospitals und wegen der guͤtlichen Beweiſungen und Wohlthaten, welche die Meiſter und Bruͤder den Unſern oft und gutwillig, wie wir erfahren, erzeigt haben, dieſelbe „Verlehnung“ hiemit beſtaͤtigen und alſo forthin den Meiſter und die Bruder alljaͤhrlich auf das Oſterfeſt mit vierzig Mark erfreuen, bis wir ihnen den Werth von vierzig Mark an Renten auf einem geiſtlichen Lehen an einer bequemen Statt beweiſen werden 1). Nicht minder erfreute den Meiſter ein neuer Beweis der Geneigtheit des Kaiſers, indem dieſer dankbar fuͤr die redlichen Dienſte, welche der Orden ihm bei ſeiner Romfahrt und dem Reiche zu andern Zeiten fo vielfach geleiftet, und in Ruͤckſicht auf den beſtaͤndigen Kampf mit den Litthauern zur Foͤrderung dieſes ihres Krieges mit den Glaubensfeinden alle Ordenshaͤu⸗ ſer von allen Dienſten, Steuern und Beden ſowohl fuͤr ihn, wie für das Reich und alle Fuͤrſten, Grafen und Herren von nun an völlig frei ſprach ?). Unter den übrigen Deutſchen 1) Eine Abſchrift dieſes Briefes, dat.: Apud Westmonster primo die Junü Anno Regni nostri Anglie trecesimo tercio, Regni vero nostri Francie vicesimo ſteht in Hanſeat. Receſſen Nr. II. p. 68 (im geh. Arch.). Es heißt darin unter andern: Nos ob affectionem gra- tam quam ad gloriosam virginem Mariam, in cuius honore dietum hospitale, ut ſertur, fundatur, optinemus ac bouitatem et recrea- cionem, quas prefati Magister et fratres nostratibus per dictum hospitale transcuntibus sepius gratanter et benivole plene concepi- mus, ostenderunt concessiones predictas acceptantes, volumus et concedinus pro nobis et heredibus nostris eta. Eine ſehr alte Abs ſchrift deſſelben Briefes, ins Deutſche überfegt und mit dem naͤmlichen Datum im geh. Arch. Schiebl. 83. Nr. 1. Eduard nennt darin Hein⸗ rich III. „unſe oeweraynhe“ (unſern Urahn) und erwähnt, daß er dieſe Begnadigung des Ordens gefunden habe „in den Rotulen unſſ Aynh⸗ herren Cancellarien“ 2) Urkunde des Kaiſers, dat.: Norinberg a. d. 1360 ipso die b.
Scanseite 154 · Druckseite 140
140 Beguͤnſtigungen des Ordens (1360). Fuͤrſten war es vorzuͤglich Markgraf Ludwig von Brandenburg, Herzog von Baiern, der dem Orden bei jeglicher Gelegenheit bald durch neue Verleihungen, bald durch Freiheiten, bald durch Vertheidigung der Rechte der Ordenshaͤuſer ſeine hohe Gunſt bewährte 1). Endlich erfolgte in dieſem Jahre auch der entſcheidende Richterſpruch im Streite des Ordens mit dem Erzbiſchofe von Riga. Er fiel dahin aus: die Stadt Riga bleibe hinfort in weltlichen wie in geiſtlichen Dingen dem Erzbiſchofe und der Kirche unterworfen; der Orden räume dieſen erzbifchöflichen Hauptſitz und verzichte auf alle Forderungen wie an das Erz⸗ biſthum ſo an das Domſtift. Die Burg, welche die Ordens⸗ ritter zur Zeit beſitzen, ſollen fie niederbrechen und gegen eine andere vertauſchen, die der alten Burg vollig ähnlich ihnen der Erzbiſchof binnen vier Jahren auf ſeine Koſten auf dem S. Georgsplatze erbauen ſoll. Steht aber in dieſer Zeit die neue Burg nicht voͤllig vollendet da, ſo ſoll ihnen die jetzige Burg als Wohnſitz und Eigenthum verbleiben. Alle Bann⸗ ſprüche und Interdicte, die wider den Orden und deſſen Lande und Kirchen ergangen, ſollen gelöft und kraftlos feyn. — Al lein auch dieſer Richterſpruch ſetzte dem Streite noch keines⸗ wegs ein Ende, denn der Erzbiſchof, dem er in keiner Weiſe genügte, verfehlte zwar nicht, mit allem Nachdrucke die Raͤu⸗ mung Rigas zu verlangen, that dabei aber keinen Schritt zur Erfüllung der ihm geſtellten Verpflichtungen; alſo blieb vorerſt die Lage der Dinge faſt ganz ſo, wie ſie bisher geweſen und der alte Streit zog ſich auch in die folgenden Jahre hinein ). Lucie virg. Regnor. nost. quinto decimo, Imperii vero sexto im kleinen paͤpſtl. Privilegienb. p. 19. Es heißt: Die Begnadigung ge: ſchehe auch in Betracht „der offenbarin Angeſt und Not, die ſie mit den Littawen und andern ungelöbigen luͤten unſer frawen ze Dinſte und der Criſtenheit zu Troſte lange zit geliden habin und ouch tegeli⸗ chin liden.“ 1) Die urkunden hieruͤber in Jaeger Cod. diplom. T. II. 2) Wir haben dieſes Streites hier nur im Allgemeinen erwähnt und werden dieß auch in der Folge thun, inſofern er nicht mehr be⸗
Scanseite 155 · Druckseite 141
Kriegszuͤge nach Litthauen (1360). 141 So ſehr indeſſen der Orden im Laufe dieſes Jahres durch manches Gluͤck erfreut worden, ſo ſchmerzlich ward dieſe Freude auch durch manche traurige Ereigniſſe geſtoͤrt und das Land hatte manche ſchwere Tage, die ſeinem Wohlſtande ſtarke Wunden ſchlugen. Außer der furchtbaren Peſtſeuche, die be⸗ ſonders im Nachſommer dieſes Jahres uͤberall am ſchrecklich⸗ ſten wuͤthete und wie in Elbing, ſo in den meiſten andern großen Städten tauſende von Menſchen hinraffte, ſtuͤrzte ein gewaltiger Orkan, der in der Mitte des Auguſts uͤber das ganze Land erging, ſelbſt die ſtaͤrkſten Baͤume in den Wäldern nieder, richtete in den Haͤfen an den Schiffen unermeßlichen Schaden an und brachte auch in den Getreidefeldern viel Ver⸗ derben !). Auch das Kriegsgluͤck war den Ordenswaffen nicht mehr hold, denn da im Herbſt eine neue Ritterſchaar in Preuſ⸗ ſen ankam, an ihrer Spitze der tapfere Landgraf von Heſſen Otto der Schuͤtze, Heinrichs des Eiſernen Sohn, um nach ſeiner ruhmvollen Fehde mit dem Abte von Fulda ſein Schwert gegen die Litthauer zu richten, gerade in einer Zeit, als Kai⸗ fer Karl in feinem Heere Litthauiſche Huͤlfsvoͤlker gegen die Grafen von Wirtemberg fuͤhrte ), fo erließ der Ordensmar⸗ ſchall ein Kriegsgebot durchs ganze Land und zog dann gegen Welun hin. Es kam dort auch zum Kampfe, aber ohne be⸗ fondere Beziehung auf Preuſſen hat. Das Buch: Rigiſche Handlung p. 9 und 72 — 78, Hennigs Copiebuch B. II. S. 283 und B. V. S. 20 und 247 vgl. mit Dogiel T. V. Nr. 47, Theod. de Niem Chron. ap. Eecard. T. I. p. 1510, Gade buſch Livl. Jahrb. B. I. S. 457, Bergmann Magazin H. 2. S. 16 — 17 geben nähere Nach⸗ richten. 1) Lindenblatt S. 24 erzaͤhlt, der Sturmwind habe ein Glok⸗ kenhaus zu Mispilswalde mit den Glocken, deren Simon Grunau Tr. XIII. c. 2. $. 4. drei, die größte von 304 Centner ſeyn läßt, über 40 Fuß weit fortgetragen. Detmar B. I. S. 281. über die große Sterblichkeit im Lande fuͤhrt Simon Grunau wieder beſtimmte Zah⸗ len an; Lucas David B. VII. S. 46, wo unrichtig das J. 1359 ſteht. Detmar a. a. ©. ſtimmt mit Lindenblatt überein. 2) Anonym. Chron. Wirtemberg. ap. Schannat Vindeu. litter. Coll. II. p. 27. Pfifter Geſch. v. Schwaben B. II. Abth. II. S. 52.
Scanseite 156 · Druckseite 142
142 Kriegszuͤge nach Litthauen (1361). ſondere Erfolge; dem Marſchall wurde ſein Kompan, ein jun⸗ ger Ritter Werner von Grunenberg an feiner Seite von einem Pfeile getöbtet '). Auch im naͤchſten Jahre 1361 hatte der Marſchall wenig Gluͤck auf ſeinen Kriegsreiſen ins feindliche Land; denn ob⸗ gleich die Ankunft des Markgrafen von Brandenburg und der Grafen von Katzenellenbogen und Heinrichs von Veldenz?) mit einer großen Schaar von Rittern und andern Kriegsgaͤ⸗ ſten ſeine Kriegsmacht ſehr verſtaͤrkte, ſo war ſein Kriegszug ſchon darum ziemlich erfolglos, weil die Heiden, von feiner Ankunft zuvor benachrichtigt, in die Waͤlder entflohen waren. Eben ſo wenig beguͤnſtigte ihn das Gluͤck auf zwei andern Zuͤgen zuerſt gegen Garthen oder Grodno hin, wo ihm die Feinde den Übergang uͤber die Memel unmoͤglich machten, und dann auf einem andern uͤber Inſterburg nach Kauen, da es ihm auch hier nicht gluͤckte, den Memel⸗ Strom zu uͤberſchrei⸗ ten und die Verheerung einiger Gebiete genuͤgen mußte, die vor allen der kuͤhne Ritter Thomas Sprentzer unternahm, der dort faſt das ganze Jahr mit einem Heerhaufen umherſtreifte ). Groͤßeren Lohn brachten dagegen die Kriegsreiſen des Ordens⸗ ritters Heinrich von Scheningen, der zweimal von Ragnit aus in Samaiten einfallend jeder Zeit mit Schaaren von Gefan⸗ genen und reicher Beute nach ſchwerer Verwuͤſtung des feind⸗ lichen Landes heimkehrte *). 1) Wigand. p. 286. Rommel Geſch. von Heſſen B. II. S. 152 weiß nichts von Otto des Schuͤtzen Zug nach Preuſſen. Der Ordens⸗ chroniſt erzählt, daß „Heſſenland!“ das Kriegsgeſchrei im Kampfe mit den Heiden geweſen ſey. 2) Tritliem. Chron. Hirsaug. p. 246. Der von Katzenellenbogen iſt wahrſcheinlich Graf Johann, der als Zeuge in einer Ordensurkunde vorkommt; Jaeger 1. c. an. 1352. 8) Wig gand. I. c. beſchreibt dieſe Züge noch genauer; allein fie er- wecken kein beſonderes Intereſſe. 4) Wigand. I. c. nennt den Ritter Hinricus de Schinigen; ohne Zweifel aus der Familie Schening, Schyningen, Schenighe oder Schö⸗ ning, urſprünglich aus Niederſachſen und dann in ne und Pommern verbreitet. Konrad von Scheningen war im J. 1334 Vogt
Scanseite 157 · Druckseite 143
Kynſtutte's Gefangennehmung (1361). 143 Den gluͤcklichſten Siegespreis aber gewann in dieſem Jahre der tapfere Pfleger von Raſtenburg Heinrich von Kranichfeld, der feiner Gefangenſchaft wieder entkommen war. Es war kurz vor dem Oſterfeſte, als er mit den Ordensrittern Hein⸗ rich Beler und Albrecht Herzog von Sachſen ) an der Spitze eines Streithaufens von dritthalbhundert Reiſigen oſtwaͤrts an der Galindiſchen Wildniß hinzog, um von dort, weil die naͤ⸗ heren Litthauiſchen Graͤnzlande, ſchon ſo oft durchpluͤndert, dem Krieger wenig Lohn mehr boten, in das entferntere Lit⸗ thauiſche Gebiet von Delitz in Podlachien zu reicherer Beute einzubrechen. Der Narew aber, durch Fruͤhlingsgewaͤſſer und Regenguͤſſe ſtark angeſchwollen, hemmte den Plan, alſo daß der Ritterhaufe ſich gegen die Burg Eckersberg am Spirding⸗ See zuruͤckwandte, wo der Pfleger mit einer geringen Reiter⸗ ſchaar einige Tage verweilte, waͤhrend Heinrich Beler mit ei⸗ ner Anzahl Reiſigen gegen die Loͤtzenburg zog, um von dort an die Graͤnze Litthauens vorzudringen ?). Da traf er uner⸗ wartet auf die Spuren feindlicher Reiterei; er forſchte aus, daß der Feinde in der Nähe fuͤnfhundert ſeyen, geführt von Olgjerd, Kynſtutte und Patirke, die ſich eben in der Wildniß mit der Jagd beluſtigten. Ein Eilbote brachte ſchnell die Nach⸗ richt nach Eckersberg, daß ein ſtarkes feindliches Heer am Wobel⸗See gelagert ſey, denn jene Schaar ſchien nur ein Theil einer weit bedeutenderen Macht. Waͤhrend eiligſt die rit⸗ terliche Mannſchaft aus der Umgegend ſich ſammelte und Heinrich von Kranichfeld mit Herzog Albrecht herbeizog, hielt Heinrich Beler mit den Seinen fleißig Wache auf den Feind, bis ſich die Or⸗ zu Dirſchau. Komthur zu Ragnit war im J. 1360 Gebhard von Aimplene. 1) Wigand. I. c. nennt ihn ſchlechthin Albertus Hertzog; es war Herzog Albrecht von Sachſen, der nachmals (1374) Pfleger von Raſtenburg war. 2) Nach Wigand. I. c. In einigem ſtimmt auch Kojalowiez P. 324 überein; aber wer wurde in ſeinem Henricus Crumfelt Magnus ordinis praeſectus den Pfleger von Raſtenburg Heinrich von Kranich⸗ feld ſuchen?
Scanseite 158 · Druckseite 144
144 Kynſtutte's Gefangennehmung (1361). densritter von allen Seiten vereinigt und zum Kampfe geruͤ⸗ ſtet. Es war ein gewagtes Unternehmen, da man des Fein⸗ des Staͤrke nicht kannte; aber Muth und Vertrauen verſpra⸗ chen den Sieg. Der Feind wird plotzlich überfallen‘); es beginnt, ſo gering die Schaar der Ordensritter, ein uͤberaus hitziger Kampf und je laͤnger man kaͤmpft, um ſo bedeutender wird der Verluſt der Großfuͤrſten. Ihre Kriegsleute, bald muthlos, ergreifen endlich die Flucht. Keinem hatte die Angſt ſo alle Beſinnung benommen, als dem Fuüͤrſten Patirke, der verfolgt vom Ritter Konrad von Hochberg durch einen Lanzenwurf vom Roſſe geſtuͤrzt ward, ſo daß ihn kaum die Seinigen auf einem andern Roſſe noch retten konnten. Das unglüdlichfte Loos fiel dem Großfuͤrſten Kynſtutte, der vom Ritter Hanke aus Eckersberg?) vom Pferde geworfen und gefangen dem Pfleger Heinrich von Kranichfeld uͤberliefert ward. Mit die⸗ ſem koſtbaren Preiſe des Tages trat man alsbald die Rück⸗ kehr an). Der Pfleger führte ſofort den Fuͤrſten gefeffelt und ſtreng bewacht nach dem Ordenshaupthauſe Marienburg, dem Hochmeiſter wie allen Gebietigern zu allgemeiner Freude, denn man ſah dies gluͤckliche Ereigniß wie eine befondere Gnade des Himmels an *). 1) Nach Kojalowiez p. 325 uͤberfielen die Litthauer unter den er⸗ wähnten drei Fuͤrſten die Schaar der Ordensritter insperato impetu. 2) Wahrſcheinlich der naͤmliche, der im J. 1354 Kaͤmmerer zu Liebſtadt war. 3) Kajalowicæ p. 324 ſtellt die Gefangennehmung Kynſtutte's wohl etwas anders, aber keineswegs glaubhafter dar; er laͤßt ihn zu⸗ erſt im J. 1360 zum Gefangenen werden, bald jedoch wieder frei gege⸗ ben, dann aber im J. 1361 vom Ritter Heinrich Heckerberg abermals gefangen werden. 4) Die Sache erſcheint hier in einem ganz andern Lichte, als fie in meiner Geſchichte Marienburgs S. 153 — 154 dargeſtellt iſt. Dieſe Darſtellung beruhte großen Theils auf der von mir jetzt als truͤgeri⸗ ſches Machwerk angeſehenen Geſchichte Winrichs von Kniprode von Becker S. 29. Der obigen Schilderung liegen die bewährteften Quellen, Wigand. p. 286 — 287, Schütz p. 75, Dlugoss. L. IX. p. 1180 (welche beide hier ſichtbar aus erſterem ſchoͤpften), Lin den⸗ blatt S. 25, Ordens⸗Chron. S. 70 u. a. zum Grunde. Von ei⸗
Scanseite 159 · Druckseite 145
Kynſtutte's Gefangenſchaft und Befreiung (1361). 145 Der Meiſter Winrich behandelte den Fuͤrſten mit vieler Schonung, ließ ihn aber doch zur Sicherheit in ein feſtes Ge⸗ mach bringen und des Tags von zwei Ordensrittern bewachen; des Nachts goͤnnte man ihm die Ruhe allein in ſeinem ver⸗ ſchloſſenen Gemache. Hier ſaß der Fürſt viele Wochen lang einſam und verlaſſen. Zweimal kamen Sendboten aus fit: thauen, die vergebens um ſeine Befreiung baten. Endlich ge⸗ lang es ihm dennoch, aus ſeinem Verwahrſam zu entfliehen. Der Hochmeiſter hatte ihm, da er der Deutſchen Sprache nicht kundig war, feinen Kammerdiener Alff 1), einen getauf⸗ ten jungen Litthauer, auf den Winrich großes Vertrauen ſetzte, zur täglichen Bedienung uͤberwieſen. Das tägliche Geſpraͤch aber in der geliebten Landesſprache, die neuerweckte Erinne⸗ rung an die Heimat und der taͤglich wiederholte Wunſch des Gefangenen nach Befreiung ließen den Diener nur zu bald in dem Fuͤrſten ſeine Pflicht vergeſſen, zumal da gewiß Verlockun⸗ gen und Verſprechungen nicht fehlten, wenn die Befreiung durch ſeine Huͤlfe gelinge. So kam es zum gegenſeitigen Ein⸗ verſtaͤndniſſe und das Mittel zur Flucht war bald gefunden. Der Fürft hatte in feinem Gemache nach der Seite des Burg⸗ nem ſo ſtarken Heere und einer ſo gewaltig blutigen Schlacht, wie ſie Becker a. a. O. fingirt, weiß keine dieſer Quellen etwas, denn Wi- gund. giebt ausdruͤcklich an: in tali conflictu multi pagani cecide- runt in mortem in numero 130, de christianis XIIII interempti sunt. Schütz 1. d. ſagt: Bald erhub ſich von beydderſeits ein harter und großer Streit und gar feindliches ſchlagen, einen ganzen Tag lang, darinne der Unglaubigen ein guter Theil auff der Wahlſtat blieben. — Die Gefangennehmung Kynſtutte's geſchah nach Wigand. in dominica Palmarum, womit L indenblatt, Detmar B. I. S. 283, der den Palmabend angiebt, und Corner. Chron. p. 1102 übereinftimmen. Dieß iſt der 21. Maͤrz. Schütz läßt fie am Sonntag Judica, d. i. den 14. März geſchehen. Daß der Hochmeiſter nicht mit im Kriege: felde war, obgleich Schütz dieſes anführt, leuchtet aus Wigand. und Lindenblatt ganz klar ein und wird auch dadurch beftätigt, daß wir aus dieſer Zeit Verſchreibungen haben, nach welchen ſich der Hoch⸗ meiſter damals im weſtlichen Preuſſen befand. 1) Eine öfter vorkommende Verſtuͤmmelung des Namens Adolf, 8 10
Scanseite 160 · Druckseite 146
146 Kynſtutte's Befrelung (1361). grabens hinter den Tapeten, womit die Wand behaͤngt war, eine tiefe Mauerblende bemerkt, die ſonſt zu einem Wand⸗ ſchranke gedient. Alff brachte ihm heimlich eiſerne Werkzeuge zu und es koſtete wenig Muͤhe, hier die ſchwache Mauer zu durchbrechen, denn die ausgebrochenen Mauerſteine wußte der Diener zur Zeit, wenn ſich die wachenden Ritter zum Got⸗ tesdienſte entfernt hatten, eiligſt auf die Seite zu bringen. Bald war alles zur Flucht vorbereitet und Zeit und Stunde verabredet. Gegen Mitternacht laͤßt ſich der Fuͤrſt an dem ihm zugebrachten Seile an der Mauer herab. Alff, im Burggra⸗ ben ſeiner harrend, hilft ihm uͤber die Grabenmauer und bringt ihm einen weißen Ordensmantel mit ſchwarzem Kreuze. Schnell wirft ſich jetzt der verkappte Fuͤrſt mit dem Diener auf zwei Roſſe, die dieſer dem Großkomthur entwendet hatte. Der Thorwaͤchter oͤffnet dem vermeinten Ordensritter das Thor und nun eilt Kynſtutte Tag und Nacht gegen Maſovien zu, auf dem Wege einem Ordensbruder begegnend, den er freundlich begrüßt. Von Liebſtadt aus ſandte er dem Großkomthur die entwendeten Roſſe zuruͤck, kam gluͤcklich in Maſovien beim Herzoge feinem Schwager!) an und begab ſich dann nach Litthauen zuruͤck, von den Seinen mit groͤßter Freude empfan⸗ gen ). Vergebens hatte der Meiſter ſogleich nach entdeckter 1) Kajalowics p. 527 nennt ihn feinen Schwiegerſohn; Wigand. dagegen ſagt: venit in Masoviam ad germanam suam. 2) Wigand 1. c. Dusburg. Supplem. c. 28, Schütz p. 75, Diugoss. l. o. Wenn Kynſtutte nach Wigand. und Lindenblatt am Palmſonntage gefangen wurde und nach dem letztern Ehroniften am S. Eliſabeth⸗Abend (18. Nov.) ſich wieder befreite, ſo wuͤrde er uͤber 32 Wochen gefangen geſeſſen haben, womit auch Dusb. Supplem. I. c. übereinflimmt. Lucas David B. VII. S. 53 giebt ebenfalls Mar⸗ tini als die Zeit der Befreiung an. Simon Grunau Tr. XIII. c. 3. 8. 1. beſchraͤnkt die Gefangenſchaft nur auf ſechs Wochen, eben⸗ fo Becker a. a. O. Kojalowiez p. 326 laͤßt den Fuͤrſten ſogar nur zwei Tage gefangen ſeyn und ſagt dabei noch: clarissimo die e car- cere et arce profugit. Detmar a. a. O. läßt die Flucht zwei Tage vor S. Lucas, d. i. den 16. Octob. geſchehen und die alte Preuff. Thron. p. 37 ſagt: Um Sente Michaelis tag brach her heymlich dy
Scanseite 161 · Druckseite 147
Einfall der Litthauer (1361). 147 Flucht den Fürſten verfolgen laſſen. Aus Litthauen ſoll er bald nachher von ihm einen ſpoͤttiſchen Brief erhalten haben, worin Kynſtutte dem Hochmeiſter und Convente zu Marienburg fuͤr die gute Herberge dankte, dem erſtern aber die Verſicherung gab, daß er, ſollten die Goͤtter einſt vielleicht den Meiſter oder ei⸗ nen Ordensritter in ſeine Gewalt bringen, ſie beſſer zu halten und zu verſorgen wiſſen werde !). Kaum war der Großfürft in die Heimat zuruͤckgekehrt, als er neue Mannſchaft ſammelte, um dem Orden ſeine Ge⸗ fangenſchaft reichlich zu vergelten. Wohl unterrichtet, daß die Ordensburgen in Sudauen und im Galinderlande nicht eben ſtark bemannt ſeyen, ſtuͤrmte er zuerſt gegen Johannisburg. Es gelang ihm, die Burg zu erobern, den Komthur Johann Kollin nebſt dem Hauskomthur, die ſich im heimlichen Ge⸗ mache verſteckt hatten, gefangen zu nehmen und die Burg durch Feuer zu vernichten. Nachdem er hierauf die ganze Umgegend verheert und durchpluͤndert, brach er gegen die Burg Eckers⸗ berg auf und fand auch dieſe ſo ſchwach vertheidigt, daß er ſich ihrer bald bemaͤchtigte. Nur ein Theil des Hauſes wurde erſt nach manchem Opfer gewonnen, denn der Pfleger der Burg Hademar hatte ſich mit ſeiner Burgmannſchaft auf den Dan⸗ zig, d. h. das ſtarkbefeſtigte heimliche Gemach, geflüchtet und vertheidigte dieſen Ort mit aͤußerſter Tapferkeit, bis es ihm mit den Seinen gelang, von da zu entfliehen und ſo der Ge⸗ fangenſchaft zu entkommen ). Jetzt wollte Kynſtutte feinen muer ym gevencknis durch und yn des ordens gewete mit huͤlfe eyns knechtes wart her mit II pherden yn der nacht usgelozen und do her vachte daz man ym nohte, do begap her dy pherde und dy welde und gab ſich czu fuße yn dy vilde, des tags lag her ſtille, des nachts gink her bis her quam durch dy maſaw yn ſyn lant. 1) Dieß berichtet Lucas David a. a. O. freilich nur nach Si⸗ mon Grunau a. a. O., der hier wieder Wahrheit und Lüge miſcht. Der Diener heißt bei ihm Michel Lauf, woraus Lucas David Mi- chel Luff macht. 2) über dieſe Ereigniſſe herrſchen bei den Chroniſten die laͤcher⸗ lichſten Mißverſtaͤndniſſe, die aus dieſen auch in alle neueren Werke über Preuſſens Geſchichte uͤbergegangen find. Hören * zuerſt Wi- 10
Scanseite 162 · Druckseite 148
148 Einfall der Litthauer (1361). Verheerungszug weiter nach Preuſſen herein fortſetzen; allein da ſich Kriegsgeſchrei im Lande erhob, ſo brachen eiligſt der gand. ſprechen p. 287: Post hec Kynstud impugnavit cum paganis Castrum Johannis et incineravit usque ad profundum, et notum factum fuit, prefectum et collegam suum se occultasse in priveta; quare necessarium impugnant eos capiunt; nomen prefecti Joh. Kol- lyn; ceterum impugnavit Eckersberge, quod obtinuit; nomen pre- fecti Hademar, qui considerans potestatem regis, fugit ad secre- tum, de quo se cum aliis viriliter defendit, propellens paganos et plures telis transfixit et evasit manus eorum. Man follte kaum glauben, was aus dieſen Worten gemacht worden iſt: — ein wunder⸗ licher Verſuch zur Eroberung von Danzig, wie ihn Schätz p. 75, Diugoss. p. 1131, Kojalowiez p. 327, De Wal T. III. p. 357, Pauli S. 208, Baczko B. II. S. 158, Kotzebue B. II. S. 206 u. a. erzaͤhlen. Wer der Urheber dieſer Fabel auch ſeyn mag; wir finden fie ſchon bei Simon Grunau Tr. XIII. c. 2. §. 3 und nach ihm bei Lucas David B. VII. S. 48. Auch die alte Preuff. Chron. p. 37 erzählt ſchon: Of Sente Dominicus tag irſlugen dy dewtſchen zeu Gdancz vil Polen dorume daz ſy offenbar ſchregen krokaw krokaw, Man meynte fi wolden dy ſtad vorroten, nach dem das kynſtod aws dem gevencnis yntgink. — Wigand, löſet das ganze Raͤthſel. Die Burg Eckersberg wurde eingenommen bis auf das secretum, welches Kynſtutte mit Schwierigkeit erobern mußte. Ein ſolches heimliches Gemach hieß in der damaligen Landesſprache „der Danzig“; ſo kommt es in den Baurechnungen von Marienburg ſehr häufig und auch bei andern Ordensburgen z. B. bei Ragnit vor. Die Richtigkeit dieſer Angabe könnte durch eine Menge von Beiſpielen bes legt werden. Die Einrichtung dieſer heimlichen Gemache war aber in den Ordensburgen ganz eigenthuͤmlich. Wie noch jetzt in Marienburg und Marienwerder (auch in Koͤnigsberg am Danziger Keller) zu ſehen ift, waren fie nicht nur öfter aus der Burgbewohnung weit ausge⸗ baut (aus begreiflichen Gruͤnden), ſondern auch ſtark befeſtigt und mit formlichen Bruſtwehren verſehen, fo daß fie zugleich zur Vertheidigung dienten. Ein ſolcher Danzig war es ohne Zweifel auch an der Burg Eckersberg, wohin ſich der Pfleger mit den Seinen zuruͤckzog. In der Original⸗Chronik Wigands ſtand wahrſcheinlich, daß Kynſtutte, nachdem er die Burg gewonnen, auch den Danzig (wohin ſich die Ba ſatzung zurückgezogen) habe erobern wollen, und fo entſtand aus Miß⸗ verſtäͤndniß des alten Ausdruckes, den man nicht mehr kannte, die ſonderbare Erzählung von Kynſtutte's Verſuch zur Eroberung der Stadt Danzig, von welchem der Zeitgenoſſe Wig and und Linden⸗
Scanseite 163 · Druckseite 149
Einfall der Litthauer (1361). 149 Pfleger von Raſtenburg und der von Bartenſtein durch die Wildniß und legten ſich in einen Hinterhalt, um die Litthauer zu erwarten. Sie kamen und lagerten in der Naͤhe zur Er⸗ quickung bei einem Mahle. Da ſtuͤrzte ploͤtzlich das Ordens⸗ volk mit Kriegsgeſchrei auf das Lager einz es erfolgte nur ein kurzer Kampf, denn die Litthauer ergriffen bald die Flucht, von ihren Feinden verfolgt. Es gluͤckte aber dem Ordensrit⸗ ter Werner von Windheim den Großfürften zu erreichen und ihn im Gefechte vom Roſſe zu werfen; da dieſer indeß in demſelben Augenblicke das Pferd ſeines Gegners mit der Lanze durchbohrte, ſo daß es mit dem Ritter niederſtuͤrzte, ſprang ein Ordenskrieger Nicolaus Windekaim herbei, den Fuͤrſten mit dem Schwerte niederzuhauen. Seine ſtarke Ruͤſtung ret⸗ tete ihm zwar das Leben; allein er fiel abermals in Gefan⸗ genſchaft. Jedoch gelang es ihm bald die Ordensritter wie⸗ derum zu uͤberliſten und durch abermalige Flucht nach Litthauen zuruͤckzukommen. Der Kampf hatte manches Opfer gekoſtet; der Pfleger von Bartenſtein ſtarb am andern Tage an ſeinen Wunden; ein Ordensritter mit neun Reiſigen waren erſchla⸗ gen und viele verwundet. Die Litthauer zaͤhlten an hundert Todte und eine bedeutende Zahl Verwundeter. Zweihundert Roſſe führten die Ordenskrieger als Beute davon ). blatt keine Sylbe wiſſen. Über dieſes Mißverſtaͤndniß ſpricht uͤbri⸗ gens auch Thon Lucas in |. Abhandlung über die Chron. Wigands v. Marburg S. 8. 1) So Wigand. I. c. Diugoss. p. 1191 und Kojalowiez p. 323, der erſtere zwar am vollſtaͤndigſten, aber auch ſehr verwirrt. Den Ordensritter nennt er Wernherus de Windekeym, ohne Zweifel Wind⸗ beim. Zwiſchen Nicolaus Windekaim (deſſen Name auch in Urkun⸗ den vorkommt) und dem Großfuͤrſten entſteht ein Geſpraͤch in dem Augenblicke, als jener ihn durchbohren will. Ait rex ad eum: noli figere! et respondit: quare non debeo me vindicare in paganis; als er dann wieder auf den Fuͤrſten losgeht: iterum rex dixit: Desiste; ego sum Kynstud; sequere me et ditabo te; jener aber erwiedert: Domini mei plus mihi dabunt in quinta hora, quam tu omni tem- pore. Kynſtutte, dem man ein Pferd giebt, entflieht einmal, wird aber von Nicolaus Windekaim und Johannes von Eckersberg wieder
Scanseite 164 · Druckseite 150
150 Kriegszug gegen Kauen (1362). Der Meiſter Winrich von Kniprode ſah jetzt aber wohl ein, daß der heidniſche Fuͤrſt bei feiner Rachluſt und feinem Grimme nicht aufhoͤren werde, das Ordensgebiet mit Feuer und Schwert heimzuſuchen und ſeines Volkes Raubgier zu huldigen, wenn er den Krieg nicht wieder mit ernſter Thaͤtig⸗ keit ins heidniſche Land ſelbſt verſetze. Kauen, die Feſte der Litthauer am Zuſammenfluſſe der Wilia und der Memel, mußte vor allem gewonnen werden, weil dieſe ſtarke Burg dort den weitern Eingang ins Land eroͤffnete und noch zu Ende dieſes Jahres erhielt der Komthur von Ragnit Heinrich von Sche⸗ ningen *) den Befehl, nicht nur durch Kundſchafter die Art der Befeſtigung der Burg aufs genauſte ausforſchen, ſondern ſofort auch Belagerungswerkzeuge jeglicher Art verfertigen zu laſſen, um im kommenden Winter das Unternehmen zu begin⸗ nen. Sey es aber, daß dieſe Vorbereitungen und die ſtarken Ruͤſtungen des Meiſters in Preuſſen nicht beendigt werden konnten oder die Witterung des Winters nicht ganz geeignet war oder auch daß man aus Deutſchland vom dortigen Mei⸗ ſter Philipp von Bickenbach, dem Nachfolger Wolframs von Nellenburg e), ſchon Nachricht von dem baldigen Heranzuge fremder Kriegsgaͤſte erhalten: man verſchob die Kriegsreiſe bis in den Anfang des Maͤrz im Jahre 1362, wo die Ankunft der fremden Kriegsvoͤlker bereits erfolgt war. An ihrer Spitze ſtanden unter andern der Graf Gerhard von Virneburg, ein Graf von Sponheim nebſt zwei Grafen von Hohenlohe ); eingeholt. Wie er dann wieder entkommen ſey, wird nicht berichtet, wie denn Wigand hier Überhaupt manches dunkel laßt. Es erklärt ſich daraus aber, warum Kojalowiez 1. c. Diugoss. I. c. und nach ihnen De Wal T. III. p. 359 von einer dreimaligen Gefangenſchaft des Fuͤrſten ſprechen koͤnnen. 1) Wigand. p. 289 nennt ihn einigemal in den J. 1363. — 1364 ausdruͤcklich als ſolchen. 2) Seit dem J. 1361 nach Urkunden bei Jaeger Cod. diplom., wonach Bachem Chronol. der HM. S. 30 zu berichtigen iſt. 3) Der von Wigand. p. 288 genannte Graf Gerhardus de Wir- neborg iſt der zwiſchen den J. 1350 — 1870 fe oft vorkommende Gr. Gerhard von Virneburg, der Sohn Ruprechts III von Virneburg; f.
Scanseite 165 · Druckseite 151
Kriegszug gegen Kauen (1362). 151 auch aus England und ſelbſt aus Italien!) war eine nicht unbedeutende Zahl von Kriegsgaͤſten angekommen. Als ſich darauf die wichtigſten Gebietiger aus Preuſſen, der Großkom⸗ thur Wolfram von Baldersheim, der Ordensmarſchall Hen⸗ ning Schindekopf, der Ordensſpittler Ortulf von Trier, Kom⸗ thur zu Elbing, der Ordenstrapier Werner von Rumdorf, Komthur zu Chriſtburg, die Komthure Ulrich Fricke von Balga, Kuno von Hattenſtein zu Brandenburg, Ruͤdiger von Elner, Vogt von Samland und mehre andere mit ihrer auserwaͤhl⸗ ten Heermannſchaft zu Koͤnigsberg, dem allgemeinen Sam⸗ melplatze, mit den Kriegsgaͤſten vereinigt, brach der Hochmei⸗ ſter mit dem Biſchofe Bartholomaͤus von Samland ?) an der Spitze des geſammten Heeres auf, voran die Ordensheerfah⸗ nen mit den Bildniſſen der Jungfrau Maria und des heil Georgs, welche letztere der edle Ritter Georg von Hertenberg trug). Am Memel-Strome angelangt, begab ſich am drei⸗ zehnten März ein großer Theil des Heeres zu Schiff!) und fuhr die Memel aufwaͤrts in aller Stille bei Welun und Bi⸗ fien vorüber bis gen Kauen, wo nach der Landung die noͤthi⸗ Schannat Beſchreib. der Eifel von Baͤrſch B. I. Abth. 2. S. 675. Guden Cod. diplom. T. III. p. 380, II. p. 1163. 1174. Der er⸗ wähnte Graf von Sponheim war wahrſcheinlich Johann von Spon⸗ heim; Guden l. c. T. II. p. 1151 und III. p. 313. Die beiden Gra⸗ fen von Hohenlohe vielleicht Ludwig und Gerlach, Guden I. c. T. III. p. 367, Jaeger Cod. diplom. T. II. 1) Wigand. p. 287, Lin denblatt S. 25. Kojalowiez p. 329 fuͤhrt auch Böhmen und Dänen ar. 2) Ihn nennt Wigand. p. 288 und Lindenblatt a. a. O. Er war ſchon im J. 1359 Biſchof, nicht erſt 1360, wie in der Anmerk. bei Lindenblatt S. 26 ſteht. 8) Wigand. I. c. nennt ihn Georgius de Hirtenberg, ohne Zwei: fel richtiger Hertenberg oder Haertenberg, ein Meißpniſches Geſchlecht, welches die Herrſchaft Hartenberg in Böhmen beſaß; indeß kann die fer Georg auch aus dem Baieriſchen Geſchlechte dieſes Namens abge⸗ ſtammt haben; Hellbach Adelslexic. B. I. S. 545. Ein Paslow von Hertenberg war im J. 13879 Hauskomchur zu Brandenburg und ein Wilhelm von Hertenberg 1410 Pfleger zu Neidenburg. 4) Schütz p- 76,
Scanseite 166 · Druckseite 152
152 Belagerung von Kauen (1362). gen Bruͤcken geſchlagen und das Land drei Tage lang rings⸗ umher durchzogen wurde. Nun erſt ſchritt man zur Belage⸗ rung der Burg, die aber fo ſtark befeſtigt ), fo zahlreich be⸗ mannt, mit Lebensmitteln ſo reich verſorgt war und von Kyn⸗ ſtutte's tapferem Sohne Wapdot 2) mit ſolchem Muthe ver⸗ theidigt wurde, daß man keine leichte Eroberung erwarten konnte. Bald erſchien auch der Großfürft ſelbſt nebſt feinem Bruder Olgjerd mit einem zahlreichen Heere, die Burg zu entſetzen). Es kam zum Kampfe; allein die Großfürften mußten bald das Feld raͤumen mit bedeutendem Verluſte. Um das Belagerungsheer gegen Angriffe von außenher zu ſichern, ließ der Meiſter vom Fluſſe Neriße oder der Wilia *) bis an 1) Alte Preuſſ. Chron. p. 37. 2) Wigand. p. 288, der ihn als einen Sohn Kynſtutte's bezeich⸗ net, nennt ihn Waydot, ebenſo Lindenblatt, Lucas David B. VII. S. 56, Schütz p. 78 Waydat, Dlugoss. p. 1133 Voydath. Unrichtig bezeichnet ihn De Wal T. III. p. 361 als I' un des fils du Duc de Samogitie. Mit dem fpäter bei Wigand. noch vorkommen: den Rex quidam de paganis Butaw oder Butaut darf er eben ſo we⸗ nig, als mit dem von demſelben Chroniſten Witaut genannten Sohn Kynſtutte's verwechſelt werden. Corneri Chron. p. 1102 nennt ihn Waydoch und die Burg Kauwenpelle. 3) Bei Wigand. p. 287 heißt es: Rex quoque Kynstud in per- turbato animo cum ingenti multitudine stetit iuxta Mimilam, Algard similiter cum suis Bayoribus et Smyrdens. prope Nergam et consi- kiantur et disponunt se celeriter, quomodo Castrum ab huiusmodi impugnationibus absolverent. Was foll aber hier Smyrdens. bedeu⸗ ten? Dlugoss. p. 1133 nennt auch den Fürften Patirke als gegen- waͤrtig, von welchem Wig and und Schutz nichts wiſſen. Sollte je⸗ ner Name ſich auf dieſen beziehen? 4) Bei Wigand., Lindenblatt und in den Öfter erwähnten Wegeverzeichniſſen kommt diefer Fluß bald Nerga, Nerge, Nerige, bald Nerye oder Neria (urk. von 1388) genannt vor. Schon nach Wigands Worten: fecerunt fossam a Nerga fluvio inferius in Mi- melam kann es nach der Localitaͤt kein anderer als die Wilia ſeyn. Urkunden beftätigen es; ſo heißt es z. B. in einer ſolchen vom J. 1398, in welcher Witowd den Orden beim Aufbau von zwei Burgen zu unterſtützen verſpricht: er wolle dieſes thun in folgenden Graͤnzen: „als dy Memel uff bis do dy Strewe (Strawa) vellet in dy Memel
Scanseite 167 · Druckseite 153
Belagerung von Kauen (1362). 153 die Memel nicht nur einen ſtarken Graben aufwerfen, ſondern errichtete auch eine feſte Landwehr mit Waͤllen oder Hagen, alſo daß das ganze Heer bald rings mit Wall und Gra⸗ ben umzingelt war und kein Feind ſo leicht mehr anſprengen konnte). Es war unter dem ganzen Kriegsvolke einmuͤthi⸗ ger Entſchluß, unter den Mauern der Burg eher zu ſterben, als „das Heidenhaus“ ungewonnen zu verlaſſen. Als nun der Ordensmarſchall das Belagerungsheer ge⸗ theilt und jeglichem Theile ſeine Stellung, den kuͤhnſten Kriegs⸗ leuten aber die Vertheidigung der Landwehre angewieſen ), wurden die Belagerungswerkzeuge, Blyden, Tumeler und an⸗ deres Belagerungsgeſchoß ) aufgerichtet und in Bewegung ge⸗ und dy Nerige uff bis do das heilge flyes (Schirwinty) vellet in dy Nerige“, wo ganz klar die Wilia gemeint iſt. 1) De Wal T. III. p. 362 ſagt: II fortifia son camp par des lignes, des redoutes et un fossé profond, dans lequel il fit entrer Peau du fleuve, de maniere qu'il n’avoit rien à craindre des enne- mis du dehors. 2) Es heißt auch: ordinavit ad Insulam exercitum, qui naves eorum protegeret. 3) Vgl. über die Geſchuͤtze und Belagerungswerkzeuge des Ordens Lindenblatt S. 26 — 27, wo es dieſer Chroniſt durch die Worte: „dennoch woren nicht die großin ſteynbuͤchßen, ſunder alleine lothebuͤch⸗ ßen“ ganz unzweifelhaft macht, daß bei dieſer Belagerung Pulverge⸗ ſchuͤtz gebraucht wurde. Zwar trägt J. von Müller Schweiz. Ge⸗ ſchichte B. II. S. 433 Bedenken, bei dem Ausdrucke Buͤchſen an Feuer: gewehr zu denken; allein in Deutſchland war bekanntlich das Pul⸗ vergeſchuͤz um dieſe Zeit im Gebrauche; |. Kirchner Geſch. von Frankfurt B. I. S. 257 — 259, 289 und in Corneri Chron. p. 1102 heißt es beim J. 1361: Consistorium urbis Lubicensis incensum est et combustum per negligentiam illorum, qui pulveres pro bombar- dis sive petrariis parabant. Schwieriger iſt es, genau zu beſtimmen, was Wigand. mit feinen Ausdrucken machinae, instrumenta und structurae in Betreff der Belagerungswerkzeuge ſagen will. Machina erklärt er zuweilen durch aries, den Widder der Alten, welches Wort Jo h. v. Müller a. a. O. S. 180 durch „Buͤffel“ uͤberſetzt, Wi: gand aber durch „Tumeler“ giebt. Indeſſen heißt es bei dieſem dann auch wieder: fecit machinas et alia instrumenta erigere in altitudi- nem domus, que multum alta erat et robusta, wahrſcheinlich fo viel
Scanseite 168 · Druckseite 154
154 Belagerung von Kauen (1362). fest. Am meiſten wirkten zwei ſtarke Tumeler von Meiſtern aus Marienburg und Koͤnigsberg verfertigt gegen die Erker und Thuͤrme der Burg mit gewaltiger Kraft. Die Convents⸗ bruͤder von Strasburg zertruͤmmerten vor allen mit ihrem Kriegsgeräthe das Mauerwerk. Überall war alles in voller Kriegsarbeit; man richtete Geruͤſte auf ſo hoch als die Burg, das eine am Burggraben, das andere am oͤſtlichen Theile, wo die Conventsbruͤder von Ragnit ſtanden. Tag und Nacht wa⸗ ren die Belagerungsmaſchinen und die Lothbüchſen in beſtaͤn⸗ diger Thaͤtigkeit. Jeden Krieger befeuerte gleicher Eifer und gleicher Muth; keiner wollte übertroffen ſeyn. Während die Großfuͤrſten mit ihrer ſtarken Heeresmacht immer noch unfern der Memel und der Wilia ſtanden, unſchluͤſſig und in Bera⸗ thungen mit ihren Bajoren begriffen, wie die Burg entſetzt werden koͤnne, ſann der Meiſter Winrich im Lager mit ſeinen Gebietigern auf alle Mittel, ſie von Grund aus zu vernichten. Man faßte den Plan, einen Graben zu fuͤllen und darauf ein Geruͤſt zu errichten von ſolcher Hoͤhe, daß man von ihm aus in das Haus eindringen koͤnne. Aber ſobald die Bela⸗ gerten dieß wahrnahmen, ſtreckten ſie Balken aus der Mauer vor, damit die Fallbruͤcke unten nicht gehindert werde und zer⸗ truͤmmerten das Geruͤſt bald wieder. Als indeß ein feſtes als Ebenhoͤhen. Structurae bedeuten bei ihm ebenfalls Werkzeuge wie Tumeler, womit die Mauer zertruͤmmert wird, daher: Strasburgen- ses cum structuris suis graviter murum dirumpunt. Dann aber ſcheint er mit dieſem Worte auch wieder hohe Gerüfte zu bezeichnen, wenn er z. B. ſagt: Magister — inito consilio lossam implet et suppositis ‚structuris eque altis, per quas sui poterant intrare do- mum. Daſſelbe mag es bedeuten, wenn es mit Feuerwerk verbunden iſt und es 5 B. heißt: Magister cum suis habita cousultatione eque altam structuram posuerunt ad foramen et succendunt eam et war- pentarius, rector operis, levavit cum ad casum periclitatim ad mu- rum nes poterant exire propter acervum petrarum muri et structure, que adeo arsit, quod nec extiugui poterat a paganis. Ohne Zwei: fel würde vieles deutlicher werden und manche Verwirrung wegfallen, wenn wir die Originalchronik Wigands vor uns Hätten.
Scanseite 169 · Druckseite 155
Belagerung von Kauen (1362). 155 Vorwerk an der Wilia durch den Blydenmeiſter ?) Marquard aus Marienburg niedergeworfen und das Ordensvolk von hier aus dem feindlichen Geſchoſſe weniger mehr ausgeſetzt war, gelang es den Deutſchen und Preuſſen im Lager in die Vor⸗ burg einzuflürmen und nun fing man an, die Mauer der Burg ſelbſt zu brechen. Die Heiden wagten ſich jetzt aus der Burg, um die Parchamsmauer zu vertheidigen; allein die Angreifenden hatten ſie ſchon ſo geſchwaͤcht, daß ſie ſammt den darauf ſtehenden Vertheidigern zuſammenſtuͤrzte und zu großer Betruͤbniß uͤber vierhundert Mann vom Ordensheere erſchlug 2). Jetzt waren die Ordensritter ſchon Meiſter des Parchams geworden und draͤngten die Heiden unter ſtarken Ver⸗ luſten von Todten und Verwundeten in die Hauptburg zuruck. Da das Ordensvolk bei Erſtuͤrmung der Vorburg ein Gebaͤude in Brand geſteckt und das Feuer gewaltig um ſich griff, ohne daß die Belagerer, jetzt in die Mauern eingeengt, ſich vor ihm retten konnten, ſo verbrannten nicht bloß mehrere vom Deutſchen Kriegsvolke, ſondern auch der Vogt von Mohrun⸗ gen Johann von Zeno und zwei Ordensritter mit der Heer⸗ fahne von Elbing wurden von den Flammen verzehrt. Nun ſoll die Mauer der Hauptburg ſelbſt beſtuͤrmt wer⸗ den. Graf Sponheim iſt der erſte, der ſich mit ſeinem Ban⸗ ner naͤhert; ihm folgen die Ordensfahne, die Grafen Gerhard von Virneburg und von Hohenlohe, dann die S. Georgsfahne getragen von Georg von Hertenberg hinter den Kriegsleuten von Ragnit. Der Ordensmarſchall bald hier, bald dort, um uͤberall alles in Ordnung zu halten, gebietet den Angriff und der Blydenmeiſter Marquard von Marienburg zertruͤmmert mit 1) Bei Wigand. wechſeln die Ausdruͤcke Magister carpentario- rum, Magister faber lignorum, Magister lignarius. Mag man dieß Zimmermeiſter, Carvansmeiſter oder Blydenmeiſter uͤberſetzen, To bleibt es hier doch immer der Werkmeiſter, der mit dem Belagerungswerk⸗ zeug zu thun hatte. Da Biydenmeiſter bei dem Geſchuͤtweſen auch nach den Ordens⸗Rechnungsbuͤchern eine ganz gebräuchliche Benennung für dieſen Werkmeiſter war, ſo behalten wir ihn bei. 2) Lin denblatt S. 27. Schütz p. 77.
Scanseite 170 · Druckseite 156
156 Belagerung von Kauen (1362). einem Tumeler das Mauerwerk mit ſolcher Kraft, daß es ſchon hie und da zu ſtuͤrzen anfaͤngt. Es ſchien dem Hochmeiſter nothwendig, die Erſtuͤrmung der Burg moͤglichſt zu beſchleu⸗ nigen, denn das Belagerungsvolk, mehre Wochen lang!) weder Tag noch Nacht in Ruhe, ermattete ſchon mehr und mehr. Auf ſein Geheiß ward am Palmſonntage die Burg von allen Seiten umzingelt, um durch die Maueroͤffnung, die der Bly⸗ denmeiſter von Marienburg mit ſeinem Tumeler gebrochen, in Maſſe durchzudringen, weshalb ſie Tag und Nacht trotz der unaufhoͤrlichen Geſchoſſe der Belagerten, die dem Ordensvolke großen Schaden brachten, ſo viel als moͤglich erweitert wurde. Man war damit noch beſchaͤftigt und füllte zugleich uͤber⸗ all die Graben aus, alles zum Hauptſturm vorbereitend, als kurz vor dem Oſterfeſte ein Sendbote aus dem Lager der Lit⸗ thauer kam, in Kynſtutte's Namen den Hochmeiſter um eine Unterredung zu bitten. Dieſer bewilligte ſie und unter ſiche⸗ rem Geleite kamen die Fuͤrſten in der Mitte zwiſchen beiden Lagern zum Geſpraͤche zuſammen. „Herr Meiſter, hob Kyn⸗ ſtutte nach der Begruͤßung an, waͤre ich ſelbſt auf dem Hauſe, ihr ſolltet es nimmer mit den Eurigen gewinnen. Der Meiſter erwiedert: Warum rittet ihr denn vom Hauſe hinweg, da ihr uns nahen ſahet? Weil die meinen, entgegnet der Großfuͤrſt, kein Oberhaupt hatten und ich ſelbſt bei ihnen zum Streite ſeyn mußte. Nun denn, verſetzt der Meiſter, wenn es euch noͤthig duͤnket, ſo nehmet der Eueren ſo viel ihr wollt und begebt euch frei in die Burg hinauf; wir hoffen zu Gott, ihr werdet fie nicht vertheidigen und behaupten konnen. Da er: wiedert der Fuͤrſt: Wie kann ich hinaufkommen, da das Feld 1) Wigand. Attediati tamen oumes ſuerunt in exercitu de longa stacione et fatiga, que iam duraverat 14 diebus und Schütz I. c. ſagt: „Die Belagerung hatte nun gewehret von Reminiscere an biß auff Palmarum“; dieß wäre vom 13. März bis 10. April, gegen 2 Wochen, alſo noch einmal fo lange als Wigand angiebt, der ſich hier offenbar irrte, wenn nicht der Fehler, wie wahrſcheinlich iſt, in unſerem Auszuge liegt, denn Diugoss. p. 1133 ſtimmt mit Schütz uͤberein.
Scanseite 171 · Druckseite 157
Eroberung und Zerftörung von Kauen (1362). 157 umher uͤberall umhagt und umgraben iſt? Wohlan, ſiel ihm Winrich ins Wort, verſprecht mir, daß ihr einen Kampf mit mir beginnen wollt, ſo will ich euch den Weg ebnen und die Wehren niederwerfen. Als der Großfuͤrſt betroffen hierauf nicht weiter antwortete, ſchloß der Meiſter die Rede mit den Worten: Hat der Koͤnig nichts weiter mit uns zu ſprechen, fo kehre er zur Wache der Seinen zuruͤck!)!“ — So endigte die Unterredung ohne Erfolg 2) und der Mei⸗ ſter gebot, die Belagerung mit aller Macht fortzuſetzen. Zwei⸗ mal errichtete der Blydenmeiſter Geruͤſte von der Höhe der Burgmauer, um theils Feuer, brennendes Pech und angezuͤn⸗ dete Theertonnen in die Burg zu werfen, theils die Mauer durch Brechmaſchinen niederzuſtuͤrzen, und der zweite Verſuch gelang durch die Beihuͤlfe des Komthurs von Brandenburg und des Hauskomthurs von Koͤnigsberg ). Die Mauer ſtuͤrzte zuſammen unter großem Freudengeſchrei des Kriegsvolkes; Or⸗ tulf von Trier, der Ordensſpittler mit den Kriegsleuten aus Brandenburg war der erſte, der mit den Heiden zugleich durch die Offnung in die Burg einbrach. Auch der Ordensmarſchall kam herbei und da er die Offnung noch zu enge fand, ſo rief er das Volk zuruͤck, weil niemand vor den abwehrenden Hei⸗ 1) Schütz p. 77 giebt hieruͤber Wigands eigene Worte aus deſſen Reimchronik und der noch vorhandene Auszug ſtimmt damit uͤberein. Diugoss. I. c. führt den Inhalt des Geſpraͤches nur im Allgemeinen an. Ein Theil der Unterredung, wie Kotzebue B. II. S. 209 ſie aus Becker a. a. O. S. 39 entlehnt, iſt offenbar erdichtet. 2) Bei Wigand. I. c. heißt es: Interim (während der Unterre⸗ dung) quidam rutenus nomine Michael venit de domo adducens men- suram sagittarum vulgariter selpschosse, et quidam Bayorum no- wine Gilgut Genehutte retulit, quomodo in castro angustias ferrent magnas et sine tedio fabricarent tela etc. sperantes domum defen- sare; wie es ſcheint, will der Chroniſt damit die urſache angeben, warum der Großfuͤrſt des Meiſters Anerbieten nicht annahm. 8) Wigand. ſpricht zwar von einem Konigisbergensis Commen- dator; dieß war indeſſen der Ordensmarſchall und der Chroniſt meint biemit wahrſcheinlich den Hauskomthur von Königsberg, damals Die: terich Laran.
Scanseite 172 · Druckseite 158
158 Eroberung und Zerſtoͤrung von Kauen (1362). den eindringen konnte. Das hineingeworfene Feuer aber nahm mit fo reißender Gewalt uͤberhand, daß es nicht mehr gelöfcht werden konnte und es auch vielen von den Ordenskriegern nicht mehr moͤglich war zu entkommen, ſondern mit den Heiden von den Flammen verzehrt wurden. Unter dieſem furchtbaren Brande ſtuͤzte das Haus zuſammen; ein ſchauervoller Augenblick, hier die emporlodernden Flammen, dort zuſammenbrechende Mauern, hier die Belagerer im Sturme, dort die Heiden im Kampfe, hier Angſtgeſchrei und Verzweiflung, dort Siegesruf und Freu⸗ dengeſchrei. Da ſtuͤrzte ſich ein Theil der Burgmannſchaft ge⸗ gen das Thor an der Wilia hin, um ſich hier zu retten; Hein⸗ rich von Scheningen aber, der Komthur von Ragnit hatte es beſetzt und Burchard von Mansfeld, Kompan des Ordensmar⸗ ſchalls ſtritt gegen die, welche von der Mauer geflohen wa⸗ ren 1). Nun flürmten fie das Thor und erwürgten alles, was fie fanden. Nur Kynſtutte's Sohn Waydot und ſechs und dreißig Bajoren entkamen dem Schwerte und fielen in Gefan⸗ genſchaft. Sechshundert von der Burgbeſatzung waren in dem Gemetzel erwuͤrgt worden; an fuͤnfhundert hatten die Flammen verzehrt, eine große Zahl war in der brennenden Burg erſtickt, ſo daß nach einigen Berichten zweitauſend, nach andern uͤber viertauſend Heiden ihren Tod gefunden. Vom Ordensheere ſol⸗ len, kaum glaublich, außer ſieben Ordensrittern nur zweihun⸗ dert umgekommen ſeyn ). Es war am Oſterabend, als die 1) Burchard von Mansfeld war nach Urkunden im J. 1362 noch Kompan des Ordensmarſchalls und nicht Komthur von Oſterode, wie De Wal T. III. p. 368 angiebt, denn dieſes Komthuramt verwaltete um dieſe Zeit Günther von Hohenſtein. Nach Becker S. 41 ſoll Burchard von Mansfeld bei dem Sturme „am Thore unter dem Brande eines Hauſes“ gefallen ſeyn; allein man erſieht auch ſchon hieraus, wie offenbar erdichtet die angebliche zeitgendſſiſche Quelle ei⸗ nes Vincenz von Mainz iſt, denn Burchard wurde nachher Komthur von Ragnit und lebte noch im J. 1379 als Komthur von Oſterode. 2) Die Nachrichten hierüber find verſchieden. Bei Wigand. heißt es: Frater Borghardus de Mansveld, — quosque reperit, occidit, praeter Waydot filium Kynstud, qui captivatus est cum 36 paga- nis; etiam 600 sunt occisi, ceteri igne consumpti, multique suffo-
Scanseite 173 · Druckseite 159
Eroberung und Zerſtoͤrung von Kauen (1362). 159 Burg in ſolcher Weife in einen Steinhaufen zuſammenſiel; da ſtimmte das chriſtliche Heer, waͤhrend die Flamme auf den Trümmern noch hell aufloderte, voll Sieges freude das Loblied an: „Chriſt iſt erſtanden!“ welches mit den Worten endigt: „Wir wollen alle froͤhlich ſeyn, die Heiden ſind in aller Pein, Kyrie eleiſon!)!“ Mittlerweile war Fuͤrſt Kynſtutte während der Belagerung faſt täglich in die Nähe der Burg gekommen, auszukundſchaf⸗ ten, ob ſie nicht in irgend einer Weiſe zu retten ſey. Er fand keine Huͤlfe möglich. Am Tage der Beſtuͤrmung und des Bran⸗ des ſtand er mit Olgjerd auf einer der Berghoͤhen um Kauen und ſah voll tiefes Schmerzes auf das graͤßliche Schauſpiel herab. Dann ſandten ſie eine Botſchaft an den Meiſter mit der Bitte, ihnen die Namen der Gefangenen ſchriftlich uͤber⸗ ſenden zu wollen. Es geſchah; es waren ihrer nur ſechsund⸗ dreißig und ein unbeſchreiblicher Schmerz ergriff die Fuͤrſten, als ſie nur dieſe geringe Zahl vom Tode gerettet ſahen. An⸗ ders im Lager des Ordens heeres, wo alles in Jubel und Freude eati sunt in Castro et in numero sunt occisi 3500, de christianis 200. Nach Schütz wäre die Zahl bedeutender geweſen, denn nach ihm wurden 3000 erſchlagen und 1500 kamen im Feuer um. Kojalo- wiez p. 329 ſagt freilich, daß nur Tria millia delecti militis in prae- sidio ſuerant; aber er laßt dieſe ſaͤmmtlich im Feuer umkommen, hin⸗ zufuͤgend: quorum indignam inter flammas flagrantis arcis mortem nunc etiam vulgaribus naeniis populus decantat. Nach Linden: blatt ſollen auf dem Hauſe nur 2000 Litthauer geblieben ſeyn. Bei Detmar B. I. S. 285 heißt es: „und floghen dar und venghen twe duſent henden.“ Nach Corneri Chron. p. 1102: De barbaris illis mul- tos interficiens, duxit secum in Prutziam cum filio Regis praedicto quo millia captivorum und Theod. de Niem ap. Eccard. T. I. p- 1512 giebt die Nachricht: De mense Martii fratres ceperunt ca- strum Regis Lithuanorum Cawin in vigilia Paschae, in quo filium Regis et sociorum eius circa XXXVII. ceperunt et circa duo millia occiderunt. Daß mehr als 200 vom Ordensvolke geblieben ſeyn mö⸗ gen, iſt ſehr wahrſcheinlich; wenigſtens kommen noch die 400 hinzu, welche durch die Mauer erſchlagen wurden. Die alte Preuſſ. Chron. P. 37 ſagt ſogar: Von den criſten bleben tot VII bruder und XX man. 1) Wigand. I. c.
Scanseite 174 · Druckseite 160
160 Eroberung und Zerſtoͤrung von Kauen (1362). war. Am Oſterfeſte in aller Fruͤhe verſammelte ſich das Kriegs⸗ volk zu einer feierlichen Meſſe, die der Biſchof von Samland hielt; ſeine Rede ermunterte die Krieger zum Lobgeſange des Herrn; freudig ſtimmte das ganze Heer unter freiem Himmel die gewöhnlichen Feſtgeſaͤnge an und empfing insgeſammt das heilige Mahl nebſt dem biſchoͤflichen Segen. Nachdem das Volk ſich hierauf durch Speiſe und Trank erquickt, ließ es der Meiſter durch Trompetenſchall verſammeln, um an dieſem und dem naͤchſten Tage die noch ſtehenden Reſte der Burgmauer völlig niederzuſtürzen, während der Marſchall an der Memel die Graben wieder fuͤllen ließ. Und als dieſes geſchehen war, brach das Heer zur Heimkehr auf. Die Heiden ſetzten ihm zwar nach, um beſonders den Nachtrapp anzugreifen; da man in⸗ deſſen die Bruͤcke abbrach, die zu den Schiffen fuͤhrte, ſo ver⸗ fehlte der Feind ſeinen Zweck. Das Heer ward ruhig einge⸗ ſchifft und nach gehaltener Meſſe fuhr es unter Jubel und Freu⸗ dengeſang von dannen. Die Beſatzungen von Biften und We⸗ lun, bereits vom Siege der Ordenskrieger benachrichtigt, wag⸗ ten es aus Furcht nicht die Ruͤckfahrt zu hindern und ſo langte der Meiſter mit ſeinem Volke und den fremden Kriegsgaͤſten gluͤcklich in feinem Ordenshauſe wieder an!). Über Waydots und der gefangenen Bajoren ferneres Schickſal, wie uͤber die Art ihrer Befreiung iſt alles dunkel, da ſichere Quellen dar⸗ über ſchweigen ). 1) Die beſten Quellen uͤber dieſe Unternehmung gegen Kauen blei⸗ ben Wigand. p. 188, Schütz p. 77, Diugoss. p. 1133 — 1134, Lindenblatt S. 27 — 283 Kojalowiez p. 329 liefert nur wenig. Lucas in ſ. Schrift: über die Chronik Wigands v. Marburg S. 18 ff. giebt eine überſetzung der Belagerungs- und Schlacht: Befchreibung dieſes Chroniſten. Die Nachrichten bei Lucas David B. VII. S. 55 — 57 find faſt ganz unbrauchbar, da fie, beinahe wörtlich aus Simon Grunau Tr. XIII. C. 3. $. 2 entnommen, die offenbarſten unwahrheiten enthalten. De Wal T. III. p. 361 liefert ſeine Be⸗ ſchreibung der Belagerung nach den bekannten Quellen. 2) Nach ſpaͤtern Nachrichten ſoll Waydot die Taufe empfangen, den Namen Heinrich erhalten und vom Orden verſorgt ſeinen Wohn⸗ ſitz zu Wehlau gehabt haben; ſ. Acta Boruss. B. I. S. 212, Hart⸗
Scanseite 175 · Druckseite 161
Kriegszüge nach Samaiten (1363). 161 Und kaum war das Volk von dieſer Kriegsreiſe heimge⸗ kehrt, als der Pfalzgraf Ruprecht vom Rhein, einer der groͤß⸗ ten Gönner des Ordens unter Deutſchlands Fuͤrſten !), nebſt mehren der angeſehenſten und beruͤhmteſten Deutſchen Ritter mit einer neuen bedeutenden Streitſchaar in Preuſſen erſchien, um unter den Fahnen des Ordens die Heiden zu bekaͤmpfen 2). Mit dem Biſchofe Bartholomaͤus von Samland und ſeinen oberſten Gebietigern trat Meiſter Winrich abermals an die Spitze des Heeres und brach, da der Marſchall ſchon im voraus die Wege hatte raͤumen laſſen, in großer Schnelligkeit zuerſt ins Gebiet von Erogeln ein und verheerte es vier Tage lang; dann uͤberraſchte er die Bewohner des Gebietes von Pernare ), in knoch A. u. N. Preuſſ. S. 304. Lucas David a. a. O. fuͤhrt an: er ſey erſt zum Kaiſer Karl IV. geſendet, von dieſem freundlich aufgenommen und zum Herzog erhoben worden, dann aber nach Preuf- fen zurückgekehrt. Die Erzählung lautet der von Buͤtaw ſehr ähnlich. 1) S. meine Abhandlung uͤber die Halbbruͤderſchaft in den Bei⸗ trägen zur Kunde Preuſſ. B. VII. H. II. S. 160 — 161. Noch 15 Jahre ſpaͤter erwähnt ſelbſt der Kaiſer Karl IV. der beſondern Freundſchaft und Gewogenheit, die der Pfalzgraf gegen den Orden hege und die ihn auch bewogen habe, dem Orden in der Reichsſtadt Oppenheim einen Hof zu kaufen, der Weihnachtshof genannt; Jaeger Cod. diplom. an. 1378. 2) Wigand. nennt bloß den dominus Rupertus dux Bavarie als anweſend; Schütz p. 78 dagegen ſpricht von „zweene Herrn Ruprecht und Wolffgang zu Bayern“; Dlugoss. p. 1142 führt wieder bloß ei⸗ nen Comitem Bavariae Lupum alias Wolff und Kojalowicz p. 330 einen Bavarorum Comes Volfangus an, deſſen auch Lucas David B. MII. S. 57 gedenkt. Aus dieſen verſchiedenen Angaben duͤrfte man faſt vermuthen, daß eine Verwechſelung der Namen Statt gefunden habe; auch iſt es uns nicht gelungen, auszumitteln, wer dieſer Graf oder Herzog Wolf oder Wolfgang aus Baiern geweſen ſeyn konnte. Sollte ein zweiter Herzog von Baiern damals in Preuſſen geweſen ſeyn, ſo duͤrfte man vielleicht auf Stephan den Altern, Pfalzgraf vom Rhein (1368) fallen, der ſich immer als ein beſonderer Gönner des Ordens bewies; ſ. Jaeger I. c. an. 1368. 3) Wigand. nennt das Land Parvern oder Parnern, Schütz I. c. Ei Diugoss. I. c. Parunen. Nach den Wegeverzeichniſſen lag 2 11
Scanseite 176 · Druckseite 162
162 Kriegszüge nach Samaiten (1363). deſſen Nähe das alte Heiligthum Romove lag und erſchlug dort eine große Menge Volkes, weil man von des Feindes Ankunft nicht benachrichtigt war. Da kam Guͤnther von Ho⸗ henſtein, Komthur von Oſterode, der in ein ſtark umhaͤgtes Laͤndchen unfern von Labune !) vordringend, dort plotzlich auf ein umwehrtes und ſtark beſetztes feindliches Lager geſtoßen war, mit der Kunde davon zum Hauptheere zuruͤck und der Meiſter brach alsbald gegen den Feind auf, umging das La⸗ ger zur Nachtzeit und uͤberfiel am andern Tage die feindliche Streitmacht ſo ploͤtzlich, daß er den groͤßten Theil aufrieb und die uͤbrigen zur Flucht zerſtreute. So von dem verſteckten Feinde befreit warf ſich hierauf das Ordensheer auch in die Gebiete von Labune und Zeimen 2) zwiſchen der Wilia und Naweſe, wo alles durch Feuer verwuͤſtet und das Volk theils erſchlagen, theils gefangen hinweggefuͤhrt wurde. Arnold von Vietinghof, der Meiſter von Livland, der mittlerweile mit einem anſehnlichen Streithaufen durch Samaiten gezogen war, erkannte am Brande von Zeimen, der blutroth am Himmel leuchtete, ein Zeichen, daß des Hochmeiſters Heer bis dorthin ſchon vorgedrungen ſey ). Bald näher benachrichtigt erſchien er im Lager des Hauptheeres und hielt mit Winrich Bera⸗ thung uͤber die weitere Verheerung der heidniſchen Lande. Doch ohne ihre Streitmacht zu vereinigen, brach der Hochmeiſter, aus deſſen Heere ein Theil der Kriegsgaͤſte ſich dem Meiſter von Livland angeſchloſſen, noch tiefer ins feindliche Gebiet bis öftlich von Erogeln und noͤrdlich von Keidany das Land Parnarewo, ohne Zweifel Pernare, das naͤmliche, welches Wigand meint. 1) Intrant terriculam, que fortiter circumsepta erat vepribus prope Labuno. Dieſes Labuno, in den Wegeverzeichn. Labune ge- ſchrieben, iſt das heutige Labunow an der Njewjescha. Kojalowiez p., 331 nennt die territoria Eyragolianum, Panreimanum et Lambi- mense in Samogitia. 2) Zeymen, wie es Wigand. nennt oder Zeimi nach den Wege⸗ verzeichniſſen iſt' das jetzige Scheimy nordwärts von Kauen. „ 3) Nach den Worten bei Wigand.: Ignis quoque, qui factus est in Zeymen, visus est a fratribus Lyvoniensibus, könnte man freilich auch an ein Signalfeuer denken.
Scanseite 177 · Druckseite 163
Swilone und Seten vor ), wo man einen heidniſchen Prie⸗ ſter 2) gefangen nahm, der, um ſein Leben zu retten, die Or⸗ denskrieger von Dorf zu Dorf und von einem verborgenen Schlupfwinkel zum andern fuͤhrte, um die Raubluſt des Or⸗ densheeres zu befriedigen und die Flüchtlinge des Landes ge⸗ fangen in feindliche Haͤnde zu liefern. So hatten die Gebie⸗ tiger, vor allen der kuͤnne Komthur von Ragnit Heinrich von Scheningen und Burchard von Mansfeld das heidniſche Land acht Tage lang die Weite und die Breite mit Feuer und Schwert durchzogen ), als ſich der Meiſter endlich mit der geſammten Streitmacht ſuͤdwaͤrts herab in die Gebiete von Paſtow und Geſow warf und von da reich an Beute mit zahlreichen Schaa⸗ ren von Gefangenen, Maͤnnern, Frauen und Kindern, ins Or⸗ densgebiet zuruͤckkehrte“). Die Streifzüge der einzelnen Ge⸗ bietiger waren im feindlichen Lande ſo ordnunglos durch ein⸗ ander gegangen und jeder hatte auf ſeine Weiſe ſo wild um⸗ her gehauſet und gemordet, daß man die Geſammtzahl der erſchlagenen Heiden nicht einmal anzugeben wußte. Bald darauf aber um die Faſtenzeit bewog nicht bloß die Ankunft des Edlen Ulrich von Hanau, der ſchon im Winter unter dem Heerbanne des Meiſters von Livland gegen die Heiz den geſtritten hatte und deſſen Sohn Gottfried den Ordens⸗ mantel ſelbſt trug), ſondern auch der Anzug einer anſehnli⸗ 1) Beide Gebiete, in den Wegeverzeichniſſen Setin und Swylon genannt, lagen eine halbe Meile von einander entfernt. Vielleicht iſt Setin oder Scten das heutige Schaty an der Abelja. Da auch Wi- Sund. das Gebiet Swilone nennt, ſo ſcheint dieſes richtiger als Schwei⸗ low bei Schütz. 2) Virum sanctum nennt ihn Wigand. 3) Wigand. erzählt die Einzelnheiten weitläuftiger. 4) Was Schütz p. 78 von einem neuen Heereszuge in die Ge⸗ biete Werlau, Seyten, Kalanten, Paſtow, Geſaw und Surmyn im naͤchſten J. 1364 erzählt, gehört nach Wigand. noch zu dieſem Kriegs⸗ zuge im J. 1363, denn auch dieſer Chroniſt nennt alle jene Gegenden. 8 5) Da Wigand. (hier faſt die einzige Quelle) nur ſchlechthin von einem dominus de Hanow ſpricht, der in hyemali hac intemperie in- trat Lyvoniam et reversus est de Lyvonia propter dictam reysam, ad quam Anglici veniunt, fo ift es freilich nur Vermuthung, daß es 11 *
Scanseite 178 · Druckseite 164
164 Kriegszug nach Litthauen (1363). chen Schaar von Englaͤndern und Schottlaͤndern !) den Or: densmarſchall Henning Schindekopf zu einer neuen Kriegs⸗ reiſe, deren Ziel dießmal die wichtige Burg Garthen ſeyn ſollte. Bevor jedoch das verſammelte Kriegsvolk aufbrach, er⸗ hob ſich ein Streit zwiſchen Ulrich von Hanau und den Eng⸗ laͤndern uͤber die Frage: welchem Heerhaufen das Ehrenrecht gebuͤhre, die S. Georgsfahne in ſeiner Mitte zu fuͤhren, denn die Deutſchen ſchrieben ſich ſeit alter Zeit das Vorrecht zu, daß, wenn man gegen die Heiden zum Kampfe ausgehe, jeder Zeit ein Deutſcher S. Georgs Banner tragen muͤſſe. Die Ordensgebietiger gaben dadurch die Entſcheidung, daß ſie die heilige Fahne dem wackern Ordensritter Kuno von Hattenſtein anvertrauten?), worauf das Streitheer auszog und ins Ge⸗ ulrich IV. von Hanau geweſen ſey, der nach Preuſſen kam; fie wird aber dadurch wahrſcheinlich, daß fein Sohn Gottfried in Urk. bei Gu- den. Cod. diplom. 'T. III. p. 214 als Ordensritter genannt wird. Im J. 1361 war er Komthur zu Brodfelden; im J. 1350 kommt auch Gottfried von Hanau als Komthur zu Mergentheim und im J. 1356 als Landkomthur von Franken vor. Jaeger I. c. an. 1350. Möglich wäre freilich auch, daß der anweſende Ulrich V. von Hanau oder der als Landvogt der Wetterau in der ſuͤddeutſchen Geſchichte ſehr bekannte Ulrich Herr von Hanau, der Freund Karls IV., geweſen ſey. Unſere Quellen laſſen hier nichts zur Gewißheit bringen. 1) Wigand. I. c. erwähnt nur der Engländer. Daß auch der Graf Thomas von Marre, ein Bruder des Grafen Thomas von Bal⸗ liol hier war, beweiſt der salvus conductus des Königes von England für ihn, bei Rymer Foedera T. III. P. II. p. 85. Ebendaſ. p. 73 findet ſich auch ein salvus conductus des Königes für David de Ber- clay Scutiferum de Scotia, veniendo cum duodecim sociis et duo- decim equis de terra Scotiae ac eorumdem hominum famulis in Re- gnum nostrum Angliae et alibi in Dominia nostra quaecunque et per eadem, per terram et mare versus partes de Pruce et alia loca longinqua transeundo. Die Urkunde iſt dat: Apud Beskwod quinto die Februar. (1363). Ob David Barklay aber bis nach Preuſſen ge⸗ kommen fen, iſt nicht ganz ausgemacht, denn unfere Quellen erwaͤh⸗ nen ſeiner nicht namentlich. Im Anfange des Decemb. 1363 befand er ſich nach einer andern urkunde bei Rymer I. c. p. 83 wieder in England. 2) Wigand. iſt hier fo verwirrt, daß der Sinn feiner Worte
Scanseite 179 · Druckseite 165
Kriegszug nach Litthauen (1363). 165 biet von Garthen mit ſchwerer Verheerung einfiel. Da aber Olgjerd und Kynſtutte eben mit neuen Eroberungsplanen in Rußland beſchaͤftigt waren!) und Fuͤrſt Patirke, der die Burg Garthen zur Vertheidigung erhalten, ſich gegen den Feind zu ſchwach fühlte, vielleicht auch durch Kauens Schickſal geſchreckt war, ſo kam er dem Ordensmarſchall nach Sitte der Ruſſen mit Bier und Meth entgegen und bewog ſomit den Feind, von der fernern Pluͤnderung abzuſtehen :), weshalb ihm bald nachher ſein Vater Kynſtutte ein anderes Land an der Graͤnze von Rußland uͤberwies. Da wandte ſich der Marſchall ſuͤd⸗ weſtlich gegen die Burg Novogrod am Narew, dem Herzog Semovit von Maſovien zugehoͤrig, der unlaͤngſt dem Groß⸗ fürften Kynſtutte und deſſen Sohn Witowd mit einem ſtarken mehr nur errathen werden kann. Die Sache gewinnt indeſſen Licht durch eine Urkunde vom J. 1393 bei Dumont Corps diplomat. T. II. P. I. p. 234, worin ſich eine große Anzahl Deutſcher Grafen, Freien, Ritter und Edelknechte zu Gunſten des Deutſchen Ritters Johann von Bodmann wegen des Vorrechtes, die S. Georgs-Fahne zu tra⸗ gen, verbinden, weil die Böhmen dieſes Recht auf einem Ungeriſchen Zuge den Deutſchen ſtreitig gemacht hatten. Es heißt hier, die Deut⸗ ſchen, die in Ungern geweſen, haͤtten behauptet, „wo man gegen die haiden raißte, da ſolle ein Teutſcher Sanct Georgen Panner in der hand haben und fuͤhren“. Die verbuͤndeten Ritter erklaͤrten: „Nun haben wir von unfern Eltern auch nicht anderſt vernommen, denn daß es alßo herkommen iſt und bei der Red wollen wir mit inn bleiben.“ Der Streit ging uͤbrigens bis an den Kaiſer und die Kurfuͤrſten. Ei⸗ nes aͤhnlichen Streites gedenken auch Joh. von Muͤller Schweiz. Geſchichte B. II. S. 268 und Pfiſter Geſchichte v. Schwaben B. II. Abth. II. S. 32. 1) Karamſin B. V. S. 13. 2) Dieß ſtimmt nicht ganz mit Diugoss. P. 1162 und Kojalowiez b. 351 überein, welche ſagen, daß Patirke die Burg tapfer vertheidigt habe und der Marſchall zuruͤckgedraͤngt worden ſey. Wir folgen aber hier mehr Wigands Worten: Rex dietus Patrike loquitur cum marschalko adducens secum mulieres cum pueris, cerevisiam cum medone propinantes more Ruthenorun. Seyuenti anno Kynstud de- dit ei aliam terram, quia amicus fuerat ordinis, in terra Russie; — 2 Zweifel Orechow, Kexholm u. f. w., nach Kar amſin
Scanseite 180 · Druckseite 166
166 Kriegszug nach Litthauen (1363). Heerhaufen den Durchzug durch ſein Land zu einem Einfalle nach Preuſſen und namentlich in die Gebiete von Soldau und Oſterode geſtattet hatte, wo furchtbar gemordet und verheert, die Greiſe erwuͤrgt, an funfzehnhundert Einwohner gefangen hinweggefuͤhrt, die Kirchen abgebrannt und die heiligen Ge⸗ raͤthe aufs ſchnoͤdeſte entweiht und beſudelt worden waren. Der Marſchall erſtuͤrmte die Burg, die damals dem Feinde zum Ruͤckhalte gedient; fie wurde mit Feuer vertilgt und eine Zahl von dreißig Edlen bei ihrer Erſtuͤrmung erſchlagen, zur Rache am Herzoge für feine Freundſchaft mit den Heiden ). 1) Wir erhalten dieſe Nachricht nur kurz in einer Klagſchrift der Polen im Fol. Prussie Compositio p. 48, wo fie beſtimmt ins J. 1363 geſetzt wird; aber vollſtaͤndiger im Fol. Deutſ. Ord. Haͤndel mit Polen p. 148, wo es am Schluſſe heißt: Tandem ecclesias et sin- gula edificia ignis incendio concremarunt in perniciosissimum et ex- cessivum ipsius ordinis dampnum et gravamen plus quam ad sum- mam XLe M. marc. pruthenical.
Scanseite 181 · Druckseite 167
Drittes Kapitel. Je ſicherer jetzt der Hochmeiſter bei ſeinen freundſchaftlichen Verhaͤltniſſen gegen die nachbarlichen Fuͤrſten und ſelbſt auch wieder gegen den Koͤnig Kaſimir von Polen war, der dem Orden bei jeglicher Gelegenheit friedliche und wohlwollende Ge⸗ ſinnungen zu erkennen gab !), uͤberdieß auch in die Streithaͤndel zwiſchen dem Koͤnige Ludwig von Ungern und Kaiſer Karl mit verwickelt war?), um ſo entſchiedener hatte es Winrich nun zu einer der wichtigſten Aufgaben ſeines Lebens gemacht, die Heiden im Nachbarlande unablaͤſſig zu bekaͤmpfen, durch dieſen Kampf ohne Raſt und Ruhe ihre Kraft immer mehr zu ſchwaͤchen und ihren kriegeriſchen Trotz zu demuͤthigen, und ſomit auch fein Land gegen ihre Raubgier und Pluͤnderungs⸗ luſt mehr und mehr zu ſichern. Einen andern Weg zum Frie⸗ den ſchien es jetzt nicht mehr zu geben. Überdieß hielt auch überhaupt ſchon der in dieſer Zeit fo oft wiederholte Aufruf des Papſtes zur Bekaͤmpfung der Tuͤrken ) den Gedanken der 1) Wie die Mißverhaͤltniſſe zwiſchen Polen und dem Orden aus: geglichen ſeyn moͤgen, bleibt dunkel. Freundlichere Geſinnungen gegen den Orden zeigte der König z. B. in der Erneuerung und Beſtätigung des ſchon im J. 1251 zwiſchen Herzog Boleslav, dem Hochmeiſter Konrad von Thüringen und den Markgrafen von Brandenburg abge⸗ ſchloſſenen Graͤnzvertrags vom J. 1364; f. Gercken Cod. diplom. T. III. p. 252. 2 Pra Annal. Reg. Hung. P. II. p. 120. 3) Vgl. Raynald. Annal eccles. an. 1363.
Scanseite 182 · Druckseite 168
168 Kriegszuͤge nach Litthauen (1364). Verdienſtlichkeit des Streites mit den Feinden Chriſti immer noch aufrecht und in Wirkſamkeit, wie das beſtaͤndige Zuſtroͤ⸗ men der fremden Kriegsgaͤſte aus ſo vielen Laͤndern hinlaͤnglich bewies, und insbeſondere hatte der Papſt auch erſt vor kur⸗ zem allen denen, die im Kampfe gegen die Litthauer, Tata⸗ ren und andere Unglaͤubige binnen zwoͤlf Jahren erſchlagen oder verwundet werden wuͤrden, ſobald ſie an den Wunden ſterben wuͤrden, völligen Suͤndenerlaß zugeſagt !), woraus nicht bloß hervorging, wie eifrig der Papſt die Fortſetzung die⸗ ſer Kaͤmpfe mit den Heiden wuͤnſchte, ſondern auch welchen Werth die Kirche darauf ſetzte. Wie aber die Überzeugung von der hohen Verdienſtlichkeit des Streites mit den Unglaͤubigen immer wieder Tauſende aus fremden Landen nach Preuſſen trieb, ſo war der Meiſter Winrich von Kniprode von der ſei⸗ nem Orden insbeſondere ſo nahe liegenden Pflicht, das Hei⸗ denthum in der Naͤhe der chriſtlichen Lande durch Fehde und Krieg bis auf die letzte Spur zu vertilgen, viel zu tief durch⸗ drungen, als daß er die raſtloſen Kriegsreiſen ins heldniſche Land nicht auch in den folgenden Jahren haͤtte fortſetzen ſollen. Überdieß fehlte es auch nie an Gelegenheit und Anlaß; denn wie der Biſchof von Ermland Johannes Streifrock im Laufe des Jahres 1364 alle Thaͤtigkeit auf den Wiederaufbau der vor wenigen Jahren durch die Litthauer verwuͤſteten Stadt Wartenburg und auf die moͤglichſt ſtarke Befeſtigung der dor⸗ tigen Burg verwandte, um ſein Land gegen feindliche Einfaͤlle 1) Das Schreiben des Papſtes hierüber, bei Raynald. 1. o. Nr. 12, iſt eigentlich zu Gunſten des Koͤniges von Polen verfaßt, der bei ihm um eine ſolche Beihuͤlfe zur Vertheidigung gegen die Litthauer u. ſ. w. nachgeſucht hatte. Der Papſt ſagt darin: Omnibus Christifi- delibus, qui eidem Regi pro defensione dieti Regni, contra Lithua- nos, Tartaros et alios infideles ac schismaticos anxilium dabunt in- fra duodecim annos a data presentium computandos, et inibi pro defensione huiusınodi insultum, guerram vel bellum faciendo deces- serint seu fuerint vulnerati, si alibi ubicumque de talibus vulneri- bus decedere eos contingat, suorum de quibus fuerint veraciter corde contriti et ore confessi, plenam remissionem peccaminum in- dulgemus.
Scanseite 183 · Druckseite 169
Kriegszuͤge nach Litthauen (1364). 169 aus der Galindiſchen Wildniß her mehr zu ſchuͤtzen und dar⸗ um den Bau der Befeſtigungswerke auch weit kraͤftiger und ſtaͤrker anlegte, als er früher geweſen !), fo war auch Kyn⸗ ſtutte, um die durch die Vernichtung Kauens zu ſehr entblößte Hauptſtadt Wilna wieder mehr zu ſichern 2), aufs eifrigſte bes ſchaͤfligt, auf dem Werder Wyrgalle, der Naweſe gegenüber ), eine neue Burg, Neu-Kauen genannt, aufzurichten. Bereits war uͤber die Memel eine große Bruͤcke geſchlagen und mit zwei ſtarken Vertheidigungswerken verſehen, um die Bauleute gegen Überfall zu ſchuͤtzen. Der Meiſter war kaum davon be⸗ nachrichtigt, als er mit Rath feiner Gebietiger *) im Herbſt dieſes Jahres in Begleitung des Biſchofs von Samland mit einem anſehnlichen Streitheer den Memel-Strom hinaufzog. Bevor er indeſſen, in der Naͤhe des neuen Baues angekom⸗ men, die Vorbereitungen zum Angriffe vollendet, hatte der kuͤhne Komthur von Ragnit Heinrich von Scheningen, mit ſeiner Mannſchaft vorausgeeilt, bereits die beiden Befeſtigungs⸗ werke an der Bruͤcke des Memel⸗Stromes im Sturme erobert, die Beſatzung in die Flucht geworfen und die neue Burg nebſt jenen Vertheidigungswerken durch Feuer bis auf den Grund 1) Wigand. ſagt, daß der Biſchof die Stadt und Burg circum- que sepivit palis vel roboribus cum fortaliciis ac propugnaculis for- tioribus pristinis. Außerdem erbaute er in der Stadt auch ein Mino⸗ riten⸗Kloſter; Schütz p. 78. Unrichtig nennt Pauli B. IV. S. 209 den Hochmeiſter als neuen Gruͤnder Wartenburgs. 2) Kojalowiez p. 331 bemerkt: Timebatur ne belli sedes paulo post non modo in ulteriorem Lituaniam, sed in ipsam Russiam pro- moveretur. 3) Alſo öſtlich von der jetzigen Njewjeſcha; Wigand. nennt die Gegend Insula Wyrgalle; nach einer andern Stelle ſcheint ſie auch den Deutſchen Namen Gotteswerder gehabt zu haben, wenigſtens ſpaͤ⸗ terhin. 4) Wigand. ſagt bei dieſer Gelegenheit: Magister audito huius- modi rumore convocat preceptores, dicens, quomodo Lithwani re- edificant castrum Cawen, quid videtur vobis faciendum? et ajunt: plavet nobis, ut restaurata penitus subvertatur; wonach der Meiſter zuvor eine Berathung mit ſeinen Gebietigern uͤber eine ſolche Unter; nehmung hielt.
Scanseite 184 · Druckseite 170
170 Zerſtöͤrung von Biſten (1364). vernichtet !). Jetzt erſt kam Kynſtutte mit einem Streithau⸗ fen herbeigeeilt und da er die neue Burg wieder gaͤnzlich zer⸗ ſtoͤrt fand und vernahm, daß ſich das Ordensheer gegen die Burgen Biſten und Welun am Memel⸗Strome wenden werde, fo ſuchte er wenigſtens dieſe noch zu retten und verſtaͤrkte fie fo ſchnell als möglich durch feine Mannſchaft. Allein der Hochmeiſter eilte ihm laͤngs dem Strome mit ſeinem ganzen Heere nach, ließ den wackern Komthur von Ragnit vor der Burg Biſten lagern und warf ſich ſelbſt vor Welun. Hein⸗ rich von Scheningen forderte ſofort die Beſatzung zur Erge⸗ bung auf mit Zuſicherung ihres Lebens und Eigenthums. Sie verlangte eine beſtimmte Friſt, bis zu welcher, wenn ihr bis dahin von ihrem Fuͤrſten keine Huͤlfe komme, ſie die Burg dem Orden uͤberliefern und zu Gehorſam und Taufe ſich er⸗ geben wolle. Der Komthur bewilligte fie und begab ſich als⸗ bald nach Welun zu einer Berathung mit dem Meiſter, der es nebſt den uͤbrigen Gebietigern nachgab, die Beſatzung von Biſten frei und ſicher abziehen zu laſſen. Als indeſſen der beſtimmte Tag erſchien und niemand aus der Burg ſich ſehen ließ weder zur Unterhandlung, noch zu fernerer Gegenwehr, traf der Komthur die noͤthigen Anſtalten, die Feſte zu erſtuͤr⸗ men, und da ſich auch jetzt noch niemand auf den Mauern zeigte, legte man die Sturmleitern an; die Burg ward erſtie⸗ gen und ohne alle Vertheidiger gefunden, denn die Beſatzung hatte die Zwiſchenzeit benutzt, um heimlich in der Nacht mit Habe und Gut zu entfliehen. Die Feſte wurde ſogleich in Brand geſteckt und von Grund aus zerſtoͤrt 2). 1) Schütz 1. o. ſchreibt dieſes allein dem Komthur von Ragnit zu. Nach Wigand. kam nach der Flucht der Litthauer auch der Mar⸗ ſchall herbei et absque fatiga mane succendit castrum et funditus est exustum. Äojalowiez p. 332. 2) So ſcheinen die Berichte bei Wigand. und Schütz am beften verbunden werden zu konnen. Der erftere Chroniſt erzählt die Erobe⸗ rung der beiden Burgen zweimal p. 288 und 289 (wie wir aͤhnliche Beiſpiele in dem vor uns liegenden Auszuge noch öfter finden). In der Hauptſache entſprechen ſich beide Berichte und ergänzen einander in Nebendingen. Schütz, der die Reimchronik Wigands ſelbſt benutzte,
Scanseite 185 · Druckseite 171
Zerſtoͤrung von Welun (1364). 171 Mittlerweile war auch die feſte Burg Welun vom Mei⸗ ſter und den Gebietigern ſcharf belagert, aber vom heidniſchen Hauptmanne Gaſtowd *) mit aller Entſchloſſenheit vertheidigt worden. Zehn Tage ſtand bereits das Ordensheer vor ihren ſtarken Mauern?) und zwei Tage waren alle Belagerungs⸗ werkzeuge unter der Leitung des Marſchalls und des Ordens⸗ ſpittlers Ortulf von Trier in unaufhoͤrlicher Thaͤtigkeit, und liefert die Erzählung nur einmal, Dlugoss. dagegen, welchem nur der Auszug zur Hand war, hat den Bericht der Eroberung der Burgen ebenfalls und ſetzt p. 1134 die eine ins J. 1362, die andere p. 1145 ins J. 1364. Wenn aber Schütz den Hochmeiſter ſelbſt vor Biſten gehen und die Burg erobern laͤßt, ſo ſcheint dieſes nach dem ganzen Zuſammenhange der Ereigniſſe bei Wigand. unrichtig, denn hier iſt es der Komthur von Ragnit, der die Burg gewinnt. Nach Wigand ſcheint es auch, daß Kynſtutte ſelbſt mit auf der Burg Biſten war, denn als diefer die Nachricht empfängt, daß das Ordensheer ſich vor die beiden Burgen werfen wolle, Kynstut festinus transiit in dieta castra, Magister cum preceptoribus descendunt Mimilam. Com- mendator de Ragnita cum ibi (nach Biſten) venisset, acclamavit Regi dicens: date vos captivum in manus magistri dabitque vos su- per manum. Nach den Unterhandlungen mit der Beſatzung, in denen jedoch von Kynſtutte nicht weiter die Rede iſt, Commendator de Rag- nita transiit ad magistruu navigio, ubi erant alii preceptores. 1) So oder Gaſtold findet man den Namen in Urkunden, bei Wigand. Gastot, bei Schütz und Dlugoss. Gastaud, bei Kojalo- wiez Gastoldus, hie und da urkundlich auch Gaſtudt. Nördlich von Welun lag ein Dorf villa dieta Gastowdi, wahrſcheinlich dieſem Ga⸗ ſtowd gehörig: De Wal T. III. p. 376 nennt ihn Palatin de Vilna et Maréchal de Lithuanie. In einer ſpaͤtern Schrift (im Fol. Graͤnz⸗ buch B. p. 124) heißt es: Das hus Willune haben di herren von Prü- fen angewunen vor XL iaren von den ungelobigen und vinden unſers geloubens, littowen di genant woren Auſteten und di hobetluͤte hiſen by namen Surmynne, Mattewike und Gawſtod. Di dri hobetlüte, von den das hus Willune gewunnen wart, woren littowen und ir ge⸗ ſchlechte is noch czu deſer czit littowes und wonen in littowen im lande czu Coluwa bi Wilkenberg. 2) Siuul veniunt in Welun, ubi steterunt X diebus, Wigand. Nach der erſten Erzählung bei Wigand wird die Burg jedoch ſchon am vierten Tage gewonnen.
Scanseite 186 · Druckseite 172
172 Zerſtoͤrung von Welun (1364). dennoch erhielt der erſtere auf ſeine Aufforderung zur Erge⸗ bung vom Befehlshaber der Burg nicht einmal eine Antwort, obgleich die Sturmboͤcke hie und da die Mauer ſchon nieder⸗ geſtuͤrzt hatten. Auch die Vorburg war bereits niedergewor⸗ fen, als man im Parcham und an andern Orten um die Burg aufgehäuftes Holz, Reißig und Stroh in Brand ſteckte und die Flammen durch heftigen Wind getrieben uͤber die ho⸗ hen Burgmauern allenthalben zuſammenſchlugen: ein furchtba⸗ rer Augenblick fuͤr die eingeſchloſſene Beſatzung, die ſich nun dem jammervollſten Feuertode uͤberliefert ſah. Da rief der Hauptmann Gaſtowd oben von der Burgmauer den Mar⸗ ſchall um Gnade und Erbarmen an und erbot ſich ihm mit all den Seinen zu Gefangenen. Die Bitte wurde erhoͤrt, das Burgthor oͤffnete ſich und der Marſchall empfing den Haupt⸗ mann mit mehren ſeiner Edlen, um ſie ins Zelt des Meiſters führen zu laſſen. Während aber ein Theil des Ordensvolkes wild in die Burg einſtuͤrmte und in Erbitterung dort alles er⸗ wuͤrgte, was dem Feuertode noch entkommen war, hatte der Kriegshaufe, der den Hauptmann zum Hochmeiſter geleiten ſollte, aus Ingrimm den Gefangenen ſammt allen ſeinen Be⸗ gleitem ermordet). Schwer erzürnt über dieſe Verletzung ſeines Wortes verlangte der Ordensmarſchall die ſtrengſte Be⸗ ſtrafung der Thaͤter; auch der Meiſter fand fie gerecht, hielt jedoch für zweckmaͤßig, fie erſt fpäter nach der Heimkehr in Ausführung bringen zu laſſen, um etwanige Unruhen im Kriegsheere zu vermeiden. Die Burg ging ganz in Flammen auf, ihre Mauern wurden auseinander geworfen; gegen hun⸗ dert Mann der Beſatzung hatten mit dem Leben gebuͤßt, viele 1) Wigand. und Schütz ſchweigen über den Anlaß dieſer That; nach dem erſtern ſagt jedoch der Marſchall zu Gaſtowd, als er ſich ihm ergiebt: nolo culpari, si descendens percuciaris. Bei Kojalo- wiez p. 332 heißt es: Praefectus praesidii Gastoldus, cum vivus hostibus cessisset, orta concertatione de jure captivi, inter manus victorum oppressus est. Lucas David B. VII. S. 63 weiß, daß „Gaſtot umgebracht worden ſeyn ſolle von wegen feiner großen geüͤb⸗ ten Tirannei und Wuͤtens“
Scanseite 187 · Druckseite 173
Einfall der Litthauer (1364). 17h wurden als Gefangene mit fortgeführt und nur wenigen war es gelungen, durch die Flucht zu entkommen. Es laßt ſich denken, daß der Großfuͤrſt, als er von der Vernichtung ſeiner Burgen benachrichtigt ward, auf ſchwere Rache ſann, und er hatte kaum erfahren, daß der Meiſter mit ſeinem Heere heimgekehrt ſey, als er mit einem ſtarken Haufen ins Ordensland eindringend, bis in die Gegend von Georgenburg, ins Gebiet des Biſchofes von Samland vor⸗ ſtuͤrmte und alles umher verheerte und niederbrannte, weil erſt beim Ruͤckzuge der Pfleger jenes Hauſes den Feind verfolgen konnte und ſelbſt dieſes ohne beſondern Erfolg!). Gewiß würde Kynſtutte dieſe Raub⸗ und Verheerungszuͤge ins Or⸗ densgebiet bald noch oͤfter wiederholt haben, waͤren nicht die Ordensgebietiger und vor allen der kuͤhne Komthur von Ragnit unaufhoͤrlich bemuͤht geweſen, den Feind in ſeinem eigenen Lande unablaͤſſig zu beſchaͤftigen. Selbſt die Witterung beguͤn⸗ ſtigte den Orden in ſeinen Unternehmungen nach Litthauen mehr als je, denn nachdem der Sommer des Jahres 1363 ſich auf eine ganz ungewoͤhnliche Weiſe durch die furchtbarſten Gewitter ausgezeichnet, ſo daß kein Menſch ſich dergleichen erinnern konnte, endigte das Jahr 1364 mit einem erſtaunend ſtrengen und lange anhaltenden Winter, der dem Lande zwar man⸗ chen Nachtheil brachte, fuͤr die Kriegsreiſen aber gerade ſehr geeignet war 2). Außer den Ordensgebietigern ſelbſt trieben auch jetzt noch die ſchon oft erwähnten Struter, dieſes leicht⸗ bewaffnete Raubgeſellen⸗Volk, in beſtaͤndigen Einfällen ins feindliche Gebiet ihr gewohntes Kriegsgeſchaͤft und es gluͤckte ihnen, bald eine Anzahl Doͤrfer auszupochen ), bald einen reichen Bajoren zu fangen und auszupluͤndern, bald die Lit⸗ thauiſchen Graͤnzwachen aufzuheben und auseinander zu jagen “). 1) Wigand. I. c. Diwgoss. p. 1145. Kajalowicæ p. 332. 2) Lindenblatt S. 28. Detmar B. I. S. 286. Lucas David B. VII. S. 59. 63. Trithem. Chron. Hirsaug. p. 250. 8) Bekanntlich ein damals gewohnlicher Kriegsausdruck für aus⸗ pluͤndern. 4) Wenn Wigand, hier von einer Kampfart ſpricht, die in der
Scanseite 188 · Druckseite 174
174 Beraubung des Ordens ⸗Schatzes (1364). Im Verlaufe dieſer Kriegszuͤge aber ereignete ſich auf dem Haupthauſe Marienburg ein Vorfall, der im erſten Au⸗ genblicke den Orden mit einem ziemlich bedeutenden Verluſte bedrohete. Die Ordens⸗ Schatzkammer, der Treſſel genannt, damals unter der Verwaltung des Treßlers Sweder von Pel⸗ land, ward eines Tages zum großen Schrecken des Gebieti⸗ gers in der Mauer durchbrochen und der Schatz um zwölf: tauſend Ungeriſche Gulden beraubt gefunden. Man ermittelte zwar bald, daß die Bäder der nahe anſtoßenden Baͤckerei die That veruͤbt; allein ſie waren bereits entflohen und niemand wußte nach welcher Gegend hin. Der Hochmeiſter ſandte ſo⸗ gleich nach allen Richtungen Boten aus. Zu den Ordensrit⸗ tern, die deshalb nach Deutſchland zogen, um dort die Spu⸗ ren der Verbrecher zu verfolgen, geſellte ſich unter andern auch ein Buͤrger aus Marienburg, Werner Wittenberg ge⸗ nannt, der ſich ſelbſt erboten, die Diebe mit aufſuchen zu hel⸗ fen. Man war bis Goslar gekommen, als man dort zufaͤl⸗ lig die Gefangennehmung eines Menſchen erfuhr, der, wie er bereits bekannt, an der Beraubung des Treſſels mit Theil genommen hatte. Von dieſer Spur aus griff man bald noch einige andere auf und im Verhoͤre bekannten fie alle auf die Mittheilnahme des eben erwaͤhnten Buͤrgers Werner Witten⸗ berg, indem ſie bezeugten, daß in deſſen Hofe zu Marien⸗ burg in einer Theertonne faſt der ganze Raub noch verborgen liege. Man kehrte eiligſt zuruck und da die Unterſuchung die Wahrheit der Ausſage wirklich beſtaͤtigte, fo bite ſowohl der Buͤrger als der Baͤckermeiſter nebſt vier feiner Geſellen mit dem Leben am Galgen ). Wildniß, in desertis more latronum geſchehen ſey cursu subtili und dann von 12 Schalauern erzählt. daß dieſe 150 Litthauer als Wege⸗ und Gränzwäͤchter überfallen hätten, fo kann man an nichts anders, als an die alten leichtbewaffneten Raubreiter oder Struter denken, denn daß es ſolche Raubreiter auf eigene Hand auch jetzt noch gab, beweiſet eine Urkunde aus dem Ende dieſes Jahrh., deren wir Tpäter noch näher erwähnen werden. 1) Vgl. meine Geſchichte von Marienburg S. 156, Detmar
Scanseite 189 · Druckseite 175
Kriegsereigniffe (1365). 175 Wie aber das Jahr 1364 in Kriegsbewegungen unruhig und ſtürmiſch geendigt, fo begann das naͤchſtfolgende unter ahnlichen kriegeriſchen Ereigniſſen. Schon in den erſten Wo⸗ chen drang Fuͤrſt Kynſtutte, des Ordens Graͤnzwachen umge⸗ hend, durch die Wildniß bis Angerburg vor und da der Pfle⸗ ger des Hauſes eben abweſend war, fo glüdte es ihm bald die Burg zu erſtürmen, einen Theil der Mannſchaft gefangen zu nehmen und ohne Widerſtand die ganze Umgegend auszu⸗ plündern. Zwar ſuchte man den Feind bald wieder in ſeinem eigenen Lande heim, denn der neue Komthur zu Ragnit Bur⸗ chard von Mansfeld und der Ordensvogt von Samland Ruͤ⸗ diger von Elner, begleitet von neuangelangten Kriegsgaͤſten, unter denen auch der Engliſche Graf Thomas von Warwick, heerten drei Tage in den Gebieten von Erogeln und Paſtow und fuͤhrten dann weiter vordringend einen bedeutenden Raub davon 1). Allein im Februar ſtuͤrmten zu gleicher Zeit die vier Fuͤrſten Kynſtutte, Olgjerd, Patirke und Alexander mit drei Heerhaufen von viertauſend Mann in die Landſchaft Schalauen ein, uͤberwaͤltigten die Burgen Kauſtriten und Splitten nebſt dem Hachelwerke vor Ragnit, legten ſie in Aſche, ſprengten zum Theil bis an das Kuriſche Haff vor, erſchlugen uber vier⸗ tauſend der Bewohner oder fuͤhrten ſie gefangen hinweg, brach⸗ ten ihren Goͤttern nicht bloß glaͤnzende Thieropfer, ſondern weihten ihnen auch mehre Ordensbruͤder, als Henſel von Neuen⸗ ſtein mit Roß und Ruͤſtung zum Opfertode und zogen dann, nachdem fie uͤberall furchtbar gebrannt und verheert, mit einer Schaar von achthundert Gefangenen ſammt Weib und Kind Und einer reichen Beute in ihre Heimat zuruck ). B. I. S. 286, wo das Ereigniß ins J. 1363 geſetzt wird; vorzüglich auch Corneri Chron. ap. Eccard T. II. p. 1107 über die Entdeckung der Thäter in Goslar. 1) Wigand. p. 290. Diugoss. p. 1148. Schütz p. 79. 2) Schütz J. c. weicht darin von den andern Quellen ab, daß er Kynſtutte während dieſes Einfalles in Schalauen Angerburg erobern, 800 Schalauer ſich freiwillig ergeben, nach Litthauen ziehen und dort den heidniſchen Glauben annehmen läßt; Kojalowiez p. 333. Allein die Übereinftimmung Lindenblatts S. 29 mit Wigand., Dlugoss.
Scanseite 190 · Druckseite 176
176 Buͤtaut und Surwille (1365). So ſchmerzlich dem Meifter dieſer wilde Kriegsſturm war, ſo bereitete ſich waͤhrend deſſen doch ein Ereigniß vor, welches ihm wie allen Ordensgebietigern eine ungemeine Freude brachte. In der Zeit nämlich, als Kynſtutte auf jenem Raubzuge feine Luſt im Morden und Verheeren fand, faßten in der Heimat Buͤtaut, Kynſtutte's Sohn und Surwille, ein naher Verwand⸗ ter 1), beide laͤngſt mit dem Großfuͤrſten in Zwietracht lebend J. c. und Lucas David B. VII. S. 63 widerlegt ihn. Nach Wi- gand. kamen fie tribus exercitibus cum 4000, nach Dlugoss. qua- dripartito agmine. Patirke wird hier noch als Herr von Garthen (Grodno) genannt. Der vierte Fuͤrſt heißt in allen Quellen rex Alexander, bei Kojalowiez I. c. Alexander Korivtovicius, bei Dlu- goss. p. 1150 Alexander Dux Lithuaniae, filius Michaelis alias Ko- riath ducis Lithuaniae et nepos Olgyerdi et Keystuthonis. Patirke hatte aber ebenfalls einen Sohn Namens Alexander, wie wir aus den Wegeverzeichniſſen erſehen. Über die Burgen Splitten und Cauſtritten (wie Wigand. ſchreibt) |. Lindenblatt a. a. O. Von den den Göttern gebrachten Opfern ſagt Wigand.: Prope Raguitam leti sa- crificantes diis sanguinem thauri et quendam vocabulo Hensel Neu- wenstein in ignem projiciunt et sacrificant, vgl. mit Schütz und Diugoss. I. c. Lindenblatt wirft über die Verheerung der Lit⸗ thauer die Worte hin: „unde daz qwam zcu mit vorretniſſe“, aber wir erhalten darüber keinen näheren Aufſchluß. 1) Die Chroniſten ſtimmen über dieſe Namen nicht überein. Wi- gand. nennt beide Butaw ober Butaut und Surwille und bezeichnet den erſtern als Rex quidam de paganis und dieſen als deſſen Bruder. Bei Dlug oss. p. 1148 heißen fie Suriwil et Buthaw, germani Olgyerdi et Keystuthi; L. X. p. 16 wird Buthaw als Olgjerds Sohn aufge⸗ führt. Schütz J. c. nennt fie Körigell und Butaw, Sohne Olgjerds und Kynſtutte's Vettern, fuͤgt aber hinzu, daß Wig and ſie Soͤhne Kynſtutte's nenne. Nach Lucas David B. VII. S. 64 ſollen „Szuriwill und Buthau Kynſtudts und Olgerds Bruͤder“ geweſen ſeyn. Bei dieſer Verſchiedenheit der Angaben iſt es ſchwer, ganz aufs Reine zu kommen, zumal da uͤberdieß Lucas David B. VII. S. 56 — 57 vgl. mit S. 64 auch von Waydot, Kynſtutte's Sohn et⸗ was Ahnliches erzählt und die alte Preuſſ. Chron. p. 37 ebenfalls ſagt: „Darnach quam Kynſtods fon Waydoch genannt mit XV pherben czu konigesberg und lis ſich toufen, Henrich war her genant.“ Da je⸗ doch die älteften und bewaͤhrteſten Quellen im Namen Buͤtaut oder Buͤthaw uͤbereinſtimmen und Lindenblatt, ſowie die Ordenschron.
Scanseite 191 · Druckseite 177
Buͤtaut und Surwille (1365). 177 und mit ſeiner Herrſchaft unzufrieden, den Plan, ſich der har⸗ ten Behandlung des Vaters zu entziehen, bei ſeinen Feinden Schutz und Huͤlfe zu ſuchen, mit deren Macht ins Land ein⸗ zudringen und nach Vertreibung der Landesfuͤrſten ſich der Herrſchaft ſelbſt zu bemaͤchtigen. Bereits hatten ſie auch mehre Bajoren in die Verſchwoͤrung gezogen und einen heimlichen Boten nach Koͤnigsberg entſandt, die Ordensgebietiger von ihrem Vorhaben zu benachrichtigen. Sie ſelbſt waren, um der Aufſicht zu entgehen, unter welche der Großfuͤrſt fie ge⸗ ſetzt, mit ihren vertrauten Bajoren in eine wuͤſte Waldung als zur Jagd ausgezogen. Kynſtutte's Hauptmann von Wilna aber, Na s Dirſune entdeckte mittlerweile den verrätheri⸗ ſchen Plan, nahm Buͤtaut liſtiger Weiſe gefangen und ſperrte ihn mehre Nächte in einen mit eiſernen Banden wohlbefeſtig⸗ ten Stock, bis Fuͤrſt Kynſtutte nach ſeiner Ruͤckkehr weiter uͤber ihn verfugen werde. Da Surwille ſolches erfuhr, machte er ſich eiligſt mit den Mitverſchworenen auf, uͤberfiel und er⸗ ſchlug den Hauptmann und eilte dann mit dem Befreiten nebſt zwanzig Pferden nach Inſterburg, wo ſie der Pfleger des Hauſes, Heinrich von Scheningen freundlich empfing und zum Hochmeiſter nach Marienburg geleitete, vom Volke uͤberall mit Jubel und Ehrenbezeugungen begrüßt. Da berief Wirrich, über das Ereigniß ungemein erfreut, eine Verſammlung feiner Gebietiger, vor welcher die Fuͤrſtenſoͤhne öffentlich bekannten, daß fie bereit feyen, die Taufe zu empfangen. Weil aber zwei edle Grafen aus England, der von Warwick und Tho⸗ mas von Offart nebſt mehren vornehmen Kriegsgaͤſten aus Deutſchland damals eben in Koͤnigsberg lagen, die der feier⸗ lichen Taufhandlung der beiden heidniſchen Fuͤrſtenſoͤhne gerne als Zeugen beizuwohnen wünfchten, fo ward beſchloſſen, das Tauffeſt hier zu veranſtalten; und als die Bifchöfe Bartholo⸗ maͤus von Samland und Johannes von Ermland mit einer bei Matthaeus T. V. p. 781 ganz beſtimmt von einem Sohne Kyn⸗ ſtutte's ſprechen (ohne ihn namentlich zu nennen), Jo möchte wohl die⸗ ſes den wenigſten Zweifeln unterliegen. - V. 12
Scanseite 192 · Druckseite 178
178 Kriege mit den Litthauern (1365). zahlreichen Begleitung von Prieſtern, eine große Anzahl Ge⸗ bietiger und Komthure und die anweſenden Kriegsgaͤſte im Or⸗ denshauſe zu Koͤnigsberg ſich verſammelt, erhielten die Fuͤrſten⸗ ſoͤhne die Taufe, vom Hochmeiſter und der ganzen Verſamm⸗ lung reich mit allerlei Ehrengaben beſchenkt. Der eine von ihnen, wahrſcheinlich Bütaut, ward in der Taufe Heinrich genannt ). Das Ereigniß aber hatte die Folge, daß nun der Plan der geflüchteten Fuͤrſten durch Wilna's Eroberung mit Huͤlfe eines Ordensheeres ausgefuhrt werden ſollte. Nachdem ſich der Meiſter mit den beiden Fluͤchtlingen und ſeinen Gebieti⸗ gern uͤber den Kriegsplan berathen, brach das Ordensheer ſammt den fremden Kriegsgaͤſten unter Winrichs eigener Lei⸗ tung in der Mitte Auguſts gegen die feindliche Graͤnze auf Die Gebiete Geſow und Labune zwiſchen der Dobiſſa und Naweſe 2) wurden zuerſt mit Mord und Raub heimgeſucht und eine bedeutende Zahl der Landesbewohner gefangen hin⸗ weggefuͤhrt, da man des Feindes Ankunft nicht vermuthet. Vergebens bat dort der maͤchtige Bajor Iwan, Patirke's Sohn, um Schonung fuͤr ſeinen Hof und ſein Gebiet; er wurde vom Ordensmarſchall gefangen genommen und ſeine Dienerſchaft getodtet). Darauf durchſtreifte das Heer mit Feuer und 1) Es liegt noch manche Dunkelheit über dieſem Ercigniſſe. Wi gand. und die ihm folgenden Chroniſten ſprechen von Buͤtaut und Surwille als Anſtiftern der Verſchwöͤrung; mit ihm läßt fie Schütz und Diugoss. beide nach Preuſſen entkommen und die Taufe empfan- gen. Buͤtaut ſpielt indeſſen bei Wigand. die Hauptrolle und von Surwille iſt weiterhin nicht mehr die Rede. Dieß mag auch der Grund ſeyn, daß Lindenblatt, die Ordenschronik und einige andere Quel⸗ len uͤberhaupt nur von einem Sohne Kynſtutte's ſprechen. über Sur⸗ wille's Schickſal bleiben wir daher ganz ungewiß, denn ſchwerlich mag der im J. 1378 bei Wigand vorkommende Dolmetſcher Thomas Sur⸗ wille der unſrige ſeyn. Detmar B. I. S. 278 fest die Ankunft des Sohnes Kynſtutte's auf Jacobi 1365. 2) S. oben S. 162. Anmerk. 1. 3) Auf die Bitte Iwans, feinen Hof zu ſchonen, antwortete der Marſchall: Antique structure debent cremari et nove erigi; Wi-
Scanseite 193 · Druckseite 179
Kriege mit den Litthauern (1365). 179 Schwert die Gebiete von Zeimen !), an der Swintoppe hin nach Kernow und Maßgallen :), wo ſich der brave Komthur von Ragnit Burchard von Mansfeld mit nicht mehr als funf⸗ zig Reiſigen durch einen feindlichen Reiterhaufen von vierhun⸗ dert Mann ritterlich durchſchlug, zwar ſiebenundzwanzig ſeiner tapferſten Streiter auf dem Kampfplatze ließ, aber dritthalb⸗ hundert Heiden niederſtreckte und die uͤbrigen in die Flucht warf. Mittlerweile drang der Hochmeiſter ſelbſt an der Spitze ſeiner Streitſchaar bis vor die Burg von Wilna hinab, brannte alles ringsumher nieder, wagte es jedoch nicht lange dort zu verweilen, aus Furcht vom Feinde zu ſtark angegriffen zu werden ?), denn man erfuhr bald, daß vier Knechte des Fürs ſten Buͤtaut in der Nacht entflohen und den Heiden durch fie Nachricht vom Plane der Ordensherren uͤberbracht worden ſey. Dieſer Umſtand ſcheint von großer Wichtigkeit geweſen zu ſeyn, denn der Meiſter zog alsbald, nachdem er noch das dem Fuͤr⸗ ſten Kynſtutte zugehoͤrige Gebiet von Sloaſſen“) auf dem Ruͤckwege verheert, mit ſeiner Streitmacht gegen die Nerige (Wilia) und Memel zuruͤck, wo auch der Ordensſpittler Or⸗ tulf von Trier, der Ordenstrapier Werner von Rumdorf und die Heermannſchaft des Biſchofs von Samland ſich mit dem Hauptheere wieder vereinigten und der Meiſter dann einen Theil Sand, Daß Iwan ein Sohn Patirke's war, erfahren wir aus den Wegeverzeichniſſen, die ihn ausdruͤcklich als ſolchen nennen. 1) Hier von Wigand. Symen genannt; ſ. oben S. 162. Anm. 2. 2) Schutz p. 79 nennt unrichtig Kunow ſtatt Kernow. Maß⸗ gallen, auch Meißgallen, wahrſcheinlich das heutige Meſchigola zwiſchen Kernow und Wilna 3) Schütz und Dlugoss. erwähnen zwar nichts davon; allein Wigand. ſagt: Tandem veniunt ad castrum Wille, evocantque Ca- Pitaneum, putantes sic castrum obtineri. Magister quoque ait suis, de cetero a longe accedere volumus, ne decipiamur neque of- fendamur, et eircumbussit domum rediens ad exercitum. Auch Li n⸗ denblatt a. a. O. erwähnt der Sache. Detmar a. a. O. fest den Zug vor Wilna in den Winter des J. 1365 und läßt ihn 13 Tage dauern. 4) Sloassen oder Slawosen, wie es Wigand. p. 291 nennt, iſt wahrſcheinlich Slobodka an der Njewjescha. 12 *
Scanseite 194 · Druckseite 180
180 Einfall der Litthauer (1365). des Heeres und Gepädes auf Schiffen nach Königsberg ent⸗ ſandte, mit den andern zu Lande wieder heimzog !). Fuͤrſt Kynſtutte raͤchte ſich aber noch in dieſem Jahre durch einen doppelten Einfall ins Gebiet des Ordens. Zuerſt drang ſeine Heerſchaar ins Barterland bis vor Nordenburg und verheerte dort weit und breit mit Feuer und Schwert 2). Dann zog er vor Johannisburg, bemaͤchtigte ſich mehrer Schiffs⸗ fahrzeuge, fuͤllte ſie mit Holz an, trieb ſie unter die Burg, ließ ſie darauf anzuͤnden und ſetzte den Theil der Burg, wo⸗ hin ſich der Pfleger Johannes Collin mit den Seinen geret⸗ tet), fo ſchnell in Flammen, daß dieſer kaum dem Feuer: tode entfliehen konnte. Die ganze Burg ward abermals in Aſche gelegt. Darauf ſollte das Gebiet von Gerdauen der Pluͤnderung unterliegen; da aber eine vorausgeſandte Reiter⸗ ſchaar die Nachricht einbrachte, daß man dort ſchon von des Feindes Anzug unterrichtet und alles zur Gegenwehr gerüftet fey, fo kehrte der Großfürft über Angerburg in Eile nach Lit⸗ thauen zuruͤck“). Die Plünderung und Verheerung des Or⸗ 1) Wigand. erzählt dieſen Kriegszug noch im J. 1365, ebenſo Diugoss. I. d. und Lindenblatt a. a. O. Was daher Schütz be wogen haben mag, dieſe Ereigniſſe ins J. 1366 zu verſetzen, iſt kaum abzuſehen, denn ſelbſt der innere Zuſammenhang ſpricht weit mehr für das J. 1365. Wenn Lindenblatt die Dauer dieſes Zuges auf 13 Wochen ausdehnt, fo ift dieſes wohl unrichtig, denn Schütz laͤßt den Hochmeiſter das feindliche Land nur 19 Tage durchziehen, womit ſich auch Wigand. vereinigen laßt, der uͤberdieß auch ſagt, man habe ſich nur auf cinen Monat mit Lebensmitteln verſorgt gehabt. 2) Dieſen Einfall ins Gebiet von Nordenburg erzählt Wigand. faſt wörtlich zweimal, zuerſt im J. 1365 und dann wieder 1366. Pfleger von Nordenburg war damals Kuno von Hattenſtein. 3) Wig and. p. 290 ſagt: Prefectus ibidem evasit ad cloacam cum suis, wieder das heimliche Gemach, das an der Waſſerſeite lag; daher auch die Feinde naves cum pino et ligno conclavant, incen- dunt et sub cloacam ducunt, per ventum ignis elevabatur in al- tum. Die Erzählung hat einige Ahnlichkeit mit dem, was oben S. 147 berichtet iſt. 4) Wigand. erzählt die Sache noch genauer; Schütz und Diu- goss. berühren fie nur obenhin.
Scanseite 195 · Druckseite 181
Des Ordens Ruhm im Heidenkampfe (1365). 181 densgebietes war der alleinige traurige Erfolg des Zuges vor die Hauptſtadt Wilna, denn für den Plan der beiden geflüch- teten Fürftenföhme war durch ihn nicht das mindeſte erreicht. Sie wagten daher auch nicht wieder in ihr Vaterland zuruͤck⸗ zukehren, ſondern nachdem ſie im Ordenshaupthauſe Marien⸗ burg von einem Ordensprieſter in den Lehren des Chriſten⸗ thums noch genauer unterrichtet worden, begab ſich der eine von ihnen, wahrſcheinlich Buͤtaut, an den Kaifechof, ward von Karl dem Vierten mit Freundlichkeit aufgenommen, mit Land beſchenkt und zum Herzoge erhoben, ſo daß nie wieder eine Kunde von ihm in fein Vaterland zuruͤckkam 1). So hatte nun ſchon Jahre lang das verheerende Kriegs⸗ ſchwert ohne Raſt und Ruhe alle Thaͤtigkeit des Meiſters und ſeiner Gebietiger in Anſpruch genommen, alſo daß kaum noch einzelne Spuren ſeiner landesvaͤterlichen Sorgfalt fuͤr die in⸗ nere Verwaltung des Landes vorhanden ſind, denn nur ein⸗ zelne laͤndliche Verſchreibungen erinnern noch daran, daß der Hochmeiſter im Lande war, und wie bei ihm, ſo bei den uͤbri⸗ gen Gebietigern ). Von Jahr zu Jahr hatte der wilde Feind 1) Lindenblatt S. 29 ſagt von dem einen der Litthauiſchen Prinzen: „czog dor noch czum keyſer, der behilt vn bie ym unde gap ym lant und luͤthe vn, unde wart eyn gutter Criſtin.“ Die Ordens⸗ chron. bei Matthaeus p. 781 fügt hinzu, daß ihn der Kaiſer zum Her⸗ zuge erhoben habe; dieß beftätigt auch die alte Preuſſ. Chron. p. 37. Lucas David B. VII. S. 56 — 57 hat die aus Simon Grunau Tr. XIII. c. 3 entnommene verdaͤchtige Nachricht, er ſey wieder nach Preuſſen gekommen und habe vom Orden Wehlau zum Wohnſitz er⸗ halten, was nicht nur mit der Ordenschronik gar nicht uͤbereinſtimmt, wo es vom Kaiſer heißt: „Ende daerna hielt hy (der Kaiſer) hem als een groot Kriſten ſyn leven lanch“, ſondern es geht auch die Anwe⸗ ſenheit des Litthauiſchen Fuͤrſten am Kaiſerhofe in den Jahren 1369 und 1370 aus einigen Urkunden Karls IV. klar hervor, indem unter den Zeugen Henricus Lithuaniae Dux cinigemal neben Schleſiſchen Herzogen genannt wird; ſ. Dumont Corps diplom. T. II. P. I. b. 71. 79. Lehmann Speier. Chron. P. 322. 2) Es giebt beinahe keine Zeit in der ganzen Ordensgeſchichte, in welcher fo äußerft wenige Urkunden von irgend einer Wichtigkeit vor- handen find, als die Jahre 1363 bis 1366, denn außer den einzelnen
Scanseite 196 · Druckseite 182
182 Des Ordens Ruhm im Heidenkampfe (1365). das Ordensgebiet mit Raub und Vernichtung heimgeſucht und jeder Zeit den Wohlſtand der Gegenden, in denen er wuͤthete, auf Jahre hinaus untergraben. Fort und fort waren neue Kriegsheere aus Preuſſen ins heidniſche Land eingefallen, nie⸗ mals ohne Verluſte zuruͤckgekehrt und keineswegs immer zu einem Kriege, der auf Sieg und Ruhm in großen Schlach⸗ ten oder auch nur auf gemeſſenen Kampf mit dem Gegner, ſondern meiſtens nur auf Menſchenſchlachten, Rauben und Ver⸗ heeren ausging. Darum möchte mancher wohl verſucht wer⸗ den, den ſonſt fuͤr ſeiner Unterthanen Wohl und des Landes Gedeihen ſo ſorgſam und eifrigſt thaͤtig befundenen Meiſter ſchwer zu tadeln, daß er dem unerfreulichen und endloſen Kampfe mit den Heiden ſo koſtbare Kraͤfte geopfert, ſo vieler Menſchen Leben in dem nutzloſen Kriegsgetuͤmmel vergeudet und faſt jegliches Jahr Wohlſtand und Eigenthum, ja Frei⸗ heit ſelbſt und Leben ſeiner Unterthanen dem grauſamen Feinde Preis gegeben habe fuͤr ein Ziel, welches auf dem Wege kaum je erreichbar ſchien. Und gewiß nach den Begriffen unſerer Zeit moͤchte Winrich bei allem Ruhme, in dem er ſonſt in der Geſchichte glaͤnzt, hierin ſchwerlich zu rechtfertigen ſeyn. Anders aber fiel das Urtheil in damaliger Zeit. Winrich von Kniprode galt nicht bloß bei ſeinen Zeitgenoſſen im Or⸗ densgebiete ſelbſt, ſondern auch im Auslande, nicht nur in Deutſchland, ſondern ſelbſt in Frankreich, Italien und Eng⸗ land dieſer feiner unablaͤſſigen Kämpfe wegen gegen das nahe Heidenvolk für einen der ruhmwuͤrdigſten und ausgezeichnet⸗ ſten Maͤnner ſeiner Zeit, fuͤr einen der erſten Helden ſeines Ordens, für einen der verdienſtvollſten Fürften um Glauben und Kirche. Preuſſen hatte im Auslande noch nie in ſolchem Ruhme geſtanden, wie in feiner Zeit!) und noch nie waren ländlichen Verſchreibungen des Hochmeiſters, der oberſten Gebietiger und Komthure, der Biſchoͤfe und Domkapitel find es nur einzelne Er: oͤrterungen über Privatverhältniffe, die ſich in der urkunden⸗Samm⸗ lung des geh. Archivs erhalten haben. 1) Daher ſagt Wigand. p. 287 beim Anfange feines Berichtes über die Belagerung von Kauen: Sub fratre et Magistro Wyn-
Scanseite 197 · Druckseite 183
Des Ordens Ruhm im Heidenkampfe (1365). 183 von Jahr zu Jahr Fuͤrſten, Ritter und Kriegsgaͤſte aus allen Landen in ſolcher Zahl hieher geſtroͤmt, um unter des Ordens Fahnen im Kampfe mit den Heiden Ruhm und Verdienſte einzuernten. Am paͤpſtlichen Hofe hatte der Orden ſeit langer Zeit keine ſo hohe Gunſt genoſſen und der Papſt war voll Lo⸗ bes über die Verdienſte, die fich der ritterliche Verein im Streite mit den Feinden der Kirche erwarb, denn „welche Liebe,“ ſchrieb er einſt dem Kaiſer Karl, „welche Huld und Geneigt⸗ heit der Deutſche Orden, dieſe ſicherſte Schutzmauer der Chri⸗ ſtenheit, dieſer bewunderungswürdige Pflanzer des chriftlichen Glaubens und glorreiche Bekämpfer der Unglaͤubigen in den Augen der Fuͤrſten und der ganzen chriſtlichen Welt verdient, das erkennt Deine Herrlichkeit aus der Kunde der großen Tha⸗ ten der Mitglieder dieſes Ordens viel zu gut und es wuͤrden deshalb auch unſere Worte zur Empfehlung bei Dir voͤllig überflüffig ſeyn ).“ — Allgemein von der Nothwendigkeit durchdrungen, daß der noch uͤbrige wilde Reſt des Heiden⸗ thums in jenem oͤſtlichen Winkel Europa's durchaus vertilgt und zur Wohlfahrt und zum gedeihlichen Aufwuchſe der Kirche dieſes Unkraut bis auf die Wurzel zertreten werden muͤſſe; nicht minder von der Idee ergriffen, daß es nach alter Saz⸗ zung des Deutſchen Ordens erſte und heiligſte Verpflichtung ſey, die Vernichtung des uralten und gefährlichen Goͤtzendien⸗ ſtes ins Werk zu ſtellen, an ſeinem Untergange fort und fort zu arbeiten, und daß er nur hierin dem erſten Zwecke ſeiner Stiftung in rechter Weiſe genuͤgen koͤnne und genuͤgen muͤſſe, wenn er nicht ſchweren Tadel auf ſich laden wolle; und end⸗ lich von der Überzeugung belebt, daß Opfer fuͤr einen ſolchen Kampf nothwendig mit dem hochverdienſtlichen Werke verbun⸗ den und fuͤr nichts zu achten ſeyen gegen den hohen Werth und das ſegensreiche Verdienſt um Glauben und Chriſtenthum, rico in magno honore et digna laude stetit Prussia et sui prece- ptores. 1) Raynald. Aunal. eccles. an. 1366. Nr. 29, wo man bie Worte des Papſtes ſelbſt nachleſen mag.
Scanseite 198 · Druckseite 184
184 Des Ordens Ruhm im Heidenkampfe (1365). das vor Gott und Menſchen auf ihm ruhe: — in dieſer Über: zeugung — und ſie lebte ſo tief und wirkte ſo lebendig in Kaiſern, Koͤnigen und Rittern, wie in Paͤpſten, Geiſtlichen und im Volke!) — kannte man nichts, was als ein zu theu⸗ res Opfer dem großen Werke nicht dargeboten und Preis ge⸗ ſtellt werden durfte und mußte. Allerdings hatte der Hoch⸗ meiſter als Landesfuͤrſt ſeine hohen Regentenpflichten, Pflich⸗ ten fuͤr die Wohlfahrt, das Gedeihen und die Sicherheit der ihm untergebenen Lande, Pflichten fuͤr Schutz und Ruhe ſei⸗ ner Unterthanen. Allein die Stellung und das Amt eines Hochmeiſters war jeder Zeit ein ganz eigenthuͤmliches und nicht bloß mit dem eines gewoͤhnlichen Regenten und Fuͤrſten zu vergleichen. Der Meiſter ſtand daneben auch als das Haupt eines großen Ritterordens da, der auch jetzt noch ſeine eigen⸗ thümlichen Pflichten und feine eigenthuͤmliche Beſtimmung hatte, die manche große, von Fuͤrſten ſonſt nicht gekannte Opfer for⸗ derten, und auch in dieſer Beziehung verlangt die Geſchichte, den Meiſter mit gerechter Wuͤrdigung nach den Begriffen der Zeit zu richten. Überdieß herrſchte in Preuſſen das Elend und die Noth auch keineswegs in ſolchem Maaße, als es der fluͤchtige Blick vermuthet. Allerdings hatten Peſt und Hungersnoth vor ei⸗ nigen Jahren im ganzen Lande furchtbar gewuͤthet ) und die 1) Dieſes Anerkenntniß der Verdienſte des Ordens in feinem Kam⸗ pfe mit den Glaubens feinden ſpricht unter andern der Biſchof Mar⸗ quard von Augsburg in einer Urkunde fuͤr den Orden in den Worten aus: Considerantes igitur fratres in Christo dilecti, ac nostre solli- citudinis oculos in vestre religionis statum diligeneius erigentes, quod Vos et Vestra contra hostes Crucis et fidei catholice inimicos intrepide exponitis, sanguinem proprium eflunditis viriliter dimi- cando nec non in domibus et locis vestris conswevistis in meusa pietatis opera exercere, nam panperes et penuriam patientes refici- tis, advenas et peregrinos hylari vultu suscipitis, — que omnia et singula nos allieiunt et inducunt, ut a Nobis eciam aliquid repor- tare valeatis commodi et honoris etc. Urk. vom J. 1363 in Jaeger Cod. diplom. an. 1563. 2) Lucas David B. VII. S. 57 — 58; auch in Rußland
Scanseite 199 · Druckseite 185
Innerer Zuſtand des Landes (1365). 185 oͤſtlichen Gebiete vom Feinde durch Raub und Brand ſchwer gelitten. Von kriegeriſchen Verheerungen aber waren die weſt⸗ lichen Theile des Ordensſtaates lange Zeit ſchon gaͤnzlich ver⸗ ſchont geblieben; dort hatten wenige Jahre hingereicht, den früheren Wohlſtand wieder herbeizuführen, denn als im Jahre 1365) König Kaſimir von Polen über Lancziz und Cujavien durchs Kulmerland und Pomeſanien zu einem freundlichen Be⸗ ſuche nach Marienburg kam, um theils den Hochmeiſter per⸗ ſönlich, theils den Zuſtand und die Verhaͤltniſſe des Landes naͤher kennen zu lernen, fand er ſich in den drei Tagen, die er feſtlich bewirthet und hochgeehrt im Ordenshauſe zubrachte und in denen der Meiſter ihn mit allem genau bekannt machte, indem er ihm alle feine Vorrathshaͤuſer öffnen ließ, in der ihm beigebrachten Meinung von der Noth und dem Mangel im Ordenshauſe fo getaͤuſcht, daß er dem Meiſter feine Vers wunderung uͤber das, was er geſehen, nicht verbergen konnte, weil er einen ſolchen Reichthum und Überfluß an Lebensmit⸗ teln und andern Dingen nicht vermuthet. Er kehrte daher über Pommern in fein Reich mit der Überzeugung zurück, daß es in keiner Weiſe fuͤr ihn heilſam ſeyn koͤnne, mit dem Or⸗ den den Frieden zu brechen, wozu ihn, wie es ſcheint, ſeine Thronraͤthe zu bewegen geſucht hatten ?). — Überdieß beſtand Preuſſens Reichthum damals keineswegs bloß in ſeinen Ge⸗ herrſchte die Peſt in den J. 1364 — 1365 wieder ſehr ſtark; Karam⸗ fin B. V. S. 8 — 9. Kantzow Pomerania B. I. S. 388. 1) Nach Dusburg Supplem. c. 24, wo das J. 1365 genannt ift oder im J. 1366, denn Wigand. erwähnt dieſes Beſuches zwar im Herbſte des J. 1365 und Lindenblatt a. a. O. fuͤhrt ebenfalls dieſes Jahr an; jener aber nennt gleich nachher auch das J. 1366, in welches auch Diugoss. p. 1151 den Beſuch ſetzt. Der unterſchied iſt von keiner Erheblichkeit. Vgl. auch De Wal T. III. p. 386. i 2) Wigand. l. c. ſpricht von der Sache etwas dunkel; allein aus des Königes Erklärung gegen den Hochmeiſter: Domine, vix traditns luissem et nosco traditores, debebam vobiscum litigare, dicentes vos vietualibus carere, sed modo video oppositum et habundantiam rerum ete. nec volo vobiscum litigare nec mei poterant huiusmodi eredere, quod vidi in hoc castro preter alia, que non vidi, victua-
Scanseite 200 · Druckseite 186
186 Innerer Zuſtand des Landes (1365). treideernten, die ſeit einigen Jahren mißrathen waren; es hatte außer ſeiner Viehzucht mitunter und namentlich im Jahre 1363 einen aͤußerſt geſegneten Wein⸗ und Honigbau !), auf welchen der Hochmeiſter immer große Sorgfalt wandte; denn legen wir auch kein beſonderes Gewicht auf die etwas unſicheren Be⸗ richte uͤber die große Ergiebigkeit des Weinbaues in einzelnen Jahren 2), fo wiſſen wir doch aus ganz zuverlaͤſſigen Quellen, daß die Rebe in mehren Gegenden des Landes, beſonders um Thorn und Kulm mit groͤßtem Eifer gepflegt und mit bedeu⸗ tendem Erfolge gepflanzt wurde ), auch manche Ordenshaͤu⸗ fer mit ſehr anſehnlichen Weinvorraͤthen verſehen waren ), denn ein Theil der Weinpflanzungen gehoͤrte den Ordenshaͤu⸗ fern, ein anderer Privatbeſitzerns). Dem Ackerbau wurden freilich durch die Kriegsreiſen ins feindliche Land manche nuͤtz⸗ liche Kraͤfte entzogen, da der Orden ſeine Kriegsmacht aus libus plena, geht wohl hervor, daß der Koͤnig auch mit der Abſicht nach Preuſſen gekommen war, ſich hievon genau zu uͤberzeugen. 1) Lucas David B. MI. S. 59. 2) Wie ſolche Nachrichten z. B. in den in der Anmerk. bei Lu⸗ cas David a. a. O. angezogenen Stellen aus Simon Grunau zu finden ſind 3) Wir haben, um uns uͤber dieſe ſchon ſo oft beſprochene Sache gewiß zu ſtellen, in alten Grundzinsbuͤchern nachgeſucht und beſonders in denen des Thorner und Kulmiſchen Gebietes den damals ſehr haͤufi⸗ gen Weinbau in Preuſſen beſtätigt gefunden. So kommen z. B. bei Thorn 25 Weingärten vor, welche Privatbeſitzern gehoͤrten und von denen gezinſt werden mußte. Manche muͤſſen nach dem Zinsanſchlage von 13 bis 15 Scot von bedeutendem umfange geweſen ſeyn. Bei Kulm fanden wir 19 ſtädtiſche Weingaͤrten. Zwei bewährte Zeugniſſe uͤber den Weinbau in Preuſſen ſind auch Lindenblatt S. 44 und Dus burg Supplem. c. 26. 4) So hatte z. B. das Ordenshaus Thorn im J. 1383 einen Weinvorrath von 10% Faß; Amterbuch. 5) Die Behauptung bei Becker a. a. O. S. 72, daß die Wein⸗ garten meiſt dem Orden zugehoͤrt haͤtten und von ihm als Regal be⸗ baut und benutzt worden ſeyen, iſt unrichtig, wie ſchon aus den vor⸗ hin angeführten Beiſpielen von Thorn und Kulm hervorgeht. Über⸗ haupt darf man Beckern auch in dieſer Sache kaum ein Wort glauben.
Scanseite 201 · Druckseite 187
Kriegszuge (1366). 187 der Zahl der kriegspflichtigen Landbeſitzer immer zu verſtaͤrken ſuchte. Allein auch dieſe Sache erſcheint in ungleich milderem Lichte, wenn man erwaͤgt, daß die meiſten Kriegszuͤge zur Winterzeit unternommen wurden, daß zu keiner Zeit ſtets alle kriegspflichtigen Landbewohner zu einer Kriegsreiſe aufgeboten, viele von den Landbeſitzern nach ihrem Rechte außerhalb ihrer Landſchaften gar nicht kriegspflichtig waren, daß es weit mehr immer den Ordensrittern und Conventsbrüdern galt, im Hei⸗ denkampfe Beſchaͤftigung zu finden und endlich in Winrichs Zeit weit zahlreicher als je zuvor Fuͤrſten und Ritter mit Kriegs⸗ gäften aus allen Landen herbeiſtroͤmten, mit deren Beihuͤlfe der Orden ſeine Kriege gegen die Heiden fuͤhrte. So zogen nun auch im Winter des Jahres 1366 aus Deutſchland die beiden Herzoge Wilhelm von Berg und Wil⸗ helm der Zweite von Juͤlich!) und aus England mehre edle Herren 2) wieder mit zahlreichen Kriegshaufen nach Preuſſen herein, um ihr Kriegsſchwert an den Feinden des Kreuzes zu verſuchen. Der Ordensmarſchall unternahm mit ihnen zwei Kriegszuͤge ins feindliche Land, den erſten in die Gegend des Memel⸗Stromes, wo nach einigen Jahren die Burg Gottes⸗ werder errichtet wurde, den andern nach Samaiten in die Gebiete um Erogeln, aber beide ohne ſonderlichen Erfolg, in⸗ dem einmal die Kriegsmacht gegen den zahlreichen Feind nicht ſtark genug war und das anderemal das Aufthauen des Me⸗ mel⸗Stromes einen ſchnellen Ruͤckzug nothwendig machte 3). Raub und Gefangene waren auch hier der einzige Gewinn, den die Krieger nach Preuſſen brachten und beinahe haͤtten ſie ſelbſt dieſen mit einem ſchweren Verluſte bezahlen muͤſſen, denn 1) Schannat Eiflia Illustrat. von Bärtſch B. I. Abth. 2. Stammtaf. XIII a). Wigand. nennt fie nicht namentlich. 2) Wigand. nennt Dominus Bemunt et Nortz Vewater Angli- cus, mag aber die Namen ſchwerlich richtig haben. Der erſte ift wahr: ſcheinlich der in der Engliſchen Geſchichte dieſer Zeit öfter vorkom⸗ mende Dominus le Bewmont; f. Henr. de Änyghion de eventib. Angliae p. 266, 2706. 3) Wigand. p. 291.
Scanseite 202 · Druckseite 188
188 Suͤhne mit dem Erzbiſchofe von Riga (1366). waͤhrend der Ordensmarſchall mit dem Pfleger von Inſterburg noch zu Ragnit verweilte, warf ſich Kynſtutte mit einer Rei⸗ terſchaar in ſo reißender Schnelligkeit vor das Haus Inſter⸗ burg, daß die Ordensritter, eben zu Tiſche ſitzend und den heranſprengenden Feind gewahrend, kaum noch die noͤthige Zeit gewannen, die Burgbruͤcke aufzuziehen und ſich von der Ge⸗ fangenſchaft zu retten. Eine anſehnliche Zahl von Pferden aber und gegen funfzig gefangene Bewohner mußte man dem ringsumher heerenden Feinde uͤberlaſſen !), fo ſehr es nach⸗ mals den Pfleger des Hauſes ſchmerzte, die verhaßten Pluͤn⸗ derer auf feinen Roſſen reiten zu ſehen 2). Der Hochmeiſter ſelbſt nahm an den Kaͤmpfen gegen die Heiden in dieſem Jahre wenig Theil, denn es beſchaͤftigten ihn wichtige Verhaͤltniſſe feines Ordens im Weſten feines Gebietes. Seit naͤmlich nach Arnolds von Vietinghof Tod Wilhelm von Freimersheim als neuer Meiſter nach Livland gekommen war, hoffte der Erzbiſchof von Riga Frommhold von Vyfhuſen den uralten Streit, den auch die letzte Entſcheidung vom Jahre 1360 noch nicht hatte beſeitigen koͤnnen, guͤnſtiger für fein In⸗ tereſſe beendigt zu ſehen; und in dem Wunſche nach einer end⸗ lichen völligen Ausgleichung des aͤrgerlichen Zwiſtes kam ihm nicht nur der Livlaͤndiſche Meiſter, ſondern auch Winrich von Kniprode ſelbſt entgegen, denn auch fremde Fuͤrſten, als der Herzog Albert der Erſte von Meklenburg hatten ſich ins Mittel 1) Nach Kajalowiez p. 334 fol der Feind bis Wehlau und Ta piau geheert und die Stadt Inſterburg verbrannt haben. 2) Wir haben hierüber nur Wigand, I. c. und Diugoss. p. 1152 als bewährte Quellen, die ſich ergänzen. Nach erſterem ſcheint es, als habe der Mauſchall mit Kynſtutte einen Verhandlungstag verabre⸗ det gehabt, denn es heißt: Anno 1366 Henningus Scindekop statue- rat dietam cum Kynstut consciis suis; hierauf bricht der Fuͤrſt aber erſt bis Inſterburg vor, waͤhrend der Marſchall mit den Gebietigern in Ragnit verweilt, und nachdem er dort die Roſſe geraubt, propera- vit ad Marschalcum ad dietam preordinatam. Rex vero (Kynstut) cum suis sedens in equis Prefecti (Insterburgensis); et preſectus ait: quod nec sperasset huiusmodi; et Rex: Tales sunt qualitates temporum modo!
Scanseite 203 · Druckseite 189
Sühne mit dem Erzbiſchofe von Riga (1366). 189 geſchlagen und den Hochmeiſter aufs dringendſte erſucht, mit dem Erzbiſchofe ſich auszuföhnen und ihm einzuraͤumen, was ihm am paͤpſtlichen Hofe durch rechtliche Entſcheidung zugeſprochen worden fen‘). Der Erzbiſchof ſchlug eine muͤndliche Unter⸗ handlung zu Danzig vor und es verſammelten ſich dort im Fruͤhling dieſes Jahres außer dem Hochmeiſter und dem Erz⸗ biſchofe der Meiſter von Livland, die fuͤnf oberſten Gebietiger aus Preuſſen, eine große Anzahl von Komthuren beider Laͤn⸗ der, die Biſchoͤfe Johannes von Dorpat, Bertram von Lu⸗ beck, Johannes von Ermland, Wigbold von Kulm, Nicolaus von Pomeſanien, Bartholomaͤus von Samland, Ludwig von Reval, viele Pröbfte, Abte, Ritter und Rathsherren verſchie⸗ dener Staͤdte, ſo daß ſeit vielen Jahren eine ſo glaͤnzende und zahlreiche Verſammlung in Preuſſen nicht geſehen worden war). Es kam im Anfange der Verhandlungen zwar zu ei⸗ nem heftigen Zwiſte zwiſchen dem Livlaͤndiſchen Meiſter und dem Erzbiſchofe; Winrich indeſſen trat bald als Mittler auf und man verſtaͤndigte ſich am Schluſſe der Berathung in fol⸗ genden weſentlichen Punkten: der Orden entſagt der Herrſchaft uͤber die Stadt Riga zum Beſten des Erzbiſchofs, mit Aus⸗ nahme der dortigen Ordensburg, ihrer Vorburg, der zugehoͤri⸗ gen Gebaͤude, der Inſel Andreasholm, der dem Komthur von Segewald und dem Vogte von Wenden gehoͤrenden Haͤuſer und einiger andern Beſitzungen; der Orden entlaͤßt die Buͤr⸗ ger des Eides, den ſie dem Meiſter und Orden zugeſagt, be⸗ haͤlt ſich aber die Verpflichtung zu Heerfahrten, die ſie dem Orden gelobt, auch noch ferner vor, dergeſtalt daß wenn ſie 1) Das Schreiben des Herzogs Albert von Meklenburg an den Hochmeiſter im Formularbuche p. 47. 2) Bemerkenswerth iſt, daß unter den Anweſenden auch Borchar- dus de Dreynleve olim preceptor Lyvonie genannt iſt, der alſo nicht, wie Bachem Chronol. der Hochmeiſt. S. 39 anfuͤhrt, ſchon im J. 1346 geſtorben war. Außerdem finden wir noch gegenwärtig Arnold von Herike als Komthur von Fellin, Wilhelm von Muntrof als Kom⸗ thur von Duͤnamuͤnde, mehre Rathsherren von Greifswalde, Luͤbeck und Riga u. a.
Scanseite 204 · Druckseite 190
190 Ausgleichung mit dem Biſchofe von Samland (1366). dem Erzbiſchofe den Huldigungseid auch geſchworen haben, ſie dennoch zu Kriegsreiſen verpflichtet ſeyn, der Erzbiſchof zwar hieruͤber die naͤhere Beſtimmung geben, aber den Dienſt ſelbſt nie verweigern ſoll. Der Erzbiſchof dagegen entſagt al⸗ len Anſpruͤchen auf die Burgen, Haͤuſer und Befeſtigungs⸗ werke, wie ſie der Orden zur Zeit beſitzt, ſowie auf alle Lande, die er einſt von den Bruͤdern des Ritterdienſtes Chriſti in Liv⸗ land erhalten hat; er ſoll auch niemals vom Meiſter und Or⸗ den in Livland Gehorſam oder Lehenshuldigung verlangen; endlich ſoll aller Zwiſt und Streit unter beiden Theilen durch dieſen freundlichen Vertrag getilgt und vergeſſen ſeyn!). So ſchien die Sühne nun einmal vollkommen bewirkt zu ſeyn und wirklich war ſie es auf mehre Jahre, bis nachmals wieder ein neuer Funke des alten Haders erwachte. Außerdem beſchaͤftigte den Meiſter nach feiner Ruͤckkehr von Danzig die Ausgleichung verſchiedener Verhaͤltniſſe mit dem Biſchofe Bartholomaͤus von Samland, der ihn ins Or⸗ denshaupthaus begleitet hatte, denn einer Seits war in Ruͤck⸗ ficht der Laͤndertheilung zwiſchen beiden noch manches naher zu eroͤrtern, anderer Seits mußte auch in Beziehung auf ei⸗ nige im bifchöflichen Gebiete zu feiner Sicherheit erbaute Bur⸗ gen uͤber Einzelnes eine beſtimmte Anordnung getroffen wer⸗ den. Der Biſchof verlangte naͤmlich zu ſeinem Biſchofstheile noch den dritten Theil der Danziger und der Kuriſchen Neh⸗ ring 2), ferner den dritten Theil ſowohl des Friſchen als Ku⸗ 1) Der Vertrag, dat.: In castro Dantzeke Wladislav. dyoc. an. 1366 mensis May die VII in einer alten Abſchrift im Buche: Ri⸗ giſche Handlung p. 91—92 und in einer fpäteren Copie im geh. Arch. Schiebl. XLI. Auch Wigand. p. 290 ſpricht von dieſer Sache, fügt aber hinzu: Quod tune placuit magistro atque archiepiscopo, in- terim crebrius est violatum, quum Rigensis Antistes non vivit sine lite. Lindenblatt S. 29 nur beilaͤuſig. Was Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 466 im J. 1363 daruͤber ſagt, gehoͤrt ins J. 1366, wo er den Inhalt des Vertrages mittheilt. Arndt Th. II. S. 108. Hiärn S. 214. Bergmann Magazin für Rußl. Geſch. B. I. H. II. S. 19. 2) Auf eine freundliche Anfrage über die Gründe, warum ich in
Scanseite 205 · Druckseite 191
Ausgleichung mit dem Biſchofe von Samland (1366). 191 riſchen Haffes und endlich einen gleichen Theil der Lande und Gewäfler vom Kuriſchen Haff an bis zu den zuletzt beſtimm⸗ ten Graͤnzen des Nadrauerlandes, ſowie von den aͤußerſten Graͤnzen Nadrauens bis an die Graͤnzen Litthauens. Es wurde beſtimmt, daß der Biſchof bis zur Feſtſtellung der Graͤn⸗ zen der noch nicht getheilten Lande einen Theil der Fifcherei im Kuriſchen Haff erhalten, von der Burg Splitten den drit⸗ ten Theil der Gebaͤude behaupten, auf ſeine Koſten am Fluſſe Ruß eine Burg Wenkiskin genannt erbauen und ſeine Leute verpflichtet ſeyn ſollten, die Georgenburg in Litthauen mit den noͤthigen Lebensmitteln zu verſorgen ). dieſem Werke „Nehring“ und nicht wie gewoͤhnlich „Nehrung“ ſchreibe (Preuſſ. Provinzial⸗Blaͤtter B. V. Heft Febr. S. 119), bemerke ich, daß fuͤr meine Schreibart theils die Sprache, theils geſchichtliche Do⸗ cumente zu ſprechen ſcheinen. Es iſt naͤmlich 1. kaum zu beſtreiten, daß die Ordensritter den Namen dieſer Sandduͤnen, ebenſo wie eine Menge anderer Localnamen, vorfanden und ſo annahmen, wie ſie ihn fanden. Der Name iſt alſo nicht deutſch, ſondern altpreuſſiſch. Der Stamm hat ſich im Lettiſchen erhalten, denn „nerehe heißt fo viel ale „auswuͤhlen“, |. Stenders Lettiſ. Wörterbuch. Nun iſt im Let⸗ tiſchen die Endung igs, fem. iga, wie im Litthauiſchen ingas, fem. inga ſtets adjectiviſch und zeigt theils den Zuſtand, theils die Beſchaf⸗ fenheit eines Dinges an, wie nahwigs tödtlich, vergiftet, reebigs, verhaßt. Nach dieſer Analogie waͤre das vom Stammworte nereht (auswuͤhlen) abgeleitete Adjectiv nerigs, fem. neriga etwas ausgewuͤhl⸗ tes, ausgeworfenes; daher neriga semme ein ausgewuͤhltes, von den Meereswellen aufgeworfenes Land bedeuten wuͤrde. (Nach einer Mit⸗ theilung des Litthauiſchen Sprachkenners Prof. Rheſa.) Mit dieſer ſprachlichen Erklaͤrung des Namens ſteht aber die muthmaßliche Ent⸗ ſtehung der Nehringen (ſ. oben B. I. S. 12) im Einklange, wozu noch kommt, daß die adjectiviſche Endung in ing und wing im Alt⸗ preuſſiſchen nicht ungewöhnlich war (ſ. Vater Sprache der alten Preuſſ. S. 91). 2. In faſt allen urkunden wird die Nehring Neria oder (noch gewohnlicher) Nergia genannt, ſelbſt in den älteſten von 1258. Ob die Urform Nerigia oder Neringia geweſen ſey, will ich nicht entſcheiden, aber abgeſchliffen ſind offenbar beide und der Stamm nereht oder ein aͤhnliches Wort im Altpreuſſiſchen liegt dem Namen Nehring ſichtbar zum Grunde. 1) Wir haben hieruͤber die Urkunde nicht mehr ſelbſt, ſondern nur den zu Marienburg abgefaßten Entwurf im geh. Arch. Schiebl.
Scanseite 206 · Druckseite 192
192 Marienburg in Litthauen (1367). Wie ſchon in dieſem Vertrage der Meiſter ſeinen Blick wieder vorzuͤglich auf des Landes Sicherheit gen Oſten hin gerichtet, ſo beſchloß er bald darauf, um die ploͤtzlichen Ein⸗ faͤlle des Feindes in das Gebiet des Ordens mehr zu hemmen, am Memel⸗ Strome noch eine neue Burg aufzurichten und mit hinreichender Mannſchaft zu bewehren. Er begab ſich deshalb ſelbſt in die Gegend zwiſchen Kauen und Georgenburg, waͤhlte die Lage fuͤr die neue Feſte, welche Marienburg heißen ſollte, ſelbſt aus und ließ den Bau alsbald beginnen, nachdem er ein ſtarkes Gehäge hatte ziehen laſſen, in welchem das Kriegs⸗ volk gegen die Heiden Wache halten ſollte. In der That ver⸗ ſuchte es Kynſtutte zweimal durch heftige Angriffe den Bau zu hindern, wurde aber jedesmal mit Macht zuruͤckgeworfen und ſo gelang es dem Meiſter den Aufbau in dieſem Jahre noch zu vollenden !). Unter dem Schutze dieſer neuen Burg aber ſtand der Or⸗ densmarſchall ſchon in den letzten Tagen des Februars im Jahre 1367 wieder an der Spitze eines zahlreichen Heeres, welches in drei Abtheilungen in den Gebieten oͤſtlich an der Naweſe bis nach Neu-Kauen herab mit Brand und Mord LU. Nr. 12. Aber auch dieſer iſt in mancher Hinſicht merkwuͤrdig. über die Kuriſche Nehring erhalten wir aus ihm die geographiſche Nachricht: Cropsteyn et Pillecop mentes jacent in Nerga versus Memlam, in alia parte exopposito iacent Andenb urg et Varischir Davon kennen wir bloß noch das jetzige Pillkoppen und vielleicht Kirb⸗ ſte⸗Berg. Von der Georgenburg heißt es ausdruͤcklich: quod homines nostri nunc coguntur victualia ducere in Castrum Jurgenburg in terra Lit wanorum situm, 1) Wigand, I. c. ſagt ausdruͤcklich: Magister cum preceptoribus suis concepit in profectum patrie edificare castrum prope Mimilam in terra, sub vocabulo Mergenburg. Es iſt daher unrichtig, wenn Kojalowiez p. 334 den Hochmeiſter die Burg Chriſtmemel wieder auf⸗ bauen läßt. Dieſes neue Marienburg lag in der Gegend von Kauen, wo ſich jedoch keine Ruine mehr davon erhalten hat. Lucas David B. VII. S. 185 giebt den Bau der Burg zu ſpaͤt an. Diugoss. p. 1152 ſpricht zwar ebenfalls von dem Bau, aber ohne den Namen der Burg zu nennen. Lindenblatt S. 30 ſetzt den Aufbau Ma⸗ rienburgs erſt ins J. 1368.
Scanseite 207 · Druckseite 193
Die Hanſeſtaͤdte in Preuſſen (1367). 193 furchtbar hauſte, ohne Widerſtand das ganze Land durchpluͤn⸗ derte, außer den zahlreich erſchlagenen Bewohnern uͤber acht⸗ hundert als Gefangene mit fortfuͤhrte, zwei Stutereien, wo⸗ von die eine dem Großfürſten gehörte, ausleerte und feinen ganzen reichen Raub, ohne einen Feind auch nur geſehen zu haben, nach Preuſſen zuruͤckbrachte !). Der Hochmeiſter ſelbſt aber widmete jetzt mehr als je ſeine Thaͤtigkeit den wichtigen Verhaͤltniſſen ſeiner vorzuͤglichſten Handelsſtaͤdte. Wie fruher erwahnt, war ſchon mit dem Aus⸗ gange des dreizehnten Jahrhunderts wenigſtens das damals ſchon blühende Elbing 2), mit Luͤbeck durch fein Recht an ſich ſchon in naͤherer Verbindung ſtehend, und wohl auch einige andere Städte in den Bund der Deutſchen Hanſe getreten, wodurch ſeitdem in Preuſſens Seehandel ein ganz neues Le⸗ ben erwachte. Allein obgleich die im weſtlichen Theile des Or⸗ densſtaates herrſchende Ruhe den Handel der Staͤdte wohl ſehr beguͤnſtigt haben mochte und wie von andern Laͤndern der Oſtſee auch von Preuſſen aus Handel und Verkehr zur See betrieben wurde, fo geht doch eine ziemlich lange Zeit voruͤber, ehe die Staͤdte Preuſſens im Bunde der Hanſe mit einiger 1) Wigand. I. c. nennt als gepluͤnderte Gebiete Slawosen, Pa- wnnden, Warlow, Swynoren, Caleynaude, Salwisowe prope vetus castrum Cayne, Calewysten, donec perveniatur prope novam Ca- wen; Schütz p. 80 dagegen Setin, Warlow, Swinaren, Caleynen und Salwyſow. Es iſt ſchwer, dieſe einzelnen Gebiete genau zu er⸗ mitteln. Über Slawosen f. oben S. 179. Anmerk. 4. Warlow lag nach den Wegeverzeichniffen eine Meile von Romeyn oder Rompn, alſo nördlich von Slobodka; Setin iſt das heutige Schary. Die Stute: reien (equiritiae) waren zu Neu⸗Kauen und Lerdentrag, welche letz⸗ tere dem Großfuͤrſten gehörte. 2) Elbing finden wir ſchon im J. 1278 in der Verbindung der Seeſtaͤdte; Sartorius urkundl. Geſchichte des Hanſebund. B. I. S. 28. Alſo eine ältere Spur der Theilnahme am Hanſebunde, als oben B. III. S. 511 angegeben iſt. — Wir bemerken hier, daß uns das eben erwähnte claſſiſche Werk von Sartorius ſehr viel Neues für die Geſchichte Preuſſens an die Hand gegeben und manche wichtige Aufklärung geliefert hat. M 13
Scanseite 208 · Druckseite 194
194 Die Hanſeſtaͤbte in Preuffen (1367). Bedeutſamkeit hervortreten, fo daß wir erſt in den letzten Jah⸗ ren des Meiſters Dieterich von Altenburg mit völliger Sicher⸗ heit erfahren, daß außer Elbing auch Thorn, Kulm, Danzig, Koͤnigsberg und Braunsberg Bundesglieder der Hanſe wa⸗ ren ). Sie bildeten aber gewiß ſchon lange zuvor in gleicher Weiſe, wie die Wendiſchen und andere ſich nahe liegenden Seeſtaͤdte, einen beſondern Verein unter ſich ſelbſt, den das gemeinſchaftliche Intereſſe, gemeinſchaftliche Beſtrebungen und Bedürfniſſe erzeugt haben mochten ?). Seit dem Jahre 1340 erſcheinen ſie, in der Eintheilung der Hanſeſtaͤdte in drei Ab⸗ theilungen, zuerſt als mit den Weſtphalen verbunden und tre⸗ ten von deman beſtändig als zum Weſtphaͤliſch⸗Preuſſiſchen Diſtricte gehörig auf;). Der Urſprung dieſer nicht wie bei den andern Abtheilungen durch die Nachbarſchaft der Staͤdte veranlaßten Verbindung liegt noch zur Zeit im Dunkeln und iſt um ſo auffallender, da in dieſer Zeit von ſonſtigen naͤheren Beruͤhrungen der Staͤdte Preuſſens und Weſtphalens nichts verlautet. Man hat vermuthet, daß dieſe Verbindung nicht auf einer willkuͤhrlichen, auf den Hanſeatiſchen Niederlagen gemachten Eintheilung, ſondern auf aͤltern Handels⸗ und Schutz⸗ verhältnifjen beruhe und vielleicht durch eine Verbindung Coͤl⸗ niſcher Erzbiſchoͤfe mit dem Deutſchen Orden veranlaßt wor⸗ den ſey “). 1) Sartorius a. a. O. Vorrede S. XXV und B. II. S. 361 führt eine Urkunde vom J. 1340 an, in welcher ſie, ſo viel uns be⸗ kannt iſt, zuerſt als Bundesglieder erſcheinen. Ob die ſaͤmmtlichen Preuſſiſchen Städte oder dieſe auch uͤberhaupt nur ſchon im Anfange des 14ten Jahrh. von Luͤbeck zu einer Tagfahrt eingeladen wurden, iſt nach Sartorius a. a. O. S. 46 noch ungewiß. Namentlich aufge⸗ führt finden fi) die oben genannten ſechs Preuſſiſchen Städte zuerſt in einer Urkunde vom J. 1368; ſ. Sartorius a. a. O. S. 82—83. 2) Sartor ius a. a. O. S. 30. 3) Sartorius a. a. O. S. XXV und 86. 4) So Sartorius a. a. O. S. XXV. Gelöft iſt das Räthſel durch dieſe Vermuthung noch nicht, zumal da von einer ſolchen Ver⸗ bindung Coͤlniſcher Erzbiſchöfe mit dem Orden, die auf die Städte Preuffens hätte einwirken koͤnnen, durchaus nichts bekannt ift.
Scanseite 209 · Druckseite 195
Die Hanſeſtaͤdte in Preuffen (1367). 195 Wie dem aber auch ſeyn mag, der Handel nach den Nie⸗ derlanden, gewiß in eben der Art, wie aus andern Kuͤſten⸗ laͤndern der Oſtſee, auch von Preuſſen aus ſchon im vorigen Jahrhunderte betrieben, hatte bald den Preuſſiſchen Staͤdten ein viel zu bedeutendes Gewicht gegeben, als daß man ſie nicht gerne in den großen Hanſebund hätte aufnehmen follen. Vorzuͤglich ſcheint der Bernſteinhandel das Band geweſen zu ſeyn, welches den Handel aus Preuſſen uͤberhaupt mit dem der Niederlande enger verknuͤpfte, daher, wie früher erwähnt !), ſchon unter Dieterich von Altenburg der Graf Wilhelm von Holland und Hennegau außer den Kaufleuten aus Weſtpha⸗ len beſonders auch die aus Preuſſen durch ein eigenes Privi⸗ legium in feine Handelsſtaͤdte zu locken fuchte?). Seitdem hatten ſich mehre Staͤdte Preuſſens ſchon zu ſolchem Gewichte emporgehoben, daß an der Spitze der Handelsdeputirten, die im Jahre 1354 einen wichtigen Streit zwiſchen Bruͤgge und Dortrecht auszugleichen hatten, namentlich auch Sendboten aus Thorn erwaͤhnt find, wie denn uͤberhaupt in dieſem Jahr⸗ zehend wiederholt bei gewichtigen Verhandlungen der Hanſe⸗ ſtaͤdte auch Bevollmaͤchtigte aus den Bundesſtaͤdten Preuſſens mit auftreten, und zwar meiſtens in Handelsverhaͤltniſſen, welche die Niederlande betrafen ), denn die Niederlaͤndiſchen Handels⸗ 1) S. oben S. 77. 2) Sartorius a. a. O. S. 44. B. II. S. 361. Es wurde in dem Privilegium zugleich der Zoll feſtgeſetzt, den die Kaufleute zu Dortrecht entrichten ſollten. über dieſe Freiheiten des Grafen Wil⸗ helm ſagt Sartorius S. 267: Sie enthalten nur das allgemeine ſichere Geleit und daß die Kaufleute zu demjenigen Zoll verbunden ſeyen, wie fein offener Brief ausſagt. Damit find die Urkunden vom J. 1340 und 1341 gemeint, worin er den Kaufleuten aus Preuffen und Weſtphalen die Freiheit beftätigt, feinen Zoͤllen vorbeizufahren, welche auch des Grafen Mutter Margarethe, Kaiferin von Rom, im J. 1346 beſtätigt. Die Urkunden bei Sartorius B. II. Nr. CXLVIII. CLXI. 3) Albert. Krantzii Saxonia L. IX. p. 249. So begaben ſich auch im J. 1356 zwei Abgeordnete aus Preuſſen, Johann von Soeſt bi Thorn und Johann von Novgorod aus Elbing mit Vollmacht und Zustimmung des Weſtphäliſchen und Preuſſiſchen Drittels nach Brügge, 13 *
Scanseite 210 · Druckseite 196
196 Die Hanfeftäbte in Preuſſen (1367). ſtaͤdte waren wie überhaupt fir alle Hanſeſtaͤdte, fo insbeſon⸗ dere auch für Preuſſens Handelsſtaͤdte wegen des Zwiſchenhan⸗ dels viel zu wichtig und die Handelsfreiheiten, welche vor al⸗ len Bruͤgge den Hanſeſtaͤdten zugeſichert, hatten viel zu gro⸗ ßen Reiz, als daß nicht bald und zwar ſchon vor der Mitte dieſes Jahrhunderts ein lebendiger Verkehr zwiſchen beiden Laͤndern hätte eintreten muͤſſen !). Freilich trafen die Stoͤrun⸗ gen des Handels, die ſo oft zwiſchen Bruͤgge und den Han⸗ ſeſtaͤdten vorfielen, immer zugleich auch Preuſſen mit; indeſſen dauerten ſolche Unterbrechungen theils niemals lange, theils trugen ſie auch dazu bei, den Verkehr mit manchen andern Staͤdten der Niederlande anzuknuͤpfen, wie denn Thorn z. B. mit Ypern im Jahre 1360 bereits in Verbindung ſtand 2). In der Zeit aber als die norddeutſchen Handelsſtaͤdte ge⸗ gen die ſteigende Macht Dänemarks und gegen des Königes Waldemar des Dritten immer kuͤhner gewagte Schritte mehr und mehr eiferfüchtig und beſorgt wurden, endlich cine foͤrm⸗ liche Verbindung wider ihn ſchloſſen ), ſich mit feinen Fein⸗ den, den Koͤnigen Magnus und Hakon von Schweden und Norwegen verbanden und auch die Staͤdte Preuſſens zur Theil⸗ nahme am Bunde aufforderten, um den Handel durch Wal⸗ demars Gewaltſchritte nicht weiter beſchraͤnken zu laſſen, ka⸗ men dieſe, wie es ſcheint, in Verlegenheit, welche Stellung fie als Bundesſtaͤdte der Hanſe gegen den Koͤnig nehmen ſoll⸗ um dort mit den Alterleuten der gemeinen Deutſchen Kaufleute allge⸗ meine Beſtimmungen in Beziehung auf den Handel feſtzuſetzen; Sar⸗ torius a. a. O. S. 238. Im J. 1358 erſchienen abermals Send⸗ boten aus Preuſſen, namentlich die Rathsmaͤnner aus Thorn und El⸗ bing mit Vollmacht der Preuſſ. Städte auf einem Verhandlungstage zu Luͤbeck wegen des Unrechtes, welches dem gemeinen Kaufmanne von der Hanſe in Flandern geſchehen war; Detmar B. I. S. 281, Sar⸗ torius a. a. O. B. I. S. 48, B. II. Nr. 183. S. 443. 1) Vgl. Sartorius B. I. S. 212. 228. 234. 2) Sartorius B. I. S. 254. 3) Vgl. Petri Olai Chron. reg. Dan. ap. Langebek. T. I. p. 134 — 135. Detmar B. I. S. 284. Sartorius B. I. S. 60 — 61.
Scanseite 211 · Druckseite 197
Die Hanfeflädte in Preuffen (1307). 197 ten, da der Orden bisher mit Waldemar nicht nur in fried⸗ lichen, ſondern ſelbſt in den freundſchaftlichſten Verhaͤltniſſen ge⸗ ſtanden hatte. Sie erklaͤrten daher, zum Beſten der gemeinen Sache und zur Unterflüßung wider den König zwar allen Han⸗ del mit Daͤnemark aufheben und einen Pfundzoll bewilligen, fonft aber am Kriege nicht Theil nehmen zu wollen !), und dieſer Erklaͤrung blieben ſie, ſo viel wir wiſſen, auch dann noch treu, als ſich nachmals der Bund der Hanſeglieder ge⸗ gen Waldemar noch bedeutend erweitert hatte 2), denn wie wenig man das friedliche Verhaͤltniß mit dem Koͤnige brechen mochte, gab der Hochmeiſter ſelbſt dadurch zu erkennen, daß er dem Sendboten deſſelben, der ihn von Seiten des Koͤni⸗ ges befragte, wie er und die Seinen zum Verderben ſeines Reiches den Hanſeaten habe Beiſteuer geben koͤnnen, die Ant⸗ wort ertheilte: nicht zu dieſem Zwecke, ſondern um die See zum Beſten des gemeinen Kaufmannes zu befrieden, habe er den Pfundzoll geſetzt ). B Wie aber keine halbe Maßregel je Nutzen bringt, fo ſchlug auch dieſe keineswegs zum Vortheile der Staͤdte Preuſ⸗ ſens aus, denn ihr Handel mit Daͤnemark war geſtoͤrt, dem Könige galten fie als Feinde, ihre Schiffe wurden von den 1) Dieß iſt wahrſcheinlich auch der Inhalt des Receſſes, deſſen Sartorius a. a. O. B. II. Nr. 211. S. 492 erwaͤhnt, den wir nicht ſelbſt haben einſehen koͤnnen. Sartorius Geſchichte des Han⸗ feat. Bund. B. I. S. 158 u. 469. S. 118 heißt es: „Daß die Preuſ⸗ ſiſchen und Lieflaͤndiſchen Städte ziemlich unabhängig (von dem allge: meinen Bundesverhaͤltniſſe) fuͤr ſich handelten, beweiſt man dadurch, daß z. B. in der Daͤniſchen Fahde mit König Waldemar III. fie erklärten, einen Pfundzoll zu verwilligen, ſonſt aber keinen Theil daran zu neh⸗ men. Es iſt wahrſcheinlich, daß, als die Ordensgewalt ſich mehr ausbildete, ihnen weniger freie Willkühr blieb.“ Wir werden fehen, daß dieſes keineswegs der Fall war. Bei dem Orden lag der Grund zu dieſer Stellung ſeiner Städte in vorliegender Sache gewiß am mei⸗ ſten in feinem bisherigen Verhaͤltniſſe zum Daͤniſchen Könige. 2) Willebrandt Hanſiſche Chron. p. 39. Die Preuff. Städte werden in den Urkunden uͤber dieſe Verhaͤltniſſe — ſ. Sartorius Urk. Geſch. B. II. Nr. 212 S. 493 ff. — auch nicht mit genannt. 3) Sartorius uk. Geſch. B. II. S. 520.
Scanseite 212 · Druckseite 198
193 Die Hanſeſtaͤdte in Preuffen (1367). Dänen aufgefangen oder beraubt, ihre Beiſteuer, jaͤhrlich faſt achthundert Mark, nahmen die Seeſtaͤdte hin, ohne ihren Schif⸗ fen Schutz gewähren zu koͤnnen, und mit dem Könige ſchloſ⸗ ſen dieſe im Jahre 1362 einen Waffenſtillſtand, ſelbſt ohne die Staͤdte Preuſſens auch nur daruͤber zu befragen. Dieß gab den letztern Anlaß zu mancherlei Klagen; ſie beſchwerten ſich nicht nur bei den Hanſeatiſchen Verbuͤndeten uͤber ihr bis⸗ heriges Verfahren, ſondern ſie erklaͤrten auch, daß ſie inskuͤnf⸗ tige den Pfundzoll zu ihrem Schaden nicht mehr erheben wuͤr⸗ den, ja fie ſprachen fear nicht undeutlich von einer Ausſoͤh⸗ nung ihrer Seits mit dem Könige unter ſolchen Verhaͤltniſſen !). Es war den Seeſtaͤdten jetzt ungemein wichtig, die Unzufrie⸗ denheit der Preuſſiſchen Staͤdte wieder zu beſchwichtigen; ſie boten alles auf, ſich zu entſchuldigen, ihr Verfahren zu rechts fertigen und die Geſinnungen der Staͤdte in Preuſſen umzu⸗ lenken. Auf einer Tagfahrt zu Luͤbeck im Sommer des Jah⸗ res 1363 wurden deshalb die Handelsverhaͤltniſſe der Preuſſi⸗ ſchen Schweſterſtaͤdte ganz beſonders zum Gegenſtande der Be⸗ rathung genommen, denn da noch keine Ausſicht zu einer fried⸗ lichen Ausgleichung mit dem Koͤnige vorhanden war, ſo mußte man um ſo mehr auf ein feſtes Zuſammenhalten unter den Bundesſtaͤdten hinzuwirken ſuchen. So brachte man es auch bei den Preuſſiſchen Staͤdten wirklich dahin, daß ſie ihre Bei⸗ ſteuer vorerſt wenigſtens auf eine gewiſſe Zeit nicht nur wie⸗ der zu leiſten verſprachen, ſondern es auch auf ſich nahmen, die Sache der Staͤdte bei dem Hochmeiſter ſelbſt weiter zu verhandeln?). Man erneuerte dieſe Zuſage auch noch im Na⸗ men aller Staͤdte auf einer Tagfahrt zu Marienburg, doch auch hier wieder mit der Erklaͤrung, daß man an eigener Kriegs⸗ mannſchaft keine Huͤlfe ſenden, ſondern nur die verſprochene Beiſteuer durch den Pfundzoll leiſten koͤnne, weil man in Preuſſen ſelbſt durch auswaͤrtige Feinde bedroht ſey ). Zur 1) Die Klagebriefe der Preuſſ. Städte hierüber und die Antwort der Hanſeaten bei Sartorius B. II. S. 510 — 5123 vgl. S. 314. 2) Sartorius a. a. O. S. 524. 8) Es heißt ausdruͤcklich in dem Schreiben: Dux de Swydenitze
Scanseite 213 · Druckseite 199
Die Hanfeftädte in Preuffen (1367). 199 Befriedung der See boten indeß die Städte alle mögliche Bei⸗ huͤlfe an und legten einen Plan vor, wie ſie in Verbindung mit der Stadt Campen durch Ausruͤſtung einer Anzahl Schiffe beſonders den Noreſund fuͤr den Kauffahrer ſicher zu machen hoffen koͤnnten ). Koͤnig Waldemar jedoch ſah auch jetzt noch diese Beiſteuer der Städte Preuſſens als eine feindliche Maß⸗ regel gegen ſein Reich an und war daher auch nicht zu bewe⸗ gen, das den Preuſſiſchen Kaufleuten weggenommene Kauf⸗ gut herauszugeben, waͤhrend er ſich in Beziehung auf die dem Orden ſelbſt entnommenen Güter hiezu bereitwillig zeigte ). Natuͤrlich litt der ganze Seehandel Preuſſens unter dieſen Ver⸗ haͤltniſſen ungemein; denn gab ſich der Hochmeiſter auch alle mögliche Mühe, wo er vermochte das Intereſſe feiner Städte zu vertreten ), bewilligte man hie und da den Preuſſen auch manche Handelsfreiheiten, durfte z. B Kolberg ſein Salz auch ohne Beſchraͤnkung nach Preuſſen fuͤhren und uͤbertraten auch endlich nicht ſelten Kauffahrer aus einzelnen Preuſſiſchen Staͤd⸗ ten die von den Seeſtaͤdten des Bundes feſtgeſetzten Beſchraͤn⸗ kungen in der Schifffahrt“), fo blieb doch bei dem allen der Verkehr nach dem Auslande immer großen Hemmungen un⸗ terworfen. Zwar kam es nun bald darauf zwiſchen Koͤnig Walde⸗ suis literis dominis nostris totique terre prucie diffidit. Pavemus eadem facere eciam plures dominos nobis contradicere velle, quam famam publicam a multis lucidius et bene percipietis, nobis quam- vis aufficiet in paganorum inpugnacione. Von dem erſtern umſtande wiſſen wir nichts genauer; wahrſcheinlich ſtellte man die Sache mit Abſicht wichtiger dar, als ſie war. 1) Das Schreiben der Städte bei Sartorius B. II. S. 535; vgl. mit S. 116 und B. I. S. 68. 2) Sartorius B. II. S. 540. 3) 3. B. auf einer Tagſatzung zu Lubeck im J. 1366, wo es heißt: Dominus Johannes Walraven, proconsul in Dantzeke, ex Parte magistri generalis, petiit, ut nemo emeret bona nuper illis de Prucia in Noressund ablata et quod nullus assecuraret talia bona et eorum raptores. Sartorius B. II. ©. 577. ) Darüber vgl. Sartorius B. II. S. 548 — 49. 551.
Scanseite 214 · Druckseite 200
200 Die Hanſeſtaͤdte in Preuffen (1367). mar und den verbündeten Städten zu einer friedlichen Eini⸗ gung und jener beſtaͤtigte und erweiterte ſelbſt den letztern alle ihre Handelsfreiheiten; allein ſchon im Jahre 1366 flörte Wal⸗ demars Einmiſchung in die Fehde der abgeſetzten Koͤnige von Schweden Magnus und Hakon mit dem neuen zum Beſitze der Schwediſchen Krone gelangten Freunde der Staͤdte, Al⸗ brecht von Meklenburg die Ruhe wieder dergeſtalt ), daß im Jahre 1367 die Bundesſtaͤdte von neuem die entſchiedenſte feindliche Stellung gegen Waldemar annahmen und Preuſſen ward natuͤrlich in dieſes Verhaͤltniß mit hineingezogen, denn ſchon im Mai erſchien von Seiten der zu Roſtock verſammel⸗ ten Bevollmaͤchtigten der Seeſtaͤdte ein Sendbote bei dem Mei⸗ ſter und den Bundesftädten in Preuſſen, ihnen zu berichten, daß auf feine bei dem Könige im Auftrage der Hanfeaten in ihrer Sache veranlaßten Unterhandlung dieſer ſich zwar zu einer Ausgleichung mit den Preuſſen bereit erklaͤrt und auf ei⸗ nem Tage zu Stralſund ihnen in ihren Forderungen Genuͤge leiſten werde, ſofern er von ihnen Gleiches erwarten duͤrfe, daß aber der gemeine Kaufmann der Seeſtaͤdte beſchloſſen habe, an der Vereinigung feſt zu halten, bis ihm gewaͤhrt ſey, was feine Ehre verlange, und daß der Koͤnig ſeitdem den Städten wieder neuen ſchweren Schaden an Schiffen und Guͤtern zu⸗ gefügt habe?). Es begannen jetzt neue Unterhandlungen un⸗ ter den Bundesſtaͤdten. Wie der Hochmeiſter den Komthur von Danzig Ludeke von Eſſen und die Hanſeſtaͤdte Preuſſens ihre Sendboten auf eine Tagfahrt nach Stralſund, ſo ſandten die hier verſammelten Seeſtaͤdte die ihrigen nach Preuffen zur Berathung uͤber die fernere Stellung gegen den Koͤnig, uͤber Zu⸗ laſſung oder Verbot der Schifffahrt und des Verkehres nach Daͤne⸗ mark und Schonen und über die Verhältniffe der Bundesſtaͤdte zu einander im Falle eines neuen Krieges mit dem Koͤnige »). 1) Vgl. das Nähere bei Sartorius Geſch. des Hanf. Bund. a a. O. Fiſcher Geſchichte des Deutf. Handels B. II. S. 179 ff. Ekendahl Geſchichte des Schwed. Volk. B. I. S. 673 ff. 2) Sartorius B. II. S. 596. 8) Sartorius B. II. S. 597.
Scanseite 215 · Druckseite 201
Die Hanfeftädte in Preuſſen (1367). 201 Damals geſchah nun, daß auch die Hanſeſtaͤdte Preuſ⸗ ſens in dieſen Angelegenheiten eine beſondere Verſammlung und Berathung zu Elbing hielten, wo am elften Juli dieſes Jah⸗ res im Einverſtaͤndniß mit dem fremden Bevollmaͤchtigten uͤber das kuͤnftige Verhalten der Städte gegen den König folgende Beſchluͤſſe gefaßt wurden 1): Da es kund iſt, daß der König von Daͤnemark ohne alle Schuld und ohne Entſagung auch uns großen Schaden gethan an Leib und Gut und zu befuͤrch⸗ ten ſteht, daß in zufünftiger Zeit ſolcher Unfug und ſolche Übelthat noch zunehmen werde, ſofern man ihnen nicht Wi⸗ derſtand leiſtet, ſo verpflichten wir uns gegen einander, bei der Fahrt durch den Noreſund keiner den andern zu verlaſſen, alle Gemeinſchaft mit dem genannten Koͤnige und ſeinen Leu⸗ ten zu meiden, alſo daß niemand ihm, ſeinen Leuten und Lan⸗ den irgend Gut zuſenden oder ihre Güter holen und verkau⸗ fen ſolle, und wenn ſie ſolche in unſere Lande, Staͤdte und Hafen braͤchten, ſie dieſelben wieder wegführen ſollen. Wir geloben ferner, daß einer dem andern gegen den König Huͤlfe leiſten und keiner ohne den andern ſich eher mit ihm verſoͤh⸗ nen ſoll, wenn nicht zuvor allen gleiches Recht geſchieht und ſichere Fahrt zu ſeinen Landen verbuͤrgt wird. Sollte aber dennoch ein Schiffer, Steuermann oder ſonſt jemand aus den Landen und Staͤdten dieſer Verbindung ſich zum Koͤnige hal⸗ ten, die ſollen ewig unter den Verbuͤndeten außer allem Frie⸗ den ſeyn, desgleichen wer dem Könige Harniſch zufuͤhrt. Es ſoll auf naͤchſtem Martins-Tage zu Coͤln eine Tagfahrt ge⸗ 1) Im Eingange der Urkunde heißt es: Wir Ratman und Schep⸗ pen der lande und ſtete hir nach geſcriben geloben getrüwelichen zeu haldene gancz und vaſte alle ſtuͤcke und artikele, di hirnach geſcriben ſtan, alz von Prüfen, von Campen, von Stovern, von Herderwich und von der Elborch, vortmer von Zcyriczee, von Amſterdamme und von Dordrecht, als us der Suͤderſee und von Engeliſchen und von VBlamingen, zeu dem erſten gelobe wir und vorbinden uns, den upſatzt der ordinancien ganz und vaſte zeu haldene, alz der brif inne hat von ſtuͤcken zeu ſtuͤcken und bi namen Schone zeu midene und Bornholm u. ſ. w. Nun folgt der oben gegebene Inhalt.
Scanseite 216 · Druckseite 202
202 Die Hanfeftädte in Preuffen (1367). halten werden mit voller Macht, um Rath zu faffen, wie man es hinfort ſtaͤrker angreifen möge, wenn es bis dahin nicht zur Verſoͤhnung kommt. Sollte auf einige Zeit aber eine Suͤhne erfolgen und der Koͤnig nachmals dennoch wieder ei⸗ nen der Verbuͤndeten befeinden, ſo ſollen wieder alle einander helfen ohne Argliſt bei Verluſt Leibes, Ehre und Gutes ). An der erwaͤhnten Tagfahrt zu Coͤln nahmen im Herbſt dieſes Jahres die Staͤdte Preuſſens auch wirklich Theil und es erſchienen dort namentlich Sendboten aus Kulm, Thorn und Elbing. Sie ſchloſſen daſelbſt im Verein mit den an⸗ dern Seeſtaͤdten wider den Koͤnig das Buͤndniß ab, welches unter dem Namen der Coͤlniſchen Confoͤderation berühmt iſt e). Darin ward unter andern beſtimmt, daß die ſechs Preuſſiſchen Bundesſtaͤdte zum Krieg wider den Koͤnig fuͤnf Schiffe ſtellen und auf naͤchſte Oſtern bereit halten ſollten; es ward ferner auch wieder das Pfundgeld ausgeſetzt, um die Koſten des Krie⸗ ges damit zu beſtreiten, dabei aber auch geſagt, daß die von Preuſſen, wie die von Campen, der Suͤderſee und Holland keinen Koſtenbeitrag geben, aber auch an den Vortheilen nicht Theil haben ſollten, die aus der Verbindung der Staͤdte von der Wendiſchen Seite mit dem Koͤnige von Schweden, den Herzogen von Meklenburg u. a. entſpringen möchten). Da 1) Die urkunde ſchließt mit den Worten: In orkunde diſer vor⸗ geſcribenen ſache, fo habe wir Ratluͤte zcu dem Elbinge unſer ſtat groſe ingefigele an diſen brif gehangen, gegeben zcu dem Elbinge in unſer alle kegenwertikeyt diſer lande ſtete boten vorgeſcriben, nach go⸗ tis geburt Tuſent dryhundirt in dem Syben und ſeſtigen iare, an dem Suntage vor Margarethe. Das Original mit dem erwaͤhnten Siegel im Archiv des Rathhauſes zu Elbing Nr. 34. Vgl. auch Sarto⸗ rius a. a. O. B. I. S. 68 — 69. 2) Willebrandt Hanf. Chron. p. 42. Sartorius B. J. S. 61. 67 68. B. II. S. 606; namentlich aufgeführt find die Ab⸗ geordneten von Kulm, Thorn und Elbing. 3) Sartorius B. I. S. 70. Nach Willebrandt p. 41 fol len die Wendiſchen und Preuſſiſchen Städte im J. 1368 ein beſonderes Buͤndniß wider Dänemark geſchloſſen haben. Auf einem Verhandlungs⸗ tage zu Stralſund erklärten ſich (1368) die Sendboten der Preuſſ⸗
Scanseite 217 · Druckseite 203
Die Hanfeftädte in Preuffen (1368). 203 jedoch dieſes große Buͤndniß ſchon Fein anderes Ziel mehr hatte als die Eroberung und voͤllige Aufloͤſung des Daͤniſchen Rei⸗ ches, ſo konnten halbe Maßregeln jetzt nichts mehr nuͤtzen. Die Staͤdte Preuſſens traten daher auch dem Buͤndniſſe mit Albrecht von Schweden bei und genoſſen ſomit als Bundes⸗ glieder und Theilnehmer dieſes letztern Bundes 1) auch alle die ausgedehnten Handelsfreiheiten, welche Albrecht in den zu erobernden Landen zugeſagt hatte?). Ausdruͤcklich aber er⸗ ſtreckten ſich dieſe Freiheiten nicht bloß auf die genannten ſechs Bundesglieder, ſondern auch „auf die übrigen Städte, fo weit fie unter dem Hochmeiſter von Preuſſen ſeßhaft waren ),“ und erregten in dieſen, wenn ſie auch nicht wie von den groͤ⸗ ßeren Handelsſtaͤdten benutzt werden konnten, eine ungleich größere gewerbliche Thaͤtigkeit, denn in dem Verhaͤltniſſe, als für dieſe der Spielraum des Handels und Verkehrs erweitert wurde, gingen viele Vortheile des freieren und erweiterten Handels natuͤrlich auch auf jene uͤber. Ob indeſſen der Ver⸗ kehr zwiſchen Preuſſen und Schweden jetzt gerade ſchon von großer Bedeutung geweſen, laͤßt der Mangel beſtimmter Nachrich⸗ ten zweifelhaft. Gewiß iſt nur, daß Thorn, Elbing und Danzig um das Jahr 1368 allerdings in Handelsverhaͤltniſſen mit dieſem Reiche ſtanden und daß die Staͤdte Preuſſens in ihrem Handel dorthin auch alle die Freiheiten genoſſen, welche fruͤ⸗ Städte bereit, mit den Wendiſchen (oder für die Wendiſchen Staͤdte) den Winter über 200 Mann in dem Heere (wider den König von Daͤ⸗ nemark) zu haben. Sartorius B. II. S. 635 — 636. 1) Sartorius B. II. S. 616. 2) Sartorius B. J. S. 82 — 83; vgl. deſſelb. Geſchichte des Hanſ. Bund. B. I. S. 163. 473. B. II. S. 648, wo Kulm, Thorn, Elbing, Danzig, Königsberg und Braunsberg namentlich als theilneh⸗ mend an dem im J. 1368 gegebenen Privilegium Albrechts erwähnt werden. S. die Urkunde bei Willebrandt Abtb. III. p. 29. Dreyer Specim. iur. publ. Lubec. p. CXI und CXXXVI; vgl. auch Fiſcher Geſch. des Deutſ. Handels B. II. S. 180. 3) Außer den ſechs benannten Preuſſ. Städten werden auch „alle die, de under deme heren deme homeſtere von Pruͤtzen wonen“ als theilnehmend an den bewilligten Freiheiten erwähnt.
Scanseite 218 · Druckseite 204
204 Kriegszuͤge (1367). her ſchon die Schwediſchen Könige allen Hanſeaten verliehen !). — Mit England war der Handel um dieſe Zeit noch unbe⸗ deutend, denn wenn ſich auch ſchon im Jahre 1361 einige Spuren eines Verkehres zwiſchen Koͤnigsberg und dieſem Reiche finden?), fo kann im Ganzen außer dem etwanigen Getrei⸗ dehandel von einer eigentlichen Handelsthaͤtigkeit doch kaum noch die Rede ſeyn. Waͤhrend nun in ſolcher Weiſe die Staͤdte des Landes auch forthin noch in der Geſtaltung und Regelung ihrer Han⸗ delsverhaltniſſe eifrigſt beſchaͤftigt blieben, fuhr feiner Seits der Orden fort, ſeiner Pflicht in der Bekaͤmpfung der Heiden zu genügen. Es war im Herbſt des Jahres 1367, als Win⸗ rich ſelbſt, begleitet von mehren ſeiner Gebietiger an der Spitze eines ſtarken Heeres abermals gegen die ſeitdem wieder erbaute Burg Welun zog; aus Furcht aber erwartete die Beſatzung nicht einmal des Meiſters Ankunft, ſteckte die Burg ſelbſt in Brand und entfloh s). Alſo ging das Ordensheer ungehin⸗ dert bis vor Neu⸗Kauen, wo es ſechs Tage lang die ganze Umgegend bis nach Erogeln hin verwuͤſtete, und nachdem es dort eine große Waldwildniß durchſtreift und eine bedeutende Zahl dorthin gefluͤchteter Heiden gemordet und gefangen ge⸗ nommen, kehrte es mit einer großen Schaar gefeſſelter Maͤn⸗ ner und Frauen in die Heimat zuruck, ohne einen bewaffne⸗ ten Feind geſehen zu haben, denn es galt bei ſolchen Kriegs⸗ reiſen keineswegs immer Kampf und Sieg, ſondern ihr Zweck lag oft auch nur im fortwährenden Berauben, Beläftigen und 1) Sartorius B. I. S. 159 — 160, 2) So erwähnt in dieſer Beziehung der König von England Kö: nigsbergs in einem Briefe an den Koͤnig von Norwegen bei Gelegen⸗ heit einer von mehren Engliſchen Kaufleuten bei ihm angebrachten Klage über Beraubung eines mit Tuch und andern Kaufwaaren bela⸗ denen, durch Schiffbruch an der Norwegiſchen Küfte verungluͤckten Schiffes; Rymer Foedera T. III. P. II. p. 39. 3) Von der Verbrennung Weluns ſpricht auch Lindenblatt S. 30, ſagt jedoch, daß die Kriegsreiſe nicht eigentlich dieſer Burg gegolten habe. Detmar B. I. S. 290.
Scanseite 219 · Druckseite 205
Innere Landesverwaltung (1367). 205 Bedraͤngen der Heiden. So unternahm bald darauf auch der Ordensmarſchall einen neuen Kriegszug, belagerte Neu⸗Kauen, durchzog mit Pluͤnderung die Gebiete an der Naweſe und legte ſich dann vor die Burg Strebe, die er eroberte und ver⸗ brannte; und waͤhrend er darauf mit ſeinem Heere ins Gebiet Seldwiſchen mit Feuer und Schwert einbrach, verheerte der Komthur von Ragnit Burchard von Mansfeld das heilige Ge⸗ biet von Romove oder Romeyne bis in die Gegend von Got⸗ teswerder hin. Abermals hatte dieſe Heerfahrt vielen Hun⸗ derten von Heiden Freiheit oder Leben gefoftet '). Wie man aber in ſolcher Weiſe fort und fort bemuͤht war, dem Feinde durch wiederholte Raub⸗ und Verheerungs⸗ zuͤge immer neue Wunden zu ſchlagen und ſeine Kraft immer mehr zu ſchwaͤchen, ſo wandten die Komthure des Landes nicht mindere Sorgfalt auf die inneren Verhaͤltniſſe ihrer verſchie⸗ denen Bezirke, um hier die vom Feinde geſchlagenen Wunden zu heilen, den verarmten und ausgepluͤnderten Landbewohnern durch Erleichterungen und Freiheiten oder auf andere Art zu Huͤlfe zu kommen und den Wohlſtand wieder zu heben. Eine Menge von laͤndlichen Verſchreibungen geben davon noch Zeug⸗ niß. Wie man hier den Viehſtand vermehrte und verbeſſerte, dort die Abgaben und Dienſte erließ oder erleichterte, ſo er⸗ theilte der Komthur von Balga und Vogt von Natangen Ul⸗ rich Fricke den Bewohnern der Gegend um Johannisburg, die von den Litthauiſchen Raubheeren ſchon fo oft mit Pluͤnderung heimgeſucht worden waren, nicht bloß eine ſehr ausgedehnte Berechtigung der Fiſcherei in faſt allen dort fo zahlreichen Seen und Gewaͤſſern, ſondern auch voͤllige Jagdfreiheit auf denf Außerft reichen Wildſtand in allen ihren Waldungen vom Fluſſe Berwiken bis an die Graͤnzen Litthauens, mit der Bedingung, vom Hochwilde, mit Ausnahme der Baͤren und wilden Schweine, nach Landesgebrauch 2) den rechten Vorderbug dem Pfleger S 1) Wigand. p. 291. Schütz p. 80. Lucas David B. VII. 65. 2) S. oben B. II. S. 240.
Scanseite 220 · Druckseite 206
206 Innere Landesverwaltung (1368). von Johannisburg einzuliefern. Es wurde ihnen ferner be⸗ willigt, daß aufgefundene Bienenbaue ihnen gehören und der Pfleger von Johannisburg, wenn er des Honiges für feinen Convent beduͤrfe, ihnen die Tonne fuͤr drei Mark abkaufen ſolle ). Unter ſolchen Bemuͤhungen fuͤr die innere Landesverwal⸗ tung verlief auch das folgende Jahr 1368. Kriegsreiſen ins heidniſche Land wurden nicht unternommen, ſey es daß die Witterung ſich nicht dazu eignete?) oder daß es an ankom⸗ menden Kriegsgaͤſten fehlte, die zur Heidenfahrt Anlaß gaben. Fuͤrſt Kynſtutte ſelbſt reizte ebenfalls nicht zum Kriege, denn er wandte ſeine Waffenmacht theils ins oͤſtliche Maſovien, wo er ganz unvermuthet vor die Burg Pultusk im Gebiete des Maſoviſchen Biſchofs zog, ſie nach einigem Widerſtande er⸗ ftürmte und ſammt der Stadt aufbrannte ), theils in Ver⸗ bindung mit Olgjerd gegen Rußland, wo er Moskau bela⸗ gerte). Somit erinnert in dieſem Jahre nichts weiter an den Kampf mit den Heiden als eine Bulle des Papſtes Ur⸗ ban des Fuͤnften, worin er den Komthuren von Elbing, Dan⸗ zig, Chriſtburg, Brandenburg, Balga, Oſterode, Schwez, Thorn, Leipe, Strasburg, Ragnit, Dimamuͤnde, Segewalde, Wenden, Goldingen, Jerwen, Fellin und Narva die Erlaub⸗ 1) Originalurkunde, dat: an. 1367 quarto Idus mensis No- vembr. im geh. Arch. Schiebl. XLIII. 2) Detmar B. I. S. 290 berichtet, daß in dieſem Jahre furcht⸗ bare Gewitter in Preuſſen geweſen und großen Schaden verurſacht haͤt⸗ ten; ſonſt war es nach dem Chron. German. ap. Pistor. T. II. p. 899 für ganz Europa ein aͤußerſt fruchtbares Jahr. 3) Dlugoss. p. 1154. Dieſer Chroniſt ſpricht außerdem auch von einer Kriegsfahrt des Marſchalls ins feindliche Land; einheimiſche Chroniſten dagegen, ſelbſt Wigand., wiſſen nichts davon. Corneri Chron. p. 1115 läßt dem Einfalle der Litthauer nach Maſovien einen Streifzug nach Preuſſen vorausgehen, hier drei Burgen vernichten und die Bewohner gefangen nehmen, ſetzt aber das Ereigniß ins J. 1369. Kojalowiez p. 335. über den Einfall der Litthauer in Polen vgl. den Brief des Papſtes bei Raynald. an. 1369. Nr. 10. 4) Karamſin B. V. S. 14 — 15.
Scanseite 221 · Druckseite 207
Innere Landesverwaltung (1368). 207 niß ertheilte, auf ihren Kriegsreiſen gegen die Unglaͤubigen vor Anbruch des Tages vor einem tragbaren Altare Meſſen halten zu laſſen, da ſie das Vorrecht genoſſen, auf ihren Zuͤ⸗ gen eigene Paniere zu führen ). Je weniger aber das Waf⸗ fengerauſch die Ruhe ſtoͤrte, um fo mehr widmete auch der Hochmeiſter ſeine ganze Thaͤtigkeit der inneren Verwaltung des Landes; bald griff er in die Handelsverhaͤltniſſe der Staͤdte ein, bald ließ er am Weichſel⸗Strome neue Daͤmme aufwer⸗ fen, um das umhergelegene Land gegen das Überſtrömen der Waſſermaſſen mehr zu ſichern 2), bald reiſte er im Lande um⸗ her, befoͤrderte den Ackerbau oder traf ſonſtige Anſtalten zum Beſten feiner Unterthanen ). Allein ſchon die erſten Tage des Jahres 1369 zeigten ſich wieder weit unruhevoller. Es waren abermals Schaaren fremder Kriegsgaͤſte ins Land gekommen, deren Huͤlfe der Meiſter nicht unbenutzt laſſen durfte und deren Schwert er 1) Es find darüber zwei Bullen vorhanden, die eine dat.: Mon- tefiascone IV Cal. Septemb. p. a. sexto (29. Aug. 1368), die an⸗ rede: Montefiascone III Non. Septemb. p. a. VI (30. Sept.), wo⸗ von die letztere nur eine nähere Erklarung der erſtern giebt. Es heißt nämlich: Nos igitur volentes prefatos Preceptores favore prosequi gratie amplioris, ipsorum Magistri et fratrum in hac parte suppli- cationibus inclinati, ut liceat cuilibet dietorum Preceptorum, qui sunt et erunt pro tempore propriis utentium banderiis seu vexillis, cum in expeditione armorum contra infideles, scismaticos et paga- nos extiterint, nt prefertur, habere altare portatile cum debita re- verentia et honore, super quo in locis ad hoc congruentibus et ho- nestis possit per proprium vel alium sacerdotem idoneum missam et alia divina officia sine juris alieni preiudicio in cuiuslibet ipsorum Presentia facere celebrari, prefatis preceptoribns auctoritate presen- tium de speciali gratia indulgemus. Original im geh. Arch. Schiebl. VII. Nr. 1. 2. 2) Originalurkunde, dat.: Marienburg am Montage nach Judica 1368 im geh. Arch. Schiebl. LIX. Nr. 47; es wird darin eigentlich der Schade ausgeglichen, den das Kloſter Pelplin durch die Aufſchuͤt⸗ tung des Dammes erlitt. 8) Die Beweiſe hierüber zerſtreut in den verſchiedenen Verſchrei⸗ bungsbüchern im geh. Arch.
Scanseite 222 · Druckseite 208
208 Kriegszug nach Litthauen (1369). Gelegenheit geben mußte, ſich gegen die Heiden zu verfuchen. Er beſchloß daher, um den Memel⸗Strom immer mehr zu beherrſchen, dort feſtere Stuͤtzvunkte für feine Kriegsmacht zu gewinnen und in ſolcher Weiſe die Einfaͤlle des Feindes in das Gebiet des Ordens noch mehr zu hindern, eine neue Burg zu erbauen, ließ zu ſolchem Zwecke, wie gewoͤhnlich, alles Baumaterial vorbereiten, dann den Strom hinauf fuͤh⸗ ren und hierauf die Gebietiger mit einem ziemlich ſtarken Heere noch im Januar nachfolgen. An der Graͤnze des feind⸗ lichen Landes aber fand man auch die Litthauer mit dem Bau einer neuen Burg beſchaͤftigt, durch welche der Großfuͤrſt ſeine Lande gegen die Raubzuͤge der Ordensheere mehr hatte ſichern wollen. Man uͤberfiel die Bauleute, brach den angefangenen Bau nieder und benutzte das gewonnene Material zu der neuen Burg, die man auf dem Werder errichtete, welcher Gotteswerder genannt auch der neuen Burg dieſen Namen gab 1). Der Großfuͤrſt, ſchwer erzuͤrnt über die Vernichtung ſeiner neubegonnenen Feſte, erließ ſofort eine Geſandtſchaft an den Hochmeiſter, ihm entbietend: er ſolle von ſeinem Unter⸗ nehmen abſtehen, denn es ſey eine befremdliche Anmaßung, in eines andern Herrn Landen Burgen und Feſten zu erbauen. Der Meiſter gab zur Antwort: Zu ſolchem Zwecke ſey ſein Heer dahin gekommen; wolle der Großfuͤrſt es hindern, es werde ihn erwarten. Kynſtutte wagte es indeſſen nicht zu er⸗ ſcheinen und die neue Burg ward im Laufe von fuͤnf Mon⸗ den ſo weit vollendet, daß ſie am Pfingſtfeſte mit den Or⸗ dens⸗Panieren geſchmuͤckt und eingeweiht werden konnte. Auf ein Jahr mit Lebensmitteln verſehen erhielt ſie den kuͤhnen und tapfern Ritter Kuno von Hattenſtein zu ihrem erſten 1) Bei Wigand. p. 291 heißt es: In Mimilam in quodam an- gulo erigunt domum — appellantes eam Gotiswerder in vulgari. Detmar B. I. S. 292. Corneri Chron. p. 1115. Nach Kojalowiez p. 336 hätte fie eine Meile von Kauen entfernt gelegen. Übrigens war der Name Gotteswerder auch ſonſt im Norden gebräuchlich; fo heißt es in Hamsfortũ Chronol. ap. Langebek T. I. p. 306 im J. 1346: in Fionia magna existimatione vigebat Bo&tius Abbas Insulae Dei.
Scanseite 223 · Druckseite 209
Die Burg Gotteswerder und die Baierburg (1369). 209 Komthur nebſt zwanzig Ordensrittern, vierzig Reiſigen und eine Schaar von Pfeilſchuͤtzen zu ihrer Beſatzung ). Der Großfürft hatte jedoch mittlerweile in feinem Lande ſtark geruͤſtet und warf ſich in der Mitte des Auguſt mit ei⸗ nem zahlreichen Heere und allerlei Belagerungswerkzeug vor die Burg). Fünf Wochen dauerte die ſchwere Belagerung und es ging ſeitdem kein Tag dahin, an welchem das Haus nicht mit aller Macht beſtüͤrmt und beſchoſſen ward, denn die Ordensritter vertheidigten es Tag und Nacht mit aͤußerſter Entſchloſſenheit. Endlich aber in ihrer Hoffnung auf Huͤlfe und Befreiung getäufcht ermattete ihre Kraft und der ſchreck⸗ liche Entſchluß mußte gefaßt werden, dem ergrimmten Feinde die Burg zu uͤbergeben. Und kaum war dieſes geſchehen und der Großfuͤrſt, nachdem das Haus mit einer ſtarken Beſatzung verſehen, mit den gefangenen Ordensrittern ins Innere ſeines Landes zuruͤckgezogen, als der Ordensmarſchall Henning Schin⸗ dekopf, vom Hochmeiſter zum Entfage der Burg ausgeſandt, vor Gotteswerder ankam, froh daß die Feinde das Haus nicht vernichtet hatten ), denn er beſtuͤrmte es fuͤnf Tage hindurch mit ſolcher Macht, daß die Beſatzung es nicht laͤnger verthei⸗ digen konnte. Wie der Großfürft, fo machte auch er alle Kriegsleute auf der Burg zu Gefangenen, ohne einen ermor⸗ 1) Wigand. I. c. Schütz p. 80. Lindenblatt S. 31. Dlu- goss. p. 1158. Lucas David B. VII. S. 67 miſcht Nachrichten aus Simon Grunau mit ein. 2) Wigand.: cum machinis variis die et nocte impugnant eam, machinam eciam eque altam (eine Ebenhöhe) rex adduxit. Schütz J. c. erwähnt „Bliden und Tumler.“ Die alte Preuſſ. Chron. p. 38 ſagt: und richten of XVIII bleiden mit den ſy wurfen tage und nacht bys yn dy V woche. 3) Schütz l. c. Nach Kojalowiez p. 336 wäre die Burg bei Schindekopfs Ankunft ſchon gänzlich vernichtet geweſen. Detmar B. I. S. 292 ſagt dagegen, nachdem er des Aufbaues von Gotteswer⸗ der erwähnt hat: Darna in deme herveſte wunnent de lettowen; darna in deme winter wunnent de godesridder unde vingen daruppe drehun⸗ dert lettowen. Nach Corneri Chron. I. c. ſoll der Marſchall dieſe 300 Litthauer haben ermorden laſſen. 5 14
Scanseite 224 · Druckseite 210
210 Die Burg Gotteswerder und die Balerburg (1369). den zu laſſen, in der Hoffnung, durch ſie die gefangenen Or⸗ densritter um ſo leichter ausloͤſen zu können. Man trat dar⸗ üser in Unterhandlung; es wurde ſchon ein Tag zur Auswech⸗ ſelung beſtimmt und der Marſchall kam auch wirklich mit dem Großfürſten zuſammen Allein Kynſtutte's kuͤhnſtolze Sprache beleidigte den Gebietiger in dem Maaße, daß er ohne weite⸗ res davon zog) und bald darauf mit einem neugeſammelten Heere noch tiefer ins Land bis vor die Burg Baiern drang ?), die er mit ſolchem Nachdrucke belagerte, daß die Beſatzung den Großfürften, der in einem nahen Gebiete lag, dringend um Entſatz oder um Erlaubniß bat, ſich dem Feinde uͤberge⸗ ben zu duͤrfen. Da Kynſtutte ihr Hülfe hoffen, den Mar⸗ ſchall aber mit Drohungen ſchrecken ließ, ſo befahl dieſer eines Tages eine Mauer niederzureißen und die Burg an dem ei⸗ nen Ende in Brand zu ſtecken, weil die Beſatzung die Über⸗ gabe verweigerte), und als der Großfürſt, waͤhrenddeſſen näher geruͤckt, das Haus in Flammen ſah, ſandte er einen Eilboten, den Marſchall bittend, die Beſatzung gefangen zu 1) So läßt fi) Wigand. mit Schütz am beſten vereinigen, denn der uns aufbehaltene Auszug aus Wigands Chronik iſt uͤber dieſe und die nächften Ereigniſſe fo verwirrt und abgeriſſen, daß es faſt unmoͤg⸗ lich iſt, aus ihm allein den Zuſammenhang des Ganzen aufzufaſſen. Auch Dlugoss. P. 1158 giebt hier manches Licht; über die Unterhand⸗ lung wegen Auswechſelung der Gefangenen, woruͤber Wigand ganz unverſtändlich ſeyn würde, heißt es: Quamvis postea de utriusque partis beneplacito commutatio captivorum acceptata fuerat, in dieta tamen ad id exequendum indieta, Duce Keystuth contra Prussiae Marschalcum Heningum Schindekop snperius loquente, re infecta discessum est. 2) Wigand. nennt die Burg Beieren, Diugoss. Beiern, Koja- lowiez Castellum Beieris und Schütz Beyerey. Es kann ſchwerlich eine andere ſeyn als die ſchon früher erwähnte Baierburg, die ſich um dieſe Zeit im Beige des Großfuͤrſten befunden haben muß; fo auch De Wal T. III. p. 393. 3) Bei Wigand. I. c. heißt es erſt: Marschaleus tulit victualia de Beieren necessaria exercitui et processerunt ad castrum, und dann: Marschalcus vero ordinat muratores ad demoliendum ınurum celeriter, succenditque et ventu flante igne omnino destructa est.
Scanseite 225 · Druckseite 211
Die Burg Gotteswerder und die Baierburg (1369). 211 nehmen, nicht aber jammervoll im Feuer umkommen zu laſ⸗ fen. Dem Großfürften ward jedoch nicht einmal eine Ant⸗ wort gegeben; die Burg brannte bis auf den Grund ab und hundert und neun Mann von der Beſatzung nebſt dem Haupt⸗ manne wurden unter der Aſche begraben ). Beſtuͤrzt uͤber dieſen Schritt ſeines Gegners erbot ſich Kynſtutte jetzt zur Auswechſelung der Gefangenen und ließ den Marſchall um eine Unterredung bitten. Sie wurde bewilligt und die Ge⸗ fangenen von beiden Seiten frei gegeben. Am Schluſſe der Unterhandlung aber ließ Kynſtutte gegen den Marſchall die ſpoͤttiſchdrohenden Worte fallen: „Im Winter kuͤnftiges Jah⸗ res werde ich den Hochmeiſter in Preuſſen beſuchen und dort euer Gaſt ſeyn“, worauf der Marſchall erwiederte: „Ihr wer⸗ det uns willkommen ſeyn und dermaßen empfangen werden, wie es billig einem fo hohen Gaſte gebühret ?).“ Durch dieſe ſpoͤttiſche Drohung bewogen gebot Winrich dem Ordensmarſchall vor Ablauf dieſes Jahres noch eine Kriegsreiſe ins feindliche Gebiet an der Spitze eines ſo bedeu⸗ tenden Heeres, daß es Kynſtutte nicht wagte ſich ihm entge⸗ genzuſtellen. Es wurde furchtbar gemordet und verheert Auf die Ausſage eines Gefangenen aber, daß die beiden Großfuͤr⸗ ſten ſich mit ſtarken Ruͤſtungen beſchaͤftigten, warf ſich der Marſchall nüt feinem ganzen Heere vor die feindliche Burg Paſtow, die er, durch einen dichten Nebel beguͤnſtigt, von al⸗ len Seiten einſchloß und ſo heftig beſtuͤrmte, daß die Be⸗ ſatzung, deren Hauptmann Girdow die Flucht ergriff, ſich ſchon nach wenigen Tagen zu Gefangenen ergeben mußte. Der Gewinn jedoch war theuer erkauft. Burchard von Mans⸗ feld, der tapfere Komthur von Ragnit wurde faſt töbtlich von 1) Wenn Schätz p. 80 neunhundert Mann im Feuer umkommen läßt, fo iſt dieß ein Irrthum, den auch Kojalowiez l. & hat, denn Wigand, und Diugoss. ſprechen nur von 109 Mann. 2) So nach Schütz, Wigand. dagegen ſagt: Rex Kynstut mi- nabatur Marschalco „ quomodo in hyeme vellet esse hospes eius fu- turi anni; et respondit (Marschalcus): Ordo obviabit et conteret ca put tuum. Alte Preuſſ. Chron. p. 38. 14 *
Scanseite 226 · Druckseite 212
212 Die Schlacht bei Rudau (1370). einem Pfeile getroffen; der Vogt von Samland Ruͤdiger von Elner ſtuͤrzte ſchwer verwundet in einen tiefen Graben und ward tobt hervorgezogen; auch Johannes von Schönfeld und mehre andere tapfere Ritter erhielten ſchwere Wunden. Dem Hauptmanne Girdow, der gefangen dem Marſchall uͤberliefert ward, ſchenkte dieſer zwar das Leben, ließ aber zur Rache fuͤr die gefallenen Ordenskrieger von der heidniſchen Mann⸗ ſchaft eine Anzahl enthaupten ). Sein drohendes Wort durch die That zu bewähren, rl ſtete der Großfuͤrſt Kynſtutte ſeit dem Anfange des Jahres 1370 mit außerordentlicher Thaͤtigkeit. Nicht bloß aus Lit⸗ thauen und Samaiten, ſondern auch aus den entfernteren Gegenden Rußlands und aus den Tatarenhorden, von dem ihm freundlich geſinnten, mächtigen Chan Mamai, brachte er eine Kriegsmacht unter ſeine Fahnen, die ſich auf ſiebenzig⸗ tauſend Mann belaufen haben ſoll ?), ein Heer, wie es von 1) Nach Diugoss. I. c. und Kojalowiez p. 337 fiel der Mar⸗ ſchall noch zweimal ins feindliche Land; auch Wigand. ſcheint dafür zu ſprechen, läßt aber den erſten Einfall im Winter, in die puriſica- tionis (2. Febr. 1370) geſchehen, was ſicherlich falſch iſt, denn ſolchen Zeitangaben iſt bei Wigand nicht immer zu trauen. Vom Haupt: manne Girdow erzählt er: Fugit ad pontem trans Mimilaın factum, sperans se in propugnaculo tueri. Transvadunt Mimilam et veniunt ad Marschalcum, comprehenduntque ibi duas naves Lithwanas yul- gariter Promen, quas cum pyno et lignis aridis conclavant et in- cendunt, cum quibus communiter propugnaculum incendunt, ventus- qne vertit se ad orientem contra propugnaculum et ita capitaneus angustiatus optat loqui Marschalco, dans ei manum, quem cum suis captivum suscepit, alios decapitare fecit. 2) Nach Schütz p. 81. Henneberger p. 402, der hier meift dem Simon Grunau Tr. XIII. c. 4 folgt, giebt wie Lucas Da: vid B. VII. S. 79 nur 12,000 Mann an. Wigand. fagt nur un⸗ beſtimmt: ambo Reges cum inhumanis exercitibus veniunt. Diugoss, p. 1166 läßt die Großfuͤrſten Tartarorum, Ruthenorum et caetero- rum barbarorum quaesitis auxiliis, cum ingenti equitatu peditatuque nach Preuſſen einbrechen. Kojalowiez p. 338: Non suis modo fra - ternisque Olgerdi e Lithuania, Samogitia et Russia contractis co- piis, sed Scythicis etiam auxiliis evocatis rem aggrediebatur.
Scanseite 227 · Druckseite 213
Die Schlacht bei Rubau (1370). 213 dorther die Graͤnze Preuſſens noch nie Üüberfehritten hatte. Der Komthur zu Ragnit Burchard von Mansfeld war es, der zu⸗ erſt durch ſeine Kundſchafter von dieſen gewaltigen Kriegsbe⸗ wegungen in Litthauen unterrichtet eiligft den Ordensmarſchall und den Meiſter davon in Kenntniß ſetzte !) und es begann ſofort auch in Preuſſen überall eine ſtarke Kriegsruͤſtung, die in wenigen Wochen aus den eben im Lande ſeyenden Kriegs⸗ gaͤſten, aus den ritterlichen Kriegsleuten der Ordensconvente und aus der kriegspflichtigen Mannſchaft der Staͤdte und des platten Landes ein Heer von vierzigtauſend Mann erſcheinen ließ ). Da der Komthur von Ragnit von neuem auskund⸗ ſchaftet, daß der Feind zwölf verſchiedene Wege in Bereit: ſchaft ſetze und an einer Befeſtigung arbeite ), die auf einen Einfall in Samland hindeute, daß aber das feindliche Heer erſt auf Faſtnacht ſich der Graͤnze naͤhern werde, ſo brach der Meiſter mit ſeiner geſammelten Kriegsmacht bis nach Koͤnigs⸗ berg vor, ohne Zweifel um von hier, nachdem er ſeine Streit⸗ kraͤfte vereinigt, der feindlichen Graͤnze naͤher zu ruͤcken und der Verheerung des Landes ſomit vorzubeugen. Acht Tage zuvor aber kam plotzlich in der Nacht nach Königsberg das Kriegsgeſchrei, der Feind ſey ſchon im Lande und verheere al⸗ les mit furchtbarer Wuth*). In zwei verſchiedenen Heeren 1) Wigand. uͤbereinſtimmend mit Lindenblatt S. 31, der vom Komthur die erfte Nachricht dem Ordensmarſchall geben laͤßt. 2) Nach Schütz I. c. Spätere, wie Pauli S. 212, De Wal T. III. p. 397 ſagen zwar, daß der Hochmeiſter dieſes Jahr keine fremde Huͤlfe bekommen; allein nicht bloß Schütz erwähnt der Kriegs⸗ gaͤſte ausdruͤcklich, ſondern auch Wigand, ſpricht von peregrinis mili- tibus, burgensibus et villanis. 3) „Quomodo pagani fecissent XII vias vulgariter Stege et quomodo stacionem munirent “; Wigand. 4) Wigand. und Lindenblatt ſtimmen darin überein, daß der Meiſter nicht weiter, als bis Königsberg vorruͤckte. Der letztere ſagt: Sie login lantwere mit alle irer macht um konigsberg; alſo war das ganze Streitheer bei Königsberg verſammelt. Die alte Preufl- Chron. P. 38 bemerkt: Der Meiſter beſamte czu hant eyn heer czu koniges⸗ berg und doch nicht des ganczen landes macht, wen her woſte nicht, wenne ader wo dy vynde wolden yns land ſprengen.
Scanseite 228 · Druckseite 214
214 Die Schlacht bei Rudau (1370). war er mit reißender Schnelle ins Ordensgebiet eingeſtürmt; während das eine, von Kynſtutte ſelbſt geführt, durch die Ga⸗ lindiſche Wildniß eindringend die Ortelsburg überfallen, alles ermordet und das Haus in Brand geſteckt, dann wie im Fluge herab bis an den Pregel vorgeruͤckt war!), hatte Olg⸗ jerd an der Spitze des andern Heeres, begleitet von ſeinem Sohne Jagal ?) und Kynſtutte's Sohn Witowd, abſichtlich wie es ſcheint die Wege vermeidend, auf die man die Auf⸗ merkſamkeit der Ordensritter gelenkt), feinen Zug durch Sa⸗ maiten genommen und war uͤber das gefrorene Kuriſche Haff vorſchreitend in Samland eingefallen. Erſt nachdem ſich hier die beiden Heere vereinigt, kam das Kriegsgeſchrei ins Lager des Meiſters bei Koͤnigsberg. Winrich brach ſofort am Morgen des ſiebzehnten Fe⸗ bruars — es war an einem Sonntage!) — an der Spitze ſei⸗ nes Heeres mit allen ſeinen Gebietigern nach dem Dorfe Que⸗ denau auf, auf deſſen nahen Hoͤhen er ein großes Feuer wahr⸗ 1) Wigand., Schütz, Kojalowiez l. c. und Dluguss. ſprechen einſtimmig von dem Überfalle Ortelsburgs durch Kynſtutte auf dieſem Zuge und nach dem letztern Chroniften, wo es heißt: Kieystuth — una cum Olgyerdo german suo Lithuaniae Duce advenit, et distri- ctum Sambiensem, bipartito exercitu ac populatione latius extensa, vastat, incendit et praeda:ur. Quo in solitudinem et vastitatem red- acto, ad castrum Octelsburg ducit exercitum et iliud conquirit et incendit, müßte man glauben, daß Kynſtutte erſt aus Samland hin⸗ ab nach Ortelsburg und dann wieder herauf nach Samland gezogen ſey, was kaum glaublich iſt. Schütz fagt zwar ziemlich das Naͤm⸗ liche; entweder aber iſt Wigand. von beiden Chroniſten mißverſtan⸗ den worden oder man muß die erſte Plünderung Samlands auf den öfttichften Theil der Landſchaft beziehen. 2) In Chroniken wird dieſer Name ſehr verſchieden geſchrieben; auch Urkunden wechſeln in der Schreibart ab. In der älteften Origi- nalurkunde iſt der Name Jagal geſchrieben und ſo finden wir ihn auch auf einem Siegel im J. 1382, weshalb wir dieſe Schreibart allen andern vorziehen. 3) über dieſe Taͤuſchung ſpricht auch Lindenblatt. 4) In dieſem Tage ſtimmen alle Quellen überein; es war der Sonntag Exurge quare obdormis,
Scanseite 229 · Druckseite 215
Die Schlacht bei Rudau (1370). 215 nahm ). Der Ordensmarſchall Henning Schindekopf ward mit zwanzig Reiſigen ausgeſandt, über das feindliche Heer nähere Nachricht einzuziehen und kehrte bald mit einem Lit⸗ thauiſchen Gefangenen zurück, der vor dem Meiſter ausſagte, daß die Großfürften eine feſte Stellung bei dem Dorfe Rus dau genommen haͤtten, entſchloſſen, dort mit dem Ordensheere eine Schlacht zu wagen 2). Alsbald brach Winrich gegen den Feind auf; er fand ihn fo geordnet, daß das Heer, den Rük⸗ ken gegen Norden gewendet, in einiger Entfernung durch ei⸗ nen Wald gedeckt war ), der linke Fluͤgel, meiſt aus Ruſſi⸗ ſchem und Tatariſchem Volke beſtehend, vom Großfuͤrſten Olg⸗ jerd, der rechte dagegen, den die Litthauer und Samaiten bil⸗ deten, von Kynſtutte befehligt“). An Maſſe war der Feind dem Ordensheere bei weitem uͤberlegen; aber in dieſem waltete Winrichs und des Marſchalls Muth und Geiſt und „in einem wohlgeordneten Heere ſind vierzigtauſende einem Einzigen gleich, deſſen Eine Seele fo viele Körper begeiſtert ).“ Nachdem das Ordensheer ſich zur Schlacht geordnet, ſo daß der Meiſter mit ſeinen Streitſchaaren dem Fuͤrſten Kyn⸗ 1) Wie Wigand. ausdruͤcklich ſagt: In nocte subvenit clamor in Konigisberg; de mane cum omnibus preceptoribus et rusticis Magi - ster surgit veniens in Qwedenow, ad montem ignem vidit. 2) Wigand. fagt hier ganz deutlich, daß von Quedenau aus Marschalcus cum XX viris exiens, ut exercitum pensaret, captiva- vit quendam, qui ductus est ad exercitum et dixit Magistro, quo- modo reges starent in Rudow et parati essent ad bellum. Wie in der Beilage zu dieſem Bande Nr. IV erwaͤhnt iſt, laſſen andere Quel⸗ len den Marſchall vor dem Einfalle des Feindes bis nach Littbauen vorziehen, um Kundſchaft vom Feinde zu erhalten; ſo auch De Wal T. III. p. 396. 3) Dieß geht aus Wigand. hervor, wo er vom Ruͤckzuge Olgjerds ſpricht, der ſich in silva circumsepivit dissectis arboribus. Nach Kojalowiez p. 339 ſollen die Litthauiſchen Fürften auf die Nachricht von der Stärke des Ordensheeres ſchon auf dem Ruͤckzuge geweſen ſeyn. 4) Schütz I. c. Daß Oigjerd vorzüglich die Ruſſen auf ſeinem Fluger gehabt, deutet Lindenblatt an. = a Johan. von Müller Schweiz. Geſchichte B. II.
Scanseite 230 · Druckseite 216
216 Die Schlacht bei Rudau (1370). ſtutte, der Ordensmarſchall mit den Seinen Olgjerds Haufen gegenüber ſtanden 1), geſchah der Angriff mit ſtuͤrmender Wuth; es wurde mit aͤußerſter Erbitterung gekaͤmpft und beiderſeits mit ſo außerordentlicher Tapferkeit, daß nach wenigen Stun⸗ den ſchon viele Tauſende das Schlachtfeld bedeckten, und den⸗ noch ſelbſt die Mittagsſonne fand die Schlacht noch unent⸗ ſchieden und es ſchwankte der Kampf noch hin und her 2). Kaum jedoch nahm der Meiſter wahr, daß der linke Fluͤgel des feindlichen Heeres zu wanken begann, als er an der Spitze eines friſchen Reiterhaufens mit verdoppelter Macht in den Feind eindrang ). Olgjerds Streitvoͤlker wurden fo im⸗ mer weiter zurüuͤckgedraͤngt und ergriffen bald die Flucht nach der nordwaͤrts liegenden Waldgegend, vom Ordensmarſchall mit Heftigkeit verfolgt), denn der Meiſter ſelbſt eilte wieder gegen Kynſtutte in den Kampf, deſſen Haufen noch tapfer Stand hielten. Als ſie indeß die Kulmiſchen Paniere heran⸗ ſtuͤrmen ſahen, welche jetzt der Meiſter von neuem gegen fie in den Streit fuͤhrte, verloren ſie Muth und Haltung; ihre Schlachtordnung wurde geſprengt und es erfolgte eine allge⸗ meine Flucht, waͤhrend das Ordensheer den Feind bis tief in die Nacht verfolgte). Mittlerweile hatte der Ordensmar⸗ 1) Wie nach Wigand. und Schütz aus dem ganzen Verlaufe der Schlacht hervorgeht. 2) Schütz l. c. Nach Kojalowiez l. c. wären bis zum Mittage im Ordensheere unter anderm Kriegsvolke ſchon 26 edle Ordensritter und namentlich auch ſchon ipse belli Dux, Magister Ordinis, Hen- ricus gefallen. Dieſer letztere ſoll der Ordensmarſchall ſeyn. 3) Hier muß ſich nach Schütz der Hochmeiſter auf einen Augen⸗ genblick auf den andern Fluͤgel, wo der Ordensmarſchall befehligte, bez geben haben, während unterdeſſen ein anderer Gebietiger, wahrſchein⸗ lich der Großkomthur Wolfram von Baldersheim (nach Wigand.) den Heerbefehl führte. 4) Bei Kojalowiez l. e heißt es von den Litthauiſchen Fuͤrſten: Signum receptui per universam aciem cani jubent: servatis signis ac ordinibus omnes campo eXcederent et impedimenta in proximam syl- vam submota sequerentur. 5) Lindenblatt S. 32, Schütz I. c. Wigand, ſagt: Kyn- stut talia videns cum omnibus cessit celeriter in fugam, in qua
Scanseite 231 · Druckseite 217
Die Schlacht bei Rudau (1370). 217 ſchall Olgjerds Streithaufen zwiſchen Laptau und Transzau hinab bis gegen Mülfen gedrängt, wo dieſe ſich in den dor⸗ tigen Waldungen zu halten fuchten, bis fie ihren Ruͤckzug durch Verhaue gedeckt haben wuͤrden ). Da aber das Ordensvolk die zur Wache aufgeſtellte Streitſchaar mit aller Macht an⸗ griff und uͤberwaͤltigte, fo ward auch hier der Großfuͤrſt zur Flucht gezwungen und von den Ordenskriegern gegen das Ku⸗ riſche Haff und die Nehring hin unablaͤſſig verfolgt?). Der tapfere Marſchall aber ſtand ſchon nicht mehr an der Spitze ſeiner muthigen Krieger, denn als der Kampf zwiſchen Transzau und Mülſen ſich von neuem erhoben, hatte ein toͤdtlicher Pfeil ihn mitten ins Geſicht getroffen. Man war bemuͤht, den ge⸗ fallenen Helden nach Laptau zu bringen; allein er konnte die⸗ ſen Ort nicht mehr erreichen und ſtarb unweit davon mitten auf dem Felde ). multi sunt occisi paganorum; nec convertit se Kynstud, donec ve- niret in terram suam. 1) Nach Wigand. und Schütz. 2) Kojalowiez I. c. läßt es bei dem geſchlagenen Heere der Lit⸗ thauer wunderbar ordentlich hergehen. Es heißt unter andern: Ho- stis positus campo et victoriae quamquam satis cruentae opinione luetus, substitit neque enim absque Duce progredi ulterius audebat. Lituanus vero victoriae fructum praedam omnem, salvo milite do- mum secure deportavit. 8) Beim erften Anblicke ſcheinen die Quellen über die Zeit des To⸗ des des Ordensmarſchalls nicht uͤbereinzuſtimmen, denn nach Wigand. ſiel er gegen Ende der Schlacht, indem es heißt: Algard autem in silva circumsepivit se dissectis arboribus; sed cristiani invadentes posteriorum custodiam, quare rex timens cepit fugam cum sibi com- missis, celeriter exuens se ex silva, timens se occidi, quem frater Henningus persequitur et in tantis angustiis regis a quodam dictus frater telo in faciem percutitur et, cadens pro temporali vita merca- tur eternam, Nach Schütz geſchah dieſes hinter dem Transzauer Felde bei Muͤlſen. Lindenblatt S. 32 dagegen ſagt: „unde yn dem ans rynnen, als ſich der ſtrit hub, wart der Marſchalk geſlagen;“ indeſ⸗ fen laßt ſich dieſe Angabe mit Wigand. dann wohl vereinigen, wenn man annimmt, daß Lindenblatt nicht vom Anfange der Schlacht uͤber⸗ haupt, ſondern vom Anfange des neuen Kampfes hinter dem Trans⸗
Scanseite 232 · Druckseite 218
218 Die Schlacht bei Rudau (1370), Außer ihm aber, dem Helden des ſiegreichen Tages, ko⸗ ſtete der Sieg dem Orden noch manches andere ſchmerzliche Opfer, denn nicht nur eine anſehnliche Zahl des gemeinen Kriegsvolkes und der fremden Kriegsgaͤſte, unter denen der edle Arnold von Lechele und zwei andere tapfere Ritter) von den Ihrigen beklagt wurden, bedeckte das blutige Schlachtfeld, ſondern auch ſechsundzwanzig Ordensritter und Über zweihun⸗ dert edle Reiſige waren im Kampfe erſchlagen, unter den er⸗ ſtern der im Heidenkriege ſo oft erprobte Kuno von Hatten⸗ ſtein Komthur zu Brandenburg nebſt ſeinem Hauskomthur Heinrich von Stockheim, auch Petzold von Kurwis Komthur des Hauſes Rheden, der brave Ordensritter Salentin von Iſenburg und manche andere ). Aber ungleich bedeutender zauer Felde ſpricht, denn daß der Marſchall in der eigentlichen Schlacht noch ſelbſt mitkoͤmpfte, iſt unzweifelhaft. Nach Lucas David B. VII. S. 80 ſoll Wiſchwilte oder Weſewilte, der Schwager des einen Groß⸗ fürften, den Marſchall getoͤdtet haben. 1) Alte Preuff. Chron. p. 38. Henneberger p. 403 nennt ihn Arnold von Loreche. 2) Die Angaben uͤber den Verluſt des Ordens weichen ſehr von einander ab. Die Zahl der Gebliebenen vom gemeinen Kriegsvolke wird nirgends beſtimmt angegeben. Bei Wigand. heißt es: In quo con- flictu XXVI fratres sunt occisı et 100 viri — ad mille fuerunt in- terempti. Dieſe Angabe iſt aber, wie es ſcheint, hie und da mißver⸗ ſtanden worden, denn Schütz ſagt: Von des Ordens Volk, ohne die gemeinen Kriegeleute und Soldener, derer auch nicht wenig geweft ſind, blieben zweihundert Bruͤder, ſechsundzwanzig Compter und an⸗ dere Gebietiger u. ſ. w. Dieß iſt ſicherlich falſch, denn 26 Komthure koͤnnen unmoglich geblieben ſeyn, weil wir wirklich die meiſten nach der Schlacht noch in ihren Ämtern finden. Auch Diugoss. ſpricht nur von viginti fratribus de ordine. Eben ſo wenig kann von 200 Or⸗ densbruͤdern, ſondern nur von ſo viel Ordensreiſigen die Rede ſeyn, die geblieben ſeyn ſollen; die Ordenschron. bei Matthaeus p. 782 ſagt daher: „Ende von den Kerſten (Chriſten) bleven doot XXIV Herren von der Oirden, ende derdehalfhondert goeder mannen“ und die alte Preuſſ. Chron. I. c. giebt „mynner denn IIIe tot“ an. Damit ſtimmt auch Henneberger p. 403 überein. Bei Dusb. supplem. c. 25 heißt es: Cum famnlis multis duo C. periereque fratres Certus Lithuanis sed abest numerusque Ruthenis
Scanseite 233 · Druckseite 219
Die Schlacht bei Rudau (1370). 219 noch war der Verluſt des Feindes, denn nach den geringſten Angaben fielen allein auf dem Schlachtfelde fünf bis ſechötau⸗ ſend, nach andern ſogar eilftauſend und unter dieſen mancher Edle, wie der von den Seinen ſchmerzlich betrauerte Weſewilte. Außerdem ertranken viele auf der Flucht bei einbrechendem Eife der Flüſſe und des Haffes, andere in den Waldungen zerſtreut ſtarben vor Hunger und Kälte oder am Schmerze ih: rer Wunden ). Eine große Zahl ward gefangen und in ver⸗ ſchiedene Ordensburgen vertheilt, alſo daß die Großfürſten nur unter Trauer und Schmerz in ihre Lande zuruͤckkehrten 2). So trat Winrich ſieggekroͤnt den Ruͤckzug vom Schlacht⸗ felde an. Sein Erſtes aber war, nach dem wilden Kriegs⸗ ſturme der tapfern Todten und vor allen des edlen Helden zu gedenken, durch deren Blut der ruhmreiche Sieg uͤber das Heidenvolk erkauft und das Land von der fernern furchtbaren Corner. Chron. p. 1116 läßt von den Litthauern innumerum populum fallen, den Marſchall dagegen nur cum paucis erſchlagen werden; p. 1119 giebt er 200 Ordensbruͤder an und ſagt: de qua ag quidam versificator haec ſecit metra: Annis M. tria C. iuncto septuaginta Exurge quare prope Rudowefjue notare Schinnecop Marscalcus tunc ruit ense necatus Cum famulis Milites duo C. pariter quoque Fratres. Certus Lethwinis abest numerusque Ruthenis Et qui fugerunt, geluque ſame perierunt. 1) Auch uͤber die Zahl der gefallenen Litthauer und Ruſſen wei⸗ chen die Angaben ab. Dlugoss bezieht Wigands Worte: ad mille fuerunt interempti auf die Litthauer; ſicherlich ganz unrichtig, denn Wigand giebt gar keine Zahl der erſchlagenen Litthauer an; eben ſo wenig Lindenblatt. Kajalowiez p. 339 folgt dem Dlugoss. Die alte Preuſſ. Chron. führt an: Des vilen tot den tag von gots gnadin der heiden bey VII. und wol Vo. man und ſunderlich dy rewſen ane dy yn der wiltnis hungers und des vroſtes ſturben. Mit denen auch ſtarp Wezewilte eyn eddeler lanthere. Die Ordenschron. a. a. O. daͤhlt insgeſammt 6000; die größte Zahl nennt Dusb. supplem., wo es heißt: Ex his undena perversus millia plena etc. 2) über manches andere in Beziehung auf diefe Schlacht bei Ru: dau vgl. die Beilage Nro. IV.
Scanseite 234 · Druckseite 220
220 Die Schlacht bei Rudau (1370). Verheerung befreit worden war. Drei Denkmale wurden auf den Gräbern der Erſchlagenen für das Heil ihrer Seelen, wie zur Verewigung ihres Gedaͤchtniſſes aufgerichtet; in zwei Ka⸗ pellen, deren eine zu Rudau, die andere zu Laptau, wurden forthin fuͤr die Gefallenen Meſſen und Vigilien gehalten und das Andenken des ruhmvollen Tages durch Inſchrift der Nach⸗ welt uͤberliefert ). An der Stelle aber, wo der kriegsmuthige Marſchall, Winrichs vieljaͤhriger Waffengenoſſe, geſtorben war, ließ der Meiſter eine Denkſaͤule aus Stein aufſtellen, die noch bis dieſen Tag dem Wanderer die Erinnerung der großen Hei⸗ denſchlacht und den Namen des tapfern Helden zuruͤckruft ?). Dieß zum Gedaͤchtniſſe der Gefallenen! Aber auch dem Him⸗ mel gebuͤhrte frommer Dank fuͤr den ruhmvollen Sieg. Dar⸗ um ließ Winrich vor der Stadt Heiligenbeil zu Ehren der ge- benedeiten Jungfrau ein ſchoͤnes Kloſter für Auguſtiner⸗Moͤnche erbauen und begabte es mit allem, was es bedurfte an Buͤ⸗ chern, Schmuck und heiligen Geraͤthen s). Mehre andere Kloͤ⸗ ſter des Landes, wie das Jungfrauen⸗Kloſter zu Thorn“), wurden auf mancherlei Weiſe anſehnlich beſchenkt. Der Meiſter kehrte ſogleich nach der Schlacht in ſein Haupthaus Marienburg zuruck, denn dort erwartete ihn ein koͤniglicher Gaſt. Koͤnig Waldemar von Daͤnemark war in Folge der feindlichen Verhaͤltniſſe mit den Hanſeſtaͤdten und ihres Einfalles in ſein Reich aus ſeinen Staaten entflohen und nachdem er faſt ein Jahr hindurch an Deutſchen Fürftenhöfen vergeblich Hilfe und Verbündete geſucht, auch nach Preuſſen gewandert, vielleicht um den Hochmeiſter und die Bundes⸗ flädte Preuſſens, die im Streite der Seeſtaͤdte gegen den Koͤ⸗ 1) Schütz p. 81. Die Inſchriften hat auch das supplem. Dusb. c. 23. 2) Lucas David B. MI. S. 87. Henneberger ©. 403. Rhode Diss ertatio historica de Rudaviensi proelio et statua, Regiom. 1721, wo fo ziemlich alles geſammelt iſt, was die fpätern Chroniſten darüber ſagen. Vgl. Erläut. Preuſſ. B. I. S. 615 ff. 3) Wigand. p. 292. 4) Urkunde im Rathsarchiv zu Thorn Cist, XIV. Nr. 32. R
Scanseite 235 · Druckseite 221
Verhandlungen mit Waldemar von Daͤnemark (1370). 221 nig, wie wir ſahen, immer etwas entfernter geſtanden, zur Vermittlung und Verſöhnung zu gewinnen. Er ging daher auch gerne in die Wünfche der Städte Kulm, Thorn, Er bing, Danzig, Koͤnigsberg und Braunsberg in Beziehung auf ihren Handel ein, uͤberließ ihnen fuͤr die Summe von fuͤnf⸗ hundert Gulden nicht nur eine Landſtrecke zu Falſterbude auf Schonen zum Aufbau einer Vitte) als Eigenthum zur Nie⸗ derlage und zum Verkaufe ihrer Waaren, wie bereits andere Hanfeftäbte, als Lubeck, Stralſund und Greifswalde ſolche Vitten daſelbſt hatten oder bald erhielten, ſondern ertheilte ih⸗ nen auch alle die Rechte und Freiheiten, welche er und ſeine Vorfahren ſchon fruͤher mehren andern Handelsſtaͤdten Deutſch⸗ lands in ſeinem Reiche verliehen hatten, vor allem namentlich das mit dem Beſitze einer Vitte alle Zeit verbundene Recht, ihre Streitigkeiten in Handelsangelegenheiten dort von ihrem eigenen Richter oder Vogt entſcheiden zu laſſen?). Nachdem 1) Dieſer Ausdruck kommt in der Handelsgeſchichte des Nordens häufig vor und iſt auch jetzt noch gebraͤuchlich; z. B. die Schaakiſche Vitt, die Vitte bei Memel u. ſ. w. Er bezeichnet immer einen hart am Ufer, zum Anlanden und Auslaufen der Schiffe bequem liegenden Ort. De Wal T. III. p. 404 giebt davon die ſonderbare Erklärung: Comme les terreins sont designes par le nom de Vitta dans la chartre de Waldemar, on les comparoit appareinent à des rubans, parce qu’effectivement ils &toient longs et étroits. Der Beſitz einer Vitte im fremden Lande war für den Kaufmann infofern immer von Wichtigkeit, weil er dann in ihrem Bezirke wie auf eigenem Grund und Boden ſtand. So durfte z. B. auf der Luͤbiſchen Vitte niemand liegen, als der, dem der Luͤbiſche Vogt oder die Luͤbiſchen Buͤrger die Erlaubniß dazu ertheilt hatten. Es war damit immer die eigene Ge⸗ richtsbarkeit durch einen Vogt oder Richter verbunden. Die königlichen Beamten und ihre Diener konnten weder bewaffnet, noch ohne Waffen irgend einige Gewalt auf der Vitte uͤben; vgl. daruber Sartorius a. a. O. B. I. S. 165 — 179. 2) Wir haben hierüber zwei Urkunden des Königes, die eine dat. : Nyenburg (Nenenburg) an. 1870 die lunae proxima ante festum Pu- rification. b. Mariae; die andere: Thorun a. 1370 dominica proxima ante dominicam Carnisprivii. In der erſtern giebt er den Städten die obenerwähnte Zuſage, wo es heißt: Quorum (mercatorum Civitatum)
Scanseite 236 · Druckseite 222
222 Verhandlungen mit dem Johanniter-Orden (1370). hierauf der König ohne Zweifel vom Hochmeiſter unterſtüͤtzt einen friedlichen Verhandlungstag mit den Hanſcatiſchen Ver⸗ buͤndeten verabredet und uͤber Thorn nach Prag gegangen war, um ſich der Beihuͤlfe des Kaiſers Karl zu verſichern, wandte ſich Winrich zu einer andern wichtigen Unterhandlung. In Pommern naͤmlich, zum Theil mitten im Beſitzthum des Deutſchen Ordens ) befaßen noch die Johanniter⸗Ritter die alten Beſitzungen, welche die Froͤmmigkeit der fruͤheren Herzoge von Pommern ihnen zugewieſen. Der Zuſtand des Johanniter⸗Ordens in feinem Priorat in Deutſchland war aber damals gerade fo überaus traurig, durch unglüdliche Zeitver⸗ haͤltniſſe und durch Bedruͤckungen der Fuͤrſten waren die mei⸗ ſten ſeiner dortigen Beſitzungen ſo verarmt und durch ſchlechte Verwaltung in eine ſo druͤckende Schuldenlaſt gerathen, daß man in einem Ordenskapitel, welches der Großmeiſter des Or⸗ dens zu Avignon hielt, zur Rettung und Aufhuͤlfe jener Be⸗ ſitzungen kein anderes Mittel fand, als dem oberſten Ordens⸗ gebietiger der Provinzen Sachſen, der Mark, Slaviens und Pommerns die Vollmacht zu ertheilen, gewiſſe Guͤter zu ver⸗ supplicationibus Nos intuitu et consideratione Excellentis Domini Magistri Generalis Prusciae benignius annuentes, ipsis praefatis Ci- vitatibus et Mercatoribus Prusciae eorumque successoribus vittam quandam in Campo nostro Valsterboche vitiae eorum de Lubek ex uno latere contiguam atque ex alio latere sitam prope littus maris. Den Städten ſcheint indeffen dieſe Zuſage nicht genügt zu haben. Der Koͤnig mußte daher in der zweiten Urkunde verſprechen, an dem zwi⸗ ſchen ihm und den Seeſtaͤdten auf Walpurgis angeſetzten Verhandlungs⸗ tage, ſobald ſie es verlangten, die ihnen zugeſtandene Vitte und die mit ihr verbundenen Rechte und Freiheiten im Handel ſpecieller und vollſtändiger zuzuſichern oder ihnen auch die 500 Gulden zuruͤckzuzahlen, wenn fie die Vitte nicht mehr befisen wollten. Beide Urkunden f. bet Lengnich Geſch. der Preuſſ. Lande B. I. Docum. Nr. 12—13. p. 34. Vgl. Sartorius a. a. 9. S. 183. 1) Selbſt in Danzig hatten die Johanniter fruͤherhin ein Haus unter ihrem Beſitzrechte, von Henning von Wartenberg erbaut. Her: mann von Werberg, Gebietiger des Johanniter⸗Ordens, gab im Jahre 1356 auf Erſuchen des Hochmeiſters von Preuſſen und des Rathes von Danzig feine Rechte darauf auf; Ark. im geh. Arch. Schicht. 50 Nr. 88.
Scanseite 237 · Druckseite 223
Verhandlungen mit dem Johanniter⸗Orden (1370). 223 aͤußern, um durch die gewonnene Summe die großen Schul⸗ den des Priorats in Deutſchland zu tilgen !), welche vorzuͤg⸗ lich in der letztern Zeit durch die ſtarke Beihuͤlfe des Ordens zum Römerzuge des Kaiſers zu einer kaum noch erträglichen Laſt geſteigert worden waren. Obgleich indeſſen dieſer Beſchluß ſchon vor vier Jahren gefaßt war, ſo kam er doch erſt im Sommer dieſes Jahres zur Ausführung. Da die Ordensguͤ⸗ ter in Pommern in der Dioͤceſe von Leflau von denen in Deutſchland zu entfernt und viel zu vereinzelt lagen, als daß ſie dem Orden und namentlich dem Priorate in Deutſchland von weſentlichem Nutzen hätten ſeyn koͤnnen, fo trat der Prior der Johanniter⸗Ritter in Deutſchland Konrad von Brunsberg mit dem Hochmeiſter Winrich von Kniprode wegen des Ver⸗ kaufes dieſer Güter, namentlich von Schoͤneck und Warten⸗ berg in Unterhandlung. Sie gedieh auf einem zu Speier ge⸗ haltenen Provinzialkapitel zum Abſchluſſe, indem der Hoch⸗ meiſter für die erwähnten Güter dem Johanniter ⸗Orden die Summe von zehntauſend Mark bezahlte und ſie in einem mit der ſorgfaͤltigſten Genauigkeit darüber ausgefertigten Verkaufs⸗ briefe foͤrmlich und unwiderruflich zugeſprochen erhielt 2). Nach⸗ 1) Originalurkunde mit dem bleiernen Ordensſiegel, dat.: In do- mo nostra Avinion durante nostro prescripto generali capitulo, die quinta mensis Marcii a. d. 1366 im geh Arch. Schiebl. 50, gedruckt in Ledebur Allgem. Archiv fuͤr die Geſchichtskunde des Preuſſ. Staa⸗ tes B. I. H. 3. S. 249, aber nicht fehlerfrei. Als Güter des Ordens ſind hier genannt: Tempelburch, Schoenek, Lagow, Aka, Exael (nicht Ex aliis, wie gedruckt ſteht) et quedam alia bona in eisdem Partibus et in Oestfrisia consistentia. 2) Das Verkaufsinſtrument, dat.: Spire a. d. 1370 crastino na- tivitat. S. Joannis Bapt., erwaͤhnt im Dregerſchen Urkundenver⸗ zeichn. von Oelrichs S. 98, vollftändig in einer alten Copie im klei⸗ nen paͤpſtlichen Privilegien. Von allen Gütern des Johanniter⸗Or⸗ dens in Pommern iſt eigentlich (wie Oelrichs a. a. O. ſagt) nicht die Rede, ſondern es heißt nur: omnia et singula bona nostri Ordi- je in Pomerania Wladislaviensis dioceseos consisteneia infrascripta, videlicet domum de Schonecke et locum Wartberg cum omnibus aliis Pertinenciis snis et attinenciis, alſo eigentlich die Guͤter in Pommerellen.
Scanseite 238 · Druckseite 224
224 Herzog Leopold von Sſterreich in Preuſſen (1370). dem hierauf der Ordensgebietiger von Sachſen, der Mark, Slavien und Pommern Hermann von Werberg und der vor⸗ malige Komthur zu Schoͤneck Albrecht von Werberg die Guͤ⸗ ter dem Deutſchen Orden foͤrmlich uͤberwieſen und die Kauf⸗ ſumme vom Ordenstreßler Sweder von Pellant in Empfang genommen worden war, trat der Orden in vollkommenen Beſitz des Landes, welches unter ſeiner Verwaltung bald zu viel ſchoͤnerem Gedeihen gelangten). So ſchied der Johanniter⸗ Orden aus der Gegend des Weichſel⸗Stromes, nachdem er faſt zwei Jahrhunderte in dieſen Landen geſeſſen hatte. Kaum aber hatte der Hochmeiſter nach dieſen wichtigen Verhandlungen ſeine Thaͤtigkeit wieder mehr des Landes inne⸗ rer Verwaltung zugewandt, als im Herbſt dieſes Jahres eine neue bedeutende Schaar von Kriegsgaͤſten zum Heidenkampfe ins Land kam, an ihrer Spitze der edle Herzog Leopold von Öfterreich, der neunzehnjaͤhrige Bruder Herzog Albrechts des Dritten von Öfterreich, ein feuriger und kriegsluſtiger Juͤng⸗ ling, begleitet von den beiden Herzogen Friederich und Ste⸗ phan von Baiern, die auf ihrer Reiſe zur Ausgleichung mit ihrem Oheim Otto von Brandenburg durch Sſterreich, Un⸗ gern und Polen wandernd, die Gelegenheit benutzen wollten, in Leopolds Geleite ſich zuvor im Streite gegen die Heiden Ruhm und kirchliches Verdienſt zu erwerben 2). Im zahlreichen 1) Originalzeugniß der erwähnten Ordensgebietiger über den Em⸗ pfang der Kauffumme, dat.: Wartenberg sabbato infra octavas b. Martini episcopi a. d. 1370 Schiebl. 50. Nr. 81, eine alte Gopie im kl. paͤpſtl. Privilegienb., gedruckt bei Ledebur a. a. O. S. 252. Au: ßerdem haben wir noch eine Urkunde Hermanns von Werberg, worin er bezeugt, daß auch der von Henning von Wartenberg zur Stiftung ei⸗ ner ewigen Meſſe in Lubſchau beſtimmte Zins dem Orden mit verkauft ſeyz geh. Arch. Schiebl. 50. Nr. 88. 2) Wigand. I. c. ſetzt die Ankunft des Herzogs Leopold circa fe- stum Martini und ſagt ausdruͤcklich, daß auch dux Fridericus cnm fra- tre suo Stephano enm dicto Lnpoldo nach Preuſſen gekommen ſey. Aus dem Chron. Salisburg. an. 1371 erſehen wir, daß ſich Friederich (abſichtlich Boͤhmen wegen des Kaiſers Karl vermeidend) durch die er⸗ wähnten Lander zu feinem Oheim nach Brandenburg begeben wollte.
Scanseite 239 · Druckseite 225
Herzog Leopold von Sſterreich in Preuſſen (1370). 225 und glaͤnzenden Gefolge der Fuͤrſten ſah man manchen wackern Ritter ihrer Lande. Unter der Schaar des Herzogs Leopold — fie zählte funfzehnhundert Roſſe — zeichnete fi vor allen aus der ritterliche Held Hans von Traun, deſſen Name ſchon frü- her in ſeinen Kaͤmpfen mit den Heiden in Litthauen und Reuſ⸗ ſenland überall Furcht und Schrecken verbreitet). Außerdem führten auch zwei Herzoge von Polen, der Landgraf von Leuch⸗ tenberg und ein Graf von Hals eine reiſige Schaar herbei 2). Vom Meiſter fuͤrſtlich empfangen zogen die Fuͤrſten nach Koͤ⸗ nigsberg hinauf, wo der neue Ordensmarſchall Ruͤdiger von Elner ſchnell eine ſtarke Streitmacht zuſammenrief und bald darauf mit feinen Gebietigern die Kriegsgaͤſte gen Ragnit führte, Nachdem dort der Meiſter Winrich ſelbſt die ganze Kriegsmacht in zwei Heerſchaaren getheilt, ging er an der Spitze der einen den Memel⸗Strom aufwaͤrts bis Labegirren, von wo er dann in die Landſchaft Pomedien ) vordringend die ganze Gegend Vgl. Mannert Geſchichte Baierns B. I. S. 365, wo jedoch Friede⸗ richs Zug nach Preuſſen nicht berührt iſt. Kurz Sſterreich unter AL brecht III. B. I. S. 77. Die alte Preuſſ. Chron. p. 38 läßt den Her⸗ zog von Sſterreich allein mit 1500 Pferden kommen. 1) Nach Wigand. führt Herzog Leopold herbei multos principes, qui omnes in exercitium inilicie et fidei protectionem venerunt. Über Hans von Traun ſ. Suchewirt XVIII. 499. 2) Alte Preuſſ. Chron. p. 38. Sie nennt den Landgrafen von Leuchtenberg Luckenkerg, wie dieſer Name auch anderwaͤrts vorkommt; ſ. Pfeffinger Vitriar. Illustrat. T. II. p. 624 — 625. Der hier an: weſende koͤnnte Ulrich oder Johannes geweſen ſeyn. Der Graf von Hals, den die erwähnte Chronik von Halle nennt, war aus dem gräflichen Geſchlechte von Hals, welches im Jahre 1375 ausſtarb und deſſen Graf⸗ ſchaft, wie oben S. 28. Anmerk. 1. berührt ift, an die Landgrafen von Leuchtenberg fiel. Simon Grunau Tr. XIII. dc. 5 nennt außer den Herzogen von Öfterreich und Baiern noch die Fürften von Oppeln Woyzech und Gyrſyka, den Landgrafen von Lackenberg Wymar, den Freiherrn von Wacholden Sigismund, im Ganzen 11 Grafen, 200 Reiter und 10,000 Knechte, die angekommen ſeyn follens ſ. Eu cas David B. VII. S. 85. 3) Das jetzige Vomitwy; nach den Wegeverzeichniſſen lag von ihm aus Erogeln rechts und Roſſiena links. V. 15
Scanseite 240 · Druckseite 226
226 Herzog Leopold von Sſterreich in Preuſſen (1370). ohne Schonung mit Mord und Feuer uͤberzog. Der andere Heerhaufe unter des Marſchalls Fuͤhrung fiel, an der Jura aufwärts gehend, in das Gebiet Kaltenen ein). Die Be⸗ wohner indeß, von des Feindes Ankunft ſchon zuvor benach⸗ richtigt, hatten ſich meiſt zerſtreut und verſteckt, brachen aber hie und da aus ihren Schlupfwinkeln hervor, überfielen einzelne kleine Haufen und fingen oder erſchlugen, was ſie fanden. Selbſt der Pfleger von Raſtenburg Rudolf von Nuſplingen ) büßte feine Kuͤhnheit mit einer ſchweren Wunde. Deshalb ſtuͤrmte das Heer zeitig ins Gebiet von Waiken und dort mit der andern Heerſchaar des Meiſters wieder vereinigt uͤberzog es mit Feuer und Schwert auch die Landſchaften von Roſſiena, Erogeln bis herab nach Geſow. So hatte man ſechs Tage in Feindesland gehaufet, gemordet und gebrannt und kehrte nun mit einem Haufen von Gefangenen ins Ordensgebiet zu⸗ ruck s), ohne daß auf dem ganzen Verheerungszuge auch nur eine That geſchah, die bemerklich hervortrete, denn man hatte ſich begnügt, Samaitenland von der Jura bis an die Naweſe mit Mord und Raub heimzuſuchen. Während hierauf aber die fremden Kriegegäfte bei Kö: nigsberg gelagert eine ſtrengere Jahreszeit erwarteten, um noch einen blutigen Verheerungszug ins feindliche Land zu wagen, in ihrer Hoffnung jedoch durch die fortdauernd weiche Witte⸗ 1) Das Land „Ealtenen‘ kommt in den Wegeverzeichn. ſehr häufig vor; unfern davon lag ein heiliger Wald. Sehr wahrſcheinlich ift es das heutige Koltinjany an der Jura, denn in der Nähe dieſes Fluſſes wird es immer erwahnt. 2) Der Name iſt in den Urkunden oft ſehr verdorben. Auf Ru⸗ dolf von Nuſplingen folgte nun Herzog Albrecht von Sachſen als Pfle⸗ ger von Raſtenburg. 3) Die Hauptquelle iſt Wigand. I. c., nach ihm Dlugoss. p. 1168. Suchenwirt XVIII. 499-509 erwähnt der Sache nur kurz. Alte Preuſſ. Chron. P. 38 uͤbereinſtimmend mit Wigand., nur daß fie die Fuͤr⸗ fin am Zuge nicht mit Theil nehmen, ſondern erſt fpäter kommen läßt. Kurz Sſterreich unter Albrecht III. B. I. S. 78 folgt Kotz ebuen und muß alſo in Sſterreichiſchen Quellen keine näheren Nachrichten ge⸗ funden haben.
Scanseite 241 · Druckseite 227
Verhaͤltniſſe zu Polen und Maſovien (1370). 22 rung getaͤuſcht und unter ſich zwietraͤchtig wegen Mangel an Lebensmitteln ſich zur Ruͤckkehr in die Heimat anſchickten, brach zur Rache der Großfuͤrſt Kynſtutte ins Ordensgebiet bis Gogelanken!) ein, uͤberwaͤltigte dort die Burg, mordete Männer, Frauen und Juͤnglinge und wuͤrde ohne Zweifel noch weiter vorgedrungen ſeyn, wenn nicht Wigand von Baldersheim, der Pfleger von Inſterburg mit einem Streithaufen ſich aufge⸗ macht, den Feind zur Ruͤckkehr gezwungen und dann ſelbſt einen Einfall ins feindliche Gebiet gewagt haͤtte, wo es ihm gluͤckte, einen vornehmen Hauptmann zu erſchlagen und mit einem großen Raube auch funfzig Gefangene zuruͤckzufuͤhren 2). Die fremden Fuͤrſten hatten Preuſſen noch nicht verlaſſen, als im Nachbarreiche Polen eine Veraͤnderung des Thrones erfolgte, die auch für den Orden in Preuſſen von dem wich: tigſten Einfluſſe war. Koͤnig Kaſimir, nicht minder durch große Tugenden beruͤhmt als durch große Laſter befleckt, gegen den Orden aber ſeit ſeiner freundlichen Aufnahme im Ordens⸗ haupthauſe ſtets von friedlichen Geſinnungen belebt, war im Anfange des Novembers nach einem ſchweren Falle auf der Jagd ohne einen Thronerben geſtorben und die Krone ſiel jetzt dem nahe verwandten Koͤnige Ludwig von Ungern zu, den Kaſimir auch laͤngſt ſchon zu ſeinem Nachfolger ernannt hatte. Es erhoben ſich alsbald wie im Innern des Reiches, ſo von außenher uͤberall unruhvolle Bewegungen, denn da Koͤnig Ludwig nicht ſogleich ſelbſt nach Polen kam, um das Steuer kraͤftig in die Hand zu nehmen, ſondern vorerſt nur 1) Bei Wigand. und Diugoss. heißt der Ort Gogelanken, bei Kojalowicz p. 341 Gozenlanken. Wahrſcheinlich iſt der Name ver⸗ ins und ſoll Jodlauken heißen, welches ſüͤdlich von Inſterburg iegt. N Nach Wigand. geht der Pfleger über die Memel, pedester intrat ibidem quandam villam, in qua interfectus est Capitaneus. Kojalowiez 1. c. ſagt: Excedentem e Prussia Lituanum, iisdem lere vestigiis secutus Insterburgi Praefectus, Vigandus Beldenstein, ex- Pedito milite plurimos pagos hactenus belli mala inexpertos spolia- Mit etc. eucas David B. VII. S. 88 hat ſehr abweichende Nach⸗ richten, aber aus unficheren Quellen. 15 *
Scanseite 242 · Druckseite 228
228 Verhaͤltniſſe zu Polen und Maſovien (1370). ſeine Mutter, die Koͤnigin Eliſabeth, eine Tochter des Koͤniges Wladislav des Vierten von Polen als einſtweilige Statthalte⸗ rin ins Reich ſandte, ſo erfolgten nicht bloß im Weſten von Brandenburg aus und im Oſten von Litthauen her durch den Großfürften Kynſtutte neue feindliche Einfälle in das Land ), ſondern auch der Herzog Semovit von Maſovien benutzte die guͤnſtige Gelegenheit, die Feſſeln des Lehensverhaͤltniſſes zu zerbrechen, die ihm Koͤnig Kaſimir vor funfzehn Jahren ange⸗ legt und bisher gelaſſen von ihm hatten getragen werden muͤſſen. Er eilte ſich fofort mehrer fefter Plaͤtze des König: reiches zu bemaͤchtigen, auf die er nach Kaſimirs Tod aus früheren Verhaͤltniſſen gerechte Anſpruͤche zu haben meinte e). Obgleich der Orden in Preuſſen bisher keine Urſache gehabt, ſich in dieſe unruhigen Bewegungen im Nachbarreiche einzu⸗ miſchen, fo erhielt doch bald darauf der Meifter von der Koͤ⸗ nigin Elifabeth ein Schreiben voll bitterer Vorwürfe, daß er, mit der Krone Polens ſo lange in friedlichen und freundlichen Verhaͤltniſſen, jetzt dem Herzoge von Maſovien bei ſeinem ver⸗ rätheriſchen Einfalle in Polen Huͤlfe geleiſtet und ſomit ohne allen Anlaß den Frieden mit dem Reiche gebrochen habe. Dem Meiſter war die Sache viel zu wichtig, als daß er der Königin nicht alsbald genuͤgenden Aufſchluß über die wahre Beſchaffenheit der Dinge zu geben fuͤr noͤthig befunden. Von einer Huͤlfsleiſtung, meldete er ihr, ſey ihm nicht das mindeſte bekannt; das ſey eine grundfalſche Anklage. Das Wahre an der Sache ſey, daß der Herzog vor einiger Zeit wegen ver⸗ ſchiedener Angelegenheiten mit ihm eine Zuſammenkunft in Strasburg gehabt und damals ihm unter andern auch die Bitte vorgelegt habe, der Orden moͤge ihm eine Summe von vierzehntauſend Gulden vorſtrecken, wofür er ihm die Caſtel⸗ lanei Wisna als Pfand einraͤumen wolle. Er habe zwar be⸗ dacht, daß dieſes Gebiet, in einer wuͤſten Wildniß gelegen und 1) Dliagoss. L. X. p. 1—3. Archidiacon. Gnesnen. ap. Som- mersterg. T. II. p. 103. Kojalowiez p. 341842. 2) Pray Annal. Reg. Hungar. P. II. p. 129. Cromer p. 321.
Scanseite 243 · Druckseite 229
Verhäftniffe zu Polen und Maſovien (1370). 229 faft gar nicht bewohnt, dem Orden keinen oder nur ſehr ge⸗ ringen Ertrag bringen koͤnne; da es indeſſen für den Schutz und die Sicherheit der Chriſtenheit gegen die Heiden durch Aufbau von Schutzwehren und durch Aufſtellung von Wachen ihm ſehr dienlich geſchienen habe, ſo ſeyen dem Herzoge ſie⸗ bentauſend Gulden geliehen worden und die Caſtellanei in des Ordens Haͤnde als Pfand gekommen. Spaͤterhin habe der Herzog noch zweitauſend Schock Boͤhmiſche Groſchen unter gewiſſen Bedingungen vom Orden erhalten, doch ohne daß man von ſeinem Plane eines Einfalles in Polen das mindeſte gewußt habe, denn man ſey weit entfernt, auch nur den ge⸗ ringſten feindlichen Schritt gegen dieſes Reich zu thun ). Der Koͤnigin genuͤgte dieſe offene und gerade Erklaͤrung des Meiſters und die friedlichen Verhaͤltniſſe beider Laͤnder blieben ſomit ungeſtoͤrt. So freundlich indeſſen und gefaͤllig ſich der Meiſter in ſolcher Weiſe dem Herzoge von Maſovien bewieſen, ſo ging doch bald eine ſchwere Klage des Ordens uͤber ihn an den paͤpſtlichen Hof. Es iſt erinnerlich, wie ſchon laͤngſt die Her⸗ zoge Maſoviens in den Kämpfen des Ordens gegen die Lit thauer die Sache der letztern auf mancherlei Weiſe zu foͤrdern und die Feinde der Ordensritter bei ihren Einfaͤllen in Preuſ⸗ ſen nicht ſelten zu beguͤnſtigen bemuͤht geweſen, theils ſchon wegen ihrer näheren Verhaͤltniſſe zu den Litthauiſchen Fürften, theils auch weil ſie zugeben mußten, was ſie oft nicht hin⸗ dern konnten. Auch Semovit hatte es nicht vermocht oder 1) Wir haben hieruͤber nur noch den Entwurf des Schreibens des Meiſters an die Königin mit der Überſchrift: Littera ad reginam Un- garie excusatoria im Formularbuche p. 53. Zwar hat es bloß das Datum: Vlavie etc.; allein es gehört ſicherlich in keine andere Zeit. Der Meiſter erklart am Schluſſe des Schreibens: was für den Herzog von Maſovien in der erwaͤhnten Beziehung geſchehen ſey, habe er nur gethan ob dilectionem et petitiones suas, propositun suum de inva- one regni vel quavis eiusdem regni occupatione, quam conaretur ſacere, penitus ignorantes et teste altissimo inviti quidquam attem- ptare vellemus, quod contra vestram Magnificentiain fore noscetur et de quo possemus laqueo suspicionis involvi.
Scanseite 244 · Druckseite 230
230 Verhaͤltniſſe zu Polen und Maſovien (1370). es doch nachgeſehen, daß die Unterthanen feines Gebietes zwi⸗ ſchen Litthauen und Preuſſen die Heiden beſtaͤndig von den Kriegsruͤſtungen und Heereszuͤgen des Ordens gegen die Lit⸗ thauer nicht bloß unterrichteten und ihnen bei ihrer Vertheidi⸗ gung gegen die Ordensritter mit Rath und That beiſtanden, ſondern ſie auch bei ihren Einfaͤllen ins Ordensgebiet in ihren Gegenden gerne beherbergten, mit Lebensmitteln verſorgten und ihnen ſogar in Waldungen und Wildniſſen Wege und Stege bereiteten, um ihnen ſo ihre Raubzuͤge nach Preuſſen zu erleichtern und dann durch Beute belohnt zu werden. Der Orden hatte daruͤber eine ſchwere Anklage gegen den Herzog beim paͤpſtlichen Hofe angebracht, und Gregorius der Elfte, der im Jahre 1371 den Roͤmiſchen Stuhl erſt beſtiegen, er: ließ alsbald theils an den Herzog ſelbſt die ernſtlichſte Ermah⸗ nung, ſeinen Unterthanen ſolche gottloſe Beguͤnſtigung des Heidenvolks aufs ſtrengſte zu verbieten), theils auch eine Aufforderung an die Königin Eliſabeth, den Herzog als ihrem Untergebenen und ſeine Unterthanen zur genauſten Befolgung der ihnen ertheilten Befehle mit allem Nachdruck anzuhalten ?). Schon dieſe Klage des Ordens am paͤpſtlichen Stuhle iſt Beweis, daß man auch dieſes Jahr den Heiden keine Ruhe 1) Das Original der Bulle an den Herzog, dat.: Avinion. VII Cal. Decemb. p. n. an. primo im geh. Arch. Schiebl. VIII. Nr. 2. Der Papſt ſagt: Nonnulli subditi tui inter Terras eorumdem Magistri et fratrum ac Lutwanorum et Ruthenorum consistentes, apparatus et progressus eorumdem Magistri et fratrum ex vicinitate locorum se- pius sentientes, illos eisdem Lutwanis notificant et ut se defendant ac gentes dictorum fratrum offendant et prepediant, reddunt premo- nitos et etiam premunitos, et econtra cum iidem Lutwani contra ip- sos fratres et terras eorum procedunt hostiliter, eos amicabiliter recipiunt et pertractant, ipsis victualia et ducatum in locis inviis et solicitudinibus exhibendo in magnum detrimentum eorumdem Ma- gistri et fratrum etc. 2) Das Original der Bulle an die Koͤnigin von demſelben Datum wie in der vorigen, Schiebl. VIII. Nr. 3. Sie iſt faſt ganz gleichlau⸗ tend mit der an den Herzog und hat die Addreſſe: Casissime in cri- sto filie Elizabet seniori Regine Ungarie Jilustri.
Scanseite 245 · Druckseite 231
Kriegsfehden mit den Litthauern (1374) 231 goͤnnte, fo wenig als fie felbft fie ſuchten); denn da im Fruͤh⸗ ling ein kuͤhner Juͤngling, der Sohn Dirſune's, an der Spitze eines raubluſtigen Haufens, von einem verrätherifchen Preuffen geführt, plöglich bis an die Ordensburg Tammow ') vordrang, den Pfleger derſelben Johannes von Schoͤnfeld gefangen nahm, die Ordensritter ſammt Greiſen und Juͤnglingen ermordete, und bald nachher Kynſtutte ſelbſt, gleichfalls von ſechs Über⸗ laͤufern durch die Wildniß geleitet, mit einer Heerſchaar gegen die Burg Seeſten ») vorſtuͤrmend die Vorburg verbrannte und die Umgegend mit Mord und Feuer heimſuchte *), fo vergalt der Meiſter Winrich mit Gleichem, brach an der Spitze einer ſtarken Heerſchaar mit ſeinen Gebietigern und neuen Kriegs⸗ gaͤſten, unter denen der Herzog von Brieg und Herr Johann 1) Schütz p. 81 ſpricht von einem vierjährigen Waffenſtillſtande zwiſchen den Litthauiſchen Fuͤrſten und dem Orden, und die Neueren, z. B. Baczko B. II. S. 167, Kotzebue B. II. S. 219, beſonders Becker S. 61 haben davon nachgeſprochen und zum Theil die Sache wunderlich ausgeſchmückt. Bei Wigand. iſt davon nicht die Rede; vielmehr erzoͤhlt er in jedem der folgenden Jahre von neuen Kriegsrei⸗ ſen. Das einzige Wahre an der Sache iſt, daß der Krieg in dieſen Jahren nicht ins Große geführt wurde, weshalb auch Lindenblatt S. 33 ſagt: In deſim iare was nicht viel geſcheftes, wend das man loſunge machte mit Kinſtod umb die gefangen. 2) Am Zuſammenfluſſe der Piſſa und der Angerapp, öftlich von Inſterburg. 3) Bei Wigand. Systen genannt; es iſt die Ordensburg zwiſchen Rhein und Biſchofsburg. 4) Wigand. I. c. Lucas David VII. S. 88 ſetzt dieſe beiden feindlichen Einfälle faͤlſchlich ins J. 1370. Mechow Chron. p. 256 — 257 erzählt die nämlichen Begebenheiten zweimal bei den Jahren 1370 und 1371. Der Name der Burg Dirſeme, wie ihn dieſe beiden Chro⸗ niſten haben, iſt unrichtig. Es war die Burg des Dirſune, den Wi- gend. jedoch nicht weiter bezeichnet, indem er nur des filius Dirsunen und dann der terra Dirsunen erwähnt. Der jetzige Ort Durſchinisky an der Memel, ſuͤdoͤſtlich, weiſet auf die Gegend hin. Von den Über: läufern ſagt Wigand.: Bodem anno 6 viri cum coniugibus suis so- ciant se paganis in preiudicium grave cristianorum, duia nove- runt vias,
Scanseite 246 · Druckseite 232
232 Kriegsfehden mit den Litthauern (1371). von Giſteln ) die Vornehmſten, ins Samaitenland ein und heerte in den Gegenden von Widuklen, Erogeln, Geſow, Ga⸗ lanten und Paſtow in gewohnter Weiſe ſechs Tage hindurch. Einen aͤhnlichen Kriegszug, auf welchem gleichfalls weniger gekämpft, als geheert und verwuͤſtet ward, wagte im Herbſt der kuͤhne Hauskomthur zu Balga Dieterich von Elner mit den Pflegern von Barten und Gerdauen, indem ſie ins Ruſ⸗ ſiſche Gebiet bis vor die Burg Drewik vordrangen, ſie aber wegen der ſtarken Beſatzung nicht erſtuͤrmen konnten und nur das Gebiet weit umher verwuͤſteten. Den Beſchluß der Kriegs⸗ reiſen in dieſem Jahre machte im Winter Wigand von Bal⸗ dersheim, der tapfere Pfleger von Inſterburg mit dem Pfleger von Gerdauen 2), als fie begleitet von den Kriegsgaͤſten Io: hann von Giſteln und Johann von Strafe ), der die Or⸗ densfahne trug, ins Gebiet Dirſune's ſuͤdwaͤrts von Kauen einfielen, die Burg dort uͤberwaͤltigten, rings umher alles ver⸗ heerten und aus dem nahen Gebiete von Weigow, wo ihr Schwert furchtbar wuͤthete, nebſt einer reichen Beute noch vierhundert Gefangene außer den Frauen und Kindern mit in die Heimat fuͤhrten ). So waren auch im naͤchſten Jahre 1) Aus der Familie von Gyſteln oder Gifteln in Flandern, nicht aber aus Weſtphalen, wie in der Anmerk. bei Lindenblatt S. 157 angeführt wird, denn im Hamm'ſchen Wochenblatt für Geſchichte u. ſ. w. von Troß Jahrg. 1824 Nr. 21 S. 106 wird nachgewieſen, daß es keine Familie dieſes Namens in Weſtphalen, wohl aber in Flandern gab, wo ſie auch lange Zeit eine wichtige Rolle ſpielte; ſ. Sarto⸗ rius urk. Geſchichte des Urſprungs der Hanſe B. I. S. 8, 215, 221, 223, 233. 2) Wigand. nennt den Pfleger von Gerdauen Kun de Hatten- stein; an den in der Schlacht bei Rudau gefallenen Komthur von Bran⸗ denburg, Kuno von Hattenſtein kann er nicht gedacht haben, da er ihn dort unter den Gefallenen namentlich erwähnt. Es ſcheint alſo hier ein Verſehen obzuwalten, denn wir finden wenigſtens im J. 1370 ul: rich von Wertheim als Pfleger von Gerdauen in urkunden genannt. 3) Wigand. nennt ihn Johannes de Strose; vielleicht richtiger Strauß, ein ſehr altes Pommeriſches Geſchlecht. 4) Das Castrum Dirsunen, wie es Wigand. nennt, iſt ohne Zwei⸗ fel das jetzige Durſchinisky an der Memel, denn etwas nördlich hinauf
Scanseite 247 · Druckseite 233
Kriegsfehden mit den Litthauern (1371). 233 1372 die Kriegsreiſen ins Heidenland nicht von ſonderlicher Wichtigkeit und meiſt nur von dem kriegsluſtigen Pfleger von Inſterburg unternommen, aber faſt immer nur auf Raub und auf die Ausplünderung einiger Dörfer berechnet, um Heerden von Vieh und Schaaren von Gefangenen hinwegzu⸗ treiben '). gegen Kauen hin liegt auch Waigewe, das ehemalige Gebiet Weigow. Die Wegeverzeichniſſe beftätigen dieſe Angabe, indem fie die Wege von Inſterburg uͤber die Suppe (Szeſchuppe) genau bis dorthin bezeichnen. 1) Wigand., der dieſe Züge erzählt, ſagt ausdruͤcklich: Wygan- dus — cum 100 electis intrat deserta rapiendi gratia et molestandi paganos. Kojalowiez p. 344 ſpricht davon nur ganz im Allgemeinen.
Scanseite 248 · Druckseite 234
Viertes Kapitel. Je weniger in dieſen Zeiten der Meiſter Winrich von Knip⸗ rode ſeine Thaͤtigkeit auf den Kampf mit den Feinden des Glaubens wandte, um ſo eifriger ward von ihm im Lande ſelbſt ein Streit betrieben, der zwar ſchon vor einigen Jahren begonnen, aber trotz aller Bemühungen noch nicht hatte been⸗ digt werden koͤnnen. Es war ein Streit des Ordens mit der Ermlaͤndiſchen Kirche. Es iſt bekannt, daß es fruͤher dem Orden im Ermlaͤndiſchen Biſthum auf keine Weiſe gelungen war, die Biſchofswahl und die Beſetzung des Domkapitels durch feine Ordensbruͤder, wie in den drei andern Biſthlunern, in feine Hände zu bekommen. Je fuͤgſamer ſich aber in die⸗ ſen letztern ſeither alles den Planen und Beſtrebungen des Ordens gezeigt hatte und je mehr von den Biſchofsſtuͤhlen und den Domkapiteln im Kulmerland, Pomeſanjen und Sam: land die Verwaltung der Biſchofstheile gleich der allgemeinen Landesverwaltung des Ordens wie aus einem Geiſte geführt worden war, um ſo dringender mochte es mehr und mehr der Wunſch verſchiedener Meiſter und ihrer oberſten Gebietiger ge⸗ worden ſeyn, auch das Biſthum Ermland wo moͤglich in das naͤmliche Verhaͤltniß zum Orden zu fielen und den Biſchofs⸗ ſtuhl nebſt den Domherrenſtellen mit Ordensbruͤdern beſetzen zu koͤnnen. Es iſt demnach nicht unwahrſcheinlich, daß man ſeit des Biſchofs Eberhard Zeiten, alſo ſeit den erſten Jahr⸗ zehnden dieſes Jahrhunderts bei dem fuͤnfmaligen Wechſel der
Scanseite 249 · Druckseite 235
Streit des Ordens mit dem Biſchofe von Ermland (1372). 235 Biſchoͤfe es mehrmals von Seiten des Ordens verſucht habe, den biſchoͤflichen Stuhl von Ermland an einen Ordensbruder zu bringen, um dann durch ſolchen eine gaͤnzliche Umformung der bisherigen Verhaͤltniſſe ins Werk zu ſtellen, obgleich wir hierüber nicht ganz ſicher unterrichtet ſind :). Gewiß iſt aber, daß auch in dieſer Zeit dem Orden ſeine etwanigen Verſuche in keinem Falle gegluͤckt waren, denn ſeit Eberhards Tod wa⸗ ren die Biſchoͤfe Jordan, Heinrich der Zweite, Hermann, Jo⸗ hannes der Erſte und Johannes der Zweite ſaͤmmtlich durch regelmaͤßige Wahl des Domkapitels zu ihrer Wuͤrde gelangt und keiner hatte den bifchöflichen Stuhl ohne große Verdienſte um den Wohlſtand und die Beförderung des Ackerbaues in Ermland verlaſſen. Aber ſchon im Ablaufe dieſer Zeit waren einigemal Zwi⸗ 1) Eines ſolchen Verſuches erwaͤhnt unter andern Treter de Epi- scopatu et Episcopis ecclesiae Varmiens. p. 9, wo er die Geſchichte eines Schisma in Ecclesia Varmiensi, quod octo annis duravit, sub praetensionis Episcopis, Jacobo videlicet, Michaele et Hennemanno erzählt und berichtet, der Orden habe nach des Biſchofs Heinrich II. Tod zuerſt den Ordensprieſter Jacob gegen den von einem Theile des Domkapitels erwählten Dr. Michael und nachdem dieſer geftorben, den Kanzler des Hochmeiſters Hennemann zum Ermländifchen Biſchofe ernen- nen wollen; den letztern habe auch der Hochmeiſter vigore jurispatro- natus zum Biſchofe erhoben; er ſey aber vom Papſte nicht beſtäͤtigt worden. Dieſe Angabe, von Baczko B. II. S. 170 glaͤubig nach⸗ erzählt, hat jedoch manche Gründe gegen fi), welche fie hoͤchſt ver⸗ daͤchtig machen; denn 1. wird eines Kanzlers Hennemann nirgends wei⸗ ter erwaͤhnt, wie wir uͤberhaupt von einem Kanzler des Hochmeiſters um dieſe Zeit noch gar nichts wiſſen. 2. Scheint dieſer Kanzler Hen⸗ nemann nur eine Verwechſelung mit Hermann dem Kanzler des Koͤni⸗ ges von Böhmen zu ſeyn, welcher wirklich nach Heinrich II. Biſchof von Ermland wurde. 3. Wäre es eine wahre unbefonnenheit des Hoch⸗ meiſters geweſen, ſich in Beziehung auf die Ermländiſche Kirche auf ſein Patronatsrecht zu berufen, da ihm ein ſolches in keiner Hinſicht zuſtand. 4. Iſt es auch durchaus unrichtig, daß ein Schisma von acht Jahren obgewaltet habe, denn da Heinrich II. im J. 1334 ſtarb, fo müßte bis 1342 der biſchöfliche Stuhl erledigt geweſen ſeyn; wir finden aber ſchon 1340 den Biſchof Hermann in feinem Amte; |. Ori⸗ Emalurk, im Domkapitel zu Frauenburg L. Nr. 52.
Scanseite 250 · Druckseite 236
236 Streit des Ordens mit dem Biſchofe von Ermland (1372). ſtigkeiten zwiſchen den Ermlaͤndiſchen Biſchoͤfen und dem Or⸗ den in Beſtimmung der Graͤnzen ihrer Laͤndertheile vorgefallen. Zur Störung der erſten Beſtimmungen über die Graͤnzen zwi⸗ ſchen dem Biſthum und dem Ordensgebiete hatte ohne Zwei⸗ fel ſchon der Umſtand viel beigetragen, daß einſt der Biſchof Anſelm dem Orden das Zugeſtaͤndniß gegeben, in ſeinem Theile des biſchoͤflichen Sprengels ſo viel Guͤter zu erwerben, als er auf rechtlichem Wege erlangen koͤnne, doch unbeſchadet des Rechtes, welches er, der Biſchof ſelbſt und ſeine Nachfolger in dieſen Gütern geltend machen möchten ). So war ſchon im letzten Jahre des Meiſters Dieterich von Altenburg ein ſolcher Graͤnzſtreit in der Gegend von Hohenſtein beigelegt und der damalige Biſchof Hermann in feinen Anfprüchen voͤl⸗ lig befriedigt worden ?). Je mehr indeſſen die Ermlaͤndiſchen Kirchengebiete durch den raſtloſen Eifer ſowohl der Bifchöfe als des Domkapitels ſich im Wohlſtande emporgehoben und die Bevölkerung durch Bewilligung beſonderer Rechte und Freiheiten fuͤr die neuen Einzoͤglinge ſich vermehrt hatte, je tiefer vielleicht auch bei den erwaͤhnten wiederholten Verſuchen des Ordens, ſich des Biſchofsſtuhles zu bemaͤchtigen, in den Gemuͤthern ein gewiſſes Widerſtreben gegen den Orden ſich feſtgeſetzt, um ſo mehr glaubte beſonders der Biſchof Johan⸗ nes der Zweite, der ſeit dem Jahre 1355 den Ermlaͤndiſchen Stuhl beſaß und bereits vom Kaiſer in den Fuͤrſtenſtand er⸗ hoben worden ſeyn ſoll (2) 5), nach höheren Dingen ſtreben 1) S. oben B. II. S. 487. Es heißt in jener urkunde: Eis tan tam gratiam impertimur — quod quecunque boua iusto modo pot erint adipisci in dyocesi nostra in parte, que nos contingit, in pace de bona voluntate nostra possideant, salvo tamen jure de ipsis bo- nis nobis et nostris successoribus exhibendo. 2) S. oben B. IV. S. 581 u. die Urkunde im geh. Arch. Schiebl. LI. Nr. 5. 3) Wir haben die obige Angabe nur mit einem hinzugefügten Fra⸗ gezeichen gewagt, weil wir fie nicht geradezu läͤugnen mochten, aber auch noch keineswegs für völlig beglaubigt halten. Die alte Behaup- tung, daß der Biſchof Johannes II. von Ermland vom Kaiſer in den Fuͤrſtenſtand erhoben worden ſey, ſtuͤtzt ſich auf die Urkunden bei Hart
Scanseite 251 · Druckseite 237
Streit des Ordens mit dem Biſchofe von Ermland (1372). 237 zu koͤnnen und namentlich gewiſſe Anſpruͤche auf Erweiterung ſeines kirchlichen Gebietes verfolgen zu muͤſſen. Es wird be⸗ merkt, daß die Gruͤndung einiger Staͤdte in der Naͤhe der bi⸗ ſchoͤflichen Graͤnzen, welche der Orden im Jahre 1366 unter nahm, bei dem Biſchofe nicht bloß Beſorgniſſe wegen der Ab⸗ ſichten des Ordens erregt, ſondern bald nachher auch die Klage veranlaßt habe, es ſeyen dem Biſthum im Laufe der Zeit hie und da immer mehr Doͤrfer, Waͤlder und Seen entzogen und dem Ordensgebiete zugewandt worden. Wie dem auch ſeyn mag, der Biſchof trat mit der Behauptung auf: die Graͤnzen des Biſchofstheiles feyen im Verlaufe der Jahre zum Nach theile des Biſthums vielfach verruͤckt und verändert worden; es beſitze dieſes nicht mehr den vollſtaͤndigen dritten Theil von Ermland, der ihm nach den fruͤheren Verordnungen uͤber die Einrichtung der Biſthuͤmer Preuſſens mit allem Rechte ge⸗ buͤhre, weshalb er anheim ſtelle, die geſammten Lande noch einmal in drei Theile zu theilen und dem bifchöflichen Stuhle die Wahl aus dieſen frei zu laſſen ). Es wurden verſchie⸗ knoch ad Dusb. p. 476 und in den Preuſſ. Sammlung. B. III. S. 29, in welchen der Kaiſer Karl dem Biſchofe den Titel Princeps giebt. Da dieſes die einzigen Beweiſe, ſo viel wir wiſſen, fuͤr dieſe Behaup⸗ tung find, fo unterliegt ſie allerdings noch manchem Zweifel, denn 1. hat Hartknoch das Original der kaiſ. Urkunde nicht ſelbſt geſehen, ſondern er nahm fie ebenſo wie Hanow aus einem Mſcr.; 2. iſt die Frage, ob der Verfaſſer dieſes Mſcrs. die Originalurkunde ſelbſt ſah und wenn er ſie ſah, ob er ſie richtig geleſen hat? Geſetzt aber auch 3., daß der Kaiſer den Biſchof wirklich mit dem Titel Princeps bee ehrte, ſo moͤchte dieſes an ſich noch keine wirkliche Erhebung in den Reichsfuͤrſtenſtand in ſich ſchließen oder ihm auch nur einen höheren Rang gegen die übrigen Biſchdfe Preuſſens zuertheilen; vgl. über die⸗ ſen Titel, ſofern er Biſchöfen zukam, Pfeffinger Vitriar. illustrat. T. I. p. 1271 sed. 4. Nennt weder ſein Domkapitel ihn, noch ir⸗ == einer feiner Nachfolger ſich ſelbſt jemals in Urkunden mit dieſem itel. 1) Nach Lucas David B. VII. S. 70 u. Treter I. c. P. 15 ſoll der Hochmeiſter des Biſchofs Gebiet für zu groß und widerrecht⸗ lich ausgedehnt erklärt haben. Der letztere ſagt: Magister Ordinis ad extremum Episcopum accusavit, quasi ultra limites antiquitus con-
Scanseite 252 · Druckseite 238
238 Streit des Ordens mit dem Biſchofe von Ermland (1372). dene Berathungen gehalten, um den Streit guͤtlich zu beſeiti⸗ gen; ſie blieben ſtets erfolglos ). Auf einem ſolchem Bera⸗ thungstage zu Neukirch zwiſchen Elbing und Frauenburg im Sommer des Jahres 1369 kam es aber zu ſo entſchiedenen Erklaͤrungen ſowohl von Seiten des Biſchofs als des Hoch⸗ meiſters, daß der erſtere die Sache zur Entſcheidung des paͤpſtlichen Stuhles ſtellte und ſich ſofort ſelbſt nach Rom be⸗ gab, um dem Papſte perfönlich feine vermeinten Rechte und Forderungen vorzulegen. Ihm folgte dahin alsbald auch der Domherr Johann von Eſſen, Kantor des Ermlaͤndiſchen Ka⸗ pitels, mit allen Privilegien und Urkunden, welche aus der Zeit des Ermlaͤndiſchen Biſchofs Anſelm die Landestheilung in irgend einer Beziehung betrafen ). Da der Biſchof dem stitutos, non contemnendam fundi et agrorum partem Ordini sud ademerit. 1) Wenn es bei Treter I. c. von einer diefer Verhandlungen heißt: Ad cam controversiam dirimendam, ad fines revidendos Episcopus devenit cum fratre Siffrido de Hatzenbach Commendatore Balgensi. Quamvis autem Dominus Episcopus productis centum fidedignis et in aetate senili constitutis testibus, veros limites, quibus Bona Epi- scopatus a Bonis Cruciferorum, antecessoris sui Episcopi Eberhardi tempore, distinguebantur, apertissime et evidentissimis documentis demonstraret, nihil tamen eum hoc iuvitz sed Episcopo Bartsteinum cum sexcentis Mansis, Rastenburgum et Schippenpilum cum viginti octo pagis, magnis lacubus et eirciter octingentis mansis, et Pas- senheimum cum attinentiis, per summam iniuriam ademptum ac Or- dini adiudicatum fuit; fo macht nicht nur der falſche Name des Kom: thurs von Balga die Sache ſehr verbächtig, ſondern die Größe der An⸗ gabe ſelbſt iſt höchſt unwahrſcheinlich. Treter iſt überhaupt in ſei⸗ nen Berichten viel zu parteiiſch; uͤberdieß iſt alles, was er über die Sache hier fagt, aus Simon Grunau Tr. IX. c. 8. F. 14 ent⸗ nommen. 2) Dieß ift es hoͤchſt wahrſcheinlich allein, was als Thatſache Glau⸗ ben verdient, denn wenn Lucas David B. VII. S. 71, Leo p. 160161 u. a., ungemein wortreich über die Verhandlung zu Neukirch, ſogar berichten, daß der Meiſter im Zorne über des Biſchofs Reden dieſen mit einem Dolche habe erſtechen wollen, fo darf man nur wif: fen, daß alle dieſe und ähnliche Albernheiten, von Baczko B. II. S. 173, Pauli B. IV. S. 214, Kotzebue B. II. S. 232 nachgeſchrie⸗
Scanseite 253 · Druckseite 239
Streit des Ordens mit dem Biſchofe von Ermland (1372). 239 Papſte in der Auseinanderſetzung der Streitſache die Beein⸗ trächtigung ſeines Biſthums durch den Orden als eine foͤrm⸗ liche Beraubung und gewaltſame Bemaͤchtigung vorſtellte, ſo übertrug dieſer die genaue Unterſuchung der Sache dem Kar⸗ dinal⸗Presbyter Bernhard, erklärte jedoch, daß die Streitfrage ſchon ihrer Natur nach am paͤpſtlichen Hofe nicht behandelt und geloͤſt werden koͤnne. Den Hochmeiſter und die Ordens⸗ gebietiger ermahnte Urban nur, dem Biſthum und deſſen An⸗ gehörigen und Unterthanen wegen der erhobenen Anklage in keiner Hinſicht feindlich zu begegnen oder ſie irgendwie zu be⸗ laſtigen, vielmehr das bifchöfliche Gebiet auch fernerhin maͤnn⸗ lich und mit Kraft gegen der Heiden Einfaͤlle zu vertheidi⸗ gen und zu beſchirmen ). Von Zuruͤckgabe der vom Bi⸗ ſchofe angeſprochenen Laͤndertheile ließ er dagegen noch nichts verlauten. Der Wechſel auf dem paͤpſtlichen Stuhle aber, nach wel⸗ chem mit dem Beginne des Jahres 1371 Gregorius der Elfte die Wuͤrde erhielt, trat der Unterſuchung hinderlich entgegen, bis dieſer neue Papſt, gleichfalls von der Anſicht geleitet, daß der Roͤmiſche Stuhl hier nicht entſcheidend eingreifen koͤnne, die ben, keine andere Urquelle haben, als Simon Grunau a. a. O., wo die Luͤge in einem noch intereſſanteren Gewande zu leſen iſt. Auch hier wurde De Wal T. III. p. 420 durch feinen richtigen Tact zum Zweifel an dieſen Berichten bewogen. Er bemerkt bei dieſer Gelegen⸗ heit ſehr wahr: II faut avouer qu'il n'y eut jamais d'histoire aussi defiguree, que celle de Ordre Teutonique; car il est rare qu'on ouvre un livre pour chercher quelque &claircissement, sans qu'on y trouve une erreur à combattre, 1) Die Bulle an den Hochmeiſter und den Orden, dat.: Rome apud S. Petrum Idib. Marci p. n. a. octavo (15. März 1370) Schiebl. VI. Nr. 8. Sie ift ohne die gewöhnliche Bleibulle; daß fie jedoch ein achtes Document und vom Papſte urban V. iſt, beweiſet ſchon der Um⸗ ſtand, daß ſich urbans Nachfolger, Gregorius XI. ausdrücklich auf eine ſolche Inhibition ſeines Vorgängers beruft (Bulle Schiebl. VIII. Nr. 1). Der Papſt ſagt: Der Biſchof habe geklagt super spoliatione et occu- Patione nonnullarum terrarum ad Warmiensem eoclesiam, ut jidem Episcopus, Prepositus, Decanus et Capitulum asserunt, spectantium.
Scanseite 254 · Druckseite 240
240 Streit des Ordens mit dem Biſchofe von Ermland (1372). nähere Prüfung der Streitſache dem Erzbiſchofe von Prag auftrug, den Hochmeiſter und die Ordensgebietiger aber nicht nur zu friedlichen Geſinnungen und zu billigem Vergleiche er⸗ mahnte, ſondern ihnen auch gebot, diejenigen Gebietiger, welche ſelbſt noch nach der Abmahnung ſeines Vorgaͤngers ſich abermals einiger Beſitzungen des Biſthums bemaͤchtigt haben ſollten, mit allem Nachdruck zur Zuruͤckgabe anzuhalten ). Die Sache ruhte indeß bis in den Februar des Jahres 1372, indem nun erſt der Hochmeiſter die beiden Komthure Dieterich von Bran⸗ denburg zu Thorn 2) und Konrad von Calomunt zu Stras⸗ burg nebſt dem Pfarrherrn Johannes Wildenberg aus Lichte⸗ nau nach Prag ſandte, theils um den Erzbiſchof in der Streit⸗ ſache genau zu unterrichten und den Orden zu vertreten, theils auch, wie es ſcheint, den Kaiſer Karl fuͤr ſein Intereſſe zu gewinnen, denn bereits hatte auch das Ermlaͤndiſche Domka⸗ pitel einige ſeiner Domherren, unter ihnen den rechtskundigen Kantor des Domſtiftes, Johann von Eſſen, als Sachwalter dorthin geſandt. Und nachdem ſie dort mit Zuſtimmung der Sachwalter des Ordens zwei Domherren von Breslau zu 1) Die Bulle, dat.: Apud Villamnovam Avinion. dioc. IV Non, Septemb. p. n. a. primo (2. Sept. 1371) Schiebl. VIII. Nr. 1. Auch hier iſt von einer Zuruͤckgabe der angeſprochenen Guͤter nach der erſten Forderung des Biſchofs nicht die Rede, ſondern es heißt nur: Fratres dicti vestri Hospitalis, qui nonnullas terras et possessiones dicte Warmiensis ecclesie etiam post inhibitionem per felicis recordationis Urbanum papam V predecessorem nostrum eis factam invasisse di- cuntur, corrigatis et fratres ipsos ad restituendum ablata dicte ec- clesie compellatis cum effectu. Man ſieht hieraus, wie völlig grund: los die aus Simon Grun au entlehnten Angaben bei Lucas Da- vid a. a. O. von einer Vorladung des Hochmeiſters vor den paͤpſtl. Stuhl und von einem dreifachen, dem Biſchofe guͤnſtig ſprechenden Ur⸗ theile des Papſtes find. Die Bullen enthalten darüber nicht eine Sylbe, ſowie ſie auch auf keine Weiſe von einem Grolle des Papſtes gegen den Orden zeugen, vielmehr beurkunden ſie das Gegentheil. 2) Lindenblatt S. 33 ſagt vom Komthur zu Thorn: „der was des keyſers mog“ (Mage, Verwandter), und gewiß nicht ohne Abſicht hatte der Hochmeiſter gerade dieſen auserwählt. Auch erwähnt der Chroniſt, daß der Meifter fie zum Kaifer geſandt habe.
Scanseite 255 · Druckseite 241
* Streit des Ordens mit dem Biſchofe von Ermland (1372). 241 Schiedsrichtern erkoren, erging an den Hochmeiſter die Auf⸗ forderung, er möge dieſe nach Preuſſen einladen und auch zu ihren Reiſekoſten mit beiſteuern. Allein er gab zur Antwort: da des Biſchofs Sachwalter dieſe Schiedsrichter erwaͤhlt, die des Ordens aber nur ihre Zuſtimmung ertheilt hätten, fo muͤſſe erſt die Folge zeigen, daß er zu jener Forderung rechtlich ver⸗ pflichtet ſey; was Rechtens, werde er thun ). Hierauf ertheilten die vom Erzbiſchofe von Prag ernann⸗ ten Oberrichter dieſes Streites, naͤmlich der Biſchof Johannes von Olmütz als Reichskanzler (Kanzler des kaiſerlichen Hofes) und Johannes Dekan des Erzſtiftes zu Prag den von den beiderſeitigen Sachwaltern erwaͤhlten Schiedsrichtern, worunter zwei Domherren von Breslau, einige Geiſtliche und Landes⸗ ritter aus Preuſſen, die noͤthige Vollmacht zur genauſten Pruͤ⸗ fung der Streitſache 2); ſie ſollten, ſo hieß es, bis naͤchſten Martini⸗Tag die Documente beider Theile der ſorgfaͤltigſten Unterſuchung unterwerfen, die noͤthigen Zeugen verhoͤren, nach Ausweis der paͤpſtlichen Beſtimmungen und des Theilungsver⸗ trages des Biſchofs Anſelm die Graͤnzen feſtſtellen, wenn der Kirche von Ermland nach dieſen Documenten mehres gebühre, ihr ſolches mit allem Rechte zuweiſen und genau begraͤnzen, widrigenfalls aber dem Biſchofe und Domkapitel uͤber ihre Anforderungen ewiges Stillſchweigen auflegen). Indem dann auch der Erzbiſchof von Prag als paͤpſtlicher Legat und Com⸗ miſſarius in dem Streite die Vollmacht beſtaͤtigte, ermahnte er die Schiedsrichter zur ſtreng gewiſſenhaften Unterſuchung 1) Das zu Preuſſ. Holland hieruͤber aufgenommene Notariatsin⸗ ſtrument vom 28. Febr. 1372 Schiebl. L. Nr. 21. 2) Als ſolche Schiedsrichter werden genannt: die beiden Domher⸗ ren von Breslau Jacob Engelger und Nicolaus Banco, der Pfarrer Nicolaus in Rieſenburg Official des Biſth. Pomeſanien, Johannes Pfar rer in Eilau und die Ritter Johannes von Leyſſa, Peregrin von Nas kewitz, Menzelin bei Soldau und Heinrich von Melſak. 4 3) Urkunde dat.: Prage in domo habitationis nostre a. d. 1572, indictione decima die XV mensis April. Schiebl. LI. Nr. 6. Unter den Zeugen ſteht auch der damalige Rector der Univerfität zu Prag Nitolaus Bodonis. V. 16
Scanseite 256 · Druckseite 242
242 Streit des Ordens mit dem Biſchofe von Ermland (1372). und baldigen Entſcheidung ) und beauftragte den Pfarr⸗ herrn zu Elbing, ſie zu vereidigen, daß ſie mit ſtrengſter Unparteilichkeit alles prüfen und richten wollten ?). Allein der Sommer ging ohne Erfolg voruͤber und ſelbſt die Verei⸗ digung der Schiedsrichter erfolgte erſt im Anfange des Octo⸗ bers im Haupthauſe Marienburg in Gegenwart des Meiſters, mehrer oberſter Gebietiger, des Probſtes und einiger Domher⸗ ren der Ermlaͤndiſchen Kirche). Da verlangten die Richter vor allem vom Meiſter die Urkunde uͤber die durch den Bi⸗ ſchof Anſelm geſchehene Wahl des dritten Theiles, verglichen ſie genau mit dem paͤpſtlichen Beſtaͤtigungsbriefe Alexander des Vierten und fanden fie nicht nur im Inhalte völlig uͤberein⸗ ſtimmend, ſondern auch in ihren Siegeln noch ganz unver⸗ fehrt *). Auf einem Verſammlungstage im Einſiedel bei Brauns⸗ berg ertheilte hierauf nach der Wahl eines neuen Schiedsrich⸗ ters ) der Hochmeiſter dem Großkomthur Wolfram von Bal- dersheim, dem Ordensſpittler Ulrich Fricke und dem Komthur von Thorn Dieterich von Brandenburg den Auftrag und die Vollmacht, den Schiedsrichtern die Graͤnzen zwiſchen dem Or⸗ densgebiete und dem Ermlaͤndiſchen Kirchentheile aufs ſorg⸗ ſamſte zu bezeichnen, ihnen die noͤthigen Zeugen zu ſtellen oder 1) Urkunde dat.: Prage die XVI mensis April. a. 1372 Schiebl. LI. Nr. 29. 2) Urkunde bat.: Prage die XVI mensis April. a. 1372 Schiebl. LI. Nr. 5. 3) Notariatsinſtrument dat.: a. d. 1372 Indictione XI die tercia mensis Octobr. hora none vel quasi in aula auctumpnali Magnifici et Religiosi viri dni Magistri generalis ordin. Theut. prope Castrum Merginburg Schiebl. LI. Nr. 7. Die geiſtlichen Schiedsrichter ſchwu⸗ ren den Eid lateiniſch, die weltlichen deutſch, jene durch Anrührung der Evangelien, dieſe durch Berührung des Kreuzes. 4) Notariatsinſtrument dat. wie das vorige Schiebl. LI. Nr. 8. 5) In die Stelle des durch Krankheit verhinderten Ritters Pere⸗ grin von Rakewitz wurde erwählt der Ermländiſche Ritter Johannes von Heide; Notariatsinſtrument dat.: an. 1872 XIX die mensis Octobr. in Aula que vulgariter dicitur Eynsedil prope Brunsberg Schiebl. LI. Nr. 9.
Scanseite 257 · Druckseite 243
Streit des Ordens mit dem Biſchofe von Ermland (1373). 243 die Urkunden vorzulegen und uͤberhaupt in allem, was zur Ermittelung des reinen Thatbeſtandes erforderlich ſey, des Meiſters Stelle zu vertreten ). Allein es ging in ſolchen Streitigkeiten damals ſo, wie heute; denn als der zur Entſcheidung feſtgeſetzte Martini⸗Tag herannahete, verlängerten die Richter den Termin bis Weih⸗ nachten und wiederholten dann die Verlaͤngerung abermals bis zu Anfang des Februars des naͤchſten Jahres ). Zwar waren mittlerweile die Graͤnzen ſchon beſtimmt worden; allein man ſcheint mit dieſer Beſtimmung keineswegs zufrieden ge⸗ weſen zu ſeyn, weshalb beſchloſſen ward, es ſolle vorerſt jeg⸗ licher Theil im Beſitze aller der Einkuͤnfte in den ſtreitigen Gebieten bleiben, wie er fie bisher gehabt habe 2). Nun ließ der Meiſter den Schiedsrichtern die Forderung vorlegen, daß uͤber die genauere Graͤnzermittelung noch mehre Zeugen fuͤr ſeinen Theil verhoͤrt werden ſollten. Die Schiedsrichter ver⸗ warfen dieß als unnuͤtz, weshalb der Großkomthur eine Pro⸗ teftation einlegte *) und der Entſcheidungs⸗Tag von neuem bis in den Juli dieſes Jahres verſchoben ward 5), wiewohl der Hochmeiſter die Schiedsrichter aufs ernſtlichſte erſuchte und entſchieden darauf drang, den Streit durch einen Ausſpruch fo bald als moͤglich zu beendigen, wozu ſie ihre Vollmacht von ſelbſt ſchon verpflichte ). Dennoch erfolgte eine neue Ver⸗ 1) Notariatsinſtrument dat.: an. 1372, indictione X. XX die mensis Octobr. in curia Eynsedil prope Brunsberg Schiebl. LI. Nr. 27. Als Zeuge wird hier unter andern auch genannt Dominus Win- ricus de Kniprode Sancte Maguntine et S. Pauli Leodyensis Eccle- siarum Canonicus; es iſt dieſes derſelbe nahe Verwandte des Hochmei⸗ ſters, deſſen früher ſchon erwähnt worden ift. 2) Notariatsinſtrument Schiebl. LI. Nr. 11. 3) Notariatsinftrument dat.: an. 1378 indiet. XI. die XXVII men- sie Januarii in suburbio castri Elbing. in estuario Illustris domini et Magistri Generalis etc. Schiebl. LI. Nr. 14. 0 Notariateinſtrument dat.: an. 1378 indiet. XI. die ultima men- Sis Januar. in suburbio castri Elbing. Schiebl. LI. 5) Notariatsinſtrument Schiebl. LI. Nr. 11. 6) Notariatsinſtrument dat: an. 1378 die XV mensis Februar. 416 *
Scanseite 258 · Druckseite 244
244 Streit des Ordens mit dem Biſchofe von Ermland (1373). laͤngerung des Entſcheidungs⸗Tages ) und als die Domher⸗ ren von Breslau hierauf nach Schleſien zuruͤckgekehrt waren, die Ausſicht alſo zu einer baldigen Beendigung des Streites immer weiter entruͤckt wurde, ſandte im Auguſt der Hochmei⸗ ſter einen Abgeordneten mit dem Auftrage dahin, den beiden Domherren anzukuͤndigen, daß er vom Meiſter befehligt ſey, nach Prag zu gehen und den Erzbiſchof um andere Schieds⸗ richter zu bitten. Zwar trat der Sachwalter des Ermlaͤndi⸗ ſchen Biſthums dieſem Schritte mit der Erklaͤrung entgegen, daß er die beiden Domherren auf jede Weiſe bewegen werde, nach Preuſſen ſofort zuruͤckzukommen und das begonnene Ge⸗ ſchaͤft zu beendigen 2), da man ſich von ihnen von Seiten des Ermlaͤndiſchen Domkapitels eine ziemlich guͤnſtige Ent⸗ ſcheidung zu verſprechen ſchien. Als jedoch der Sachwalter die Domherren auf des Erzbiſchofs Mandat hinwies, nach welchem ſie binnen zwoͤlf Tagen zur Entſcheidung des Strei⸗ tes nach Preuſſen haͤtten aufbrechen ſollen, legten ſie eine Appellation an den paͤpſtlichen Stuhl ein, worin ſie nicht nur erklaͤrten, warum die Streitſache durch Schuld der Schieds⸗ richter in Preuſſen bis jetzt unentſchieden geblieben ſey ), ſon⸗ in domo habitationis Maguifici domini Magistri Generalis apud Ma- rienburg Schiebl. LI. Nr. 15. 1) Notariatsinſtrument Schiebl. LI. Nr. 11. 2) Notariatsinſtr. dat.: an. 1373 indict. X. die XVII mensis Au- gusti ante minus hostium ecclesie Wratislaviens. Schiebl. LI. Nr. 12. Der erwähnte Abgeordnete des Hochmeiſters war Johannes von Wil: denberg Pleban zu Lichtenau. 3) Es heißt hierüber: quod cum dicti octo arbitri certa juris du- bia habuissent quam plura ut potuissent in unum aliqualiter conve- nire, dicti octo arbitri ipsa juris dubia ad juris peritos scribere vo- luerunt vel Wratislaviam aut Pragam vel Paduam seu Bononiamı vel ad dominos auditores sacri palacii apostolici sedentes in rota, ut eisdem arbitris darent et rescribereut consilia in premissis dictis, quo dominus Magister cum suis preceptoribus noluit consentire, quamvis pars domini Episcopi, Capituli et Ecclesie consenserat tunc expresse, ex quo liquide constat, quod si hodie in Prussia forent, nil agerent, ex quo super juris dubiis, que habent, non permitte- rentur peritorum consilia extra terras petere, requirere ac habere.
Scanseite 259 · Druckseite 245
Streit des Ordens mit dem Bifchofe von Ermland (1373). 245 dern auch die Gruͤnde entwickelten, die ſie von fernerer Voll⸗ fuͤhrung des ſchiedsrichterlichen Amtes abhielten, indem eines Theils der Hochmeiſter ſeine Verſprechungen in Betreff des zugeſicherten Geleites nicht voͤllig erfullt und ſie dadurch gro⸗ ßen Gefahren ausgeſetzt habe, andern Theils einige der ober⸗ ſten Gebietiger, wie unter andern der Großkomthur ihnen of⸗ fenbar eine feindliche Geſinnung gezeigt, auch die Luft in Preuſſen ihrem Koͤrper durchaus nicht zuſage und eine dort eben herrſchende anſteckende Krankheit ihnen ſehr wahrſcheinlich den Tod bringen werde '), wie denn wirklich in dieſem Jahre die Peſt in Preuſſen, beſonders im Kulmerlande wieder ſtark wuͤthete ). Nach dieſer offen erklaͤrten Ablehnung des ferne⸗ ren Schiedsrichteramtes der beiden Domherren *) begab ſich der Abgeordnete des Hochmeiſters ſofort nach Prag und der Erzbiſchof erließ einen Befehl an die ſechs Schiedsrichter in Preuſſen, in Stelle der beiden Domherren, die aus hinreichen⸗ den Gründen an der Schlichtung des Streites nicht Theil nehmen koͤnnten, binnen funfzehn Tagen zwei andere Schieds⸗ richter zu ernennen, unter Drohung des Bannes, wenn ſolches nicht genau vollführt werde ). Mittlerweile aber war der Biſchof Johannes von Erm⸗ 1) über das Benehmen des Großkomthurs heißt es: Magnus Com- mendator et primus post Magistrum dieti ordinis ante ipsoruin (i. e. Canonicorum Wratislav.) recessum in mensa domini Magistri in Ma- rienburg consedens in medio dietorum dominorum Jacobi et Nicolai commedensque cum dicto domino Jacobo ex una scultella per duo prandia et per duas cenas non loquebatur eis verbnm. Von ber Seuche in Preuffen wird gefagt: Cum jam actenus in terra Prussie viget epydimica seu gravis pestilencia, unde si intra terram essent potius extra ipsam fugere deberent. 2) Lindenblatt S. 34. Detmar B. I. S. 298, wo es heißt: In demſulven iacr was grot ſtervent to thorun in prugen unde in vele anderen ſteden. 3) Notariatsinſtrument dat. an. 1373 die XVIII mensis Augusti ante minus ostium ecclesie Wratislav. Schiebl. LI. Nr. 13. 0 Originalurkunde dat.: Prage a. d. 1373 die XXVI mensis Septembr. Schiebl. LI. Nr. 16.
Scanseite 260 · Druckseite 246
246 Streit des Ordens mit dem Biſchofe von Ermland (1373). land zu Avignon, wo er ſich zuletzt zu Forderung feiner Streit⸗ ſache aufgehalten, am erſten September dieſes Jahres geſtor⸗ ben und der Papſt ernannte auf des Kaiſers Anſuchen deſſen bisher zu Avignon ſich aufhaltenden Secretaͤr und Sachwalter Heinrich Sorbaum, aus Elbing gebürtig, zum Ermlaͤndiſchen Biſchofe, weil man wahrſcheinlich wußte, daß dieſer in ſeinen Verhaͤltniſſen zum Orden ſich weit ſuͤgſamer zeigen werde, denn er war uͤberall als ein weltkluger, lebensluſtiger und hei⸗ terer Mann bekannt, der Tanz und anderes weltliches Ver⸗ gnuͤgen immer ſehr geliebt hatte). Dem allen entſagte er zwar in ſeinem neuen Amte und nahm ſich der geiſtlichen Sorge feines Biſthums mit großem Eifer an :); allein der Streit mit dem Orden wurde wirklich durch ihn ſeinem Ende un⸗ gleich naher gebracht, zumal als der Papſt Gregorius noch im Herbſt dieſes Jahres an den Erzbiſchof von Prag eine Bulle erließ, worin er nicht nur ſein Befremden uͤber die lange Ver⸗ zoͤgerung der Entſcheidung ausſprach, ſondern ihm auch auf⸗ trug, die Schiedsrichter jetzt mit Androhung ſtrenger kirchlicher Strafe zur Schlichtung des Streites aufs ernſtlichſte zu er⸗ mahnen, wenn ſie ſich uͤber die einzelnen Streitpunkte nicht vereinigen konnten, die Verhandlungen an den paͤpſtlichen Stuhl einzuſenden, die ſtreitenden Parteien dann vor das paͤpſtliche Gericht ſelbſt vorzuladen und überhaupt alle Mittel anzuwenden, die in der Sache zum erwuͤnſchten Ziele fuͤhren koͤnnten ). 1) Tanz war damals ſelbſt bei Biſchöfen gar nichts ungewöhnli⸗ ches. Wir wiſſen ja, daß der Erzbiſchof Ludwig von Magdeburg, vor⸗ her Biſchof zu Halberſtadt und Bamberg, von feiner Tanzluſt den Beinamen Saltarellus hatte und daß ihm ein Zanzvergnügen (1882) ſogar das Leben koſtete. Bgl. Boͤttiger Geſchichte des Kurſtaates und Koͤnigr. Sachſen B. I. S. 255. 2) Lindenblatt S. 34. Lucas David B. VII. S 78, 90 91. Treter p. 18. 3) Originalbulle, dat.: Avinion. VI Idus Octobr. p. n. a. tertio im Archiv des Domkapitels zu Frauenburg L. Nr. 5. Ein Notariats⸗ inſtrum. über dieſe Bulle, dat.: a. 1374 die secunda Marcii in sub-
Scanseite 261 · Druckseite 247
Streit des Ordens mit dem Biſchofe von Ermland (1374). 247 Bereits indeſſen hatte der Erzbiſchof ſelbſt noch vor dem Empfange dieſes paͤpſtlichen Befehles die weitere Verhandlung in dem Streite wieder auf ſechs Monate hirausgefchoben ') und ſie konnte ſomit erſt im Maͤrz des Jahres 1374 von neuem aufgenommen werden. Nachdem man dann um dieſe Zeit die erwaͤhlten Schiedsrichter beider Seits nochmals ge: nehmigt ), der Erzbiſchof von Prag eine abermalige Auffor⸗ derung an die Richter zur baldigſten Entſcheidung erlaſſen »), in die Stelle einiger theils durch Krankheit verhinderten oder durch Tod abgegangenen Richter andere erwaͤhlt *) und hier: auf im Juni ſowohl der Biſchof Heinrich nebſt ſeinem Kapi⸗ tel, als der Hochmeifter mit feinen oberſten Gebietigern auf einem Berathungs⸗Tage zu Preuſſiſch⸗ Holland erklaͤrt hatten, daß ſie ſich ſtreng an den Spruch der Richter halten und die Eintracht beider Seits gerne wieder herſtellen wollten, ſofern die Entſcheidung von den Richtern nach Eid und Pflicht und nach der Form ihres Compromiſſes gegeben werde 5), erfolgte endlich zu Ausgang des Juli der lang erſehnte Ausſpruch. Bevor indeſſen die urkundliche Schrift hierüber für rechtsguͤl⸗ tig erklaͤrt und beſiegelt wurde, legten die Richter im Namen der ſtreitenden Theile das Verſprechen nieder, daß ſie einander ſich forthin freundlich begegnen, aller Zorn, alle Mißhelligkeit und Ungunſt bei der Buße und Wette des Compromiſſes hin⸗ gelegt und verloſchen ſeyn, in Ruͤckſicht der über die Graͤnzen bisher ausgeſtellten Briefe und Urkunden des Papſtes Beſtaͤti⸗ urbio Castri Schonensehe in Comodo mansionis Magn. et Relig. prin- eipis dni Magistri Generalis Schiebl. LI. Nr. 18. 1) urkunde des Erzbiſchofs, dat.: Prage a. 1373 die XXVI Men- sis Septemb. Schiebl. LI. Nr. 17. 2) Notariatsinſtrument, dat.: an. 1374 Indict. XII die XVI Men- sis Marcii in Estuario Castri Holland Schiebl. LI. Nr. 19. 3) Urkunde, dat.: In minori Civitate Pragensi a. d. 1374 die xvIn April. Schiel. LI. Nr. 20; ſehr beſchädigt. 4) Notariatsinſtrument, dat.: an. 1374 die Veneris XXVI Men- sis May in Castro Elbing Schiebl. LI. Nr. 21. 5) Notariatsinſtrument, dat.: an. 1374 die XVIII Mensis Junii in Castro Holland Pomesan, dyoc. Schiebl. LI. Nr. 22.
Scanseite 262 · Druckseite 248
248 Streit des Ordens mit dem Biſchofe von Ermland (1374). gung abgewartet und die beiderſeitigen Gefangenen, die man beim Fiſchfange oder beim Holzfaͤllen eingeſetzt habe, frei und ledig gelaſſen werden ſollten. Nachdem man ſich dann noch vorbehalten, das gegebene Urtheil, wofern es noͤthig, noch zu beſſern, zu erläutern und auszulegen ), ward am neunund⸗ zwanzigſten Juli des Jahres 1374 folgender Richterſpruch be⸗ kannt gemacht: „Der Biſchof, das Kapitel und die Kirche zu Ermland verbleiben bei ihren alten Beſitzungen und Graͤnzen, die nach Laut des Briefes Anſelms des Biſchofs anheben ſol⸗ len am Friſchen Haff. Die Graͤnzen, welche des Ordens und des Biſthums Lande forthin theilen, ſind aufs genauſte und ſorgſamſte beſtimmt 2). Das Friſche Haff zwiſchen der Rune und Naruſſe gleich breit bis zur Nehring ſoll beiden Theilen gemein bleiben, ebenſo die Paſſarge und die andern Fluͤſſe, welche Graͤnzen bilden. Die jetzt feſtbeſtimmten Graͤnzen ſol⸗ len für ewige Zeiten ausweiſen, was einer Sei's zum Dritt⸗ theile des Biſthums und was anderer Seits dem Orden zu⸗ gehoͤrt, alſo daß bei der Buße des Compromiſſes keiner den andern je wieder daruͤber angehe und betruͤbe ). Man fügte hierauf dem Hauptvertrage noch einige minderwichtige Veraͤn⸗ derungen und nähere Beſtimmungen hinzu *) und ſandte eine Botſchaft an den Papſt mit der Bitte um Beſtaͤtigung der getroffenen Berichtigung. Sie erfolgte im Februar des naͤch⸗ 1) Die von den acht Schiedsrichtern hierüber ausgeſtellte Urkunde, dat.: Elbing 1374 d. XXVIII Juli im Original ſowohl im Archiv des Domkapitels zu Frauenburg Q. Nr. 4, als im geh. Arch. Schiebl. LI. 2) Da nach dem alten Theilungsvertrage zwiſchen dem Biſchofe Anſelm und dem Orden die Graͤnze früher, ſ. B. IL S. 488 — 489, nur in groͤßern Umriſſen angegeben werden konnte, fo beſtimmt fie dieſe urkunde viel genauer. Es ſind die nämlichen Graͤnzen, wie wir ſie jetzt auf unſern beſſern Charten von Schroͤtter und Engelhardt finden, wie ein genauer Vergleich ergeben hat. 3) Das Vertragsinſtrument, dat.: Elbing den 29. Juli 1374 im Original deutſch und lateiniſch Schiebl. LI. Nr. 23 u. 24; ein Trans⸗ ſumt der latein. Urkunde vom J. 1389 ebendaſ. und eine alte Abſchrift der deutſ. Urk. ebendaf. 4) Urkunde Schiebl. LI. Nr. 25.
Scanseite 263 · Druckseite 249
Handelsverhaͤltniſſe Preuſſens (1374). 249 ſten Jahres und beendigte ſomit den Streit, der ſich faſt durch fünf Jahre hindurchgezogen hatte!). Er findet darin vorzuͤg⸗ lich eine nicht unwichtige Beziehung, weil damals zum erſten⸗ male die Graͤnzen genau bezeichnet wurden, welche fuͤr Erm⸗ land noch bis dieſen Tag beſtehen 2). So ſehr jedoch im Verlaufe dieſer Zeit des Meiſters Thaͤtigkeit und Theilnahme auf dieſen Streit gerichtet war, fo ſchwächte dieß doch keineswegs fein immer lebendiges und eifrigſtes Bemühen, die innere Wohlfahrt und das Gedeihen des Landes in allen Beziehungen zu foͤrdern. Handel und Gewerbe in den Städten zu immer ſchoͤnerer Bluͤthe zu erhe⸗ ben, blieb neben ſeinem hohen Intereſſe fuͤr die Verbeſſerung der Landescultur noch fort und fort ſein wichtigſtes Augenmerk, und insbeſondere war es der Handel nach England, den Winrich ſeit dem Jahre 1370 eigentlich erſt ins Leben rief, 1) Das Original der paͤpſtl. Beſtaͤtigung, bat.: Avinion. XIV Calend. Martii p. n. a. quinto (16. Febr. 1375) im Archiv des Dom⸗ kapitels zu Frauenburg, gedruckt bei Dogiel T. IV. Nr. 68. p. 72, aber ſehr fehlerhaft, beſonders in den Namen, ebenſo bei Treter p. 20. 2) Wenn auf unſerer Charte im 2. Bande die Graͤnze Ermlands viel nördlicher liegt, jo hat dieſes feine Richtigkeit theils in Beziehung auf die frühere Zeit, theils auch in Rüͤckſicht auf das geſammte Erm⸗ land, denn was wir jetzt Ermland nennen, war meiſt nur der Bi⸗ ſchofstheil. — übrigens weicht unſere Darſtellung des Verlaufes dieſes Streites merklich von der Erzaͤhlung bei Baczko B. II. S. 175 — 177, Kotzebue B. II. S. 233 — 234 u. a. ab. Wir haben uns an die zahlreichen, Über dieſen Streit vorhandenen Urkunden gehalten, ohne auf die theils ſehr parteiifchen und einſeitigen, theils völlig falſchen Angaben bei Treter, Leo, Lucas David und Simon Grunau viel Gewicht zu legen. So ſind z. B. die Nachrichten von der Ein⸗ miſchung des Kaiſers Karl in den Streit, von der Beſtechung des Pfar⸗ rers Johannes von der Puſilie, eines der Schiedsrichter (des Verfaſſers der ſ. g. Lindenblattiſ. Jahrbuͤcher), der die richtigeren Gränzen wohl gewußt, aber zu Gunſten des Ordens verſchwiegen haben ſoll u. ſ. w., nichts weiter als Fabel. die man zuerſt bei Simon Grunau Tr. IX. C. 3. $. 16 findet. er p. 18 — 19 iſt hier ebenfalls voll un⸗ richtigkeiten und hat a le gar kein Gewicht, da er ſichtbar par: teiiſch iſt.
Scanseite 264 · Druckseite 250
250 Handelsvethaͤltniſſe Preuſſens (1374. wobei ihm König Eduard der Dritte von England mit glei⸗ chem Eifer entgegenkam, denn ſchon im Jahre 1372 ſegelten aus England unter koͤniglichen Geleitsbriefen mehre Schiffe nach Preuſſen mit Engliſchen Ruͤſtharniſchen, Rheinwein und andern Kaufguͤtern und nahmen von da Holz und verſchie⸗ dene Landeserzeugniſſe nach England zuruͤck ). Auch zog da⸗ her Preuſſen, beſonders der Kaufmann zu Elbing und Dan⸗ zig um dieſe Zeit ſchon bedeutende Ladungen von Tuch und Wollenzeug. Eines Theils indeſſen ſtanden dem Handel Eng⸗ lands mit Fremdlingen uͤberhaupt mancherlei Schwierigkeiten entgegen ?), die auch im Verkehr mit Preuſſen noch lange hin⸗ derlich wirkten, andern Theils ſtoͤrten nicht ſelten auch eine Menge von zufaͤlligen Hinderniſſen und Beſchwerden die ge⸗ genſeitigen Handelsverhaͤltniſſe), wie ſich z. B. im Jahre 1373 die Fremdlinge ſcheuten, Preuſſen wegen der hier ſtark herrſchenden Peſt zu beſuchen. Je weniger es aber in des Meiſters Macht lag, dieſe Hemmungen zu beſeitigen, um ſo mehr bot er alles auf, den Handel nach Polen und Rußland ſo viel als moͤglich im Gange zu erhalten und noch mehr zu beleben; und dieſe Bemuͤhungen gluͤckten ihm auch. 1) Wir haben hieruͤber zwei Geleitsbriefe des Koͤniges Eduard III. vom J. 1372 in Rymer Foedera T. III. P. II. p. 193194. Nach dem einen ſendet der Koͤnig den Johannes Roche von Zeland, den er Nuncium nostrum specialem nennt, nach Preuſſen cum tribus Pipis et diversis rebus et hernesiis nostris in eisdem Pipis inclusis et fir- matis. In dem andern ertheilt er dem Johannes Suerd aus York die Erlaubniß, quod ipse quatuor pipas vini de la Ryne in aqua de Ouse apud Eborum in navibus carcare et eas usque Kyngeston su- per Hull et abinde versus partes Pruciae ad commoduin suum inde faciendum per se et servientes suos ducere possit; doch wird die Be⸗ bingung geftellt, sub poena valoris vini praedicti, quod ipse vel ser- vientes sui ligna pro arcubus ad valorem dicti vini a dictis partibus Pruciae in regnum nostrum Angliae ducent. Wein von Franzöſiſ. Gewächs wurde ſchon im 12. Jahrhundert auf dem Markte von Lon⸗ don verkauft, ſ. Sartorius B. I. S. 275, über Hernesium vgl. Du Fresne Gloss. s. h. v. 2) Vgl. darüber vorzuͤglich Sartorius B. I. S. 286287. 3) über dieſe fpäterhin einiges Nähere.
Scanseite 265 · Druckseite 251
Handelsverhältniſſe Preuſſens (1374). 251 Ludwig, der neue König von Polen, mit dem Hochmei⸗ ſter im beften Verhältniffe lebend, aber nicht minder auch be⸗ müht, fi die Liebe feiner neuen Unterthanen immer mehr zu gewinnen, ertheilte zwar der Stadt Krakau, die ſchon vor lan⸗ ger Zeit vom Herzoge Wladislav das Vorrecht einer Haupt⸗ waarenniederlage und manche andere Beguͤnſtigung im Han⸗ del erhalten hatte '), zur Belohnung ihrer Treue und Erge⸗ benheit ebenfalls das Vorrecht, daß die aus Preuſſen und be⸗ ſonders aus Thorn dorthin handelnden Kaufleute alle ihre Kaufwaaren, von welcher Art und Gattung oder von welchem Werthe ſolche auch ſeyn möchten, forthin in die Stadt nieder⸗ legen und daſelbſt verkaufen ſollten, ohne ſie fernerhin weiter und außer der Stadt fuͤhren zu duͤrfen und beſchraͤnkte ſo durch dieſes Bannrecht den Handel der Preuſſen in ſeinem Reiche 2). Wie gerne indeſſen Ludwig den Handelsverkehr mit dem Nachbarlande zu befoͤrdern ſuchte, bewies er im naͤch⸗ ſten Jahre 1373, indem er die Handelsſperre fuͤr die Kauf⸗ leute aus Thorn, die ſie, wie er ſagt, durch Beſchwerung der 1) In der Urkunde des Herzogs Wladislav von Krakau, dat. : Cracovie a. d. 1306 pridie Idus Septembr. im Fol. betitelt: Compo- sitio Prussie heißt es unter andern in Beziehung auf den Handel mit Preuſſen: Ceterum addicimus, ut Mercatores de Hungaria vel de Sandesch, de locis aliis quibuscungne cum cupro et aliis mercibus versus Thorun super aquis non audeant navigare neque in terra de- ducere, nisi prius dictum Cuprum et Mercimonia Cracoviam deducta deponantur et ibidem civibus nostris vendantur. 2) Die Urkunde, dat.: in Wischegrod sexta die Mensis Augusti a. d. 1372 im Fol. betitelt: Compositio Prussie, wo beſtimmt wird: Eidem Civitati eiusque Civibus, Mercatoribus et Incolis universis hanc gratiam duximus faciendam specialem, ut universa et quelibet mercimonia omnium rerum venalium cuiuscunque maneriei vel speciei, generis, coloris, estimationis seu precii existentia, que de universis Prussie partibus et signanter de Thorun in ipsam Civitatem nostram Cracoviensem per quoscunque dietarum parcium mercatores deferun- tur, in eadem Civitate Cracoviensi deponere debeant vel vendere teneantur, non audendo ulterius seu extra ipsam Civitatem proce- dere cum mercimoniis eorum prenotatis.
Scanseite 266 · Druckseite 252
252 Handelsverhaͤltniſſe Preuſſens (1379. Kaufleute feines Reiches ſelbſt verſchuldet !), auf ihre Bitte wieder aufhob und ihnen wie zu Koͤniges Kaſimir Zeit einen völlig freien und ſichern Handelsweg nach Rußland und in die Stadt Lemberg erlaubte mit der Beſtimmung, daß wenn er aus irgend einem Grunde den Thorner Kaufleuten dieſen freien Handel wieder unterſagen wolle, er ihnen ſolches ſechs Monde zuvor anzeigen werde, damit ſie waͤhrend deſſen ihre Guͤter aus Rußland ohne Schaden zurückbringen koͤnnten, und unter der Bedingung, daß man die Kaufleute ſeines Rei⸗ ches mit eben ſolcher Freundlichkeit und Gunſt behandeln werde, wie er die des Ordensgebietes ). Die Hauptleute, Burg⸗ voͤgte und Zollbeamten erhielten ſofort auch den Befehl, die Thorner Kaufleute auf der offenen Handelsſtraße nach Ruß⸗ land, ſobald fie die geſetzlichen Zoͤlle entrichtet, frei und ſicher ziehen zu laſſen ); und als hierauf nach einigen Jahren den Kaufleuten aus Preußen, wie es ſcheint, dennoch mancherlei Hinderniſſe in den Weg gelegt wurden und der Hochmeiſter dieſes dem Koͤnige meldete, mit der Bitte um einen ſo ſichern Wegezug und eine ſo loͤbliche Anordnung, wie ſie zur Zeit Kaſimirs beſtanden, erneuerte Ludwig den Befehl, man ſolle alle Kaufleute und Buͤrger aus Thorn auf den Handelsſtra⸗ ßen uͤber Sandomir nach Rußland zu und durch Bardnyow nach Ungern, nach Entrichtung der koͤniglichen Zölle, durchaus ungehindert und frei fahren laſſen und ihnen forthin in keiner Weiſe Beſchwerden und Hinderniſſe entgegen legen). Wahr: 1) Der Koͤnig ſagt: man habe ſeine Kaufleute beſchwert tam in mutatione pannorum et commutatione pecuniarum, quam in allis fa- ctis diversimode; deshalb habe er den Thornern verboten ingressum Regni Ruscie et Civitatis Lenburge. 2) Originalurkunde, dat.: Cassovie in octava festi b. Michaelis Archang. an. 1373 doppelt im Rathsarchiv zu Thorn Cist. VII. Nr. 11, indem der Koͤnig ſeine Beſtimmung nicht bloß der Stadt Thorn, ſondern auch dem Hochmeiſter meldet. Beide Urkunden ſind auf Pa⸗ pier geſchrieben und mit dem Majeſtaͤtsſiegel des Königes verſehen. 3) Urkunde, dat. wie die vorige und des nämlichen Inhaltes im Rathsarchiv zu Thorn Cist. VII. Nr. 27. 4) Originalurkunde, dat.: Sandomir sabbato in crastin. conver-
Scanseite 267 · Druckseite 253
Handelsverhaͤltniſſe Preuſſens (1374). 253 ſcheinlich beſtand auch jetzt noch der alte Handelsweg nach Ungern, der von Thorn aus uͤber Leſlau, Gneſen, Poſen, Breslau, Benſchin im Fuͤrſtenthum Jaͤgerndorf, durch die Ja⸗ blunka, dann uͤber Kubin im nordweſtlichen Ungern, nach Tren⸗ tſchin an der Waag ging ). Eine gleiche Beguͤnſtigung, wie vom Koͤnige Ludwig, erwarb der Hochmeiſter nicht bloß fuͤr die Kaufleute aus Thorn, ſondern fuͤr den Handelsſtand ganz Preuſſens vom Herzoge Fadislav von Oppeln und Wielun, Herrn von Rußland, indem dieſer den Kauffahrern aus Preuſ⸗ ſen voͤlligen Schutz und Sicherheit im Handel und Verkehr in ſeine Staͤdte und Gebiete, namentlich nach Wielun und Sieradien (Sieradz), womit ihn Koͤnig Ludwig erſt vor kurzem beſchenkt hatte 2), zuſicherte, ſobald fie die geſetzlichen Zoͤlle entrichtet, und ihnen zugleich in jenen Staͤdten und Gebieten fin ihre Perſonen und Güter in ihren Handelsgeſchaͤften auch alle Rechte, Freiheiten und Gewohnheiten beſtaͤtigte, wie ſie ſolche ſchon ſeit alten Zeiten unter ſeinen Vorfahren genoſſen ). Fuͤr den Verkehr mit Krakau war dieſe Zuſage des Herzogs Ladislav allerdings von großer Wichtigkeit. sionis b. apost. gloriosi a. d. 1376 im Rathsarchiv zu Thorn Cist. VII. Nr. 27. Es heißt ausdruͤcklich auch: Noveritis, quomodo vene- rabilis vir dominus Winric de domo Theutunica Magister Crucife- rorum generalis nobis per ambasiatores suos solempnes pro transitu viarum securo et perfecto modo et consuetudine recolende memorie avunculi nostri preclari in Regno nostro Polonie obtinendo multipli- citer nostre magestati supplicavit. 1) So giebt ihn Huͤllmann Staͤdteweſen des Mittelalters B. I. S. 185 an. 2) Pray Annal. Reg. Hungar. P. II. p. 130 nennt den Herzog Hungariae tune Palatinum und ſagt, er ſey beſchenkt worden amplis- imo Wielunensium tractu aliisque in Siradiensi provincia latifun- dis. Vgl. über den angegebenen Handelsweg Hüllmann a. a. O. S. 359360. 3) Originalurkunde, dat.: in Sanok feria secunda post festum s. Nycolai confess. a. d. 1372 im Rathsarchiv zu Thorn Cist. VII. Nr. 10. Der Herzog, der ſich Dux Opoliens- Velunens. terreque Russie dominus et heres nennt, ſagt: ad instanciam venerabilis viri domini Winrici Magistri generalis terre Prussie, amici et fautoris
Scanseite 268 · Druckseite 254
254 Hanbelsverhältniffe Preuſſens (1373). Von einem Handelsverkehr zwiſchen Preuſſen und dem vielbeſuchten Novgorod findet ſich in dieſer Zeit noch keine Spur; wenn er beſtanden, ſo koͤnnte er doch nur von gerin⸗ ger Bedeutung geweſen ſeyn und vielleicht von Elbing und Danzig aus einige Kauffahrer befchäftigt haben 1). Jedoch nahmen die Staͤdte Preuſſens und insbeſondere Elbing, das immer regſam und thaͤtig voranging, als Glieder des Hanſe⸗ bundes ſchon laͤngſt ſehr lebendigen Antheil an den Handels⸗ verhaͤltniſſen zwiſchen den Bundesſtaͤdten und Novgorod ?), bis ſie ſpaͤterhin auch ſelbſt mit dieſem bluͤhenden Handelsorte in naͤhere Beruͤhrungen kamen. Die wieder eroͤffnete Han⸗ delsſtraße nach Lemberg aber gab vorzuͤglich auch dem Bern⸗ ſteinhandel nach dem Orient ), wie wir bald ſehen werden, wieder regeres Leben und es begann dort von neuem zwiſchen den dahin kommenden Armeniern und den Preuſſiſchen Kauf⸗ leuten der wichtige Umſatzhandel, der Preuſſen fuͤr ſeinen Bern⸗ ſtein einen Theil ſeiner orientaliſchen Waaren zubrachte, denn wenn allerdings auch in der Zeit, als dieſer Handelsweg fuͤr Preußen geſchloſſen geweſen war, der Handel nach den Nie⸗ derlanden in Beziehung auf dieſes Naturerzeugniß, wovon ſchon frühere Spuren bemerkbar find ), gewiß an Regſam⸗ nostri carissimi bewillige er, ut Cives et Mercatores in eisdem Ci- vitatibus et terris nostris pro se et bonis ipsorum, rebusque et mercimoniis adductis et aducendis, tam in emendo quam in ven- dendo per se et per interpretes universis et singulis iuribus, liber- tatibus et consuetudinibus, sicut ab antiquis temporibus circa nostros predecessores usi fuerunt, ita nunc tempore nostro uti debeant li- bere et gaudere. 1) Sartorius B. I. S. 153 vermuthet zwar, daß die Preuf- fen in Novgorod ihre beſondere Einrichtung gehabt haben möchten, weil dort einer Preuſſiſchen Gaſſe Erwähnung geſchehe; es iſt möglich. Al⸗ lein ſichere Nachrichten aus dieſen Zeiten entgehen uns hieruͤber. 2) S. unter andern die Urkunden bei Sartorius B. II. S. 180183 vom J. 1294; in der Urkunde S. 184 wird außer Elbing auch Danzig fon unter den Staͤdten aufgeführt, die von den Sprü⸗ chen des Hofes zu Nopgorod nach Lübeck appelliren. 3) Vgl. Hüllmann a. a. O. B. I. S. 344. 4) So wird des Bernſteins ſchon im J. 1358 in der Urkunde er⸗
Scanseite 269 · Druckseite 255
Handelsverhaͤltniſſe Preuſſens (1374). 255 keit ſehr zugenommen!) und vor allem Brügge jetzt ſchon eine Hauptniederlage von Bernſtein aus Preuſſen hatte, ſo war die Ergiebigkeit der Bernſteinkuͤſte damals doch groß ge⸗ nug, um den Handel mit dieſem vielgeſuchten Producte nach beiden Richtungen hin ſehr lebendig zu erhalten. Dieſer ein⸗ traͤgliche Abfatz von Bernſtein nach den Niederlanden war es wohl auch vorzuͤglich, der die Staͤdte Preuſſens im Jahre 1375 bewog, den Alterleuten und dem gemeinen Deutſchen Kaufmanne zu Bruͤgge den Entſchluß, Bruͤgge wegen der ihm dort öfter zugefügten Beſchwerden und Ungerechtigkeiten gaͤnz⸗ lich zu verlaſſen und den Stapel, wie es fruͤher ſchon einige⸗ mal geſchehen war, in eine andere Stadt zu verlegen, zu wi⸗ derrathen oder doch wenigſtens eine genauere Pruͤfung des Beſchluſſes anzuempfehlen 2), denn der Bernſteinhandel hätte dadurch einen ſeiner wichtigſten Abſatzpunkte verloren. Dieſes rege und thaͤtige Handelsleben im Lande unter⸗ brachen mehre Jahre lang die Kriegsverhaͤltniſſe mit dem nach⸗ barlichen Heidenvolke zum Gluͤck nur wenig, denn eines Theils kamen ſchon wegen der in Preuſſen herrſchenden Peſtſeuche einige Jahre hindurch faſt gar keine fremden Kriegsgaͤſte hier waͤhnt, in welcher Albrecht Pfalzgraf am Rhein, Reward von Holland, Seeland und Friesland den Kaufleuten von Almanien der Deutſchen Hanſe zubehörend, ausgedehnte Freiheiten ertheilt; Urk. bei Sarto⸗ rius B. II. S. 447. 1) Von dieſem Handel nach den Niederlanden zeugt auch eine Ur⸗ kunde vom J. 1375, worin der Prior und Convent des Auguſtinerklo⸗ ſters zu Brügge verſprechen, daß fie exigente venerabili et devota Petieione quorumdam fidedignorum et honestorum virorum mercato- rum de terra Pruscie, qui nostro Conventui in diversis beneficiis multa bona diversimode fecerunt et ne ingrati de impensis beneficiis inveniamur, auf ewige Zeiten an jedem Sonnabende für die Verſtorbe⸗ nen in der Vesper beſtimmte Gebete ſingen wollen; Originalurk. im Rathsarchiv zu Thorn Cist. XXX. Nr. 27. 2) Hanſeatiſche Receſſe im geh. Arch. Fol. I. p. 1 2, wo zwei Schreiben der Rathmanne der Städte Preuſſens hierüber an die Alter⸗ leute in Bruͤgge und an Luͤbeck, dat.: Thorn am Tage Valentini 1375; vgl. Sartorius Geſchichte des Hanſ. Bundes B. II. S. 490.
Scanseite 270 · Druckseite 256
256 Schreiben des Papſtes an die Litthauiſchen Fuͤrſten (1374). an und es fehlte ſomit der naͤhere Anlaß zu den gewoͤhnlichen Heidenzügen, andern Theils war gerade um dieſe Zeit der Papſt auch bemuͤht, alles was kriegsluſtig war und ſich Ver⸗ dienſte um die Kirche erwerben wollte, zum Kriege gegen die Türken zu gewinnen ), daher auch feine abermaligen Ver⸗ ſuche, die Litthauiſchen Fuͤrſten Olgjerd, Kynſtutte und Ljubart auf dem Wege der Belehrung und innerer Überzeugung zur Taufe zu fuͤhren; denn da ihm wiederum die Nachricht zuge⸗ kommen war, daß jene Fuͤrſten dem chriſtlichen Glauben kei⸗ neswegs ganz abgeneigt ſeyen, ſo ermunterte er nicht nur den Koͤnig Ludwig von Ungern und Polen, die Koͤnigin Eliſabeth und die Herzoge Ladislav von Oppeln und Semovit von Maſovien (der ſchon manches in der Sache mit Eifer gethan), ihrer Seits das Werk der Bekehrung in jeglicher Weiſe zu fördern, fondern er wandte ſich mit einem Schreiben auch an die Litthauiſchen Fuͤrſten ſelbſt, ihnen meldend, wie ſehr es ihm am Herzen liege, den ſchweren und blutvollen Kampf zwiſchen ihnen und den Ordensrittern beendigt zu ſehen, wie dringend er daher auch wuͤnſche, ſie ſammt ihrem Volke zu dem Glauben zu fuͤhren, außer welchem kein Heil ſey, ihre Seelen aus des Satans Gewalt fuͤr die Ewigkeit zu retten und dem Kriege, dem Blutvergießen, dem grauſamen Mor⸗ den, dem Rauben und Verheeren und allen den furchtbaren Folgen dieſes Kampfes endlich ein Ziel zu ſetzen. Gerne wolle er ihnen fromme und im Geſetze des Herrn gelehrte Männer zu ihrer Belehrung und zur Verkuͤndigung des Glau⸗ bens, ſowie zur Vermittlung eines feſten Friedens mit dem Orden und den andern nahewohnenden Chriſten zuſenden, ſo⸗ bald ſie ihm ihre Geneigtheit zur Bekehrung durch den Probſt von Krakau, der zu ihnen komme, zu erkennen geben wuͤr⸗ den 2). Allein dieſe Bemuͤhungen hatten auch jetzt keinen Er⸗ folg; ja wir hoͤren nicht einmal von einer Antwort, welche 6 1) Raynald. Annal. eccles. an. 1373. Tritkem. Chron. Hirsaug. p- 262. 2) Der Brief des Papſtes an die Litthauiſchen Fürften, dat.: Avi- nion. X Calend. Novemb. an. III bei Raynald, an. 1373 Nr. 16.
Scanseite 271 · Druckseite 257
Litthauiſche Kriegsfehden (1374). 257 die Fuͤrſten dem Papſte über feine wohlgemeinten Abſichten ertheilt. So ward alſo der Krieg mit den Litthauern, deren Fuͤr⸗ ſten Olgjerd und Kynſtutte ohnedieß ſchon ſeit Jahren in die Streitigkeiten der Ruſſiſchen Fürſten mit hineingezogen und zu mehrmaligen Einfaͤllen in deren Gebiete veranlaßt worden waren 1), eine Zeitlang im Ganzen nur matt geführt und es füllten die Kriegsreiſen, meiſt nur von den Komthuren der nördlichen und oͤſtlichen Gebiete unternommen und faſt immer nur auf Raub und Verheerung gerichtet, ohne irgend bedeu⸗ tende Erfolge, die Zeit von mehren Jahren aus, denn bald war es der fehdeluſtige Pfleger von Inſterburg, bald der Kom⸗ thur von Balga Gottfried von Linden und Dieterich von El⸗ ner ſein Hauskomthur, die uͤber die Memel zogen, bald ſandte der Pfleger von Raſtenburg Herzog Albrecht von Sachſen ſeine Streithaufen aus und ſelten ohne das Gluͤck, welches man ſuchte, denn Schaaren von Gefangenen und zahlreiche Viehheerden folgten regelmäßig den Ordenskriegern in die Hei: mat nach ). Zuweilen aber begegnete den Ordenswaffen auch Ungluͤck und Verderben. Als unter andern der Komthur zu Ragnit Gerhard von Lenſen im Sommer des Jahres 1374 mit einem anſehnlichen Heerhaufen in das Samaitiſche Gebiet Kaltenen einfiel, gelang es ihm zwar unter Brand und Ver⸗ heerung eine reiche Beute und eine große Schaar von Ge⸗ fangenen zuſammenzubringen; auf dem Ruͤckzuge aber hatten ihm die Feinde in einem Walde bei einem Moraſte den Weg abgeſchnitten, um ihm den Raub wieder zu entreißen. Es kam zu einem harten Kampfe; die Heiden ſtürmten mit rei⸗ 1) Vgl. Karamfin B. v. S. 23 — 26. 2) Wigand. p. 293 erzählt dieſe Züge ins Heidenland vollſtaͤndi⸗ ger; allein die meiſten verlaufen ohne beſonderes Intereſſe und bleiben ſich in ihrem Charakter alle mehr oder weniger gleich. Es wuͤrde alle Geduld ermuͤden, ſie hier im Einzelnen zu verfolgen. Aber man er⸗ kennt aus dieſen fortlaufenden Kriegsereigniſſen, was von dem Waffen⸗ ſtiüſtande zu halten iſt, den Schütz p. 81 auf vier Jahre zwiſchen ER und den Großfuͤrſten ſchließen laßt. A 17
Scanseite 272 · Druckseite 258
258 Litthauiſche Kriegsfehden (1374). Bender Gewalt in den Kriegshaufen; die Ritter, um ſich im Sumpfboden zu retten, mußten zu Fuß ſtreiten. Allein der Komthur ſammt zwoͤlf ſeiner Ordensbruͤder blieben auf dem Kampfplatze, ein Ordensritter, der alsbald an einen Baum gefeſſelt und durch Lanzenſtiche den Goͤttern geopfert wurde, nebſt mehren tapfern Edlen und Reiſigen geriethen in des Feindes Haͤnde und nur mit Noth gelang es den Übrigen, ſich durchzuſchlagen. Es war ein Gluͤck für fie, daß auch der Feind in dem Kampfe bedeutend gelitten hatte und ſie auf der Flucht nicht weiter verfolgte). Zur Vergeltung fuͤr dieſe Raubzuͤge der Ordensritter nach Litthauen brach im Herbſt des Jahres 1374 der Großfuͤrſt Kynſtutte mit einer großen Streitſchaar über Maſovien her ins Gebiet des Ordens ein, verwuͤſtete zuerſt in drei getheilten Heerhaufen die Umgegend von Soldau, ſtuͤrmte dann unter 1) An eine chronologiſche Ordnung in der Erzaͤhlung der Kriegs⸗ ereigniffe dieſer Zeit iſt bei den meiſten Chroniſten kaum zu denken. Wigand. ift hier fo überaus verwirrt in dem vor uns liegenden Aus⸗ zuge, daß es nicht moͤglich wird, bei ihm einen feſten Faden zu gewin⸗ nen; Dlugoss., der aus ihm ſchoͤpfte, folgt ihm auch in der Unord⸗ nung. Schütz l. c. brängt wegen der Annahme feines vierjährigen Waffenſtillſtandes alle Kriegsereigniſſe, ſelbſt ſolche, die ganz offenbar ins J. 1374 gehören, in die Jahre 1375 und 1376 zuruͤck. unter dieſe gehört auch der erwahnte Kriegszug Gerhards von Lenſen nach Ga: maiten, den er ins J. 1375 verſetzt, N'igand. aber erſt im 3. 1376 erzählt. Wir wiſſen dagegen aus dem Amterbuche beſtimmt, daß Ger⸗ hard von Lenſen im J. 1374 ſtarb und daß ihm noch in dieſem Jahre Kuno von Hattenſtein im Amte folgte. Ja Wigand. läßt Gerharden nicht einmal im Kampfe fallen, ſondern ſagt am Schluſſe ſeiner Er⸗ zaͤhlung: Frater vero Gerhardus misericorditer a deo fuit preserva- tus, obgleich Schütz ausdrücklich feines Todes in der Schlacht er⸗ wähnt und das Amterbuch damit übereinftimmt. Nach dieſem fielen im Kampfe 12 Ordensherren, nach Wigand. 21 cruciferi cesi sunt in mortem preter multos nobiles; die alte Preuſſ. Chron. p. 39 er⸗ wähnt, daß außer den 12 erſchlagenen Ordensrittern noch „19 gute mann“ gefallen ſeyen, daß man dem Komthur zuvor geſagt, die Feinde würden ihm den Ruͤckzug abſchneiden, er aber nicht darauf geachtet habe.
Scanseite 273 · Druckseite 259
Biſchof Wiebold von Kulm (1375). 259 furchtbaren Graͤueln bis Neidenburg herauf, fing uͤberall in Gebuͤſchen und Waͤldern die gefluͤchteten Greiſe, Frauen und Kinder auf, beging mit ſeinen Kriegern an Jungfrauen die ſchnoͤdeſten Verbrechen und nachdem er nahe an vierzig Dörfer entweder niedergebrannt oder völlig ausgepluͤndert, kehrte er mit acht⸗ bis neunhundert Gefangenen durch Maſovien wieder in die Heimat zuruͤck, wo er die Ungluͤcklichen als Sclaven unter die Vornehmeren feiner Krieger vertheilte ). Eine weit regere Theilnahme aber als dieſe ſtets in glei⸗ cher Art wiederkehrenden Kriegsreiſen ins Heidenland erregten im Jahre 1375 die unruhigen Ereigniſſe im Kulmerland. Der Papſt Gregorius der Elfte, der die Roͤmiſche Kirche in großer Gefahr zu ſehen meinte und die ganze Chriſtenheit als ſchwer bedroht von ihren Feinden, den Tuͤrken, ſchilderte, hatte außer andern Mitteln zu neuem Gelderwerbe fuͤr die erſchoͤpfte paͤpſtliche Schatzkammer an ſeinen Nuntius Elias von Vodronio, Kantor der Kirche von Xanthen auch den Befehl erlaſſen, wie von den Gütern der Johanniter fo von den ſaͤmmtlichen Be⸗ ſitzungen des Deutſchen Ordens in Deutſchland, Ungern, Boͤh⸗ men und Polen den Zehnten der Einkuͤnfte eines Jahres ein⸗ zufordern und dieſe Erhebung mit aller Strenge und ohne Ruͤckſicht auf irgend ein Vorrecht, ſelbſt mit Anwendung aller kirchlichen Strafen zu betreiben. Es war ausdruͤcklich erklaͤrt, daß man auf die Freiheit beider Orden von der Leiſtung ir⸗ gend eines Zehnten durchaus keine Ruͤckſicht nehmen, ſondern wenn etwa Widerſtand Statt finden werde, die Meiſter, Ge⸗ bietiger und die geſammten Ordenshaͤuſer nicht nur durch den Bann und wo es noͤthig ſey, durch Sequeſtretion, ja ſelbſt durch Vorladung an den paͤpſtlichen Stuhl zur Leiſtung zwin⸗ 1) Auch über dieſe Begebenheit weichen die Chroniſten von einan⸗ der ab. Wigand. p. 294 und Schütz p. 81 ſetzen fie ins Jahr 1376, und zwar jener in den Herbſt, dieſer in den Frühling dieſes Jahres. Hier führt aber Lindenblatt S. 35 in übereinſtimmung mit Det⸗ mar B. I. S. 299 auf die richtige Annahme des J. 1374 und zwar nennt der letztere den Tag S. Mauritii (22. Sept.) als die Zeit des feindlichen Einfalles. 17*
Scanseite 274 · Druckseite 260
260 Biſchof Wicbold von Kulm (1375). gen folle !). Dieſe Anforderung, ſchon vor einigen Jahren geſchehen, hatte der paͤpſtliche Nuntius, dem der regſte Eifer in der Sache ſtreng anbefohlen war, damals nicht verfehlt, von Prag aus dem Deutſchen Orden bekannt zu machen und ſchon im voraus uͤber den Meiſter, die Gebietiger, Ordenscon⸗ vente und Kapellen Bann und Interdict ausgeſprochen, wenn man ihrer Seits der Erhebung des Zehnten irgend ein Hin⸗ derniß entgegen legen und ſeinem Bevollmaͤchtigten in dieſer Sache, dem Biſchofe Nicolaus von Mayenne in den zwei be⸗ ſtimmten Terminen die Abgabe nicht in der Art und Weiſe entrichten werde, wie fie der paͤpſtliche Befehl vorgeſchrieben 2). Die Sache aber war, ſey es wegen des Streites des Ordens mit dem Biſchofe von Ermland oder wegen der in Preuſſen damals herrſchenden Peſt einige Jahre hingehalten worden, bis der erwaͤhnte Biſchof im April des Jahres 1374 von Breslau aus den Hochmeiſter und den geſammten Orden in Preuſſen von neuem an des Papſtes Gebot erinnerte) und 1) Original der Bulle, dat.: Avinion. XVII. Cal. May p. n. a. secundo (15. April 1372) Schiebl. VIII. Nr. 4; fie iſt in einem uns gemein ſcharfen Tone abgefaßt. 2) Urkunde, baf.: Prage die duodecima Mensis Augusti a. d. 1872: Man höre, wie der Nuntius ſich ausdrüdt: Quod si monitio- nibus nostris ant mandatis huiusmodi, ymo verius apostolicis non parueritis cum effectu vel in eis exequendis negligentes fueritis seu remissi aut premissa et eorum singula distuleritis adimplere aut im- pedimentum aliquod per vos vel alium seu alias tacite vel expresse publice vel occulte presteritis vel prestiterint, quominus predicta omnia et singula suum plenum et debitum sorciantur effectum et su- pradieta decima per prefatum dominum nostrum Papam in predictis terminis persolvatur de moneta modoque et forma superius expres- satis, in vos omnes et singulos Magistros, Priores, preceptores, fratres et personas hospitalium seu domorum Scti Johannis Jeritan. et S. Marie Theuton, et omnes alios et singulos, qui contradietores seu culpabiles fuerint in premissis, excommunicationis, in capitulis vero suspensionis et in Ecclesiis et capellis seu oratoriis vestris In- terdicti sententias auctoritate apostolica, qua fungimur, in hüs scri- ptis canonica monitione premissa proferimus et etiam promulgamus. 8) Urkunde, dat.: in Vratislavia a, d. 1374 Indict. XII mensis April. XX quarta die, Schiebl. VIII. Nr. 4,
Scanseite 275 · Druckseite 261
Biſchof Wicbold von Kulm (1375). 261 bald darauf von Polen her die Einziehung des Zehnten mit aller Strenge forderte. Er fand indeſſen großen Widerſtand, denn die Geiſtlichen des Landes, vielleicht ermuthigt durch das Beiſpiel der Erzbiſchoͤfe von Mainz, Trier und Coͤln, welche den Zehnten gleichfalls verweigerten ), widerſetzten ſich nicht nur, ſondern auch der Hochmeiſter ließ die willkuͤhrliche Er⸗ preſſung des paͤpſtlichen Commiſſarius in ſeinem Lande aufs nachdruͤcklichſte unterſagen. Es erfolgte Bann und Interdict. Allein man achtete auf ſolche Strafen in Preuſſen ſchon laͤngſt nicht viel und ließ ſie ohne Wirkſamkeit. Nur der dem paͤpſt⸗ lichen Stuhle ſehr ergebene und ſtreng gehorſame Biſchof Wicbold von Kulm, der uͤberhaupt wenig beliebt war, weil er feine biſchoͤflichen Einkuͤnfte meiſt im Auslande verzehrte ?), unternahm es, in ſeinem Sprengel die kirchliche Strafe be⸗ kannt zu machen und in Ausübung zu bringen. Allein hier gerade, wo fruͤher ſchon die Erhebung des Peterspfennigs ſo große Erbitterung erregt, ging bald Eine Stimme des Zornes wegen des Biſchofs Verfahrens durch das ganze Land, beſon⸗ ders unter dem Landadel, der zu der neuen Auflage am mei⸗ ſten zu leiſten hatte, und geſtuͤtzt auf dieſe allgemeine Stim⸗ mung wagte es am dritten April des Jahres 1375 der ent⸗ ſchloſſene Ritter Hans von Kruſchin in Verbindung mit dem Ritter Peter Sweynichen ) und andern Anhängern, den Bi⸗ ſchof im Dom zu Kulmfee *) zu überfallen und gefangen ins 1) Detmar B. I. S. 301. 2) Wir haben z. B. eine Urkunde von ihm, dat.: Confluentie in domo habitationis nostre dicta Vogelsank a. d. 1378 die nona men- sis Septemb., nach welcher er durch den Ritter Siegfried von Selbach von dem Thorner Buͤrger Nicolaus Cordelitz omnes et singulas pecu- nias ad vostram Episcopalem mensam spectantes, namlich 3840 Mark erheben und ſich zubringen läßt; Schiebl. XLIX. Nr. 7. 9) Den Ritter Peter Sweynichen nennt ein Brief des Biſchofs von Pomeſanien an Wicbold vom J. 1381 als Theilnehmer, den Hans von Kruſchin als Anſtifter, Lindenblatt S. 33. Detmar B. I. S. 801 läßt ihn Johann Truſchwitz heißen. Nach der alten Preuſſ. Chron. p. 39 ſoll „Hans von Kruſchen“ auf Dobrin gewohnt haben. 4) Nach einigen (alte Preuſſ. Chron. a. a. O.) geſchah die Gefan⸗
Scanseite 276 · Druckseite 262
262 Biſchof Wicbold von Kulm (1375). Dobriner Gebiet jenſeits der Drewenz zu fuͤhren. Dort in Wäldern und Gebüſchen mehre Wochen lang hin und her ge⸗ ſchleppt hatte er die Wahl, ob er auf ſeine Koſten den Bann wieder loͤſen oder eine Summe von viertauſend Mark zahlen wolle ). Er entſchloß ſich, wie es ſcheint, zur Zahlung die⸗ fer Summe 2), wurde frei gelaſſen, entfloh aber ſofort aus dem Lande und begab ſich nach dem Rhein, von wo er einen Bericht uͤber ſein Schickſal an den paͤpſtlichen Stuhl ſandte. Man hatte aber von Preuſſen aus bereits auch wegen Erhe⸗ bung des Zehnten appellirt, ohne vom Roͤmiſchen Hofe eine weitere Entſcheidung zu erhalten, denn zu Lebzeiten dieſes Papſtes kam die Sache nicht wieder in Anregung und gerieth eine Zeitlang in Vergeſſenheit') Der Ritter Hans von Kru⸗ gennehmung im Dom zu Kulmſee, nach andern (Detmar a. a. 9.) auf des Biſchofs eigenem Schloſſe 1) So erzählen Lindenblatt S. 33, Detmar a. a. O., nach welchem der Biſchof ſieben Wochen im Walde gefangen gehalten wurde, Corner Chron. p. 1126, die alte Preuſſ. Chron. p. 39. Nach Si⸗ mon Grunau Tr. IX. c 1. 8.12 war Wicbold in der Nähe von Coͤln geboren. Lucas David B. VII. S. 118 — 119 erzaͤhlt hier ziemlich richtig; nur geſchah die Sache weder unter dem Papſte Ur⸗ ban VI., wie der Chroniſt jagt, noch unter Urban V., wie Hen⸗ nig in der Anmerkung verbeſſert. Auch ſollte der Biſchof nicht 400 Mark, wie Kogebue B. II. S. 233 angiebt, ſondern 4000 Mars entrichten, wie Lindenblatt und Detmar ſagen. 2) Wir ſchließen dieſes aus dem erwaͤhnten Briefe des Biſchofs von Pomeſanien, wo von einer restitutio oblatorum et expressarum satisfactionum die Rede iſt, die den Thaͤtern fpäter auferlegt wird. 3) Dieß ſagt uns eine Bemerkung in den Privileg. ecclesiae Po- mesan. p. XII, wo es heißt: Tempore domini Nicolai predecessoris mei (Biſch. von Pomeſanien) per Episcopum Maieniens. petebantur decime, @ quo eciam fuit appellatum et stetit usque ad mortem do- mini Gregorü Pape XI, et sic peticio cum appellatione emarcuerunt. Wenn dann noch hinzugefügt wird: Nota quod tempore appellationis dominus Wipoldus Episcopus Culmensis non fuit apud ecclesiam suam, sed vicarius suus Johannes nomine ecclesie stetit in appellatione cum ecclesiis, fo geht daraus hervor, daß Wicbold keineswegs feinem Bis⸗ thum entfagte, wie einige Chroniſten angeben, denn wir finden ihn auch ſpaͤterhin wirklich noch als Biſchof.
Scanseite 277 · Druckseite 263
Biſchof Wicbold von Kulm (1375). 263 ſchin und ſeine Mitgenoſſen wurden in den Bann erklaͤrt und unterlagen dieſer Strafe, bis nachmals der Biſchof von Kulm ſelbſt und der Hochmeiſter um ihre Losſprechung beim paͤpſt⸗ lichen Stuhle bittend einkamen und, nachdem die Sache ge⸗ richtlich behandelt worden!), der Biſchof Johannes von Po⸗ meſanien und ein Ermlaͤndiſcher Domherr den Auftrag erhiel⸗ ten, die kirchliche Strafe aufzuheben unter der Bedingung, daß fie dem Biſchofe von Kulm für alle Erpreſſungen Ge⸗ nugthuung leiſten, für das der Kirche zugefügte Unrecht in einer Stadt des Kulmerlandes einen Kirchenaltar errichten und dieſen zur Unterhaltung eines Vicars oder Kaplans mit zehn Mark jaͤhrlicher Einkuͤnfte begaben ſollten. In einer Kirche der Stadt Strasburg ward dieſer Altar erbaut und mit den erwähnten Einkünften verſorgt 2). Der Biſchof Wicbold aber blieb viele Jahre im Auslande und ließ ſein Biſthum durch einen Vicar verwalten. Der Papſt endlich ſcheint ſich eben⸗ falls bald wieder befriedigt zu haben, denn ſchon in den naͤch⸗ ſten Jahren finden wir von neuem Beweiſe ſeiner Gunſt ge⸗ gen den Orden ). Während dieſer Ereigniſſe im Kulmerlande aber entſpan⸗ nen ſich auch unruhige Bewegungen in den ſuͤdlichen Graͤnz⸗ 1) Nach einem Briefe im Formularbuche p. 47 ohne Datum und ohne Angabe der Perſon, von welcher er geſchrieben iſt, wandte ſich der Biſchof von Kulm ſelbſt wiederholt an den Papſt um Abſolution fuͤr die, welche ihn gefangen genommen und fuͤr Nachlaſſung ihrer Strafe. Man fand indeſſen das Geſuch des Biſchofs nicht dem Rechte gemaͤß und die Sache wurde an beſtimmte Richter verwieſen. Nach dem Briefe nahm man dabei auch die Gunſt des Hochmeiſters in An⸗ ſpruch. 2) Nach einem Briefe des Biſchofs Johannes von Pomeſanien an Wicbold vom 17. Nov. 1381. 3) Dieſe Begünftigungen betrafen freilich nicht den Orden in Preuſ⸗ fen allein, ſondern in der einen Bulle, dat. Avinion. XVI Cal. Jul. P. n. a. VI ertheilt der Papſt dem Orden im Allgemeinen wiederum alle Freiheiten, Vorrechte und Indulgenzen der Johanniter, die andere verleiht den Ordenshäuſern in Rom, Viterbo und Montefiascone Be⸗ freiung von manchen Laſten; beide Bullen Schiebl. VIII. Nr. 6. 7.
Scanseite 278 · Druckseite 264
264 Der weiße Fuͤrſt Wladislav (1375). gebieten. Der ehemalige Herzog Wladislav von Gniewkow, der Weiße oder gemeinhin bloß „der weiße Fuͤrſt“ genannt 1), der fruͤherhin ſein Land an Koͤnig Kaſimir vergeben, um eine Wallfahrt ins heilige Land zu unternehmen und nachmals das Moͤnchskleid empfangen, hatte, von den mit des Koͤniges Lud⸗ wig Abweſenheit und der Weiberherrſchaft unzufriedenen Po⸗ len aufgemuntert, die ihn als Naͤchſtberechtigten zur Thron⸗ folge herbeigerufen 2), ſein Kloſter in Burgund verlaſſen und war, obgleich ihn der Papſt von ſeinem Moͤnchsgeluͤbde nicht entbunden ), nach Polen gekommen, um die unzufriedene Stimmung eines Theiles der Polen mit Ludwigs Regentſchaft zu benutzen und nicht bloß wieder ſein ehemaliges Herzog⸗ thum, ſondern wo moͤglich ſelbſt die Koͤnigskrone zu gewin⸗ nen *), denn die Luft zur Herrſchaft hatte die kloͤſterliche Ein⸗ ſamkeit in ſeiner Seele noch nicht erſtickt. Und in der That gelang es ihm auch durch Unterſtuͤtzung ſeiner Anhaͤnger und durch Mithuͤlfe des Ritters Ulrich von Oſten und deſſen Brü- der, ſich der feſten Burgen zu Leſlau, Gniewkow und beſon⸗ ders der nahe am Ordenbgebiete unfern von Thorn gelegenen Feſte Slotterie zu bemaͤchtigen. Von hieraus gedachte er jetzt ſeinen Plan bis zum Throne Polens weiter zu verfolgen, als ihn im Jahre 1376 der Statthalter von Groß⸗Polen Sandi⸗ vog von Subino und Herzog Kaſimir von Dobrzin auf der Burg Stotfkrie hart belagerten und endlich nach manchen blutigen Kämpfen unter großer Verheeruug der ganzen Um⸗ 1) £indenblatt ©. 36 und 38. Diugoss. L. X. p. 23 seq. 2) Nach Pray Annal. reg. Hung. P. II. p. 139. 3) Fray l. c. De Wal T. III. p. 408. 4) Wente he was de negeſte geborn to der herſcop, wie Detmar B. I. S. 305 ſagt. Die Verwandtſchaftsverhaͤltniſſe und feine An⸗ rechte weiſen Dlugoss. L. X. p. 19 und Cromer p. 326 genauer nach. Die Angabe bei Alb. Krantz Wandal. L. IX. c. 4 und in Corner Chron, p. 1128, daß Wladislav früher Deutſcher Ordensritter gewe⸗ ſen ſey und von dem weißen Ordensmantel den Beinamen des Weißen (Albus) erhalten habe, iſt ſchon von De Wal T. III. p. 409 hinrei⸗ chend widerlegt.
Scanseite 279 · Druckseite 265
Kriegsreiſe nach Litthauen (1375). 265 gegend zur Ergebung zwangen ). Um ſich des gefährlichen Gegners zu entledigen, bot ihm der Koͤnig Ludwig, der eben vom Papſte mit allem Nachdruck zum Krieg gegen die Tuͤr⸗ ken gemahnt wurde 2), gerne eine Summe von zehntauſend Gulden und ein beſtimmtes Jahrgeld von tauſend Gulden, ſofern er in das Kloſter zuruͤckkehre, und der weiße Fuͤrſt zog es nach ſolcher Erfahrung vor, die kloͤſterliche Stille wieder aufzuſuchen ?). So nahe die Gelegenheit geweſen war, in dieſe Unruhen im Nachbarlande mit einzugreifen, da ſelbſt das Ordensgebiet nicht unverletzt geblieben war, ſo hatte es der Meiſter Winrich zur Aufrechthaltung des Friedens doch fuͤr heilſamer gefunden, ſich von der Theilnahme an dieſem Streite fern zu halten. Unterdeſſen waren ſchon ſeit dem Anfange des Jahres 1375 auf den Kriegöreiſen ins Heidenland die Ordenswaffen in raſtlo⸗ ſer Thaͤthigkeit, denn einer Seits brach in den erſten Tagen des Jahres Wigand von Baldersheim Pfleger zu Inſterburg, unter⸗ ſtuͤtzt von einem Heerhaufen aus Samland in das Gebiet von Weygow an der Memel ein, plünderte und verwuͤſtete mit Feuer und Schwert das ganze Land, und fuͤhrte dann mit ſechzig Gefangenen einen reichen Raub nach Inſterburg zuruck, wo der tapfere Ordensritter Werner von Tettingen auf dieſem Zuge ſchwer verwundet feinen Tod fand ), anderer Seits ſandte der Hochmeiſter, der mit dem Meiſter von Livland ei⸗ 1) Vgl. einiges Nähere über die Belagerung bei Det mar a. a. O. und Dlugoss. I. c. 2) Pray I. c. p. 140. Raynald. an. 1875. Nr. 6. 3) Sehr ſpeciell das Nähere beim Anonym. Archidiac. Gnesn. P. 108—112 und Dlugoss. I. c. Det mar a. a. O., der das Ereig⸗ niß ins J. 1377 ſetzt, ſpricht von 11,000 Gulden (nach Corner Chron. 12,000) und alle Jahr 1000 Gulden, wenn der Herzog wieder in den Moͤnchsſtand trete; er fügt hinzu, daß die Verhandlung in Gegenwart des Hochmeiſters, feiner Gebietiger und des Herzogs von Schleſien ges ſchehen ſey. 4) Wigand. p. 293. Werner von Tettingen nennt der Chroniſt collega advocati Sambiensis, wahrſcheinlich damit ſeinen Kompan meinend.
Scanseite 280 · Druckseite 266
266 Kriegsreiſe nach Litthauen (1375). nen groͤßeren Kriegszug ins heidniſche Land verabredet, um dieſelbe Zeit einen Heerhaufen von fuͤnfhundert Mann gegen die Wildniß aus, um auszuforſchen, ob der Feind ſich zum Einfalle ins Ordensgebiet ruͤſte und verſammele, und da man die Graͤnzlande der Litthauer unbewehrt und unbewacht fand, ſo ſtuͤrmte man mit Mord und Brand weiter ins feindliche Gebiet hinein und nahm uͤber hundert Heiden gefangen !). Darauf trat der Meiſter Winrich ſelbſt im Anfange des Februar an die Spitze eines ſtarken Heeres von zehntau⸗ ſend Mann, begleitet vom Ordensmarſchall Gottfried von Lin⸗ den, dem Großkomthur Ruͤdiger von Elner, vielen Komthuren und an zweihundert Baronen, Edlen und Rittern, die aus Frankreich und Deutſchland zum Heidenkampfe gekommen waren ). Allein auf dem Auszuge ſchon ſchlug die Winter⸗ kalte fo plotzlich um und die Fluͤſſe wuchſen fo bedeutend an, daß der Meiſter mit der Mannſchaft der obern Lande nicht weiter ziehen konnte ). Der Ordensmarſchall aber mit den Komthuren von Elbing, Chriſtburg, Balga und Brandenburg nebſt den fremden Kriegsgaͤſten brach bei der Feſte Dirſune *) 1) über dieſe und die naͤchſtfolgenden Ereigniſſe haben wir ein Schreiben des Hochmeiſters an den Ordensprocurator im Formular⸗ buche p. 69, abgedruckt bei Lucas David B. VII. S. 128. Es iſt ohne Datum; daß es jedoch in das J. 1375 gehört, iſt nach der Über: einſtimmung ſeines Inhaltes mit den Berichten der Chroniſten keinem Zweifel unterworfen. 2) In dem Schreiben des Hochmeiſters heißt es: Inter quos fue- runt de magnatibus baronibus, nobilibus militibus et militaribus de Francia et Almania bene ducenti. Wigand., der die Komthure nennt, ſagt ebenfalls multi quoque neregrini intererant. Die Stärke des Heeres giebt Schütz p. 81 an; ebenſo Wigand. I. c. 3) Schreiben des Hochmeiſters a. a. ©. Es iſt indeſſen in eini⸗ gen Stellen dunkel, auch nicht überall richtig abgedruckt. Es heißt aber: remissio frigorum nivibus eonsuinptis nostrum propositum re- tardavit; deshalb nos cum hominibus terrarum superiorum impediti procedere non potuinus et sic Marschalcum nostrum cum hominibus terrarum inferioruu emisimus. 4) Sm Schreiben des Hochm.: ſortalicium Disorve, bei Wigand, Dirsungen, bei Schütz Dirſinigen, bei Detmar Dirfime genannt;
Scanseite 281 · Druckseite 267
Kriegsreife nach Litthauen (1375). 267 ins feindliche Land ein, durchpluͤnderte die Gegenden bis Tra⸗ ken ) hinauf, legte das große Dorf Symliken *) oder Simo⸗ lisken in Aſche und wagte ſich dann bis unter die Mauern von Wilna. Da es ihm jedoch nicht gelang, ſich der ſtark be⸗ feſtigten Stadt zu bemaͤchtigen, fo zog er über Traken zurück, brannte den reichen Hof des Bojaren Wyrduck auf und kehrte, unter Brand und Verheerung die Memel abwaͤrts gehend, mit einer zahlreichen Beute und Schaaren von Gefangenen nach Preuſſen wieder heim). Es war furchtbar in den zehn Tagen, die man die Wegeverzeichniſſe geben uns den richtigen Namen Dirſune (Durſchi⸗ niſchky an der Memel). 1) Wigand. ſagt hier: procedunt contra Pawunden, ubi per diem et noctem Sudowenses igne et interfectione vexabantur, wor⸗ aus wir erfahren, daß in jener Gegend auch Sudauer wohnten. 2) So Wigand., offenbar das heutige Sumeliski, weſtlich von Neu⸗Troki; die Wegeverzeichn. nennen den Ort Symylisken und ſetzen ihn drei Meilen von Traken. 3) Lindenblatt S. 35 erwaͤhnt des Zuges nur mit einigen Wor⸗ ten. Daß er aber mit Det mar und dem Schreiben des Hochmeiſters von einer und derſelben Begebenheit ſpricht, beweiſet die Erwähnung der Livlaͤnder. Aus dieſer Übereinftimmung geht zugleich hervor, daß der Kriegszug ins J. 1375 und zwar in den Februar faͤllt, welchen Monat der Hochmeiſter ausdruͤcklich nennt. Wigand. erzählt dieſen Kriegszug wieder zweimal beim J. 1374 und 1375; es geht aus ihm klar hervor, daß er an beiden Orten nur von einer Begebenheit ſpricht. Die alte Preuſſ. Chron. p. 37 meldet von dieſem Zuge im J. 1375: Gotfrid von Lynden obirſter marſchalk waz yn Littawen mit den von criſtburg, vom elbinge, von der balge, von Brandenburg, mit beyden Voyten von ſamcland und mit etlichen geſten von dewtſchen landen ynſprengende am tage Scolaſtice virginis und teilten das heer yn III ſchar, dy von criſtburg und von der balge yn eyne ſchar, der Mar: ſchalk mit den geſten und voyten von ſameland yn dy andere, dy von elbinge und von Brandenburg in dy dritte und logen dy nocht von enander uf III meylen. Am andern tage quamen dy heer zeu ſammene und herten ym Lande II tage. Am dritten tage zogen ſy vor trafen und vunden do kynſtod den konig mit dem der marſchalk eyn geſpreche hilt und ſchiden ſich yn czorne, dorume hertin ſy yn dem lande deſte lenger und fuͤrten mit yn von dannen gefangen wol IX menſchen, ane dy dy geſte mit ſich fuͤrten ken dewtſchen landen.
Scanseite 282 · Druckseite 268
268 Kriegsfehden mit ben Litthauern (1376). im feindlichen Lande zugebracht, theils durch dieſes Streitheer, theils vom Meiſter von Livland, der anderwaͤrts eingefallen war, gehauſt und verheert worden. Am meiſten betrauert wurde der Marſchall von Livland, der Führer des Livlaͤndi⸗ ſchen Heerhaufens, der ſein Leben beim Faͤllen eines Baumes verlor 1). Auf gleiche Weiſe und mit aͤhnlichen Erfolgen verliefen die Kriegsreiſen ins Heidenland ſowohl im Fortgange des Jah⸗ res 1375 als im nachfolgenden Jahre 1376. Bald ſtand der Hochmeiſter ſelbſt an der Spitze der Heerhaufen, fiel im Samaitenlande in die Gebiete von Medeniken, Erogeln, Aris⸗ ken, Roſſiena, Geſow und Paſtow ein, wo er acht Tage lang alles mit Raub und Brand verheerte, ruͤckte dann bis Kauen vor, um die dortige neue Burg zu erſtuͤrmen, mußte ſich aber, durch die Tapferkeit der Beſatzung unter bedeutendem Verluſte zurückgeworfen, nach der Graͤnze zurückziehen ). Bald wie⸗ derum uͤberſchritten der Vogt von Samland und die Pfleger von Inſterburg, Gerdauen und Tapiau die feindlichen Graͤnz⸗ gebiete und hauſten weit und breit auf die gewohnte Weiſe ). Bald endlich war es der kuͤhne Komthur von Balga Diete⸗ rich von Elner, der tief ins feindliche Land bis in die Ge⸗ biete Kamentz und Bieliza unter Plünderung und Verheerung vordrang und von dort Hunderte von Gefangenen und Heer⸗ den von Vieh und Roſſen als Beute mit zuruͤckbrachte n): es 1) Schreiben des Hochmeiſters bei Lucas David a. a. O. 2) Nach Wigand. erfolgte der Verluſt des Hochmeiſters vor Kauen in die s. Scholastice (10. Febr.) alſo noch in der Winterzeit. Dlugoss. L. X. p. 33. Kojalowiez p. 346. Ob die Zeitangabe bei Wigand richtig ſey, iſt zu bezweifeln, dnen in das Jahr 1375 wuͤrde dann die Kriegsreiſe kaum noch gehören (ſ. das Schreiben des Hochmeiſters bei Lucas David a. a. O.) und im Winter 1376 kam nach Lin den⸗ blatt S. 37 zwar der Graf Adolf von Cleve mit vielen Rittern in Preuſſen an; aber man konnte keine Reiſe unternehmen, weil der Win⸗ ter zu weich und die Stroͤme zu ſtark angeſchwollen waren. über die verheerten Gebiete weichen die Angaben der Chroniſten etwas ab. 8) Wigand. p. 294 beſchreibt den Zug genauer. 4) Wigand. I. c. nennt einmal als Gebiete Rußlands, in welche
Scanseite 283 · Druckseite 269
Kriegsfehden mit den Litthauern (1376). 269 waren alles nur Raub⸗ und Verheerungszuͤge, wie ohne Kaͤmpfe von Bedeutung, fo ohne ſonderlichen Ruhm und ohne Cha⸗ rakter in der Geſchichte:). Aber fie hatten die traurige Folge, daß ſie den Feind immer wieder zur Rache und Vergeltung in das Gebiet des Ordens lockten. So geſchah es im An⸗ fange des Juni ?) des Jahres 1376, daß Kynſtutte und Olgjerd nebſt dem Fürften Swerdeyke mit drei ſtarken Heer⸗ haufen, nachdem ſie die Graͤnzwaͤchter aufgehoben, in die Land⸗ ſchaft Nadrauen einſtuͤrmten. Von dort warf ſich der Fuͤrſt Swerdeyke mit ſeiner Schaar vor Inſterburg, bemeiſterte ſich der Burg, brannte ſie nieder und machte an Roſſen, Vieh und andern Dingen eine aͤußerſt reiche Beute. Neunhundert Menſchen ſollen damals in der Stadt und Burg erſchlagen worden ſeyn. Mittlerweile war Olgjerd vor Nerwekitten oder Norkitten und Taplaken gezogen und hatte die Gebiete rings⸗ umher furchtbar verwuͤſtet. Der dritte Heerhaufe brach unter Kynſtutte's Fuͤhrung gegen Wehlau vor, legte die Doͤrfer und Kirchen in Aſche und fuͤhrte die Bewohner in Heerden als Gefangene davon. Die Burg Taplaken wurde in Brand ge⸗ ſteckt; zwar ſuchte ſie der dortige Pfleger durch wackere Ver⸗ theidigung zu retten; allein das Feuer uͤberwaͤltigte ihn und er fiel mit allen den Seinigen in feindliche Gefangenfchaft. Dieterich einfiel, terra Bolisken et terra Kamentz; ſpäterhin wo er den Kriegszug wieder erzaͤhlt, heißt die Burg Beliag und das Gebiet Cammentz und im 3. 1377 erwähnt er auch noch eines Zuges Diete⸗ richs gegen die Burg Pelitz, wo Schütz p. 82 den Namen Pelityg hat, während er p. 81, wo der Zug Dieterichs ins J. 1376 geſetzt wird, von einer Burg mit Namen Bielyagia ſpricht, die er erobern und ſchleifen laßt; das andere Gebiet heißt bei ihm Camenetz. Bei Diugoss. p. 20 finden wir die Gebiete Volinska und Kamienyecz ge: nannt. Man ſieht, wie ſehr die Namen überall verſtuͤmmelt find. Ver⸗ gleicht man alle Stellen, fo waren die verwüſteten Gebiete keine an⸗ dern, als die jetzigen Gegenden von Kamionka (damals Kamentz) und Bjeliza, das letztere hart am Niemen liegend. 1) Deshalb uͤberheben wir uns auch der ſpecielleren Erzählung. 2) In profesto s. Trinitatis (8. Juni) nach Wigand. I. c. L in⸗ denblatt S. 37.
Scanseite 284 · Druckseite 270
270 Kriegsfehden mit den Litthauern (1376). Während darauf ein Theil der Raubſchaar auf der Ruͤckkehr auch Salau, das Gebiet des Samlaͤndiſchen Domſtiftes aus⸗ plünderte und gegen die dem Samlaͤndiſchen Biſchofe zugehö⸗ rige Georgenburg zog, brach der Füͤrſt Swerdeyke mit feinem Raube aus dem Gebiete von Inſterburg in die Gegend von Tammau ein. Nachdem er hier die Vorburg durch Feuer vernichtet und ſeine Beute noch anſehnlich vergroͤßert, begab er ſich uͤber Falkenau auf den Ruͤckzug und war eben beſchaͤf⸗ tigt, fich durch die dort geſchlagenen Hagen die Wege zu oͤff⸗ nen, als die Wehrmannſchaft aus Tammau ihn verfolgend ſeinen Haufen uͤberfiel und mit ihm in Kampf gerieth. Allein das Gluck blieb ihm treu; der Pfleger von Tammau fiel im Streite, die Seinen wurden zuruͤckgeworfen und der Feind zog ruhig davon. Es war lange Zeit keine ſo ſchreckliche Ver⸗ heerung uͤber das Land ergangen; außer den Erſchlagenen und denen, welche hie und da in den Flammen umgekommen waren, wurden viele Hunderte der Bewohner mit ins feind⸗ liche Land geſchleppt !). Und kaum waren drei Wochen vor⸗ uͤber, ſo erſcholl ein neues Kriegsgeſchrei, denn eine neue Raub⸗ ſchaar unter des jungen Fuͤrſten Witowd Fuͤhrung ſtuͤrzte ſich abermals in die Gebiete von Tammau und Inſterburg, er⸗ ſchlug funfzig Menſchen in der Ernte und raubte wiederum eine große Anzahl Roſſe. Ungehindert zog dann der Feind 1) Lindenblatt a. a. O. Dlugoss. p. 26. Det mar B. I. S. 305 nennt unter den verheerten Gegenden auch Delau und ein Schloß „Stem,“ welches der Feind verbrannte und worunter wahrſcheinlich die Vorburg von Tammau gemeint iſt. Corner Chron. p. 1128 hat ba: für den Namen Zythen. Wigand. erzählt dieſen Einfall am genau: ſten, aber wiederum an zwei verſchiedenen Orten. Die von ihm er⸗ waͤhnten septa arborum consectarum, bei denen es zuletzt zum Kampfe kam, find die früher ſchon berührten Gehäge oder Hagen, auch Schläge genannt, die auch in den Wegeverzeichniffen der dortigen Gegend häufig vorkommen. Man ſperrte dem Feinde dadurch die Wege. Die Leits⸗ leute kannten dieſe Hagen im feindlichen Lande und gaben daher immer auch an, daß man dieſe oder jene Hagen oder Schläge auf dem bezeich⸗ neten Wege zu räumen habe. Übrigens vgl. hier auch Lucas Da⸗ vid B. VII. S. 96.
Scanseite 285 · Druckseite 271
Tod des Biſchofs Nicolaus von Pomeſanien (1376). 271 in ſeine Heimat zuruͤck, denn die ſtarke Sommerhitze hatte uͤberall die Ströme und Fluͤſſe ſo ſeicht gemacht, daß man ſie ohne Beſchwerde uͤberſchreiten konnte ). Das Jahr 1376 aber ſollte nicht voruͤbergehen, ohne daß Preuſſen noch einen andern ſchmerzlichen Verluſt erlitt. Der wuͤrdige Biſchof Nicolaus von Pomeſanien, einer der verdienſt⸗ vollſten Männer dieſer Zeit, der die biſchoͤfliche Würde nicht ohne manche ſchwierige Verhaͤltniſſe der Verwaltung uͤber funf⸗ zehn Jahre bekleidet hatte, ſtarb am vierundzwanzigſten No⸗ vember 2), nachdem er ſich beſonders um die Landescultur ſei⸗ nes Biſchofstheiles die ruͤhmlichſten Verdienſte erworben. Er hatte manchen Streit mit den Landesrittern ſeines Gebietes beſtanden, denn dieſe adeligen Gutsbeſitzer, fruͤh ſchon mit ſehr anſehnlichen Beſitzungen begabt, traten bereits durch Wohl⸗ habenheit und Anſehen ermuthigt dem Biſchofe und dem Dom⸗ kapitel nicht ſelten mit Forderungen entgegen, die zu Streit Anlaß gaben ). Mit feinem Domkapitel lebte er in ungleich friedlicheren Verhaͤltniſſen als fein Vorgänger der Biſchof Ar⸗ nold, wie ſchon daraus hervorgeht, daß er einige Jahre vor ſeinem Tode demſelben ſeine ganze Sammlung juriſtiſcher und theologiſcher Bücher uͤbergab, eine damals ungemein werthvolle Schenkung, weshalb auch ausdruͤcklich beſtimmt wurde, daß ein ſchwerer Fluch und die nachdruͤcklichſte Strafe denjenigen treffen ſolle, der auch nur ein einziges dieſer Buͤcher der Kirche entfremden werde). Als Nachfolger im biſchoͤflichen Amte 1) Lindenblatt S. 37—38. Detmar S. 304, wo ſtatt „to minſterberg“ zu leſen iſt tom inſterberg; ebenſo bei Corner I. c. Ko- Jelowiez p. 349. 2) Lindenblatt S. 38. Daß Nicolaus ſchon im J. 1361 im biſchoͤflichen Amte war, weiſen mehre Urkunden aus. 3) Das Nähere hierüber ſpaͤterhin bei einer andern Gelegenheit. 4) Das Notariatsinſtrument über die übergabe, dat.: In Cena- culo estivali castri Resinburg a. d. 1374 prima die mensis Augusti in dem Buche: Privileg. Capitul. Pomesan. p. XVII. Es heißt: der Biſchof ſchenke die Bücher volens et affectaus, ut eum, qui ali- quem istorum librorum alienaret ab ecclesia et perpetue sue memo- rie auferret, deus omnipotens de medio et ecclesia auferret eundem.
Scanseite 286 · Druckseite 272
272 Kriegsreiſe nach Litthauen (1377). ward vom Kapitel erwaͤhlt der bisherige Probſt deſſelben, Jo⸗ hannes Moͤnch aus Elbing; allein ungeachtet der dringenden Bitte des Hochmeiſters ſowohl beim Papſte als beim Kardi⸗ nal⸗Collegium um baldigſte Beſtaͤtigung des Neuerwaͤhlten 1) verzögerte ſich dieſe dennoch bis ins naͤchſte Jahr, da ihm der Ermlaͤndiſche Domherr Damerau am paͤpſtlichen Hofe man⸗ cherlei Hinderniſſe entgegen legte 2). Kriegeriſch hatte das Jahr 1376 geendigt, denn noch in den letzten Tagen waren der Komthur von Ragnit Kuno von Hattenſtein und Wigand von Baldersheim ) Pfleger zu In⸗ ſterburg, jener in die Gebiete von Romain und Paſtow, die⸗ ſer mit ſechshundert Reiſigen in die Gegend von Sloaſſen ein⸗ geſprengt, hatten die Lande weit und breit verwuͤſtet und Hunderte von Gefangenen zuruͤckgebracht, die ſie freilich auf dem Ruͤckzuge, durch einen Hinterhalt in einer Waldgegend uͤberfallen, mit dem Verluſte von zwanzig Ritterbrüdern und fuͤnfhundert ihrer Kriegsleute erkaufen mußten !). Kriegeriſch aber begann auch das naͤchſte Jahr 1377. Die Ankunft neuer Als Buͤcher nennt die Urkunde: Decretales bynas, Decreta byna, Sex- tos bynos, unam Clementinam cum apparatu Pauli de Lyra, Archi- diaconum super Decreto, Novellam super decretalibus in duabus par- tibus, Novellam sexti et in duabus partibus super regulis juris, Lecturam hostiens. jn duabus partibus, Lecturam Innocencii in uno volumine, Summam Hostiens. in duabus partibus, Summam Bartho- lomei de Pisis, Repertorium aureum, speculum iudiciale, Formula- rium Romane curie, unum volumen super epistolis Pauli, unam sum- mam questionum in quatuor voluminibus super quatuor libros sum- marum etc. 1) Die Briefe hieruͤber im Formularbuche p. 68. Als Grund ſei⸗ ner Bitte führt der Hochmeiſter den umſtand an, quod ecclesia eadem ex diutina pastoris absencia timeretur certe certius gravissimis in- commodis et dispendiis subiacere, cum ipsa infidelium Litwanorum vivifice christi crucis blasfemorum finibus sit vicina. 2) Lindenblatt S. 38. Was der Ermlandiſche Domherr am paͤpſtlichen Hofe bezweckt habe, iſt ungewiß. 3) Nicht Wigand von Heldrungen, wie ihn Seltz p. 82 und nach ihm De Wal T. III. p. 426 nennt. 4) Wigand, p. 294. Schütz |, c. Diugoss. p. 38. 4
Scanseite 287 · Druckseite 273
Kriegsreiſe nach Litthauen (1377). 273 fremder Kriegsgaͤſte, des Grafen Günther von Hohenſtein, des Grafen Eberhard von Katzenellenbogen und ſeines Vetters Johann mit vielen andern edlen Herren und Rittern und ei⸗ ner anſehnlichen Streitmacht veranlaßte im Anfange des Fe⸗ bruars abermals zu einer Ritterfahrt ins heidniſche Land ). Auf des Meiſters Geheiß trat der Ordensmarſchall Gottfried von Linden und mit ihm der Großkomthur Rüdiger von El⸗ ner an die Spitze von zwoͤlftauſend Mann und zog mit drei getheilten Heerhaufen ) durch die Gebiete von Weygow und Symliken oder Simolisken ) gegen die Burg Merkenpil, wo überall unter ſchwerer Verheerung Raub und Gefangene zu⸗ ſammengetrieben wurden. Anfangs noch getheilt, dann als ein Ganzes vereinigt zog nun das Heer weiter und wo es hinzog, bezeichnete Blut und Aſche überall feine Wege, denn uͤberall wurde ſchrecklich gemordet und gebrannt. Vor Tra⸗ ken, Kynſtutte's Hauptburg“), welche belagert, vom Fuͤrſten aber ſo tapfer vertheidigt ward, daß nur die Stadt gewonnen und durch Feuer vernichtet werden konnte, unterlag rings⸗ umher alles der Verwuͤſtung und den Flammen und überall ohne Widerſtand, denn die Fuͤrſten beſchuͤtzten ihre Burgen und das Volk war allenthalben geflohen. Jetzt wurde auch 1) Lindenblatt S. 39 ſetzt den Auszug auf unſ. Frauen Tag Purification., alſo in die erſten Tage des Februars 1377. Zwar führt Schütz 1. c. ſehr beſtimmt den Tag Andrea (30. November) als die Zeit dieſer Ritterfahrt an; allein wir finden dieſe Angabe ſonſt nicht nur nirgends, ſondern auch Detmar S. 306 giebt Lichtmeß dieſes Jahres an und beſonders ſtimmt damit auch die ganz ſichere Angabe des Hochmeiſters in einem Briefe bei Lucas David B. VII. S. 127 aus dem Formularbuche p. 69 überein, worin er über dieſen Kriegs⸗ zug Bericht abſtattet. 2) In tribus terminis triplicatis cuneis, wie der Hochmeiſter ſelbſt ſagt. 3) So hier Wigand., ohne Zweifel das heutige Sumeliski ſuͤd⸗ weſtlich von Wilnaz vgl. oben S. 267. Anmerk 2. 4) Principale principis milicie Litwiuorum Kanstotthi, wie es der Hochmeiſter nennt. Tulken, welches Det mar anfuͤhrt, ſoll wahr⸗ ſcheinlich Traken ſeyn. V. 18
Scanseite 288 · Druckseite 274
274 Krlegsreiſe nach Litthauen (1377). Wilna umlagert; da aber auch hier die Burg, vom Groß⸗ fürften Olgjerd mit ſtarker Mannſchaft vertheidigt ), nicht er⸗ flürmt werden konnte, fo ward hier ebenfalls die Stadt in Brand geſteckt und bis auf den dritten Theil in Aſche gelegt. Waͤhrend hierauf ein Theil des Heeres eine Tagereiſe weiter gegen das große Dorf Rudminne, wohin noch nie ein Feind gekommen war, zu neuem Raube auszog, aber mit ſiebenhun⸗ dert Reitern dort in Kampf gerieth ), ſannen die Großfuͤr⸗ ſten auf andere Mittel, ſich des uͤbermaͤchtigen Feindes zu entledigen. Sie baten beide beim Ordensmarſchall um eine Unterredung; der Erfolg war ein friedlicher Anſtand auf mehre Tage, waͤhrend welcher Zeit die beiden Fuͤrſten die oberſten Fuͤhrer des Heeres, den Großkomthur, den Marſchall, mehre Komthure und die beiden Grafen von Hohenſtein und Katzen⸗ ellenbogen auf die Burgen zu Wilna und Traken zu Gaſte luden, prachtvoll bewirtheten und mit fuͤrſtlichen Geſchenken beehrten. An der fuͤrſtlichen Tafel aber, waͤhrend man ſich am Meth erfreute, erhielt Fuͤrſt Olgjerd auf ſeine Bitte das Verſprechen, daß das Ordensheer den noch uͤbrigen Theil von Wilna verſchonen, uͤberhaupt keine Feindſeligkeit weiter mehr veruͤben und mit der gemachten Beute ruhig nach Preuſſen zurückkehren wolle). Und fomit traten die Gebietiger, nach⸗ dem ſie dreizehn Tage im feindlichen Lande gelegen, den Ruͤck⸗ zug an, ohne die arge Lift der Fuͤrſten zu ahnen. Mittler: weile aber war auf der Großfürften Befehl der junge Fürft Witowd mit fünfhundert Reitern dem Ordensheere vorange⸗ 1) Nach dem Berichte des Hochmeiſters fand man den Fürften Olgjerd, magnus rex Algerd tocius regni dominus cum uxore sua regina et liberis suis et multitudine armatorum ſchon da, als man vor Wilna kam. Nach Schütz 1. c. wäre er erſt herzugecilt, nach⸗ dem Wilna ſchon zum Theil verbrannt war. 2) Bericht des Hochmeiſters; auch Wigand. nennt „ Rudeminne, “ wahrſcheinlich das heutige Paradomin, ſuͤdweſtlich von Wilna. 3) Wigand. theilt ſelbſt einen Theil des Geſpraͤches zwiſchen Olg⸗ jerd und dem Marſchall mit, woraus man ſchließen möchte, daß er dem Zuge ſelbſt nicht beigewohnt habe; vgl. auch Lindenblatt a. a. O.
Scanseite 289 · Druckseite 275
Kriegsreife nach Litthauen (1377). 2375 eilt 1), hatte ihm die auf dem Weg aufbewahrten Lebensmit⸗ tel und das Futter fuͤr die Roſſe geraubt oder verbrannt und verfolgte nun die einzelnen Heerhaufen mit feinen kühnen Kriegern bis in die Gegend von Tammau, ſo daß unter dem Ordensvolke großer Mangel entſtand und mancher in ſechs Tagen kein Brod ſah :). Es war zum erſtenmale, daß die Ordensgebietiger ſich zu friedlichen Verhaͤltniſſen gegen die heidniſchen Fuͤrſten hat⸗ ten bereit finden laſſen; und es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß die Großfürften, wie berichtet wird, durch Vorgeben friedlicher und chriſtlicher Geſinnungen und durch das Verſprechen der Annahme der Taufe bei den Ordensherren die Bereitwilligkeit zum Frieden erweckt, ihrer Seits aber auf dieſem Wege nur die Gefahr hatten beſeitigen wollen, die ihnen bei des Fein⸗ des Staͤrke bevorſtand ). Es war zu befuͤrchten, daß die heidniſchen Fuͤrſten bald auf Rache und Vergeltung ſinnen wuͤrden. Deshalb ließ der 1) Aus Det mar ſcheint hervorzugehen, daß dieſes abſichtlich fo veranſtaltet war; der Charakter beider Fuͤrſten ſpricht wohl ebenfalls dafür und Alb. Krantz Wand. L. IX. c. 3 ſagt beſtimmt, der Groß⸗ fürft habe ausdruͤcklich Witowden den Befehl gegeben. Auch Corner. Chron. p. 1129 deutet darauf hin. 2) Wigand. erzählt auch dieſen Kriegszug zweimal hinter einan⸗ der, doch ſo daß die eine Erzaͤhlung die andere ergaͤnzt. Der vor uns liegende Auszug aber iſt leider auch hier wieder ſo ungeſchickt und ver⸗ worren gefertigt, daß es oft vicle Muͤhe koſtet, den Zuſammenhang richtig zu faſſen. Nach ihm muͤßte auch noch ein Dieterich von Katzen⸗ ellenbogen an dem Zuge Theil genommen haben. Schütz führt einen Vetter des Grafen Eberhard als gegenwartig an. Lindenblatt ſtimmt im Ganzen mit Wigand überein, ebenſo der Bericht des Hoch⸗ meiſters bei Lucas David B. VII. S. 127. Dieſer Chroniſt ſelbſt ſetzt den Zug unrichtig ine J. 1378. Alb. Krantz Wand. L. IX. p. 205 und Kajalomicz p. 351 weichen in Einzelheiten ab. über die Verwuͤſtung der Lande ſagt der Hochmeiſter: Continue terras incen- dis, depredacionibus multarum villarum et frugum incombustionibus, multis hominibus in ore gladii trucidatis devastantes etc. 3) Dieß ſagt wenigſtens Corner. Chron. an. 1378 p. 1129. Krantz Wandal. L. IX. c. 3. 18 *
Scanseite 290 · Druckseite 276
276 Heidenfahrt des Herzogs Albrecht von Sſterreich (1377). Meiſter die Burgen Rhein und Wartenburg neu erbauen und ſtaͤrker befeſtigen, um dort vor der Galindiſchen Wildniß das Land gegen des Feindes Einfälle mehr zu ſichern ). Noch war man hiemit beſchaͤftigt und der Ordensmarſchall nebſt dem Großkomthur hatten ſoeben einen Einfall in die Gebiete von Merken und Alpten 2) wieder in der Richtung gegen Traken unternommen, als die Nachricht anlangte, daß der edle Herzog Albrecht der Dritte von Sſterreich mit einem ausgezeichneten Streitheere von zweitauſend Pferden zum Kampfe wider die Heiden im Anzuge ſey, denn „fein Herz trieb ihn an, den Ritterſchlag zu erwerben“ ). Er kam im Frühling dieſes Jahres in Preuſſen an!). Unter einer Schaar von zweiundſechzig Rittern und Edlen glaͤnzten die Erſten ſeines Landes, vier Bruͤder aus dem hochberuͤhmten Geſchlechte von Lichtenſtein, Ulrich, Bernhard, Chriſtoph und Friederich ⸗), fünf 1) Bei Wigand. I. c. heißt es: Magister Wynricus scrutans loca pro castro edificando iu desertis pro conseryatione patrie; quibus compertis fecit murare Bartenburg et Demryn; ebenſo bei Diugoss. p. 38, welches Schütz p. 82 ganz richtig verbeſſert in Wartenburg und Rhein, denn in Demryn ſcheint nur der Artikel „dem“ mit dem Namen verbunden. Lucas David B. VII. S. 95 hat Barten ſtatt Wartenburg, welches in Urkunden auch wirklich „Bartenburg“ geſchrie⸗ ben vorkommt. Henneberger p. 469 läßt dieſe Burg ſchon im J. 1325 erbauen und es iſt nicht zu laͤugnen, daß ſie ſchon fruͤher aufge⸗ richtet wurde (f. oben B. IV, S. 403). Wir finden auch vor dieſer Zeit Pfleger von „Bartenburg“ z. B. im J. 1361 Poppo von Regen: fein. Von einem neuen Aufbau alfo oder ſtaͤrkerer Befeſtigung kann hier nur die Rede ſeyn; eben ſo bei Rhein. 2) Dieſe Gebiete lagen dͤſtlich von der Memel in gerader Linie von Kalwary nach Olitta, dem ehemaligen Alyten. Merken muß nach den Wegeverzeichniſſen etwas ſuͤdwaͤrts gelegen haben. 3) Suchenwirt's Werke herausgeg. von Primiſſer S. 8. 4) Daß des Herzogs Ankunft im Frühling des J. 1377 erfolgte, geht ſchon aus der Unterſuchung bei Kurz Sſterreich unter Herz. Al⸗ brecht III. B. I. S. 142 ganz klar hervor, obgleich Lindenblatt S. 39-40 fie mit ausdrücklichen Worten in den Herbſt ſetzt. Det⸗ mar B. I. S. 306 läßt ſie nach dem Tage der 10,000 Ritter (22. Jun.) erfolgen. Schätz dagegen dürfte mit Kurz eher uͤbereinſtimmen. 5) Kurz a. a. O. S. 146, wo erwaͤhnt wird, daß Chriſtoph von
Scanseite 291 · Druckseite 277
Heldenfahrt des Herzogs Albrecht von Sſterreich (1377). 277 Grafen, als Hans von Maidburg, Hugo von Montfort, Her⸗ mann von Cilli, Sohn des Grafen Friederich des Erſten, nebſt ſeinem Sohne Hermann dem Zweiten und ſeinem Vet⸗ ter Wilhelm von Cilli, Ulrichs des Zweiten Sohne u. m. a. !). Herzog Albrecht, ſonſt ein Fuͤrſt von ſtiller Gemuͤthsart, der mehr den Wiſſenſchaften und der Natur lebte, als Fehde und kriegeriſchen Ruhm ſuchte, hatte dem Orden in ſeinen Landen von den erſten Tagen ſeiner Regentſchaft an viel zu große Beweiſe feiner hohen Gunſt gegeben ), als daß der Meiſter Winrich jetzt nicht alles aufgeboten haͤtte, den edlen Fuͤrſten aufs wuͤrdigſte und prachtvollſte zu empfangen. In Thorn, wo Albrecht das Ordensland zuerſt betrat, ward ihm ein glaͤnzendes Feſt gegeben; man ſah die Frauen und Jung⸗ frauen der Stadt mit Perlen, Borten und Spangen aufs herrlichſte geſchmuͤckt bei einem fröhlichen Tanze ); und als die ritterliche Streitſchaar dann ins Haupthaus Marienburg kam, nahm ſie der Meiſter mit hohen Ehren auf und bereitete ihr zwei ausgezeichnet prachtvolle Gaftmahle ). Darauf zog Lichtenſtein dem Herzog Albrecht 16,000 ungeriſ. Ducaten zu dieſem Zuge gelichen habe. 1) Suchenwirt a. a. O. Lindenblatt S. 40. Wigand. I. 4. giebt 62 milites et nobiles an. Hans von Magdeburg oder, wie er gewöhnlich und auch von Suchenwirt genannt wird, von Maid: burg war aus der Familie der Grafen von Hardeck, an welche durch Berthold von Rabenswald der Name der Grafen von Magdeburg uͤber⸗ gegangen war. Bei Dumont Corps diplom. T. II. P. I. p. 42 er⸗ ſcheint im J. 1362 ein Berthold von Maidburg und in einer Urkunde bei Kurz a. a. O. B. I. S. 242 kommt Graf Hans von Maidburg ſelbſt im J. 1373 als Zeuge vor, ebenſo Graf Hermann von Cilli. Hugo von Montfort war Hugo II., der Sohn Wilhelms von Montfort, Gra⸗ fen von Bregenz. Alb. Argent. p. 146 und 154. 2) unter andern ein ausgezeichnetes Privilegium des Herzogs für die Ordensritter im Oſterreichiſchen vom J. 1865 im Fol. Geiſtl. und kayſerl. Bullen im geh. Arch. 3) Suchenwirt S. 9. In Übereinftimmung mit Suchenwirt a. a. O. ſagt auch and.: Albertus dux Austrie honoriſice, ut decet principes, est SUSceptus et tractatus.
Scanseite 292 · Druckseite 278
278 Heidenfahrt des Herzogs Albrecht von Sſterreich (1377). das Heer nach Koͤnigsberg, wo von den erſten Tagen an ein Gaſtgelag dem andern folgte. „Man ſah da früh und ſpaͤt die Gaͤſte zu Hauſe bitten, mit tugendhaften Sitten ward viel gehoft und wohl gelebt, bis daß die Reihe an den Herzog Albrecht kam“ ). Da ließ auch er auf dem Ordenshauſe ein herrliches Gaſtmahl ausrichten, bei welchem er einen Glanz und Reichthum zeigte, wie er ſelten hier geſehen war. Die ausgeſuchteſten Gerichte, Waͤlſcher und Griechiſcher Wein, kla⸗ rer Rheinfall in goldenen und ſilbernen, mit Edelſteinen ge⸗ zierten Bechern, Muſik mit Pfeifen und Poſaunenſchall: alles lud an der fuͤrſtlichen Tafel zur Heiterkeit und Freude ein, und ehe das Mahl ein Ende nahm, ließ der Herzog mehre goldene und ſilberne Ehrengeſchenke herbeibringen, um ſie den tapferſten und tadelloſeſten Rittern des Heeres zu uͤberreichen. Die beiden Ritter Heinrich von Pruchdorf aus Holſtein und Perchtold von Puͤchenau aus Heſſen 2), ſowie der Edelknecht Siegfried Forſter, feiner Sippe nach aus Polen ſtammend >), wurden nach Wappenrecht fuͤr die Wuͤrdigſten der Ehrenga⸗ ben anerkannt. Darauf am zehnten Tage gab Meiſter Win⸗ rich auf der Burg zu Koͤnigsberg nach alter Sitte das Hoch⸗ mahl am Ehrentiſche ?). Wie es braͤuchliche Sitte war, wur⸗ den am Ehrentiſche jeder Zeit nur zehn bis zwoͤlf Sitze be⸗ reitet und unter den Fuͤrſten, Grafen, Rittern und Edlen durch Herolde diejenigen aufgerufen, denen die Ehre des Ti⸗ ſches zuerkannt war. Erwaͤhlt wurden ſtets nur ſolche, die ſich in Kämpfen und ritterlichen Thaten den ausgezeichnetſten Ruhm erworben und deren Namen in allen Landen gekannt 1) Suchenwirt a. a. O 2) Primiſſer zu Suchenwirt zaͤhlt dieſen Berthold von Puͤ⸗ chenau nach dem neuvermehrten Wappenbuche B. I. S. 141 zu einem Geſchlechte der Heſſiſchen Ritterſchaft; vgl. Hellbachs Adelslexicon B. I. S. 199. 3) Nach Suchenwirt S. 9; die Nachricht klingt etwas wun⸗ derlich. Die Forſter gehören ſonſt zur Sſterreichiſchen und Baierifchen Ritterſchaft, nach Primiſſer S. 199. 4) Suchen wirt ©. 9-10,
Scanseite 293 · Druckseite 279
Heidenfahrt des Herzogs Albrecht von Sſterreich (1377). 279 und geprieſen waren. Jedem Gaſte ward ſein Ehrenplatz an⸗ gewieſen, der oberſte dem Ritter oder Zürften, welchem ſonſt an Ruhm und ritterlicher Tugend kein anderer gleich kam. Herr Konrad von Krey, der Öfterreicher, der ſchon in vielen Landen in Heldenthaten ſein Blut vergoſſen und an wahrer Ritterehre alle uͤberſtralte, erhielt im Hauſe zu Koͤnigsberg den erſten Ehrenſitz); die höchfte Ehre, die je nur einem Ritter zu Theil werden konnte. Auf der Ehrentafel aber vereinte ſich alles, was nur irgend zu jener Zeit Pracht und Reich⸗ thum heißen mochte. Alles Tiſchgeraͤthe war von Gold und Silber, der goldenen und ſilbernen Trinkbecher eine ſolche Zahl, daß jeder Gaſt ſeinen Becher nur einmal leerte und ſobald er ihn geleert als ſein Ehrengeſchenk betrachtete, ſo daß je mehre er leerte, je mehre ihm zugehoͤrten. Dazu wurden auch andere Ehrengaben in reicher Zahl ausgetheilt. Mittlerweile ſaßen an andern Tafeln die uͤbrigen Gaͤſte, Grafen, Ritter, Edle und gemeine Kriegsleute, alle feſtlich beſpeiſt und mit zahlreichen Geſchenken beehrt. Es galt hier weder Rang noch Herkunft, doch nahmen auch hier die beruͤhmteſten und aus⸗ gezeichnetſten Ritter die erſten Sitze ein. Muſik, Liedſprecher und Jubelgeſang erheiterten das Feſt meiſt fuͤnf bis ſechs Stunden lang. Es hieß in Deutſchland und andern Reichen eine ausgezeichnete Ehre, an des Ordens Ehrentiſch in Preuſ⸗ fen einmal ein Gaſt geweſen zu ſeyn ). Waͤhrend aber die fremden Kriegsgaͤſte in Koͤnigsberg ſich in ſolcher Weiſe einige Wochen an Feſtlichkeiten ergoͤtzten, hatte man im Lande auf des Marſchalls Kriegsgebot alles zur Kriegsreiſe geruͤſtet und die Wehrmannſchaft auf drei Wochen mit den nöthigen Lebensmitteln verſorgt; und als ſich nun die Gebietiger des Ordens mit ihrer Streitmacht bei 1) Konrad von Krey oder Kreyg ſtammte aus einem der angeſe⸗ henſten Geſchlechter Oſterreichs, war einige Jahre ſpaͤter Hauptmann in Kärnthen und einer der vornehmſten Räthe Albrechts III.; ſ. Pri⸗ miſſer Anmerk. zu Suchenwirt S. 201. 2) S. über dieſe Sitte des Ehrentiſches in Preuſſen einiges Naͤ⸗ here in der Beilage Nr. V. zu dieſem Bande.
Scanseite 294 · Druckseite 280
280 Heidenfahrt des Herzogs Albrecht von Sſterreich (1377). Koͤnigsberg verſammelt, brach das geſammte Heer, Herzog Albrecht und der Hochmeiſter an deſſen Spitze, durch Sam⸗ land auf, zog über Inſterburg und uͤberſchritt die Suppe oder Szeschuppe auf vier Bruͤcken. Am Memel⸗Strome an⸗ gelangt fand man ſechshundert und zehn Fahrzeuge zur Über⸗ fahrt bereit). Da das Heer aber bedeutender war, als man es jemals nach Samaiten gefuͤhrt hatte, ſo koſtete es große Muͤhe, durch die dichtverwachſene Waldwildniß jener Gegend die noͤthigen Wege zu bereiten und es waren gegen tauſend Mann in beſtaͤndiger Arbeit, um die Straßen fuͤr das Kriegsheer zu raͤumen. So war der Zug durch jene wuͤſten und wilden Gebiete mit großen Schwierigkeiten verbunden. Voran ging der Komthur von Ragnit Kuno von Hattenſtein, in der Mitte ſeiner Schaar die Fahne S Georgs 2), des Schutzpatrons der Ritterſchaft; dann folgte das Panier von Steierland, darauf die Fahne des Hochmeiſters und von Öfter- reich und hinter dieſen eine große Zahl anderer Paniere der Komthure. So uͤberſchritt das Heer die Samaitiſche Graͤnze. Das erſte Dorf, wo man das Volk bei einem Hochzeitsfeſte uͤberraſchte ), ward überfallen und niedergebrannt und gegen J) Suchenwirt ſagt hier, wir moͤchten faſt glauben, etwas uͤbertreibend: Da chom man zu den ſchiffen Di marner da tzu griffen und warn willichleich berayt Mit mue und auch mit aribayt Von mitten tag tzu feſper tzeit Swemt man über daz wazzer weit Pey den ſchiffen, daz iſt war Mer wen dreizzik tawſent gar! Der ſchiff der warn mit der tzal Tzehn und ſechs Hundert über all. 2) Aus Suchenwirts Worten: „Rangnet tzu fodriſt nach ir ſit, da volgt ſand Jorgen Fedel mit“ ſcheint hervorzugehen, daß der Kom⸗ thur von Ragnit auf ſolchen Zügen mit der S. Georgsfahne immer den Vorſchritt im Kriegsheere hatte. 3) Suchenwirts Worte: Die Krieger kamen „in ein lant, daz haiſt Sameyt, da vand man eine hochtzeit; di geft chomen ungepeten!
Scanseite 295 · Druckseite 281
Heidenfahrt des Herzogs Albrecht von Öfterreich (1377). 281 ſechzig ſeiner Bewohner erſchlagen. Als man aber in ſolcher Weiſe das erſte Heidenblut vergoſſen, trat Graf Hermann von Cilli in der Verſammlung der Heerfuͤhrer auf und ertheilte, ſein Schlachtſchwert in der Luft ſchwenkend, dem Herzog Al⸗ brecht den ehrenreichen Ritterſchlag mit den gewohnten Wor⸗ ten: „Beſſer Ritter als Knecht!“ und an demſelben Tage ſchlug dann der Fuͤrſt ſelbſt noch vierundſiebenzig Ritter zu Ehren der heiligen Jungfrau !). Da das Heer unvermuthet das Land überfallen hatte, fo erlagen ſchon am erſten Tage viele Heiden dem Schwerte oder der Gefangenſchaft. In der erſten Nacht jedoch wurde auch das Lager der Chriſten vom Feinde mehrmals uͤberfallen und nicht ohne Verluſte 2). Am zweiten Tage zog das Heer, in verſchiedene Haufen getheilt, nach allen Seiten aus; es wurde abermals eine große Zahl von Heiden mit Weib und Kind gefangen oder ermordet, ſo daß eine immer mehr ver⸗ groͤßerte Schaar Gefangener in Feſſeln dem Heere nach⸗ folgte). Um den ermuͤdeten Kriegern indeß zur Nachtzeit die noͤthige Ruhe zu ſichern, ward forthin jedesmal um das Lager ein Zaun geſchlagen und dieſer hinlaͤnglich mit Wache und Wehrmannſchaft beſetzt. Man erreichte am dritten Tage das Gebiet von Roſſiena, wo eine neue Heidenjagd begonnen Ein tantz mit den haiden wart getreten“ koͤnnte man freilich auch bloß poetiſch nehmen. 1) Nach der alten Preuſſ. Chron. p. 39 war es der Hochmeiſter, der dem Herzoge den Ritterſchlag ertheilte. 2) Bei Suchenwirt S. 12 heißt es von den Samaiten: Mit lautter ſtym ſi ſchrieren Geleich den wilden tyeren Si ſtachen leut, fi ſchuzzen ros Und fluchen wider auf das mos Das triben ſi di gantzen nacht. 3) Suchenwirt: Man vieng ir vil, und al tzu hant Di hend man in gu ſamen pant So fuͤrt man ſie gepunden Gleich den jagunden hunden.
Scanseite 296 · Druckseite 282
282 Heidenfahrt des Herzogs Albrecht von Sſterreich (1377), ward 1) und der Ritter Konrad von Schweinbart aus Sſter⸗ reich :) einen heidniſchen Hauptmann im Kampfe erſchlug: eine Heldenthat, die im ganzen Kriegsheere ungemeine Freude erregte. Bald indeſſen fand man keinen Feind mehr, denn das Volk hatte ſich uͤberall tief in die Waͤlder und Moraͤſte geflüchtet. Da ließ der reiche Graf Hermann von Cilli dem Herzoge Albrecht zu Ehren ein glaͤnzendes Gaſtmahl bereiten, zu welchem alle jüngft zu Rittern geſchlagene Edle zweiund⸗ achtzig an der Zahl geladen wurden. Es war zum erſten⸗ male, daß hier inmitten des Heidenlandes die Becher mit Rheinfall, Wippacher und edlem Lutenberger gefüllt wurden ). Es geſchah ein neuer Ritterſchlag, ſo daß die Zahl der neuen Ritter nun auf hundert und acht ſtieg. Hiemit aber war in den Augen der meiſten vornehmen Krjegsgaͤſte des Zuges Hauptzweck auch erreicht. Auf heidniſchem Boden — denn dieſes galt fuͤr nothwendig — war die Ritterwürde errungen, ob unter ritterlichem Kampfe oder Rauben und Menſchen⸗ ſchlachten, war gleich. Und als man hierauf auch noch das Gebiet von Erogeln uͤberzogen, verheert und verbrannt, das Heer ſomit acht Tage lang in Feindesland verweilt hatte *), zwangen es furchtbare Regenguͤſſe, Stürme und Hagel zum Ruͤckzuge nach der Memel zu. Herzog Albrecht fuhr zu Schiffe nach Königsberg; ihm folgten außer den ritterlichen Brüdern Ulrich, Wuͤlfing und Friederich von Stubenberg ') auch viele 1) Suchenwirt ſelbſt bezeichnet es wie eine Jagd: „Recht als der füchs und haſen jagt.“ — unter den mancherlei geographischen Irrthuͤmern Prim iſſers in Rückſicht dieſes Zuges ift auch der, daß er Roſſiena als einen Theil von Weißreuſſen anſieht, der dem Lande Samogitien am naͤchſten liege. 2) Primiſſer a. a. O. S. 202; das Geſchlecht war im Sſter⸗ reichiſchen ſehr beguͤtert, fonft aber unberühmt. 3) Primiſſer S. 199 ſagt: „Der Rainfal wächſt in Iſtrien auf dem Proſeckerberge an der Quelle des Timao; auch der Wippacher iſt ein Krainer Wein, der Lutenberger ein Steyermaͤrkiſcher, bei Lu⸗ tenberg an der Mur und an der Ungariſchen Graͤnze gebaut.’ 4) Detmar a. a. O. giebt ebenfalls nur fieben Nächte an. 5) Die Stubenberg waren damals ein ſehr berühmtes Geſchlecht,
Scanseite 297 · Druckseite 283
Heidenfahrt des Herzogs Albrecht von Öfterreich (1377). 283 andere, doch nicht ohne große Gefahr auf dem Kuriſchen Haff, wo ſie der Sturm hin und her ſchlug. Nicht minder waren die Schwierigkeiten und Gefahren des Heeres auf dem Ruͤck⸗ wege zu Lande, denn der unaufhoͤrliche Regen hatte die Wege überall ganz aufgelöft. Im Grauden, jener großen Wald⸗ wildniß zwiſchen der Memel und dem Pregel = Strome ), konnten die ermuͤdeten und großen Theils erkrankten Roſſe im tiefen Moraſte kaum feſten Boden faſſen und ſanken oft bis an den Sattel ein. Als endlich die Kriegsmacht bei Kö- nigsberg wieder verſammelt war, theilte Herzog Albrecht zehn edlen Herren aus verſchiedenen Landen als Ehrengaben gol⸗ dene und ſilberne Becher aus und ernannte den wackern Rit⸗ ter Konrad von Krey zum Hauptmanne der heimkehrenden Heerſchaar. Vom Meiſter Winrich und den oberſten Gebieti⸗ gern mit hohem Danke belohnt 2) trat der Fuͤrſt hierauf die Ruͤckkehr an. Doch ehe er Preuſſen noch verlaſſen, ward ihm bei Rieſenburg ) zu großer Freude die Nachricht von der Geburt ſeines erſten Sohnes entgegengebracht, weshalb er nun auch um fo mehr eilte, durch Polen und Mähren in fein Land zuruͤckzukehren ). aus welchem zu verſchiedenen Zeiten in Preuſſen mehre als Kriegsgaͤſte erſcheinen; bei Dumont Corps diplom. T. II. P. I. p. 42 kommt Frie⸗ derich von Stubenberg als summus Pincerna Stiriae vor. Kurz a. a. O. B. J. S. 190. 1) Auf keine Weiſe iſt hiebei, wie Primiſſer S. 202 meint, an Graudenz zu denken. 2) Suchenwirt S. 14, wo uͤberhaupt noch mehres Einzelne nachzuleſen iſt; alte Preuſſ. Chron. p. 39. 3) Suchenwirt nennt den Ort Roͤzem, in einer Handſchrift Reſem. Primiſſer S. 203 weiß aus dieſem Namen nichts zu ma⸗ chen und meint, der Ort muͤſſe auf dem Wege zwiſchen Königsberg und Schweidnitz liegen. Es iſt offenbar kein anderer als Rieſenburg, auch um dieſe Zeit in urkunden zuweilen noch Reſen genannt. 4) Primiſſer ſagt S. 196: „Dieſe Ritterfahrt nach Preuſſen wird uns hier von Suchenwirt, der den Herzog als Hofdiener und Dichter begleitete, als Augenzeugen mit einer Genauigkeit und Lebendigkeit ge⸗ ſchildert, welche ſeinen nahen Antheil daran nicht verkennen laſſen: ſeine Schilderung erhaͤlt doppelten Werth durch den Umftand, daß keine
Scanseite 298 · Druckseite 284
284 Einfälle in Litthauen (1377). Von einem beſondern Erfolge dieſes koſtſpieligen Kriegs⸗ zuges konnte kaum die Rede ſeyn; er hatte bloß mit Rauben und Morden begonnen und geendigt. Ueberhaupt war Lit⸗ thauen lange Zeit von Feinden ringsumher nicht ſo ſchwer heimgeſucht worden, als in dieſem Jahre, denn nicht nur von Preuſſen aus war der Kampf gegen die Heiden mit ungleich größerer Anſtrengung und zahlreicheren Streitkraͤften geführt worden, ſondern auch der Ordensmeiſter von Livland Robin von Eltz hatte, nachdem er mit den Ruſſen um Pfkow Friede geſchloſſen, einen Einfall ins heidniſche Gebiet gewagt und acht Landſchaften in ſo furchtbarer Art verwuͤſtet, daß nicht ein Haus dort vom Feinde verſchont worden 1), waͤhrend zu unſerer Chroniken eine Darſtellung dieſes Zuges giebt, ſondern nur we⸗ nige, gleichſam im Vorbeigehen, kurze Erwaͤhnung deſſelben thun. So Hageno und Ebendorfer von Haſelbach bei Per Scriptt. I. 1151 und II. 812. Andere Nachrichten, die in Livland und Preuſſen ſelbſt aufgezeichnet wurden, ſind beſonders in Angabe der unſern Her⸗ zog und ſeine Edlen betreffenden Nebenumſtaͤnde wenig genau. Was ſie erzählen, beſchraͤnkt ſich etwa auf Folgendes: „Herzog Albrecht von Oſterreich kam, vor dem Advent 1377, mit 62 Rittern und 2000 Sol⸗ daten nach Preuſſen, mit welchen der Hochmeiſter, ohne einen Feind geſehen zu haben, Paſtow, Caltenen und Weduke verwuͤſtete.“ (Allg. Weltgeſch. von Guthrie und Gray B. 46. S. 85). — Primif⸗ fer hat allerdings Recht, denn ſelbſt Nigand. ſagt bloß: Statuit rey- sam, unde omnes dieti peregrini leti se preparant una cum Magi stro in arma contra paganos, compromittuntque in quendam nobilem teutonicum obedientiam tanquam in capitanenm, veniuntque in ter- ram Kaltenenensem, iussn magistri vexillum ordinis elevabatur. Si- militer dux Austrie cum suis in spiritu militari, in qua terra Ma- gister et dux diebus 2 et totum igne tradunt, viros, mulieres et pueros depulerunt nee quisquam evasit manus eorum. Postliec in Terra Wenducke in multiplici dampno steterunt X diebus et redeunt domum adducentes Rutenos et paganos. Lindenblatt ſagt noch weniger und fuͤgt nur hinzu: „Kynſtod wolde ſie nicht obir Nerye (Wilia) loßin und hatte die vorte alle vormachet.““ Auch Schütz p. 82 und Diugoss. p. 38 find hier ſehr karg. 1) Darüber bei Wigand. p. 295 nähere Nachrichten, die man bei Gadebuſch und Karamſin vergebens ſucht. Robin von Eltz oder Eitzen, wie fein Name urkundlich vorkommt, iſt derſelbe, den
Scanseite 299 · Druckseite 285
Olgjerds Tod (1377). 285 gleicher Zeit in Litthauens ſuͤdliche Theile ein Heer des Koͤ⸗ niges Ludwig von Ungern eingebrochen und auch dort das Land weit und breit aufs ſchrecklichſte verheert worden war!). Doch was der Menſch wieder ſchaffen und die Erde neu er⸗ zeugen kann, erſcheint bald wieder unter dem Fleiße thaͤtiger Haͤnde und unter gedeihlichem Himmel. Weit mehr trug es daher fuͤr das Ungluͤck des Landes aus, daß nun auch auf den blutgeduͤngten Boden der Saame innerer Zwietracht und Zerriſſenheit ausgeworfen wurde. Der Großfüuͤrſt Olgjerd, ſchon hochbejahrt und altersſchwach, trat noch im Laufe dieſes Jahres vom Schauplatze des Kriegsgetuͤmmels ab, ſey es daß er, wie einige wollen, um dieſe Zeit ſtarb oder daß er, wie andere minder glaubhaft berichten, am Abende ſeines Le⸗ bens ſich noch zum chriſtlichen Glauben bekehrt und in ein Kloſter zuruͤckgezogen habe. Gewiß iſt, daß er zuvor die Ver⸗ waltung ſeines Fuͤrſtenthums dem geliebteſten ſeiner zahlrei⸗ chen Soͤhne, dem jungen Fuͤrſten Jagal uͤbergab und dadurch die Geſtalt der Dinge in Litthauen vielfach veränderte 2). manche auch Job von Ulfen nennen. Dieſer Name iſt offenbar vers ſtuͤmmelt. S. Bachem Chronol. der HM. S. 41. 1) Dlugoss. p. 35 — 36. Lindenblatt S. 41. Kojalowiez p- 347. Det mar B. I. S. 307. 2) Die Nachrichten uͤber Olgjerds Ende lauten ſehr verſchieden. Bei Karamſin B. V. S. 41 heißt es: „Der beruͤhmte Olgjerd war im J. 1377 geſtorben, nicht nur als Chriſt, ſondern auch auf das Zureden feiner Gattin Juliana und des Archimandriten von Petſchersk, David, als Moͤnch. Er hatte in der Taufe den Namen Alexander er⸗ halten, als er aber, um feinen frühern Abfall von dem Glauben an den Erlöſer abzubüßen, Mönch ward, ließ er ſich den Namen Alexi geben.“ Da Karamſin feine Quelle über dieſe Nachricht nicht an⸗ giebt und unter den uns zugänglichen Quellen nur der ſpaͤtere Kaja⸗ lowiez p. 297 einiges darüber fagt, fo können wir dieſer Angabe noch keinen Glauben ſchenken und zwar um ſo weniger, da nach Wigand, der Fürſt im J. 1377 ohne Zweifel noch Heide war und weder an⸗ dere Chroniſten, z. B. Lindenblatt, noch Archirsnachrichten das Mindeſte von ſeiner Bekehrung und ſeinem Mönchsſtande wiſſen. Daß Olgierd im J. 1377 vom Schauplatze der Ereigniſſe abtrat, iſt ganz gewiß, unſicherer aber fein Todesjahr. Lindenblatt S. 39 erwähnt
Scanseite 300 · Druckseite 286
286 Olgjerds Söhne (1377). Olgjerd hinterließ, wenn wir den Angaben ſpaͤterer Quel⸗ len trauen dürfen, nicht weniger als zwölf Söhne. Doch nur drei von ihnen, Jagal, Skirgal und Switrigal ') treten eigentlich beruͤhmt hervor, obgleich auch Cariebut, Langwenne, Carigal und Wygant in die Ereigniſſe der folgenden Jahre hie und da mit eingreifen Sie waren von zwei Müttern, jene drei erſten aber von Olgjerds zweiter Gemahlin Maria, einer Tochter des Herzogs von Twer, geboren und noch zu des Vaters Lebzeiten herrſchte keineswegs Liebe und bruͤderli⸗ cher Friede unter ihnen 2). Indeſſen wagte es doch keiner, fi) der Beſtimmung des Vaters zu widerſetzen, nach wel⸗ cher ihm Jagal, fein Liebling, in der Herrſchaft als Großfürft oder „oberſter Herzog in Litthauen“ ) folgen ſollte und ſelbſt Kynſtutte, der Oheim, erkannte ihn als ſolchen an). Ges ſeines Todes ſehr beſtimmt im J. 1377 und dieſe Angabe wuͤrde nicht nur in dem Vertrage vom J. 1379 (ſ. Baczko B. II. S. 231), wor⸗ in Olgjerds nicht mehr erwaͤhnt wird, ſondern auch in dem Umſtande eine Beftätigung finden, daß bei Wigand. vom J. 1377 an von ihm gar nicht mehr die Rede iſt. Deſſenungeachtet ſetzt dieſer Chroniſt und mit ihm Dlugoss. p. 61, Kajalowicz p. 353, unter den Neuern De Wal T. III. S. 435 u. a. Olgjerds Tod erſt ins J. 1381 oder 1382, was ſich nur inſofern mit jener Angabe vereinigen ließe, daß man an⸗ nähme, der Füͤrſt habe vom J 1377 an in ſtiller Zuruͤckgezogenheit gelebt, woruͤber freilich alle Quellen ſchweigen. 1) So ſind die Namen am richtigſten, denn „Skirgal“ finden wir nicht nur in den von ihm ausgeſtellten Urkunden, ſondern auch auf ſeinem Siegel. Der Name Switrigal wechſelt in urkunden mit Swetregal und Swidrigal. 2) Über Dlgjerde Soͤhne vgl. Kojalowiez p. 353, Dlugoss. p. 61. Karamſin B. V. S. 337, Lindenblatt S. 367. In zwei urkunden vom J. 1882 finden wir als Jagals Brüder genannt: Skir⸗ gal, Herzog zu Traken, Cariebut, Langwenne, Carigal, Wygant und Swetregal, und jedesmal in dieſer Ordnung. 8) „Oberſter Herzog in Litthauen“ nannte ſich Jagal bis zum J. 1380. Seitdem legte er ſich den Titel bei: Oberſter Koͤnig oder auch großer König zu Litthauen, und auf dem Siegel: Jagal dei gracia rex in lettovia. 4) Kojalowiez p. 353.
Scanseite 301 · Druckseite 287
Olgierds Söhne (1377). 2387 gen ihn als mächtigen und im Lande hochgeachteten „Herzog zu Traken“, ſtand Jagal als unabhängiger Fürft zu Wilna ohne Zweifel in dem naͤmlichen Verhaͤltniſſe, wie zuvor ſein Vater, und die Bruͤder, von ſeiner Oberherrſchaft, wie es ſcheint, in gewiſſer Hinſicht abhaͤngig, folgten ihm, ſobald er gebot. Herrſchte auch keineswegs zwiſchen Kynſtutte und Ja⸗ gal die bruͤderliche Liebe und die Übereinſtimmung des Wil⸗ lens und der Geſinnung, wie ſie alle Zeit zwiſchen den beiden Bruͤdern Statt gefunden, und waren beide im Alter wie im Charakter auch viel zu verſchieden von einander für ein fo einſtimmiges Zuſammenwirken, wie es bisher beſtanden, ſo unterließ doch Kynſtutte nichts, was Friede und Freundſchaft unter ihnen aufrecht halten und befeſtigen konnte n), denn die ringsumher von Rußland, Polen, Preuſſen und Livland bei⸗ den Fuͤrſten gleichmaͤßig drohenden Gefahren machten im In⸗ nern Litthauens den Frieden doppelt wuͤnſchenswerth. Alſo ſaß nun Jagal auf der Burg zu Wilna als unabhaͤngiger Fuͤrſt über feine Lande 2). Im Verhaͤltniſſe zum Orden in Preuſſen war durch die⸗ ſen Fuͤrſtenwechſel vorerſt noch nichts veraͤndert und das Jahr 1378 begann unter denſelben kriegeriſchen Ereigniſſen. Die Bekaͤmpfung der Heiden und die Verheerung ihrer Lande wurden nach wie vor fortgefetzt, denn bald warf ſich der Or⸗ densmarſchall oder der Komthur von Balga in irgend ein feindliches Gebiet und verfuhr da nach gewohnter Weiſe, bald wagte ſich Burchard von Mansfeld, Komthur zu Oſterode, 1) Kojalowiez p. 354355. Im Fol. F. betitelt: Des Ordens Handlung wider Polen p. 22 heißt es: Als Herzog Olgjerd ſtarb, war Herzog Jagal noch jung. Kynſtutte war ſehr mächtig im Lande. Hätte er gewollt, jo hätte er Wilna wohl gewinnen und Jagaln ein andres Herzogthum geben können. Kynſtutte wollte dieß aber nicht thun „um ſines Bruder willen des eldeſten“ und ſetzte den Herzog Jagal in das Haus Wilna ein und befehügte ihn von allen Seiten, „als lange bis das her uffgewuchs und als lange bis das di lüte fin ge: wonten.““ 2 Kojalowiez p. 555: Plenis comitiis Jagelonem Magnum Li- tuaniae Ducem renunciarnnt.
Scanseite 302 · Druckseite 288
288 Bekämpfung Litthauens nach Olgjerds Tod (1378). wieder bis Kamentz ) hinauf, um Beute zu holen und einige Hundert Heiden zu erſchlagen, bald wiederum fiel Wigand von Baldersheim, Pfleger zu Inſterburg, uͤber die Memel in Samaiten ein und raubte, was er fand 2). Darauf gab auch die Ankunft des Herzogs Albert von Lothringen mit einem Neffen des Papſtes Gregorius des Elften neuen Anlaß zu einer Kriegsreiſe. An der Spitze von ſiebenzig Helmen, die dem Herzoge folgten, und unterſtuͤtzt von der Kriegsmann⸗ ſchaft des Landes fuͤhrte ihn im Sommer Kuno von Hatten⸗ ſtein, Komthur zu Ragnit, in die Gebiete zwiſchen der Do⸗ biſſa und Naweſe uͤber Labune bis nach Erogeln hinauf, wo man ſich vierzig beladener Fruchtwagen bemaͤchtigte und ge⸗ gen die Bewohner in gewohnter Weiſe mit Feuer und Schwert wuͤthete ). Gluͤcklich durch den gefahrvollen Grauden⸗Wald zuruͤckgekehrt, nahm der Herzog bald nachher auch an einer Kriegsreiſe des Marſchalls Theil, der in Begleitung des Groß⸗ komthurs Ruͤdigers von Elner, des Komthurs von Oſterode und mehrer anderer mit einem dreifach getheilten Heere ſich in das ſuͤdliche Litthauen warf, in den Gegenden von Alyten bis Perlay ſechs Tage lang alles verwuͤſtete und dann mit zahlreichen Gefangenen zuruͤckkehrte *). Auch Herzog Leopold von Sſterreich, Albrechts Bruder, begleitet von einem Rhein⸗ laͤndiſchen Grafen von Clee und vielen andern Kriegsgaͤſten foll in 1) Wie ſchon erwaͤhnt das heutige Kamionka, weſtlich vom Niemen. 2) Dieſer und mehrer anderer Züge erwaͤhnt zum Theil weitlaͤuf⸗ tiger Wig and. p. 295 und die alte Preuſſ. Chron. p. 39. 3) Wigand. I. c. Die bei Schütz p. 82 gegebene Nachricht von Witowd gehört zu den Ereigniſſen des vorigen Jahres. Alb. Krantz L. IX. c. 4 und Corner. Chron. p. 1129 nennen den Herzog von Lo⸗ thringen Florentius; vgl. De Wal T. III. p. 432. 4) Wigand. erzählt hier alles viel ſpecieller, doch ohne irgend etwas von beſonderer Wichtigkeit hervorzuheben. Schätz p. 82. Auch Lindenblatt S. 42 und Detmar S. 308 erwähnen der Anweſen⸗ heit des Herzogs von Lothringen. Das Gebiet von Perlay oder Par⸗ layn, wie es Wigand nennt, iſt das heutige Prſchelai am Fluſſe Me: retſchanka, ſuͤdlich von Olitta.
Scanseite 303 · Druckseite 289
Bekämpfung Litthauens nach Olgjerds Tod (1379). 289 dieſem Jahre in Preuſſen geweſen ſeyn, der Hochmeiſter auf ihre Bitte eine Heidenfahrt nach Samaiten durch die Gebiete von Wedukeln, Galanten und Tromen unter der Heerfahne des heil. Georgs unternommen, ſechs Tage lang geheert und der Heiden eine große Zahl erſchlagen haben 1). Alſo zogen ſich die Heerfahrten ins heidniſche Land bis tief in den Herbſt und ſelbſt noch bis ins Jahr 1379 hinein und das wilde Kriegsgetreibe ging auch jetzt noch ganz in gleichem Geiſte fort, denn bald war es wiederum der Ordens⸗ marſchall Gottfried von Linden, der unermuͤdlich im Heiden⸗ kampfe, mit ſeinen Streithaufen in Samaiten einfallend, die Gebiete von Labune, Zeimen bis an die Nerige verwuͤſtete und dann hinuͤber in die Gegend des alten Romowe und nach Erogeln zog, das ganze Land an der Naweſe verheerte, dort alles erſchlug oder niederbrannte und Heerden gefangener 1) Von der Anweſenheit des Herzogs Leopold von Oſterreich ſpricht Wigand. I. c. viel zu beſtimmt, als daß man der Nachricht nicht ei⸗ nigen Glauben ſchenken duͤrfte. Es heißt: Eodem anno dux Lupoldus de Austria cum multis, Comes de Cle similiter erant in Prussia. Ad quorum vota Magister indixit exercitum, in quo personaliter ad honorem dominorum et patrie profectum intererant et veniunt in Weduclen, qui cum ibidem paganos percepissent, premissis vexillis sancti Georgii, deinde ducis omnes paganos occursitantes occiderunt, completis VI noctibus revertuntur ad Mimilam prope Gallanten et Tromen invenientes naves redeunt in Prussiam cum paucis captivis. — So Wigand.; in andern Quellen dagegen finden wir des Herzogs nicht erwähnt und ſelbſt Kurz in ſ. Geſchichte Sſterr. unter Herzog Albrecht III. weiß nichts von feiner Ritterfahrt nach Preuſſen. Nach einer Urkunde bei Kurz B. I. S. 277 befand ſich Leopold am 10. Octob. 1378 noch zu Wien. Wir haben daher die Anweſenheit des Herzogs für nicht ganz ſicher ausgeben mögen. Alb. Krantz L. IX. c. 3 läßt einen Herzog Friederich von Sſterreich um dieſe Zeit nach Preuſſen kommen. — Die Familie von Cle, Clee oder Eleen war aus den Rheinlanden, wo fie in Urkunden oft, doch nicht als graͤflich vor⸗ kommt; ſ. Kirchner Geſchichte der Stadt Frankfurt a. M. B. I. S. 181. 307. Wir finden indeſſen im J. 1324 einen Wenceslaus von Cleen als Burggrafen zu Friedberg, ſ. Guden Cod. diplom. T. III. P. 220. — Die erwähnten Gebiete Wedukeln und Galanten find die heutigen Widukly und Gailjanze in Samaiten. m 19
Scanseite 304 · Druckseite 290
290 Bekämpfung Litthauens nach Olgjerds Tod (1379). Kinder und Frauen mit fortführte n), bald drang mit den Pflegern von Inſterburg, Gerdauen und Tapiau der Komthur von Ragnit Kuno von Hattenſtein in andere feindliche Lande vor und erwarb ſich, da Gottfried von Linden im Sommer ſtarb 2), durch ſeinen Heidenkampf die oberſte Marſchallswuͤrde, bald wiederum brach mit einer andern Schaar Dieterich von Elner, der Komthur von Balga ins Ruſſiſche Gebiet ein, zog am Narew hin, heerte in den Landſchaften von Kamentz und Brzesc, ſandte ſogar unter dem Ordensritter Johann von Schoͤnfeld, des Hochmeiſters Kompan, eine Streifhorde bis Drohiczyn und Melnik am Bug⸗Fluſſe, wo dieſer die dortige Burg belagerte, das ganze Land zwiſchen dem Narew und dem Bug ausplünderte und endlich mit vierhundert Gefange⸗ nen und einer ſehr reichen Beute nach Preuſſen wieder zu⸗ ruͤckkehrte ). Selten war ein fo Fühner Zug fo tief ins feindliche Land unternommen worden; noch nie hatten die Ordensritter ſo viel Muth und eine ſolche kriegeriſche Dreiſtigkeit auf einer Kriegsfahrt bewieſen, als dieſes letztemal; aber auch noch nie 1) Wigand. Schütz I. c. 2) um Jacobi 1379, wie Wigand. I. c. und das Umterbuch an: geben. Der Name dieſes Nheinlaͤndiſchen Geſchlechtes wechſelt ſehr, ſelbſt auch in Urkunden, bald Hattenſtein, bald Hatzchenſtein, Hat⸗ czenſtein, Hatſtein, Haczkenſtein u. ſ. w. Bei Kirchner a. a. O. B. I. S. 198. 255 kommen Heinrich und Wolf von Hatzchinſteyn vor, deren Stammburg auf dem Taunus lag; f. ebendaſ. S. 318. 3) Schütz 1. c. ſpricht Über dieſe Kriegsreiſe nur ganz kurz, Wi- gand. I. c. viel ausführlicher. Wenn feine Zeitangabe richtig ware, fo müßte fie in den August 1378 fallen. Schütz ſetzt fie ins J. 1379, wohin fie ohne Zweifel gehört. Diugoss. p. 44 folgt der Angabe Wi: gands und nennt die verheerten Gebiete Drohiczin (bei Wigand. ver: dorben Drowitz, wie auch Setz hat), Myelnik, bei Wigund. Melni- ken, und Brzesczie, bei Wigand. Priske und Rusen-Brisik, bei Schütz Briesske; außerdem wird noch Camentz oder Caminetz ange⸗ fuͤhrt. Es ſind die heutigen zwiſchen dem Narew und Bug gelegenen Gebiete der Städte Kamenez, Brzesc Litewski, Mielnik und Drohiczyn. Das von Schütz erwähnte Prießke möchte wohl Bielsk ſeyn, denn bei Wigand. beißt es Bilse.
Scanseite 305 · Druckseite 291
Bekämpfung Litthauens nach Olgjerds Tod (1379). 291 hatte der Feind die Fürſten Litthauens in ſolche Beſorgniß ge⸗ ſetzt, als gerade jetzt, da das Band der Einheit in ihrem Lande ungleich lockerer, ein kraͤftiges Zuſammenwirken kaum mehr zu bewerkſtelligen und die Gefahren von außenher um ſo bedeutender geworden waren, denn gerade in derſelben Zeit, als nach dem Ablaufe des Waffenſtillſtandes mit den Ruſſen der maͤchtige Großfürſt Dimitrij Joannowitſch den Krieg ge⸗ gen die Litthauiſchen Fürften wieder mit voller Kraft erneuert hatte und das Gluͤck ſeiner Waffen unter Beguͤnſtigung der Zwietracht von Olgjerds Soͤhnen ihn ſogar den Gedanken faffen ließ, die ſchoͤnen Länder insgeſammt wieder zu gewin⸗ nen, welche die Litthauer den Ruſſen vordem entriſſen hat⸗ ten), wurde im Weſten das Gebiet der Litthauiſchen Fuͤr⸗ ſten in der weiten Linie von Samaiten an laͤngs dem ganzen Memel⸗Strome bis hinab an den Narew und Bug mit einem Muthe und einer Raſtloſigkeit durch Feuer und Schwert heim⸗ geſucht, daß es bei den jetzt ſchon ſo ſehr vereinzelten Streit⸗ kraͤften des Landes kaum noch moͤglich ſchien, dieſen Feinden forthin mit einigem Gluͤcke widerſtehen zu koͤnnen. Zwar un⸗ ternahm Kynſtutte um Pfingſten, um Rache zu üben, aber⸗ mals einen Einfall ins Gebiet des Ordens mit einer Reiter⸗ ſchaar von fuͤnfhundert Mann und es gelang ihm wohl auch, die Burg Eckersberg plotzlich zu uͤberfallen, durch Feuer zu vernichten und den Pfleger derſelben Johannes Surbach ge⸗ fangen zu nehmen; allein einen andern bedeutenden Erfolg hatte dieſer Zug nicht, denn der Fuͤrſt wagte es nicht, weiter ins Land einzudringen und um den Orden nicht noch mehr zu reizen, erlaubte er den Seinen nicht einmal den gefange⸗ nen Ordensritter, wie fie wollten, ihren Göttern zu opfern ). Wo die Kraft nicht zureichte, griff man gerne zu Mitteln der — . —— 1) Kar amſin B. V. S. 42. 2) Wigand. I. c. Dlugoss. p. 45 nennt den Pfleger Joannem Szumbach. Bei jenem heißt es: Prefectus nomine Johannes Surbach dedit se captivum, quem pagani diis sacrifacere voluerunt, quia ab eo multipliciter erant offensi, sed rex noluit et in eo laudavit hu- ausmedi acta. 19*
Scanseite 306 · Druckseite 292
292 Vertrag des Ordens mit den Litthauiſchen Fuͤrſten (1379). Liſt und auf ſolche Weiſe unterlag Memel um dieſe Zeit einem großen Verderben, denn um Pfingſten hatten die Litthauer etliche verkappte Menſchen dorthin geſandt, mit dem Auftrage, die Stadt an einem beſtimmten Tage an mehren Orten in Brand zu ſtecken. Es geſchah. Waͤhrend aber die Buͤrger mit dem Loͤſchen des Feuers beſchaͤftigt waren, ſtuͤrzte ein Heerhaufe von Litthauern, der ſich unvermerkt in die Naͤhe geſchlichen, auf die Stadt ein. Zwar wehrte ſich die Buͤrgerſchaft gegen den Feind mit großer Tapferkeit; allein ein bedeutender Theil der Stadt und der Burg ging unterdeſſen in Flammen auf ). Da ſoll der Fuͤrſt Kynſtutte, als er mehr und mehr ſah, wie ſehr ſeit Olgjerds Tod alle Einheit, alles einmuͤthige Zu⸗ ſammenwirken und damit auch das Waffengluͤck dahingeſchwun⸗ den ſey, bei immer größerer Entfremdung der Gemüther zwi⸗ ſchen ihm und ſeinem Neffen Jagal und in Verzweifelung, daß Litthauen ſich je von den beſtaͤndigen Belaͤſtigungen und Pluͤnderungen feiner nachbarlichen Feinde werde befreien koͤn⸗ nen, den Plan gefaßt haben, das Land mit dem größten Theile ſeines Volkes zu verlaſſen und ſich in andern noch un⸗ bewohnten, durch die Natur mehr geſchuͤtzten Gegenden nie⸗ derzulaſſen, wo man ungeſtoͤrt den alten Goͤttern dienen und ruhig die urvaͤterliche Lebensweiſe in unverkuͤmmerter Freiheit fortführen koͤnne 2). Dieſen Gedanken ſoll er auch noch ge⸗ hegt haben, als der neue Ordensmarſchall Kuno von Hatten⸗ ſtein bald nach ſeiner Erhebung zu dieſer Wuͤrde mit einer anſehnlichen Heerſchaar in die Gebiete von Paſtow, Geſow, Labune und Bersden ) einfiel und nachdem er dort alles 1) Wigand. erzählt nur kurz: Eodem anno in die Penthecostes pagani in magna copia Castrum Mimel funditus destruxerunt. Lin- denblatt S. 44 erwähnt, daß beides, Stadt und Burg verbrannt ſeyen. Detmar S. 810 fügt aber hinzu: god gaf, dat ere boſe wille nicht vord en gink. De criſtenen redden ſik beide des vuͤres und der viande und werden ſik alſe gude luͤde. 2) Diugoss. p. 44 ſpricht von dieſem Plane. 8) Wigand. nennt das Gebiet einmal Bersden und fpäterhin Per- sin, wie Schütz.
Scanseite 307 · Druckseite 293
amı Vertrag des Ordens mit den Litthaulſchen Fuͤrſten (1379). 293 verheert, bis Kauen zog, wo er die Nachricht erhielt, daß ihm Kynſtutte entgegen eile. Statt ihm aber den Kampf zu bie⸗ ten, ließ ihm dieſer die Bitte entgegenbringen, mit ihm zu einem Geſpraͤch zuſammenzukommen und nachdem durch den Komthur von Balga und einen Dolmetſcher alles zuvor ver⸗ abredet war, fand es zwiſchen beiden an den Ufern der Ne⸗ rige auch wirklich Statt. Wahrſcheinlich erfolgten damals ſchon die erſten Unterhandlungen zu einem Vertrage, welcher bald darauf zwiſchen dem Orden und den Fuͤrſten von Lit⸗ thauen geſchloſſen ward !). Es geſchah naͤmlich im Spätfommer dieſes Jahres, daß der Hochmeiſter, wie es ſcheint, in Folge jener Unterhandlun⸗ gen, begleitet von mehren ſeiner vornehmſten Gebietiger, ſich nach der Ordensburg Rhein begab und von da auf dem Tal⸗ ter⸗ und Spirting⸗See nach Johannisburg fuhr, von wo er mit dem noͤthigen Lebensunterhalt verſehen bis an den Narew zog. Dort traten zunaͤchſt der Großkomthur Ruͤdiger von Elner, der Ordensmarſchall Kuno von Hattenſtein, der Kom⸗ thur von Balga Dieterich von Einer und Günther von Ho⸗ henſtein ), Komthur zu Brandenburg mit den beiden Fuͤrſten Kynſtutte und Jagal in friedliche Unterhandlungen, die bald zwiſchen ihnen und dem Orden zu folgendem Vertrage fuͤhr⸗ ten: „Es ſoll zwiſchen einigen Landen Jagals, des oberſten Herzogs der Litthauer und Kynſtutte's, Herzogs zu Traken, und zwiſchen einigen des Ordens, naͤmlich einer Seits zwi⸗ ſchen den Gebieten von Wilkewitz, Saras, Drohiczyn, Mel⸗ 1) Schütz p. 82 erwähnt dieſes Zuges nur obenhin. Bei Wi- Sand. heißt es: Venit rumor, quomodo Kynstut in alia parte veni- ret. Qui optavit loqui cum marschalco et conveniunt in Nerga, si- mul loquentes, donec marschalcus transmiserat commendatorem de Balga et Thomam Surwillen interpretem, iussu regis schampnum tapetis stratum et interposuit se rex predictis tractans ea, que hic non sunt notata. Wigand erzählt fpäter im J. 1380 die Sache noch einmal und ſagt hier, daß Kyustut cum marschaleo loquitur super captivis, quos marschalcus in arta tenuit custodia et servavit. 2) eindenblatt S. 45. Wigand. ſpricht von der Reife des Hochmeiſters.
Scanseite 308 · Druckseite 294
294 Vertrag des Ordens mit den Litthauiſchen Fuͤrſten (1379). nik, Belitzk, Briſk, Kamentz und dem Lande um Garthen ), und anderer Seits zwiſchen den Landen von Oſterode, Or⸗ telsburg, Allenſtein, Gunlauken 2) und Seeburg auf zehn Jahre Friede ſeyn, dergeſtalt daß weder in dieſen, noch in je⸗ nen Gebieten Verheerung, Struterie ) oder fonft Schade von den beiderſeitigen Bewohnern veruͤbt werden ſoll; doch ſollen die Bewohner dieſer Lande wie den Fuͤrſten von Litthauen, fo den Ordensgebietigern in ihren Heereszuͤgen in die uͤbri⸗ gen Lande Preuſſens oder Rußlands und Litthauens zu Kriegs⸗ dienſt ziehen, nur nicht in die genannten gefriedeten Gebiete ). Die Ruſſiſchen Lande ſollen in der ihnen vorliegenden Wild⸗ niß und das Land Garthen eine Meile oberhalb von Perlam °) an der Memel bis nach Wilkewitz ſechs Meilen in der Wild⸗ niß nach Preuſſen zu freie Jagd und Fiſcherei haben und dazu ihre Buden bauen, eben fo wie die geftiedeten Lande in 1) So heißen die Gebiete im Friedensinſtrument. Es ſind faſt alle die naͤmlichen, welche kurz zuvor durch den Einfall des Komthurs von Balga ſo ſehr gelitten hatten, naͤmlich die heutigen Gebiete Bje⸗ loweſch, (wahrſcheinlich) Surasz am Narew, Drohiczyn (in der Urkunde Droyzin, nicht Owytzin, wie Baczko B. II. S. 231 hat), Miclnik am Bug, Bielsk ſuͤdlich am Narew, Brzesc am Bug, Kamenez und Grodno. ö 2) Es iſt zweifelhaft, welches Gebiet hierunter gemeint ſeyn mag. In der urkunde heißt es deutlich Gunlauken, nicht Gimlanken, wie Baczko a. a. O. hat. Es koͤnnte Ganglau im Allenſteiner oder Gint⸗ lau im Oſterodiſchen Kreiſe ſeyn; aber außer der ſtarken Namensver⸗ ſchiedenheit ſind beides auch nur Doͤrfer. 3) Verheerung — durch einen foͤrmlichen Heerhaufen; Struterie — durch die früher erwähnten Freibeuter. 4) Diefer bei Baczko a. a. O. nicht vollftändig gegebene Arti⸗ kel heißt im Original: Ouch ſullen unſir luͤte der Ruſchen landt und des landes Garten mit uns czien uf alle andir ende des landes zcu Prüfen ane uf di gefridten landt di benumet ſint Ouch fo mogin ire Landt, di in den fride geſchreben ſint, mit en wedir uf alle Littowen und Ruſen czien ane uf di, di in deſin fride ſint genomen. 5) Das heutige Prſchelom an der Memel noͤrdlich von Grodno oder Prſchelaj ſuͤdlich von Olitta; vgl. S. 288 Anmerk. 4, denn vicl- leicht iſt Perlay und Perlam daſſelbe.
Scanseite 309 · Druckseite 295
Vertrag des Ordens mit den Litthauiſchen Fuͤrſten (1379). 295 Preuſſen in der an ihren Graͤnzen liegenden Wildniß, alſo daß keiner den andern hierin hindern oder ſchaden ſoll. Es ſoll ferner den gefriedeten Landen erlaubt ſeyn, an ihren Graͤn⸗ zen neue Doͤrfer zu beſetzen und neue Burgen zu bauen, die deſſelben Friedens genießen ſollen. Wird ein Menſch aus den beiderſeitigen Landen Gaſtweiſe gefangen, ſo ſoll man dieſen nach feinem Wehrgelde loͤſen ). Es darf von beiden Seiten kein Heer durch die gefriedeten Lande ziehen. Geht aber ein ſolches an den Graͤnzdoͤrfern hin und veruͤbt es Schaden an Leuten, Vieh, Getreide oder Gebäuden, fo fol der Herr des Landes die Größe dieſes Schadens genau verzeichnen und dafür Entſchaͤdigung erhalten. Erſchlagene Menſchen ſoll man ihm bezahlen nach dem geſetzten Wehr⸗ gelde. Dieſer Friede ſoll zehn Jahre lang ſtet und feſt ge⸗ halten werden.“ Es beſiegelten ihn Jagal, „oberfter Herzog der Litthauer,“ nebſt ſeinem Bruder Langwenne und Kynſtutte, „Herzog zu Traken“ mit ſeinem Sohne Witowd 2). Dieſer Vertrag hat allerdings manches Raͤthſelhafte und Befremdende ); die Verhaͤltniſſe indeſſen, unter welchen er 1) Dies würde vorausſetzen, daß damals das Wehrgeld auch in Litthauen ſchon Eingang gefunden gehabt. „Gaſtweiſe gefangen“ fol wohl heißen: der als Gaſt dahin kommend gefangen wird. 2) Das von den beiden Fuͤrſten ausgeſtellte Original dieſes Ver⸗ trages, dat.: ZScu Tracken in den iaren unſirs herren Tuſent drihun⸗ dirt in deme Nuͤn und Sebinczigſten iare, an dem tage Sendte Mi⸗ chahelis, im geh. Arch. Schiebl. 52. Nr. 3; gedruckt, wiewohl nicht ganz fehlerfrei, bei Baczko B. II. S. 231. Die Urkunde iſt auch ſonſt in mancher Hinſicht merkwuͤrdig. Das chriſtliche Datum wurde ohne Zweifel den heidniſchen Fuͤrſten vorgeſchrieben. Es iſt eine der er⸗ ſten unbezweifelt ächten Urkunden aus Litthauen (die Mindowe's aus⸗ genommen) und ihre deutſche Abfaſſung beweiſet, daß dieſe Sprache da⸗ mals in Litthauen nicht unbekannt war. Wir ſinden an den noch vor⸗ handenen Siegeln aber auch die Lateiniſche und Litthauiſche oder Ruſ⸗ ſiſche im Gebrauche, denn das Siegel Kynſtutte's, das ſchoͤnſte von allen, hat die Umſchrift: S. Kynstutte dux de Tracken; das Wi⸗ towd's: S. Ducis Vitaude; die beiden Siegel Jagals und Langwenne's zeigen eine Litthauiſche oder Ruſſiſche Umſchrift. 3) Die Erzählung, welche Lucas David B. VII. S. 109 ff.
Scanseite 310 · Druckseite 296
296 Vertrag des Ordens mit den Litthauiſchen Fürſten (1379). geſchloſſen ward, klaͤren uns doch vieles auf. Zuerſt naͤmlich betraf er gerade ſolche Gebiete, die aus der Viehzucht, Jagd und Fiſcherei von jeher die bedeutendſten Gewinne gezogen hatten und deren Bewohnbarkeit uͤberhaupt faſt ganz auf dieſe Erwerbe gegruͤndet war. Sie mußten daher den Bewohnern geſichert werden, wenn dieſe ſich von dort nicht voͤllig verlie⸗ ren und die menſchenleeren Lande nicht gaͤnzlich verderben ſollten. Zum andern konnte der eigentliche Raub- und Pluͤn⸗ derungskrieg kaum irgendwo anders mit ſolcher Sicherheit und ſolchem Gluͤcke geführt werden, als hier, wo die große Wald⸗ wildniß zwiſchen den beiderſeitigen Landen fuͤr jeden lauern⸗ den Feind und fuͤr das gefaͤhrliche Kriegsvolk der Struter immer einen ſichern Ruͤckhalt und Schlupfwinkel darbot, in welche man es ſchwer verfolgen und von welchen aus die raubluſtigen Freibeuter unbemerkt und plotzlich bald in dieſes, bald in jenes nahe Gebiet einfallen konnten. Zum dritten wuͤnſchte man wohl beider Seits den wilden Raub- und Verheerungskrieg beendigt oder doch wenigſtens in engere Graͤnzen beſchraͤnkt zu ſehen; die Litthauiſchen Fuͤrſten wuͤnſch⸗ ten es aus Gruͤnden, die wir vorhin ſchon angedeutet, denn auch Jagal, noch jung und unſicher in feiner neuen Herrſchaft bei der Zwietracht ſeiner Bruͤder, zugleich von Polen und Rußland aus bedroht, mußte feinen neuen Fuͤrſtenſtuhl erſt ſicherer ſtellen, um Plane zu verfolgen, die vielleicht jetzt ſchon in ſeinem Innern entworfen waren. Der Hochmeiſter aber haͤtte wohl aus manchen Ruͤckſichten den verwildernden Fehde⸗ kampf gerne gaͤnzlich beigelegt, haͤtte es ſeine Ritterpflicht oder die Pflicht des Ordens zum Kampfe wider die Heiden ge⸗ ſtattet. Bemerkenswerth iſt hiebei, daß man über den Ge⸗ danken hinweg war, ein chriſtlicher Ritter dürfe mit Heiden und Unglaͤubigen weder Vertraͤge noch Frieden ſchließen. dieſem Frieden vorangehn, worin er Samaiten erſt dem Orden unter⸗ worfen ſeyn und dann wieder abfallen laßt u. f. w., iſt eine reine Er⸗ dichtung Simon Grun au's Tr. XIII. c. 7, und alſo iſt auch un⸗ richtig, was Baczko B. II. S. 185 und Kogebuc B. II. S. 224 — 225 darüber ſagen. Reincre Quellen wiffen von dem allen kein Wort.
Scanseite 311 · Druckseite 297
Innere Landesverwaltung (1379). 297 Winrich ſelbſt hatte ſeit einigen Jahren am Kriege ge⸗ gen die Litthauer nicht mehr perſoͤnlich Theil genommen. Wie ihn jetzt nur die Friedensſache an die feindlichen Graͤnzen geführt und Gelegenheit gegeben, von dort aus das ganze Land bis nach Thorn hin zu bereiſen !), um feine Beduͤrfniſſe und Verhaͤltniſſe naͤher zu beobachten, ſo war er ſchon ſeit laͤngerer Zeit faſt ausſchließlich nur mit des Landes innerer Verwaltung und in Beſtrebungen fuͤr ſeinen Wohlſtand und ſein Emporkommen befchäftigt geweſen. Hier war feiner Sorge nichts entgangen, was des Ordens Ehre foͤrdern oder des Landes Gedeihen er⸗ hoͤhen und der Staͤdte Wohlfahrt vermehren konnte. Waͤh⸗ rend er oͤfter in den Ordenskapiteln die zweckmaͤßigſten Ge⸗ ſetze gab, welche bald das hinterlaſſene Gut verſtorbener Or⸗ densbruͤder, Verbote heimlicher Verbindungen unter ihnen oder ehrgeiziger Amterbewerbungen, die Beſtrafung begangener Un⸗ ordnungen und Verbrechen, bald auch die geziemende Kleider⸗ tracht und anſtaͤndigen Lebenswandel, Billigkeit im Gerichts⸗ weſen, Schonung der Unterthanen bei ungewoͤhnlichen Arbei⸗ ten oder das Verhalten der Ordensritter auf ihren Reiſen durch das Land oder auf ihren Kriegsfahrten und aͤhnliche Verhaͤltniſſe ihres Lebens betrafen 2); während er dann von Zeit zu Zeit zu Zeit bald in die Ordenshaͤuſer des Inlandes, bald in die Deutſchlands, Italiens und anderer Laͤnder ſoge⸗ nannte Viſitatoren, einen Ordenskomthur und einen Prieſter⸗ bruder mit genauen Verhaltungsregeln ihres Amtes ausſandte ), 1) Wigand. p. 29. 2) ©. darüber das Einzelne in den Statuten des Ordens v. Hen⸗ nig S. 132-139. Mehres davon werden wir fpäter noch beruͤckſichtigen. 3) Vgl. was in den Ordensſtatuten a. a. O. S. 139 von den Vi⸗ ſitirern geſagt wird. Wir haben noch aus dem Jahre 1374 eine Aucto⸗ riſation zu einer ſolchen Viſitation der Ordenshaͤuſer in Deutſchland, Italien und mehren andern Ländern für Gotthold von Kurwitz und Pilgrim, Conventspresbyter zu Marienburg, mit Angabe der einzelnen Punkte, worauf ſie beſonders zu achten haͤtten, im Formularbuche p. 8, worin es unter andern auch heißt: Preterea statuimus, ut pre- mominati visitatores nostri a quolibet fratre, an dominicam oratio- nem sciat, Ave Maria et simbolum, audiant diligenter, et si quem,
Scanseite 312 · Druckseite 298
295 Innere Landesverwaltung (1379). um uͤber die puͤnktliche Beobachtung der Ordensgeſetze und den geſammten Zuſtand der Ordensconvente die beſtimmteſten Berichte zu erhalten und demnach in zweckmaͤßigen Anordnun⸗ gen die Achtung und Ehre des Ordens vor der Welt zu ſichern; waͤhrend er ſomit ſein Auge ſtets auf die ganze große Verzweigung des Ordensvereins in allen Landen gerichtet hatte, ſorgte er im Lande ſelbſt, wie die Abgaben oder Dienſte des Landmannes an die Herrſchaft erleichtert), wie Wälder ausgerodet oder zum Nutzen der Eigenthuͤmer erhalten, wie das Land von Moraͤſten befreit oder in der Naͤhe der Stroͤme, namentlich der Nogat und des Weichſel-Stromes durch Er⸗ haltung und Befeſtigung der Daͤmme gegen Überſchwemmun⸗ gen geſichert werden koͤnnten 2). Fehlte dem Landmanne im Frühling zur Beſtellung feines Feldes das nöthige Saatge⸗ quod absit, hec vel unum ex ipsis iguorare repererint, ipsum en ca- stigatione et pena puniant, que ignorantibus talia in regula et sta- tutis ordinis est inflicta. 1) Er gebot nicht bloß in den Geſetzen (Ordensſtatut. S. 137) den Gebietigern, Voͤgten und Pflegern, „das euwer keine ſeine leuthe twinge czu ungewonlichir arbeit, ſunder ſchonet ir wo ir moget,“ ſon⸗ dern es heißt auch öfter in ſeinen Ländlichen Verſchreibungen: Ouch gebe wir yn von ſunderlicher gnaden, wenne der ackir geringe iſt, das ſy uns allejerlich gebin ſullen von iczlicher huben eynen ſcheffel haber vor das pflugkorn,“ wodurch ihnen der Meiſter die Abgabe erleichterte. Oft werden auch zur Erleichterung die Schaarwerke auf eine beſtimmte Zahl von Tagen beſchraͤnkt. Häufig kommen auch Fälle vor, daß die Dorfbewohner von allen Dienſtlaſten befreit werden. So heißt es z. B. fuͤr die Bewohner von Schadewalde im Werder: Ouch vorlihen wir und geben In, das ſie ſollen ledig und frey ſyn von Reyßen, von Tempnen, von Scharwerken und von gebuͤerlicher erbeit. 2) Darauf bezieht ſich z. B. eine Urkunde vom J. 1376 Schicbl. LVI., worin der Meiſter beſtimmt, in wie weit das Kloſter Oliva im Stublauiſchen Werder zum Dammbau verpflichtet ſey, wenn das Waſ⸗ ſer ausbreche; ebenſo eine Urkunde vom J. 1378, worin er auf Anſu⸗ chen der Bürger von Elbing und der Deichgeſchworenen die 4 Dörfer Fürftenau, Klein⸗ und Groß⸗Mausdorf und Lupushorſt im Werder zum Dammrecht im großen Werder aufnimmt und angiebt, was fie dabei zu leiſten haͤtten und worin ſie dagegen nicht beſchwert werden duͤrften.
Scanseite 313 · Druckseite 299
Innere Landesverwaltung (1379). 299 treide, fo wurde ihm ſolches auf Winrichs Anordnung aus dem naͤchſten Ordenshauſe vorſchußweiſe verabfolgt bis zur nächten Ernte). Der Ackerbau war daher im beſten Zu⸗ ſtande. Die Zahl der Landbewohner nahm mit jedem Jahre noch bedeutend zu, denn die Menge der Fluͤchtlinge aus dem verwilderten und verwuͤſteten Litthauen, die nach Preuſſen wanderten und hier laͤndliche Beſitzungen erhielten, wurde im⸗ mer großer ). Die Koften ihrer erſten Einrichtung beſtritten gewohnlich die Komthure und Gebietiger aus dem Einkom⸗ men ihrer Haͤuſer ?). Von Jahr zu Jahr wurden noch neue Dörfer gegründet, worüber die noch vorhandenen Gruͤndungs⸗ urkunden Zeugniß geben). Die Viehzucht, beſonders die Zucht der Schafe kam immer mehr in Aufnahme und ward vom Orden, wie von den Biſchoͤfen dadurch ſehr befoͤrdert, daß man den Landbewohnern fuͤr ihre Heerden freie Weide geſtattete ). Die Bienenpflege war bereits in ſolchem Flor, 1) So leiht z. B. der Komthur zu Brandenburg um Oſtern 1380 an Leute ſeines Gebietes 79 Laſt Roggen und 7829 Scheffel Hafer aus; Amterb. p. XXVIII. 2) In der Regel heißt es in den Verſchreibungen fuͤr ſie, daß ſie ihr altes Beſitzthum in Litthauen wieder einnehmen konnten, ſobald das Land vom Orden erobert ſey. 3) So berechnet z. B. der Ordensmarſchall im J. 1879 die Ko⸗ ſten fuͤr die Anſiedelung und Einrichtung von drei gefluͤchteten Familien auf 200 Mark; Amterb. p. II; ebend. p. XXII heißt es bei der Amts⸗ uͤbergabe von Balga im J. 1382: Item hat der kompthur littowen ge⸗ ſaczt (f. v. a. locavit), das koſte HILM- marc. 4 Man findet die einzelnen Urkunden in den Verſchreibungsbuͤ⸗ chern im geh. Arch. 5) Hievon nur einige Beiſpiele. So hatte das Haus Brandenburg im J. 1380 eine Schafzucht von 1316 Stuͤck und in Kreuzburg noch eine Heerde von 329; im J. 1392 hatte es in allen Höfen 4400 Schafe, 12 Schock und 25 Haupt Rindvieh und 17 Schock und 13 Schweine. Das Haus Elbing hatte im J. 1384 1700 Schafe und 4 Schock und 33 Haupt Rindrich; Chriſtburg im J. 1382 8 Schock Rindvieh, 1900 Schafe und 15 Schock Schweine, im J. 1392 aber 3200 Schafe, 9 Schock Rindvich und 16 Schock Schweine. Das Komthuramt zu Balga beſaß im J. 1386 eine Heerde von 2100 Schafen, 5 Schock Schweine und
Scanseite 314 · Druckseite 300
300 Innere Landesverwaltung (1379). daß außer dem ſtarken Verbrauche des Honigs in den Methbraue⸗ reien im Lande ſelbſt theils mit dieſem, theils mit dem gewonnenen Wachſe ein ſehr reger Handelsbetrieb nach den Niederlanden be⸗ gann 1), denn der Honig aus Preuſſen galt mit für den vorzuͤglich⸗ ſten. Was von den Wald⸗Bienen innerhalb der Feldmark eines Dorfes an Honig und Wachs gewonnen wurde, hatte der Orden zur Haͤlfte ſich ſelbſt vorbehalten 2), und da auf eine große Anzahl von Guͤtern eine jaͤhrliche beſtimmte Lieferung von Wachs gelegt war, ſo trieb auch ſchon dieſer Umſtand zur groͤßten Sorgfalt in der Bienenzucht. Auch den Wein⸗ bau foͤrderte man in den Gegenden von Thorn, Kulm bis gegen Elbing hin noch mit großem Eifer. Das Jahr 1379 ſoll eins der geſegnetſten geweſen ſeyn, denn der Wein reifte ſo fruͤh, daß die Trauben ſchon um Jacobi eingeſammelt wer⸗ den konnten, wie überhaupt die Witterung dieſes Jahres al- len Fruͤchten ſo guͤnſtig ausfiel, daß die Kirſchen ſchon zu Pfingſten reif und die Ernte um Johanni ſchon meiſtentheils beendigt war ). — Eigentliche Handwerke finden wir in dieſer 219 Haupt Rindvieh; in einigen Jahren war die Schafheerde bis 3000 vermehrt. Zu allem dem war unter Winrich der Grund gelegt. 1) Darüber giebt außer Hüllmann Staͤdteweſen des MA. B. I. S. 277 das noch vorhandene Rechnungsbuch des Gefhäftsführers oder Ligers des Großſchaͤffers, der zu Bruͤgge das Wachs verkaufte, genaue Auskunft; davon fpäterhin das Naͤhere. Nach dem Amterbuch hatte der Ordensmarſchall im J. 1374 einen Vorrath von 21 Tonnen Ho⸗ nig und 21 Stein Wachs, der Komthur von Brandenburg im J. 1383 36 Tonnen Honig. 2) Daher Heißt es in vielen Verſchreibungen des 14. Jahrhunderts: Und wellen was ſie mogen von benen dirwerben im Dorffe, das ſal un⸗ fer ſeyn die helfte des honiges nach der gewonheit des landes. 3) Dusburg Supplem. c. 26. Lindenblatt S. 44. Detmar S. 311. Von einer fo frühen Ernte wird auch im J. 1865 erzählt, wo das Korn in Preuſſen ſchon um S. urbani Tag t25. Mai) blühte und um Walpurgis (1. Mai) ſchon Uhren hatte; Detmar S. 287. — Auf die Nachricht bei Becker im Leben Winrichs S. 71 kann man wenig bauen und ſeine Angabe, daß der Hochmeiſter im J. 1379 nicht weniger als 608 Tonnen gefuͤllt habe, verdient keinen Glauben. Vgl. Lucas David B. VII. S. 103-109.
Scanseite 315 · Druckseite 301
Innere Landesverwaltung (1379. 301 Zeit auf dem Lande noch nicht betrieben; ſie waren noch eine ausſchließlich ſtaͤdtiſche Sache, ebenſo wie der Handel. In Dörfern war den Beſitzern von zinshaften Kruͤgen nur erlaubt, mit Lebensmitteln als Brod, Bier, Salz, Hering, und derglei⸗ chen Kram zu treiben und auch dieſes nur auf ausdruͤckliche Bewilligung der Landesherrſchaft, des Ordens oder der Bi⸗ ſchoͤfe und gegen einen dafuͤr zu leiſtenden Zins). Von ge werblicher Thaͤtigkeit auf dem Lande giebt es überhaupt nur wenige Spuren. Hie und da, z. B. bei Melſack, waren Kupferhaͤmmer in Bewegung, wo allerlei Gattungen kupferner Gefäße verfertigt wurden ?). Des Hochmeiſters Beiſpiel in ſeinem Eifer fuͤr alles, was den Wohlſtand des Landmannes und das Gedeihen des Lan⸗ des befördern konnte, folgten auch die Biſchoͤfe, denn auch fie ließen ſich nicht ſelten bereit finden, die Verpflichtungen und Laſten des Ackerbauers zu erleichtern, ſo viel es ihnen moͤglich war. Dabei hielten ſie jedoch auch ſtreng auf die ihnen zu⸗ ſtehenden Rechte, wenn es darauf abgeſehen war, ſie ihnen zu ſchmaͤlern. Ein Beiſpiel hievon gab um dieſe Zeit der neue Biſchof Johannes der Erſte von Pomeſanien. Seitdem man nämlich, wie früher erwähnt iſt, fir noͤthig fand, die Landes⸗ graͤnzen, beſonders gegen die oft einſtuͤrmenden Litthauer zu bewehren und zu bewachen, hatte man zur Beſtreitung der erforderlichen Koſten ſowohl im biſchoͤflichen als im Ordens⸗ gebiete auf jeden Pflug der Lehensleute und ihrer Unterſaſſen, deren Kriegsdienſt nach ihrem Kulmiſchen Rechte nicht uͤber 1) Dieß kommt in vielen Verſchreibungen vor. Zuweilen wird auch der Fleiſchverkauf in Dörfern durch einen Fleiſcher von der Herrſchaft erlaubt. urk. vom J. 1377 Schiebl. XXII. Nr. 18. „2 Der erwähnte Kupferhammer bei Melſack war ſchon vor dem J. 1374 angelegt; da er dem Ermland. Domkapitel aber faſt gar kei⸗ nen Nutzen brachte, ſo ertheilte es in dieſem Jahre einem gewiſſen Hel⸗ mich die Erlaubniß, an derſelben Stelle edificandi domum et rotam in ea pro maleo ducendo ducendique aquam super rota ac quod in eadem domo cuin maleo Predicto et alias liberam haberet facultatem omnia genera vasornm consuetorum tali fieri de cupro necnon licen- tiam fabricandi. Crmländ, Verſchreibungsb. p. XLIV.
Scanseite 316 · Druckseite 302
302 Innere Landesverwaltung (1379). die Landesgraͤnze hinausging, eine Geldabgabe gelegt, welche von ihrer Beſtimmung den Namen Wartgeld oder Wachgeld erhielt '). Anfangs in ſchmerzlicher Erinnerung der ſchreckli⸗ chen Verheerungen und der Grauſamkeiten der heidniſchen Feinde bei ihren Einfaͤllen ins unbewachte Land hatte man ſich gerne dieſe neue Steuer gefallen laſſen, um ſich und das Seinige mehr in Sicherheit zu wiſſen. Nun hatte man aber ſchon laͤngſt beſonders in Preuſſens weſtlichen Gebieten von den verheerenden Raubzuͤgen der Litthauer nichts mehr em⸗ pfunden; die Einfaͤlle des Feindes waren ſeltener, damit aber auch bald der Gedanke wach geworden, daß nun die erwaͤhnte Abgabe nicht mehr in dem Maaße nothwendig ſey, wie zu⸗ vor, wie ſie denn wirklich auch zuweilen ſchon erlaſſen wor⸗ den war. Als daher der Biſchof von Pomeſanien im Jahre 1379 von den Lehensleuten und Vaſallen feines Biſthums 2) das Wartgeld einfordern ließ, verweigerten ſie die Entrichtung und da er fie deshalb zu einer Verſammlung entbot, fie be⸗ fragend: warum die Verweigerung der nach alter Gewohnheit den Biſchoͤfen ſchuldigen Abgabe geſchehe, die ihnen nur auf ihre Bitten zuweilen von einigen ſeiner Vorgaͤnger erlaſſen worden ſey? trat der Ritter Sambor von Balow in Aller Namen mit der Erklaͤrung auf: Wir haben dieſes Wartgeld nie aus unguͤnſtiger, noch aus widerſpenſtiger Geſinnung ver⸗ weigert. Indeſſen ſcheint es eueren Lehensleuten, daß ſie nach Kulmiſchem Rechte, welches ihnen durch euere Vorgaͤnger ver⸗ liehen worden, hiezu nicht verpflichtet find ). Sie haben es 1) Pecuniae custodiales in urkunden. Lucas David B. V. S. 86-37. 2) Unter andern werden genannt Sambor von Balow, Johannes von Schillingsdorf, der Ritter Johannes von Ottecz, die Gebruͤder Dieterich und Erkinbrecht von Cloſtirchen, Kothobor von Richenberg, Clauko von Cryzen, Johannes Stampils, die Gebrüder Jacob und Wayſel Dywan, Nicolaus und Glabune von Galewicz u. a. 3) Ipsis videtur, quod de jure Culmensi solvere non teneantur, quod ipsis per privilegia vestrorum predecessorum dinoscitur esse concessum.
Scanseite 317 · Druckseite 303
Innere Landesverwaltung (1379). 303 bisher bloß auf die Bitte euerer Vorgaͤnger entrichtet, die deſ⸗ ſen nicht entbehren konnten. Jetzt bitten wir aber, uns auch ferner bei unſerem Rechte zu laſſen. Da der Biſchof erwie⸗ derte: er habe in dieſer Beziehung mit ihrem Kulmiſchen Rechte nichts zu ſchaffen!) und verlange nur, daß fie nach lange beſtehender Gewohnheit die Abgabe bereitwillig leiſten ſollten, erklaͤrte Sambor von Balow in der Übrigen Namen: Keineswegs gefonnen, ſich über die Sache in Streit einzulaſ⸗ fen, möchten fie den Biſchof doch darum bitten, was fie von ſeiner Gunſt erhalten koͤnnten. Darum moͤge er ſie in Be⸗ ruͤckſichtigung ihrer Muͤhſale und ihrer Kriegsreiſen, durch die ſie von Jahr zu Jahr mehr beſchwert wuͤrden, von der Lei⸗ ſtung des Wartgeldes von ihren eigenen Pfluͤgen frei ſprechen, indem ſie ſich verpflichteten, daß ihre Unterſaſſen von ihren Pfluͤgen dem Biſchofe jedes Jahr das erwaͤhnte Geld zu beſtimm⸗ ter Zeit entrichten ſollten. Auf dieſe Erklaͤrung ließ ſich der Biſchof, um ſeinen Vaſallen beim Antritte ſeines Amtes einen Beweis ſeiner guͤtigen Geſinnung zu geben, bereit finden, ſei⸗ nen Lehensleuten ſelbſt für das vergangene und laufende Jahr auf ihre eigenen Pfluͤge das Wartgeld nachzulaſſen, doch der⸗ geſtalt, daß ihre Unterſaſſen es jedes Jahr ohne Widerſpruch entrichten ſollten, daß ferner aber auch jeder der Lehensleute in kuͤnftigen Jahren die Abgabe einliefern oder doch um Nachlaß bei dem Biſchofe bitten muͤſſe, da er durch ſeine Nachſicht und Gunſt, wie er ſie ihnen jetzt beweiſe, ſeinem Rechte fuͤr kuͤnftige Zeiten durchaus keinen Eintrag thun wolle. Die Lehensleute nahmen dankbar dieſen Nachlaß an und verpflichteten ſich fuͤr die fernere Entrichtung des erwaͤhn⸗ ten Pfluggeldes ). 1) Cum jure vestro Culmensi quantum adhuc nichil facere ha- bemus. 2) Der Biſchof ließ über dieſe Verhandlung ein Notariatsinſtru⸗ ment ausfertigen, welches in den Privilegiis eccles. Pomesan. p. XI. befindlich if. Wir werden ſpaͤterhin ſehen, daß dieſer Streit wegen Entrichtung des Wartegeldes ſich wieder erneuerte und ſchon darum war feine Erwähnung hier nothwendig.
Scanseite 318 · Druckseite 304
304 Staͤdteweſen (1379). Nicht minder thätig aber war Winrich noch fort und fort zur Befoͤrderung der Wohlfahrt des Buͤrgerſtandes. Nicht bloß ſolche Staͤdte, die wie Koͤnigsberg und Elbing einem der oberſten Gebietiger mit als Wohnort dienten und darum ſchon in ihren Beduͤrfniſſen und Anordnungen naͤher beachtet wur⸗ den ), oder wie Thorn, welches an der Waſſer⸗ und Zoll: zwangſtraße liegend und mit dem Niederlagsrechte begabt ſehr emporkam, ſondern auch andere geringeres Ranges hoben ſich unter Winrichs Sorgfalt und Beguͤnſtigung merklich empor. So verdankt ihm Raſtenburg, welches immer ſchon von die⸗ ſem Hochmeiſter begünftigt und mit des Ordens Beihuͤlfe an⸗ ſehnlich erweitert worden war 2), die Erneuerung feines Gruͤn⸗ dungs⸗Privilegiums mit manchen Freiheiten und Gerechtſa⸗ men ). Und während ſich Danzig Winrichs großer Gunſt erfreute, indem er der Stadt zur beſſern Einrichtung ihres Gerichtsweſens das Kulmiſche Recht ertheilte, die ſtaͤdtiſche Rechtspflege nach feſteren Beſtimmungen ordnete, ihr die Er⸗ laubniß verlieh, zur Vermehrung ihrer Einkuͤnfte noch einige ſtaͤdtiſche Dörfer anzulegen, ihre Marktgerechtigkeit erweiterte, ihr fuͤr die jaͤhrlich dem Ordenshauſe zu zahlende Geſammt⸗ ſumme von hundert und ſiebenzig Mark Pfennige die ſaͤmmitli⸗ chen ſtaͤdtiſchen Abgaben als ſtaͤdtiſche Einkünfte überließ, nur mit Ausnahme der Muͤnze, des Wechſels und deſſen, was an ſich der Landesherrſchaft zugehörte *), erhielt von ihm auch die Stadt Hela an der Spitze der Landzunge des Putzi⸗ 1) Lucas David B. VII. S. 106. 2) Beſonders im J. 1374, wo der Stadt nicht nur eine bedeu⸗ tende Waldung zugewieſen, ſondern durch Unterſtuͤtzung des Komthurs von Balga Gottfried von Linden auch eine Vergrößerung der Stadt vorgenommen worden war. 3) Die Urkunde, dat.: Raſtenburg im J. 1378 am Tage S. Jo⸗ hannis mit dem guldinen munde, in Abſchrift im geh. Aych. Schiebl. XXXIX. 4) Urkunde, dat.: Marienburg im J. 1378 am Montage bynnen der Octaven Petri und Pauli der heil. Apoſt., in einer alten Abſchrift vom Original im Rathsarchiv zu Danzig. Lucas Da vid B. VII. S. 106. Huͤll mann Staͤdteweſen B. I. S. 295.
Scanseite 319 · Druckseite 305
Staͤdteweſen (1379). 305 ger Wiecks im Jahre 1378 ihre erſte Handfeſte. Sie wurde mit Lübedifchem Rechte bewidmet und in ihren Strafurthei⸗ len nach Elbing gewieſen. Ihre eigenthuͤmliche Lage indeß und die faſt ausſchließliche Beſchaͤftigung ihrer Buͤrger mit der Schifffahrt und der Fiſcherei gaben Anlaß zu manchen abs weichenden Beſtimmungen in den ſtaͤdtiſchen Verhaͤltniſſen. So fuͤhrte z. B. die ſtaͤdtiſche Verwaltung ein beſonderer Stadtvogt. Von den Litthauiſchen Kriegsreiſen wurden die Bürger frei geſprochen. Den Weinverkauf beſtimmten die Bürger mit Zuſtimmung der Ordensgebietiger. Die Abgaben an den Orden lagen theils auf einigen ſtaͤdtiſchen Gewerben, vorzüglich aber anf Schiffen und dem Fiſchfange und beſtan⸗ den zum Theil auch in Fiſchen und in Pfeffer). — Unter dieſen Beguͤnſtigungen und bei dem immer ſteigenden Wohl⸗ ſtande hatte gerade in der Zeit, als in Livland die Peſt die Staͤdte außerordentlich entvoͤlkerte?), in denen Preuſſens, be⸗ ſonders in den Handelsſtaͤdten, wie Koͤnigsberg und Danzig die Menſchenmenge ſehr bedeutend zugenommen. Aber auch in den tiefer im Lande liegenden war die Zahl der Einwoh⸗ ner anſehnlich gewachſen, ſo daß z. B. Raſtenburg im Jahre 1374 ſchon erweitert und an der Seite der Stadt Allenſtein im Jahre 1378 eine Neuſtadt gegruͤndet werden mußte, weil die Altſtadt die Buͤrgerzahl nicht mehr faſſen konnte). Ei⸗ nige Staͤdte, wie die Neuſtadt Danzig, erhielten die Erlaub⸗ niß, ſich mit Mauern und Graben ftärker zu befeftigen *). 1) Die Handfeſte, dat: Marienburg im J. 1378 am naͤchſten Dienſtag nach u. Fr. Tag Aſſumtion. in einer alten Abſchrift im ge⸗ heimen Arch. 2) So daß der dortige Ordensmeiſter an den Papſt ſchrieb: Tota Patria heu jam ultra quam dici potest per mortalitatem ac pestilen- tiam graviter adeo est desolata et destructa, quod vix decimus homo superstes remansit, que tamen nondum ad scismathicos Ruthenos Pervenit. 8) Das Gruͤndungsprivilegium der Neuſtadt Allenſtein, dat.: 1378 am 4. Mai im Privilegienbuche von Ermland p. 76. 4) Nach dem Fol. Graͤnzbuch B. p. 39 geſchah die Befeſtigung En der Rathmanne von Danzig im J. 1379. 20
Scanseite 320 · Druckseite 306
306 Handelsverhaͤltniſſe mit Polen und England (1379). Der Wohlſtand der Staͤdte aber und ihr immer ſich mehrender Reichthum, der auch dadurch mit befoͤrdert ward, daß die Staͤdte in ihren ſtaͤdtiſchen Feldmarken neue Doͤrfer gruͤndeten, ſolche von ſich abhaͤngig machten und namentlich zu Zins und Abgaben verpflichteten), waren vor allem eine Folge des blühenden Handels ſowohl zu Lande als zur See, ſowie dieſer wiederum eine Folge des friedlichen und freundlichen Ver⸗ haͤltniſſes, in welchem Winrich mit den benachbarten, und zugleich der hohen Achtung, in der er ſelbſt bei entfernten Staaten ſtand. Den Frieden mit dem nachbarlichen Polen hatten die freund⸗ ſchaftlichen Geſinnungen der Fuͤrſten beider Laͤnder ſtets auf⸗ recht und ungeſtoͤrt erhalten; uͤberdieß bekuͤmmerte ſich Lud⸗ wig von Ungern nicht viel um die Herrſchaft dieſes Nachbar⸗ reiches und hier war man unter dem Regimente ſeiner Mut⸗ ter theils mit den Kaͤmpfen gegen die Litthauer ſo viel be⸗ ſchaͤftigt, theils mit dem beſtehenden Zuſtande der inneren Lan⸗ desverhaͤltniſſe, beſonders wegen des Einfluſſes der herbeigeru⸗ fenen Ungern in der Verwaltung fo aͤußerſt unzufrieden ), daß man gerne das friedliche Verhaͤltniß mit dem nachbarli⸗ chen Ordensſtaate zu erhalten ſuchte. Auch mit dem nahen Herzoge Ladislav von Oppeln, der, nachdem er eine Zeitlang in Stelle der Mutter des Koͤniges die Regentſchaft in Polen geführt, die ihm früher in Reuſſen zugewieſenen Landgebiete im Jahre 1378 an Koͤnig Ludwig zuruͤckgab und dafuͤr außer andern anſehnlichen Beſitzungen auch das Gebiet von Dobrin 1) Dieß geſchah gerade jetzt um fo öfterer, als der Handel die Bürger der größeren Städte ſehr befchäftigte und die Zahl der Acker⸗ burger in ihnen abnahm. So gründete — um unter vielen Beifpielen nur eins zu erwähnen — der Rath von Kulm im 3. 1376 das Dorf Schöneiche, indem er einer beſtimmten Anzahl von Ackerleuten 80 Hu⸗ ben ausgab, doch ſo daß keiner mehr als 4 Huben erhalten ſollte. Von jeder Hube fiel der Stadt jährlich eine halbe Mark Zins; die Gerichts⸗ pflege im Dorfe behielt mit einigen Ausnahmen die Stadt; der Rath der Stadt ernannte alljaͤhrlich einen neuen Schultheiß u. ſ. w. 2) Chron, anonym. Archidiac, Gnesnen. ap. Sommersberg T. II. p. 117.
Scanseite 321 · Druckseite 307
Handelsverhaͤltniſſe mit Polen und England (1379). 307 zugeſprochen erhielt !), ſtand der Hochmeiſter in dem freund: lichſten Vernehmen. Sonach fand der vor einigen Jahren wieder begonnene Handel Preuſſens, beſonders aus Thorn nach Polen, vorzuͤglich nach Lemberg und Sandomir, auch jetzt weiter keine Störung. Den Handel nach England ließen dagegen auch jetzt noch manche Beſchwerden und Hinderniſſe nicht zu der erwuͤnſchten Bluͤthe gelangen. Zwar unterließ der Hochmeiſter, wohl wiſ⸗ ſend, wie wichtig fuͤr den Handel der Fremdlinge in England des Koͤniges Gunſt war 2), es nicht, Richarden durch Über ſendung einer Anzahl der ſchoͤnſten Jagdfalken ſeine freundli⸗ chen Geſinnungen zu beweiſen und der Koͤnig erwiederte das Geſchenk mit einer Sendung von ausgeſuchtem rothen und weißen Tuch zu Gewanden fuͤr den Meiſter und bezeugte ihm auch ſonſt feine aufrichtige Freundſchaft ). Allein in den Handelsverhaͤltniſſen beider Laͤnder lagen noch eine Menge von Hemmungen im Handelsbetriebe, welche die Fuͤrſten al⸗ lein nicht beſeitigen konnten, und wie die Preuſſiſchen Kauf⸗ leute über den betraͤchtlichen Schaden, dem ſie in England in ihren Kaufguͤtern, beſonders im Getreidehandel unterworfen 1) Chron. anonym. Archidiac. Gnesnen. I. Cc. p. 119. Diugoss. p. 37—39. Der Tauſchvertrag zwiſchen dem Könige Ludwig und dem Herzog vom J. 1378 in Abſchrift im Cod. Oliv. im geh. Staatsarchiv zu Berlin p. 131. 2) Sartorius B. I. S. 292. 3) Ein Brief des Koͤniges Richard an den Hochmeiſter aus dem 3. 1377 im Formularbuche p. 56 weiſet darüber das Nähere aus. Es heißt unter andern: De aflectione gratuita quam erga nos geritis bonisque falconibus et puleris per vestram dilectionem nobis missis vobis grates referimus cordiales, eandem vestram affectionem erga nos in futurum continuari precantes. Ceterum amice predilecte duos Pannos de colore albo et duos pannos de russeto laneos de crescen- dia regni nostri vobis, prout dominus Edwardus nuper rex Anglie, amicus noster carissimus, tempore suo fecerat, per preseutium baiu- lum destinamus, affectuose rogantes, quatenus dietos pannos pro vestura vestra gratanter recipere velitis nostri consideratione et Amore. 20 *
Scanseite 322 · Druckseite 308
308 Handelsverhaͤltniſſe mit Polen und England (1379). ſeyen, fort und fort Klage fuͤhrten ), ſo geſchah das Naͤm⸗ liche von den Englaͤndern in ihrem Verkehre nach Preuſſen, beſonders nach Elbing und Danzig, obgleich man wiederholt bemüht war, die hindernden Verhältniffe fo viel als möglich aus dem Wege zu raͤumen, denn außer den beſondern Hin⸗ derniſſen, die dem freien Handelsverkehr in beiden Laͤndern ſelbſt entgegenſtanden, wirkten auch mittelbar auf dieſen Ver⸗ kehr noch die unguͤnſtigen Umſtaͤnde hemmend ein, die in den Jahren 1375 bis 1379 zwiſchen England und dem Hanſea⸗ tiſchen Bunde obwalteten 2), indem alles, was das Handels⸗ leben dieſes ganzen Bundes beſchraͤnkte, immer auch die Han⸗ ſeatiſchen Bundesſtaͤdte Preuſſens beruͤhrte. Wenn gleich da⸗ her zwiſchen England und dem Ordensſtaate Friede und Freundſchaft herrſchte, ſo geſchah es doch, daß bei dem Neide und der Eiferſucht, mit denen die Staͤdte Englands dem fremden Kaufmanne begegneten und vom Beſuche des Landes abſchreckten, Preuſſiſche Schiffe, die an die Kuͤſte ka⸗ men, plotzlich und ohne weitern Anlaß uͤberfallen, ausgepluͤn⸗ dert, die Steuerleute ermordet oder frevelhaft gemißhandelt wurden ); und als man über ſolche Verbrechen beim Könige haͤufig ohne Erfolg geklagt hatte, ſo traten auch die Sendbo⸗ ten von Thorn, Elbing und Danzig dem auf der Tagfahrt zu Luͤbeck 1379 gefaßten Beſchluſſe bei: den König von Eng⸗ 10 Wir erfahren über die wahren Urſachen dieſer Klagen in den erſten Jahren dieſes Jahrzehends nichts Beſtimmtes; aber ſchon im F. 1375 ging aus Elbing Hartwig Beteke mit einem Luͤbeckiſchen Raths⸗ herrn nach England, um dem Koͤnige in ſolchen Handelsangelegenheiten Vorſtellungen zu machen; ſ. Rymer Foedera T. III. P. IIͤI. p. 37 und im J. 1377 beſchloſſen die zu Danzig verſammelten Sendboten der Preuſſ. Hanjeftädte, daß ihre nach Lübeck zu ſendenden Bevollmächtig⸗ ten dort auch nachdruͤcklich von dem Schaden ſprechen ſollten, den die Preuſſen von den Englaͤndern erlitten haͤtten. Hanſeat. Receſſe Nr. I. im geh. Arch. Köhler Samml. der Hanf. Geſchichte bei Wille: brandt p. 190. Huͤllmann Städteweſen B. I. S. 225. 2) Vgl. Sartorius Geſchichte des Hanf. Bund. B. I. S. 290 ff. Hanfeat. Receſſe a. a. O. 3) Hanſeat. Receſſe a. a. O.
Scanseite 323 · Druckseite 309
Handelsverhaͤltniſſe mit den Niederlanden (1379). 309 land dringend zu erſuchen, dem gemeinen Kaufmanne der Hanſe die Confirmation feiner Freiheiten) zu ertheilen, ihn bei feinen alten Rechten zu laſſen und ihm feinen in England erlittenen Schaden zu erſtatten, und wofern der Koͤnig dieſes nicht bewillige, allen Handel mit England gaͤnzlich aufzuhe⸗ ben, kein von Englaͤndern erkauftes Gut in eine Hanſeſtadt zu bringen und den Deutſchen Kaufmann in London zu be⸗ wegen, England zu verlaſſen und nicht eher dahin zuruͤckzu⸗ kehren, als bis die Sache anders geſtaltet ſey 2). Es war dieſes ein Mittel, welches vom Bunde der Hanſeſtaͤdte gegen Staa⸗ ten, deren Macht fie nicht gewachſen waren, oͤfter angewandt wurde und meiſt auch zum erwuͤnſchten Zwecke fuͤhrte ). Daſſelbe Mittel hatte auch in Beziehung auf Flandern den guͤnſtigſten Erfolg, denn obgleich man ſchon vor einigen Jahren, wie wir ſahen, den Plan auszufuͤhren gedroht hatte, die Niederlage in Bruͤgge aufzuheben und allen Handelsver⸗ kehr dorthin zu unterſagen, ſo war der Streit doch auch im Jahre 1378 noch nicht beigelegt, vielmehr ließ am S. Gre⸗ gorius⸗Abend der Graf von Flandern in Übereinſtimmung mit den Stäbten Gent, Brügge und Ppern alle Deutſche Kauf: leute, deren man in Bruͤgge, Sluis und andern Staͤdten habhaft werden konnte, gefangen ſetzen und in den Stein le⸗ gen gegen alle Privilegien und Freiheiten, die dem Deutſchen Kaufmanne zugeſtanden waren ). Da alle Bemühungen zur Ausgleichung erfolglos blieben ), fo zog ſich der Streit ſelbſt 1) Die fuͤr den Fremdling allerdings von großer Wichtigkeit wa⸗ ren, woruͤber Sartorius S. 293 ff. 2) So in einem mir ſelbſt zugehörigen Folianten Hanſeat. Re ceſſe p. 3. Dieſer Foliant hat den latein. Titel: Recessus Hanseatici an. 13791420, unter welchem ich ihn auch in der Folge zum Unter⸗ ſchiede der andern Hanſeat. Receſſe des geh. Arch. (wovon die Origi⸗ nale in Thorn und Danzig) anfuͤhren werde. — 3) Sartorius urk. Geſchichte des urſprungs der Hanſe B. I. 95. 4) Die Klage der Danfeftädte darüber in Hanfeat. Receſſ. Nr. I. Vgl. Detmar S. 309. 5) Detmar S. 811.
Scanseite 324 · Druckseite 310
310 Handelsverhoͤltniſſe mit den Niederlanden (1379). noch bis ins Jahr 1379 herein. Je mehr aber in dieſer Zeit aller Handelsverkehr nach Flandern ſein fruͤheres friſches Le⸗ ben verloren, um ſo klarer hatte der Graf von Flandern die mächtigen Banden des Bebürfnifjes erkannt, durch welche die Flaͤminger und die Hanſeſtaͤdte im gegenſeitigen Verkehre an einander geknuͤpft waren, ſo daß er den letztern bald wieder alle Privilegien und Freiheiten zuſicherte, in deren Beſitz ſie ſchon laͤngſt in feinem Lande waren, ein Umſtand, der natuͤr⸗ lich auch fuͤr den Verkehr der Preuſſiſchen Bundesſtaͤdte nach den Niederlanden eine große Wichtigkeit hatte!). Vorzuͤglich aber war es auch der Hochmeiſter Winrich geweſen, welcher die Streitſache des gemeinen Kaufmannes gegen den Grafen uͤber die dem erſtern zuſtehenden Rechte zur friedlichen Ent⸗ ſcheidung gebracht hatte, denn durch eine Geſandtſchaft des Grafen und der drei Städte Gent, Brügge und Ypern, ſowie durch ein Sendſchreiben des gemeinen Kaufmannes dazu auf⸗ gefordert, die ſtreitigen Punkte in Unterſuchung zu ziehen und einer Seits die Forderungen des Kaufmannes in die ange⸗ meſſenen Schranken der Maͤßigung zuruͤckzuweiſen, anderer Seits aber die ihm von Alters her zuſtehenden Rechte und Freiheiten aufrecht zu erhalten und zu bewahren, hatte er, ge⸗ ehrt durch das beiderſeitige Vertrauen, nichts unterlaſſen, was die widerſtrebenden Intereſſen ausgleichen und den Frieden wieder herſtellen konnte 2). 1) Hanfeat. Receſſe Nr. I. 2) Wir erhalten hierüber Nachricht theils in den Hanſeat. Receſſ. Nr. I., wo wir aus einem Briefe des gemeinen Kaufmannes zu Bruͤgge, dat.: Brügge am 6. Sept. 1378, erfahren, daß es beſonders noch zehn Punkte waren, uͤber welche der Graf und die genannten drei Städte des Meiſters Entſcheidung hören wollten, theils in mehren im Formu⸗ larbuche p. 46 —48 befindlichen, dieſe Sache betreffenden Briefen des Hoch⸗ meiſters und des Grafen (leider ohne Datum). In dem einen, wahr⸗ ſcheinlich vom Grafen an die Hanſeſtäͤdte in Preuſſen, erſucht er dieſe, zur Beendigung der Streitſache mit einzuwirken. In einem andern Schreiben (ungewiß an wen gerichtet) ſagt der Hochmeiſter: Eximiam vestram dominationem presentibus cupimus non latere, Nos in die dati presentium litteras aldermannorum et communis mercatoris Brugge
Scanseite 325 · Druckseite 311
Verbindung der Preuſſiſchen Städte mit der Hanſe (1379). 311 Dieſes Beiſpiel aber, wie es ſcheint, das erſte, in wel⸗ chem der Hochmeiſter von Preuſſen als Schiedsrichter in einer Hanſeatiſchen Angelegenheit auftrat, ſowie ſchon fruͤhere Be⸗ muͤhungen deſſelben zu Gunſten des Bundes, z. B. bei dem Koͤnige von England wegen Abſchaffung des dem gemeinen Kaufmanne abgedrungenen Zolles ) und uͤberhaupt das rege und thaͤtige Intereſſe des Meiſters in allen Hanſeatiſchen Ver⸗ haͤltniſſen haben Anlaß zu der Behauptung gegeben, daß er uͤber den Bund eine Art Schutz⸗ und Schirmherrſchaft ge⸗ führt habe. Sie iſt indeſſen laͤngſt widerlegt und es iſt hin⸗ laͤnglich bewieſen worden, daß dieſe angebliche Schirmherrſchaft in nichts weiter beſtand, als in einer bloßen Verbindung des Hanſebundes mit dem Hochmeiſter des Ordens, theils entſtan⸗ den aus der Gewohnheit der einzelnen Staͤdte, ſich einem an⸗ geſehenen und maͤchtigen Fuͤrſten zu ihrer Vertheidigung und Aufrechthaltung ihrer Rechte enger anzuſchließen, theils geſtuͤtzt auf die hohe Achtung, in welcher Winrich von Kniprode bei den Königen und Fuͤrſten des Auslandes uͤberall ſtand 2). in Flandria existentis recepisse, quibus quidem litteris perceptis quo- rumdam veridico relatu didicimus, communem mercatorem ultra con- tenta et expressa in dicta copia, de mandato domini comitis Flan- drie contra gratias, libertates, iura, privilegia et securum condu- ctum ipsis concessa et indulta arrestatos, captivatos et fore carce- ribus mancipatos. Das dritte Schreiben iſt die Antwort auf dieſen Brief des Hochmeiſters, worin erwaͤhnt wird, daß der gemeine Kauf⸗ mann ſeine Freiheiten immer weiter auszudehnen geſucht habe und dar⸗ aus allerlei Mißbraͤuche durch ihn entſtanden ſeyen u. ſ. w. 1) Koͤhlers Samml. der Hanf. Geſchichte bei Willebrandt p. 189. 2) Über dieſe angebliche Schutz- und Schirmherrſchaft des Hoch⸗ meiſters hat ſich gegen Möfer, Anderſon, Fiſcher und Gra⸗ lath ſchon Sartorius Geſch. des Hanf. Bund. B. II. S. 173— 176 ausgelaſſen und ſie fuͤr unbegruͤndet gefunden, da keine ihm zu⸗ gaͤnglichen Quellen ſie beſtätigten. Auch die in Thorn und Danzig be⸗ findlichen Hanſcat. Receſſe aus dieſer Zeit geben der Behauptung keine Stüge, denn wenn aus ihnen auch eine thätige Theilnahme des Hoch⸗ meiſters an den Hanſcatiſchen Verhöltniſſen hervorgeht, fo iſt doch von einem Protectorate deſſelben über den Bund mit keiner Silbe die Rede
Scanseite 326 · Druckseite 312
312 Verbindung der Preuſſiſchen Städte mit der Hanſe (1379). Die ſechs Bundesſtaͤdte Preuſſens aber, Thorn, Kulm, Danzig, Elbing, Braunsberg und Koͤnigsberg zeigten, wie wir ſahen, ſchon laͤngſt in allen Angelegenheiten der Hanſe eine ebenſo erfreuliche, als wichtig eingreifende Thaͤtigkeit. Sie hielten nicht nur theils zu Marienburg, theils zu Danzig ) ihre eigenen Tagfahrten, in denen ihre Rathsmanne und Be⸗ vollmaͤchtigten uͤber ihre Verhaͤltniſſe zum Bunde und ihre be⸗ ſondern Handelsintereſſen die nöthigen Berathungen anftellten und zweckmaͤßige Befchlüffe faßten ?), ſondern ihre Sendboten, von jeder Stadt bald einer, bald zwei oder drei, erſchienen nun⸗ mehr auf gemeinſame Koſten der Bundesſtaͤdte auch haͤufig auf den Hanſeatiſchen Berathungstagen zu Luͤbeck, Stralſund u. ſ. w. und ſprachen dort die Vorſchlaͤge aus, die man in Beziehung auf den Handel Preuſſens fuͤr die Sicherheit der See, zur Ver⸗ tilgung der Seeraͤuber, wegen Schadenerſatzes für geraubtes Kaufgut, wegen Erhebung des Pfundgeldes und dergleichen für zweckmaͤßig fand. Vorzüglich war es die Seeraͤuberei auf Die Behauptung mag daher nur darin einen Grund haben, daß man allerdings den Hochmeiſter in manchen Faͤllen zur Entſcheidung ſtreitiger Verhaͤltniſſe zum Obmanne erwaͤhlte, wovon ſich Beiſpiele in den Re⸗ ceſſen finden. - 1) Es iſt unrichtig, wenn Fiſcher Geſchichte des D. Handels B. II. S. 162 behauptet, der Handel Danzigs ſey im Laufe dieſes ganzen Jahrhunderts noch unbedeutend geweſen und von Thorn und Kulm weit uͤbertroffen worden. Die Hanſeat. Receſſe und die Urkun⸗ den bei Sartorius B. II. widerlegen dieſes und bei den aus Hart: knoch A. und N. Preuſſ. S. 374 angeführten Beispielen ift nicht be⸗ ruͤckſichtigt, daß Thorn in ſolchen Handelsverhättniffen auch häufig mit im Auftrage der andern Preuſſiſchen Städt handelte. 2) Die älteften Nachrichten über dieſe Tagfahrten der Hanſeſtädte Preuſſens, obgleich die Verſammlungen gewiß ſchon früher Statt fans den, find aus den Jahren 1368 und 1377 bei Sartorius B. II. S. 535 und in den Hanſ. Receſſ. Nr. I. Es erſchienen von jeder Stadt ein oder zwei Bevollmächtigte. Auffallend ift, daß wir in den erſten Verſammlungen der Stadt Kulm nicht erwähnt finden. Die Bera⸗ thungen wurden in der Regel dann gehalten, wenn man Senddoten nach Luͤbeck ſchicken und dieſen die noͤthigen Aufträge geben wollte.
Scanseite 327 · Druckseite 313
Vertilgung der Seeraͤuber auf der Oſtſee (1379). 313 der Oſtſee, durch welche auch der Kaufmann in Preuſſen in ſeinem Verkehre mit dem Auslande außerordentlich gehemmt und oft in bedeutenden Schaden gebracht wurde, weshalb man nicht nur von Luͤbeck aus, ſondern auch in den Bundes⸗ ſtaͤdten Preuſſens auf kraftige Mittel zur Vertilgung dieſes raͤuberiſchen Unfuges bedacht war, wiewohl man nie damit zum Ziele gelangten). Der Grund davon lag vorzüglich in dem Mangel eines umfaſſenden Planes und eines gemeinſa⸗ men Zuſammenwirkens der Bundesſtaͤdte, denn wenn es Luͤ⸗ beck und die vom Sunde auch uͤbernahmen, eine Anzahl Frie⸗ deſchiffe auf die See auszuſenden, um ſie von den Seeraͤu⸗ bern zu fäubern, fo blieben die übrigen Staͤdte und unter dieſen zuweilen auch die in Preuſſen in Erfüllung ihrer Ver⸗ ſprechungen, die Luͤbecker zur Ausruͤſtung und Unterhaltung der Schiffe durch Erhebung des Pfundgeldes zu unterſtuͤz⸗ zen, meiſt viel zu fahrlaͤſſig und ſaͤumig und die Luͤbecker mußten dann fort und fort mahnen, ihnen die Koſten für die Friedeſchiffe zu verguͤten ). Außer dieſer Störung 1) So ſchreibt man z. B. aus Luͤbeck im J. 1377 nach Elbing: Leve vrunde, alſo Iw wol to wetende worden is, dat de Serovere gro⸗ ten dreplichen ſcaden in der ſe ghedan hebben, Scepe und gut gheno⸗ men und lude ghevangen hebben und hebben dat uppe voret to deme Nyelenholme, dar fe ſtark lighen, alſo wy vornomen hebben, alſo dat erer wol verhundert ſind und ſterken ſich yo do mer von tyden to ty⸗ den. Man bittet dann die Elbinger um guten Rath, wie man dem Unweſen bei Zeiten ſteuern koͤnne; Hanſeat. Receſſe Nr. I. 2) Die Luͤbecker klagen hieruͤber auch oͤfter in ihren Briefen an die Städte Preuſſens, in deren einem es heißt: Non latet circumspectio- nes vestras, nos magnos sumptus et expensas sub dampnis cottidia- nis in expeditione liburnorum mare pacificantium fecisse et facere omni die maguamque pecuniarum summam exposuisse de pecunia li- brali et aliter prout scitis nobis restituendam, circumspectis vestris discretionibus obsequiose supplicantes, quatenus attento dampno cot- tidiano exinde proveniente nobis quantocieius poteritis totum quod de pecunia librali in civitatibus vestris omnibus collegistis benigne Super computum transmittatis. Deſſenungcachtet mußten ſie um dieſes Pfundgeld noch oft ſchreiben, denn noch im J. 1379 heißt es in einem Briefe der Lübecker, Wismarer und Roſtocker an die Preuſſ. Städte:
Scanseite 328 · Druckseite 314
314 Handelsverhaͤltniſſe mit Skandinavien (1379). des Seehandels aber hemmte den Verkehr Preuſſens ſowohl in dieſer als der nachfolgenden Zeit auch die allgemeine Ge⸗ wohnheit, ſich an jedem Buͤrger einer Stadt und an jedem Bewohner eines Landes in fremden Landen, wenn dortige Bewohner an deſſen Mitbürger Forderungen zu erheben hat⸗ ten, ſich ſchadlos zu halten: für die Kaufleute der Städte Preuſſens eine Quelle von endloſen Handelsſtreitigkeiten be⸗ ſonders in den Skandinaviſchen Reichen. Zum Gluͤck fuͤr den Handelsverkehr, beſonders auch aus Preuſſen ſtanden ſonſt mit dieſen Skandinaviſchen Reichen die Hanſeſtaͤdte und namentlich auch die Preuſſiſchen um dieſe Zeit in ungleich friedlicheren und guͤnſtigeren Verhaͤltniſſen als fruͤherhin. Dlav, der nach Waldemar des Dritten Tod den Thron Daͤnemarks unter Vormundſchaft ſeiner großen Mutter Margaretha beſtiegen, hatte den Oſtſee⸗ und Suͤdſee⸗Staͤdten der Hanſe, unter denen Kulm, Thorn, Elbing, Danzig, Kö: nigsberg und Braunsberg und alle Staͤdte in Preuffen aus⸗ druͤcklich genannt werden, alle Rechte und Freiheiten beſtaͤtigt, die man Waldemar'n unter den früher erwähnten Bedraͤng⸗ niſſen abgedrungen hatte) und die Staͤdte Preuſſens hatten ſich insbeſondere noch mit dieſen Rechten und Freiheiten als völlig befriedigt erklaͤrt ?). Freilich fehlte es auch hier nicht an einzelnen gewaltthaͤtigen Ereigniſſen, die von Zeit zu Zeit das friedliche Verhaͤltniß zwiſchen Daͤnemark und Preuſſen und damit zugleich auch den Handelsverkehr hie und da ſtoͤr⸗ ten, wie es z. B. geſchah, als verſchiedene Daͤniſche Kaufleute Gy weten wol, dat dat puntgeld darume upgheſat wart, dat me de fee mede vredin ſolde und de vome ſunde und dy von Luͤbic hebben de vredekoghen bekoſtiget und de pennighe darto utghelegt; hyr umme is, dat gy wat hebben von puntgelde, dat ſendet to Luͤbic eddir tome Sunde to wedderleghende den Koſten, de fe up den vredekoghen ghehat hebben. 1) Sartorius Geſchichte des Hanſ. Bund. B. II. S. 242. Die Urkunde in einer alten Copie im geh. Archiv, gedruckt in Schrassert. Hardevicum antiquum T. I. p. 167. 2) Diefe Erfärung in den Hanf. Receſſ. Nr. I.
Scanseite 329 · Druckseite 315
Handelsverhaͤltniſſe mit Skandinavien (1379). 315 in Preuſſen ermordet feyn follten und man von Dänemark aus eine bedeutende Schadloshaltung verlangte, ja ſelbſt mit nachdruͤcklicher Rache drohte, während in Preuſſen ſich über die That nichts beſtimmt ermitteln ließ, ſo daß der Streit hierüber ſelbſt nicht ohne Einmiſchung Luͤbecks ſich mehre Jahre hinzog !). — Auch mit Norwegen waren freundliche Verhaͤltniſſe angeknuͤpft, für den Handel beſonders nach Ber: gen von ſehr günftigen Folgen, wie ſchon daraus hervorgeht, daß die Hanſeſtaͤdte Preuſſens auf die vom Könige Ha⸗ kon den Seeſtaͤdten im Allgemeinen und namentlich auch je⸗ nen ſchon im Jahre 1370 bewilligte unbedingte Handelsfrei⸗ heit 2) in allen Staͤdten und Haͤfen ſeines Reiches den Un⸗ terthanen des Koͤniges in gleicher Weiſe voͤllig freien Han⸗ delsverkehr in ganz Preuſſen zuſagten und dieſelben Rechte und Freiheiten verbuͤrgten, welche die Norweger ſchon ſeit laͤngerer Zeit in Preuſſens Staͤdten und Haͤfen genoſſen hat⸗ ten). — So wurden auch die damaligen Streithaͤndel zwi⸗ 1) Die Verhandlungen hierüber in den Hanf. Receſſ. Nr. I. Man hielt daruͤber eine Tagfahrt zu Marienburg, um auszumitteln, in wel⸗ cher Stadt Preuſſens die That geſchehen ſey, denn die Sache wurde darum auch wichtig, weil die Ehre der Preuſſ. Staͤdte dabei im Spiele war. Celebravimus insuper, meldeten die Staͤdte nach Luͤbeck, ter- minum placitorum in Marienborch moventes dicta homicidia ad per- scrutandum interfectores diligenter et nullum possumus reperire, qui tali scelere sit noxius atque reus. 2) Sartorius Urkundl. Geſch. u. ſ. w. B. I. S. 207. 3) Die Urkunde hierüber, dat.: Elbing in festo Michaelis archan- Seli an. 1376 fagt: Die Unterthanen des Königes konnten ſicher und frei nach Preuſſen kommen, ibique bonis, mercibus et rebus suis pa- cifice frui essendo pro nobis, civibus et servitoribus nostris ac aliis <ausa nostri quidquam facere vel omittere volentibus tam in acce- dendo et morando quam et recedendo tuti, tranquilli et securi tam in ipsorum personis quam bonis et rebus suis, ac utendo et gau- dendo in dictis eivitatibus ae ipsarum portubus et distrietibus onni- bus et singulis snis libertatibus, iusticiis, privilegiis ac antiquis consuetudinibus, quibus ibi unquamı liberius utebantur. Dieſe Ur: Funde ſteht in genauer Beziehung mit dem bekannten Vertrage von Ka⸗ lingborg zwiſchen dem Könige und der Hanſe im J. 1376, worüber
Scanseite 330 · Druckseite 316
316 Handelsverhaͤltniſſe mit Skandinavien (1379). ſchen Daͤnemark und dem Könige Albrecht von Schweden von den Seeſtaͤdten fuͤr ihre Handelsfreiheiten nicht unbenutzt gelaſſen, indem der letztere, um Unterſtützung für feine An⸗ rechte an die Daͤniſche Krone zu erhalten, uͤberall gerne große Vortheile darbot und ſich deshalb auch den Staͤdten Preuſſens immer ſehr gefaͤllig bewies !). Und wie die Staͤdte aus den damaligen feindlichen Verhaͤltniſſen beider Reiche ihren Gewinn zu ziehen wußten, ſo zeigte ſich auch der Hochmeiſter geneigt, ſie zur Erweiterung des Ordensgebietes zu benutzen, weshalb er gerne mit dem Koͤnige Albrecht in Unterhandlung trat we⸗ gen Ankauf oder Verpfaͤndung von Wiborg, Aland und Wi⸗ land (), zu deren Veräußerung ſich Albrecht, wie es ſcheint, aus Geldmangel bereit erklaͤrt hatte. Der Komthur von Dan⸗ zig Siegfried Walpot von Baſſenheim erhielt die nöthige Voll⸗ macht zur Verhandlung mit dem Koͤnige wegen des Erwer⸗ bes der genannten Lande ?). Preuſſens Handel aber erſtreckte ſich um dieſe Zeit auch ſchon ſelbſt bis Frankreich und wir begegnen hier zum erſten⸗ mal der engeren Verbindung dieſer beiden Laͤnder, denn wenn Sartorius B. II. S. 322 und 790 zu vergleichen iſt, von welchem Vertrage auch in den Hanſ. Receſſ. Nr. I. eine Abſchrift ſteht. Im Abdruck bei Willebrandt Abth. III. p. 33 muß unter den Preuff. Städten ſtatt „Collmar“ offenbar „Culmen“ ſtehen. 1) So ſpricht ſich der Koͤnig unter andern in einem ſichern Ge⸗ leitsbriefe für die Preuſſ. Sendboten zu einer Tagfahrt nach Luͤbeck im J. 1378 aus, in Hanf. Receſſ. Nr. I. 2) Die urkunde hieruͤber ohne Datum im Formularbuche p. 22. Die Sache iſt meines Wiſſens bisher noch ganz unbekannt; wenigſtens erwähnt keine einzige mir zugängliche Quelle dieſer Unterhandlungen mit dem Könige Albrecht von Schweden. Der Hochmeiſter ſagt: In vendicionis vel obligacionis quarumdam terrarum contractibus scili- cet Wiburg, Alant et Wilant () cum universis et singulis suis per- tinenciis per Serenissimum prinaipem et dominum Albertum Regen Swecie, Gotlandie, ducem Magnopolensem et una nobiscum iniendis honorabiles viros fratres nostros Siffridum Walpod Commendatorem de Danczeke et Hinricum etc. nostros et ordinis nostri legitimos procuratores, negociorum gestores et nuncios speciales constituimus et ordinamus etc.
Scanseite 331 · Druckseite 317
Handelsverhaͤltniſſe mit Frankreich (1379). 317 auch Elbing ſchon weit früher mit unter den Staͤdten genannt wird, welchen König Philipp der Schöne gewiſſe Handelsfrei⸗ heiten in Frankreich bewilligte), fo finden wir bis hieher doch keine Spur irgend eines Verkehres zwiſchen jener Stadt und dieſem Reiche. Zwar knuͤpfte ſich auch hier die Handelsge⸗ meinſchaft zwiſchen Frankreich und den Staͤdten Preuſſens zu⸗ naͤchſt mit an die Verhaͤltniſſe, in welchen die Hanſeſtaͤdte überhaupt zu jenem Reiche ſtanden; da indeſſen der Handels⸗ verkehr der Deutſchen Staͤdte mit Frankreich noch nicht von ſonderlicher Bedeutung war, ſo ſcheint es weit mehr die hohe Achtung, in welcher Winrich von Kniprode auch bei dem Kö: nige Karl dem Fünften von Frankreich ſtand, geweſen zu ſeyn, die den Kaufmann beider Laͤnder naͤher an einander brachte. Den erfreulichſten Beweis hiervon gab der Koͤnig im Jahre 1378. Als naͤmlich des Königes Unterthanen aus der Nor: mandie und Picardie, die gleichfalls Seeraub oft wie ein Jagd⸗ vergnuͤgen trieben, nicht weniger als vierundzwanzig Hanſea⸗ tiſche Schiffe aufgefangen, darunter auch mehre aus Preuſſen, die Mannſchaft theils uͤber Bord geworfen, theils grauſam er⸗ mordet und die Schiffe mit den Kaufguͤtern in die Seine und Somme eingefuͤhrt und alles verkauft hatten 2), ſandten die 1) Es geſchah im J. 1294; ſ. oben B. III. S. 513 und Sar⸗ torius urk. Geſchichte u. |. w. B. I. S. 272. 2) Dieſes Seeraubes erwaͤhnt auch Sartorius B. II. S. 568. Der Koͤnig Karl ſchreibt daruͤber den Admiralen ſeines Reiches in Be⸗ ziehung auf Preuſſen: Wir haben virnomen von groſer clage, dy vor uns geſchen iſt von der Hern wegen unſer guten fruͤnde des Homeyſters des gemeynen duͤtſchen ordins und Ir underſaſen weſinde in Prüfen, wy das ſy von den Roubers von dem Mere und von andern unſer underſaſin alz von Picardie und von Normendie und von andern ſte⸗ tin in dem lande in Zcit, die virgangen iſt und noch von tage czu tage jemerlich und dicke manige werbe irmordet, beroubit fint und ir luͤte gevangen und ir ſchif geladin woren mit groſim und manchirhande gute, daz zeugehorete dem Homeyſter und dem orden von Pruͤſen und Iren underſaſin vorgenant, dy ſchiflüte und dy kouflüte von dem gute, dy habint ſy gevangin und haben ſy allermeiſt in dy Sehe geworfin und jemerlich irmordet und habin das gut gefürt mit den Schiffin in
Scanseite 332 · Druckseite 318
318 Handelsverhältniſſe mit Frankreich (1379). Seeſtaͤdte einen Luͤbecker und der Hochmeiſter einen Elbinger, Her⸗ mann Ruge, nebſt ſeinem Schaͤffer Heinrich von Alen an den Koͤnig, ihm ihre Klage wegen der ſchweren Frevelthat vorzu⸗ legen. Karl empfing insbeſondere des Meiſters Schaͤffer mit überaus großer Huld, denn wie dieſer ſelbſt erzählt '), ent⸗ bot ihm der Koͤnig eine ausgezeichnete Ehre, lud ihn mehr⸗ mals zur koͤniglichen Tafel, wo nur Herzoge und die Erſten des Reiches ſaßen, zeigte ihm die damals in Paris aufbe⸗ wahrte Dornenkrone und andere ſehr werthgehaltene Heilig⸗ thuͤmer, ſchnitt mit eigener Hand ein Stuͤck vom Holze des heiligen Kreuzes in Gegenwart der Herzoge von Berry und Burgund, ließ es in Gold faſſen und reich mit Edelſteinen verziert am Oſtertage dem Ordensſchaͤffer mit den Worten uͤberreichen: „Der Koͤnig will euch hiemit durch ein Geſchenk beehren; er weiß wohl, daß ihr Goldes und Silbers genug habt; er will euch geben, was er ſelbſt lieber hat und laͤßt euch hier dieſes Kleinod einhaͤndigen.“ Der Schaͤffer empfing das Heiligthum auf den Knieen, meldete alsbald aber ſeinem Herrn, dem Meiſter: „Ich bin der großen Ehre, die mir ge⸗ ſchehen, nicht wuͤrdig, ſondern euch und dem Orden iſt dieß alles zur Ehre gethan ?)!“ Und als hierauf der Ordens⸗ unſer konigrich in dy Sene und in dy Summe und habins dar virtei⸗ let, verkoft und virrucket nach all Irem willen. — Die Zahl der Schiffe giebt der Koͤnig in ſeinem Schreiben an die Hanſeſtaͤdte ſelbſt an, in⸗ dem er ſagt: quod post festum Pasche ultimo preteritum nonnulli subditi nostri presertim de partibus Normannie XXIIIIer naves mer- catorum parcium predietarum cum hominibus tam peregrinis quam aliis et mercibus et aliis bonis in eisdem navibus existentibus inter- fecerunt. 1) Sein Bericht hierüber, fowie das erwähnte und einige andere Schreiben des Königes Über dieſe Angelegenheit ftehen im Fol. des geh. Arch., betitelt: Allerlei Miſſive. Als Schäffer des Hochmeiſters wird Heinrich von Alen im J. 1379 auch in den Hanſ. Receſſ. Nr. I. p. 234 genannt. 2) Es iſt dieß offenbar das naͤmliche Geſchenk einer Reliquie vom Koͤnige, deſſen Lucas David B. VII. S. 9s erwähnt und welches in der Marienkirche zu Danzig aufbewahrt wurde.
Scanseite 333 · Druckseite 319
Handelsverhaͤltniſſe mit Frankreich (1379). 319 ſchaͤffer dem Könige des Meiſters Klagen über den an feinen Unterthanen begangenen Raub und Frevel vorgelegt und die Geſinnungen ausgeſprochen, die er mit ſeinem Orden von je⸗ her gegen den Koͤnig gehegt und vielfach auch bethaͤtigt hatte, erklaͤrte nicht nur der Koͤnig unter Bezeugung der hohen Ach⸗ tung gegen den Meiſter und deſſen Gebietiger, wie leid es ihm thue, daß des Ordens Unterthanen ſo ſchweren Schaden erlit⸗ ten und wie er alle Mittel anwenden werde, die Thaͤter aus⸗ forſchen, das geraubte Gut wieder zuruͤckgeben oder hinreichend verguͤten zu laſſen und gegen die Verbrecher mit aller Strenge des Gerichtes zu verfahren, ſondern er verſprach auch, in ſei⸗ nem ganzen Reiche bekannt zu machen, daß er den Hochmei⸗ ſter ſammt dem ganzen Orden und allen deſſen Unterthanen in Preuſſen in ſeinen Schutz und Schirm genommen und An⸗ ordnungen getroffen habe, ſie zu Waſſer und Land vor allem Schaden zu bewahren und diejenigen mit der hoͤchſten Strafe zu belegen, die ihnen irgend wieder Leid zufügen würden ). Dem Abgeordneten aus Elbing und den Seeſtaͤdten ver⸗ half der Koͤnig wieder zu ihren geraubten Schiffen und Guͤ⸗ tern, deren Werth ſich auf zehntauſend Franken belief ); er⸗ ließ aber zugleich auch an die Admirale ſeines Reiches den Befehl, uͤberall die ſtrengſten Nachforſchungen anzuſtellen, um die uͤbrigen Schiffe und Guͤter auszumitteln und dem Orden 1) Als Antwort des Königes berichtet der Schäffer dem Meifter unter andern: Deſe clage und ſchade, de dem ordin und den ſinen iſt geſchen, das iſt ym leyt und iſt ym ny vorgekomen, her wil dar ſo vil zeuthun, das der Meyſter und der ordin und alle ſine underſaſe ym czu danken haben. Her hat vort geantwert, dy jene dy man ſchul⸗ diget oder dy den Schadin getan haben, dy ſullen das geroubete und das genomene gut weber gebin, were das gut virkoft, vortan man fal in Ire gut nemen und fal is unſen lüten weder gebin, Man ſal uͤbir ſy richten und Iren lib nemen, und her will laſin rufin ubir alle fin land in Normandie, in Pickardie und in allen Steten, das her dem Homeiſter in Pruſen mit ſyme ganczen ordin und alle ſinen underſaſin bot genomen und nemit in fine Beſchirmniſſe u- ſ. w. 2) Wir erfahren hiebei, daß es beſonders Heringe waren, die man nach Frankreich verfahren hatte.
Scanseite 334 · Druckseite 320
320 Handelsverhaͤltniſſe mit Frankreich (1379), und deſſen Unterthanen wieder auszuliefern. Überdieß ließ er uͤberall verkuͤndigen, daß er den Kaufleuten und Seefahrern aus Preuſſen in ſeinem Reiche mit allen an ſich nicht verbo⸗ tenen Kaufwaaren voͤllig freien und ſichern Handel und Ver⸗ kehr geſtattet habe, ſofern fie nicht irgendwo mit ihren Guͤ⸗ tern die Feinde ſeines Reiches unterſtuͤtzen wuͤrden, und daß er daher auch alle Belaͤſtigungen, Beſchwerden und Hinder⸗ niſſe, die man den Kauffahrern aus Preuſſen in irgend einer Weiſe zu Waſſer oder zu Land entgegen legen werde, mit der Strafe ſeiner ganzen Ungnade ahnden wolle. Und endlich verhieß Karl nicht nur den Seeſtaͤdten im Allgemeinen allen ſeinen Beiſtand zur Unterſuchung und ſtrengen Beſtrafung der Verbrecher und Stoͤrer ihres Handels ), ſondern er verſi⸗ cherte auch noch in einem ſehr huldreichen Schreiben den Hoch⸗ meiſter ſelbſt, daß er alle Maaßregeln getroffen habe, um den Frieden, die Sicherheit und Freiheit des Handels zwiſchen ih⸗ ren beiderſeitigen Unterthanen nie wieder ſtoͤren zu laſſen, ſo⸗ bald er nur feſt überzeugt ſeyn koͤnne, daß des Meiſters Un: terthanen durch ihren Handel auf der See die Feinde Frank⸗ reichs nicht beguͤnſtigen wuͤrden; weshalb er auch feinen Kund⸗ ſchaftern auf der See den Befehl ertheilt habe, die Kaufleute aus Preuſſen frei und ungeſtoͤrt fahren zu laſſen. Um jedoch allen Betrug zu vermeiden, möge der Hochmeiſter feinen Un⸗ terthanen ein auch den Kundſchaftern des Koͤniges bekanntes Zeichen geben, woran ſie ſich gegenſeitig jeder Zeit als Freunde erkennen koͤnnten 2). 1) Das Schreiben des Koͤniges hierüber an die Hanſeſtaͤdte, dat. : In castro nostro sancti Germani die XIII Augusti s. a. in Hanſ. Receſſ. Nr. I. 2) Das Schreiben des Koͤniges an den Hochmeiſter, im Formular⸗ buche p. 71, iſt zwar ohne Datum, gehört aber offenbar feinem Ins halte nach in dieſe Zeit. Er erwähnt darin beſonders auch des Send⸗ boten aus Elbing, bezeichnet ihn zwar nur mit H. Elbing. Prussie proconsul et legatus; es iſt jedoch kein anderer, als der in den andern Schreiben genannte Hermann Ruge. Das Schreiben iſt voll huldrei⸗ cher Ausdrucke in Beziehung auf den Meiſter, der bald Amicus noster specialis bald peramantissimus oder carissimus genannt wird. Der
Scanseite 335 · Druckseite 321
Verhaͤltniſſe des Ordens u. der Preuſſiſ. Handelsſtaͤdte (1379). 321 Wie zum Theil aber ſchon aus dieſer Geſtaltung der Han⸗ delsverhaͤltniſſe mit fremden Landen hervorgeht, erſcheinen nicht allein die erwaͤhnten Bundesſtaͤdte Preuſſens, ſondern ſelbſt auch der Hochmeiſter und ſein Orden in Beziehung auf den Handel ins Ausland und insbeſondere in ihrer Stellung zu der Deutſchen Hanſe gleichſam in einer doppelten Rolle, denn einer Seits treten die Staͤdte als Glieder der Hanſe in einer ſehr freien, faſt unabhaͤngigen Stellung auf, ſchließen ſelbſt mit fremden Fuͤrſten Friede), gehen für ſich Buͤndniſſe ein, helfen einen Koͤnig bekriegen, mit dem der Hochmeiſter und König erwahnt einigemal feiner exploratores marini, wahrſcheinlich Ca⸗ itäne einer Art von Wachtſchiffen, die darauf achten mußten, daß den Feinden Frankreichs auf der See keine Zufuhr zukomme. — Wir haben über die damaligen Verhöltniſſe zwiſchen Frankreich und dem Orden noch zwei andere Urkunden, die jedoch in Ruͤckſicht ihres Inhaltes nicht ganz klar ſind. Aus der einen im Formularbuche p. 17 erſieht man nur ſo viel, daß 59 Franzoſen, wie es ſcheint als Kriegsgaͤſte in Preuſſen, in Gefangenſchaft gerathen waren. Ihre Auslöfung hatte 27,009 Gulden gekoſtet, die ihnen der Ritter Bartko oder Bartuſch von Weſenburg ob singularem reverenciam serenissimi principis Ka- roli regis Francorum vorgeſtreckt hatte, doch mit der Bedingung, daß der Hochmeiſter ſich zur Bezahlung dieſer Summe verpflichte. Die Ausgelöften machten ſich zwar verbindlich, 7000 Gulden zunaͤchſt in Flandern und die uͤbrigen 20,000 in einem ſpaͤtern Termin zu ent⸗ richten, widrigenfalls ſich in Preuſſen in Gefangenſchaft zu ſtellen. Allein aus der andern Urkunde, dat. 1381 am Tage Fabiani und Sebaſt. (Original Schiebl. 96. Nr. 39) geht hervor, daß der Meiſter die Summe von 20,000 Gulden an den erwähnten Rilter und deſſen Brüder zu Thorn bezahlt hatte und zwar, wie es heißt: „XX thufund Goldene, di uns der achtbare herre Homeiſter von Pruͤſen mit ſyme ganczin orden ſcholdig was als von der franczoyſer wegin czu beczalin.“ 1) Sie treten z. B. dem Friedensvertrage von Kalingborg bei, ohne der Einwilligung des Meiſters im mindeſten zu erwähnen, denn fie ſagen geradezu: Nos Consules civitatum Pruczie, videlicet Col- mis, Thorun, Elbing, Danczik, Konigsberg et Brunsberg etc. no- tum facimus in his scriptis publice protestando, quod nos omnia et singula pacta placitata, perpetuain pacem et anücabilem compositio- nem — cum domino Haquino rege Swecie et Norwegie in Kalin- borch grata et rata observare volumus. V. 21
Scanseite 336 · Druckseite 322
322 Verhaͤltniſſe des Ordens u. der Preuſſiſ. Handelsftädte (1379). der Orden im Frieden lebt, erheben fuͤr ihre oder des Bun⸗ des Zwecke Abgaben, ordnen eigene Verſammlungen und Be⸗ rathungen über ihre inneren und aͤußeren Verhaͤltniſſe an, ſchicken ihre Sendboten zu Tagfahrten ins Ausland und be⸗ ſtimmen uͤber alle ſolche und aͤhnliche Dinge nur ſich ſelbſt, ohne daß ſie es jeder Zeit noͤthig finden, die Zuſtimmung oder Beſtaͤtigung des Landesherrn einzuholen! ); anderer Seits ſieht man den Hochmeiſter als Landesfuͤrſten auch wieder in vielen Beziehungen in ihre Handelsverhaͤltniſſe ſelbſt eingrei⸗ fen; er ſpricht für fie bei fremden Fuͤrſten; er hört ihre Be⸗ ſchwerden und ſucht dieſen abzuhelfen; von ihm haͤngt der freie Verkehr der Staͤdte nach dieſem oder jenem Lande ab; er verbietet und erlaubt die Ein⸗ und Ausfuhr 2); an ihn wenden ſich fremde Fuͤrſten in ihren Klagen und Beſchwerden uͤber die Preuſſiſchen Handelsſtaͤdte und von ihm verlangen fie Abhuͤlfe; er befiehlt dann auch den Staͤdten die nöthige Unterſuchung und Abſtellung des Unrechtes ). Sonach ſtehen alſo in dieſer Hinſicht die Staͤdte wiederum als abhaͤngige Communen unter dem Meiſter als Landesfuͤrſten da, unter⸗ liegen ſeinen Anordnungen und gehorchen ſeinen Befehlen, und weil kein beſtimmtes Geſetz ſie in ihren Verhaͤltniſſen zur Hanſe vom Einfluſſe der Gewalt des Landesherrn frei ftellt, fo liegt es bloß in des Meiſters Willkuͤhr, wie weit er die Staͤdte ſeines Landes in jenen Verhaͤltniſſen frei und ungebunden 1) So betrachteten auch ſelbſt die übrigen Hanſcaten die Ctädte Preuſſens. Die Lübeder ſchreiben ihnen z. B. im J. 1377: Scitote nos litteras aldermannorum Londis in Anglia existentium recepisse, quarum copiam vobis transmittimus, studiose supplicantes, quate- nus huiusmedi copia per vos audita et intellecta sane super conti- nentes in ipsa loqui inter vos et consiliari velitis et etiam si vobis visum expedire cum domino vestro magistro generali etc. 2) Daruͤber eine der naͤchſtfolgenden Anmerkungen. 3) So beſchwert ſich z. B. der Herzog von Stettin beim Meiſter über das einem feiner Diener von den Danziger Kaufleuten geſchehene Unrecht und dieſe antworten dem Herzog: Nos de precepto et man- dato domini nostri magistri generalis illos, quos diete questiones tetigerint, ad nostram presenciam fecimus evocari.
Scanseite 337 · Druckseite 323
Verhaͤltniſſe des Ordens u. der Preuffif. Handelsſtaͤdte (1379). 323 walten und wirken laſſen will, denn uͤber Freiſtellung und Beſchraͤnkung des Handels mit dem Auslande hatte er jeder Zeit volle Macht, wie es ſich im Jahre 1380 im Verkehre mit den Englaͤndern erwies, denen er nur erſt auf die drin⸗ gendſten Bitten feiner Städte den Handel in Preuſſen auf einige Zeit frei gab:). Übrigens aber lag in dieſer Geſtal⸗ tung der Handelsverhaͤltniſſe der bedeutendſten Städte des Lan⸗ des der Keim zur Entwickelung der Ereigniſſe, die wir in der zweiten Hälfte des naͤchſten Jahrhunderts betrachten werden. Wie jedoch die Bundesſtaͤdte Preuſſens dort als freie und faſt unabhaͤngige Glieder der Hanſe, hier dagegen als unter⸗ thaͤnige und abhaͤngige Communen erſcheinen, ſo beruͤhrte das Handelsintereſſe den Meiſter und den Orden nicht bloß als Landesherrn, ſondern auch noch von einer andern Seite. Der Handel des Landes war keineswegs nur die Sache dieſer und einiger andern Staͤdte, vielmehr trieb auch der Orden ſelbſt ſchon um dieſe Zeit einen lebendigen Verkehr ins Aus⸗ land. Ohne Zweifel geht dieſer Handelsbetrieb des Ordens mit dem Auslande in viel fruͤhere Zeiten zuruͤck, wie ſchon die Verſchiffung und der Abſatz des jaͤhrlich gewonnenen Bern⸗ ſteins auch in weſtliche Laͤnder beweiſen moͤchten, wenn nicht 1) über dieſe Irrungen mit England ſpaͤterhin das Naͤhere. Hier mag nur bemerkt werden, daß der Hochmeiſter den Verkehr der Eng⸗ laͤnder in Preuſſen unterſagt und die Luͤbecker ſich deshalb an die Städte in Preuſſen um Aufhebung dieſes Verbotes gewandt hatten, worauf dieſe antworten: Magnifico domino nostro Magistro generali constantissimis et humilimis rogacionibus, quibus potuimus, suppli- cavimus, licet sit nostrorum concivium maxime dampnum et grava- men, ut causam et negocium cum Anglicis in bona suspenso et se- eura pace annum usque ad festum Pasche proxime futurum ultra ad annum cum ipsis in partibus nostris mercandi eosque ad nos ve- niendi stare permitteret, prout nobis litteratorie demandastis preci- bus vestris ac nostris licet difficulter inclinatus exaudivit easdem, ipsos a nunc usque ad festum Pasche proxime venturum ultra ad annum in partibus nostris nec alicubi arrestare non presumserit nec velit inpedire quovismodo, *
Scanseite 338 · Druckseite 324
324 Handel des Ordens (1379). zugleich andere Zeugniſſe dafür ſprechen koͤnnten!). Der Or⸗ den zog laͤngſt die zahlreichen Beduͤrfniſſe für feine Ordens⸗ convente, als fuͤr Bekleidung und Ruͤſtung der Ordensritter, fir den Unterhalt der Ordensglieder, fir den Hofſtaat des Hochmeiſters und manche andere Lebensbeduͤrfniſſe ?), welche das Ordensgebiet nicht ſelbſt befriedigte, aus fremden Landen und führte dieſen dagegen den Überfluß der Landeserzeugniſſe, die in ſein Bereich fielen, als Bernſtein, Getreide, Honig, Wachs und manches andere zu). Der Handel des Ordens nach den Niederlanden war laͤngſt im Gange und insbeſondere Bruͤgge, auch fuͤr ihn der Hauptſtapelplatz fuͤr den weſtlichen Zwiſchenhandel, ſchon lange auch von Kauffahrteiſchiffen des Ordens zu dem Zwecke beſucht, um die von den Italienern dorthin gebrachten Guͤter und Waaren einzutauſchen oder ein⸗ zukaufen, denn bekanntlich hatten Florenz, Venedig, Genua und andere Staͤdte Italiens dort ihre Niederlagen von aller⸗ lei Kaufartikeln und namentlich von Levantiſchen Waaren ), die man gegen Preuſſiſche Handelsgegenſtaͤnde umſetzte und nach Preuſſen verfuͤhrte. Deshalb hatte der Orden dort ſeine eigenen Handelsagenten oder ſ. g. Liger, eine Art von Com⸗ toir, welches als Hauptniederlage fuͤr die weſtlichen Laͤnder galt ). „Wie überhaupt aller felbfithätig betriebene Handel 1) Vgl. oben B. III. S. 126. 2) So erhielt der Hochmeiſter feinen Wein aus England und vom Rhein, der Orden viel Tuch aus England und den Niederlanden; doch klingt es etwas ſonderbar, wenn Huͤllmann Stäͤdteweſen B. I. S. 231 die Ordensritter als „Tuchhaͤndler oder Gewandſchneider“ be⸗ zeichnet. 3) über den Abſatz dieſer Artikel nach den Niederlanden, beſonders nach Brügge, ſpaͤter hin das Nähere. 4) Fiſcher Geſchichte des Deutf. Handels B. II. S. 145 — 146, 224 — 228. 5) Vgl. uͤber die nothwendige Entſtehung ſolcher Handelsagenten Sartorius urk. Geſch. u. ſ. w. B. I. S. 102 — 103. Hüllmann d. a. O. S. 184, hier jedoch das Meiſte erſt für das 15. Jahrhun⸗ dert. Liger, Leger oder Ligher war die gewöhnliche Benennung der Handelsagenten; andere Benennungen ſ. bei Huͤll mann S. 202.
Scanseite 339 · Druckseite 325
* Handel des Ordens (1379). 325 im Mittelalter nothwendig Eigenhandel war, für eigene Rech⸗ nung geführt, mit unmittelbarer Beſtreitung aller Auslagen, ohne daß es jemandem einfallen konnte, durch beauftragte Han⸗ delshaͤuſer auf auswärtigen Platzen zugeſandte eigene Waaren verkaufen und fremde einkaufen zu laſſen !),“ fo war es ins⸗ beſondere auch bei dem Handelsverkehre des Ordens der Fall. Die oberſte Leitung und Verwaltung deſſelben war zwei be⸗ ſonderen Ordensbeamten übertragen, welche, Großfchäffer ge⸗ nannt, ihre Wohnſitze in Marienburg und Koͤnigsberg hatten, von wo der Haupthandel des Ordens ausging. Der zu Koͤ⸗ nigsberg hatte ein beſtimmtes Handelskapital in den Haͤnden und ſtand in ſeinen Amtsverhaͤltniſſen zunaͤchſt unter der Auf⸗ ſicht des Ordensmarſchalls, wiewohl nicht ſelten auch der Hoch⸗ meiſter ſelbſt in die Leitung der Geſchaͤfte mit eingriff. Ih⸗ nen beiden mußte er daher von Jahr zu Jahr Rechnung le⸗ gen und uͤber ſeine ganze Verwaltung zur Antwort ſtehen. Er hatte zu Bruͤgge ſeinen eigenen Handelsagenten oder Liger, der nach feinem Auftrage die dorthin geſandten Kaufgüter, be⸗ ſonders Bernſtein, Wachs, Kupfer, Pelzwerk u. dgl. verkau⸗ fen und die vom Großſchaͤffer verlangten Waaren einkaufen und nach Preuſſen ſenden, von Zeit zu Zeit aber uͤber ſeine Geſchaͤfte dem Großſchaͤffer eine genaue Rechnung uͤberreichen mußte 2). Wie aber der Handel des Ordens nach Frankreich 1) Bemerkung Huͤllmanns a a. O. S. 193. 2) Über dieſe Handelsverhältniffe erhalten wir nähere Nachrichten erſt im folgenden Jahrzehend. Die erſte Erwaͤhnung des Handels des Großſchaͤffers von Koͤnigsberg nach Flandern und insbeſondere nach Bruͤgge, ſowie ſeines dortigen Ligers geſchieht im J. 1378 in dem ſchon beruͤhrten Briefe des Schaͤffers Heinrich von Alen an den Hoch⸗ meiſter, wo er namentlich auch von der Rechnung ſpricht, welche der damalige Tiger Albrecht Kannel dem Großſchaͤffer in Königsberg legen ſolle. Von dem Großſchaͤffer in Marienburg ſagt das Marienburgiſche Amterbuch: In der Jarczal unſers herren MCCC und LXXVI czu wynachten an dem tage ſente Johannis dez apoſteln und evangel. wart bruder Ewerhart von Wyrwynnen daz großſcheffirampt dez huſes Ma⸗ rienburg befolen und czu dem ampte geloſen 2000 marg minus 42 marg an bereytſchaft und an Koufmanſchaft. Alſo beſtand dieſes Amt auch ſchon vorher.
Scanseite 340 · Druckseite 326
326 Handel des Ordens (1379). und England, wohin auſſer den Staͤdten Preuſſens auch er feinen Verkehr ſchon ausgedehnt hatten), nicht ſelten durch mancherlei Hinderniſſe geftört wurde, fo geſchah daſſelbe mit⸗ unter auch in Flandern, wo z. B. im Jahre 1378 alle Kauf⸗ waaren des Ordens in den Niederlagen zu Bruͤgge und Sluis unter den damaligen unruhigen Verhaͤltniſſen des Landes vom Grafen von Flandern in Beſchlag genommen wurden und ſelbſt die Hauptniederlage von Bernſtein in der erſtern Stadt in großer Gefahr war). Von einer Handelsverbindung zwiſchen Preuſſen und Ruß⸗ land endlich finden ſich auch um dieſe Zeit nur wenige Spu⸗ ren, denn von einem regen Landhandel konnte ſchon wegen der beſtaͤndigen Kriege mit den Litthauern und der daraus hervorgehenden Unſicherheit fuͤr den fahrenden Kaufmann nicht viel die Rede ſeyn, wie denn Rußland uͤberhaupt auch we⸗ nige Handelsgegenſtaͤnde erzeugte oder bedurfte, die einen le⸗ bendigen Verkehr zwiſchen ihm und Preuſſen haͤtten anregen koͤnnen ). Wir wiſſen nur, daß Danzig mit dem damals von 1) Daß auch der Orden ſelbſt ſchon Handel nach Frankreich be⸗ trieb, geht aus den erwähnten Verhandlungen deutlich hervor, denn Heinrich von Alen klagt nicht bloß, daß den Unterſaſſen des Ordens, ſondern auch dem Orden ſelbſt von den Normaͤnnern Gut und Schiffe weggenommen worden ſeyen und ebenſo ſpricht der Koͤnig von Frank⸗ reich vom Handelsverkehr in beiden Beziehungen. 2) Nach dem Briefe Heinrichs von Alen an den Hochmeiſter. In Ruͤckſicht der Bernſteinniederlage zu Brügge heißt es: Ouch mochte ich den Burnſtein weg bringen, alz ich nicht wol enmag, dar ys zcu vil hinderniſſe ane, des ich zeumale nicht geſchriben kan. Daß Bernſtein ſchon weit fruͤher nach den Niederlanden ging, erhellt auch aus einer Verordnung des Herzogs Johann von Brabant vom J. 1315, nach welcher zu Antwerpen von jeder Tonne Bernſtein ein beſtimmter Zoll erhoben wurde, ſ. Willebrandt Hanf. Ehron. Abth. III. p. 15. 3) Auch Karam ſin B. V. S. 316, wo er vom Handel Ruß⸗ lands um dieſe Zeit ſpricht, weiß nichts von einer Handelsverbindung mit Preuſſen. Was Rußland aus den weſtlichen Landern bedurfte, bes zog es von den Hanſeatiſchen Seeſtädten über Nowgorod; Sartorius Uckundl. Geſchichte u. ſ. w. B. I. S. 117 ff. Wir werden fpäter fe:
Scanseite 341 · Druckseite 327
Staͤdteweſen in Preuſſen (1379). 327 den Deutſchen fo zahlreich beſuchten Novgorod in einiger Han: delsverbindung ſtand, wenngleich nicht ohne mannichfaltige Stö- rungen ), daß ferner bisher immer noch, beſonders bevor der Handel nach den Niederlanden in volles Leben trat, ein ziem⸗ lich reger Verkehr mit Bernſtein nach Lemberg in Galizien Statt fand und daß dort ein Handelsagent des Großſchaͤffers von Koͤnigsberg dieſes Product an dahin kommende Armenier in ziemlich reichem Maaße abſetzte. Je mehr ſich indeſſen auch der Bernſteinhandel um dieſe Zeit nach Lübeck und Bruͤgge zog, um ſo geringer ward nach und nach die Verſendung in dieſe firdöftliche Niederlage, die ihr reges Leben wahrſcheinlich ſchon früher durch die mehrjährige Handelsſperre verloren hatte und mit dem Ende dieſes Jahrhunderts faſt gaͤnzlich auf⸗ hoͤrte :). Dieſes immer reger auflebende Handelsintereſſe aber und das immer ruͤhrigere und beftrebfamere Leben im Verkehre mit dem Auslande konnte naturlich auch auf die Fortentwickelung des ſtaͤdtiſchen Weſens und auf die ſchaͤrfere Ausbildung des Charakters des Buͤrgerthums nicht ohne bedeutende Einwirkung bleiben; denn je mehr das Leben in den Staͤdten ſich ſelbſt er⸗ weiterte, verzweigte und in allen Richtungen menſchlicher Thaͤ⸗ tigkeit und Betriebſamkeit entfaltete, um ſo mannichfaltiger und verſchiedenartiger mußten je mehr und mehr auch die For⸗ men und Geſtaltungen werden, in denen das Leben, ſo zu hen, daß dieſe Seeſtaͤdte ſelbſt den Handel von Preuſſen nach Novgo⸗ rod beſchraͤnkten. 1) Hanf. Receſſ. Nr. I. p. 122, wo berichtet wird, daß ein Dan⸗ ziger Kaufmann auf einer Tagfahrt zu Luͤbeck im J. 1380 die Klage habe vorbringen laſſen, „dat ſyn gud dat he umme lant tho Nowgar⸗ den ghebracht hedde, dar ghehindert were“ und daß man deshalb von Luͤbeck Briefe nach Novgorod geſandt habe. 2) über dieſen Handel mit Bernſtein nach Lemberg erhalten wir nur einige Notizen im Lechnungsbuche des Großſchaͤffers in Könige: berg im geh. Archiv. In den Jahren 1390 bis 1400 gingen zwar noch Sendungen dorthin; es erſchienen auch dort von Jahr zu Jahr noch Armenier; ſpaͤter indeſſen hörte der Abſatz dort gänzlich auf und die Armenier blieben dem Orden noch mehre Summen ſchuldig.
Scanseite 342 · Druckseite 328
328 Städtewefen in Preuffen (1379). ſagen, ſich auslebte. Alſo hatte ſich auch das Bild der ſtaͤdti⸗ ſchen Verfaſſung und das Weſen des Buͤrgerthums, wie es vor etwa einem Jahrhunderte daſtand 1), bis auf dieſe Zeiten herab merklich verändert und anders geſtaltet, wenngleich die weſentlichen Grundzuͤge im Ganzen dieſelben geblieben waren. Wenn fruͤherhin der groͤßte Theil der Staͤdtebewohner, wie in manchen tief im Lande liegenden Städten auch in dieſer Zeit, nur Aderbürger geweſen waren, welche die ſtaͤdtiſche Feldmark bebauten, der Handel im Allgemeinen ſich nicht uͤber den Marktverkehr und Kleinhandel erhoben und nur in einigen Staͤdten mit einzelnen Producten eine Art von Großhandel ſich nach und nach gebildet hatte; wenn ferner die ehedem vereinzelten und unzuͤnftigen Handwerker in der Regel nur fuͤr die naͤchſten Beduͤrfniſſe der Stadt und des nahen Landes ihre Gewerbe betrieben, in den Gewerken ſich noch nichts uͤber das gemeine Tagsbedürfniß erhoben hatte und uͤberhaupt in allen ſtaͤdtiſchen Verhaͤltniſſen die Einfachheit des Dorflebens unver⸗ kennbar hervorgetreten war?), fo hatte ſich in allen dieſen und andern Beziehungen das geſammte Staͤdteweſen beſon⸗ ders in den größeren Handelsſtaͤdten merklich umgeſtaltet. Zwar bildeten noch die geſammten Bewohner einer Stadt, die das Bürgerrecht genoſſen, die eigentliche Buͤrgerſchaft; allein die geſammte Buͤrgergemeine war ſchon mehr in einzelne Staͤnde getrennt, den Kaufmann umfaßte beſonders in den großen Handelsſtaͤdten ſchon ein beſonderer, eigener Stand, der für den erſten, reichſten und angeſehenſten galt und es wurde ſo⸗ mit der eigentliche Buͤrgersmann und der hoͤhere Kaufmanns⸗ ſtand ſchon ſcharf unterſchieden. Dazu hatte eines Theils der Umſtand viel beigetragen, daß der ſtaͤdtiſche Adel, den wir früh ſchon in den größeren Staͤdten Preuſſens finden, außer dem Ackerbau auch Kaufgeſchaͤfte im Großen zu betreiben an⸗ gefangen und dadurch in den Kaufmannsſtand uͤbergetreten war, andern Theils hatte der Großhandel von ſelbſt dem Kauf⸗ 1) Wie wir es früher B. III. S. 483 ff. geſchildert haben. 2) S. oben B. III. S. 485 — 486
Scanseite 343 · Druckseite 329
Staͤdteweſen in Preuſſen (1379). 329 manne eine höhere Stellung gegen den Kleinhaͤndler, Krämer und Handwerker gegeben. Dieſe Trennung der Stände aber bildete ſich auch dadurch noch ſchaͤrfer aus, daß in der Regel aus dem Kaufmannsſtande und dem kaufmaͤnniſchen Adel in den größeren Handelsſtaͤdten die ſtaͤdtiſchen Magiſtrate, der Buͤrgermeiſter, die Rathsmaͤnner oder Conſuln u. ſ. w. ge waͤhlt wurden!) und von ihnen dann nicht bloß die Leitung der ſtaͤdtiſchen Handelsangelegenheiten ſowohl im Inlande als im Auslande, ſondern uͤberhaupt die ganze Verwaltung aller ſtaͤdtiſchen Verhaͤltniſſe ausging. Auf den Tagfahrten zu Ma⸗ rienburg und Danzig bildeten die aus den Preuſſiſchen Han⸗ ſeſtädten abgeſandten Bevollmächtigten als „Rathsmanne der Staͤdte in Preuſſen“ einen eigenen Handelsrath, der in ſtaͤdti⸗ ſchen Handelsverhaͤltniſſen vollguͤltige Befchlüffe faßte und folche in ſeinem und der Staͤdte Namen fremden Fuͤrſten oder den andern auf Tagfahrten verſammelten Hanſeſtaͤdten zuſandte ?). Betrafen die Handelsangelegenheiten nur eine Stadt allein oder den Handel des Landes uͤberhaupt, ſo mußten die Raths⸗ maͤnner, die immer zugleich Kaufleute waren, ſich zuvor mit den Stadtaͤlteſten oder mit dem Hochmeiſter und den oberſten Ge⸗ bietigern berathen, ehe eine Entſcheidung erfolgen konnte ). Un⸗ gleich mehr noch waren dieſe Rathsmaͤnner der Städte in der uͤbrigen Verwaltung des Stadtweſens an den Willen und die Zuſtimmung der Landesherrſchaft gebunden, denn zu allem, was nur irgend von Bedeutung den beſtehenden Zuſtand einer Stadt veraͤnderte, als zum Anbau neuer Haͤuſer, zu ſtaͤrkerer 1) So beſtand z. B. der Magiſtrat zu Kulm im J. 1355 aus einem Buͤrgermeiſter, 12 Rathsmaͤnnern, einem Schultheißen und 10 Schoͤppen, von denen ein Theil Kaufleute, ein anderer Adelige waren. 2) Hanf. Recefl. Nr. I. p. 1—4. 35. 3) Daher ſchreiben z. B. die Danziger Rathsmaͤnner, als fie ein⸗ mal über eine Danzig betreffende Handelsangelegenheit eine entſchei⸗ dende Antwort geben ſollten: Noveritis, dominos nostros terrarum et seniores civitatis nostrae, cum quibus conciliari debemus, sunt in expedicione sen Reysa contra Letwynos.
Scanseite 344 · Druckseite 330
330 Staͤdteweſen in Preuſſen (1379). Befeſtigung der Stadtmauern, zu Ergänzungen oder Veraͤnde⸗ rungen in den Willführen und ſtaͤdtiſchen Einrichtungen, zu neuen Anordnungen in der ſtaͤdtiſchen Verwaltung u. ſ. w. mußte jeder Zeit zuvor die Einwilligung des Meiſters oder der Komthure erfolgen ). Dieſe ſtaͤndiſche Trennung der Buͤrgerſchaft der größeren Staͤdte aber und der Gegenſatz des Großhaͤndlers oder des adeligen Kaufmannsſtandes und der gewerbſtaͤndiſchen Claſſe oder der ſogenannten Gemeine, knuͤpfte ſich auch bald an ge⸗ wiſſe geſellſchaftliche Formen, Einrichtungen und Anordnungen feſt. Die in ſich abgeſchloſſene Claſſe oder Gilde des vorneh⸗ meren Kaufmannsſtandes tritt in den meiſten bedeutendſten Handelsſtaͤdten Preuſſens, als in Thorn, Danzig, Elbing und Koͤnigsberg unter dem Namen der Artusbruͤderſchaft her⸗ vor, die ſich in ihrem Artushofe zuſammenfindet. Über ih⸗ ren Urſprung und ihre Ausbildung und Verfaſſung bleibt uns vieles dunkel, da die fruͤheren Quellen ihrer nie erwaͤhnen. Unſere Nachrichten beſchraͤnken ſich daher etwa nur auf Fol⸗ gendes: Die Verbindung der Kaufleute zu einer abgeſchloſ⸗ ſenen Bruͤderſchaft habe ſich zuerſt in Thorn gebildet und es ſey dort die Stiftung der verbruͤderten Gilde ſchon vom Hoch⸗ meiſter Siegfried von Feuchtwangen angeordnet worden. An⸗ dere Nachrichten ſchreiben ſie dem Rathe der Stadt ſelbſt zu, indem ſie angeben, daß urſpruͤnglich dieſe Verbruͤderung in 1) Dieß lag zum Theil ſchon in den Beſtimmungen der ſtaͤdtiſchen Gruͤndungsprivilegien; aber es ſprechen dafür auch fpätere Zeugniſſe. Als z. B. der Biſchof Bartholomäus von Samland eine Anzahl neuer Haͤuſer bei feinem Dome in Königsberg erbauen laſſen wollte, ſchrieb ihm der Rath der Stadt Kneiphof die Bauart vor, fagte aber in ſei⸗ ner Urkunde: Wir Natlüte der fiat Krypaf bekennen offenbar allen den, dy deſe ſchrift horen adir leſen, das mit rote, vulbort und wil⸗ len unſers genedigen herren Homeiſters hern Wynrichs von knyprode und unſers hern des Marſchalkes hern gotfrides von lynden und un⸗ ſers hern des Huskompturs hern Wernhers von Obisheym und mit gunſt und volbort des Rates und der eldeſten unſer vorgenanten ſtatt ſoll und mag buwen huͤſer u. ſ. w. Handfeſt. des Biſth. Samland p. LXXVIII.
Scanseite 345 · Druckseite 331
Städtewefen in Preuffen (1379). 331 dem zu Thorn anfäffigen Adel beſtanden habe und tägliche Waffenuͤbung vom Anfange an ihr weſentlicher Zweck geweſen ſey, weshalb ſie ſich auch den Namen des alten Koͤniges Ar⸗ tus beigelegt. Ihre Übungen ſeyen im ſtaͤdtiſchen Kaufhauſe oder dem ſ. g. Kompanhauſe gehalten worden, und ſowohl die⸗ ſer Umſtand, als eine bedeutende Verminderung dieſer adeligen Bruͤderſchaft im Kriege, ſowie der zunehmende Wohlſtand und die Wichtigkeit des Kaufmannsſtandes haͤtten Anlaß gegeben, daß man vorzuͤglich auch die Kaufleute und Seefahrer in die Artusbrüderfchaft aufgenommen und fomit das Ganze ſich im Laufe der Zeit in eine kaufmänniſche Gilde umgeſtaltet habe. Die Waffenuͤbung ſey nun auch ferner im Kompanhauſe noch fortgeſetzt worden; aber der Hauptzweck dieſes Hauſes, das den Namen Artushof erhalten, ſey forthin noch die Zuſam⸗ menkunft der Kaufleute zu kaufmaͤnniſchen Geſchaͤften und Verhandlungen geblieben; jedoch habe jene Umgeſtaltung der urſpruͤnglichen Adelsverbruͤderung auch eine Veränderung der Geſetze und Statuten zur Folge gehabt!). — Betrachtet man dieſen Bericht uͤber die Entſtehung der kaufmaͤnniſchen Verei⸗ 1) Wir haben dieſe Nachricht über die Entſtehung der Artusbruͤ⸗ derſchaft zu Thorn aus einem Aktenſtuͤcke des Rathsarchivs zu Thorn, worin freilich Altes und Neues vermiſcht zu ſeyn ſcheint. Es theilt zwei Berichte mit. Nach dem einen ſoll der Hochmeiſter Siegfried von Feuchtwangen in den Jahren 1311 und 1312 eine Schügenbrüs derſchaft unter dem Namen der Artusbruͤderſchaft „ſowohl zur Befoͤr⸗ derung der rittermaͤßigen Kriegsleute, als zum Aufnehmen der Han⸗ dels⸗ und Kaufleute“ errichtet haben. Sie wird auch unter dem Na⸗ men der Georgenbruͤderſchaft erwähnt und ſoll nachher mit der von demſelben Meiſter geſtifteten Bruͤderſchaft der Kaufleute vereint, in drei Bänke, namlich in die Georgen⸗, Marien: und Reinholds⸗Bank getheilt worden ſeyn. Die Nachrichten hierüber find jedoch fo verwirrt, daß man nicht klar darüber werden kann. Der andere Bericht geht ebenfalls von einer Gruͤndung einer Bruͤderſchaft des in Thorn anſaͤſſigen Adels aus, läßt aber dieſe vom Rathe der Stadt geſchehen und vom Hoch⸗ meiſter nur die Beſtätigung ertheilen. Er enthält zwar gleichfalls man⸗ ches Unwahrſcheinliche, ſcheint im Ganzen aber doch mehr Glauben zu verdienen. In Danzig, Elbing und Koͤnigsberg giebt es gar keine Nachrichten über die Entſtehung und Verfaſſung der Artushoͤfe.
Scanseite 346 · Druckseite 332
332 Städtewefen in Preuſſen (1379). nung etwas genauer, fo ſcheint er in manchen Beziehungen allerdings den ſtaͤdtiſchen Verhaͤltniſſen zu entſprechen, wie ſie beſonders zu Winrichs Zeit hervortreten, denn in der Anord⸗ nung dieſes Meiſters zu Waffenuͤbungen der ſtaͤdtiſchen Be⸗ wohner lag wirklich hinlaͤnglich Anlaß zur Geſtaltung der Dinge, wie ſie der Bericht darſtellt. Aber man erkennt auch leicht, wie unbefriedigend, lückenhaft und unzuvellaͤſſig dieſe Nachricht in ihren Einzelnheiten iſt und wie wenig ſie die Sache in ihrem innern Weſen ergreift. Ohne Zweifel fand in den groͤßeren Handelsſtaͤdten Preuſſens im Allgemeinen die naͤmliche Entwickelung der geſellſchaftlichen Verhaͤltniſſe Statt, wie wir fie in den großen Handelsſtädten anderer Laͤnder und namentlich auch in den ſuͤddeutſchen und Lombardiſchen er⸗ blicken. Wie in dieſen die alten grundherrlichen Geſchlechter als Großhaͤndler, ritterſtaͤndiſche Buͤrger, Patricier oder Stadt⸗ Junker im Gegenſatze der bloß gewerbftändifchen Bürger oder der ſogenannten Gemeine auftreten !), fo hatte ſich unter aͤhn⸗ lichen Verhaͤltniſſen eine gleiche ſtaͤndiſche Trennung in den groͤßern Städten Preuſſens gebildet und es geſtaltete ſich da⸗ her auch das geſellſchaftliche Leben in aͤhnlichen Formen und Einrichtungen. Thorn, Danzig, Elbing und Königsberg hat⸗ ten neben ihren Artus- und Junkerhoͤfen?) auch die ſogenann⸗ ten Gemeingaͤrten, von denen jene die Verſammlungsorte der eigentlichen Großhändler und des höheren Kaufmannsſtandes, 1) Vgl. Hüllmann Staͤdteweſen B. I. S. 141. 2) Die Namen der Artus- und Junkerhoͤfe find zum Theil in den genannten Staͤdten, wie in Danzig und Königsberg noch jetzt vorhan⸗ den, zum Theil finden ſich daruͤber ältere Spuren. In den Hanf. Receſſ. Nr. I. p. 207 wird z. B. im J. 1393 des Artushofes zu El⸗ bing erwähnt. Die Elbinger ſchreiben nämlich einer Stadt, daß Hein⸗ rich von Büren in ihren Nath gekommen ſey, klagend, daß in jener Stadt das Geruͤcht gehe, man habe ihn zu Elbing aus dem Koͤnig⸗ Artushofe verwieſen (das wir yn us unſirme konigs⸗ artushove ſulden haben gewiſet adir laſſen wiſen). Die Clbinger erklären hierauf: Ab her mit uns in den Koningartushof hat gegangen adir nicht, do wiſſe wir nicht von czu ſprechen.
Scanseite 347 · Druckseite 333
Stadteweſen in Preuffen (1379). 333 dieſe die Verſammlungsorte der gewerbſtaͤndiſchen Bürger oder der ſogenannten Gemeine waren. Was die Beſtimmung der Artus- und Junkerhoͤfe in den größeren Handelsſtaͤdten Preuſſens betrifft, fo iſt es bei der kriegeriſchen Richtung, welche das kaufmaͤnniſche und Zunftwe⸗ ſen auch in Preuſſen nahm, zumal bei den erwaͤhnten Anord⸗ nungen Winrichs von Kniprode, keineswegs unwahrſcheinlich, daß Waffenuͤbung, wie berichtet wird, in den Hoͤfen Statt gefunden. Vorzuͤglich aber dienten ſie als Verſammlungsorte der Kaufleute zur Betreibung ihrer Handelsgeſchaͤfte, zur Be⸗ rathung über Handels angelegenheiten des In⸗ und Auslandes, zum Schlichten und Richten von Streitigkeiten in Handelsſa⸗ chen und uͤberhaupt zur Verhandlung alles deſſen, was Han⸗ del und Verkehr betraf. Sie waren ſomit in mancher Bezie⸗ hung im Kleinen und fuͤr die einzelne Stadt, was in London die Deutſche Gildehalle fuͤr den Deutſchen Kaufmann und die Kaufhoͤfe zu Novgorod und Wisby fuͤr den Handelsſtand im Allgemeinen !). Sie wurden ferner aber auch als Verſamm⸗ lungsorte der Kaufleute zu Trinkgelagen, Mahlzeiten und man⸗ cherlei Vergnuͤgungen benutzt, und es waren beſtimmte Statu⸗ ten oder Satzungen vorhanden, welche bei ſolchen Verſamm⸗ lungen zur Anwendung kamen. Zu ihrer Aufrechthaltung wa⸗ ren Vorſtaͤnde des Hofes erwaͤhlt. Der Hof zu Danzig hatte zwoͤlf Vorſteher, von denen vier von der Geſammtheit der Hofgenoſſen erkoren, vier andere von dieſen vier Erkorenen und vier aus den Hofgenoſſen des Rathes von jenen acht er⸗ waͤhlt wurden. Sie hatten alles zu ſchlichten und zu richten und alles zu beſorgen, was den Hof betraf. Wo ihr Gericht nicht befriedigte, trat die Entſcheidung des Rathes ein ). 1) Vgl. Sartorius urkundl. Geſchichte u. ſ. w. B. I. S. 126 ff. 2) In einem Quartanten der uphagenſchen Bibliothek zu Danzig befindet ſich „ein Privilegium und Gerechtigkeit des Hofes zu Danzig”, woraus obiger Auszug entnommen iſt. Es beginnt mit den Worten: Ein wol geordnet Ding und eine beſcheidene Saczung der weiſen Leute nimt gerne ein gut Alter, dorumb haben Wir Comptur und Huß⸗ komptur deſir Stadt und wir Rahtmanne derſelben Stadt Danczk ge⸗
Scanseite 348 · Druckseite 334
334 Städtewefen in Preuſſen (1379). Es haben fich die Satzungen des Hofes zu Danzig und des f. g. Kompanhauſes zu Kulm bis auf unfere Zeit erhal⸗ ten. In der erſtern wird unter andern Folgendes beſtimmt: Alles, was den Hof angeht, ſoll man des Morgens vor dem Eſſen auf dem Hofe entrichten. Man mag den Hof alle Tage aufſchließen, am Sonn- und Feiertage nach dem Mittags⸗ mahle, an Werktagen zur Vesperzeit, wenn man die Bierglocke laͤutet. Die Alterleute ſollen laͤnger im Hofe ſitzen und trin⸗ ken dürfen; wer aber ſonſt laͤnger ſitzt, ſoll es der Kompanei buͤßen mit einer Tonne Bier. Sobald die Kompanei heim⸗ geht, ſollen die Spielleute den Hof verlaſſen und ihrer ſollen nicht mehr denn zwei Paare ſeyn. Wenn man Gaͤſte bittet von des Hofes wegen, ſo mag man ihnen zweierlei Getraͤnke und Speiſen geben, aber nie mehr. Man ſoll keinen Gaſt auf den Hof bitten, der mit uns in der Stadt wohnt, außer die gebeten werden von den Alterleuten oder von des Hofes wegen. Auch darf niemand auf den Hof Gaͤſte bitten, er wiſſe denn, daß fie des Hofes würdig ſeyen. Die Gaͤſte fol: len alſo ſeyn, daß niemand einige Unluſt von ihnen habe; ſonſt ſoll es der Wirth des Gaſtes entgelten bei einer Laſt Bier. Niemand ſoll auf den Hof kommen, der nicht wenig⸗ ſtens ein Vermoͤgen von zwanzig gute Mark hat. Handwerks⸗ leute, wer ſie auch ſeyn moͤgen, Bierſchenker und Kraͤmer ſol⸗ len niemals in den Hof kommen duͤrfen. Ferner ſoll der Hof auch allen denen verboten ſeyn, die einem Manne zu ſeinem Rechte nicht haben helfen moͤgen, die ein offenbar beruͤchtigtes Weib genommen, die verbotene Reiſen gefahren haben, bis daß ſie durch Briefe vom Altermanne ausweiſen, daß man ſie wieder fuͤr werthe Leute halte. Niemand ſoll vor oder in geben dem hofe durch gute Eintracht und Veſcheidenheit dieſe Geſetze feſt zu halten.“ Schon daraus geht hervor, daß das dabei angegebene Jahr 1300 nicht richtig iſt und die Urkunde in cine fpätere Zeit des 14. Jahrhund. geſetzt werden muß. Nach der gewoͤhnlichen Annahme (ſ. Loͤſchin Geſchichte Danzigs B. I. S. 85) ſoll der Artushof zu Danzig erſt im J. 1370 erbaut worden ſeyn und vielleicht möchte in dieſe Zeit auch jene Urkunde gehören.
Scanseite 349 · Druckseite 335
Staͤdteweſen in Preuſſen (1379). 335 dem Hofe einen Reihen aufführen ohne Willen und Erlaub⸗ niß der Alterleute; auch ſoll keiner ungewöhnliche Waffen oder Gewehre im Hofe tragen, er ſey Buͤrger oder Gaſt. Geſchehe, daß ein Mann den andern im Hofe beſchwerte mit Worten oder Werken, der ſoll dem Hofe buͤßen mit einer Laſt Bier und beide ſollen vom Hofe bleiben, bis daß ſie ſich vergleichen. Wer einem andern in oder vor dem Hofe mit Abſicht wege⸗ lagert und ihn ſchlaͤgt, ſoll des Hofes entbehren. — In vie⸗ len ihrer Beſtimmungen ſtimmt die Kulmiſche Satzung mit der des Hofes zu Danzig vollkommen uͤberein, nur nennt ſie ih⸗ ren Verſammlungsort nicht Hof, ſondern Kompanei. Sie ſetzt außerdem auch feſt: Rathsmanne und Schoͤppen koͤnnen ohne weiteres die Kompanei beſuchen; wer aber ſonſt dahin gehen will, ſoll es durch die Alterleute an den Rath bringen laſſen. Niemand ſoll in den Keller gehen ohne der Alterleute Urlaub und Willen. Geſchehe, daß jemand in der Kompanei wegen zu vielen Getraͤnkes ſich unfuͤglich bewieſe, der giebt zur Buße eine Tonne Honig. Niemand ſoll klopfen, ſchreien oder einſchenken heißen wider der Alterleute Willen bei Buße einer halben Mark. Bei gleicher Buße ſey abgelegt allerlei Spiel und Freimarkt in der Kompanei; doch zu Faſtnacht ſoll bei⸗ des allen frei ſeyn. Wer einen Gaſt auf die Kompanei fuͤhrt, der uͤber viermal trinkt, ſoll fuͤr ihn bezahlen nach Satzung der Kompanei bei Buße eines halben Vierdungs. Man ſoll den Keller nicht eher zum Schanke aufſchließen, als bis es zur Vesper laͤutet. Es ſoll Niemand dem andern weder zu Halben, noch zu Vollen zutrinken; wer hieran gebricht, bu⸗ ßet einen halben Vierdung. Man ſoll den Keller vor der Abendmahlzeit, wenn der Zeiger fuͤnf iſt, ſchließen und dann nicht eher wieder oͤffnen, als bis es ſechs geſchlagen, und wer an allen dieſen Punkten gebricht, den mögen die Alterleute vor ſich laden und beſtrafen ). — Es leidet keinen Zweifel, 1) Einige andere Beſtimmungen betreffen „die Knechte“, die bei dem Hofe oder der Kompanei dienten. Es heißt z. B.: Auch ſoll der Hof ſieben Knechte haben, einen in dem Keller, einen, der vor den Banken ſteht, einen Kohlknecht und vier Schenkknechte, außerdem noch
Scanseite 350 · Druckseite 336
336 Staͤdteweſen in Preuffen (1379). daß außer dieſen Satzungen für das geſellſchaftliche Zuſam⸗ menſeyn der Hofgenoſſen auch noch beſondere Geſetze und Be⸗ ſtimmungen für den Betrieb der kaufmaͤnniſchen Geſchaͤfte be⸗ ſtanden haben; allein wir find hierüber aus dieſer Zeit nicht unterrichtet. Wie aber in ſolcher Weiſe der Kaufmann und Großhaͤnd⸗ ler ſich von der uͤbrigen Buͤrgergemeine als eigener Stand ge⸗ trennt und in dem Hofe ſich zuſammenfand, ſo bildeten die Gemeingaͤrten die Verſammlungsorte der Handwerker oder uͤberhaupt der gewerbſtaͤndiſchen Gemeine. Auch die Gewerke und Zuͤnfte hatten ſich im Verlaufe der Zeit weit vollkomme⸗ ner ausgebildet) und wie in ihrem ſtaͤndiſchen Charakter und innern Weſen, ſo in den aͤußern Formen ungleich feſter be⸗ vier Jungen. Die Knechte ſollen auf dem Hofe weder ſchlafen noch eſſen. Kein Knecht, heißt es in der Kulmiſchen Satzung, ſoll in die Stube der Kompanei gehen, er habe denn zu feinem Herrn ſonderli⸗ ches Gewerb; wenn er dieſes geworben, ſoll er ohne Verzug heraus⸗ gehen. Es iſt ferner von einer Geldzahlung fuͤr die Kompanei die Rede, welches entweder Eintrittsgeld oder Beitraͤge zur Unterhaltung des Hofes ſind. In der Danziger Satzung ſteht auch die Verordnung: Die Knechte ſollen vor dem Hofe bleiben mit Fackeln und mit Leuch⸗ ten und ſollen keine ungewoͤhnlichen Waffen tragen vor dem Hofe, noch ein Ungeſtüm oder Geſchrei davor machen. Welche Knechte das bre⸗ chen und von zwei andern Knechten uͤberfuͤhrt werden, fuͤr die ſoll ihr Herr buͤßen mit einer Tonne Bier; die ſoll der Knecht aber ſelbſt be⸗ zahlen. Die erwaͤhnten Thorner Nachrichten ſprechen auch von frei⸗ willigen Abgaben von jedem auf dem Hofe geſchloſſenen Kaufhandel. Es heißt ferner bei ihnen: Wer in den Hof aufgenommen ſeyn wolle, muͤſſe ſich bei dem Hofherrn melden, dieſer ihn in der Bruͤderſchaft vorſchlagen und das Geſuch zur Aufnahme vorbringen. Der Aufzu⸗ nehmende müffe der Bruͤderſchaft einen fübernen Becher verehren, der ihm jedesmal zum Trunke vorgeſetzt werde. Es iſt indeſſen zweifel⸗ haft, ob dieſes alte Satzungen ſind. übrigens haben dieſe Satzungen in mehren Beſtimmungen Ahnlichkeit mit denen des Hofes zu Novgo⸗ rod; ſ. Sartorius Urkundl. Geſchichte B. I. S. 139 — 144. 1) Eine treffliche Entwickelung der Entſtehung des Zunftweſens, die auch auf Preuſſen Anwendung findet, mag man bei Hull mann Staͤdteweſen B. I. S. 318 ff. nachleſen.
Scanseite 351 · Druckseite 337
Städteweſen in Preuffen (1379). 337 ſtimmt und geſtaltet. Es ſcheint, daß hiebei folgende Um- ſtaͤnde nicht ohne wichtigen Einfluß blieben. Der Orden wies die Zuͤnfte in allen ihren Verhaͤltniſſen ganz allein an die ſtaͤdtiſchen Magiſtrate, überließ ihre Abgaben und ſonſtigen Leiſtungen den ſtaͤdtiſchen Verwaltungsbehoͤrden und vereinigte ſich mit den Staͤdten uͤber eine dem Orden jahrlich zu zah⸗ lende Geſammtſumme von Abgaben, ſo daß nun, wie es z. B. in Marienburg und Danzig geſchah, die Erhebung der ſ. g. Stadtzinſen von den Brod⸗, Fleiſch⸗, Schuhbaͤnken u. ſ. w. ausſchließlich den ſtaͤdtiſchen Behörden überblieb und es dieſen frei ſtand, dieſe Stadtzinſen zu erhöhen oder fonft zu veraͤn⸗ dern, wie fie es für gut fanden‘). Es trug ferner zur wei⸗ tern Ausbildung des Zunftweſens merklich bei, daß die Ge⸗ werke in den Staͤdten den einzelnen Claſſen der Gewerbtrei⸗ benden für einen beſtimmten Zins kaͤuflich überlaffen und die Werkſtellen der einzelnen Gewerke auf eine beſtimmte Zahl be⸗ ſchraͤnkt wurden 2), wodurch von ſelbſt ein feſterer Verband 1) So einigte ſich der Orden mit dem Rathe und den Buͤrgern von Marienburg dahin, „das ſy uns ſullin gebin alle Jar Sebinzik mark pfennyge gewohnlichir muͤncze vor Brotbenke, Fleiſchbenke, Schu⸗ benke und Badeſtobin czins und vor alle den andirn czins, den wir in der Stat habin und ſullin ſich vortmer des Statczinſes czumal undir⸗ windin und was ſy dorczu in czukunftiger czit czinſes mogin gemachin bynnen der Statmuren, als ſy itzunt begriffin iſt, der ſal ir czumale ſin.“ Urkunde im Rathsarchiv zu Marienburg. In der erneuerten Handfeſte von Danzig heißt es: Vorbas was nutzes, vromen und Czin⸗ ſes von dem koufhus, Brotbenken, fleiſchbenken, Schubenken, kromen und batſtoben komen mag und alle den czins und nutz, den ſy haben und noch gemochen mogen in alle der Stad, der ſal den vorgenanten unſern buͤrgern alczumole czugehoren ewiclich, usgenomen Montze und Wechſel und alles das czur herlikeit gehorit, das welle wir uns und unſerm huſe behalden. De genanten koufhus, brotbenke, vleiſchbenke, Schubenke, kromen und batſtoben ſullen ſy alleyne, wen das not iſt, beſſern und buwen. Dorvor fullen ſy uns geben hundert mark und Sebengig mark pfennyng alle Jor ewiclich. Urk. im Rathsarchiv zu Danzig. 2) Ein ſolcher Verkauf fand z. B. in Mewe bei der Zunft der Fleiſcher Statt; urk. im Stadtarchiv zu Mewe. Tür Allenſtein wurde 22
Scanseite 352 · Druckseite 338
338 Städtewefen in Preuffen (1379). unter die Handwerker einer Claſſe kam. In manchen Staͤd⸗ ten beſtand dagegen der Gebrauch, die Gewerkbaͤnke jedes Jahr durch den Rath der Stadt nach dem Looſe neu auszugeben. Man verlieh z B. in Kulm die Gewerkbaͤnke um einen feſt⸗ beſtimmten Zins jeder Zeit nur auf ein Jahr oder ſelbſt nur auf ein halbes Jahr, wobei dem Rathe das Recht verblieb, einem Handwerker, der gegen den Rath ſich ungehorſam be⸗ wieſen, gegen andere ſich boshaft benommen oder in ſeinem Geſchaͤfte Betruͤgerei begangen hatte, ſeine Gewerkbank ohne weiteres abzunehmen '). Wie laͤngſt in vielen Städten Deutſch⸗ lands 2) ſo waren auch in mehren Staͤdten Preuſſens, z. B. in Marienburg ſ. g. Lauben, uͤbermauerte Gaͤnge oder Ge⸗ werbhallen um den Markt oder in der Hauptſtraße zum ſtaͤd⸗ tiſchen Verkehre eingerichtet, wo die Waaren ausgelegt und verkauft wurden; oder auch man wies den einzelnen Gewer⸗ ken beſtimmte Stadttheile und Straßen an, in welchen auf Baͤnken ihre Waaren zum Verkaufe feil lagen, woher in den Staͤdten die Namen der Brodbaͤnken⸗, Fleiſchbaͤnken⸗, Schuh⸗ gaſſe und aͤhnliche entſtanden ſind. Unter den Gewerken ſind ohne Zweifel diejenigen die aͤlteſten, welche mit den erſten Le⸗ bensmitteln und mit den nothwendigſten Beduͤrfniſſen Ge⸗ werbe trieben ). Je mehr ſich aber das Leben erweitert und in einem privilegium pistorum, sutorum et carnificum beſtimmt: in opido nostro Allensteyn fieri et locari fecimus sedecim scampna pi- storum et viginti duo scampna sutorum necnon sedecim carnificumz ipsaque scampna sic facta locamus pistoribus, sutoribus et carnifi- eibus tunc in opido degentibus pro infrascripta pensione iure here- ditario Culmensi inperpetuum possidenda, Volumus tamen, ut plura scampna pistorum, sutorum vel camificum in eodem opido fieri aut locari non debeant in preiudicium eorumdem. Da wir eine ähnliche Anordnung auch in einer Urkunde für die Stadt Melſack finden, fo dürfen wir auf dieſelbe Einrichtung auch in mehren andern Städten, wenigſtens in Ermland, ſchließen. Annua pensio und Census haben hier gleiche Bedeutung. 1) Darüber eine Verordnung des Rathes zu Kulm vom J. 1390. 2) Vgl. Hüllmann B. I. S. 803 — 304. 3) Huͤllmann B. I. S. 305.
Scanseite 353 · Druckseite 339
Staͤdteweſen in Preuffen (1379). 339 die Beduͤrfniſſe vermehrt hatten, um fo größer war mit der Zeit auch die Zahl der Gewerke geworden. Als ſolche werden zu Winrichs Zeit erwähnt die Zünfte der Fleiſcher, Schuhma⸗ cher, Fiſcher, Hoͤker und Kraͤmer, Baͤcker, Guͤrtler, Kannen⸗ gießer, Schröter, Goldſchmide, Grobſchmide, Leineweber, Tuchmacher und mehrer anderer, die ſich auf den ſtaͤdtiſchen Handel beziehen!). Über die innere Ordnung und Verfaſſung dieſer Zuͤnfte find wir jetzt noch nicht genau unterrichtet ) Wir wiſſen jedoch, daß man ſich hie und da bemuͤhte, den einzelnen Gewerken fuͤr ihre Gewerbe beſtimmte Geſetze oder ſogenannte Willkuͤhren zu entwerfen. Wir haben eine ſolche aus dieſer Zeit fuͤr das Tuchmacher-Gewerk oder die Zunft der Weber der Stadt Kulm, wo damals die Tuchmacherei ziemlich in Flor war. Mit des Ordenskomthurs und der Rathsmaͤnner Zuſtimmung wird unter andern darin geſetzlich verordnet: Wo man falſches Gewand oder Tuch findet, ſoll man es verbrennen; wer es verfertigt, verbußet drei Mark, eine dem Komthur, eine den Rathsleuten und eine dem Ge⸗ werke; überdieß ſoll er in Kulm kein Gewand mehr zuberei⸗ ten. Wird jemand beim Gewerke angeklagt, daß er in einer andern Stadt falſches Gewand verfertigt habe und von dort darum entwichen ſey, ſo ſoll er ſein Werk alsbald legen und forthin in Kulm kein Gewand mehr machen, er entſchuldige ſich denn der Anklage. Wer ſolches Gewand gekauft hat und feil halt, verliert es ohne Erſatz. Wer fir Nonnen Gewand macht, ſoll es einfarbig machen und wollen ſie Leiſten darauf haben, ſo ſoll man ihnen dieſe machen wie unſern Herren; wer es anders macht, bußet einen Vierdung ?). Wo man 1) In den Hanf. Receſſ. kommen im J. 1378 als Officiati Civi- tatis von Danzig auch vor: Boddecholtwraker, Theerwraker, Want⸗ ſtrigher, mensuratores, Wegher, Waginſcotwraker, und in einer an⸗ dern Stelle: Pistores, Panniscide, Bursatores, Sutores, institores, pellicifices, cerdones, sartores, lanifices, braxatores, doleatores, carnifices, fabri, cistifices, penestici, aurifabri. 2) Eben ſo wenig haben wir Nachricht uͤber die Einrichtung der Gemeingärten in dieſer Zeit. 3) So ſcheint es wohl verſtanden werden zu muͤſſen, wenn es 22
Scanseite 354 · Druckseite 340
340 Staͤdteweſen in Preuſſen (1379). unrichtige Gewichte bei denen findet, welche Garn und Wolle kaufen oder verkaufen, die ſoll man pfaͤnden mit einem Vier⸗ dung. Wer bei Licht wirket, verbußet drei Mark. Wer uͤber⸗ wieſen wird, daß ein falſches Tuch auf ſeinem Werkſtuhle ge⸗ wirkt iſt, deſſen Stuhl ſoll man verbrennen. Wer ein Tuch zu duͤnne macht, bußet einen Vierdung; ſolches Tuch ſoll aus der Stadt geführt und nicht da verkauft werden. Wer Wolle oder Garn mit Lohe faͤrbt, erliegt derſelben Buße, als wer falſches Tuch macht. Wer einen Werkſtuhl ſetzt, ſoll es mit drei Mark verbuͤrgen, daß er ihn halte Jahr und Tag. Fer⸗ ner haben der Komthur und die Rathsleute mit den Meiſtern des Handwerks gewillkuͤhrt, daß ihr Lohn feſt bleibe ein Jahr wie das andere. Dann folgen in der Willkuͤhr Beſtimmun⸗ gen uͤber Breite und Schmaͤle, Laͤnge und Kuͤrze ſowohl der kleinen, als der Mittel- und Vordertuͤcher und endlich noch die Verordnung, daß jedes in der Stadt verfertigte Tuch mit einem Blei, worauf das Stadtzeichen befindlich, verſehen ſeyn ſolle!) Wie aber dieſe geſammten Verhaͤltniſſe das innere Weſen und die Eigenthuͤmlichkeit der Zuͤnfte immer feſter ſtellten und ſchaͤrfer auspraͤgten, ſo geſchah es nicht minder durch die krie⸗ geriſche Richtung, die wie anderwaͤrts das Zunftweſen auch in den Staͤdten Preuſſens nahm. Manches moͤgen hiebei al⸗ lerdings Winrichs Anordnungen in Ruͤckſicht der Waffenuͤbun⸗ heißt: Wer der nunnen gewant machit, der ſal en ſelbvar gewant ma⸗ chin von wefel und von warfe und wellen ſy lyſten dor uf habin ge⸗ machit, di ſal man en machen als unſin herrin und wer is anders machit, der wettet eynen firdung. 1) Dieſe alte Gewerkordnung ſteht im Zins⸗ und Gerichtsbuche der Stadt Kulm p. 20 im geh. Archiv, mit der überſchrift: Dis ſint di willekor und di geſetcze der weber und irre gewerken in der Stat czum Colmen mit des komthurs und der Ratluͤte wille di ſy haldin ſullin. Sie iſt ohne Angabe des Jahres, gehoͤrt aber ohne Zweifel in dieſe Zeit. Außer den obigen Beſtimmungen enthält fie mehre andere Satzungen, die jedoch zu ſehr ins Einzelne des damaligen Handwerks- weſens gehen. Insbeſondere wird der Tuchmacherlohn der damaligen Zeit ſehr genau angegeben.
Scanseite 355 · Druckseite 341
Staͤdteweſen in Preuſſen (1379). 341 gen der ſtaͤdtiſchen Bewohner gewirkt haben, denn ohne Ein⸗ fluß auch auf die gewerbſtaͤndiſche Buͤgerclaſſe konnten ſie wohl ſchwerlich bleiben. Allein wie „im ſpaͤtern Mittelalter über- haupt die Zuͤnfte als Abtheilungen des ſtaͤdtiſchen Kriegshee⸗ res betrachtet werden muͤſſen“ !), fo waren auch in Preuſſen die einzelnen Gewerke zu Kriegsdienſten und Kriegsleiſtungen verpflichtet, denn jedes mußte zu Kriegsreiſen bald eine An⸗ zahl Wäpner und Schuͤtzen, bald auch eine beſtimmte Zahl von Wagen ſtellen ?). Indeß beſchraͤnkte ſich dieſer Kriegs⸗ dienſt keineswegs bloß auf die Gewerke oder Zünfte, ſondern er dehnte ſich überhaupt auf alle Stände der ſtäͤdtiſchen Be⸗ wohner aus. Ward eine Kriegsreiſe von den Ordensgebieti⸗ gern beſchloſſen oder erfolgte ein ſogenanntes Kriegsgeſchrei, ſo wurden die Staͤdte zur Stellung einer beſtimmten Mann⸗ ſchaft aufgefordert und die Behoͤrden verfuͤgten ſofort die noͤ⸗ thigen Anſtalten. Vor allem ernannte der Rath aus den vor⸗ nehmſten Buͤrgern oder „den Herren“ die Hauptleute der ſtaͤd⸗ tiſchen Mannſchaft; dann wurde beſtimmt, wie viel an Kriegs⸗ leuten, Schuͤtzen oder Waͤpnern, Roſſen und Wagen die ver⸗ ſchiedenen Stände der Bürgerfchaft zu ſtellen hatten. Die ge⸗ ſammte Mannſchaft wurde je nach Verhaͤltniß ihrer Staͤrke in zwei bis drei Schaaren getheilt, welche „Mayen“ hießen und deren erſte gewoͤhnlich die „Maye der Herren“ bildete, weil an ihrer Spitze die Hauptleute ſtanden, die ſtets eine Anzahl Waͤpner zu ihrem naͤchſten Gefolge hatten. Die Mannſchaft der Mayen, faſt immer aus Reiterei, Waͤpnern und Schuͤtzen beſtehend, war gemiſcht, ſo daß Kriegsleute aus allen Staͤn⸗ den der Buͤrgerſchaft in einer Maye zuſammenſtanden. Die Staͤrke der Mayen wechſelte, je nachdem die geſammte Mann⸗ ſchaft einer Stadt größer oder geringer war. Jedes Gewerk 1) Vgl. daruͤber Huͤllmann B. I. S. 316. £) Als kriegspflichtig werden namentlich erwähnt: die Schroͤter, Schuhmacher, Bäder, Fleiſcher, Schmide, Hoͤker und Krämer, Fi⸗ ſcher, Kannengießer, Goldſchmide, Gürtler und Böttcher. Eine An: zahl von Zimmerleuten und Maurern mußten die Mannſchaft immer fon von ſelbſt begleiten.
Scanseite 356 · Druckseite 342
342 Städtewefen in Preuffen (1379). ſtellte bald einen, bald zwei Wäpner oder Schuͤtzen. Vom Komthur oder dem Hauskomthur der nahen Ordensburg ge⸗ muſtert und jeder Zeit von drei bis vier berittenen Spielleu⸗ ten oder Pfeifern begleitet, zog dann die Mannſchaft von ih⸗ ren Hauptleuten geführt, der größeren Kriegsmacht des Or⸗ dens zu, bald auf laͤngere, bald auf kuͤrzere Zeit, immer aber verpflichtet, für eigene Koſt und Unterhaltung zu ſorgen ). Je kraͤftiger aber in dem regen Handelsleben und unter den gedeihlichen Gejchäften des Friedens im ſtaͤdtiſchen Bes wohner der Geiſt eines tuͤchtigen und beſtrebſamen Buͤrgerwe⸗ ſens ſich entwickelte und Wohlſtand und Gedeihen der Staͤdte mit jedem Jahre zunahm, um ſo druͤckender und laͤſtiger mußte ihnen je mehr und mehr dieſe ſchwere Bürde der Kriegspflich⸗ tigkeit werden, die den Bürger wenn auch nicht immer ſelbſt ſeinen gewohnten Geſchaͤften ganz entfremdete, doch oft zu Opfern und Leiſtungen zwang, die er gerne der Foͤrderung und Verbeſſerung ſeines Betriebes und Gewerbes zugewandt haben wuͤrde, zumal da ſich die Anforderungen des Ordens nicht etwa nur von Zeit zu Zeit, ſondern bei ſeinen unablaͤſ⸗ ſigen Kriegsreiſen in die heidniſchen Lande in einem Jahre oft ſogar drei⸗ bis viermal wiederholten. In der That hoͤren wir 1) Wir erhalten dieſe Nachrichten über das ſtaͤdtiſche Kriegsweſen in einem im Original im Stadtarchiv zu Elbing und abſchriftlich im geh. Arch. noch aufbehaltenen Kriegsbuche der Stadt Elbing, welches den Titel führt: Liber iniciatus a. d. LXXXIV continens Reisas et Clamores. Obgleich es zunächſt nur Elbing betrifft, ſo glaubten wir doch, bei der Conformität des Ordens in allen ſeinen Einrichtungen die einzelnen Beſtimmungen als allgemein geltend hinſtellen zu dürfen. Das Buch beginnt eigentlich mit dem J. 1383, obgleich diefe Einrich⸗ tung des ftäbtifchen Kriegsweſens gewiß ſchon älter if. Es enthält von Jahr zu Jahr die Verzeichniſſe der ausgezogenen Mannſchaften bei allen Kriegsreiſen und Kriegsgeſchreien. Die Hauptleute, die immer in der Maye dominorum ſtehen, werden capitanei genannt und mit der Bezeichnung „Herr“ alle namentlich aufgefuͤhrt. Wer dieſe eigent⸗ lich waren, ſehen wir aus der S. 329. Anmerk. 3 erwähnten Steile, wo ſie Seniores civitatis heißen. Manche ihrer Namen finden wir auch in den Hanſcat. Receſſen wieder. i
Scanseite 357 · Druckseite 343
Städtewefen in Preuſſen (1379). 343 auch, wenn den Nachrichten zu trauen iſt, von großer Unzu⸗ friedenheit der größeren Staͤdte, beſonders Danzigs mit der Herrſchaft des Ordens; ja es ſoll ſogar von einigen der Plan gefaßt worden ſeyn, ſich vom Orden voͤllig frei zu machen und der aufgebuͤrdeten Laſten für immer zu entledigen !). Al⸗ lein es findet ſich doch keine Spur von unruhigen Bewegun⸗ gen in irgend einer der Städte oder von einem Verſuche zur Ausfuͤhrung eines ſolchen Planes, am wenigſten von ſo ge⸗ waltſamen Aufregungen und Gaͤhrungen, wie ſie damals in den Staͤdten Suͤddeutſchlands unter den Zuͤnften und Innun⸗ gen gegen den Rath und die Behoͤrden nicht ſelten Statt fan⸗ den ). Wenn wir indeſſen aus Danzig erfahren, wie oft und immer vergeblich ſowohl in dieſer als der nachfolgenden 1) Wir haben hierüber in den Hanſ. Neceff. Nr. I. p. 107 eine Littera monitoria magistro generali missa, worin der damalige Deutſchmeiſter Konrad Ruͤde, der Komthur von Ellingen Wiprecht Rüde und der Komthur zu Blumenthal Marquard Zöllner im J. 1379 dem Hochmeiſter berichten, daß ſie von einem heimlichen Rathe des Herzogs Stephan von Baiern die Nachricht erhalten hätten, daß Dan⸗ ziger Buͤrger und Kaufleute, die ſich in Handelsangelegenheiten zu Aachen und Köln aufgehalten, großen Unwillen gegen den Orden hätten laut werden laſſen. „Nach ſagen erer worte und ſunderlich ſo hettin de Koufluten czu Flandern anghelecht an Koufenſcacze eyn und czwen⸗ czig tuſunt guldin und der werin czwene von Tanczk (Danzig) und der eyne were eyn langer ſwarczer man und de wordin mit dem vor⸗ ſcreben Ritter czu retin und de Ritter mit im weddir, das ſich vil ſtete von erin Herrin helten denn das de czwene von Danczik daran komen, das ſy ſich groſer beſwerung von dem ordin derclagin und ſprochin, ſy und andir ſtede czu Pruͤſſen weren des obireyn komen, das ſe des nicht mer von dem ordin meynten czu liden und woldin eres ghewaltis vorbas endladin werdin und nicht mer er eyghen alſo bliben. Do ſprach aber de Ritter, we maget er das czupringhen, nun habin uͤwere Herrin in edere ſtat ader ob edir ſtat eyne veſte lighende, darmit fe der fiat wol gewaldich ſint. Do ſprachen de Eouflüte, fe hetten das alles bedacht und volginghe is, alſo ſy is hinder en hetten gheloſin, ſo were das alles nicht.“ — Ob an der Sache etwas wahr ft, muß dahin geftellt bleiben. 2) Zur Vergleichung leſe man Pfiſter Geſchichte von Schwaben B. I. Abth. II. S. 41 ff.
Scanseite 358 · Druckseite 344
34 Staͤdteweſen in Preuſſen (1379). Zeit beſonders uͤber die Einfuͤhrung einer doppelten Mahl⸗ ſteuer, der ſogenannten doppelten Metze, die man als eine ſehr druͤckende Laſt fuͤr die Stadt anſah, Klagen erhoben wur⸗ den ), fo iſt nicht unwahrſcheinlich, daß auch in manchen an⸗ dern Städten manche Beſchwerden gegen die Ordensherrſchaft ausgeſprochen ſeyn moͤgen, denn je reicher in den Staͤdten das Leben an Gedanken und freieren Anſichten ward und je voll kommener ſich das Buͤrgerthum in den beſtrebſamen Ständen fortbildete, um ſo ſchaͤrfer mußte der Gegenſatz zwiſchen die⸗ ſem regſamen und beweglichen Buͤrgerweſen und dem in ſei⸗ nen Formen und Satzungen feſtſtehenden Ritterthum hervor⸗ treten. Bei dem allen wußte Winrich durch vielfache Bemuͤhun⸗ gen um die Ordnung und den Wohlſtand der Staͤdte und des Landes den Geiſt der Unzufriedenheit, wenn er hie und da erwachte, bald wieder zu beſchwichtigen und man ertrug drüͤk⸗ kende Laſten mit Geduld, wenn man wahrnahm, wie der ſorg⸗ ſar e Meiſter nie ermuͤdete, Handel und Gewerbe in allen Richtungen zu beleben und durch neue Anordnungen in die Verhaͤltniſſe der einzelnen Staͤnde ſeiner Unterthanen Regel und Geſetz zu bringen. So ließ er unter andern eine neue Muͤnze ſchlagen, halbe Scoter genannt, die als eine wirklich geprägte Münze wohl von einem Scot als einem Muͤnzge⸗ wichte zu unterſcheiden find ). Sie wurden als Ordensmuͤn⸗ 1) Nach Archivsnachrichten war die Erhebung dieſer Steuer von Winrich mit Zuſtimmung des Magiſtrats auf ein Jahr zu dem Zwecke angeordnet worden, um eine in der Stadt abgebrannte Muͤhle mit dem erhoͤhten Ertrage der doppelten Metze deſto cher wieder aufbauen zu können. Den Ertrag dieſer Steuer fuͤr den Orden ſchlug man jährlich auf 6000 Mark geringes Geldes an, ſo daß man ſpaͤterhin eine Summe von 481,000 als unrechtmaͤßig erhobene Steuer von Sei⸗ ten der Stadt vom Orden zurückfordern zu können glaubte. (2) 2) Faſt alle ſpaͤteren Chroniſten geben an: Winrich habe eine neue Münze, Scoter genannt, ſchlagen laſſen. In den Hanſ. Receſſ. Nr. II. p. 190 legen jedoch im J. 1391 die Städte des Landes dem Hochmeiſter ihr Gutachten uͤber die damalige Landesmuͤnze vor und ſagen ausdruͤcklich: Uf die münge haben uͤwer ſtete mit eenander geret
Scanseite 359 · Druckseite 345
Staͤdteweſen in Preuſſen (1379). 345 zen mit dem Wahlſpruche verfehen: „Die Ehre des Meifters liebt Gerechtigkeit“ und um ſie gegen das Einſchmelzen und Verarbeiten zu ſichern, ward beſtimmt, daß jedem, der die Muͤnze auf irgend eine Weiſe vernichten wuͤrde, die Hand ge⸗ laͤhmt werden ſolle !). Wie durch dieſe neue Muͤnzgattung der Handelsverkehr im Lande gefoͤrdert und mehr erleichtert wurde, ſo geſchah daſſelbe durch die Einfuͤhrung eines im gan⸗ zen Lande und namentlich auch in den Biſchofstheilen gleich⸗ maͤßigen Ellenmaßes, ſowie Winrich in der Landmeſſung ſtatt des bisher gewöhnlichen Seiles die Ruthe zu gebrauchen be⸗ fahl ). — In ſolcher Weife war der Meiſter unter den uns abläffigen Kriegszuͤgen feiner Ritter ins Heidenland von Jahr zu Jahr bemuͤht geweſen, der Pflicht des Landesfuͤrſten fuͤr die Wohlfahrt ſeiner Unterthanen in allen Beziehungen zu ge⸗ nuͤgen und wie wir ſpaͤter ſehen werden, war ſeine Regierungs⸗ zeit auch fuͤr die geiſtige Ausbildung ſeines Volkes nicht ganz erfolglos voruͤbergegangen. und eyntrechticlich geantwort alzo, Eyne grobe muͤntze als halbe Scho⸗ ter, Schillinger und vierechen ez bis her im lande geweſt und noch iſt, do myte die Inwoner dis landes und ouch alle geſte und kouflüͤte bis her wol und redelich mite behulfen han und noch von der gnade gots keyn gebreche alz müntze halben davon geweſt ez.“ Da nun hier nur der halben Scoter erwaͤhnt iſt, Lindenblatt S. 307 ebenfalls nur von ehemaligen halben Scotern ſpricht und keine aͤchte und zuverläffige Quelle etwas vom Praͤgen der vollen Scoter zu Winrichs Zeit weiß, ſo glauben wir, daß hier auch nur von halben Scotern nach dem Werth, den Lindenblatt a. a. O. angiebt, die Rede ſeyn koͤnne. 1) Der Wahlſpruch hieß: Honor Magistri iustitiam diligit; vgl. Lucas David B. VII. S. 35 - 36. Hartknoch Dissertat. XVI. p- 298. Braun Ausfuͤhrl. hiſtor. Bericht vom Poln. und Preuff. Muͤnzweſen S. 29. Warzmann Chron. des Ordens. (Mſcr.) 2) In den Privileg. eccles. Pomesan. p. XII heißt es: Nota quod dominus Wynricus Magister generalis cum preceptoribus suis, ut una mensura teneretur in terra, que dicitur Rute, convenit et nobis scripsit anno dni M. CCC. LXXX. sub secreto suo. Dann folgt der Brief des Hochmeiſters an den Biſchof von Pomeſanien we⸗ gen der Einführung eines gleichmäßigen Ellenmaaßes in feinem Lan⸗ destheile.
Scanseite 360 · Druckseite 346
Fünftes Kapitel. Wahrend in ſolcher Weiſe Winrich von Kniprode im Ver⸗ laufe der letzten Jahre in unermuͤdlicher Thaͤtigkeit nach Or⸗ densgebot und Fuͤrſtenpflicht bald mit Kriegszuͤgen und Feh⸗ den gegen die heidniſchen Litthauer, bald mit Beſeitigung ſtrei⸗ tiger Verhaͤltniſſe mit nachbarlichen Fuͤrſten!), am meiſten aber mit der innern Verwaltung ſeines Landes und mit den Ange⸗ legenheiten feines Ordens im In- und Auslande beſchaͤftigt geweſen, hatte ſich im Reiche und in der Kirche manches er⸗ eignet, was nicht ohne Einfluß auf den Orden in Preuſſen blieb. Bis zum Jahre 1379 hatte noch Kaiſer Karl der Vierte auf dem deutſchen Throne geſeſſen und wie im ganzen Verlaufe ſeiner Regierungszeit, ſo auch in den letzten Jahren dem Orden zahlreiche Beweiſe ſeiner Huld und Zuneigung ge⸗ geben, beſonders in Beziehung auf ſeine Balleien und Ordens⸗ haͤuſer in Deutfchland, weil dort der Orden des kaiſerlichen Schutzes immer noch am meiſten bedurfte). Wie gerne er 1) Dahin gehört z. B. eine Graͤnzſtreitigkeit und eine Ausglei⸗ chung darüber zwiſchen dem Hochmeiſter und dem Herzoge von Stolpe in Rückſicht der Graͤnzguͤter Wozkau, Schimmersdorf und Zeewitz im J. 1379 im Fol. Graͤnzbuch B. p. 100. 2) Zahlreiche Urkunden hieruͤber in Jaeger Cod. diplom. ordinis theut. T. II.; mehre auch im kleinen Privilegienbuche p. 14 — 19. In der einen urkunde ſpricht ſich der Kaiſer alſo aus: Wir haben angeſe⸗ hen die getruwen redelichen Dinſte, die uns und dem Riche die Erſa⸗
Scanseite 361 · Druckseite 347
Verhaͤltniſſe des Ordens zum Kaiſer (1379). 347 die Dienfte vergalt, die ihm vom Drden oder auch nur von einem Mitgliede deſſelben erwieſen wurden, gab er noch kurz vor ſeinem Tode kund, denn als im Jahre 1379 der Biſchof Heinrich von Ermland an den kaiſerlichen Hof kam, war des Kaiſers erſte Frage an ihn: in welcher Ordensburg Preuſſens jetzt Guͤnther von Hohenſtein Komthur ſey? Auf die Antwort: er verwalte zur Zeit das Amt zu Brandenburg, erwiederte Karl: Als er noch Komthur zu Schwez war, hat er mir ſo viele Gefaͤlligkeiten und eine fo große Zuneigung bewieſen, daß ich ihm dieſe nie vergeſſen werde und gerne ihm meine Gunſt und Erkenntlichkeit durch ein Ehrengeſchenk bethaͤtigen moͤchte !). Herr Kaiſer, entgegnete der Biſchof, ihr koͤnnet ihm ein Ge⸗ ſchenk geben, uͤber welches er ſich ſein Lebenlang gewiß am meiſten freuen wuͤrde, es iſt ein Stuͤckchen von den Reliquien der heiligen Katharina. Da der Kaiſer bedenklich aͤußerte, daß es eben nur ſehr wenig ſey, was er von dieſer Heiligen beſitze, erwiederte der Biſchof: es koͤnne ja bei ſeiner Ruͤckkehr nach Prag aus den Verdienſten der Heiligen vermehrt wer⸗ den ?), und fo überreichte Karl am andern Tage dem Biſchofe men geyſtlichen bruͤder des Tuͤtſchen Ordens, unſere lieben andechtigen uͤbir Berg mit uns ze ziehen gen Rom und ouch zu andern Ziten un⸗ vordrozſenlichen offt getan habin und teglichen tun und wol getun muͤ⸗ gen und ſullen in kuͤnftigen ziten und haben von angeborn gut vorſich⸗ tekeit bedacht und angeſehen die offenbarin angeſt und not, die ſie mit den Littawen und andern ungelöbigen luͤten unſer frawen ze dinſte und der Criſtenheit zu Troſte lange zit geliden habin und ouch tegelichin liden, davon ſie merclichin ſin beſwert und darumb habin wir ſie, alle ir Covent Huͤſer leut und gut unſer frawen ze Eren und unſer ſele ze troſte für andern begeben lüten yn unſern beſundern ſchirm enpfangen und genommen u. ſ. w. Vgl. auch Hiſtor. diplomat. unterricht und gruͤndl. Deduction Nr. 15 — 17. 1) Dieſe Verdienſte um den Kaiſer muß ſich Guͤnther noch vor dem J. 1370, wo er ſchon Komthur von Brandenburg war, erwor⸗ ben haben. Wir find jedoch darüber nicht näher unterrichtet. 2) Rex ait: Particula est parva, quam habemus. Episcopus ad hec: Cum revertimini in Pragam, ex meritis sancte Katherine poterit augeri, ohne Zweifel auf die bekannte Weiſe.
Scanseite 362 · Druckseite 348
348 Verhaͤltniſſe des Ordens zum Kaiſer (1379). wirklich eine Reliquie derſelben, mit dem Auftrage, das hehre Geſchenk dem Komthur zu uͤberbringen. Dieß geſchah. Guͤn⸗ ther von Hohenſtein empfing dieſen hohen Beweis der kaiſer⸗ lichen Gunſt mit außerordentlicher Freude, ließ ein praͤchtiges Bildniß der Heiligen verfertigen, ſchmuͤckte es reich mit Gold, Silber, Edelſteinen und der heiligen Reliquie und ließ es dann an einem feſtlichen Tage, zu welchem auch die nahen Biſchoͤfe, Gebietiger und Prieſter geladen waren, in einer feierlichen Pro⸗ ceſſion von mehr als zweihundert Geiſtlichen durch den Biſchof Heinrich von Ermland in Begleitung des Biſchofs Dieterich von Samland in die Kapelle des Ordenshauſes zu Branden⸗ burg bringen, wo es lange vom Volke in großer Verehrung gehalten ward. Es kam nachmals ins Haupthaus Marien⸗ burg, wurde dort in des Meiſters eigener Kapelle aufgeſtellt und immer hoch verehrt !). Man ſah es nie, ohne Karls Andenken dankbar zu erneuern. Anders fein Sohn, Wenzeslav, der ihm auf dem Throne folgte; er beſtaͤtigte zwar, was fein Vater zu Gunſten des Ordens angeordnet und ertheilte dieſem wohl auch manche Be⸗ weiſe ſeiner Gnade zumeiſt in Beziehung auf die Ordensbe⸗ ſitzungen in Deutſchland beſonders in den erſten Jahren ſeiner eben nicht ruͤhmlichen Regentſchaft, allein er bewilligte immer nur, was dringend von ihm erbeten ward, ohne daß ein ei⸗ genes reges Intereſſe fuͤr die Sache des Ordens je merklich bei ihm hervortritt?). So beruͤhrten unter ihm die Deutſchen Reichsverhaͤltniſſe den Orden in Preuſſen auch nur wenig; wir finden keine Spur, daß er vom Kaiſer je zu Reichsdienſten aufgefordert worden ſey, obgleich der Orden in Deutſchland, 1) Die Sache erzählt vollſtandig Wigand. p. 296. Linden⸗ blatt S. 45 erwaͤhnt ihrer nur mit wenigen Worten. Vgl. meine Geſchichte von Marienburg S. 171 — 172. 2) Die Urkunden hieruͤber in Jaeger Cod. diplom. T. II. Mehre Bewilligungen ſind für den Orden von Wichtigkeit; ſie betreffen indeſ⸗ fen die fpecielleren Verhöltniſſe deſſelben in Deutſchland, die wir hier nicht weiter beruͤckſichtigen können, da fie in gar keiner Verbindung mit der Geſchichte Preuſſens ſtehen.
Scanseite 363 · Druckseite 349
Verhaͤltniſſe des Ordens zum Kaiſer (1379). 349 dem ſeit dem Jahre 1379 Konrad Ruͤde als Meiſter vor⸗ ſtand 1), zu ſolchen Dienſten wohl verpflichtet geweſen zu ſeyn ſcheint ) oder fie dem Kaiſer doch vielfaͤltig leiſtete; gewiß iſt wenigſtens, daß ihn dort ſchon die vorigen Kaiſer von man⸗ chen Verpflichtungen und Obliegenheiten fuͤr das Reich freige⸗ ſprochen hatten. Eben ſo wenig miſchte ſich Wenzeslav in die auswaͤrtigen und innern Verhaͤltniſſe Preuſſens ein, wiewohl er neben dem Papſte immer noch als oberſter Schutzherr des ganzen Ordens galt und es hie und da auch Faͤlle gab, in denen man ſeinen Schutz in Anſpruch nahm. Von einem Übertragen Deutſcher Reichsanordnungen und Anſtalten in Preuſſens innere Verwaltung iſt jedoch in dieſer Zeit keine Spur zu finden ). Auch auf dem paͤpſtlichen Stuhle waren wichtige Veraͤn⸗ derungen erfolgt, denn nachdem der Papſt Gregorius der Elfte, mit welchem der Hochmeiſter noch in dem letzten Jahre wegen einiger Beſchwerniſſe gegen verſchiedene Kirchen in Pom⸗ 1) Sein Vorgänger Johann von Hain oder Heyn hatte das Amt von 1376 bis 1379 (nicht bis 1380) verwaltet, wie aus Urkunden bei Jaeger J. c. hervorgeht. 2) Wir erſehen z. B. aus einer Urkunde Karls IV. vom J. 1378 (Jaeger l. c.), daß der Ordenskomthur zu Mergentheim ebenſo wie der Komthur der Johanniter daſelbſt und der Abt des Kloſters Schoͤn⸗ thal verpflichtet war, eine Haͤlfte der Unterhaltungskoſten zu bezahlen, wenn der Roͤmiſche Kaiſer oder König oder die Kaiſerin oder Königin in Mergentheim einzog und ſich dort aufhielt. 3) Dieß gilt beſonders von der Behauptung Beckers S. 104, daß ſchon zu Winrichs Zeit die Weftphälifchen Fehmgerichte nach Preufs ſen verpflanzt geweſen ſeyen, eine Behauptung, die er bloß auf die Auctorität feiner erdichteten Quelle des Vincenz von Mainz ſtuͤtzt. Da wir aber weder in irgend einem Chroniſten noch in einer Urkunde die⸗ fer Zeit auch nur die mindeſte Spur vom Fehmgerichtsweſen in Preuf⸗ ſen jetzt ſchon ſinden und in meiner Commentatio de ordinis equitum teuton. certamine cum iudiciis Westphaliae secretis gesto hinlaͤnglich bewieſen iſt, daß die Fehmgerichte ihr heimliches Weſen hier erſt im 15. Jahrhunderte anfingen, fo koͤnnen wir dreiſt jene Behauptung ins Reich der Erdichtungen verweiſen, wohin ſie auch ſchon von ſelbſt ih⸗ rem Charakter nach gehört.
Scanseite 364 · Druckseite 350
350 Verhaͤltniſſe des Ordens zum Papſte (1379). mern in Unterhandlungen geſtanden n), im Jahre 1378 geſtor⸗ ben war, hatte eine doppelte Papſtwahl die kirchliche Einheit wiederum zerriſſen, da ein Theil der Kardinaͤle einen Papſt zu Rom, Urban den Sechſten, andere dagegen einen zu Avi⸗ gnon Clemens den Siebenten zur oberſten Wuͤrde der Kirche erhoben. Der Orden hielt ſich zu der ungleich ſtaͤrkeren Par⸗ tei Urbans in Rom 2) und der Tod des Biſchofs Bartholo⸗ maͤus von Samland am fuͤnften September 1378, ſowie des Biſchofs Johannes des Zweiten von Dorpat veranlaßten den Hochmeiſter auch ſogleich zu mancherlei Verhandlungen mit dem neuen Papſte. Die Wiederbeſetzung des Samlaͤndiſchen Biſchofsſtuhles fand keine weitere Schwierigkeit, denn die vom Samlaͤndiſchen Domkapitel vorgenommene Wahl Dieterichs, deſſen Name und Herkunft nicht weiter bekannt ſind, ward von Urban ſofort beſtaͤtigt und ſo trat der neue Biſchof ſein biſchoͤfliches Amt ſchon im Anfange des Jahres 1379 wirk⸗ lich an ). Weit verwickelter wurden die Verhaͤltniſſe bei der neuen Beſetzung des biſchoͤflichen Stuhles zu Dorpat, weil ſich hier 1) Nach einem Schreiben des Hochmeiſters an den Papſt im For⸗ mularbuche p. 72 betrafen die erwähnten Beſchwerniſſe gewiſſe Anfor⸗ derungen des Erzbiſchofs Jaroslav von Gneſen wegen verfchiedener Proceſſe, welche dieſer im Auftrage des Biſchofs von Augsburg als ehemaligen päpftl. Nuntius hatte publiciren muͤſſen und für welche nun die Procurationskoſten entrichtet werden ſollten. Wenn die Sache an ſich auch von keiner geſchichtlichen Wichtigkeit iſt, ſo erfreut doch der warme Eifer, mit welchem der Hochmeiſter ſich für die Kirchen beim Papſte verwendet und die Unmoͤglichkeit der Zahlung bei der großen Armuth der Kirchen darſtellt. 2) Raynald. Annal. eccles. an. 1578. Nr. 59. 3) Lindenblatt S. 43, wo er unrichtig Tylo genannt wird, wenn nicht vielleicht Dieterich Tylo ſein eigentlicher Name iſt. Die Nachricht bei Leo p. 146, daß Dieterich zuvor Dechant in Marburg geweſen ſey, iſt aus Simon Grunau Tr. IX. c. IV. 8. 9 ge: ſchöpft und darum ſchon unſicher. Nach einer andern Angabe ſoll er vorher Ordensprocurator in Rom geweſen ſeyn, was allerdings mehr Wahrſcheinlichkeit für ſich hat. Arnold und Hartknoch find in is ren Kirchengeſchichten Preuſſens der Nachricht Simon Grunau's gefolgt.
Scanseite 365 · Druckseite 351
Verhaͤltniſſe des Ordens zum Papſte (1379). 351 das Intereſſe der Geiſtlichkeit und das des Ordens abermals entgegentraten, indem das Domkapitel zu Dorpat den Dom⸗ herrn Dieterich Damerau bei dem Papſte in Vorſchlag brachte und von dieſem die Beſtaͤtigung erhielt, während unter Bez guͤnſtigung des Livlaͤndiſchen Meiſters und unter dem Vorge⸗ ben, die Beſtaͤtigung vom Gegenpapſte Clemens erhalten zu haben, ſich ein gewiſſer Albert Hecht nicht bloß des biſchoͤfli⸗ chen Stuhles in Dorpat bemaͤchtigte, ſondern ſich durch einen zahlreichen Anhang auch in den Beſitz faſt aller Burgen des Landes ſetzte. Da der Papſt Urban, ſehr erzuͤrnt uͤber den Vorgang der Dinge, dem Meiſter die Verhaftung dieſes letz⸗ tern mit aller Strenge anbefahl, dieſer dagegen allerlei Be⸗ denklichkeiten Über die möglichen gefahrdrohenden Schritte, die Albert Hecht wagen koͤnne, entgegenſtellte und dann, als er dieſen durch eine Geldſumme dahin gebracht, den biſchoͤflichen Stuhl wieder zu verlaſſen, doch geradezu gegen den vom Papſte ſchon beſtaͤtigten Dieterich Damerau als den offenbarſten Feind des Ordens proteſtirte, ſo waͤre es beinahe zu einem foͤrmli⸗ chen Bruche mit dem paͤpſtlichen Stuhle gekommen, wenn nicht der Hochmeiſter Winrich ſelbſt vermittelnd eingetreten waͤre und den Papſt wiederholt erſucht haͤtte, dem von ihm beftätigten Biſchofe, der als ein bitterer Widerſacher des Or⸗ dens dieſen bei Koͤnigen und Fuͤrſten in boͤſen Ruf gebracht habe, zur Aufrechthaltung des Friedens und der Ruhe in dem von den Unglaͤubigen an ſich ſchon ſehr gefaͤhrdeten Lande eine andere Stelle anzuweiſen. Vor allem aber war es die Art, wie Winrich ſich dieſer Streitſache annahm und wie er ſich offen und frei gegen den Papſt ausſprach, die dieſen völlig mit dem Orden wieder ausſoͤhnte, denn am meiſten hatte ihn offenbar die Nachricht gekraͤnkt, daß man die Beſtaͤtigung ſei⸗ nes Gegners in Avignon benutzt habe, um den angeblichen Guͤnſtling des Ordens auf den biſchoͤflichen Stuhl von Dor⸗ pat zu bringen ). Der Hochmeiſter wuͤnſchte freilich am mei⸗ 1) Die ſpeciellen Nachrichten über dieſe Verhaͤltniſſe finden ſich in den in der Anmerk. zu Lindenblatt S. 44 — 45 angeführten Brie⸗
Scanseite 366 · Druckseite 352
352 Verhaͤltniſſe des Ordens zum Papſte (1379). ſten ſeinen Brudersſohn Winrich von Kniprode, damals Licen⸗ tiat im Rechte, als Biſchof von Dorpat zu ſehen, weshalb er ihn dem Papſte nicht bloß als einen ſeiner treueſten An⸗ haͤnger, ſondern auch als einen ſehr ausgezeichneten jungen Mann zur Verſorgung mit einem Biſthum oder ſonſt einem kirchlichen Amte empfahl n). Und Winrich würde ſicherlich ſei⸗ nen Wunſch auch erreicht haben, waͤre die Sache durch den Ordensprocurator Heinrich Brunner, der damals ſchon als be⸗ ftändiger Geſchaͤftstraͤger oder als ſtehender Geſandter beim paͤpſtlichen Hofe angeſtellt war, um dieſe Zeit aber ſich in wichtigen Ordensangelegenheiten bald nach Deutſchland, bald nach Ungern und Livland begeben mußte, am paͤpſtlichen Hofe fen im Formularbuche p. 69 — 70 und 73. Auf die Worte des Pap⸗ ſtes: Ad nostram pervenit audienciam, quod quidam iniquitatis filius nomine Albertus Hecht, asserens se a perditionis alumno Roberto olim Basilice XII. apostolor. presbitero Cardinali nunc antipapa ad ecclesiam Tarbatensem promotum — nonnulla castra diete Eeclesie temere occupavit und auf die Beſchuldigung, daß der Meiſter und Orden der Sache des Gegenpapſtes zugethan ſeyen, erklaͤrt der Mei⸗ ſter in ſeinem Schreiben an den Papſt: Sanctitatem vestram semper verum, solum et unicum papam ac verum jesu christi in terris vi- carium professus sum et recognovi ac profiteor et recognosco; sem- per et ubilibet s. v. in omnibus mandatis et beneplacitis tamquam humilima vestra factura obediens esse et paratus volo ut teneor et debeo, ut astringor, nitor et volo eciam clementissime pater me corpore et rebus exponere eto. Vgl. Detmar B. I. S. 314. N Vgl. oben S. 88. Anmerk. 1. Wir haben zwei Empfehlungs⸗ ſchreiben des Hochmeiſters an den Papſt; in dem einen heißt es: Ve- stre sanctitati Winricum filium fratris mei, qui in jure civili licen- ciatus dinoscitur, devocius recommendo, exponens prefate v. S., qualiter a sua prebenda, quam a papali provisione in ecclesia Ma- guncium habere dinoscitur, pro eo quod a veritatis tramite et a papali obedientia ipsorum rebellioni adherendo nunquam discedere disposuit, fructum nunquam est assecutus aliquem. — Quare beat. pater vestra causa dei mei meorumque in ordine existentium sive bone voluntatis propositum benigne advertat sanctitas que de aliqua ecclesia sive episcopatu loco alicubi se offerente, sibi dignetur mi- sericorditer providere.
Scanseite 367 · Druckseite 353
Verhaͤltniſſe des Ordens zu Litthauen (1380). 353 kraͤftiger unterſtuͤtzt und betrieben worden ). Indeſſen gab der Papſt dem Hochmeiſter doch bald darin einen Beweis ſei⸗ ner Gewogenheit, daß er Winrichs Bruders ſohne den biſchoͤf⸗ lichen Stuhl von Oeſel übertrug *). Noch wichtiger aber fuͤr den Orden waren die Veraͤnde⸗ rungen, welche im Verlaufe des Jahres 1380 in den Ver⸗ haͤltniſſen Litthauens eintraten. Wir ſahen bereits, daß nach Olgjerds Tod zwiſchen Kynſtutte und Jagal, den beiden ober⸗ ſten Fuͤrſten des Landes, deren letzterer ſich ſchon oberſter Her⸗ zog und bald auch oberſter König der Litthauer nannte ), kei⸗ neswegs mehr die Einigkeit der Geſinnung und das kraftige Zuſammenwirken in ihren Unternehmungen bemerkbar war, wie früher zwiſchen Olgjerd und Kynſtutte. Jagal, der um dieſe Zeit gewiß nicht ohne weitausſehende Hoffnungen den maͤchti⸗ gen Mamai, das Haupt der Tataren, gegen den Großfürften von Rußland unterſtuͤtzte, weil dieſer das Zerwuͤrfniß der Lit⸗ thauiſchen Fuͤrſten benutzend ſich verſchiedener fruͤher zu Ruß⸗ land gehöriger Gebiete bemaͤchtigt hatte“), trachtete ſchon jetzt nach viel zu hohen Dingen, als daß er ſeinen Oheim oder einſt deſſen Sohn Witowd neben ſich ſtehen ſehen mochte, und die Verhaͤltniſſe ſchienen ihm guͤnſtig, beide mit Hülfe des Or⸗ dens ihrer Herrſchaft zu berauben und als Alleingebietſher Lit⸗ thauens aufzutreten. Seit laͤngerer Zeit hatte theils die Wit⸗ terung theils manches andere Hinderniß die Gebietiger in Preuſ⸗ ſen abgehalten, ihre Heereszuͤge ins heidniſche Land fortzuſetzen und Jagal, zum Theil in Rußland beſchaͤftigt, hatte mit Ab⸗ ſicht ohne beſondern Anlaß ſein Schwert nicht gegen den Or⸗ den ziehen mögen ); denn ohne Zweifel ging er ſchon damals 1) Brief des Hochmeiſters an den Papſt im Formularbuche p. 73, worin er den Ordensprocurator wegen ſeiner langen Abweſenheit vom paͤpſtl. Hofe entſchuldigt. 2) S. oben S. 88. Anmerk. 1. Vgl. Bergmanns Magazin fuͤr Rußlands Geſchichte B. I. H. 2. S. 22. 3) Vgl. die Urkunden bei Baczko B. II. S. 231 und 283. 4) Karamſin B. V. S. 42. 49 50. * Lindenblatt S. 45, Die Kriegszuͤge, welche Wigand. 8 23
Scanseite 368 · Druckseite 354
354 Verhaͤltniſſe des Ordens zu Litthauen (1380). mit dem Plane um, durch den er zur Alleinherrſchaft ganz Litthauens zu gelangen hoffte. Sein naͤchſtes Werkzeug hiebei war fein Guͤnſtling Waydelo, dem Angeben nach eines Baͤckers Sohn, der ſchon unter Olgjerd zu höheren Amtern gelangt und durch Jagals Gunſt bis zur Würde eines Bojaren und Statthalters von Lida geſtiegen war, dann eine Schweſter Jagals zur Gemahlin erhalten und aus Haß, weil Fuͤrſt Kyn⸗ ſtutte dieſe Verbindung ſehr gemißbilligt, ſeinen Fuͤrſten zu uͤberreden gewußt hatte, daß ſein Oheim und deſſen Sohn Witowd nach feiner Herrſchaft trachteten!). Mochte dieß Wahrheit oder Erdichtung ſeyn: Jagal that ſofort den erſten Schritt zur Ausführung feines Planes, ſandte feinen Guͤnſt⸗ ling Waydelo zum Hochmeiſter, um dieſen von ſeinen fried⸗ lichen Geſinnungen und ſeinem Wunſche zu verſoͤhnenden Un⸗ terhandlungen mit dem Orden zu benachrichtigen, und ließ zu⸗ gleich, um das Ziel ſeiner Beſtrebungen gegen Kynſtutte ſo viel als möglich zu verbergen, einige Ordensgebietiger zu einem veranſtalteten Jagdvergnuͤgen nach Litthauen einladen ?), denn ſeine Abſicht ging auf nichts anders hinaus, als ſeine Lande, die er einige Monate zuvor ſchon durch einen Waffenſtillſtand mit dem Ordensmeiſter von Livland, mit ausdruͤcklicher Aus⸗ p. 296 in den Anfang des J. 1380 ſetzt, gehören, wie wir nachher zeigen werden, in eine fpätere Zeit. 1) Kojalowiez p. 356, wo ber Günftling Woidilo genannt und als ein homo nascendi sorte infima, ingenio vafer et promptus be= zeichnet wird. Diugoss. IL. X. p. 62 nennt ihn Voydilo. Lucas David B. VII. ©. 150. Schloͤzer Geſchichte von Litthauen S. 80. In Urkunden kommt der Name Waydelo geſchrieben vor; ſo erſcheint der Guͤnſtling als Zeuge unter den Bojaren Jagals im J. 1379, In Verſchreibungsurkunden findet man auch Waytil. So erhaͤlt ein Way⸗ til aus Litthauen von Winrich zwei Huben bei Ragnit angewieſen, doch unter der Bedingung, ſie wieder aufzugeben und nach Litthauen auf fein dortiges Beſitzthum zuruͤckzukehren, ſobald das Land ero⸗ bert ſey. 2) Wigand. I. c. Rex Jagel hoc tempore per nuncios optinet a Magistro Wynrico, ut ad eum dirigeret fratres ad venationem in Dowidisken.
Scanseite 369 · Druckseite 355
Verhaͤltniſſe des Ordens zu Litthauen (1380). 355 ſchließung Kynſtutte's und der Samaiten, ſicher geſtellt hatte n), auch durch ein Buͤndniß mit dem Orden in Preuſſen gegen feindliche Einfaͤlle von dorther zu verwahren und durch heim⸗ liche Mitwirkung zum Kampfe gegen Kynſtutte dieſen mit den Seinen gaͤnzlich zu vernichten. Nach einer mit den oberſten Gebietigern gehaltenen Be⸗ rathung ſandte der Meiſter Winrich den Großkomthur Ruͤdi⸗ ger von Elner, den Oberſtſpittler Ulrich Fricke, den Vogt von Dirſchau und einige andere nach Litthauen mit der Vollmacht, mit Jagal wegen des Friedens in Unterhandlungen zu treten, ſey es daß man, wie ſchon erwaͤhnt, uͤber die Bedenklichkeit, mit dem Heiden Frieden zu ſchließen, bereits hinweg war oder daß Jagal Hoffnung zur Annahme der Chriſtenthums gegeben. Vielleicht jedoch hatte Winrich auch andere Abſichten, denn ge⸗ wiß iſt wenigſtens, daß man auch in Preuſſen die Nachricht hatte, Kynſtutte, der arge Chriſtenfeind, trachte nach dem Be⸗ ſitze ganz Litthauens und ſuche ſich daher mehr und mehr der feſten Burgen ſeines Neffen zu bemaͤchtigen. Um ſo lieber mochte vielleicht jetzt der Hochmeiſter mit Jagal in friedliche Unterhandlungen treten, weil ihm wohl nichts erwuͤnſchter ſeyn konnte, als die Zwietracht zwiſchen beiden Fuͤrſten zu unter⸗ halten und ſelbſt noch zu vermehren?). Wie dem indeß auch ſeyn mag: auf dem Felde Daudisken trafen die Gebietiger mit Jagals Geſandten, den beiden Herzogen Witaut und 1) Dogiel T. V. Nr. LVIII. p. 81. Von Kynſtutte heißt es in der Urkunde: Ab istis vero pace et Treugis Rex Keystuten, sui et terrae suae et illi de Somaythen omnino esse debeant exclusi, ita quod nullas pacem et treugas inter praedictos Regem Keystnten et illos de Samoyten volumus obtinere. 2) Dieß leuchtet aus dem Briefe hervor, den bald nachher ein ho⸗ her Ordensgebietiger an Jagals Mutter ſchrieb; denn es heißt darin: Vestra eciam perpendat nobilitzs, ad quid iste furens tamquam ca- nis rapidus (ohne Zweifel Kynſtutte) non solum in Christianos, sed eciam in Litwinos sua fovetur in melicia, qui cottidie prout alias vos lacius pr munimus, ut ab aliis audivimus, ad regnum anhelat Litwinorum , et quomedo vestrum gloriesnn possit tradere Slivrg Jagalum sibi gentes et castra cum toto regoo valeat subiugare. 23*
Scanseite 370 · Druckseite 356
356 Verhaͤltniſſe des Ordens zu Litthauen (1380). Ywan und dem erwähnten Bojaren Waydelo zuſammen und nachdem der Großkomthur die vornehmen Litthauer mit einem glänzenden Gaſtmahle bewirthet und ein großes Jagdvergnüͤ⸗ gen beendigt war, trat man in Unterhandlungen zum Abſchluſſe eines Friedensvertrages ;), der auch wirklich nach wenigen Ta⸗ gen auf folgende Bedingungen zu Stande kam: Jagal ver⸗ ſpricht dem Orden in Livland und Preuſſen vollen Frieden und Sicherheit fuͤr alle Lande und Leute; zieht der Orden mit einem Heere in Kynſtutte's oder deſſen Kinder Gebiet ein, um es zu verheeren und jagt dann Jagal mit einem Heere zu, ſo ſoll damit der Friede keineswegs gebrochen ſeyn; doch ſoll er keinen Kampf mit dem Ordensheere eingehen oder ihm ſonſt mit Streite Schaden thun. Gefangene aus dem Ordensheer ſollen ohne Schatzung ſofort wieder freigegeben werden. Fal⸗ len Ordenskrieger bei Verheerung von Kynſtutte's Gebiet ohne ihr Wiſſen in Jagals Land und thun ſie Schaden darin oder greifen einige Gefangene auf, ſo ſoll auch damit der Friede nicht verletzt ſeyn, doch ſollen auch dieſe Gefangene ohne Schatzung frei gelaſſen werden. Damit indeſſen dieſes Ein⸗ verſtaͤndniß nicht bemerkbar werde, will man vorgeben, daß für die Gefangenen Loͤſegeld gezahlt werde ?). 1) So weit Wigand. l. c. Aus den Worten: Quo facto Jagel adduxit duos duces, sc. Witaut et Ywan vulgariter dietos et Way- delen Baiorem etc. quos omnes Magnuscommendator vocatos ad prandium in deserto regaliter tractat, darf man wohl ſchließen, daß Jagal ſelbſt mit gegenwärtig geweſen ſey. Man brachte im Ganzen fünf Tage mit Vergnügungen und Unterhandlungen zu. Den Herzog Witaut (wie ihn Wigund. ſchreibt) wird man nicht mit Witowd, Kynſtutte's Sohn, verwechſeln. 2) Das Original dieſes Vertrages, dat.: uf dem velde Daudiske in den Jaren unſers herren 1380 am achten tage des heil. Lichnams, im geh. Arch. Schiebl. 52. Nr. 4; es iſt die von Jagal ausgeftellte und mit feinem (ſchon beſchaͤdigten) Siegel verſehene Urkunde, gedruckt bei Baczko B. II. S. 2335 eine alte Abſchrift im Cod. Oliv. p. 182 im geh. Staatsarchiv zu Berlin. Erwähnt wird dieſes Friedens auch bei Kojalowiez p. 358, Dlugoss. L. X. p. 62, Lucas David B. VII. S. 117. Wigand. I. c. ſetzt ihn unrichtig ins J. 1381, iſt
Scanseite 371 · Druckseite 357
Verhaͤltniſſe des Ordens zu Litthauen (1380). 357 Jagal hatte durch dieſen Frieden vollkommen erreicht, was er erſtrebt. Ohne oͤffentlich für einen Freund und Verbuͤnde⸗ ten des Ordens zu gelten, hatte er nun des Ordens ganze Kriegsmacht auf Kynſtutte allein gelenkt und es ſchien unmoͤg⸗ lich, daß dieſer allein der Gewalt des Feindes lange werde widerſtehen koͤnnen. Auch der Orden ſchien durch dieſen Frie⸗ den viel zu gewinnen, denn einer Seits war nun ein großer Theil feiner Graͤnzlande gegen feindliche Einfälle völlig ge⸗ ſichert, anderer Seits hatte er bei ſeinen Kaͤmpfen im feind⸗ lichen Lande jetzt kaum noch die Hälfte der Streitkraͤfte gegen ſich und endlich konnte Jagal den Ordensherren die Befeh⸗ dung der feindlichen Lande uͤberdieß auch vielfach erleichtern. Dieſe Hoffnung auf Jagals Beihuͤlfe war ohne Zweifel auch der Grund, daß man das Jahr 1380 ohne bedeutende Kaͤmpfe mit Kynſtutte voruͤbergehen ließ !), denn jener Fuͤrſt, wie ſein Vater Olgjerd Rußlands bitterer Feind, war als Verbuͤndeter des Tatariſchen Chans Mamai im Kampfe gegen den Ruſſiſchen Großfuͤrſten Dimitry Joannowitſch viel zu ſehr beſchaͤftigt und mit ſeiner Streitmacht zu entfernt, als daß der Orden auf ihn haͤtte rechnen koͤnnen. Als aber Rußlands große Rettungsſchlacht auf dem Kulikower Felde im Herbſt dieſes Jahres geſchlagen, Jagal ohne Theil zu nehmen fluͤch⸗ uͤberhaupt in der Chronologie hier ſehr verwirrt. Er ſpricht zweimal von einer friedlichen Unterhandlung mit Jagal und zwar das zweite⸗ mal in mancher Hinſicht abweichend, ſo daß man dieſes fuͤr eine an⸗ dere Unterhandlung halten ſollte. Die Angabe bei De Wal T. IV. p. 3, daß ſich der Vertrag nur auf die Ritter in Livland bezogen zu haben ſcheine, wird durch die Urkunde von ſelbſt widerlegt. 1) Wigand 1. c. erzählt zwar die naͤchſtfoigenden Kriegszuͤge im J. 1380; aulein wir konnen dieſe Zeitangabe bei ſeiner Verwirrung in der Chronologie um ſo weniger fuͤr richtig annehmen, weil nicht nur Schütz p. 82, ſondern auch Lindenblatt S. 47 ganz beſtimmt das J. 1381 anführen und die Angabe des Tages, an welchem der Mar⸗ ſchal die Burg Nawenzille belagerte — bei Lindenblatt am 13. Hornung, bei Wigand. in die Valentini — bis auf einen Tag zu⸗ ſammenſtimmt. Vgl. Detmar S. 317.
Scanseite 372 · Druckseite 358
358 Kriegszüge nach Litthauen (1381). tend in fein Land zuruͤckgekehrt ) und der für Kriegsreiſen guͤnſtigere Winter eingetreten war, begann der Orden ſeine Heereszuͤge nach Litthauen wieder mit neuer Kraft, denn waͤh⸗ rend der tapfere Komthur zu Ragnit Wigand von Balders⸗ heim ins fübliche Samaiten einbrach, das Land um Paſtow und ſechs Meilen umher alles verwuͤſtete und neun reiſigen Kriegsgaͤſten dort den Ritterſchlag ertheilte 2), der Meiſter von Livland aber zu gleicher Zeit in des Landes noͤrdliche Theile einfiel, ſiebenhundert Gefangene und eine große Anzahl Roſſe als Beute davon fuͤhrte ); waͤhrend alſo dem Fuͤrſten Kyn⸗ ſtutte von daher alle Beihuͤlfe abgeſchnitten war, zog auf des Meiſters Geheiß der Ordensmarſchall Kuno von Hattenſtein mit dem Großkomthur Ruͤdiger von Elner, mehren andern Or⸗ densgebietigern und vielen edlen Kriegsgaͤſten, unter denen der Markgraf von Baden und manche andere hervorglaͤnzten, an der Spitze eines anſehnlichen Streitheeres gegen die feindliche Graͤnze ). Über Weygow an der Strebe ziehend wandte ſich die Kriegsmacht in einzelnen Haufen zum Theil nach Dirſu⸗ nen⸗Haus ), welches die Bewohner vor des Feindes An⸗ kunft in Brand ſteckten und entflohen, zum Theil warf ſie ſich vor die Burg Nawenpille am Memel⸗Strome 6), welche 1) Vgl. hierüber Karamſin B. V. S. 48 — 59; Lindenblatt S. 47, Detmar S. 313. 2) Bei Wigand. heißt es: novemque ibidem faciunt milites ho- nore dignos et unum Persevant nomine Bartholomeus. Der Chro⸗ niſt ſcheint von zwei Zügen nach Samaiten zu ſprechen, wenn es nicht wieder eine Wiederholung iſt. Auch dieſen Zuͤgen wohnten viele pere⸗ grini und hospites bei. 3) Lindenblatt a. a. O. Detmar S. 317. Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 481. 4) Wigand. nennt außer dem Marchio de Baden, qui in terram Prussie vocatus erat, auch Domini de Lecke et de Vevenburg; doch ſcheinen dieſe Namen verdorben zu ſeyn. 5) Domus Dirsunen nach Wigand., Dirſunenhus nach Det mar, das heutige Durſchiniſchky an der Memel. 6) So kommt es beſonders auch oft in den Wegeverzeichniſſen vor, obgleich man es auch Naupille geſchrieben findet. Es lag hart an der Memel, wie die erwähnten Verzeichniſſe deutlich ausweiſen,
Scanseite 373 · Druckseite 359
Kriegszüge nach Litthauen (1381). 359 am vierzehnten Februar ſtark belagert und mit mehren Bom⸗ barden ſo gewaltig beſchoſſen wurde, daß die Beſatzung, er⸗ ſchreckt durch die neue Erſcheinung ſolches Geſchuͤtzes, bald keinen Widerſtand mehr wagte!) und ſich mit Weib und Kind, an dreitauſend in der Zahl, den Ordenskriegern ergab und un⸗ ter dem Verſprechen, ſich des Ordens Herrſchaft zu fuͤgen, als Gefangene hinweggeführt ward. Als man dann die Burg durch Feuer vertilgt, warf ſich ein Theil des Heeres in das Gebiet von Laukisken 2), wo man heerte und brannte, ein an⸗ derer zog vor die Burg Sunnenpil, wo alles den Flammen übergeben wurde und der Markgraf von Baden fi) den Rit⸗ terſchlag ertheilen ließ). Ohne allen Verluſt kehrte das Or⸗ densheer nach Preuſſen zuruͤck, denn es hatte ſich nirgends ein Feind im offenen Felde gezeigt, weshalb der Hochmeiſter in Klöftern und Kirchen öffentliche Dankgebete zu halten befahl *). weshalb es Neuſtadt an der Szeszuppe, wie bei Lindenblatt S. 47 Anmerk. geſagt iſt, nicht ſeyn kann. Es ift vielmehr hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich das heutige Nowapanzy an der Memel, denn in der Gegend von Waigow und Durſchiniſchey muß es nach Wigand liegen. Corner. Chron. p. 1185 hat den verſtuͤmmelten Namen Anenpyl, zähle aber nur 400 armigeri, welche darin gefangen wurden. 1) Nach Wigand. Opponunt se castro Bombarden advolventes crastina die sagittis impugnant, multi quoque paganorum perterriti sunt, quum ante hec tempora non asportabant bombardas contra Paganos; unde subdiderunt se cum coniugibus et pueris perpetuo ordini adherere promittentes. 2) Kommt in den Wegeverzeichniſſen öfter vor. 3) Die Einnahme von Nawenpille erzählt Wigand. wieder zwei⸗ mal. Bei der einen Erzaͤhlung finden wir 4000 Gefangene, welche das Heer mit nach Preuſſen brachte; Lindenblatt S. 47, Det⸗ mar S. 317 erwähnt ebenfalls 4000 Gefangene; vgl. Schütz p. 82, wo aber die Namen ſehr verdorben ſind. 4) Wir haben hierüber noch einen Brief des Hochmeiſters an den Hauskomthur von Danzig, dat.: Esto mihi 1381, worin es heißt: Wyſſet das unſer luͤte us der Reyſe komen fon wol farende ſunder al⸗ len ſcadin und hat en von gnaden godis wol geganghen, fe habin das hus Nuwenpil gewunen dar uf fe vyl Lüte gefunden han und Dirſunen hus das ſe ledich funden, han ſe vorbrant und haben myt en herabe
Scanseite 374 · Druckseite 360
360 Kriegszuge nach Litthauen (1381). Von deman aber dauerten die Hin⸗ und Herzuͤge der feindlichen Heere zu Raub und Brand nun unabläflig fort, denn bald ſah man den Ordensmarſchall wieder in den Ge⸗ bieten von Geſow, Labune und bis an die Nerige oder Wi⸗ lia alles verheerend und pluͤndernd oder in Unterhandlungen mit Kynſtutte über die Auslöfung der Gefangenen beſchaͤftigt, bald brach er mit den zahlreich angekommenen Kriegsgäften ') von Inſterburg aus in Feindesland ein, bald wiederum ſtuͤrmte Kynſtutte aus der Gegend von Nawenpille mit Mord und Brand bis in die Naͤhe von Wehlau vor heerend und pluͤndernd, bis ihn der Vogt von Samland und der Pfleger zu Tapiau zu⸗ ruͤckdraͤngten, bald drang er mit ſeinen Streithaufen über die Inſter ins Nadrauerland und vor bis an die Deime, wo ihn der Marſchall mit feiner Streitmacht zur Ruͤckkehr zwang; bald wagte ſich von neuem der wackere Komthur zu Ragnit ins feindliche Land, um etwa hundert Gefangene und einige hundert Roſſe als Beute mit hinweg zu führen ?). Ohne Zweifel hatten theils ſchon dieſe Ereigniſſe, weil Jagal an der Bekaͤmpfung des Ordens nie Theil genommen, theils auch der Umſtand, daß er ſeit kurzem den ſtolzen Titel eines oberſten Koͤniges von Litthauen führte, in Kynſtutte's Seele das Mißtrauen gegen ihn bedeutend verſtaͤrkt und ſei⸗ bracht wol III dr. menſchen und groſſen rob, worume tut wol, ſagit ir uwyr pfafheyt und lazit is ouch in der ſtat und den Monchen czu der Olive wyſſentlich tuen das ſe mit uns got unſern herrin in eren Meſſyn und gebete loben und danken ym ſyne gnade. (Im Hanf. Receſſ.). 1) Wigand. ſagt: Anno 1381 veniunt in Prussiam Comes Starke de Marchia Comesque Clemens. 2) Wigand. I. o. erzählt dieſe Züge viel genauer, ohne jedoch et⸗ was Erhebliches von dem einen oder dem andern berichten zu können. Den Einfall Kynſtutte's nach Wehlau ſetzen Lindenblatt S. 48 und Detmar S. 319 in den Anfang des J. 1382. Nach Wigand führte der Feind auf dieſem Zuge 500 Gefangene mit ſich fort. Von einem Angriffe des Feindes bei feinem Einfalle in Nadrauen hielt den Marſchall das ſtarke Anſchwellen der Fluͤſſe ab, denn nach Wigand tanta inundacio in desertis erat, quod cum fatiga parva flumina compulsi sunt transnare.
Scanseite 375 · Druckseite 361
Kynſtutte und Jagal in Zwietracht (1381). 361 nen Verdacht wegen des Fürften heimlichen Einverſtaͤndniſſes mit feinen Feinden von neuem erweckt, als folgendes Ereig⸗ niß die Angabe mehrer Freunde, daß Jagal mit dem Orden insgeheim im Buͤndniſſe ſtehe, zur völligen Gewißheit brach⸗ te). Um den Ordensmarſchall, wie es ſcheint, durch Taͤu⸗ ſchung ſicher zu ſtellen, hatte ihn Kynſtutte auf eine beſtimmte Zeit um einen Berathungstag erſuchen laſſen und Kuno von Hattenftein hatte ihm dieſen auch zugefagt?). Mittlerweile aber ſandte Kynſtutte ſeinen Sohn Witowd mit einer anſehn⸗ lichen Streitſchaar an die Memel in die Gegend von Marien⸗ burg und Georgenburg, wo er vom Kellermeiſter und ſechs Withingen aus Marienburg, die nach der Baierburg ritten, erfuhr, daß dieſe letztere Feſte nur ſehr ſchwach mit Mann⸗ ſchaft beſetzt ſey. Eiligſt hievon benachrichtigt ließ Kynſtutte ſofort auch Jagal'n zum Heranzuge erſuchen, denn damit wollte er den Fuͤrſten in ſeinem Verhaͤltniſſe erproben. Jagal ſelbſt erſchien indeſſen nicht; doch ſuchte er den Oheim dadurch über feine Stellung zum Orden zu taͤuſchen, daß er ihm ſei⸗ nen Bruder Karjebut zuſandte und fo brach nun Kynſtutte alsbald mit einem Heere gegen die Baierburg auf und be⸗ 1) Daß Kynſtutte zuvor ſchon durch Freunde von Jagals heimli⸗ chen Umtrieben unterrichtet war, ſagt Witowd in ſeinem fruͤher er⸗ waͤhnten Berichte im Fol. F. Die Angabe, daß der Komthur von Oſterode Kynſtutte'n das heimliche Einverſtaͤndniß verrathen habe, wie Lucas David B. VII. S. 151 und Diugoss. L. X. p. 62 erzaͤh⸗ len, iſt ſchon durch den unrichtigen Namen Sundeſtein verdaͤchtig, denn der damalige Komthur dieſer Burg war Kuno von Liebenſtein. De Wal T. IV. p. 4 hat daher wohl Recht, wenn er ſagt: On lit dans Kojalowiez P- 358: cum Augustini Sudsteinii Ostrodomensis Prae- fecti indicio res ad Keistutum emaähavit etc.; d’oü Pon peut con- Jecturer que ces &crivains auront lu Osterode pour Ostrodom, qui pourroit bien etre Ostrog. 2) Bei Wigand. heißt es: Frater Kun de Hattenstein Marschal- cus cum Rege Kynstut de nutu utriusque diem placiti statuunt; daß es auf eine bloße Taͤuſchung hiebei abgeſehen war, wird zwar nicht ausdruͤcklich erwaͤhnt; aber der ganze Verlauf der Dinge beweiſet es, wie denn auch wirklich keine Berathung Statt fand.
Scanseite 376 · Druckseite 362
362 Kynſtutte und Jagal in Zwietracht (1881). flürmte fie von drei Seiten, um fie durch Ausfuͤllung der Burggraben und Niederbrennung der Vorburg ſo ſchnell wie moͤglich zu gewinnen. Obgleich aber die Ordensritter ſich aus dieſer wegen der Schwaͤche ihrer Mannſchaft zuruͤckziehen und ſie in Flammen aufgehen ſehen mußten, ſo vertheidigten ſie doch trotz ihrer geringen Zahl die Hauptburg mit der aͤußer⸗ ſten Tapferkeit, ſelbſt dann noch als ein Theil derſelben ſchon in Flammen ſtand. Fuͤnf Tage lang hielten ſie ſich gegen den Sturm des Feindes mit muthiger Entſchloſſenheit. Da kam der Ordensmarſchall zu dem anberaumten Berathungs⸗ tage von Ragnit und die Baierburg war nun gerettet; denn kaum hatte er Nachricht von dem ſtarken vor ihr liegenden Heere, als er es eiligſt nach Ragnit meldete und der Kom⸗ thur Wigand von Baldersheim ſchnell mit ſeinen Schalauern der bedraͤngten Burg zu Huͤlfe kam und ſo den Feind zum Abzuge zwang, ohne daß dieſer einen Kampf wagte ). Jetzt war Kynſtutte von Jagals heimlicher Verbindung mit dem Orden vollkommen uͤberzeugt; er hatte die Urſache klar durch⸗ ſchaut, warum der Fürft nicht ſelbſt zur Belagerung der Baier⸗ burg gekommen war; er ſchrieb ihm allein die Schuld zu, daß ſie nicht hatte gewonnen werden koͤnnen und er erwartete jetzt nur eine guͤnſtige Gelegenheit, ſich des gefaͤhrlichen Geg⸗ ners zu verſichern. Sie erfolgte bald unter folgenden Ereigniſſen. Andreas, ein Sohn Olgierds von deſſen zweiter Gemahlin und alſo wahrſcheinlich ein Stiefbruder Jagals, hatte bisher das Fuͤr⸗ ſtenthum Polotsk verwaltet. Da er aber ſeinem Oheim Kyn⸗ ſtutte mehr zugethan war, fo wurde plotzlich Skirgal, gleich⸗ falls ein Sohn Olgjerds, aber Jagals rechter Bruder, von dieſem zum Fuͤrſten von Polotsk erhoben und Andreas mußte nach Pſkow und dann nach Moskau entfliehen, um dort dem Großfürſten von Rußland zu dienen 2). Die Bewohner von 3 1) Wigand. p. 297. Schütz p. 82 erwähnt der Belagerung der Baierburg nur ganz kurz. 2) S. Karamſin B. V. S. 42. 52. 78. Andreas wird hier Andrei Or 'gerdowitſch genannt. Daß er wirklich ein Sohn Olgjerds
Scanseite 377 · Druckseite 363
Kynſtutte und Jagal in Zwietracht (1381). 363 Polotsk indeſſen, dem vertriebenen Fürften treu ergeben, em⸗ pörten ſich wider Skirgals Herrſchaft, ſtuͤrzten ihn von ſei⸗ nem neuen Fuͤrſtenſtuhle und vertrieben ihn unter Spott und Hohn aus ihrer Stadt. Flüchtend kam er zu feinem Bruder Jagal zuruck, der ihm nicht nur ſelbſt ein anſehnliches Heer ſtellte, ſondern auch den Meiſter von Livland zu bewegen wußte, mit einer bedeutenden Streitmacht herbeizuziehen, um feinen Bruder die Herrſchaft wieder zu gewinnen. Die Stadt wurde lange Zeit ſchwer belagert; allein die tapfern Buͤrger, die ſich gerne dem Meiſter von Livland ergeben, aber eher ſterben, als Skirgals Herrſchergebote wieder unterworfen ſeyn wollten, vertheidigten ſich mit ſolchem Heldenmuthe, daß es der ſtarken Kriegsmacht der Belagerer nicht möglich war, ſich der Stadt zu bemaͤchtigen. Dieſe Zeit nun war es, da Ja⸗ gal eben den groͤßten Theil ſeiner Krieger ſeinem Bruder zu Huͤlfe gegeben, welche Kynſtutte wahrnahm, um ſeinen Plan auszuführen‘). Ploͤtzlich erſchien er in der Mitte des Auguſts mit einem ſtarken Heere von Samaitiſchen Reitern vor Ja⸗ gals Hauptſtadt Wilna, ſie ſchnell von allen Seiten umzin⸗ gelnd. Jagal war auf ein ſolches Ereigniß ſo wenig vorbe⸗ reitet, die Beſatzung ſo ſchwach und die zuvor ſchon ange⸗ ſponnene Verraͤtherei gelang Kynflutten in dem Maaße, daß Stadt und Burg in kurzer Zeit gewonnen, Jagal und ſeine Mutter gefangen genommen, ſeine Schaͤtze und Roſſe geraubt und bald auch alle ſeine uͤbrigen Burgen von Kynſtutte's Kriegern beſetzt wurden ). war, iſt nicht zu bezweifeln, da er ſich in einer Urkunde vom J. 1385, deren wir fpäter noch erwähnen werden, ſelbſt als ſolchen nennt. Un: gewiſſer iſt, ob er ein rechter oder Stiefbruder Jagals war, da die Verzeichniſſe von Olgjerds Söhnen unzuverläffig find und ſehr von einander abweichen. 1) Kojalowiez p. 361 ſagt ebenfalls: Apud Kieystutum antiquae suspiciones indubitatis signis confirmabantur; videbat enim Voy dato (Andreae) praeſecturam eripi non alio crimine, quam quod filius uus esset; dieß letztere iſt aber offenbar unrichtig. 2) Wigand. p. 297 ſpricht über die Unternehmung gegen Polotsk ausfuͤhrlicher, uͤber die Einnahme Wilna's dagegen ganz kurz. Lin⸗
Scanseite 378 · Druckseite 364
364 Kynſtutte und Jagal in Zwietracht (1381). So fand Skirgal, als er ohne Erfolg von Polotsk zu⸗ ruͤckkehrte, die Geſtalt der Dinge im Lande gaͤnzlich verändert. Es war ihm aber kaum gelungen, ſeinen gefangenen Bruder auf heimliche Weiſe zu ſprechen, als er ſich eiligſt in deſſen Auftrag nach Preuſſen begab. Hier entweder ſchon als Chriſt erſcheinend oder doch durch das Verſprechen lockend, die Taufe ſobald als möglich anzunehmen !), wurde er vom Ordensmar⸗ ſchall aufs freundlichſte empfangen und ſofort zum Hochmei⸗ ſter geleitet, der ihm mit allen Beweiſen des Wohlwollens entgegenkam. Es fehlte nicht an Gaſtmaͤhlern, Ehrenſchmaͤu⸗ ſen und koſtbaren Geſchenken, womit man dem Fuͤrſten von allen Seiten Ehre und Auszeichnung zu erweiſen bemuͤht denblatt S. 47, Detmar S. 318, Corner. Chron. p. 1137, Diugoss. L. X. p. 62 — 63, Kojalowiez p. 362 weiß von einem li⸗ ſtigen Plane, wodurch es gelang, 600 Mann Fußvolk in die Stadt zu bringen. Schütz p. 83 erzählt das Ganze vollſtaͤndig im Anfange der Zeit des naͤchſtfolgenden Hochmeiſters, weicht aber in einigen Ein⸗ zelnheiten ab. Witowd ſtellt die Sache in dem erwaͤhnten Berichte im Fol. F. alſo dar: Dornach unſer fater derfur von eczlichen ſynen vruͤnden, das herczog Jagal an (ohne) unſer vater wiſſen und vor⸗ ſwigende unſerm fater nam einen frede im lande czu Pruͤſſin und mit dem lande czu Ifland und unſern fater gab her us, das her derheeren ſolde und globte (gelobte) das her unſern fater nicht helfen welde und romte alle czit, wi her minen fatir und mich ſelber finge und wi her minen fater und mich toͤtte und unſer land Im neme, und unfer fater das vor wor (wahr) derfur und czouch ken der Wille (Wilna) und beſas di Wille und ving In ſelben herczogen Jagal in gefengniſſe und ſine bruder und ſine mutir und alle ſine gebite und ſine huzere, das nam her als (alles) in ſyne hende und ſin golt und ſynen Treſel und fine ſtutte, das nam her alczumal. — Von der Gefangennehmung ei⸗ nes Bruders Jagals wiſſen die andern Quellen nichts. 1) Die Worte in dem Bricfe bei Lucas David B. VII. S. 155 ſind nicht ganz klar daruͤber, denn es heißt: Skyrgailo, quem de te- nebris ad lucem, ut speramus, vocavit altissimus et indubitanter vestris ex informationibus maternis ad superna tendit ex inſimis. Hieraus, ſowie aus den Ereigniſſen der nachfolgenden Zeit möchte je⸗ doch zu folgern ſeyn, daß Skirgal nur erſt verſprochen hatte, die Taufe anzunehmen.
Scanseite 379 · Druckseite 365
Kynſtutte und Jagal in Zwietracht (1381). 365 war ). Als er dem Hochmeiſter aber in feines Bruders Namen ſeine Geſuche vorlegte, verhieß er ihm mehre ſehr anſehnliche Landgebiete als vergeltende Belohnung, wenn er alsbald mit ſei⸗ nem Kriegsvolke gegen Kynſtutte aufbrechen und Jagaln aus ſeinem Kerker befreien werde. Wimich jedoch wies das An⸗ erbieten des neuen Laͤndererwerbes edelmuͤthig zuruͤck; er ſetzte einen hoͤheren Gewinn, indem er verſprach: er ſey bereit ſeine ganze Kriegsmacht aufzubieten, um den gefangenen Fuͤrſten in ſeine Herrſchaft wieder einzuſetzen, ſofern er durch ſichere Bürgfchaft geloben werde, binnen vier Jahren mit allen ihm untergebenen Landen die Taufe zu empfangen. Skirgal ver⸗ ſprach dieſes nicht nur in ſeines Bruders Namen, ſondern haͤndigte darauf dem Meiſter auch Jagals eigene ſchriftliche Zuſicherung darüber ein und nachdem er ſich dann im Haupt⸗ hauſe Marienburg verabſchiedet, um nach Maſovien zu zie⸗ hen, wo er einem Vermaͤhlungsfeſte beiwohnen wollte, wurde er auf des Meiſters beſondern Befehl unter einem ſtattlichen Ehrengeleite von Rittern und andern Edlen von einer Ordens⸗ burg zur andern aufs feſtlichſte bewirthet, bis er nach Thorn gelangte, wo er einige Zeit verweilend feinen feftlichen Hoch⸗ zeitsſchmuck bereiten ließ und ſich dann von einem Ritter be⸗ gleitet nach Maſovien begab. Man nahm Jagals Anſuchen von Seiten des Ordens mit der freudigſten Hoffnung auf und meldete ſofort ſeiner Mutter, mit welcher Auszeichnung im ganzen Ordensgebiete ihr Sohn Skirgal empfangen worden ſey und welche dank⸗ bare Geſinnungen man in ihm gefunden; man erſuchte fie, das Werk der chriſtlichen Bekehrung, wie ſie es bereits an ihrem Sohne Skirgal begonnen, auch an ihren übrigen Söhnen fortzuführen, und als Gegengeſchenk für einen ſchoͤnen Seſſel, womit Jagal den Ordensmarſchall beehrt, uͤberſandte dieſer ihm und feiner Mutter einige Paar ſehr ſchoͤn gearbeiteter Tiſchmeſſer ). So bot man alle Mittel auf, um ein blei⸗ ä 4 Vgl. hierüber den erwähnten Brief bei Lucas David . a. O. 2) S. den Brief bei Lucas David a. a. O. S. 155— 157;
Scanseite 380 · Druckseite 366
366 Kriegsfehden in Litthauen (1381). bendes freundliches Verſtaͤndniß mit den Fuͤrſten Litthauens einzuleiten. Darum ergingen auch ſogleich Befehle an den Meiſter von Livland, ſich zu einer beſtimmten Zeit zu einem Einfalle in Kynſtutte's Gebiet mit ſeiner Streitmacht an einem beſtimmten Orte dem Kriegsheere aus Preuſſen anzuſchließen. Beide Heere zogen dann wirklich der feindlichen Graͤnze zu!). Um aber ſolcher Gefahr zu entgehen, entließ alsbald Kyn⸗ ſtutte auf Zureden ſeines gegen Jagal immer freundlich ge⸗ ſinnten Sohnes Witowd 2) den gefangenen Fuͤrſten ſeiner Haft, obgleich der zu Wilna aufgefundene Friedensbrief des Ordens ihm Jagals Verbindung mit den Rittern außer allen Zweifel geſetzt). Die Hauptſtadt Wilna behielt er zwar in feinem Beſitze und ließ Waydelo, Jagals Guͤnſtling, fuͤr ſeine Um⸗ triebe am Galgen buͤßen; doch gab er dieſem Fuͤrſten auf Witowds Fuͤrbitte alle ſeine uͤbrigen Gebiete nebſt ſeinen Schaͤtzen und Roſſen zuruͤck und wies ihm forthin Witepsk als ſeinen fuͤrſtlichen Wohnſitz an, nachdem er ſeinem Buͤnd⸗ niſſe mit dem Orden eidlich hatte entſagen muͤſſen ). er gehoͤrt offenbar in dieſe Zeit und iſt vermuthlich vom Ordensmar⸗ ſchall oder vom Großkomthur an die Koͤnigin (regina) geſchrieben. Mit Dlugoss. L. X. p. 63 ſtimmt obige Darſtellung zwar nicht uͤber⸗ ein, denn nach ihm muͤßte ſich Skirgal zur Zeit der Freilaſſung Ja⸗ gals noch vor Polotsk befunden haben; allein wir haben uͤber den Ver⸗ lauf der Dinge zwei Ältere, bisher noch unbekannte Quellen im Fol. E. p. 258 und im Fol. betitelt: T O. Handlung wider Polen p. 107 benutzt, woraus Skirgals Sendung an den Hochmeiſter während Ja⸗ gals Gefangenſchaft unwiderleglich hervorgeht. Es beſtaͤtigt dieſe auch noch ein anderer Bericht im Fol. T. O. Handlung wider Polen p. 80. Nach der alten Preuſſ. Chron. p. 40 ſandte Jagat zu gleicher Zeit insgeheim auch eine Botſchaft um Huͤlfe an den Meiſter von Livland, mit dem Verſprechen, „her welde gerne eyn criſtgloubiger werden und alle ding veſte halden, dy her vormols Winrich dem Meiſter gelobit hette.““ 1) Fol. T. O. Handlung wider Polen a. a. O. 2) Kojalowiez p. 359. 3) Kojalowiez p. 363. 4) Diugoss. l. c. Lindenblatt S. 47 fegt Jagals Freilaſ⸗ fung noch ins J. 1381. Nach der Angabe Hennigs zu Luc. Da⸗
Scanseite 381 · Druckseite 367
Kriegsfehden in Litthauen (1382). 367 So war die Lage der Dinge, als Jagal vom Hochmei⸗ fier Nachricht über den Plan erhielt, der zur Bekaͤmpfung ſei⸗ nes Gegners entworfen war ). Er blieb indeſſen eine Zeit⸗ lang ruhig in feinem Gebiete, wahrſcheinlich um Kynſtutte'n über feine ferneren Entwürfe zu taͤuſchen, denn der Gedanke, ſich Wilna's wieder zu bemaͤchtigen und an Kynſtutte'n eine nachdruͤckliche Rache zu uͤben, beſchaͤftigte ihn fort und fort. Mittlerweile aber ruhten die Waffen zwiſchen Kynſtutte's und des Ordens Heeren ſo im Herbſt wie im Winter des naͤchſten Jahres 1382 keinen Augenblick, denn noch im October brach jener mit einer Streifhorde durch Barterland bis Oſterode vor und brannte hier die Burg bei naͤchtlicher Weile auf 2) und bald darauf ſandte er mit einer Reiterſchaar ſeinen Sohn in die chriſtlichen Gebiete vor, dem es auch gelang, außer dem Vogte von Ermland eine anſehnliche Zahl fleißiger Landbe⸗ wohner in Feſſeln mit hinwegzufuͤhren. Von Seiten des Or⸗ dens dagegen war es bald der Hochmeiſter ſelbſt, der nebſt ſeinen oberſten Gebietigern mit einem zwiefachen Heere in die Gebiete von Salſeniken) und Traken einſtuͤrmte, obgleich vid B. VII. S. 232 müßte ſie erſt um Pfingſten 1382 erfolgt ſeyn und zwar ſo daß Jagal mit ſeiner Mutter aus dem Gefaͤngniſſe zu Polotsk entwiſchte. Dieſe Angabe widerſtreitet jedoch dem Berichte im Fol. F. p. 22, indem es hier heißt: Weil Kynſtutte ſich keinen boͤſen Namen erwerben und niemanden ſeines Geſchlechts vertreiben wollte, ſo gab er ihm (Jagaln) alle ſeines Vaters Theile, Witepsk und an⸗ dere Gegenden nebſt Gold, Treſſel und Stuten zuruͤck und Jagal ge⸗ lobte es ihm mit feiner Mutter und feinen Brüdern und verficherte es mit ſeinen Briefen, daß er Wilna nie fordern und Kynſtutte'n in ſei⸗ nes Vaters Theil Witepsk gehorſam ſeyn wolle. Die alte Preuſſ. Chron. p. 40 weicht hier ganz ab. I) Von dieſer Geſandtſchaft mit muͤndlichen Berichten an Jagal ſpricht der erwähnte Brief bei Luc. David a. a. O. 2) Pigand. p. 297 ſagt: A sabbato in dominicam post festum a. Luce Castrum Osterode novum cum antiquo plene exustum est; vgl. mit Schütz p. 82. 8) Das heutige Gebiet von Soleschniki ſuͤdöſtlich von Troki, dem alten Traken.
Scanseite 382 · Druckseite 368
368 Kriegsfehden in Litthauen (1382). ohne bedeutende Erfolge theils wegen Überfchwernmung der Stroͤme, theils weil die Bewohner, zuvor ſchon von des Fein⸗ des Ankunft unterrichtet, alle ihre Habe gerettet), bald wie⸗ derum brach der immer muntere und ſtreitluſtige Komthur von Ragnit Wigand von Baldersheim nach Samaiten in das Ge⸗ biet von Romayne oder Romowe ein und fuͤhrte nach einer ſchrecklichen Verheerung der ganzen Umgegend und nach Er⸗ mordung von mehr als zweihundert Menſchen einen reichen Raub davon 2), bald auch warf ſich der Meiſter von Livland Robin von Eltz in die noͤrdlichen Theile Samaitens, erſchlug dort unter Raub und Brand vierthalbhundert Menſchen und brachte eine ſehr anſehnliche Beute von Roſſen mit zurück ). Auch das Land um Wilna wurde mehrmals verwüftet und ſchwer durchpluͤndert und es zog ſich fo das wilde Kriegsge⸗ tuͤmmel unter dem endloſen Wechſel von Morden und Rau⸗ ben bald in dem einen, bald in dem andern Lande bis in den Fruͤhling des Jahres 1382 hinein, wobei die bedeutende Zahl der Gefangenen bei der Auslöfung dem Orden oft ſehr an⸗ ſehnliche Summen zubrachte “). 1) Wigand. I. c. erwähnt des Hochmeiſters ausdruͤcklich als bei dem Zuge gegenwärtig und fagt: propter aure distemperantiam et fluviorum inundationem propositum mutaverunt. Daß Kynſtutte ſelbſt die Bewohner vor des Feindes Ankunft gewarnt habe, bezeugt ſowohl Wigand. als Eindenblatt S. 48. 2) Schütz I. c. nennt das Gebiet Romayne; bei Wigand. heißt es: Wygandus commendator de Ragnita vastabat in longum et la- tum terram inavisatam Romeyen dictam igne, virorum, mulierum et puerorum occisione 200, 50 vero captivi cum preda pecorum et equorum multa deducta. Es iſt kein Zweifel, daß es die Gegend des alten Romowe in Samaiten iſt. 3) Wigand. ſetzt dieſen Einfall ante ſestum corporis eristi und fuͤgt hinzu: de suis nobilibus (des Meiſters) 36 perdidit, multi quo- que de bayoribus sunt occisi. 4) So hatte z. B. der Komthur von Balga allein nach feinem Amtsverzeichniſſe von Kynſtutte für Auslöſung gefangener Litthauer 3000 Mark erhalten und 1000 Mark war ihm der Fuͤrſt im J. 1382 noch ſchuldig; Amterbuch p. XXII.
Scanseite 383 · Druckseite 369
Kriegsfehden in Litthauen (1382). 369 Nun geſchah aber, daß Fürft Kynſtutte, nachdem er kurz nach Oſtern dieſes Jahres mit einer Heerſchaar und einigen Bombarden den Verſuch gewagt, die Georgenburg zu erſtuͤr⸗ men, von dort jedoch durch die Kuͤhnheit des Ordensritters Johann von Pfirt mit einer Anzahl Withinge und durch die Tapferkeit des Komthurs Johann von Meldingen mit ſeiner muthigen Streitſchaar nicht ohne große Verluſte zuruͤckgetrie⸗ ben war!), eine ſtarke Ruͤſtung begann, um Jagals Bruder Karjebut, Fuͤrſten von Trubtſchewsk in Severien, der Kyn⸗ ſtutte's Oberherrſchaft nicht anerkennen wollte und dem Ruſ⸗ ſiſchen Großfürſten ergeben war?), zum Gehorſam und zur Anerkennung ſeiner Obergewalt zu zwingen. Auch Jagal ſollte mit ſeiner Streitmacht herbeiziehen, waͤhrend mittlerweile der junge Fuͤrſt Witowd in Traken die Landesverwaltung fuͤhren ſollte Kynſtutte war bereits mit feinem Heere vorausgeeilt, als Jagal, der die Ruͤſtung unter mancherlei Vorwaͤnden ver⸗ zoͤgert, ſtatt jenem nachzufolgen, ſich ploͤtzlich vor Wilna warf, durch Einverſtändniß mit mehren der vornehmſten Buͤrger ſich der Stadt und Burg bemaͤchtigte ), dann ſchnell auch die uͤbrigen Landesburgen gewann und Witowd'n, der mit einem ſlarken Heere vor Wilna gelagert war, in einer Schlacht uͤber⸗ waͤltigte und in die Flucht trieb *). Mittlerweile hatte Jagal 1) Wigand. p. 297. 2) Karamſin B. V. S. 42, wo Karjebut Dimitrij Ol'gerdo⸗ witſch genannt wird, weil er den Namen Demetrius oder Dimitrij er⸗ hielt. Schütz p. 84. Kojalowiez p. 365 fegt von ihm: Demetrius Korybutus non modo nullum Magni Litwaniae Ducis in Severiam ius agnoscere volebat: verum etiam novorum in Iitvania inter Prin- cipes dissidiorum opportunitate usus, aliquot finitimas arces arınis occupaverat. 3) Wigand. I. c. Dlugoss. L. X. p. 64. Schütz p. 84. Ko- Jalowiez p. 366. Detmar S. 320. 4) Nicht Kynſtutte, wie Hennig bei Lucas David B. VII. S. 232 angiebt, ſondern Witowd wurde bei Wilna geſchlagen, wie Wigand. erzählt, binzufügend: ultra 1000 hominum in occisione ce- &iderunt et ita Butaudus (Witowdus) fugit et cum scandalo in lon- Sas processit patrias. 4 V. 21
Scanseite 384 · Druckseite 370
370 Kriegsfehden in Litthauen (1382). Eilboten entſandt ſowohl nach Livland als nach Preuſſen mit der Bitte um ſchleunigſte Hülfe gegen feine Widerſacher und der Hochmeiſter ließ ſofort den Ordensmarſchall Kuno von Hattenſtein nebſt den Komthuren Dieterich von Elner aus Balga, Albrecht Herzog zu Sachſen aus Brandenburg und mehren andern gegen Litthauen aufbrechen, wo bald auch eine Huͤlfsſchaar des Livlaͤndiſchen Meiſters erſchien ). Die feind⸗ liche Burg Egollen ?) ward auf dem Hinzuge erſtuͤrmt und verbrannt und da man Jagals und ſeiner Bruͤder Kriegsmacht ſchon vereinigt fand, ſo zog das geſammte Heer nun eiligſt vor die Burg Traken, von welcher Witowd entfliehend ſeinen Vater zu ſchneller Huͤlfe herbeirief. Die Burg war aber be⸗ reits in Jagals Händen und feinem Bruder Skirgal uͤberge⸗ ben, als Kynſtutte durch Samaiten, wo er ſich zu verſtaͤrken geſucht, mit einer ſtarken Heeresmacht vor Traken erſchien, um die wichtige Feſte wieder zu gewinnen, denn auch Witowd, der ihm zugezogen war, hatte ſeine Kriegsſchaaren ſehr ver⸗ mehrt ). Die Belagerung begann mit großem Ernſte, als Jagal mit feinen Bundestruppen näher ruͤckte, um dem Feinde die Schlacht zu bieten. Die Heere ſtanden auf zwei Bergen ein⸗ ander gegenuͤber, Kynſtutte zaudernd, den Kampf anzunehmen, theils in Erwartung eines Zuzuges von Hülfsvoͤlkern vom Her⸗ zoge Johann aus Maſovien, theils wegen der Beihülfe des Ordens aus Livland und Preuſſen. Da fandte Jagal ſeinen Bruder Skirgal als Herold ins feindliche Lager, ſeinem Oheime eine friedliche Verhandlung zur Verſoͤhnung entbietend, um des Blutes ihrer Voͤlker zu ſchonen. Kynſtutte nimmt das Anerbieten an und im Vertrauen auf Skirgals Verſprechen 1) Wigand. Magister Livoniensis 300 destinaverat in succur- sum. De Wal T. IV. p. 5. 2) So nennt fie Wigand. und Lind enblatt S. 50, wo ver: muthet wird, daß das Städtchen Ljulina in der Statthalterſchaft Wilna darunter zu ſuchen ſey. Sicher iſt jedoch die Lage der Burg nicht zu ermitteln. 3) Kojalowiez p. 367.
Scanseite 385 · Druckseite 371
Kynſtutte's Gefangenſchaft (1382). 371 für feine Sicherheit reitet er mit Witowd ins feindliche Lager hinuͤber ). Kaum aber find beide dort angelangt, als fie ſich von allen Seiten durch Jagals und des Ordens Kriegsſchaa⸗ ren zu ihrem Staunen umringt ſehen und von Jagal auf ihre Bitten wegen der friedlichen Unterhandlung die Antwort erhal⸗ ten: hier ſey nicht Zeit noch Ort zu einem friedlichen Ver⸗ gleiche; in Wilna wolle man ſich uͤber den Frieden beſprechen. Daraus erkannten nun die beiden Fuͤrſten, daß Jagal verraͤ⸗ theriſch ſie als ſeine Gefangene betrachte. Er ließ ſie ſtreng bewachen und in Kynſtutte's Heer alsbald die Nachricht ver⸗ kundigen, man wolle in Wilna Friede ſchließen, die Kriegs⸗ leute möchten in die Heimat ziehen?). Das Heer ging wirk⸗ lich aus einander; fuͤnftauſend ſollen ſich zu Jagals Fahnen geſchlagen haben '). So hatte nun dieſer Fuͤrſt unter Schlauheit und verraͤ⸗ theriſcher Liſt fein Ziel erreicht. Jetzt blieb ihm die Rache 1) Wigand. ſagt ganz kurz: Qui (Kyustut) cum cognovisset, Lyvonienses venisse in succursum Jagel regi, Kynstud cum filio in- trat exercitum (namlich Jagals). Im erwähnten Berichte des Fol. F. erhalten wir jedoch genauere Nachricht; unter andern heißt es: Da ſandte dieſer (Jagal) zu Kynſtutte und Witowd ſeinem Bruder den Herzog Skirgal, um ſich in gutem mit ihm zu vertragen und Herzog Skirgal gab Kynſtutten ſein Wort fuͤr Herzog Jagal und ſeine Hand; auch von ſeinetwegen ſelbſt gab Skirgal ſein Wort und ſeine Hand. Kynſtutte ſchenkte ihm Vertrauen und Glauben. Er und Witowd rit⸗ ten nun zu Jagal. Vgl. Schütz p. 84 und Kojalowiez p. 369 — 370. Dlugoss. p. 65 giebt ſehr ſpecielle Nachrichten und unterläßt es nicht, Jagals Eidbruͤchigkeit in dieſer Sache beſonders hervorzuheben. 2) Die alte Preuſſ. Chron. p. 40 ſagt bei dieſer Gelegenheit: Kynſtod waz eyn alder mann und ſyne land und lewt waren ym un⸗ gehorſam, och zo vorchte her des ordens macht, dorumme dachte her Jagel worde ſich obir vn irbarmen, als obir ſynen gebornen fruͤnt und gap ſich mit Witolde ſynem ſone ym yn gnode. Czu hant ſante ſy Pagel veſte geſmyt zeur Wille yn gevengnys. 3) Schütz p. 84. In unſerm Auszuge Wigands heißt es aber: susceperunt 5000 hominum captivos, qui omnes promittunt regi Ja- gel fidem et subiectionem perpetuam, quam tamen qui dam infideles pridem minime servabant. 24 *
Scanseite 386 · Druckseite 372
372 Kynſtutte's Gefangenſchaft und Tod (1382). noch uͤbrig, nach der er ſich laͤngſt geſehnt. Kaum in Wilna angekommen, ließ er Kynſtutten in eiſerne Feſſeln ſchmieden und ſofort durch ſeinen Bruder Skirgal nach Krewen bringen, wo er in einen finſtern und ſtinkenden Thurm geworfen wurde; und als nach vier Tagen Skirgal wieder dahin zuruͤckkehrte, fand man den Fuͤrſten im Kerker erwuͤrgt, ſey es, daß er, wie einige wollen, ſich ſelbſt den Tod gegeben, oder daß er, wie andere mit mehr Wahrſcheinlichkeit behaupten, durch Ja⸗ gals gedungene Moͤrder erdroſſelt worden ſey. Um aber die Welt uͤber die That zu taͤuſchen, ward von Jagal eine feier⸗ liche Todtenbeſtattung anbefohlen. Skirgal fuͤhrte den Leich⸗ nam nach Wilna, wo er nach heidniſchem Brauche prachtvoll mit ſeinem Harniſche und ſeinen Waffen geſchmuͤckt und dann mit ſeinen beſten Roſſen, Jagdhunden und Jagdvoͤgeln auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurde). Außer mehren An⸗ 1) Die Quellen weichen uͤber den Verlauf dieſer Dinge von ein⸗ ander ab. Nach Lindenblatt S. 50 brachte ſich Kynſtutte im Ge⸗ faͤngniſſe ſelbſt den Tod, doch wie hinzugefügt wird, „als man ſa⸗ gete.!“ Bei Detmar S. 321 iſt weder von Gefangennehmung, noch von Ermordung die Rede, indem es nur heißt: Do kinſtotte ſach der dudeſchen banner, do gaf he ſik in ſiner veddern, der koninge, gnaden mit ſime ſone. In der vengniſſe vorlos kinſtotte fin Iyf. Andere Zeus gen ſprechen ganz entſchieden von der durch Jagal veranlaßten Ermor⸗ dung. So erklärt Witowd in einer Urkunde vom J. 1384 (f. Bacz⸗ ko's Annalen des Koͤnigr. Preuſſ. 2 Quart. S. 38) ganz offen, daß ſeine Vettern ſeinen Vater ermordet haͤtten und in ſeinem Berichte im Fol. F. p. 22 heißt es: „uf der truwe nomen ſy (Jagal und Skirgal) unſern fatir und verterbten In und mine mutir.“ Ein anderer Be⸗ richt im Fol. T. O. Handl. wider Polen p. 107 bezeugt: Jagel nunc rex Polonie vinctum habuit Kynstot, quem etiam in carceribus iu- gulavit et uxorem eius, matrem videlicet Wytowdi submersit. Die Ermordung beftätigt auch Wigand. p. 298, wo er fagt: Kynstut in captivitate strangulatur, Wytaut vinculatur, matrem autem submer- gunt; fpäterhin aber, wo er noch einmal von der Sache ſpricht, heißt es: Interea Schirgal duxit Kynstut in captivitatem in Krewen et rediit in Willam; post 4 dies Schirgal revertitur volens videre pa- truum suum in vineulis et invenit eum mortuum. Sed quomodo obierit, nemo umquam cognovit. Et duxit eum in Willam, ubi in
Scanseite 387 · Druckseite 373
Jagals Verfahren gegen Kynſtuttes Angehörige (1382). 373 haͤngern und Dienern des Fürſten, beſonders denen, die an des Guͤnſtlings Waydelo Tod Schuld hatten und auf Jagals Befehl die Todesſtrafe erlitten, wurde auch die Fürftin Biruta, Kynſtutte's Gemahlin und Witowds Mutter, erſaͤuft und ihr Vater Witimund, ein hochbejahrter Greis, hingerichtet. Nur Witowd'n, der bisher in manchen Verhaͤltniſſen gegen Jagal ſeine geneigte Geſinnung bewaͤhrt, wurde das Leben geſchenkt; er ward jedoch ebenfalls nach Krewen in die Gefangenſchaft geführt und dort zwar ehrenvoll behandelt, aber doch in ſtren⸗ gem Verwahre gehalten, ſo daß niemand außer Anna ſeine Gemahlin ihn ſehen oder ſprechen durfte !). Mit dieſer Reihe der ſchaͤndlichſten Unthaten voll Rachluſt und Herrſchbegierde beſchimpfte Jagal ſeinen Namen gerade in einer Zeit, als ein Enkel Olgjerds, der edelmuͤthige und tapfere Fuͤrſt Oſtei die Buͤrger Moskaus mit wahrem Heldenmuthe zur Vertheidigung ihrer Mauern gegen die große Macht des Hauptes der Tata⸗ ren Tochtamyſch zu begeiſtern ſuchte und als ein Opfer ſeiner großmuͤthigen Entſchloſſenheit ſich ein ewig ruͤhmliches Anden⸗ ken im Buche der Gefchichte erwarb ?). Die Hülfstruppen des Ordens kehrten hierauf durch Lit⸗ thauen, ohne ſich den Bewohnern im mindeſten feindlich zu bezeigen, in die Heimat zuruͤck. Der Livlaͤndiſche Meiſter in⸗ deß war von Wilna noch nicht weit entfernt, als ihm der cinerem est redactus. Et miraculose in terra vorago visa profunda in longitudinem unius viri et medii, absorbens cineres, quod a mul- tis visum est et nemo vitam de astantibus emendavit (2), equi, ve- stimenta, arma etc. omnia fuerunt incinerata, aves atque canes ve- natici cum co incinerantur. Eben jo Schütz p. 84. Lucas David B. VII. S. 155. Dlugoss. p. 66 weiß ſogar die Namen der gedun⸗ genen Moͤrdor zu nennen, ſowie auch Kojalowiez p. 372 die Namen der beſtochenen Hofleute Jagals, die den Mord vollbracht haben ſol⸗ len, angiebt. — Daß der Hochmeiſter ſich für Kynſtutte verwendet habe, iſt ſehr unwahrſcheinlich, obgleich Diugoss. p. 66 von ahnlichen Verwendungen ſpricht; De Wal T. IV. p. 6. 1) Wigand. l. c. Dlugoss. p. 66. Schütz p. 84. Kojalowiez p. 373. 2) Karamſin B. V. S. 65 — 67.
Scanseite 388 · Druckseite 374
374 Innere Landesverwaltung (1382). Herr von Iſenburg, der mittlerweile mit einer kleinen Streit⸗ ſchaar zum Dienſte für die heilige Jungfrau und um des Rit⸗ ternamens willen nach Livland gekommen war und jetzt zum Meiſter nach Wilna eilte, entgegen trat, dringend bittend, er möge mit ihm zurückkehren, weil er kein größeres Verlangen habe, als den heidniſchen Koͤnig ſelbſt zu ſehen. So ſonder⸗ bar die Bitte war, ſo ſandte man doch einen Dolmetſcher an Jagal mit dem Geſuche um freies Geleit fuͤr einen Deutſchen Ritter, der ihn zu ſehen wünſche. Der Fuͤrſt gab zur Ant⸗ wort: Welch thörigtes Verlangen! Ich kann ihm kein Geleit gewaͤhren, da mir die Chriſten immerdar ſchon hinlaͤnglichen Schaden zugefügt. Auf wiederholte Bitte jedoch ertheilte Ja⸗ gal die Erlaubniß, daß der fremde Gaſt vor ihm erſcheine, empfing ihn dann nebſt den Seinen mit groͤßter Freundlich⸗ keit, ließ ihn acht Tage lang am koͤniglichen Tiſche mit hoher Auszeichnung bewirthen und endlich reichlich beſchenkt unter ſicherem Geleite durch die Wildniß nach Preuſſen zurück⸗ führen !). Der edle Meiſter Winrich von Kniprode hatte an dieſen kriegeriſchen Ereigniſſen ſchon lange faſt nie perſoͤnlich Theil genommen 2). Bereits tief im Abende ſeines Lebens ging er den letzten ſeiner Tage ſchon naͤher entgegen. Je naͤher aber das Ziel feiner Thaͤtigkeit heranruͤckte, um fo mehr war er auch bemuͤht, alles was dem Lande nur irgend Heil und Gedeihen bringen konnte, mit raſtloſem Eifer zu befördern und ins Leben zu ſetzen. Wie er vor einigen Jahren ſchon mit Herzog Ladislav von Oppeln einen Vertrag geſchloſſen, nach welchem die Ordensgebietiger alle Raͤuber, Mörder und Übel⸗ thäter jeglicher Art, ſofern fie dem Ordensgebiete in irgend einer Weiſe Schaden zugefuͤgt, in des Herzogs Landen ohne weiteres aufgreifen und zur Beſtrafung hinwegfuͤhren konn⸗ 1) Die Sache erzaͤhlt Wigand. als eine Sonderbarkeit der Zeit, daß es fahrenden Rittern oft ſchon genuͤgte, das heidniſche Land be⸗ treten und die Heiden geſehen zu haben. 2) Wigand. erwaͤhnt feiner perſönlichen Gegenwart in Litthauen in den letzte Jahren nur ein einzigesmal.
Scanseite 389 · Druckseite 375
Innere Landesverwaltung (1382). 375 ten 1), fo traf er auch mit dem Herzoge Wratislav von Stet⸗ tin die Anordnung, daß jeder der beiden Fürften Mörder, Mordbrenner, Kirchenbrecher, Diebe, Raͤuber oder ſonſtige Miſſethaͤter, wenn ſie gefluͤchtet, nach dem Verhaͤltniſſe ihres Standes durch drei, fuͤnf oder ſieben ebenbürtige Zeugen uͤber⸗ wieſen ſeyen, in des Herrn Land, unter welchem ſie geſeſſen ſeyen, dem Gerichte ausliefern), desgleichen auch entlaufene Schuldner an das Gericht wieder zuruͤckbringen ſolle, dem ſie ſich entzogen hatten, um dem Glaͤubiger zu Rechte zu ſtehen. Geſchehe es, daß ein Mann, der verarmte und ſeine Pacht nicht geben koͤnne, in des andern Herrn Land entwiche, ſo ſolle er wieder ausgeliefert werden, ſobald ihn jemand anklage. Werde Straßenraͤubern, Dieben oder andern miſſethaͤtigen Menſchen aus des einen Herrn Land in das andere nachge⸗ jagt, ſo ſolle man ſie fangen in des andern Herrn Gebiet, wo man koͤnne, und wollten ſie ſich nicht gefangen nehmen laſſen, ſo ſolle man ſie erſchlagen ohne weiteres Erkenntniß. Finde ein Klaͤger aus Preuſſen ſein Gut in des Herzogs Land und koͤnne er daran ſein Recht erweiſen, ſo ſolle man es ihm frei folgen laſſen und das Gericht ſolle ſich nicht weiter dar⸗ 1) Der Vertrag dat.: Slothory Dienſtags nach Quaſimodogeniti 1380 im Original im geh. Arch. Schicht. 31. Nr. 2 Es wird darin den Hauptleuten, Burggrafen und allen Unterthanen des Herzogs auf⸗ getragen, den Orden und die Seinigen bei Aufgreifung der Übelthäter auf keine Weiſe zu hindern, ſondern dabei vielmehr behülflich zu ſeyn. Ausgenommen werden „Edele luͤte, dy wir alle wege zeu Rechte wol⸗ len geſtellen, die undir uns beerbet ſyn und geſeſſen.“ 2) Dieſer Punkt iſt etwas undeutlich; es heißt naͤmlich: Were das wo gheſchege mort adir mortbrant kirchenbrechin ſtelin adir rou⸗ bin an unſerm lande vorbenomet und was deſſen ſachen ghelich mach gheſin, das mag eyn man vor ſyneme herrin in des lande der gheſeſ⸗ ſen iſt, eynen andern man ghewynnen, der is vorwrocht hot. Iſt her eyn riddermeſſich man ſelb dritte, iſt her eyn burger ſelb vuͤnfte, is her eyn ghebur ſelb ſebinde iczlich mit ſyneme ghenoſen unvorſpro⸗ chene luͤte welk herre addir welk vogit das gheczugit mit ſyneme ghe⸗ czegelten brive das man den ſelbin miſtetighen man alſo ghewunen hot alſo vorſcrebin iſt. Den ſal man entwertin ane alle widderrede ym ſyn recht czu tunde.
Scanseite 390 · Druckseite 376
376 Handel mit dem Auslande (1382). ein miſchen, noch Theil daran haben. Komme ein Fluͤchtling in des andern Herrn Land und drohe er dem Lande Schaden zu thun, aus dem er entflohen ſey, ſo ſolle das Gericht ihn durch Feſthaltung daran hindern; kaͤmen aber die von ihm Beklagten und habe der Fluͤchtling gerechte Sache, fo ſolle man ihm ſein Recht thun um die Unthat, weshalb er drohe. Sofern der Hochmeiſter oder der Herzog dieſen Vertrag nicht länger halten wolle, ſolle er ein halbes Jahr zuvor aufgekuͤn⸗ digt werden ). Wie dieſe Einigung aber die Ruhe und Sicherheit der Unterthanen ſowohl im eigenen Lande als in den nachbarlichen Gebieten zum Ziele hatte und uͤberhaupt die innere polizeiliche Ordnung befeſtigte, ſo ließ es der Meiſter arich fortwaͤhrend noch an keinen Bemuͤhungen fehlen, die Freiheit und den ſichern Verkehr der Preuſſiſchen Handelsſtaͤdte im fernen Aus⸗ lande wieder herzuſtellen oder doch aufrecht zu erhalten. Jene Spannung und feindliche Stellung zwiſchen England und den Staͤdten des Hanſebundes hatte ſich noch nicht veraͤndert, ob⸗ gleich man die Verhandlungen zu einer gegenſeitigen Ausglei⸗ chung von Seiten der Staͤdte mit allem moͤglichen Eifer be⸗ trieben und ſchon im Sabre 1379 auf einer Tagfahrt zu Luͤ⸗ beck beſchloſſen hatte, wofern dem Deutſchen Kaufmanne in England ſeine alten Freiheiten und Rechte nicht wieder gege⸗ ben und ſicher beftätigt würden, allen Verkehr mit dieſem Lande aufzuheben?). Der Handel zwiſchen Preuſſen und England hoͤrte daher nach dem erwaͤhnten Jahre, wo noch einige Preuſſiſche Schiffe in die Themſe einliefen, auf etliche Jahre gaͤnzlich auf, denn da man ſich in England noch in kei⸗ ner Weiſe zum Erſatz des Schadens verſtehen wollte, den die Englaͤnder ſowohl den Preuſſiſchen Handelsſtaͤdten als dem Orden felbft zugefügt hatten °), vielmehr die Preuſſiſchen Kauf⸗ 1) Dieſer Vertrag, von Sciten des Herzogs dat: Slauwe a. d. 1380 in die Margarete virg. iſt nur noch in einer Abſchrift vorhan⸗ den in den Hanf. Receſſ. Nr. I. p. 265. 2) Recessus Hanseat. ab an. 1379. p. 3. 3) Unter den Sendboten, welche im J. 1379 von der Tagfahrt
Scanseite 391 · Druckseite 377
Handel mit dem Auslande (1382). 377 fahrer von neuem über ihre ſchnoͤde Behandlung in mehren Engliſchen Staͤdten, wie in Warwick und Plymouth klagten und ſogar Fälle vorkamen, daß man Schiffsleute aus Preuſ⸗ ſen todt geſchlagen, Steuerleute verwundet und Schiffe und Kaufwaaren verkauft hatte n), fo mußte der Hochmeiſter, nach⸗ dem er auf die dringendſten Bitten der Hanſeſtaͤdte den Ver⸗ kehr noch einige Zeit erlaubt hatte, endlich doch zu einem nach⸗ druͤcklichen Verbote aller und jeder Handelsgemeinſchaft mit England greifen, und da man im Jahre 1381 von einigen Städten aus dennoch den Verſuch wieder wagen wollte, eis nige Schiffe nach England zu fenden ?), fo ließ er die Raths⸗ leute der Staͤdte nach Marienburg verſammeln und ihnen durch ſeine Gebietiger bekannt machen: „es ſolle jedermann ſeinen Freund warnen, daß niemand, wer er auch ſeyn moͤge, nach England ſegele, wohin wir die Fahrt verboten haben, wie es die Staͤdte wohl wiſſen, weshalb wir daruͤber auch kein neues Verbot ausgehen laſſen, damit niemand ſagen duͤrfe, daß wir heute das eine und morgen das andere verbieten. Wer aber dennoch dahin ſegele, der ſolle feine Buße nicht wiſſen; er ſolle ewig das Land meiden und dazu Leib und Gut verlo⸗ ren haben ).“ Dabei ließ es der Meiſter doch keineswegs an Bemühungen fehlen, den Verkehr mit England wieder in Gang zu bringen theils aus eigenem Intereſſe für feine Handels⸗ zu Luͤbeck aus nach England zur Ausgleichung der Streitigkeiten ge⸗ ſandt wurden, war auch Hans Kordelitz aus Thorn, der dort die Preuſſiſchen Forderungen in Anregung brachte. 1) Hanſeat. Receſſ. Nr. I. p. 232. 2) Der Hochmeiſter ſelbſe ſchreibt dem Komthur zu Mewe: Uns is czu wyſſen worden, das man vil großer ſchiff mit großem gut ken Enghelant ſchiffet, de mit unſern boten kegen Englant menen czu egeln. — 3) Wir haben hieruͤber ein Schreiben des Hochmeiſters aus Mewe am Sonnt. Eſtomihi (1381), wahrſcheinlich an den Hauskomthur von Danzig im Hanf. Receſſ. Nr. I. p. 249. Daß dieſes Verbot des Hoch⸗ meiſlers aber keineswegs von ihm als Beſchuͤtzer des Hanſebundes aus⸗ ging, wie Fiſcher Geſch. des Deutſch. Handels B. II. S. 158 meint, leuchtet aus dem Inhalte des Schreibens klar hervor.
Scanseite 392 · Druckseite 378
378 Handel mit dem Auslande (1382). ſtaͤdte, theils auf Bitten anderer Fürſten, die von ſeinem per⸗ ſoͤnlichen freundſchaftlichen Verhaͤltniſſe zum Könige ſich den günftigften Erfolg verſprachen und ihn deshalb erſuchten, ſich bei dieſem, bei dem Herzoge von Lancaſter, dem Rathe des Koͤniges und der Stadt London fuͤr Aufrechthaltung der alten Handelsfreiheiten eifrigſt zu verwenden!). Indeſſen blieben doch alle Bemuͤhungen fruchtlos. Auch der Handelsverkehr nach andern Laͤndern unterlag, wenn auch nicht einer ſolchen gaͤnzlichen Stockung wie in Eng⸗ land, doch manchen Hemmungen und Hinderniſſen?). So hatte der Preuſſiſche Seefahrer auch von Daͤnemark aus man⸗ nichfachen Schaden erlitten, obgleich die Koͤnigin Margaretha ſich zum Erſatze bereitwilliger erklaͤrte, als es der Fall in Eng⸗ land war). Die Klagen ferner über die Willkuͤhrlichkeiten, durch die man den Preuſſiſchen Verkehr in Norwegen erſchwerte, waren ſchon ſeit Jahren gefuͤhrt worden, da die Entfernung und die großen Koſten einer Geſandtſchaft dorthin eine Aus⸗ gleichung nicht ſo leicht moͤglich machten“). Beſonders be⸗ klagte man ſich auch daruͤber, daß die Preuſſiſchen Seefahrer zu Bergen auf jeder neuen Seereiſe von ihrem Gute immer neues Pfundgeld entrichten muͤßten, obgleich man es jedes 1) Welches Vertrauen man in dieſer Hinſicht auf den Hochmei⸗ ſter ſetzte, beweiſet vorzuͤglich einer dieſer Briefe an ihn im Formular⸗ buche p. 52, wo es heißt: Vestre reverende benignitati supplicamus tam humiliter quam devote, quatenus cum civitatibus vobis sub- jectis dignemini deliberare, ut premissis obstaculis pro futuro et utiliter occurratur et litteras vestras ipsi domino regi atque duci Lantcaster ipsiusque regis consilio necnon civitati Londoniensi diri- gatis, ut informati sinant et permittant mercatores predictos privi- legüs, graciis, libertatibus concessis et habitis gandere poterint. In hoc enim communi mercatori gratiam, commodum et profectum nobisque favorem facitis per omnia, speciales, — 2) Einige nähere Belehrung hieruͤber bei Fiſcher a. a. O. S. 188 — 189. 3) Hanf. Receff. Nr. I. p. 255 — 256, 4) Hanf. Receſſ. Nr. I. p. 154.
Scanseite 393 · Druckseite 379
Handel mit dem Auslande (1382). 379 Jahr im Ganzen bezahle !). In den Niederlanden erdrüd- ten die Kriegsunruhen in dieſen Jahren faſt alles Vertrauen im Handel, und wie der Verkehr der Hanfeftädte im Allge⸗ meinen, ſo war auch der aus Preuſſen vielfach geſtoͤrt und gehemmt, zumal da alle Bemuͤhungen ſowohl beim Grafen von Flandern als bei den empoͤrten Staͤdten, dem Handel die noͤthige Sicherheit zu gewaͤhren, zwar von beiden Seiten geneigte Verſprechungen, aber keine beſondere Wirkungen zur Folge hatten, ſo daß die Staͤdte Preuſſens ſchon im Jahre 1379 auf einer Tagfahrt zu Marienburg den Beſchluß faß⸗ ten, den Flamingern wegen der Schmach, welche dem Kauf⸗ manne in ihrem Lande angethan werde, noch einmal die nach⸗ druͤcklichſten Vorſtellungen zu machen und wenn dann keine Abhülfe erfolge, den Kaufmann in Flandern zu verwarnen, er moͤge ſobald als moͤglich ſein Gut mit Sicherheit aus dem Lande hinweg zu bringen ſuchen ?). Der Handel der Preuſ⸗ ſiſchen Staͤdte zog ſich auch wirklich ſchon mehr und mehr nach dem Haag hin und da man ſich dort bald uͤber einen ungewoͤhnlichen, dem Preuſſiſchen Kaufmanne abgeforderten Zoll beklagte, ſo bedurfte es bloß einer Verwendung des Hoch⸗ meiſters bei dem Herzoge Albrecht von Holland, um dieſen zu der Erklaͤrung zu bewegen: man habe fruͤher den Kauf⸗ leuten, damit ſie Holland mehr beſuchen moͤchten, dort aller⸗ dings manche Freiheiten zugeſtanden, dieſe jedoch nachmals wieder zurückgenommen, weil der Kaufmann aus Preuſſen we: nig oder nicht nach Holland gekommen ſey. Werde er jedoch ſeinen Verkehr nach Holland mehr befeſtigen und erweitern, ſo wolle man ihm gerne die alten Freiheiten zugeſtehen und alles thun, was ihm genügen koͤnne ?). Von einem Handels⸗ 1) Die Worte des Receſſes p. 233 heißen: De Schipheren und de Kopmann von Pruͤſen clagen tho dem erſten, dat ſe alle reyſe tho Berghen moten Puntgeld gheven von erme gude und von eren Sche⸗ pen, dat ſe des Jores pflegen eynes to geven. 2) Hanf. Receſſ. Nr. I. p. 227. 3) Hanf. Receſſ. Nr. I. p. 272 und 278. Köhlers Samml. der Hanf. Geſchichte bei Willebrandt p. 191.
Scanseite 394 · Druckseite 380
380 Handel mit dem Auslande (1382). verkehr nach Rußland findet man auch jetzt vorerſt nur we⸗ nige Spuren; denn obgleich der Hochmeiſter bemuͤht war, eine regere Verbindung mit Novgorod anzuknuͤpfen und durch ſei⸗ nen Ordensſchaͤffer Heinrich von Alen auf einer Tagfahrt zu Luͤbeck bei den Hanſeſtaͤdten um die Erlaubniß nachſuchte, an dem Handel nach Rußland auf eigene Rechnung Theil neh⸗ men zu duͤrfen, ſo wußte man dieſer Bitte doch klüglich aus⸗ zuweichen, weil man dieſen Handel gerne nur in den Haͤn⸗ den der Hanſe behalten wollte !). Eine der verderblichſten Hemmungen fuͤr den Seehan⸗ del blieb auch bis auf Winrichs letzte Zeiten immer noch die Seeraͤuberei, beſonders auf der Oſtſee. Der Verkehr von Preuſſen aus litt darunter fortwährend noch ſehr bedeutend, denn obgleich kein Jahr voruͤberging, in welchem man auf den Hanſeatiſchen Tagfahrten nicht Maßregeln dagegen in Be⸗ rathung zog und nicht ſelten auch unter anſehnlichen Koſten ſogenannte Friedeſchiffe oder Liburnen ausgeruͤſtet wurden, um die See zu ſaͤubern, ſo blieb dieß alles doch immer von ſo geringem Erfolge, daß die Staͤdte Preuſſens auf ihrer Tag⸗ fahrt zu Marienburg im Jahre 1379 beſchloſſen, wegen der fortdauernden Gebrechen, denen der Seefahrer aus Preuſſen auf dem Meere noch fort und fort unterliege, außer dem ein⸗ mal ſchon verſprochenen Pfundgelde keines weiter beizuſteuern 2), weil man doch gar keinen Erfolg von den oft mit ſo großen Koſten ausgeſandten Friedeſchiffen zu genießen habe, denn bin⸗ nen kurzer Zeit hatten die Staͤdte nicht weniger als viertau⸗ ſend und zweihundert Mark fuͤr dieſen Zweck faſt völlig nutz⸗ 1) Vgl. darüber Sartorius Geſchichte der Hanf. Bund. B. II. S. 452. Wir werden ſpaͤter ſehen, daß man dieſes Geſuch nachmals noch mehrmals erneuerte. 2) Hanf. Receſſ. Nr. I. p. 230. Wir haben noch Verzeichniſſe über die Abzahlung des Pfundgeldes aus Danzig an die Bevollmächtig⸗ ten aus Lubeck und dem Sund, aus welchen hervorgeht, daß man 3 B. im J. 1379 bezahlte 1700 Mark, im J. 1380 nur 700, aber 1381 wieder 1112 Mark.
Scanseite 395 · Druckseite 381
Handel mit dem Auslande (1382). 381 los verwendet !). Obgleich man allerdings auf einer Tag⸗ fahrt zu Roſtock von Seiten der übrigen Hanſeſtaͤdte geſtehen mußte, die Städte in Preuſſen hätten bisher viele Mühe und Sorge auf die Befriedung der See verwendet und zwar „al⸗ les ohne Dank,“ ſo fand man es doch hoͤchſt bedenklich, wenn ſie ſich von der Sache ganz losſagten oder in ihrem Beſtre⸗ ben zur Beihuͤlfe auch nur nachließen, und es ergingen daher von den übrigen Hanfeftädten an fie immer wieder neue Auf⸗ forderungen oder auch man ſuchte ſie durch guͤnſtige Berichte über die Bemuͤhungen der Friedeſchiffe gegen die Seeraͤuber zu gewinnen, wie man ihnen z. B. im Jahre 1381 meldete, daß vierzehn ſolcher Raubgeſellen in der See aufgegriffen, ent⸗ hauptet oder erſaͤuft worden ſeyen ?). Allein wenngleich die Staͤdte die Beiſteuer auch bald wieder zuſagten, fo konnte man das Umweſen doch auf keine Weiſe ganz ausrotten, denn es kamen Fälle vor, daß über vierhundert ſolcher Seeraͤuber den Kaufſchiffen auf der See auflauerten ). Der Meiſter Winrich von Kniprode, der es ja ſelbſt nicht unterließ, die Rechte und die Sicherheit eines einzelnen Kaufmanns in Schutz 1) Ebendaſ. p. 234. — über den Koſtenbetrag fuͤr die Liburnen giebt folgende Rechnung der Luͤbecker im Hanf. Reteſſ. einen Begriff; es heißt naͤmlich: A. d. M. CCC. LXXIX domini Consules de Lubie computarunt, quod liburnus ipsorum ad pacificandum mare stetit anno LXXVIII. VX. IXC- LXIIII mr. et VII sol. lub. Liburnus dominorum de Sundis stetit IIIIM- IIIIC. XLVI mr. lub. Summa amborum liburnorum XM- IIIIC. X mr. et VII sol. lub. Summa pe- cunie libralis eodem anno 1378 VIM- VIC. et LXXII mr. 2) Hanſ. Receſſ. Nr. I. p. 261. 3) So heißt es z. B. in einem Briefe der Luͤbecker an die Stäbte Preuſſens aus dieſer Zeit: Innotuit nobis veraciter quorumdam veri- dicorum amicorum nostrorum relatu tam verbali quam litterali ma- gnam congregationem diversarum personarum ultra IIIIc. virorum numerum in diversis Regni Dacie finibus videlicet Juczia, Schania et Feonia unitam fore conantium et preparantium se navigio ad de- predandum mercatores in mari. Vos quam possumus presentibus amicabiliter premunimus, ut premissa communi Mercatori patrie ve- stre et alibi quo poteritis quantocius poteritis signare curetis, ut et ipsi sic per vos premuniti caveant sibi de damnis inferendis.
Scanseite 396 · Druckseite 382
382 Staͤdtiſche Bildungsanftalten (1382). zu nehmen, wenn man um feine Hülfe bat), griff auch in dieſe Verhaͤltniſſe mit allem Eifer thätig ein, denn ſolche Hinz derniſſe im Handel mit dem Auslande hatten ja nicht bloß auf die Handelsſtädte allein, ſondern auch auf den ganzen in⸗ nern Verkehr und auf den Abſatz der Landesproducte im All⸗ gemeinen den nachtheiligſten Einfluß; allein die Lage der Dinge war der Art, daß es keineswegs in ſeiner Macht ſtand, dem Handel ſeines Landes die ſichere und freie Bahn zu geben, wie er ſie ihm zum Wohlſtande ſeiner Unterthanen wohl wuͤnſchte. Bei dem allen ſtanden jedoch die Staͤdte Preuſſens in Ruͤckſicht ihres Verkehres und ihrer innern Ruhe hinter de⸗ nen Deutſchlands auf keine Weiſe zuruͤck, ſobald man ſieht, wie dort die zahlreichen und trotzigen Genoſſenſchaften des Adels die allgemeine Sicherheit um dieſe Zeit bedrohten und wie in dem einen Lande der beruͤchtigte Sternerbund, in dem andern der mächtige Loͤbenbund oder die Geſellſchaft mit den Hoͤrnern am Buͤrger und Kaufmanne ihr Unweſen und ihre Raubluſt uͤbten. Von einem Fuͤrſten aber, der wie Winrich ſo vielſeitig fuͤr ſeines Landes Gluͤck und Gedeihen ſorgte, iſt von ſelbſt ſchon zu erwarten, daß er, tief uͤberzeugt von dem Werthe und der Nothwendigkeit der geiſtigen Fortbildung des Buͤrger⸗ ſtandes, auch den Bildungsanſtalten der Staͤdte in den ſpaͤ⸗ tern Jahren ſeines Lebens ſeine Sorge und eifrige Foͤrderung nicht werde entzogen haben, und wenn uͤber dieſe ſeine ſtillere ſegensreiche Wirkſamkeit die Quellen auch nicht ſo redſelig ſind, wie uͤber die geraͤuſchvollen Ereigniſſe, welche den Augen der Zeitgenoſſen nicht entgehen konnten, ſo liegen uns doch noch manche Zeugniſſe vor von dem lebendigen Eifer, den er fuͤr die Befoͤrderung oder neue Begruͤndung von Bildungsanſtal⸗ 1) über ſolche einzelne Fälle mehre Briefe im Formularbuche p. 48. Der eine davon iſt an den Poteſta und Rath der Stadt Ra⸗ venna gerichtet, woraus hervorgeht, daß auch ein Handelsverkehr mit Italien Statt fand. Der Brief enthalt jedoch nichts weiter als die Klage und die Forderung wegen Genugthuung für einen dort beraub⸗ ten Kaufmann.
Scanseite 397 · Druckseite 383
Staͤdtiſche Bildungsanſtalten (1382). 383 ten und Schulen ſelbſt in ſeinem ſpaͤtern Leben theils noch ſelbſt in ſich trug, theils in andern anregte. Was ſeine Vor⸗ gänger im Meiſteramte oder er fruͤherhin felbft ſchon in dieſer Hinſicht begonnen und angeordnet, ward von ihm mit Liebe und Eifer bis in ſeine ſpaͤteſten Tage fortgeſetzt oder wofern es noͤthig war, geaͤndert oder verbeſſert. Die meiſte Aufmerk⸗ ſamkeit widmete man begreiflicher Weiſe immer den Schulan⸗ ſtalten der größeren Handelsſtaͤdte, weil hier die Nothwendig⸗ keit einer geregelten Bildung am naͤchſten lag. So wurde zur Verbeſſerung des Schulweſens in Königsberg ſchon im Jahre 1376 zwiſchen dem Samlaͤndiſchen Domſtifte und dem Rathe der Altſtadt die Anordnung getroffen, daß man die Knaben der Stadt in beſtimmten theils bereits errichteten, theils noch neu zu errichtenden Gebaͤuden in den freien Kuͤnſten belehren und durch reine Sitten und gute Beiſpiele ausbilden, die Leitung der Schule aber ein tuͤchtiger Rector erhalten ſolle, den der Rath der Stadt zuvor gehoͤrig zu pruͤfen habe und deſſen Beftätigung dann der jederzeitige Hochmeiſter ertheile n). Außer der eigentlichen Belehrung der Kinder alſo nahm man auch auf die ſittliche Ausbildung ihres Charakters und auf Veredlung ihrer Geſinnung beſondere Ruͤckſicht. Einige Jahre fpater vereinigte ſich das Domkapitel mit dem Rathe der Alt⸗ ſtadt im Einverſtaͤndniſſe mit dem Biſchofe von Samland und dem Hochmeiſter in Ruͤckſicht auf die Anſtellung des Lehrers bei jener Schule dahin, daß das Stift „den Kindern der er⸗ waͤhnten Schule immer einen wiſſenden, redlichen Schulmei⸗ ſter ſetzen wolle, der ihnen nuͤtze und gut ſey und ob es ihnen einen ſetze, der ihnen nicht nuͤtze wäre, fo wolle es ihnen eis 1) Die Urkunde hierüber in Arnoldts Hiſtorie der Königeberg- Univerfität B. I. Beil. Nr. I. S. 2 und bei Lucas David B. IV. Beil. V. p. 16. Die Vergleichung beider Abdrucke ergiebt merkliche Abweichungen; die Urkunde iſt offenbar auch ſelbſt verdorben, ſo daß die Auffindung des richtigen Sinnes einige Schwierigkeit hat. Man ſieht aber, daß die Schule hatte erweitert werden muͤſſen, denn es iſt die Rede von einem neuen Schulgebäude, welches errichtet werden ſollte.
Scanseite 398 · Druckseite 384
384 Staͤdtiſche Bildungsanſtalten (1352). nen andern ſetzen, der den Stadtkindern lehren moͤge allerlei freie Künfte nach der Gewohnheit der Schule in der Altſtadt zu Elbing und halten ſeinen Chor mit Geſang, als man den zu Elbing haͤlt ).“ Eine wichtige Veraͤnderung aber wurde vorzuͤglich auch darin vorgenommen, daß man die haͤufigen Störungen des Unterrichtes durch Kirchengeſang und Proceſ⸗ ſionen ſchon mehr zu beſchraͤnken anfing und die Verpflichtung zu beiden nur noch auf gewiſſe Feſte gelten ließ 2). Der vom Meiſter Dieterich von Altenburg eingefuͤhrte Schulzwang ward jetzt aufgehoben und den Altern frei gelaſſen, in welche Schule der Stadt fie ihre Kinder ſchicken wollten). Wie ſchon er⸗ waͤhnt galt die Schule zu Elbing in Ruͤckſicht ihrer Einrich⸗ tung fuͤr das Muſter und ſtand um dieſe Zeit in beſonders hohem Rufe. Eine ähnliche Schule wie zu Königsberg ſoll Winrich auch in Marienburg gegruͤndet haben, doch ſind wir davon nicht fehr unterrichtet). Eigentliche Gelehrſamkeit aber war bei dem allen in Preuſſen zur Zeit noch wenig zu finden 1) S. die Urkunde hierüber vom J. 1381 bei Arnoldt a. a. O. Nr. 2. 2) So heißt es in der einen Urkunde bei Arnoldt, daß nur pro cultu nominis divini filii ad cantandum hahiles et idonei officium Missae frequentare debebunt diebus ferialibus. Diebus vero festi- vis omnes communiter et indifferenter. In der andern Urkunde werden die Procefjionen mit den Schulkindern beſchraͤnkt. 3) Dieſe Anordnungen haben allerdings, wie ſchon Krauſe in f. Abhandlung: Preuſſ. Schulen vor der Reformation in den Beiträgen zur Kunde Preuſſ. B. V. S. 345 gegen Kogebue B. II. S. 417 ganz richtig bemerkt, keine allgemeine Beziehung auf alle Schulen des Landes, ſondern nur eine beſondere auf Königsberg (vgl. Riemann Geſchichte der Altſtaͤdtiſ. latein. Schule zu Königsberg S. 9 — 10, Erlaͤut. Preuſſ. B. III. S. 352, Arnoldt Kirchengeſch. von Preuſſ. S. 204 — 205); indeſſen laßt ſich doch vorausſetzen, daß Winrich aͤhn⸗ liche Bemühungen auch auf andere Städte des Landes verwendet ha⸗ ben moͤge. 4) Die Nachricht hierüber iſt nicht ganz zuverläffig, denn was hievon in meiner Geſchichte Marienburgs S. 165 und in den Beitraͤ⸗ gen zur Kunde Preuſſ. B. II. S. 324 von Lucas geſagt iſt, ftüge ſich auf die unſichern Angaben bei Becker S. 81.
Scanseite 399 · Druckseite 385
Staͤdtiſche Bildungsanſtalten (1382). 385 und Wiſſenſchaften genoſſen noch keiner beſondern Pflege, denn ſelbſt von den früher erwaͤhnten wiſſenſchaftlichen Anſtalten in den einzelnen Ordenshaͤuſern fehlen uns nähere Nachrichten. Die Kloͤſter in Preuſſen haben in dieſer Hinſicht nichts gefoͤr⸗ dert und wir koͤnnen keinen einzigen Abt oder Moͤnch nennen, der ſich durch wiſſenſchaftliche Beſchaͤftigung hervorgethan. Im geiſtlichen Stande waren uͤberhaupt die Domherren faſt die einzigen, die wenigſtens zum Theil eine gewiſſe gelehrte Bil⸗ dung und wiſſenſchaftliche Kenntniß beſaßen und ſich mitunter auch Ehrengrade erworben hatten, ſo wie z. B. der Domherr Johannes von Pomeſanien, zugleich Pfarrer in Ladekop, Li⸗ centiat im Rechte war !). Vorzuͤglich aber ſoll es auch das Landſchulweſen geweſen ſeyn, dem Winrich, wie man von ihm ruͤhmt, wenn auch nicht feine erſte Begrundung gegeben, doch feine regſte Theil⸗ nahme und Thaͤtigkeit gewidmet habe, und wohl ließ es ſich von feinem fonft fo raſtloſen Eifer für feines Volkes Wohl⸗ fahrt und Gluͤck erwarten, daß er ſeine beſondere Aufmerk⸗ ſamkeit auch auf die Schulen des Landes als die wichtigſten Befoͤrderungsmittel geiſtiger Veredlung des Volkes werde ver⸗ wendet haben. Deunoch koͤnnen wir nicht umhin, ihm dieſen von ſpaͤtern Geſchichtſchreibern oft ſo reich geſpendeten Ruhm wenn auch nicht geradehin abzuſprechen, doch wenigſtens in Zweifel zu ziehen, denn es ſchweigen nicht bloß alle zeitge⸗ nöffifchen und älteren Schriftſteller uͤber dergleichen Bemuͤhun⸗ gen um die Volksbildung in Schulen, ſondern es ſpricht auch keine einzige Urkunde von der Stiftung einer Schule oder der Anſtellung und Unterhaltung eines Schullehrers auf dem plat⸗ ten Lande, ſelbſt auch ſolche nicht, die ausdruͤcklich zur Gruͤn⸗ dung neuer Dörfer ausgeſtellt ſich über die innern doͤrflichen Verhaͤltniſſe weiter auslaſſen; kurz in keiner einzigen der zahl⸗ reichen Quellen aus dieſer Zeit iſt vom Landſchulweſen in der 1) Wenn De Wal T. III. p. 441 von einem faire fleurir les sciences dans un pays oü leur nom étoit A peine connu avant lui ſpricht, ſo iſt damit offenbar zu viel geſagt. V.
Scanseite 400 · Druckseite 386
386 Staͤdtiſche Bildungsanſtalten (1382). Art die Rede, daß irgend daraus eine beſondere Wirkſamkeit des Hochmeiſters oder eines der damaligen Biſchoͤfe hervor⸗ ginge ). Überdieß finden ſich ſowohl zu Winrichs als ſeiner 1) Die gewoͤhnlich hieruͤber angeführten Quellenangaben ſind mit⸗ nichten fo zuverläffig, als man gemeinhin annimmt, denn wenn Duel- Bus p. 34, auf den ſich die meiſten Berichte über dieſen Gegenſtand beziehen, auch ſagt: Viros doctissimos, quoad eius saeculum ferebat, Mariaeburgum evocavit, ac pariter reipublicae bono ludos littera- rios per universam provinciam ordinavit, fo verſteht er hierunter kei⸗ neswegs, wie Piſanski Preuſſ. Literärgefh. S. 15 behauptet, das Landſchulweſen, ſondern die Bildungsanſtalten in den Ordensconven⸗ ten, von denen wir fruͤher geſprochen. Was Becker S. 80 uͤber die Sache, fowie über den Ordensprieſter Peter von Augsburg ſagt, kann keinen Glauben verdienen, da keine einzige bewährte Quelle es beftä- tigt. Aus ihm hat Krauſe a. a. O. ſeine Nachrichten entnommen. Die wortreiche Oratio de meritis in Prussiam Vinrici a Kniprode von Liedert giebt uns durchaus nichts Neues. Aus den alten Chro⸗ niſten aber laͤßt ſich keine einzige Stelle als Zeugniß für Winrichs Wirk ſamkeit im Landſchulweſen anfuͤhren; ſelbſt Wigand., der bei der Nachricht uͤber ſeinen Tod in einer Art von Lobrede uͤber Winrichs Verdienſte alles zuſammenfaßt, wodurch er ſich irgend auszeichnete, läßt keinen Laut vernehmen über feine Bemühungen um das Landſchul⸗ weſen, eben fo wenig Lind enblatt oder der alte Chroniſt, deſſen Lobrede auf Winrich in meiner Geſchichte Marienburgs S. 183 abge⸗ druckt iſt. Da nun außerdem, wie oben erwaͤhnt, auch weder urkun⸗ den noch ſonſtige Archivsnachrichten über Winrichs Verdienſte in dieſer Hinſicht die mindeſten Spuren geben, vielmehr nur neuere Scribenten ohne weitere gründliche Beweiſe über die Sache Winrichs Namen mit Lob überhäuft haben, fo konnten wir den gewöhnlichen Angaben der Geſchichtſchreiber in dieſer Beziehung keinen Glauben beimeſſen. Selbſt unter den Zeugen in Urkunden kommt nie der Schulmeiſter eines Dor⸗ fes vor, obgleich wir in Urkunden, welche Städte betreffen, ſelbſt in kleineren Staͤdten, wie in Freiſtadt ſchon im J. 1331 unter den Zeu⸗ gen einen Magister scolarum in civitate predicta finden. In einigen Urkunden wiederholt ſich die Beſtimmung für die Dorfbewohner: Ouch was Gertener von dem Schultheißen adir von den ynwonern in dem⸗ ſelben dorffe geſaczt werden, der ſal iglicher dem pfarrer eynen ſchil⸗ ling geben czu meſſepfenninge und ſeinem glockener ſechs pfenninge czu ſchülerlohn; allein es bleibt doch zweifelhaft, ob hier von einer Schule oder nicht vielmehr von den Meſſeſchülern die Rede iſt.
Scanseite 401 · Druckseite 387
Kirchen- und Kloſterweſen (1382). 387 naͤchſten Nachfolger Zeit noch fo wenige Spuren von Land⸗ ſchulen, daß man durch dies alles zu dem Schluſſe berechtigt ſcheint: auch dieſer ſonſt ſo ausgezeichnete Meiſter habe ſich zur Einſicht von der Nothwendigkeit und wohlthaͤtigen Wirk⸗ ſamkeit einer gewiſſen hoͤheren Bildung und Belehrung des gemeinen Volkes durch die Schule noch keineswegs erhoben ge⸗ habt. Nur für den Staͤdter hatte er dieſe Nothwendigkeit mehr erkannt und zu dieſer Erkenntniß hatte ihn die Zeit ge⸗ führt, denn ſeit etwa einem halben Jahrhundert war das ſtaͤd⸗ tiſche Leben in ſeinen mannichfaltigen Richtungen um ſo viel mehr entwickelt und erweitert, daß bei den vielſeitigen und höheren Anforderungen, die man in den verſchiedenen Zweigen menſchlicher Thaͤtigkeit an den Bürger machte, nothwendig auch die Bildungsanſtalten in ihrer Verbeſſerung fortſchreiten mußten. Weit thaͤtiger als fuͤr die Volksbildung auf dem Lande war Winrich in Beziehung auf das Kirchen- und Kloſterwe⸗ fen, beſonders in den ſpaͤtern Zeiten ſeines Lebens. Er ge hoͤrt, im Geiſte feiner Zeit beurtheilt, mit zu den froͤmmſten Hochmeiſtern, die über Preuſſen geherrſcht haben. Sein reli⸗ giöfer Glaube aber war, wie natuͤrlich, der Glaube ſeines Zeitalters, uͤber den auch er bei aller ſeiner Bildung und ſei⸗ nem ſonſtigen hellen Blicke keineswegs hinauskam. Dem Papſte als dem Haupte der Kirche, der ihm ſelbſt in den letzten Jah⸗ ren noch manchen Beweis ſeiner hohen Achtung und Gunſt gab), zollte er ſtets die treueſte Anhaͤnglichkeit und tiefſte Ehrfurcht. Seine Briefe an ihn ſind ſprechende Beweiſe von feinem demuͤthigen Gehorſam und voll von Ausdruͤcken from⸗ mer Ehrerbietung?). Nur wenn Anforderungen des paͤpſtli⸗ 1) Bulle des Papſtes urban VI, dat.: Apud Urbem veterem Kal. Octobr. p. n. a. tereio in einer fpätern Abſchrift im geh. Arch. Schiebl. 103; fie wiederholt für die hohe Geiſtlichkeit das Verbot, ge⸗ gen die Ordensbruͤder weder Bann, noch Interdict, noch irgend eine andere kirchliche Strafe ohne des Rom. Stuhles beſondere Genehmi⸗ gung zu verhaͤngen. N 2) S. oben S. 351. Anmerk. 1. Ahnliche Äußerungen kommen auch in andern Briefen vor. 25 *
Scanseite 402 · Druckseite 388
388 Kirchen- und Kloſterweſen (1382). chen Stuhles mit der Wohlfahrt und den Rechten und Frei⸗ heiten ſeiner Unterthanen in Widerſpruch kamen, wagte er des Papſtes Befehlen entgegenzutreten. Die Geiſtlichkeit fand bei ihm ſtets leichtes Gehör für ihre Wuͤnſche und er verſaͤumte nie eine Gelegenheit, um ihr Intereſſe gegen den Laienſtand mit allem Eifer wahrzunehmen, ſoweit es mit den Grundſaͤtzen der Gerechtigkeit vereinbar war, weshalb die meiſten Streitig⸗ keiten zwiſchen Laien und Geiſtlichen, die durch den Meiſter oder ſeine Gebietiger entſchieden wurden, zu Gunſten der letz⸗ tern ausfielen. Gerne bot er feine Unterſtuͤtzung zum Aufbau neuer Kirchen und die Zahl der unter ſeiner Regentſchaft neu⸗ erſtandenen Gotteshaͤuſer war ſehr bedeutend). Im Um⸗ gange mit Geiſtlichen beſchaͤftigte er ſich gerne mit religioͤſen Gegenſtaͤnden und es blieb bis an ſein Lebensende eine ſeiner wichtigſten Bemühungen, auch unter feinen Ordensbruͤdern Frömmigkeit und religiöfen Sinn ſtets aufrecht zu erhalten 2). Er hielt daher nicht nur zur Friedenszeit mit aller Strenge auf den Beſuch des Gottesdienſtes und auf puͤnktliche Beob⸗ achtung religioͤſer Gebote), ſondern er traf Anſtalten, daß auch auf Kriegszuͤgen durch Gebete und Meſſen in Kirchen und unter freiem Himmel das religioͤſe Gefuͤhl und das Ver⸗ trauen der Krieger auf des Himmels Macht und Huͤlfe im⸗ mer von neuem geweckt wurde); und war gegen den Glau⸗ bensfeind ein wichtiger Sieg errungen und der Ordenskrieger 1) Daruͤber die Beweiſe in den Verſchreibungsurkunden im geh. Archiv. 2) Lucas David B. VII. S. 128 — 129. 3) Darüber feine Viſitations⸗Vollmachten im Formularbuche p. 18 und Wigand. p. 298. 4) Darüber heißt es bei Wigand. I. c. Quociens indicta fuerat aliqua reysa in laudem dei et virginis Marie contra paganos, to- ciens multiplicate sunt orationes, sanciones, missarum solempnia, signanter de sancta trinitate, de omnibus sanctis et de beata vir- gine in salutem transeuntium ad agones et bella; ergo in omnibus ecclesiis eciam villarum omnes vocati sunt ad interessendum divinis cristifideles in oracionis devocione, ne quis hostis ordini nocere presumat.
Scanseite 403 · Druckseite 389
Kirchen- und Kloſterweſen (1382). 389 gluͤcklich wieder heimgekehrt, fo ließ er in Kirchen und Kloͤ⸗ ſtern nicht ſelten öffentliche Dankgebete anordnen). Bei dies ſem innern religioͤſen Sinn aber hing Winrich, wie ſeine ganze Zeit, auch mit großer Vorliebe an den Äußerlichkeiten religiö- fer Andachtsuͤbungen ?). Voll feſter Zuverſicht in feinem Glau⸗ ben an die hoͤheren, geheimen Wirkungen von Reliquien und Heiligthuͤmern empfing er das hehre Geſchenk, welches ihm der Koͤnig von Frankreich vom Holze des Kreuzes Chriſti ſandte, mit ungemeiner Freude. Wir ſahen fruͤher auch, mit welcher frommen Andacht er einſt die Reliquien im Kloſter Oliva betrachtet und mit welchem dringenden Wunſche er durch einen eigenen Sendboten den Biſchof von Paderborn um einige Über: bleibſel des heiligen Liborius gebeten hatte). Durch ihn war ohne Zweifel auch der fuͤr jene Zeit ſo wichtige Gnaden⸗ brief ausgewirkt worden, den im Jahre 1358 ſechzehn Bi⸗ ſchoͤfe zu Avignon für die S. Laurentius-Kapelle im Haupt: hauſe Marienburg ausgeſtellt hatten, denn dort wurde eine Reliquie des Holzes vom heiligen Kreuze und mehre andere Heiligthuͤmer verwahrt“) und es ſtroͤmten aus ganz Preuſ⸗ ſen und ſelbſt vom nahen Auslande Tauſende von Menſchen in Marienburg zuſammen, wenn man, wie im Jahre 1380 geſchah, im ganzen Lande verkuͤndigt hatte, daß am Tage Philippi und Jacobi im Ordenshaupthauſe das Heiligthum gezeigt werde, eine Sitte, die hier erſt zu Winrichs Zeit ins Leben kam und nachmals, durch eine Gnadenbulle des Pap⸗ ſtes Bonifacius des Neunten noch mehr empfohlen und beför- dert, zu einem der wichtigſten Wallfahrtsfeſte des ganzen Lan⸗ — 1) S. oben S. 359. Anmerk. 4. 2) Darauf beziehen ſich auch die Worte bei Wigand.: Ex in- quctu eciam probissimorum suorum preceptorum largissimas elemo- sinas statuit, jeiunia , venie, oraciones lacrimose ct discipline mul- tiplicate sunt tempore suo. 3) S. oben S. 132. 4) Das Original der Urkunde im geh. Arch. Schiebl. XLII; ge: druckt in meiner Geſchichte Marienburgs Beil. Nr. VII. S. 536.
Scanseite 404 · Druckseite 390
390 Kirchen- und Kloſterweſen (1382). des erhoben wurde n). Und wie Winrich ſelbſt einen ſehr ho⸗ hen Werth auf ſolche Nußerlichkeiten des Gottesdienſtes ſetzte, fo gingen auch feine Anforderungen an die Religioſitaͤt feiner Ordensbruͤder, wenngleich er in ihnen auch fromme und gott⸗ ergebene Gefinnungen zu erwecken und zu erhalten bemüht war, doch vorzuͤglich darauf hin, daß jeglicher nothwendig die damals gewöhnlichen Gebetsformeln, das Vater⸗ unſer, das Ave Maria und das Symbolum verſtehen oder zu lernen ge⸗ zwungen werden muͤſſe ). Dieſe Werthſchaͤtzung des Außer: lichen im Gottesdienſte war es aber zugleich auch, was Win⸗ richs Zeit ſo hoch hielt und was ihm den Ruhm zubrachte, daß er wie kein anderer ſeine Bruͤder zu Froͤmmigkeit und re⸗ ligioͤſem Leben gefuͤhrt ). Bei dieſer religioͤſen Richtung feines Geiſtes war feine Vorliebe und Beguͤnſtigung der Kloͤſter und des Mönchswe⸗ ſens eine natuͤrliche Erſcheinung. Die Altern Kloͤſter des Lan⸗ des erfreuten ſich bei vielen Gelegenheiten der Beweiſe ſeiner Huld und Freigebigkeit und fanden in ihm jeder Zeit fuͤr ihre Rechte und Freiheiten, wie fuͤr die Unverletzlichkeit ihres Be⸗ ſitzthumes einen eifrigen und warmen Schutzherrn, ſo vor al⸗ len Oliva und Pelplin ), deren Abte er gerne und öfter in 1) Lindenblatt S. 46. 2) Noch im J. 1380 ſetzt Winrich in einer Viſitations⸗Vollmacht für die in die Ordenshaͤuſer ausgeſandten Viſttatoren feſt: Preterea statuimus, ut prenominati visitatores nostri à quolibet fratrum, an dominicam orationem sciat, ave maria et symbolum, audiant dili- genter et si quem quod absit, hec vel unum ex ipsis ignorare re- perint, ipsum ea castigacione et pena puniant, que ignorantibus talia in regula et statutis ordinis est inflicta. 3) Weshalb auch Wigand. von ihm ruͤhmt: Ordinis fratres in sancta religione tenuit. 4) Das Einzelne hierüber gehört zur ſpecielleren Geſchichte der Kloͤſter ſelbſt; es ſprechen davon zahlreiche Urkunden im geh. Arch. Schiebl. LIX. Nr. 39. 40. 47. 50. LVI. Nr. 30. 32. 35. 36. 39. Schiebl. 76. Nr. 6 und mehre im Liber privilegior. Kyriand. Der Erwähnung verdient, daß Wiarich noch im J. 1381 dem Kloſter Oliva eine jährliche, nie abzuldſende Rente von 50 Mark auf das Or⸗ denshaus zu Danzig anwies; Liber privil. Kyriand. p. 294.
Scanseite 405 · Druckseite 391
Kirchen- und Kloſterweſen (1382). 391 feiner Umgebung ſah und zu deren Beförderung er ſich mit⸗ unter ſelbſt an den Papſt wandte). Es entſtanden aber un⸗ ter feiner Beihuͤlfe und Unterſtuͤtzung hie und da auch mehre neue Kloſter 2), weil er ſtets die Überzeugung theilte, das Ges luͤbde eines neuen Kloſterbaues ſey der wuͤrdigſte und ange⸗ nehmſte Dank, der dem Himmel fuͤr verliehene Wohlthaten darzubringen ſey. Als ein ſolches Zeugniß des frommen Dan⸗ kes fir den Sieg Über die Heiden bei Rudau erſtand, wie ſchon erwähnt, vor Heiligenbeil ein ſchoͤnes Auguſtiner⸗Klo⸗ fir). Ein ähnliches Kloſter deſſelben Ordens ließ Winrich bei der Stadt Konitz erbauen, überwies ihm manche Berech⸗ tigungen und Freiheiten und nahm es unter ſeinen beſondern Schutz). Unter ihm ward gleichfalls fir Mönche des Au⸗ guſtiner⸗Ordens das heil. Dreifaltigkeits⸗Kloſter bei Groß⸗ Waldeck an dem Orte aufgerichtet, wo einſt der Sage nach die heidniſchen Preuſſen ihren Goͤttern geopfert. Der Ordens⸗ marſchall Henning Schindekopf ſoll fein Erbauer ſeyn ?). In 1) 3. B. für den Abt von Pelplin, welchen er dem Papſte als einen empfehlungswerthen Mann ſchildert; Brief im Formularb. p. 73. 2) Wigand.: Claustra quedam ab eo edificata, aliqua instau- rata. Schütz p. 83 nennt die vier Kloͤſter zu Wehlau, Königsberg, Heiligenbeil und Konitz. 3) S. oben S. 220. 4) Geſtiftet wurde dieſes Kloſter zu Konitz im J. 1365; die Ori⸗ ginalurkunde Winrichs von Kniprode hierüber dat.: Zum Tuchel 1365 am Donnerſtag vor S. Lucid, im geh. Arch. Schiebl. XL. Nr. 14. 5) Erlaͤut. Preuſſ. B. III. S. 285. Die oft wiederholte Nach: richt, daß zu Winrichs Zeit die uralte heilige Göftereiche als letzter Überreft des heiligen Romowe bei Schippenbeil noch geſtanden, die dortigen Bewohner altpreuſſiſchen Stammes heimlich noch unter ihrem Schatten geopfert, der Ordensmarſchall Henning Schindekopf ſie auf des Hochmeiſters Geheiß umgehauen und an ihrer Stelle ein Kloſter zur heil. Dreifaltigkeit erbaut habe, iſt im höchften Grade unzuverlaͤſ⸗ fig und wahrſcheinlich eine Erdichtung Simon Grun au's, in wel⸗ chem wir fie Tr. IX. c. 3. $. 13 zuerſt finden und aus dem fie in bie ſpaͤtern Chroniſten Henneberger, Waißel u. a. uͤbergegangen iſt. Treter p. 13 erzählt: der Marſchall habe die heilige Eiche auf An⸗ trieb des Biſchofs von Ermland umhauen laſſen und ein gewiſſer Pe⸗
Scanseite 406 · Druckseite 392
392 Winrichs von Kniprode Tod (1382). Koͤnigsberg vollendete Winrich das von ſeinem Vorgaͤnger be⸗ gonnene Marienkloſter!) und in Wehlau das ebenfalls ſchon be⸗ gonnene Klofter für Minoriten⸗Moͤnche ). Ein ſolches er hielt zu feiner Zeit auch Wartenberg?) und ein Jahr vor Winrichs Tod kehrten die Kartheuſer in ihr Kloſter bei Dan⸗ zig ein“). Streng und gewiſſenhaft in allen den Pflichten, die ihm als Ritterbruder wie als Fuͤrſt oblagen, übte er doch keine mit groͤßerer Freudigkeit als Mildthaͤtigkeit und Freigebigkeit gegen Kranke, Arme und andere Huͤlfsbeduͤrftige. In allen Städten wurden, wo ſie nicht ſchon vorhanden waren, Spi⸗ tale errichtet, vom Meiſter unterſtuͤtzt und durch Geſchenke er⸗ freut. Als im Jahre 1382 in Danzig die Peſt eine große Zahl von Menſchen hinraffte, ward auf ſeine Anordnung der Nachlaß aller derer, die ohne Erben ſtarben, genau verzeich⸗ net und zu wohlthaͤtigen Zwecken verwendet. Mit allem Rechte wurde er von ſeinen Zeitgenoſſen der Vater der Wittwen und Waiſen genannt, denn wo er es vermochte, nahm er ſich ihrer mit huͤlfreicher Hand und liebevoller Geſinnung an ). Es waren gerade folche Bemühungen zur Erleichterung des Schick⸗ ſals mancher Ungluͤcklichen und zum Troſte und geiſtigen Heil der Armen und Siechen ſeiner Stadt Marienburg, unter de⸗ nen er ſein großes Leben endigte; denn nachdem er noch kurz ter Nagel von Sehr das Kloſter erbaut (2). Hartknoch Kirchen⸗ geſch. S. 182 — 183. De Wal T. III. p. 447. Hart knoch A. u. N. Preuſſ. p. 117. Das einzige Wahre an der Sache ſcheint der Auf⸗ bau des Kloſters zu ſeyn. 1) Darauf beziehen ſich die Worte bei Wigand.: Tempore suo frater Hinricus Dusmer claustrum monialium in Konigsberg edifica- vit et xedditibus dotavit, quod Magister Wynricus consumavit. Baczko B. II. S. 177. 2) Wigand. p. 285. Im Erläut. Preuſſ. B. IV. S. 677 wird es ein Kloſter des Martinianer⸗Ordens genannt. 3) Wigund. p. 289. 4) Lindenblatt S. 47. Lucas David B. VII. S. 126. 5) Wigand. p. 289 ruͤhmt dieſe Tugend ganz vorzuͤglich an ihm; Schütz p. 83.
Scanseite 407 · Druckseite 393
Winrichs von Kniprode Tod (1382). 393 zuvor in Mitwirkung des Biſchofs von Pomeſanien zur gei⸗ ſtigen Pflege der Armen und Kranken im heil. Geiſt⸗Hoſpi⸗ tal zu Marienburg einen beſondern Prieſter angeftelt *), war es noch ſein eifrigſter Wunſch, am Abende ſeines Lebens auch eine eigene Anſtalt zur Verpflegung armer Wittwen und Wai⸗ ſen einzurichten. Als er aber am dreiundzwanzigſten Juni des Jahres 1382 ſich mit des Ordens oberſtem Spittler uͤber dieſen Gegenſtand weiter berieth, wurde er plöglich vom Schlage gerührt und ſchied am andern Tage durch einen ruhigen Hin⸗ gang aus dieſem Leben 2). Über einunddreißig Jahre hindurch hatte Winrich von Kniprode das Steuer der Verwaltung als oberſter Meiſter ge⸗ führt. Seit Hermann von Salza hatte keiner fo lange Zeit und mit ſolchem Ruhm und Gluͤck an der Spitze des Ordens geſtanden und keiner wie für den Orden fo für das Land in fo großartigem Geiſte und mit fo einflußreichen Folgen für alle Zukunft gewirkt, denn unter allen Meiſtern des Ordens, die bisher in Preuſſen gelebt, konnte keiner mit Winrich in ſeinem Walten und Wirken in Krieg und Frieden verglichen werden. Aber auch noch nie war in Marienburg ein Meiſter mit tieferem Schmerze und mit ſolchem Jammer um den Ver⸗ luſt des allgeliebten Landesfuͤrſten zur Ruhe beſtattet worden. Alles ſtroͤmte dort zuſammen, um die entſeelte Huͤlle des ver⸗ ehrten Fuͤrſten noch einmal zu ſehen. Die vier Biſchoͤfe des Landes, eine große Zahl von Gebietigern und Ordensbruͤdern 1) S. meine Geſchichte von Marienburg S. 182 und die Beilage Nr. III. daſcibſt. 2) über Winrichs Todestag, den 24. Juni oder den Tag Johan⸗ nes des Taufers 1382 ſtimmen die bewährteften Chroniſten ohne Aus⸗ nahme uͤberein; Wigand. I. c. Lindenblatt S. 48 und 383. Det⸗ mar S. 320. Schütz p. 83 u. a. Der erſtere giebt durch die Worte: defunctus est VIII Kal. Julii; in die nativitatis Johanis bapt. hora terciarum die Zeit ſeines Todes am genauſten anz er fuͤgt hinzu: qui 31 et medio annis Magisterii generalis principatum in Prussia tenuit und widerſpricht hiedurch Lindenblatts und Detmars An: gabe, nach welcher Winrich das Meiſteramt 32 Jahre verwaltet haben Toll, Vgl. Lucas David B. VII. S. 127.
Scanseite 408 · Druckseite 394
394 Winrichs Ruhm (1382). aus allen Theilen Preuſſens und faſt alle Buͤrger der Stadt folgten feiner Bahre und nie waren um einen Meiſter fo viele Thraͤnen mit tieferer Betrübniß geweint worden. Die S. Annen⸗Gruft im Haupthauſe nahm ſeinen Leichnam auf. Dort zeigt noch heute ein einfacher Grabſtein in ſchwachen Umriſſen das Bild eines geharniſchten Ritters; die Umſchrift zwar, die der Nachwelt des Bildes Bedeutung hat uͤberbringen ſollen, iſt in dem weichen Geſtein faſt ganz verloſchen und nur mit Muͤhe laſſen ſich noch einige Zuͤge von Winrichs Namen ent⸗ ziffern !). Getreuer aber hat ihn das Andenken der dankba⸗ ren Nachwelt für alle Zeit bewahrt, denn ewig unausloͤſchlich hat ihn Winrich ſelbſt durch ſeine Thaten und Geſinnungen, durch ſein großartiges Walten und Wirken, durch ſein raſtlo⸗ ſes Streben und Bemühen um die Wohlfahrt feines Volkes in das Buch der Geſchichte geſchrieben, wo er glaͤnzen wird, ſo lange die Menſchen das Große und Edle hochſchaͤtzen. Es iſt unter den Geſchichtſchreibern nur Eine Stimme des Lobes und der Verherrlichung der Zeit, in welcher Winrich von Kniprode uͤber Preuſſen geherrſcht. In den Tagen unſe⸗ rer Bildung und nach unſern Anſichten und Gefuͤhlen in Be⸗ ziehung auf menſchliche Rechte und menſchliches Gluͤck wuͤrde es nicht nur bedenklich, es wuͤrde frech und faſt gottlos ſchei⸗ nen, ihm als raſtloſen Krieger gegen das heidniſche Volk der Litthauer, als Verwüſter ihrer Gebiete, als Zerftörer alles ih⸗ res heimatlichen Gluͤckes, als dem Leiter und Urheber des Hin⸗ ſchlachtens ſo vieler Tauſende, die unter dem Schwerte der Ordensritter fielen, das Lob und den Ruhm zu zollen, den frühere Geſchlechter uͤber ihn ausgeſprochen haben. Unſere Zeit wird es furchtbar und verdammlich finden, wenn ein Fürft den Ruhm ſeines Namens auf Leichenhaufen meiſt unſchuldi⸗ ger Menſchen gruͤndet und die Lorbeeren zum Siegerkranze auf den blutgeduͤngten Feldern der Heiden ſucht, im Lande von Menſchen, die man nur darum quälte und hinſchlachtete, weil ſie anderes Glaubens waren. Allein die damalige Zeit rich⸗ 1) S. meine Geſchichte von Marienburg S. 183.
Scanseite 409 · Druckseite 395
Winrichs Ruhm (1382). 395 tete ganz anders. „Für einen jeden Menſchen gehört aber, um ihn moraliſch zu richten, ein anderer Maaßſtab; ein eigener zuerſt fuͤr jede Zeit, dann fuͤr jedes Volk, endlich fuͤr jedes Individuum. Wie nicht alle Baͤume gleiche Form tragen und ſich nicht in gleich viele Äfte und Zweige entwickeln, ſondern wie fie auf ganz verſchiedene Weiſe ihre Kraft und Lebensfülle emportreiben, ohne darum aufzuhoͤren Baͤume, und Baͤume dieſer Art zu ſeyn; ſo mag auch der Menſch ſeine Menſchlich⸗ keit auf vielfach verſchiedene Weiſe darlegen, jede würdig und gut, und was für uns häßlich ſeyn würde und Laſter, das kann in ſeiner Lage ſchoͤn ſeyn und Tugend. Um ihn zu rich⸗ ten, müßten wir uns ganz an feine Stelle zu ſetzen vermoͤ⸗ gen :).“ Wie die chriſtliche Welt aber damals urtheilte, hatte der Heide kein Leben, welches der Achtung und Schonung werth ſey; vielmehr galt allgemein dieſer Reſt des Europaͤi⸗ ſchen Heidenthums in Litthauen fuͤr einen graͤuelhaften Schmach⸗ flecken der Zeit, der zum Heile des Glaubens und zur Ver⸗ herrlichung der Kirche bis auf die letzte Spur vertilgt werden muͤſſe; und je eifriger nun und thaͤtiger unter Winrichs Lei⸗ tung alles zu dieſem Zwecke in Bewegung geſetzt ward, je ruͤ⸗ ſtiger und kraftvoller der Meiſter in derſelbigen Überzeugung dahin wirkte, dieſes zur Schande der chriſtlichen Menſchheit noch daſtehende Argerniß gaͤnzlich auszurotten, um fo ruhm⸗ voller glaͤnzte in der Anſicht der Zeit ſein Name an der Spitze des Ordens, der ſeit ſeiner Stiftung zur Bekaͤmpfung und Vernichtung der Feinde der Kirche berufen und verpflichtet war; denn das galt fuͤr Tugend, daß Winrich nach Kraft und Ein⸗ ſicht in feiner Lage war, der er ſeyn ſollte ?). Und in der 1) Lu den Kleine Aufſaͤtze S. 243. 2) Luden a. a. O. — Allerdings iſt es oft grauſam und entſetz⸗ lich, wie mit den heidniſchen Litthauern verfahren wird; aber nicht grauſamer, als wenn der Pfalzgraf Ruprecht (1388) ſechzig im Kampfe gefangene Buͤrger aus Mainz, Worms und Speier, ſeinen erſchlage⸗ nen Pfaͤlzern als Racheopfer, in einen Kalkofen werfen und verbren⸗ nen läßt. und dort herrſcht eine Idee, hier niedrige Rachgier! Dort Heiden, hier Chriſten!
Scanseite 410 · Druckseite 396
396 Winrichs Ruhm (1382). That war es weniger ſein inneres Walten und Wirken für das Land, als vielmehr ſein raſtloſer Kampf gegen die Heiden, der ſeinem Namen uͤberall ſo hohen Glanz und Ruhm brachte, der von Jahr zu Jahr aus den Laͤndern des Suͤdens und Weſtens die Schaaren von Rittern und Kriegsgaͤſten, felbft Herzoge und Fuͤrſten mit in derſelben Überzeugung und zu demſelben Zweck herbeizog, um unter Winrichs hochberuͤhmten Fahnen den ritterlichen Pflichten zu genuͤgen und der Kirche zu dienen, denn noch nie hatte ein Hochmeiſter des Ordens ſich im Heidenkampfe ſolche ruͤhmliche Verdienſte erworben ). Doch nicht ſeinen Namen allein, ſondern ſeinen ganzen Orden beſonders in Preuſſen hatte Winrich zu einer hohen Stufe der Achtung und des Ruhmes emporgehoben. Wie die Zahl ſeiner Bruͤder ſowohl in Deutſchland als in Preuſſen ſelten oder nie ſo groß geweſen war?), ſo hatte der Orden auch nie in der Meinung der Welt ſo hoch dageſtanden, wie zu ſei⸗ ner Zeit, denn in die oberſten Gebietigerwuͤrden in Preuſſen wußte der Meiſter jeder Zeit Maͤrner zu erwaͤhlen, die durch 1) Daher ſagt auch Wigand. unmittelbar darauf, nachdem er von Winrichs Kriegszuͤgen gegen die Litthauer geſprochen: Fama eciam nominis sui difſusa est per universum, nec tanta benemerita digna laude ab alio Magistro unquam sunt audita; und dann ruͤhmt er es von ihm, daß er terras eciam Lithwanorum in longum et latum vo- stavit, incineravit, diversis bellis perturbavit. Vgl. was De War T. III. p. 440 zu Winrichs Rechtfertigung über die Litthauiſchen Kriegsreiſen ſagt. 2) über die Verhältniffe des Ordens in Deutſchland erhalten wir aus dem erſten Amtsjahre des Deutſchmeiſters Konrad Rüde (1379) einen intereſſanten Aufſchluß, indem er den ganzen Zuſtand des Or⸗ dens in Deutſchland auf einem Ordenskapitel zu Frankfurt a. M. den verſammelten Gebietigern vorlegt. Die Zahl der eigentlichen Ordens⸗ brüder (mit dem Kreuze) betrug damals in Deutſchen Balleien 701; außerdem 123 Pfruͤndner, Halbbruͤder, Halbſchweſtern, Kaplane und Schulmeiſter. Einkommen hatten die Ordenshaͤuſer 19,630 Gulden; ihre Schulden beliefen ſich aber auf 18,084 Gulden. An jährlicher Korngülte hatten fie 39,874 Malter Korn Mergentheim. Maaß. Die Ordensguͤter bebaute man mit 188 Pflügen. Dem Orden gehörten 1518 Morgen Weingarten u. ſ. w. Jaeger Cod. diplom. T. II.
Scanseite 411 · Druckseite 397
Winrichs Ruhm (1382). 397 Einſicht, Klugheit und Gewandtheit in Geſchaͤften, wie durch edle Geſinnung und Kraft des Willens ausgezeichnet mit ihm ſtets in Einem Geiſte wirkten. Sie bildeten in allen wichtigen Angelegenheiten ſeinen engern Rath. Unter ihm verwalteten das hohe Amt des Großkomthurs, des erſten Rathes des Hoch⸗ meiſters, zuerſt Heinrich von Boventen beinahe neun Jahre lang, nach ihm Wolfram von Baldersheim vierzehn Jahre und hierauf Ruͤdiger von Elner neun Jahre bis nach Winrichs Tod. Im oberſten Marſchallamte ſtand Anfangs noch Dieterich von Dahenfeld, nach ihm Henning Schindekopf uͤber ein Jahrze⸗ hend, hierauf gegen vier Jahre Ruͤdiger von Elner, dann Gott⸗ fried von Linden fuͤnfthalb Jahre und endlich Kuno von Hat⸗ tenſtein, der nach dreijaͤhriger Verwaltung bald nach dem Mei⸗ ſter noch in demſelben Jahre ſtarb. Die Wuͤrde des oberſten Spittlers bekleidete in Winrichs erſten Regierungsjahren noch Hermann von Kudorf; es folgte ihm aber bald Ortulf von Trier ſiebzehn Jahre lang und nach ihm Ulrich von Fricke, der das Amt bei Winrichs Tod ſchon uͤber zehn Jahre verwaltet hatte. Als Ordenstrapier blieb Anfangs Ludwig von Wolken⸗ berg noch einige Jahre im Amte; ihm folgte auf kurze Zeit Konrad von Bruningsheim und nach dieſem Werner von Rum⸗ dorf über fiebzehn Jahre lang, worauf das Amt Konrad Zoͤll⸗ ner von Rotenſtein zehn Jahre hindurch uͤber ſich hatte. Das ſo ſchwierige als wichtige Amt des Ordenstreßlers hatte Win⸗ rich in den erſten Jahren noch Johann von Langerack verwal⸗ ten laſſen, uͤbertrug es aber darauf dem im damaligen Finanz⸗ weſen ſehr bewanderten Ritter Sweder von Pelland, und faſt neunzehn Jahre lang ſtand ihm dieſer zu voller Zufriedenheit des Meiſters vor. Sein Nachfolger war uͤber fuͤnf Jahre hin⸗ durch Balduin von Frankenhofen, bis kurz vor Winrichs Tod Ulrich von Hachenberg in die Verwaltung eintrat. Schon die lange Dauer der Amtsfuͤhrung der meiſten dieſer oberſten Or⸗ densbeamten ) beweiſet, wie gluͤcklich in der Regel der Mei⸗ 1) Schon Lucas David B. VII. S. 26 beſtreitet die Angabe Simon Grunau's, daß „Winrich von Kniprode fo ſehr viele Amts⸗
Scanseite 412 · Druckseite 398
398 Winrichs Ruhm (1389). ſter in ſeiner Wahl bei Beſetzung dieſer wichtigen Amter war, und je länger jeder dieſer Beamten feiner Würde vorſtand, deſto reicher ſeine Erfahrung, deſto einflußreicher ſein Wirken, deſto ſicherer der Geſchaͤftsgang ſeines Amtes, deſto hoͤher ſein An⸗ ſehen und feine Achtung bei den ihm Untergebenen ). Nicht minder ſorgſam war Winrich bei der Auswahl ſei⸗ ner Ritterbruͤder zur Beſetzung der Komthuraͤmter in den vers ſchiedenen Ordensburgen, weil hievon nicht nur die Aufrecht⸗ haltung der Regel und Ordnung in den Conventen, der wohl⸗ anſtaͤndige und loͤbliche Wandel der Ordensbruͤder, gute Zucht und Sitte unter den Rittern und die noͤthige Strenge im Ge⸗ ſetze, ſondern auch die ganze zweckmaͤßige und wohlthaͤtige Ver⸗ waltung des geſammten zum Komthurhauſe gehörigen Bezir⸗ kes nebſt feinen Städten und Dörfern abhing. Dabei ließ er es nicht an Vorſchriften und Verordnungen fehlen, die den Kom⸗ thuren in den verſchiedenen Beziehungen ihrer Amtspflichten und in den Verhaͤltniſſen ihrer Wirkſamkeit zur feſten Regel und Richtſchnur ihres Verhaltens dienen konnten. Er ſchrieb z. B. vor, wie der Ordensritter außerhalb des Convents ſich geziemend kleiden und wie er ſich anſtaͤndig benehmen, wie man den Landmann behandeln und mit ungewoͤhnlicher Arbeit verſchonen, wie man mit Nachſicht und Gnade Gericht uͤben und das Recht handhaben, aber auch wie man diejenigen Or⸗ leute nach einander gehabt und daß man wegen ſolcher vielfältigen Ver⸗ ſetzung der Amtsperſonen nicht eigentlich wiſſen könne, welche die er⸗ ſten, andern oder die letzten dieſem Hochmeiſter zugeordneten Räthe geweſen.“ Die zahlreichen urkunden aus Winrichs Zeit geben daruber die ſicherſten obenangeführten Nachrichten. um fo unbegreiflicher ift es, wie Hennig zu Lucas David a. a. O. angeblich nach „Ar⸗ chiv⸗Nachrichten “ (was voͤllig grundlos iſt) dem Simon Grunau Recht geben und eine Reihe von Namen als damalige Ordensbeamten hinſtellen konnte, die zum Theil erdichtet, zum Theil wenigſtens ver⸗ ftämmelt find. S. oben S. 89. Anmerk. 2. 1) Darauf bezieht ſich, was Schütz p. 83 aus Wigand. anführt: „Die Gebietiger mit großen wirden, Hat er geehret auch mit zierden“ oder wie es in unſerem Auszuge heißt: Preceptores quoque in ma- xima decencia tenuit.
Scanseite 413 · Druckseite 399
Winrichs Ruhm (1382). 399 densritter mit Nachdruck und allem Ernſte ſtrafen ſolle, welche den Geſetzen des Ordens und den Anordnungen und Befehlen ihrer Obern keine Achtung und keinen Gehorſam bezeigen wuͤr⸗ den ). Um aber gewiß zu ſeyn, daß ſolche Geſetze ſtreng be⸗ folgt und ſeine Vorſchriften in Ruͤckſicht der Verwaltung der Komthurbezirke genau beobachtet wuͤrden, beſuchte er auf Rei⸗ ſen nicht nur oͤfter ſelbſt die einzelnen Ordenshaͤuſer und zog uͤber alles Erkundigung ein, ſondern ſandte von Zeit zu Zeit auch ſogenannte Viſitirer aus, ſtets Maͤnner von anerkannt rechtlicher Geſinnung, „die ehrſames und geiſtliches Lebens wa⸗ ren und wahrhaftig und beſcheiden 2).“ Nach dem beſondern Geſetze, welches Winrich für dieſe Viſitirer entworfen, ſollten ſie minnicklich und bruͤderlich warnen, wo etwas zu verbeſſern ſey, aber auch mit aller Strenge ſtrafen, wo Verbrechen es forderten; die ſtrengſte Unparteilichkeit ſollte die erſte Pflicht ihres Amtes ſeyn und Geſchenke an ſie wurden ernſtlich un⸗ terfagt °). In der Regel wurden jedesmal nur zwei ausge⸗ ſandt, ein Ordensgebietiger oder der Komthur eines Ordens⸗ hauſes und ein Ordensprieſter, und wo ſie hinkamen, hatten ſie uͤber alle Verhaͤltniſſe des Ordenshauſes faſt unbeſchraͤnkte Gewalt. Sie konnten Ordensritter aus dem Orden verſtoßen und ſelbſt mit Kettenſtrafe und ewiger Einkerkerung beſtrafen, 1) Dieſe und mehre andere das Leben der Ritter und die Ver⸗ faſſung des Ordens betreffenden Geſetze, die wir fpäter bei dem Abs ſchnitte über die Verfaſſung und inneren Verhältniffe des Ordens noch weiter beruͤckſichtigen werden, befinden ſich in den Ordensſtatuten her⸗ ausgeg. von Hennig S. 132 ff. Wir heben hier nur die aus, welche ſich auf die Behandlung der Unterthanen beziehen; daruͤber heißt es: „Man ſal ouch den luten genedig fin an gerichte und fi nicht muͤwen mit oberiger arbeit; ferner: Wir bittin alle gebietiger, voyte, pfle⸗ gere unde amptluͤde, das euwer keine feine leuthe twinge czu ungewon⸗ licher arbeit, ſunder ſchonet ir wo ir moget. Man ſal gemeinlich gunnen allin leuthin zeu malen in allen muͤlen, wo is en allir be⸗ auemeſt iſt;“ — gewiß Geſetze voll landes väterlicher Geſinnung. 2) Vgl. das Geſetz in Beziehung auf die Viſitirer in den Ordens⸗ ſtatut. S. 139. 3) Ordensſtatute a. a. O.
Scanseite 414 · Druckseite 400
400 Winrichs Ruhm (1382). je nach der Schwere der Verbrechen !); fie konnten, wo es nuͤtzlich und noͤthig ſchien, hoͤhere und niedere Amtsſtellen mit Beirath der aͤltern Ordensbruͤder anders beſetzen und den ein⸗ zelnen Ordensbruͤdern bald die eine, bald die andere Ballei oder den einen und den andern Convent als Aufenthalt an⸗ weiſen und alles, was ſie tadelswerth in der Einrichtung eines Hauſes fanden, ohne weiteres abſtellen 2). Wo ſie erſchienen, waren ihnen alle Ordensbeamten zu puͤnktlichem Gehorſam verpflichtet in allem, was nur in irgend einer Hinſicht das Amt der Viſitirer betreffen mochte. Dieſe Einrichtung, die ſchon fruͤher erwaͤhnte Anordnung einer Art von Lehr⸗ und Bildungsanſtalten in den einzelnen Conventen, Winrichs Geſetze und Vorſchriften für ſittlichen Le⸗ benswandel der Ordensbruͤder, vor allen aber des Meiſters und feiner oberſten Gebietiger ruͤhmliches Beiſpiel hatten auf den Geiſt und Charakter der Ordensglieder auch den erfreu⸗ lichſten Einfluß, ſo daß ein alter Chroniſt das Zeugniß giebt: 1) Es heißt in einer ſolchen den Viſitirern verliehenen Vollmacht: Exhibitoribus presentiun visitationis officium auctoritate presen- tium committimus peragendum, dantes et concedentes eisdem ple- nam et omnimodam potestatem et auctoritatem secundum ordinis nostri regulam, statuta et consuetudines in omnibus, que ad visita- tionis pertinet officium, in omnes et singulos fratres nostri ordinis et personas, nullum excipiendo, in casibus, criminibus et defecti- bus quibuscunque manifestis et occultis, sive sint levia vel gra via, graviora aut eciam gravissima ipsa punjendi cum annalis penitencie inflictione et ordinis privatione seu ferramentorum detencione aut perpetua carceris mancipatione, si hoc enormitas meruerit delinquen- tis, ut pena culpe respondeat et in quo quis deliquit, racionaliter puniatur. 2) Damus et concedimus eisdem meram et plenam potestatem, ofſicia maiora et minora, si utilitas et necessitas requisierit, cum consilio seniorum fratrum ibi existencium immutandi, preter illa que in nostro generali capitulo per nos resumi et committi sunt consue- ta, et insuper fratres de Balia ad Baliam et de domo ad domum wittendi, si ipsis videbitur expedire, ac eciam malas consuetudines, si quas ordini contrarias et inconvenientes invenerint, reprobandi et penitus abolendi.
Scanseite 415 · Druckseite 401
Winrichs Ruhm (1382). 401 „Bei Winrichs Zeiten war der Orden zu Preuſſen geziert mit viel edlen und weiſen Brüdern, alſo daß er ſtand wie in ei⸗ ner Bluͤthe an Weisheit, an Rath, an Zucht, an Mannheit, an Ehren, an Reichthum und an wohlgeſtalteten Bruͤdern, ſo daß in den Zeiten kein Convent war, in dem man nicht einen oder zwei Bruͤder gefunden haͤtte, die wohl zum Hochmeiſter an Weisheit und an Redlichkeit getaugt hätten). Daher die hohe Achtung, in der der Orden überall ſtand; daher die Über- raſchung der fremden Kriegsgaͤſte, wenn ſie in Preuſſen das Weſen und den eigenthümlichen Charakter der Ordensherrſchaft näher kennen lernten; daher ihr Zeugniß, „daß fie in keinem Lande ſo viel wohlgeſtalteter Leute an Alter und Weisheit ge⸗ ſehen hätten, als im Orden zu Preuſſen?).“ Durch die ge⸗ ſammte Verwaltung herrſchte Winrichs Geiſt, im Gerichte ſeine ſtrenge Gerechtigkeitsliebe neben ſeiner Milde und Gnade, in der Verwendung der Einkuͤnfte ſeine Sparſamkeit neben ſeiner Freigebigkeit, in der Behandlung des Buͤrgers ſeine Achtung der Buͤrgerehre, in der des Landmannes, des vornehmeren Gutsbeſitzers wie des gemeinen Bauers ſeine Guͤte und Freund⸗ lichkeit, feine Schonung und fein Eifer für ihr Beſtes ). 1) Alte Preuſſ. Chronik p. 122; die Stelle in der Original⸗ ſprache in meiner Geſchichte Marienburgs S. 183. 2) Ebendaſ. 3) Wigand. fagt Über den Charakter der Regierung dieſes Mei- ſters: Wynricus tempore sui magisterii terram Prussie cum omnibus incolis optime rexit, milites, clientes, burgenses etc. in omni iusti- cia et honestate servans, und in einer andern Stelle: Tenuit milites atque clientes in iusticia per suau prudenciam, cives et rusticos laudabiliter gubernando, viduis et orphanis compaciendo; ober wie es bei Schütz p. 83 in der Urſprache des Chroniſten heißt: Ritter und Erbare Knechte (hat er) Gehalten in ihrem Rechte, Gebawer und auch Buͤrger Fuͤr ihm geweſt ſein Achtbar und ſonderlich den Bawersman Hat er gehalten Lobeſan, Der Witwen und Waiſen Vater was, Mit groſſer erbarmunge, war iſt das. V. 26
Scanseite 416 · Druckseite 402
402 Winrichs Ruhm (1382). Noch kein Hochmeiſter in Preuſſen hatte die Aufgabe ſeines Amtes und feiner Würde als Landesfuͤrſt und als ritterlicher Glaubensheld fo hoch gefaßt und fo ruhmvoll gelöft, keiner das Scepter und das Schwert, jenes für das Heil und Ges deihen ſeiner Lande, dieſes fuͤr die Sache des Glaubens und der Kirche, mit ſolcher Weisheit und Gewandtheit gefuͤhrt; kei⸗ ner hatte die Feier ſeines Namens als Landesvater und als Ordenshaupt ſo weit in alle Laͤnder verbreitet, als Winrich von Kniprode, deſſen Andenken im Orden und unter dem Volke bis in die ſpaͤteſten Zeiten verherrlicht ward und nie er⸗ ſtarb!). „Man findet fo ſelten bei dem Ruhme des wichtig⸗ ſten Mannes in der Geſchichte auch den Ruhm des beſten Mannes 2)“, bei Winrich aber Beides! 1) Wigand. ſchließt fein Lob Winrichs mit den Worten: Daher ſein Namen weit erſchallen, Und faſt in alle Welt erhallen, Das keinem Meiſter nie geſchehen Von dem ſo viel gutes wer verjehen. 2) Johannes von Muͤller.
Scanseite 417 · Druckseite 403
Sechstes Kapitel. Preuſſens Nachbarreiche unterlagen bald nach Winrichs Hin⸗ ſcheiden manchfachem Ungluͤcke, und ſelbſt im Ordenslande er⸗ regte ein im Oſten drohendes Ungewitter große Beſorgniſſe. Der maͤchtige Tochtamyſch, ein Nachkoͤmmling Dſchingis Chan's, Beherrſcher der Horde der Tataren, ſiegreich ſchon bis Mos⸗ kau vorgedrungen, hatte die Stadt mit Sturm erobert und unter entſetzlichem Blutvergießen großen Theils zerſtoͤrt. Das wilde Tatarenvolk hatte ſich bereits, durch Moskau's Reich⸗ thum und Pracht gelockt, uͤber das ganze Großfuͤrſtenthum ergoſſen uͤberall mit Raub, Mord und Graͤuelthaten, und noch wußte keiner, wo es ſeinem Zuge ein Ziel geſetzt und ob es nicht weiter gen Weſten vorſtuͤrmen werde. Polen aber war in großer innerer Zerwuͤrfniß, denn Koͤnig Ludwig, wenige Monate nach Winrich geſtorben, hatte zwar verordnet, daß die Krone Polens dem Markgrafen Sigismund von Bran⸗ denburg als Verlobten ſeiner aͤltern Tochter Maria zufallen ſolle und man hatte ſich Anfangs im Reiche in dieſe Anord⸗ nung auch gefuͤgt. Allein Sigismunds Perfönlichkeit, fein ſtolzes und kriegeriſches Auftreten im Lande, ſein Widerſtre⸗ ben gegen das Verlangen der Polen, im Reiche ſelbſt zu woh⸗ nen, dazu die gegen ihn gerichteten heimlichen Umtriebe der verwitweten Königin Eliſabeth von Ungern und vor allem die Abneigung der Polniſchen Großen gegen einen Deutſchen Fuͤr⸗ ſten, der, wie ſie meinten, Polen wie eine Provinz regieren 26 *
Scanseite 418 · Druckseite 404
404 Wahl d. Hochmeiſters Konrad Zollner v. Rotenſtein (1382). wolle, ſowie das Streben, ihre unter den letzten Regenten fo ſehr geſteigerte Wichtigkeit und ihren großen Einfluß in Sa⸗ chen des Staates durch die Wahl und unter der Herrſchaft eines von ihnen ſelbſt erkorenen Koͤniges noch mehr zu erwei⸗ tern: das alles ließ Ludwigs Anordnungen keine gültige Kraft gewinnen und erzeugte im Lande uͤberall Parteiung und Wi⸗ derſtand. Waͤhrend Sigismunds Hoffnung zum Polniſchen Throne von Tag zu Tag mehr ſank, erwarb ſich der Piaſti⸗ ſche Fürft, Herzog Semovit von Maſovien immer ſtaͤrkeren Anhang, denn auch ihn geluͤſtete nach der Krone; aber kei⸗ ner konnte noch abſehen, wie die Entſcheidung endlich fallen werde). So war der Zuſtand der beiden Nachbarreiche Preuſſens, als in den erſten Tagen des Octobers die oberſten Gebietiger, unter ihnen der Landmeiſter von Livland, Wilhelm von Fri⸗ mersheim und ſein Landmarſchall Robin von Eltz 2), nebſt den vornehmſten Ordensbeamten des Landes im Haupthauſe Marienburg zuſammenkamen, und als am fuͤnften October das Wahlkapitel eroͤffnet war, fiel einſtimmig die Kuͤr des neuen Meiſters auf den damaligen Ordenstrapier und Kom⸗ thur zu Chriſtburg Konrad Zoͤllner von Rotenſtein, einen der ausgezeichnetſten Gebietiger des Ordens). Aus dem Biſthum 1) Das Nähere in Anonymi Archidiacon. Gnesn. ap. Sommers- berg T. II. p. 187—133, 144. und bei Pray P. II. p. 158—159. 2) Es iſt unrichtig, wenn Bachem Chronol. der Hochm. S. 41, Arndt Th. II. p. 109, Gadebuſch B. I. S. 475 den Meiſter von Livland Wilhelm von Frimersheim ſchon 1373 oder 1374 ſterben laſ⸗ fen. Er lebte nach urkundlichen Beweiſen bis ins Jahr 1384; |. Baczko B. II. S. 236. 3) Wigund. ſagt von ſeiner Wahl: Concordi preceptorum voce sublimatur. über den Wahltag find die Angaben verſchieden. Detmar B. I. S. 320 läßt die Wahl „in ſunte remigius dage mit endrachti⸗ heit der Broͤdere,“ alſo am 1. Octob. erfolgen; bei Dusburg. Sup- plem. dc. 29. ſteht der 2. Octob. Hennig bei Lucas David B. VII. S. 232 ſetzt fie auf den Michaelistag. Seine Angabe ſtuͤtzt ſich auf die Urkunde in Baczko's Annalen des Koͤnigr. Preuſſ. 2tes Quart. B. 5. S. 29, wo der Hochmeiſter ſelbſt jenen Tag als ſeinen Wahl⸗
Scanseite 419 · Druckseite 405
Konrad Zoͤllner von Rotenſtein Hochmeiſter (1382). 405 Wuͤrzburg gebuͤrtig, wo ſein Geſchlecht ſchon im dreizehnten Jahrhunderte bluͤhete und bevor die Zölle an Würzburg ka⸗ men, das kaiſerliche Zollamt verwaltete, weshalb es den Bei⸗ namen der Zöllner erhielt '), hatte er wahrſcheinlich früher hin in irgend einer Ballei Deutſchlands gelebt, bis er nach⸗ mals nach Preuſſen verſetzt, zuerſt auf kurze Zeit dem Pfle⸗ geramte zu Preuſſiſch⸗Mark vorſtand, dann einige Jahre Kom⸗ pan des Komthurs von Chriſtburg war und nachmals vom Jahre 1368 bis 1372 das Komthuramt von Danzig beklei⸗ dete 2). In dieſem hatte er ſich dem damaligen Meiſter durch tag zu bezeichnen ſcheint, weshalb in meiner Geſchichte Marienb. S. 184 ebenfalls dieſer Tag angenommen iſt. Allein eine genauere unter⸗ ſuchung ergiebt, daß Lindenblatts Angabe S. 49, wo der fuͤnfte October genannt wird und womit auch das Verzeichn iß S. 363 über: einſtimmt, die richtige iſt. Dieß beftätigt zunächſt eine Angabe im Am⸗ terbuche p. XXII, wo es beim J. 1382 heißt: Dieterich von Elner Komthur zu Balga ſey am Freitage vor Matthäi geſtorben und „dor⸗ noch am Sontag noch Michaelis czum groſſen Capittel das ampt bru⸗ der Marquarde von Lerheym befolen wart.“ Dieſes große Kapitel aber, auf dem die Meiſterwahl geſchah, fällt nach der erwähnten An⸗ gabe gerade mit Lindenblatts angegebenem 5. Octob. zuſammen. Bei näherer Anſicht widerſpricht dieſer Annahme die erwähnte urkunde auch keineswegs, denn mit den Worten: in den Jaren unſers herin Tuſunt drihundert czwei und achzig an ſendt michels tage des ertzen⸗ gels geſchach, do wir an daz Homeiſterampt quomen, daz czwiſchen uns und deme orden und Jagalo und ſynem Bruder Skirgail wart ufge⸗ nomen eyn Tag czu halden u. ſ. w. will der Hochmeiſter nur die Zeit des aufgenommenen Tages, nicht aber ſeinen Wahltag angeben, wie ſchon die Stellung der Woͤrter: „geſchach — daz“ anzeigt. 1) Obgleich einige, z. B. Gauhen Adels- Lexic. S. 1401 ihn aus der Rheinländiſchen Familie von Rodenſtein ſtammen laſſen, fo iſt doch viel wahrſcheinlicher, daß er ein Sproͤßling der Familie Zollner von Rotenſtein auf der Burg Rotenſtein im Stifte Würzburg, eine Meile von Königsberg, war. Otto, der Stammherr dieſer Familie, kommt im J. 1280 vor; ſ. Hellbach Adels⸗Lexic. B. II. S. 833, wo auf Hön’s Coburg. Hiſtor. Th. I. S. 269 und Th. II. S. 92. 97 verwieſen wird. In Urkunden ſchreibt ſich der Hochmeiſter bald Kon⸗ rad von Rotenſtein, meiſt aber Konrad Zollner von Rotenſtein. 2) Pfleger zu Preuſſ. Mark. war Konrad 13541355, Kompan
Scanseite 420 · Druckseite 406
406 Konrad Zoͤllner von Rotenſtein Hochmeiſter (1382). ſeine kluge und umſichtige Verwaltung einer hoͤheren Stellung ſo wuͤrdig gezeigt, daß ihm Winrich in dem zuletzt genannten Jahre die Wuͤrde des Ordenstrapiers und das Komthuramt zu Chriſtburg übertrug, dem er zehn Jahre ruͤhmlichſt vor⸗ ſtand. So lange alſo Winrich als Haupt des Ordens dage⸗ ſtanden, hatte Konrad Zoͤllner in mehren Amtern des Landes ſich eine reiche Erfahrung in der innern Verwaltung, eine gluͤckliche Gewandtheit in der Mitleitung der aͤußeren Verhaͤlt⸗ niſſe des Staates erworben und im Kampfe gegen die Lit⸗ thauer auch feine Tapferkeit und Kuͤhnheit als Ritter nicht ſelten bewaͤhrt. Wie er in Preuſſen, ſo hatte ſich in Deutſch⸗ land um die naͤmliche Zeit ein naher Verwandter, vielleicht fein Bruder, Marquard Zöllner von Rotenſtein, zuerſt als Komthur zu Mergentheim, dann als Pfleger der Ballei Fran⸗ ken, hierauf als Landkomthur der Ballei Thüringen und zu⸗ letzt als Landkomthur von Botzen vielfache Verdienſte um den Orden erworben und gehoͤrte in Deutſchland zu den vornehm⸗ ſten Rittern des Ordens 1). Nachdem hierauf in demſelben Wahlkapitel an Konrad Ruͤde's Stelle ein neuer Deutſchmeiſter Siegfried von Ven⸗ ningen erkoren worden 2), eine Umwandlung in mehren Ge⸗ des Komthurs zu Chriſtburg von 1355 — 1357, Hauskomthur zu Chriſt⸗ burg 13581359, vielleicht auch laͤnger. Von feinem früheren Auf: enthalte in Deutſchen Ordenshäuſern wiſſen wir nichts Genaues, denn der in einer urkunde vom J. 1306 in Guden. Cod. dipl. T. III. p.33 als Deutſcher Ordensritter vorkommende Konrad Zollner in Marburg kann der unſere nicht ſeyn. 1) Urk. in Jaeger Cod. diplom. ord. Teuton. an. 1359 und 1361; Originalurk. im geh. Archiv Schiebl. 104 Nr. 1. und 105 Nr. 2. In der einen dieſer Urkunden vom J. 1367 verkaufen der Landkomthur zu Thüringen Marquard genannt Zöllner von Rotenftein, Dyele von Wer⸗ tere Komthur zu Altenburg, Peter der Vilſche Komthur und Pfarrer zu Eger, Friederich der Ruͤzzer Komthur zu Nelſtädt, Otto von Wur⸗ nitz Komthur zu Varela, Friederich Selpwelde Hauskomthur zu Lyeb⸗ ſtete, Nicolaus von Gorix Hauskomthur und Pfarrer zu Zwetzen (bei Jena) die Guͤter an der Abtei zu Altenguttern dem Kapitel [a unf. lieben Frauen zu Erfurt. 2) Wir finden wenigſtens in urk. bei Jaeger 1. c. gleich im An⸗
Scanseite 421 · Druckseite 407
Auswärtige Verhaͤltniſſe (1382). 407 bietigeraͤmtern vorgenommen, in die Wuͤrde des kurz zuvor verſtorbenen Ordensmarſchalls Kuno von Hattenſtein der bis⸗ herige Komthur zu Schlochau Konrad von Wallenrod und in die erledigte Stelle des Ordenstrapiers Heinrich Gans von Weberſteten eingewieſen !), naͤchſtdem ohne Zweifel auch manche. andere die inneren Verhaͤltniſſe des Ordens betreffenden An⸗ gelegenheiten in Betracht gezogen waren 2), nahm man auch die aͤußere Stellung des Ordens zu den Nachbarlaͤndern, na⸗ fange des J. 1883 den neuen Deutſchmeiſter und es iſt wahrſcheinlich, daß feine Wahl ſchon im Octob. 1382 erfolgte. 1) Nach Wigand. ſtarb der Marſchall Kuno von Hattenſtein am Tage des heil. Wenceslaus (28. Sept.), nach Lindenblatt S. 51 an einer peſtartigen Krankheit, von welcher nach eben dieſem Chro⸗ niſten auch Herzog Albrecht von Sachſen, Komthur zu Branden⸗ burg, der von Balga Dieterich von Elner und viele andere hinge⸗ rafft wurden. Herzog Albrechts Tod fällt jedoch erſt in den Winter 1382, denn er war noch mit in der Geſandtſchaft zu Jagal; ſ. Anna: len des Königr. Preuſſ. a. a. O. 2) Es wuͤrde unnüß ſeyn, einer neuen Albernheit Simon Gru⸗ nau's, die er Tr. XIII. c. 8 von dieſem Wahlkapitel erzaͤhlt, weiter zu erwähnen, wäre fie nicht auch von den Neuern, als Pauli B. IV. S 217, Baczko B. II. S. 187 und Kotzebue B. II. S. 246 gläu⸗ big nachgeſchrieben, ja von dem letztern S. 422 gewiſſermaßen in Schutz gaommen worden. Es iſt die von dem genannten Mönche zuerſt auf- gebrachte Nachricht: die verſammelten Ordensritter haͤtten verlangt, man ſolle ſie nicht mehr „Bruͤder“ nennen, weil dieſes zu moͤnchiſch klinge, ſondern weil ſie doch eigentlich Herren ſeyen, ſo ſolle man ih⸗ nen den Namen Kreuzherren geben. Dem Hochmeiſter ſey dieß zwar zuwider geweſen, er habe entgegen geſprochen, endlich aber doch nach⸗ geben muͤſſen. Abermals alles reine Faſelei des Moͤnches, der nun einmal keine Hochmeiſterwahl voruͤbergehen laſſen kann, ohne dem Or⸗ denskapitel eine ungereimte Verordnung unterzuſchieben. Den Titel „Kreuzherren“ haben die Ritter je weder verlangt, noch viel weniger von ſich gebraucht. Der Beweis Kotzebue's aus einem Briefe des Hochmeiters an den König von England als Beftätigung der Grunau'⸗ ſchen Anzabe kann nur für ihn gültig ſeyn, da er gar nicht abſah, worauf es bei dem Briefe eigentlich ankam. Aber bemerkte er in den zahlreichen Urkunden des geh. Archivs denn gar nicht, daß in der Be⸗ nennung der Ordensritter auch nicht die mindeſte Veraͤnderung vorge⸗ gangen war? Vgl. De Wal Histoire de IO. T. IV. p. 2.
Scanseite 422 · Druckseite 408
408 Auswärtige Verhältniffe (1382. mentlich zu Polen und Litthauen, in nähere Berathung, denn fo ſehr auch das innere Ungluͤck des Landes, eine zwei Jahre hindurch herrſchende peſtartige Seuche, welche Reiche und Arme, Ordensritter, Buͤrger und Landleute beſonders im Niederlande, als in Natangen, Ermland, Samland, Barterland, Na⸗ drauen u. ſ. w. in großer Zahl hinwegraffte, des neuen Mei⸗ ſters Thaͤtigkeit und Theilnahme in Anſpruch nahm »), fo was ren doch jene aͤußeren Verhaͤltniſſe der Nachbarlande fuͤr den Orden von zu großer Wichtigkeit, als daß ihnen der Meiſter nicht ſeine ganze Aufmerkſamkeit haͤtte widmen muͤſſen. Der Orden konnte wohl ſchwerlich wuͤnſchen, daß Herzog Semo⸗ vit von Maſovien ſein Ziel erreiche, die Krone Polens auf ſein Haupt zu bringen und dann ſein Herzogthum mit dem Reiche zu vereinigen; er haͤtte es wahrſcheinlich lieber geſehen, wenn der Thron Polens vom Markgrafen Sigismund beſetzt werde. Da nun kurz zuvor, ehe das Wahlkapitel zu Marienburg ſich verſammelt, ſowohl vom Markgrafen von Brandenburg als vom Koͤnige Jagal Botſchafter gekommen waren, um den Meiſter um einen Verhandlungstag zu erſuchen, fand es die⸗ ſer mit Beirath der oberſten Gebietiger fuͤr zweckmaͤßig, den Tag mit dem Markgrafen in eigener Perſon zu halten, waͤh⸗ rend der Großkomthur Ruͤdiger von Elner, der Ordensmar⸗ ſchall Konrad von Wallenrod, der Meiſter von Livland Wil⸗ helm von Frimersheim, deſſen Landmarſchall Robin von Eltz nebſt mehre andern Gebietigern und Komthuren die Verkand- lungen mit Jagal betreiben ſollten 2). Sonach begab ſich der neue Meiſter ſofort zum Verhandlungstage mit dem Morkgra⸗ fen. Zwar iſt nicht aufbehalten, was zwiſchen ihnen zur Be⸗ rathung kam; ohne Zweifel aber betraf fie die Verhältiiffe in Polen und wahrſcheinlich war Sigismund bemüht, den Hoc): 1) Lindenblatt S. 51. Anonym. Archidiacon. Gnesnen. p. 152. 2) Originalurkunde im geheimen Arch. Schiebl. LIL Nr. 10; in Baczko Annal. des Koͤnigr. Preuſſ. a. a. O., wo der Hochmeiſter ſelbſt die Sache erzählt; Lucas David B. VII. ©. 158.
Scanseite 423 · Druckseite 409
Witowd's Befreiung (1382). 409 meiſter für feine Sache in Polen zu gewinnen, vielleicht ihn zu bewegen, dort als Vermittler fuͤr ihn aufzutreten. Weit genauer kennen wir den Anlaß und Verlauf der Verhandlungen mit Jagal von Litthauen. Kynſtutte's Sohn Witowd hatte bisher im Kerker geſchmachtet; vergebens war ſeine Bitte an ſeinen Vetter Jagal, ihm ſein vaͤterliches Be⸗ ſitzthum und ſein Erbtheil unter der Bedingung zuruͤckzugeben, es von ihm als Lehen zu empfangen und ihm in aller Weiſe gehorſam zu ſeyn 1); vergebens auch die an den Hochmeiſter, ſich für ihn bei Jagal zu verwenden. Nur den einen Wunſch hatte man ihm endlich erfüllt, daß ſeine Gemahlin und Kin⸗ der ihn im Kerker beſuchen und ſeinen Schmerz lindern koͤnn⸗ ten. Dieß brachte ihm ſeine Freiheit; denn eines Tages tauſchte er mit ſeiner Gemahlin ſeine Kleider; ſie blieb im Gefaͤngniſſe zuruck; ihm gluͤckte es, die Wächter durch feine Bekleidung zu taͤuſchen und bis nach Maſovien zum Herzoge Johannes, ſeinen Schwager, zu entkommen, von wo aus er den Hochmeiſter von neuem um Verwendung bei ſeinem Vet⸗ ter erſuchte 2). Zwar hielt Jagal jetzt nicht nur noch Wi⸗ — 1) Wigand. ſagt: Wytaut petit, ut rex dignaretur ei dimitte- re, que iuris sui esset et a parentibus derelicta, vellet enim ab eo omagium suscipere et esse vir eius. 2) So erzaͤhlt Wigand. p. 299; mit ihm ſtimmt Lindenblatt S. 50 überein. Schütz p. 85 theilt außer der Erzählung Wigands noch eine andere mit, nach welcher nicht Witowds Frau, ſondern eine ihrer Jungfrauen mit Witowd die Kleider tauſchte und im Gefaͤngniſſe zurückblieb. Eben fo Kojalowiez p. 373, der dabei erwähnt, daß eben damals auch die Ermordung Witowds im Kerker beſtimmt geweſen ſey und feine Gemahlin davon Nachricht erhalten habe. Alte Preuſſ. Ehron. P. 40. Cuc. David B. VII. S. 157. Für Wigands Bericht ſprechen auch andere ältere Quellen; fo heißt es im Fol. T. O. Handlung wi⸗ der Polen p. 107: Jagel vinctum habuit Kynstot, quem etiam in carceribus iugulavit et uxorem eius, matrem videlicet Wytow di sub- mersit, Wytowdo, quem dilexit, carceribus mancipato, a quibus quomodo liberatus fuit per uxorem suam et quam ipsa pro- inde mercedem a Jagel consecuta fuit , tacetur tam gratia honesta- tis, quam etiam unitatis. über die Zeit der Befreiung ſchweigen die
Scanseite 424 · Druckseite 410
410 Verhandlungen mit Jagal von Litthauen (1382). towd's Gemahlin, ſondern auch deſſen Kinder, Bruder und Schweſter in feiner Gewalt und im Kerker feſt verwahrt); allein Witowd's Befreiung und deſſen Geſuch bei dem Orden, wovon er unterrichtet ſeyn mochte, ſchienen ihm doch zu be⸗ denklich, als daß er nicht alles verſuchen zu muͤſſen glaubte, das Vertrauen und die Gunſt der Oberſten des Ordens auf alle Weiſe zu gewinnen. Dieß der Anlaß und Zweck ſeiner Sendung. Sobald nun die erwaͤhnten Gebietiger im Anfange No⸗ vembers auf dem Werder an der Dobiſſa 2) zur Verhandlung erſchienen, erklaͤrte ſich Jagal nebſt ſeinem Bruder Skirgal, Herzog von Traken, zu allem fuͤgſam und bereit. Sie traten dem Orden nicht nur das ganze Gebiet oͤſtlich vom Urſprunge der Dobiſſa laͤngs dem Fluſſe herab bis zu ſeiner Verbindung mit der Memel und weſtwaͤrts bis an die Graͤnze des Ordens⸗ landes, alfo die Halfte des Landes Samaiten ) ab und er⸗ Härten es als Eigenthum des Ordens frei von allen Anſpruͤ⸗ chen ihrer Brüder *), ſondern fie verhießen auch vier Jahre hindurch dem Orden in allen Kriegen und Fehden und wider alle ſeine Feinde Huͤlfe zu leiſten, ſo wie auch ſelbſt binnen Chroniſten; da indeſſen Wig and und Lindenblatt fie im J. 1382 erzählen und eine bald näher zu bezeichnende Urkunde vom Anfange des J. 1383 fie vorausſetzt, fo muß fie unzweifelhaft im Herbſt 1382 er⸗ folgt ſeyn. Anonym. Archidiac. Gnesnen. p. 136—137, 1) Witowd's Bericht im Fol. F. des Ordens Handlung wider Polen p. 22. 2) Jetzt Lubiſſa. 3) So verſtehe ich die Worte der Urkunde: Alle dy land und Je⸗ genoth beſaczt und umbeſaczt czwiſſchen des Ordens landen und der Dobyes gelegen anczuheben im Mittelſtrome der Dobiffen als fie in die Mymel vellet uff czu gehen bis dar ſy czum erſten entſpringet;“ denn offenbar ſoll das „Ordensland“ die weſtliche und die Dobiſſa die öft- liche Gränge des neuen Beſitzthums bezeichnen. 4) Als ſolche find in der Urkunde genannt: Cariebut, Langwenne, Carigal, Wigand und Swetregal. Auch der Einwilligung der Mut⸗ ter Jagals, Juliane „der groſſen koniginnen czu Littowen“ wird er⸗ waͤhnt.
Scanseite 425 · Druckseite 411
Verhandlungen mit Jagal von Litthauen (1382). 411 dieſer Zeit gegen niemanden Kampf zu erheben ohne Mitrath, Wiſſen und Zuſtimmung des Ordens. Werde dieſer ihnen zu ihren Kriegen ein Hülfsheer ſenden, fo ſolle ſolches bis Wilna auf eigene Koſt kommen, von dort aber durch ſie fuͤr weite⸗ ren Unterhalt geſorgt werden. Endlich gelobten beide Fuͤrſten wie dem Hochmeiſter und dem Orden in Preuſſen, ſo dem Landmeiſter von Livland auf vier Jahre einen feſten und ſiche⸗ ren Frieden, alſo daß die Ordenslande weder mit einem Kriegs⸗ heere, noch mit Struterie von ihnen heimgeſucht werden ſol⸗ len. Sie verſprachen auch „bei Treue und Wahrheit und bei ihrer Ehre“ binnen dieſer Friſt mit allen den Ihrigen ſich tau⸗ fen zu laſſen zum Bekenntniſſe des Chriſtenthums ). — Freu: dig über das gelungene Werk kehrten die Gebietiger am ſech⸗ ſten Tage nach Marienburg zuruͤck, um die wichtigen Urkun⸗ den vom Hochmeiſter beſtaͤtigen nnd beſiegeln zu laſſen, denn wichtig waren ſie nicht bloß wegen des anſehnlichen Landge⸗ winnes von faſt der Haͤlfte Samaitens, ſondern auch ſchon darum, weil durch die geſchehenen Zuſagen Litthauen vorerſt wenigſtens eine voͤllig veraͤnderte Stellung gegen den Orden angenommen. Auch Jagal war nicht ohne Freude, daß ihm die Verhandlungen in ſolcher Art gegluͤckt waren. Der Or⸗ den ahnete nicht, auf welches Ziel jener bei ſeinem Verfahren hingeſehen. In Rußland hatte ſich im Heranzuge der Tata⸗ ren unter Tochtamyſch's Fuͤhrung ein ſchweres Ungewitter auf⸗ gethuͤrmt und man wußte noch nicht, ob es ſich nicht auch 1) Die hieruͤber von Jagal und Skirgal ausgefertigten und mit dem Datum: uf Dobiſen Werder in den Jaren 1382 im aller heiligin Abunde, zum Theil auch noch mit den Siegeln verſehenen Urkunden befinden ſich theils in Originalen, theils in Transſumten im geheimen Arch. Schiebl. 52 Nr. 5. 6. 7. 8. Namentlich iſt das urkundliche Ver⸗ ſprechen wegen Annahme der Taufe, ſowie das vierjährige Buͤndniß mit dem Orden noch im Original vorhanden und mit den Siegeln Ja⸗ gals und Skirgals verfehen. Alte Copien dieſer Urkunden ſtehen im Cod. Oliv. p. 184 im geh. Staatsarchiv zu Berlin; gedruckt in Baczko Annalen des Königr. Preuſſ. Quart. 2 S. 23—26 und zwar ziemlich richtig, auch in deſſen Geſchichte Preuſſ. B. II. S. 234236. Vgl. Lucas David B. VII. S. 159; Lindenblatt S. 51.
Scanseite 426 · Druckseite 412
412 Verhandlungen mit Jagal von Litthauen (1382). uͤber Litthauen entladen werde. Mit den Herzogen von Ma⸗ ſovien war Jagal ſeit Witowd's Flucht im Kriege begriffen. Sonach war es den Fürften von Litthauen hoͤchſt wichtig ge⸗ weſen, das Schwert des Ordens einſtweilen in der Scheide zu halten und den Meiſter durch lockende Verſprechungen zu befriedigen. Das allein war es, was Jagal durch die Ver⸗ handlungen erzielte. Allein in kurzem ſchlug der Stand der Dinge doch ganz anders aus. Fuͤrſt Witowd war nach Preuſſen gekommen, beim Hochmeiſter und den Gebietigern perſoͤnlich fuͤr ſich Huͤlfe zu erbitten. Zu Inſterburg vom Ordensmarſchall Konrad von Wallenrod freundlich empfangen, erbot er ſich dem Orden zu treuen Dienſten und zur dankbarſten Ergebenheit, ſofern der Meiſter ſich bei Jagal für die Herausgabe ſeines vaͤterlichen Beſitzthums verwenden werde. Man bedeutete ihm zwar, wie viel beſſer es geweſen, wenn er früher, als er Wilna noch in der Hand hatte, ſich mit Land und Leuten dem Orden erge⸗ ben haͤtte!). Weil es indeſſen immer viel austrug, Litthauen in Theilung und unter der Herrſchaft mehrer Fuͤrſten zu ſe⸗ hen, ſo verhieß man dem Fuͤrſten allen moͤglichen Beiſtand und namentlich eine dringende Verwendung bei Jagal, ihn in den Beſitz feines Erblandes zuruͤckkehren zu laſſen. Während hierauf Witowd, der eine Zeitlang im Ordenshaupthauſe Ma⸗ rienburg verweilte, öfter Boten nach Samaiten ſandte, dann ſich auch ſelbſt dahin begab, um dort das Volk fuͤr ſich zu gewinnen 2), ging ein Sendſchreiben des Hochmeiſters an Koͤ⸗ 1) Kojalowiez p. 374 ſagt: Duriorem se primo congressu Zel- nerus praetulit, causatus, non voluntate, sed necessitate amicitian Equitum Prussiae a Vitoldo quaeri. 2) So Wigand. p. 299 mit Dlugoss. p. 67 übereinſtimmend, nur daß dieſer die Unterredung mit dem Hochmeiſter geſchehen laͤßt, wahrend jener ſagt: Wytaut post hec misit legatos ad Magistrum Conradum Walroder petens amiciciam eius et favorem et in Ynster- burg dedit Magistro manum, worunter man freilich auch den Hoch⸗ meiſter verſtehen würde, wenn der Name des Ordensmarſchalls nicht dabei ſtaͤnde. Nach beiden Chroniſten gelingt es Witowd, die Samai⸗
Scanseite 427 · Druckseite 413
Verhandlungen mit Jagal von Litthauen (1382). 413 nig Jagal mit der Bitte, den beiden geflüchteten Fuͤrſten Wi⸗ towd und Tokwyl !) die Ruͤckkehr auf ihren väterlichen Boden zu erlauben, ihnen wenigſtens etwas von ihrem angeſtammten Beſitzthum zuruͤckzugeben und zugleich auch mit den Herzogen von Maſovien zur Vermittlung des Friedens einen Waffen⸗ ſtillſtand einzugehen. Jagal indeſſen ſchien wenig geneigt, in dieſe Bitten zu willigen. Er hatte nicht nur vernommen, daß der Orden mittlerweile mit den Herzogen von Maſovien in allerlei Verhandlungen geſtanden und dieſen namentlich die Summe von fiebentaufend Ungeriſchen Gulden zur Führung ihres Krieges dargeliehen habe, wofür ihm die Burg Wisna am Narev zum Pfande uͤberlaſſen war 2), was er als eine Unterftügung anſah, welche der Orden feinen Feinden zu ſei⸗ nem Nachtheile geleiſtet, ſondern er war uͤberdieß auch benach⸗ richtigt, daß der Orden bereits Geſchenke an Waffen, Roſſen und Kleidern und uͤberhaupt allerlei Mittel anwende, um die Samaiten fuͤr ſich zu gewinnen, und eine Verhandlung zwi⸗ ſchen Skirgal und dem Ordensmarſchall über gewiſſe heidniſche Lande, welche jener ſeinem Bruder, dieſer dagegen dem Or⸗ den aneignen wollte ), hatte gleichfalls nicht wenig beigetra⸗ ten für ſich zu gewinnen, denn Wigand. ſagt: Wytaut misit ad Sa- maitas dicens, quomodo fuisset in Prussia pro auxilio, nec volebant credere. Post hec solus comparuit et univit se cum eis, ut ei auxi- liarentur; wobei Dlugoss. I. c. noch hinzufuͤgt, daß der Hochmeiſter den Samaiten, quo fidiores essent, arma, equos et vestes donat. 1) Jagal ſelbſt nennt in feinem Antwortſchreiben Wytaut et Tok- wyl olim duces Lettowye. Anonym. Archidiac. Gnesnen. p. 137. 2) Die Urkunde des Herzogs Semovit von Mafovien über diefe Verpfaͤndung, dat.: in Castro Strasberg Culmen. dyoc. 1332 proxi- ma tercia feria post festum b. Andree Apost. im Cod. Oliv. p- 166 im gch. Staatsarchiv zu Berlin. Der Herzog berührt darin feine sin- Sularem, quam gerimus ad predictum Ordinem, amicitiam. 3) Dieſer Angelegenheit erwähnt nachher Jagal auch in feinem Briefe an den Hochmeiſter. Wigand. erzaͤhlt fie etwas dunkel und verwirrt. Es geht aus ihm jedoch ſo viel hervor, daß der Ordens⸗ marſchall mit einem Heerhaufen ſich alle Mühe gab, die Burg Traken zur Übergabe und die dortigen Bewohner zum Gehorſam gegen den
Scanseite 428 · Druckseite 414
414 Verhandlungen mit Jagal von Litthauen (1382). gen, Jagals gefaßtes Mißtrauer gegen das Streben des Or⸗ dens noch zu verſtaͤrken. Er antwortete daher dem Meiſter zwar mit aller äußeren Hoͤflichkeit und ſelbſt mit dem An⸗ ſcheine fortdauernder Zuneigung gegen den Orden; allein hin⸗ ter den glatten Worten ließ ſich ſeine eigentliche Geſinnung doch ziemlich leicht erkennen. „Um euerer Liebe und Freund⸗ ſchaft willen, ſchrieb er dem Meiſter, wuͤrden wir euere Fuͤr⸗ bitte für Witowd und Tokwyl wohl gerne erfüllen, wenn es ſchicklich waͤre. Allein wir koͤnnen ihnen durchaus kein Ver⸗ trauen ſchenken und muͤſſen es euerem Bedenken anheim ſtel⸗ len, wie ihr dieſe Fluͤchtlinge hättet aufnehmen und unter euch behalten ſollen. Uns ſcheint es unangemeſſen, daß wir die Schlange in unſern Buſen nehmen ſollen ). Einen Waffenſtill⸗ ſtand mit den Herzogen von Maſovien moͤchten wir um eue⸗ rer Freundſchaft willen bis naͤchſte Oſtern wohl gerne halten, ſelbſt wenn ihr es wollet, auf ein ganzes Jahr, doch nur un⸗ ter der Bedingung, daß die unſern Leuten aus Wilna mit Arreſt belegten Kaufguͤter frei gegeben und die Kaufleute ſelbſt der Haft ſofort entlaſſen werden. Daß euch die Burg Wisna zum Pfande geſtellt iſt, ſchmerzt uns gerade nicht; aber es ſcheint uns doch unpaſſend und unangemeſſen, daß ihr unſere Feinde und Widerſacher unterſtuͤtzet uns zum Nachtheile und Schaden, indem doch euere Gnade recht wohl weiß, wie es unter uns beider Seits angeordnet und beſtimmt iſt, daß kei⸗ ner von uns dem andern in irgend etwas ſchaden und entge⸗ gen ſeyn, ſondern einer dem andern helfen ſoll gegen jeder⸗ mann. Was die Samaiten betrifft, die ihr an euch zu locken Orden zu bewegen, waͤhrend Skirgal alles anwendete, die Heiden vom Orden abzuſchrecken, was ihm leicht gelang, fo daß fie erklärten: fie wollten lieber mit allen den Ihrigen ſterben, als ſich dem Orden er⸗ geben. Deſſenungeachtet wird noch ein ſonderbares Spiel von Verhand⸗ lungen zwiſchen Jagal, Skirgal und dem Marſchall getrieben, wobei man nur ſieht, daß es Jagal weder mit dem Orden verderben, noch ihm die Bewohner des Landes uͤbergeben wollte. 1) Videtur tamen nobis inconveniens, quod deberemus serpen- tem in sinum pouere.
Scanseite 429 · Druckseite 415
x Verhandlungen mit Jagal von Litthauen (1382). 45 ſuchet, ſo bitten wir euere Freundſchaft, ſie auf keine Weiſe fuͤr euch gewinnen zu wollen, weil ſich alle Samaiten uns und unſerm Bruder, dem Herzoge Skirgal untergeben haben!) und wir von unſern Leuten und den Litthauern viele Wider⸗ waͤrtigkeiten erfahren 2).“ — War ſchon hieraus klar zu erſe⸗ hen, welche Geſinnung in Jagals Bruſt vorherrſchte und wie er bemuͤht war, ſie unter dem Deckmantel der Freundſchaft zu verbergen, ſo mußten theils die noch fortdauernden Ver⸗ handlungen mit den Herzogen von Maſovien bald wegen des zollfreien Durchganges der Güter des Ordens von Thorn aus bis zur Burg Wisna ), bald wegen Schlichtung der Strei⸗ tigkeiten und Anforderungen der beiderſeitigen Graͤnzbewohner, theils auch die zwiſchen den Herzogen und den Ordensgebie⸗ tigern in dieſen und andern Angelegenheiten gehaltenen Zu⸗ ſammenkuͤnfte Jagals Mißtrauen immer noch höher ſteigern “), denn es war nicht zu verkennen, daß er die Freundſchaft des Ordens gegen die Herzoge als eine Verletzung ihres gegenſei⸗ tigen Vertrages betrachtete. 1) De Zemaytis, quod ad vos vocare intenditis, rogamus ve- stram amicitiam, nt nullo modo eos ad vos invitetis, ideo quia om- nes Zemayti subdiderunt se Nobis et fratri nostro dilecto duci Skyr- ghel et eciam quia multas adversitates snstinuimus a nostris homi- nibus et Litwanis. 2) Dieſes Schreiben Jagals an den Hochmeiſter, dat.: Vylne in Epyphania domini befindet ſich in einem Transſumt vom J. 1388 im geh. Arch. Schiebl. 52. Nr. 9. Die urkunde ſelbſt hat keine Jahran⸗ gabe, iſt aber ohne Zweifel in den erſten Tagen des J. 1383 abgefaßt, wie ſchon der Umftand wegen der Burg Wisna beweiſt. 8) Urkunde der beiden Herzoge Johannes und Semovit von Mar ſovien, worin fie dieſe Zollfreiheit geftatten, dat.: in Thorun feria quarta iufra Octavas Pasche a. d. 1383 im Cod. Oliv. p. 170 im geh. Staatsarchiv zu Berlin. 4) Die Urkunde des Hochmeiſters über dieſe Ausgleichung, zwar ohne Datum, aber ſicherlich in dieſe Zeit gehörig, befindet ſich im For⸗ mularbuche p. 23. Außer den Komthuren, die der Hochmeiſter mit dieſem Geſchaͤft beauftragte, wurde auch der Landesritter Johann von Cruſchin mit geſandt, derſelbe welcher früher den Biſchof Wicbold von Kulm gefangen genommen hatte.
Scanseite 430 · Druckseite 416
416 Verhandlungen mit Jagal von Litthauen (1383). Was aber den Hochmeiſter gewiß am meiſten befremden mußte, das war die Erklaͤrung Jagals in Ruͤckſicht der Sa⸗ maiten, weil ja dadurch, daß alle Samaiten ſich ihm und ſeinem Bruder untergeben haben ſollten, die eben erwaͤhnte Abtretung eines Theils des Landes gewiſſermaßen wieder zu⸗ ruͤckgenommen war. Der Meiſter, von dem Wunſche beſeelt, dieſe Mißverhaͤltniſſe auszugleichen und die Vertraͤge in Kraft zu erhalten, ließ zweimal den Koͤnig zu einem Verhandlungs⸗ tage an einem beſtimmten Orte einladen, ohne von ihm dar⸗ über eine Antwort zu bekommen 1). Endlich wurde ein ſol⸗ cher Tag zugeſagt; er ſollte gegen Ende des Mai auf dem Werder an der Dobiſſa gehalten werden?) und Jagal verſi⸗ cherte dem Meiſter, daß waͤhrend der Zuſammenkunft von Sei⸗ ten ſeiner Unterthanen Friede und Sicherheit auf keine Weiſe geftört werden ſollten, ein Beweis, wie beſorgt man im Or⸗ den ſchon geworden war und wie das gegenſeitige Mißtrauen ſchon uͤberhand genommen hatte). Als nun die Zeit heran⸗ nahete, gelangte der Meiſter zu Schiff bis Chriſtmemel, mit ihm die ehrwuͤrdigen Biſchoͤfe Heinrich von Ermland und Jo⸗ hannes von Pomeſanien, der Ordensmarſchall Konrad von Wallenrod und mehre andere der oberſten Gebietiger. Da man wegen Seichtigkeit des Waſſers nicht weiter fahren konnte, auch keine Roſſe mitgenommen waren, ſo erſuchte der Meiſter den Herzog Skirgal, der ſich zu ihm begeben, ſeinen Bruder zu be⸗ wegen, den kurzen Weg von drei Meilen nicht zu ſcheuen und zu ihm nach Chriſtmemel zu kommen, wozu er Jagal'n durch den Mar⸗ ſchall noch beſonders einladen ließ. Allein ſo dringend dieſer auch bat und ſo eindringlich er den Koͤnig an die vom Orden ihm erwieſene Gefaͤlligkeit in feiner Bedraͤngniß erinnerte, fo gab dieſer, wahr⸗ ſcheinlich um der Verlegenheit zu entgehen, zugleich ſich taufen 1) S. die Urkunde in Baczko Annalen a. a. O. S. 27 u. 32. 2) Antiquo more nostrorum antecessorum, wie Jagal ſagt. 3) Jagals Zuſage im Formularbuche p. 23, gedruckt bei Lucas David B. VII. S. 161; vgl. damit die urk. in Baczko Annalen d. d. e 27.
Scanseite 431 · Druckseite 417
Verhandlungen mit Jagal von Litthauen (1383). 417 zu laſſen, was der Meiſter ſehr wuͤnſchte !), der Bitte doch keineswegs Gehoͤr, den nichtigen Vorwand vorſchuͤtzend, „daß feine Herren es nicht zulaſſen wollten?).“ Da jetzt der Mei⸗ ſter aufs klarſte ſah, wie wenig von Jagals geheuchelter Freund⸗ ſchaft zu erwarten ſey und des Koͤniges Benehmen die offen⸗ barſten Beweiſe feines Übermuthes und Stolzes gegeben hat⸗ te ), fo trat er fofort mit den Seinen die Heimkehr an nicht ohne das Gefuͤhl einer tiefen Kraͤnkung, jedoch immer noch mit einiger Hoffnung, daß Jagal und deſſen Bruder wohl noch einlenken und ſich eines andern beſinnen wuͤrden. Er ließ daher auch einige Zeit hingehen, ohne weitere Schritte zu thun. Allein ſtatt Nachgiebigkeit und Fuͤgſamkeit zu zeigen, haͤufte vielmehr Jagal die Beweiſe feiner feindſeligen Geſin⸗ 1) Zwar ſpricht der Hochmeiſter von dieſem Wunſche in ſeinen nachherigen Erklaͤrungen über die Sache nicht ſelbſt. Es deuten dar⸗ auf aber nicht bloß die beiden Biſchoͤfe hin, ſondern es heißt daruͤber im Fol. T. O. Handlung wider Polen p. 30 auch ausdruͤcklich: Cum frater Conradus Czolner ad eum navigaverit et ad enm quam ad tres leucas prope accedere non potuit et ad eum misit et rogare fe- cit, ut ipse ad terram cum suis hominibus et baioris ad ipsum equi- taret et baptis mi fontem assumeret, quod renuit facere; und im Fol. E. p. 258: Wend Meifter Conrad Czolner mit vil Biſchoffen und Prelaten czu Im czog und wolde In laſſen touffen — das her nicht thun wolde. Vgl. De Wal T. IV. p. 8. 2) Die ganze Verhandlung und Unterredung des Hochmeiſters mit Skirgal und des Ordensmarſchalls mit Jagal findet man woͤrtlich in der Urkunde des Meiſters bei Baczko Annal. a. a. O. S. 32. Man⸗ ches in der alten Preuſſ. Chron. p. 40. Die Darſtellung der Sache bei De Wal. c. iſt nicht in allen Einzelnheiten richtig. 8) Der Hochmeiſter nennt es ſelbſt „groſen obirmut und obrige hochfart.“ Andere Berichte ſchreiben dem Litthauiſchen Fuͤrſten noch viel ſchlimmere Abſichten zu, indem ſie behaupten, er habe den Mei⸗ ſter in der Hoffnung, er werde nur in geringer Begleitung kommen, mit allen den Seinen gefangen nehmen wollen. So heißt es in Cor- neri Chron. p. 1138: Magister Conradus — comperit figmentum esse et traditionem quandam ordinatam per Julianam matrem illo- rum Regum natione Ruthenam, ut sic forte praedicti Lithuanorum Reges Magistrum praelibatum et suos Fratres simul congregatos ca- Pere et abducere. V. 27
Scanseite 432 · Druckseite 418
* 418 Neue Feindſchaft mit Jagal von Litthauen (1383). nung; den Komthur von Ragnit, den der Hochmeiſter als Botſchafter zu ihm ſandte, ließ er weder vor ſich kommen, noch auch nur eine Antwort geben und man konnte es nicht mehr verkennen, daß er die foͤrmliche Beſtaͤtigung und Aus⸗ wechſelung der abgefaßten Vertragsurkunden zu umgehen und ihren Inhalt fomit für ungültig zu erflären geſucht. Am drei⸗ ßigſten Juli des Jahres 1383 ſandle ihm daher der Meiſter einen foͤrmlichen Abſagebrief, worin er ihm nicht bloß ſein bis⸗ heriges unangemeſſenes und tadelswerthes Benehmen als Be⸗ weis ſeines Übermuthes und trotzigen Stolzes vorwarf, ſon⸗ dern auch ſein Verfahren mit den Gefangenen des Ordens, die er zuruͤckbehalten und ſogar als Leibeigene an die Ruſſen verkauft, als eine unverzeihliche Ungerechtigkeit ſchilderte; und nachdem er ihn an fein widerrechtliches Verhalten in Ruͤckſicht des dem Orden abgetretenen und zugehoͤrigen Landes Samai⸗ ten!) ſowie an feinen vertragswidrigen Krieg gegen die Her⸗ zoge von Maſovien, den er nur mit des Ordens Zuſtimmung habe beginnen duͤrfen, in ernſten Worten erinnert, erklaͤrt er am Schluſſe der Schrift: „Das iſt nun die Freundſchaft, die du uns beweiſeſt gegen den Dienſt, den wir dir gethan ha⸗ ben. Den großen Hochmuth aber und die unrechte Gewalt wollen und mögen wir nicht länger von dir leiden. Hierum ſo wiſſe, Jagal, mit deinen Bruͤdern, ſeit der Zeit, daß wir keinen Glauben noch ſtete Treue an dir finden, ſo ſagen wir dir den Frieden auf von der Livlaͤnder und auch von unſer und unſeres ganzen Ordens wegen und wollen nach dieſem Tage keinen Frieden mehr mit dir haben ).“ 1) Wenn der Hochmeiſter hieruͤber ſagt: „Ouch jo weiſt du wol, das di brife inne haben, di du uns und deyn bruder Skirgal vorſegelt haben, das das landt ezu Samaithen ſulde unſer ſeyn bis uff die Do⸗ bys, des underwyndeſt du dich und ſchreibſt uns in dinen brifen, ſie haben ſich dir irgeben und dinem liben bruder Skirgal und wir ſulden Ir uns in keyner weyſe czuczien,“ fo ſieht man leicht die Beziehung auf die oben S. 410 erwähnte Zuſage der Hälfte Samaitens. 2) Eine gleichzeitige Abſchrift dieſes Abſagebriefes, dat.: Marien⸗ burg 1383 am nächften Donnerſtag nach Jacobi Apoſtoli im geh. Arch.
Scanseite 433 · Druckseite 419
Neue Feindſchaft mit Jagal von Litthauen (1383). 419 Spaͤterhin erließ der Meiſter noch eine öffentliche Erklaͤ⸗ rung, worin er aller Welt feine vielfachen Bemühungen um die Aufrechthaltung des Friedens ſeit dem Antritte ſeiner Mei⸗ ſterwürde, ſowie ſein ganzes Verfahren gegen den Koͤnig von Litthauen waͤhrend dieſer bedenklichen Zeit, daneben aber auch Jagals und feines Bruders unredliches, hoffaͤrtiges und trotzig⸗ ſtolzes Benehmen gegen ihn und ſeine Gebietiger, ihre Wort⸗ bruͤchigkeit in Ruͤckſicht der Verträge und ihre ſchnoͤde Undank⸗ barkeit klar und offen darſtellte, um ſich durch ſolche offene Mittheilung wegen Erneuerung des Krieges mit den Litthauern vollkommen zu rechtfertigen. Er hob es beſonders hervor, wie übermüthig und hochfahrend ſich der Heidenkoͤnig bei der zwi⸗ ſchen ihnen verabredeten und von ihm vereitelten Tagfahrt be⸗ nommen und welchen Mangel an Achtung er ſowohl ihm, dem Meiſter ſelbſt und dem Ordensmarſchall, als uͤberhaupt dem ganzen Orden hiebei bewieſen!). In acht verſchiedenen Punk⸗ ten ſetzte er die Gruͤnde auseinander, die ihn um des Ordens Ehre und Nutzen willen und Jagals Übermuths und unge⸗ rechter Gewalt wegen bewogen haͤtten den Frieden aufzuſagen. Sie betrafen uͤberhaupt das ganze ſchnoͤde Verhalten, welches Jagal in dem bisherigen Verlaufe der Dinge gegen den Or⸗ den gezeigt ?), woraus der Meiſter den Schluß faßte, daß es im Fol. Grenzbuch B. p. 27; gedruckt in Baczko Annal. a. a. O. S. 26 und in deſſen Geſchichte Preuſſ. B. II. S. 237. 1) Zu dieſem Zwecke theilt der Hochmeiſter alle ſeine Unterredun⸗ gen mit dem Herzoge Skirgal und die des Marſchalls mit Jagal und deſſen Bruder Conſtantin mit. 2) Kurz zuſammengefaßt betrafen die acht Punkte folgende Ankla⸗ gen: 1. daß Jagal und Skirgal den Berathungstag zum völligen Ab: ſchluſſe der Verträge vereitelt ungeachtet aller ihm gethanen Erbietun⸗ gen; 2. daß Jagal aus Hochmuth die drei Meilen Weges zum Meiſter nicht habe kommen wollen, obgleich es dieſem unmöglich geweſen, dem Könige näher zu reiſen; 3. daß er dem Meiſter die Gefangenen vor⸗ enthalte und als Leibeigene an die Ruſſen verkaufe, wiewohl ihm die ſeinigen, mehr als 1200 Schock Groſchen im Ldſewerth, frei gegeben worden, wogegen dem Meiſter nur 21 Menſchen, jeden zu 4 Schock, ausgeliefert ſeyen; 4. daß ſich Jagal Samaitens unterwinde, obgleich 27
Scanseite 434 · Druckseite 420
420 Neue Feindſchaft mit Jagal von Litthauen (1383). ſowohl der Nutzen und das Heil der Chriſtenheit, als des Ordens Ehre gefordert, den Krieg gegen den Heiden wieder zu beginnen. Und zum Zeugniſſe, daß dieſe neue Kriegser⸗ oͤffnung gegen den Heidenkoͤnig vom ganzen Orden ausgegan⸗ gen und genehmigt worden, mußten die nachmaligen fuͤnf ober⸗ ſten Gebietiger, die zum Theil ſelbſt in dieſen Verhandlungen mitgewirkt hatten, die offene Erklaͤrung durch ihre Beſiegelung beſtaͤtigen ). Dieſe aͤußeren Verhaͤltniſſe mit dem Markgrafen von Brandenburg, mit den Herzogen von Maſovien und beſonders mit den Litthauiſchen Fuͤrſten hatten den Meiſter ſeit dem An⸗ tritte ſeines Amtes zu vielſeitig beſchaͤftigt, als daß er ſeine Thaͤtigkeit der inneren Landesverwaltung viel haͤtte widmen koͤnnen. Indeſſen reiſte er doch oͤfter im Lande umher, em⸗ pfing uͤberall die Huldigung, ertheilte hie und da, z. B. der Stadt Kulm neue Bewilligungen und erwarb ſich allenthal⸗ ben des Volkes Liebe und Vertrauen. Mit welcher Strenge er auf die Handhabung der Geſetze des Ordens zu halten ent⸗ ſchloſſen ſey, bewies er den Ordensrittern auf einem im Or⸗ es dem Orden übergeben ſey; 5. daß der König Maſovien während des Friedens verheert habe, woruͤber der Orden beim Koͤnige von Un⸗ gern in großes Mißtrauen gekommen ſey, da im Vertrage beſtimmt worden, Jagal ſolle ohne Wiſſen und Willen des Ordens keinen Krieg anfangen; 6. daß Jagal verboten, dem zu ihm geſandten Komthur von Ragnit irgend eine Antwort zu geben; 7. daß er auch den zu ihm ge⸗ ſandten Ordensmarſchall nicht einmal habe anhören wollen; 8. daß er dem Hochmeiſter keine Friedebriefe zuruͤckgeſendet, obgleich ihm dieſer die ſeinigen zugeſchickt. 1) Man hat früher (ſ. Baczko Annalen a. a. O. S. 29. Lu⸗ cas David B. MI. S. 160 und 233) dieſe Urkunde ins J. 1383 ge⸗ ſetzt und ihrem Inhalte nach gehoͤrt ſie auch allerdings dahin. Abge⸗ faßt iſt fie aber offenbar erſt 1387, worauf ſchon ein bloßer Blick auf die erwähnten Gebietiger führt, denn von ihnen war nur der einzige ulrich von Hachenberg als Treßler im J. 1383 in feinem Amte, die übrigen finden wir in ihren erwähnten Amtsſtellen erſt im J. 1387. Das Original der Urkunde, ohne Datum, im geh. Arch. Schiebl. 52. Nr. 10; vollftändig in Baczko Annal. a. a. O., im Auszuge bei Kotzebue B. II. S. 424 — 426.
Scanseite 435 · Druckseite 421
Kriegsfahrt nach Litthauen (1383—1384). 421 denshauſe Pr. Holland gehaltenen Kapitel, indem er in öffent- licher Verſammlung dem erſt vor kurzem in den Orden auf⸗ genommenen Ritter Konrad von Saffenberg das Ordenskleid wieder abnehmen ließ und ihn aus dem Orden ausſtieß, weil er gegen das Geſetz mit Schulden beladen und ſolche vor ſei⸗ nen Obern verſchweigend in den Orden getreten war und die⸗ ſen dadurch in unangenehme Verhaͤltniſſe mit ſeinen Glaͤubi⸗ gern geſetzt hatte ). Mittlerweile aber war im ganzen Lande mit Macht ge⸗ rüͤſtet worden, denn der Meiſter hatte beſchloſſen, den Über⸗ muth des heidniſchen Koͤniges mit der Schärfe feiner Waffen nachdrücklich zu beſtrafen. Schon im Anfange des Auguſts zog die Wehrmannſchaft aus dem Lande zuſammen. Die Staͤdte ſandten ihre Heer-Mayen; Elbing ſtellte deren drei unter eigenen Hauptleuten und ſo, wie es ſcheint, auch die uͤbrigen ?). So erwuchs eine ſehr bedeutende Streitmacht. Vor dem Auszuge indeß ſuchte man ſich Witowds, deſſen 1) Das darüber auf des Meiſters Befehl aufgenommene Notariats⸗ inſtrument im Formularbuche. Der Gang der Sache war kurz dieſer. Ein Ordensprieſter las zuerſt aus den Statuten den Artikel vor, daß ein junger Ritter, der in den Orden treten wolle, bekennen muͤſſe, ob er mit Schulden beladen ſey oder nicht. Dann ließ der Meiſter den Ordensritter Konrad von Saffenberg herbeirufen, hielt ihm dieſen Ar⸗ tikel vor und erklaͤrte ihm dabei, daß der Komthur von Koblenz ge⸗ meldet, er ſey dem Ritter Friederich von Nerſe 400 Gulden ſchuldig. Nachdem Saffenberg dieſe Schuld anerkannt, eroͤffnete ihm der Mei⸗ ſter: „Weil wir befuͤrchten, der Orden möge kuͤnftig in einem ähnli- chen oder noch wichtigeren Falle durch Anforderungen zu ſeinem Scha⸗ den beläftigt werden, fo dürft ihr nach unſerer Ordensregel und euerem Geftändniffe das Ordenskleid nicht weiter tragen, ſondern muͤſſet es in Gegenwart dieſer Notare hier ablegen.!“ Dieß geſchah denn ſogleich. Vgl. Über dieſen Konrad von Saffenberg Guden. Cod. diplom. T. II. p- 1358 das Schema genealog. 2) Hiemit beginnt das Kriegsbuch der Stadt Elbing, wovon frü- her ſchon geſprochen iſt. Elbing ſtellte in den drei Mayen theils Waͤp⸗ ner, theils Schuͤtzen, die letztern meiſt aus den Handwerkern. Eine dieſer Mayen betrug ungefähr elf Pferde. Auch die ftädtifchen Höfe waren mit 9 Pferden zur Maye pflichtig.
Scanseite 436 · Druckseite 422
422 Kriegsfahrt nach Litthauen (13831384). Sache jetzt vorzüglich mit im Spiele war, fo viel als müg- lich zu verſichern. Er mußte im Hauſe zu Tapiau nicht nur die Taufe empfangen, wobei er den Namen Wigand erhielt, ſondern auch dem Orden feſte Treue und Ergebenheit geloben mit dem Verſprechen, ſein vaͤterliches Beſitzthum in Litthauen, in welches man ihn zuruͤckfuͤhren wollte, vom Orden als Le⸗ hen anzunehmen !). Man war ferner auch bemüht, insbeſon⸗ dere die Samaiten noch mehr zu gewinnen; man ſandte ih⸗ nen forthin Waffen, Roſſe und Kleider, und fo ſehr bisher das Volk dem Orden abgeneigt geweſen, ſo bildete doch Wi⸗ towd, der gefluͤchtete Sohn ſeines einſtigen Oberherrn, einen Vereinigungspunkt fuͤr einen großen Theil des Volkes 2). Hier⸗ auf zog das Heer die Memel aufwaͤrts, an ſeiner Spitze der 1) Vgl. die Urkunde Witowds vom J. 1384 in Baczko Annal. a. a. O. S. 38. Der Taufe des Fuͤrſten in Preuſſen erwähnt im All⸗ gemeinen auch Lind enblatt S. 60. Obgleich Hennig bei Lucas David B. VII. S. 175 die Sache etwas ungewiß nimmt, ſo haben wir doch vollgültige Nachrichten darüber. Wigand. ſagt: Baptizari se fecit in Tappiow; Magisterque Wygandus supradictus et Schul- tecissa de Tappiow eum ad fonteın baptismatis tenuerunt. Im Fol. T. O. Handlung wider Polen p. 30 heißt es: Witoldus christificari velle promisit et eciam baptizare se fecit in Tappeaw et nominaba- tur Wigandus, post hoc fecit se rutenice baptizare et noiuĩnatus est Alexander, quod nomen de baptismo rutenico sibi inolevit, et sicut modo ipse in Tappeaw fuit baptizatus, optabat in patris sui patriam ab ordine iuvari, ipse vellet se dare ordini et patriam patris sui duntaxat in titulo beneficii assumere ab ordine, quod eciam factum fuit et ita litteris fuerat confirmatum. (Dieſe litterae beziehen ſich auf eine Urk. vom J. 1384, deren wir ſogleich erwähnen werden, indem fie daſſelbe beftätigt.) Es iſt demnach unrichtig, wenn in der Anmerk. bei Lindenblatt a. a. O. und von Kotzebue B. II. S. 251 behaup⸗ tet wird, Witowd habe jetzt den Namen Konrad erhalten, wenn gleich Anonym. Archidiacon. Gnesnen. p. 137 dieſes ſagt. Det mar B. I. S. 324 ſctzt die Taufe erſt auf den Tag der 11,000 Jungfr. (21. Oct.) 1383 und die alte Preuſſ. Chron. p. 40 erzählt: Of der heymreiſen wart Wytold zeu Ragnyte of dem Hufe getoft. 2) Wigund. ſagt vom Hochmeiſter: suscepit Samaitas in succur- sum, donans eis arma, equos et vestes. Diugoss. p. 67.
Scanseite 437 · Druckseite 423
Kriegsfahrt nach Litthauen (1383—1384). 423 Hochimneiſter, Witowd mit den Samaiten, der Ordensmar⸗ ſchall und mehre andere Gebietiger und Komthure, des Mei⸗ ſters Heerfahne voran und hinter ihr die übrigen Heerbanner. Bis vor die Burg Traken, wo das zwiefach getheilte Heer am elften September ankam, war nirgends Gewalt geuͤbt worden. Man fand das feſte Haus von Skirgals Mannſchaft ſtark beſetzt. Allein nachdem es einige Tage theils von Wi⸗ towds Heerhaufen, theils von der Streitmacht unter des Mei⸗ ſters Befehl mit ſchwerem Geſchuͤtze beſchoſſen, die Mannſchaft durch beſtaͤndigen Kampf ermuͤdet und bie Burgmauer an ei⸗ ner Seite darniedergeworfen war, bedurfte es nur noch eines Hauptſturmes, bei welchem der tapfere Ordensritter Winter von Redingen fiel, um die Beſatzung zur Ergebung zu zwin⸗ gen. Sie ward gefangen hinweggefuͤhrt, die Burg aber, mit neuer Mannſchaft aus dem Ordensheere beſetzt, dem Fuͤrſten Witowd uͤbergeben, auf deſſen Bitte der Meiſter die beiden Ordensritter Johannes Rabe und Heinrich von Clee als Haupt⸗ leute über die Burgmannſchaft beſtimmte. Alsbald ſtroͤmten auch zahlreich Litthauer und Samaiten herbei, die ſich Wi⸗ towden zu Gehorſam ergaben ). So hatte Skirgal durch Eroberung der Hauptburg ſein Herzogthum Traken verloren und Witowd ſchien am Ziele aller feiner Wuͤnſche 2). 1) Praesertim, ſagt Kojalowiez p. 375, cum e Samogitia illa- que Lituaniae parte quae Kieystutiani juris erat, praecipui ad Vi- tuldum comearent, qui oblatis suis opibus bellum in Jagelonem ac- ceudebant. 2) Nach Wigand. ergab ſich die Beſatzung prehabito consilio ad manus Magistri salvis corporibus atque rebus corum. Von Witowd heißt es: ‚Regratiatur Magistro honoris et beneficii, petens, ut di- guaretur ei concedere viros, quum impotens esset, ipsum servare — et Magister concessit ei LX viros, fratrem Johannem Rawe pro capitaneo, fratrem Hinricum de Clue ducem pro collega. Der letz⸗ tere ſcheint Heinrich von Clee zu ſeyn, obgleich die Schreibart de Clue befremdet; wir wuͤßten ſonſt nicht, was aus dem Namen zu machen wäre. Er ift jedenfalls verſtuͤmmelt. An die Schwaͤbiſche Familie von der Clee oder Klee, auch Cleve, zu denken, möchte noch am naͤchſten liegen. Die alte Preuſſ. Chron. p. 40 nennt nur den Ordensbruder
Scanseite 438 · Druckseite 424
424 Kriegsfahrt nach Litthauen (13831384). Nun kam fuͤr Jagal die Vergeltung; denn kaum war Traken gewonnen, als der Meiſter die Komthure von Elbing, Balga, Brandenburg und Chriſtburg gegen Wilna voraus⸗ ſandte, mit dem Befehle, die Stadt, wie ſie nur koͤnnten, gaͤnzlich zu vernichten. Es erhob ſich auf einer Bruͤcke in der Naͤhe der Stadt ein aͤußerſt hartnaͤckiger Kampf; dreimal war⸗ fen die Litthauer das Ordensheer unter großem Verluſte zu⸗ ruͤck und dreimal ſtuͤrmte es wieder vor unter dem Banner des heil. Georgs, bis es gelang, die Flammen Wilna's hell⸗ leuchtend emporſteigen zu ſehen. Der Brand der Stadt hatte die Rache geſaͤttigt; man wagte es nicht, dort laͤnger zu ver⸗ weilen und kehrte zum übrigen Heere zuruck !). Jetzt zog der Meiſter mit der geſammten Streitmacht gegen die Nerie hin, empfing dort Geiſeln von den Samaiten zur Verſicherung ih⸗ rer Treue und trat alsdann in getheilten Haufen, zum Theil zu Schiffe die Ruͤckkehr nach Preuſſen an. Auf ſeiner Gebie⸗ tiger Rath aber gab er Witowden auch noch das Haus Ma⸗ rienburg bei Kauen ein, denn die Zahl der Litthauer und Sa⸗ maiten, die ſich dem letztern zu Dienſt und Gehorſam ſtellten, wurde immer bedeutender. Allein das Gluͤck wandte ſich nur allzu ſchnell. Noch vor Beginn des Winters ſtanden ploͤtzlich Jagal und Skirgal vor den Mauern von Traken und bela⸗ gerten die Burg mit ſtarker Macht, bis die Beſatzung, ſich ſechs Wochen 2) lang aufs tapferſte vertheidigend, endlich den⸗ noch zur Ergebung gezwungen ward und frei mit ihrer Habe davon zog ). Johann Rabe als Hauptmann; vgl. Lindenblatt S. 52, Detmar S. 324, Diugoss. p. 90. Anonym. Archidiacon. Gnesnen. p. 152. 1) Wigand. allein ſpricht von dem hartnäckigen Kampfe vor der Stadt, wobei ein Herr Huport von Sendendorf (wenn der Name rich⸗ tig ift) die S. Georgsfahne trug. Wie es ſcheint, war auch der Mei⸗ ſter mit einem Heerhaufen nachgezogen; doch ſind die Worte nicht ganz klar. Vgl. Corner. Chron. p. 1139. 2) Nach Andern ſieben Wochen. 3) Lindenblatt S. 53, Kojalowiez p. 376, Detmar a. a. O. Anonym. Archidiacon. Gnesnen. I. c. Im Fol. T. O. Handl. wider Polen p. 30 heißt es über die Einraͤumung Marienburgs an Witowd:
Scanseite 439 · Druckseite 425
Neue Erweiterungen des Ordensgebietes (1384). 425 So war Witowds Gluͤcksſtern ſchnell wieder verdunkelt; er ſah vorerſt noch keine neue Hoffnung, denn obgleich im Winter des naͤchſten Jahres eine anſehnliche Streitſchaar frem⸗ der Gaͤſte zur Heidenfahrt ſich in Koͤnigsberg verſammelt hatte, ſo erlaubte die laue Witterung doch keinen Zug ins feindliche Land ). Der Fuͤrſt, in der erſten Zeit des Jahres 1384 mit ſeinem Brudersſohne, dem Herzog Georg von Naugarthen, und mehren Großen Litthauens in Koͤnigsberg verweilend, bot alle Mittel auf, um gegen neue Zuſagen und Bewilligungen neue Hülfe zu erlangen. Er beftätige nicht nur urkundlich, daß er fein ganzes vaͤterliches Erbland vom Orden zu Lehen genommen habe und ſolches ihm, wenn er oder ſeine Nach⸗ kommen kinderlos ſterben wuͤrden, als reines Eigenthum zu⸗ fallen ſolle, ſondern er tritt außer der wichtigen Bauſtaͤtte zu Kauen noch andere anſehnliche Gebiete ab; denn erſtlich ſoll die Landſtrecke von dem Orte, wo die Nerie oder Wilia in die Memel faͤllt, eine Meile breit bis eine Viertelmeile jen⸗ ſeits Rumſchisken dem Orden gehoͤren, damit er Witowden gegen ſeine Vettern und andere Glaubensfeinde um ſo leich⸗ ter unterſtuͤtzen koͤnne ?); es ſoll ferner auch alles Land von Rumſchisken die Memel aufwärts bis an die Roſſa s) und von da bis nach Maſovien und Polen, alſo alles Land zwi⸗ ſchen dieſen Laͤndern, der Memel und Preuſſen, von nun an dem Orden zugehoͤren, weil es von dieſem ſehr verwuͤſtet und gewonnen worden, Witowds Vorfahren auch nie ein Recht darauf gehabt *). Samaiten betreffend fol nicht bloß da, wo Ita eum Ordo iuvavit cum laboribus magnis et sibi qnoddam ca- strum pulcrum aedificaverunt Marie castrum nominatum, et aperie- bat sibi eciam castra alia prope limites, ut melius suis inimicis con- trastare posset. Alte Preuſſ. Chron. p. 40. Corner. Chron. I. c. 1) Lindenblatt S. 53, 2) Wie Witowd ſelbſt ausdrücklich ſagt. 3) „Dy memel uff ken Ruſſen“ kann ſchwerlich etwas anders hei⸗ ßen als: die Memel aufwaͤrts bis wo die Roſſa zwiſchen Lunna und Moſty in die Memel faͤllt. ) „Ouch font die ſelben Landt ny unſir elderen geweſt, und be⸗ kennen das wyr keyn recht doczu haben“ ſagt Witowd ſelbſt.
Scanseite 440 · Druckseite 426
426 Neue Erweiterungen des Ordensgebietes (1384). die Nerie und Naweſe in die Memel fallen, eine halbe Meile Landes dem Orden anheimfallen, ſondern fortan die Naweſe bis zu ihrem Urſprunge und dann eine Linie bis nach Livland die Graͤnze des Ordensgebietes bilden. Demnach war mit Einſchluß des Landes Selen?) nun ſchon faſt ganz Samai⸗ ten dem Orden zugeſprochen, weil, wie Fuͤrſt Witowd ſelbſt erklaͤrt, alle Samaiten von Alters her des Ordens geweſen ſeyen ). Der Gewinn des neuen Landbeſitzes war für den Orden allerdings von großer Wichtigkeit, zumal wenn man hinzunimmt, wie ſehr ihm im voͤlligen Beſitze dieſer Gebiete wie von Preuſſen, ſo von Livland her ſein Kampf mit den Litthauern erleichtert worden waͤre. Fuͤrſt Witowd hatte frei⸗ lich dieſe Opfer unter Bedingungen gebracht, für die vorerſt in Ruͤckſicht der zu leiſtenden Hülfe nur wenig geſchehen konnte, denn nur der Komthur von Ragnit erhielt den Auftrag, ſei⸗ nen Hauskomthur Marquard von Sulzbach mit einiger Mann⸗ ſchaft gen Marienburg zu ſenden und von dortaus Witowden zu einem Raubzuge ins feindliche Land zu unterſtuͤtzen. Zwar gluͤckte dieſer Zug); denn als man ins Gebiet Wandejagel 1) Dieſes ſchon fruͤher B. III. S. 176 erwaͤhnte Land Selen (in Urt. auch Zelen, Selonia oder Zelonia und Zelonye) war der öftliche Theil von Semgallen, zu dem es fruͤher aber nicht gerechnet wurde. Es umfaßte am Duͤnaſtrom das Gebiet von Friedrichsſtadt hinauf bis gegen Duͤnaburg. Der Name des Gebietes hat fi in Alt- und Neu: Selburg erhalten. Es zerfiel früher in die kleineren Gebiete Meddene, Polone, Maleyſine und Touwraxe. In einer Grenzbeſchreibung über dieſes Land (Schiebl. XI. Nr. 16.) werden die Fluͤſſe Veſyten und Eglone (jest Weeſite und Eglon) als die wichtigſten erwähnt. 2) Die hierüber ausgeſtellte Urkunde, dat.: uff dem Hufe czu ko⸗ ningisberg in Pruſen 1384 am neeſten Sonnabunde vor unſir frouwen tage Puriſic. (30. Januar), Transſumt vom 3. 1393 im geh. Arch. Schiebl. 56. Nr. 1, in Abſchrift im Cod. Oliv. p. 187, gedruckt in Baczko Annal. a. a. O. S. 38 und deſſ. Geſchichte Preuſſ. B. II. S. 239. Lucas David B. VII. S. 173. Witowd nennt ſich in dieſer Urkunde ſchon nach ſeinem chriſtlichen Namen „Wigand von gots gnaden herczog czu Traken.“ 3) Wigand. p. 299 erzählt das Einzelne genauer. Von einem
Scanseite 441 · Druckseite 427
Neue Erweiterungen des Ordensgebietes (1384). 427 einfiel, traf die Heerſchaar auf eine große Anzahl Litthauer bei einem heiligen Orte verſammelt, ohne daß dieſe den her⸗ anſturmenden Feind ahneten. Das Heiligthum rings umſtel⸗ lend vertheidigten ſie es im hartnaͤckigſten Kampfe, wiewohl es Witowds Kriegern dennoch gelang, eine bedeutende Zahl von Heiden nebſt einer ſehr reichen Beute hinwegzufuͤhren und das ganze Land umher zu verheeren !). Allein für Witowds eigentliches Ziel war damit doch wenig oder nichts gewonnen. Der Meiſter hatte mittlerweile ſein Auge auf die Ver⸗ haͤltniſſe mit feinen weſtlichen Nachbarlanden gerichtet Die nächften Graͤnzgebiete zwiſchen Pommern und dem Ordens⸗ lande waren trotz dem zwiſchen Herzog Wartislav von Stet⸗ tin und Winrich von Kniprode geſchloſſenen Vertrage auch in den letztern Jahren noch fo vielfältig von fluͤchtigem Raubge⸗ ſindel, Verbrechern und verdaͤchtigen Überläufern belaͤſtigt wor⸗ den, daß der Herzog Wartislav der Juͤngere von Stettin noͤ⸗ thig fand, dieſen Vertrag mit dem jetzigen Meiſter zu erneu⸗ ern und noch einige andere Beſtimmungen hinzuzufuͤgen; daß es z. B. weder ihm noch dem Hochmeiſter oder ihren Amt⸗ leuten geſtattet ſeyn ſolle, einen Mordbrenner oder ſonſt miſ⸗ ſethaͤtigen Menſchen in ihren Landen zu geleiten, daß aus den Gebieten von Danzig, Buͤtow und Schlochau, wie aus des Herzogs Landen ſechzehn ehrenwerthe Manner auserkoren wer⸗ den, die Haͤlfte von ihnen abwechſelnd jaͤhrlich viermal auf der Landſcheide zuſammenkommen und einen Richttag halten ſollten, um alle Streitigkeiten der beiderſeitigen Unterthanen zu ſchlichten und zu vergleichen ?). Heerhaufen des Koͤniges, mit dem man in Kampf kam, wurden 120 Mann erſchlagen, der Hauptmann gefangen und 200 hinweggefuͤhrt. 1) Wigand. I. e. ſagt, man habe die Litthauer gefunden ante edes sacras, quas circumdederunt cum vexillis. Marquart de sorte sua 300 captivos eduxit preter eos, qui erant de sorte Wytaudi. 2) Die Urkunde, dat: Zcur Lowinburg im J. 1384 am neeſtin Montag nach Judica im Origin. im geh. Arch. Schiebl. 50. Nr. 52, Abſchriſt im Cod. Oliv. p. 100. Dem größten Theile nach ſtimmt dieſer Vertrag mit dem früher erwähnten überein.
Scanseite 442 · Druckseite 428
428 Neue Erweiterungen des Ordensgebietes (1384). Wichtiger aber noch waren des Meiſters damalige Ver⸗ handlungen zur Erweiterung des Ordensgebietes. An der Graͤnze Pommerns und der Neumark am Rega-⸗Fluſſe beſaß ſchon ſeit dem Jahre 1319 das edle Haus von Wedel die Burg und Stadt Schievelbein mit einem anſehnlichen Gebiete, denn damals hatte es der Markgraf Waldemar von Branden⸗ burg an Nicolaus Olafſohn, ehemaligem Droſt zu Daͤnemark, und Wedege von Wedel als ein Erblehen fuͤr elftauſend Mark verkauft mit der Erlaubniß, daſſelbe auch an andere wieder veräußern zu duͤrfen !). Obgleich es der Biſchof von Camin als Caminiſches Stiftslehen eine Zeitlang in Anſpruch genom⸗ men 2), ſo hatte es doch noch im Jahre 1374 Kaiſer Karl der Vierte und der Markgraf von Brandenburg fuͤr ein Bran⸗ denburgiſches Lehen erklart, in deſſen Beſitz jetzt Hans von Wedel war?). Er ſtand wegen feiner großen Verdienſte um das markgraͤfliche Haus in ſo hohem Anſehen, daß ihn Mark⸗ graf Sigismund im Jahre 1381 als oberſten Hauptmann und Verweſer uͤber das ganze Land jenſeits der Oder ſetzte mit ſo ausgedehnter Vollmacht, daß er faſt uͤber alles ſchalten und walten, Krieg führen, Amter beſtellen, Beamte entlaſſen, Le⸗ hen vergeben und uͤberhaupt alles verfuͤgen konnte, was ihm nur irgend zweckdienlich und noͤthig ſchien!). Es geſchah aber im April des Jahres 1384, daß dieſer Hans von Wedel, theils wie es ſcheint durch die Stürme feines Lebens ermü= 1) Daß Schievelbein fruͤher den Markgrafen von Brandenburg gehörte, geht auch aus der Urkunde bei Gercken Cod. diplom. T. V. Nr. 154 hervor. Der Verkaufsbrief des Markgr. Waldemar vom J. 1319 im Original im geh. Arch. Schiebl. 46. Nr. 30; gedruckt in Rau- mer Cod. diplom. Brandenb. T. I. P. 30. 2) Gercken I. c. p. 297. Raumer I. c. p. 2930. 3) Eine alte Copie dieſer Urkunde im geh. Arch., in welcher un⸗ ter den anſehnlichen Beſitzungen der zahlreichen Familie von Wedel, „die von dem markgraven und der Marke czu Brandenburg czu lehen gehen,“ auch Schievelbein, Haus, Stadt und Land mit allen Gütern und Zubehörungen genannt wird. 4) Das Original dieſer Beſtallung dat.: czu Bronyk 1381 am Abend S. Simonis und Juda im geh. Arch. Schiebl. 46.
Scanseite 443 · Druckseite 429
Neue Erweiterungen des Ordensgebietes (1384). 429 det, theils von Schulden ſchwer gedruͤckt, zum Hochmeiſter nach Preuſſen kam und in einer Verſammlung der oberſten Gebietiger zu Elbing ſein ganzes Beſitzthum, das Haus, die Stadt und das geſammte Gebiet von Schievelbein frei und ungezwungen dem Orden uͤbergab mit Verzichtleiſtung auf al⸗ les Beſitzrecht, nur mit der Bitte, daß der Orden alle ſeine Schulden uͤbernehmen und ihm auf ſeine Lebenszeit anſtaͤndi⸗ gen Aufenthalt und den nöthigen Lebensunterhalt gewähren möge. Man nahm das Erbieten an!) und nachdem Hans von Wedel hierauf eine fürmliche Entſagung feines Eigenthums ausgeſtellt ), die Stadt Schievelbein dem Hochmeiſter gehul⸗ digt hatte und ihrer Huldigungspflicht gegen Henning von Wedel entlaſſen war), wurde vom Orden die erwaͤhnte Schuldſumme ausgezahlt“); jenem aber ward das Haus Wenz- law im Kulmerland mit genuͤgendem Ackerlande und dem nös thigen Viehſtande nebſt ſechzig Mark Zins für ſeine Lebenszeit angewieſen⸗). Durch dieſe neue Erwerbung hatte der Orden ſein Beſitzthum bereits bis an die Neumark vorgeruͤckt; nach Schievelbein wurde als Verwaltungsvogt der Ordensritter Wal⸗ rabe von Scharfenberg geſetzt und noch in dieſem Jahre er⸗ 1) Das hierüber abgefaßte Notariatsinſtrument, dat.: in castro Elwing a. d. 1384 XIV mensis Aprilis im geh. Arch. Schiebl. 46; gedruckt in Gercken J. c. Nr. 162. 2) Originalurkunde, dat.: Elbing 1384 am Donnerſt. nach Oftern im geh. Arch. Schiebl. 46; bei Gercken I. c. Nr. 163. 3) Originalurk., dat.: Schivelbein 1384 feria secunda post fest. Jacobi Schiebl. 465 bei Gercken I. c. Nr. 164. Es fand uͤber die Huldigungsentlaſſung Hennings von Wedel noch ein Streit mit dem Orden Statt, der erſt im J. 1386 beigelegt wurde; Urk. Schiebl. 46, Gercken I. c. Nr. 168. 4) Originalurk., dat.: Marienburg am S. Laurentientage 1384 Schiebl. 95. Nr. 77, bei Gercken 1. c. Nr. 165. 5) Originalurk., dat.: Marienburg 1384 an u. F. T. Nativitat. Schiebl. 46, bei Gercken J. c. Nr. 166. Der Viehſtand betrug ein Schock Pferde zum Pfluge (zu vier Pflügen Land), ein Schock Kuͤhe und 500 Schafe. Nach Hans von Wedel Tod fiel alles dem Orden wieder zu.
Scanseite 444 · Druckseite 430
430 Kriegsfahrt nach Litthauen (1384). folgte auch auf Anſuchen des Deutſchmeiſters des Roͤmiſchen Koͤniges Genehmigung und Beſtaͤtigung des neuen Erwerbs fuͤr den Orden, doch mit dem ausdruͤcklichen Vorbehalte ſo⸗ wohl ſeiner, als ſeines Bruders des Markgrafen Sigismund von Brandenburg Anrechte in den erwaͤhnten Beſitzungen ). Seitdem blieb das weitverzweigte Geſchlecht von Wedel faſt in allen ſeinen Gliedern dem Orden treu ergeben und leiſtete ihm ſchon in den naͤchſten Jahren gegen ſeine Widerſacher manchen wichtigen Dienſt. Von geringerer Bedeutung war die Erwerbung des im Kulmerlande liegenden, dem Domſtifte zu Ploczk zugehoͤrigen Dorfes Baͤrwalde, welches der Orden dem Biſchofe und Domkapitel von Ploczk fuͤr achthundert Mark auf Wiederkauf abkaufte 2). Noch im Verlaufe dieſer Verhandlungen aber hatte man in Preuſſen eine neue ſtarke Ruͤſtung zu einer Kriegsreiſe ins feindliche Land begonnen. Es war der Plan gefaßt, auf dem von Witowd abgetretenen Gebiete bei Kauen eine neue Burg zu erbauen, um von da aus die Glaubensfeinde leichter uͤber⸗ fallen und bekaͤmpfen und zugleich von ihren Einfaͤllen ins Ordensgebiet mit kraͤftigem Widerſtande abhalten zu koͤnnen. Als daher zum ſchnelleren Aufbau der Burg in Preuſſen zu⸗ vor alles noͤthige Baumaterial vorbereitet war, brach der Mei⸗ ſter zu Ende des Mai an der Spitze einer zahlreichen Heer⸗ ſchaar auf, voran die Heerfahne des h. Georg, der die frem⸗ den Kriegsgaͤſte folgten, dann das Panier der h. Jungfrau, nach ihm die Ordensfahne mit Adler und Kreuz. Waͤhrend 1) Die Beſtaͤtigungsurkunde, dat.: Meintz des Freitags nach S. Lucie bei Gercken I. c. Nr. 167; eine alte Copie im geh. Arch. im großen Privilegienbuche p. 103, wo überhaupt Copien von allen den Erwerb von Schievelbein betreffenden Urkunden zu finden ſind. In Ruͤckſicht des Vorbehalts ſagt De Wal T. IV. p. 45: Cette reserve venoit apparemment de ce que P’Ey&que de Camin disputoit aux Margraves de Brandebourg le droit de suzeraineté sur Schifelbein. 2) Original des Verkaufsbriefes, dat: Apud Eeclesiam nostram Plocensem feria quarta post fest. s. Laurentii 1384 Schiebl. 75. Nr. 30, Abſchrift im Cod. Oliv. im geh. Staatsarch. zu Berlin.
Scanseite 445 · Druckseite 431
Kriegsfahrt nach Litthauen (1384). 431 der Meiſter mit den Gebietigern an der Memel zu Schiffe ſtieg, ward eine unabſehbare Zahl von Fahrzeugen mit Kalk, Ziegeln, Holz und anderem Bauwerke auf dem Strome nach⸗ gefuͤhrt ). Nicht ohne große Beſchwerden und manchen ſchmerz⸗ lichen Verluſt bei Kauen an der Bauſtatt angelangt, wo ſchon früher eine Burg geſtanden 2), begann der Meiſter ſofort den Bau mit aller Eile, waͤhrend einzelne Streithaufen ſich ins Land zerſtreuten theils zu Raub und Verheerung, theils um den Feind fern zu halten. So zog auf des Meiſters Geheiß auch der wackere Komthur von Ragnit Wigand von Balders⸗ heim mit Witowds Hauptmann Sudemund und einer Schaar von fünfhundert Reiſigen an der Nerie oder Wilia hinauf überall mit Verheerung und Pluͤnderung und meiſt glücklich in ſeinen Fehden mit den Heiden. Bis gen Kernow vorge⸗ drungen und uͤberreich mit Beute beladen, gebietet er dort die Ruͤckkehr, einen Theil des Reiterhaufens mit der Beute vor⸗ ausſendend, um mit der uͤbrigen Schaar im Nachzuge zur Bedeckung nachzufolgen. Da wird er plotzlich bei Wilker von einer ſtarken Streitmacht unter Jagals und Skirgals Fuͤhrung uͤberfallen und zum Kampfe gezwungen; man ſtreitet mit aͤu⸗ ßerſter Erbitterung, beiderſeits mit ſchwerem Verluſte. End⸗ lich wird des Komthurs kleiner Haufe von der Übermacht uͤberwaͤltigt; er ſelbſt, der tapfere Held, erliegt im Kampfe, mit ihm eine bedeutende Zahl von andern Ordensrittern, Kriegs⸗ gaͤſten und Wehrmaͤnnern aus Preuſſen; viele fallen in Fein⸗ 1) Wigand. p. 299, Lindenblatt S. 53. Detmar S. 328 vgl. mit dem eigenen Berichte des Hochmeiſters bei Lucas Da vid B. VII. S. 193. Man kann es wohl glauben, wenn der Meiſter fagt: die Unternehmung ſey geſchehen non sine gravissimis ordinis mei necnon subditorum ipsius tam nobilium quam rusticorum terreque tocius sumptibus et expensis. 2) Der Meifter ſagt felbft: ad quendam locum, ubi alias quod- dam fortalicium per predictos infideles constructum cum maximis si- militer sumptibus et periculis per ordinem meum distructum fuerat, die XXIIII eiusdem mensis (Maji) adductis nobiscum lateribus et alis ad hec necessarlis perveni.
Scanseite 446 · Druckseite 432
432 Aufbau von Marienwerder (1354). des Hand; dreiundzwanzig Ordensbruͤder ſieht man auf der Wahlſtatt erſchlagen oder in feindlicher Gewalt. In kurzer Zeit iſt der ganze Heerhaufe zerſprengt oder aufgerieben und der Feind zieht jubelnd mit der zahlreichen Beute von Waf⸗ fen und Roſſen davon ). Mit großem Schmerze empfing der Meiſter die traurige Kunde. Der Bau der Burg aber war mittlerweile mit ſo raſtloſem Eifer betrieben worden, daß ſie in vier Wochen voll⸗ endet daſtand und zwar mit ſo ſtarkem Mauerwerke und durch Graben, Waͤlle und andere Vertheidigungsmittel auf eine Weiſe befeſtigt, daß ſie unbezwinglich ſchien und der Meiſter erklaͤrte: mit ſolchen Feſten ſey es leicht, ganz Litthauen zu bezwin⸗ gen:). Die Burg, auf einem Werder erbaut und der Jung⸗ frau Maria geweiht, ward darum Marienwerder genannt, hin⸗ reichend bemannt und mit den noͤthigen Waffen und Lebens⸗ mitteln verſehen. Bevor jedoch der Meiſter die Ruͤckkehr an⸗ trat, ſchloß er auf ihr mit Herzog Witowd einen neuen Ver⸗ trag, worin beſtimmt war: auf des Herzogs Zuſage, ſeine väterlichen Erblande ſaͤmmtlich vom Orden zu Lehen zu neh⸗ men, verpflichte ſich dieſer, ihm mit aller Kraft ſeines Vaters 1) Bericht des Hochmeiſters bei Lucas David a. a. O. Lin⸗ denblatt ſagt: der Komthur habe ſich verſaͤumt gehabt und ſchreibt das ganze Unglüc der Getheiltheit des Heerhaufens zu. Er nennt den Ort der Niederlage Wilkinberg. In einem Wegeverzeichniß vom J. 1385 heißt das Feld, wo der Komthur erſchlagen wurde, Wilkee und lag drei Meilen von der Swyntuppe. Schon dieſer umſtand macht es gewiß, daß unter Wilkenberg nicht Wilkomirs zu verftehen ift, wie bei Lindenblatt angemerkt wird; wozu noch kommt, daß man nach dem⸗ ſelben Wegeverzeichniß von Wilkee aus an der Swyntuppe noch bedeu⸗ tend weit aufwärts gehen muß, um in das Gebiet von Dewilto (das jetzige Deweltowo) und nach „Wilkemerge das hus uff dysſiet der Swintoppe, hert uff der Swintoppe (das heutige Wilkomirs) zu kom⸗ men.“ Wilkee dagegen oder Wilkenberg lag ohne Zweifel in der Naͤhe der Wilia, unfern von Kernow und Boparthen (jest Poporzi), worauf das Verzeichniß und ſelbſt Lindenblatt S. 82 hinweifen. 2) Bericht des Hochmeiſters a. a. O. Detmar S. 328 ſagt: die Mauern ſeyen 4 Ruthen hoch und 10 Fuß dick geweſen.
Scanseite 447 · Druckseite 433
Vertrag mit Herzog Witowd (1384). 433 Reich wieder zu erobern und ihn darin gegen alle ungerechte Gewalt zu ſchuͤtzen und zu ſchirmen wider alle Chriſtenfeinde; hinwieder ſolle ihm auch der Herzog gegen alle ſeine Feinde und alle Widerſacher der Chriſtenheit dienen und zu Huͤlfe ſte⸗ hen; werde der Herzog oder ſeine Nachkoͤmmlinge ohne Er⸗ ben ſterben, ſo ſolle das Reich nach ſeinem ausdruͤcklichen Wil⸗ len!) an den Orden fallen; hinterlaſſe er nur eine Tochter, ſo ſolle der Orden ſich derſelben mit dem Reiche annehmen und ſie nach Rath der Gebietiger mit einem ehrbaren und ebenbürtigen Manne vermaͤhlen und ihr das Reich laſſen; ſterbe ſie aber kinderlos, ſo falle das Reich dem Orden anheim und der Mann habe forthin kein Recht daran. Werde ſich jedoch Witowds Bruder Sigismund zum Glauben bekehren, ſo ſolle das Reich, wenn Witowd ohne Erben ſterbe, zunaͤchſt auf ihn übergehen mit demſelben Rechte, Dienſt und Beiſtand, wozu ſich Herzog Witowd verpflichtet ). Nicht ohne große Freude, ſo tief ergriffen der Meiſter auch von des Komthurs von Ragnit Ungluͤck ſprach, meldete er alsbald den gluͤcklichen Erfolg dieſer Kriegsfahrt dem Papſte Urban dem Sechſten, der, ſo ſehr der Gegenpapſt Clemens in Avignon alles aufbot, den Orden fuͤr ſeine Partei zu ge⸗ winnen ), für ihn das wahre Haupt der Kirche blieb. Er 1) „Nach herczogen (Witowds) eygin willekur.“ 2) Dieſer Vertrag, dat.: By unſern huſe Marienwerder uf der Nerge im J. 1384 am Dinſtag bynnen der Octaven des h. lichnams, befindet ſich in einer alten Abſchrift im Fol. Privilegia T. O. p. 251 im geh. Arch. Wir lernen daraus auch die Gebietiger kennen, die ſich damals bei dem Meiſter befanden; es waren der Großkomthur Kuno von Liebenſtein, der Marſchall Konrad von Wallenrod, der Oberſt⸗ Trapier Hermann Gans, Friederich von Egloffſtein Komthur zu Balga, Friederich von Wenden Komthur zu Brandenburg, Johann von Rum⸗ heim, der neue Komthur zu Ragnit, Johann von Lorich, Vogt zu Samland ꝛc. 3) Wir haben daruͤber ein Schreiben des Papſtes Clemens VII an Konrad Zollner, dat.: Apud castrum novum Avinion. dioc. XV Cal, Septembr. p. n. an. VI im Formularbuche P. 1, worin es unter an- „ Scripsisse recolimus tibi, fili, quem veritatis et justicie 4 28
Scanseite 448 · Druckseite 434
434 Verhaͤltniſſe in Litthauen und Polen (1384). berichtete zugleich, daß er trotz der ſchweren Koſten und Opfer für feinen Orden und feine Unterthanen, weil ihn dazu die Pflicht ſeines Ordens rufe, feſt entſchloſſen ſey, in kurzem mit einer noch ſtaͤrkeren Heeresmacht in die heidniſchen Lande einzubre⸗ chen, das begonnene Werk mit Muth zu vollenden ). Und den Papſt erfreute des Meiſters Entſchluß; er befoͤrderte ihn, ſo viel er konnte; insbeſondere erneuerte er fuͤr die Ordensge⸗ bietiger, denen auf den Heidenzuͤgen ihre eigenen Heerfahnen folgten, als Zeichen ſeines Wohlgefallens die Erlaubniß, einen tragbaren Altar zu fuͤhren zur Verrichtung der Meſſe im Feld⸗ lager 2). Bald aber hatte ſich in Litthauen alles umgewandelt; der Grund davon lag in den inneren Verhaͤltniſſen Polens. Faſt zwei Jahre ſchon, ſeit des Koͤniges Ludwig Tod war dieſes Reich dem innern Zwieſpalte Preis gegeben, Partei ſtand ge⸗ gen Partei; jede durch allerlei Mittel bemüht, ihrem Haupte die Krone des ungluͤcklichen Landes aufzuſetzen. Herzog Se⸗ movit von Maſovien, als naher Verwandter des alten Koͤnig⸗ ſtammes, ſich lange des maͤchtigſten Anhanges erfreuend, hegte immer noch die meiſte Hoffnung, einſt Koͤnig von Polen zu amatoreın , reipublice pugilem et virtutibus omnibus circumspectum novimus iam diu ac miramur paternaliter et dolemus, quod huius- modi scripta nostra apud te, de quo premissis attentis plene confi- dimus, nondum operam aliquam sint sortita. Sed dum bene per- spicimus, nil aliud credere possumus, nisi quod vel ipsa scripta ad te nequaquau pervenerint, vel occupationihus aliis prepeditus ad remedia oportuna vacare minime potuisti, — Porro fili, quia salu- tem omnium lihenter exquirimus et gloriau tuam summis affectihus procuramus, rogamus te in viscerihus eius, qui veritas est et via, quatenus veritatem dominicam amplexando ad nostram audiendam iusticiam te disponas et disponi facias ac procures universos tuos subditos et sequaces, ut veritate percepta amhules in via domini et doceas ac facias alios amıbulare, 1) Das Schreiben des Meiſters, dat.: in castro meo Margenburg in octava Petri et Pauli (ohne Jahr) im Formularbuch p. 63, ge⸗ druckt bei Lucas David B. VII. S. 193195. 2) Bulle des Papſtes, dat: Apud Montefiasconem III Non. Se- ptemb. p. a. VI im Formularb. p. 74—75.
Scanseite 449 · Druckseite 435
Verhaͤltniſſe in Litthauen und Polen (1384). 435 heißen, zumal da der vielgeltende Erzbiſchof von Gneſen mit auf ſeiner Seite ſtand. Aber auch Markgraf Sigismund von Brandenburg n) hatte feine Anrechte auf den Thron noch kei⸗ neswegs aufgegeben, obgleich ihn nur eine geringe Partei un⸗ terſtuͤtzte. Waͤhrend jedoch dieſe Parteihaͤupter und ihre An⸗ haͤnger im Reiche wider einander ſtanden, im Innern wilde Zerriſſenheit und Auflöfung herrſchte und aͤußere Feinde, weſt⸗ lich die Herzoge von Schleſien und Öftlich die Litthauer, die innere Zwietracht benutzend, das Land mit feindlichen Einfaͤl⸗ len bedrohten oder auch heimſuchten, warfen die mächtigften Großen des Reiches, um ihr Wahlrecht geltend zu machen und für die Zukunft feſt zu ſtellen, ihr Auge auf Ludwigs jüngere Tochter, die ſchoͤne Hedwig, und die große Verwir⸗ rung in Polen konnte nicht anders beſchwichtigt werden, als daß die Koͤnigin Eliſabeth von Ungern, Ludwigs Wittwe, ſich endlich entſchloß, die Polen auf deren Verlangen vom Eide gegen ihre aͤltere Tochter Maria zu entbinden, die ſchoͤne Hed⸗ wig nach Krakau zu ſenden und ſie dort zur Koͤnigin kroͤnen zu laſſen ?). Seitdem hatten der Herzog von Maſovien und der Markgraf von Brandenburg alle Hoffnung zum Throne verloren; aber ſeitdem war in Jagals Seele der Gedanke er⸗ wacht, durch Hedwigs Hand die Krone Polens auf ſein Haupt zu ſetzen. Zwar war dieſe Hand ſchon laͤngſt an Wilhelm, des Herzogs Leopold von Eſterreich aͤlteſten Sohn verſpro⸗ chen und Hedwigs Mutter) ſowohl als der Orden in Preuſ⸗ ſen hatten großes Intereſſe dabei, die geſchloſſenen Ehever⸗ traͤge in Ausfuͤhrung gebracht zu ſehen, denn insbeſondere 1) Ob Sigismund im J. 1384 ſchon eigentlich Gemahl der Ma⸗ ria genannt werden kann, wie Stenzel Geſch. des Preuſſ. Staats Th. I. S. 132 thut? Zwar ſagt Kurz Geſchichte unter H. Albrecht III. B. I. S. 109 ſehr beſtimmt, die Vermaͤhlung ſey ſchon im J. 1384 geſchehen; allein Helwig Zeitrechnung u. ſ. w. S. 161 will aus einer Urkunde ſchließen, daß fie erſt im J. 1385 erfolgt fen. 2) Die nähere Erörterung dieſer Verhoͤltniſſe ſ. bei Fray P. II. p. 162 59. 3) Kurz a. a. O. S. 110 und Pray P. II. p. 174. 28 *
Scanseite 450 · Druckseite 436
436 Witowds Verraͤtherei (1384). konnte der letztere nichts mehr wuͤnſchen, als einen Sproͤßling des ihm von jeher ſehr zugethanen Sſterreichiſchen Hauſes als nachbarlichen Koͤnig zu begruͤßen ). Allein dies ſchreckte Ja⸗ galn von ſeinem Gedanken keineswegs zuruͤck. Er kannte den Widerwillen der Polen gegen einen Herrn aus einem Volke, welches ſtets von ihnen gehaßt und in Sitte und Sprache fremd war, und auf dieſe Abneigung der Großen Polens ge⸗ gen den Deutſchen Fremdling baute er ſeine Hoffnungen. Bevor indeſſen Jagal einen weiteren Schritt that, mußte er ſuchen, ſich in der Heimat felbft ſicher zu ſtellen und ins⸗ beſondere ſeinen naͤchſten Feind, Herzog Witowd, der durch den Orden ihm zwiefach gefaͤhrlich geworden, zu beguͤtigen und fuͤr ſich zu gewinnen, ſo lange es wenigſtens fuͤr ſeine Zwecke nöthig war. Er ſandte ihm wiederholt die Vornehm⸗ ſten feiner Bojaren zu und erbot ſich nicht nur zur Ausſoͤh⸗ nung, ſondern er verſprach ihm auch, ihm ſein abhaͤngiges Verhaͤltniß zum Orden vor Augen ſtellend, in ſeinen Briefen auf fein fuͤrſtliches Wort, ihm fein ganzes vaͤterliches Beſitz⸗ thum wieder einzuraͤumen, wenn er ſich vom Orden losſage, und für die Zukunft verhieß er noch Vergrößerung feiner Herr⸗ ſchaft?). Das Anerbieten war zu lockend und der Wieder⸗ gewinn des väterlichen Landes, den ſich Witowd für alle feine Opfer und Verheißungen vielleicht erſt ſpaͤt vom Orden ver⸗ ſprechen konnte, war ihm hier zu nahe gelegt, als daß er haͤtte widerſtehen können. Er ſoͤhnte ſich mit ſeinem Vetter nicht nur aus, ſondern gab ſich ſelbſt zur ſchimpflichen Ver⸗ 1) Wie ſehr dieß der Orden wuͤnſchte, erſieht man daraus, daß er es nachmals nie vergaß, dem Könige Jagal es als Verbrechen vor⸗ zuwerfen, daß er den Oſterreichiſchen Prinzen feiner Krone gewiſſer⸗ maßen beraubt habe. 2) Witowd ſagt ſelbſt in feinem Berichte im Fol. F. des Ordens Handl. wider Polen p. 22: „Do begonfte herczog Jagal dicke czu ſen⸗ den czu uns fine Boiarn und ſyne bryfe und rufende mich uff alle myn fetirlich erbe und fin truwe mir gebende.“ Bei Kojalowiez p. 377 heißt es: Vitoldus clam e Prussia abiit, acceptaque quam ex pacto cesserat Jagelo, possessione Grodnae, Volkonisci, Brestiae priorem amicitiam constanter resumpsit.
Scanseite 451 · Druckseite 437
Witowds Verraͤtherei (1384). 437 raͤtherei gegen den Orden hin, dem er ſo viel zu verdanken hatte; denn unter dem Vorgeben, zu einem Fehdezuge gegen Skirgal Hülfe zu erbitten, zog er mit bewaffneter Mannſchaft vor Georgenburg!), und ließ den Hauskomthur Dieterich von Cruſte und mehre Ritter zu einem Gaſtmahle zu ſich ein⸗ laden. Man ahnete ſo wenig Verrath, daß man auf Wi⸗ towds Bitte ſelbſt nach Ragnit geſandt hatte, den dortigen Komthur zum Zuge aufzufordern. Mittlerweile aber hatte ſich Sudemund, Witowds Schwager, mit einem Haufen Litthauer in die Burg geworfen, die dortige Mannſchaft uͤberwaͤltigt und den Ritter Johannes von Altenhof nebſt mehren andern erſchlagen. Der Hauskomthur und die ſich ſonſt bei Witowd befanden, wurden in Feſſeln gelegt, die Burg voͤllig ausge⸗ pluͤndert und bis auf den Grund niedergebrannt. Eiligſt warf ſich jetzt der verraͤtheriſche Fuͤrſt auch nach Marienburg, bes maͤchtigte ſich auch dieſes Hauſes, nahm die Ritter gefangen, raubte was er fand und legte auch dieſe Burg in Aſche. Zum Gluͤck waren unterdeſſen die Ordensritter auf Marienwerder, Ragnit, Splittern und Neuhaus durch geflüchtete Ordensdie⸗ ner und einen Fiſcher von dieſen Ereigniſſen zeitig benachrich⸗ tigt worden, denn man hatte den Plan gefaßt, ſich auch die⸗ fer Burgen zu bemeiſtern und fo den Orden dort aller feiner Feſten zu berauben ). 1) Nach Detmar a. a. O. mit 400 Pferden. 2) Wigand. p. 300. Lindenblatt S. 54—55. Corner. Chron. p. 1148. Detmar ſagt: Dieſe Verraͤtherei Witowds ſey geſchehen vor S. Margarethen⸗Tag, alſo noch vor dem 12. Juli. Die alte Preuſſ. Chron. p. 40 erzählt die Sache in folgender Weiſe: Im ans dern Jare noch der tofe quam Witold ym fruntlichen beweiſen mit IIIIc gewopenten vor daz hus Juͤrgenborg under dem obenteſſen und lis ym ruffen den kumpthur. Her quam czu hant czu ym mit andern hern und bat yn of daz hus czu geen. Do ſprach Witold: Meyne vetteren Schirgal und Jagel wellen Ragnite und Splittern czuſtorn mit macht, ſnelle ſendet euwer boten und warnet ſy, So wil ich ſel⸗ ber morne yn czu huͤlfe komen. Der huskumthur ſante balde hern und dyner, dy huͤßer czu warnen. Do ſprach her aber czum huskumpthur: Ich wil hynt hie legen, Sende mir knechte dy mir notdorft ſchicken.
Scanseite 452 · Druckseite 438
438 Belagerung Marienwerders (1384). So war Jagaln ein wichtiger Schritt gelungen. Jetzt galt es vor allem, das neuerbaute Haus Marienwerder bei Kauen zu gewinnen, da es dem Orden den Einfall ins Ge⸗ biet von Litthauen ungemein erleichterte n). Jagal beeilt eine gewaltige Rüftung, um es zu erſtuͤrmen, bevor aus Preuſſen Hülfe kommt. Witowd und Skirgal nebſt elf andern Fuͤr⸗ ſten aus Litthauen und Rußland fuͤhren ſchnell eine ſehr be⸗ deutende Streitmacht herbei. Schon gegen Ende des Sep⸗ tembers wird die Burg umzingelt, der Memel⸗Strom unfahr⸗ bar gemacht und ſo ſtark mit Mannſchaft beſetzt, daß niemand der Burg ſich naͤhern kann 2). Tag und Nacht wird die Mauer mit Bliden, Tumlern und anderem ſchweren Geſchuͤtze beſchoſ⸗ ſen und die Fuͤrſten wetteifern in ihren Anſtalten, das ſtarke Haus zu erſtuͤrmen. Aber immer wehrt ſich die Beſatzung, an ihrer Spitze der tapfere Komthur Heinrich von Clee mit aͤußerſter Entſchloſſenheit; Ein Geiſt war in Allen; taͤglich Dis geſchach allis. Der huskumpthur bat yn, daz her of daz hus gynge und truͤnke mit yn. Des entſlug her ſich mit guten reden und hys an ſeyner ſtadt ſynen ſwoger Zudemunt mit ym of daz hus geen. Do her of dy obirſte brucke quam, do irſlug her II priſterheren und den hern des thoris, och alle dy ſy of dem huſe und dorvor vunden und vorbranten daz hus. 1) Nach der alten Preuff. Chron. p. 41 ging Folgendes der Be⸗ lagerung voraus: Am andern tage quam her (Witowd) yn fruntlicher weiſe no bey Marienwerder das hus und och dis vorroten wolde, hette is got nicht undirſtanden. Der huskumpthur waz gar fruͤ ufgeftanden, her ging of dy were und ſach obir dy Mymil yn dy doͤrffer, do ir vye ynne gyng. Do her keynen menſchen dorynne ſach, is wun⸗ derte yn und dy heren alle. Czu hant ſogen ſy II yn eynem ſulchen riſchs dy Mymil nedir flyſſen. Der huskumpthur rif ſy an, daz ſy czu huße quemen. Do ſy nicht wolden, her rif dy viſcher an, daz man ſy brechte. Der eyne entging yn, den andern brochten ſy of daz hus, noch des bekenntnis bewarten ſy daz hus. Nun erzählt die Chro⸗ nik die Belagerung. 2) Wigand. jagt: Mimelam armaverant, quod uemo poterat per cam transire und fügt hinzu: celeriterque trans Mimelam faciunt pontem cum propugnaculis, ceperuntque fossare contra domum, unus pro altero.
Scanseite 453 · Druckseite 439
Belagerung Marienwerders (1384). 439 kommt es zu blutigen Kämpfen; immer erleiden die Litthauer ſchwere Verluſte; bald macht der geſchickte Blidenmeiſter durch ſein Geſchoß von der Mauer aus das beſte Geſchuͤtz des Fein⸗ des völlig unbrauchbar !); bald gießt man beim Sturme bren⸗ nendes Pech auf den Feind; dieſe werfen Steine und Balken herab, andere beſſern die Mauer aus. So dauert die Bela⸗ gerung ſchon in die vierte Woche und wiewohl die Beſatzung täglich mehr ermattet, fo iſt doch keine Ausſicht zur Rettung. Die Hoffnung ſinkt noch mehr, als man die Burgmauer durch feindliches Geſchoß durchbrochen ſieht. Zwar beſetzt der Bli⸗ denmeiſter die Offnung ſchnell mit einer Bombarde, um den Feind abzuwehren; dieſer aber ſtellt jener eine andere entge⸗ gen, welche den Blidenmeiſter niederſchmettert, ein um fo gro: ßerer Verluſt, weil nun die Ruſſen durch ihre geſchickte Be⸗ handlung des Wurfgeſchuͤtzes die Belagerten in dem Maaße beaͤngſtigen und ermuͤden, daß kaum noch Widerſtand moͤglich iſt?). Mit einemmal leuchtet ein Strahl der Hoffnung. Der Ordensmarſchall Konrad von Wallenrod war mit der Wehr⸗ mannſchaft der Niederlande, aus Chriſtburg, Elbing und Oſte⸗ rode herbeigeeilt und ſandte von der Burg Gotteswerder den Komthur von Ragnit voraus, um Kundſchaft einzuziehen. Auf die Nachricht, die meiſten Ritter auf der belagerten Burg ſeyen ſchwer verwundet und zur Vertheidigung untuͤchtig, ruͤckt der Marſchall der Burg ſo nahe, als die feindlichen Belage⸗ rungswerke es zuließen und es gelingt ihm, die Kranken und 1) Wigand. Magister bombardarum de castro aptavit magnam bowbardam sagittans post machinam maiorem (Wytaudi) vacuo ictu, secunda vice tetigit et pendiculum eius quasi ovum est disfractum. Maior eciam machina in continenti instaurata est, sed frater Her- mannus ut pridem eam confregit. 2) Darüber ſagt der Hochmeiſter ſelbſt in einem Bericht an das Kardinal: Collegium bei Tucas David B. VII. S. 195: quas (— nicht quatenus —) (aquas) propter ian dictorum infidelium multi- tudinem ac machinarum, iaculorum, bombardarum et aliorum instru mentorum, quibus callida et dolosa Scismaticorum de Russia machi- nacione suffulti erant resistenciam, transire cum exire nequivi. Alte Preuſſ. Chron. p. 41.
Scanseite 454 · Druckseite 440
440 Belagerung Marienwerders (1354). Verwundeten aus dem Hauſe zu retten und ſie durch neue Mannſchaft zu erſetzen, ſelbſt auch Lebensmittel hinaufzubrin⸗ gen. Aber die Hülfe ſchafft keinen Gewinn, denn am naͤm⸗ lichen Tage wird der wackere Komthur des Hauſes durch ei⸗ nen Steinwurf getoͤdtet!) und die Beſatzung iſt nun ohne Führung und Befehl. Auch des Marſchalls Nahe brachte kei⸗ nen Troſt; denn ob er gleich entſchloſſen iſt, die Burg zu ent⸗ ſetzen, ſo machen es die Verſchanzungen und Bewehrungen des Memel- Stromes doch ganz unmöglich, ſeine Mannſchaft uͤberzuſetzen und den Feind anzugreifen, waͤhrend dieſer ſeine Belagerungswerke und beſonders die Befeſtigungen am Me⸗ mel⸗Strome mit jedem Tage verſtaͤrkt und vervollſtaͤndigt. Da endlich Jagal durch eine Liſt erfuhr 2), die Beſatzung der Burg ſey durch die neue Verſtaͤrkung ermuthigt, ſich noch vier⸗ zehn Tage zu vertheidigen, ſo ließ er ſeine Angriffe ringsum verdoppeln und die Burg mit aller Macht beſchießen. Nach⸗ dem er den Burggraben mit Holz und Strauchwerk angefuͤllt, erfolgt ein Sturm vom fruͤhen Morgen bis zu Mittag; hie und da fallen die Ordensritter und Wehrmaͤnner im Kampfe; ſelbſt dem Hauskomthur, der bisher den Befehl gefuͤhrt, haͤtte der wilde Streit beinahe das Leben gekoſtet; er ſtuͤrzt oben von der Zinne der Burg in den Graben herab, wird aber wunderbar errettet. Da bald der eine Theil der Burg er⸗ ffürmt wird »), fo wirft ſich ſchnell die Beſatzung in einen 1) Nach Wigand.: Dum marschalcus staret in loco dicto, vidit lapidem projici de machina et caput commendatoris amputari, war der Marſchall Augenzeuge davon. 2) Wigand, erzählt namlich: Parant iusidias, mittentes quendam Lithwanum, qui vicecommendatorem evocaret, dicentem, se habere uxorem et liberos in Ragnita, si placeret ut seriberet, quamdiu do- mum servare possent et cam illuc portaret litteram accepit regique preseutavit, astautibus lecta est, quomodo ad 14 dies eam servare possent. 8) Suburbium vicerant, ſagt Wigand. Die alte Preuſſ. Chron. p. 41 fügt hinzu: Och liffen vil littawen yn eynen keller, do lag eyne tonne bochzenpulver ynne. Do ſy mit lichten begunden czu ſuchen, do entezunte ſich daz pulver und vorbranten vil der littawen.
Scanseite 455 · Druckseite 441
Verluſte in Litthauen (1384). 444 Thurm, denn das innere Haus kann nun ſchon nicht mehr vertheidigt werden. Von dort unterhandeit der Hauskomthur, zu den Seinen zuruͤckgekehrt, mit Jagal wegen der Übergabe, denn dieſer drohte, ſie ſammt der Burg zu verbrennen. Da unterdeß der Marſchall theils aus Futtermangel, theils wegen eintretender Kalte zuruͤckgekehrt und ſomit alle Hoffnung der Rettung verſchwunden war, ſo ergab ſich die Beſatzung gegen das Verſprechen der Schonung ihres Lebens dem Koͤnige zu Gefangenen. Allein obgleich Jagal dem Hauskomthur und mehren andern die Hand reichte, als ſie ſich ihm naheten, ſo galt fein fuͤrſtliches Wort doch nicht für alle, denn einen Or⸗ densritter ließ er enthaupten und einige andere wurden vor ſeinen Augen niedergemacht. Auf ſolche Weiſe war auch das neue Haus Marienwer⸗ der in des Feindes Haͤnde gefallen. Der Verluſt dieſer Bur⸗ gen hatte dem Orden manche ſchmerzliche Wunden geſchlagen. Hundertundfunfzig Ordensbruͤder und edle Reiſige nebſt einer großen Zahl anderer Krieger waren vom feindlichen Schwerte erwürgt, eine bedeutende Menge Waffen zur ſeindlichen Beute gemacht und fünfundfunfzig Ordensritter mit zweihundertund⸗ funfzig andern edlen Streitern des Ordens in Gefangenſchaft binweggeführt worden. Lange hatte der Orden keine fo ſchwe⸗ ren Opfer gebracht und noch nie war er wie von Witowd für feine Hülfe mit fo ſchnoͤdem Undanke belohnt worden ). 1) Außer Lindenblatt S. 56 und dem Bericht des Hochmeiſters im Formularb. p. 63 (bei Lucas David B. VII. S. 195) iſt hier Wigand. Hauptquelle, obgleich der uns aufbehaltene Auszug keineswegs überall lichtvoll iſt, ja ſelbſt mitunter Widerſpruͤche enthält. So wird z. B. der Komthur des Hauſes durch einen Steinwurf getoͤdtet, er⸗ ſcheint aber fpäter bei dem Chroniſten wieder in den Unterhandlungen mit Jagal, wo er wahrſcheinlich den Hauskomthur meint, den er die Burg wieder erſteigen laßt. Der Hauptwiderſpruch ift jedoch, daß Wi⸗ gand dieſe ganze Belagerung nicht von Marienwerder, ſondern von Marienburg erzählt, indem er Früher das, was die andern Chroniſten von Georgenburg berichten, auf Inſterburg bezieht, Marienburg ſelbſt aber vorher ſchon verbrennen läßt. Wenn er daher am Schluſſe ſeiner Erzählung von der Erſtuͤrmung Marienwerders oder nach ihm Ma⸗
Scanseite 456 · Druckseite 442
442 Vertrag mit dem Herzoge Semovit von Maſovien (1384). Jagal aber hatte ſein naͤchſtes Ziel erreicht, denn Witowd war nicht nur mit ihm ausgeſoͤhnt, ſondern die drei wichtigen Burgen, welche dem Orden den Einfall nach Litthauen faſt jede Stunde moͤglich gemacht, waren dieſem entriſſen worden und was Jagaln fuͤr das Wichtigſte gelten mochte, Herzog Witowd hatte ſich durch Undank und Verraͤtherei gegen den Orden in eine Stellung verſetzt, in welcher eine Annaͤherung, vielweniger eine Verbindung zwiſchen beiden kaum je wieder denkbar ſchien. Wohl mochte man damals ſchon von Jagals Hinſtreben nach der Krone Polens im Orden fo wenig wie anderwaͤrts unterrichtet ſeyn; gewiß aber hatte die Erneuerung des Kam⸗ pfes mit dem Oberhaupte der Litthauer das gemeinſame In⸗ tereſſe zwiſchen dem Herzoge Semovit von Maſovien und dem Orden weit lebendiger angeregt. Zwar war es zumächft auch Geldnoth, die den Herzog gegen Ende dieſes Jahres bewog, dem Orden gegen dreitauſend ſechshundert Schock Böhm. Gro⸗ ſchen das beträchtliche Land Sakrze :) in Maſovien mit voͤlligem rienburgs hinzufuͤgt: Sic tradimenta facta sunt eciam de domibus Beyeren et Merienwerder, fo darf man auf dieſe Namen kein großes Gewicht legen, denn Lindenblatt und der Hochmeiſter ſtimmen im Ganzen in ihren Berichten uͤber die Einnabme Marienwerders mit dem überein, was Wigand uͤber die Belagerung und Eroberung Marien⸗ burgs erzählt. Die alte Preuſſ. Ehron. p. 41 iſt in ihrer Darſtellung ziemlich klar. 1) Dieſes Land wird in Urkunden bald Sakrze, bald Sackrſe ge- ſchrieben; Hennig bei Lucas David B. VII. S. 201 nimmt Sakrze für Sakrotſchim. Hatte er aber die in der urk. genau beſtimmten Grän- zen verglichen, fo wuͤrde ſich leicht ergeben haben, daß es das Land iſt, worin am Fluſſe Wlawka der jetzige Ort Szrensk liegt, der wahr⸗ ſcheinlich den alten Namen Sakrze noch aufbewahrt. Es erſtreckte ſich vom Einfluſſe der Wiſoka in die Neide an der Landſcheide fort bis an den Orzic, wo die Swinarka einfaͤllt, dann bis an den Fluß Lidinia, dieſen aufwärts bis nach Gutarzewo (Gutirſewo), wo er in die Wkra (Wicker) fällt, darauf an dieſer fort bis wo die Mlawka (Mlawa) fi) in die Wkra ergießt, an dieſer dann weiter bis nach Biezun (Bezun) und nördlich bis an das Eiſenwerk von Brudnice (Brudnicz) und end⸗ lich wieder bis an die Neide, wo die Wiſoka in fie einfällt.
Scanseite 457 · Druckseite 443
Jagals Bewerbung um die Polniſche Krone (1384). 443 Nießbrauche in Pfandweiſe zu verſetzen; allein es ward dabei doch ausdrücklich ausgeſprochen: der Herzog raͤume dem Or⸗ den dieſes Land beſonders in Betracht des Orloges der Or⸗ densritter mit der Heidenſchaft) und deshalb auch mit der Erlaubniß ein, dort eine Wehrburg wider die Heiden zu er⸗ bauen 2), wodurch dem Orden der Einfall in die heidniſchen Lande auch von dieſer Seite ſehr erleichtert wurde, zumal da er auch noch im Beſitze des oſtwaͤrts liegenden Gebietes von Wisna war und die Ausſicht zum Gewinne dieſer Lande als foͤrmliches Eigenthum ziemlich ſicher war, denn es ging eine beträchtliche Zeit worüber, ehe der Herzog an die Einlöfung auch nur denken konnte, da ſelbſt noch unter dem zweiten Nachfolger dieſes Meiſters aus Geldnoth das zwiſchen den Gebieten von Wisna und Sakrze liegende Land Pluntzk vom Herzoge an den Orden gegen zweitauſend Schock Boͤhm. Gro⸗ ſchen verpfändet werden mußte). Indeſſen haͤtte auch jetzt die gemeinſame Feindſchaft ge⸗ gen Jagal den Herzog und den Orden nicht naͤher zu einan⸗ der geführt, der Schritt des gemeinſamen Feindes im naͤchſt⸗ folgenden Jahre haͤtte ſicherlich eine naͤhere Verbindung bewir⸗ ken muͤſſen, da er für beide gleiche Gefahr drohte, denn Koͤ⸗ nig Jagal erließ nun, nachdem er laͤngſt alle Verhaͤltniſſe in 1) Intuitu gwerrarum, quas dominus Magister generalis et sui conpreceptores contra infideles Litvanos cottidie gerunt, moti, wie es in der Urkunde heißt; und in subsidium et relevamen gwerrarum, quas continue adversus infideles gerunt, pure et simpliciter zelo fidei ducti concedimus et donamus. 2) Volumus eciam, quod si predicti domini et ordo Castrum in terra ipsa edificare voluerint, sumptus ipsius castri, quos sexcentas sexagenas grossorum excedere nolumus, ipsis dominis solvere pro- mittimus cum capitali pecunia. 3) Die erſtere Urkunde, dat.: in Castro Strosberg Culmen. dioc. a. d. 1384 in die b. Clementis pape et martiris im Formularbuche p. 1. und im Cod. Oliv. p. 168; vgl. auch Lucas David B. VII. S. 201; die andern das Land Pluntzk betreffenden Urkunden im geh. Arch. Schiebl. 57. Nr. 36. 37. Es iſt wahrſcheinlich das Gebiet vo Lomza und Piontnica am Narew. .
Scanseite 458 · Druckseite 444
444 Jagals Bewerbung um die Polnifche Krone (1384). Polen und insbeſondere die Stimmung und Gefinnung der Großen des Landes genau auskundſchaftet, eine glanzende Ge⸗ ſandtſchaft, an deren Spitze ſein Bruder Skirgal ſtand, nach Krakau, um dort in einer Verſammlung der Magnaten um die Hand der jungen Koͤnigin zu werben. Er gab Verhei⸗ ßungen, in denen ihn niemand uͤberbieten konnte: die Annahme des Chriſtenthums im katholiſchen Glauben mit allen ſeinen Brüdern, Vettern, feinen ſaͤmmtlichen Landesgroßen und ſei⸗ nem geſammten Volke in Litthauen und Samaiten, die Be⸗ freiung aller Polniſchen Gefangenen, die Vereinigung aller ſeiner Erblande in Litthauen und Samaiten, ſowie die erober⸗ ten Ruſſiſchen Gebiete mit dem Reiche Polen, die Geltend⸗ machung aller Reichsanſpruͤche auf Pomerellen, Kulmerland, Schleſien, Dobrin, Welun und aller andern dem Reiche ent⸗ riſſenen Länder und Gebiete, die Verwendung aller feiner vaͤ⸗ terlichen Schaͤtze zum Beſten Polens und endlich ſelbſt die Bezahlung der zweimalhunderttauſend Gulden, welche der Her⸗ zog Leopold von Sſterreich verſprochen hatte, ſobald das Bei⸗ lager zwiſchen der jungen Koͤnigin und ſeinem Sohne Wil⸗ helm vollzogen ſeyn). Was hätte Jagal mehr verſprechen duͤrfen, um die Großen Polens ganz fuͤr ſich zu gewinnen! Sie waren insgeſammt fuͤr die Erfuͤllung ſeines Wunſches. Nur die ſchoͤne Koͤnigin, von fruͤher Jugend an mit Wilhelm von Sſterreich an ihres Vaters Hof erzogen und ihm jetzt als Verlobte mit treuer Liebe ergeben, ſchreckte der rauhe Heide zuruͤck und mit Schauder erfüllte fie der Gedanke, den viel⸗ geliebten ſchoͤnen Wilhelm mit dem rohen Barbaren vertau⸗ ſchen zu muͤſſen. Da aber die Gruͤnde ihres Herzens keine Gründe weder für die Geſandten aus Litthauen, noch für die 1) Dlagoss. L. X. p. 96-97. Kojalowiez p. 383 nennt unter den Ländern Preuſſen im Ganzen. Archidiacon. Gnesnens. p. 154 ſpricht auch von glänzenden Geſchenken, welche Jagal der Königin ge⸗ ſandt habe. Pray P. II. p. 175. Nach Kurz a. a. O. S. 110 ver⸗ ſprach der Herzog Leopold von Oſterreich im Ehevertrage vom 29. Juli 1385 die 200,000 Gulden auf gewiſſe Güter anzuweiſen, worüber die Urkunde bei Pray p. 174.
Scanseite 459 · Druckseite 445
Jagals Bewerbung um die Polnifche Krone (1385). 445 Polniſchen Großen waren und ſich nur zu klar die entſchie⸗ denſte Abneigung der letztern gegen Wilhelm kund gab, ſo ſtellte ſie alles der Entſcheidung ihrer Mutter, der Koͤnigin Eliſabeth von Ungern anheim in der Erwartung, ſie werde feſt bei der gewiſſenhaften Erfuͤllung der mit Herzog Leopold geſchloſſenen und mit Eidſchwuͤren bekraͤftigten Verträge behar⸗ ren, und es ging deshalb mit Einſtimmung der Großen Po⸗ lens eine Geſandtſchaft, begleitet von den Geſandten aus Lit⸗ thauen, nach Ungern, um die Entſcheidung und Einwilligung Eliſabeths dort auszuwirken ). Ob der Orden, mit dieſen Vorgaͤngen in Polen bekannt, irgend hindernde Schritte gegen Jagals Abſichten gethan habe, iſt nicht zu ermitteln. Wohl gerne haͤtte er Jagals Waffen gerade jetzt beſchaͤftigt, weil auch die Zahl der fremden Kriegs⸗ gaͤſte, die ſich im Winter des Jahres 1385 in Koͤnigsberg zum Kampfe wider die Heiden verſammelt, wiederum ſehr bedeutend war. Allein die laue und faule Witterung erlaubte keine Kriegsreiſe?). Doch blieb der Meiſter forthin bemüht, die Freundſchaft der nachbarlichen Fuͤrſten zu gewinnen und ſich in ſolcher Weiſe gegen die obwaltende Gefahr und zum Kampfe gegen den Feind aufs moͤglichſte zu ſtaͤrken, denn wie er durch Geneigtheit den Herzog von Maſovien verpflichtet, ſo zeigte er gleiche Bereitwilligkeit gegen die Herzoge Wartislav den Juͤngern und Boguslav von Stettin, indem er ihnen die Summe von dreitauſend Mark darſtreckte und als Pfand da⸗ für „zu Huͤlfe des Krieges und Orloges, den die Ritter wi⸗ der die Heiden taͤglich und ohne Unterlaß fuͤhren“, das Land 1) Diugoss. I. c. Anonym. Archidiacon. Gnesnens. IL. c. Prag I. c. Kurz a. a. O. S. 112. 2) Die Darſtellung in der Biographie des Hochmeiſters Konrad Zoͤllner von Rotenſtein in Baczko's Annalen Quart. II. S. 9, nach welcher der Orden zur Begegnung des Planes Jagals den Herzog Witowd mit allem Ernſt unterftügt und Traken für ihn mit habe er⸗ obern helfen, ift ſicherlich unrichtig und widerſpricht aller Chronologie, fo wie den Verhaͤltniſſen der Zeit; ihr iſt auch Kotzebue B. II. S. 251 gefolgt.
Scanseite 460 · Druckseite 446
446 Handelsverhaͤltniſſe (1385). Tuchim unter denſelben Bedingungen, wie die Maſoviſchen Gebiete vom Herzoge Semovit, erhielt !). Ebenſo war der Orden kurz zuvor der Stadt Stolpe mit einem Darlehen von tauſend Mark zu Huͤlfe gekommen 2). Auch von Litthauen aus ruhte vorerſt der Krieg, denn wenn zuweilen auch ein Kriegsgeſchrei von dorther durchs Land ging und die Buͤrger der Staͤdte in ihre Kriegsmaien zuſam⸗ mentreten mußten, um unter der Fahne des Komthurs die an den Graͤnzen drohende Gefahr abzuwehren ), fo wagten die Fuͤrſten aus Litthauen ſelbſt doch keineswegs ſo ſchwerverderb⸗ liche Raubzuͤge ins Land, wie unter dem vorigen Hochmei⸗ ſter. um ſo mehr konnte jetzt der Meiſter ſeine ganze Thaͤ⸗ tigkeit auf des Landes innere Verhaͤltniſſe wenden. Nichts aber bedurfte gerade in dieſer Zeit des Meiſters thaͤtiges Ein⸗ greifen mehr als der Handel mit dem Auslande, die ergie⸗ bigſte Quelle des Wohlſtandes in Preuſſen. Er litt ſeit dem Amtsantritte dieſes Hochmeiſters nicht nur immer noch an al⸗ len den Gebrechen, Hemmungen und Beſchwerden der fruͤhe⸗ ren Zeit, ſondern manche von dieſen hatten ſich durch die Laͤnge ihrer Dauer noch verſtaͤrkt und vermehrt. Winrichs von Kniprode Klagen über die vielfältigen Bedruͤckungen Preuſ⸗ ſiſcher Seefahrer und Handelsleute in England, uͤber Berau⸗ bung und Beſchlagnahme ihrer Guͤter, uͤber Ermordung Preuſ⸗ 1) Die urkunde der beiden herzoglichen Bruͤder, dat.: Stolpe 1385 am S. Marcustage in Abſchrift im Cod. Oliv. p. 101 im geh. Staats⸗ archiv zu Berlin. Der Orden erhält hier ebenfalls die Erlaubniß, in dem verpfändeten Lande Feſten und Städte bis zur Verwendungsſumme von 600 Mark zu erbauen, die ihm die Herzoge dann wieder erſetzen wollen. über die Lage des Landes Tuchim ſind wir nicht ganz gewiß. 2) Schuldbrief der Stadt Stolpe, dat.: Elbing Sonnabend vor Quaſimodogen. 1385 im geh. Arch. Schiebl. 50. Nr. 78. 3) Die Chroniſten erwähnen zwar nichts von ſolchen Kriegsreiſen in der erſten Hälfte dieſes Jahres; allein aus dem Kriegsbuche von Elbing geht hervor, daß man acht Tage vor Pfingſten nicht nur eine bewaffnete Schiffereife, ſondern im Juni auf ein f. g. Kriegsgeſchrei (ed clamoren) cuch eine Heerfahrt veranſtaltete und die Wegeverzeich⸗ niſſe weiſen auf ſolche einzelne Zuͤge ebenfalls hin.
Scanseite 461 · Druckseite 447
Handelsverhaͤltniſſe mit England (1385). 447 ſiſcher Seeleute und andere an ihnen begangene Miſſethaten hatten ungeachtet der Bitten dieſes Meiſters bei dem Koͤnige noch keine Abhuͤlfe gefunden, obgleich dem gemeinen Kauf⸗ manne der Hanſe ſeine Freiheiten und Gerechtſame im Lande durch eine koͤnigliche Beſtaͤtigung wieder zugeſichert waren !). Daher hatte auch Konrad Zöllner ſchon im erſten Jahre ſei⸗ nes Amtes den Verkehr mit England gaͤnzlich unterſagt und nur mit Muͤhe konnte er auf das Vorſtellen der Seeſtaͤdte, man möge die Schuldigen mit allem Ernſte beſtrafen, aber die Unſchuldigen nicht mit den Schuldigen leiden laſſen, be⸗ wogen werden, die Schifffahrt nach England wieder frei zu geben ?). Da natürlich den nach Preuſſen kommenden Eng⸗ laͤndern nicht ſelten Gleiches mit Gleichem vergolten und manche Maßregel mit aller Schaͤrfe gegen ſie angewendet wurde, ſo hatte ſich die Zahl der gegenſeitigen Beeintraͤchtigungen, Kla⸗ gen und Beſchwerden bis zum Jahre 1385 ſo gehaͤuft und der beiderſeits erlittene Schade war ſo bedeutend geworden, daß die Kaufleute in England dem Rathe des Koͤniges eine Schrift vorlegten, worin ſie alle ihre Klagen und Wuͤnſche auseinander ſetzten und den geſammten Schaden verzeichneten und berechneten, den ſie ſeit funfzehn Jahren in ihrem Ver⸗ kehre mit Preuſſen erlitten. Freilich gaben ſie wenig Hoff⸗ nung zu einer billigen Ausgleichung der ſtreitigen Verhaͤltniſſe, indem fie die oberften Gebietiger in Preuſſen als die undank⸗ 1) Es heißt in dem Briefe Winrichs an den Koͤnig: Fidelium no- strorum subditorum amare querele narracione sumus instructi, quod quidam de regno Anglie presumptores sue salutis ac honoris imme- mores nullis demeritis deposeentibus nec aliqua legitima culpa pre- via in pauperes nostros subditos iniurias et iacturas committere non formidant. Nam pauperes nostros super mare navigantes graviter suis in mercionibus et rebus dampnificarunt et molestarunt, ipsos bonis suis omnibus spoliantes, nec in hoc scelere contenti, sed mala malis addicientes homines nostros capitibus truucarunt divini iudicji ulcionem non verentes, eosque extra navem eiecerunt etc. Der Brief ohne Angabe des Jahres in Hanf. Receſſ. Nr. I. p. 396; vgl. Köhler Samml. der Hanf. Geſchichte bei Willebrendt p 191. 2) Hanf. Receſſ. Nr. I. p. 334 und Nr. II. p. 9.
Scanseite 462 · Druckseite 448
448 Handelsverhäftniffe mit England (1385). barften Menſchen ſchilderten und die Behauptung hinſtellten, daß kein Volk in England mit groͤßerem Wohlwollen behan⸗ delt werde und niemand mehr Vortheile und Vorzuͤge dort genieße als die Preuſſen). Auf die Bitte der Kaufleute um Recht und Abhuͤlfe in ihren Beſchwerden erließ der Koͤnig ſo⸗ fort eine Geſandtſchaft an den Hochmeiſter, durch die er ſein Verlangen zu erkennen gab, daß man ſeinen Ligern und Kauf⸗ leuten in ihren Klagen freies Gehoͤr und gerechtes Gericht be⸗ willigen, ihnen ihre Guͤter und Waaren mit Erſatz des Scha⸗ dens und der Koſten wieder frei geben, ſeinen Unterthanen eben ſo freie Landung mit ihren Kaufguͤtern an den Kuͤſten Preuſſens zugeſtehen möge, wie die Preuſſen ſie inskuͤnftige an jedem Hafen und bei jeglicher Stadt Englands haben ſollten, daß ferner die Engliſchen Kaufleute in Preuſſen der Freiheiten und Rechte im Handel und Wandel genießen moͤch⸗ ten, die ihnen ſeit alter Zeit im Lande zugeſtanden worden und daß ſie endlich einen Vorſtand oder Vogt unter ſich ha⸗ ben duͤrften, der ihre Angelegenheiten leiten und ihnen Recht ſprechen koͤnne ). 1) Es heißt unter andern: Recolerent insuper qui president in Prucia, quociens et quantis corporum laboribus et expensis domini Milites et armigeri de Anglia contra Litwanorum perfidos exercitus et incursus pruthenis auxilium personaliter impendebant. Recole- rent secundo quam favorabiliter semper hactenus in Anglia tracta- bantur prutheni pre ceteris mundi nacionibus et quanta commoda per adventum eorum in Anglia in suam patriam reportarunt. 2) Dieſe Vollmacht des Königes Richard für feine Ambaffiatoren, im geh. Arch. Schiebl. 83. Nr. 6, ift zwar ohne Datum, gehört aber der Sache nach unbezweifelt in dieſe Zeit, wie ſchon der Umſtand be⸗ weiſet, daß fie auch die Mißhelligkeiten berührt, die im Hafen Sween oder Swyn in Flandern geſchehen waren und deren die Klagſchrift der Engliſchen Kaufleute ebenfalls erwähnt. In Ruͤckſicht eines Vorſtandes, Vogts oder Conſuls für die Engl. Kaufleute in Preuſſen heißt es: Necnon quod dicti mercatores, ligei regni Anglie de seipis et inter se habeant gubernatorem, qui valeat et debeat ligeos, mercatores dicti Regni Anglie regere et iustificare. Dirſer gubernator iſt offen- bar nichts anders als was ſonſt die Capitularii, Consules, Scabini oder Decani in handelsſchaftlicher Hinſicht find, ſachkundige Schieds⸗
Scanseite 463 · Druckseite 449
Handelsverhäftniffe mit England (1385) 449 Darauf legten die Geſandten dem Hochmeiſter und ſei⸗ nen Gebietigern ihre einzelnen Beſchwerden vor. Sie klagten zuerſt: ihr Gut und Kaufſchatz ſey in Preuſſen überall, wo man ihn gefunden, mit Beſchlag belegt und meiſt weit gerin⸗ ger geſchaͤtzt worden, als der wahre Werth betrage, wodurch ſie großen Schaden erlitten. Man antwortete auf dieſe Klage: das Engliſche Kaufgut ſey allerdings in Elbing und Danzig mit Beſchlag belegt und von den Geſchworenen der Staͤdte in Verwahrung genommen, aber keineswegs unter dem Werthe geſchaͤtzt worden und in Danzig liege es ſogar noch unverſehrt da, weshalb die Klage ungerecht ſey !). Sie klagten ferner: die Kaufleute aus England wuͤrden auch darin ſehr belaͤſtigt und beſchwert, daß die Preuſſen des Koͤniges und des Reiches Feinden ergeben ſeyen, insbeſondere den Franzoſen, Schotten und Flandrern Waffen, Lebensmittel und ſonſtige Huͤlfe zu Schiffe zufuͤhrten, die Guͤter ihrer Feinde aber ſowie ſie ſelbſt mit ihren Schiffen ſchirmten und hegten, wie ſolches oͤffentlich zu Sween in Flandern geſchehen ſey; worauf geantwortet ward: man habe in Preuſſen Privilegien und Freiheiten, nach Eng⸗ land wie nach Flandern zu ſegeln; man halte ſie alle fuͤr Freunde; Harniſch habe man nie, ols zu eigener Nothdurft, naͤmlich zur Abwehr ungerechter Gewalt gefahren. Sonſt ſeyen, klagten die Geſandten weiter, die Kaufleute aus Eng⸗ land frei geweſen, in Preuſſen mit ihrem Kaufſchatze ein⸗ und auszuziehen, wie die Preuſſen in England; jetzt aber ſey ver⸗ ordnet, daß kein Preuſſe bei Verluſt von Leben und Gut und kein Fremder bei ewiger Acht und Verlaſt des Gutes Kauf⸗ waaren aus Preuſſen nach England bringen duͤrfe. Man ant⸗ wortete auf dieſe Klage: Seit die Englaͤnder in ihrem Lande richter in Handelsſtreitigkeiten, worüber Huͤllmann Staͤdteweſen des MA. B. I. S. 322. 1) Aus der Angabe der Städte, gegen deren Kaufleute der Arreſt vorgenommen worden war, geht hervor, mit welchen Engliſchen Staͤd⸗ ten der Handel Preuſſens betrieben wurde; aus York werden 27 Kauf⸗ leute genannt, aus Gloceſter 3, aus Northwich 9, aus Sarum 4, aus Nottingham 2, aus Send Botulphi 12, aus Beverley 12 u. ſ. w. V. 29
Scanseite 464 · Druckseite 450
450 Handelsverhältniſſe mit England (1385). das Gut der Ordensunterthanen gepfaͤndet, habe der Meiſter mit ſeinen Gebietigern beſchloſſen, kein Gut mehr nach Eng⸗ land fuͤhren zu laſſen. Auf die Klage: Statt daß ſonſt die Engliſchen Kaufleute ihre Waaren allenthalben in Preuſſen haͤtten verkaufen koͤnnen, ſey es jetzt bei ſchwerer Buße zu ih⸗ rem Schaden verpoͤnt, daß kein Englaͤnder ſeine Waare an⸗ derswo als zu Elbing verkaufe, wodurch die Kaufleute von Vork und Hull zu großem Schaden gekommen, ward erwie⸗ dert: es ſey dieſes nicht fuͤr die Englaͤnder allein, ſondern fuͤr die Kaufleute aller Lande beſtimmt worden. Zu den Hinder⸗ niſſen fuͤr den Engliſchen Handel in Preuſſen zaͤhlten die Ge⸗ ſandten auch die Verordnung, daß ihre Kaufleute ihre Waa⸗ ren nach Elbing bringen muͤßten, aber nicht wieder hinwegfuͤh⸗ ren duͤrften bei einer Buße, von der ſie freizuſprechen und gegen einen Ausfuhrzoll, der vorher von ihnen zu entrichten ſey; worauf man erklaͤrte: die Engländer und alle Kaufgäfte duͤrften ihr Tuch, welches ſie abſetzen wollten, allerdings nur in Elbing verkaufen; aber es ſey ihnen jeder Zeit unverwehrt, ihr Tuch auch wieder aus dem Lande zu fuͤhren. Außerdem ward auch die Klage erhoben, daß man in Preuſſen die Laͤnge der Engliſchen Tuͤcher zum Schaden des Engliſchen Kaufmanns anders beſtimmt habe, daß ferner vorzuͤglich die Preuſſen die Englaͤnder auf Schonen hinderten, Hering zu ſalzen, wie es doch früher allen Voͤlkern und auch den Englaͤndern, die Scho⸗ nen mit hätten gewinnen helfen, geftattet geweſen ſey !) u. ſ. w. Dieſen allgemeinen Klagen fuͤgten endlich die Geſandten eine Aufzählung der zahlreichen „leiblichen Beſchwerungen “ bei, 1) Darüber heißt es: Ubi conswete sunt omnes naciones que iu- vabant ad conquerendum Skone salire allec ibi et illud adducere se- cum libere quocunque placuerit eis et ubi mercatores anglici iuva- bant ad ipsum locum de Skone primitus conquerendum, sicut plures alie naciones, nichilominus eo impediunt, et hactenus anglici fue- rant impediti per illos de prussia et eorum complices ad saliendum ibi allec et ibidem in pessimo loco hospitantur, nec impensis factis circa dictum conquestum de Skone per ipsos de prussia levatis hac- tenus anglicis sicut aliis nacionibus refundere curaverunt.
Scanseite 465 · Druckseite 451
Handelsverhaͤltniſſe mit England (1385). 451 denen die Englaͤnder in Preuſſen unterworfen geweſen. Fuͤr das Jahr 1385 allein waren vierzehn Fälle gezählt, in denen Englaͤnder in Preuſſen geſchlagen und verwundet worden ſeyn ſollten. Den Schluß der Klagſchrift bildete ein langes Ver⸗ zeichniß aller Verluſte und Beeintraͤchtigungen, die den Eng⸗ laͤndern durch Preuſſen auf verſchiedene Weiſe verurſacht worden ). Die Sache griff zu ſehr in das gemeinſame Intereſſe der wichtigſten Städte des Landes ein, als daß der Meiſter allein mit den oberſten Gebietigern eine Entſcheidung hätte geben konnen. Er berief deshalb ſofort eine Tagfahrt der vornehm⸗ ſten Handelsſtaͤdte nach Marienburg, in welcher nach mannich⸗ faltigen Berathungen beſchloſſen ward: man wolle von Sei⸗ ten des Ordens und der Staͤdte eine Geſandtſchaft nach Eng⸗ land ſchicken und dort gleichfalls ein Verzeichniß des Schadens und aller der Verluſte uͤberreichen, welche die Kaufleute aus Preuſſen ſeit zehn Jahren von Englaͤndern erlitten; bis auf weiteres aber ſolle niemand aus Preuſſen auf ſeinem Schiffe Kaufwaaren der Englaͤnder nach England bringen, es ſey denn, daß er für fein Schiff zuvor genügend verſichert werde, eine Maßregel, die offenbar den Zweck hatte, die Zahl der Klagen nicht noch mehr zu vergroͤßern. Man ſchlug den geſammten Schaden, welchen die Englaͤnder im Laufe jener zehn Jahre ſowohl dem Orden als den Staͤdten des Landes zugefuͤgt, auf neuntauſendundvierhundert Mark an?) und dieſen wollte man erſt ausgeglichen haben, ehe die ſtrengen Maßregeln ge⸗ 1) Dieſe Klagſchrift der Engl. Kaufleute befindet ſich im geheimen Arch. Schiebl. 83. Nr. 1 außerdem ebendaſelbſt eine Deutſche Über: ſetzung davon, worin zugleich auch die Antworten von Seiten des Or⸗ dens enthalten ſind. 2) Die Schadenverzeichniſſe der wichtigſten Städte Preuſſens in den Hanf. Receſſ. Nr. II. p. 51 — 61. Sie find in mancher Hinſicht merkwuͤrdig; beſonders erſieht man daraus, daß es vorzuͤglich Getreide, Mehl, Holz, Wagenſchoß, Pech, Theer und dergl. war, was man von Preuſſen ausfuͤhrte. Unter denen, welche Schaden erlitten, werden auch der Großſchaͤffer von Marienburg und die beiden Schäffer von Königsberg und Chriſtburg genannt. 29 *
Scanseite 466 · Druckseite 452
452 Handelsverhaͤltniſſe mit Frankreich (1385). gen die Englaͤnder gemildert werden ſollten. Obgleich daher Koͤnig Richard auf Anliegen ſeiner Kaufleute den Hochmeiſter vor allem um die Aufhebung der Verordnung bat, nach wel⸗ cher die Engländer ihre Tuche und andere Handelsguͤter nicht mehr in Danzig verkaufen durften, ſondern von da nach El⸗ bing zum Verkaufe bringen mußten, was fuͤr ſie immer koſt⸗ ſpielig war, ſo findet ſich doch keine Spur, daß dieſes Ge⸗ bot zuruͤckgenommen worden ſey, wiewohl jetzt der Koͤnig den Kaufleuten aus Preuſſen alle Häfen und Städte feines Reis ches zum Handel völlig frei gab ). Der Handelsverkehr mit Frankreich ſcheint um dieſe Zeit an Regſamkeit gewonnen zu haben, denn wir finden wieder⸗ holt, daß nicht nur Schiffe aus Danzig, ſondern auch aus den uͤbrigen groͤßeren Staͤdten Preuſſens in die Haͤfen Frank⸗ reichs einliefen. Freilich unterlag der Kaufmann auch hier manchen Belaͤſtigungen und Hinderniſſen und nicht ſelten wurde über die Verluſte geklagt, welche beſonders die ſ. g. Seeraͤu⸗ ber aus der Normandie auch den Seefahrern aus Preuſſen zufuͤgten ). Allein das Handelsverhaͤltniß mit Frankreich hatte uͤberhaupt einen ganz andern Charakter; es herrſchte bei wei⸗ tem nicht, wie in England, der mißguͤnſtige und argwoͤhniſche Handelsneid der groͤßern Handelsſtaͤdte vor und was das Wich⸗ tigſte war, der Koͤnig Karl der Sechſte nahm ſich der frem⸗ den Kaufleute immer mit weit größerem Nachdruck an, denn als im Anfange der Regierung dieſes Meiſters die früheren Stoͤrungen des Handels, wie unter Winrich von Kniprode, 1) Das Schreiben des Koͤniges an den Hochmeiſter, dat: apud Palatium nostrum Westmonasterii decima die mensis Februar. an. Regni nostri octavo in Hanf. Receſſ. Nr. II. p. 66. Die obenerwaͤhnte, fuͤr die Engländer beſchwerliche Anordnung war erſt zur Zeit dieſes Hochmeiſters getroffen worden; weshalb der König ſagt: Jam tempore vestro ex parte et auctoritate vestra ordinatum existit, quod dicti Mercatores nostri diefos pannos et mercandisas suas a dicta villa Dantzik usque ad villam Elbing ad eos ibidem vendendos ducent inter quas villas Dantzik et Elbing maxima aque pericula sepe trans- euntibus eveniunt, per que periunt muitocies navigatores ibidem. 2) Hanſeat. Receſſ. Nr. I. p. 283, II. p. 9.
Scanseite 467 · Druckseite 453
Handelsverhältniffe mit Frankreich (1385). 453 von neuem begannen und Konrad Zoͤllner ihm die Klage ent⸗ gegenbringen ließ, daß abermals und oͤfter ſchon Seefahrer und Kaufleute aus Preuſſen mit ſtarken und theueren Ladun⸗ gen auf der Fahrt nach Frankreich durch Unterthanen des Kö- niges und namentlich wieder aus der Normandie und Nicar⸗ die aufgefangen, in die Seine oder Somme gefuͤhrt, aller ih⸗ rer Guͤter beraubt, gefangen geſetzt, ja ſelbſt mitunter ermor⸗ det worden ſeyen und unter ſolchen Gefahren und Gewalttha⸗ ten der Handel mit Frankreich bald ganz aufhören muͤſſe, er⸗ ließ der Koͤnig einen neuen offenen Befehl, in welchem den Preuſſiſchen Kauffahrern nicht nur die Freiheit beftätigt wurde, in alle Gebiete Frankreichs frei und ſicher einzulaufen, Han⸗ del und Verkehr zu treiben und jegliche unverbotene Waare zu verkaufen und zu kaufen oder aus⸗ und einzufuͤhren ohne die mindeſte Gefahr für ihre Perſonen oder Beſchlagnahme ihrer Waaren, ſondern auch alle hoͤheren und niedern Behoͤr⸗ den der Staͤdte, Burgen, Haͤfen und Handelsplaͤtze mit ſtreng⸗ ſtem Ernſte beauftragt wurden, ſcharf darauf zu achten, daß niemand die Kaufleute und Seefahrer aus Preuſſen im ge⸗ ringſten belaͤſtige, beſchaͤdige oder in ihren Geſchaͤften hindere bei hoher und nachdruͤcklicher Strafe gegen alle, welche die⸗ ſem Gebote zuwider handeln wuͤrden ). Und es ſcheint, daß dieſer Befehl von Wirkung war, denn wir hoͤren lange Zeit nichts von neuen Mißhelligkeiten im Handelsverkehr zwiſchen Preuſſen und Frankreich. In dem regſamen Flandern hatte der ſchon unter dem vorigen Hochmeiſter ausgebrochene ſchreckliche Buͤrgerkrieg auch jetzt noch nicht geendigt und es litt ſomit der Handel dort noch immer an allen den Übeln und Hinderniſſen der fruͤhe⸗ ren Zeit. Für Preuſſen war dieſes bei der Ausdehnung ſei⸗ nes Verkehrs dahin doppelt fuͤhlbar, denn es geſchah nicht felten, daß auch die Privilegien der Preuffifchen Kaufleute dort 1) Dieſes Mandat des Koͤniges Karl VI, dat.: Parisiis XXVI die Marci a. d. 1383 et regni nostri tercio post Pascha in Hanſeat. Receſſ. Nr. I. p. 352.
Scanseite 468 · Druckseite 454
454 Handelsverhaͤltniſſe mit Flandern (1385). gekraͤnkt, die Waaren in Beſchlag genommen, die Eigenthü⸗ mer in Kerker geworfen und die Sicherheit des Marktes auf alle Weiſe geftört wurde ). Man wandte nicht nur auf den Hanſe⸗Tagen zu Luͤbeck alle Muͤhe an, durch Unterhandlun⸗ gen theils mit den Staͤdten des Landes, theils mit dem Her⸗ zoge Philipp von Burgund ein günſtigeres Verhaͤltniß für den Deutſchen Kaufmann im Allgemeinen herzuftellen ?), ſondern Konrad Zoͤllner hatte kaum ſein Meiſteramt angetreten, als er dem Herzog klagend berichtete: er habe aus glaubwuͤrdiger Quelle vernommen, daß ſeit kurzem dem Deutſchen Kaufmanne in Flandern alle Guͤter verloren ſeyn ſollten, daß namentlich durch des Herzogs Beamten ſechzig Stuͤcke Wachs von Riga und Polen in Beſchlag genommen worden, daß man zu Bruͤgge gegen den Vertrag des Kaufmanns die Zollordnung veraͤndert habe und insbeſondere von Wein eine neue Abgabe erhoben werde ); er erſuche demnach den Herzog aufs dringendſte, zu verordnen, daß dem Kaufmanne ſeine Guͤter wieder frei gege⸗ ben, bezahlt oder hinreichend verguͤtet, ihm ſicherer und freier Ab⸗ und Zugang nach Flandern und der Verkehr nach den laͤngſt zugeſicherten und beſtaͤtigten Privilegien und Freiheiten geſtattet werde; faͤnden Mißhelligkeiten zwiſchen ihm und ſei⸗ nen Städten mit dem Deutſchen Kaufmanne Statt, fo wolle er, wenn es dem Herzog beliebe, gerne dazwiſchen tretend eine Ausgleichung zu vermitteln ſuchen ?). Allein ungeachtet 1) Sartorius Geſchichte des Hanf. Bundes B. II. S. 494. 2) Sartorius a. a. O. S. 495. Hanſeat. Neceſſ. Nr. II. p- 1—3. 3) Es heißt hierüber: Item sumus instructi secundum continen- ciam quarumdam litterarum antecessori nostro felicis memorie dire- etarum, quod quia terra Flandrie propter gwerrarnm commociones magnos sumptus suflerret et expensas aflectaret, ut antecessor no- ster consenciendo ipsos mercatores induceret, quod ordinationem, quam inhabitatores Bruggis ſecerant, acceptarent, videlicet quod omnes vinum propinare volentes, de qualibet metta seu mensura vini unum grossorum flamingicalem dare tenerentur etc. 4) Schreiben des Hochmeiſters, dat: in Castro nostro Bartiu-
Scanseite 469 · Druckseite 455
Handelsverhältniffe mit Novgorod (1385). 455 dieſes Erbietens des Meiſters konnten die obwaltenden Miß⸗ verhaͤltniſſe doch nicht beigelegt werden; es vergingen noch mehre Jahre, ohne daß die Lage der Dinge ſich aͤnderte, ob⸗ gleich in dieſer Zeit keine Tagfahrt der Hanſeatiſchen Städte gehalten wurde, auf der man nicht neue Berathungen und Werbungen über dieſe Störung des Handels begann !), bis endlich, nachdem man ſchon damit umging, die Niederlage nach Dortrecht zu verlegen, der Herzog von Burgund nach innerer Beruhigung des Landes im Jahre 1386 ſelbſt mit al⸗ lem Ernſte daran arbeitete, die Handelsverhaͤltniſſe Flanderns zu den Hanſe⸗Staͤdten zu aͤndern :). Die Städte Preuſſens aber und der Hochmeiſter griffen fortwaͤhrend in dieſe Angele⸗ genheiten ſehr wirkſam ein und namentlich waren ſie es, welche die Bedingungen vorſchlugen, unter denen der Stapel aus Flandern nach Dortrecht verlegt werden muͤſſe ). Je verwickelter aber die Hemmungen und Hinderniſſe für den Handelsverkehr Preuſſens nach Weſten, insbeſondere nach England und Flandern waren, um ſo mehr wuͤnſchten die groͤßeren Handelsſtaͤdte des Landes den Verkehr nach Rußland zu erweitern. Das wichtige Novgorod war das Ziel, auf welches auch ſie jetzt mit allgemeinem Intereſſe hinſahen. Sie ſprachen den Wunſch, das Polniſche Tuch zum Verkaufe dort⸗ hin fuͤhren zu duͤrfen, zuerſt auf einer Tagfahrt zu Stralſund im Jahre 1383 aus, erhielten aber die Erklaͤrung, der Kauf⸗ mann zu Novgorod wolle ſolches aus dem Grunde nicht zu⸗ geben, weil dadurch der Handel mit den Flandriſchen Tuͤchern viel zu ſehr leiden werde!), denn bisher hatte der Deutſche stein feria VI ante dominicam Misericordia dui an. 1383 in Hanſcat. Receſſ. Nr. I. p. 348. 1) Sartorius a. a. O. Hanſeat. Receſſ. a. a. O. p. 342. 2) Hanfeat. Receſſ. Nr. I. p. 356. 377. 380. Fiſcher Geſch. des Handels B. II. S. 229. 3) Dieß geſchah auf einer Tagfahrt der Preuſſ. Stäbte zu Ma: rienburg 24. Juli 1385, worüber der Receß in Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 99. Ihre Vorſchlaͤge find allgemeine Beſtimmungen fuͤr die ge⸗ ſammten Hanſe⸗Staͤdte. 4) In Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 22 heißt es hierüber: Ok heb⸗
Scanseite 470 · Druckseite 456
456 Handelsverhältniffe mit Dänemark (1385). Kaufmann faſt ausfchlieglich nur dieſe dorthin zum Verkaufe geführt !). Auf mehrjährige Unterhandlungen mit den Nov⸗ gorodern erfolgten immer unguͤnſtige Antworten, wiewohl die Staͤdte Preuſſens ſich niemals dadurch zuruͤckweiſen ließen, weil es bereits ja auch den Luͤbeckern erlaubt worden, mit Polniſchem Tuche nach Novgorod zu handeln, ohne Zweifel mit ein weſentlicher Grund, daß man den Wunſch der Preuſ⸗ ſiſchen Städte von Seiten des Hanſe⸗Bundes fo wenig be⸗ foͤrderte ?). Als ſie daher auch bei nochmaliger Erneuerung ihrer Bitte um guͤnſtige Entſcheidung in der Sache keinen Er⸗ folg ſahen, ſo beſchloſſen ſie, den Hochmeiſter um Briefe nach Dorpat und an die Livlaͤndiſchen Staͤdte wegen des Verkaufs des Polniſchen Tuches zu bitten, bis die Hanfe= Städte über jene Angelegenheit eine allgemeine beſtimmte Anordnung ge⸗ troffen haͤtten ). Auch die Verhaͤltniſſe zwiſchen Preuſſen und den nordi⸗ ſchen Reichen, Daͤnemark und Schweden, waren noch keines⸗ wegs ſo friedlich, daß der Handel nicht auch hier manchen Hemmungen und Störungen hätte unterliegen muͤſſen. Zwar waren den Oſt- und Suͤdſee⸗Staͤdten der Hanſe auch vom ben die von Pruſen geſproken umme die polenſche Laken dat man die mochte fuͤren up thu den Ruſen, des hebben die Stede en geſecht, wo dat die Copman thu Nougarden ſecht, wo dat her des ſeere worde be⸗ ſchadet an den Vlameſchen Laken, Ok dat id were kegen des Copman⸗ nes Rechtikeit. Vgl. Fiſcher a. a. O. S. 159, Köhler Samml. der Hanf. Geſchichte bei Willebrandt p. 191. 1) Sartorius a. a. O. S. 440. 2) Die Städte Preuſſens erklaͤrten auf einer Tagfahrt zu Ma: rienburg: Ok leven Herren, alze ume de Polenſchen Lakene, dar vele rede is af geweſen vor den ſteden, oſtwert tho vuͤrende tho Nowgar⸗ den, des hebbe wy warhaft vornomen, dat de uwen de lakene dar vü⸗ ren und ſpreken, dat wy di lakene dar nicht vuͤren enmuͤgen nach en⸗ dracht der gemenen ſtede, uns ſteet wol tho denkende, dat dar vele rede aff geweſen ſin, Sunder uns enſteyt dez nicht tho denkende, dat dy rede y geendet ſei von den lakenen tho eyner volkomenen Endracht, wo mans darmede holden ſolde. 3) Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 46. 101.
Scanseite 471 · Druckseite 457
Handelsverhaͤltniſſe mit Dänemark (1385). 457 jungen Könige Olav von Dänemark, Waldemars des Dritten Nachfolger, nicht nur die von Waldemar ertrotzten Handels⸗ freiheiten, ſondern auch der Beſitz der ihnen auf Schonen ver⸗ pfaͤndeten Schlöffer beſtaͤtigt worden; allein Olavs Thron war gegen ſeinen Mitbewerber Albrecht von Schweden kaum befe⸗ ſtigt, als ſeine Mutter Margarethe, die Vormuͤnderin, bei den Hanſe⸗Staͤdten alles aufbot, um dieſe Schloͤſſer wieder ein⸗ geraͤumt zu erhalten. Der Beſchluß der Staͤdte indeß auf einer Tagfahrt zu Luͤbeck im Jahre 1383, man wolle die Schloͤſſer nur frei geben gegen Vergütung alles Schadens, den der gemeine Kaufmann von Daͤnemark aus und von den Schloͤſſern erlitten habe ), ward gewiß von wenigen der ver⸗ wandten Seeſtaͤdte ſo feſt gehalten, als von den Preuſſiſchen, denn ſie ſchlugen im Jahre 1385 den ſeit funfzehn Jahren von Daͤnemark aus ihnen zugefuͤgten Schaden auf einunddrei⸗ ßigtauſend einhundert und fuͤnfundzwanzig Mark an ), und es ward wiederholt auf den Tagfahrten zu Marienburg be⸗ ſchloſſen, in die Auslieferung der Schlöffer nicht eher einzuwil⸗ ligen, als bis dem Kaufmanne wegen feiner Verluſte Genüge geſchehen ſey ). Als ſich daher in dem ebenerwaͤhnten Jahre einige Hanſe⸗Staͤdte ſchon geneigt zeigten, die Schlöffer zu uͤbergeben, legten die Preuſſen eine Proteſtation ein, mit der Erklaͤrung, daß ſie dann mit dem Hochmeiſter, den Livlaͤn⸗ dern und den Staͤdten der Suͤdſee auf ernſtliche Mittel den⸗ 1) Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 2. 2) Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 45. 3) So heißt es z. B. in einem Receſſe der Preuſſ. Staͤdte vom J. 1384: Ob man die Slos uf Schone ufantworten ſulle czu der czyt, als die Bryve uswiſen dorch des Schaden wille czu dirfolgen, der deme gemeynen Copmane geſcheen is us Denemarken, Hiruf dun⸗ cket uns gut ſyn, das man die Slos vorhalde als man lengiſt mag und nicht ufantworte, dem Copmanne werde denn ſyn Schade ufge⸗ richt und wyderleget, wend dy Slos von der Koniginne Vathir den Stetin vorſatzt ſyn und nicht von der Koniginne ſyner Dochter, und der Herczoge von Mekelburg die gemeynen Stete geheiſen und vorbo⸗ then hat, das ſie dy Slos nicht ufantworten ſollen, wend her Teyl und Anſprache daran habe. Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 27. »
Scanseite 472 · Druckseite 458
458 Handels verhaͤltniſſe mit Dänemark (1385). ken wuͤrden, zu ihrem Schaden zu gelangen :). Gleichſam als Erſatz fuͤr den geſtoͤrten Handel mit Daͤnemark benutzten die Preuſſiſchen Handelsſtaͤdte den ausgezeichnet reichen He⸗ ringsfang auf Schonen mit der emſigſten Thaͤtigkeit, nicht min: der eiferſuͤchtig als die uͤbrigen Hanſeaten gegen alle Fremd⸗ linge, die an dem lockenden Gewinne hier Theil zu nehmen ſuchten ?). Als indeſſen endlich mit dem Jahre 1385 der Zeit⸗ raum von funfzehn Jahren zu Ende lief, auf welchen die Verpfaͤndung der Schlöffer auf Schonen von Waldemar ge⸗ ſchehen war, wußte es Margarethe durch ihre Klugheit in Un⸗ terhandlungen bei den Seeſtaͤdten doch dahin zu bringen, daß die Auslieferung erfolgte und ſelbſt die Staͤdte Preuſſens darin einwilligten, nachdem der Koͤnig Olav ausdruͤcklich erklaͤrt hatte, daß die Staͤdte in ihren Forderungen wegen des zu Waſſer und zu Land ihnen zugefuͤgten Schadens als noch unbefriedigt betrachtet ſeyn und ihre Rechtsanſpruͤche daruͤber ſich vorbe⸗ halten ſollten. Überdieß geſtattete und beſtaͤtigte Koͤnig Olav im Suͤhnebriefe den Staͤdten auch Rechte und Freiheiten im Handel nach Daͤnemark und beſonders nach Schonen, die al⸗ lerdings lockend genug waren, um auch die Preuſſiſchen Staͤdte zur Nachgiebigkeit zu gewinnen ). Allein wir werden ſpaͤ⸗ terhin ſehen, wie kraͤftig fie nachmals die Sache ihrer Verguͤ⸗ tung des Schadens bei der Daͤniſchen Krone betrieben. Über die Handelsverhaͤltniſſe zwiſchen Preuſſen und Schwe⸗ den iſt für dieſe Zeit noch vieles Dunkel. Zwar ſoll der Kö- nig Albrecht, der als König ja ganz eigentlich das Gefchöpf der Hanſe⸗Staͤdte war *), fie im Handel vielfach begünftigt haben. Allein dennoch klagten die Luͤbecker im Jahre 1383 in einem Schreiben an den Rath von Danzig, daß der Koͤ⸗ 1) Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 44. 2) Sartorius a. a. O. S. 408409. Hanſeat. Receſſ. Nr. I. . 283. > 3) Die weitläuftigen Verhandlungen darüber in Hanſeat. Receſſ. Nr. II p. 71-98. Willebrandt Hanf. Chron. Abth. II. S. 50. 4) Sartorius B. II. S. 421. Ekendahl Geſchichte des Schwed. Volks B. I. ©. 678. Willebrandt Abth. III. S. 29.
Scanseite 473 · Druckseite 459
Handelsverhaͤltniſſe mit Schweden (1385). 459 nig von Schweden allerlei Urſachen ſuche, den gemeinen Kauf⸗ mann der Hanſe aller ſeiner lange beſeſſenen und ſchwer er⸗ worbenen Freiheiten und Privilegien in ſeinem Reiche zu be⸗ rauben), daß alle Verhandlungen und Tagfahrten zu einer Ausgleichung mit dem Koͤnige zur Zeit noch fruchtlos geblie⸗ ben ſeyen und man endlich zu ernſten Maßregeln gegen ihn habe greifen müffen, indem man beſchloſſen, mehre Handels⸗ gegenftände, welche Schweden nothwendig beduͤrfe, als Salz, Roggen, Malz, Mehl, Hopfen und mehre andere Kaufwaa⸗ ren, aus keiner Hanſe⸗Stadt mehr zufuͤhren zu laſſen und dadurch den König zu vermögen, dem Kaufmanne der Hanſe die alten Freiheiten und Rechte in feinem Reiche zu beftätigen 2). Über dieſe Maßregel bitten die Luͤbecker den Rath von Dan⸗ zig um ſein Gutachten, denn da die Staͤdte Preuſſens ohne Zweifel ebenfalls manche der genannten Gegenſtaͤnde nach Schweden eingefuͤhrt hatten und jetzt zugleich mit aufgefordert wurden, an dieſer Anordnung nicht minder wie die andern Glieder des Bundes feſtzuhalten, ſo war ihr Handelsintereſſe 1) Es heißt in dem Schreiben: Sicut pridem vestre discrecioni insinuavimus, ita adhuc vos scire presentibus affectamus, quod Rex Suecie nos et omnem mercatorem libertatibus et privilegiis ab an- tiquo habitis et cum labore grandi et expensis arduis acquisitis pri- vare nititur occasionem querens excessus imponendo, in quibus mi- nime rei sumus, 2) Der Brief der Luͤbecker an den Rath von Danzig, dat.: Mar- garethe virginis sacre die 1383 in Hanſeat. Receſſ. Nr. I. p. 327. Die Sache iſt jedoch noch in mancher Hinſicht dunkel; denn erſtens wiſſen wir nicht, was den Koͤnig zu dieſer feindlichen Stellung gegen die Hanfer Städte bewogen habe; es wird dann zweitens außer dem Verbote der Einfuhr auch beſtimmt, quod sub pena decem marcarum argenti nullus Civis vel hospes de Civitatum portibus debet ad Sca- niam proficisci seu velificare pro allecium salsatura, sic quod nec in Scania nec alibi ad latus Danie vel Suecie allecia salsabuntur, wodurch ja wohl die Städte ſich zugleich mit ſchadeten. Gehoͤrte drit⸗ tens Schonen eigentlich dem Könige von Schweden? Er ſuchte ſich deſſen allerdings mehrmals zu bemaͤchtigen; ſ. Ekendahl a. a. O. S. 687—688. Da auch Olav von Daͤnemark ſich König von Schwe⸗ den nannte, fo wäre es auch möglich, daß der Brief von ihm fpräche.
Scanseite 474 · Druckseite 460
460 Seeraͤuberei (1385). dabei allerdings ſtark mit im Spiele. Doch find wir von dem fernern Verlaufe der Sache nicht weiter unterrichtet. Zu dieſen Hemmungen und Hinderniſſen des Verkehrs in faſt allen Laͤndern, mit denen Preuſſen in Gemeinſchaft ſtand, kam nun auch jetzt noch das verderblichſte und unheil⸗ vollſte Übel der damaligen Handelswelt, die in der Oſt⸗ und Nordſee immer mehr zunehmende Seeraͤuberei, die wie uͤber⸗ all ſo auch dem Handel Preuſſens von Jahr zu Jahr groͤße⸗ ren Schaden brachte und außerordentliche Opfer koſtete. Da nichts den Nerv alles Verkehrs mehr laͤhmen konnte, ſo wur⸗ den auch unter dieſem Hochmeiſter von den Staͤdten des Lan⸗ des keine Koſten geſpart, um zur Vertilgung oder doch zur Verminderung dieſes großen Übels das Ihrige beizutragen. Ließen fie ſich, wie man ihnen anmuthete 1), auch nicht be⸗ wegen, ſelbſt Friedeſchiffe zur Saͤuberung der See mit aus⸗ zuruͤſten 2), ſo erklaͤrten ſie ſich doch immer geneigt, Schaden und Koſten für die Friedeſchiffe der übrigen Hanſe⸗Staͤdte nach Verhaͤltniß mitzutragen ). Für fie allein betrugen dieſe Koſten zwei Jahre nacheinander ſiebenhundertundachtzig Mark 1) Dieß geſchah z. B. auf einer Tagfahrt zu Luͤbeck im J. 1383, wo man verlangte, fie ſollten zwei Koggen und vier Snycken mit hun⸗ dert Gewappneten ſtellen; Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 7. 2) Die Preuſſ. Staͤdte gaben auf einer Tagfahrt zu Marienburg im J. 1384 die Antwort auf jene Anmuthung: Das is uns nicht be⸗ queme noch gelegen is, das wir Vredeſchiffe usmachten, ſunder wellen die Seeſtette ſie usmachen mit alſo vile Schiffen und Snicken mit alſo vile gewapentin Mannen dorynne, wie fie vor eyme jare usgemacht ſint, dorczu ſo ſal man in ſo viele geldes lyen von dem Pontgelde, als man in uf dieſelbe czyt gelegin hatte. Hanſeat. Receſſ. Nr. II. . 13. 3) Auf einer Tagfahrt zu Stralſund im J. 1384 wird beſtimmt: So willen die von Luͤbek und von dem Sunde umme bede willen der menen Stede utmaken II Vredeſchepe, een jewelik eyn grot ſchip und tive ſnycken mit L gewapenden, die ſcolen mit alle rede weſen to Pynx⸗ ten negeſt thu komende, des hebben die von Prüfen und die Stede meenliken ſecht, dat fie willen mit den von Luͤbek und von dem Sunde dit iar ſtan allen ſcaden und koſte von der Vredeſchepe wegen na bor⸗ niſſe, wor man die See Rover ſuket thu lande und thu watir.
Scanseite 475 · Druckseite 461
Seeräuberei (1385). 461 und ein anderes Jahr fogar über tauſend Mark, die von dem ſ. g. Pfundgelde der ein⸗ und auslaufenden Schiffe bezogen wurden. Obgleich indeſſen Luͤbeck in den Jahren 1383 und 1384 die Summe von viertauſend ſiebenhundert und neunund⸗ dreißig Mark an Pfundgeld auf die Saͤuberung der See ver⸗ wandte"), fo war damit doch nichts gewonnen, denn hatte man an einem Orte die ſeeraͤuberiſchen Rotten auch zerſtreut oder vernichtet, ſo ſammelten ſich bald anderswo nur um ſo zahlreichere Schaaren. Die Klagen uͤber Seeraub hoͤrten da⸗ her auch bis zum Jahre 1385 ſo wenig auf, daß man fuͤr gut fand, mit dem Schiffshauptmanne Wulfeke Wulflam ei⸗ nen Vertrag zu ſchließen, nach welchem er mit einer beſtimm⸗ ten Zahl von Schiffen und Bewaffneten von Oſtern bis Mar⸗ tini die See befahren und uͤberall die Seeraͤuber aufſuchen und vernichten ſolle, wofuͤr ihm die Staͤdte ſelbſt eine gewiſſe Zahl von Schiffen und Waffen liefern und jaͤhrlich noch die Summe von fuͤnftauſend Mark zahlen wollten; der den See⸗ raͤubern abgenommene Raub, wofern er nicht Kaufmannsgut ſey, ſolle ihm allein zugehoͤren und über eingefangene Räuber moͤge er zu Leib und Leben richten, ſowie auch die Heger und Pfleger derſelben verfolgen und befeinden, wie und wo er koͤnne 2). Allein auch dieſe Maßregel fuͤhrte nicht zum Zwecke und das laͤſtige Übel dauerte zum Verderb des Handels auch ferner noch viele Jahre fort. Außer dieſen Handelsverhaͤltniſſen mit dem Auslande, in welche der Meiſter immer thaͤtig einwirkte, beſchaͤftigte er ſich im Laufe dieſer Jahre auch viel mit den Angelegenheiten des Binnenhandels. So ſetzte er z. B. der Neuſtadt Thorn den Zins, welchen ſie von ihrem Kaufhauſe, der Wage, den Kram⸗ buden und Gewerkbaͤnken an den Orden zahlen mußte, auf eine beſtimmte Summe feſt, es ihr uͤberlaſſend, den einkom⸗ menden Überfhuß zum Beſten ihres Verkehrs zu verwenden ). 1) Eine intereſſante Berechnung hieruͤber in Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 30—35. 2) Der Vertrag hierüber in Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 39—41. 3) Originalurk., dat.: uf unſirm huſe Birgelow 1384 am Mon⸗
Scanseite 476 · Druckseite 462
462 Innere Landesverhaͤltniſſe (1385). Er ordnete ferner im Einverſtaͤndniſſe mit den größeren Han: delsſtaͤdten feſte Beſtimmungen uͤber die Schifffahrt auf der Weichſel an, worin verfuͤgt wurde, wie man die Fracht der Schiffe regeln, die Schiffsknechte lohnen oder im Falle des Entlaufens beſtrafen, wie es gehalten werden ſolle, wenn ein Schiff durch das Eis gehindert werde oder wenn es Schiff⸗ bruch leide, welcher Strafe der Steuermann unterliege, wenn er ohne redliche Urſache abtruͤnnig werde u. ſ. w.). Kla⸗ gen der Handelsſtaͤdte über Gebrechen und Unordnungen im Lande, die dem Handel hinderlich waren, half der Meiſter je⸗ der Zeit ſchnell und gruͤndlich ab. So hatten die Staͤdte laͤngſt allerlei Belaͤſtigungen von den Zuͤnften der Handwerker erlitten, ohne daß fie den Übelſtaͤnden hätten abhelfen koͤnnen, bis die Thorner endlich im Jahre 1385 die Kulmer und El⸗ binger zu wirkſameren Maßregeln aufforderten, indem ſie die⸗ fen meldeten: Wiſſet, daß die Herren von Kulm mit uns öf: ter ſchon geſprochen haben von den manchfaltigen Gebrechen, die wir alle im Lande leiden muͤſſen, als von der Morgen⸗ ſprache und den Bruͤderſchaften aller Amte und Handwerks⸗ leute, worin ſie viel Aufſatz, Ungluͤck und Gebot auf uns ſetzen, davon wahrlich großes Ungemach uns allen entſtehen moͤchte, und ihr wiſſet wohl, daß wir ſchon oft mit einander davon geredet haben, obgleich es ungeendet blieb. Nun hoffen wir aber, ſonderlich da die Gebietiger jetzt alle zum Kapitel zu Marienburg zuſammenkommen werden, daß wir unſern Wil⸗ len gegen unſere Herrſchaft wohl behalten ſollen, wenn wir tage vor Andree des Apoſt, im Rathsarchiy zu Thorn Cist. IV. Nr. 22. Die jährliche feſte Zinsleiſtung wurde auf 50 Mark geſetzt. 1) Dieſe Schiffsordnung fuͤr die Weichſelfahrt vom J. 1385 ſteht im Fol. 22. im geh. Archiv. Es wird unter andern auch beſtimmt: Wenn ein Schiffsknecht vom Schiffe entflieht, ſo ſoll er ein Ohr ver⸗ lieren; dem abtruͤnnigen Steuermann wird der Kopf und dem abtruͤn⸗ nigen Plathmann die Hand abgehauen. Die Fracht der Schiffe wird nach Meilen berechnet Beim Aufenthalt der Schiffe durch Eis erhal⸗ ten fie drei Tage freies Brennholz, vom vierten Tage an muͤſſen fie es kaufen, außer wenn nur drei oder vier Leute auf dem Schiffe bleiben.
Scanseite 477 · Druckseite 463
Innere Landesverhaͤltniſſe (1385). 463 fie ſolcher Sachen, die von der ſchnoͤden Morgenſprache her⸗ kommen, eigentlich unterweiſen. Darum bitten wir euch, daß ihr euren Rath darauf haben wollet, ob ihr in irgend einer Art Gebrechen merket an eueren Handwerkern, womit ſie euch oder das Land beſchweren; laſſet ſolche von Handwerk zu Handwerk nach euerem Rathe beſchreiben und bringet ſolche Schrift mit auf den Tag, den wir nun naͤchſt zu Marienburg halten werden. Wollet daſſelbe auch den Herren von Koͤnigs⸗ berg und Braunsberg entbieten, damit wir dann alle mitein⸗ ander eine Ordination redlich daraus ziehen, daß ſolch ihr Auf⸗ ſatz von der Gnade unſeres Herrn und der Herrſchaft moͤge zerſtoͤrt werden!). Der Vorſchlag der Thorner ward auch von den uͤbrigen Staͤdten heilſam und gut befunden. Man kam in Marien⸗ burg zu einer Berathung mit dem Hochmeiſter und den Ge⸗ bietigern zuſammen und faßte zur Abſtellung der geruͤgten Be⸗ ſchwerden folgende Beſchluͤſſe ab: Keine Bruͤderſchaft, Gilde oder Handwerk, welche es auch ſeyn mögen, fol forthin mehr Morgenſprachen oder Verſammlungen halten als nur zu vier Zeiten des Jahres, naͤmlich zu Quatemper. Zu jeglicher die⸗ fer Verſammlungen ſoll der Rath der Stadt zwei Rathsleute und den Schulzen ſchicken, die ihre Gebrechen beſchrieben vor den Rath bringen ſollen, der daruͤber entſcheidet. Wenn ein Gewerk binnen dieſer Zeit Gebrechen in ſich merkt, ſo ſollen ihn die Meiſter vor den Rath bringen und dieſer ihn von zwei Rathsleuten und den Schulzen verhoͤren laſſen. Welcher Wirth in ſeinem Hauſe geſtattet, Verſammlungen zu halten oder Satzungen zu machen, die wider unſere Herren oder das Land oder eine Stadt oder ſonſt jemanden gehen, ſoll ſeine Buße nicht wiſſen. Kein Handwerksmann oder Handwerksknecht 1) Der Brief, dat.: am Sonntage nach Franciſci (1385) von den Rathmannen zu Thorn unterzeichnet und mit der Bemerkung verſehen: „das is heymelichen blybe in uͤbern Rathe, wen is eyne groſſe ſache iſt“ in Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 101104. Er enthält auch noch die Nachricht, daß der Hochmeiſter um dieſe Zeit damit umging, eine neue Muͤnze zu ſchlagen.
Scanseite 478 · Druckseite 464
464 Innere Landesverhaͤltniſſe (1385). ſoll ſein Amt mit Satzungen oder neuen Fuͤnden belegen; wer dabei begriffen wird, dem ſoll man ein Ohr abſchneiden. Das Mutterhaus und alle Verſammlungen der Schmiedeknechte ſol⸗ len ſchlechterdings abgethan und alle ihre Satzungen, die ſie auf ihre Meiſter beſonders wegen der drei Pfennige fuͤr Bier gemacht, vernichtet ſeyn. In gleicher Weiſe follen den Bädern, allen Dienſtboten, Handwerksknechten und allen, die um Lohn oder auf Gnade dienen, alle Verſammlungen, die um Bier⸗ kauf und Trinkgelage gehalten werden, durchaus verboten ſeyn !). Für die Zunft der Bäcker hatte der Meiſter ſchon im erſten Jahre ſeiner Amtsfuͤhrung, da eben ſehr wohlfeile Zeiten waren, eine beſondere Baͤckerordnung entworfen, die mit Zuſtimmung der Gebietiger, der Landesbiſchoͤfe und Abte von Oliva und Pelplin zur allgemeinen Landesordnung erho⸗ ben und wonach ein Maaßſtab feſtgeſetzt wurde, nach welchem das Brodgewicht beſtaͤndig in einem beſtimmten Verhaͤltniſſe zum Getreidepreis ſtehen follte?). — Es hatten ſich alſo, wie hieraus hervorgeht, die Gewerke in den Staͤdten bereits um dieſe Zeit als beſondere Genoſſenſchaften, Amte und Bruͤder⸗ ſchaften abgeſchloſſen; es fanden Verſammlungen der Gewerke Statt und es wurden hier Satzungen mit Bußen feſtgeſtellt, 1) Dieſe Beſtimmungen, im Herbſt 1385 gegeben, ſtehen in Han⸗ feat. Receſſ. Nr. II. p. 104—106. Die Worte: Czu dem irſten fo hat unſir Herre der Homeiſter mit den gebitigern und mit den gemeynen ſtetin obir eyn getragen u. ſ. w. beweiſen, daß man die Anordnungen gemeinſam berathen hatte. Mehre dieſer Beſtimmungen werden auch in einer Verordnung des Hochmeiſters Konrad von Wallenrod für die Stadt Kulm feſtgeſetzt, wo es z. B. heißt: Keyn Hantwerkknecht ſal machin fagunge adir ſamelunge, di do geen kegin unſen Herrn dis lan⸗ dis, wedir di Stat adir wedir ſynen Meyſter. Ouch ſal her nicht ma⸗ chen den Montag noch keynen werkiltag czu vyertag ledik czu geen und ouch keynirleye nuͤwe vuͤnde adir uffag czu machin, do mete her ſynem meyſter ſyn werk nedir lege adir orlop gebe, wer dis frevlichin breche, deme ſal man fun Howpt abehowin, breche abir ymandt unwiſſens, der ſal ſyne beüche nicht wiſſen. 2) Dieſe Bäckerordnung f. in Preuſſ. Samml. B. I. S. 6768. „Es wird erwähnt, daß die Laſt Getreide (2) damals 4 Mark und der Scheffel Korn 4 Schillinge gegolten habe.
Scanseite 479 · Druckseite 465
Rentekauf (1385). 465 die fich nicht mit dem allgemeinen Intereſſe der Landesherrſchaft oder dem Geſammtwohl der ſtaͤdtiſchen Gemeine vereinigen lie⸗ ßen. Bei dem Mangel beſtimmter Geſetze und feſter Ord⸗ nungen in den verſchiedenen Verhaͤltniſſen der Gewerke konnte es allerdings an Unregelmaͤßigkeiten und Mißhelligkeiten ſo lange nicht fehlen, bis unter der Aufficht und Leitung der ſtaͤd⸗ tiſchen Magiſtrate und der Landesherrſchaft fuͤr die einzelnen Gewerke feſtere Beſtimmungen ihrer innern Verfaſſung und Ordnung entworfen und beſtaͤtigt wurden‘) und auch hierin geſchah in manchen Staͤdten, wie z. B. in Thorn ein erfreu⸗ licher Fortichritt ?). Eine andere wichtige Landesangelegenheit, auf welche der Meiſter jetzt ſeine Aufmerkſamkeit richtete, um im naͤchſten Jahre 1386 daruͤber ein feſtes Geſetz zu erlaſſen, betraf den ſogenannten Pfennigzins. Es war bekanntlich laͤngſt von Rom aus verboten, Geld auf Zins auszuleihen, weil ſolcher Wu⸗ cher, wie man es nannte, als gottloſer Gewinn galt. Wie aber in andern Laͤndern, ſo war auch in Preuſſen im Handel und Wandel das Geldaufnehmen gegen Verzinſen unvermeid⸗ lich und bald auch fehr gewöhnlich geworden, da es mit dem ſteigenden Verkehre in⸗ und außerhalb des Landes im noth⸗ wendigſten Zuſammenhange ſtand. Wegen der Strafe des Ge⸗ ſetzes aber umging man das Geſetz, indem man den Zinſen Namen und Form eines Kaufes gab und der Roͤmiſche Hof, der ſelten oder nie gerne eine Satzung zuruͤcknahm, am we⸗ nigſten eine ſolche, auf welche er wie auf dieſe ein ſo großes Gewicht gelegt, mußte bei ſolcher Umgeſtaltung der Sache die 1) Dieß geſchah meiſt erſt in der erſten Hälfte des 15. Jahrhund., wo die verſchiedenen Willkuͤhren der Gewerke ſchriftlich aufgezeichnet, von den ſtaͤdtiſchen Behoͤrden zum Theil auch erſt neu entworfen wur⸗ den, wie wir ſpaͤter ſehen werden, wenn von dieſen Verhoͤltniſſen die Rede ſeyn wird. 2) Im Rathsarchiv zu Thorn Sorin. VII. Nr. 27. befindet ſich ein Fragment einer ſtaͤdtiſchen Willkuͤhr, die noch vor dieſer Zeit ent⸗ worfen iſt. Sie enthaͤlt namentlich auch manches, was auf Handel und Gewerke Bezug hat. V. 30
Scanseite 480 · Druckseite 466
466 Rentekauf (1385). Augen ſchließen. So kam der Rentekauf in allgemeinen Ges brauch, auch in Preuſſen ſchon ſeit langen Zeiten uͤblich. Wer demnach ſein Geld auf unbewegliches Gut austhat, kaufte die⸗ ſes gleichſam und ließ ſich von dem Borgenden oder Paͤchter eine jaͤhrliche Rente von zehn vom Hundert auszahlen, bis dieſer, das ihm verbleibende Recht benutzend, durch Zurüuͤck⸗ zahlung der geborgten Summe die Rente tilgte oder ſein Wie⸗ derkaufsrecht gutwillig abtrat oder auch bei nicht erfuͤllten Ver⸗ bindlichkeiten vom Kaͤufer des Gutes entſetzt wurde. Dieſe auch in Preuſſen ſchon allgemein gebraͤuchlichen Geldanleihen waren bisher meiſt nur nach Gutbefinden des Glaͤubigers und des Schuldners, wohl oft auch ohne gerichtliche Beſtaͤtigung geſchloſſen worden !). Da aber nicht ſelten ein geldbedüͤrfti⸗ ger Borger das naͤmliche Gut auch an einen zweiten und drit⸗ ten in der erwähnten Art verkaufte, ohne daß der erſte Kaͤu⸗ fer davon einige Kenntniß erhielt, da es ferner einem argliſti⸗ gen Kaͤufer oft leicht war, den Schuldner durch allerlei Raͤnke zu druͤcken und ihm ſogar durch Aufſummen der Zinſen oder eit 1) Daß fie jedoch auch ſchon vor dieſer hie und da vor Gericht verlautbart worden waren, beweiſet das Kulmiſche Schoͤppenbuch im geh. Archiv, wo eine große Menge ſolcher Zinskaͤufe verzeichnet ſtehen. So heißt heißt es z. B. Notandum quod anno MCCCXLI sub scul- teto Thil Steynwec Relicta Johannis de Stetin emit I mr. census in domum Johannis Bolczen pro X mr. singulis annis in festo b. Mar- tin presentandam , redimendam in termino supranotato. In einer andern Form heißt es: Notandum quod Menczil Schonewalt obliga- vit duas marcas redditus in hereditatem suam domino preposito de Monasterio virginum pro XX marc. duobus terminis persolvendis, videlicet unam marcam super fest. Mich. et unam super fest. Pasche, quem censum dictus Menczil redimere poterit, scilicet ambas mar- cas pro XX, unam pro X seu mediam. Eine Deutſche Verlautbarung heißt: Man ſal wiſſen, das her Nyclos Crank gekowft hat III mr. czins von Alfino in der Schoͤneyche umb XXXVI mr. prupſch alle Hor yerlihin uf S. Mertinstag unverczogenlich by fry dirfolgetem pfande czu beczalen, Were das em dorin bruch werde, ſo ſal her ſich an allen andern ſynen gutern dirholen, wo her ſy dirfaren mag, den ſelbigen czins mag her mit fo vil geldis wedir abelozen uf den vorbeſchrebin tag und der irſte doryn czu ſyn neeſt der ſtatd.
Scanseite 481 · Druckseite 467
Rentekauf (1385). 467 durch andere Mittel das Unterpfand ſelbſt aus den Händen zu winden, da endlich auch haͤufig Faͤlle vorkamen, daß man Zinſen unter der Bedingung kaufte, daß im Todesfalle des Grundbeſitzers das Pfandgeld an den Kaͤufer falle und ſomit auf dieſe oder jene Weiſe Ritterlehen oder Freilehensguͤter ohne des Landesherrn Wiſſen und Wollen an Beſitzer kamen, de⸗ nen dieſer ſie aus irgend welchen Urſachen nicht wuͤnſchen konnte, ſo mußte endlich der Hochmeiſter zur Begegnung ſol⸗ cher Mißbraͤuche mit beſtimmten Geſetzen und feſten Ordnun⸗ gen in die Sache eingreifen ). Es geſchah daher auf einer Tagfahrt zu Marienburg, daß der Meiſter mit Einſtimmung der Gebietiger, der Biſchoͤfe und Abte von Oliva und Pelp⸗ lin 2) folgendes Geſetz anordnete: Der vor dieſer Zeit recht und redlich und mit dem Vorbehalte des Wiederkaufes gekaufte Zins) ſoll ferner bleiben und fo lange gelten, bis man ihn 1) Wir ſind in der Auseinanderſetzung dieſer Sache der lichtvollen Darſtellung in der Biographie Konrad Zoͤllners in Baczko Annalen a. a. O. S. 18 — 19 und in den Anmerkungen über dieſe Landesord⸗ nung in den Preuſſ. Samml. B. I. S. 135 gefolgt, weil ſie klarer als hier kaum gegeben werden konnte. 2) Es werden namentlich erwähnt die Bifchöfe Reinhard von Kulm⸗ ſee, Johannes von Marienwerder und Heinrich zu Braunsberg, die Abte Peter zu Pelplin und Siegfried zu Oliva nebſt den andern Prä- laten des Landes. Daß des Biſchofs von Samland nicht gedacht iſt, hat darin ſeinen Grund, weil durch den Tod Dieterichs von Meißen der Samlandiſche Stuhl eben erledigt war und erſt 1387 neu beſetzt wurde. Daß unter „den andern Praͤlaten des Landes“ die Domherren der verſchiedenen Stifte, nicht aber, wie Han ow in Preuſſ. Samml. a. a. O. S. 135 „die andern Stände in Preuſſen“ verſtanden werden müffen, iſt wohl außer Zweifel, da, wie klar erhellt, nur die eigent⸗ lichen Landesherren, der Hochmeiſter mit den Gebietigern als Repraͤ⸗ ſentanten des Ordens, die Biſchoͤfe in Beziehung auf ihre Biſchofs⸗ theile, die Abte in Ruͤckſicht ihrer Kloſterguͤter und die Domherren in Betreff ihrer Stiftsguͤter nothwendig das allgemeine Landesgeſetz mit belieben und berathen mußten. 3) Der Zinsfuß vor Winrich von Kniprode hatte ſo geſtanden, daß man eine Mark für acht Mark kaufte, alfo 127 pCt. unter Win⸗ rich kaufte man eine Mark für 10 Mark, alſo 10 pCt. und dieſer 30 *
Scanseite 482 · Druckseite 468
468 Rentekauf (1385). um daſſelbe Geld wiederkauft, mit welchem er gekauft iſt. Will der Zinsmann den Grund für den Zins laſſen, der darin gekauft iſt, ſo ſoll ihm dieſes frei ſtehen und er des Zin⸗ ſes los und ledig ſeyn, und wer den Zins darin hat, ſoll ſich des Erbes unterwinden, aber der Herrſchaft und den Nach⸗ barn Recht thun, d. h. ihnen leiſten, was er im Beſitze des Erbes pflichtig iſt oder ſich des Erbes und Zinſes begeben. Ferner ſoll niemand mehr Zinſe kaufen in einem Erbe, es ſey zinshaft oder frei; auch ſoll niemand Zins kaufen oder ver⸗ kaufen ohne der Herrſchaft Willen und Urlaub; den Kauf aber ſoll man verlautbaren vor Schoͤppen und gehegetem Dinge und die Herrſchaft mag ihn dann mit Brief und Siegel be⸗ ſtaͤtigen, ſofern fie will. Man ſoll forthin eine Mark nicht mehr um zehn, wie bisher, ſondern um zwölf Mark kaufen und verkaufen, d. h. wer vordem zehn Procente Zins gegeben und genommen, ſoll ferner nicht uͤber acht und ein Drittel ge⸗ ben oder nehmen. Durch dieſe Beſtimmung alſo wurde der Zins herabgeſetzt, ſey es um dem Verkaͤufer dadurch die Un⸗ koſten bei der gerichtlichen Beſtaͤtigung zu verguͤten, oder auch weil ſich der Kaͤufer wegen der verſtaͤrkten Sicherheit an et⸗ was geringeren Zinſen begnügen konnte!). Mit dieſen Be⸗ ſchluͤſſen aber war fuͤr die fernere Ordnung und Regelmaͤßig⸗ keit in dieſen Verhaͤltniſſen ungemein viel gewonnen; es war nicht nur der Willkuͤhr und Geſetzloſigkeit im Wucher vorge⸗ beugt und die Quelle von unzaͤhligen Klagen und Proceſſen verftopft ), ſondern die Landesherrſchaft hatte über den Grund⸗ Zinsfuß dauerte bis zu dieſer neuen Anordnung, wie im Eingange die⸗ fer Landesordnung geſagt iſt. 1) Wir haben dieſe Landesordnung theils noch urkundlich im geh. Arch. Schiebl. VII. Nr. 1, theils in alten Abſchriften im Fol. Privi⸗ legia T. O. p. 306 und in Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 106; vollſtän⸗ dig gedruckt in den Preuſſ. Samml. B. I. S. 131, doch mit der alten urkundlichen Abſchrift nicht genau uͤbereinſtimmend. Daß das Jahr 1386 und nicht 1388 das richtige iſt (f. Preuſſ. Samml. a. a. O. S. 151), geht aus dieſer Abſchrift unbezweifelt hervor, wie denn auch Lindenblatt S. 60 im J. 1386 davon ſpricht. 2) Beifpiele hievon im Kulmiſchen Schöppenbuche.
Scanseite 483 · Druckseite 469
Innere Landesverhaͤltniſſe (1385). 469 beſitz auch wieder eine feſtere Controlle gewonnen, die ihr fuͤr die daran haftenden Verpflichtungen jeder Zeit nothwendig war. Auch der Landmann erfreute ſich des Meiſters landesvaͤ⸗ terlicher Sorgfalt. Mit ſtrenger Gerechtigkeitsliebe drang Kon⸗ rad Zoͤllner ſtets mit allem Nachdruck darauf, daß wie dem Deutſchen ſo dem Preuſſen vor ſeinem Gerichte jeder Zeit ſein Recht geſchehe!). Selbſt gegen die Geiſtlichkeit nahm er das Recht des Landmanns in Schutz, wenn man es verſuchte, ihm ungebührliche Laſten aufzulegen. Ein ſprechender Beweis hievon war ſeine Entſcheidung uͤber die Dammpflichtigkeit in den Werdern. Bei den haͤufigen Durchbruͤchen der Daͤmme nämlich hatte ſchon früher die Frage zum Streit geführt, ob nicht auch die Pfarrherren jener Gegenden ihrer Hubenzahl gemaͤß zu Wachdienſt und Arbeit bei den Daͤmmen in gleicher Weiſe wie die Bauern verpflichtet ſeyen? 2) Sie hatten ſich bisher beſtaͤndig geweigert und der Verſuch des Biſchofs Ni⸗ colaus von Pomeſanien zu einem Vergleiche zwiſchen den Pfarr⸗ herren und den Bauern war fuͤr jene zu vortheilhaft ausge⸗ fallen und ſchien den letztern zu parteiiſch und ungerecht, als daß ſie im Jahre 1383 bei neuen drohenden Waſſergefahren nicht abermals Klagen und Beſchwerden haͤtten erheben ſollen. Die Streitſache ward jetzt dem Meiſter vorgelegt, der es fuͤr billig und gerecht erklaͤrte, daß auch die Pfarrer bei der auch ihren Pfarrerhuben gleich drohenden Gefahr zur Damm⸗ und Eiswache aufgeboten wuͤrden, vorausſetzend, daß ſie Leute an ihrer Stelle ſchicken koͤnnten. Statt deſſen aber erſchienen 1) Es heißt daher auch in ſeinen Verſchreibungen ſehr oft: Wir wellen ouch, ap unſer Pruͤſen wedir ſie (d. h. die Deutſchen) icht czu clagen haben, daz daß geſchee vor dem komthur im richtehofe, To daz fie bey erem rechte und dy Prüfen ouch bey erem rechte bleiben. 2) Die Sache war ſchon ſeit dem J. 1381 zur Sprache gekom⸗ men, als das Domkapitel von Marienwerder in einer Berichtung zwi⸗ ſchen den Teichgeſchworenen, den Gemeinden des Biſchofs im Werder und dem Stiftsdorfe Roſenau eine Entſcheidung gab, nach welcher das erwähnte Dorf ebenſo wie die andern Bewohner des Werders zur Dammarbeit verpflichtet ſeyn ſollte. Urk. in Privileg. Capit. Pomesan, P. LXXXV.
Scanseite 484 · Druckseite 470
+70 Innere Landesverhaͤltniſſe (1385). mehre von ihnen perſoͤnlich in ihrer Alba mit der beſten Ca⸗ ſel, in der Linken den Kelch und in der Rechten die Schaufel tragend, wie zum Hohne des hochmeiſterlichen Beſcheides. Die Bauern begegneten den übermüthigen Geiſtlichen, wie fie es verdienten. Habt ihr vielleicht den geſtrigen Rauſch noch nicht verſchlafen? rief ihnen das Bauernvolk ſpoͤttiſch entgegen. Es kam zu Thaͤtlichkeiten!). Die Geiſtlichen brachten die Sache an ihren Biſchof und dieſer an den Hochmeiſter, der nun die Anordnung traf, daß die Pfarrherren durch drei Mark fuͤr jegliche Hube die Arbeit fuͤr immer abkaufen und die Zinſen von der Geſammtſumme ?) den Bauern als Entſchaͤdigung ih⸗ rer Arbeit fuͤr die Pfarrhuben zufallen ſollten. Der Meiſter ſelbſt leiſtete auf ſechs Jahre den Vorſchub dieſer Zinſen. Die Bauern indeſſen, wohl zufrieden mit der neuen Anordnung, ſpotteten ſo oͤffentlich uͤber die Bezahlung, die ihnen die geiſt⸗ lichen Herren fuͤr die empfangenen Schlaͤge leiſten mußten, daß mehre von dieſen ihren Amtern entſagten und mit Kla⸗ gen nach Rom gingen, woher denn bald gegen jeden der Bann erfolgte, der ſich an den Prieſtern vergriffen hatte. Es wird erzaͤhlt, daß mehre der Gebannten ſelbſt nach Rom wallfahr⸗ ten mußten, um dort die Losſage von der Strafe zu er⸗ halten ). 1) „Wurden etliche Pfarrherren uͤbel daruͤber zerſchlagen, zer⸗ raufft, auch mit den guten Kaſeln und andern Ornaten weidlich in Koth geſudelt“ wie Lucas David B. VII. S. 164 ſagt. 2) Nach Simon Grunau und Lucas David 3000 Mark. 3) Dieſe Erzaͤhlung iſt hier, wie offen erklart wird, nicht ohne manche Bedenklichkeit aufgenommen worden. Lucas David B. VII. ©. 162— 165 giebt fie am weitläuftigften, zwar ohne feine Quelle zu nennen; allein man ficht bald, daß er aus Simon Grunau Tr. XIII. c. VIII. S. 2 geſchöpft hat, wo fie etwas gebrängter ſteht. Es scheint indeſſen, daß Lucas David außerdem noch eine andere Quelle vor ſich gehabt habe und in einer Randbemerkung bei Simon Gru⸗ nau finden wir, daß die Sache noch in einer alten handſchriſtlichen Chronik ſtand. Desungeachtet wuͤrde der Zweifel an der Wahrheit der Erzählung noch uͤberwiegend geweſen ſeyn, wenn nicht der Biograph Konrad Zoͤllners in Baczko's Annal. a. a. O. S. 19. Anmerk. 20.
Scanseite 485 · Druckseite 471
Kirchliche Verhättniffe (1385). 471 Auch die kirchlichen Verhaͤltniſſe des Landes nahmen des Meiſters Thaͤtigkeit hie und da in Anſpruch, denn auch hierin traten manche Veraͤnderungen ein. Der Biſchof Wicbold von Kulm war zwar nach ſeinen fruͤher erwaͤhnten Unfaͤllen in das Biſthum zuruͤckgekehrt und einige Zeit im Amte geblieben; al⸗ lein ſeit einigen Jahren ſchon verweilte er wieder im Aus⸗ lande und uͤbertrug die Verwaltung ſeiner Amtsgeſchaͤfte im Jahre 1385 feinem Stellvertreter Reinhard von Sayn ). Bald darauf ſtarb der ehrwuͤrdige und vielverdiente Biſchof Dieterich von Samland und der biſchoͤfliche Stuhl blieb einige Zeit unbeſetzt, bis ihn Heinrich von Kuwal als Samlaͤndi⸗ ſcher Biſchof beſtieg :). Kurz vor Dieterichs Tod ward ihm noch die Freude zu Theil, des Meiſters Winrichs Bruderſohn, gleichfalls Winrich von Kniprode genannt und zum Biſchof von Oeſel erwaͤhlt, mit vieler Feierlichkeit kroͤnen zu koͤnnen. Das Feſt wurde zu Koͤnigsberg mit um ſo groͤßerer Theil⸗ nahme im Beiſeyn aller Landesbiſchoͤfe und der oberſten Or⸗ densgebietiger begangen, als es das dankbare Andenken an den dahingeſchiedenen allverehrten Meiſter war, welches ſich bei dieſer Gelegenheit überall kund that. Insbeſondere bewies einer Urkunde erwaͤhnte, welche die Entſcheidung des Hochmeiſters als eine feſte Ordnung vorgeſchrieben haben ſoll. Im geh. Archiv iſt die⸗ ſes Document freilich nicht mehr vorhanden. 1) Nach einer Urkunde vom J. 1380 befand ſich Wicbold noch in ſeinem Biſthum, nach einem Briefe des Biſchofs Johannes von Po⸗ meſanien an ihn vom 17. Novemb. 1881 ſcheint er jedoch ſchon abwe⸗ fend geweſen zu ſeyns es iſt darin auch ſchon von feinem vicarius in spiritualibus die Rede. Daß auch Reinhard von Sayn eigentlich nur Stellvertreter oder Statthalter des Biſchofs war, geht ſchon aus L i n⸗ denblatts Worten hervor, da Reinhard hier nicht Biſchof genannt, ſondern nur geſagt wird, daß Wicbold ihm „das Biſthum aufgegeben“ hatte. Wir werden ſpaͤter auf die Sache noch einmal zuruͤckkommen. 2) Lindenblatt S. 62 erwähnt der Krönung des Biſch. Hein⸗ rich von Kuwal im Maͤrz 1387. Der Biſchof Dieterich kann auch erſt im J. 1386 geſtorben ſeyn, denn wir haben noch eine Verſchreibung von ihm mit dem Datum: anno 1385 ultima die Mensis Decembris in Matricul. Fischhus. p. 105.
Scanseite 486 · Druckseite 472
472 Kriegszug nach Litthauen (1385). hiebei auch Konrad Zöllner, mit welcher Hochachtung und Liebe fein Herz für feinen großen Vorgänger erfüllt war ). Das Feſt verherrlichte uͤberdieß auch die Anweſenheit ei⸗ ner großen Zahl von Kriegsgaͤſten. Es hatten ſich naͤmlich im Laufe des Sommers wieder zahlreiche Schaaren von Rit⸗ tern und andern edlen Kriegsleuten aus fernen und nahen Landen zum Heidenkampfe in Koͤnigsberg verſammelt, unter ihnen als die ausgezeichnetſten Werner von Hompeſch, Chri⸗ ſtoph von Lichtenſtein, Hans von Wenkheim, Siegfried von Schoͤnfeld, Dieterich von Gemmingen, Hans Zoͤllner, Hans von Stein, Johann von Baumgarten, Ludwig von der Rode, Hartmann von Baldersheim, Arnt von Steinfurt, Nicolaus von Reibnitz, Rudolf von Montfort, Ruprecht von Gelingen; ferner auch Graf Heinrich von Henneberg, der Herr von Ro⸗ dis, der Landgraf, der Graf von Sanct Georg, der Ritter von der Pforte, ein Herr von Bergau und außerdem eine große Anzahl Ritter und Knappen ). Der Meiſter wäre mit 1) Im Fol. Allerlei Miſſive im geh. Archiv befinden ſich über dieſe Angelegenheit zwei Briefe des Ordensmarſchalls, der eine an den Bi⸗ ſchof Winrich von Sſel ſelbſt, der andere an den Landmarſchall von Livland, worin beide von den Bemuͤhungen des Hochmeiſters, um den Wunſch des Biſchofs zu erfuͤllen, benachrichtigt werden. Die Briefe find datirt: Zu Königsberg am Dienſtag nach Palmen 1385; die Con⸗ ſecration geſchah um Pfingſten. 2) Wir haben hierüber ein genaues Verzeichniß im Fol. Allerlei Miſſive; es enthält, wie ausdruͤcklich erwähnt ift, die Namen aller der⸗ jenigen, die mit am Ehrentiſche gefeffen hatten. Der Ritter werden 55, der Freiherren 7, der Bannerherren Knechte 7 u. der guten Knechte 25 namentlich aufgeführt. Am Hauptehrentiſche ſaßen demnach Wil⸗ helm von Quad, Werner von Hompeſch, Chriſtoph von Lichtenſtein, Johann von Kordeluck, Staſchke von der Widerkehr, Konrad von Reichenſchorf (wohl Reichersdorf oder Reichartsdorf), Sir William Martel, Natz von Schoͤnanger, Hans Gewolf, Michel Ruͤte, Hans von Wenkheim, Paſke von Roſenau, Jan von dem Kampe und Ywan von Gorow. Unter den uͤbrigen Rittern werden noch genannt Diete⸗ rich von Dixrmud, der Herr von Sintlingen, Eberhard Tucheler, der Puchberger, Hermann von Manauz unter den Bannerherren Knechten der Viskunt de Rodi, ein Herr von Dohna, ein Herr von Pottendorf
Scanseite 487 · Druckseite 473
Kriegszug nach Litthauen (1385). 473 dieſer glänzenden Ritterſchaft gewiß früher zum Kampfe ins heidniſche Land gezogen, haͤtte er nicht den Erfolg einer Bot⸗ ſchaft erwarten wollen, die man zu einer Verhandlung mit den Fuͤrſten nach Litthauen geſandt. Als dieſe indeß, wie es ſcheint, ganz fruchtlos geblieben!) und mittlerweile nach Preuſ⸗ fen auch die Nachricht gekommen war, Elifabeth, die Königin von Ungern, habe fuͤr die Wohlfahrt der Polen und um des Beſten des Chriſtenthums willen über Jagals Vermaͤhlung mit ihrer Tochter dieſer und den Staͤnden des Reiches die Ent⸗ ſcheidung anheimgeſtellt, Wilhelm von Sſterreich ſey zwar, um feine Anfprüche auf die königliche Braut und den ihm zugeſi⸗ cherten Thron geltend zu machen, nach Krakau geeilt, dort aber mit Schmach behandelt und ohne Erfolg nach Sſterreich wieder zuruͤckgekehrt ?) und eine Geſandtſchaft der Polen habe bereits den Koͤnig Jagal eingeladen, Hedwigs Hand und mit ihr die Krone des Reiches zu empfangen ), als es demnach jetzt gewiß war, daß des Ordens bitterſter Feind zu der Macht Litthauens auch die des ſuͤdlichen Nachbarreiches noch hinzu⸗ ſuͤgen werde, und die Gefahr fuͤr die Ordenslande bei Jagals unverſoͤhnlichem Grolle nun doppelt ſchwer von zwei Seiten u. a.; unter den guten Knechten Otto von Lachau, Rabe von Talheim, Johann von Wonnewald, Johann von Rauſt, Eberhard von Hartheim, Hermann von der Ker, Troyart von Mocins, Wiprecht von Helm⸗ ſtaͤdt u. ſ. w. 1) Wie aus dem eben erwähnten Briefe des Ordensmarſchalls an den Landmarſchall von Livland zu ſchließen iſt. 2) Fray P. II. p. 175—176. Kojalowiez p. 385—386. Die alte Preuſſ. Chron. p. 41 ſagt von den Polen: Sie toten herczog Wil⸗ helm ſo vil ſmoheit, daz her us dem riche moſte entrynnen. Dorumme her Konrad von Czyrnaw fon Homeiſter reit zcu allen criſten konigen und clagete yn das eyn ſulchs gros ungerecht dem irbaren fuͤrſten ge⸗ ſchehn were. 3) Das Einzelne über dieſe Vorgänge, ſowie die Berichtigungen über die Widerſpruͤche und Abweichungen der Chroniſten in ihren Erz zahlungen gehören nicht hieher, ſondern in die Geſchichte Polens, die freilich wie überall ſo auch hier noch ſehr im Argen liegt; außer den gewöhnlichen Quellen iſt in denblatt S. 58—59 und Kurz Oſter⸗ reich unter Albrecht III. B. I. S. 110 ff. zu vergleichen.
Scanseite 488 · Druckseite 474
2 474 Kriegszug nach Litthauen (1385). her drohete, begann der Hochmeiſter in Preuſſen eine gewal⸗ tige Ruͤſtung. Da fie im Auguſt beendigt, die ganze Kriegs⸗ macht bei Koͤnigsberg verſammelt und fuͤr die edle Ritterſchaft mit fuͤrſtlichem Glanze der Ehrentiſch gehalten war 1), zog der Meiſter mit dem maͤchtigen Heere dem feindlichen Lande ent⸗ gegen, voran die Heerfahnen des heil. Georg und der Jung⸗ frau Maria und das Panier des Hochmeiſters mit Adler und Kreuz. An einer Furt der Nerie angelangt, wo die Burg Kauen gelegen und das Kriegsheer uͤbergeſetzt werden ſollte, fanden ſie dort den Herzog Skirgal mit einer ſtarken Schaar gelagert, um den Übergang zu wehren. Es entſpann ſich ein hitziger Kampf; der Feind wurde zuruͤckgeworfen?) und ge⸗ zwungen, dem Ordensheere das Ufer zu raͤumen. Skirgal hatte große Verluſte, ehe er die Flucht ergriff; aber auch von der Ritterſchaft kam mancher Held in den Wellen um, ſo Graf Wilhelm von Katzenellenbogen, der Ritter Johann von Schönberg und viele andere Kriegsgaͤſte). Nun theilte fi) die Kriegsmacht; ſechs Landſchaften wurden durchpluͤndert und ausgebrannt; der Meiſter drang hinauf in die Gebiete von Medeniken und Aſchmynne und dann weiter in entfernte Orte, wo noch nie ein chriſtlicher Heerſchild geweſen war“). Nach alter Sitte ward vor Medeniken dem heil. Georg zu Ehren ein glaͤnzendes Ritterfeſt gefeiert und einer großen Anzahl frem⸗ 1) Des Ehrentiſches erwähnt das eben angeführte Verzeichniß. Vgl. die Beilage Nr. V. 2) Det mar S. 331 fügt hinzu, die Heiden ſeyen fo in die Flucht geworfen worden, „dat en untvillen ere waatſakke, darinne weren breve und klenodde an golde unde an ſulver.“ Corner. Chron p. 1148. 3) Beide nennt Wigand. p. 299, den einen auch Lindenblatt S. 57. Das obenangefuͤhrte Verzeichniß erwähnt ihrer Namen nicht, ohne Zweifel weil ſie aus irgend einem Grunde nicht mit am Ehren⸗ tiſche geſeſſen hatten. 2 4) Nach Detmar kamen ſie bis fieben Meilen jenſeits Wilna; er fuͤgt hinzu: dar was ſo gud tyd, dat men kofte en rind vor einen halben ſchilt unde en ſchap vor einen ſchillink.
Scanseite 489 · Druckseite 475
Kriegszug nach Litthauen (1385). 475 der Gäfte der Ritterſchlag ertheilt ). Drei Wochen hatte man die feindlichen Lande weit und breit durchſtüͤrmt, als die Botſchaft kam, Jagal habe mittlerweile mit Witowd und Skirgal alle Furten der Memel und der Nerie mit ſo ſtarker Kriegsmacht beſetzt, daß die Schiffe auf dieſen Stroͤmen dem Meiſter nicht mehr zu Huͤlfe kommen koͤnnten. Zwar gelang es, ohne Gefahr bis an die Nerie zuruͤckzuziehen. Dort aber, beſonders an der bequemen Furt bei Wiſſewalde, fand der Meiſter die feindliche Macht ſo ſtark gelagert, daß er dem Feinde gegenuͤber ſtehen blieb, ſofort aber die Banner von Pomerellen und den Nie⸗ derlanden nach Rumſchisken entſandte, um dort an der Furt den Übergang über den Memel⸗Strom zu erzwingen. Auf die Nachricht, daß er gelungen ſey wiewohl mit ſtarkem Ver⸗ lufte?), zog der Meiſter mit der übrigen Heerſchaar herbei und geleitet von zwei Bruͤdern, Thomas und Hans Surwille, in jener Gegend wohnhaft und des Ordens Freunde ), ſetzte er gluͤcklich uͤber den Strom, erreichte die Schiffe jenſeits Kauen und kehrte ſo ohne weitere Gefahr nach Preuſſen zu⸗ ruͤck ?). Kaum aber war der Hochmeiſter heimgekehrt, als ihm eine Botſchaft vom Fuͤrſten Andrei, Olgjerds Sohn, dem Fuͤrſten von Polotsk zukam, der, wie wir fruͤher geſehen, von Skirgal aus feinem Fuͤrſtenthum verdraͤngt, nach deſſen ſchimpf⸗ licher Vertreibung aber von ſeinen Unterthanen mit voller Liebe wieder aufgenommen worden war. Jetzt wegen der ſteigen⸗ den Macht der blutsverwandten Fuͤrſten mehr als je beſorgt 1) Oder wie Wigand. ſagt: Ante Medenicken exercent miliciam in honorem sancti Georgi. 2) Nach Detmar ertranken von Chriſten und Heiden 100 Men⸗ ſchen, worunter nach Wigand. 4 famosi milites. 3) Beide kommen in den Wegeverzeichniſſen häufig als Geleits⸗ leute vor. 4) Wigand. erzählt dieſen Kriegszug im J. 1384 und zwar fo unvollſtaͤndig und unzuſammenhaͤngend, daß man ohne Lindenblatt und Detmar feine Worte kaum verſtehen kann. Corner. Chron. p. 1149 ſagt, daß auf dieſer Heidenfahrt mehr als 8000 Litthauer erſchla⸗ gen worden ſeyen.
Scanseite 490 · Druckseite 476
476 Anerbieten des Fuͤrſten Andrei von Polotsk (1385). und von Jagals und Skirgals Feindſchaft täglich ſicherer uͤber⸗ zeugt, fand er keine andere Rettung mehr, als ſich in die Arme des Ordens zu werfen und ſich des Schutzes der Or⸗ densritter völlig zu verſichern!). Die Botſchaft überreichte dem Meiſter ein Schreiben des Fuͤrſten nebſt einer Urkunde, in welcher dieſer dem Orden in Livland ſein ganzes Koͤnig⸗ reich Polotsk, wie es ſein Vater Olgjerd ihm einſt uͤberwie⸗ ſen, als Schenkung uͤbergab, um es vom Hochmeiſter als Le⸗ hen des Ordens fuͤr ſich und ſeine Erben zuruͤckzuerhalten, mit dem Verſprechen, daß er die Lehensdienſte nach Pflicht und Recht leiſten werde, wenn ihn der Orden mit aller Kraft fhüsen und vertheidigen wolle, ſofern es irgend jemand ver⸗ ſuche, ihn aus dem Reiche zu vertreiben 2). Gerne nahm der Meiſter das Anerbieten an und es ergab ſich bald eine Gele⸗ genheit, in welcher des Fürſten Freundſchaft dem Orden ſehr wichtig ward. Mit dem Anfange des Jahres 1386 bereitete Koͤnig Ja⸗ gal ſeinen Zug nach Krakau vor, um dort die Taufe und durch ſie die Hand der Koͤnigin und die Krone Polens zu empfangen. Da kam ganz unerwartet und den Meiſter hoͤchſt 1) Kojalowiez p. 388-389. 2) Wir haben hierüber zwei Urkunden im Formularbuche p. 64; die eine datirt: in Nedritsen a. d. 1385 in crastino b. Dionisii mar- tir. enthaͤlt die Schenkung oder Vergabung uͤber totum regnum Plos- coviense, quod pater noster Algerde quondam rex Littovie nobis in vita sua assignavit et dedit et post patris nostri obitun fratres no- stri nobis dederunt et assignaverunt. Die zweite, datirt: in Ne- dritsen a. d. 1385 feria quarta post festum b. Dionisii iſt ein Schrei- ben des Königes Andrei (Regis in Ploczeke) an den Hochmeiſter, den er dilectum nostrum patrem et amicum amandum nennt, worin er dieſem die Schenkung ſeines Reiches an den Orden meldet und dann hinzufuͤgt: Ceterum predietum reguum in Ploskow in pheudum .re- cepimus a magistro Lyvonie et ab ordine perpetue a nobis et a no- stris heredibus iure pheodali possidendum, Nosque ipsos et liberos nostros commisimus et dedimus Magistro et ordini, ita quod Ma- gister et ordo nos et nostros liberos protegant et defendant. Vgl. Lucas David B. VII. S. 177 und Karamſin B. V. S. 343, wo aber unrichtig das J. 1386 angegeben iſt.
Scanseite 491 · Druckseite 477
Jagal König von Polen (1386). 477 befremdend des Königes Einladung, daß auch er in Krakau als Taufzeuge und Hochzeitsgaſt durch ſeine Gegenwart das wichtige Feſt verherrlichen möge). Der auffallende Schritt war allerdings in jeder Hinſicht klug berechnet; allein der Hochmeiſter durchſchaute bald den ſchlauen Plan und hatte mancherlei Gruͤnde, der Einladung nicht zu folgen, wie denn auch uͤberdieß alle Gebietiger aufs entſchiedenſte widerriethen, denn es konnte nicht nur fuͤr eine Beleidigung des um den Orden ſo hochverdienten Sſterreichiſchen Hauſes gelten, wenn nach ſolchen Vorgaͤngen in Polen der Meiſter auch nur irgend Theil an einem Feſte nahm, welches dem jungen Herzog von Öfterreich eine Braut und eine Krone raubte, um beides eis nem Fuͤrſten zuzubringen, dem feine Religion um dieſen Preis feil geweſen war, ſondern man betrachtete auch die Art und Weiſe, wie Wilhelm von Sſterreich in Krakau behandelt wor⸗ den, als einen Schimpf an dem ganzen Deutſchen Volke und insbeſondere an allen Deutſchen Fuͤrſten, der Rache mit dem Schwerte verdiene. Das Wichtigſte aber war, daß man, ſo freundlich ſcheinbar die Einladung war, zu Jagals Geſinnun⸗ gen durchaus kein Vertrauen faſſen konnte, denn der Verdacht lag nicht fern, daß ſie nichts weiter als ein verſteckter, argli⸗ ſtiger Plan ſey, den der Koͤnig waͤhrend des Hochmeiſters Ab⸗ weſenheit von Litthauen aus gegen das Ordensgebiet durch einen feiner Brüder auszuführen gedenke, wie man nachmals wirklich fand ?). Gerne hätte daher der Meiſter die verdaͤch⸗ 1) Nach Dlugoss. L. X. p. 103 war es Demetrius von Goray, Vice⸗Schatzmeiſter der Krone Polens, der von Sendomir aus dem Hochmeiſter die Einladung brachte. 2) Als ſpaͤterhin auf dem Concilium zu Coſtnitz dem Orden ein Vorwurf daraus gemacht wurde, daß der Hochmeiſter bei der Taufe des Koͤniges nicht erſchienen ſey, erklärte man ſich auf folgende Weiſe darüber: Czum erſten vurchte ſich der Meiſter, Got zeu erzcornen, dor⸗ noch das edle geflecht von Oſterreich, von deme der Orden unczeliche guter entfangen hat, alſo beczuͤget das bannyr desſelben hercztumes, domete uf dem huze czu Mergenburg der Orden geczyret iſt von den⸗ ſelben herczogen, desgleichen fürchte ſich och der Meiſter miſſebehagen den duͤtſchen Fuͤrſten, dy do merer und fuͤrderer des ordens ſynt ge⸗
Scanseite 492 · Druckseite 478
478 Jagal König von Polen (1386). tige Einladung zur Gevatterſchaft durch einen ernſten Kriegs⸗ zug in Jagals Land beantwortet, denn es hatten ſich zahlreich genug wiederum neue Kriegsgaͤſte in Koͤnigsberg eingefunden, an ihrer Spitze der Herzog Wilhelm von Geldern, der Kur⸗ fuͤrſt Ruprecht von der Pfalz, der Markgraf von Baden, mehre Grafen von Henneberg und von Plauen mit einer glaͤnzenden Ritterſchaft und vielen edlen Herren; allein die laue und naſſe Witterung des Winters erlaubte keine Kriegsreiſe ). Da brach noch im Januar Koͤnig Jagal nach Krakau auf, uͤberreich mit Schaͤtzen verſehen, in großem Geleite der weſt, durch des willen das dy ustribunge des herczogen von Oſterrich czu ſchanden allen dutſchen wurde gethan, und dorumb betrachte der orden, wer her behegelich geweſt eynem fremden und unbekanten konige, das her mochte miſſebehagen den globigen, dorumb wart der Meiſter czu rate, das her von der gevatterſchaft ſich welde abecgyen, wenn durch dyſer vorſagunge nicht mynne gehingert wurde dy tofe des koni⸗ ges, und och dy Stat Crocaw do der koning getofet wart, iſt von der Stat Mergenburg, do der Meiſter wonet, LXXX duͤtſcher myl, dor⸗ umb were is gar ſwer geweſt dem Meiſter ſo ferne czu czyen von ſy⸗ nen landen, durch der furchte der Litawen, dy do woren des konigis volk und in der czyt orloy hatten mit dem Orden und was nicht cleyn vordechtnis, das lichte durch der ſache wille der Meiſter geruffen was czu der toffe, das in ſynem abeweſen Schirgail des konigis bruder ge⸗ rinclicher mochte mit den litawen in Pruͤſſer lant komen und dys vor⸗ dechtnis was offenbar us vil bewerunge. So im Fol. E. p. 51; vgl. damit De Wal T. IV. p. 18— 19. In einer andern Stelle des Fol. E. p. 28 heißt es in Beziehung auf das Anſuchen des Königes: Est magistri generalis responsio, quod hoc propter causam istam factum non fuit, quia ipse ex stirpe paganica a regno polonie christianitati et ordini inconciliatus fuit in regem assumptus et in assumpeione eius in regem fuit cuidam christiano principi sua legittima capta mulier, cum qua rex contra deum et omne ius multo tempore in il- legitimitate morabatur, et ut frater Conradus Czolner nullum con- sensum faceret cum isto facto illicito, noluit se in suo baptismate infiliare nec ad istud se ingerere, ut ipse cum isto ab aliis christia- nis prineipibus innoxius et innotatus maneret, quod revera nos eciam enb huiusmodi forma adhuc die hodierno nollemus, cum res huius- modi contingeret. 1) Lindenblatt S. 59.
Scanseite 493 · Druckseite 479
Jagal König von Polen (1386). 479 vornehmſten Großen aus feinem ganzen Reiche, mit ihm auch Herzog Witowd, den er aus Mißtrauen nicht in Litthauen zuruͤcklaſſen mochte. Voll Furcht und faſt mit Abſcheu ſah die ſchoͤne Koͤnigin, von den Polniſchen Großen beinahe wie eine Gefangene bewacht, dem Augenblicke entgegen, der ſie auf immer von ihrem Geliebten trennen ſollte, bis ſie endlich, ſey es aus Zwang oder aus Pflichtgefühl in ihrer Stellung oder durch eine Nachricht über Jagals ſchoͤne Koͤrpergeſtalt gewonnen, dieſem ihre Hand zuſagte. Es wird erzaͤhlt: ein Abgeſandter, dem ſich Jagal im Bade gezeigt, habe des Kö- niges Schönheit fo überaus reizend geſchildert und Hedwig ſelbſt ſey bei des Fuͤrſten Anblick fo bezaubert worden, daß plotzlich ſich ihr hartnaͤckiger Widerwille gegen den Heiden in Liebe und Verlangen verwandelt“). Prachtvoll in Krakau empfangen und durch Spendung reicher Schaͤtze alles fuͤr ſich gewinnend, erhielt Jagal wenige Tage darauf vom Erzbiſchofe von Gneſen die Taufe und nannte ſich nunmehr mit dem 1) Die Quellen ſprechen darüber ſehr verſchieden. Lindenblatt S. 39 laͤßt ſich bitter daruͤber aus, daß die Polen ihre Koͤnigin, „die edle Frau Hedwig,“ zur Heirat mit dem Heiden gezwungen haben; er will ſogar auch wiſſen, daß „herczog Wilhelm von Oſterrich alreit hatte beſlofen hedewig.“ Damit ſtimmt auch die alte, aus einer Chro⸗ nik des geheimen Archivs entnommene Nachricht uͤberein, die man bei Kotzebue B. II. S. 423 findet. In der alten Preuſſ. Chron. p. 41 heißt es gleichfalls: Herczog Wilhelm und Hedewig czuſammene czu krokaw of dem huße gelegit und hatten ſich yn fleiſchlicher libe zo lip, daz der herczog vil dorume geſtrafet wart, daz her yn der yogunt ſeyn weyp zo zere libete. Detmar S. 334 läßt die Königin bis zum letz⸗ ten Augenblick ſtandhaft bleiben und den Herzog Wilhelm für ihren rechten Gemahl erklaͤren; aber „dit enhalb er (ihr) nicht; ſe wart ge⸗ nomen wol half an eren dank und wart gebrocht von veer ridderen de⸗ me koninge von lettowen an fin bedde.“ Nach den polniſchen Chroni⸗ ſten, z. B Dlugoss. p. 103, der die Geſchichte vom Bade erzaͤhlt, ging die Sache doch handlicher zu, ebenſo nach Pray P. II. p. 176. Vgl. die verſchiedenen Meinungen bei De Wal T. IV. p. 15. Gewiß erdichtet iſt die Unterredung Hedwigs mit Jagal über die Ermordung feines Oheims Kynſtutte, welche Kogebue B. II. S. 253 aus Si⸗ mon Grunau hat.
Scanseite 494 · Druckseite 480
480 Jagal König von Polen (1386). chriſtlichen Namen Wladislav. Mit ihm ward auch Witowd zum zweitenmal getauft und ſeitdem Alexander genannt. Ja⸗ gals ſaͤmmtliches Geleite und beſonders eine große Anzahl Litthauiſcher Bojaren folgten der Fuͤrſten Beiſpiel. Nach we⸗ nigen Tagen geſchah unter glanzvollen Feſten die Kroͤnung und Vermaͤhlung und am ſiebzehnten Februar ſaß nun Ja⸗ gal⸗Wladislav auf dem Throne Polens 1). Waͤhrend aber der neue Koͤnig in Krakau mit ſeinen Bo⸗ jaren an prachtvollen Tafeln ſchwelgte, war in Litthauen Tod und Gefangenſchaft die Tageslooſung. Der Meiſter von Liv⸗ land, von Andrei, dem Fuͤrſten von Polotsk, aufgefordert und unterſtuͤtzt, brach mit einem ſtarken Heere ins feindliche Land ein. Lubomil und Polotsk wurden für den Fuͤrſten erobert; achtzehn Landſchaften bis gen Aſchmynne hinauf erlagen der ſchrecklich⸗ ſten Pluͤnderung; zwei ſtarke Feſten gingen in Feuer auf; über dreitauſend der Bewohner fielen in Gefangenſchaft; zahl⸗ los war die Menge der Erfchlagenen und erſt nachdem man drei Wochen lang das Land mit Mord und Verheerung heim⸗ geſucht, kehrte das Heer mit einer Beute von mehr als zwei⸗ tauſend Pferden über die Graͤnze zuruͤck?). Das Waffengluͤck 1) Nach Kojalowiez p. 387 und Pray I. c. kommt Jagal nach Krakau pridie Idus Februar. ingenti pompa et altero ab adventu die in maxima totius regni Procerum frequentia sacris undis per Gnes- nensem Archiepiscopum ablutus et Wladislai adeptus nomen Hedvi- gam coniugem cum dotali regno obtinuit. Von Jagals nachmaligem ehelichen Verhaͤltniſſe liefert die alte Preuſſ. Chron. p. 41 eine ſehr un⸗ günftige Schilderung. Anonym. Archidiacon. Gnesnen. p. 154. 2) Lindenblatt S. 60, Detmar S. 335, Schütz p. 85, Dlug loss. p. 107 u. a. wiſſen durchaus nichts von der Theilnahme des Erzherzogs Albrecht mit 1500 Reiſigen an dieſem Zuge, auf welchem ihn Kotzebue B. II. S. 254 vom Hochmeiſter zum Ritter ſchlagen läßt. Lucas David B. VII. S. 206 ſagt auch gar nicht beftimmt, daß Albrecht gerade in Preuſſen geweſen ſey. über den Einfall in Lit⸗ thauen ſagt der König in einer Klagſchrift im Fol. D.: Dum divina inspirante clementia ad gratiam Baptismi aspirare incepimus, ad Magistrum Cruciſerorum vocatum Cunradum Czolner notabiles nun- cios nostros destinavimus, petentes ipsum pura et sincera devocione, ut nos de fonte levaret et pater noster spiritualis existeret; ipse au-
Scanseite 495 · Druckseite 481
Jagal König von Polen (1386). 481 hatte freilich wenig Beſtand; denn ſchwer erzuͤrnt uͤber die Verwuͤſtung feines Landes ſandte Jagal-⸗Wladislav eiligſt ſei⸗ nen Bruder Skirgal und Witowd mit einer ſtarken Streit⸗ macht von Litthauern und Polen. Lubomil und Polotsk wur⸗ den wieder gewonnen; der ungluͤckliche Fuͤrſt Andrei fiel in Gefangenſchaft, in der er drei Jahre lang in einem duͤſtern Kerker ſchmachten mußte) und der Orden war ſomit feines neuen Verbuͤndeten ſchnell wieder beraubt. Am Tage ſeiner Vermaͤhlung hatte der Koͤnig die Verei⸗ nigung Litthauens, Samaitens und des ihm zugehoͤrigen Thei⸗ les von Rußland mit der Krone Polens feierlich vollzogen, zu⸗ gleich mit dem eidlichen Verſprechen, alle Voͤlker dieſer Lande zur Annahme der Taufe zu bewegen 2). Im Orden aber er⸗ kannte und erwog man die ganze Größe der Gefahr, wie fie feit Menſchengedenken dem Lande nicht gedroht hatte. Preuf- fen plotzlich einem Reiche gegenüber geſtellt, welches von Sa⸗ maitens weſtlicher Graͤnze an durch Litthauens weite und wilde Gebiete hindurch und in Polen bis über den Weichſel-Strom weit hinaus das Ordensland von drei Seiten umzingelte; uber die Kriegskraͤfte dieſer Laͤnder nun ein Mann gebietend, der unter den Waffen wild und roh aufgewachſen, bisher ſich un⸗ ablaͤſſig nur in Krieg und Fehden umhergetrieben, kaum eine Ahnung vom Gluͤcke des Friedens zu haben ſchien, der den Orden haßte, ſo lange er ihn kannte und deſſen Ingrimm und Zorn durch die jüngften Ereigniſſe bis zur hoͤchſten Er⸗ bitterung geſteigert war; ein Fuͤrſt, in deſſen Wort weder tem nostram legacionem tanquam indignam spernens et abiciens hoc ipsum facere renuit, ymo eodem tempore dum cum omnibus gentibus nostris armatis ad assumendam fidem katholicam ad regnum Polonie nos ınovimus, ipse per exercitus suos de Livonia adiunctis sibi qui- busdam Scismaticorum exercitibus videlicet de Ploczsko et Smalens- Iko a nostra subiectione per ipsum revocatis et nobis rebellantibus Terras nostras nltra quam per sexaginta miliaria vastari ſecit ac in cremium convertit et favillam. 1) Schütz I. c. Dlugoss. I. c. Kojalowiez p. 388—392. 2) Diugoss. p. 105. V. 31
Scanseite 496 · Druckseite 482
482 Jagal König von Polen (1386). Treue noch Vertrauen wohnte, in deſſen Geſinnung weder Wahrheit und Aufrichtigkeit, noch Beſtaͤndigkeit und charakter⸗ volle Haltung zu finden war, deſſen Seele ſich bisher nur voll Argliſt, Schlauheit und kalter Berechnung ſeiner Plane und Beſtrebungen gezeigt hatte, nirgends Achtung erweckend, weder in den Verhaͤltniſſen zu ſeinen Blutsverwandten, die er verfolgte und beraubte oder benutzte und betrog, wie es ſeiner Herrſchſucht gefiel, noch in ſeinem Verhalten zu den nachbar⸗ lichen Fuͤrſten, an die er ſich knechtiſch anſchmiegte, wenn die Noth ihn zwang, und die er wortbruͤchig und uͤbermuͤthig ver⸗ ließ und verrieth, wenn ſein ſelbſtſuͤchtiger Geiſt darin Vor⸗ theil ſah; und dieſer rohe und herrſchgierige Krieger nun an der Spitze zweier Voͤlker, die in ihrem innerſten Weſen von jeher voll Haß und Abſcheu gegen den Deutſchen Namen im⸗ mer mit Luſt alles Deutſche unter ſich verfolgt und niederge⸗ treten und ſtets mit bitterer Seele auf den nachbarlichen Deut⸗ ſchen Orden und ſein aufbluͤhendes Gemeinweſen hingeblickt hatten, im Beſitze aller Kräfte dieſer Völker, um dem ganzen tiefen Haſſe derſelben gegen den Orden freien Lauf geben zu koͤnnen und ſelbſt die gluͤhende Rachluſt zu uͤben, von der ſeit ſeiner Jugend ſein ganzes Innere voll war: — es war eine Stellung des Ordens gegen dieſe ſeine Nachbarlande, wie ſie in dem Maaße gefahrvoll und verderbendrohend noch nie dem Orden erſchienen war, ſo lange er uͤber Preuſſen die Herr⸗ ſchaft gefuͤhrt. Vorerſt lief die Zeit noch ruhig hin, obgleich man im Or⸗ den wohl wußte, daß es nicht die Ruhe friedlicher Geſinnung ſey, denn man erfuhr bald, wie tief den Koͤnig des Hochmei⸗ ſters Zuruͤckweiſung feiner Einladung gekraͤnkt und wie ſchwer erzuͤrnt er die Nachricht aufgenommen habe, daß mittlerweile ein Ordensheer in ſeinem Lande Mord und Raub geuͤbt. Man benutzte aber im Orden dieſe Zeit mit aller Umſicht und Be⸗ ſonnenheit, ſich gegen das drohende Ungewitter zu ſichern und zu flärfen. Man warb Verbündete und gewann die naͤchſten Fürften zu Huͤlfsgenoſſen. Vor allen traten die beiden Fuͤrſten von Pommern, Herzog Wartislav und Boguslav von Stettin
Scanseite 497 · Druckseite 483
Buͤndniß des Ordens mit Pommern (1386). 483 mit dem Orden in ein Schutz- und Trutzbuͤndniß. „Wegen auch uns, hieß es, und den nahen Chriſten drohender Gefahr, daher für unſere Lande entſtanden, daß der Großherzog Jagal von Litthauen neulich den erlauchten Fuͤrſten Herzog Wilhelm von Sſterreich ſeines ehelichen Weibes und mit ihr auch ſeines Lan⸗ des und des Koͤnigreiches von Polen mit Frevel beraubt hat und die Heidenſchaft in Litthauen mit allerlei Hülfe, mit Waffen und Geſchoß, mit Kriegszeug und Werkleuten gegen den Chriſtenglauben und wider alles Recht von Tag zu Tag mehr ſtaͤrkt, haben wir mit dem Meiſter und dem Orden ei⸗ nen Bund geſchloſſen ewig, ſtete, freundlich, bruͤderlich und unzerbrechlich, wider Jagal, der ſich fuͤr einen Koͤnig von Po⸗ len haͤlt, ſeine Nachkoͤmmlinge und die Krone von Polen, al⸗ fo daß wir dem Orden mit unſerer ganzen Macht zu Hulfe ſtehen, wenn ihn Jagal mit Krieg anfaͤhrt. Wer ſich fuͤr ei⸗ nen Herzog von Dobrin ausgiebt jetzt oder kuͤnftig, den wer⸗ den wir, da das Herzogthum unſerm Bruder dem Herzoge Caſimir einſt zugehoͤrt und wir ein Anrecht darauf ererbt ha⸗ ben), mit aller Macht bekriegen, wenn er Jagal'n Hülfe bringt wider den Meiſter und Orden. Wird das Herzogthum aber gewonnen und erobert, ſo ſoll der Orden es uns einraͤu⸗ men mit allem Rechte als angeſtorbenes Erbgut.“ Man ſetzte ferner feſt, wenn im Kriege mit Jagal etwa Laͤnder, Staͤdte, Doͤrfer oder Feſten gewonnen oder Ritter und Knechte zu Ge⸗ fangenen gemacht wuͤrden, ſo ſollten die Herzoge, wenn ſie nebſt ihrem Streitvolke mit dem des Ordens auf Einem Felde ſeyen, nach Mannzahl ihren Theil erhalten; was aber jeder allein bezwinge, ſolle auch jeder allein gewinnen. Werde Ja⸗ gal der Herzoge Land oder das Herzogthum Dobrin mit Macht uͤberziehen, ſo ſolle der Orden die Lande beſchuͤtzen und wehren helfen nach allen ſeinen Kraͤften. Endlich vereinte man fi) auch darüber, welche Stellung ein jeder von ihnen gegen andere Fuͤrſten nehmen ſolle, mit denen entweder der Orden oder die Herzoge in Streit oder Krieg geriethen; auf 1) Vgl. darüber Sell Geſchichte von Pommern B. II. ©. 140. 141. 31 *
Scanseite 498 · Druckseite 484
484 Buͤndniß des Ordens mit Pommern (1386). keine Weiſe ſolle einer am Kriege eines Fuͤrſten gegen den an⸗ dern zu deſſen Nachtheil und Schaden im geringſten Theil nehmen, vielmehr einer des andern Recht und Anſpruͤche durch Vermittlung und guͤtlichen Austrag zu befoͤrdern und zu er⸗ halten ſuchen. Dieſes Buͤndniß beſtaͤtigten und verbuͤrgten von Seiten der Herzoge auch ihre Ritter, Knechte, Mannen und Staͤdte, ſowie von Seiten des Ordens die Gebietiger und gleichfalls die Ritter, Mannen und Staͤdte des Landes. Geſchloſſen ward es zu Lewenburg am zehnten Juli des Jah⸗ res 13861). So ſehr es indeß nach dem Laute dieſes Huͤlfs⸗ vertrages das eigene Intereſſe der Herzoge ſelbſt geweſen zu ſeyn ſchien, ſo verraͤth doch eine Urkunde nicht undeutlich, daß der Orden der Bereitwilligkeit der geldarmen Herzoge zur Huͤlfe gegen Jagal mit einer Summe von zehntauſend Mark hatte nachhelfen muͤſſen, die er den beiden Bürgermeiftern von Stolpe auszuzahlen hatte ?). 1) Das von den Herzogen ausgeſtellte Original dieſes Bundesver⸗ trages mit 20 Siegeln und dat.: Lewenburg Dienſtag vor Margarethe Virg. 1386 im geh. Arch. Schicbl. LI. Nr. 4, in Abſchrift im Cod. Oliv. p. 121. Aus ihm iſt der obenerwähnte Inhalt entnommen. Das Gegendocument des Ordens hat Schütz p. 82; es weicht jedoch in manchen Einzelnheiten von jenem Originale ab; fo iſt z. B. in dieſem von Bramburg gar nicht die Rede, ſondern immer nur vom Herzog⸗ thum Dobrin; es fehlen ferner in der Urkunde bei Schütz auch mehre Beſtimmungen und ſelbſt das Datum: Donnerſtag vor der heil. Jung⸗ frau Margarethe trifft nicht zu, denn der Tag der heil. Margarethe faͤllt auf den 12. Juli und der Donnerſtag war ebenfalls der 12. Juli. Es ift alſo dieſe Urkunde in mancher Hinſicht unvollftändig. In einer andern urkunde von dem naͤmlichen Datum, in Abſchrift im Cod. Oliv. p. 102 verſprechen die Herzoge dem Orden, daß wenn ſie oder ihre Nachkommen je in den Beſitz des Herzogthums Dobrin oder des Lan⸗ des Bromberg kommen ſollten, der ganze Orden und all ſein Geſinde mit Habe und Gut zu Waſſer und Land auf ewige Zeit völlig zollfrei ſeyn, dieſe Freiheit jedoch nicht auf die Städte und andere untertha⸗ nen des Ordens ausgedehnt werden ſolle. Vgl. Sell B. II. S. 144. 2) Wir haben hierüber die Quittungen der Herzoge, dat: Mar rienburg 1386 am T. nach Mariä Himmelfahrt im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 16. 27 und im Cod. Oliv. p. 106. Es heißt ausdruͤcklich von
Scanseite 499 · Druckseite 485
Verbeſſerung d. Zuſtandes d. Deutſchen Ordensballeien (1386). 485 Der andere nachbarliche Fuͤrſt, Herzog Semovit von Ma⸗ ſovien war zwar immer ſchon an ſich ein Gegner des neuen Koͤniges von Polen und jetzt noch um ſo mehr, als die Ver⸗ einigung Litthauens mit Polen auch ihm große Gefahren brachte; allein der Orden benutzte gerne auch hier die Geldnoth des armen Fuͤrſten, um ihn noch ſtaͤrker an ſich zu feſſeln, indem er ihm zu den anſehnlichen Summen, die auf die Landſchaf⸗ ten von Wiſna und Sakrze ſchon aufgenommen waren, nicht nur noch tauſend Schock Groſchen mehr lieh, ſondern ihm auch die ſehr erſchwerende Bedingung ſetzte, daß wenn einſt die Burg Wiſna und die beiden Gebiete wieder eingelöft wer⸗ den ſollten, der Herzog die ganze Pfandſumme mit einemmale entrichten muͤſſe und kein Land ohne das andere eingelöft wer⸗ den koͤnne 1). Um aber fuͤr die Folge auch ſtaͤrkerer Beihuͤlfe aus den verſchiedenen Ordensbeſitzungen in Deutſchland ſicher zu ſeyn, war der Meiſter bemuͤht, die nicht eben im Wohlſtande be⸗ findlichen Ordenshaͤuſer ſo viel als moͤglich zu heben und ih⸗ rer theilweiſe ſehr bedraͤngten Lage nach allen Kraͤften abzu⸗ helfen, denn ſchon ſeit Jahren kaͤmpften die Deutſchen Or⸗ densballeien mit einer Schuldenlaſt, die alles Gedeihen laͤhmte und in immer ſteigender Zunahme endlich alle Kraͤfte zu ver⸗ ſchlingen drohte. Schon im Jahre 1383, als der Deutſch⸗ meiſter Siegfried von Venningen ſein Amt antrat und durch eine allgemeine Viſitation den Zuſtand aller Ordensballeien ge⸗ der erwaͤhnten Summe: „de dye orde uns dorch vruntſcop willen ghe⸗ gheven heft na der breve lude dar wy uns mit deme orden uppe Ja⸗ ghel koninghe thu Polenen ane vurenet und vurbrevet hebben.“ Nach der erwähnten Urkunde des Hochmeiſters bei Schütz hatte der Orden den Herzogen die 10,000 Mark wirklich zugeſagt oder wie es eigentlich heißt: „So haben wir die ehegenannten Herrn Herzogen geehret mit zehen tauſent Marken Preuß. Müntze.“ Das Original der Herzoge ſelbſt erwahnt von dieſer Summe gar nichts und dieſes iſt eine der weſentlichſten Abweichungen beider Urkunden. 1) Die Urkunde hierüber, dat: Marienburg Freit. vor Simon und Juda im Cod. Oliv. p. 169. Die ganze für die beiden Länder auf⸗ geborgte Summe betrug nun 4600 Schock Groſchen und 7000 Gulden.
Scanseite 500 · Druckseite 486
486 Verhaͤltniſſe des Ordens zum Kaiſer (1386). nau unterſuchen ließ, hatte ſich im Ganzen eine Schuldſumme von 106,160 Gulden gefunden). Da es klar war, daß dieſe ſeitdem noch gewachſene Schuldenmaſſe auf die Laͤnge der Zeit die meiſten Beſitzungen in Deutſchland gaͤnzlich auf⸗ zehren muͤſſe, ſo ſandte Konrad Zoͤllner im Jahre 1386 dem Meiſter von Deutſchland zur Aufhuͤlfe eine ſehr bedeutende Geldſumme, ſo daß dieſem allein fuͤr die zu ſeiner Kammer gehoͤrigen Ordenshaͤuſer 16,400 Gulden zufielen, die er nach und nach bei dem verbeſſerten Zuſtande dieſer Haͤuſer dem Hochmeiſter zuruͤckzuzahlen verſprach 2). Ganz beſonders aber durfte der Orden in ſeiner neuen Stellung zu Litthauen und Polen auf das Wohlwollen des Kaiſers und auf die Gunſt des paͤpſtlichen Stuhles rechnen. Beide hatten ſich ſchon laͤngſt als geneigte Goͤnner bewieſen, denn außer der allgemeinen Beſtaͤtigung aller Freiheiten und Rechte des Ordens, wie man ſie jeder Zeit von den Kaiſern erhalten, erklaͤrte Wenceslav die Gebietiger und den Orden als unmittelbar nur ihm und dem Reiche unterthan, unter⸗ ſagte jeder geiſtlichen und weltlichen Herrſchaft und Behörde, irgend ein Recht auf Unterthaͤnigkeit, Gericht, Steuererhebung oder Dienſtleiſtung gegen den Orden ſich anzumaßen und ſprach uͤberhaupt den Orden von allen Belaſtungen, die man unter irgend einem Namen ihm aufbürden wolle, ſchon im voraus völlig frei). Alle beſondere Gerechtſame und Freiheiten, mit 1) Eine intereſſante Urkunde hieruͤber in Jaeger Cod. diplom. vom J. 1383. Wir erſehen aus ihr, daß damals in den Ordenshaͤuſern und Beſitzungen in Deutſchland 662 Ordensbruͤder mit dem Kreuze und 123 Kaplane, Pfruͤndner, Halbbruͤder, Halbſchweſtern und Schulmei⸗ fer lebten; alſo hatte ſich die Zahl der Ordensbruͤder gegen das J. 1379 (wovon oben die Rede geweſen) verringert. 2) Die urkunde des Deutſchmeiſters hierüber, dat.: Frankfurt 1886 Dienſt. nach Kreuzerfindung im geh. Arch. Schiebl. 98 Nr. 1. und im Cod. Oliv. p. 143, gedruckt bei Kotzebue B. II. S. 433434. 3) Das kaiſerliche Beſtaͤtigungsdiplom bei Duellius Histor. Ord. Teut. in select. Privileg. p. 19 und im Hiſtor. diplomat. Unterricht und Deduction Nr. 18, im geh. Archiv Schiebl. 20. Nr. 2.
Scanseite 501 · Druckseite 487
Verhaͤltniſſe des Ordens zum Papſte (1386). 487 denen der Orden von den Herzogen und Koͤnigen von Boͤh⸗ men und Maͤhren erfreut worden, wurden von Wenceslav aufs neue beftätigt und ausdruͤcklich in neue Kraft und Wirkſamkeit geſetzt!). Es war ferner ſeit Wenceslav's Regierung kaum ein Jahr hingegangen, in welchem insbeſondere der Orden in Deutſchland nicht neue Beweiſe feiner Huld, Schutz gegen unrechtmaͤßige Anforderungen, Vorrechte im Gerichtsverhaͤlt⸗ niſſe, Befreiung von verlangten Zoͤllen und Abgaben und aͤhn⸗ liche Beguͤnſtigungen erhalten hatte. Auf den Kaiſer durfte alſo der Orden vertrauensvoll hinblicken und wir werden ſe⸗ hen, daß er ſich Wenceslav's Beiſtand und Schutz gegen den König von Polen auch wirklich zu erfreuen hatte r). Auf gleichen Beiſtand durfte der Orden auch bei dem Papſte Urban dem Sechsten rechnen, denn dieſer hatte es den Ordenshaͤuptern nicht vergeſſen, vielmehr es hoch angeſchrie⸗ ben, daß ſie den Verlockungen und Werbungen ſeines Geg⸗ ners in Avignon widerſtanden und ſeiner Sache treu geblieben waren. Er bezeugte dieß durch manche Beweiſe. Die mei⸗ ſten feiner Begunſtigungen zielten mit Ruͤckſicht auf die Stel⸗ lung des Ordens gegen das nahe Heidenland vorzüglich dar⸗ auf hin, die Wallfahrten und Pilgerzuͤge nach Preuſſen, ſo⸗ wie die Kriegsreiſen zum Kampfe mit den Heiden zu befoͤr⸗ dern und moͤglichſt zu erleichtern. Wie unter andern ſchon frühere Paͤpſte mit Beziehung auf die frommen, gottesdienſt⸗ lichen Übungen der Ordensbruͤder, ihre Gaſtfreundſchaft gegen Arme und Pilgrimme, und ihren raſtloseifrigen Kampf mit den Unglaͤubigen allen denen, die ihre Kirchen und Kapellen in Preuſſen und Livland an gewiſſen Tagen des Jahres bes ſuchten und beſonders den mit den Ordensrittern zur Bekaͤm⸗ 1) Originalurkunde, dat.: Prage a. d. 1387 die sexta mensis Septemb. Regnor. nostr. an. Boemie XXV, Roman. XII im geheimen Arch. Schiebl. 20. Nr. 1. 2) Die urkunden hieruͤber, ohne Ausnahme nur die Verhaͤltniſſe des Ordens in Deutſchland betreffend, in Jaeger Cod. diplom. So ertheilt z. B. das kaiſerliche Hofgericht zu Frankfurt dem Deutſchmei⸗ ſter das Recht, vor allen Gerichten klagen zu duͤrfen.
Scanseite 502 · Druckseite 488
488 Verhältniffe des Ordens zum Papſte (1386). pfung der Litthauer ausziehenden Kriegsgäften verſchiedene Gna⸗ denſpenden und Suͤndenerlaſſe zugeſagt hatten, ſo dehnte die⸗ ſer Papſt dieſelbe Gnadengunſt auch auf Pommern und die uͤbrigen Gebiete des Ordens aus, mit der Beſtimmung, daß auch in den Kirchen und Kapellen dieſer Ordenslande ſolchen, welche dem Orden wider die Heiden zu Huͤlfe ziehen oder ihn ſonſt huͤlfreich unterftügen wuͤrden, die naͤmlichen Gnadenſpen⸗ den zu Theil werden ſollten ). Da der Heranzug der Kriegs⸗ gaͤſte nach Preuſſen gemeinhin uͤber Konitz ging, ſo hatte der ehemalige Großkomthur Ruͤdiger von Elner, jetzt Komthur zu Tuchel, einige der koſtbarſten Reliquien vom Kreuze Chriſti, einige Tropfen vom Blute des Heilandes und mehre andere in das dortige Auguſtinerkloſter niederlegen laſſen und bei dem Erzbiſchofe von Gneſen gleichfalls eine Gnadenſpende denjeni⸗ gen ausgewirkt, die auf ihrer Wanderung ihnen ihre Ehrfurcht beweiſen und dabei ſich mildthaͤtig zeigen wuͤrden ). Die Heiligthuͤmer im Haupthauſe Marienburg hatten, wie wir fruͤ⸗ her ſahen, ſo oft man ſie gezeigt, immer eine ſehr große Men⸗ ſchenzahl dahin gezogen, ſelbſt auch aus fremden Laͤndern. Theils aber um fremden Kriegsgaͤſten eine beſtimmte Zeit zu ſtellen, theils auch um den Reiz der Sache aufrecht zu erhal⸗ ten, verordnete Urban, daß das Zeigen dieſer Heiligthuͤmer, welches auch in dieſem Jahre erfolgte, fortan nur von fuͤnf zu fünf Jahren geſchehen und den die Kapelle dann beſuchen⸗ den Glaͤubigen Indulgenzen auf zwei Jahre ertheilt werden ſollten ). 1) Die Bulle des Papſtes, dat.: Janue V Idus Februar. p. n. a. octavo im Fol. Privilegia T. O. p. 241. 2) Die Urkunde des Erzbiſchofs Bodzancha von Gneſen hierüber, dat. : Zneyne ultima die mensis Aprilis a. d. 1384 im geheimen Arch. Schiebl. LIV. Nr. 8. 3) Die Bulle dat.: Apud sanct. Petrum a. p. n XI, alſo einige Jahre ſpäter gegeben, als die eben erwähnte, im Fol. Privilegia T. O. p. 181. Beiläufig mag hier noch einer andern Bulle dieſes Pap⸗ ſtes Erwähnung geſchehen, die an den Hochmeiſter et universis perso- nis utriusque sexus regularem vitam Hospitalis S. M. T. J. ad pre-
Scanseite 503 · Druckseite 489
Beförderung der Kriegszuͤge nach Litthauen (1387). 489 Dieſe und andere Reizmittel hatten auch immer noch ihre Wirkung beſonders auf ſolche, die durch ritterlichen Kampf mit den Heiden ihr Seelenheil zu befoͤrdern meinten, denn im⸗ mer noch zogen anſehnliche Streithaufen zu dieſem Zwecke nach Preuſſen herein; ſo im J. 1387 Herzog Wilhelm der Sechste von Holland, mehre Grafen, als Wilhelm der Zweite von Henneberg, eine anſehnliche Zahl von Rittern und Knechten, obgleich man nicht immer die gewohnten Kriegsreiſen unter⸗ nehmen konnte ). Bisher hatte man in Polen dieſe kriege⸗ riſchen Pilgerzuge 2) nicht ungern geſehen, ſo lange das Volk in Litthauen zu dieſem Reiche in feindlichen Verhaͤltniſſen ge⸗ ſtanden. Jetzt hatte ſich auch dieſes geaͤndert, denn ſchon im Jahre 1386 waren die Polniſchen Hauptleute und andere Ver⸗ waltungsbehoͤrden der Graͤnzlande nach hoͤheren Befehlen viel⸗ fach bemuͤht geweſen, die nach Preuſſen und Livland herbei⸗ ziehenden Kriegsgaͤſte und Pilgrimme auf alle Weiſe zu belaͤ⸗ ſtigen, zu beunruhigen und im Weiterzuge zu hindern ). Der sens professis gerichtet, die Indulgenz ertheilt, daß der Beichtiger, den ein Ordensmitglied nach zuruͤckgelegtem vierzigſten Jahre ſich er⸗ wählt, bei der letzten Olung, jedoch nur einmal von allen Sünden zu abſolviren befugt ſeyn ſolle; die Bulle im geh. Arch. Schiebl. VIII. Nr. 2. 1) Lindenblatt S. 62. Unter den anweſenden Grafen wird auch einer von Ormen genannt. Man hat vermuthet, es ſey dieß Graf Sigismund von Orlamuͤnde geweſen. Doch iſt der Name noch zwei⸗ felhaft. 2) Man bezeichnete auch jetzt noch häufig die ankommenden Kriegs⸗ gaͤſte mit dem Worte peregrini. 3) Der Hochmeiſter und die Ordensgebietiger, heißt es in dem nachfolgenden Schreiben des Biſchofs von Ermland, haͤtten geklagt, quomodo nonnulli Capitanei, eorum Officiati et commissarii regni Polonie superiorum suorum mandata pretendentes predietum sanctum negotium tot expensis et sanguinis effusione promotum in dispendium fidei orthodoxe, peregrinos cum suis comitivis Lyvonie et Prussie partes devocionis ac indulgenciarum causa visitare volentes, de facto contra deum et iusticiam molestent, turbent et impediant, quoninus ipsi peregrini cum suis comitivis Magistro, Preceptoribus et dicti ordinis fratribus in Livonie et Prussie partium predietarum subsi-
Scanseite 504 · Druckseite 490
490 Beförderung der Kriegszuͤge nach Litthauen (1387). Hochmeiſter und die Gebietiger forderten daher den Biſchof Heinrich von Ermland als paͤpſtlichen Commiſſarius und Exe⸗ cutor auf, mit ſeiner Vollmacht einzuſchreiten, und dieſer er⸗ ließ nicht nur ein offenes Rundſchreiben an den Erzbiſchof von Coͤln als Reichserzkanzler und an alle übrigen Erzbiſchoͤfe, Biſchoͤfe und die geſammte Geiſtlichkeit in Deutſchland, Boͤh⸗ men, Ungern, Polen, Daͤnemark, Schweden, Norwegen u. ſ. w., worin er mit Bezug auf die Bulle des Papſtes Alexander des Vierten über die Behinderung der Pilgrimme ) erklaͤrte, welche Maaßregeln er jetzt in der vorliegenden Sache getroffen, und zugleich die Geiſtlichen aufforderte, ſie in ihren Dioͤceſen und Gemeinen zur allgemeinen Kenntniß zu bringen, ſondern er wandte ſich auch noch insbeſondere mit einem Schreiben an den Erzbiſchof von Gneſen und die Biſchoͤfe von Ploczk, Kra⸗ kau, Poſen, Leſlau und Breslau mit dem Auftrage, alle und jede Behoͤrden in ihren Sprengeln mit dem erſten Befehle Alexanders des Vierten aufs neue bekannt zu machen und aufs nachdruͤcklichſte zu ermahnen, die nach Preuſſen und Livland ziehenden Pilgrimme in keiner Weiſe forthin mehr zu hindern, zu beunruhigen oder zu berauben, weil widrigenfalls die Schul⸗ digen unfehlbar der Bann treffen und Staͤdte und Gebiete, in welchen ſolche Unbill geſchehe, ſofort dem Interdicte unterlie⸗ gen ſollten ). Bei dem allen aber waren es die freundlichen Verhaͤlt⸗ niffe mit den nachbarlichen Fuͤrſten, die Gunſt und Gewogen⸗ heit des Kaiſers und des Papſtes und die gewohnte Hulfe aus Deutſchland keineswegs allein, worauf der Meiſter in ſeiner dium contra Litwinos, Ruthenos ac infideles alios venire et eis sub- venire possint. 1) S. oben B. III. S. 173—174. 2) Dieſe beiden Schreiben des Biſchofs von Ermland, dat.: Acta sunt hec a, d. 1387 pont. s. patris et domini nostri Urbani VI anno nono, Indictione X, decima septima mensis Januar. apud ecclesiam Warmiensem ſtehen im Formularbuche p. 57 — 388 und 64 — 65. Der Biſchof Heinrich nennt ſich darin Commissarius et executor unicus ad infrascripta a sede apostolica deputatus,
Scanseite 505 · Druckseite 491
Plan zu einer Univerſitaͤt in Kulm (1387). 491 neuen Stellung zu dem vereinten Reiche Polen und Litthauen ſeine ganze Hoffnung baute; er vertraute ohne Zweifel auch viel, wenn die Tage der Gefahr herannahen ſollten, auf die moraliſche Kraft, auf die Einſicht und den Geiſt ſeines Or⸗ dens, auf die Bildung und Cultur in den Staͤdten, die ſich in wenigen Jahrzehnden in bewunderungswuͤrdigem Fortſchrei⸗ ten gehoben hatte, und auf den hoͤheren inneren Werth des Volkes, insbeſondere der Deutſchen Einſaſſen, denn in die⸗ fer Beziehung, im Verhaͤltniſſe der allgemeinen Bildung und der moraliſchen Kraft konnte keins von Jagals Voͤlkern auch nur im mindeſten mit dem Volke Preuſſens verglichen werden. Wie ſehr aber der Hochmeiſter den ganzen Werth dieſes gei⸗ ſtigen Übergewichts erkannte und wie richtig er die Nothwen⸗ digkeit und den ganzen vielfeitigen Einfluß der erhöhten Bil⸗ dung und Erkenntniß im Menſchen auf alle Verhaͤltniſſe des Krieges wie des Friedens zu beurtheilen und zu wuͤrdigen vers ſtand, geht aus dem von ihm aufgefaßten Plane hervor, zur Verbreitung und Erhoͤhung der Bildung ſeines Volkes, beſon⸗ ders zur weitern Verpflanzung wiſſenſchaftlicher Kenntniſſe in den geſammten Ordenslanden im Norden eine Univerſitaͤt in Preuſſen zu gruͤnden, eine Pflanzſchule gelehrter Kenntniſſe, wie ſie faſt um dieſelbe Zeit in der Hochſchule zu Heidelberg (1386) ihr Daſeyn erhielt. Kulm, die alte Hauptſtadt des Landes, von ihren Schweſterſtaͤdten Thorn, Elbing und Dan⸗ zig in der Bluͤthe ihres Handelslebens bei weitem uͤberfluͤgelt, ward vom Meiſter zum Sitze dieſer hohen Schule beſtimmt, denn in ihrer innern baulichen Einrichtung, wie durch ihre freie, geſunde Lage und wegen des Überfluſſes der dort er⸗ zeugten Lebensmittel ſchien dieſe Stadt in allen Beziehungen zu einem ſolchen Inſtitute am meiſten geeignet). Wahr⸗ 1) Die Worte in der paͤpſtlichen Bulle hieruͤber ſind offenbar aus dem Berichte des Hochmeiſters an den Papſt entnommen, indem es heißt: Magister et fratres — in eorum oppido Colmen Culmensis Dioecesis tanquam insigniori et magis ad hoc accomodato et ydoneo iu quo aeris viget teinperies, victualium ubertas et ceterarum re- rum ad usum humanum pertinentium copia reperitur, desiderent plu-
Scanseite 506 · Druckseite 492
492 Plan zu einer Univerfität in Kulm (1387). ſcheinlich gab der Hochmeiſter dem Papſte in dem ihm mitge- theilten Plane die noͤthige Hinweiſung über die wiſſenſchaft⸗ lichen Beduͤrfniſſe feines Landes, überließ ihm aber, wie es ſcheint, die naͤheren Beſtimmungen uͤber Einrichtung und Ver⸗ faſſung der gelehrten Anſtalt. Der Papſt faßte den Gedan⸗ ken mit um ſo groͤßerem Intereſſe auf, als auch er fuͤr den ganzen Norden in religiöfer und wiſſenſchaftlicher Bildung ſich die ſchoͤnſten Erfolge verſprach, denn wie es Urban durch ſein Beiſpiel bewaͤhrt, war es keineswegs jeder Zeit Plan und Streben des Roͤmiſchen Stuhles, Erleuchtung des menſchli⸗ chen Geiſtes und hellere Einſichten des Menſchen gefliſſentlich zu unterdrücken, vielmehr erkannte und wuͤrdigte er es voll⸗ kommen, was in dieſer Hinſicht durch Errichtung dieſer hohen Schule in Preuſſen gewirkt werden koͤnne ). Er ſtellte ihr ein großes Muſter zur Nacheiferung vor, indem er die Ver⸗ faffung und innere Einrichtung der alten, hochberuͤhmten Uni⸗ verſitaͤt zu Bologna als Grundlage ihrer Anordnung und Ge⸗ ſtaltung beſtimmte und den Lehrern, wie den Studirenden alle Privilegien, Freiheiten und Vorrechte derſelben zuſicherte. Es ſollten auf ihr die Theologie, das Civil⸗ und Canoniſche Recht und jede andere erlaubte Wiſſenſchaft gelehrt werden 2). Jede Facultaͤt ſollte das Recht haben, ſolchen, die ſich aus⸗ zeichneten und die Erlaubniß zu Vorleſungen, ſowie die Ma⸗ rimum fieri et ordinari per seie apostolicam studium Generale in qualibet licita facultate. 1) Die Worte des Papſtes: ut ibidem (in dieſer hohen Schule) fides ipsa dilatetur, erudiantur simplices, equitas servetur, iudicii vigeat ratio, illuminentur mentes et intellectus hominum illustrentur, verdienen in vieler Hinſicht Beachtung und Anerken⸗ nung. 2) Statuimus et eciam ordinamus, ut in eodem Opido de cetero sit studium generale ad instar studi Bononiensis illudque perpetuis temporibus inibi vigeat tam in Theologia et iuris canoniei ac civi- lis, quam alia qualibet licita facultate quodque legentes et studen- tes ibidem omnibus privilegüs, libertatibus et immunitatibus conces- sis Magistris in Theologia ac doctoribus legentibus et studentibus commorantibus in eodem studio Bononiensi gaudeant et utantur.
Scanseite 507 · Druckseite 493
Plan zu einer Univerfität in Kulm (1387). 493 giſter⸗ oder Doctorwuͤrde zu erhalten wuͤnſchten, dieſelbe nach geſchehener Prüfung zu ertheilen ). Wer zu Kulm die Pruͤ⸗ fung beſtanden, die Erlaubniß zum Lehrſtuhle und den Ma⸗ giſter⸗ oder Doctorgrad erhalten habe, ſollte ſofort nicht bloß in Kulm ſelbſt, ſondern auch auf allen andern Univerſitaͤten ohne weitere Pruͤfung zu Vorleſungen vollkommen berechtigt ſeyn. Dieß war es im Weſentlichen, was der Papſt uͤber die innere Verfaſſung der neuen Lehranſtalt beſtimmte. Nimmt man die paͤpſtliche Beſtaͤtigung für die Zeit ihrer Gründung, ſo waͤre ſie am neunten Februar des Jahres 1386 ins Da⸗ ſeyn getreten, denn an dieſem Tage ſtellte Urban zu Genua die noch vorhandene Urkunde aus 2). 1) Hieruͤber enthaͤlt die Bulle noch manches Einzelne; vgl. damit Savigny Geſch. des Roͤm. Rechts im Mittelalter B. III. S. 194. 2) Das Original dieſer Bulle, dat.: Janue V Idus Februar. p. n. a. octavo im geh. Arch. Schiebl. VIII. Nr. 1, in einer alten Ab⸗ ſchrift im Fol. Privilegia T. O. p. 181, gedruckt im Gelehrten Preuff. Th. II. S. 417, aus dieſem bei Duellius I. c. p. 35, Arnoldts Hiſtorie der Koͤnigsberg. Univerfität B. I. Beil. Nr. 3. Nirgends aber iſt ſie fehlerfrei, da die Unrichtigkeiten im erſten Abdrucke im Gelehr⸗ ten Preuſſ. in alle ſpaͤteren Abdruͤcke uͤbergegangen ſind. Weil die Ur⸗ kunde durch dieſe Fehler in einigen Stellen ganz unverſtaͤndlich iſt, ſo mögen hier nach Vergleichung des Originals mit dem Abdrucke bei Ars noldt a. a. O. die weſentlichſten Abweichungen berichtigt werden. S. 6 3. 2 ſtatt expedentes — extendentes, 3. 4 ft. seu — sueque u. ſt. numinis — nominis, 3. 10 ft. fratres — fratrum, ft. beatissiniae beate, 3. 14 ft. subditarum — subiectarum, 3. 16 ft. intendentes. In eorum oppido Culmensis — intendentes in eorum opido Colmen Culmensis, 3. 30 ſt. quatenus — quod; S. 7 3. 10 ft. et — etiam u. ft. circumiacentium — circumadiacentinm, 3. 14 ff. numinis — nominis, 3. 15 ft. atque — et etiam, 3. 18 ft. Jure Canonico et Civili — Juris canoniei et civilis, 3. 24 ft. illis — illi, 3. 26 ft. studuerunt — studuerint, 3.30 ſt. facultatum — facultatis; das eine geſchobene Wort Hceat muß ganz geftrichen werden; S. 8 3. 1 ft. ad hoc duxerit — ad hoc idem Prepositns duzerit, 3. 2 ft. ille — illi, 3. 3 ift ecclesiae zu ſtreichen, 3. 4 ft. praesentetur — presententur, Z. 5 ſt. profertur — prefertur, 3, 13 ft. et largiatur — et etiam largiatur; 3. 14 ift zu leſen studio dieti Opidi, 3. 15 licentiam et honorem. Der Schluß der Urkunde iſt völlig unrichtig und heißt im
Scanseite 508 · Druckseite 494
494 Plan zu einer Univerſitaͤt in Kulm (1387). Es ſcheint des Hochmeiſters Plan geweſen zu ſeyn, das, was nach Winrichs von Kniprode fruͤher erwaͤhnter Einrich⸗ tung bisher in den einzelnen Ordenshaͤuſern, beſonders im Or⸗ denshaupthauſe, fuͤr die Ausbildung tuͤchtiger Geiſtlichen und rechtserfahrner Maͤnner gewirkt worden war, zweckmaͤßiger an einem Orte zu vereinen, dadurch zu vervollſtaͤndigen und zu hoͤherer Vollkommenheit zu erheben; und in der That konnte Konrad Zoͤllner kaum einen gluͤcklicheren und ruͤhmlicheren Ge⸗ danken faſſen, als in dem freiſinnigen und von allem hierar⸗ chiſchen Zwange entfernten Ordensſtaate eine Anſtalt zu gruͤn⸗ den, die mit der Fackel der Wiſſenſchaft den ganzen Norden haͤtte beleuchten koͤnnen. Selbſt der Papſt erwartete, ſie werde ein befruchtender Quell ſeyn, aus deſſen Fuͤlle alle Bewoh⸗ ner der nordiſchen Lande ſchoͤpfen und ihren Durſt nach wiſ⸗ ſenſchaftlicher Bildung ſtillen moͤchten!) Und dennoch taͤuſchte alle Hoffnung. Wie ein Meteor, nur für den Augenblick glaͤn⸗ zend, in welchem es erſcheint, ging die Erſcheinung ohne Wir⸗ kung und Folge voruͤber, als ſey es nur dageweſen, um einen erfreulichen Glanzſchein auf den Geiſt des Mannes zu wer⸗ fen, aus dem der Gedanke hervorging. Sey es, daß Preuſ⸗ ſen, erſt etwa anderthalbhundert Jahre von ſeiner heidniſchen Wildniß geſaͤubert, noch nicht genug vorbereitet war, um eine ſolche ſuͤdliche Pflanze zum Gedeihen kommen zu laſſen; fey es, daß der edle Pflanzer viel zu fruͤh durch den Tod dahin⸗ geriſſen ward, als daß er ihr die noͤthige Pflege hätte gewaͤh⸗ Original: Nulli ergo omnino hominum liceat hanc paginam nostre constitucionis et ordinacionis inſringere vel ei ausu temerario con- traire. Si quis autem hoc attemptare presunpserit indignationem omnipotentis dei et beatorum Petri et Pauli Apostolorum se noverit incursurum. Datum Janue V Idus Februar. pontificatus nostri An- no Octavo. Daraus geht auch hervor, daß man bisher uͤberall, z. B. bei Baczko B. II. S. 208 u. Annal. des Königr. Preuſſ. Quart. II. S. 21, Arnoldt a. a. O. S. 4, Kotzebue B. II. S. 266 u. a. die päpftliche Beſtaͤtigung ganz unrichtig in das Jahr 1387 geſetzt hat. Vgl. über das Ganze auch Piſanski Preuſſ. Literaͤrgeſch. S. 3334. 1) Sit ibi scientiarnm fons irriguus, de cuius plenitudine hau- riant universi literarum cupientes imbui documentis.
Scanseite 509 · Druckseite 495
Taufe der Litthauer (1387). 495 ren koͤnnen, oder daß es in dem weitentlegenen Lande an den noͤthigen wiſſenſchaftlichen Lehrmitteln, an tuͤchtigen Lehrern und lernbegierigen Lehrlingen fehlte: — wir wiſſen nicht, was ſchon in den erſten Jahren all ihr Gedeihen gehindert und ihre ganze Wirkſamkeit, wie es ſcheint, ſogleich beim Beginne fo gänzlich geftört habe, daß die Geſchichte keinen Laut von ihrem ferneren Schickſale aufbehalten hat, denn nur nach ſehr unſicheren Nachrichten ſoll ſie noch im Jahre 1405 dageſtan⸗ den haben, vom Papſte Innocenz dem Siebenten nochmals beſtaͤtigt, dann aber mit dem verfallenden Wohlſtande der Stadt Kulm ſo geſunken ſeyn, daß von jener alten Stiftung nichts übrig blieb, als ein gewoͤhnliches Moͤnchscollegium 1). Unterdeſſen hatte Polens neuer Koͤnig ſein verſprochenes Werk in Litthauen auszufuͤhren begonnen. Nachdem er durch eine feierliche Geſandtſchaft, an deren Spitze Herzog Konrad von Ölönig ſtand, bei dem Hochmeiſter um Friede oder Waf⸗ fenruhe gebeten, um, wie er vorgab, die Taufe ſeiner Voͤlker um ſo leichter bewirken zu koͤnnen 2), begab er ſich mit ſeiner ſchoͤnen Gemahlin, begleitet vom Erzbiſchofe von Gneſen, dem Biſchofe von Krakau, mehren Herzogen und vielen Großen 1) Nach Arnoldt a. a. O. S. 4 behauptete der Elbingiſche Rathsherr Zamelius in ſeinem Manuſcript: De initiis acad. Culm., daß der Papſt Innocenz VII die Akademie zu Kulm im J. 1405 aber⸗ mals beftätigt habe; vgl. Baczko Annalen a. a. O. Das geh. Arch. zu Königsberg bietet außer dem Original der Beftätigungsbulle des Papſtes urban durchaus gar keine Nachrichten uͤber die Sache dar und vergebens ſind vom Verfaſſer dieſes Werkes Nachforſchungen in Kulm ſelbſt angeſtellt worden. Nur uͤber das Schulweſen der Stadt, beſon⸗ ders über die Bemuͤhung des Stadtrathes im J. 1472, die im J. 1405 errichtete ſtaͤdtiſche Schule wieder beſſer einzurichten (ſ. Pi⸗ ſans ki a. a. O. S. 18) fanden ſich einige urkundliche Nachrichten in einem dortigen Folianten. 2) In einer ſpaͤtern Klagſchrift im Fol. D. ſagt der König ſelbſt: Post annum Baptisıni nostri misimus ad eundem Magistrum multum sollempnes ambasiatores et signanter ducem Cunradum Olesnicensem cum ceteris prineipibus volentes et petentes perpetuam cum ipso fa- cere unionem, ut mediante ipsius auxilio commodius gentes nostras potuisscınus vocare ad Baptismum,
Scanseite 510 · Druckseite 496
496 Taufe der Litthauer (1387). feines Reiches nach Litthauen, und wie das Werk der chriſt⸗ lichen Bekehrung vom Koͤnige ſchnell verſprochen, ſo war es auch ſchnell vollendet. An eine Belehrung des Volkes über das Weſen und die Grundlehren des chriſtlichen Glaubens war faſt nicht zu denken und bei der Unbekanntſchaft der Geiſtli⸗ chen mit der Sprache des Volkes war fie auch kaum möglich. Es wird berichtet, Jagal⸗Wladislav ſelbſt habe hie und da von einer Buͤhne herab ſeine geringe Kenntniß vom Chriſten⸗ thum dem Volke mitgetheilt. Die Form blieb das Wichtigſte, denn da dem Koͤnige vorerſt alles nur daran gelegen war, die Litthauer Chriſten nennen zu Eönnen, fo wurden auf fein Ge⸗ heiß vor allem uͤberall die heiligen Haine ausgehauen, die Goͤtzenbilder zertruͤmmert, die Opferſteine umgeſtuͤrzt, die hei⸗ ligen Schlangen getödtet und überhaupt alle Spuren des Hei⸗ denthums allenthalben vertilgt. Zu Wilna, in des Königes Hof, wo bisher dem Perkunos ein heiliges Feuer brannte, wurde eine Kirche erbaut und vom Erzbiſchofe von Gneſen eingeweiht). Seit der chriſtlichen Zeit war die Taufe noch nie ſo im Großen, wie im Bauſch und Bogen vollfuͤhrt wor⸗ den. Man trieb oder lockte die Litthauer, bisher nur an lin⸗ nene Kleider und Pelze gewoͤhnt, durch Geſchenke von wolle⸗ nen Roͤcken, zu Tauſenden zuſammen, theilte Maͤnner und Frauen, Juͤnglinge und Maͤdchen in beſondere Haufen und beſprengte ſie am Flußufer mit geweihtem Taufwaſſer, dem einen Haufen dieſen, dem andern jenen gemeinſamen Namen gebend; und es geſchah, daß zuweilen das Volk in ſolchen Schaaren herzuſtroͤmte, daß in wenigen Tagen an dreißigtau⸗ ſend Menſchen die Taufe ertheilt wurde, ohne ihnen irgend einen Begriff vom Weſen des neuen Glaubens zu geben. Die⸗ ſen Chriſten ſetzte man dann Geiſtliche vor. Andreas Vaſillo, der Koͤnigin Beichtvater, ein Franciscaner, ward Biſchof zu 1) Kojalowiez p. 396 erzählt hiebei ein ähnliche Mährchen von einem Beile bei Zertruͤmmerung eines Bildes des Perkunos, wie es in Preuffen beim umhauen einer heiligen Eiche bei Heiligenbeil erwähnt wird. Vgl. Raynald. Annal. eccles. an. 1386 Nr. 5. und 1387 Nr. 16, wo wiederum eine ähnliche Fabel aus fpäterer Zeit vorkommt.
Scanseite 511 · Druckseite 497
Verhandlungen am paͤpſtlichen Hofe (1387). 497 Wilna; ihm zur Seite trat ein Domkapitel; auch nach andern Orten ſandte man geiſtliche Seelenhirten aus, alle vom Koͤ⸗ nige mit reichem Einkommen und anſehnlichen Geſchenken, ſo⸗ wie mit mancherlei Freiheiten und Vorrechten verforgt '). Sol⸗ ches hieß nun: Litthauens Volk iſt chriſtlich geworden und hat ſich zum wahren Glauben bekehrt. Um den Papſt zu gewin⸗ nen, ward vom Koͤnige feſtgeſetzt: es ſolle forthin keine Ehe zwifchen Bekennern der Griechiſchen und Roͤmiſchen Kirche Statt finden, bevor nicht erſtere ihr Bekenntniß verlaſſen und des Papſtes Obergewalt anerkannt haͤtten. Mit der Nachricht von dieſen Ereigniſſen eilte jetzt auf des Koͤniges Geheiß der Biſchof Dobrogaſt von Poſen an den Roͤmiſchen Hof, dem Papſte die fröhliche Kunde zu uͤberbrin⸗ gen und von ihm die Beſtaͤtigung der neuen kirchlichen Ein⸗ richtung zu erbitten; und dort angelangt berichtete er, welches große Werk für die Kirche durch den König in Litthauen voll: endet ſey. Allein es waren bereits auch Sendboten der Her⸗ zoge Albrecht und Wilhelm von Öfterreich und des Hochmei⸗ ſters und der Gebietiger beim Papſte erſchienen, die erſtern mit Klagen uͤber die Vorgaͤnge in Polen und um am paͤpſtli⸗ chen Hofe wegen des durch Jagals Betrieb veranlaßten Bru⸗ ches des zwiſchen Herzog Wilhelm und der Koͤnigin Hedwig geſchloſſenen Ehevertrages ihr Recht zu ſuchen und vom Papſte eine richterliche Entſcheidung zu verlangen, die andern um dem paͤpſtlichen Stuhle gewiſſe Klagpunkte gegen Jagal vorzule⸗ gen 2). Der Papſt gerieth in eine eigene Stellung, denn ei⸗ 1) Die Hauptquelle hierüber Kojalowiez p. 393398 und Dla goss. p. 109 — 110; einiges bei Lucas David B. VII. S. 204, Schütz p. 86, Raynald. an. 1386 Nr. 6. und an. 1387 Nr. 15; vgl. Karamſin B. V. ©. 77—78. 2) Pro parte ipsorum Magistri et fratrum super certis articulis cognosceremus, ſagt der Papſt in dem Schreiben bei Lucas David B. VII. S. 202, ohne ſich darüber zu erklaͤren, obgleich der Zuſam⸗ menhang ergiebt, daß es Klagpunkte gegen Jagal waren. In der al⸗ ten Preuſſ. Chron. p. 41 heißt es: Meiſter Czoͤnner und ſyn orden le⸗ gete dem Bobiſte vor und allen koerfuͤrſten mit boten und mit briffen, wy ſich czu beſorgen were, daz eyn gros val der criſtenheit und deme 32
Scanseite 512 · Druckseite 498
498 Verhandlungen am paͤpſtlichen Hofe (1387). ner Seits mußte er feine Freude bezeugen über ein Ereigniß, welches fuͤr die Kirche von ſo großer Wichtigkeit ſchien, indem mit einemmal ein ganzes Volk durch einen einzigen Fuͤrſten zum Glauben bekehrt worden war; anderer Seits konnte er die Schritte des Koͤniges bis zu dieſem Werke hin, den Bruch des Ehevertrages und die Beſteigung des Polniſchen Thrones auf dieſem Wege in keiner Weiſe gut heißen ). Obgleich er die Entſcheidung der Klage und die Antwort an den Koͤnig von einem Monate zum andern verzoͤgerte, ſo ward doch ſeine Verlegenheit noch groͤßer, als bald Schmaͤhbriefe und laͤſternde Anklagen umherliefen, welche angeblich vom Biſchofe Dieterich von Dorpat verfaßt keinen andern Zweck hatten, als den Hochmeiſter und feine Gebietiger am paͤpſtlichen Hofe, ſowie bei Fuͤrſten und Völkern in das ſchwaͤrzeſte Licht zu ſtellen. Zwar deckte der Biſchof ſelbſt dieſen Betrug bald auf, erklaͤrte die Briefe fuͤr untergeſchoben und fuͤr gemeine Machwerke heim⸗ licher Feinde des Ordens und empfahl dieſen ſammt ſeinem Meiſter aufs nachdruͤcklichſte der Gnade des Kaiſers und der Huld des apoſtoliſchen Stuhles 2); allein zu einer feſten Ent: orden wuͤrde entſteen dovon, wenn Jagels und Wytolds touffe hette nicht eyne chriſtliche grunt noch gefrume meynunge, wenn czu hant noch der tofe verſlos her dy wege czu Polan daz keyne ritterſchaft dem orden czu huͤlfe kommen mochte wider dy heiden. 1) Vgl. das erwähnte Schreiben bei Lucas David a. a. O. 2) Das offene Schreiben des Biſchofs von Dorpat, dat.: in Walk oppido dioc. Tarbatensis a. d. 1387 ipso die festi b. Jacobi apost. im Cod. Oliv. p. 33 im geh. Staatsarch. zu Berlin. Der Biſchof fagt unter andern: Quidam zizaniorum seminatores perversi nostri ac eorum (i. e. Magistri et Preceptorum ordinis) emuli domino no- stro summo pontifici scripserunt, ut asseritur, sub nostro nomine necnon sub nominibus militarium dyocesis ac Civium civitatis nostre Tarbatensis litteras articulos diffamatorios et ignominiosos quamvis falsos continentes contra eosdem Magistrum, Preceptores et fratres in derogacionem honoris ipsorum ac denigracionem et obnubilacio- nem bonorun nominis, fame et opinionis eorumdem minus juste, per dictos nostros ac eorum emulos conceptas et perperam fabricatas, de quibus quidem litteris et eorum contentis et precipue infamatio- nibus premissorum fuimus et sumus innocentes consilio, facto et
Scanseite 513 · Druckseite 499
Verhandlungen am paͤpſtlichen Hofe (1387). 499 ſchließung war der Papſt auch gegen das Ende dieſes Jahres noch nicht gekommen, wie er denn auch Jagal'n noch keines⸗ wegs als Koͤnig von Polen anerkannte. Er ſprach ſich ſo⸗ wohl hieruͤber, als uͤber ſeine Stellung als Schiedsrichter in der ihm vorgelegten Streitſache ziemlich offen in einem Schrei⸗ ben an die Herzoge Johann und Semovit von Maſovien aus, die ſeit Jagals Zug nach Litthauen ohne Zweifel nur im Drange der Gefahr auf feiner Seite ſtanden '), indem er ih⸗ nen zwar ſeine große Freude uͤber Jagals Bekehrung zu er⸗ kennen gab, dieſen aber nur als Großfuͤrſten von Litthauen bezeichnete, mit der offenen Erklärung, daß er ihn wegen der von den Herzogen von Sſterreich angebrachten Streitſache über den Ehevertrag vorerſt noch nicht als König anerkennen konne. Seine Außerung jedoch: er muͤſſe ſowohl dem Fuͤrſten Jagal, als dem Herzoge Wilhelm, dem Hochmeiſter und dem Orden Gerechtigkeit widerfahren laſſen und werde, ſoweit es ſeine und der Kirche Ehre geſtatte, dem Fuͤrſten und der Königin gerne in allem guͤnſtig ſeyn, bewies es klar, daß er es mit keiner Partei verderben mochte ?). Es war offenbar Zweck auxilio, teste deo. Dann fügt er hinzu: supradictis litteris et arti- culis diffamatoriis minime fidem adhibeatis et nos de eisdem infa- ınacionibus habeatis excusatos, cum de ipsis fuimus et sumus inno- centes omnino et immunes, atque dietos Magistrum, Preceptores et fratres de omnibus et singulis maculis in huiusmodi litteris conten- tis habeatis et teneatis etiam, prout revera sunt, penitus innocentes. 1) Nach Kojalowiez p. 393 und 398 hatten fie beide den König auch auf feinem Zuge nach Wilna begleitet und Semovit ſich dort mit Jagals Schweſter Alexandra vermaͤhlt. 2) Der Brief des Papſtes, dat.: Perusii III Kal. Januar. p. n. a. decimo (30. December 1387) im Formularb. p. 75, gedruckt bei Lucas David B. VII. S. 201. Man erſieht auch aus den Worten: Ipsum (Jagal) pocius Carissimum in Christo quam dilectum filium, si rigor justitie sineret, et regem quam ducem appellaremus, sed voces interpellantium, qui pro sua consequenda iusticia ad cognitio- nem iudicii et decisionem patris spiritualis — recurrunt, huiusmodi nostris affectibus obicem interponunt, wic ſehr der Papſt bei der Sache in Verlegenheit war. Das Chron. Salisburg. ap. Pez Script. 32 *
Scanseite 514 · Druckseite 500
500 Veraͤnderung in den oberſten Gebietiger⸗Amtern (1387). des Schreibens, daß die erwaͤhnten Herzoge und die Großen Polens, an die es mit gerichtet war, beim Koͤnige das Ver⸗ trauen auf die Gunſt und Geneigtheit des Roͤmiſchen Stuh⸗ les durch ihr Einwirken auf ſeine Geſinnung und durch offene Darſtellung der Lage des Papſtes aufrecht zu erhalten ſuchen moͤchten, wie er denn ſelbſt, als er dem Koͤnige endlich auf des Biſchofs von Poſen Botſchaft Antwort ertheilte und ihn im Fruͤhling des naͤchſten Jahres als Koͤnig von Polen be⸗ gruͤßte, alle Beredſamkeit aufbot, um ihm ſeine Freude uͤber ſeine Bekehrung und ſeine Verdienſte um die Kirche zu erken⸗ nen zu geben, ihn zu fernerem Fortwirken in dieſer hochver⸗ dienſtlichen Sache zu ermuntern und ſich ſelbſt wegen der lan⸗ gen Verzoͤgerung einer Antwort zu entſchuldigen 1). Fuͤr Preuſſen war ſonſt dieſes Jahr ziemlich ruhig vor⸗ uͤbergegangen, denn theils hatten die Witterung, theils die Vorgaͤnge in Litthauen und Polen eine Kriegsreiſe in die feind⸗ lichen Gebiete nicht zugelaſſen. Nachdem man im Maͤrz die Krönung des neuen Biſchofs von Samland Heinrich Kuwal feſtlich gefeiert und der Hochmeiſter bald darauf eine wichtige Veraͤnderung in den oberſten Gebietiger⸗Amtern vorgenommen hatte, nach welcher der bisherige Ordensmarſchall Konrad von Wallenrod in die Wuͤrde des Großkomthurs, der bisherige Komthur zu Rheden Engelhard Rabe in die des Ordensmar⸗ ſchalls und Hans Marſchall von Froburg in das Amt des rer. Austriac. T. I. p. 429 weiß ſogar, daß Jagals Vermählung mit Hedwig geſchehen ſey ex dispensatione Domini Urbani Papae Sexti. 1) Das Schreiben des Papſtes an den König, dat.: Perusii XV Calend. Maji p. n. a. decimo (17. April 1388) bei Diugoss. p. 110. Hiernach kann der Biſchof von Poſen erſt etwa im Spaͤtjahr 1387 in Rom angekommen ſeyn. Am Ende des Schreibens ſagt der Papſt: quod Serenitati tuae alias non scripsimus, hoc non provenit ex Pa- tris, sed potius ex Nunciorum sollemnium negligentia per te non missorum et ex aliis rationabilibus causis. Dieß mag auch der Grund ſeyn, warum die alte Preuſſ. Chron. p. 41 ſagt: In manchir weiſe verſuchte der orden, ap dis ymant czu hertze wolde nemen, wol irfur man von vil heren trosliche rede, ader keyne merkliche tat vuͤllte der orden nicht noch an dem Bobiſte noch an andern heren.
Scanseite 515 · Druckseite 501
Verhaͤltniſſe des Ordens mit Polen (1388). 501 Ordenstrapiers eintraten ), befchäftigte den Meiſter eine Zeit lang der Wiederaufbau des Hauſes Georgenburg, welches Wi⸗ towd niedergebrannt, wozu ſelbſt die einzelnen Staͤdte Mann⸗ ſchaft und Schiffe ſtellen mußten 2). Die uͤbrige Zeit des Jahres hindurch nahmen theils die auswaͤrtigen Handelsver⸗ haͤltniſſe, wovon wir ſpaͤter im Zuſammenhange ſprechen wer⸗ den, theils die beſſere Anordnung verſchiedener innerer Landes⸗ angelegenheiten, z. B. die naͤhere Graͤnzbeſtimmung zwiſchen den Ordenshaͤuſern Ortelsburg und Sehſten, eine genauere Anordnung über die eintraͤgliche Fiſcherei in den dortigen Seen *), die Schlichtung eines langen und verwickelten Streites zwi⸗ ſchen dem Pomeſaniſchen Domſtifte und dem Ritter Peter Vanſch von Tiefenau, Unterfaffen des Ordens, uͤber das Recht des Fiſchfanges im Mergenſee u. dgl. des Meiſters Thaͤtigkeit in Anſpruch “). In gleicher Ruhe, wie das Jahr 1387 geendet, begann auch das folgende; ja es ſchien ſogar bald einen feſten Frie⸗ den zwiſchen dem Orden und den Landen des Koͤniges von Polen herbeizubringen. Schon im Februar hatten im Namen des Meiſters und des Koͤniges zwiſchen dem Erzbiſchofe von Gneſen und mehren Polniſchen Großen und dem Großkom⸗ thur Konrad von Wallenrod, dem Ordensſpittler Siegfried Walpot von Baſſenheim, Ludwig Wafeler Komthur zu Thorn und Wolf von Zolnhard Komthur von Danzig zu Thorn fried⸗ liche Unterhandlungen Statt gefunden, in denen man ſich ver⸗ einigt: es ſolle zur Herſtellung des Friedens zwiſchen dem Hoch⸗ 1) Lindenblatt S. 62; das Umterbuch im geh. Arch. Auch in mehren Ordensburgen wechſelten die Komthure, z. B. nach Rheden kam Werner von Fettingen, nach Althaus Wilhelm von Helfenſtein u. ſ. w. 2) Lindenblatt a. a. O. Nach dem Elbingiſ. Kriegsbuche ſtellte Elbing 30 Schuͤtzen mit Koſt auf 6 Wochen, dabei einen Schuͤtzenmei⸗ ſter, nebſt 2 Schiffen, das eine mit 15, das andere mit 16 Mann. 5) Urkunde im Graͤnzbuche B. p. 19 u. im Buche: Rigiſche Hand⸗ lung p. 183. Y urkunde des Hochmeifters in Privileg. Capitul. Pomesan. p. XL.
Scanseite 516 · Druckseite 502
502 Verhaͤltniſſe des Ordens mit Polen (1388). meiſter und dem Koͤnige eine Zuſammenkunft gehalten, bis dahin zwiſchen ihren Landen ein Waffenſtillſtand beobachtet, alles, was auf Feindſeligkeit deute, gaͤnzlich eingeſtellt und die beiderſeitigen Gefangenen gegenſeitig ausgeliefert werden ). So geſchah, daß in der Mitte des Aprils der Hochmeiſter ſich nach Thorn und der Koͤnig nach Raczans begaben, um durch Unterhaͤndler ſich uͤber die obwaltenden Streitpunkte naͤ⸗ her zu verſtaͤndigen. Nach mehrtaͤgigen Verhandlungen ) ſtellte der Meiſter als weſentliche Friedensbedingungen vor al⸗ lem die drei Forderungen auf: zuerſt daß alle Gefangenen, ſowohl die Ordensbruͤder als die Lehensleute und uͤbrigen Un⸗ terthanen, die der Koͤnig ſeit ſeiner Taufe weit haͤrter als früherhin behandelt hatte ), auf Loͤſegeld oder durch perſoͤn⸗ lichen Austauſch oder umſonſt frei gegeben würden, wie es un⸗ ter Wladislav's und des Hochmeiſters Vorgängern gebräuchlich geweſen; zum andern daß der Orden und die chriſtlichen Graͤnz⸗ lande durch den Koͤnig gegen allen fernern Schaden voͤllig ſicher geſtellt wuͤrden, wenn etwa die Litthauer und Ruſſen vom chriſtlichen Glauben wieder abfallen ſollten, wie in ver⸗ gangenen Zeiten leider geſchehen ſey; und endlich daß der Koͤ⸗ nig dem Meiſter und Orden in Ruͤckſicht des Rechtes, wel⸗ ches ihnen zukomme oder zukommen koͤnnte, zu Willen ſeyn ſolle ). Zehn Tage lang wurde uͤber dieſe und einige andere 1) Das hicruͤber abgefaßte Notariatsinſtrument, dat.: in aula esti-. vali in suburbio castri Thorum an. 1388 feria quinta proxima ante festum purification. s. Marie im geh. Arch. Schiebl. 75. Nr. 26. Über den Waffenſtillſtand enthält es noch nähere Beſtimmungen. 2) Außer dem, was Lindenblatt S. 68 über dieſe Verhandlun⸗ gen ſagt, haben wir auch einen ziemlich vollſtaͤndigen Bericht darüber in einem Schreiben des Hochmeiſters an den Papſt, der mit der Zeit⸗ angabe bei dem genannten Chroniſten genau uͤbereinſtimmt. 3) Die alte Preuſſ. Chronik p. 41 jagt: Her hatte ouch LX he- ren des ordens in ſwerem gevencnis und vil ander criſten, dy der boze hunt nicht frey lis yn der tofe und noch der tofe. Bil unbarmherziger hilt Jagel des ordens brüder und ander criſten in gerengnis noch der tofe denne vor. ) Es heißt in dem erwähnten Schreiben des Hochmeiſters: In-
Scanseite 517 · Druckseite 503
Kriegsverhaͤltniſſe gegen Polen und Litthauen (1388). 503 Punkte hin und her verhandelt. Über den erſtern konnte der Meiſter vom Könige durchaus keine Erklaͤrung erhalten, denn wie er wohl wußte, waren außer andern Unterthanen des Or⸗ dens zehn Ordensritter in der Gefangenſchaft auf die jaͤmmer⸗ lichſte Weiſe ums Leben gekommen, ſelbſt nachdem Jagal⸗ Wladislav ſchon die Taufe empfangen, und auf den letzten Punkt mochte ſich dieſer uͤberhaupt gar nicht einlaſſen. So zerſchlug ſich die Unterhandlung ohne allen Erfolg und der Meiſter kehrte nur mit der Gewißheit nach Marienburg zu⸗ ruͤck, daß an friedliche Verhaͤltniſſe mit dem Könige von Po⸗ len vorerſt noch nicht zu denken ſey ). Je ſchaͤrfer man ſich aber in dieſen Verhandlungen ge⸗ genſeitig ausgeſprochen hatte, um ſo mehr wurden neue Maß⸗ regeln für die obwaltende Gefahr eines offenen Kampfes noͤ⸗ thig. Der Meiſter benachrichtigt nicht nur alsbald den Papſt über die Art, wie die Friedensverhandlung durch den König vereitelt worden, mit der Bitte, die noͤthigen Mittel gegen dieſen zur Sicherheit des Glaubens zu ergreifen 2) (weil Ja⸗ gal hoͤchſt wahrſcheinlich nur auf Betrieb und in Rücficht des Papſtes dieſes Spiel mit Unterhandlungen vorgenommen hatte), ſondern er ſchließt auch ſchon am dreißigſten April mit den Herzogen Swantebor und Boguslav von Pommern zu Schwez einen Vertrag, durch welchen ſich dieſe für die Sold⸗ super et tercio eciam extitit petitum, ut mihi et ordini meo de iure quod nobis competeret vel competere posset, faverent; es war nicht klar, in welcher Beziehung dicſes geſagt war. Der Satz wurde, wie es ſcheint, abſichtlich unbeſtimmt gelaſſen. Erſt ſpaͤter gab man eine naͤhere Erklaͤrung daruͤber. 1) Er ſagt vom Könige und deſſen Unterhaͤndlern: ipsi plus in- tendebant pacem per modum cominationis obtinere. — Nach ber An: gabe des Hochmeiſters dauerten die Unterhandlungen 10, nach Linden⸗ blatt fogar 28 Tage. Am 1. Mai befand ſich der Meiſter jedoch ſchon wieder in Schwez. 2) Dieß iſt das eben erwähnte Schreiben des Hochmeiſters, dat. : in Curia Eynsedil ipso ascensionis domini a. d. 1388 im Formular: buche p. 23. Der Ordensprocurator, der an den Verhandlungen mit Theil genommen, brachte es dem Papſte ſelbſt mit dem Auftrage, die⸗
Scanseite 518 · Druckseite 504
504 Kriegsverhaͤltniſſe gegen Polen und Litthauen (1388). ſumme von ſechstauſend Gulden dem Orden zu zehnjaͤhrigem Kriegsdienſt gegen Jagal⸗Wladislav und das Königreich Po: len verpflichten. So oft ſie der Orden binnen dieſer Zeit auf⸗ fordert, ſollen ſie ihm mit hundert wohlgewappneten Rittern und Knechten und mit hundert Schuͤtzen, mit Panzer, Eiſen⸗ hüten und Armbruͤſten gerüftet, nebſt vierhundert Pferden zu Dienſt ziehen. Für Koſt und Schadenerſatz verſpricht ihnen der Orden zwoͤlftauſend Schock Boͤhm. Groſchen, wofuͤr die Herzoge mit ihrer ganzen Mannſchaft auf ihre Rechnung leben ſollen. Mittlerweile aber duͤrfen ſie oder ihre Erben ſich mit keinem Fuͤrſten gegen den Orden verbinden. Gelingt es ihnen, im Kriege den Koͤnig oder einen ſeiner Bruͤder oder der Her⸗ zoge gefangen zu nehmen, ſo ſollen ſie dieſe dem Hochmeiſter ausliefern, für den König aber fuͤnfhundert Mark und für je⸗ den gefangenen Herzog hundert Mark vom Orden erhalten; minder vornehme Gefangene dagegen, als Grafen, Freiherren, Ritter und andere ſollen ihnen zugehoͤren. Schließt der Or⸗ den Frieden mit der Krone Polens, ſo ſollen die Herzoge mit inbegriffen werden. Übrigens ſollen in allem die Kriegsleute der Herzoge dem Gerichte des oberſten Marſchalls unterwor⸗ fen ſeyn, dagegen auch ſeines Schutzes genießen. Das Recht ſoll ihnen jeder Zeit geſprochen werden nach dem „Reiſegericht“ oder dem Kriegsgeſetze !). Einige Zeit darauf ſchließt der Mei⸗ fen noch vollſtaͤndiger Mer den ganzen Verlauf der Sache zu benach⸗ richtigen. 1) Das von beiden Herzogen ausgeſtellte Original des Vertrages, dat.: uf dem huſe czur Swetze im Jahr 1388 an dem obunde der heiligen czwelf boten Philippi und Jacobi, im geh. Arch. Schiebl. 50. Nr. 25, in Abſchrift im Cod. Oliv. p. 103. Die urkunde iſt in Ruͤck⸗ ſicht des damaligen Kriegsweſens in vieler Hinficht wichtig und enthält außer dem oben erwähnten Hauptinhalte noch manche andere einzelne Beſtimmung, z. B. uͤber die Auszahlung des Dienſtſeldes, die Berech⸗ nung der Dienſtzeit, die Auswechſelung oder Auslöfung der Gefangenen der Herzoge u. f. w. Merkwuͤrdig iſt auch die Beſtimmung über das Reiſegericht, welches der Ordensmarſchall auf den Kriegszuͤgen uͤbte, worüber es hier heißt: Ouch ſo welle wir das die unſern, die von un⸗ er weyn darkommen, ſullin undirlegin und liden des obirſten marſchal⸗
Scanseite 519 · Druckseite 505
Kriegsverhaͤltniſſe gegen Polen und Litthauen (1388). 505 ſter einen gleichen Vertrag auch mit dem Herzog Wartislav von Stettin und deſſen Sohn Barnim auf funfzehnjaͤhrige Dienſt⸗ zeit und auf eine gleiche Anzahl wohlgeruͤſteter Ritter, Knechte und Schuͤtzen ganz unter denſelbigen Bedingungen, doch ſo daß der Orden dieſem Herzoge ſofort dreitauſend Mark vor⸗ auszahlte ). In gleicher Weiſe trat bald auch das zahlreiche und maͤchtige Geſchlecht der Herren von Wedel mit einer Mann⸗ ſchaft von hundert Rittern und Knechten, hundert Schuͤtzen, die mit Panzer, Eiſenhuͤten und Hundskogeln geruͤſtet ſeyn ſollten, und vierhundert Pferden gegen einen Jahrſold von achtzehntauſend Mark in des Ordens Dienſt ?) und ihrem Bei⸗ ſpiele folgten noch zahlreich andere Pommerſche Edelleute und Ritter). — Dieſe Verhaͤltniſſe mit Polen waren es demnach zunaͤchſt, die dem Orden Anlaß gaben, fremde Soldtruppen in ſeinen Dienſt zu nehmen, denn wenn es auch keineswegs noch an fremden Kriegsgaͤſten fehlte, welche gern nach Preuſ⸗ ſen zogen, um hier Ritterdienſt zu uͤben, ſo kamen ſie theils nicht jedes Jahr und ihre Zahl war nicht immer gleich bedeu⸗ tend, theils aber war jeder Zeit ihr Zweck auch nur der Glau⸗ benskampf mit den Heiden und nur in dieſem ſuchten und fan⸗ den fie das Ziel ihrer Wünfche. Eis gerichte czu Prüfen, durch den willen, das her fie ouch neme in ſyne beſchirmunge, und ſullin vor im gebin und nemen recht, alſo als das reiſegerichte uswiſet und czuſait. 1) Die hieruͤber von den Herzogen ausgeſtellte und mit dem vor⸗ erwahnten Vertrage faſt wörtlich uͤbereinſtimmende Urkunde, dat. Ma⸗ rienburg im J. 1388 am Sonntage naͤchſt vor S. Johannis Bapt. im Cod. Oliv. p. 105. Der Schuldbrief des Herzogs Wartislav über die empfangenen 3000 Mark Schiebl. 51. Nr. 6. 2) Der mit den Herren von Wedel, faſt zwanzig an der Zahl, abgeſchloſſene Vertrag bei Gercken Cod. diplom. T. V. p. 307 und bei Baczko B. II. S. 240; das Original im geh. Arch. Schiebl. 45. Nr. 5. Aus einer andern Urkunde Schiebl. 45. Nr. 4 geht hervor, daß ſie einen Theil des Soldes gleichſam als Handgeld voraus erhielten. 3) Nach einem Vertrage im Cod. Oliv. p. 109 traten unter an⸗ dern auch die Pommeriſchen Edelleute Wirſebant Grymal von Smo⸗ gunez, Domrad von dem Verbome Ritter, Szanze von Phenezy und mehre andere in die Dienſte des Ordens „zu ewiger Zeit.“
Scanseite 520 · Druckseite 506
506 Einfall der Polen in Mafovien (1388). Nach ſolchen Vorgängen nahm das Jahr feit dem Som⸗ mer eine ſehr kriegeriſche Geſtalt an, denn plotzlich erſchienen im Juli Herzog Witowd, ſein Bruder Konrad nebſt den Fuͤr⸗ ſten Kariebut und Wigand 1), des Polniſchen Königes Bruͤ⸗ der, mit einer ſtarken Heeresmacht in Maſovien vor der dem Orden verpfaͤndeten Burg Wisna und es gelang dem Feinde mit Huͤlfe und durch Verraͤtherei der um die Burg wohnen⸗ den Polen, die ſich zum Theil ins feindliche Heer geflüchtet und mit der Örtlichfeit der Burg genau bekannt waren, die Feſte zu erobern. Weil man den Hochmeiſter durch zugebrachte falſche Berichte uͤber die Beſtimmung dieſes in Maſovien ein⸗ brechenden Heeres getaͤuſcht hatte und die Verraͤtherei der Po⸗ len um ſo befremdender war, da der bisherige Friede zwiſchen Polen und dem Orden noch durch nichts verletzt worden, fo gab auch von dieſem feindfeligen Schritte der Meiſter dem Papſte getreue Nachricht, um ihm zu beweiſen, was man von den chriſtlichen Geſinnungen jener Fuͤrſten zu halten habe und welche ſchwere Gefahren der Kirche und den nahen chriſtlichen Be⸗ wohnern aus dem Heidenlande noch fort und fort drohten. Und da von Wisna aus, als dem Sammelpunkte raͤuberiſcher Streifhorden, wie ſchon fruͤher, ſo auch fernerhin von Lit⸗ thauern und Ruſſen fuͤr die nahen Ordenslande viel zu be⸗ fürchten war, fo bat der Meiſter den Papſt aufs dringendſte um ein nachdruͤckliches Mittel, ſolchem Übel vorzubeugen 2). 1) Vgl. uͤber dieſe Fuͤrſten die Beilage zu Lindenblatt S. 367. Der Hochmeiſter nennt in ſeinem Berichte auch noch einen Fuͤrſten Georius, ſagt aber nicht, ob er mit Witowd und dem Könige von Polen verwandt geweſen. 2) Dieſer Bericht des Hochmeiſters an den Papſt, dat.: Marien- burg ipso die s. Laurencii an. 1388 im Formularbuche p. 28. über die Art, wie man den Hochmeiſter getaͤuſcht hatte, heißt es: Cum Lit- wani in principio prefatum exercitum in Polonia congregaverant, fecerunt fieri rumorem, quod cum ipso conducere vellent regem Po- lonie ad diem et terminum placitorum inter serenissimum principem et dominum meum gratiosum Regem Ungarie et ipsum regem Po- lonie observandum, sieque per Poloniam transitum facientes prefa- tam proditionem perpetrarunt. Ex quibus Sanctitas vestra intelli- \
Scanseite 521 · Druckseite 507
Kriegszug nach Litthauen (1388). 507 Alſo war nach mehrjaͤhriger Ruhe die Fackel des Krieges von neuem entzuͤndet und ſchon im Herbſt dieſes Jahres brach auch der neue Ordensmarſchall Engelhard Rabe mit dem Groß⸗ komthur und mehren andern Gebietigern an der Spitze eines ſtarken Heeres nach Litthauen auf, um dort Vergeltung zu üben. Man hatte zuvor das Gerücht verbreitet, der Marfchall werde gegen Wisna ziehen 1); allein er drang zuerſt nach Sa⸗ maiten ins Gebiet Romayne oder das alte Romove ein und warf ſich dann oſtwaͤrts vor die Burg Wiſſewalde ), wo Her⸗ zog Skirgal jedoch die Mauern fo tapfer vertheidigte und das Ordensheer ſo bedeutenden Verluſt erlitt, daß es die Belage⸗ rung aufgab, um eine andere Burg Wilkenberg zu erſtuͤrmen. Als indeſſen die Beſatzung, zur Gegenwehr zu ſchwach, das feindliche Heer nahen ſah, ſteckte ſie die Burg in Brand und entfloh, um nicht dem Feinde in die Haͤnde zu fallen. Zwoͤlf Tage zog darauf der Marſchall heerend und pluͤndernd in den Gegenden der Nerie oder Wilia umher und machte zahlreiche Gefangene. Eben trat er die Ruͤckkehr an, als ihm Herzog Skirgal einen Verhandlungstag zur Auslöfung der Gefange⸗ nen entbieten ließ. Es ward Waffenruhe auf vierzehn Tage geſchloſſen und auf dem Werder an der Dobife fand die Verhandlung zwiſchen dem Herzoge, dem Marſchall, dem Großkomthur und Treßler auch wirklich Statt; allein ſie hatte, wie es ſcheint, keinen Erfolg) und das Ordensheer gere potest, an per Polonos pax et concordia, ut premittitur, ſacte et firmate sint bona fide observate. Übrigens ſpricht von der Sache auch Eindenblatt ©. 64. 1) Elbing. Kriegsbuch, wo der Auszug des Kriegheeres in die erſte Woche des Septemb. geſetzt wird. 2) Nach den Wegeverzeichniſſ. muß dieſe Burg nahe an der Nerie oder Wilia gelegen haben. 3) Skirgals Zuſicherung des Waffenſtillſtandes liefert uns eine Ur⸗ kunde mit der Unterſchrift: Seriptum prope Cowno in crastino b. Martini Episcopi et confessor. a, d. 1388 im Formularbuch p. 23. Sich ſelbſt nennt der Fuͤrſt hier: Schirgalo Dei gratia dux lithuanie et dominus Tracens. et Polocens. Witowd wird in dieſer Urkunde mit
Scanseite 522 · Druckseite 508
508 Herzog Wilhelm von Geldern (1388). zog durch Samaiten unter Raub und Brand nach Ragnit zuruͤck ). Waͤhrend aber der Hochmeiſter ſein Augenmerk auf Po⸗ len und Litthauen richtete, traten im weſtlichen Nachbarlande Ereigniſſe ein, die ihn ſelbſt in Zwiſt mit einem ſeiner naͤchſten Verbuͤndeten ſetzten. Die Herzoge Wartislav und Boguslav von Pommern hatten dem Orden auch nach dem Abſchluſſe des erwaͤhnten Huͤlfsvertrages noch manchen Beweis ihrer freund⸗ lichen Geſinnungen gegeben; insbeſondere waren ſie ihm bei der Erwerbung des reichbevoͤlkerten Dorfes Nothagen, welches der Meiſter von den Bruͤdern Mazke und Ulrich von Bork durch Kauf erworben, ſehr foͤrderlich geweſen und hatten ihm hier Freiheiten bewilligt, die dem bisherigen Beſitzer nie zugeſtan⸗ den waren 2). Da geſchah eines Tages, daß gegen das Ende dieſes Jahres ), während Wartislav zum Könige von Daͤne⸗ mark gezogen war, der Herzog Wilhelm von Geldern, der nach einem in ſeinem Kriege mit dem Koͤnige von Frankreich abgelegten Geluͤbde ) mit einer Anzahl reiſiger Kriegsleute dem Orden gegen die Litthauer zu Huͤlfe ziehen wollte und ſeinen Weg durch das Gebiet der genannten Herzoge nahm, von ei⸗ nem Hauptmanne derſelben, Eckard von dem Walde, welcher ſich mit vierzig Rittern nebſt deren Knappen und Kriegsleuten verbunden hatte 3), auf offener kaiſerfreien Straße bei der Stadt feinem zweiten Taufnamen Alexander genannt und als dux lithuanie et dominus kernoviensis bezeichnet. 1) Wigand. p. 301. Lindenblatt S. 64. 2) Urk. der Herzoge, dat.: Hammerſtein 1388 am Sonnt. vor Corpor. Chriſti im geh. Arch. Schiebl. 50. Nr. 23. 3) Am S. Lucien⸗Tage oder 13. Decemb., wie der Hochmeiſter ſelbſt angiebt; ſ. Lindenblatt S. 65. 4) Alte Preuff. Ehron. p. 41, wo erwähnt wird, er habe das Geluͤbde gethan, ſofern er als Sieger aus dem Kampfe ſcheiden werde; Corner. Chron. p. 1156 deutet dieſes ebenfalls an. 5) Die angeſchenſten von ihnen giebt uns eine ſpaͤtere Urkunde des Biſchofs von Pomeſanien an; es werden genannt: Ekhardus von dem Walde Junior, Comes de Dewiez habitans in Dobern, Johannes von Lantkow habitans in Norenberg, Paulus Krancsporn, Rayma -
Scanseite 523 · Druckseite 509
Herzog Wilhelm von Geldern (1388). 509 Schlawe darnieder geworfen, in Feſſeln gelegt, von Dorf zu Dorf geſchleppt und endlich nach der Falkenburg, einer Feſte des Markgrafen Johann von Brandenburg ), gebracht wurde, wo man ihn in einen finſtern Kerker ſperrte. Erſt nach eini⸗ ger Zeit ward das Ereigniß in Preuſſen bekannt, und erregte im Orden ein gewaltiges Aufſehen, nicht nur weil die ſchnoͤde That in einem befreundeten Lande durch einen Dienſtmann der Herzoge von Pommern geſchehen, ſondern Herzog Wilhelm auch unter ſicherem Geleite gereift war, zumal als ſich ſogar das Gerücht verbreitete, die Herzoge von Pommern ſelbſt hät- ten den Befehl zu Wilhelms Niederlegung gegeben ). Da man von keiner Zwietracht zwiſchen Eckard von dem Walde und dem Orden wußte, ſo geſchahen Anforderungen an die Herzoge und zwar zunaͤchſt an Herzog Boguslav, Wartislavs rus Pudewilsch, Woldike vom Walde, Lange Henning vom Walde, Woldike frater Henninges vom Walde, Henning vom Wedel von Meldyn, Hans von Wedel von Mumenberg, Hans von Wedel de Falkenberg, Maczke Borke von Stramele, Gernold von Dens czur Dewir, Zeiezik von Bolczin, Michel Mantüfel von Bolczin, Reymar Pudewelsch in Berenwalde in Czulchhain, Michel Pudewels circa Berenwalde etc. Eckard vom Walde nennt die alte Preuſſ. Chron. p. 42 „des herczogen obirſte hoptmann“ und ſo auch der Hochmeiſter in einem ſeiner Briefe. 1) Nach einem Briefe des Hochmeiſters hieruͤber an den Roͤmiſchen König, worin er dieſem den ganzen Hergang der Sache erzählt, im Regiſtrant p. 97. 2) So Lindenblatt S. 65. Wigand. p. 301 ſpricht ſehr kurz über die Sache. Detmar S. 344. Corner. Chron. I. c. In Fros- sardi Historiar. epitome in Rer. Britan. Scriptores vetustiores p. 555 heißt es: Post Gallorum abitionem, Geldrus, otii et quietis impatiens, milite conscripto, in Prusiam ibat. Evenit ut per Germaniam iter faciens caperetur. Prusiae vero magnates, armorum vi rursus illum eximere, profugiente eo qui ceperat, ne in hostium adventantium potestatem redigeretur. Ille vero, quamquam amicorum praesidio factus erat liber, et belli jure deperditum statum eadem ratione re- cuperasset: tamen hosti datam fidem servare volens, ut ad prae- scriptum certo tempore locum venit, de libertate cum illo pactus est. De Wal T. IV. p. 40 erzählt die Sache nach Froissard Hist. et chronolog. T. III. p. 326.
Scanseite 524 · Druckseite 510
510 Herzog Wilhelm von Geldern (1389). Bruder, den gefangenen Fürften fofort frei zu laſſen. „Wir bitten, ſchrieb ihm der Hochmeiſter, und warnen euch als un⸗ ſern beſondern Freund, daß ihr eueren Ernſt dazu wendet, daß der Fuͤrſt ledig werde und daß nicht Noth ſey, Krieg und Un⸗ gluͤck zwiſchen euch und uns anzuheben, weil von Gottes Gnade ſolches nie zwiſchen den Herzogen von Stettin und dem Or⸗ den geweſen iſt. Sollte denn nun Krieg und Ungluͤck zwiſchen uns entſtehen, das wäre uns von Herzen leid ).“ Da in deſſen dieſem Worte der Guͤte nicht Genuͤge geſchah und Her⸗ zog Wartislav auf einem daruͤber angeſetzten Verhandlungs⸗ tage zu Lauenburg nicht erſchien, vielmehr die Nachricht ſich verbreitete, der Koͤnig von Polen ſey bei der Gefangenneh⸗ mung des Herzogs mit im Spiele, man wolle dieſen nach Po⸗ len entfuͤhren und ihn dort abſchaͤtzen oder nach Litthauen und Rußland bringen, wo fuͤr ſeine Befreiung nichts mehr geſche⸗ hen koͤnne; fo berieth ſich der Hochmeiſter mit feinen Gebie⸗ tigern und mehren anweſenden fremden Rittern uͤber des Or⸗ dens Pflicht zur Freiſtellung des fuͤrſtlichen Kriegsgaſtes 2), und ſofort brach im Februar des Jahres 1389 der Ordens⸗ marſchall, der Großkomthur und der Komthur von Chriſtburg mit einem Heere und allen Kriegsgaͤſten, deren freilich wegen des am Herzoge von Geldern begangenen Frevels nur wenige gekommen waren, in Pommern ein ). Die Stadt Falken⸗ burg ward umlagert, ſtark beſchoſſen und fo heftig beſtuͤrmt, daß ſie ſich in drei Tagen ſammt der Burg ergeben mußte. Es ward ein Vertrag geſchloſſen, nach welchem die Gebietiger Falkenburg im Beſitze behalten und ſich ihnen eine Anzahl Pommeriſcher Ritter zu Gefangenen ſtellen ſollten, bis der Her⸗ zog mit allen den Seinen, die hie und da zerſtreut waren, in Freiheit geſtellt und ihm alles Geraubte zurckgegeben oder er⸗ er © 1) Brief des Hochmeiſters im Regiſtrant. des HM Konrad ZU: . 83. — 20 Brief des Hochmeiſt. an den Rom. König a. a. O. 3) Lindenblatt S. 66 und Wigand. I. c. übereinſtimmend mit einem Briefe des Herzogs Wartislav in Hanſeat. Receſſ. Nr. I. p. 294; Brief des Hochm. an den Rom. König a. a. O.
Scanseite 525 · Druckseite 511
Herzog Wilhelm von Geldern (1389). 511 ſtattet ſeyn werde!). Herzog Wilhelm aber weigerte ſich, ſei⸗ nen Befreiern zu folgen, weil er Eckarden von dem Walde fein fürftliches Ritterwort gegeben, ſich feiner Haft auf keine Weiſe zu entledigen, und Eckard, der allein ihn davon frei ſprechen konnte, ſich beim Herannahen des Ordensheeres ge⸗ fluͤchtet hatte?). Nachdem daher die Burg und Stadt mit Mannſchaft ſtark beſetzt worden, brachen die Gebietiger, den Herzog dort zuruͤcklaſſend, in die Guͤter Eckards von dem Walde und aller andern Theilnehmer der That mit furchtbarer Ver⸗ wuͤſtung ein, erftürmten und vernichteten zwei ihrer Burgen Fulkow und Bukow nebſt mehren ihrer Schlöffer ), brann⸗ ten die Doͤrfer nieder und durchraubten alles auf die ſchreck⸗ lichſte Weiſe ). Mazke von Bork, einer der Theilnehmer, ſtellte ſich ſelbſt als Gefangenen und mußte eidlich verſprechen, alles herauszugeben, was bei des Herzogs Gefangennehmung in ſeine Haͤnde gekommen ſey und ſo lange in des Ordens Gewalt zu bleiben, bis der Herzog die Freiheit erlangt ). Selbſt die Stadt Coͤslin erfuhr die Rache der Ordensgebieti⸗ ger, weil die Buͤrger kurz zuvor den Großkomthur, der auf einer Geſandtſchaftsreiſe zum Roͤmiſchen Koͤnige die Stadt be⸗ 1) Die Hauptpunkte des Vertrages im Briefe des Hochm. an den Roͤm. Koͤnig a. a. O. 2) Dieß deuten ſchon Lind enblatt a. a. O. und Detmar S. 347 an. Die Sache klaͤrt ſich aber völlig auf durch eine gleichzeitige Schrift im Buche: Dieß ſind die Privileg. von Livland, wo es heißt: Alz uns got half, daz wir huſe und ſtat gewunnen, do was der Her⸗ czoge von Gelner mit in der ſtat, der uns ſere bat uf alle fruntſchaft, daz wir in wolten laſſen czu Valkenburg und ſprach, wie daz ſin ge⸗ luͤbede ſtuͤnde, daz er nymer uz Valkenburg wolte komen, ez were mit Echardis vom walde willen, alſo daz wir dorczu teten ein ſwigen bis ken mitvaſten. Ebenſo die alte Preuſſ. Chron. p. 42. 3) Der Hochmeiſter nennt ſie „Kraenneſter, di ſie ſloß nennen.“ 4) Der Herzog Wartislav ſchildert in dem erwähnten Briefe die Sache ſehr arg. Er ſagt: Si hebben unſe land gerovet, ſchinnet und gebrand, unſe luͤde jemmerliken geſlagen, gevangen und gemordet, vrou⸗ wen an eren eeren gekrenket, unſe man und ſtede up ein unrecht up grot arbeyt und ſcaden gebracht u. ſ. w. 5) Brief des Hochm. an den Röm. König.
Scanseite 526 · Druckseite 512
512 Herzog Wilhelm von Geldern (1389). ruͤhrt, unehrerbietig behandelt hatten; denn nachdem ſie dem Or⸗ densheere die Thore geöffnet, mußten fie mit eigenen Haͤnden einen Theil ihrer Stadtmauern niederreißen ). Die Gebieti⸗ ger kehrten hierauf nach Preußen zuruͤck; Falkenburg blieb in des Ordens Beſitz und der Herzog Wilhelm verweilte dort bis in den Maͤrz in Gefangenſchaft 2). Da ging man in Marienburg zu Rathe. Sowohl die Ordensgebietiger als die fremden Kriegsgaͤſte faßten die An⸗ ſicht: da man Falkenburg gewonnen, ſo habe man hiedurch auch Macht uͤber den Herzog gewonnen; man koͤnne und man muͤſſe ſich ſeiner bemaͤchtigen, um ihn nicht in des Koͤniges von Polen Gewalt fallen zu laſſen. Auch der Meiſter theilte dieſe Meinung und ſandte alsbald den Ordenstrapier Hans Marſchall von Froburg nebſt mehren Komthuren mit einem Heerhaufen gen Falkenburg vor. Dort griff man den Herzog auf, legte ihm eine Kette an und fuͤhrte ihn wie einen Ge⸗ fangenen bis nach Dirſchau ). Allein er erklaͤrte nicht nur fort und fort, ſeine Befreiung ſey wider ſeine Ehre, ſondern er brach oft in ſo wunderliche Verwuͤnſchungen aus, daß man beſorgen mußte, er werde ſich an ſeinem Leben vergreifen oder 1) Lindenblatt a. a. OG. Wigand. I. c. Die alte Preujf. Chron. p. 42 fuͤgt noch hinzu: Daz hus, do der groſe kumpthur ynne geſmehet waz, muſten ſy czu hant yn den grunt brechen und des wir⸗ tes geflecht aws der ſtad weiſen. 2) Detmar S. 347—348 ſpricht uͤber die Sache nicht deutlich; die unten näher bezeichneten Briefe des Hochmeiſters vom 14. und 18. Juni 1389 ergeben aber klar, daß der Herzog um dieſe Zeit noch nicht frei war. Ganz richtig ſetzt daher Lindenblatt S. 69 die Freilaſ⸗ fung erſt auf Affumtion. Mariä (15. Aug.). überhaupt weichen die Schriftſteller in ihren Berichten vielfältig ab, worüber De Wal T. IV. p. 41—42. 8) Brief des Hochm. an den Roͤm. König, wo es heißt: „und wurden czu rate und ſanten den komtur von Kirsburg mit andern un⸗ ſern gebitigern und mit gewapent luͤten ken Valkenburg und den her⸗ czogen do andirwyde vahen und liſen in fpennen in ein kete mit dem graffen von Kyburg und fuͤren in das lant czu Pruͤſſen.“ Ohne Zwei⸗ fel war dieß alles nur Maske.
Scanseite 527 · Druckseite 513
Herzog Wilhelm von Geldern (1389). 513 dem Leben anderer gefährlich werden. Es blieb dem Meifter kein anderes Mittel zur Beſaͤnftigung uͤbrig, als ihn nach ſei⸗ nem Willen wieder gen Falkenburg zuruͤckkehren zu laſſen, um dort zu verweilen, bis ſeine Befreiung auf eine andere Weiſe zu bewirken ſey ). Es gingen nun mehre Monate in frucht⸗ loſen Unterhandlungen zwiſchen den Herzogen von Pommern und dem Meiſter hin 2). Selbſt auswaͤrtige Fuͤrſten, von der Sache benachrichtigt, boten ihre Vermittlung an; der Roͤ⸗ miſche Koͤnig ſandte eine Botſchaft, die alles zur Befreiung des Fuͤrſten aufbot und es wurde auch wirklich ein neuer Be⸗ rathungstag zwiſchen den Herzogen und dem Meiſter anbe⸗ raumt. Da jedoch mittlerweile Herzog Wilhelm Briefe vom Koͤnige von Polen und Eckard von dem Walde bekommen hatte, die offenbar den Zweck verriethen, ſeine Freilaſſung für andere Plane zu erkaufen, ſo warnte ihn der Meiſter vor den Fallſtricken dieſer ſeiner Feinde und rieth ihm zugleich, die empfangenen Briefe dem Roͤmiſchen Koͤnige zuzuſenden, damit dieſer die Umtriebe des Koͤniges von Polen kennen lerne ). Nachdem aber auch der aufgenommene Verhandlungstag zu Hammerſtein ohne Erfolg geblieben war, griff der Meiſter endlich zu ernſten Maßregeln und ließ alle diejenigen, die das Buͤndniß der Herzoge mit dem Orden verbuͤrgt hatten, nach Recht und Sitte auffordern, als Gefangene nach Marienburg einzureiten, bis die Herzoge dem Rechte Genuͤge geleiſtet, ein Schritt, woruͤber ſich dieſe aufs bitterſte beklagten ). Er 1) So der gleichzeitige Bericht im Buche: Dieß ſind d. Privil. v. Livl., womit die alte Preuſſ. Chron. p. 42 uͤbereinſtimmt. 2) Brief des Hochmeiſt. an den Herzog im Regiſtrant. p. 56. 3) Dieſer Brief des Hochmeiſt., dat. Oſterode Mont. nach Zrini- tat. im Regiſtrant. p. 35 beweiſt es ſchon deutlich, daß der Herzog um dieſe Zeit noch nicht in Preuſſen war, denn der Hochmeiſter rieth ihm, er ſolle nur ja mit dem Könige keinen Tag „beuſen (außerhalb) der Stad Valkenberg“ aufnehmen. Damit ſtimmt auch der erwähnte gleichzeitige Bericht uͤberein. 4) Brief des Hochmeiſt. dat. Elbing Freit. nach Corpor. Chriſti (18. Juni) im Regiſtrant. p. 34 vgl. mit p. 43. V. 33
Scanseite 528 · Druckseite 514
514 Herzog Wilhelm von Geldern (1389). hatte aber den Erfolg, daß es nun ganz außer Zweifel ge⸗ ſetzt ward, daß die Gefangennehmung des Herzogs auf heim⸗ lichen Antrieb des Königes von Polen geſchehen ſey !). Die Herzoge bewirkten, daß Eckard von dem Walde, dem der Koͤnig bereits als Hauptmann die Burg und das Gebiet von Nakel eingegeben hatte, den gefangenen Fuͤrſten von ſeinem Ritterworte frei ſprach, zumal da der Biſchof Johannes von Pomeſanien ihm wie allen Theilnehmern der That mit dem Banne gedroht hatte, weil der Herzog von Geldern als Pil⸗ grim unter dem unmittelbaren Schutze des Roͤmiſchen Stuh⸗ les geſtanden ). So ward dieſer endlich nach faſt ſiebenmo⸗ natlicher Haft wieder frei geſtellt, nachdem der Hochmeiſter in ſeinem und des Ordens Namen hatte erklaͤren muͤſſen, daß er niemals weder am Koͤnige, noch an Eckard von dem Walde wegen der Unbill Rache üben wolle). Herzog Wilhelm er: ſchien nun in Preuſſen und vom Hochmeiſter zu Elbing aufs ehrenvollſte empfangen, wanderte er zunaͤchſt in die Kirche zu Juditten in Samland, um da zum Dank fuͤr ſeine Befreiung dem Heiligthum der heiligen Jutta und Katharina ſeine Ver⸗ 1) Im erwaͤhnten Berichte heißt es ausdruͤcklich: So thu wir uͤch czu wiſſen, das Echart vom walde und Maczke Borke und ettliche von Wedel offenbar ſprechen, ſie haben den Herzogen Gelner gevangen und dornidergezogen von geheyſſes irs erbeherren des koͤniges von Polen, des wir ouch ir brife haben, die ſie uns czugeſchriben haben vor ein unſchuldunge undir irn infygeln- 2) Die Originalurkunde des Biſchofs, der ſich als Conservator et Judex unicus ad infrascripta specialiter a sede apostolica deputatus bezeichnet, dat.: in Castro nostro Resinburg a. d. 1389 XIX die mensis Junii im geh. Arch. Schiebl. LI. Nr. 5. Es werden darin alle Theilnehmer der That namentlich aufgeführt und es wird auch hier Bezug genommen auf die fruͤher erwähnte Bulle Alexanders IV. Den Herzog nennt der Biſchof einen peregrinus in subsidium terre Prusie et defensionem christianitatis ad illas partes accedens. 3) Die Urkunde hierüber, dat. Schlochau a. d. 1389 am Mont. nach Jacobi (26. Juli) in Abſchrift im geh. Arch. Schiebl. 62. Nr. 1 b. Auch aus ihr geht die obige Behauptung in Beziehung auf den Koͤnig von Polen ganz deutlich hervor. Vgl. Detmar S. 348.
Scanseite 529 · Druckseite 515
Neue Zwiſtigkeit d. Ordens m. d. Herzege v. Pommern (1389). 515 ehrung zu bezeigen ). Allein der Unfriede zwiſchen dem Or⸗ den und den Herzogen war noch keineswegs beſchwichtigt; vielmehr ward er dadurch noch immer mehr geſteigert, daß die letzteren nicht aufhoͤrten, wegen der Verheerungen in Pom⸗ mern hinlaͤnglichen Erſatz zu fordern und deshalb ſelbſt des Ordens Unterthanen in Anſpruch nahmen, waͤhrend der Hoch⸗ meiſter Vergütung ſeiner Kriegskoſten und der langen Beſetzung von Falkenburg verlangte 2). Im Laufe dieſer Ereigniſſe aber waren die Verhältniffe zwiſchen dem Orden und den Pommeriſchen Fürften auch da⸗ durch noch mehr getruͤbt worden, daß der Herzog von Stolpe einen Geſandten des Schwediſchen Reichsrathes, Claus Plate, der dem Hochmeiſter Briefe uͤberbracht, auf der Ruͤckkehr noch innerhalb des Ordensgebietes auf offener Heerſtraße hatte auf⸗ fangen und nach Stolpe bringen laſſen, wo man ihn aller ſeiner Habe beraubt. Zwar gelang es dem Meiſter auf ſeine dringenden Mahnungen an den Herzog den Geſandten frei zu erhalten, um uͤber die Anklage des Herzogs, er ſey ein Ver⸗ raͤther, zu Marienburg eine Unterſuchung fuͤhren zu laſſen. Da indeſſen der letztere einer ſolchen abſichtlich auszuweichen ſuchte, auch keine Bevollmächtigten fandte, fo gewann auch dieſe That des Herzogs den Schein eines feindſeligen Miß⸗ 1) So die alte Preuſſ. Chron. p. 42. Sie laͤßt darauf den Her⸗ zog, der nur auf die Hand frei geſtellt war, noch einmal nach Falken⸗ burg zuruͤckgehen und dann erſt eine foͤrmliche Auswechſelung der ge⸗ genſeitigen Gefangenen zwiſchen dem Ordensmarſchall und Eckard von dem Walde erfolgen, wobei auch der Herzog völlig frei gegeben wird und zwar vertragsmaͤßig ohne Löfegeld, obgleich er dennoch eine bes ſtimmte Summe, wie es ſcheint, freiwillig entrichtet. 2) Die gegenſeitigen Briefe hierüber theils im Regiſtrant. des HM. Konrad Zöllner p. 39 — 43, theils in Hanſcat. Receſſ. Nr. I. p. 294 ff. Der Hochmeiſter unterrichtete über den Verlauf der Dinge auch die Herzoge von Stettin, Meklenburg, und Wolgaſt, die Staͤdte euͤbeck, Sund, Wismar, Kolberg u. ſ. w., um den ungerechten An⸗ klagen des Herzogs von Stolpe im voraus zu begegnen; Regiſtrant p. 42. Er giebt den Schaden, den er durch die Gefangennehmung des Herzogs von Geldern erlitten, auf anderthalb tauſend Gulden an. 33 *
Scanseite 530 · Druckseite 516
516 Verhandlungen mit Polen (1389). trauens gegen den Orden, zumal bei der Art, wie ſich der Herzog im Laufe der Verhandlungen ſelbſt benahm ). Durch dieſe und aͤhnliche Verhaͤltniſſe aber war nach und nach ſo viel Stoff zur Feindſchaft zwiſchen dem Orden und dem Her⸗ zoge von Pommern gehaͤuft, daß es endlich zu einem foͤrmli⸗ chen Bruche ihres Vertrages und zur Anknuͤpfung eines Buͤnd⸗ niſſes zwiſchen dem Koͤnige von Polen und dem Herzoge von Pommern kam. Theils moͤgen es dieſe Verhaͤltniſſe geweſen ſeyn, theils war es vorzuͤglich die durch das ganze Jahr fortwaͤhrende Krankheit des Hochmeiſters, die ihn bewogen, die feindſelige Spannung zwiſchen Polen und dem Orden, welche von Tag zu Tag bald in Störungen des Friedens unter den Graͤnzbe⸗ wohnern an der Drewenz, bald in Belaͤſtigungen und Aus⸗ pluͤnderungen Preuſſiſcher Kaufleute in Polen mehr hervor⸗ brach 2), auf einem guͤtlichen Wege fo viel als möglich aus⸗ zugleichen. Ein Verhandlungstag zu Solicz an der Weichſel führte zu keinem Erfolge ); auf einem zweiten aber zu Nei⸗ denburg, wo von Seiten des Ordens der Großkomthur Kon⸗ rad von Wallenrod, der Oberſt⸗Spittler Siegfried Walpot 1) In einem Notariatsinſtrument, dat.: Buͤthow am Abend un⸗ ſers Herrn Auffahrt 1389 im geh. Arch. Schiebl. 79. Nr. 1. erzählt Claus Plate den Verlauf der Sache ſelbſt, jedoch nicht ſo, daß alle Dunkelheit verſchwaͤnde, denn wenn er ſelbſt ſagt: „als der Tag zu Marienburg ohne Erfolg verlaufen ſey, weil die Pommern nicht ge⸗ kommen wären, fo habe er vom Hochmeiſter urlaub genommen, um wegzureiſen; da habe ihn dieſer aber fahen, in einen Thurm werfen und am dritten Tage ſogar in Ketten legen laſſen,“ ſo ſieht man nicht recht ein, warum dieſes geſchah. In einem Briefe des Hochmeiſters an den Herzog um Pfingſten 1389 erſucht er dieſen um Auslieferung des dem Claus Plate geraubten Geraͤthes an Werth 320 Gulden; Regi⸗ ſtrant des HM. 2) Daruͤber das Naͤhere im Regiſtrant. p. 33. 52. Einmal klagt der Hochmeiſter: Ceterum dilectioni vestre scripsimus conquerentes, quomodo Capitaneus Kalisiensis nostros de Thorun minus juste ab- latis pecuniis et ceteris rebus captivitati ınancipavit et usque hodie ablata reddere non curans detinet captivatos. 3) Daruͤber das Weitere im Regiſtrant. p. 35.
Scanseite 531 · Druckseite 517
Verhandlungen mit Polen (1389). 517 von Baſſenheim, der Oberſt-Trapier Hans Marſchall von Froburg, der Komthur zu Thorn Ludwig Wafeler, der Kom⸗ thur zu Engelsberg Balduin von Frankenhofen und der Bi⸗ ſchof Johannes von Pomeſanien, von Seiten des Koͤniges da⸗ gegen der Herzog Skirgal von Litthauen, Herzog Semovit von Maſovien, der Biſchof von Poſen und mehre andere geiſt⸗ liche und weltliche Herren erſchienen ), legten die Ordensge⸗ ſandten als Grundlage zum Frieden abermals die drei ſchon früher erwähnten Forderungen wegen Auslöfung oder Freigabe der gefangenen Ordensritter, wegen Sicherſtellung der Ordens⸗ lande gegen die Litthauer (woruͤber man die naͤhere Beſtim⸗ mung dem Papſte und dem Kaiſer uͤberlaſſen wollte) ) und wegen Zugeſtaͤndniß desjenigen Rechtes vor, welches dem Or⸗ den nach Beweiſen durch paͤpſtliche Bullen und kaiſerliche Pri⸗ vilegien zuſtehe. Es ward ſechs Tage uͤber die Sache verhan⸗ delt und uͤber die beiden erſten Forderungen ſchien man ſich jetzt zu verſtaͤndigen. Was den dritten Punkt betraf, ſo er⸗ klaͤrten die Bevollmaͤchtigten des Koͤniges, daß ſie nicht ver⸗ ftänden, was der Orden unter dem Rechte eigentlich begreife, welches er vom Koͤnige fordere. Als hierauf aber die Ordens⸗ geſandten mit der Eroͤffnung hervortraten; unter jenem Rechte verſtehe man alle Anſpruͤche, welche der Orden durch die Schen⸗ kungsbriefe des Königes Mindowe, durch die Bullen Innocenz des Vierten und Alexander des Vierten, wie nicht minder durch die Verleihungsurkunde des Kaiſers Friederich uͤber die Lande Samaiten, Litthauen und alle umhergelegenen Gebiete, die der Orden den Heiden mit Waffengewalt abgewinne, ſchon vor langen Zeiten erhalten habe ), erwiederten die Gegner 1) So nennt fie der von den Polniſchen Bevollmächtigten für die Preuſſiſchen ausgeſtellte Geleitsbrief, dat.: in Chmelmy villa in vigil. Penthecost. a. d. 1889 Schiebl. LVII. Nr. 27, auch die Verhandlungs⸗ urkunde im Regiſtr. p. 35. 2) Regiſtrant p. 36. 47. 3) Man gruͤndete dieſes Recht auf acht urkundliche Verleihungen, namlich auf fünf Schenkungsbriefe des Koͤniges Mindowe von 1258, 1255, 1257, 1259 und 1260 (ſ. oben B. III. S. 176), auf eine päpft:
Scanseite 532 · Druckseite 518
518 Schreiben des Roͤm. Königs Wenceslav an K. Jagal (1389). im Zorne: „Nun ſehen wir es wohl, daß ihr nach nichts an⸗ derem ſtehet als nach dem Lande Litthauen und daß ihr mit unſerem Herrn dem Koͤnige nicht um den Chriſtenglauben, ſon⸗ dern um dieſes Landes willen krieget.“ Und ſofort brach alle Unterhandlung ab, nachdem man dem Orden noch den Vor⸗ wurf gemacht, daß er auch durch die Fehde gegen Eckard von dem Walde ſich an dem Koͤnige ſchwer vergangen habe, „weil Eckard des Koͤniges von Polen Mann und ſein getreuer Die⸗ ner ſey.“ So war des Meiſters Hoffnung auf Frieden abermals ge⸗ taͤuſcht. Er fandte ſofort einen genauen Bericht über den Aus⸗ fall dieſer Verhandlung an die vornehmſten Deutſchen Fuͤr⸗ ſten ); insbeſondere aber benachrichtigte er davon durch eine Botſchaft des Großkomthurs und zweier anderer Gebietiger auch den Roͤmiſchen König Wenceslav, welcher bald darauf dem Koͤnige von Polen 2) in einem ſehr ernſten Schreiben nicht nur das Ungerechte in feiner halsſtarrigen Weigerung we⸗ gen Auslöfung der Gefangenen vorwarf, ſondern es auch nach⸗ druͤcklich tadelte, daß er gegen das Volk der Litthauer, wel⸗ ches ſich in früherer Zeit in feinem Glauben nicht eben ſehr feſt und beſtaͤndig gezeigt, in Ruͤckſicht eines neuen moͤglichen liche Beſtaͤtigung jener Schenkungen von Innocenz IV, auf eine Bulle Alexanders IV, in welcher er dem Orden verliehen habe „alle dy land, riche, gegenote, burge, Stete, Huße, Dorfer und allirlei land, dy di bruder mogen krigen und gewinnen von den heiden,“ und endlich auf ein Verleihungsprivilegium Friederichs II über alle jene Lande zu ewi⸗ gem Beſitze, worüber es heißt: Fredericus der keiſer hat dem Orden gegeben alle land und ſtuͤkke der lande ewiclichen czu beſitzen, wider dy der Orden mit herſchilde volczuͤet und alz ferre des ordens fane wirt gefeen. Item derſelbe keiſer Fredericus hat vorlegin den bruͤdern des Ordens alle land mit iren czugehorungen, dy ſy gewinnen und irkri⸗ gen von den heyden, den ungelowbigen und den ketzern, und geſchege is ouch, das ſy von gotis vorhengniß wurden wider vortrebin, fo fal man ſy doch widerkeren und In gebin in dy erſte beſiczunge. 1) Dieſer Bericht, ohne Datum, im Regiſtrant. p. 36, giebt den Verlauf der Verhandlung ziemlich vellftändig. 2) Rex Cracovie, wie ihn Wenceslav in feinem Briefe nennt.
Scanseite 533 · Druckseite 519
Schreiben des Roͤm. Könige Wenceslav an K. Jagal (1389). 519 Rückfalls keine Sicherheit ſtellen wolle und daß dieſes dem Orden in ſo mancher Hinſicht verderblich gewordene Volk von Polen aus mit Roſſen, Waffen und Geſchoß und andern zur Kriegsfuͤhrung nothwendigen Dingen verſorgt und huͤlfreich un⸗ terſtutzt werde. Da aber jetzt, fahrt der Roͤm. König fort, der Orden nach Laut ſeiner Beweisbriefe die Gerechtigkeit in Anſpruch nehme, ſeine Sache ihm, dem Reiche und den Kur⸗ fuͤrſten vorgelegt und er als Reichshaupt nach dem Beiſpiele ſeiner Vorfahren die Vertheidigung und den Schutz des Or⸗ dens auf ſich genommen habe, ſo fordere er ihn ernſtlich auf und ermahne ihn, vor allem wirkſame Maßregeln anzuordnen, daß nicht nur die Litthauer im chriſtlichen Glauben, ohne Scha⸗ den und Nachtheil anderer Chriſten, feſt beharreten, ſondern der Orden mit ſeinen Landen und Leuten in ſeinen Rechten, Freiheiten, Beguͤnſtigungen und loͤblichen Gewohnheiten erhal ten werde, denn wofern ſolches nicht geſchehe, ſo muͤſſe er zur Steuer der Gerechtigkeit dem Orden in ſeinem und des Reiches Namen zugeſtehen, ſich gegen Gewalt und ungerech⸗ ten Druck zu vertheidigen und feine Rechte zu verwahren ). 1) Eigentlich iſt es ein Schreiben des Koͤniges Wencesiav an den Hochmeiſter, dat.: Prag die vicesima prima Septembr. Regn. nostror. anno Boemie vicesimo septimo, Romani quarto decimo im Formu⸗ larbuche p. 75, worin er dieſem anzeigt, daß er des Ordens Botſchaf⸗ ter, den Großkomthur Konrad von Wallenrod, den Komthur zu Dan- zig Wolf von Zolnhart und den Grafen Rudolf von Kyburg in ihren Auftraͤgen vernommen habe, und dann dem Meiſter meldet, quod II- lustri Wladislao Regi Cracovie etc. nostras direximus litt eras se- riosas. Dem Hochmeiſter theilt er dieſen Brief an den König voll⸗ ſtaͤndig mit, worin es unter andern auch heißt: Preterea ex dietorum fratrum relacione comperimus, qualiter iidem Litwani iuxta morem antiquum et sub generali errore conceptum in interitu christianorum vielimas et libamina offerunt, dictisque fratribus ipsorum domos per vim acquisitas incendio concremarunt, quodque habitatores et incole parcium Polonie prefatos Litwanos in armis, eqduis, bombardis sive pixidibus et earum operariis sive magistris ac onmibus aliis, que ad sustentationem gwerrarum spectare noscuntur, ſortificent et in ac- quirendis eisdem iuxta posse et vires suas prebeant auxilium.
Scanseite 534 · Druckseite 520
520 Verhandlungen mit den Nachbarfürften (1389). — Es mochte vorzuͤglich eine Folge dieſer ernſten Sprache des Roͤmiſchen Koͤniges ſeyn, daß wenigſtens aͤußerlich der Friede zwiſchen dem Orden und Polen noch nicht geſtoͤrt wurde, wie⸗ wohl der Hochmeiſter keinen Schritt thun konnte, ohne mit Mißtrauen auf den Koͤnig hinblicken zu muͤſſen 1), denn welche feindſelige Zwecke dieſer gegen den Orden verfolge, erſah man ſchon daraus, daß er dem dienſtwilligen Ritter Eckard von dem Walde, „der ſich alle Wege Schindens und Raubens be⸗ gangen,“ die Hauptmannſchaft uͤber Nakel an der Graͤnze des Ordensgebietes uͤbertragen hatte ). Mit den Herzogen Semovit und Johannes von Maſo⸗ vien, die jetzt zwiſchen dem Orden und dem Koͤnige von Po⸗ len allerdings in einer eigenen bedraͤngten Stellung waren, glich ſich der Hochmeiſter auf einem Verhandlungstage zu Sol⸗ dau nicht nur über verſchiedene Mißhelligkeiten ), ſondern auch uͤber die Hauptfrage aus: wer den Schaden zu verguͤten habe, den die vom Herzoge Semovit an den Orden verpfaͤn⸗ dete Burg Wisna bei der Eroberung durch Witowd erlitten hatte, indem man ſich dahin vertrug, daß der Meiſter und die Herzoge ſich daruͤber in keiner Weiſe weiter behelligen oder belangen ſollten, dem erſteren es aber erlaubt ſeyn moͤge, Un⸗ 1) Dieß ſpricht der Hochmeiſter auch in einem Briefe an die Raͤ⸗ the und Städte des Königreiches Polen aus, indem er ſagt: Wir wiſ⸗ fen mit der Cronen czu Polan nicht anders denn lieb und gut. Alleyne euwer herre der koͤnig die Littawen und die Rußen vortedingt wedir uns und wedir das recht. Negiftrant. p. 44. 2) So ſah man es im Orden auch an, denn in dem erwähnten Berichte im Buche: Dieß find die Priv. v. Livl. heißt es: Wiſſet daz der konig von Polen Echart hat ingegeben Nakel daz huſe und lant und das lit ken unſern landen uf der lantſcheydunge alſo daz wir nichts gutes doby dirkennen koͤnnen, wanne Echart ein ſulche man iſt, der ſich alle wege ſchindens und Roubens begangen hot und dorumbe ſo vor⸗ mute wir uns wol, ob ez gar gut were und wol ſtuͤnde czwifchen der krone czu Polen und ſol Echart do wonen, er macht es wol argk. 3) Mit Herzog Johannes fanden Irrungen uͤber die Graͤnzen der verpfänbeten Länder Statt; darüber ein Brief des Hochmeiſt. an Her⸗ zog Semovit im Regiſtrant. p. 46. 54.
Scanseite 535 · Druckseite 521
Verhandlungen mit den Nachbarfuͤrſten (1389). 521 terthanen des Herzogs, welche Unterthanen des Ordens be⸗ ſchaͤdigen und belaͤſtigen würden, nach allen Orten hin verfol⸗ gen zu laſſen und vor Gericht zu ziehen. Überhaupt ging aus dem Gange dieſer Unterhandlungen hervor, daß die Herzoge von Maſovien gegen den Orden immer noch die friedlichſten Geſinnungen hegten 1). Nicht mit ſolchem Erfolge endigten die Verhandlungen mit dem Herzoge Skirgal, der den Meiſter um einen Tag zur Ausloͤſung der Gefangenen erſucht hatte, denn dieſer Tag kam nicht einmal zu Stande, weil bald der Herzog, bald der Mei⸗ ſter Hinderniſſe entgegen legte. Indeſſen herrſchte doch jetzt mehr als je zwiſchen beiden ein friedliches und ziemlich freund⸗ liches Verhaͤltniß, ja es ſcheint ſogar, daß der Hochmeiſter ein näheres Einverſtaͤndniß mit Skirgal geſucht und gewuͤnſcht habe 2). Man unternahm daher in dieſem Jahre auch keine Kriegsreiſe in das eigentliche Litthauen, ſondern ſowohl die Livlaͤnder, als der Komthur von Ragnit Johann von Rum⸗ penheim und der Pfleger von Inſterburg warfen ſich nur hin und wieder nach Samaiten, um hier bald aus den Gebieten der Naweſe und Swintuppe, bald aus dem Lande Kaltenen Gefangene und Viehheerden hinwegzufuͤhren ). Schwer buͤßte einen ſolchen Einfall in das Gebiet von Medeniken der Kom⸗ 1) Originalurkunde, bat.: in Soldow proxima feria tercia post dominicam Judica an. 1389 im geh. Arch. Schiebl. L VII. Nr. 29. Der Hochmeiſter konnte bei den Verhandlungen nicht zugegen ſeyn ob singularem sui corporis debilitatem. 2) Die Briefe des Hochmeiſters an Skirgal find wenigſtens Au: ßerſt hoͤflich und zeugen faſt von einer Annaͤherung zur Freundſchaft. Einmal, im Regiſtrant. p. 51 ſchreibt er ſogar: „Yo ir und wir uff die cziet heimlichen czuſamen quemen, alſo das ez nicht viel luͤte dirfuͤ⸗ ren, das were uns deſto lieber.“ In einem andern Briefe dankt er Skirgaln aufs allerfreundlichſte, daß er die Gefangenen des Ordens ſo gut behandele. 8) Lindenblatt S. 67. Der Pfleger von Inſterburg hieß Alf von Znydendorf, nicht aber Czudendorff, wie in der Handſchrift von Wigand. ſteht.
Scanseite 536 · Druckseite 522
522 Einfall in das Gebiet von Medeniken (1389). thur von Memel Marquard von Raſchau !), denn zuvor be⸗ nachrichtigt vom Heranzuge ſeiner kleinen Reiterſchaar ließen die Samaiten ihn ungeſtoͤrt tief ins Land einfpresgen, ſam⸗ melten ſich aber mittlerweile zu einem bedeutenden Heerhau⸗ fen, uͤberfielen dann ploͤtzlich beim Ruͤckzug die Ordensritter an einem Sumpfe, wo nur ein enger Weg war, ſchlugen vier von dieſen nebſt ſechsundſechzig andern Kriegern nieder, nah⸗ men den Komthur von Memel ſelbſt gefangen, banden die Fuͤße ſeines Streitroſſes an vier Pfaͤhlen feſt, haͤuften um ihn einen Scheiterhaufen und opferten ihn durch Feuer ihren Götz tern 2). Unter den erſchlagenen Rittern war auch Erwyn von Stockheim, fruͤherhin des Meiſters Kompan, und ein Graf von Querfurt ). Der Hochmeiſter war jetzt uͤberhaupt viel zu ſehr dem Frieden geneigt, als daß die Kämpfe gegen den oͤſtlichen Feind mit fo lebendigem Eifer wie früher hätten geführt werden koͤn⸗ nen. An eigener Theilnahme hinderte ihn uͤberdieß auch ſeine fortwaͤhrende Kraͤnklichkeit, die ihm nicht einmal erlaubte, die aufgenommenen Verhandlungstage mit den nachbarlichen Fürs 1) Bei Wigand. finden wir unrichtig Nicolaus Cassow; beides iſt offenbar nur Schreibfehler fuͤr Marquardus Rassow, denn von dem Commendator Marquardus ſpricht der Chroniſt kurz vorher. 2) So Lindenblatt a. a. O. uͤbereinſtimmend mit einer Nach⸗ richt im Fol. E. p. 57, wo es heißt: Is iſt czu wenen (erwähnen) das dy Samaiten dy gebiteger des ordens fyngen und mit mancherleie pyn quelten und bunden ſy uf dy pferde, das was Marqwardt von Raſſchow komptur czur Memel und vorbranten ſy und alſo opperten fo Iren goten. Wigand. erzählt: Lithwani vero iuxta errorem suum proposuerunt, unum cristianum offerre diis ceciditque sors super dictum commendatorem, impositumque equo suo cremare voluerunt, qui perfusus cruore ex vulneribus rubicundus apparuit, alligantque eum ad 4 vibices cum manibus et pedibus et circumposito igne suf- focatus est. 3) Nach Wigand. war der Graf Ordensritter; der Chroniſt ſagt, er ſey erſchlagen worden cum 60 et eciam ultra 70 nobiles et 200 equos pagani obtinuerunt. Die alte Preuſſ. Chron. p. 42 ſpricht von neun Ordensrittern und nennt Konrad von Stockheim Vogt von Sam⸗ land.
Scanseite 537 · Druckseite 523
Ausbruͤche der Weichſel (1389). 523 ſten perſoͤnlich zu beſuchen!). Er widmete daher die meiſte Zeit dem innern Verwaltungsweſen und Preuſſen war ſeit ei⸗ nigen Jahren von manchem Ungluͤck heimgeſucht worden, wel⸗ ches die Thaͤtigkeit der Landesverwalter in Anſpruch nahm. Zwei Jahre nacheinander hatte der Weichſel-Strom ſeine Daͤmme durchbrochen, ſo daß im Jahre 1388 der große und kleine Werder als eine große Waſſerflaͤche daſtanden und die Saaten außerordentlichen Schaden nahmen. Um Oſtern die⸗ ſes Jahres brach der Strom an andern Orten von neuem aus und das Waſſer ſtieg zu einer Hoͤhe, wie man ſie noch nie geſehen 2). Was aber auf den höher gelegenen Fluren gedeih⸗ lich aufgewachſen war und ſich der Reife naͤherte, vernichtete zum großen Theil ein in der Mitte des Juli einbrechender, fo furchtbarer Regen, daß z. B. in den Gebieten von Stras⸗ burg, Rheden, Roggenhauſen und Engelsberg alle Muͤhlen weggeriſſen wurden, in Graudenz ein Theil der Ordensburg in die Weichſel ſtuͤrzte und an den Burgen zu Friedeck und Roggenhauſen Thuͤrme und Mauern niederfielen ). Im gan⸗ zen Lande war der Schaden außerordentlich groß und die Folge davon im Jahre 1389 eine druͤckende Theuerung, ſo daß der Hochmeiſter einem Freunde aus dem Auslande, der ihn um dreißig Laſt Roggen erſucht hatte, nicht mehr als acht Laſt ſchicken konnte, die Getreideausfuhr ſtreng verboten werden mußte, ja ſogar, was bis dahin unerhoͤrt war, ein Schiff mit Weizen aus England nach Danzig kam, ſtatt daß man bis⸗ her England immer von Preuſſen aus damit verſorgt hatte *). 1) Der Meiſter klagt in feinen Briefen wiederholt über feine fort⸗ waͤhrende Krankheit. In einem Briefe an Skirgal ſagt er: Czu den⸗ ſelben tag welle wir ſenden unſern Großkomthur adir den Marſchall, adir ſy beide, wenn wir ſelben vor krankheit unſers liebes czu dem tage nicht mogen kommen. 2) Lindenblatt S. 64. Dieſer oͤftern Ausbrüche der Weichſel erwaͤhnt auch eine Urkunde des Hochmeiſters vom J. 1389 in Privileg. Capituli Pomesan. p. XL. 3) Lindenblatt a. a. O. 4) über dieſe Theuerung ſpricht außer Lindenblatt S. 69 auch der Hochmeiſter in einem Briefe an einen gewiſſen Czabel Helpde, der
Scanseite 538 · Druckseite 524
524 Handelsverhaͤltniſſe mit England (1389). Auch der Heringsfang fiel in dieſem Jahre ſehr ſpaͤrlich aus, ſo daß dieſe Fiſchgattung, welche damals zu den wichtigſten Lebensbeduͤrfniſſen gehörte, zu einem ſehr hohen Preiſe flieg !). Folgte nun auch auf dieſe theuere Zeit eine ſehr eintraͤgliche Ernte, ſo konnte der Ertrag dem Auslande doch nicht ſogleich zugeführt werden und der Handel Preuſſens verlor daher ei⸗ nige Jahre lang ungemein an ſeinem regſamen Leben. Und doch waren die auswaͤrtigen Verhaͤltniſſe fuͤr den Handel des Landes kaum jemals guͤnſtiger geweſen. Mit England naͤmlich waren die alten Handelsfehden ſchon im vorigen Jahre ziemlich ausgeglichen worden. Je be⸗ truͤbender damals die beſtaͤndigen Hemmungen und endlich die gaͤnzliche Stockung des Handels der Hanſe⸗Staͤdte ) und folglich auch der Preuſſiſchen nach Flandern waren, da ſelbſt auch der Verkehr mit Novgorod eine Zeitlang unterbrochen ward, weil man auch hier den Deutſchen Kaufmann in ſeinen Rechten und Freiheiten ſehr verkuͤrzt und belaͤſtigt hatte ); je fuͤhlbarer ferner auch dem Koͤnige Richard von England durch die ſtrengen Repreſſalien und die Ausfuhrverbote des Hoch⸗ meiſters die Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit des Handels mit Preuſſen geworden war, um ſo mehr hatten es ſich beide Fuͤr⸗ ſten zur Aufgabe geſtellt, die Hinderniſſe zu beſeitigen, welche dem freieren Aufleben des wichtigen Handelsverkehres beider Länder immer noch entgegengeſtanden. Schon vor zwei Jah: Getreide für den König von Schweden kaufen wollte, vom Meiſter aber die Antwort erhielt: Durch unſer armen luͤten willen moge wir keyn korn us unſerm lande laſſen fuͤren, wand unſer land ſelben gebre⸗ chin lyden um korn und czumol tuͤwir czit hie iſt, alſo daz wirs mit fuͤge nicht mogin thun noch enkunnen. Idoch ſo ſende wir uͤch VIII leſt korns, bittende begerlichin, das ir ſy von unſern und unſers Gros⸗ kumpthurs wegen gutlichin annemet und laſet es üd) nicht vorſmahen, Wir kunnen uff diſſe czit nicht me roggen us unſerm lande laſen füren. 1) Lindenblatt S. 71. 2) Vgl. Fiſcher Geſchichte des Deutſch. Handels B. II. S. 202 — 206. 3) Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 160 161. Detmar S. 343. Sartorius B. II. S. 461.
Scanseite 539 · Druckseite 525
Handelsverhaͤltniſſe mit England (1389). 525 ren hatte der Meiſter eine Geſandtſchaft von zwei Ordensrit⸗ tern und einem Thorner Buͤrger, die mit einem Gefolge von funfundſiebenzig Perſonen in London einzog, an den König geſchickt; allein fie war bei der Verwickelung der Verhaͤltniſſe ohne den erwuͤnſchten Erfolg geblieben!). Vielmehr hatte da⸗ mals der Meiſter allen Verkehr mit England bei Strafe der Landesverweiſung und Einziehung aller Guͤter wieder aufs ſtrengſte verbieten muͤſſen, wobei berichtet wird, daß Engli⸗ ſches Tuch der wichtigſte Handelsartikel war, den man neben andern Waaren aus England zog und daß aus Preuſſen dort⸗ hin vorzüglich Aſche, Pech, Theer, Maſtbaͤume und mancher⸗ lei Holzgattungen gingen ?). Im Jahre 1388 aber wurden die Unterhandlungen von neuem angeknuͤpft. Schon im Fe⸗ bruar beriethen ſich die Staͤdte des Landes auf einer Tag⸗ fahrt zu Marienburg, welcher Weg zur Ausgleichung der ſtrei⸗ tigen Verhaͤltniſſe der geeignetſte ſey und man kam zu dem Beſchluſſe: wenn die Englaͤnder die Streitſache einem ſchieds⸗ richterlichen Urtheile unterwerfen wollten, die Entſcheidung nicht der Ritterſchaft des Landes, ſondern den Hanſe⸗Staͤdten Luͤ⸗ beck, Roſtock und Wismar zu uͤberlaſſen. Das von den Eng⸗ laͤndern abgefaßte Verzeichniß ihres durch die Preuſſen erlitte⸗ nen Schadens erklaͤrte man in vielen Punkten fuͤr unrichtig, 1) Der salvus conductus des Königes für dieſe Geſandtſchaft bei Rymer Foedera T. III. p. 205. Als Ordensgeſandten werden genannt Radulphus Comes de Kyborglo (Kyburg) und Gerardus de Visshenik als Ordensritter und Henricus Hetfelt als Bürger von Thorn. Fi: ſcher a. a. O. S. 159. 2) Dieſes Handelsverbot mit der Überſchrift: Anno LXXX sexto dominica ante Laurencii pronunciatum, in einem Entwurfe auf Pa⸗ pier im Rathsarchiv zu Thorn Cist. XXV. Nr. 14. über die Aus⸗ fuhr aus Preuſſen heißt es: Ouch das man von deſem tage me keyne aſche, Pech, Ther, Meſte, knarreholz, Waginſchoz, koggenborte, ywin⸗ holz noch andirs keynirleye holcz czu der czee zulle fuͤren, usgenomen clappirholcz, das mag man czwiſchen hy und Sinte Michelstag usfuͤ⸗ ren und nicht lenger. In einem Zuſatze wird dann auch noch die Aus⸗ fuhr der Gerſte verboten.
Scanseite 540 · Druckseite 526
526 Handelsverhaͤltniſſe mit England (1389). wie Danzig und Elbing beweiſen wollten *). Darauf erſchien zu Marienburg auch ein Sendbote des Koͤniges mit dem Auf⸗ trage, uͤber verſchiedene der ſtreitigen Punkte eine muͤndliche Erklärung einzuholen, die ihm vom Meiſter in befriedigender Weiſe auch ertheilt wurde. Allein dieſer Englaͤnder erlaubte ſich uͤber den verſtorbenen Meiſter Winrich von Kniprode ſo ehrenruͤhrige Reden und ſchmaͤhſuͤchtige Ausfälle, daß man mit ihm keine weiteren Unterhandlungen pflegen mochte und der Hochmeiſter ſich in einem Briefe bei dem Koͤnige bitter über die Verlaͤumdung feines Vorgängers beklagte ?). Da er zugleich aber auch erklaͤrte, der Orden werde ſtreng und puͤnkt⸗ lich alle Zuſagen halten, welche Winrich von Kniprode ſchon gegeben habe, ſo beſchloß nun der Koͤnig auf den Rath des Parlaments, die Ausgleichung der ſtreitigen Verhaͤltniſſe mit Preuſſen moͤglichſt zu beſchleunigen. Alle bisher in England mit Arreſt belegten Gelder der Preuſſiſchen Kaufleute wurden ſofort den beiden bevollmaͤchtigten Sendboten Nicolaus Stoket und Thomas Graa eingehaͤndigt, um ſie nach erfolgter Aus⸗ gleichung den Betheiligten zu uͤbergeben ). Mit gehoͤriger Vollmacht zur Unterhandlung uͤber alle bisherigen Irrungen und Klagpunkte beider Laͤnder wegen Arreſtirung von Schiffen und Kaufguͤtern, wegen gegenſeitiger Repreſſalien, ſowie zur Ausgleichung alles Schadens und zur Abſchließung eines freund⸗ ſchaftlichen Vertrages kamen im Sommer des genannten Jah⸗ res die Engliſchen Geſandten bei dem Hochmeiſter an *), eh⸗ 1) Hanſeat. Receſſ. Nr. II. S. 154— 1855. 2) Der Brief des Hochmeiſters, dat.: in Castro nostro Soldovo vicesimo primo die Mensis April. 1388 bei Rymer 1. c. T. III. p. 22. Der Meiſter klagt, quomodo ipse Waltherus Sibillis (der Geſandte des Koͤniges) gravibus verbis et delatoriis litterarnm Antecessoris no- stri piae memoriae multum inhoneste reprehendit et inhonestavit, publiceque in aliorum mercatorum praesentia dixit, quod litterae praedecessoris nostri mendaciosae essent ac falsae et non verae; in quo revera Ordo noster in antea ab aliquo non extitit inculpatus. 3) Schreiben des Koͤniges Richard an den Stadt⸗Major von Lon⸗ don uͤber obige Angelegenheit bei Rymer T. III. P. IV. p. 23. 4) Die Vollmacht der Geſandten, dat.: Apud Palatium nostri
Scanseite 541 · Druckseite 527
Handelsverhältniffe mit England (1389). 527 renvoll im Haupthauſe Marienburg empfangen '). Der Groß: komthur, der Oberft: Spittler und der Ordens⸗Treßler Ulrich von Hachenberg erhielten den Auftrag, mit den Geſandten in Unterhandlung zu treten und es kam nach vielfaͤltigen Be⸗ rathungen zu folgendem Vertrage: 1. Alle Beſchlagnahmen, Repreſſalien und Pfaͤndungen aller Güter und Waaren ?) in England oder Preuſſen vor dem Tage dieſes Vertrages geſche⸗ hen, follen ſofort frei, quitt und aufgelöft ſeyn, ſo daß Scha⸗ den und Verluſte in Beziehung auf die mit Beſchlag belegten Guͤter hinfort von niemandem gefordert werden duͤrfen, ſon⸗ dern jede ſolche Forderung todt und völlig erloſchen ſeyn foll. 2. Alle Preuſſen, welche behaupten im Hafen Swen ) oder anderswo vor Abſchluß des Vertrages von Englaͤndern be⸗ ſchwert worden zu ſeyn, ſollen mit Briefen vom Hochmeiſter oder ihren Staͤdten nach England kommen zu den genannten Bevollmaͤchtigten, die ſich verpflichten, ihre Klagen an den Koͤnig zu bringen; dieſer aber ſoll alles anwenden, ihnen Scha⸗ denerſatz auszuwirken oder doch wenigſtens Gerechtigkeit im Gerichte widerfahren zu laſſen. Daſſelbe fol? den Englaͤndern in Preuſſen geſchehen. 3. Wer aus Preuſſen Criminal⸗Kla⸗ gen in England anbringen will, ſey es über Bruder⸗ und Verwandten⸗Mord oder uͤber Verwundung und Verſtuͤmme⸗ lung durch Engländer, ſoll ſich mit Briefen des Meiſters oder Westmunster XI die Junii an. regni nostri undecimo (1388) im Ori- ginal im geh. Arch. Schiebl. 83. Nr. 14 und bei Rymer J. c. p. 26. Es erſchien damals beim Könige von England als Herold des Hoch⸗ meiſters Bartholomaͤus Luthenberg cum certis litteris Nos et ardua negotia eiusdem Regni nostri specialiter concernentibus, wie der Kö⸗ nig im Geleitsbriefe fuͤr ihn ſagt. ; 1) In der nachfolgenden Urkunde heißt es: Idem venerabilis do- minus magister generalis in Castro suo de Marienburg vicesima octava die Julii anni predicti reverenter et honorifice recepit et ad- misit. Wer Marienburg neuerdings gefehen hat, weiß, warum dieſes hier geſagt iſt. 2) Omnes arrestationes, Reprizalie et Impingnorationes quorum- cunque bonorum et mercandisarum. 3) Zwin.
Scanseite 542 · Druckseite 528
528 Handelsverhaͤltniſſe mit England (1389). ſeiner Wohnſtadt nach London zu den genannten Bevollmaͤch⸗ tigten begeben und dieſe ſollen die Vollmacht haben, nach Laut der Klagen der Preuſſen und der Verantwortung der Beſchul⸗ digten einen Vergleich oder eine Suͤhne zu treffen, an welche ſich beide Theile halten muͤſſen. Will ſich der beklagte Eng⸗ laͤnder mit der Entſcheidung nicht begnügen, fo mag der kla⸗ gende Preuſſe durch die Schiedsrichter vor den Koͤnig gefuͤhrt und dieſer erſucht werden, dem Klaͤger zu ſeinem Rechte zu helfen. Desgleichen ſoll den Englaͤndern in ſolchen Faͤllen in Preuſſen geſchehen, wo vier Rathsherren aus Danzig und El⸗ bing in Criminal⸗Klagen der Englaͤnder einen freundlichen Vergleich ſtiften!) und bei deſſen Verwerfung durch einen Theil der andere ſeine Zuflucht zum Meiſter nehmen ſoll. Ge⸗ ſchieht die Klage gegen einen bereits Verſtorbenen, ſo mag der Kläger fein Recht auf deſſen Güter oder Erben verfolgen. Wenn jedoch nach Abſchluß dieſes Vertrages ſich wieder Streit und Klage erhebt, fo ſollen dieſe wie in England, fo in Preuſ⸗ ſen nach althergebrachter Gewohnheit gerichtet und geſchlichtet werden. 4. Alle Liger und Kaufleute aus England ſollen fort⸗ an die Freiheit haben, mit ihren Schiffen und Guͤtern in alle Haͤfen Preuſſens einzulaufen, ihre Waaren nach jeglichem Orte des Landes zu bringen und da mit jedermann freien Ver⸗ kehr zu treiben, wie es von Alters her gebraͤuchlich geweſen. Daſſelbe ſoll allen Preuſſen auch in England zuſtehen 2). Bricht aber zwiſchen England und Preuſſen Unfriede aus, ſo ſollen 1) Conformiter per omnia fiet Anglicis in Prusia conqueri vo- lentibus videlicet in civitate de Danczk, ubi Proconsules eiusdem Civitatis et Elbingensis Civitatis coassumptis sibi duobus consulibus, uno de Danczk, altero vero de Elbingo. 2) Concordatum existit, quod ligei mercatores Anglie quicunque liberam habeant facultatem se applicandi cum navibus, bonis et mercandisis quibuscunque ad quemcunque portum terre Prussie nec- non huiusmodi bona et mercandisas ulterius ad quemcunque locum in dicta terra Prusie se transferendi ibique cum quacuique persona libere contrahere et mercari sicud antiquitus et ab antiquo extitit usitatum, quod quidem in omnibus et per omnia Pruthenis conces- sum est in Anglia.
Scanseite 543 · Druckseite 529
Handelsverhältniffe mit England (1389). 529 der Koͤnig und der Hochmeiſter dieſes ihren Staͤdten und die Behoͤrden der Staͤdte den Kaufleuten und Seefahrern bekannt machen und dieſe ſich frei und ſicher binnen einem Jahre in ihre Heimath begeben koͤnnen. — Geſchloſſen wurde dieſer Handelsvertrag zu Marienburg am einundzwanzigſten Auguſt des Jahres 13881) und ſowohl vom Hochmeiſter als vom Könige beſtaͤtigt?). Was die Anforderungen einzelner Kauf⸗ leute und Seefahrer aus den verſchiedenen Staͤdten Preuſſens betraf, ſo gaben dieſe allerdings noch zu manchen Verhand⸗ lungen und Geſandtſchaften Anlaß; indeſſen waren die Städte auf ihren Tagfahrten zu Marienburg mit Rath und Hulfe des Hochmeiſters vielfach bemuͤht, auch dieſe letzten Spuren der alten Handelsfeindſchaft zu beſeitigen ). Dieſe gluͤckliche Aus: gleichung zwiſchen England und Preuſſen bewog ſelbſt die Hanſe⸗Staͤdte auf einer Tagfahrt zu Luͤbeck, an den Hoch⸗ meiſter die Bitte zu richten, durch ſeine Verwendung bei dem Koͤnige, deſſen Rath und dem Herzoge von Gloceſter auszu⸗ wirken, daß auch dem gemeinen Kaufmanne von der Hanſe forthin ſeine Freiheiten in England gehalten würden ). Auch mit Frankreich ſtand der Hochmeiſter fortwaͤhrend in dem beſten Vernehmen; es war vorzuͤglich des Herzogs von 1) Das Original dieſes Vertrages im geheimen Arch. Schiebl. 83. Nr. 2; Abſchrift in Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 166; gedruckt bei Ry- mer T. III. p. 30, in Hakluyt Collection of voyages T. I. p. 150 und Dumont Corps diplomat. T. II. P. 1. p. 212; vgl. Fiſcher a. a. O. S. 159 und De Wal T. IV. p. 62—63. 2) Beide Beſtaͤtigungsbriefe bei Rymer T. III. P. IV. p. 31. 48. Die Betätigung des ze erfolgte erſt am 22. Octob. 1389. Sar⸗ torius B. II. S. 3) Hanſeat. =. Nr. II. p. 171 ff. Auf einer Tagfahrt ward beſchloſſen, „das man ken Engeland czwene botin ſenden ſal, dy Eng⸗ leſche ſache czu vullenden, der wyl unſir her der homeiſter eynen ſchicken und die vom Elbinge ſullen den andern usmachen.“ Auf einer andern wurde beſtimmt, daß jedermann in den Staͤdten vor dem Rathe feinen Schaden angeben und beſchwören ſolle, den er von den Englaͤndern er⸗ litten. Der Meiſter gab zu dieſer Geſandtſchaft nach England 400 Mark. 4) Hanfeat. Receſſ. Nr. II. p. 176. V. 34
Scanseite 544 · Druckseite 530
530 Handelsverhaͤltniſſe mit Daͤnemark (1389). Burgund Verdienſt, daß zwiſchen dem Koͤnige Karl dem Sechs⸗ ten und dem Meiſter ein enges Freundſchaftsbündniß zu Stande kam und jener den Orden in beſondern Schutz und Schirm nahm, was um ſo wichtiger war, weil der zwiſchen England und Frankreich obwaltende, auch dem Handel Preuſſens oft fo nachtheilige Krieg auf einige Jahre Stillſtand hatte ). In gleicher Weiſe waren auch die Verhaͤltniſſe mit Daͤ⸗ nemark dem Handelsverkehr ſo guͤnſtig, als ſie nur irgend ſeyn konnten 2). Der Hochmeiſter ſtand mit Margaretha, der großen Koͤnigin, in einem lebhaften und freundſchaftlichen Brief⸗ wechſel, denn ſie nahm an allem, was den Orden betraf, den regſten Antheil. Der Meiſter gab ihr von Zeit zu Zeit Nach⸗ richt uͤber die Ereigniſſe in Litthauen und uͤber die Verhaͤlt⸗ niſſe des Ordens mit Polen, ſowie die Koͤnigin ihn uͤber ihre Angelegenheiten mit den Meklenburgern unterrichtete und öfter um ſeinen Rath bat. Margaretha ſprach es mehrmals als ihren angelegentlichen Wunſch aus, daß der Handel zwiſchen Preuſſen und ihrem Reiche zu recht lebendigem Gedeihen kom⸗ men moͤge und war deshalb auch bemuͤht, alle Hinderniſſe ſo viel als moͤglich hinwegzuraͤumen ). Wiederholt erfreute ſie 1) Brief des Hochmeiſters an den Herzog von Burgund im Re⸗ giſtrant., wo der Meiſter ſelbſt ſagt, es ſey beſonders durch den Her⸗ zog bewirkt worden, quod ipse Serenissimus Rex dominus noster specialem nobis graciam volens facere, ligas nobiscum et confedera- ciones dignatur contrahere, nosque in tuicionem suam accipere vo- luit generosam. 2) Was De Wal T. IV. p. 42 nach einigen nordiſchen Schrift⸗ ſtellern von einer Verpfaͤndung der Inſel Gothland an den Orden im 3. 1388 ſagt und Kotzebue B. II. S. 268 u. 431 ihm nachſchreibt, gehört in fpäfere Zeit und iſt nicht überall richtig. Es wird von der Sache im J. 1398 naͤher geſprochen werden, denn einheimiſche Quellen wiſſen nicht nur nichts von einer ſolchen Verpfändung im J. 1388, ſondern ſie beweiſen auch, daß die Sache ſich etwas anders verhielt. Ekendahl Geſchichte des Schwed. Volks B. I. S. 696 erwähnt der Sache nur beiläufig in einer Anmerkung nach Chemnitius Genealog. Regum Dominor. Megap- 3) Brief des Hochmeiſters an die Königin, dat. Marienb. am S. Agnetis Tage (1389) im Regiſtrant dieſes HM.
Scanseite 545 · Druckseite 531
Handelsverhältniffe mit Flandern (1389). 531 den Meiſter durch Beweiſe ihrer Gunſt und Freundſchaft; bald ſandte ſie als Geſchenk einige abgerichtete Geierfalken zum Jagdvergnuͤgen, bald einen ſchoͤngearbeiteten Fingerring, da⸗ mals ein gewoͤhnlicher Gegenſtand gegenſeitiger Beſchenkung, bald andere Koſtbarkeiten!). Der Meiſter benutzte aber dieſe Geneigtheit der Koͤnigin, um bei ihr eine Verguͤtung des be⸗ deutenden Schadens zu bewirken, den der Kaufmann aus Preuſſen fruͤherhin durch die Dänen erlitten, weil nur dadurch erſt wieder feſtes Vertrauen in den gegenſeitigen Verkehr kom⸗ men konnte 2). Auch für den Handel zwiſchen Preuſſen und Flandern eröffneten ſich endlich wieder guͤnſtigere Ausſichten, denn der Herzog Philipp von Burgund und die Staͤdte Gent, Bruͤgge und Ypern, welche Jahre lang die Handelsſperre der Han⸗ ſeaten nur zu ſchmerzlich empfunden, erboten ſich von ſelbſt zur Ausgleichung der obwaltenden Mißverhaͤltniſſe, und wie der Herzog auf einer Tagfahrt zu Lubeck im Jahre 1389 durch ſeine Sendboten ſich zur Aufrechthalung aller Freiheiten und Privilegien des Deutſchen Kaufmannes in ſeinem Lande bereit erklaͤrte, ſo zeigten ſich auch die Staͤdte zur Verguͤtung alles Schadens geneigt, der den Hanſeaten und namentlich auch den Preuſſiſchen Staͤdten in den Niederlanden geſchehen war ). Indeſſen hatte der Orden, ſey es aus Gunſt und Nachſicht der Hanſeaten oder durch ſeine Stellung zu dem Bunde uͤberhaupt, doch auch ſchon waͤhrend des ſtrengen Han⸗ delsverbotes in Ruͤckſicht der Niederlande völlig freien Verkehr 1) Der Meiſter ſagt in ſeinem Dankſchreiben an die Koͤnigin: Wir danken euch großmechtige frowe flislich vor ewir gunſtige irbi⸗ tunge und guten willen und ſunderlich vor ewir cleynot, alfe ein gar ſchones vingerlyn und ein kop die ir uns geſant hat, die uns ouch ſun⸗ derlich anneme und wol czu dank ſin von euch alz von unſir beſundirn gnedigen frowe und nemlich das gar ſchone vingerlyn das wir ouch um ewir libe wille gerne halden weilen dy wile wir lebin und is ouch un⸗ ſerm nochkomelynge erben wellen. 2) Regiſtrant des HM. 3) Hanſeat. Receff. Nr. II. p. 178 ff. Fiſcher B. II. S. 230. 34 *
Scanseite 546 · Druckseite 532
532 Witowds Abfall (1390). gehabt und namentlich feinen Bedarf von niederlaͤndiſchen Tüͤ⸗ chern gegen den Abſatz ſeines Bernſteins von dorther ziehen koͤnnen ). Selbſt nach Rußland und insbeſondere nach Nov⸗ gorod ſtand den Preuſſiſchen Staͤdten der Verkehr unter ge⸗ wiſſen Bedingungen eine Zeitlang frei, während er den uͤbri⸗ gen Hanſeaten verboten war 2). Außer Polen alſo, wohin der Handelsverkehr ſeit Jagals Thronbeſteigung faſt gaͤnzlich aufhoͤrte ), und außer Litthauen ſtand der Orden jetzt beinahe mit allen fernen und nahen Staa⸗ ten in den freundlichſten Verhaͤltniſſen. Aber auch ſelbſt in dem zuletzt erwaͤhnten Lande traten ſeit dem Beginne des Jahres 1390 Ereigniſſe ein, die auch hier ihm guͤnſtigere Ausſichten eroͤffneten. Herzog Witowd war, wie fruͤher geſagt, auf Ja⸗ gals Seite durch mancherlei Verlockungen und Verheißungen gezogen worden, welche zu erfuͤllen dieſer ohne Zweifel nie Willens geweſen war. Die Zeit hatte den Herzog daruͤber aufs ſchmerzlichſte belehrt, denn nicht er, wie er gehofft, ſon⸗ dern Jagals Bruder Skirgal, bisher noch Herzog von Tra⸗ ken geheißen *), ein Fuͤrſt, noch ungleich roher und ungebilde⸗ ter als ſein koͤniglicher Bruder, nur ſeinen Luͤſten und Leiden⸗ ſchaften froͤhnend und jetzt faſt taͤglich den unmaͤßigſten Ge⸗ nuͤſſen hingegeben ), war von Jagal zum Großfuͤrſten über Litthauen erhoben worden ©) und das ihm verſprochene vaͤter⸗ 1) Auf einer Tagfahrt zu Luͤbeck im J. 1389 wurde ausbdruͤcklich zugegeben: „dem Scheffir von Konigsberg in Pruſen iſt georlobt, wiße mecheliſche laken czu kowffen czu des Ordens notdorft und das ſien le⸗ ger den Boͤrnſteen moge vorkowfen den Flamyngen.“ Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 177. 2) Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 173. Namentlich ſollte man den Ruſſen kein Gold und Silber zuführen. Fiſcher B. II. S. 153. 3) Es wurde auf einer Tagfahrt zu Marienburg beſchloſſen, „das man rede mit unſerm herrn dem homeiſter, das man den andern ſte⸗ tin och gebite, das ſie das gebot myt halden, das man keyn gut in das land czu Polen fuͤre.“ Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 182. 4) Urkunde vom J. 1388 im geh. Arch. Schiebl. 75. Nr. 26. 5) Vgl. die Schilderung bei Kojalowiez P. II. p. 2. 6) Kaja lowicz p. 398. P. II. p. 1.
Scanseite 547 · Druckseite 533
Witowds Abfall (1390). 533 liche Erbland nicht ihm, ſondern dem Großfuͤrſten zugefallen, waͤhrend er mit einem minder bedeutenden Beſitzthum ſich be⸗ gnuͤgen ſollte). Alle feine Klagen und Anforderungen wa⸗ ren fruchtlos geblieben oder hatten nur den Erfolg gehabt, daß Jagals Mißtrauen gegen Witowd ſich immer mehr ver⸗ ſtaͤrkte. Der Koͤnig wußte ihn noch eine Zeit lang mit vor⸗ gehaltenen Hoffnungen zu taͤuſchen, ließ aber mitlerweile des Herzogs treuſten Bojaren gefangen nehmen und einſchmieden, ihn ſelbſt uͤberall bewachen, damit er keine Briefe nach Ruß⸗ land oder Preuſſen ſenden koͤnne, entzog ſeinen Verwandten alle ihre erblichen Beſitzungen, entfernte von ihm mehr und mehr alle ſeine Anhaͤnger und Freunde, ſo daß Witowd zuletzt nur noch mit ſeiner Tochter 2) zuſammen leben konnte, und auch deren Vermaͤhlung mit dem Großfuͤrſten von Rußland legte man allerlei Hinderniſſe entgegen, damit er auf dieſe Weiſe nicht Ausſicht auf fremde Huͤlfe gewinne. Alſo ſah ſich Witowd endlich wie einen Gefangenen behandelt; ja es kam ihm ſogar das Geruͤcht zu, daß der Großfuͤrſt Skirgal einen Plan gegen ſein Leben gefaßt habe, um ſich auf ſolchem Wege des Mordes das Erbland des Herzogs um ſo feſter zu ſichern ). 1) Ob Witowd wirklich über alle bei Kojalowicz P. II. p. 3 ge: nannten Länder geherrſcht habe, möchte wohl zu bezweifeln ſeyn. De Wal T. IV. p. 38. 2) Es war Sophia, die ſich bald darauf mit dem Großfuͤrſten Waßilij Dimitrijewitſch von Rußland vermählte; Lindenblatt S. 79. Ka ramſin B. V. S. 102. 3) So erzählt Witowd ſelbſt in einer Deduction mit der über⸗ ſchrift: Dis iſt Witoldes ſache wedir Jagaln und Skirgaln im Fol. F., des Ord. Handlung wider Polen p. 23. In Ruͤckſicht feines ihm ent⸗ zogenen Erblandes heißt es: Jagal habe dem Herzog Skirgal mit Pri⸗ vilegien all fein (Witowds) väterliches Erbe auf dem Haufe zu Lublin verſchrieben; daruͤber habe er dfter geklagt, aber „ich mochte die pri⸗ vilegien mit nichte nedirwerfen und ich bat ouch czu herczogen Jagaln brife und privilegien obir di lant, di her mir gegeben hatte obir das Ruſche land, das Luwburten was geweſt, das ich das behalden mochte.“ Er habe deshalb mehre Woiwoden zu ihm geſandt; allein Jagal habe
Scanseite 548 · Druckseite 534
534 Witowds Abfall zum Orden (1390). Dieſe ſchmachvolle Behandlung ertrug der Fuͤrſt nicht lange. Es wird erzaͤhlt, daß er noch einen liſtigen Verſuch gewagt, ſich Wilna's zu bemaͤchtigen. Unter dem Vorgeben, daß er ſeiner Tochter Vermaͤhlung mit dem Großfuͤrſten von Rußland feiern wolle, ließ er eine große Anzahl bedeckter Schlit⸗ ten vorbereiten mit dem vorgegebenen Zwecke, auf ihnen Fleiſch, Wildpret und anderes zum Hochzeitsfeſte Benöthigte nach Wilna zu fuͤhren. Insgeheim aber wurden ſie mit Bewaffneten be⸗ ſetzt, um durch dieſe die ſchwach bemannte Burg zu gewin⸗ nen. Sie waren wirklich bis auf die Burg gekommen; allein ehe Witowd, wie verabredet, noch ſelbſt anlangte, hatte Su⸗ demund, ein Vertrauter des Fuͤrſten Kariebut, der auf der Burg befehligte, den verraͤtheriſchen Plan entdeckt und die Be⸗ waffneten insgeſammt in Ketten legen laſſen !). So war Witowds Hoffnung vereitelt. Jetzt blieb ihm nichts übrig, als ſich dem Orden in Preuſſen nochmals in die Arme zu wer⸗ fen. Es war in den erſten Tagen des Jahres 1390, als er ſrine Bojaren gefangen genommen, „fi mit waſſer gemardert, fie in Eifen geſchmiedet und in Temeniczen finſtere Kerker) geſetzt.!“ Skir⸗ gal habe darauf geſonnen, „wi her mich mochte toten, wen her wol woſte, das ich noch min vetirlich erbe welde gewinnen und des beſorgte her ſich wol, das mir das leit were, das her myr vorheld myn vetir⸗ lich erbe.“ Von feiner Behandlung ſagt Witowd: Uff di czit hat ich als vil nicht vriheit, das ich mynen boten mochte fenden wo ich wolde ader brife noch ken Pruͤſſen noch ken Ruſſen und bin bi In geweſt als eyn Eigener, ich hatte keine vryheit bi In in keinen dingen, an ein meidelin, min tochterchin hatt ich und an demſelben hatt ich keinen wil⸗ len nicht, das ichs mochte geben, weme ich wolde und man bat ſi von mir fil und ſi werten mir und hiſen mich, ich ſolde ſy nicht weg ge⸗ ben und vorchten ſich des, das mir von irenthalben fruͤnde mochten werden u. ſ. w. 1) So ein Bericht im Fol. E. p. 54. MWigand. p. 301 deutet die Sache nur kurz an, indem er ſagt: Marquardus intimavit magi- stro, quomodo per astucias Wille castrum posset vinci. Sudemunt talia senciens celeriter adüt regem Karibot, avisans eum, dicens, quomodo Wytaudus eum cristianis Willam vincere vellet. Die Er- zahlung ift aber hier kaum verſtändlich; vgl. Schütz p. 86, Dlugoss. p. 121, Kajalowica p. 4 und die ahnliche Erzählung p. 12—13.
Scanseite 549 · Druckseite 535
Witowds Abfall zum Orden (1390). 535 feine Brüder Sigismund und Konrad, feinen Brudersſohn, ſein Weib, ſeine Tochter und Schweſter, den bei ihm gefan⸗ gen gehaltenen Fuͤrſten von Smolensk) nebſt mehr als hun⸗ dert vornehmen Litthauern, theils als Unterhaͤndler, theils als Geiſel von Garthen aus zum Hochmeiſter nach Preuſſen ſandte, um mit dem Orden ein neues Buͤndniß gegen Jagal und Skirgal einzugehen 2), mit dem Erbieten, nicht nur alle Ver⸗ träge, Zuſagen und Verleihungen, wie fie früher von ihm ab⸗ geſchloſſen und geſchehen waren, forthin unverbruͤchlich zu hal⸗ ten, ſondern dem Orden auch zu ſicherer Buͤrgſchaft ſeiner Treue die wichtigſten ſeiner feſten Burgen, namentlich Garthen, einzuraͤumen. Kaum bedurfte es ſolcher lockenden Verſpre⸗ chungen, um den Meiſter und die oberſten Gebietiger zu einem neuen Buͤndniſſe mit Witowd zu gewinnen, denn fo erwuͤnſcht dem Orden der Beſitz Samaitens zur Verbindung ſeiner Ge⸗ biete im nordoͤſtlichen Preuſſen und Kurland auch ohne Zwei⸗ fel ſeyn mußte, ſo war doch ſchon die Zwietracht unter den Litthauiſchen Fuͤrſten und die Ausſicht, Litthauen auf dieſem Wege durch einen gluͤcklichen Kampf von Polen wieder tren⸗ nen zu koͤnnen, allerdings wichtig genug, um Witowd'n von neuem bereitwillig Hulfe zu verſprechen ). 1) Nach Karamſin B. V. S. 79 hatten Skirgal und Witowd im J. 1386 die zwei Soͤhne des erſchlagenen Fuͤrſten von Smolensk (Sſwiatoßlav) Gleb und Jurij gefangen genommen, den letztern als ihren Lehenspflichtigen auf ſeines Vaters Thron geſetzt und den erſtern als Geiſel behalten. Wie Karamſin S. 348 vermuthet, war es dieſer Fuͤrſt Gleb Sſwiatoßlavitſch, den Witowd als Geiſel mit nach Preuſſen führte. Vgl. Lindenblatt S. 72. 2) Lindenblatt a. a. O. Wigand. p. 301 erzählt: Cumque venisset in Gartyn, misit fratrem suum Ywanum et ducem Andreanı cum litteris sigillatis ad magistrum, dicens omnia, que dudum pro- misisset, firmiter velle tenere. Die alte Preuſſ. Chron. p. 42 erwähnt außer dem Herzog Georg mit ſeinem Weibe, Herzog Ywan mit ſeinem Weibe „und beſunder geſmit yn eyſen des koniges zon (Sohn) von Smalentz, den hilt der orden erlich yn eyſin manche cziet.“ 3) Lindenblatt S. 73 ſagt daher auch nichts von Unterhand⸗ lungen. Kojalowiez p. 4—5 ſpricht von einer Geldanleihe von 30,000
Scanseite 550 · Druckseite 536
536 Neuer Kampf in Litthauen (1390). Alſo galt es jetzt einen neuen Krieg in Litthauen. Waͤh⸗ rend im Ordensgebiete alsbald eine ſtarke Ruͤſtung begann, ſandte der Meiſter den Komthur Arnold von Buͤrgeln, den Ritter Marquard von Sulzbach und den Pfleger von Raſten⸗ burg Thomas Surwille nach Garthen, um mit Witowd das Naͤhere zu verhandeln. Darauf begab ſich dieſer in Beglei⸗ tung des Herzogs Iwan von Galſchan ') an den Fluß Lyck zu einer Zuſammenkunft mit mehren Ordensgebietigern, wo er nicht nur jene Zuſicherung urkundlich aufs neue beftätigte, ſon⸗ dern auch das Verſprechen leiſtete, daß er dem Hochmeiſter fuͤr alles, was dieſer ihm auf ſein Verlangen an Mehl, Le⸗ bensmitteln und andern Dingen nach Litthauen ſende, binnen Jahresfriſt richtige Bezahlung bieten werde 2). Sofort brach nun, als ſich das Kriegsheer Über vierzigtaufend Mann ſtark aus den entfernteſten Gegenden verſammelt, der Ordensmar⸗ ſchall an deſſen Spitze in Litthauen ein). Nachdem ſich Herzog Witowd dort mit einer Streitſchaar dem Ordensheer angeſchloſſen, ging der Zug gegen die Burg Kernow an der Wilia. Kaum aber erfuhr die Beſatzung von dem heranzie⸗ henden maͤchtigen Heere, als ſie die Flucht ergreifend die Burg in Brand ſteckte. Da warf ſich der Marſchall vor die weiter oſtwaͤrts liegende Burg Mayſigal *), wo die Mannſchaft an elfhundert Krieger ſtark ſich einige Zeit zwar aufs tapferſte vertheidigte; allein die Feſte wurde endlich, freilich mit ſchwe⸗ Kopen (kopae), wofür Witowd dem Orden ganz Samaiten als Pfand ver ſchrieben. . 1) Lindenblatt a. a. O. Er nennt ſich ſelbſt gewöhnlich Ou⸗ gemundes Sohn und war mit der Schweſter von Witowds Gemahlin vermaͤhlt. - 2) Die beiden Originalurkunden, dat.: An der Like im J. 1890 am nächften Mitwoch vor Fabiani und Sebaſt. (19. Januar) im geh. Arch. Schiebl. 52. Nr. 11. und 56 Nr. 1, gedruckt bei Lucas Da⸗ vid B. VII. S. 178, Baczko B. II. S. 243.245, Preuſſ. Annal. Quart. II. S. 44. Auch Wigand. p- 301 ſpricht von der Sache. 3) Nach Kojalowiez p. 5 nahmen auch die Livländer Theil. 4) Jetzt Miſchegola; bei Wigand. Meischengallen.
Scanseite 551 · Druckseite 537
Neuer Kampf in Litthauen (1390). 537 rem Verluſte im Ordensheere, dennoch erſtuͤrmt und den Flam⸗ men übergeben, in denen gegen vierhundert Litthauer ihren Tod fanden. Zwölf Tage ward im feindlichen Lande geheert, geraubt und gebrannt, an tauſend Menſchen erſchlagen und als man dann zur Feier des blutigen Tagewerkes mehren frem⸗ den Kriegsgaͤſten den Ritterſchlag ertheilt, kehrte das Heer mit einer Schaar von zweitauſend Gefangenen nach Preuſſen zu⸗ ruͤck :). Das galt im Geiſte der Zeit für „eine glüdliche Reiſe, auf welcher Gott die Waffen des Ordens geſegnet.“ Freilich war mit ſolchem Erfolge für Witowds Sache nur wenig oder nichts gewonnen. Faſt moͤchte man zweifeln, ob es dem Orden ein Ernſt geweſen, den Fuͤrſten in ſeine väterlichen Erblande zuruͤckzufuͤhren, denn mit einer fo ſtarken Streitmacht haͤtte es ohne Zweifel nicht ſchwer fallen koͤnnen, feine Wuͤnſche zu erfüllen. Statt deſſen erlitt er bald noch ſchmerzlichere Verluſte und ſein Schickſal ward trauriger, als es je geweſen. Seine Verwandten, ſein Weib und Kind hat⸗ ten den vaͤterlichen Boden verlaſſen und Schutz in Preuſſen ſuchen muͤſſen, wo man ſie in die Ordenshaͤuſer hin und her vertheilte ). Seine Verbindung mit dem Orden brachte ihn faſt um alle feine Beſitzungen, denn die Litthauer warfen ſich jetzt in feine bisher befeffenen Gebiete und eroberten drei wich⸗ tige Burgen, Ruſſiſch⸗Brzesc, Luczk und Surasz ), ſo daß ihm nur noch das einzige Garthen uͤbrig blieb, und ſelbſt dieſe Burg, auf welcher der Ordensritter Marquard von Sulz⸗ 1) Bei Wigand. heißt es: Vexillum sancti Georgii tenuit do- minus Appil Vochs de Flanken Comes de Morse vulgariter et do- micellus de Marka vulgariter insignia militaria suscepernnt. 2) Lindenblatt S. 73. 3) Bei Lindenblatt a. a. O. ſteht Ruſche, Briſke, Luczk und Saraſſin. Ruſche Briſke iſt ohne Zweifel Ein Name für das jetzige Litthauiſche Brzesc oder Brzesc Litewskt am Bug, denn daß man dieſe Gebiete damals „Ruſſen“ nannte, ſagt der Chroniſt ſelbſt. Luczk in Volhynien iſt der ſpaͤtere oͤftere Aufenthaltsort Witowds. Saraſſin oder Suraß, wie es in einem Briefe des Hochmeiſters genannt wird, iſt das jetzige Surasz am Narew. Schütz p. 86 nennt auch die Burg Camenitz als erobert. Diugoss, p. 125.
Scanseite 552 · Druckseite 538
538 Bündniß mit den Samaiten (1390). bach eine Zeitlang befehligte, fiel bald in Feindes Gewalt, denn ſchon im Maͤrz umlagerten ſie der Koͤnig von Polen und Skirgal von einigen andern Fuͤrſten unterflügt mit ſtarker Macht und beſtuͤrmten ſie ſechs Wochen lang faſt Tag fuͤr Tag. Zwar widerſtand die ritterliche Beſatzung mit ruͤhmlich⸗ ſter Tapferkeit und der Ordensmarſchall mit den Niederlan⸗ den und Herzog Witowd zogen herbei, um die Burg zu ent⸗ ſetzen oder doch mit Lebensmitteln beſſer zu verſorgen; allein beides war nicht moͤglich und kaum hatte ſich der Marſchall an die Graͤnze Preuſſens wieder zuruͤckgezogen, als ein wilder Zwiſt unter der Beſatzung zwiſchen den Litthauern und Preuſ⸗ fen die Burg den Feinden in die Hände lieferte '). Herzog Witowd begab ſich jetzt nach Samaiten, wo ihm das Volk und die Vornehmen des Landes noch treu ergeben waren und es geſchah durch die vielfachen Bemuͤhungen und Berathungen des Fuͤrſten mit den verſammelten Bojaren, daß gegen Pfingſten die angeſehenſten unter dieſen, als Maiſebuth, Dirkſtel, Ruckunde, Sqwaybuth, Eymund, Tilen, Dawchs, Ragel und mehre andere 2) in Königsberg vor dem Ordens⸗ marſchall erſchienen, mit der Erklaͤrung, daß ſie ſammt ihrem Volke bereit ſeyen, mit dem Orden in Friede und Freundſchaſt zu treten. Man nahm das wichtige Erbieten gerne an, denn fuͤr den fernern Kampf gegen Skirgal in Litthauen konnte es von den heilſamſten Folgen ſeyn. Das Friedensbuͤndniß ward dahin abgeſchloſſen, daß die Samaiten gelobten, dem Fuͤrſten Witowd ), dem Ordensmarſchall und dem geſammten Orden 1) Lindenblatt ©. 74. Wigand. ſagt vom Ordensmarſchall: ducunt secum vietualia in plaustrum, quod antea non fuit visum, und von der übergabe: domus post VI ebdomadarum circulum, quibus obsessa fuerat, Regi Jagal fuit presentata. Schütz p. 86, Diugoss. I.. X. p. 125 beſchreibt die Belagerung umftändlicher. 2) Es waren der Samaiten im Ganzen 32, alle aus den Gebie⸗ ten von Medeniken, Kalthenen, Knetow, Krazow, Widuckeln, Ro⸗ ſiena und Erogeln, wie die Lande in der Urkunde ſelbſt genannt ſind. 3) Witowd wird in der Urkunde von den vornehmen Samaiten beftändig „kuning oder kunig“ genannt.
Scanseite 553 · Druckseite 539
Buͤndniß mit den Samaiten (1390). 539 Hilfe und Beiſtand leiſten zu wollen gegen alle ihre Feinde; daß ſie dagegen zu freiem und ſicherem Handel und Verkehr nach Georgenburg, Ragnit und Memel, ſowie des Ordens Unterthanen zu gleichem Zwecke ſicher und ungeſtoͤrt nach Sa⸗ maiten kommen duͤrften. Auf Kriegsreiſen des Ordens ſollte zwiſchen den Samaiten und dem Ordensheere das friedliche Verhaͤltniß in keiner Weiſe geſtoͤrt werden. Werde Samaiten oder der Orden von aͤußeren Feinden angegriffen, ſo ſollte man ſich gegenſeitig Huͤlfe ſenden. Erhoͤben ſich Irrungen und Mißverftändniffe zwiſchen den Bewohnern beider Länder, fo ſollte Herzog Witowd vier der Alteſten aus Samaiten und der Ordensmarſchall vier der Alteſten aus Preuſſen erkieſen und das von dieſen Schiedsrichtern erkannte Recht den Strei⸗ tenden genügen ). Mit neuen Withingskleidern beſchenkt gingen die Samai⸗ tiſchen Edlen in ihr Land zuruͤck. Um auch das Volk noch mehr zu gewinnen, ließ es der Marſchall mit Getreide, Ge⸗ wand, Salz und andern noͤthigen Dingen in reichlichem Maaße verſehen 2). Denn für den Orden war es von ungemeiner Wichtigkeit, wenn Samaiten von Litthauen getrennt dem Her⸗ zoge Witowd treu bleibe. Und es bewaͤhrte ſich der Nutzen dieſes Buͤndniſſes auch noch im Verlaufe dieſes Jahres, denn auf die Nachricht vom Heranzuge bedeutender Haufen von fremden Kriegsgaͤſten beſchloß man eine neue Kriegsreiſe ins feindliche Land, deren Ziel dießmal Wilna's Eroberung ſeyn ſollte. Witowds Wuͤnſche ſollten jetzt in Erfüllung gehen. Es ward mit aller Macht geruͤſtet, denn weil man erfuhr, daß auch Herzog Johannes von Maſovien in feiner Geſinnung ge: 1) Die beiderſeitigen Originalurkunden, dat.: Auf dem Haufe Kö- nigsberg 1390 am Donnerſtag nach dem Pfingſttage (26. Mai) im geh. Arch. Schiebl. 56. Nr. 2; gedruckt bei Lucas David B. VII. S. 221-2233. Was dieſer Chroniſt S. 109 ff. von einer früheren Un: terwerfung der Samaiten und ihrem Abfalle vom Orden erzaͤhlt, iſt nach der von ihm ſelbſt angegebenen Quelle (Simon Grunau) leicht zu würdigen. Alte Preuſſ. Chron. p. 42. 2) Fol. E. p. 257.
Scanseite 554 · Druckseite 540
540 Vorbereitungen zur Kriegsreiſe nach Wilna (1390). gen den Orden mehr und mehr wankend geworden ſey und in allerlei Klagen uͤber den Pfleger der verpfaͤndeten Burg Wisna wirklich ſchon Anlaß zum foͤrmlichen Bruche mit dem Orden zu ſuchen ſchien ), ſo war man jetzt mit allem Eifer bemuͤht, die Kriegsmacht des Landes auch durch fremde Soͤld⸗ nerhaufen ſo viel wie moͤglich zu verſtaͤrken, und die Ritter⸗ ſchaft in Pommern, arm und fehdeluſtig, bot fuͤr Geld immer gerne Dienſte und Leute zum Kriege dar. Wie vor kurzem erſt der Pommeriſche Ritter Konrad Kamke von Polnow 2) ſich auf funfzehn Jahre mit dreißig Glevenien fuͤr fuͤnftauſend Mark jaͤhrliches Soldes dem Orden zum Kriegsdienſt gegen den Koͤnig von Polen verſchrieben, ſo traten jetzt auch Sieg⸗ fried von Kasdorf mit zehn Glevenien, Teſſlav von Bonyn auf Lantow mit vierzig Rittern und Knechten und eben ſo viel Schuͤtzen, bald darauf auch der Ritter Wyeſel Sambor mit hundert Glevenien von Rittern und Knechten und einer gleichen Zahl von Schuͤtzen in des Ordens Dienſt und ihrem Beifpiele folgten bald noch andere ). Zwar war der Kriegs⸗ 1) Brief des Hochmeiſt. an den Herzog Johannes im Regiſtran⸗ ten p. 64. 2) Auch Konrad Kamke zu Naßburg genannt. Nach einem Briefe des Großkomthurs an ihn (im Regiſtr.) zerfiel aber der Orden im An⸗ fang des J. 1391 wieder mit ihm. 3) Einige dieſer Werbebriefe befinden ſich im Cod. Oliv. im geh. Staatsarchiv zu Berlin, andere im Original im geh. Arch. Schiebl. XII. Nr. 2. 3. In einigen wird ausdruͤcklich in mehren Bedingungen auf den früher erwähnten Dienſtbrief des Herzogs Wartislav von Pom⸗ mern Bezug genommen. In allen heißt es: die Schügen ſollten geruͤ⸗ ſtet feyn mit Panzer, Eiſenhuͤten, Hundeskogeln und jeder mit einer Armbruſt. Die Glevenie ſoll haben ihren Schügen und vier Pferde, wofür monatlich 27 Gulden gezahlt werden, für eine Glevenie von drei Pferden und ohne Schuͤtzen nur 19 Gulden. In Betreff der Gefange⸗ nen galten die naͤmlichen Beſtimmungen, wie beim Herzog von Pom⸗ mern. Der Dienſt ward gewoͤhnlich auf deſſen eigenen Schaden, Koſt und Zehrung geſtellt, der ſich dem Orden zu Dienſt verſchrieb. Zu⸗ weilen wurden einige hundert Mark als eine Art von Handgeld vor⸗ ausgezahlt, mit der Bedingung der Zuruͤckzahlung, wenn kein Krieg erfolge. In Ruͤckſicht des Reiſegerichtes und der Untergebung unter
Scanseite 555 · Druckseite 541
Ankunft fremder Kriegsgäfte (1390). 541 dienſt dieſer Söldner nicht auf die Kriegsreiſen nach Litthauen, ſondern immer nur auf Krieg mit dem Koͤnige von Polen ge⸗ ſtellt; um ſo ſicherer aber konnte der Orden die Kriegsmacht feines Landes zum Kampfe nach Oſten hin verwenden ). Im Auguſt war die Ruͤſtung vollendet, als zahlreiche Schaaren fremder Kriegsgaͤſte aus Deutſchland, Frankreich und England in Preuſſen erſchienen, um im Kampfe mit den Litthauern, die man im Auslande noch keineswegs fuͤr Chri⸗ ſten hielt, ihr ritterliches Schwert zu weihen. Unter allen glänzte Graf Heinrich von Derby, des Herzogs Johann von Lancaſter aͤlteſter Sohn, der nachmals Englands Thron als Heinrich der Vierte beſtieg :). Mit dreihundert Reiſi⸗ den Heerbefehl des Ordensmarſchalls galt daſſelbe, wie im Dienſtbriefe des Herzogs von Pommern. 1) Im Dienſtbriefe Konrads Kamke von Polnow heißt es in bier ſer Beziehung ausdruͤcklich: Nach Litthauen ſolle er nicht verpflichtet ſeyn dem Orden zu folgen. Wenn indeſſen ein Heer in Preuſſen ein⸗ ſprengen werde, ſolle er verbunden ſeyn mit dem Hochmeiſter zuzu⸗ jagen. * 2) Es iſt wohl bekannt, daß Heinrich Graf von Derby erſt ſpaͤter (1399) den Titel eines Herzogs von Lancaſter erhielt; indeſſen legen ihm dieſen Titel jetzt ſchon nicht nur Chroniſten, wie Lin denblatt S. 75, ſondern auch Briefe des Hochmeiſters (im Regiſtranten) bei. über ſeinen Zug heißt es bei Henr. de Knyg liton de eventibus Au- gliae p. 2737 im J. 1390: Eodem tempore ad festum sancti Jacobi Henricus Comes Derbeyae primogenitus Johannis Ducis Lancastriae cum armata manu M. electorum militun, armigerorum et valetto- rum arripuit iter versus Pruciam, et mense Aprilis rediit cum magni honoris tripudio et omnibus Christianis excellenti gaudiflua expedi- tione. — Obgleich es bisher in vielen Fällen vollig überflüflig geſchie⸗ nen hat, die unrichtigen Angaben bei Lucas David, die aus Si⸗ mon Grunau entlehnt ſind, jeder Zeit von neuem zu widerlegen, ſo mag hier doch darauf aufmerkſam gemacht werden, daß die aus dem letztern Chroniſten entnommene und von Baczko B. II. S. 209 und Kogebue B. II. S. 258 wiederholte Nachricht von einer Ankunft von Engländern im J. 1389 und der Vereitlung ihres Zweckes durch einen Streit nichts weiter als eine Grunauiſche Erdichtung und bereits von Hennig bei Lucas David B. VIL S. 218 widerlegt iſt.
Scanseite 556 · Druckseite 542
542 Ankunft fremder Kriegsgaͤſte (1390). gen!) zu Danzig gelandet, erſchien er zuerſt im Haupthauſe Marienburg. Allein der Meiſter ſelbſt konnte den fuͤrſtlichen Gaſt durch keinen perſoͤnlichen Empfang erfreuen, denn ſeine jahrelange Krankheit hatte ihn bereits fo ſchwer darniederge⸗ worfen, daß die Hoffnung ſeiner Geneſung ſchon voͤllig ver⸗ ſchwunden war. Unter den uͤbrigen Kriegsgaͤſten galt als der ausgezeichnetfte der weitberuͤhmte Franzoͤſiſche Ritter Bouci⸗ caut, der jetzt zum drittenmal nach Preuſſen zum Kampfe mit den Heiden gekommen war 2). Als alles vorbereitet, der Meiſter von Livland jetzt ebenfalls zum Beizuge aufgefordert war und Herzog Witowd unter den Samaiten einen anſehn⸗ lichen Streithaufen geſammelt, brach das geſammte Heer mit den Kriegsgaͤſten, gefuͤhrt vom Ordensmarſchall Engelhard Rabe, an der Memel hin bis gegen Kauen vor, wo ſich der 1) Lindenblatt S. 75 giebt nur 300 Mann an. De Wal T. IV. p. 50 ſagt dagegen: avec un grand nombre tant de cheva- liers que d’Ecuyers et quelques centaines de soldats, formant en tout une troupe de mille hommes; c’&toient vraisemblabement 300 Che- valiers, ce qui devoit former une troupe de 900 et meme de 1000 hommes, si Ton suppose que ce Prince avoit quelques gardes ou quelques autres militaires attaches plus particulierement ä sa per- sonne. 2) Es muß ausdruͤcklich bemerkt werden, daß dieſe Angabe aus De Wal p. 51 entlehnt iſt, wo es unter andern heißt: entre les Fran- gois on doit remarquer Jean le Maingre dit Boucicaut, fils du Ma- réchal de ce nom. Die Nachricht von feiner Anweſenheit in Preuſ⸗ fen iſt aus der Vie de Boucicaut c. XI et XVIII entnommen, welche wir nicht haben vergleichen koͤnnen, weshalb wir uns ganz allein auf De Wal verlaſſen muͤſſen, denn es erwähnt dieſes Ritters keine ein- heimiſche Quelle. Zu bemerken iſt aber, daß die Angaben bei De Wal nicht recht uͤbereinſtimmen wollen, denn wenn Boucicaut bei der Er⸗ mordung des Schottlaͤnders Douglas in Königsberg geweſen ſeyn ſoll, ſo muͤßte ſeine Anweſenheit ins J. 1391 fallen oder ſie muͤßte lange gedauert haben Gl sejourna longtems en Prusse, sans avoir Focca- sion de remplir ses projets, parce qu'on ne fit pas alors d’expedi- tion contre les ennemis), etwa von 1390-1391. Dies würde ſich damit vereinigen laſſen, daß der Koͤnig Karl VI. ihn bald nach ſeiner Ankunft nach Brüffel zuruͤckgerufen haben und er dann wieder nach Preuſſen zuruͤckgekehrt ſeyn ſoll.
Scanseite 557 · Druckseite 543
Kriegszug gegen Wilna (1390). 543 Meiſter von Livland anſchloß. Da kam die Nachricht, daß Skirgal ſich mit einem ſtarken Heere am jenſeitigen Ufer der Nerie bei⸗Alt⸗Kauen gelagert habe, dem Feinde den Über⸗ gang zu wehren. Der Marſchall drang ſofort mit einem aus⸗ erleſenen Haufen ſeiner Streitmacht noͤrdlich von Kauen durch die dortige Wildniß vor, gelangte gluͤcklich durch eine Furth uͤber den Strom und ſiel ploͤtzlich Skirgal'n in den Ruͤcken, ohne daß dieſer es geahnet. Kaum rettete ihn die Flucht auf die Burg Wiſſewalde; gegen hundert von den Seinen wurden ihm niedergeworfen und drei Herzoge nebſt elf Bojaren als Gefangene mit zweihundert geſattelten Roſſen als Beute nach Preuſſen gefandt ). Darauf zog der Marſchall, nachdem die Fahrzeuge in die Nerie oder Wilia eingeſegelt und Witowds und die Lirlaͤndi⸗ ſchen Streithaufen mit ihm wieder vereinigt waren, in ge⸗ fammter Macht gegen Wilna hinauf ). Am vierten Sep⸗ tember vor ſeinen Mauern angelangt umlagerten die getheilten Heere ), jedes in einem beſondern Lager, die Stadt von al⸗ len Seiten; man ſchlug Bruͤcken uͤber die Wilia, um die Zu⸗ fuhr von Norden her abzuſchneiden und bereitete alles zum Angriffe vor. Zwei ſtark befeſtigte Burgen ragten uͤber die Stadt empor, beide wahrſcheinlich wie bei mehren Ordensbur⸗ gen mit einander in Verbindung ſtehend, die eine, das oberſte 1) Lindenblatt ©. 76 uͤbereinſtimmend mit Wigand. p. 302 und einem Briefe des Großkomthurs an den Röm- König, wo es vom Ordensmarſchall heißt: do flug her herczogen Skirgalen abe als man verfleet wol IC mann und vyng III Ruſche herczogen und XI baioren, die uff demeſelben foͤrthe mit andern littawen lagen und wolden den furth weren und nam In IIc gefatelte pferde. Regiſtrant p. 70. Diugoss. p. 128 weiß, daß man bei Alt⸗Kauen den Ehrentiſch gehal⸗ ten habe. Nach Kojalowiez p. 19 geſchah dies alles erſt unter dem Hochmeiſter Konrad von Wallenrod, aber doch ſchon im J. 1390. 2) Nach Schütz p. 86 zog das Heer zuerſt vor Traken und brannte die Stadt auf; Dlugoss. p. 128. Der hier ſehr genau unterrichtete Lindenblatt und Wigand. wiſſen nichts davon. 3) Der Brief des Großkomthurs ſpricht nur von zwei Heeren; an⸗ dere wiſſen von drei.
Scanseite 558 · Druckseite 544
544 Belagerung Wilna's (1390). Haus genannt, auf einer Anhoͤhe liegend, ſtark mit Mann⸗ ſchaft beſetzt, die andere, tiefer gelegen, meiſt von Holz er⸗ baut, das Kramhaus genannt, war mit vielen tauſend Men⸗ ſchen angefuͤllt, welche theils ihre Kaufguͤter dahin geflüchtet hatten, theils als Beſatzung zur Vertheidigung dalagen. Hier fuͤhrte Jagals Bruder Karigal, der in der Taufe den Namen Kaſimir erhalten, den Oberbefehl). In der Nähe hatte Witowd ſein Lager geſchlagen und ſeine Heerhaufen vermehr⸗ ten ſich durch zuſtroͤmende Litthauer, die ſich aus alter Liebe gerne an ihn anſchloſſen, von Tag zu Tag 2). Man begann den Angriff auf die Stadt; mehre Tage lang waren Bliden und Tumler, das ſchwere Geſchuͤtz oder die ſ. g. Buͤchſen in unaufhoͤrlicher Bewegung. Am Morgen des ſechſten Tages ward die Beſtürmung der Mauer beſchloſſen; aber man hatte kaum den erſten Anſturm gewagt, als plotzlich, man wußte ſelbſt nicht, ob durch den Feind oder durch Zwietracht und Verraͤtherei unter der Beſatzung, die untere Burg, das Kram⸗ haus, in lichten Flammen ſtand ). Je groͤßer die Menſchen⸗ 1) In einem Berichte der Polen im Fol. E. p. 70 heißt es: Sie umeleten (umlegten) dy Wille, dy do iſt dy namhaftigiſte ſtad in den landen czu Littowen, dorine drey huͤſer ſint geſaczt, welchir eyns hei⸗ ßet das Cromehus, in deme vil thuſende gewopinter und ander Edele und gemeyner leute beydes kunnes (Geſchlechtes) alſo wol vor beſchir⸗ munge des huſes, alz och vor czuflucht und beſaldunge woren geſam⸗ melt, in welchem huſe here Kaſemyrus gar criſtlicher fuͤrſte, unſer gar lipſter bruder heuptmann doſelbſt was geſaczt. — Andere ſprechen nur von zwei Burgen in Wilna. Wir finden die eine im Deutſchen „das kromhus oder das Cromehus“ genannt; es ſcheint uns wegen der Er⸗ wähnung der dortigen Kauf- und Kramwaaren an ein Kramhaus oder Kaufhaus, welches befeſtigt war, gedacht werden zu muͤſſen. Bei Dlu⸗ goss. p. 128 heißt es indeſſen castrum curvum und im Fol. D. im geh. Arch. Castrum Wylno dietum, quod in Curvin dicebatur. Ano- nym. Archidiac. Gnesnen. p. 154 nennt es Krzivigrod. . 2) Im erwähnten Briefe des Großkomthurs heißt es: Ouch haben vil littawen ſich czu herczogen Witoldo nu in der reiſe und ouch vor der reiſe geworffen. 8) Die Chroniſten erwaͤhnen nur des großen Brandes. über An⸗
Scanseite 559 · Druckseite 545
Belagerung Wilna's (1390). 545 maſſe, die ſich hier zuſammengedraͤngt, um ſo furchtbarer nun die Verwirrung und das allgemeine Entſetzen und Angſtge⸗ ſchrei, zumal als jetzt der Feind von außen in die Burg ein⸗ drang und mit dem Schwerte erwuͤrgte oder gefangen nahm, was dem Feuertode entrinnen wollte. Keiner wagte Wider⸗ ſtand; uͤber zweitauſend wurden vom Feinde erſchlagen oder gefangen und eine große Zahl ſammt allen aufgehaͤuften Kauf⸗ waaren von den Flammen verzehrt '). Unter den Ermorde⸗ ten war auch Herzog Karigal, den auf der Flucht zu der an⸗ dern Burg ein feindlicher Krieger unerkannt niedergeſtoßen hatte, laß und urſache blieb man auch ſpaͤterhin ganz ungewiß. Kojalowiez p. 20 fagt: Aliqui obsessorum vel Vitoldianis promissis corrupti, vel odio Skirgelonis furentes duabus infimae arcis portis ignem subiece- runt. Die Polen und vor allen Jagal ſelbſt behaupteten beſtaͤndig: man habe von Seiten der Belagerer auf dem Hauſe eine Verraͤtherei angezettelt und durch gewonnene Verräther die Burg in Brand ge⸗ ſteckt. In dem erwaͤhnten Berichte im Fol. E. p. 70 heißt es dar⸗ über: „In demſelbin Hufe was alſulche menige der gewopenten, das is nicht mogelichen was, das hus mit gewalt czu dirwerben, is were denne vorretniſſe innewenniges im huße heymelich geſchaffet, mit wel: chem vorretniſſe, do die finde um czuſtritende das hus infilen, vil füce ſint gemachet in Im und gar groſe totſlege ofſtunden undir den, dy in dem huſe woren, und dy finde von gunſt und winken der vorreterer ingingen das hus und dy leute unvorſehens toͤten.“ In der Antwort auf dieſe Klage im Fol. E. p. 57 wird es aber von Sriten des Or⸗ dens ausdruͤcklich gelaͤugnet, daß eine Verraͤtherei Statt gefunden habe. 1) So bei Lindenblatt S. 77. Im erwaͤhnten Briefe des Großkomthurs heißt es: Und mit dem erſten czulauffe und ſtorme ge⸗ wunnen ſy das hulczen hus, darinne ſy wol IVI. menſchen haben dir⸗ ſlagen und verbrant, guter Ryter und fusgenger mit etlichen Ruſchen herczogen, und nemlich eynen des konigis von Polan bruder genant Karigail, ouch haben ſy uff demſelben Hufe gefangen wol III. mens ſchen, jung und alt. Nach De Wal T. IV. p. 68 giebt der Engli⸗ ſche Chroniſt Walsingham Chron. an. 1390 die Zahl der Todten und Gefangenen auf 4000 an und mißt den Ruhm der Eroberung Wilna's dem Grafen von Derby bei. Dlugoss. I. c. weiß, daß in castro curvo per propriorum fraudem prodito de Polonis, Lithuanis et Ruthenis quatuordecim prope millia aut flamma voratos esse aut hostili gla- dio cecidisse. Kojalowiez p. 21. V. 35
Scanseite 560 · Druckseite 546
546 Belagerung Wilna's (1390). fo daß man mehre Tage nicht wußte, welches Schickſal ihn getroffen ). Jetzt glaubte man im Ordensheere, daß nun auch die andere Burg ſammt der Stadt leicht erobert werden konne, denn das ſchwere Geſchuͤtz der Feuerbuͤchſen, deſſen Gebrauch jetzt ſchon immer allgemeiner ward, hatte außerordentliche Wir⸗ kungen, zumal da auch die Engliſchen Bogenſchuͤtzen ihren weitverbreiteten Ruhm bewaͤhrten und im Kampfe durch Muth und Gewandtheit ausgezeichnet dem Feinde großen Schaden 1) über den Tod Karigals iſt nachmals zwiſchen Koͤnig Jagal und dem Orden aufs heftigſte geläftert und geklagt worden. Jener behaup⸗ tete naͤmlich: man habe ſeinen Bruder bei der Flucht gefangen, zum Marſchall geführt, ihn auf deſſen Befehl enthauptet, den Kopf auf eine Stange oder lange Lanze geſteckt, unter Spott und Hohn ins La⸗ ger getragen und ſelbſt den Leichnam unehrbar behandelt zur ewigen Schande ſeines Geſchlechtes; ſo im Berichte im Fol. E. p. 70 oder wie es im Fol. Compositio Pruss. p. 35 heißt: Tandem christianissimum principem dominum Cazimirum dietum Cortgello fratrem germanum domini Regis interfecerunt, interfectique caput a corpore scinden- tes et amputantes et detruncantes cum eodem capite ludibria et mul- tas subsannaciones fecerunt in vilipendium Regis. Von Seiten des Ordens erklaͤrte man dieſes beſtaͤndig fuͤr eine Unwahrheit und eine zum Nachtheile des Ordens erſonnene Erdichtung; ſo in einem Briefe des Ordensſtatthalters an die Koͤnigin von Polen aus dem Anfange des J. 1391: „Wir verneme in euwirm brieve, wie das euwir Durchlucht. underrichtet iſt von euwirn houptluͤten, die czur Wille ſint geweſt, das man herczogen Kairigail andirs getowft Kazimirus ſulde ſyn houpt tot abgeſlagen, do antworte wir abir uff alſo, wer das euwir gros⸗ mecht. alſo vorgebracht hat, das der die warheit nicht gewuſt hat noch weis, want wir von dem Obirſten marſchalk und von andern erbaren luͤten, herren, Rittern, knechten, die czu der cziet mit in der Reiſe waren, vernomen haben, das der herczog Kairigail unwiſſens wart dir⸗ ſlagen, das In nymand kannte, und das ſtunt bis an den vuͤnften tag, das do nymand von wuſte, das her dirſlagen was, ſo lange bis das litthowin von deme andern huſe ſtegen und flogen in unſer heer, die⸗ ſelben ſagten, das der herczog were dirſlagen.“ Eben fo ſchrieb man über die Sache an die Schleſiſchen Herzoge; fo auch im Berichte im Fol. E. p. 57. Die Polniſchen Chroniſten, z. B. Dlugoss. p. 128 erzählen die Verlaͤumdung nach; Kojalowiez p. 21, De Val T. IV. P. 67.
Scanseite 561 · Druckseite 547
Belagerung Wilna's (1390). 547 brachten). Allein die Beſatzung auf der Burg, von dem entſchloſſenen Hauptmanne Nicolaus von Moskorzow 2) befeh⸗ ligt, ſtark an Zahl und reichlich mit allem Noͤthigen verſorgt, wehrte ſich gegen die Stuͤrme und Angriffe der Belagerer mit ſolcher heldenmuͤthigen Tapferkeit, brachte ihnen durch Geſchoß und Ausfaͤlle ſo bedeutende Verluſte bei und traf, ſo oft der Feind einen Vortheil errungen, jeder Zeit ſo zweckmaͤßige Ge⸗ genanſtalten zur Sicherung und Befeſtigung der Burg ), daß fünf Wochen unter beſtaͤndigen Kämpfen ohne Erfolg voruͤber⸗ gingen). Gewiß wuͤrde das Ordensheer die Belagerung noch fortgeſetzt haben, denn an Lebensmitteln war immer reicher Überfluß, theils weil Litthauer und Samaiten immer neue Vor⸗ raͤthe von Lebensbeduͤrfniſſen zum Verkaufe herbeifuͤhrten, theils auch weil man ohne Gefahr aus der Umgegend Futter und was man ſonſt bedurfte, leicht aufbringen konnte. Allein es trat ſchon mehr und mehr die kalte Herbſtwitterung ein, die dem im Lager ſtehenden Heere großen Nachtheil brachte; es kam die Beſorgniß hinzu, daß bei angehendem Froſte den Schif⸗ fen die Zuruͤckfahrt unmöglich werden koͤnne; und da überdieß das Heer durch Verluſte an Gefangenen und Todten bedeu⸗ tend geſchwaͤcht, das Pulver verbraucht war und es auch ſonſt an manchem zur Belagerung Nothwendigen gebrach, ſo fand man im October ) für heilſam, die Heimkehr anzutreten. Sie 1) Lindenblatt S. 77. über die Anzahl des ſchweren Ge⸗ ſchuͤtzes um dieſe Zeit giebt das Amterbuch nähere Nachricht. 2) So Dlug oss. p. 129; Kojalowiez p. 21 nennt ihn Miskorowi. 3) Vgl. den weitlaͤuftigen Bericht daruber bei Dlugoss. 1. c. 4) Wigand. ſagt: Steterunt V septimanis in continuo agone uocte dieque et pugna et ex utraque parte multi sunt oceisi. Lin- denblatt a. a. O. Schreiben des Großkomthurs an den Röm. König, Regiſtr. p. 70. 5) Am Tage S. Auguſtini (28. August) war nach Lindenblatt das Heer über die Wilia gegangen und am 4. September vor Wilna angekommen; dort lag es fuͤnf Wochen und kehrte alſo erſt im Octo⸗ ber heim; vgl. Dlugoss. p. 130. Im erwähnten Schreiben des Groß⸗ komthurs heißt es ebenfalls: und muſten von dannen Gien dorumb, das es ſpete was in das Jar und durch unſtetigkeit des weters muſten 35 *
Scanseite 562 · Druckseite 548
548 Abzug von Wilna (1390). erfolgte unter ſchwerer Verheerung und Pluͤnderung des Lan⸗ des. Es hatte aber dieſer Kriegszug mehr als ſiebentauſend, nach manchen Berichten ſogar vierzehntauſend Litthauern Le⸗ ben oder Freiheit gekoſtet ). Das Ordensheer ſchaͤtzte ſeinen Verluſt uͤbertrieben gering nur auf dreißig Mann waͤhrend der ganzen Kriegsreiſe ?). Unter den Gefallenen betrauerte man vorzüglich den edlen Ordensritter Graf Alard (?) von Hohen⸗ ſtein und Witowds Bruder Tokwyl, der vor Wilna von ei⸗ nem feindlichen Geſchoſſe getroffen war ). Zur Rache hatte Witowd, wie berichtet wird, einen Bruder Jagal's, Narimant, der in einem Zweikampfe in ſeine Gefangenſchaft gefallen war, mit den Füßen an einem Baume aufhängen und durch Pfeilſchuͤſſe toͤdten laffen *). Seinem Ziele war der Fuͤrſt freilich auch durch dieſe Unternehmung nicht viel naͤher gekommen; indeſ⸗ fen hatten ihn doch die fo vielfach für ihn ausgeſprochenen ſy ilende czu lande czien, dorumb das ſie mochten obir die waſſer fur⸗ then, want die waſſer begunden ſich ſere czu dirgiſen und die wege böfe czu werden, ſy hetten anders wol lenger do vor bleben legen. Vgl. De Wal T. IV. p. 71. 1) Bei Wigand. heißt es: Captivati et occisi sunt ultra 7000 pro maiori parte paganorum; von 14,000 ſpricht Diugoss I. c. 2) Lindenblatt a. a. O. Nach Wigand. war der Verluſt of⸗ fenbar groͤßer. Der Großkomthur in ſeinem Briefe ſagt nur: Sy mit huͤlffe unſers hern ane allen merklichen ſchaden ſint weder czu lande kommen. 3) Diugoss. I. c. Kojalowiez p. 22, Schütz p. 86. Ob der Name Alard oder Algard, wie De Wal hat, richtig iſt, moͤchte zu be⸗ zweifeln ſeyn. Fruͤher (1321) kennen wir einen Eyliger von Hohen⸗ ſtein als Komthur zu Golub und im J. 1377 einen Inger (2 vielleicht Guͤnther) von Hohenſtein als Komthur zu Brandenburg. Beide koͤn⸗ nen nicht gemeint ſeyn. Witowds Bruder heißt bei Schütz unrichtig Totiroil, vielleicht nur verdruckt fuͤr Tokwyl. In Witowds Bericht im Fol. F. p. 22 iſt er Tewtewil geſchrieben. Wir haben früher ge⸗ ſehen, daß der richtige Name Tokwyl iſt. 4) So Diugoss. \. c. Schätz I. c. und Kojalowiez l. co. Da ältere Chroniſten dartiber ſchweigen, fo iſt die Nachricht wohl etwas zweifelhaft. Wigand. erwähnt dagegen eines Herzogs Konrad als von einem Geſchoſſe getoͤdtet; vielleicht meint er damit den Herzog Tokwyl, wie es auch Schütz genommen zu haben ſcheint.
Scanseite 563 · Druckseite 549
Abzug von Wilna (1390). 549 Geſinnungen der Litthauer mit neuen Hoffnungen für die Zukunft erfüllt und um dieſe einft noch verwirklicht zu ſehen, blieb er vorerſt noch treu und feſt mit dem Orden verbuͤndet ). 1) Es iſt noͤthig, hier ein Wort uͤber die richtigere Zeitbeſtim⸗ mung in den Ereigniſſen der letztern Jahre hinzuzufuͤgen, denn wenn man die Darſtellung der Begebenheiten bei Kojalowiez p. 6 sq., Luc. David B. VII, Schütz p. 86, Baczko B. II. S. 202 ff. und Kotzebue B. II. S. 257 ff. uͤberblickt, fo tritt dem Leſer eine Ver⸗ wirrung und eine Menge von Widerfprüchen entgegen, die kaum ärger ſeyn kann und die Hennig bei Lucas David B. VII. S. 235 kei⸗ neswegs hinweggeraͤumt hat. Die meiſte Verwirrung haben Schütz und Kojalowiez dadurch veranlaßt, daß fie in das J. 1387 Ereigniſſe zuſammenſtellen, die zum Theil erſt in die Jahre 1390 und 1392 ge⸗ hoͤren, denn von einer neuen Verbindung Witowds im J. 1387 iſt ſonſt nirgends die Rede; fie erfolgte erſt im J. 1390. Noch weniger iſt im J. 1387 oder 1388 an einen zweiten Abfall Witowds und dann wieder an eine neue Verbindung mit dem Orden zu denken, denn jener Abfall erfolgt nach Lindenblatts richtiger und durch andere Zeug⸗ niſſe beftätigter Angabe erſt im J. 1392, wohin auch die unterneh⸗ mung gegen die Burgen Georgenburg, Marienburg und Neuhaus ge⸗ hoͤrt, welche Schütz ins 3. 1387 u. Kojalowiez p. 10 und Baczko a. a. O. ins J. 1388 ſetzen. Kojalowiez p. 13 fand es ſchon fo auf⸗ fallend, daß der Orden Witowden ſo ſchnell wieder Vertrauen geſchenkt habe, daß er ſagt: Vix fidem apud lectorem res reperiet, post tot delusiones aut Prussos Vitoldo amicitiam postulanti credere potuisse, aut Vitoldum sperasse eos credituros; doch fügt er hinzu: at utilita- tis spes maximam quidvis persuadendi vim habet, was freilich nicht viel ſagen will. Nach ihm geſchah auch die neue Verbindung Witowds erſt mit dem Hochm. Konrad von Wallenrod. Lin denblatt und eis nige Archivsquellen bleiben auch hier die ſicherſten Führer. Aus ihnen erhellt 1. daß die neue Verbindung Witowds mit dem Orden erſt ge⸗ gen das Ende des J. 1389 eingeleitet und im Anfange des J. 1390 wirklich abgeſchloſſen wurde, wie die erwaͤhnten Urkunden vom 19. Ja⸗ nuar beweiſen; 2. daß Witowd auch ferner dem Orden treu blieb, in⸗ dem er den Ordensmarſchall mit vor Kernow und Mayſigal begleitete (Wigand.); 3. daß auch um Pfingſten Witowd noch Verbuͤndeter des Ordens war, da er am 26. Mai 1390 den Frieden zwiſchen dieſem und den Samaiten einleitete und mit abſchloß, und 4. iſt an einer Theilnahme Witowds an der Unternehmung gegen Wilna im Herbſt dieſes Jahres gar kein Zweifel moͤglich.
Scanseite 564 · Druckseite 550
550 Tod Konrad Zoͤllners von Rotenſtein (1390). Die heimkehrenden Gebietiger aber fanden den Hochmei⸗ ſter nicht mehr am Leben. Schon am zwanzigſten Auguſt, alſo noch bevor das Heer über die Wilia gezogen war !), hatte Konrad Zöllner feiner ſchweren Krankheit erliegen muͤſ⸗ fen ) und feine ſterbliche Hülle umſchloß ſchon laͤngſt das Grab an der Seite Winrichs von Kniprode in der S. Un: nengruft des Haupthauſes 3). Er hatte das Meiſteramt nicht volle acht Jahre verwaltet, aber gewiß die Aufgabe, welche ein Nachfolger des edlen Winrichs von Kniprode uͤber ſich hatte, nicht ohne Ruhm geloͤſt. Das Krieg ſchwert im Hei⸗ denkampfe brachte ihm zwar nicht den glaͤnzenden und weit⸗ gefeierten Namen, in welchem vor ihm Winrich daſteht und er zeigte in des Landes Verwaltung weder die alles umfaſ⸗ ſende Geiſtesgroͤße, noch die alle Verhaͤltniſſe ſeines Amtes durchdringende Willenskraft und Geiſtesſtaͤrke, die feinem Vor⸗ gaͤnger in ſo hohem Grade eigen waren Allein er offenbarte waͤhrend ſeines Meiſteramtes doch eine Reihe von Tugenden und ruͤhmlichen Eigenſchaften, die ihn als Fuͤrſten des Lan⸗ des, wie als Oberhaupt des Ordens in allen Verhaͤltniſſen achtungswerth machen. Den Krieg gegen die Litthauer fuͤhrte 1) Lindenblatt S. 75 ſagt: der Meiſter ſey geſtorben, „als das her quam uff den Trappen,“ nicht wie dort in der Anmerk. er⸗ klaͤrt wird, ſondern Trappen war eine Insula, ein Werder in der Ge⸗ gend der Wilia; Urk. im geh. Arch. Schicht. 75. Nr. 26. 2) Die Angabe von einer noch kurz zuvor unternommenen Reiſe des Meiſters nach Strasburg und von ſeinem in Chriſtburg erfolgten Tode bedarf keiner Widerlegung; Simon Grunau Tr. XIII. c. VIII. F. 1. ift die einzige Quelle. 3) Dieß iſt nach Linden blatt S. 75 die richtige Angabe feines Todesjahres und Todestages, die ſich auch durch Urkunden, wie bei Lindenblatt in der Anmerk. geſchehen iſt, rechtfertigen läßt; wir finden ſie auch in der Biographie dieſes Hochmeiſters in d. Annal. des Könige. Preuſſ. B. II. S. 15 ſchon angenommen. Wie Luc. David B. VII. S. 229 darüber ſchwanken konnte, ift eher begreiflich, als wie Wigand. den Tod Konrads ins J. 1389 oder Schütz ins J. 1391 ſetzen konnten. Die Angabe des letztern uͤber das Hinſcheiden in Chriſtburg iſt aus Simon Grunau a. a. O.; ſ. Pauli B. IV. S. 222.
Scanseite 565 · Druckseite 551
Konrad Zoͤllners Walten (1390). 551 er nicht mit der Vorliebe und Kampfluſt wie ſein Vorgaͤnger, wie er ſchon dadurch bewies, daß er mit Jagal dem Groß⸗ fürften und den Samaiten in friedliche Verhaͤltniſſe trat, ob⸗ gleich ſie damals noch Heiden waren; aber er fuͤhrte dieſen Kampf fort, weil er gleichſam ein Erbtheil ſeines Amtes mit dieſem auf ihn uͤbergegangen war, weil man ihn im Orden ſelbſt, wie im Auslande auch jetzt noch als eine mit dem Da⸗ ſeyn des Ordens verbundene Pflicht anſah, die als Pflicht nur aufhoͤren konnte, wenn kein Goͤtze mehr an ſeinen Graͤnzen angebetet wurde; er mußte den Kampf noch fortſetzen, weil Deutſchland, Frankreich, England und andere Laͤnder immer wieder neue Kriegsgaͤſte herbeiſandten, die zwar theils nur das Abenteuerliche eines kriegeriſchen Pilgerzuges ins Heidenland, theils Ruhmſucht und Begier nach der Ritterwuͤrde auf heid⸗ niſchem Boden, theils auch ehrgeizige Sehnſucht nach dem hochberuͤhmten Ehrentiſch ins Land lockten, zum großen Theile aber auch fromme Religioſitaͤt und der feſte Glaube an das Verdienſt fuͤr den Himmel hieher trieb und deren Ankunft je⸗ der Zeit neuen Anlaß zum Heidenkampfe gab, der, ſo oft es Witterung und Wege erlaubten, den fremden Gaͤſten nie ver⸗ weigert werden konnte Und endlich mußte der Kampf mit den Unglaͤubigen auch darum noch fortgefuͤhrt werden, weil er, wie der Orden nun einmal daſtand in ſeiner Geſtaltung und Verfaſſung, fuͤr die ritterliche Kraft ſeiner Glieder der zweckmaͤßigſte Ableiter und fir den thatluſtigen Ordensritter, der in den Mauern feiner Burg und unter dem täglichen Abs halten ſeiner Gebetszeiten bald haͤtte erſchlaffen und verkuͤm⸗ mern müffen, ein nothwendiges Beduͤrfniß zur Auslebung ſei⸗ ner Kraft geworden war. Wie wenig aber der Meiſter ſelbſt Freude an dieſem Hei⸗ denkampfe fand, zeigt feine feltene perſoͤnliche Theilnahme auch in den erſten Jahren ſeines Meiſteramtes. Er zog es vor, daheim feinen fuͤrſtlichen Pflichten obzuliegen, und die Ver⸗ haͤltniſſe des Ordensſtaates ſowohl zum Auslande als in ſei⸗ nem Innern waren, wie zum Theil ſchon gezeigt worden, mit einer Weisheit und Beſonnenheit geordnet und geregelt, wie
Scanseite 566 · Druckseite 552
552 Konrad Zoͤllners Walten (1390). nur ſelten zuvor. Mit faſt allen auswaͤrtigen Fuͤrſten waren die alten Mißhelligkeiten ausgeglichen und da ſich einſt die Nachricht, die Koͤnigin Margaretha von Daͤnemark habe ſich wider den Orden mit dem Koͤnige von Polen verbunden, nicht nur in Preuſſen, ſondern auch bis Daͤnemark verbreitete, ſo ſandte die Königin augenblicklich einen Sendboten an den Mei⸗ ſter, um das falſche Gerücht zu widerlegen ). Überall vom Auslande her erhielt der Hochmeiſter Beweiſe der Hochachtung und Freundſchaft. Bald war es ein ſchoͤner Zelter, bald eine Sendung von Edelfalken ), bald Geſchenke von Kleinodien, womit man ihn von auswärts her erfreute). Mit mehren Fuͤrſten Deutſchlands ſtand er in beſonders freundſchaftlichen und vertraulichen Verhaͤltniſſen, wie mit Herzog Friederich von Baiern, dem er nicht bloß von Zeit zu Zeit Nachrichten über die Lage der Dinge in Polen und die Ereigniſſe in Lit⸗ thauen mittheilte, ſondern oͤfter auch und namentlich noch we⸗ nige Wochen vor ſeinem Tode mancherlei Geſchenke zuſandte. „Sonderlich allerliebſter Herr, ſchrieb er ihm in ſeinem letzten Briefe, ſo ſenden wir euch bei dieſem Briefzeiger auch eine heidniſche Krone, die ihr, wenn euch luͤſtet zu Mittag zu ru⸗ hen, über das Bette ſperren möget vor Muͤcken und Fliegen; das heißen wir in unſerem Lande ein Fliegennetz. Wir ſen⸗ den euch auch einen heidniſchen Hut, die ſind aus Litthauen kommen, und bitten euch, daß ihr es euch angenehm laſſet ſeyn ).“ — Selbſt der Herzog Wartislav von Pommern, deſ⸗ 1) Brief des Hochmeiſters an die Königin, dat.: Marienburg am Sonnt. vor Laurent. 1390 im Regiſtrant p. 60. Er ſagt unter an⸗ dern: So danke wir uͤwir durchluchtikeit als unſer gnedigen frauwen vor euwir botſchaft und gnade, das ir uͤch darczu gedemuͤtiget habt und habt uͤwir boten czu uns gefant, der warheit uns czu undirrichten, dorumb wir mitſampt unſerm Orden got unſern heren ſtetiglich bitten und fleen wellen vor uͤwir geſunt und wolfart uͤwirs libes. 2) Ein ſolches Geſchenk von Geierfalken und andern Edelfalken er⸗ hielt der Meiſter unter andern auch von der Koͤnigin von Daͤnemark, wie ſchon erwaͤhnt. 8) Regiſtrant des Hochmeiſters. 4) Regiſtrant p. 63.
Scanseite 567 · Druckseite 553
Konrad Zoͤllners Walten (1390). 553 fen frühere friedliche und freundliche Stellung zum Orden durch des Herzogs von Geldern ſchmaͤhliche Niederlegung und Gefangennehmung, ſowie durch manche andere Ereigniſſe ge⸗ ſtoͤrt worden war, wagte es doch während Konrad Zoͤllners Lebenszeit noch nicht, gegen den Orden als offener Feind auf⸗ zutreten. Auch der Koͤnig von Polen, ſo bitter und feindſe⸗ lig ſeine Geſinnung gegen die Herren in Preuſſen und ſo ſchwierig und unſicher auch die Stellung des Meiſters zu die⸗ ſem Fuͤrſten immerhin war, ſcheute ſich noch, mit gezuͤcktem Schwerte im Kampfe mit dem Orden zu erſcheinen, ſo leicht er auch in den Kriegsereigniſſen in Litthauen Anlaß zu offe⸗ ner Feindſeligkeit hätte finden koͤnnen, ſey es daß ihn die hohe Achtung und Freundſchaft zuruͤckhielt, welche der Meiſter bei fo vielen Koͤnigen und Fuͤrſten genoß, oder daß er den ern⸗ ſten und beſonnenen Geiſt fuͤrchtete, der in Konrads Walten uͤberall ſichtbar war, oder auch daß er die Werbungen und Verbindungen kannte, die der Meiſter fuͤr den Ausbruch eines Krieges mit Polen mit der kampfluſtigen Ritterſchaft in Pom⸗ mern und anderwaͤrts abgeſchloſſen hatte. Aber das wilde Un⸗ gewitter, das einſt von dorther Preuſſen uͤberziehen und den Orden ſo furchtbar niederſchmettern ſollte, thuͤrmte waͤhrend Konrad Zoͤllners Meiſteramt in Polen feine erſten duͤſtern Wol⸗ ken auf und ſchon jetzt ließ es der Koͤnig in tiefem Grolle an Verhetzungen, Verlaͤumdungen und Anklagen bei fremden Fuͤr⸗ ſten, beſonders bei den nachbarlichen Herzogen von Pommern und Maſovien nicht fehlen, um in ihnen dem Orden Feinde und Widerſacher zu erwecken 1). 1) Darauf bezieht ſich wahrſcheinlich ein Brief des Hochmeiſters an den Herzog Wartislav von Pommern im Regiſtrant. (ohne Datum, aber ſicherlich aus den letzten Jahren des Meiſters), worin es unter an⸗ dern heißt: Euwir herlichkeit thun wir czu wiſſen, als von des brives wegen, den ir den edeln den geſten czu konigsberg habt geſant, in de⸗ me ir den ganzen Orden ſwerlich beſchemet habt unvorſchulter dinge mit ſmelichen worten, daran ir dem Orden und uns viel czu kurcz tut und wir vormuten uns wol und hoffen und wiſſen anders nicht, dann das der jene, der das euwer herlichkeit czu den oren hat gebracht,
Scanseite 568 · Druckseite 554
554 Konrad Zöllners Walten (1390). Alſo erfreute ſich Preuſſen während Konrads Verwaltung wenn auch nicht voͤllig friedlicher Sicherheit von außenher, doch im Innern des Landes faſt ungeſtoͤrter Ruhe und des Segens friedlicher Zeiten. Einfaͤlle der oͤſtlichen Nachbarn ins Ordens⸗ gebiet zu Raub und Verwuͤſtung, die unter Winrichs von Knip⸗ rode glaͤnzender Regentſchaft ſo oft weite Landſtrecken in Oden verwandelt, Staͤdte und Doͤrfer in Aſche gelegt und Tauſen⸗ den Leben und Freiheit gekoſtet, waren in Konrad Zoͤllners Zeit eine faft nie geſehene Erſcheinung, zum Theil wohl des⸗ halb, weil er mit Klugheit die Uneinigkeit der Fuͤrſten Lit⸗ thauens benutzte, um ſie in ihrem eigenen Lande zu beſchaͤf⸗ tigen. Um ſo erfreulicher und ſegensreicher gediehen auch ſeine Bemuͤhungen, durch die er Ackerbau und Landwirthſchaft, Handel und Gewerbe, ſtaͤdtiſchen und laͤndlichen Betrieb in jeglicher Richtung zu befoͤrdern ſtrebte. Da unter andern die Gebiete von Nadrauen und Natangen unter dem vorigen Mei- ſter durch die Verheerungen der Litthauer ſo entvoͤlkert waren, daß große Landſtrecken unbewohnt und unbebaut dalagen, ſo rief Konrad durch mancherlei lockende Freiheiten, als den theil⸗ weiſen Erlaß des zu leiſtenden Zinſes oder die Befreiung von Dienſten auf eine Anzahl Freijahre neue Bewohner und Land⸗ bauer dorthin und er ſoll ſie zu ihrer erſten Anheimung und Einrichtung auch vielfältig mit namhaften Geldſummen unter: ſtutzt haben!), wie wir auch finden, daß Konrad den reichen des nicht vulfuͤren moͤge mit der warheit uff den orden und merken und dirkennen, das her euwer fruͤnt nichten iſt und ouch der unſer, der ſulche wort czwiſchen euch und uns fuͤret und tribet, want wir mer⸗ ken und dirkennen, das her euwer lande und ouch der unſer ungluͤcke gerne ſeghe. 1) Lucas David B. VII. S. 162. Die Nachricht iſt freilich zum Theil aus Simon Grunau Tr. XIII. c. VIII. $. 2. entlehnt, der jedoch nicht 30,000, ſondern nur 3000 Mark angiebt, welche der Meiſter auf die erwähnte Weiſe verwendet haben fol. Wir glauben jedoch dieſer Nachricht doch darum einigen Glauben beimeſſen zu duͤr⸗ fen, weil wir allerdings aus vielen Verſchreibungen erſehen, daß ſich der Meiſter ſehr um die Aufnahme des Ackerbaues in den erwaͤhnten Landſchaften bemühte. Etwas Neues war aber die Nachlaſſung des
Scanseite 569 · Druckseite 555
Konrad Zoͤllners Walten (1390). 555 Schatz der Einkünfte, der in den Treſſel zu Marienburg zu⸗ ſammenfloß, weit weniger als ſein Vorgaͤnger an fremde Fuͤr⸗ ſten und Staͤdte gegen Pfand auslieh, als vielmehr zu des Landes Aufkommen und Gedeihen verwandte. Die Cultur des Landes hob ſich daher waͤhrend dieſer Friedenszeit mit je⸗ dem Jahre mehr empor, denn auch in den Biſthuͤmern hielt man hierin gleichen Schritt und man mußte dieſes, wenn die Bewohner der biſchoͤflichen Landestheile ihre Heimat nicht ver: laſſen und in die Gebiete des Ordens wandern ſollten. Zwar hatte der Landmann während der Regentſchaft dieſes Meifters wegen Peſt, Mißwachs und Theuerung einige ſehr ſchwere Jahre zu ertragen gehabt; allein die große Ergiebigkeit eini⸗ ger gluͤcklicher Ernten und die Vorſorge des Hochmeiſters, mit der er nicht nur den Getreidehandel ins Ausland, beſonders nach England befoͤrderte, ſondern dem Landmanne auch ſeinen Überfluß zur Anlegung von Getreidemagazinen ſelbſt abkaufte !), hatten jene druckenden Jahre bald wieder in Vergeſſenheit ge⸗ bracht. — allem aber war es, wie aus dem fruͤher Erwaͤhn⸗ ten hervorgeht, der regſame und lebendige Betrieb im Han⸗ del und Verkehr, dem Konrad ſeine groͤßte Sorgfalt widmete, da er in ihm die ergiebigſte Quelle des Wohlſtandes wie des Bürgers ſo des Bauers ſah, zumal bei dem damals ſo aͤu⸗ ßerſt bedeutenden Kornbandel Preuſſens 2), beſonders nach England -). Wie er überall leitend und rathend in die alle gemeinen Angelegenheiten der Hanſe⸗Staͤdte nicht nur Preuſ⸗ . Zinſes und Dienſtes auf einige Freijahre für die neuen Anſiedler kei⸗ neswegs. 1) Lucas David B. VII. S. 213, wieder meift aus Simon Grunau Tr. XIII. c. II. §. 1, namentlich die Angabe, daß wegen Getrridekauf 300 Schiffe nach Danzig und Balga gekommen ſeyen und die ſtaͤdtiſchen Getreidehaͤndler ihr Getreide zuerſt für 9 Mark, der Hochmeiſter aber das ſeinige nachher für 12 Mark die Laſt verkauft habe und fo zu einem bedeutenden Gewinne gelangt fey- 2) Schütz p. 88. 3) Fiſcher a. a. O. B. II. S. 189; ſchon damals eine Art von Kornbill.
Scanseite 570 · Druckseite 556
556 Konrad Zöllners Walten (1390). ſens, ſondern auch des Auslandes mit Erfolg eingriff und Mißverhaͤltniſſe ausglich, welche Jahre lang das nordiſche Handelsleben gelaͤhmt hatten, iſt ſchon oben erwaͤhnt worden. Aber ſelbſt auch das Intereſſe einzelner Kaufleute, die ſich um Rath und Beiſtand in ihren Verhaͤltniſſen an ihn wandten, befoͤrderte er nach Möglichkeit mit regſter Theilnahme ). Er verwendet ſich bei dem Herzog Albrecht von Baiern fuͤr einen ſeiner Buͤrger in einem Handelsſtreite mit einem Unterthan des Herzogs um endliche Entſcheidung des koſtſpieligen Pro⸗ ceſſes ?). Er verſpricht einem Kaufmanne aus Luͤbeck, der ſich bei ihm uͤber den von den Gebietigern in Livland zuge⸗ fügten Verluſt an feinen Kaufguͤtern beklagt, die genauſte Un⸗ terſuchung und volles Recht, ſobald er uͤber die Klagſache von ihm vollſtaͤndig unterrichtet werde ). Er erſucht zu Gunſten eines Buͤrgers aus Breslau bereitwillig den Herzog Witowd, ihm ſeine bei Wilna, wohin er Handel getrieben, weggenom⸗ mene Baarſchaft und ſeinen Tuchvorrath wieder frei zu geben und der Fürft laͤßt ſich auf des Meiſters Fürbitte dazu willig finden). Es mochte alſo das Intereſſe des Handelsſtandes im Ganzen oder im Einzelnen betreffen, Konrad vertrat und foͤrderte es uͤberall mit dem regſten Eifer. So wird berichtet, daß er zur Erleichterung des Verkehres im Großhandel eine Goldmuͤnze habe ſchlagen laſſen ). Welchen wohlthaͤtigen Einfluß aber auf die innere Regelung und Verfaſſung des ſtaͤdtiſchen Weſens und Lebens, auf die innere Geſtaltung und Verbeſſerung der ſtaͤdtiſchen Ordnung und des ſittlichen Zu⸗ ſtandes dieſe ſchon vom vorigen Meiſter begonnenen und von 1) Regiſtrant p. 59. 2) Regiſtrant p. 39. 3) Regiſtrant p. 49. 4) Regiftrant p. 62. Des Handels von Breslau nach Preuſſen und Rußland erwähnt auch Huͤllmann Staͤdteweſen des MU. B. I. S. 353. 359. 5) Hartknoch Dissertat. de re num. Pruss. $. XIV. De Wal T. IV. p. 57. Es bleiben freilich bei dieſer Sache noch Zweifel übrig, welche eine Preuſſiſche Numismatik Löfen müßte.
Scanseite 571 · Druckseite 557
Biſthum Kulm (1390). 557 dieſem fortgeſetzten Bemuͤhungen um den Wohlſtand und die Aufnahme der Staͤdte des Landes hatten, werden uns die Amtszeiten der naͤchſtfolgenden Meiſter zeigen. Auch in kirchlicher Hinſicht traten noch in dieſes Mei⸗ ſters letzten Zeiten mancherlei Veränderungen und einige für das ganze Land nicht unwichtige Erſcheinungen ein. Im Bis⸗ thum Kulm hatte Reinhard von Sayn in Stellvertretung des Biſchofs Wicbold mehre Jahre die biſchoͤfliche Verwaltung ge⸗ führt, als er nach des letztern Tod im Jahre 1389 ſelbſt als Biſchof von Kulm gekrönt ward ). Allein er hatte fein Amt noch nicht einmal ein Jahr verwaltet, als er am vierundzwan⸗ zigſten Auguſt des Jahres 1390, alſo wenige Tage nach dem Hinſcheiden des Meiſters, ſtarb 2). Zu ſeinem Nachfolger er⸗ kor das Kulmiſche Domkapitel den bisherigen Kulmiſchen Dom⸗ herrn und Kaplan des Hochmeiſters, Martin, denn fuͤr ihn ſprach beſonders der Umſtand, daß ihm der verſtorbene Mei⸗ ſter waͤhrend ſeiner ganzen Regierungszeit immer das unbe⸗ dingteſte Vertrauen geſchenkt). Am paͤpſtlichen Hofe indeſ⸗ 1) S. oben S. 471. Lindenblatt S. 71 giebt den Tag der 11,000 Jungfrauen (21. Octob.) als den Tag der Kroͤnung an. Auf⸗ fallend iſt aber, daß in einer Originalurkunde mit dem Datum: Sub a. d. 1889 sabbato quatuor temporum, quo caritas introitus in Eccle- sia dei decantatur, alſo um Pfingſten, ein frater Stephanus dei gratia Episcopus Cholmensis et Reverendi in christo Patris domini Johan- nis divina providentia Episcopi Wladislav. vicarius vorkommt, der einem gewiſſen Johannes Gottesgabe den Grad eines Diaconus ertheilt. Sollte dieſer Stephan wirklich Biſchof von Kulm geweſen ſeyn, ſo iſt er bisher ganz unbekannt. Es walten indeſſen noch Zweifel ob, zumal da auch der Ort der Ausſtellung der Urkunde nicht genannt iſt. Wenn Reinhard von Sayn im Zinsreglement vom J. 1386 in Preuſſ. Samml. B. I. S. 132 ſchon Biſchof von Kulm genannt wird und nach S. 67 — 68 ſchon im J. 1882 oder 1383 im Amte geweſen ſeyn müßte, fo iſt dieß unrichtig oder es muͤßte von ſeiner Stellvertretung verſtanden werden, die er nach Lindenblatt im J. 1385 uͤbernahm. 2) Lindenblatt S. 78. 3) Er kommt in Urkunden vom J. 1383 bis 1390 unausgeſetzt als Kaplan des Hochmeiſters vor. Dieſer nennt ihn auch ſelbſt in einer Urk. vom J. 1386 Domherr der Kirche zu Kulmſee.
Scanseite 572 · Druckseite 558
558 Biſthum Kulm (1390). ſen, auf deſſen Stuhl ſeit dem November des Jahres 1389 als Papſt Bonifacius der Neunte ſaß, ohne zur Zeit dem Or⸗ den beſondere Beweiſe ſeiner Huld gegeben zu haben, fand die Wahl keinen Beifall und ward nicht beſtaͤtigt. Der Papſt erhob vielmehr, wie es ſcheint, ohne weitere Anfrage bei dem Domkapitel 1), den damaligen Ordensprocurator am paͤpſtli⸗ chen Hofe Nicolaus Buck aus Schippenbeil 2) zum Biſchofe von Kulm, ſey es daß dieſer ſich fruͤher ſchon einflußreiche Freunde, vielleicht den Papſt ſelbſt ſchon als Kardinal zu ſei⸗ nem Goͤnner gewonnen hatte und jetzt ſeine biſchoͤfliche Ernen⸗ nung um ſo leichter durchſetzte, oder daß der Roͤmiſche Hof unter den eigenthuͤmlichen Verhaͤltniſſen des Biſthums Kulm, wie fie von uns ſchon einigemal berührt find, gerne einen Mann auf dieſem biſchoͤflichen Stuhle ſehen mochte, der zwar in alle Verhaͤltniſſe und geheimen Angelegenheiten des Ordens tief eingeweiht, aber doch ſchon bei ſeiner laͤngern Entfernung aus Preuſſen und ſeinem Aufenthalte am Roͤmiſchen Hofe, ſowie ſelbſt in ſeinem Charakter nicht in dem Maaße im In⸗ tereſſe des Ordens befangen ſeyn konnte, als es der langjaͤh⸗ rige Kaplan des Hochmeiſters wohl ohne Zweifel war. Ob⸗ gleich indeß die Erhebung dieſes Mannes zum Biſchofe dem Wunſche des Ordens nicht entſprach ) und es ſelbſt fuͤr eine Verletzung des ihm als Ordensbruder obliegenden Gehorſams angeſehen ward, daß er ſich ohne weiteres die Prieſterwuͤrde hatte ertheilen laſſen, ſo brachte man dieſes doch nicht zur 1) Nach einem Briefe (im Regiſtrant) hatte der neue Biſchof den Gebietigern in Preuffen ſelbſt geſchrieben, daß ihn der Papſt „von eis gener bewegunge von der kirchen Culmenſee habe vorgeſeen.“ 2) Lindenblatt S. 78. In einem Briefe des Großkomthurs Konrad von Wallenrod als Ordensſtatthalter an den Papſt wird er „Niclus von Schiffenburg procurator deutſch ordens“ genannt. 3) Wir haben aus dem Anfange des Jahres 1891 zwei Briefe des Großkomthurs an den Papſt und den neuen Biſchof, woraus hervor⸗ geht, daß man auch deshalb des letztern Wahl ungerne geſehen hatte, weil man, wie man wenigſtens vorgab, wegen eines neuen Ordens⸗ procurators in Rom in Verlegenheit war, weshalb man ihn auch bat, die Geſchafte in Rom noch einige Zeit zu verwalten.
Scanseite 573 · Druckseite 559
Das Biſthum Pomefanien (1390). 559 Sprache, ſondern man nahm ihn bei feiner Ankunft im Lande mit aller Ehrerbietung auf, weil man, wie es ſcheint, den Roͤmiſchen Hof auf keine Weiſe beleidigen mochte ). Allein es brachen nachmals, wie wir ſehen werden, dennoch man⸗ cherlei Zwiſtigkeiten zwiſchen ihm und dem Orden aus. Dem Biſthum Pomeſanien ſtand zur Zeit noch der Bi⸗ ſchof Johannes der Erſte vor, ſchon ſeit vierzehn Jahren, ein Mann, der ſowohl bei dem Hochmeiſter und den oberſten Ge⸗ bietigern, als bei den uͤbrigen Biſchoͤfen und der geſammten Geiſtlichkeit des Landes in hoͤchſter Achtung ſtand und uͤberall Vertrauen genoß. Bei der Kenntniß und Umſicht in welt⸗ lichen Verhaͤltniſſen, die ihm eigen war, bei ſeiner ſtrengen Rechtlichkeit und bei der Biederkeit ſeines Charakters berief man ſich haͤufig in ſtreitigen Faͤllen, ſelbſt aus den andern Biſthuͤmern Preuſſens, auf ſein ſchiedsrichterliches Urtheil und er ſchlichtete in ſolcher Weiſe eine Menge von Zwiſtigkeiten 2). über die Geiſtlichkeit ſeines Sprengels wachte er ſtets mit al⸗ ler Aufmerkſamkeit, denn je ſtrenger er gegen ſich ſelbſt in den ihm obliegenden Pflichten war, um ſo mehr drang er jeder Zeit auch bei andern mit Eifer und Nachdruck auf die puͤnkt⸗ 1) Einigen Aufſchluß uͤber dieſe Angelegenheit giebt der Entwurf eines Briefes des Hochmeiſters Konrad von Jungingen vom J. 1398 an den Papſt (worauf wir fpäter zuruͤckkommen werden), wo es über dieſen neuen Biſchof heißt: Licet alias dudum aliquas displicencias contra ordinem meum commiserit in eo, quod contra eius debitam obedienciam ad pontificalis dignitatis apicem procuravit se assumi, qui tamen cum omni honoris fastigio, tam in Cnria Romana, ubi erat ordinis mei generalis procurator, omnium secretorum et nego- ciorum eiusdem conscius, quam eciam extra semper favorabiliter pro- secutus, ita quod eciam tunc temporis quo excessus plus et perien- losius arcebat, ad ecclesiam suam fuerit pacifice adınissus et in ec- clesia nullo correspondente ulcionis malo, sed ad plenum abolito et remisso, a me et omnibus meis venerabiliter pertractatus. 2) So ſprach er z. B. die Entſcheidung in einem Streite zwiſchen dem Domkapitel von Ermland und den Einwohnern des Dorfes Schoͤn⸗ damerau und erklaͤrte die letztern von allem Scharwerk frei; Urk. Schiebl. XXV. Nr. 3. Andere Beiſpiele in Privileg. Pomesan. Eccles. p. XIII. etc. i
Scanseite 574 · Druckseite 560
560 Das Biſthum Pomeſanien (1390). lichſte Beobachtung kirchlicher Geſetze und Aufrechthaltung kirch⸗ licher Ordnung!), weshalb ihn auch der Papſt in mehren Angelegenheiten mit wichtigen Auftraͤgen und Vollmachten be⸗ ehrte. Sein Domkapitel beſtand aus einem Kreiſe von Maͤn⸗ nern, die ſich durch Bildung, Weltklugheit und Gewandtheit, ſelbſt durch Gelehrſamkeit auf eine Weiſe auszeichneten, wie um dieſe Zeit in keinem andern Domſtifte Preuſſens, wiewohl es auch im Domkapitel zu Frauenburg und ſelbſt unter den Pfarrherren der Staͤdte nicht wenige gab, die ſich durch Kennt⸗ niſſe die hoͤheren gelehrten Ehrengrade, des Meiſters der Rechte oder der freien Kuͤnſte erworben hatten 2). Vor allen aber gebietet die Dankbarkeit, des ehrwuͤrdigen Officials des Po⸗ meſaniſchen Stiftes Johannes von der Puſilie, des Verfaſſers der Jahrbuͤcher, ruͤhmlichſt zu erwähnen, eines Werkes, wel⸗ ches uns uͤber die Verhaͤltniſſe und Ereigniſſe dieſer Zeit die reichſten Aufſchluͤſſe giebt und mit einer Kenntniß und Um⸗ ſicht in den damaligen Welthaͤndeln, ſowie mit ſolcher Wahr⸗ heitsliebe und ſo ſtrenger geſchichtlichen Genauigkeit abgefaßt iſt, daß es unzweifelhaft fuͤr die wichtigſte Geſchichtsquelle die⸗ fer Zeit in Betreff Preuſſens gehalten werden darf ). Die ſem Manne zur Seite ſtand als Dompropſt Johannes Ry⸗ mann, einer der ausgezeichnetſten Praͤlaten Preuſſens, der nachmals ſelbſt den biſchoͤflichen Stuhl von Pomeſanien be⸗ ſtieg ). Auch auf den Landmann richtete der Biſchof Johannes 1) Darüber Mehres in verſchiedenen Urkunden in den Privileg. Capituli Pomesan. p. IX se., z. B. über die Stiftung mehrer Vica⸗ rien in Marienwerder, worin eine Menge von Vorſchriften und Ver⸗ haltungsregeln für die Geiſtlichen feftgeftellt werden. 2) So kommen z. B. in einem Briefe vom J. 1395 vor: Chri- stianus plebanus in Gdanczk doctor juris canonici, Andreas Symo- nis, Lyphardus de Daddeln, Gotfridus Bedeke magistri arcium et canonici Ecclesie Warmiensis, Bartolomeus de Burschov plebanus in Holland, Johannes Befrots magistri in medicinis, Nicolaus Wulsag magister arcium et iuris baccalaurcus, Bertholdns de Bora magister arcium etc. 3) Vgl. meine Einleitung zu Lindenblatts Jahrbüd). 4) Ebendaſ. ©. 4.
Scanseite 575 · Druckseite 561
Das Biſthum Ermland (1390). 561 gerne ſein vaͤterliches Auge und es zeugen noch zahlreiche Be⸗ weiſe von ſeiner Vorſorge und ſeinen Bemuͤhungen um Acker⸗ bau und laͤndlichen Betrieb, als um Befoͤrderung der Vieh⸗ zucht, des Olbaues u. ſ. w.). Wo es demnach den Bes wohnern eines Dorfes an der noͤthigen Weide oder an ſonſt etwas gebrach, was ihr Aufkommen foͤrdern konnte, da half der Biſchof immer gerne dem Beduͤrfniſſe ab. Mit noch regerem Eifer ſorgte man fuͤr den Wohlſtand des Landmannes und fuͤr die Pflege des Ackerbaues im Bis⸗ thum Ermland ſowohl von Seiten des Biſchofs als des Dom⸗ kapitels, wie denn auch fruͤher immer ſchon die Biſchoͤfe und Prälaten Ermlands ſich in dieſer Hinſicht rühmlichft ausge⸗ zeichnet. So blieb auch der Biſchof Heinrich der Dritte, deſ⸗ ſen wir fruͤher ſchon gedacht und der dem Biſthum nun ſchon gegen ſiebzehn Jahre lang vorgeſtanden hatte, nicht hinter ſei⸗ nen Vorgaͤngern zuruͤck. Es wurden nicht nur von Jahr zu Jahr theils durch ihn, theils durch das Domkapitel wuͤſte und unbebaute Landſtrecken zur Gruͤndung neuer Doͤrfer aus⸗ gethan 2) und fo in die traurigen Einoͤden thätiges Leben und rege Betriebſamkeit gebracht, ſondern man war auch viel⸗ fach bemüht, dem Landmanne durch Erleichterungen zu hel⸗ fen, wo man konnte. Wo Scharwerksdienſt und baͤuerliche Frohnarbeit zu druckend war, ließ man fie gerne durch eine feſtbeſtimmte Zinsleiſtung oder durch Lieferungen an Getreide, Wachs u. dgl. ablöfen ), und da es im Ermlande nicht we⸗ 1) Darüber die Urkunden in Privileg, Pomesan. Eecles. P. XXXVIII. XLII. XLV. XLVII. LII sq. 2) Darüber die Verſchreibungen im Fol. Ermland. Handfeſten im geh. Arch. 3) unter vielen hier nur Ein Beiſpiel vom Dorfe Schoͤndamerau, wo es in der Urkunde heißt: Quia super serviciis et operis rusticali- bus, que in alüs villis degentes communiter facere consueverunt, dissensio est suborta, volumus, quod incole ville Schonedamerow aut Scultetus eorum nomine unam cum dimidia ınarcam, quam de quolibet manso solvere tenentur, singulis annis pro serviciis et ope- 36
Scanseite 576 · Druckseite 562
562 Das Biſthum Ermland (1390). nig Doͤrfer gab, auf denen ſehr beſchwerliche ungemeſſene Scharwerksdienſte laſteten ), fo trat der Fall der Abloͤſung ſolcher Dienſte um dieſe Zeit ſehr haͤufig ein. Um den klei⸗ nen Verkehr auf dem Lande zu befoͤrdern, wurde jetzt haͤufi⸗ ger als je, beſonders im Ermlande, den Schultheißen oder ſonſt bemittelten Bewohnern der Doͤrfer von der Landesherr⸗ ſchaft die Erlaubniß ertheilt, Tabernen anzulegen und darin Bier, Brod, Fleiſch, Fiſche, vorzuͤglich Hering, Salz und andere Lebensbeduͤrfniſſe zum Verkaufe feil zu bieten. Mit beſonderem Eifer betrieb man im Ermlande auch jetzt noch die Bienenzucht und ſelbſt der Biſchof und das Domkapitel hat⸗ ten ihre eigenen, bedeutenden Bienengaͤrten und Bienenhaͤuſer, auf welche man große Sorgfalt verwandte. Man ließ im Frühling und zur Sommerzeit die Bienen in Gegenden brin⸗ gen, wo ſie am meiſten Ertrag brachten und ſtellte dabei be⸗ ſondere Waͤchter an oder man uͤberließ in ſolchen Gegenden einem Manne, beſonders alten Preuſſen, weil ſie die Bienen⸗ zucht am beſten verſtanden, ein Stuͤck Landes zur Anſiedelung mit der Verpflichtung der Obhut und Pflege der Bienen und zugleich mit lockenden Belohnungen fuͤr reichlichen Ertrag und für die Vermehrung derſelben ), denn je bedeutender ſeit ei⸗ ris rusticalibus predietis quatuor Scotos solvere teneantur; nec ultra ad aliqua alia servicia sive operas rusticales neque in personis ne- que in evectionibus feni, lignorum, avene seu quibuscunque aliis so- lutis quatuor scotis teneantur. 1) Gewoͤhnlich waren ſolche Dörfer, fo lange fie ſcharwerkspflich⸗ tig waren, zinsfrei. 2) Selbſt in urkunden finden ſich jetzt viele Spuren von der ei⸗ frigſt betriebenen Bienenzucht in Preuſſen. So heißt es z. B. in einer Verſchreibung des Ermlaͤndiſchen Domkapitels an den Preuſſen Medyn über 4 Huben bei den Dörfern Deythen und Garunthen (im Allenſtei⸗ niſchen): Volumus tamen, quod idem Medyn apes nostras custodire debeat in merica ibidem et expedire cum una corda, pro qua ensto- dia et expedicione damus eidem terciam partem mellis de apibus per ipsum custoditis provenientis Aut tercie partis valorem, si totum mel nobis placuerit retinere, de qualibet vero mansiuncula, boythen vul-
Scanseite 577 · Druckseite 563
Das Biſthum Ermland (1390). 563 ner Reihe von Jahren der Handel mit Wachs nach dem Aus⸗ lande, beſonders nach den Niederlanden, und der Verbrauch des Honiges geworden war, um ſo mehr hatte ſich auch die⸗ fer Zweig laͤndlicher Betriebſamkeit erweitert und vervollkomm⸗ net. — Übrigens ſtand der Biſchof von Ermland, ſeit der Beilegung des langwierigen Graͤnzſtreites, wovon oben ge⸗ ſprochen worden, mit dem Orden in fortdauernd friedlichen Verhaͤltniſſen, denn leichte Irrungen uͤber Graͤnzen und dgl. wurden immer bald beſeitigt ). Es wird berichtet, daß die⸗ fer Biſchof Heinrich zuerſt für ſich und feine Nachfolger den Titel und die Würde eines Reichsfuͤrſten erhalten habe; allein die Zeugniſſe hieruͤber ſind ſo jung und unſicher, daß man ih⸗ nen keinen Glauben ſchenken kann 2). gariter dicta, quam de novo fecerit, nos ipsi nnum solidum solvere teneamur et alias officio ipsius durante de dictis mansis ad nullum alium servicium vel censum teneatur. In einer Verſchreibung des Biſchofs von Samland vom 3.1383 heißt es dagegen: Was fi mogen von Benen dirwerben im Dorffe, das ſal ſeyn unſer dy helfte des ho⸗ niges nach der gewonheit des landes. 1) Einmal fand eine Mißhelligkeit zwiſchen dem Hochmeiſter und den Ermlaͤndern daruͤber Statt, daß die letztern auf das Aufgebot des Meiſters ſich nicht in regelmaͤßiger Zahl zur Kriegsreiſe oder zu einem Baue einſtellten. Der Hochmeiſter ließ daher eine Anzahl vorladen und ihnen unter andern erklaͤren, „das ir uns dynet, als ir uns ſchuldig ſiet czu dynen glich unſern luͤten, want das Biſthum iſt kommen von dem Orden und der Orden nicht von dem Biſthum.“ Regiſtrant p. 44. 2) Die obenerwähnte Angabe findet man zunächft bei Hartknoch Kirchengeſch. S. 153, Arnoldt Kirchengeſch. S. 158 und wiederholt von Baczko B. II. S. 176 und Kotzebue B. II. S. 233. Nir⸗ gends aber wird ſie durch eine bewährte Quelle belegt. Wahrſcheinlich iſt fie aus Treter de Episcopatu et Episcop. Warmiens, p. 31 ent⸗ nommen, wo es vom Biſchofe Heinrich heißt: Hie a Carolo IV pro se et quolibet Episcopo Varmiensi accepit titulum Principis Romani Imperii. Aber Treter bringt ebenfalls keinen Beweis bei und iſt be⸗ kanntlich ein ſehr unzuverläffiger Scribent. Lucas David B. VII. S. 9394 und Simon Grunau Tr. IX. e. III. S. 16 wiſſen noch nichts von der Sache; der letztere ſagt nur: Heinrichs Vorgaͤnger, Bi⸗ 36 *
Scanseite 578 · Druckseite 564
564 Das Biſthum Samland (1390). Auf dem Samlaͤndiſchen Biſchofsſtuhle ſaß zur Zeit noch Biſchof Heinrich der Zweite. Er durfte in Verbindung mit ſeinem Domkapitel eigentlich nur mit Eifer fortſetzen, was ſeine Vorgaͤnger, beſonders der aͤußerſt thaͤtige und aufgeweckte Biſchof Bartholomaͤus begonnen hatten, um des Landes Ge⸗ deihen und die Wohlfahrt ſeiner Unterthanen immer mehr zu heben; und eine bedeutende Anzahl theils vom Biſchofe, theils vom Domkapitel ausgeſtellter Verſchreibungen uͤber die Gruͤn⸗ dung neuer Doͤrfer, uͤber Veraͤnderungen im Beſitzthum ein⸗ zelner Landeigenthuͤmer, uͤber Abloͤſung von Scharwerksdien⸗ ſten, uͤber Umwandlung des Preuſſiſchen Rechtes in Kulmi⸗ ſches oder Magdeburgiſches, uͤber laͤndlichen Handel und Ver⸗ kehr u. ſ. w. ſtellen hinlaͤngliche Zeugniſſe, daß man auch im Samlaͤndiſchen Biſchofstheile in der thaͤtigſten Sorgfalt für Land und Volk keineswegs zuruͤckſtand n). Auch in Samland ward in vielen Gegenden vom Landmanne die Bienenzucht mit großem Eifer betrieben 2). Das Jahr 1390 riß indeß wie anderwaͤrts ſo auch in Preuſſen manchen friedlichen Landmann und Buͤrger aus ſei⸗ ner ruhigen Heimat und von der gewohnten Arbeit hinweg. Schon im vorhergehenden Jahre hatte Papſt Urban der Sechste allgemein verkuͤndigen laſſen, daß die Feier des Jubilaͤums zu Rom nicht mehr wie bisher nach funfzig Jahren, ſondern zum Andenken der Lebenszeit des Erloͤſers und wegen der Kürze ſchof Johannes habe in ſeinem Streite mit dem Orden es ſo weit ge⸗ bracht, „daß der Kayſer Carolus IV fein Biſthum dem Reiche incor- porirte,“ eine Behauptung, die ſich auch auf Henneberger p. 147 (nach Tr. XIII. c. 3. S. 3.), Leo p. 163 u. A. fortgepflanzt hat. Al⸗ tere bewährte Zeugniſſe über die Erhebung dieſes Biſchofs zum Reichs⸗ fürften haben wir nicht, denn in Urkunden nennt er ſich ſelbſt immer nur: H. dei gratia Episcopus Warmiensis. 1) Die erwaͤhnten Verſchreibungen finden ſich theils in den Hand⸗ feſt. des Biſth. Samland, theils in den Handfeft. der Freien in Sam⸗ land. 2) Daruͤber die Beweiſe in den Samlaͤndiſchen Handfeſt. Buͤchern
Scanseite 579 · Druckseite 565
Das Jubeljahr (1390). 565 des menſchlichen Lebens nach jedem Ablaufe von dreiunddreißig Jahren wiederkehren und demnach das Jahr 1390 zur Er⸗ theilung der heilbringenden Gnadenſpenden an den Gräbern der Apoſtel zu Rom als Jubeljahr feierlich begangen werden folle *). Wie in andern Ländern, fo hatte auch in Preuſſen dieſe Verkuͤndigung des Papſtes eine große Bewegung zur Folge, denn Reiche und Arme, Hohe und Niedrige brachen zahlreich auf, um nach Rom zu pilgern, alſo daß der König von Polen, ſey es aus Beſorglichkeit oder aus bloß feindſeli⸗ ger Geſinnung das Gebot ergehen ließ, daß forthin niemand mehr aus Preuſſen durch ſein Land ziehen ſolle, um nach Rom zu wandern 2). Selbſt vom weiblichen Geſchlechte tra⸗ ten manche, wie die fromme Dorothea aus Montau in Po⸗ meſanien ), die beſchwerliche Pilgerreiſe nach Rom an. Auch aus Daͤnemark kam von der Koͤnigin Margaretha bei dem Hochmeiſter eine Botſchaft an, ihn zu bitten, daß er ſie nicht nur auf ihrer Pilgerfahrt nach Rom durch Preuſſen ſicher geleiten, ſondern auch durch ſeinen Procurator zu Rom ſie in ihren Angelegenheiten bei dem Papſte foͤrdern und un⸗ terſtützen möge, und der Meiſter ſtellte ihr über beides die er: wuͤnſchte Zuſicherung aus). Es war die letzte feiner Hand⸗ 1) Raynald. Annal. eccles. an. 1389. Nr. 1. 2. au. 1390 Nr. 1. 2) Lindenblatt S. 79 fuͤgt hinzu, das erwaͤhnte Verbot des Königes habe zehn Jahre gedauert, fo daß dadurch fein Land und feine Zölle in großen Schaden gekommen ſeyen. Von dieſer Sperre durch Polen ſpricht auch ein Brief im Regiſtranten p. 77. Die alte Preuſſ. Chron. p. 42 ſagt: Der konig von Polan lis des ordens lewte durch dy Koya (Cujavien) hyn und widder czun. Doch an dem ende des paris lis her of halden czu Kalis dy III Ritter her Dittrich von der Delaw, her Ludwig von Mortangen, her Dittrich von Oſſechaw und vil ander rittermeſſige lewte und buͤrger. Do ſy ſich vorczerten, do iys her foe czyn, ſich czu geſtellen, wenn man fo hiſche. 3) Lilienthal de vita, rebus gestis b. Dorotheae p. 52. Wir werden fpäter darüber näher ſprechen 4) Der Geleitsbrief des Meiſters für die Königin, dat. Marien: burg 1390 am Sonnt. vor Laurent. Martyr. im Regiſtrant p. 60—61.
Scanseite 580 · Druckseite 566
566 Das Jubeljahr (1390). lungen, denn nach wenigen Tagen trat er ſelbſt die Pilger reiſe nach der ewigen Heimat an. Im Briefe des Hochmeiſters an Margaretha heißt es: „Wegen des Geleites antwerte wir uͤwir Durchluchtikeit alſo uff, nichte alleyne ge⸗ leyte, ſunder wen das uns got hilft, das ir komet in unſer land, ſo ſullet ir in unſern landen alzo ſicher und velich ſin als in uͤwern eigen land.“
Scanseite 581 · Druckseite 567
Siebentes Kapitel. Vom Hinſcheiden des Meiſters Konrad Zoͤllner von Roten⸗ ſtein bis zur Wahl ſeines Nachfolgers ging dießmal eine viel laͤngere Zeit hin, als ſonſt gewoͤhnlich war, denn es dauerte faſt ſieben Monde, ehe ein neues Haupt an die Spitze des Ordens trat. Die Verwaltung fuͤhrte, ſo lange mehre der oberſten Gebietiger noch auf der Kriegsreiſe in Litthauen wa⸗ ren, der Großkomthur Konrad von Wallenrod unter Mithuͤlfe des Komthurs zu Engelsberg Balduin von Frankenhofen und des Vogts von Roggenhauſen Hans Marſchall von Froburg, der bis zum Fruͤhling dieſes Jahr das Amt des Ordenstra⸗ piers bekleidet hatte. Erſt nach der Ruͤckkehr traten die an⸗ dern oberſten Gebietiger, der Ordensmarſchall Engelhard Rabe, der Oberſt⸗Spittler Siegfried Walpot von Baſſenheim, der Ordenstrapier Werner von Tettingen und der Ordenstreßler Ludwig Wafeler in die Geſchaͤfte der Verwaltung thaͤtig ein, an ihrer Spitze der Großkomthur als Statthalter des Mei⸗ ſters ). So eingeweiht und vertraut indeſſen auch dieſe Maͤn⸗ ner mit allen Verhaͤltniſſen des Ordens immerhin waren, fo lag doch ſchon ſelbſt in ihrer Stellung waͤhrend der Zwiſchen⸗ 1) Regiſtrant p. 65. 67. Bei Wigand. p. 302 heißt es: Con- venerunt deinceps preceptores et elegerunt magnum commendatorem in locum tenentem Magistri, qui a media etate usque ad XL an vi- ces Magistri supplevit. Nach Lindenblatt S. 79 geſchah dieſes erſt nach der Ruͤckkehr der Gebietiger aus Litthauen.
Scanseite 582 · Druckseite 568
568 Stellung des Ordens zu Polen (1590). zeit der Grund zu manchen Hinderniſſen und Hemmungen im Verlaufe der wichtigſten Angelegenheiten des Ordens, denn eine Menge von innern und aͤußern Verhaͤltniſſen ſowohl des Ordens als des Landes konnten und durften vom Statthal⸗ ter des Meiſters nicht zur Entſcheidung gebracht und mußten bis zur Wahl eines neuen Oberhauptes verſchoben werden 1). Und doch waren gerade im Ausgange dieſes Jahres die Verhaͤltniſſe des Ordens mit den nachbarlichen Fuͤrſten ſo un⸗ friedlich und gefahrdrohend, wie fie faſt noch nie geweſen. Von Polen her konnte nach allem, was man vom Koͤnige vernahm, beinahe mit jedem Tage der Ausbruch eines Krie⸗ ges erwartet werden, denn man hörte nicht nur, wie der Koͤ⸗ nig durch verbreitete Geruͤchte von der grauſamen Ermordung und ſchimpflichen Mißhandlung ſeines Bruders Karigal in Wilna durch die Ordensritter bei Fuͤrſten und Staͤdten den ganzen Orden in ſchlechten Ruf zu bringen und ſeinen Haß und Groll gegen ihn zu rechtfertigen ſuchte, ſondern man er⸗ kannte auch ſeinen ſchweren Zorn in der rachgierigen Verfol⸗ gung und Unterdruͤckung aller Anhaͤnger und Freunde Wi⸗ towds in Litthauen, wo er fie nur finden konnte 2), ja man erhielt bald auch Kunde aus Polen von ſtarken Ruͤſtungen und neugeſammelten Kriegshaufen, die keinen andern Zweck haben ſollten, als Preuſſen, waͤhrend es ohne Oberhaupt war, mit Waffengewalt zu überziehen ). Es kam hinzu, daß der Koͤnig allen Verſuchen zu friedlichen Verhandlungen unter al⸗ lerlei Vorwaͤnden abſichtlich auswich und vielmehr mit den 1) Dieß ſprechen mehre Briefe im Regiſtranten auch ausdrücklich aus. 2) Kojalowiez p. 15. 3) In einem ſogleich näher bezeichneten Briefe ſagt hieruͤber der Statthalter: Euwir liebe tun wir czu wiſſen, das der koning von Po⸗ lan ſere mit unſerm ergſten umbget und teglich dornach ſtet, wy her den Orden beſchedigen und beſchemen mochte, nuͤwlich im herbſtmonde neſt vorgangen eine ſampnunge gehat habe und das land czu Prewſen, als wir von worhaftigen gewarnet wurden, meynete czu obirreiten und beſchedigen wider recht.
Scanseite 583 · Druckseite 569
Stellung des Ordens zu Polen (1390). 569 nachbarlichen Fuͤrſten, wo und wie er konnte, bedenkliche Ver⸗ bindungen anknuͤpfte. Der Statthalter, bemuͤht, dem allen entgegen zu wirken, erließ nicht nur ein offenes Schreiben an alle Fuͤrſten, Ritter, Knechte und Städte, worin er des Koͤ⸗ niges feindſelige Anſtalten gegen den Orden ſchilderte, theils auch die argliſtige Verlaͤumdung der Gebietiger wegen des an⸗ geblich am Fürften Karigal begonnenen Mordes aufs buͤndigſte widerlegte und den Orden ihrem Schutze und Schirm drin⸗ gend empfahl ), ſondern er ſandte aͤhnliche Vorſtellungen auch den einzelnen nachbarlichen Fuͤrſten zu, namentlich den Her⸗ zogen von Schleſien und insbeſondere dem Herzog Johann von Goͤrlitz ), der mit dem Könige ſelbſt in Mißhelligkeiten begriffen, den Orden ſchon im Herbſt dieſes Jahres durch den edlen Guͤnther von Haugwitz, ſeinen Botſchafter, zu ei⸗ nem Angriff gegen Polen auffordern ließ, wiewohl man dar⸗ auf im Orden, weil noch kein Meiſter erwaͤhlt war, nicht ein⸗ gehen mochte ). 1) Dieſes ſchon in der vorherigen Bemerkung beruͤhrte Schreiben dat.: Benhofen an unf. Frauen Tag Conception. (8. Dec. 1390) und mit der Überſchrift: „Ein offinbriff, der hern Rabano mite wart ge⸗ geben“ im Regiſtrant. p. 73. Zuletzt fügt der Statthalter auch die Bitte hinzu: Ab ymand yngerlei rede clagende obir den orden ewir liebe vorbrechte, das ir der durch got nicht geloubet und den Orden bis an uns vorantwurtet, ſundirlich das ir got und das recht anſeet und dem konig von Polan nicht enreit und den ewirn des nicht geſtat⸗ tet noch Im holfe tut, noch tun laſet obir den Orden, wann der Or⸗ den dorumb her geſatzit iſt, das her wider dy littowen und heiden vechte und dy criſtenheit mere, das her ouch von gotis gnaden getruwlich bis⸗ her getan hat und noch tut. 2) Dieſer Brief an die Herzoge von DIE, Liegnitz, Sagan, Brieg, Muͤnſterberg, Troppau, Ratibor, Teſchen und Herzog Johann von Goͤrlitz vom naͤmlichen Datum und faſt gleichem Inhalt wie der vorige im Regiſtr. p. 73. 3) Nach einem Briefe des Großkomthurs an den Herzog Johann von Görlis, dat.: Stumis proxima feria sexta post Egidii abbat. im Regiſtrant. p. 65 hatte der Herzog geſchrieben, daß er „etlicher redli⸗ cher ſchelunge willen“ mit dem Koͤnige von Polen Krieg anzufangen
Scanseite 584 · Druckseite 570
570 Stellung des Ordens zu Maſovien (1390). Wenn es indeſſen auch gelang, an dieſen und mehren andern Fuͤrſten Goͤnner und Freunde zu erhalten; die nahen Herzoge von Maſovien und Pommern ließen ſich dennoch leicht vom Koͤnige verlocken und gewinnen. Herzog Johannes von Maſovien hatte ſich, wie wir hörten, ſchon früher in feiner Geſinnung gegen den Orden mehr als wankend, faſt ſchon feindſelig gezeigt und man erhielt im Herbſt in Preuſſen auch ſchon die Nachricht, daß er den Herzog Skirgal im Kriege gegen den Orden huͤlfreich unterflüßt habe, obgleich im Au⸗ ßern der Friede mit ihm noch nicht gebrochen war und ſogar noch Verhandlungstage zur Ausgleichung einzelner Irrungen zwiſchen ihm und den Ordensgebietigern gehalten wurden ). Bald indeſſen nach des Meiſters Tod trat des Herzogs wahre Geſinnung mehr und mehr hervor: er ſchrieb ſehr unwillig an die Gebietiger über die Ablehnung eines neuen Verhandlungs⸗ tages; er erklaͤrte es befremdlich, daß man im Ordenslande Ruͤſtungen zum Kriege beginne 2). Dieſe Geſinnung aber be⸗ nutzte der Koͤnig von Polen, den Herzog bei ſeiner Anweſen⸗ heit in Litthauen fuͤr ſich zu gewinnen; er raͤumte dieſem ohne weiteres die oͤſtlich von Maſovien gelegenen feſten Burgen Drohiczyn, Mielnik, Surasz und Bielsk in den Gebieten zwi⸗ ſchen dem Bug und Narew ein, wie der Herzog, um dar⸗ uͤber die Meinung der Gebietiger zu erforſchen, dieſen ſelbſt gedenke und „begerend ſy was huͤlffe, troſtes und Rats er vom Ho⸗ meiſter und von deme Orden darczu muͤchte haben und was er ſich bei dem Orden darczu czu verſehen habe.“ 1) Der Großkomthur ſchrieb darüber dem Herzoge: Wir hören fa- gen und vernemen, das euwer Durchluchtkeit den Littowen und her⸗ czoge Skirgal bielegt und biegelegen habt mit euwern luͤten czu huͤlffe ken der criſtenheit, ken deme Orden und ken uns, das wir doch hoffen, das wir das ken euwir groſmecht. nicht haben verſchult und keyner eu⸗ wer eldern noch euwer vater ken unſern vorfarn ſo offinbar den litto⸗ win czu huͤlffe komen iſt, das wir haben dirfaren und wir doch mit euch nicht anders wiſſen wenn liebe und gut und euch gerne dynen muͤchten. 2) Brief des Statthalters an den Herzog im Regiſtrant. p. 69.
Scanseite 585 · Druckseite 571
Stellung des Ordens zu Polen und Pommern (1390). 571 meldete 1). Der Statthalter jedoch ließ ſich auf keine ent⸗ ſchiedene Antwort uͤber die Sache ein, benahm ſich uͤberhaupt mit vieler Klugheit 2), hielt den Herzog ſo viel als moͤglich hin, vermied alles was den Fuͤrſten reizen konnte, verſaͤumte dabei nichts, um ſich der Freundſchaft und Geneigtheit des Herzogs Semovit von Maſovien, Johanns Bruder, durch friedliche Verhandlungen zu verfichern ) und wußte uͤberdieß auch durch den Polniſchen Woiwoden Sandziwog von Ka⸗ liſch), mit dem er in fortwaͤhrendem Briefwechſel und in Freundſchaft ſtand, von allen Schritten des Königes immer die genaueſten Nachrichten zu erhalten '). Es kam ferner dem Statthalter um dieſe Zeit die Bot⸗ ſchaft zu, daß es dem Koͤnige auch gegluͤckt ſey, den Herzog Wladislav von Oppeln, der, wie wir nachher ſehen werden, im Wechſeltauſch Herr des Dobrinerlandes geworden war, auf ſeine Seite zu ziehen und es ward dieſes dadurch um ſo glaub⸗ licher, weil man von Seiten des Ordens dem Herzoge ein früher ihm uͤberlaſſenes Gelddarlehen nicht länger mehr vor⸗ ſtrecken wollte und die Verlegenheit des Herzogs, da die Ge⸗ bietiger auf Zahlung drangen, ihn leicht zugänglich für die Verlockungen des Koͤniges hatte machen koͤnnen. Man ſprach 1) Brief des Statthalters an den Herzog im Regiſtrant. p. 65. Kojalowiez p. 24. 2) Er antwortete unter andern dem Herzoge auf die erwähnte Meldung: Wir mogen euch uff ewern briff czu deſir czit keine usrich⸗ tige antwert gebin, wan unſer homeiſter von gotis verhengnis von de⸗ ſer werlde iſt vorſcheiden, ſunder wenne der Orden mit holfe unſers heren ein houpt gewinnet, ſo mogt ir dy ſelbe botſchaft an In tun, der ewer groſmecht. denne wol wirt eine antwert wider ſchreiben dy ir mogt vornemen. Ouch allis das, das euch von deme konige von Polan czu gute geſchen mag, das hore wir und feen is gerne, alſo be⸗ ſcheidenlich unvorczogen unſirs ordens recht. 3) Brief des Statthalters an den Herzog wegen einer Zuſammen⸗ kunft in Strasburg im Regiſtrant. p. 80. 4) Sandziwog wird in Urkunden dieſer Zeit Palatinus Kalisiensis ac generalis Capitaneus Maioris Polonie genannt. 5) Briefe des Statthalters an Sandziwog im Regiſtrant. P. 71.79,
Scanseite 586 · Druckseite 572
572 Stellung des Ordens zu Polen und Pommern (1390). wenigſtens allgemein im Orden von einem geheimen Buͤnd⸗ niſſe zwiſchen beiden gegen Preuſſen ). Unbezweifelt aber war die Nachricht von einem gegenfeitigen Hülfävertrage zwi⸗ ſchen dem Koͤnige und dem Herzoge Wartislav von Pommern, welche der Statthalter im December erhielt, denn in denſel⸗ ben Tagen als man von Seiten des Ordens den Herzog, wahrſcheinlich um ſeine wahre Geſinnung zu erproben, dem beſtehenden Dienſtvertrage gemaͤß foͤrmlich aufgefordert hatte, dem Orden mit Huͤlfsvolk zuzuziehen 2), war zwiſchen ihm und dem Könige wirklich ein Buͤndniß gegen den Orden zu Pyſdry abgeſchloſſen worden, worin er ſich und ſeine Bruͤder Boguslav und Barnim fuͤr Vaſallen des Koͤniges und der Krone von Polen erklaͤrte ), gegen den Orden Huͤlfe verſprach 1) Briefe an den Herzog von Oppeln im Regiſtrant. p. 72. 76. Man ſchrieb ihm geradezu: So wiſſe euwer Durchlucht., das rede an die Gebitiger und an uns komen ſynt und vernomen haben, wie das euwer groſmecht. ſich ſulde mit deme konige von Polan haben vorbun⸗ den czu helffen uff den Orden. Wers das e. gr. ſich alſo czu deme konige von Polan, Im uff den Orden czu helffen, hette vorbunden, ſo duͤchte den Gebitigern und uns, das uns czumale unrecht daran geſchege u. W. 2) Brief des Statthalters an den Herzog, dat. Marienb. vigilia omnium sanctor. (1390) im Regiſtrant. p. 69, wo es heißt: E. D. thun wir czu wiſſen, das wir warhafftige mere haben und vor war ge⸗ warnet ſint, das der konig von Polan meynet uns dͤbirczuryten und unſer land czu heeren und czu beſchedigen, hirumb ſo getruwe wir und gloyben euwir grosmecht. wol czu, das ir uns czu huͤlffe komet mit den euwirn, alſo als die vorſigelten brieve uswiſen, die Ir dem Orden und der Orden euch wedir ken enander haben vorſigelt u. ſ. w. 3) Ein Artikel des Vertrages lautet: Recognoscimus nos fecisse ac tenore presentium facere homagiale et fidelitatis iuramentum in- clito Principi ac domino domino Vladislao Regi et Regno ac corone Polonie, similiter frater noster Boguslaus facere tenetur, simillime tertius frater noster Barnim, si ad sacros Ordines prepositus non fuerit, facere debet. De Wal T. IV. p. 74 jagt: Cette chartre est trös-remarquable en ce quelle contient le premier hommage que les Ducs de Pomeranie rendirent à la Pologne— puisque cet acte ne contient pas une seule expression qui puisse faire croire que cette
Scanseite 587 · Druckseite 573
Stellung des Ordens zu Polen und Pommern (1390). 573 und ſich verpflichtete, mit dieſem ohne des Koͤniges Einwilli⸗ gung nicht nur niemals Friede zu ſchließen, ſondern auch keine fremden Huͤlfsvoͤlker für den Orden zu des Koͤniges Nachtheil durch ſein Gebiet ziehen zu laſſen und die Burg Nakel als Polniſches Pfandlehen gegen die Burg und das Gebiet von Bidgoßcz oder Bromberg ſofort zu vertauſchen, ſobald es der Koͤnig verlange. Auf die Burg Nakel verſprach der Herzog niemals einen andern als einen gebornen Polen als Haupt⸗ mann zu ſetzen 1). Sobald der Statthalter von dieſem Buͤnd⸗ niſſe ſichere Kunde vernahm, forderte er ſofort den Herzog Boguslav auf, ſich nicht nur über die Sache, die kaum glaub⸗ lich ſey, offen zu erklaͤren, ſondern auch zu einer naͤheren Ver⸗ handlung auf einem Tage an der Graͤnze zu erſcheinen; ge⸗ ſchehe ſolches nicht und ermangele der Herzog auch in dem Rechte, welches er dem Orden verbrieft und verſiegelt habe, ſo muͤſſe ſich dieſer bei Fuͤrſten und Herren wegen Unrecht und Gewalt beklagen 2). Nur zu bald aber verſpuͤrte der Orden auch die hoͤchſt nachtheiligen Wirkungen dieſes Buͤndniſſes, denn eines Theils war man nun auch der als Soͤldner geworbenen Ritter in Pommern keineswegs mehr ſicher und wie Zefflav von Bo⸗ nyn zuerſt allerlei Anlaß ſuchte, ſeinen Verpflichtungen gegen den Orden zu entſagen ) und dann entſchieden als Feind des Ordens auftrat, ohne die bitteren Worte zu achten, die er vom Großkomthur über fein treuloſes Weſen hören mußte *), obligation existoit auparavant, ni que les Ducs de Pomeranie aient eté anterieurement vassaux de la Pologne, 1) Der Vertrag, dat. in Pysdry feria quarta proxima post diem Omnium Sanctor. a. d. 1890 bei Dogiel T. I. p. 570. Es ſchloß ihn eigentlich bloß Wartislav mit dem Koͤnige, aber er ſagt: similiter frater noster Boguslaus facere tenetur, simillime tertius frater no- ster Barnim. Vgl. Sell B. II. S. 143145. 2) Brief des Statthalters an den Herzog Boguslav, dat. Mewe Sonnab. vor Lucie Virg. (10. Dec.) 1390 im Regiſtrant. p. 74. 3) Brief des Statthalters an denſelben im Regiſtrant. p. 80. 4) In einem Briefe an ihn vom 20. Decemb. 1390 im Regiſtran⸗ ten p. 105 heißt es unter andern: Wir dirkennen wol, das die ſcholt, *
Scanseite 588 · Druckseite 574
574 Stellung des Ordens zu Polen und Pommern (1390), ſo ſollten ſich, wie man bald benachrichtigt ward, auch der Ritter Hening von Wedel und mehre andere heimlich und öf⸗ ſentlich dem Könige von Polen zugewendet haben ). Andern Theils aber war es Hauptzweck des Koͤniges bei dem Buͤnd⸗ niſſe mit dem Herzog geweſen, den von fremden Landen dem Orden zuſtroͤmenden Kriegsgaͤſten den Durchzug durch Pom⸗ mern zu verſperren und ſie auf ſolche Weiſe von ihren Kriegs⸗ fahrten zuruͤckzuſchrecken. In der That erfuhr man auch bald im Orden, wie ſehr ſich wiederum der dienſtgeſchaͤftige Raub⸗ ritter Eckard von dem Walde und mit ihm andere bemuͤhten, durch ihre Streithaufen und Raubgeſellen die im Winter die⸗ ſes Jahres nach Preuſſen ziehenden Kriegsgaͤſte, wo man ſie fand, niederzuwerfen und auszupluͤndern. Es half nichts, daß ſich der Statthalter beim Herzoge Boguslav bitter daruͤber be⸗ ſchwerte, ihm vorſtellend, „wie es bisher Fürften, Herren, Rittern und Knechten allewege vergoͤnnt geweſen, durch alle Lande zu ziehen, ſobald ſie Gott zu Lobe, der Chriſtenheit zu Huͤlfe und um die Heidenſchaft zu ſchwaͤchen, gekommen ſeyen und wie man ſie überall geehrt, gefoͤrdert und nirgend⸗ wo gehindert habe.“ Vergebens erinnerte er an die verderb⸗ lichen Folgen der Gefangennehmung des Herzogs von Geldern und warnte vor den fernern Nachtheilen, die aus der aber⸗ maligen Niederwerfung und Mißhandlung der Kriegsgaͤſte ent⸗ ſtehen koͤnnten ). Überdieß hatte der König im Einverſtaͤnd⸗ niſſe mit den Herzogen von Stettin und vom Sunde, beſon⸗ ders um den Handel ins Ordensgebiet zu hemmen, die alten Handelsſtraßen von Polen bis Stettin veraͤndert und ſowohl die ir czu uns habt, iſt geliche der ſcholt alz der Wolf czu dem Eſele hatte, wan der wolf do her dem Eſele keine ſcholt wuſte, do gab her Im ſcholt, her biſſe das gras by dem Wege abe, wenne her die Secke uff ſinem Ruͤcke truge, ſolche ſcholt als wir merken habt ir ouch czu uns. 1) Brief des Statthalters an Hening von Wedel, Matzke von Bork u. a. im Regiftrant. p. 72, worin fie aufgefordert werden, zu erklaͤ⸗ ren, ob wirklich zwiſchen ihnen und dem Könige ein Buͤndniß beſtehe. 2) Brief an den Herzog Boguslav im Regiſtrant. p. 82.
Scanseite 589 · Druckseite 575
Stellung des Ordens zu Polen (1390). 575 zum Nachtheile der Lande des Markgrafen von Brandenburg als der des Ordens neue Handelswege vorgeſchrieben, wor⸗ uͤber ſich der Rath der Stadt Frankfurt bitterlich beklagte, aber ebenfalls vergebens um Abſtellung bat !). Unter ſolchen Verhaͤltniſſen mußten natürlich die Kriegs⸗ zuͤge nach Litthauen vorerſt gaͤnzlich eingeſtellt bleiben. Zwar gelang es einigen bedeutenden Haufen fremder Kriegsgaͤſte durch die Neumark bis Preuſſen heranzukommen; allein die laue und naſſe Witterung des Winters ließ es nicht einmal zu, dieſe Kriegshülfe zu einem Zuge ins feindliche Land zu be⸗ nutzen 2). Ohnedieß ſuchten die Ordensgebietiger abſichtlich alles zu vermeiden, was den Koͤnig von Polen nur im min⸗ deſten zu Rache reizen konnte; ſie boten alles auf, ihm fried⸗ liche Geſinnungen entgegenzubringen und ihn von ihrem Wun⸗ ſche einer freundlichen Ausgleichung der obwaltenden Mißhel⸗ ligkeiten zu uͤberzeugen. Hiezu benutzten ſie nicht nur das Vertrauen, in welchem vorzuͤglich Sandziwog von Kaliſch, der Woiwode und der Ritter Bartuſch von Weſenburg beim Koͤ⸗ nige ſtanden, um durch fie eine Suͤhne einzuleiten, dem Kö: nige ihre Anſicht uͤber die Verhaͤltniſſe des Ordens und der Krone Polens zu Litthauen klar vorzulegen und ihre Wuͤnſche für den Frieden mitzutheilen '), ſondern fie knuͤpften mit dem 1) Brief an den Rath von Frankfurt, dat.: Mewe am Sonnab. vor Lucie (1390) im Regiſtr. p. 76. Der Rath hatte nämlich auch die Ordensgebietiger erſucht, dahin zu wirken, daß die neuen Straßen wieder abgethan wuͤrden. Da ſich indeſſen fand, daß ſie das Ordens⸗ gebiet nicht unmittelbar berührten, fo konnte der Orden auch in die Sache nicht eingreifen. 2) Eindenblatt S. 79. Dem Herzoge Wartislav vom Sund, der ſich erboten hatte, dem Orden mit ſeinem Sohne Barnim und ei⸗ ner ritterlichen Mannſchaft zu einer Kriegs fahrt nach Litthauen zu Huͤlfe zu ziehen, ſchrieb der Statthalter: Ouch ſo iſt hewir keine reiſe geweſt hie im lande und hette got weter vorlegen, das winther were wurden, das wir hetten mocht reifen, wir welden is ewir irlucht. gerne czu wiſſen haben getan. Brief im Regiſtrant. p. 4. 8) In einem Briefe an Sandziwog heißt es unter andern: Beſun⸗ ders liber fruͤnd, got weis alſe vil als an unſir perſona iſt, ſo welden
Scanseite 590 · Druckseite 576
576 Stellung des Ordens zu Polen (1391). Anfange des Jahres 1391 auch Unterhandlungen mit der Koͤ⸗ nigin Hedwig an, ließen ſich gerne in Berathungen mit ih⸗ ren Geſandten ein und ſchrieben ihr unter andern: „Gnaͤdige Frau, als ihr auch ſchreibet vom Fuͤrſten Koͤnig Ludwig von Ungern ſeliges Gedaͤchtniſſes, euerem allerliebſten Vater und Herrn, wie daß wir mit dem ja allewege in Gnaden geweſen ſeyen, das iſt wahr. Wollte Gott, daß der Fuͤrſt noch le⸗ bete, ſo wuͤßten wir wohl, daß wir wohl beim Rechte blie⸗ ben, da er ein Fuͤrſt war des Rechtes und ein Liebhaber aller Gerechtigkeit und zu allen Zeiten unſer gnaͤdiger Herr und un⸗ ſer Beſchirmer, wo wir ſeiner bedurften, darum wir Gott un⸗ ſern Herrn Tag und Nacht bitten fuͤr ſeine Seele, als es wohl billig iſt und uns die natuͤrliche Liebe dazu zwingt. Auch ſo finden wir geſchrieben in euerem Briefe von dem alten Frie⸗ den, der zwiſchen dem Reiche zu Polen und unſerm Orden gemacht, verfiegelt, verbrieft und beſtaͤtigt iſt, daß wir den gebrochen ſollten haben. Darauf antworten wir euerer Durch⸗ laucht alſo, daß wir hoffen, daß wir mit dem Reiche und der Krone zu Polen und mit eueren Gnaden nicht anders wiſſen, denn Liebe und Gutes und daß wir euch gerne dienen. wir von herczen gerne ſeen, das alle ding czwiſchen ewern herrn dem konige und unſerm Orden wol ſtuͤnden und eyn ſolchis an uns ny ge⸗ ſchelt hat. Nu wir aber keinen Obirſten itzunt enhaben, fo toͤrre wir uns des nicht mechtigen. — An Barthuſch von Weſenburg, der es ge⸗ tadelt, daß der Orden mit dem Koͤnige wegen der Vereinigung Lit⸗ thauens mit Polen („die doch ſchon der Koͤnig Kaſimir, mit dem der Orden ja immer im Frieden gelebt, gewiſſermaßen eingeleitet habe“) im Zwieſpalt ſtehe, ſchrieb der Statthalter: Es is uns lieb und nicht leid, das der kunig von Polan criſten worden is und ſint ſin fro und welden, das her gar ein guter crift were und das Littawen und Ruſ⸗ fen ſich gefatezt haben und ſetezen undir die Crone, das iſt ouch unſer wille wol, alſo beſcheidenlich, das der Orden blebe dobie, do her recht czu hat nach ſiner bewiſunge und glow¾ben und getruwen uͤwern heren dem kunige wol, wil her der Cronen czu Polan icht geben und czu gute tuen und untertanig machen, das her das tu mit deme, das ſien is und das her den orden dobie laſe, do her recht czu hat nach ſiener bewiſunge. Regiſtrant p. 78.
Scanseite 591 · Druckseite 577
Stellung des Ordens zu Polen (1391). 577 Wir bitten euere Durchlaucht als unſere gnäbige Frau, daß ihr es wollet annehmen und dazu ſprechen und eueren Herrn den Koͤnig daran halten und eueres Reiches Rath, daß die Sachen und Schelunge zu Tagen kaͤmen, die da find zwiſchen euerem Reiche zu Polen und unſerem Orden von des Friedens wegen, vor Fuͤrſten, Herren, Rittern, Knechten, Pfaffen, Laien und vor diejenigen, die das Recht verſtehen. Da wird man wohl verhoͤren, verſtehen und vernehmen, wer den Frie⸗ den gebrochen hat zwiſchen dem Lande zu Polen und dem Orden. Gnaͤdige Frau, nehmet euch deſſen an, weil ihr ein Erbling ſeyd zu dem Reiche und zu der Krone von Polen, und wir uns wohl vermuthen, erkennen und fuͤrwahr wohl wiſſen, wenn es zu Tagen kommt, daß es entſchieden wird zwiſchen Litthauen und Ruſſen und dem Orden und daß der Orden und wir euch und euerem Reiche gerne dienen, wie wir dem Fuͤrſten, euerem allerliebſten Vater und auch König Kaſimir ſeliges Gedaͤchtniſſes gethan haben; und wenn uns Gott hilft, daß es entſchieden wird zwiſchen Litthauen, Ruſ⸗ ſen, dem Lande zu Polen und unſerem Orden, was euch denn der Koͤnig zufuͤgt und giebt, das ſoll guten Frieden vor uns haben ).“ Auf ſolche Weiſe ſuchte man durch die Königin des Koͤ⸗ niges Haß und Zorn gegen den Orden ſo viel als moͤglich zu beſchwichtigen. Man war außerdem auch bemuͤht, durch den Herzog Semovit von Maſovien, der ſich zum Vermittler er⸗ bot, auf den Koͤnig ſo weit einzuwirken, daß es wenigſtens nicht zu offenen Feindſeligkeiten komme 2). Überhaupt waren die Gebietiger darin in einer peinlichen Lage, daß ſie ohne Oberhaupt einen offenen Krieg mit dem Könige auf keine Weiſe eingehen konnten, aber eben ſo wenig ohne den Meiſter an ihrer Spitze und ohne ein verſammeltes Kapitel ſich in Un⸗ 1) Der Brief dat. Marienb, feria tercia proxima post epiphan. domini (1391) im Regiſtrant. p. 47. 2) Brief des Statthalters an Herzog Semovit, zwar ohne Da⸗ tum, aber ſicherlich zwiſchen dem 12—19. Februar 1391 geſchrieben, im Regiſtrant. p. 8. V. 37
Scanseite 592 · Druckseite 578
578 Stellung des Ordens zu Polen (1391). terhandlungen mit ihm einlaſſen durften, die zu einer feſten Entſcheidung hätten führen koͤnnenn). Man konnte daher in keiner Sache zu irgend beſtimmten Erfolgen und Beſchluͤſſen gelangen weder fuͤr den Grafen Heinrich von Derby (Herzog von Lancaſter), der ſich auch in den erſten Monden dieſes Jahres noch in Preuſſen aufhielt und ſich alle Muͤhe gab, vom Koͤnige von Polen die Gefangenen frei zu erhalten, welche ihm im vorigen Herbſt in Litthauen waren abgenommen wor⸗ den 2), noch fuͤr Herzog Witowd, der ſchon vor mehren Mo⸗ naten mit zweitauſend Litthauern in Preuſſen angekommen, mit ſeiner Familie auf der Burg zu Bartenſtein wohnte, von wo er bereits ſeine Tochter Sophia uͤber Danzig dem Groß⸗ fürften von Moskau Waßilij Dimitrijewitſch zur Gemahlin zu⸗ geſandt, gewiß nicht ohne die Hoffnung, fuͤr ſeine Zwecke an dieſem Fuͤrſten eine mächtige Stuͤtze gegen Jagal⸗Wladislav zu finden ). Die Übrigen Litthauiſchen Flüchtlinge, als Her⸗ zog wan von Galſchan, Herzog Georg von Belcz lebten auf der Burg zu Mohrungen, Herzog Jawnut mit ſeiner Familie zu Marienburg, andere zerſtreut auf andern Ordenshaͤuſern, alle auf Koſten des Ordens unterhalten ). 1) Daher ſchreibt der Statthalter in dem vorerwaͤhnten Briefe: ewir irlucht. iſt wol wiſſentlich, das wir czu deſir czit keinen Obirſten haben, alſo das wir mit euch itzunt nicht wol tagen halden mogen, noch der gewarten und bitten euch, das ir is vorczien wellet mit denſelben ſachen alſo lange bis das uns got einen Obirſten beſchert. 2) Brief des Statthalters an den Herzog von Lancaſter, dat. Gre⸗ bin proxima feria quarta post Reminisc. (1391) im Regiſtrant. p. 13, we von den erwähnten Unterhandlungen viel die Rede iſt. 8) Lindenblatt S. 79. Karamſin B. V. S. 103 ſagt, daß damals eine Geſandtſchaft von Moskoweſchen Bojaren nach Preuſſen gekommen ſey, um die Braut abzuholen. 4) Lindenblatt a. a. O. In einem Briefe an den Römifchen König ſagt der Statthalter: Quch haben vil littawen ſich czu herczo⸗ gen Witoldo nu in der reiſe (im Herbſt 1390) und ouch vor der reiſe geworffen, die mit Im ken Pruͤßen in das land williglich ſint komen, als man verſleet nach duͤnken, ſo iſt derſelben littawen mitenander wol III., ane die die noch hernach czu Im werden komen als man ver⸗ fleet.
Scanseite 593 · Druckseite 579
Otto von Kampen, Abt zu Lüneburg (1391). 579 So ging alſo die Zeit der Statthalterſchaft des Groß⸗ komthurs im Ganzen ziemlich ruhig voruͤber; doch zog waͤh⸗ rend deſſen eine Begebenheit ganz eigener Art die Aufmerk⸗ ſamkeit des Volkes im ganzen Lande auf ſich. In der Stadt Friedland namlich wohnte ein Mann, der ſich theils von der Malzbereitung, theils durch andere Arbeiten mit ſeinem Weibe ernaͤhrt und es endlich dahin gebracht hatte, daß er ein eige⸗ nes Haus hatte kaufen koͤnnen. Jahre lang hatte er ſein friedliches Gewerbe ungeftört und mit großem Fleiße getrieben und ſein Getreidehandel mit dem Komthur von Brandenburg war fuͤr ihn die Quelle einer gewiſſen Wohlhabenheit gewor⸗ den. Nun geſchah, daß dieſer Mann von mehren in dieſem Winter nach Preuſſen gekommenen Kriegsgaͤſten als der ehe⸗ malige Abt eines Kloſters zu Lüneburg, Otto don Kampen!) erkannt wurde, der vor Jahren dort eines andern Mannes Weib entfuͤhrt, die Flucht ergriffen und unerkannt nach Preuſ⸗ ſen gekommen war, wo er Anfangs im Dorfe Thiergart als Glockner und dann in Merkelshof oder Markushoͤfen in der Gegend von Mohrungen als Hofmeiſter angenommen worden war, bis er ſich in Friedland niedergelaſſen hatte. Auf die Anzeige der fremden Kriegsgaͤſte wurde ihm der Proceß ge⸗ macht; es ward uͤber den ſonſt durchaus rechtlichen Mann die Todesſtrafe ausgeſprochen und dieſe auch oͤffentlich zu Dom⸗ nau vollzogen ). — — 1) über die alte ritterbuͤrtige Familie dieſes Namens im Herzog⸗ thum Braunſchweig ſ. Schmidt Beiträge zur Geſchichte des Adels S. 303. 2) So Lindenblatt a. a. O. Simon Grunau Tr. XIII. c. 17 erzählt die Geſchichte mit allerlei Zufägen, aus denen man ſo⸗ gleich ſieht, daß auch hier feine Luͤgenader gefloſſen iſt. Nach ihm iſt Otto von Kampen Abt zu Domnau und doch wird die Frau des Rit⸗ ters Hilger von Tranßen aus Sachſen mit dieſem Domnauer Abte be⸗ kannt und beide entfliehen nach Preuſſen; der Hochmeiſter ſpricht das urtheil über fie und der genannte Ritter ſelbſt muß beide, den Abt und die Frau lebendig begraben! Eine neue Probe von Grunau's Behand: kung eines gegebenen Stoffes. 375
Scanseite 594 · Druckseite 580
580 Wahl des Hochmeiſters Konrad von Wallenrod (1391). Nun nahte aber die Zeit, wo im Ordenshaupthauſe zur Wahl eines neuen Meiſters das General-Kapitel gehalten wer⸗ den ſollte. Die Gebietiger waren laͤngſt einberufen; allein der Meiſter von Deutſchland Siegfried von Venningen war in Frankfurt a. d. Oder von der weitern Reiſe abgeſchreckt wor⸗ den, als er dort erfahren, wie gefahrvoll der Weg nach Preuſ⸗ ſen ſey, da der Herzog Wartislav von Pommern alle nach dem Ordenslande ziehenden Fremdlinge aufzugreifen ſuchte, den Komthur von Schlochau Johann von Schoͤnfeld auf der Jagd faſt gemißhandelt und den Orden bei den fremden Kriegsgaͤ⸗ ſten mit Schmaͤhungen und Laͤſterreden verunglimpft hatte. Bei ſolchem Haſſe des Herzogs war fuͤr den Deutſchmeiſter leicht daſſelbe Schickſal zu befuͤrchten, wie es den Herzog von Geldern getroffen ), denn bei allen Bemühungen des Statt⸗ halters, den Herzog durch Vermittlung ſeines Bruders Bo⸗ guslav und der Herzogin Adelheid, Wartislavs Mutter, zu andern Geſinnungen zu bewegen, war ihm dieſes doch nicht gelungen 2). Nachdem indeſſen auch der neue Biſchof von Kulm auf feiner Reife aus Rom, der Landkomthur von Sſter⸗ reich und Johannes Rabe, des Ordensmarſchalls Bruder, als Sendbote von Rom, die in Mähren auf der kaiſerlichen Heer⸗ frage angefallen und ausgepluͤndert worden ), bei dem Deutſch⸗ 1) Lindenblatt S. 80 ſagt nur kurz: der Deutſchmeiſter habe „vor orlow“ aus Frankfurt nicht fortkommen konnen. Wir erfahren aus Briefen des Statthalters an den Herzog Boguslav und die Her⸗ zogin Adelheid im Regiſtr. p. 8, daß ſich jenes „Orlow“ vorzüglich auf Herzog Wartislav bezieht. Bei der erwähnten Jagd, wo der Her⸗ zog „mit zornigem Muthe“ zum Komthur von Schlochau kam und ihn wie einen oſſenen Feind behandelte, war ſchon einer von des Her⸗ zogs Begleitern verwundet worden. 2) Briefe des Statthalters an die Herzogin Adelheid und die Her⸗ zoge Swantibor von Alt Stettin, Boguslav von Wolgaſt und War⸗ tislav von Stralſund, denen er die Schmaͤhbriefe des Herzogs War⸗ tislav uͤberſendet; im Regiſtrant. p. 14. 3) Darüber ein Brief des Großkomthurs an den Roͤm. König, dat.: Stumis feria VI proxima ante Domin. Letare (1391) im Regi⸗
Scanseite 595 · Druckseite 581
Wahl des Hochmeifter Konrad von Wallenrod (1391). 581 meiſter in Frankfurt angekommen waren, wagten ſie es, mit ihrem ſtaͤrkeren Geleite die Reiſe fortzuſetzen und gelangten glücklich in Preuſſen an ). Bald darauf am Sonntage vor Palmarum oder am zwölften März war das Wahlkapitel in Marienburg verſam⸗ melt. Es hatten ſich aus allen Gegenden gegen dreihundert Ordensgebietiger und Ritter eingefunden, eine glaͤnzende Ver⸗ ſammlung, wie ſie lange Zeit bei der Wahl eines Meiſters nicht Statt gehabt. Die Wahlſtimmen fielen einhellig auf den bisherigen Statthalter, den Großkomthur Konrad von Wal⸗ lenrod, und nach den Verhaͤltniſſen der Zeit und der Stellung des Ordens zu den Nachbarlanden hätten fie ſchwerlich gluͤck⸗ licher fallen koͤnnen 2). Aus einem ſehr alten und berühmten Geſchlechte Frankenlands entſproſſen, wo im zehnten Jahr⸗ hunderte einer ſeiner Vorfahren ſchon am Kaiſerhofe Otto des Zweiten gelebt und dann ein anderer einem feſtlichen Turniere Kaiſer Heinrichs des Dritten beigewohnt hatte), war Kon: rad frühzeitig in den Deutſchen Orden getreten und mit ihm oder bald darauf auch ſein Bruder Johann von Wallenrod, ftrant. p. 11, worin dieſem gemeldet wird, daß die Genannten, „do ſie quamen in des Irluchten fuͤrſten herren markgraven von Merhern land, wurden angerant und dirnedir geworffen und alle ire habe geno⸗ men und darczu ſwerlich gewunt und gefangen uff euwer keiſerfrien ſtraſen unvorſchult und wedir alle rede, want der Orden mit keynem menſchen an deme ende czu ſchaffen hat.“ Er bittet daher den Roͤm. König, den Orden in feinen Schutz und Schirm zu nehmen. 1) Daß der neue Biſchof von Kulm mit dem Deutſchmeiſter an⸗ kam, ſagt auch Lindenblatt S. 80. 2) über die Wahl ſ. Lind enblatt a. a. O. Dusburg. Sup- plem. c. 30. Die alte Preuſſ. Chron. p. 42 nennt ebenfalls den Sonn⸗ tag Judica (12. März) als Wahltag. MWigand. p. 301 fagt: In illo quoque tempore Magister Lyvoniensis cum 4 commendatoribus venit in Merienburg et fit ibidem capitulum et de communi consilio et consensu eligunt in Magistrum generalem fratrem Conradum Wal- roder divina misericordia. 3) S. das Diplom des Kaiſers Leopold in den Actis Boruss, B. I. S. 376.
Scanseite 596 · Druckseite 582
582 Wahl des Hochmeiſters Konrad von Wallenrod (1391). der nachmals Erzbiſchof von Riga ward, ſowie ſein Bruders⸗ ſohn Friederich von Wallenrod, welcher ſpaͤter die Wuͤrde des Ordensmarſchalls erhielt). Er hatte ſchon laͤngſt in Preuſ⸗ ſen gelebt ), war in den Jahren 1377 bis 1382 Komthur in Schlochau geweſen, hatte dann als Kriegsheld ſich im Or⸗ densmarſchallamte vom Jahre 1382 bis 1387 einen ehrenvol⸗ len Namen erworben und nach der Zeit war ihm als Groß⸗ komthur und zuletzt als Statthalter des Meiſters in der Ver⸗ waltung des Landes und der Obhut des Ordens ein ſo all⸗ gemeines Vertrauen und eine ſo ungetheilte Hochachtung von allen Gebietigern zu Theil geworden ), daß ihm als dem wuͤrdigſten und erfahrenſten unter allen die einſtimmige Wahl zufiel. Als kuͤhner und entſchloſſener Kriegsmann von den benachbarten Fuͤrſten gefuͤrchtet, voll Kampfluſt gegen die nach⸗ barlichen Feinde, als kriegskundig ſelbſt im Auslande weit be⸗ kannt, ſtreng gegen die Ordensbeamten in Ruͤckſicht ihrer Ver⸗ waltung, befonders ihrer Behandlung des armen Landv,olkes, das er ſtets gegen jede Gewaltthaͤtigkeit in Schutz nahm, und wiederum auch mild und guͤtig gegen ſeine Ordensbruͤder, ge⸗ gen Ritter und Knechte des Landes, wohlthaͤtig und nachſich⸗ tig gegen den Buͤrger und Landmann, beſcheiden im Urtheil uͤber ſich ſelbſt und gerne auch fremdem beſonnenen Rathe fol⸗ gend *); in folcher Weiſe von einem Zeitgenoſſen geſchildert, 1) Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 509. Pauli B. IV. S. 222. Komthurliſten bei Lindenblatt S. 373. 381. 385. 390. Nach einer von ihm ausgeſtellten Verſchreibung im geh. Archiv Schiebl. XXVI. Nr. 15 war Friederich von Wallenrod im J. 1395 Komthur zu Rhein. 2) Er ſagt ſelbſt in einem Briefe: Wir ſint von unſern jungen tagen hie im lande czu Pruͤßen dirczogen; Regiſtrant p. 103. 3) Wigand. I. c. ſchildert ihn als einen Mann, qui pridem erat Marschalcus, similiter Magnus commendater et in omnibus semper se bene habuerat. 4) So ſagt er z. B. einmal, als man von ihm die Entſcheidung einer Streitfrage verlangte: Wir laſſen euch wiſſen, das wir werlich czu unwiſe darczu fin, das wir uns ſolchir groſen ſache undirwinden und ein recht doryn ſprechen ſolten, wan wir ſint von unſern jungen tagen
Scanseite 597 · Druckseite 583
Wandlung der Gebietiger (1391). 583 der ihn kannte), war Konrad von Wallenrod in jeder Hin⸗ ſicht ein Mann an der Spitze des Ordens, wie ihn die Zeit mit ihren eigenen Verhaͤltniſſen forderte. Sein Erſtes war, an die Spitze ſeines Gebietigerrathes einen Mann zu ſtellen, der durch Erfahrung, Kenntniß der Verhaͤltniſſe des Ordens und des Landes, wie durch Entſchloſ⸗ ſenheit und Umſicht im Handeln mit ihm in einem Geiſte den Gefahren und Bedraͤngniſſen entgegentreten koͤnne, unter denen er das Meiſteramt uͤbernommen; es war Wilhelm von Hel⸗ fenſtein 2), früher Ordensvogt zu Soldau und zuletzt Komthur zu Kulm oder Althaus, den er als Großkomthur in ſeine bis⸗ herige Würde berief. Außerdem nahm er ſchon im erſten Jahre ſeines Waltens auch in mehren andern Gebietiger⸗ und Komthuraͤmtern manche Veraͤnderungen vor. Das wichtige Treßleramt, bisher einige Jahre von Ludwig Wafeler verwal⸗ tet, erhielt jetzt Konrad von Jungingen und es eroͤffnete ſich dieſem jetzt die hoͤhere Bahn, auf der er bald bis zur Mei⸗ ſterwuͤrde emporſteigen ſollte. In Wilhelms von Helfenſtein bisheriges Amt zu Althaus ward zuerſt Johann von Reddern und nach ihm Johann von Lichtenſtein berufen. Walrabe von Scharfenberg bisher Komthur zu Danzig, der eine Zeitlang zugleich auch dem Amte des Ordenstrapiers vorgeſtanden, wurde zum Landkomthur von Sſterreich erhoben und Johann von Beffart trat in ſein bisheriges Amt zu Danzig. Die Verwaltung des Komthuramtes zu Ofterode übernahm der bisherige Komthur zu Neſſau Graf Konrad von Kyburg und uͤberließ ſeine Stelle Heinrich Harder. In das Komthuramt hie im lande czu Pruͤßen dirczogen und haben mit ſolchen ſachen nicht umegegangen. Solche ſachin, die alſo hoch tretin, ſint ouch mit uns ungewonlich. 1) eindenblatt S. 80. Die Schilderungen und Urtheile an⸗ derer Chroniſten über dieſen Meiſter werden ſpaͤter beleuchtet werden. 2) Aus dem berühmten gräftichen Haufe dieſes Namens in Schwaben.
Scanseite 598 · Druckseite 584
584 Friedensverhandlung mit Polen (1391). zu Rheden wurde Graf Rudolf von Kyburg!) und fo in manche niedere Ämter andere Beamte eingeſetzt ?). Es lag in den Verhaͤltniſſen der Zeit, daß der neue Mei⸗ ſter ſogleich in den erſten Tagen ſeines neuen Amtes ſein gan⸗ zes Augenmerk auf Polen richtete und er ergriff gerne das ihm vom Woiwoden Sandziwog zu Kaliſch, der erſt vor kurzem bei dem Koͤnige geweſen, entgegengebrachte Anerbieten zu ei⸗ nem neuen Verhandlungstage theils wegen Auswechſelung der Gefangenen, vorzuͤglich aber, wie der Hochmeiſter wuͤnſchte, zu einer naͤheren Berathung uͤber eine perſoͤnliche Zuſammenkunft mit dem Koͤnige, um die feindſelige Spannung zwiſchen dem Orden und der Krone von Polen gänzlich zu beſeitigen *). Der Woiwode gab dem Meiſter auch jetzt ſo uͤberzeugende Be⸗ weiſe ſeiner beſondern Zuneigung und Freundſchaft, daß man von ihm alles zu einer friedlichen Beſeitigung der obwaltenden Streitigkeiten erwarten durfte und Konrad unterließ auch nichts, um die Gunſt und Bereitwilligkeit dieſes beim Koͤnige vielgel⸗ tenden Mannes thaͤtig zu erhalten “). 1) Das graͤfliche Geſchlecht von Kyburg war dem Orden immer ſehr zugethan. Außer den beiden oben genannten waren auch Berthold und Hartmann Grafen von Kyburg um dieſe Zeit Deutſche Ordensrit⸗ ter in der Schweiz; ſ. Joh. von Müller Schweiz. Geſchichte B. II. S. 430. 439. 2) Amterbuch im geh. Arch.; vgl. die Komthurliſten bei Lind en⸗ blatt und deſſen eigene Angaben S. 80. 3) Brief des Meiſters an Sandziwog, dat. Marienb. am Mitwoch vor Palmar. (1391). Es iſt ein Beweis der friedlichen Geſinnung des Meiſters, wenn er dem Woiwoden ſchreibt: Weres, daz Ir mit den⸗ ſelben unſern gebitegern (die auf den Tag nach Thorn kommen ſollten) weldet uf eynen tag gedenken, daz wir mit uͤwern herren dem kunige czuſammen quemen durch der czwetracht und ſchelunge willen, dy do iſt czwiſchen der crone czu Polan und uns und unſerm Orden, wi ſy denne mit uͤch obirein quemen oder wi ſy daz machten oder da von eynen tag vorbriften, da welde wir uns gerne nach richten und darczu kom⸗ men. Regiſtrant p. 14. 4) Brief des Meiſters an denſelben, dat. Marienb. feria VI ante domin. palmar. im Regiſtr. p. 16, wo es unter andern heißt: Sun⸗ derlich allirliebſter fruͤnt, wir danken euwer liebe euwers fruͤntlichen
Scanseite 599 · Druckseite 585
Friedensverhandlung mit Polen (1391). 585 Zwar hatte man im Orden ſchon feit dem Anfange dies ſes Jahres bei der immer ſteigenden Beſorgniß alles zu einem nahen Kriege mit Polen mit Umſicht vorbereitet und insbe⸗ ſondere auch bei der Ritterſchaft in Pommern alte Vertraͤge befeſtigt und andere fir zu leiſtende Kriegsdienſte neu geſchloſ⸗ fen ); allein es kam in den erſten Tagen des Aprils wirklich zu einer friedlichen Verhandlung, indem der Woiwode Sand⸗ ziwog mit den koͤniglichen Bevollmaͤchtigten Nicolaus Strus und Arnold von Waldau ſich ins Haupthaus Marienburg be⸗ gab und dort mit den oberſten Gebietigern ) über folgende Beſtimmungen vereinigte: Es ſoll zwiſchen dem Koͤnige und dem Meiſter am Tage Margareth“ oder am zwölften Juli ein Verhandlungstag gehalten werden, wozu jeder von beiden vier Bevollmaͤchtigte auf den Werder in der Weichſel bei dem Hauſe Slotorie 3) ſenden wird, um die Mißhelligkeiten zwiſchen Po⸗ brieves, den ir uns habt geſant, daran wir an euch dirkennen ſundir⸗ liche truwe, gunſt und fruͤntſchaft, die ir czu uns traget, got unſer herre müfe uns nymer laſen irſterben, wir muͤſten euch der truwe und der fruͤntſchaft weder danken und gebitet czu uns, wir wellen allewege gerne thun, daran wir euch liebe thun. 1) Dahin gehoͤrt z. B. der Vertrag mit dem Ritter Wiſel Czam⸗ bor, deſſen Bruder Heinrich Czambor und Johann Czambor von Swir⸗ zow, worin ſie verſprechen, mit dem Hauſe Cruswitz, welches Herzog Simasko von Maſovien an ſie verpfaͤndet hatte, nach Laut ihrer fruͤ⸗ heren Vertraͤge bei dem Orden zu verbleiben und wenn der genannte Herzog die Burg etwa einloͤſen werde, im Falle eines Krieges mit Po⸗ len dem Orden 100 Glevenien und eben fo viel Schützen für die em⸗ pfangene Summe von 500 Schock Böhm. Groſchen zuzuführen. rk. im geh. Arch. Schiebl. XII. Nr. 4, Abſchrift im Cod. Oliv. p. 141. 2) D. h. mit dem Großkomthur Wilhelm von Helfenſtein, dem Ordensſpittler Siegfried Walpot von Baſſenheim und dem Ordens⸗ treßler Konrad von Jungingen. 3) Supra Insulam in Wisela situatam circa Slotoriam, super quam insulam eciam prius tenti sunt dies placitorum. Die Glotorie, welche in der Geſchichte Preuſſens bald eine wichtige Rolle ſpielt, iſt das heutige Zlottoria, ſuͤdlich von Thorn am Einfluſſe der Drewenz in die Weichſel, zwei Meilen von der genannten Stadt. Sie war fruͤher eine ſehr feſte Burg, von welcher der Verfaſſer dieſes Werkes im J.
Scanseite 600 · Druckseite 586
586 Friedensverhandlung mit Polen (1391). len, den Litthauern und Ruſſen und Preuffen nach Recht und freundlicher Liebe zu verhandeln und beizulegen, wozu die acht Bevollmaͤchtigten unbedingte Vollmacht haben ſollen. Haben ſie ſich gegenſeitig verſtaͤndigt, ſo ſollen ſie dem Koͤnige und dem Meiſter melden, daß jener ſich nach Raczans und dieſer nach Thorn begeben moͤge, um eine perſoͤnliche Zuſammenkunft an einem geeigneten Orte Statt finden zu laſſen. Es ſoll ferner zwiſchen Preuſſen, Litthauen und den Ruſſen vom Sonn⸗ tage vor Pfingſten bis vierzehn Tage nach Margarethaͤ ein feſter Friede und Waffenſtillſtand dauern und insbeſondere auch Livland darin begriffen ſeyn, woruͤber der Meiſter ſofort die nöthigen Befehle dahin ergehen laſſen fol. Mittlerweile ſoll zwiſchen Preuſſen und Polen Gemeinſchaft und gegenſeitiger Verkehr Statt finden und Handel und andere Geſchaͤfte in beiden Laͤndern wie vor Alters gegenſeitig betrieben werden koͤnnen, alſo daß es des Koͤniges Unterthanen erlaubt ſey, nach Thorn und Danzig und uͤber die See oder wohin ſie wollen, ihren Handel zu treiben nach Belieben, gleichwie es des Meiſters Unterthanen frei ſtehen ſoll, in ihren Handels⸗ geſchaͤften ſich nach Krakau, Ungern und Rußland oder des Koͤniges andern Laͤndern und Staͤdten zu begeben, dergeſtalt daß des Koͤniges Unterthanen forthin keine Guͤterniederlage in Thorn und die des Meiſters keine ſolche mehr in Krakau zu halten genoͤthigt ſeyn ſollen ), ſondern nach alter Gewohn⸗ heit uͤberall hinkommen koͤnnen, wo es ihnen beliebt. Sollten jedoch die Kaufleute beider Theile waͤhrend der beſtimmten Friedenszeit wegen Unſicherheit der See oder wegen anderer Hinderniſſe ihre Handelsgeſchaͤfte nicht in Ordnung bringen und beendigen koͤnnen, der Koͤnig aber und der Meiſter ohne endliche Entſcheidung von dem Verhandlungstage zuruͤckkehren, 1820 nur noch einige Ruinen fand, da der Weichfel- Strom den groͤß⸗ ten Theil ſchon fortgeriſſen hat. 1) Sic quod subditi domini regis Polonie nullam ipsorum bono- rum depositionem facere habeant in Thorun ac eciam homines do- mini Magistri generalis nullam depositionem suorum bonorum in Cra- covia habere teneantur.
Scanseite 601 · Druckseite 587
Handelsverhältniffe mit England (1391). 587 jo werden die Kaufleute beider Länder vom Tage Margare⸗ thaͤ bis zum naͤchſten Johannisfeſte eine Friſt erhalten, in wel⸗ cher fie ohne Schaden ihre Geſchaͤfte ordnen und ihre Kauf⸗ guͤter in die Heimat bringen koͤnnen. Endlich wurde noch feſtgeſetzt, daß die Litthauer und Ruſſen waͤhrend des Waffen⸗ ſtillſtandes gegen chriſtliche Laͤnder oder gegen die Gebiete der andern Ruſſen keinen Schaden veruͤben oder Kriegszuͤge un⸗ ternehmen oder dem Koͤnige zur Beſchaͤdigung der erwaͤhnten Laͤnder mit Huͤlfe und Rath beiſtehen ſollten; daß ferner die Litthauer und Ruſſen, wenn ſie im Laufe der Waffenruhe von irgendwoher beunruhigt und feindlich behandelt wuͤrden, ſich ſelbſt nach eigenen Kraͤften vertheidigen moͤchten, ohne daß der Friede dadurch gebrochen ſeyn ſollte, nach welcher Richt⸗ ſchnur auch der Meiſter und der Orden verfahren ſollte 1). Auf ſolche Weiſe von der Beſorgniß eines offenen Krie⸗ ges mit Polen, die bisher alle Aufmerkſamkeit der Gebietiger dorthin gezogen, vorerſt wenigſtens einigermaßen befreit, rich⸗ tete der neue Hochmeiſter ſeine Thaͤtigkeit zunaͤchſt auf die in⸗ neren Verhaͤltniſſe des Landes und hier waren es vorzuͤglich die Klagen mehrer Handelsſtaͤdte Preuſſens uͤber die Nichter⸗ fuͤllung der im letzten Vertrage mit England gegebenen Ver⸗ ſprechungen, die ihm zahlreich entgegen kamen. Zwar hatte der Koͤnig von England erſt vor kurzem ſeine Zuſtimmung zur Wahl eines Londoner Buͤrgers als Conſuls oder ſ. g. Guber⸗ nators für die in Preuſſen und andern Hanſeatiſchen Gebie⸗ ten ſich aufhaltenden oder dahin kommenden Engliſchen Kauf⸗ leute gegeben, mit der Vollmacht fuͤr dieſen, die Rechte dieſer Kaufleute uͤberall zu vertreten, ihnen in allen ihren Handels⸗ verhältniffen Gerechtigkeit zu verſchaffen, ihre Streitigkeiten zu entſcheiden, fie gegen Schaden und Verletzungen zu ſchuͤtzen, die durch die Freiheiten und Geſetze vom Hochmeiſter ihnen verliehenen feſtgeſtellten Handelsordnungen aufrecht zu erhal⸗ 1) Originalurkunde, dat.: In castro Marienburg a. d. 1391 proxi- ma die Sabbati post ſestum b. Ambrosii (8. April) im geh. Archiv Schiebl. 62. Nr. 2.
Scanseite 602 · Druckseite 588
588 Handelsverhältniffe mit England (1391). ten und allen Mißhelligkeiten der Engliſchen Handelsleute und der Landesbewohner vorzubeugen 1). Allein für die vielfachen Anforderungen der einzelnen Staͤdte Preuſſens wegen der fruͤ⸗ her von den Englaͤndern weggenommenen Kaufguͤter und we⸗ gen Erſatz und Verguͤtung des den Preuſſiſchen Seefahrern und Kaufleuten zugefuͤgten Schadens hatte dieſe Anordnung weiter keinen Erfolg gehabt. Vergebens hatte der vorige Hoch⸗ meiſter den Vogt von Stuhm Dieterich Roͤder und den Buͤr⸗ germeiſter von Elbing Johann Stolze als Bevollmaͤchtigte in dieſer Angelegenheit nach England geſandt; ohne Erfolg hat⸗ ten auch einige Staͤdte ſelbſt durch ihre Sendboten unter gro⸗ ßen Koſten die Sache beim Rathe des Koͤniges zu betreiben geſucht, manche ſogar einige Jahre hindurch, waͤhrend welcher Zeit mehre der Betheiligten in die groͤßte Armuth gerathen und ohne alle Mittel zur Fortſetzung ihres Geſchaͤftes waren 2). 1) Dieſe Ratificatio de Gubernatoris in Terra Pruciae electione bei Rymer Foedera T. III. P. IV. p. 66. Den Anlaß zur Wahl ei⸗ nes ſolchen Gubernators hatten Mißhelligkeiten gegeben inter Mercato- res Regni nostri Angliae in Terra et in Partibus de Lescone, Sounde et in dominiis de Hausa commorantes; gewählt war von den Kaufleuten bereits der Londoner Bürger Johannes Bebys; jedes Jahr aber ſollten fie eine neue Wahl vornehmen dürfen. Obgleich in der Urkunde Preuſſen nicht ausdruͤcklich genannt iſt, ſo wird es theils doch ſchon in den dominiis de Hansa mit einbegriffen, theils heißt es auch zuletzt: Volentes etiam omnes iustas et rationabiles Ordinationes, per prefatum Johannem seu personam de novo sic de cetero eligendam seu eorum sufficientes loca tenentes, de communi assensu eorumdem Mercatorum Anglicorum pro meliori gubernatione status eorum, se- cundum Privilegia et Auctoritates eis per Mag is trum Pruciae concessa et concedenda, factas et stabilitas et imposterum faciendas et stabiliendas, ratas, firmas et acceptas habere ete., welches Letz⸗ tere doch feine befondere Beziehung auf Preuffen hat. Vgl. Fiſcher Geſch. des Deutſchen Handels B. II. S. 160. 2) Es heißt in dem Schreiben des Meiſters an den König im Re⸗ giſtrant. p. 19: Des quamen czu uns vile di do klagelichen clagten, das fi beſcheidigt weren in euwerem Riche beide czu lande und czu waſ⸗ fer, under denſelben etliche waren, di iren ſchaden vor euweren Rate hatten dirvolget ein Jar, etliche zwei Jare, etliche mynner etliche mee
Scanseite 603 · Druckseite 589
* Hanbelsverhältniffe mit England (1391). 589 Der Meiſter Konrad von Wallenrod benutzte daher die An⸗ weſenheit eines koͤniglichen Sendboten, ließ in deſſen Gegen⸗ wart auf einer Tagſatzung der Staͤdte ihre Klagen und ge⸗ rechten Forderungen darlegen, wandte ſich aber zugleich auch an den König ſelbſt, ſtellte ihm die betrübte Lage feiner da⸗ bei betheiligten Unterthanen vor, erinnerte ihn an die in dem erwaͤhnten Vertrage gegebenen Zuſagen wegen Verguͤtung al⸗ les erlittenen Schadens des Preuſſiſchen Kaufmannes und bat ihn aufs dringendſte, die Ausgleichung dieſer Angelegenheit ſei⸗ nem Rathe ſo angelegentlich als möglich zu empfehlen, damit ſeinen verarmten Unterthanen wieder aufgeholfen werde. Da⸗ bei aber nahm er auch Gelegenheit, ſich beim Koͤnige uͤber eine neue und durchaus ordnungswidrige Erhoͤhung der Abga⸗ ben zu beklagen, welche dem Preuſſiſchen Kaufmanne in Eng⸗ land auferlegt ſey und wodurch der Handel eine neue Stoͤ⸗ rung erleide, weshalb er bat, den Kaufmann bei der alten Abgabe zu laſſen und das freundliche Verhaͤltniß beider Laͤn⸗ der im Handel und Verkehr uͤberhaupt mit Kraft und Feſtig⸗ keit aufrecht zu erhalten!). Um die Sache noch mehr zu foͤrdern, ſchrieb der Meiſter zugleich auch an den Rath des Koͤniges, an die Koͤnigin und an die Stadt London, insbe⸗ ſondere aber an den Herzog von Lancaſter, in deſſen Haͤnde der Koͤnig die Entſcheidung dieſer Angelegenheit gelegt, ſie ſaͤmmtlich bittend, fi bei dem Könige zu verwenden und die Sache zu vermitteln). Wahrſcheinlich erreichte der Meiſter ſeinen Zweck; es ſcheint endlich eine Ausgleichung der lang⸗ und dieſelbin haben in der dirvolgunge vorczert allis das ſy legen und borgen mochten und ſint dovon ſo arm wordin, das ſy von armut we⸗ gen des nicht me vormogen dirvolgen. 1) Der Brief, dat.: Marienb. feria quarta post Quasimodogen. (1391) im Regiſtrant. p. 19—20, 2) Dieſe ſaͤmmtlichen Briefe, dat.: Marienburg decima die men- sis April. an. nonagesimo primo im Regiſtrant. p. 57—58. In dem an den Herzog von Lancaſter heißt es: Specialiter eciam fuimus in- formati, quod prememoratus S. princeps dominus noster Rex de- fectum nostrorum hominum ad expediendum et decidendum vestris manibus tradidit.
Scanseite 604 · Druckseite 590
590 Herzog Wladislav von Oppeln und der Orden (1391). wierigen Streitſache erfolgt zu ſeyn; wenigſtens findet ſich keine Spur, daß ſie ſpaͤter wieder angeregt worden waͤre. Vielleicht war es Folge der gluͤcklichen Beendigung dieſer Sache, daß der Meiſter bald darauf abermals von den Hanſe-Staͤd⸗ ten erſucht ward, ſich auch in ihren Angelegenheiten bei dem Könige für fie zu verwenden, weil man meinte, des Hoch meiſters Fuͤrſprache koͤnne für fie am guͤnſtigſten wirken ). Es iſt wohl möglich, daß auch der Graf Heinrich von Derby, jetzt aus Preuſſen nach England zuruͤckgekehrt, fuͤr die Sache der Preuſſiſchen Staͤdte in der Heimat guͤnſtig geſprochen habe 2). Indeſſen konnte es dem Meiſter, wie wir ſehen wer⸗ den, doch in keiner Weiſe gelingen, alle Hemmungen und Hinderniſſe zu beſeitigen, die dem Handel zwiſchen Preuffen und England im Wege ſtanden. Bald nachher erfolgten Ereigniſſe, die dem Orden zwar die Ausſicht auf eine neue Erwerbung und Erweiterung ſeines Gebietes im Suͤden des Kulmerlandes eroͤffneten, aber auch das kaum eingeleitete friedliche Verhaͤltniß zu dem Koͤnige von Polen vorerſt wieder gänzlich ſtoͤrten. Herzog Wladislav von Oppeln, deſſen wir fruͤher ſchon gedacht, damals gewoͤhnlich auch der Nadirſpan genannt ), weil er die Wuͤrde des Pa⸗ latinats von Ungern bekleidete, hatte vor etwa vierzehn Tab: ren vom Koͤnige Ludwig dem Großen, damals zugleich auch König von Polen, gegen das Abtreten gewiſſer Laͤndergebiete in Rußland, welche der Koͤnig gerne mit Ungern vereinigen 1) Recess. Hanseat. p. 66, wo es im Receß der Tagfahrt zu Hamburg vom J. 1391 heißt: Dy ſtete haben gebeten dy von Preu⸗ ßen, das ſie wollen werben bey dem hern Homeiſter, das er ſeine tref⸗ liche brife wolle ſchreiben darumb an den konig, an ſeinen rad und an die ſtete von engelland. 2) Daß ſich der Graf von Derby kurz vor Oſtern 1391 noch in Preuſſen und namentlich eine Zeitlang in Danzig aufhielt, geht aus des Meiſters Briefen an ihn im Regiſtrant. p. 17—18 ganz klar her⸗ vor. Der Hochmeiſter hatte zuletzt noch eine lebhafte Correſpondenz mit ihm wegen Freilaſſung eines Pommeriſchen Kaufmanns, den der Graf unter dem ſicheren Geleite des Meiſters hatte feſtſetzen laſſen. 3) Lindenblatt S. 83. 87; ſ. oben im J. 1374.
Scanseite 605 · Druckseite 591
Herzog Wladislav von Oppeln und der Orden (1391). 591 mochte 1), das Herzogthum Dobrin mit mehren Burgen und das Gebiet von Gnievcow in Cujavien erhalten, auch damals eine kurze Zeit die Statthalterſchaft in der Verwaltung Po⸗ lens geführt ?). Die nachmaligen Verhaͤltniſſe des Herzogs hatten ſich aber nichts weniger als gluͤcklich geſtaltet. Schul⸗ den und Geldnoth hatten ihn bald auf die Seite des Ordens, bald auf die des Koͤniges von Polen geworfen. Durch ſolche Bedraͤngniſſe war er nicht lange nach der Wahl dieſes Hoch⸗ meiſters auch gezwungen worden, dem Orden eine prachtvolle, mit Edelſteinen reich gezierte, goldene Krone fuͤr ein Anlehen von achthundert Schock Boͤhmiſcher Groſchen als Pfand zu verſetzen. Zwar war dieſe Krone wenige Monate ſpaͤter vom Herzoge wieder eingelöft worden ); allein feine bedraͤngten Verhaͤltniſſe noͤthigten ihn zu einem andern weit wichtigeren Schritt. Wenige Tage naͤmlich nach der Einloͤſung jener Krone verpfaͤndete er dem Orden fuͤr ein neues Anlehen von ſechstauſend ſechshundert und zwei und dreißig Ungeriſchen Gulden die ihm zugehoͤrige, am Einfluſſe der Drewenz in die Weichſel liegende Burg Slotorie mit dem ganzen dazu gehoͤ⸗ rigen Gebiete, worin fünf Dörfer lagen), mit unbeſchraͤnkter 3 1) Diugoss. L. X. p. 37. Nach Fray Annal. Reg. Hung. P. II. p. 130 waͤre es dagegen Wielun und ein Theil von Siradien geweſen und der Herzog hätte dieſe Beſitze nur als ehen gehabt. Anonym. Archidiacon. Gnesnens. p. 119, 2) Diugoss. I. ©. In Urkunden vom 3. 1391 nennt ſich der Her⸗ zog: Ladiſlaus von gotes gnaden Herczog czu Opul, czu Welun, czur Cuya, czu Dobrin u. |. w. 3) Hieruͤber zwei Urkunden im geh. Arch. Schiebl. 31. Nr. 6 und 9; die eine ein Notariatsinſtrument über die Auslöfung der Krone durch des Herzogs Kanzler Georg Zuchors von Tharnau bei dem Muͤnzmei⸗ ſter zu Thorn Johann Lepper, bei dem die Krone in Verwahrung war; fie wird hier als eine corona aurea, valde pretiosa, margaritis et gemmis nobilibus redemita bezeichnet. In der andern Urkunde, ei- nem Bekenntniſſe des genannten Kanzlers uͤber die Empfangnahme der Krone und die wirklich geſchehene Einlöfung heißt es: die Krone fey „von czehen geleden“ geweſen und es ſeyen aus ihr ſchon zwei Perlen und zwei Steine ausgebrochen. 4) Die Graͤnzen find in der Urkunde aufs genauſte beſtimmt. Als
Scanseite 606 · Druckseite 592
592 Herzog Wladislav von Oppeln und der Orden (1391). Benutzung, allen fuͤrſtlichen Rechten, mit der Erlaubniß, auf den weitern Ausbau der Burg noch tauſend Mark verwenden und in ihrem Gebiete neue Doͤrfer gruͤnden zu duͤrfen, welche Koften der Herzog dem Orden wieder erſetzen wollte, und endlich mit der Beſtimmung, der Orden ſolle das Haus Slo⸗ torie ſammt ſeinen Zubehoͤrungen voͤllig vogelfrei wie ſeine andern Guͤter beſitzen, da es auch der Herzog ſelbſt vogelfrei gehabt habe. Es ward keine beſtimmte Friſt zur Wiederein⸗ loͤſung feſtgeſetzt; der Herzog mußte jedoch verſprechen, den Orden in allen Anſpruͤchen, die von irgendwoher an das Haus oder deſſen Zubehoͤrungen gemacht werden moͤchten, im geiſt⸗ lichen und weltlichen Rechte auf ſeine Koſten zu vertreten und hierin völlig ſchadlos zu halten 1), auch dann die Pfandſumme zuruͤckzuzahlen, wenn die Burg durch Verraͤtherei und Fein⸗ desgewalt verloren gehe oder durch Feuer vernichtet werde. Nachdem der Herzog fuͤr ſich ſelbſt, ſeine Gemahlin und alle feine Erben und Nachkommen auf alle Rechte und Anſpruͤche auf die Burg bis zur Wiedereinloͤſung foͤrmlich und völlig Verzicht geleiſtet, wurde noch beſtimmt, daß im Falle des Todes des Herzogs ſein Eidam, Herzog Heinrich der Juͤngere von Sagan oder wer ſonſt ſein Erbe ſeyn moͤge, in alle ſeine Verpflichtungen gegen den Orden eintreten und eine gleich⸗ lautende Verpfaͤndungsurkunde ausſtellen ſolle 2). Außerdem Dörfer im Burggebiete werden genannt: Zelin (Szylno), Slotorie (bei der Burg), Neuendorf (Nowawies ?), Glumow (Gumowo) und Crobe (Krobia). 1) über dieſe nachmals wichtig werdende Beſtimmung heißt es: Weres ouch das das egeſchreben Hues mit ſiner czugehoringe gancz oder ein teil wurde angeſprochen von Imande in geiſtlichen ader im wertli⸗ chen rechte ader in welcher wieſe is wurde angeſprochen ader in was rechte, nichtsnicht usgenomen ader ein czivel wurde von den greniczen die wir en haben bewiſet, So globen wir dem Herren Homeiſter und dem orden by unſen fuͤrſtinlichen eren und truwen ys en czu friehen mit unſer eigen czerunge, ſchaden und koſte und dovor czu antwerten und wellen ſy ſchadelos dorane gancz halden von allir anſproche und hei⸗ ſchunge und czwifel und der greniczen ane geferde und allirleye argeliſt. 2) Die Urkunde, dat.: Thoron nach gottes geburt 1391 am neh⸗
Scanseite 607 · Druckseite 593
Herzog Wladislav von Oppeln und der Orden (1391). 593 lieh der Herzog vom Orden noch eine andere Summe von dreihundert und zwanzig Schock Boͤhm. Groſchen, die er im naͤchſten Jahre wieder zu entrichten verſprach, wofuͤr ſich aber eine Anzabl feiner Beamten und Ritter verbürgen mußten ). Der Hochmeiſter ging bei dieſen Verhandlungen mit der aͤußerſten Vorſicht und Behutſamkeit zu Werke, als ahnete er die mißlichen Verhaͤltniſſe, welche zwiſchen dem Orden und dem Koͤnige von Polen bald daraus hervorgingen. Er ſelbſt verſprach, die Burg Slotorie ohne alle Widerrede dem Her⸗ zoge oder deſſen Erben ſofort wieder auszuliefern, ſobald die Pfandſumme ihm oder ſeinem Nachfolger richtig zuruͤckgezahlt ſey ). Der Herzog dagegen mußte ſich nicht nur verbindlich machen, dem Hochmeiſter es ein halbes Jahr zuvor anzukuͤn⸗ digen, wenn er oder ſeine Erben die Burg wieder einloͤſen wollten ), ſondern auch theils ſelbſt die urkundliche Erklaͤrung ausſtellen, daß dieſe Verpfaͤndung mit Zuſtimmung und un⸗ bedingter Einwilligung feiner Gemahlin Ofka geſchehen fey *), theils mußte auch die Herzogin, welcher die Burg nebſt eini⸗ gen andern Gebieten vormals vom Herzoge als Leibgeding verliehen worden war, ebenfalls in die Haͤnde des Meiſters das urkundliche Bekenntniß niederlegen, daß ſie freiwillig und ohne allen Zwang wegen der Noth und Schulden ihres Ge⸗ mahles ihren Rath und ihre Zuſtimmung zu dieſer Verpfaͤn⸗ dung gegeben und bis zur Wiedereinloͤſung auf alle Anfprüche ſten Suntag nach der Uffart unſirs hern, in einem Transſumt vom J. 1391 im geh. Arch. Schiebl. 31. Nr. 11, in Abſchrift im Cod. Oliv. p. 125. 1) Die urkunde, dat.: Auf dem Haufe Thorn 1391 am Sonnt. vor Pfingſten im geh. Arch. Schiebl. 31. Nr. 15 und ein Transſumt Nr. 14. Die Verbuͤrgung der Beamten und Ritter Nr. 13. 2) Originalurkunde, dat.: Auf dem Hauſe zu Thorn im J. 1391 am Sonnt. vor Himmelfahrt im geh. Arch. Schiebl. 31. Nr. 10. 3) Originalurk. vom naͤmlichen Datum ebendaſ. Nr 175 ein Trans⸗ ſumt Nr. 16, Abſchrift im Cod. Oliv. p. 126. 4) Transſumt dieſer Urkunde vom nämlichen Datum cbendaf. Nr. 8; ſie iſt ſo vermodert, daß ſich der Inhalt nur im Allgemeinen daraus entnehmen laͤßt. V. 38
Scanseite 608 · Druckseite 594
594 Herzog Wladislav von Oppeln und der Orden (1391). und Rechte an die Burg Verzicht geleiſtet !). Endlich muß⸗ ten eine Anzahl Ritter und Knechte nebſt mehren Staͤdten offen bezeugen, daß es mit dieſer Erklaͤrung der Herzogin voll⸗ kommene Richtigkeit habe, daß ſie, ſofern die Herzogin ihrem Worte untreu werden und auf die Burg Anſpruͤche erheben wolle, ſolche dem Orden frei erhalten und ſobald ſie dieſes nicht vermoͤchten, dem Hochmeiſter die ganze Pfandſumme aus eigenen Mitteln und auf eigenen Schaden entrichten wollten, wozu ſie ſich ſammt und ſonders durch einen Eid verpflichte⸗ ten. Wofern ſie dieſen brechen und ihre Verbuͤrgung nicht erfüllen wuͤrden, fo ſollte ſich der Orden an ihren Gütern ſchadlos halten, wo und wie er vermochte 2). Mit groͤßerer Vorſicht und mit mehr Behutſamkeit haͤtte in dieſer fuͤr den Orden bald ſo wichtig werdenden Angele⸗ genheit wohl ſchwerlich verfahren werden koͤnnen, denn entwe⸗ der war es Abſicht des Hochmeiſters, ſich die Ausſicht zur möglichen Erwerbung der an der Graͤnze feines Landes gele⸗ genen, fuͤr die Sicherheit des nahen Ordensgebietes ſchon an ſich wichtigen und außerdem zugleich die Drewenz und die Weichſel dort beherrſchenden Burg ſo ſicher als moͤglich zu ſtellen, weil faſt gewiß vorauszuſehen war, daß der geldarme Herzog die Loͤſeſumme nicht wieder werde entrichten koͤnnen, oder er wußte voraus oder ahnete wenigſtens, wie bitter und zornig es der König von Polen aufnehmen werde, daß eine ſo wichtige Burg in des Ordens Gewalt gekommen ſey. Mittlerweile war in Deutſchland und andern Laͤndern die 1) Die Herzogin ſagt ausdruͤcklich, daß die Verpfaͤndung geſche⸗ hen ſey „durch unſir rechten not wille meines herren und Bettegenoſſe, do ich ſach, das mein herre und ich qwomen von tage czu tage yn ſchaden durch der ſchult wille;“ fie habe daher ihren Herrn darum gebeten „mit lachendem munde, mit frolichem herczen und mit begerli⸗ chem fleiſſe von eygenem willen von eygener bewegunge, von eygenen gedanken und von eygenem ſynne u. ſ. w. 2) Originalurk. dat. zu Welun auf dem Hauſe am Dienſtag in den Pfingſten im J. 1391 im geh. Arch. Schiebl. 81. Nr. 12, ein Zransfumt Nr. 7, Abſchrift im Cod. Oliv. p. 127.
Scanseite 609 · Druckseite 595
Kriegszug nach Litthauen (1391). 595 Wahl Konrads von Wallenrod als Hochmeiſter des Ordens bekannt geworden. Da man überall ſchon aus der Zeit ſei⸗ ner Verwaltung des oberſten Marſchallamtes ſeinen Eifer und feine Luft zum Kampfe gegen die Heiden erfahren und die Neigung zu abenteuerlichen Kriegsfahrten, ſowie der Glaube an das Hochverdienſtliche des Streites mit den Ungläubigen in vielen Gemuͤthern immer noch wach und regſam war, fo bedurfte es eben nicht, wie oft in früherer Zeit, des paͤpſtli⸗ chen Aufrufes zum Heidenkampfe, um jetzt wieder neue Krie⸗ gerſchaaren zur Huͤlfe des Ordens in Bewegung zu ſetzen 1). Es hatte ſich in Deutſchland ein reiſiger Haufe von fuͤnfhun⸗ dert Kriegern geſammelt unter der Fahne des edlen Markgra⸗ fen Friederich von Meißen, in deſſen Begleitung auch viele Grafen und Freiherren, als zwei Grafen von Schwarzburg, ein Graf von Gleichen und einer aus dem edlen Hauſe der Plauen mit herbeizogen 2). Um Johanni im Lande angekom⸗ men wurden die fremden Kriegsgaͤſte vom Meiſter aufs ehren⸗ vollſte aufgenommen und nach der Sitte fuͤrſtlich bewirthet. Ihnen folgten aus Deutſchland bald noch andere Schaa⸗ ren von Rittern und Knechten. Aber auch aus Frankreich, England und Schottland lockte die Luſt zum Heidenkampfe ſtreitluſtige Ritter und edle Herren mit Haufen von Reiſigen herbei und es erging ſofort vom Hochmeiſter, der jetzt den Waffenfrieden gegen Litthauen ſchon als aufgehoben betrachtete, ein Aufgebot durchs Land zu einer neuen Kriegsreiſe ins heid⸗ 1) Die alte Preuſſ. Chron. p. 42 führt an: Der Hochmelfter „habe in alle lant geſchrieben, daz der orden welde ſetzen den tiſch der eren, dorynne ydermann ſulde geſatezt werden nach ſyner ere, dy her vor⸗ dynt hette yn ritterlichin geſchefften. 2) Lindenblatt S. 81. Wigand. ſagt bloß: Post hec Fre- dericus Marchio cum multis Comitibus, nobilibus etc. venit in Prus- siam ad pugnandum contra infideles. Die alte Preuſſ. Chron. I. c. weiß: Dorume quomen vil erbare hern, Markgrove Fredrich von Mey⸗ fen mit VIIC pherden, vele groven und frey ritter, Ritter und knechte von Franckreich und engelant und allen dewtſchen landen. Von der Ans weſenheit eines Grafen von Wirtenberg um dieſe Zeit kann nur Eis mon Grunau reden. 38 *
Scanseite 610 · Druckseite 596
596 Kriegszug nach Litthauen (1391). niſche Gebiet. Königsberg war der Verfammlungsort. Dort ſollte zuvor erſt der Sitte des Ehrentiſches gehuldigt und der fremde Kriegsgaſt aufs feſtlichſte bewirthet werden. Waͤhrend jedoch der Ordensmarſchall Engelhard Rabe noch mit den Vor⸗ bereitungen beſchaͤftigt war, brach zwiſchen den Englaͤndern und Schotten ein ſo heftiger Streit aus, daß man zu den Waffen griff und einer der angeſehenſten und geachtetſten Schotten, der edle Wilhelm von Douglas !), mit einem ſei⸗ ner Verwandten im Gefechte erſchlagen ward zum allgemeinen Bedauern aller fremden Gaͤſte; und da nun hieruͤber auch Zwietracht unter den Englaͤndern und Franzoſen entſtand 2), 1) Wir finden ihn in einer Urkunde vom J. 1330 bei Dumont T. II. P. I. p. 153 und öfter in Henr. de Knygkton de eventib. Angliae p. 2590, 2611 etc. 2) über Urſache und Anlaß dieſer Streithaͤndel find wir durch die Chroniſten nicht belehrt. Lindenblatt S. 81—82 ſpricht von einem doppelten Streite zwiſchen den Schotten und Englaͤndern und dann zwiſchen dieſen und den Franzoſen. Wigand. p. 302 giebt hier wenig Aufklaͤrung, denn wenn es bei ihm heißt: Interim fit dissencio ex parte Anglicorum et Schotorum. Nam dominus Wilhelmus de Duclos Schotus interfectus fuit in ponte iuxta summum, qui cum uno pede ad foramen corruerat et viriliter se defendit, ut eciam unus de fa- milia sua cum eo occideretur, fo bleibt in dieſen Worten vieles dun⸗ kel. De familia sua kann auch heißen: aus ſeinem Gefolge, aus ſeinen Kriegsgeſellen. Auch die alte Preuſſ. Chron. p. 43 giebt nichts Neues. De Wal T. IV. p. 52 erzählt von dem früher erwähnten Franzoͤſi⸗ ſchen Ritter Boucicaut: lors qu'il fut arrive a Konigsberg, il apprit qu'un vaillant chevalier Ecossois, nommé Guillaume de Duglas avoit eté tus en trahison par quelques Anglois, Quoiqu’il n’eut pas connu Duglas, il fut piqué que dans le grand nombre de chevaliers et d'Ecuyers Ecossois, qui &toient à Konigsberg, il ne s’en trouvat aucun qui voulut venger son compatriote, et il fit dire à tous les chevaliers Anglois qui etoient la, que si quelqu'un d’eux vouloit dire, que Duglas n’avoit pas été tué en trahison, il &toit pr&t à le soutenir et à prendre le parti du mort; mais les Anglois repondirent que si quelque Ecossois vouloit prendre le parti de Duglas, ils ac- cepteroient le defi, et qu'ils ne vouloient rien avoir à demeler avec lui. Dieß war wahrſcheinlich der von Lin denblatt erwähnte Streit zwiſchen den Engländern und Franzoſen.
Scanseite 611 · Druckseite 597
Kriegszug nach Litthauen (1391). 597 ſo ließ der Meiſter die Vorbereitung zum Ehrentiſche einſtellen, und mit dem Verſprechen, ihn an den Graͤnzen des feindlichen Landes decken zu wollen, gebot er alsbald den Aufbruch der verſammelten Kriegsmacht, ſich ſelbſt an ihre Spitze ſtellend. Das Heer ſoll ſehr bedeutend geweſen ſeyn !), denn auch Witowd hatte in Samaiten Kriegsvolk geſammelt und ſchloß ſich der Streitmacht des Ordens an. Abermals ſollte Wilna's Eroberung das wichtige Ziel der Kriegsreiſe ſeyn ). Voran der prachtvollen Ordensfahne, dann dem Panier des heiligen Georgs und zuletzt der Fahne der Meißner fol⸗ gend langte das Kriegsheer bei Kauen an, wo der Meiſter beſchloß den Ehrentiſch zu decken, denn ſchon von Koͤnigsberg aus war fuͤr Speiſe und Getraͤnk, wie fuͤr alles andere hin⸗ laͤnglich geſorgt. Der Ordensmarſchall hatte die Anordnung, wie es Sitte war. Das Feſt der Ehre ward aber dießmal mit einem Glanze und einer Fuͤlle des Reichthums an allen Dingen gefeiert, wie es noch von keinem Hochmeiſter geſche⸗ hen war ). Auch hier nahmen die ritterlichen Fuͤrſten und Herren, deren Namen durch tapfere Thaten am ruͤhmlichſten glaͤnzten, unter einem prachtvollen Zelte die erſten Ehrenplätze ein und an Gold und Silber war auf der feſtlichen Tafel ein außerordentlicher Überfluß, denn es gebrach an nichts, was Bi. 2 1) Einige geben es auf 46,000 Mann an. Schütz p. 89 nach Simon Grunau Tr. XIII. c. XVI. S. 1. 2) Darauf weiſet nicht nur Lindenblatt hin, ſondern es ſcheint dahin auch bezogen werden zu muͤſſen, was Schutz p. 88 von einem Verſuche gegen Wilna im J. 1392 erzählt. 8) Nach Lindenblatt S. 83 wäre der Ehrentiſch am T. S. Agidii (1. Sept.) gehalten worden. Wigand, p. 302 jagt: Magister mensam honoris preparari mandavit sedentque iu armis manducantes et bibentes et a magistro optime tractati sunt, quod eciam a nullo alio magistro auditum est. Die Beſchreibung bei Schütz p. 89 iſt im Weſentlichen fruͤher ſchon mitgetheilt; allein man muß ſich hüten, ihm alles zu glauben, denn in der Geſchichte dieſes Hochmeiſters iſt er we⸗ der in Beziehung auf die Zeitangabe, noch in Ruͤckſicht der Ereigniſſe ſelbſt irgend zuverläflig, da er hier beſonders dem Simon Grunau gefolgt iſt.
Scanseite 612 · Druckseite 598
598 Kriegszug nach Litthauen (1391). den Tag auf irgend eine Weiſe verherrlichen konnte. Doch iſt die Angabe ſehr zu bezweifeln, daß die Anordnung dieſes Ehrentiſches und die Beſoldung der Huͤlfsvoͤlker bei dieſer Kriegsreiſe die Summe von fuͤnfmalhunderttauſend Mark Preufſſ. betragen habe 1). Nach dem feſtlichen Ehrentage brach das Kriegsheer, am Fluſſe Strebe ſich theilend, gegen Suͤden auf. Der Meiſter 1) Zwar führen Schütz I. c. und Lucas David B. VII. S. 246 dieſe Summe an; allein beide folgen hier dem Simon Grunau Tr. XIII. c. XVII. S. 2. Die Beſchreibung des Ehrentiſches bei dieſem Ehroniften ift aber ſichtbar ein Gemiſch von Wahrheit und Dichtung. Manches Wahre hat er aus Lindenblatt und einigen andern Chro⸗ niſten; daß er aber Luͤgenhaftes mit untermiſcht, beweiſet z. B. die Aufzählung der Perſonen, die er am Ehrentiſche figen läßt. So ſoll unter dieſen der Graf Rupert von Wirtenberg geweſen ſeyn und dar⸗ um einen Ehrenplatz erhalten haben, weil er, obgleich erwaͤhlt, die Kaiſerkrone nicht habe annehmen wollen — eine reine Erdichtung des Moͤnches! Die Richtigkeit deſſen, was er vom Sſterreichiſchen Ritter Konrad (wie er ihn nennt Kynodius) von Reichartsdorf erzaͤhlt, wol⸗ len wir gelten laſſen, denn wir haben ihn nicht nur fruͤher unter den Kriegsgäften in Preuſſen (1385) kennen gelernt, wo er ebenfalls mit am Ehrentiſche ſaß, ſondern auch die alte Preuſſ. Chron. p. 43 berich⸗ tet: „Da ſatzte der Meiſter ezu alden Kawen of dem Werder der eren tiſch gar reichlich. Do wart obirſt an geſaczt eyn ritter von ofterrich, der hys Her Conr. von Richartsdorff, der waz der preiſte in ritterli⸗ chen geſchefften, went her waz czu lant gereten czu dem heilgen grabe. Dorczu waz her gegangen mit andere ritterſchaft yn eynen holen berg und bleben dorynne eynen tag und eyne nacht. Dy andern bleben alle daryne tod und her quam wedir, Nymande wolde her ſagen alle ſeyne tage waz her geſehn ader gehort hatte in dem berge.“ An dem Gra⸗ fen Hildermidus aus Schottland moͤchte aber ſehr zu zweifeln ſeyn; ebenſo am Hochmeiſter, der ſelbſt als Gaſt den fuͤnften Platz eingenom⸗ men haben fol. Der Mönd weiß ſogar, daß man von 9 bis 2 uhr zu Tiſche gefeffen habe, für ein Mittagsmahl eine ſehr ungeſchickte Zeit! So bringt die moͤnchiſche Lüge bei Kotzebue B. II. S. 277 zwar Leben in ein Theaterſtuͤck, aber keine Wahrheit in die Geſchichte. Viel richtiger würdigte De Wal T. IV. p. 97-99 Simon Grunau's Angabe, fie eine btoße Erdichtung nennend. Als wirkliche Gäfte läßt er nur den Markgrafen von Meißen, den Grafen von Wirtenberg (?) und Kuno von Reichartsdorf gelten.
Scanseite 613 · Druckseite 599
Kriegszug nach Litthauen (1391). 599 mit den Kriegsgaͤſten wendet ſich gen Traken, findet es aber von Skirgal bereits in Aſche gelegt und zieht nun eiligſt dem andern Theile des Heeres nach, welchen Herzog Witowd und der Ordensmarſchall durch das Gebiet von Boparthen !) mit verheerendem Schwerte gegen die Burg Wilkenberg geführt. Des Meiſters Ankunft entſcheidet den Gewinn der ſtarken Burg, welche dem Herzoge Witowd uͤbergeben wird, denn die Litthauer und Ruſſen unter der Beſatzung zeigten ſich ihm ſehr geneigt und nur die Polen wurden als Gefangene hin⸗ weggefuͤhrt. Nun erſtürmt man auch die Burg Wiſſewalde, brennt ſie nieder und nimmt die Beſatzung von dreihundert Mann gefangen. Mittlerweile war auch der Meiſter von Liv⸗ land mit einem Streitheere angekommen; ihn hatte der Hoch⸗ meiſter, wie es ſcheint, noch erwartet, um jetzt gegen Wilna, des Landes Hauptſtadt, aufzubrechen. Da ging die Nachricht ein, daß der Feind vier bis fünf Meilen rings um Wilna al: les mit Feuer vertilgt und insbeſondere alles Futter verbrannt habe, um eine Belagerung unmoͤglich zu machen. Der Plan mußte aufgegeben werden und man verwandte daher die Kraͤfte des Kriegsheeres auf die Vollendung von zwei neuen Burgen, die man im Werder, eine halbe Meile von Kauen, aufzubauen begonnen und deren eine, wie es ſcheint, die alte Baierburg war. Sie wurden beide dem Markgrafen Friederich zu Eh⸗ ren mit dem Banner von Meißen geſchmuͤckt. Auch die Burg Ritterswerder ward neu gebaut und dieſe drei feſten Haͤuſer dem Herzoge Witowd uͤbergeben, der ſie mit Mannſchaft ſtark beſetzte, denn es ſtroͤmte ihm immer noch eine große Zahl von Litthauern zu, die ihn als ihren Herrn betrachteten :). Bei 1) über die Lage von Boparthen (Poporzi) und Wilkenberg iſt fruͤ⸗ her geſprochen. 2) Die Angaben der Chroniſten ſind hier ſchwer zu vereinigen Am richtigſten ſpricht ohne Zweifel Lindenblatt S. 83 uͤber dieſen Zug; er nennt zwar die erbauten Burgen nicht, bezeichnet aber ihre Lage genau, nach welcher ſie nicht Methenburg und Naugarden gehei⸗ ßen haben können, denn dieſe läßt er nach S. 86 erſt im J. 1392 an einer andern Gegend erbauen. Migand. I. c. und die ihm folgenden
Scanseite 614 · Druckseite 600
600 Kriegszug nach Litthauen (1391). ſolchem Anhange im Lande glaubte man daher auch dem Her⸗ zoge ſelbſt die weitere Eroberung Litthauens nunmehr überlafs ſen zu koͤnnen, zumal da ihm zur ſicheren Vertheidigung der Burgen und zur Fuͤhrung des Krieges im offenen Felde nicht nur eine Anzahl Ordensritter und Kriegsvolk aus Preuſſen beigegeben ward, ſondern auch aus Rußland von ſeinem Schwie⸗ gerſohne dem Großfuͤrſten von Moskau manche Beihilfe er⸗ wartet werden konnte, waͤhrend ſein Gegner Skirgal von Mit⸗ teln zum Kampfe ſchon mehr und mehr entbloͤßt und im Volke nichts weniger als beliebt war). Da uͤberdieß wich⸗ tige Ereigniſſe an der Weichſel und Drewenz den Hochmeiſter in ſein Land zuruͤckriefen, ſo kehrte das Kriegsheer, der Mark⸗ graf von Meißen und mancher andere Kriegsgaſt auf heidni⸗ Chroniſten ſprechen dagegen ſchon im J. 1391 vom Erbau dieſer bei⸗ den genannten Burgen und jener fuͤgt auch manches uͤber den Aufbau der Baierburg hinzu. Dieſe letztere koͤnnte eine der beiden von Lin⸗ denblatt nicht namentlich bezeichneten Burgen ſeyn, doch lag fie frei⸗ lich mehr weſtwaͤrts an der Memel. Der Hochmeiſter ſpricht in einem Briefe an die Koͤnigin Margaretha ebenfalls von zwei an der Graͤnze des Heidenlandes errichteten Burgen ohne ſie zu nennen. 1) Bei der großen Verwirrung in der Chronologie uͤber die Er⸗ eigniſſe unter Konrad von Wallenrod bleibt Lindenblatt der ſicherſte Fuͤhrer, denn Wigand. und Seltz führen hier leicht vom richtigen Wege ab, der erſtere jedoch noch weniger als der letztere, da jener im Ganzen mit Lindenblatt uͤbereinſtimmt. Schütz p. 88 erzählt zwar die⸗ ſen Kriegszug ebenfalls im Allgemeinen, ſetzt ihn aber in das J. 1392 und läßt den Ehrentiſch erſt nachfolgen. Nachdem läßt er den Hoch⸗ meiſter im Jahre 1392 oder 1393 nochmals gegen Wilna ziehen und dort 30,000 Mann verlieren. Die ganze Erzählung aber, wie über- haupt das Meiſte aus Konrads von Wallenrod Zeit iſt bei ihm dem Simon Grunau Tr. XIII. c. XVII. nachgeſchrieben. Auch Dlug oss. L. X. p. 132 weicht in der Zeitangabe ab, indem er zuerſt einen Kriegs⸗ zug Witowds und des Hochmeiſters in den Anfang des Sommers ſetzt, wovon Lindenblatt nichts weiß, und einen zweiten, in welchem drei Burgen erbaut werden, im Winter 1391 erfolgen laͤßt, wiewohl in einer doppelten Zeitangabe bei Lindenblatt der Septemb. d. J. als die Zeit des Zuges angegeben iſt. Damit ſtimmen auch, wie wir ſehen werden, die nachfolgenden Ereigniſſe am beſten überein. Kojalo- gwicz wirft hier alles durcheinander.
Scanseite 615 · Druckseite 601
Kriegshändel im Dobrinerlande (1391). 601 ſchem Boden mit dem Ritternamen beehrt, aber auch nicht ohne Verluſt manches tapfern Streiters nach Preuſſen wieder zuruͤck). - Der König von Polen hatte die Verpfaͤndung der wich⸗ tigen Burg Slotorie, wie zu erwarten, mit hoͤchſtem Zorne aufgenommen, denn er betrachtete den Herzog Wladislav von Oppeln nicht anders wie einen Vaſallen, die Burg Slotorie wie das ganze Herzogthum Dobrin als zu ſeinem Reiche ge⸗ hoͤrig und ſomit als unveraͤußerlich ohne ſeine Zuſtimmung. Der Friede ſchien ihm vom Orden muthwillig gebrochen und er beſchloß ſofort zunächft den abtruͤnnigen Herzog mit allem Nachdrucke zu beſtrafen, ihn aus ſeinen Landen zu vertreiben und dieſer ſich zu bemaͤchtigen ?). Noch als das Ordensheer in Litthauen war, ſandte er eine ſtarke Kriegsmacht ins Land Dobrin hinab, bemeiſterte ſich ohne Schwierigkeit der Burg und Stadt Rypin am Fluſſe Rypnica, verheerte das Land weit und breit und warf ſich dann auch vor die Burg Be⸗ bern, jetzt Bobrownik, am Weichſel-Strome, um ſich auch dieſer die Weichſel beherrſchenden Feſte zu bemaͤchtigen ). Der Herzog aber hatte ſie unter dem Befehl des entſchloſſenen Hauptmannes Schery mit ſtarker Mannſchaft fo beſetzt, daß 1) Vom Markgrafen von Meißen heißt es im Chron, terrace Mis- nensis ap. Mencken T. II. p. 334: Marchio Fridericus germanus Wilhelmi et Georgii cum magna comitantia nobilium de Misnia et Thuringia pro acquirenda militia Prussiam intravit, atque cum magna potestate una cum Dominis Prussiae contra Saracenos processit, ibi- que miles effectus est. Böttiger Geſchichte des Kurſtaates und Königr. Sachſen B. I. S. 265. Vom Verluſt des Ordensheeres ſpricht Wigand. l. c. 2) Wir haben einen gleichzeitigen Bericht uͤber die nachfolgenden Ereigniſſe im geh. Arch. Schiebl. 31. Nr. 31, aus dem wir den gan⸗ zen Gang der Begebenheiten klar erſehen. Es heißt gleich im Anfange: Demſelben herczogen wart der konig czu Polan vaſte ungnedig und ſie⸗ nen czorn und ungunſt groslich off en warff, alſo das her en us dem lande vortriben wolde und Im das lant czu ſyner Crone behalden. 3) Anonym. Archidiacon. Gnesnen. p. 154. Alte Preuſſ. Chron. p. 43. S oben S. 105.
Scanseite 616 · Druckseite 602
602 Kriegshaͤndel im Dobrinerlande (1391). das Heer der Polen ſie zehn bis zwoͤlf Wochen lang ohne Erfolg beſtuͤrmten). Während deß übte jedoch der Haupt: mann des Polniſchen Kriegsvolkes ſeine Rache auch an den Unterthanen des Ordens, denn alle Kaufleute aus Preuſſen, beſonders aus Thorn, die des Handels wegen nach Dobrin zogen, wurden aufgefangen, beraubt und dabei oft ſchrecklich gemißhandelt. Zweimal ſandte der Meiſter nach feiner Ruͤck⸗ kehr aus Litthauen einen Pfleger an den Polniſchen Haupt⸗ mann und ließ um Auslieferung und Verguͤtung der geraub⸗ ten Guͤter bitten; jeder Zeit umſonſt. Da gebot er dem Vogt von Leipe Johann von Sayn, dem Komthur von Thorn Wolf von Zolnhart und mehren andern Gebietigern des Kulmerlandes mit bewaffneter Macht gegen die Polen hinaufzuziehen und das Recht fuͤr die Seinen mit dem Schwerte zu ſuchen. Die Polen, es nicht wagend dem ſtarken Kriegshaufen der Ordens⸗ ritter entgegen zu treten, ergriffen ſogar ploͤtzlich die Flucht, als ſie die große Übermacht gewahrten, und gaben ſomit ihr Lager vor der Burg auf, ohne daß man ſie angegriffen oder auch nur verfolgte). Sobald aber die Gebietiger vor der Burg erſchienen, kam ihnen der Hauptmann mit der Be⸗ ſatzung freudig entgegen, ſie bittend, das Haus mit ihrer Kriegsmacht zu beſetzen, weil er zum Herzog reiten und wei: tern Befehl einholen wolle. Sie verweigerten es Anfangs, die Burg in Beſitz zu nehmen, weil der Meiſter ſie nicht zu die⸗ ſem Zwecke geſandt habe; doch willfahrten ſie dem Haupt⸗ manne, als er erklaͤrte: er muͤſſe und werde die Burg auf jeden Fall verlaſſen und ſich zum Herzoge begeben, ſelbſt ſo⸗ gar auf die Gefahr hin, daß ſie in Feindes Hand fallen und der Herzog wie der Orden dadurch in großen Nachtheil kom⸗ 1) eindenblatt S. 833 gleichzeit. Bericht; urk. des Herzogs Wladislav im Cod. Oliv. p. 130. 2) Der erwähnte Bericht ſagt ausdruͤcklich: Da ſie ſie beſogen, das Ir etwas vil was, da karten ſie ſich wedir ume und goben die flucht von dem huſe, nymand ſlug ſie, nymand jagte ſie, alſo das ſie ane allen ſchaden von dannen czegen. Ebenſo die alte Preuſſ. Chron. p. 48. Anonym. Archidiac. Gnesnen. I. c.
Scanseite 617 · Druckseite 603
Kriegshaͤndel im Dobrinerlande (1391). 603 men konne. So trat der Orden in den Beſitz von Bebern, waͤhrend noch das ganze Land Dobrin von den Polen uͤber⸗ zogen war). Nachdem der Hauptmann perſoͤnlich beim Hoch⸗ meiſter deſſen Genehmigung zur Beſetzung der Burg durch den Komthur von Thorn erbeten, begab er ſich nach Ungern, wo ſich damals der Herzog von Oppeln aufhielt, um von ihm weitere Verhaltungsbefehle einzuholen Der Koͤnig von Polen war ſchwer erbittert ob des ge⸗ ſchehenen Schrittes und gerne haͤtte er dem Orden ſeine ganze Rache fühlen laſſen; allein er wagte es immer noch nicht, das Kriegsſchwert zum offenen Kampfe zu ergreifen Die Verhaͤlt⸗ niſſe in Litthauen ſtanden eben jetzt fuͤr Skirgal und den Koͤ⸗ nig bedenklicher als je zuvor, denn dieſem hatte des Landes Vereinigung mit der Krone Polens die Liebe und das Ver⸗ trauen der maͤchtigen Landesedlen gaͤnzlich entzogen und jener war durch ſein hartes und herriſches Weſen und durch ſein wuͤſtes und wildes Leben bei einem großen Theile des Volkes aͤußerſt verhaßt und verachtet geworden, waͤhrend Witowd im⸗ mer größeren Anhang gewann und auch fein Waffengluͤck ihn immer weiter und weiter führte. In Maſovien hatte der Or⸗ den am Herzog Semovit immer noch einen getreuen Freund und deſſen fortwaͤhrende Geldnoth gab dem Meiſter auch jetzt wieder Gelegenheit, ſich dem Herzoge dankbar und gefällig zu 1) Lindenblatt S. 84; alte Preuſſ. Chron. a. a. O. Der er: waͤhnte Bericht theilt das zwiſchen dem Hauptmanne und den Ordens⸗ gebictigern gehaltene Geſpraͤch mit. Der Herzog Wladislav erzählt die Sache auch ſelbſt in einer Urkunde vom J. 1392 im Cod. Oliv. p. 128 180 ganz auf die naͤmliche Weiſe, nennt den Polniſchen Anführer Herrn Kczon und fügt zuletzt hinzu: Die Polen wordin fluͤchtig von dem huſe, do der komthur von Thorun dorvor quam; do das unſer heuptmann und dy unſern off dem huſe ſogin, das ſy flogin und dy herrin von Pruſin dovor komen worin, des wart unſer heuptmann czumole fro und ging czu yn herabe von dem huſe, wend wir ym be⸗ volin hattin, wenne dy herin von Pruſin quemen, das her ſy allewege off laſin ſulde und das yn unſer huͤſer allewege ſuldin offin fin und fürte ſy alſo mit ym off das hus.
Scanseite 618 · Druckseite 604
604 Kriegshändel im Dobrinerlande (1391). beweiſen ). Auch in Pommern hatten ſich die Verhaͤltniſſe ſchon merklich veraͤndert, denn Herzog Wartislav, ſeit dem Bündniſſe mit dem Könige von Polen des Ordens offener Feind, war ſeit einiger Zeit viel zu ſehr in die ſtreitigen An⸗ gelegenheiten Daͤnemarks und Norwegens, wo einſt ſein Sohn Erich die Koͤnigskrone tragen ſollte, verwickelt worden, als daß ihn die Lage der Dinge zwiſchen Polen und Preuſſen ſehr haͤtte beſchaͤftigen koͤnnen; uͤberdieß hatte er jetzt ſchon den Gedanken zu einer Wallfahrt nach dem heiligen Lande ge⸗ faßt, den er im naͤchſten Jahre auch auszufuͤhren begann, aber nur bis Ungern kam, wo er ſtarb 2). Und wie dieſe aͤußeren Verhaͤltniſſe dem Koͤnige zu einem offenen Angriffe des Ordens nicht beſonders guͤnſtig waren, ſo konnte er auch in der Sache ſelbſt nicht fuͤglich gerechte Gruͤnde zu einem Kriege geltend machen. Auf ſeine etwanigen Anſpruͤche auf die Burg und das Gebiet von Slotorie hatte ja nicht der Or⸗ den, ſondern jedenfalls nur Herzog Wladislav zu antworten, da dieſer in der Verpfaͤndungsurkunde ausdruͤcklich verſprochen, gegen alle und jegliche Anforderungen in allen Faͤllen einzuſte⸗ hen und den Orden zu vertreten. Der Herzog aber hatte bei dieſer Verpfaͤndung ja nur daſſelbe gethan, was fruͤher auch in Maſovien und andern Faͤllen geſchehen war. Gegen den Polniſchen Feldhauptmann vor Bebern hatte der Orden nur Recht und Genugthuung geſucht und gegen den fliehenden Polniſchen Heerhaufen war nicht einmal das Schwert gezogen worden. Der Hochmeiſter ſah daher den Frieden mit dem Kö: nige auch keineswegs als gebrochen an und erklaͤrte es offen, daß er ihn nicht nur ferner aufrecht halten wolle, ſondern ſich jeder Zeit auch zu vollem Rechte erbiete ). 1) Nach einer Urkunde im geh. Arch. Schiebl. 57. Nr. 28 war der Herzog dem Ritter Wiſlav Czambor die Summe von 1500 Mark ſchul⸗ dig, zu deren Bezahlung er das noͤthige Geld vom Orden lieh. 2) Sell Geſchichte Pommerns B. II. S. 147148. 3) In einem Briefe des Meiſters an einen Biſchof aus dieſer Zeit im Regiſtrant. p. 102 antwortet er auf die Beſchuldigung der Praͤla⸗ ten, Woiwoden und des Adels in Polen, daß der Orden durch ſein
Scanseite 619 · Druckseite 605
Umgeftaltung der Verhaͤltniſſe Litthauens (1391). 605 Da ſann der Koͤnig argliſtig auf einen andern Plan, um an dem Orden Rache zu uͤben. Witowd hatte bisher treu und feſt am Bunde mit dem Orden gehalten und ſein Waf⸗ fengluͤck, von dieſem unterſtuͤtzt, war faſt ungetrübt gewefen. Es war ihm im Spaͤtherbſt noch gelungen, auch die Burg Merkenpille zu gewinnen und zum Zeichen ſeiner Ergebung hatte er die dort gefangenen Polen und Ruſſen dem Hochmei⸗ ſter zugefandt. Um fo bereitwilliger ließ ihm dieſer unter der Fuͤhrung des Ordensmarſchalls und des Komthurs von Oſte⸗ rode ein neues Huͤlfsheer zueilen, um ſich der wichtigen Burg Garthen oder Grodno zu bemaͤchtigen. Die Beſatzung, aus Polen, Litthauern und Ruſſen beſtehend, vertheidigte ſich An⸗ fangs zwar mit aͤußerſter Entſchloſſenheit wie gegen das Ge⸗ ſchuͤtz, fo gegen das Schwert der Belagerer. Als man in⸗ deß die Burg in Brand ſetzte, erklaͤrte ſich die ſtaͤrkere Zahl der Litthauer und Ruſſen, welche die widerſtrebenden Polen in ein Gemach der Burg verſperrten, zur Ergebung geneigt und ſtellten ſich dem Herzoge Witowd als Gefangene. Als das Feuer der Burg endlich wieder gelöfcht war, ergaben ſich dem Ordensmarſchall auch die Polen, welcher funfzehn von ihnen enthaupten und die übrigen nach Preuffen führen ließ. Ihm ward auch die Burg uͤberliefert; er raͤumte ſie aber dem Herzoge ein und zog nach Preuſſen zuruck !). Kaum waren jedoch die Gebietiger heimgekehrt, als beim Herzoge Witowd auf der Burg Ritterswerder der Biſchof Heinrich von Ploczko, des Herzogs Semovit von Maſovien Brudersſohn 2), als Sendbote des Koͤniges von Polen mit Verfahren den Frieden mit Polen verletzt habe: Des wir uns, ob god wil, wol entſagen und ouch wol bewiſen mogin, das wir widdir den frede ny getan haben und allis was wir in den ſachen, die fie do ſchriben, getan haben, getruwen wir mit gotis huͤlfe wol und mit eren czu vorantwerten. Sundir wir haben In allewege und uff allen tagen, die wir mit In gehalden haben, das recht geboten und uns ſal noch huͤtes tages am rechte wol genuͤgen, mochte is uns nur widdirfaren. 1) eindenblatt S. 84 und Wigand. p. 302 beide einander er⸗ gaͤnzend. 2) Er nennt ſich in Urkunden ebenfalls Herzog von Maſovien und
Scanseite 620 · Druckseite 606
606 umgeſtaltung der Verhättniffe Litthauens (1391). geheimen Aufträgen erfchien. Durch ihn nämlich bot der Koͤ⸗ nig, der nutzlos auf den endloſen Kampf in Litthauen fort und fort feine beſten Kriegskräfte verwenden, aus Polen her immer große Opfer bringen und dabei dennoch die Geſinnun⸗ gen der Litthauer dem Fuͤrſten Skirgal immer mehr entfrem⸗ det ſehen mußte, dem Herzoge Witowd die Wuͤrde eines Groß⸗ fürften, die Belehnung und Verwaltung über ganz Litthauen, die Burg Wilna als Fuͤrſtenſitz und alle uͤbrigen Burgfeſten des Landes an, wenn er dem Buͤndniſſe mit dem Orden ent⸗ ſagen und ſich hinfort ihm treu und ergeben anſchließen wolle ). Die Lockung war ſtark und Witowd ſchwankte nicht lange, das Anerbieten anzunehmen; es war das Ziel aller ſei⸗ ner Wünfche und es zu erreichen, ſchien jetzt alles aus dem Wege geraͤumt. Skirgal, verhaßt und wegen Trunk und Aus⸗ ſchweifungen zur Verwaltung des Landes von ſeinem Bruder felbft als unfähig erkannt, war unter dem Schein eines Wech⸗ ſeltauſches nach Kiev verwieſen, um dieſem Fuͤrſtenthum vor⸗ zuſtehen 2); auch ſcheint es, daß er im Gefühle des Volkshaſ⸗ ſes, der auf ihm lag, mit dem Koͤnige in dem Plane, Wi⸗ Biſchof von Ploczko. Dlugoss. p. 183 bezeichnet ihn als filium Se- moviti senioris mortui et germanum Semoviti viventis iunioris Du- eis Masoviae, der ſich um ſein Biſthum wenig bekuͤmmert. Er war ein leiblicher Bruder der Gemahlin Witowds Anna und darum auch als Geſandter gewählt. Daß er nach Marienburg zu Witowd gekom⸗ men ſey, wie Schloͤzer Geſchichte von Litthauen S. 102 und De Wal T. IV. p. 84 behaupten, iſt nicht wahrſcheinlich, da ihn nicht nur Dlugoss. I. c. nach Ritterswerder zu Witowd kommen läßt, ſon⸗ dern auch Wigand. I. c. ſagt: Episcopus Dobrinensis, frater Du- eisse Masoviensis ex una parte tendens in Lithwaniam venit ad commendatorem de Balga et de Crisburg, a quibus honoratur multo et mittunt eum in Ritterswerder ad Wytaudum, pretendens facere unionem inter Polonos et ordinem, sed tradicionem querebat. 1) eindenblatt S. 86-87. Schütz p. 87. Im Fol. E. p. 109 heißt es: Interea Rex Polonie iterum misit ad ipsum (Witaudum) secretos suos nuncios, qui ipsum de principatu Litwanie taliter se- curaverunt, quod de cetero de ipso dubitare non habuit. 2) Kojalowiez p. 28— 29. Ka ram ſin B. V. S. 123.
Scanseite 621 · Druckseite 607
Umgeſtaltung der Verhaͤltniſſe Litthauens (1392). 607 towd vom Orden zu trennen, in Einſtimmung gehandelt habe 1). Sobald aber dieſer ſich dem Erbieten geneigt erklaͤrt, ward der verraͤtheriſche Plan genau berechnet und berathen. Es be⸗ durfte die groͤßte Vorſicht zu ſeiner Ausfuͤhrung, theils weil noch Witowds Gemahlin und Familie nebſt mehren ſeiner Ver⸗ wandten ſich in Preuſſen aufhielten, theils auch weil auf ver⸗ ſchiedenen Burgen des Landes noch eine bedeutende Kriegs⸗ mannſchaſt des Ordens lag. Seine Gemahlin, die eine Zeit⸗ lang auf der Burg Cremitten in Samland gewohnt, erbat ſich Witowd vom Meiſter unter dem Vorgeben, daß durch ihre Gegenwart in Listhauen das Volk noch größeres Vertrauen zu ihm faſſen werde. Den Fürſten von Smolensk, ſeinen Schwager, der zu Marienburg als Geiſel lebte, ſandte ihm der Meiſter auf ſeine Bitte zu, um mit ihm eine wichtige Sache zu berathen, und Witowd behielt ihn bei ſich ). In aͤhnlicher Weiſe gelangten auch die Übrigen aus dem Lande. Noch ahnete man im Orden ſo wenig von Witowds ver⸗ raͤtheriſchem Plane, daß ihm der Meiſter im Anfange des Jah⸗ res 1392 auf ſeine Bitte um Beihuͤlfe den Komthur von Ragnit Johann von Rumpenheim, den Vogt von Samland Konrad von Lichtenſtein und den Pfleger von Inſterburg mit den im Lande ſeyenden Kriegsgaͤſten und einem maͤßigen Heer⸗ haufen zufandte. Nach einem Streite unter den Englaͤndern und Deutſchen uͤber die Ehre, die S. Georgsfahne zu tra⸗ gen, führte Witowd das durch ihn noch verſtaͤrkte Heer über Alyten, wo an zweitauſend Menſchen gefangen und erſchlagen wurden, bis vor Lida ſuͤdwaͤrts von Wilna. Dort wurde des Koͤniges von Polen Bruder Kariebut, der ſich wahrſcheinlich Witowds Herrſchaft nicht untergeben wollte, uͤberfallen und kaum noch durch die Flucht gerettet; ſein Waffenvorrath und eine ſehr reiche Beute fiel dem Feinde in die Haͤnde, dazu eine große Anzahl von Gefangenen 5). Auch fpäter noch, kurz 1) Lindenbiatt S. 86 ſagt es wenigſtens beſtimmt. 2) Lindenblatt S. 85, 8) eindenblatt a. a. O. und Wigand. ſich gegenſeitig ergaͤn⸗ zend. Über den Streit wegen der S. Georgsfahne ſagt der letztere:
Scanseite 622 · Druckseite 608
608 Umgeſtaltung der Verhaͤltniſſe Litthauens (1392). vor Pfingſten, unterſtuͤtzte der Orden den Herzog auf einer Kriegsfahrt gegen Medeniken ſuͤdoſtwaͤrts von Wilna theils durch Kriegshuͤlfe aus Preuſſen, theils durch die auf Rit⸗ terswerder liegende Kriegsmannſchaft. Man war ihm ſelbſt noch behuͤlflich bei dem Aufbau zweier Burgen in der Gegend von Garthen, deren eine Naugarthen genannt, Garthen ge⸗ genuͤber, eine Brucke über die Memel ſchuͤtzen ſollte und unter der Leitung des Ordenstrapiers Werner von Tettingen errich⸗ tet ward; eine andere, die Methenburg genannt, wurde unter der Aufſicht des Komthurs von Brandenburg Johann von Schoͤnfeld erbaut und beide mit Kriegsleuten des Ordens un ter dem Befehle zweier Pfleger beſetzt, waͤhrend Witowd ſelbſt die Burg Garthen im Beſitz behielt). Mittlerweile war es Habebant inter se bellum propter vexillum s. Georgii, quod ex an- tiquo uni teutonorum committi solebat, licet multi resistebant, com- missumque fuit domino Ruperto de Schokendorf. Anglici eciam ex- tenderunt vexillulum per dominum nol em de Perse, quod tentoni prohibere contendunt et fit dissencio, onec sopiretur per Wytau- dum et coniugem suam et cessa vit parcialitas, Den genannten Rit⸗ ter Ruprecht von Schokendorf kennen wir nicht weiter. Der edle Herr de Perse war hoͤchſt wahrſcheinlich Heinrich Percy, mit dem Beina⸗ men Warmſporn (Piercy, firnamed Hotspur, from his impetuous va- lor), Sohn des Grafen von Northumberland, einer der tapferſten Her⸗ ren in England; ſ. Hume History of England T. III. p. 413. Rapin Geſchichte von E land B. III. S. 53. 125. Aus Rymer T. III. P. IV. p. 71 erfahren wir, daß im Sept. 1391 auch der Herzog Thomas von Gloceſter die Abſicht hatte, nach Preuſſen zu gehen, wie es in der Vollmacht des Koͤniges heißt, ad tractandum ex parte nostra cum Magistro Pruciae de quibusdam materiis et negotiis inter Nos et ipsum Magistrum pendentibus (wahrſcheinlich in den früher beruͤhrten Handelsangelegenheiten); allein durch Seeſtuͤrme in große Gefahr ge⸗ bracht kehrte er nach England wieder zuruck. S. De Wal T. IV. p. 83. 1) Lindenblatt S. 86. Wigand. l. c. Medeniken ift, wie früher erwähnt, das heutige Mjedniki. Im Fol. E. p. 54 heißt es: Dornoch der Meiſter und der orden bueten Im dry huͤſere in den gre⸗ nitzen kegen Litawen, alſo Ritterswerder, Nawgarden und Metenburg und Im vil bruͤder des ordens und edle leute von Pruͤſen doczu goben, dy do mit Im wonten uf den huͤſern, das her mit irer huͤlfe von den⸗ ſelben huͤſern ſyne lande mochte wedir erwerben. Beide Burgen, un⸗
Scanseite 623 · Druckseite 609
Verhandlungen wegen der Neumark und Dobrin (1392), 609 dieſem auch gelungen, noch einige ſeiner Verwandten, die bis⸗ her als Geiſeln noch in Preuſſen gelebt, als die Herzoge Yan und Georg von Belcz nebſt vielen Bojaren unter aller⸗ lei Vorwaͤnden zu ſich nach Georgenburg kommen zu laſſen. Da die lange Unterhaltung dieſer vornehmen Gaͤſte auf den ver⸗ ſchiedenen Burgen dem Orden große Summen, nach einigen gegen hunderttauſend Mark Silber, gekoſtet haben ſollte, ſo gab man auch dieſen Umſtand als Grund an, die Herren nach Litthauen zuruͤckzurufen. Nur ſeinen Bruder Konrad (Wi⸗ gand) nebſt einigen andern Geiſeln ließ Witowd, um keinen Verdacht zu erregen, auch forthin noch im Haupthauſe Ma⸗ rienburg:). Die Stunde der Verrätherei aber ruͤckte durch folgendes Ereigniß naͤher. Es war im Anfange des Mai dieſes Jahres, als ein be⸗ vollmaͤchtigter Sendbote des Koͤniges Sigismund von Ungern mit wichtigen Auftraͤgen zum Meiſter kam. Zuerſt naͤmlich legte er dieſem im Namen ſeines Koͤniges das Anerbieten vor, dem Orden die Mark dieſſeits der Oder oder die Neumark für die Summe von fuͤnfmalhunderttauſend Gulden zu ver⸗ kaufen oder zu verpfaͤnden. Der Roͤmiſche Koͤnig und Her⸗ zog Johann von Goͤrlitz, Bruder des Koͤniges Sigismund und Markgraf von der Lauſitz, Sohn des Kaiſers Karl des Vierten, welcher Goͤrlitz als ein beſonderes Fuͤrſtenthum res gierte, hatten ſchon dem Vorgaͤnger Konrads von Wallenrod das naͤmliche Land fuͤr eine doppelt ſo große Summe zum Verkaufe oder zum Pfande anbieten laſſen, damals aber eine abſchlaͤgige Antwort erhalten 2). Jetzt ging der Meiſter mehr bezweifelt erſt im J. 1392 erbaut, muͤſſen in der Nähe von Garthen oder Grodno gelegen haben; fuͤr Naugarden kommt auch Nova Gar- ten, Neuenburg und Neuhaus vor. 1) Nach Eindenblatt S. 86. Daß man, wie oben erwähnt, auch die großen Koſten der unterhaltung vorwandte, deutet der Chro⸗ niſt in den Worten an: „Ir meynunge was, ſie welden ſich wol nu behelfen, das is den herin nicht czu vil wurde.“ 2) In einem Briefe des Hochmeiſters an den Herzog von Görlitz vom J. 1393 (im Buche: Diß ſint die Privil. v. Liflant p. 28) heißt V. 39
Scanseite 624 · Druckseite 610
610 Verhandlungen wegen der Neumark und Dobrin (1392). in die Sache ein, da man verſprach, den Orden gegen alle Anrechte des Koͤniges von Boͤhmen, des Herzogs von Goͤrlitz und des Markgrafen von Maͤhren in Beziehung auf das Land völlig frei zu ſtellen. Nur der Umſtand brachte Irrung in die Verhandlung, daß der Roͤmiſche Koͤnig und Herzog Jo⸗ hann von Goͤrlitz dem Orden die Mark in eben dieſem Jahre wiederum fuͤr die maͤßigere Summe von dreimalhunderttau⸗ ſend Gulden hatten anbieten laſſen und der Meiſter zuvor noch eine Nachweiſung aller Einkuͤnfte, Zinſen, Renten und Pri⸗ vilegien der Staͤnde des Landes verlangt hatte, die ihm noch nicht geworden war. Dieſe wollte der Meiſter erſt erwarten, bevor er ſeine weitere Entſcheidung uͤber die Sache faſſen konnte, denn von Johann von Goͤrlitz, dem dieſer von Karl dem Vierten ihm zugewieſene Antheil an der Mark noch zu⸗ gehörte, mußten die weſentlichen Schritte zunaͤchſt ausgehen 1). — Allein noch wichtiger fuͤr die Verhaͤltniſſe zwiſchen dem es hieruͤber: „uns ſteet wol czu gedenken, das vor czieten, do noch un⸗ fer vorfar gutes gedechtniſſes liebete und lebete, der Erſame herre Di⸗ therich Abt von der Ezelle czu unſerm vorfar qwam und brachte mit Im eine Credencie von unſerm gned. herrn dem Rom. konig und von uwern gnaden, dieſelbe Credencie innehelt, was her mit unſerm vor⸗ far von uwer wegen redte, das man Im des gelouben ſolde, als ab ir ſelben und mundlich mit Im redtet. Der vorgenante herre Abt un⸗ der andern reden in ſinen worten do hatte und ſprach: Mich haben myne heren der Rom. konig und myn herre herczog Johannes von Gorlitz czu uͤch geſand und habin mich uͤch heiſen ſagen als umb die Marke uff diſſeit Oder, das fie uͤch die vorkoufen ader vorſeczen wellen umb czu X molen hundert tuſund golden, doruff ſo antwurtte Im un⸗ ſer vorfar und ſprach, Solch gut und ſulch geld von uns czu geben, des vermoge wir nicht und alſo noch vil reden, die dorunder liefen, ſchieden ſie ſich ane ende.“ Wahrſcheinlich war dieſes im J. 1388 ge⸗ ſchehen, als die Verpfaͤndung der Mark von König Sigismund betrie⸗ ben wurde; vgl. Lancizolle Geſchichte der Bildung des Preuſſiſchen Staats B. I. S. 244, wo Überhaupt nähere Belehrung über dieſe Verhaͤltniſſe zu ſuchen ift- 1) Die weitere Verhandlung hieruͤber im Buche: Diß ſint die Pri⸗ vil. v. Liflant p. 24. Vgl. Buchholz Geſchichte der Kurmark Bran⸗ denburg B. II. S. 544.
Scanseite 625 · Druckseite 611
Verhandlungen wegen der Neumark und Dobrin (1392). 611 Orden und dem Könige von Polen war ein zweites von dem⸗ ſelben Sendboten im Namen ſeines Koͤniges dem Orden ge⸗ machte Anerbieten, ihm naͤmlich das ganze Land Dobrin nebſt Cujavien zu verkaufen ). Den Meiſter befremdete dieſer Auf⸗ trag in nicht geringem Maaße, theils ſchon darum, weil Koͤnig Sigismund eben erſt mit dem Koͤnige von Polen einen Frie⸗ den abgeſchloſſen hatte, was man im Orden ſehr ungern ge⸗ ſehen, weil dabei auf ihn gar keine Ruͤckſicht genommen wor⸗ den war, theils auch deshalb, weil man in Zweifel kam, ob das Land Dobrin dem Rechte nach eigentlich zu Ungern oder zu Polen gehoͤre, denn wenn man auch vorausſetzen durfte, Koͤnig Sigismund werde ſich mit dem Herzoge Wladislav von Oppeln uͤber die Sache verſtaͤndigt haben, ſo hatte doch der Koͤnig von Polen erſt vor kurzem das Herzogthum als zu ſei⸗ nem Reiche gehoͤrig und ohne ſeine Zuſtimmung fuͤr unver⸗ aͤußerlich erklaͤrt. Der Hochmeiſter wies daher das Anerbieten zur Erwerbung des Landes zwar nicht geradezu zuruͤck, ver⸗ langte aber zuvor doch eine Beweisfuͤhrung der Rechte des Ungeriſchen Koͤniges auf das erwaͤhnte Land 2). Der Bitte des Koͤniges Sigismund dagegen, ſich der Beſchirmung des Dobriner Gebietes und der Sache des Herzogs von Oppeln mit allem Eifer anzunehmen und insbeſondere auf alle Weiſe zu verhindern, daß der Herzog vom Koͤnige von Polen nicht 1) Es heißt im eben erwaͤhnten Buche p- 25: Der Botſchafter habe erklart: Welt ir das land czu Dobrin koufen und ouch die Cuya, myn herre der koning von ungern wil des koufes nymanden bas gunnen, denn uͤch und dem orden und iſt das uͤch icht dorumb were, fo laſet mynen heren dem koning vorſteen, was ir dorumb geben weldet. 2) Die Antwort des Meiſters war: Wir wiſſen czu deſir cziet nichts doruff czu antwerten, is ſie denne das wir vor geſeen haben unſers herren von Ungern mechtige brive, dorus wir dirkennen mogen das recht und die eigenſchaft, die fine gnade czu demſelbin lande czu Dobrin habe und werden undirwiſet, ab das ſelbe land czu Dobrin von natuͤrlichim rechte czu der Crone von Ungern gehöre, aber czu ber Crone von Polan, denne ſo wellen wir doruff gedenken und doruff antwerten als wir vorderſt moͤgen und wellen dorczu tun was wir mit gote und mit eren und mit rechte getun mögen. 39 *
Scanseite 626 · Druckseite 612
612 Witowds neuer Abfall vom Orden (1392). aller ſeiner Beſitzungen beraubt werde, erklaͤrte ſich der Hoch⸗ meiſter ſehr geneigt, jedoch mit dem Erbieten, das Haus Slo⸗ torie gerne wieder zuruͤckgeben zu wollen, ſobald ihm die Pfand⸗ ſumme entrichtet werde, und auch die beſetzte Burg Bebern ſofort wieder zu raͤumen, ſofern ſeinen Unterthanen fuͤr das veruͤbte Unrecht vollkommene Genugthuung geſchehe. Mit die⸗ ſen Erklaͤrungen des Meiſters kehrte der Bevollmaͤchtigte nach Ungern zuruck, um vom Könige zu weiteren Verhandlungen nähere Befehle einzuholen ). Sobald der Koͤnig von Polen von dieſen Verhandlungen benachrichtigt ward, ſchien ihm große Gefahr im weitern Ver⸗ zuge. Herzog Witowd wurde ſofort beauftragt, zur Vertrei⸗ bung der Ordensmannſchaft aus den Burgen Litthauens mit aller Kraft ans Werk zu greifen; und die Verhaͤltniſſe waren ſeit kurzem fuͤr Witowds Hoffnungen noch guͤnſtiger geworden, da eben des Koͤniges Bruder Alexander ), dem Wilna und die Verwaltung des umliegenden Gebietes uͤbergeben geweſen, geſtorben war. Es geſchah um Johanni dieſes Jahres, daß Witowd ploͤtzlich, doch anſcheinend als Freund, mit einem ſtarken Heerhaufen auf der Burg Ritterswerder erſchien. Als er indeß die noͤthigen Vorkehrungen getroffen, bemaͤchtigte er ſich mit einemmal alles dortigen Geſchuͤtzes und des vorhan⸗ denen Waffengeraͤthes, ließ die Ordensritter und Kaufleute, die ſich dort eben aufhielten, gefangen nehmen und auspluͤn⸗ dern, die dort ſeyenden fremden Kriegsgaͤſte aus der Burg entfernen und dieſe dann in Brand ſtecken. Darauf ſtuͤrmte er in wilder Eile gen Garthen hinauf und bemannte das Haus mit einer ſtarken Beſatzung, um von da aus die beiden neuen Burgen Naugarthen und Methenburg zu gewinnen. Die Or⸗ 1) Dieſe ziemlich weitlaͤuftigen Verhandlungen befinden ſich mit der überſchrift: Dis iſt die botſchaft, die Herman Schorf geworben hat an uns von des koninges wegen von ungern Anno dni ꝛc. XCII, Jubilate, im Buche: Dis ſint die Privil. u. ſ. w. p. 24 — 26. 2) Früher als Heide Wigand genannt. Nach Schütz p. 87 war Witowd im Verdachte, ihn durch Gift hinweggeraͤumt zu haben; Dlu- goss. L. X. p. 134. Kajalowicz p. 28.
Scanseite 627 · Druckseite 613
Witowds neuer Abfall vom Orden (1392). 613 densritter, bereits von Witowds verraͤtheriſchem Beginnen durch Eilboten unterrichtet, leiſteten hier zwar mit ihrer Mannſchaft kraͤfttigen Widerſtand; allein es war nicht möglich, die Burgen lange zu behaupten; ſie mußten uͤbergeben werden und wur⸗ den, nachdem man alles ausgepluͤndert und das Ordensvolk alles des Seinigen beraubt und gefangen hinweggeführt, eben⸗ falls durch Feuer bis auf den Grund vernichtet ). 1) Die bewaͤhrteſten Quellen uͤber dieſen neuen Abfall Witowds find Lindenblatt S. 85—87, Wigand. p. 302, die Berichte im Fol. E. p. 54, 112 und 257 und ein Brief des Hochmeiſters an die Königin von Dänemark im Regiſtrant. p. 25. Alle dieſe Quellen wi: fen auch nur von Einem Abfalle Witowds ſeit dem J. 1390. Schütz dagegen und einige andere Chroniſten laſſen den Fuͤrſten ſchon fruͤher, im J. 1388 oder 1389 vom Könige verlockt werden, vom Orden ab- fallen, die drei Burgen Georgenburg, Marienburg und Neuhaus ver⸗ brennen und dann als der Koͤnig ſein Verſprechen nicht erfuͤllt, ſich wieder zum Orden wenden, worauf aber 1391 ein neuer Abfall vom Orden erfolgt. Dieß hat in den neuern geſchichtlichen Werken uͤber Preuſſen große Verwirrung veranlaßt, zumal da man in Ruͤckſicht des angeblichen zweiten Abfalles in der Zeit nicht einmal uͤbereinſtimmt, wobei De Wal T. IV. p. 37 Witowden ſogar nach Livland ziehen laßt, um dort die erwaͤhnten Burgen einzunehmen, denn, ſagt er, leurs noms annoncent que ce coup a été fait en Livonie (2). Wir wiſſen dagegen aus ganz ſichern Quellen beftimmt, daß Witowd ſich in den J. 1388 und 1389 dem Orden nicht genähert hatte; alle Erz eigniffe zeigen ihn als Gegner; eben fo ſicher aber wiſſen wir aus Ur: kunden, daß er im Anfange des J. 1390 mit dem Orden neue Ver⸗ träge ſchloß. Sollte nun von einem zweiten Abfalle die Rede ſeyn, fo müßte er in die Zeit nach dem Abſchluſſe dieſer Verträge, alſo nach dem 19. Januar 1390 fallen. Hier indeſſen ſprechen erſtlich die Ehro⸗ niſten nicht davon und zweitens wiſſen wir aus der früheren Erzählung, daß ſich Witowd in dieſem Jahre mehr als je veranlaßt fand, ſich dem Orden feſt anzuſchließen. Die Annahme eines doppelten Abfaues Wi⸗ towds in dieſem Jahre zeigt ſich aber in ihrer völligen Unrichtigkeit, wenn wir auf ihre Entſtehung ſehen. Schütz hatte in der Geſchichte Konrads von Wallenrod als ſeine zwei Hauptquellen Wigand. und Simon Grunau vor ſich. Ohne Zweifel machte ihn der letztere in feiner Beſchreibung von Witowds Abfall Tr. XIII. c. X. §. 3, die auch Lucas David B. VII. S. 190-191 aufgenommen, etwas wirre. Dieſer letztere Chroniſt führt S. 194— 195 noch die Angabe
Scanseite 628 · Druckseite 614
614 Witowds neuer Abfall vom Orden (139. Der Meifter befand ſich zur Zeit dieſer Ereigniſſe in Bez gleitung mehrer ſeiner oberſten Gebietiger und Komthure zu Memel, wohin ſich auch der Biſchof Otto von Kurland, der Meiſter von Livland Wennemar von Bruͤggenoye und verſchie⸗ dene andere Gebietiger zu einer wichtigen Verhandlung bege⸗ ben, welche die Sicherheit der Stadt Memel und die Unter⸗ haltung der hiezu dienlichen Mittel betraf. Es iſt erinnerlich, daß bald nach dem Aufbau dieſer Stadt zwei Theile dem Or⸗ den in Livland und ein dritter dem Biſchofe von Kurland als Beſitzthum zugefallen und in ſolcher Weiſe nachmals die Stadt dem Orden in Preuſſen uͤberwieſen worden war!). Dieſes Verhaͤltniß hatte indeß viele fuͤr den Orden nachtheilige Folgen gehabt, denn die Sicherheit und Beſchuͤtzung der Stadt hatte jeder Zeit ganz allein dem Orden obgelegen und hiezu war bisher vorzuͤglich Samland bei Aufbringung der nöthigen Mit⸗ tel von den Gebietigern in Anſpruch genommen worden. Der Meiſter verlangte eine andere Anordnung, da Samland, durch Sterblichkeit der Bewohner und andere Unfälle ſehr entvoͤlkert und verarmt, die noͤthigen Leiſtungen fuͤr Memel nicht mehr aufbringen konnte 2); allein der Biſchof von Kurland konnte weder die dem Orden zugehoͤrigen zwei Theile zu ſeinem Theile einiger andern chroniſtiſchen Quellen an, wo außer Georgenburg und Marienburg auch noch Ritterswerder, Ragnit und Memel als von Witowd vernichtet aufgezählt werden. Von dieſem Abfalle erzählte nun Wigand. nichts, wohl aber von einem, in welchem Ritterswerder, Naugarthen (ſtatt Neuhauſen) und Methenburg eſtatt Marienburg) ver⸗ nichtet worden waren. Dieſe verſchiedenen Angaben verſchiedener Chro⸗ niften führten dann ſehr wahrſcheinlich zur Annahme eines in kurzem zweimal wiederholten Abfalles vom Orden. Cf. Diugoss. L. X. p. 121. 1) Vgl. oben B. III. S. 71. IV. S. 419. 2) Es heißt hierüber in der Urkunde: Quam civitatem a longis jam retroactis temporibus Ordo noster gravibus sumptibus et ex- pensis tenuit et conservavit et hodie adhne tenet et conservat. Sed quia permissione divina terra nostra Sambia, unde predicta civitas consnevit sustentari, propter mortalitates et alios sinistros eventus adeo depressa est et depauperata, quod ad predicte civitatis susten- tacionem amplius non sufficiat etc.
Scanseite 629 · Druckseite 615
Witowds neuer Abfall vom Orden (1392). 615 hinzukaufen, noch feinen Theil dem Orden kaͤuflich überlaffen, weil ihm zu jenem die Mittel und zu dieſem die nöthige Voll⸗ macht fehlte; er konnte aber aus Geldmangel auch die Befe⸗ ſtigung und Sicherſtellung ſeines dritten Theiles der Stadt nicht auf ſich nehmen; weshalb der Meiſter endlich beſchloß, die Sicherung und Befeſtigung der Stadt aus eigenen Mit⸗ teln zu beſtreiten, die Koſten aber aufs genauſte von Jahr zu Jahr zu berechnen und das Übrige der weitern Entſchei⸗ dung rechtlicher Männer zu uͤberlaſſen ). Dieſe Sorge und Vorſicht des Meiſters für die Sicherheit der Bewohner Me⸗ mels ward auch wirklich ſchon nach einigen Wochen durch die neue Gefahr gerechtfertigt, in welche auch Memel durch die erwaͤhnten Ereigniſſe in Litthauen in Beziehung auf die nahen feindlichen Samaiten verſetzt wurde. Mit Staunen und mit bitterem Zorne empfing der Mei⸗ ſter die Nachricht von Witowds Argliſt und verraͤtheriſchem Abfalle, zumal da er nun ſah, mit welcher Schlauheit jener bisher verfahren war, um die Geiſeln aus Preuſſen zu ent⸗ fernen Er ließ alsbald Witowds Bruder Konrad, der, wie wir hoͤrten, mit einigen andern in Marienburg geblieben war, in Ketten ſchmieden und aufs ſtrengſte bewachen 2). Zugleich aber meldete er auch auswärtigen Fürften und Herren, wie unter andern der Koͤnigin von Daͤnemark, mit welchem Ver⸗ rath am Chriſtenglauben und an dem Orden ſich der abtruͤn⸗ nige Fuͤrſt durch ſeinen Abfall zu den Heiden von allen ſeinen Geluͤbden und Eidſchwuͤren losgeſagt ). Da jetzt alle mit dem Herzoge geſchloſſenen Vertraͤge als gebrochen und nichtig galten, das ganze freundliche Verhaͤltniß auf die ſchnoͤdeſte Weiſe zerriſſen, an einen Frieden mit dem Könige von Polen kaum auch nur zu denken war, vielmehr es klar am Tage lag, welche Triebfeder des unverföhnlichen Haſſes von Polen 1) Das auf Veranlaſſung des Hochmeiſters hierüber abgefaßte No⸗ tariatsinſtrument, dat.: in castro Memela a. d. 1392 dnodecima mensis Junii im geh. Arch. Schiebl. LII. Nr. 12. 2) Lindenblatt S. 87. Bericht im Fol. E. p. 275. 3) Brief des Hochmeiſters an die Königin im Regiſtrant. p. 25. 1
Scanseite 630 · Druckseite 616
616 Verpfändung Dobrins an den Orden (1392). her in Witowd gewirkt hatte und welche Plane zwiſchen dem nunmehrigen Großfuͤrſten und dem Koͤnige gegen den Orden im Werke waren, ſo glaubte nun der Hochmeiſter die Ruͤck⸗ ſichten, welche er bisher auf den moͤglichen Frieden und auf eine freundliche Ausgleichung mit dem Koͤnige immer noch ge⸗ nommen hatte, gaͤnzlich bei Seite ſetzen zu koͤnnen. Er nahm daher den Herzog Wladislav von Oppeln, der im Juli ſich verkleidet durch Polen geſchlichen hatte ) und jetzt zu naͤheren Verhandlungen zum Hochmeiſter nach Ma⸗ rienburg kam, mit aller Freundlichkeit auf. Er erklaͤrte ſich zwar bereit, dem Herzoge die beſetzte Burg Bebern ohne wei⸗ teres einzuraͤumen, ſofern dieſer dort des Ordens Unterthanen gegen Raub und Mißhandlungen ſicher ſtellen, dem Orden die Koſten der bisherigen Beſetzung der Burg erſtatten und ihn gegen alle Anforderungen und Anfechtungen von Seiten des Polniſchen Koͤniges wegen der Burg ſchadlos zu halten ver⸗ ſprechen wolle 2). Allein der Herzog konnte aus vielen Gruͤn⸗ den auf dieſes Anerbieten nicht eingehen. Da ihm das ganze Beſitzthum Dobrin in ſeinem Verhaͤltniſſe zum Koͤnige von Polen uͤberhaupt zu unſicher lag, als daß er glauben konnte, es lange noch als das ſeinige betrachten zu koͤnnen und da er uͤberdieß bereits mit ſeiner Gemahlin Ofka, der das ganze Land Dobrin als Leibgeding verſchrieben war, das Noͤthige verabredet, ſo bot er es jetzt ſelbſt dem Orden zum Verkaufe oder zum Pfande gegen eine Anleihe an. In einer Berathung des Meiſters mit ſeinen Gebietigern ward beſchloſſen, es als letzteres anzunehmen und nachdem man ſich mit dem Herzoge uͤber die Pfandſumme von funfzigtauſend Unger. Gulden ver⸗ einigt, ward ein Vertrag geſchloſſen, nach welchem der Herz zog dem Orden für die genannte Summe ») das ganze Land 1) Lindenblatt a a. O. 2) In einer gleich naͤher bezeichneten Urkunde des Herzogs werden die eigenen Worte des Hochmeiſters hieruͤber angeführt. 3) In Ruͤckſicht der Geldbeſtimmung heißt es: Um eyne Summe geldis als funffczig tuſint guldin ungeriſch ader czwelftehalb ſcot pruͤſch vor den guldin,
Scanseite 631 · Druckseite 617
Verpfaͤndung Dobrins an den Orden (13929. 617 mit allen Schloͤſſern und Burgen, als Bebern, Rypin, Do⸗ brin und Lippchen, mit allen fuͤrſtlichen Rechten, unbeſchraͤnk⸗ ter Benutzung und zur Huͤlfe in ſeinen Kriegen und Fehden als Pfand uͤberließ, wobei er zugleich verſprach, bei eintre⸗ tender Wiedereinloͤſuug dem Orden auch die Kaufſummen der Guͤter zu erſtatten, welche dieſer bis dahin zu dem Lande noch hinzukaufen werde, ſowie auch die Koſten zu bezahlen, die bis zur Höhe von dreitauſend Unger. Gulden auf den Bau der Burgen im Lande verwendet wuͤrden. Er verhieß ferner auch, alle vom Orden den Staͤdten und Bewohnern des Lan⸗ des verliehenen Freiheiten und Privilegien nachmals zu beſtaͤ⸗ tigen und unverbrüchlicy zu halten, den Orden in allen von irgend einem Fuͤrſten an das Land erhobenen Anſpruͤchen jeder Zeit zu vertreten und ihn darin zu gewaͤhren, wie ein Fuͤrſt von Rechtswegen dem andern thun muͤſſe. Außerdem bewil⸗ ligte er dem Orden auch die Erlaubniß, nach Belieben das Land wieder anderweitig als Pfand ausgeben zu koͤnnen, doch nur an einen ehrbaren Fürſten und um dieſelbe Pfandſumme. Für den Fall jedoch, daß die Burg Bebern in irgend einer Weiſe dem Orden entriſſen oder das ganze Land Dobrin mit Heeresſchild überzogen, verwuͤſtet oder auch eingenommen werde, erklärte der Herzog den Orden völlig ſchadlos zu halten 1). Mit dieſem Vertrage indeß begnügte ſich der Meifter noch keineswegs. Der Herzog mußte ſich auch verbindlich machen, eine förmlicye Einwilligung feiner Gemahlin in die Verpfaͤn⸗ dung des ihr verſchriebenen Landes und ihre Verzichtleiſtung auf alle Rechte und Anſpruͤche darauf waͤhrend der Verpfaͤn⸗ dungszeit einzuliefern?), wie denn bald auch geſchah ); und 1) Die Urkunde hierüber, dat: Marienburg 1392 am Sonntage nach Jacobi, in Abſchrift im Cod. Oliv. p. 128. Sie iſt auch darum geſchichtlich wichtig, weil der Herzog in einem ziemlich weitläuftigen Eingange zum eigentlichen Vertrage die vorhergehenden Ereigniſſe im Dobrinerlande als Anlaß zu dieſer Verpfändung erzählt. 2) Originalurkunde von demſelben Datum wie die vorige im geh. Arch. Schicht. 31. Nr. 20. 3) Originalurkunde der Herzogin, dat.: Oppeln am Dienſt. in
Scanseite 632 · Druckseite 618
618 Verpfaͤndung Dobrins an den Orden (1392). weil ferner, wie erwähnt, auch König Sigismund von Ungern gewiſſe Anſpruͤche an Dobrin zu haben ſchien, ſo mußte der Herzog ſich verbuͤrgen, dem Hochmeiſter ein urkundliches Zu⸗ geſtaͤndniß ſowohl des Koͤniges als der Koͤnigin von Ungern auszuwirken, daß die Verpfaͤndung auch mit ihrer Einwilli⸗ gung erfolgt ſey, und auch dieſes lieferte er im naͤchſten Jahre in des Meiſters Haͤnde 1). Hierauf begab ſich der Meiſter mit dem Herzoge ſelbſt nach Dobrin. Auf des letztern Befehl verſammelten ſich die angeſehenſten Bewohner und leiſteten dem Hochmeiſter die Huldigung, nachdem der Herzog ſie ihrer Unterthanenpflicht entlaſſen und in allen ihren Leiſtungen und Dienſten fuͤr die Verpfaͤndungszeit als unterthaͤnig an den Orden gewieſen hat⸗ te ). In Thorn empfing dann der Herzog die ganze Pfand⸗ ſumme vom dortigen Muͤnzmeiſter ausgezahlt ). Dort war es aber, wo er dem Hochmeiſter im Auftrage des Koͤniges von Ungern noch einen wichtigen Plan mittheilte, der auf nichts geringeres hinzielte, als auf die Entthronung des Koͤ⸗ niges von Polen und auf eine foͤrmliche Theilung des Polni⸗ ſchen Reiches. „Mein Herr, der Koͤnig von Ungern, ſprach der Herzog, der Markgraf von Maͤhren, Herzog Johann von den Oſterheiligentagen im J. 1393 Schiebl. 31. Nr. 28a; in Abſchrift im Cod. Oliv. p. 131. Sie nennt darin auch das Land Cuya (Cuja⸗ vien) als verpfaͤndet und als ihr Leibgeding und fügt noch hinzu: Were ſache, das unſer liebir here dy egenanten unſer land als Dobrin und Cupa hochir vorfeczezin adir vorkommern welde, adir ouch erplich vor⸗ kowfen, doczu wir obgenante Offka ouch unfern willen geben ane ar⸗ geliſt, ungetwungen und glowben bey guten trewen an arg alle tedinge umb den ſacz und ouch umb den kowff, ab her geſchege, ſtete und gancz czu halden ane alle wedirrede. 1) Originalurkunde des Herzogs, dat. Marienburg Sonnt. nach Jacobi 1392 Schiebl. 58. Nr. 17. Originalurk. des Koͤniges von Uns gern: dat.: Schintaw am Mittwoch nach Nativitat. Maria im J. 1393 Schiebl. 31. Nr. 22. 2) Gleichzeitiger Bericht im geh. Arch. Schiebl. 31. Nr. 31. 3) Originalurkunde des Herzogs, dat. Thorn nach S. Michaelis⸗ tag 1392 Schiebl. 31. Nr. 16.
Scanseite 633 · Druckseite 619
Verpfaͤndung Dobrins an den Orden (1392). 619 Goͤrlitz, der Herzog von Sſterreich und wir find des zu Rathe und eins geworden, daß wir dem Koͤnige von Polen ins Land fallen wollen, wozu uns auch der König von Böhmen Huͤlfe leiſten will. Es iſt der Herren Meinung, daß auch ihr von dieſer Seite her helfen ſolltet.“ Der Meiſter erwiederte: „Fuͤr⸗ wahr, wir wiſſen nicht, was wir euch eigentlich hierauf ant⸗ worten ſollen.“ Worauf der Herzog weiter: „Wohl gut, aber ihr wiſſet nur nicht, wie es die Herren vorhaben. Sie wol⸗ len überhaupt keinen Koͤnig von Polen mehr und ſind des übereingefommen: Was dieſſeits Kaliſch liegt, ſoll alles nebſt der Maſau forthin zu Preuſſen gehören; was jenſeits Kaliſch, nebſt Krakau, Czudemar, Luntſchitz, Ruſſen und den Strich hinauf ſoll an Ungern fallen, und was endlich von der Warte aus ſich nach Polen hinein erſtreckt, ſoll der Mark und dem Roͤmiſchen Könige zuertheilt werden!).“ Der Meiſter entgeg⸗ nete: „Auch jetzt noch wiſſen wir kaum, was wir hierauf ant⸗ worten ſollen. Wir haben wohl der Polen Briefe und ſie die unſrigen, daß zwiſchen ihren und unſern Landen ein ewiger Friede beſtehen ſoll; aber freilich iſt dieſer Friede oft an uns gebrochen worden. Kaͤme es alſo dahin, daß unſer heiliger Vater das Kreuz und unſer Herr der Roͤmiſche König das Schwert uͤber den Koͤnig von Polen gaͤben und wir mit Recht dazu aufgefordert wuͤrden, was wir dann von Rechts wegen dazu thun ſollten, das wollten wir auch thun nach unſerm ganzen Vermögen.” — Dem weitern Verlangen des Herzogs, mit ihm einige Bevollmaͤchtigte in der Sache an den Koͤnig von Ungern zu ſenden, mochte der Meiſter nicht entſprechen, beſorgend, ſie moͤchten in Polen aufgefangen, ihre Briefe er⸗ öffnet und der Plan auf ſolche Weiſe entdeckt werden. Über⸗ haupt beobachtete er in dieſer Angelegenheit die aͤußerſte Vor⸗ ſicht und Behutſamkeit, denn er mochte dem Herzoge nicht einmal erlauben, mit dem Koͤnige von Ungern uͤber die Sache 1) So iſt die Theilung im Allgemeinen angegeben. Czudemar foil wahrſcheinlich Sandomir ſeyn und Luntſchitz das Gebiet des jetzigen Lencz (Lanſchitz, Lendſchutz, Lencicia).
Scanseite 634 · Druckseite 620
620 Verpfaͤndung Dobrins an den Orden (1392). in Beziehung auf ihn zu ſprechen, noch weniger ihm irgend etwas Schriftliches über den Plan in die Hände geben '). Nur das Verſprechen ſagte er dem Herzoge zu und dieſer uͤber⸗ brachte es dem Koͤnige, daß wenn Sigismund den Koͤnig von Polen mit Krieg uͤberziehen wolle und ſolches dem Meiſter vierzehn Tage zuvor anzeige, er zu gleicher Zeit auch in Po⸗ len einfallen und ſich mit ihm zu Krakau oder fonft irgendwo zur Huͤlfsleiſtung vereinigen werde 2). Darauf kehrte der Her⸗ zog zu Ende des Septembers nach Ungern wieder zuruͤck. Den Hochmeiſter beſchaͤftigten jetzt die neuen Verhaͤltniſſe im Dobrinerlande. Da ein Theil des Polniſchen Heeres zur Zeit noch auf einer der minder feſten Burgen des Landes lag, ſo erließ er durch einige ſeiner Gebietiger an den dortigen Hauptmann die Aufforderung, das Land ſofort zu raͤumen, weil es ihm und dem Orden gehuldigt habe. Doch erſt als auf des Meiſters Geheiß einige Komthure mit ihrer Wehr⸗ mannſchaft vor der Burg anlangten, um den Hauptmann mit Gewalt zu vertreiben, zog er mit ſeinem Heerhaufen ungeſtoͤrt und ohne von den Kriegsleuten des Ordens auch nur im min⸗ deſten belaͤſtigt zu werden, nach Polen zuruͤck ). Dieſe Ereigniſſe aber erregten in Polen ein gewaltiges Aufſehen. Man hatte kaum die Nachricht von dem Erfolge der Verhandlungen zwiſchen dem Hochmeiſter und dem Her⸗ zoge von Oppeln vernommen, als die geſammten Praͤlaten, Woiwoden, Caſtellane und der Adel des Reiches in des Koͤ⸗ niges Abweſenheit, der damals, wie wir hören werden, zu 1) So die Erzaͤhlung des Hochmeiſters uͤber die Sache mit der überſchrift: „Dis iſt die antwert uff des herczogen Brief von Ruſſen“ (Wladislav von Oppeln) im Buche: Dis ſint die Priv. v. Lifl. p. 31. Der Hochmeiſter traute dem Herzoge, wie man ſieht, in der Sache nicht recht, weshalb er am Schluſſe auch ſagt: Dor us wir ouch wol merkten, daz die rede keine macht hatte. 2) Darüber ſtellte nachmals der Herzog ein offenes Bekenntniß aus, dat.: Weißenkirch in ungern am naͤchſten Sonnt. nach Aller Heili⸗ gen 1392 im Original im geh. Arch. Schiebl. 31. Nr. 19, Abſchrift im Cod. Oliv. p. 131. 3) Gleichzeitiger Vericht im geh. Arch. Schiebl. 31. Nr. 31.
Scanseite 635 · Druckseite 621
Verpfaͤndung Dobrins an den Orden (1392). 621 wichtigen Verhandlungen nach Litthauen gezogen war, an die geſammten Gebietiger des Ordens eine Proteſtation erließen, worin ſie nicht nur auf den zwiſchen dem Reiche und dem Orden beſtehenden Frieden hinwieſen, ſondern es fuͤr eine of⸗ fene und foͤrmliche Verletzung aller friedlichen Verhaͤltniſſe bei⸗ der Laͤnder erklaͤrten, daß der Orden die Slotorie und das Dobrinerland, die er nur als Pfand erhalten, in foͤrmlichen Beſitz genommen und ob ſie gleich zum Polniſchen Reiche ge⸗ hörten, doch als fein Eigenthum betrachte, ja ſogar den Pol⸗ niſchen Hauptmann von der Burg Bebern mit Waffengewalt vertrieben habe. Alſo ſey ſein feindlicher Einfall in das Ge⸗ biet Dobrins als ein offenbarer Friedensbruch anzuſehen, ſo⸗ fern der Orden nicht ohne weiteres die beiden Burgen und das geſammte Land an das Reich zuruͤckgebe, eine Unbill, die man mit vielen andern Beſchwerden der Krone Polens gegen den Orden zur Klage vor alle Fuͤrſten und Könige der Chris ſtenheit bringen muͤſſe 1). Bald nachher erhielt auch der Mei⸗ ſter ſelbſt eine aͤhnliche Klagſchrift, worin die geiſtlichen und weltlichen Großen Polens ſeine bisherigen Bemuͤhungen zur Eintracht und Verſoͤhnung bei der Königin Hedwig mit feinen Schritten im Dobrinerlande in geraden Widerſpruch ſtellten und zugleich einen Sendboten zu weitern Verhandlungen mit dem Meiſter beglaubigten ). Konrad von Wallenrod erwie⸗ 1) urkunde Schiebl. 59. Nr. 9, ein Transſumt, welches der Groß⸗ komthur Wilhelm von Helfenſtein am 11. Sept. 1392 in Marienburg von der Klagſchrift verfertigen ließ. Dieſe Klagſchrift ſelbſt, ex parte Prelatorum, Castellanorum, Palatinorum, totiusque Baronie necnon nobilium Militum et Clientum Regni Polonie abgefaßt, iſt datirt: Stoky ipso die Felicis et Aucti Martirum beator. mit der Überſchrift: Venerandis viris et dominis supremo Commendatori, Marschalco, Commendatoribus totique Conventui Cruciferorum in Prusia. Von der Burg Slotorie wird geſagt, quod antiquis temporibus est Ca- strum Regni Polonie, ſowie das Land Dobrin als ein ſolches bezeich⸗ net iſt, que sicut vobis clare patet, est de substantia dieti Regni. Der Herzog von Oppeln heißt adversarius noster und die Burg Be- bern hat hier den Polniſchen Namen Bobrowinky. 2) Originalurkunde, dat. Petrcovie ipso die b. Stanislai mar-
Scanseite 636 · Druckseite 622
622 Verpfaͤndung Dobrins an den Orden (1392). derte jedoch in feſter Sprache: er habe das Land vom Her⸗ zoge zu getreuer Hand erhalten und er werde es behaupten, denn es ſey mit ihm verſchrieben, daß er es niemandem ohne ſein Wiſſen und Wollen abtreten werde; zudem habe der Her⸗ zog ſich verpflichtet, den Orden gegen alle Anſpruͤche zu ver⸗ treten und zu befreien. Habe der Koͤnig Anforderungen auf Dobrin, er moͤge ſich mit dem Herzoge vergleichen. Als Erb⸗ eigenthum betrachte es der Orden keineswegs. Verſtaͤndige man ſich mit dem Herzoge und willige dieſer in des Landes übergabe, der Orden ſey jeder Zeit bereit, nach Entrichtung der geliehenen Pfandſumme es ohne Weigerung zu raͤumen ). So entſchieden und feſt konnte der Meiſter jetzt aber um ſo mehr ſprechen, als er einen Krieg mit der Krone Polens eben nicht beſonders fuͤrchten durfte, denn eines Theils kannte er wohl des Koͤniges inneres Weſen, den religiöfen Zwieſpalt ſeiner Seele, die dem alten Glauben entſagt und ſich dem Chriſtenthum zugewendet hatte, ohne jenen voͤllig aufzugeben und ohne dieſes mit voller Innigkeit und feſter Überzeugung ergriffen zu haben, ein Zuſtand des Schwankens und innerer Zerriſſenheit, der weder beſtimmte Entſcheidung des Willens noch ſicheres Vertrauen auf ſich ſelbſt faſſen ließ. Andern Theils kannte er auch die Geſinnungen der nachbarlichen Fuͤr⸗ ſten gegen den Koͤnig jetzt mehr als je und durfte ſicher auf ihren Beiſtand rechnen, denn ſelbſt das Verhaͤltniß des Ordens zum Herzoge von Pommern war ſeit Wartislavs Tod un⸗ gleich freundlicher geworden, da der Herzog Boguslav dem tir. a. d. 1392 im geh. Arch. Schiebl. 62. Nr. 3. Hiernach foll eine foͤrmliche Friedensunterhandlung vorher im Werke geweſen ſeyn, der Hochmeister aber feine Unterhändler nicht geſandt haben. 1) Gleichzeitiger Bericht, wo es unter andern heißt: Obir das hat ſich der orden dirboten ken dem von Polan und ken eyme iclichen andern, der das lant manende iſt, wer in In Ir gelt wedir geben welde, das ſie dem herczogen off das lant geliehen, — deme wil der orden gerne ane wedirrede des landes abetreten, adir ane des herczogen wille, der is en czu getruwer hant befolen hat, ſo mag der Orden mit eren des landes nymanden abetreten nach deme als ſie ſich beider⸗ ſite vorſchreben haben.
Scanseite 637 · Druckseite 623
Annäherung der Herzoge von Stettin an den Orden (1392). 623 Orden immer ſehr geneigt geweſen. Zudem boten auch die Herzoge Wartislav und Boguslav von Stettin jetzt gerade alles auf, um in ihrer Bereitwilligkeit zur Beihuͤlfe bei der Beſtrafung des Pommeriſchen Ritters Matzke von Bork und der Bewohner von Stramel und Regenwalde, die den Land⸗ komthur von Böhmen mit feinem Geleite auf feiner Reife nach Preuſſen niedergeworfen und den Ordensritter von Schoͤnberg toͤdtlich verwundet hatten, dem Orden ihre Zuneigung und Gunſt zu erkennen zu geben ), weshalb es nachmals der Meiſter auch wagen konnte, unter dem Komthur von Schlochau einen Heerhexifen nach Pommern zu ſenden und mit Huͤlfe der Herzoge die Burg Stramel gaͤnzlich zu zerflören 2). Wie wenig der Meiſter unter ſolchen Verhaͤltniſſen des Koͤniges Zorn fuͤrchtete, bewies ſelbſt die Anordnung einer neuen Kriegsreiſe nach Litthauen noch im Herbſt dieſes Jah⸗ 1) Originalurkunde des Herzogs Wartislav des Juͤngern von Stet⸗ tin, dat. Schlochau 1392 am S. Nicolaus-Abend Schiebl. 50. Nr. 21. über die Sache ſelbſt ſagt die alte Preuſſ. Chron. p. 43: In derſelben czeit czog der lantkumpthur von Behemen Her Molheym und eyner von Schonenberge durch dy Marke ken Prewzen yn daz Capittel. Sy hat⸗ ten nicht mer geweres wen IIII armbroſte und eyne glefenye. Sy wur⸗ den angereiten von merkiſchen hofelewten mit XVI armbroſten und VI glefengen. Der allen dirwerten fie ſich von gotes gnaden gar wol, idoch wart der von Schonenberge ſo ſere gewunt, daz her dovon muſte ſterben. Dys vordros den Meiſter ſo ſere daz her ſante den kumpthur von Slochaw und vom Tawchil das ſy das hus Stromel, do robir of waren, vorftörten. Do ſy begunden czu ſturme, ſy dingeten ſich alle abe, czu hant vorſtoreten ſy das yn dy grunt. 2) Wigand. p. 302 nennt die Burg Stramel Aus Lindenblatt S. 90-91 ſehen wir, daß dieſer Zug erſt im naͤchſten Jahre erfolgte. Auf keine Weiſe kann die Burg Stramel, wie bei Lindenblatt am a. O. angemerkt iſt, der Maſoviſche Ort Stromiecz ſeyn; fie gehörte dem Matzke von Bork (Maczkinburg bei dem Chroniſten) und lag ſüdlich von Regenwalde bei Groß⸗Borkenhagen, wo noch jetzt der Ort Stramehl vorhanden iſt. Daher iſt es auch bei Dlugoss. p. 137 irrig, wenn er aus einem Mißverſtaͤndniſſe in den Angaben Wigands ſie eine Burg der Litthauer nennt, worin ihm De Wal T. IV. p. 89 und 110 gefolgt iſt.
Scanseite 638 · Druckseite 624
624 Kriegszug an den Narew (1392). res. Es war abermals eine ziemliche Zahl fremder Kriegs⸗ gäfte zum Heidenkampfe nach Preuſſen gekommen theils aus Deutſchland, theils aus andern Landen. Aus England be⸗ grüßte den Meiſter wieder Graf Heinrich von Derby, der abermals mit einer Schaar ritterlicher Streiter erſchienen war. Allein ein ungluͤckliches Ereigniß vereitelte ſein Vorhaben. Ei⸗ nige ſeiner Kriegsleute geriethen zu Danzig eines Tages in Streit mit einem Pomeſaniſchen Edelmanne Hans von Ter⸗ gowitz, deſſen Familie in Pomeſanien und nachmals auch bei Ortelsburg ſehr ausgebreitet und ziemlich beguͤtert war!), und erſchlugen ihn in der Hitze des Zwiſtes. Weil nun zu beſor⸗ gen war, daß die Verwandten des Ermordeten die That durch Blutrache an den Englaͤndern vergelten wuͤrden und der Her⸗ zog die Seinen im Lande nicht ſicher glaubte, ſo gab er die Kriegsreiſe auf und ſegelte ſofort mit ſeiner Schaar nach Eng⸗ land wieder zuruͤck ?). Bald darauf brach der Ordensmar⸗ ſchall Engelhard Rabe mit mehren Komthuren und den frem⸗ den Kriegsgaͤſten zum Streite auf, in der Richtung auf Jo⸗ hannisburg zu, wo vom Marſchall für die Gaͤſte der Ehren⸗ tiſch gedeckt und dem edlen Ritter Apel Fuchs aus Franken, der die S. Georgsfahne trug, der erſte Ehrenplatz vergoͤnnt wurde. Von dort zog das Heer uͤber Kolno und Lomza hin⸗ ab bis vor die Burg Surasz am Narew, eine der Feſten, welche vor einigen Jahren der dem Orden feindlich geſinnte Herzog Johannes von Maſovien vom Könige erhalten hatte, die jetzt aber dem Großfuͤrſten Witowd zugehörte. Obgleich von einem großen Sumpfe umgeben, der ſie uͤberall beſchuͤtzte, ward fie dennoch bald erſtuͤrmt, Witowds Eidam, der auf ihr den Befehl gefuͤhrt, gefangen genommen und die Feſte dann bis auf den Grund niedergebrannt. Nach Verheerung des nach⸗ barlichen Landes kehrte man mit zwei⸗ bis dreihundert Ge⸗ fangenen nach Preuſſen zurück, zwar ohne auch nur einen 1) Vgl. außer dem, was bei Lindenblatt S. 88 über ihn ge⸗ ſagt ift, meine Geſchichte der Eidechſen⸗Geſellſch. S. 66-67. 2) Lindenblatt a. a. O.
Scanseite 639 · Druckseite 625
Streit mit dem Erzbiſchof von Riga (1392). 625 Mann aus dem Heere verloren zu haben, aber auch ohne weitern Erfolg und ohne eine That, welche die Geſchichte zu rühmen hatte ). Den Hochmeiſter, der an dieſer Kriegreiſe nicht Theil ge⸗ nommen, beſchaͤftigte ſchon waͤhrend dieſes ganzen Jahres ein neuer heftiger Streit mit dem Erzbiſchofe von Riga, der fuͤr den Orden um ſo bedenklicher war, weil nicht bloß der Papſt und mehre Könige und Fuͤrſten ſich in die Streitverhaͤltniſſe einmiſchten, ſondern vor allen auch der Koͤnig von Polen den Erzbiſchof zu einer ſehr gefahrdrohenden Verbindung gegen den Orden zu gewinnen ſuchte. Der alte Hader zwiſchen dem Erzbiſchofe und dem Orden hatte ſeit der zu Danzig im Jahre 1366 erſolgten Ausgleichung, wo wir der Sache zuletzt ge⸗ dachten 2), zwar nicht geruht, aber ſich doch meiſt nur in ſtreitigen Verhaͤltniſſen offenbart, welche Preuſſen nicht unmit⸗ telbar berührten, denn bald war es die vom Erzbiſchofe Sieg⸗ fried Blomberg veraͤnderte Ordenstracht und die Annahme des Praͤmonſtratenſergewandes, bald die Wahl der Bifchöfe von Oeſel und Dorpat geweſen, was der alten Zwietracht immer wieder Nahrung gegeben ). Mittlerweile war der Orden in Livland, weil er den Beſtimmungen des Vertrages in Danzig nicht überall nachgekommen ſeyn ſollte, abwechſelnd in den Bann gethan und wieder losgeſprochen worden, ohne daß ſich in den Verhaͤltniſſen und der gegenfeitigen Stellung eben viel verändert hatte. Seit einigen Jahren aber war der Streit wieder ungleich heftiger geworden, da es ſich haͤufig ereignet, daß Stiftsvaſallen, die aus Armuth ſich nicht weiter aufrecht halten konnten oder angehaͤufte Schulden wenigſtens als Vor⸗ wand brauchten, ihre Stiftslehen an den Orden verpfaͤndeten 1) Die Burg Saraſin bei Lindenblatt ©. 90 heißt bei Wi- gand. Schirazen und in einem Briefe des Hochm. an die Königin Margaretha, der er dieſe Unternehmung erzählt, Suraß. 2) S. oben S. 189. 8) Vgl. Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 474-480. Hiaͤrn Ehſt⸗ und Livl. Geſchichte S. 215—216. Bergmann Magazin B. I. H. II. S. 20 ff. V. 40
Scanseite 640 · Druckseite 626
626 Streit mit dem Erzbiſchof von Riga (1392). oder ſogar verkauften, was, wie man behauptete, nach Liv⸗ laͤndiſcher Landesgewohnheit in dringenden Faͤllen geſchehen konnte 1). Dadurch verlor jedoch der Erzbiſchof Johann von Sinten viel zu ſehr am Umfange ſeines Gebietes und insbe⸗ ſondere war ihm die Abtretung der wichtigen Burg Vrkul durch den Stiftsritter Hermann von Yrkul an den Orden ein viel zu ſchmerzlicher Verluſt, als daß er dieſem Verfahren nicht bald Schranken geſetzt wünfchen mußte 2). Der Hochmeiſter mochte die ſtreitigen Verhaͤltniſſe gerne auf guͤtlichem Wege beſeitigen und erſuchte deshalb den Erzbiſchof um eine Be⸗ ſtimmung von Zeit und Ort, wo ſeine Geſandten und der Meiſter von Livland ſich mit ihm naͤher verſtaͤndigen koͤnn⸗ ten ). Da dieſer indeß auf das Erbieten nicht eingegangen war, ſo ſollte die Sache in Luͤbeck unterſucht und entſchieden werden und es wurde dort auch durch den Ordenskomthur von Bremen, den Biſchof Eberhard von Luͤbeck, den Rath 1) Im Fol. F. p. 41 im geh. Arch. befindet ſich über die vieljaͤh⸗ rige Anwendung dieſer Landesgewohnheit ein auf Veranlaſſung des Liv⸗ land. Meiſters Wennemar von Bruͤggenoye abgegebenes Notariatsin⸗ ſtrument vom J. 1392, worin die aͤlteſten und angeſehenſten Ritter und Vaſallen des Stiftes ihre Stimme uͤber die rechtliche Gültigkeit dieſes Gewohnheitsrechtes niederlegten. 2) Die urkunde über Hermanns von Brkul Abtretung der Burg an den Orden fuͤr 4000 Mark Rigaiſch bis zur Erſtattung der Schuld und Koften im Fol. F. p. 42; vgl. Bergmann a. a. O. S. 24. De Wal T. IV. p. 113 giebt der Erneuerung des Streites einen andern Anlaß, indem er ſagt, der Erzbiſchof habe ſich den Beſtimmungen des Papſtes Bonifacius IX. nicht mehr unterwerfen wollen, nach welchen die Erzbiſchoͤfe und Domherren von Riga das D. Ordenskleid tragen, ohne Genehmigung des Livland. Meiſters keine Präbende erhalten ſoll⸗ ten u. ſ. w., wobei ſich De Wal auf die päpftliche Bulle bei Dogiel T. V. Nr. 73. p. 113 bezieht. Dieß iſt jedoch unrichtig, denn die er⸗ wähnte Bulle Bonifacius IX. iſt erſt im März des J. 1394 gegeben, wie wir aus einem Transſumt derſelben im geh. Arch. Schiebl. VIII. Nr. 2 klar erſehen, woraus hervorgeht, daß Krantz Wandal. L. IX. c. 28 die Sache im Ganzen viel richtiger erzähle. 3) Brief des Hochmeiſters an den Erzbiſchof, dat.: Marienb. am Freitag vor Palmar. (1390 oder 1391) im Regiſtrant. p. 14.
Scanseite 641 · Druckseite 627
Streit mit dem Erzbiſchof von Riga (1392). 627 der Stadt und den Dompropſt nebſt mehren Stiftsherren aus Riga ein Entwurf zum guͤtlichen Vergleiche abgefaßt. Da jedoch der Dompropſt, welcher dem Erzbiſchofe dieſen Ent⸗ wurf uͤberbringen ſollte, von den Ordensrittern in Livland aufgefangen und in Verhaft gebracht ), zugleich auch die erz⸗ biſchoͤfliche Burg Saltze von ihnen eingenommen und der Ha⸗ fen dabei fuͤr Schiffe unbrauchbar gemacht wurde, ſo entfloh der Erzbiſchof aus Beſorgniß fuͤr ſeine eigene Sicherheit mit den meiſten ſeiner Domherren heimlich aus dem Lande, begab ſich nach Luͤbeck und verweilte dort uͤber ein ganzes Jahr, während er alle Fuͤrſtenhoͤfe mit feinen Klagen über den Or⸗ den erfuͤllte ). Es wiederholten ſich jetzt ſowohl von Seiten der Ordensritter als des Erzbiſchofs alle die alten Beſchwer⸗ den und Verlaͤumdungen des einen wider den andern; denn waͤhrend der Livlaͤndiſche Meiſter Wennemar von Bruͤggenoye ſich ſofort aller erzbiſchoͤflichen Burgen bemaͤchtigte und das geſammte Stiftsgut beſetzte, indem er Beweiſe in den Haͤn⸗ den haben wollte, daß der Erzbiſchof die Litthauer und Ruf: ſen aufgefordert habe, ſich der Burgen zum Nachtheile des Ordens zu bemeiſtern ), wandte ſich der Erzbiſchof an den Papſt Bonifacius ), an die Königin Margaretha von Daͤne⸗ P 1) Darüber ſchreibt nachher der Meiſter von Livland dem Procu⸗ rator zu Rom: Sunt etiam capü quidam canonici Rigenses, scili- cet prepositus et quidam alius omnis discordie principales machina- tores. 2) Detmar B. I. S. 355 u. 360. Lindenblatt S. 89. Ga: debuſch B. I. S. 503. Willebrandt Hanſeat. Chron. p. 52. 8) Dieß verſichert Lindenblatt S. 89 und der ſogleich näher berührte Brief des Koͤniges von Polen an den Erzbiſchof beftätigt es. Der Meiſter von Livland ſchreibt nachher an den Papſt: „Das der Erz⸗ biſchoff und die thumherren der kirchen czu Riege uns mit den Heiden und andern des cruces chriſti vienden unſwenglich betruͤbet und mit iren kriegen, in den ſie gloriyren, czweitrachten und ſachen, die ſie uns durch haſſes willen und nicht durch liebe der gerechtekeit geruͤret und ruͤren.“ 4) Diefes Schreiben an den Papſt in einer Copie im Fol. N. des geh. Arch. iſt dat.: in Civitate Lubicensi XX die mensis April. Es 40 *
Scanseite 642 · Druckseite 628
628 Streit mit dem Exzbifchof von Riga (1392). mark 1), an den Roͤmiſchen und Boͤhmiſchen König und an viele andere Fuͤrſten, und fuͤr den Erzbiſchof verwandten ſich am paͤpſtlichen Hofe der Biſchof von Luͤbeck, der von Schwe⸗ rin und andere 2), uͤberall mit bittern Klagen uͤber Mißhand⸗ lung und feindliche Begegnung der Geiſtlichen, uͤber Berau⸗ bung der erzbiſchoͤflichen Guͤter und Burgen, uͤber Unterdruͤckung des Glaubens und des Gottesdienſtes u. ſ. w. Bei einigen Fuͤrſten fand der Klaͤger auch wirklich Gehoͤr und manchem Gegner des Ordens kam er ſehr erwuͤnſcht mit ſeinen Be⸗ ſchwerden. Wie jedoch der Livlaͤndiſche Meiſter vermuthete, waren durch den Erzbiſchof und ſeine Anhaͤnger auch Briefe verſchiedener Fuͤrſten und Grafen an den paͤpſtlichen Hof ge⸗ kommen, von welchen dieſe ſelbſt gar nichts wußten, die voll von Beſchwerden und Verlaͤumdungen waren und die man, wie wenigſtens geglaubt wurde, durch Beſtechungen von den Kanzlern dieſer Fuͤrſten ohne deren Wiſſen erſchlichen hatte, da die Fuͤrſten ſelbſt immer als Goͤnner und Freunde des Or⸗ dens bekannt geweſen waren). Dieß war unter andern der iſt, wie begreiflich, in einer gewaltig bittern Sprache uͤber die Ordens⸗ herren abgefaßt. 1) Nach einem Briefe des Hochm. an die Koͤnigin im Regiſtrant. p. 28 war der Erzbiſchof in dieſem Jahre auch ſelbſt bei der Königin geweſen und hatte, wie ſchon fruͤher in ſeinen Briefen, bitterlich gegen die Ordensgebietiger geklagt; ſie hatte ihn aber ohne Antwort gelaſſen, bis fie auch den Hochmeiſter Über die Sache gehört habe. 2) Das Schreiben des Biſchofs von Lübeck in einer Copie im Fol. N., dat.: in Civitate Lubicensi IIII die Martii. 3) Brief des Livländ. Meiſters an den Hochmeiſter, dat. Riga am Donnerſt. nach Viſitat. Maria (1392 im Buche: Dis ſint die privil. v. Lyfl., wo es heißt: Als der procurator ſchreibt, das Im miſſeduͤn⸗ ket an den briefen, die die berczogen und grefen haben geſant unſerm h. vater dem Pabſte klagende ober den orden, das man das derfaren ſolde, wo die thumheren alſo lichtelich die briefe hetten erworben. Wir gelouben anders nicht, wenn das ſie ſie von den Canczlern haben er⸗ worben. Worumb wir euwer gnade bitten, das Ir euwer briefe wol⸗ let ſenden czu denſelben herczogen und grefen, ab die clagebriefe von Irem geheiſſe fein ufgeſchreben aber nicht, wenn wir das allewege ge⸗
Scanseite 643 · Druckseite 629
Streit mit dem Erzbiſchof von Riga (1392). 629 Fall bei Herzog Erich von Sachſen, Engern und Weſtphalen und Herzog Bernhard von Braunſchweig, von deren unter⸗ geſchobenen Briefen an den Papſt man ſich Abſchriften aus Rom zu verſchaffen gewußt hatte, woraus der Betrug ent⸗ deckt ward 1). Natuͤrlich mußten ſich auch zwei ſo bittere Feinde des Ordens, wie der Erzbiſchof und der König von Polen, einan⸗ der bald verſtehen und ſich gegenſeitig naͤhern. Auch an die⸗ ſen hatte erſterer ſeine Klagbriefe geſandt und die Verbrechen des Ordens in den ſchwaͤrzeſten Farben geſchildert. Der Kö- nig antwortete ihm: Da ſeine Streitſache jetzt am paͤpſtlichen Hofe ſchwebe, ſo moͤge er vor allem nur dahin wirken, daß der Papſt ihn, den Koͤnig nebſt ſeinen Bruͤdern, die Herzoge von Litthauen und Rußland als Executoren mit der Wieder⸗ erwerbung der Beſitzungen der Rigaiſchen Kirche beauftrage, damit ihm in ſolcher Weiſe der Weg zu ſeinen Widerſachern geöffnet werde, denn es gehöre zu feines Herzens innigſten Wünſchen, an dieſen Rittern feine Rache zu üben.” Was unſere Sache mit den Kreuzigern betrifft, ſchrieb endlich der Koͤnig, ſo iſt euch ja bekannt, daß dieſe ſich weder an Got⸗ tesfurcht, noch an menſchliche Ehre, noch an Scham oder Tugend kehren, daß eine unerſaͤttliche Habgier ſie treibt, der Neid fie kreuzigt, daß fie felbft nicht wiſſen, was ihnen nuͤtz iſt und wie reißende Wölfe in Schaffellen zwar im Äußern die Norm einer heiligen Ordensregel zur Schau tragen, aber druwet han, das fie des ordens fruͤntliche günner fein geweſen und be⸗ ſchirmer. 1) Copien dieſer Briefe in einem Copiarium von Liv⸗, Ehſt⸗ und Kurland. Urkunden im geh. Arch. Der eine hat das bloße Datum: In Castro fidei, der andere: in opido meo Honover XVI die mensis Februar. Der Meiſter von Deutſchland gab ſich alle Mühe, die Ach⸗ tung und Geneigtheit der Fuͤrſten fuͤr den Orden aufrecht zu erhalten und dem Eindruck der Verläumbungen feiner Feinde entgegen zu wir: ken. Er begab ſich deshalb von einem Fürftenhof zum andern, beglei⸗ tete die Fürften auf ihren Reifen u. ſ. w. Darüber ein Bericht eines zu Brotfelden im J. 1392 gehaltenen Ordenskapitels bei Jaeger Cod. diplom. an. 1392.
Scanseite 644 · Druckseite 630
630 Streit mit dem Erzbiſchof von Riga (1392). im Innern verbrecheriſche Feinde des goͤttlichen Wortes und des wahren Glaubens ſind. Wir haͤtten wohl laͤngſt ihren tobenden Frevel durch harten Widerſtand mit Gottes Huͤlfe unterdruͤcken koͤnnen; allein bis jetzt haben wir, als ein gegen die paͤpſtlichen Gebote gehorſamer Sohn uns maͤßigend, die ſtrafende Hand der Rache noch zuruͤckgehalten. Jedoch es wird die Zeit kommen, wo wir die Rache nicht laͤnger auf⸗ ſchieben werden fuͤr die vielen Miſſethaten, die ſie an den Be⸗ wohnern Litthauens und Rußlands, beſonders den Neuglaͤu⸗ bigen, in ſo unmenſchlicher Weiſe veruͤbt haben.“ So ſprach der Koͤnig ſeine Geſinnungen gegen den Orden ganz offen aus und lud den Erzbiſchof zugleich zu ſich nach Polen ein, um ihm durch Freudenfeſte und Ehrenbezeigungen ſeinen Dank fuͤr die Freundſchaft und Liebe darzubringen, die er gegen ihn noch in ſeinem heidniſchen Glauben bewaͤhrt habe 1). Da je⸗ doch dieſes Schreiben des Koͤniges durch irgend einen Zufall auch in die Haͤnde der Ordensgebietiger fiel, ſo lernte man jetzt auch im Orden die wahren Geſinnungen des alten Fein⸗ des aufs genauſte kennen. Aber auch auf den roͤmiſchen Koͤnig Wenceslav machten die Klagen des Erzbiſchofs, der ſich zu ihm nach Prag bege⸗ ben, den ſtaͤrkſten Eindruck; ja er ward durch die Schilderung der Verbrechen der Ordensritter von ſolchem Zorne ergriffen, daß er ſofort in Boͤhmen und Maͤhren alle dortigen Ordens⸗ bruͤder vertrieb, ihre Güter und Burgen in Beſchlag nahm und ſie ſeinen Landherren uͤberwies 2). An den Hochmeiſter erließ er ein ſehr ernſtes Ermahnungsſchreiben und da er dar⸗ auf keine Antwort erhielt, ſo ſandte er ſeinen Botſchafter Bal⸗ thaſar von Camenz nach Preuſſen, mit allem Nachdruck dar⸗ 1) Diefer Brief des Koͤniges an den Erzbiſchof, dat: In Sanok sabbato post diem Marci evang. (1392 oder 1393) im Buche: Dis ſint d. Privil. v. Lyfl. p. 4; daneben auch eine Deutſche Überfegung. Wie der Brief in die Hände der Gebietiger kam, iſt ungewiß. 2) eindenblatt S. 89. Diugoss. L. X. p. 138. Krantz Wan- dal. L. IX. c. 28. Corner. Chron. p. 1165. Gadebuſch B. I. S. 504.
Scanseite 645 · Druckseite 631
Streit mit dem Erzbiſchof von Riga (1392). 631 auf dringend, die gefangen gehaltenen Domherren auf der Stelle frei zu geben, die Gefluͤchteten ungehindert zu ihrer Kirche zuruͤckkehren zu laſſen, ihnen alle ihre Beſitzungen wie⸗ der einzuhaͤndigen und ihre Schlöffer und Burgen, weil jene und dieſe dem heiligen Reiche zu Lehen gingen, ohne weiteres zu raͤumen. Der Hochmeiſter ward allerdings jetzt beſorgt bei dieſem Verfahren und dieſer Sprache des Reichsoberhauptes; er entſchuldigte ſich theils mit ſeiner Unbekanntſchaft uͤber die Streitſache bei der Kuͤrze ſeines Meiſteramtes, theils mit der Zoͤgerung des Livlaͤndiſchen Meiſters, ihn von den einzelnen Punkten des Streites genau zu unterrichten). Den Bots ſchafter entließ man vorerſt mit der Antwort: Der Orden habe die Burgen nur einſtweilen mit Mannſchaft zum Beſten der Chriſtenheit beſetzt, weil der Erzbiſchof mit den Seinen ent⸗ flohen ſey, ohne in den Burgen die noͤthige Beſatzung zu laſ⸗ ſen, und weil man Beweiſe habe, daß er ſie den Litthauern und Ruſſen in die Haͤnde habe ſpielen wollen. Am thaͤtigſten aber betrieb man die Streitſache am paͤpſt⸗ lichen Hofe, denn obgleich Bonifacius ſchon im vorigen Jahre durch eine Bulle alle Veraͤußerungen von Lehenguͤtern im Ge⸗ biete der Rigaiſchen Kirche auf des Erzbiſchofs Klage unter⸗ ſagt hatte 2), fo war damit der Streit in feiner jetzigen Aus⸗ dehnung doch noch keineswegs abgethan. Je mehr gerade der 1) Die Botſchaft des Geſandten Balthaſar von Camenz an den Hochmeiſter und deſſen Antwort darauf an den Röm. König, jene mit der Angabe: exaltation. crucis im XCII Jar, dieſe ohne Datum im Buche: Dis ſint die Privileg. v. Lyfl. p. 23 und 32—33. In der letztern heißt es: Dorumb ſo han ichs vorczogen, das ich uͤwern gna⸗ den nicht eine antwert geſchreben habe, wand mir werlich die ſachen unkundig fin und der krieg iczund geſtanden hat in dem hove czu Rome me wenn hundirt iar vor myner cziet und ich nuͤwlich komen bin an das Ampt als uͤwir gnade wol weis, und dorumb ſo twang mich myne eigene ſchemede und furchte dorczu, das ich uͤwern gnaden nicht torfte ſchrieben die ſache, wend ich mich beſorgte, das ich mich an der ſchrift und an der antwert unundirwieſet des Gebietigers von liefland und der Gebietiger nicht ken uͤbern gnaden muͤchte bewaren, als ich gerne tete. 2) S. die Bulle bei Dogiel T. V. p. 103.
Scanseite 646 · Druckseite 632
* 632 Streit mit dem Erzbiſchof von Riga (1392). Roͤmiſche Koͤnig darauf drang, die vom Erzbiſchofe an ihn als Schiedsrichter gebrachte Streitſache auch nur allein ſeiner Entſcheidung vorzubehalten und ſie namentlich dem Gerichte des Papſtes oder einer andern geiſtlichen Behoͤrde zu entzie⸗ hen !), um fo eifriger ſuchte der Ordensprocurator zu Rom die Sache am Roͤmiſchen Hofe zu behalten und bot deshalb alle Mittel auf, die Kardinaͤle und alle, die am paͤpſtlichen Stuhle Einfluß hatten, ſowie durch dieſe auch den Papſt zu Gunſten des Ordens zu gewinnen. So groß auch die Schwie⸗ rigkeiten, die er zu beſeitigen hatte, und die Zahl der Gegner des Ordens war, welche die erzbiſchoͤflichen Klagbriefe und die Empfehlungsſchreiben verſchiedener Fuͤrſten auf die Partei des Praͤlaten gezogen hatten, fo bot daneben doch die Geld⸗ gier des Roͤmiſchen Hofes und die Beſtechlichkeit der Roͤmiſchen Hoͤflinge auch hinreichend Wege zur Wirkſamkeit für den Or⸗ den dar, denn „leider, ſchrieb der Procurator dem Meiſter in dieſer Streitſache, iſt es im Hofe nun alſo gewandt, wer da hat und giebt, der behaͤlt und gewinnt; alſo muß der Orden fallen auf einen andern Sinn, ſonderlich daß er ſich Freund⸗ ſchaft mache in dem Hofe, als bei dem Kardinal von Mono⸗ polis, dem Meiſter von S. Johannis- Orden, dem Kardinal von Neapolis und dem Vicecanzler, der ein großer Freund des Ordens iſt, ſowie bei andern heimlichen Freunden, die man nicht halten kann ohne große Ehrung.“ Es war ja da⸗ hin gekommen, daß ſelbſt die Kardinaͤle zur Beſtechung des Papſtes durch Ehrengaben aufforderten, denn als eines Ta⸗ ges der Advocat des Ordens Bartholomaͤus von Novaria in der Streitſache beim Kardinal von Monopolis ſich Raths er⸗ holte, antwortete ihm dieſer: „Der Deutſche Orden iſt fo maͤchtig und reich und thut doch dem heiligen Vater keine Eh⸗ rung; das wundert mich).“ — Natuͤrlich benutzte der Or⸗ 1) Vgl. daruͤber den an das Domkapitel von Riga gerichteten Er⸗ laß des Köͤniges bei Dogiel T. V. p. 107. 2) Nach Briefen des Ordensprocurators an den Hochmeiſter im Buche: Dis ſint die Privil. v. Lyfl. p. 1-2. Einen Theil der Gel⸗ der, welche der Procurakor zu dicſem Behufe anwandte, mußte ihm
Scanseite 647 · Druckseite 633
Streit mit dem Erzbiſchof von Riga (1392). 633 densſachwalter ſolche verſtaͤndliche Winke, gewann am Hofe dem Orden immer mehr Freunde und erfuhr auf ſolche Weiſe auch alle Einreden und Umtriebe, welche durch die Anhaͤnger des Erzbiſchofs gegen den Orden in Bewegung geſetzt wurden. So wurde ihm hinterbracht, daß ſelbſt der Biſchof von Kulm Nicolaus von Schippenbeil mit der Behauptung aufgetreten ſey: Der Orden und ſeine Regel ſeyen vom paͤpſtlichen Stuhle eigentlich nie beſtaͤtigt worden!); er erfuhr, man beſchuldige den Orden: er wolle in Preuſſen keine Predigt mehr hoͤren von der Wahrheit des Evangeliums und auch keine mehr hal⸗ ten laſſen, weshalb zwei der achtbarſten Prieſter des Ordens dieſen verlaffend in einen andern Orden übergetreten ſeyen; ebenſo wurde ihm berichtet, daß der Koͤnig von Polen, der auch am Roͤmiſchen Hofe die Sache ſeines Freundes, des Erz⸗ biſchofs zu foͤrdern ſuchte, dort die Klage habe erheben laſ⸗ ſen: die Litthauer und Ruſſen wuͤrden wohl laͤngſt zum Chri⸗ ſtenglauben uͤbergetreten ſeyn, haͤtte der Orden ſie nicht taͤglich angefochten 2). Auf demſelben Wege aber erhielt der Procu⸗ rator von feinen gewonnenen Freunden am Hofe auch die noͤ⸗ thigen Weiſungen und Rathſchlaͤge, wie ſolchen Anklagen und Verlaͤumdungen des Ordens am beſten zu begegnen ſey und er unterließ es nicht, auch den Hochmeiſter uͤber die zweckdien⸗ lichſten Maßregeln im Fortgange des Streites in Kenntniß der Meiſter von Deutſchland zuſenden; daruͤber eine urkunde im Cod. Oliv. p. 144. Auch Corner. Chron. p. 1165 ſagt, daß der Orden cum muneribus pretiosis bei dem Papſte nachgeholfen habe. 1) Es heißt in einem Briefe des Procurators: Lieber Meiſter wiſ⸗ fet, wie das der Biſchoff von Colmenſee in deme hove czu Rom vor dem Cardinael von Monopolis hat geſprochen, wie unſir orden und ſine Regel ſint von deme Romiſchen ſtule nicht beſtetigt und desgliech hat her dem Meiſter von Sente Johannisorden ouch geſait. Nu yn deſen louften muͤchten die wort dem orden us der maſen ſere ſchaden, man muͤchte uns antwurten, wie ſolde man die kirche czu Riege incor⸗ poriren dem orden, der nicht beftät iſt und mich wundirt, uff was Lift her die wort ane des ordens wiſſen hat gerett. 2) Briefe des Procurators a. a. O.
Scanseite 648 · Druckseite 634
634 Streit mit dem Erzbiſchof von Riga (1392). zu ſetzen!). Je mehr nun fo der Sachwalter des Ordens am Hofe zu Rom gleichſam feſteren Boden gewann, um ſo kuͤhner ward ſeine Sprache vor dem Papſte und um ſo dreiſter bot er in Verbindung mit den Freunden des Ordens alle Mittel auf, dieſen zu bewegen, fuͤr Riga einen neuen Erzbiſchof zu ernennen und die Kirche einem friedfertigeren Manne anzuvertrauen 2). Da indeſſen auch jetzt, wie fruͤher in aͤhnlichen Streitigkeiten des Ordens, die Behauptungen bei⸗ der Parteien meiſt einander widerſprachen, Klagen und Ge⸗ genklagen, Verlaͤumdung und Rechtſertigung oft einander aufs grellſte entgegenſtanden und die Wahrheit in den Streit⸗ punkten für den Papſt faſt unmöglich zu ermitteln war, fo verſchob er das richterliche Erkenntniß, indem er beſchloß, zu⸗ vor zur Ausmittlung des wahren Thatbeſtandes den Biſchof Johannes von Meſſma als Legaten nach Preuſſen und Livland zu ſenden ). Mittlerweile fand es der Meiſter von Livland jedoch nothwendig, eine Vertheidigungsſchrift an den Papſt ab⸗ zufertigen, worin er das ganze Weſen und Treiben des Erz⸗ biſchofs und den leidenſchaftlichen, neidiſchen und verlaͤum⸗ dungsſuͤchtigen Charakter feiner Gegner in den ſchaͤrfſten Zuͤ⸗ gen fehilderte *). Alſo beruhte jetzt die Entſcheidung des aͤr⸗ 1) Daruͤber mehres in den Briefen des Procurators z. B. in Be⸗ treff des Gottesdienſtes in Preuffen. 2) Hieruͤber ein Schreiben des Livland. Meiſters an den Procu⸗ rator im geh. Arch. in einer alten Copie, ohne Datum. 3) Nach einem Briefe des Procuratars, dat: Rom auf S. Ja⸗ cobs Abend, hatte der Papſt dieſen Entſchluß ſchon im Juli 1892 ge⸗ faßt. Es ſcheint auch, daß der Legat damals von Rom ſchon abgereiſt geweſen ſey. 4) Dieſes Schreiben des Meiſters in einer Deutſ. Überfegung, dat. am 12. Octob. 1892 im Buche: Dis ſint die Privil. v. &yfl. p. 3—4. Er erwähnt darin, daß der paͤpſtliche Legat bei ihm noch nicht ange⸗ kommen ſey und ſagt, daß der Erzbiſchof und deſſen Partei alles auf⸗ geboten und ſelbſt Lügen und Beſtechungen nicht verſchmaͤht hätten „un⸗ ſern und des ganczen ordens guten namen mit leſterlichen irdochten ſa⸗ chen ſmeelich czu beſwerczen, uns und unſirn orden unendeliche und mit nichte geloubliche ſachen czulegende, als ungeloube adir ketzerie,
Scanseite 649 · Druckseite 635
Verhandlungen wegen Dobrin und der Neumark (1392). 635 gerlichen Streites auf dem Ausfalle der naͤheren Unterſuchung des paͤpſtlichen Legaten. Bevor indeſſen dieſer in Preuſſen erſchien, begruͤßte zu Ende dieſes Jahres den Hochmeiſter abermals jener Botſchaf⸗ ter des Ungeriſchen Koͤniges und bot in deſſen Auftrage dem Orden jetzt den foͤrmlichen Verkauf von Dobrin, Cujavien, Bromberg und Leflau an, mit der Anzeige, der König habe dieſe Lande vom Herzoge von Oppeln kaͤuflich an ſich gebracht und goͤnne ſie niemandem mehr als dem Orden, beſonders in Betreff Dobrins. Allein obgleich der Botſchafter Vollmacht hatte, mit dem Meiſter daruͤber jede beliebige Übereinkunft zu treffen ), fo trug dieſer doch Bedenken, unter den obwalten⸗ den Verhaͤltniſſen auf das Anerbieten einzugehen. Des Pol⸗ niſchen Koͤniges Zorn durfte er freilich weiter nicht fürchten; er konnte hoͤher kaum geſteigert werden. Beſonders aber machte ihn der Umſtand bedenklich, daß es in der Pfandverſchreibung uͤber Dobrin ausdruͤcklich hieß, der Orden ſolle das Land dem Herzoge oder deſſen Erben und Nachkommen fuͤr die gezahlte Pfandſumme zurückgeben, ſobald fie es wieder einlöfen woll⸗ ten. Von dieſer Verpflichtung war der Orden noch ſo lange nicht frei, als der Herzog die Pfandverſchreibung in den Haͤn⸗ den hatte. Nur wenn dieſe zurückgegeben, die Pfandſumme eingezahlt und dann erwieſen ſey, daß das Land wirklich dem Könige von Ungern gehöre, erklärte fich der Meiſter bereit, ſich auf eine neue Verpfaͤndung oder auf den Ankauf zu Guns ſten des Koͤniges einlaſſen zu wollen, um ihm dadurch feine geneigte Geſinnung zu beweiſen 2). Ebenſo mochte er auch abeſcheidunge, meyneide, mort, verrethnis und heiſen uns beſwerer der heiligen kirchen und des criſtenglouben ꝛc. 1) Der Botſchafter erklaͤrte: Iſt uͤch icht dorumb und welt irs koufen, ſo habe ich des volle macht von myme herren dem koninge, das ich eins mit uͤch dorumb werden ſal und wie ich mit uch oberein kome und was ich dorane thu, das wil myn herre ſtete und veſte halden. 2) Die Verhandlung hieruͤber im Buche: Dis ſint d. Privil. v. Lyfl. p. 26.
Scanseite 650 · Druckseite 636
636 Verhandlungen wegen Dobrin und der Neumark (1392). in der Verpfaͤndung oder dem Ankaufe der Neumark noch keine weiteren Schritte thun, obgleich die Sache in der letztern Zeit ſowohl durch Herzog Johann von Goͤrlitz ſelbſt, als durch dieſen Botſchafter des Ungeriſchen Koͤniges zweimal wieder in Anregung gebracht worden war, denn man hatte ihm zwar, wie er verlangt, eine Nachweiſung der in der Mark der Herr⸗ ſchaft zufallenden Renten, Zinſen und anderer pflichtigen Lei⸗ ſtungen mitgetheilt; allein es hatte ſich ergeben, daß dieſe Nach⸗ weiſung ſchon vor funfzig Jahren aufgenommen war und der Meiſter forderte eine ſolche von der jetzigen Zeit, die im Bei⸗ ſeyn einiger ſeiner Gebietiger angefertigt und in der ganzen Mark an Ort und Stelle abgenommen werden ſolle, worauf er dem Herzoge von Goͤrlitz verſprach, uͤber die Sache in naͤ⸗ here Unterhandlungen treten zu wollen 1). In eben dieſer Zeit waren auch wiederum neue Haufen fremder Kriegsgaͤſte aus den Niederlanden, Frankreich und an⸗ dern Laͤndern nach Preuſſen gekommen, an der Spitze der Niederlaͤnder abermals der Herzog von Geldern, der dießmal, zuvor durch den Hochmeiſter vor dem noch immer argliſtig auf⸗ lauernden Ritter Eckard von dem Walde gewarnt 2), auf ſei⸗ 1) Brief des Hochmeiſters an den Herzog von Goͤrlitz, dat.: Mas rienb. im J. 1393 Freit. vor Epiphania im Buche: Dis ſynt d. Pris vil. v. Lyfl. p. 28— 30. Der Meiſter ſchreibt: So were noch huͤtes⸗ tag unſer rat und meynunge, das ir noch dorczu woldet ſchicken den⸗ ſelben Abt (Dieterich von Celle, der ſchon fruͤher mit dem Meiſter in dieſer Sache verhandelt) ader weme ir des getruetet, uff einen tag und uff eine cziet, die uͤwer herlicheit beqweme were, und uns das vor⸗ ſchreben weldet, fo welden wir dorczu ſenden unſer Gebietiger einen, der mit dem Abte czoge von hueſe czu hueſe, von Stat zu Stat, von Manne czu Manne und beſchrebin eigentlichen alle rente, alle czinſe, alle urber und alle rechte, die uͤwer herlichkeit dorinne hat u. ſ. w. 2) Dieſes Warnungsſchreiben an den Herzog, dat.: Marienb. am S. Lucien⸗Tage (13. Dec.) 1392 im Regiſtrant. p. 104. Ein Schiff mit Wein und „Vitalien“ oder Lebensmitteln für den Herzog hatte die Nachricht von der Ankunft deſſelben nach Danzig gebracht. Der Mei: ſter bittet den Herzog, ſich auf dem Wege vorzuſehen, denn Eckard von dem Walde habe ihm neulich zwar einen Brief mit friedlichen Ge⸗
Scanseite 651 · Druckseite 637
Kriegsreiſe gegen Garthen (1399. 637 nem Zuge gluͤcklicher geweſen und vom Meifter im Haupthauſe mit großer Freude empfangen ward. Die Anmefenheit ſolcher Gaͤſte machte eine Kriegsreiſe ſchon an ſich nothwendig; auch der Winter dieſes Jahres beguͤnſtigte ſie, denn er war nicht bloß ſo fruͤh eingetreten, daß ſchon um Michaeli aller Wein in Preuſſen erfror und der Maulbeerbaum feine Blätter ver⸗ lor ), ſondern auch fo anhaltend und ſtreng, wie in vielen Jahren nicht. Da ſchon im November der bisherige Ordens⸗ marſchall Engelhard Nabe ſeines Amtes entlaſſen und als Komthur nach Thorn verſetzt war, ſo trat der neue Marſchall Werner von Tettingen, früher Ordenstrapier und Komthur zu Chriſtburg, an des Heeres Spitze, mit ihm der Großkomthur Wilhelm von Helfenſtein und mehre andere Gebietiger 2). So zogen die Fahne S. Georgs und das Banner des Herzogs von Geldern nebſt denen der Hollaͤnder und Franzoſen gegen Garthen hin, denn dieſer von Witowd ſtark befeſtigten Burg galt der Zug. Sie ward drei Tage lang aufs heftigſte be⸗ ſchoſſen und beſtuͤrmt, bis ſie ſich ergeben mußte. Von ihrer Beſatzung erlag manches Opfer der feindlichen Wuth. Drei⸗ tauſend wurden unter dem Jubel des heimkehrenden Ordens⸗ heeres als Gefangene nach Preuſſen geführt, außer der Ver⸗ nichtung der Burg und der Verheerung der nahegelegenen Lande der einzige Erfolg dieſer Heerfahrt >). ſinnungen geſandt, weil er mit dem Herzoge von Stolpe in Feindſchaft lebe; man duͤrfe aber nicht trauen. 1) Im Kulmiſchen Schoͤppenbuche (im geh. Arch.) heißt es: Anno milleno trecenteno nonageno Adde duos, festo michaelis frigore mesto Vinetum periit, morus sua folia perdit. 2) Lindenblatt S. 90. Wigand. p. 302. 3) Lindenblatt a. a. O. Wigand. I. c. Dlugoss. p. 137, nennt die Burg unrichtig Barthen und De Wal T. IV. p. 110 ſchreibt dieß nach. Da bei den beiden zuerſt genannten Chroniſten unmittelbar - nach dem Zuge gegen Garthen die Unternehmung eines Heerhaufens ge⸗ gen die ſchon erwaͤhnte Burg Stramel folgt, fo bringt Diugoss. den Zug gegen feine Litthauiſchen Burgen Barthen und Stramel in einen zuſammen. Die alte Preuſſ. Chron. p. 43 ſagt von der Eroberung
Scanseite 652 · Druckseite 638
638 Uneinigkeit der Litthauiſchen Fuͤrſten (1392). Vielleicht würde auch die Eroberung der Burg nicht ein⸗ mal gelungen ſeyn, haͤtte Witowd ſie vertheidigen oder ihr zu Huͤlfe kommen koͤnnen. Allein es waren Mißhelligkeiten zwi⸗ ſchen den Bruͤdern Skirgal, Kariebut, Switrigal und Witowd uͤber des Koͤniges von Polen Anordnungen in der Verwaltung ausgebrochen und bei einer Zuſammenkunft zwiſchen Skirgal und Witowd kam es zu einem Zwieſpalt, der fuͤr Litthauen ſehr verderblich haͤtte werden koͤnnen, wenn nicht Kariebut dem Koͤnige gefangen uͤberliefert worden, Switrigal nach Preuſſen entflohen und der Koͤnig aus Polen ſogleich herbeigeeilt waͤre, um Witowd und Skirgal dahin zu verſoͤhnen, daß dieſer ſich mit dem Fürftentyum Kiew und einigen andern Gebieten be⸗ friedigen, jenem aber das Großfuͤrſtenthum Litthauen und die Ruſſiſchen Lande unter des Koͤniges Oberherrſchaft und in ih⸗ rer Verbindung mit der Krone Polens verbleiben ſollten 1). Sonach hatte nun der Orden wieder einen Flüchtling aus dem Litthauiſchen Fuͤrſtenſtamme in ſeiner Mitte, der ſich in ſeinen Juͤnglingsjahren zwar noch nicht beſonders hervorgethan, deſ⸗ ſen ehrgeizige Seele aber jetzt ſchon anfing, nach hoͤheren Din⸗ gen zu ſtreben und es nicht ertragen konnte, daß, wenn Skir⸗ gal die Verwaltung Litthauens nicht mehr fuͤhren ſollte, nicht er, der Bruder Skirgals und des Koͤniges von Polen, ſon⸗ dern Witowd, der weniger berechtigte Nebenverwandte, den großfuͤrſtlichen Namen erhielt 2). von Garthen: Das hus branten ſy yn dy grunt und me wenn IIIIX. menſchen und houpt vies brochten ſy von dann, keyn hyndernis ſy ha⸗ ten, wenn gros geczoch waz under den littawen, dorume daz Wytold hatte Corbuth Schirgals bruder yn den yſen geſant Jagel dem konige czu Polen. 1) Lindenblattt ſpricht nur von dem Zwieſpalte zwiſchen Wi⸗ towd und Skirgal und von der Gefangennehmung Kariebuts. Dlug oss. p. 136138 erzählt die Sache genauer. Kojalewiez p. 32—33. De Wal T. IV. p. 87, Schloͤzer Geſch. Litth. S. 108. Karamſin B. V. S. 123. 2) Diugoss. I. c. Kojalowiez p. 36 läßt den Herzog Switrigal ſchon im J. 1392 nach Preuſſen entfliehen; doch erwähnen Lin den⸗ blatt und Wigand. in den erſten naͤchſten Jahren feiner noch nicht
Scanseite 653 · Druckseite 639
Friedensverhandlungen des päpftlichen Legaten (1393). 639 Bald darauf kam auch der paͤpſtliche Legat Johannes Bi⸗ ſchof von Meſſina in Preuſſen an und im Februar im Haupt⸗ hauſe vom Hochmeiſter wuͤrdig empfangen, begab er ſich zu⸗ naͤchſt nach Litthauen, um ſich dort über die neugeſtalteten Verhaͤltniſſe des kirchlichen Weſens und uͤber die Lage der Neubekehrten zuvor genauer zu unterrichten, weil eine ſolche Kenntniß der wahren Beſchaffenheit der Verhaͤltniſſe in Lit⸗ thauen zur Beſeitigung des Streites zwiſchen Polen und dem Orden unumgaͤnglich noͤthig war, denn dieſes ſchien jetzt das Wichtigſte, weil fuͤr die Unterſuchung der Streitſache zwiſchen dem Erzbiſchofe und dem Orden in Livland über einzelne Punkte erſt wieder naͤhere Befehle aus Rom erwartet und deshalb die Eroͤrterung der Sache weiter hinausgeſchoben wer⸗ den mußte. Hierauf leitete der Legat noch vor Oſtern nach dem Auftrage des Papſtes die Unterhandlungen zur Ausglei⸗ chung der Mißverhaͤltniſſe zwiſchen dem Orden und der Krone Polens ein, indem er dem Meiſter vorſtellte, wie ſehr ein fe⸗ ſter Frieden zwiſchen beiden und den neugetauften Litthauern der ſehnliche Wunſch des Papſtes ſey, zumal da er ſelbſt zu Wilna ſchon mehre Kirchen erbaut geſehen und Augenzeuge geweſen ſey, wie der Koͤnig von Polen und eine ſehr große Zahl geiaufter Litthauer einer Proceſſion des Biſchofs von Wilna beigewohnt haͤtten). Der Meiſter erklaͤrte fi), wie weiter. Kogebue Switrigail, ein Beitrag zu den Geſchichten von Litthauen, Rußland, Polen und Preuſſ. S. 23 fest viel wahrſcheinli⸗ cher die Flucht erſt ins J. 1393. Schloͤzer a. a. O. legt ihm im J. 1393 unter dem Hochmeiſter Konrad von Jungingen ſogar die Er⸗ oberung von Stramel, Surasz und Grodno bei, was offenbar ganz unrichtig iſt. 1) In den Verhandlungen hierüber im Fol. F. p. 37 ſagt unter andern der Legat: Dictus dominus noster cupiens et desiderans eri- stianitatis pacem et requiem et ad evitanda scandala, que evenire possent, vestram magnificentiam hortatur attente, quatenus cum do- mino Wladislao rege polonie et aliis Litwanis noviter baptizatis, prout in partibus litwanie de mandato ipsius domini nostri ex vera informacione percepimus et oculis propriis vidimus plures erectas ecclesias necnon episcopum Wilnensem per ipsam civitatem Wilne
Scanseite 654 · Druckseite 640
640 Friedensverhandlungen des paͤpſtlichen Legaten (1393). früher fo auch jetzt zum Frieden ſehr geneigt, ſobald der Köͤ⸗ nig ſich am Rechte genuͤgen laſſe, die Gefangenen des Ordens frei gegeben und dem letztern eine feſte Sicherheit und Buͤrg⸗ ſchaft des Friedens fuͤr die nahen Ordenslande geſtellt werde. Ein Scheinfriede aber, unter welchem die Litthauer mit Waf⸗ fen, Roſſen und Kriegswerkzeugen nur noch mehr verſorgt und zum Kampfe gegen die Chriſten nur muthiger und hartnaͤcki⸗ ger gemacht wuͤrden, wie es bisher geſchehen, koͤnne dem Or⸗ den nicht frommen 1). Da nun der Legat bereits auch mit dem Könige die nö= thige Verabredung getroffen, ſo ward ein Verhandlungstag feſtgeſetzt, zu welchem ſich am ſechſten Mai der Koͤnig zu Neu⸗Leſlau und der Hochmeiſter nebſt dem Meiſter von Liv⸗ land zu Thorn einfinden und einige Wochen vor und nach den Verhandlungen ein Waffenſtillſtand eintreten ſollte, um nach des Papſtes ausdruͤcklichem Auftrage durch Vermittlung des Legaten alle Mißhelligkeiten auszugleichen. Der Koͤnig gab hiezu auch ſeine urkundliche Zuſicherung und verſprach, wenigſtens der Form nach, alles puͤnktlich zu erfuͤllen 2). Nach⸗ dem der Hochmeiſter ſofort ſeine vornehmſten Gebietiger nach Marienburg berufen und auch der Meiſter von Livland eiligſt herbeigekommen war, um zuvor die wichtigſten Friedenspunkte in Berathung zu ziehen, begab er ſich zur beſtimmten Zeit in Begleitung ſeiner oberſten Gebietiger und der Biſchoͤfe von Re⸗ val, Johannes von Pomeſanien, Heinrich von Ermland und Heinrich von Samland nach Thorn, wo der Legat ſeine Woh⸗ nung im Prediger⸗Kloſter von S. Nicolaus nahm, doch wegen processionaliter incedentem, quem sequebatur dietus dominus rex et aliorum Litwanorum baptizatorum maxima multitudo, pacem et con- cordiam faciatis, salvo semper statu et honore magnificentie et or- dinis antedicti. 1) Die Verhandlungen hierüber zwiſchen dem Hochmeiſter und dem Legaten im Fol. F. p. 37—39. 2) Originalurk. dat. Posnan. feria tercia proxima post domini- cam Palmar., que est prima Aprilis a. d. 1393 im geh. Arch. Schiebl. 62. Nr. 5.
Scanseite 655 · Druckseite 641
Friedensverhandlungen des paͤpſtlichen Legaten (1393). 641 Krankheit die Unterhandlungen nicht ſogleich beginnen konnte. Auch der König hatte ſich in Neu-Leſlau endlich eingefunden und die Verhandlungen wurden nun eroͤffnet. Zehn Tage verbrachte man in gegenſeitigen Klagen und Anforderungen, ohne daß ein Erfolg ſichtbar war, denn was der Koͤnig oder ſeine Bevollmaͤchtigten an einem Tage zugegeben und einge⸗ ſtanden, wurde am folgenden Tage widerrufen, wozu noch kam, daß der paͤpſtliche Vermittler, fortwaͤhrend an das Kran⸗ kenbette gefeſſelt, wenig in die Verhandlungen eingreifen konnte. Überhaupt war es dem Koͤnige offenbar kein rechter Ernſt mit der Friedensſache, wie beſonders daraus klar hervorging, daß er plotzlich, mitten im Gange der Unterhandlungen ohne An⸗ zeige beim Legaten Neu⸗Leſlau verließ und feinen Bruder Skirgal, der nach der Verabredung am Tage hatte Theil neh⸗ men ſollen, wie es ſcheint, nicht einmal herbeigerufen hatte. Da nun der Meiſter es nicht nur zwecklos fand, laͤnger in Thorn zu verweilen, ſondern in des Koͤniges ploͤtzlicher Ent⸗ fernung auch irgend einen heimlichen Plan zum Verderben ſei⸗ nes Landes vermuthete ), fo erbat er ſich vom Legaten die Erlaubniß, nach Marienburg mit den Seinen zuruͤckzukehren, und es blieb ſomit dieſer Verhandlungstag ohne weitern Er⸗ folg 2). Der Legat verweilte noch einige Zeit zu Thorn, um mit den Biſchoͤfen von Pomeſanien, Ermland und Samland wegen der vom paͤpſtlichen Stuhle ihm zugewieſenen Legaten⸗ Gelder das Noͤthige zu verhandeln, erließ ſie ihnen jedoch zum 1) Der Hochmeiſter erklärte vor dem Legaten: Rex Polonie, sicut B. v. intellexit, pendente ipso termine illecenciatus a loco sibi de- putato recessit, Skirgalo eciam quem B. v. in eodem loco et tem- pore comparendum decreverat, non comparuit, de quo non presu- mimus aliud nisi quod medio tempore in nostrum et ordinis nostri deterius machinetur. 2) Das hierüber abgefaßte Notariatsinſtrument, dat.: In Cenobio s. Nicolai fratrum ordinis predicatorum sito extra muros antique Ci- vitatis Thorun decima septima die mensis Maji a. d. 1393 im geh. Arch. Schiebl. 62. Nr. 4. Lindenblatt S. 91. Wigand. berührt die Sache ganz kurz. Vgl. Hennig zu Lucas David B. VII S. 248. V. 41
Scanseite 656 · Druckseite 642
642 Friedens verhandlungen des paͤpſtlichen Legaten (1393). Theil auf ihre dagegen erhobenen Vorſtellungen, wie er ſagte, aus Ruͤckſicht ihrer ſowohl gegen den Papſt als gegen ihn ſelbſt an den Tag gelegten ausgezeichneten Zuneigung ). Dem Biſchofe von Kulm dagegen wurde dieſe Beguͤnſtigung, wie es ſcheint, nicht zu Theil, ohne Zweifel weil er ſich ſchon da⸗ mals, wie gewoͤhnlich, nicht in ſeinem Biſthum aufhielt, ſon⸗ dern ſeines uneinigen Verhaͤltniſſes wegen mit dem Orden meiſt auswaͤrts lebte und ſich uͤberhaupt um ſeine Kirche und ſein biſchoͤfliches Amt wenig oder nicht bekuͤmmerte 2). Wie aber dieſe Bemuͤhungen des Legaten um den Frie⸗ den mit Polen voͤllig fruchtlos blieben, ſo war auch der Zweck ſeiner Sendung zur Unterſuchung der Streitſache in Livland völlig vereitelt, denn man hatte es mittlerweile am Nömifchen Hofe dahin gebracht, daß der Papſt befahl, daß alle weitern Verhandlungen in der Angelegenheit der Rigaiſchen Kirche und alſo auch die naͤhere Unterſuchung des Legaten bis auf naͤchſte Michaeli ruhen ſollten ). 1) Urkunde des Legaten hieruͤber, dat.: in Thorun a. d. 1393 die XX mensis Maji in den Privileg. eccles. Pomesan. p. XIV. und eine andere Urkunde im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 27. 2) Der Biſchof Nicol. von Kulm, der nicht, wie Hartknoch Kirchengeſchichte S. 163 angiebt, im J. 1392 Biſchof von Camin wurde, ſondern nach Lindenblatt S. 118 in übereinſtimmung mit einem Briefe des Hochmeiſters an den Papſt bis zum J. 1398 Biſchof zu Kulm blieb, wird in der erwaͤhnten urkunde nicht genannt; er be⸗ fand ſich, wie wir aus einem in der nachfolgenden Anmerk. beruͤhrten Briefe erſehen, um dieſe Zeit in Rom. Der Hochmeiſter klagt nach⸗ mals im J. 1398 beim Papſt über feine Öftere und lange Abweſenheit und uͤber die Nachlaͤſſigkeiten in ſeinem Amte. 3) Dieſe Nachricht giebt ein Brief des Licent. Theodorich von Ole an den Livland. Meiſter, worin jener meldet: Ante adventum meum huc per paucos dies papa de speciali gracia suspendit omnes causas Rigenses et etiam Episcopi Curoniensis usque ad festum b. Michaelis et credo prout percepi, quod committet in partibus duo- bus prelatis, ut ponent partes ad pacem in amicicia vel iure. Der Brief, dat.: Rome die sexta Junü, iſt ohne Jahrangabe, gehört aber hoͤchſt wahrſcheinlich in dieſe Zeit. Die paͤpſtl. Bulle, deren Arndt Th. II. S. 114 als vom 10. März im 4. Jahre des Pontificats, wie
Scanseite 657 · Druckseite 643
Kriegszug nach Maſovien (1393). 643 Kaum hatte indeß der Meifter feinen Blick von dem ver: eitelten Friedenswerke hinweggewandt, als er ihn ſogleich wie⸗ der auf Krieg und Fehde richten mußte. Er erhielt die Nach⸗ richt, daß Herzog Johannes von Maſovien, der ſchon laͤngſt mit dem Könige von Polen vereint eine feindliche Rolle gegen den Orden geſpielt, in der Naͤhe der Ordensgraͤnzen eine neue Feſte erbaut habe, die, von ihm die Slotorie genannt, den nahen Ordenslanden große Gefahr und Verderben bringen konnte, weil fie für die in Preuſſen einfallenden Litthauer ein ſicherer Sammelplatz und eine feſte Schutzwehr bei ihrer Ruͤck⸗ flucht geweſen waͤre. Auf des Meiſters Geheiß zog daher als⸗ bald der Komthur zu Balga Graf Konrad von Kyburg nebſt den Pflegern von Barten und Raſtenburg gegen die Burg an und zwar ſo unvermuthet und ſchnell, daß Herzog Johannes, der ſich eben mit vielen ſeiner Vornehmen dort befand, von den Ordensrittern gefangen genommen und nachdem er ſeine neue Feſte in Flammen hatte aufgehen ſehen, nacktes Fußes auf ein Pferd geſetzt bis auf die Burg Wisna gefuͤhrt wurde. Dort mit der uͤbrigen Beute von Geld und Kleinodien, von Gold und Silber ſich benuͤgend, die nach der Schaͤtzung des Feindes ſich auf den Werth von zweitauſend Schock Groſchen beliefen, ließen die Ritter den Herzog wieder frei und kehrten ins Ordensgebiet zuruck). Alsbald aber ſchloß ſich der Heer⸗ haufen Konrads von Kyburg der Streitmacht des Ordensmar⸗ ſchalls an, der vereint mit einigen andern Gebietigern und durch fremde Kriegsgaͤſte verſtaͤrkt, auf des Meiſters Befehl gen Garthen aufbrach, um dieſe eben im neuen Aufbau be⸗ auch Kotzebue B. III. S. 830 erwahnt, ſteht der Angabe dieſes Brie⸗ fes nicht entgegen, denn fie hat im Original im geh. Arch. Schiebl. VIII. Nr. 1 das Datum: Rome VI Idus Mart. p. an. quinto (10. März 1394), gehört alſo nicht mehr in die Zeit Konrads von Wal: lenrod. 1) Außer Lindenblatt S. 91 erwähnt dieſes Zuges auch eine Klagſchrift der Polen im Fol. Prussiae Compositio p. 48 im geh. Arch. wo freilich die unrichtige Jahreszahl 1379 vorkemmt. Die Feſte, hier turris seu fortalicium genannt, hat den Namen Slotoria. 415
Scanseite 658 · Druckseite 644
644 Des Hochmeiſters Tod (1393). griffene Burg wieder zu vernichten ). Der Zug des Heeres von Rhein aus war nicht ohne Schwierigkeiten, indem die Schiffe und Fahrzeuge uͤber die Seen und Fluͤſſe bis in die Memel zum Theil uͤber Land gefahren werden mußten und der Übergang uͤber dieſen Strom manchem Krieger das Leben koſtete, weil man nirgends eine bequeme Furt finden konnte. Der Zweck indeſſen ward erreicht; die Burg Garthen wurde leicht erſturmt und ſofort durch Feuer wieder vernichtet 2). Das Kriegsheer hatte die Heimat noch nicht erreicht, als ihm die Nachricht von des Hochmeiſters Tod entgegen kam. Konrad war eben von einer kleinen Reiſe nach Kulm, wohin ihm ein Sendbote der Koͤnigin Margaretha von Daͤnemark wichtige Verhandlungen uͤberbracht hatte, ins Haupthaus zu⸗ ruͤckgekehrt, als ihn ploͤtzlich eine ſchwere Krankheit überfiel ). Sie dauerte nur kurze Zeit, denn eine außerordentlich ſtarke innere Hitze zehrte die Lebenskraͤfte fo ſchnell auf, daß die Arzte bald alle Hoffnung aufgaben. Sie wagten es nicht, ſeinen brennenden Durſt durch einen Trunk kaltes Waſſers ſtillen zu laſſen, und ſo ſtarb Konrad am fuͤnfundzwanzigſten Juli des Jahres 1393 keineswegs eines ſanften Todes, gerade an einem Tage, an welchem ein uͤberaus furchtbares Gewit⸗ ter in der Gegend von Marienburg alles in Angſt und Schrek⸗ ken ſetzte“). 1) Alte Preuff. Chron. p. 43. 2) Dlugoss. L. X. p. 138; Wigand. p. 303 noch umſtaͤndlicher. Nach ihm ertranken in der Memel auch ſechs Ordensritter. 3) Der Großkomthur meldet der Koͤnigin, daß ihr Botſchafter huc veniens commissa sibi per S. v. racionabiliter expedivit, sed Jicet ipso huc veniente Magistrum nostrum sanum adhuc et in Col- mine invenerit, brevissimo tamen posthec tempore valida egritudine occupatns. S. Hennig zu Lucas David B. VII. S. 251. 4) Dieß ſcheint nach Lindenblatt S. 92 und Dusburg Snppl. c. 31 das einzig Sichere unter den abweichenden Nachrichten über Kon⸗ rads Tod zu ſeyn. Die meiſten fpätern Chroniſten ſchildern aus ur⸗ ſachen, die wir nachher berühren werden, feine Todesart weit graͤßli⸗ cher. Simon Grunau Tr. XIII. c. XV. S. 1 ſagt: „Als er kam vom Tiſche der Ehrung, den er hielte unter Cawen in Litthauen mit
Scanseite 659 · Druckseite 645
Innere Handels verhaͤltniſſe (1393). 645 Es ift über keinen feiner Vorgänger in den Berichten ei- niger Chroniſten ein fo hartes und ſchwer tadelndes Urtheil ausgeſprochen worden und man hat bei keinem ſo viel Muͤhe und Fleiß auf eine Rechtfertigung und Vertheidigung verwen⸗ det, als es bei Konrad von Wallenrod geſchehen iſt. Bevor aber hier die Stimme der Geſchichte richtend uͤber ſeinen Cha⸗ rakter und den Geiſt ſeines Waltens ſich ausſprechen kann, iſt es nothwendig, noch einen pruͤfenden Blick auf die inne⸗ ren Verhaͤltniſſe des Landes zu richten, die ſich unter ſeiner Herrſchaft und durch ſein Einwirken veraͤndert und umgeſtal⸗ tet haben. Der Handel wirkte auch in dieſer Zeit zu maͤchtig auf alle innern Verhaͤltniſſe Preuſſens ein und bedingte uͤberhaupt von jeher das Heil und Gedeihen oder auch Armuth und Noth großer Sollenitaͤt, ſtrafte ihn Gott, und hatte innerlich das laufende Feuer und zog auf Marienburg und ward in einer Nacht ſo krank, daß er um Gottes willen bat um einen Trunk Waſſer; jedoch verbot es der Arzt und es ward ihm nicht, daruͤber ward er unſinnig und biß ſich mit den Hunden und ſtarb jo.” Man ficht hieraus, wie der Moͤnch eindenblatts Nachrichten mit feinen Albernheiten verſchmolzen hat. Dieſe letztern wiederholt mit einigen Zuſaͤtzen auch Lucas David B. VII. S. 252, Schütz p. 89, Leo p. 179, Henneberger S. 297 und durch dieſe gingen fie auf die Neuern über, Hartknoch A und N. Pr. S. 306, den Biographen in den Actis Boruss. B. I. S. 366, Baczko B. II. S. 263 und Kotzebue B. II. S. 281; fie ſprechen von Schwermuth und Raſerei, wovon die frühern Quellen gar nichts wiſſen. Vgl. De Wal T. IV. p. 134-135, wo die verſchiedenen Angaben der Chroniſten zuſammengeſtellt find. — Den Todestag und das Todesjahr betreffend, nennt Lindenblatt den S. Jacobstag 1393 oder den 25. Juli und es ſtimmt damit auch wohl der ſchon er⸗ wähnte Brief des Großkomthurs an die Königin Margaretha überein, worin am 27. Juli (crastino S. Anne) der Tod des Hochmeiſters ge⸗ meldet wird, wobei auf den von Hennig bei Lucas David B. VII. ©. 251 erregten Zweifel wohl kein großes Gewicht gelegt werden darf; auch ſchrieb der Großkomthur den Brief nicht am zweiten, ſondern wohl erſt am dritten Tage nach dem Tode des Meiſters. Daß das Jahr 1393 das richtige Todesjahr iſt, geht aus beiden Quellen klar hervor, wie ſchon Hennig a. a. O. ſagt. Die Angabe des J. 1394 iſt alſo unrichtig; vgl. Lindenblatt S. 363.
Scanseite 660 · Druckseite 646
646 Innere Handelsverhaͤltniſſe (1393). des Landes in einem zu hohen Grade, als daß die Geſchichte nicht immer beſonders auf ihn die Betrachtung hinziehen muͤßte. Auch fuͤr Konrad von Wallenrod war er einer der wichtigſten Gegenſtaͤnde ſeiner Sorgfalt und ſeiner Bemuͤhungen in des Landes Verwaltung. Er nahm es daher auch guͤtig auf, wenn die Hanſe⸗Staͤdte des Landes ihn auf die Hemmungen und Hinderniſſe des Handels ihrer Kaufleute aufmerkſam machten und um Abhuͤlfe druͤckender Verhaͤltniſſe baten. Er that hie⸗ bei jeder Zeit, fo viel ihm irgend möglich war. Als gleich im Anfange feiner Regierung die Hanſe⸗Staͤdte auf einer Tag⸗ fahrt zu Marienburg ihm die Klage vorlegten: der Landhan⸗ del Preuſſens verliere immer mehr an Leben und Ausdehnung, ſeit die Handelsſtraßen überall hin geſperrt ſeyen 1); das Ver: bot der Getreideausfuhr entziehe dem gemeinen Manne alle ſeine Nahrung und nur die Schaͤffer des Ordens, ſowie die, denen die Ausfuhr vom Hochmeiſter als beſondere Beguͤnſti⸗ gung erlaubt werde, ſeyen die Einzigen, welche Nutzen und Gewinn davon zoͤgen, waͤhrend der Landmann dabei nothwen⸗ dig zu Grunde gehen muͤſſe; auch ſey es ungerecht, daß der ſtaͤdtiſche Kaufmann, wenn er auf das Vermögen feiner Schuld⸗ ner, Verſtorbener oder landfluͤchtiger Perſonen wegen haften⸗ der Schulden Beſchlag lege, um ſeine Anforderungen daran geltend zu machen, von den Ordens-Schaͤffern und andern im Intereſſe des Ordens Handel treibenden Herren zuruͤckge⸗ draͤngt werde und nicht zu ſeinem Rechte gelangen koͤnne u. ſ. w. — antwortete ihnen der Meiſter: er werde alles Moͤg⸗ liche anwenden, die Sperre der Handelsſtraßen aufzuheben und hoffe, daß es ihm gelingen werde; die Getreideausfuhr ſolle bis Walpurgis jedermann erlaubt ſeyn und uͤber das Ver⸗ fahren bei Beſchlagnahme des Vermoͤgens wolle er das Noͤ⸗ 1) Ohne Zweifel wegen der feindlichen Verhaͤltniſſe mit den Nach⸗ barländern Polen und Pommern. Die alte Preuſſ. Chron. p. 43 ſagt: Ouch bey desſelben Meiſters geczeiten ſtunt dy ſtroze czwuͤſchen Bre⸗ ſlav und Thorn gefloffen und vorboten bis in das V. Jor, der konig und der Meiſter eyner deme andern czu vordriße. 7
Scanseite 661 · Druckseite 647
Innere Handelsverhaͤltniſſe (1393). 647 thige mit den Gebietigern in nähere Berathung ziehen ). Nicht minder bereitwillig zeigte ſich der Hochmeiſter zur Be⸗ förderung und Erleichterung des Betriebes im Lande in Be⸗ treff der Landesmuͤnze. Man ſtellte ihm vor: die bisher im Lande geltende grobe Muͤnze, als halbe Scoter, Schillinge und Vierchen, ſey für die Landesbewohner, einheimiſche und fremde Kaufleute im Ganzen zwar hinreichend; es werde aber eine kleine Pfennigmuͤnze theils zur Geldausgleichung im ge⸗ meinen Leben, theils fuͤr den armen Mann ſehr nothwendig ſeyn. Man erſuchte daher den Meiſter eine ſolche kleine Münze ſchlagen zu laſſen, doch Anfangs nur in einer maͤßigen Summe von ſechs⸗, acht⸗ oder zehntauſend Mark und etwa auch nur zum Verſuche auf etliche Jahre, nach welchen man fie nach dem Beduͤrfniſſe vermehren oder vermindern koͤnne, da zu be⸗ fuͤrchten ſey, daß fie in zu großer Maſſe die andern Muͤnz⸗ gattungen verdraͤngen werde 2). Der Meiſter, der Bitte gerne nachgebend, ertheilte alsbald dem Muͤnzmeiſter den Auftrag, eine ſolche Muͤnze auszupraͤgen ). Bereitwillig beſtaͤtigte er jeder Zeit alle Beſchluͤſſe der Hanſe⸗Staͤdte auf ihren Tag⸗ fahrten, die nur in irgend einer Hinſicht das Beſte des Lan⸗ des fördern konnten. Da z. B. der in den Städten ſehr über: 1) Recess. Hanseat. p. 52 und Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p- 188. 2) Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 191. Es heißt in dem Vorſtellen: Gnediger herr, uff die muͤntze haben uͤwer ſtete mit enander geret und eyntrechticlich geantwortet alzo, Eyne grobe muͤntze als halbe Schoter, Schillinger und Virechen ez bisher im lande geweſt und noch iſt, do myte die Inwoner dis landes und ouch alle geſte und koufluͤte bisher wol und redelich mite behulfen han und noch von der gnade gots keyn gebreche als muͤntze halben dovon geweſt ez, ſunder eyner münge eyns cleynen pfenninges were wol not im lande, das ſich eyner von deme andern myte entſchichten mochte und ouch ume armer luͤte willen, do⸗ rume bitten uͤwer Stete gemeenlich uͤber gnade mit demut, das uͤwer gnade eyne cleyne muͤntze loſſe ſlaen in eyner meflichen Summen, alze VIIa., VIIM- aber X. mark, und ez do myte eyn Jar tzwee ader dry vorſuche, were ir genuk, man laſſes domite befteen, were ir czu wenig, man ſluge ir abir me. 3) Wir erfehen dieſes aus einem audern Receſſe vom J. 1393, wo es heißt: Von der Muͤntze hat unſer herr der homeiſter bevolen und
Scanseite 662 · Druckseite 648
648 Innere Handelsverhaͤltniſſe (1393). handnehmende Luxus in ſilbernen Geſchmeiden dem Handel und Verkehr im Lande die noͤthigen Geldmittel bedeutend zu ſchmaͤlern anfing und die Umſatzmittel ſich dadurch ſehr ver⸗ ringerten, fo beriethen ſich die Hanfe- Städte auf mehren ih⸗ rer Tagfahrten uͤber die in dieſer Hinſicht nothwendige Be⸗ ſchraͤnkung und faßten endlich den Beſchluß: es ſolle forthin alles ſilberne Geſchmeide, welches die Satzung der Landes⸗ willkuͤhr in feinem Werthe uͤberſchreite, wo man es finde, zum erſtenmale zerſchlagen und dem Eigenthuͤmer wieder gegeben, beim zweitenmale aber weggenommen werden; zugleich aber fand man auch für nothwendig, den Hochmeiſter um gemeſ⸗ ſene Befehle für die Goldſchmiede in Ruͤckſicht der Verferti⸗ gung dieſer Gegenſtaͤnde der Verſchwendung zu bitten ). Mit gleichem Eifer foͤrderte der Meiſter auch gerne alles Einzelne, was in oͤrtlicher Beziehung den innern Handelsbe⸗ trieb in Stadt und Land heben und mehr beleben konnte. Es waren abermals feſte Beſtimmungen uͤber die Schifffahrt auf dem Weichſel⸗Strome nothwendig; Konrad gab fie mit Bei⸗ rath der betheiligten Handels⸗Staͤdte. Thorn erhielt auf fein daruͤber ertheiltes Privilegium außer einem neuen Nathhaufe auch ein neues Kaufhaus und mehre andere zum Handel und Verkehr geeignete Gebaͤude 2), denn der Handel der Thorner hatte ſich im Laufe dieſes Jahrhunderts außerordentlich erwei⸗ tert, ſo daß Thorn jetzt mit eine der erſten Rollen unter den Hanſeatiſchen Staͤdten ſpielte. Nur in den letztern Zeiten war ſein Handelsverkehr nach Polen durch die obwaltenden politi⸗ dirlowbet, das der Muͤntzemeiſter czu Thorun mit den cleynen pfennin⸗ gen ſall uff horen und der nyme ſlan. 1) Recess. Hanseat. p. 59. 69. Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 197. 199. Als koſtbare Schmuckſachen an den Kleidern der Jungfrauen kom⸗ men in der Biographie der heil. Dorothea in dieſer Zeit vor „Vorſpan⸗ nen, Heftchen, Zcepelin’ u. dgl. 2) Das Privilegium, dat: Thorn am Himmelfahrts⸗Abend im J. 1393 im Rathsarchiv zu Thorn Eist. III. Nr. 17, gedruckt in Preuſſ. Samml. B. II. S. 241. Zum Theil find auch die näheren Vorſchriften merkwuͤrdig, die der Hochmeiſter uͤber die Art des Bauens giebt.
Scanseite 663 · Druckseite 649
Handelsverhaͤltniſſe mit England (1393). 649 ſchen Mißhelligkeiten ſehr geſtoͤrt und faſt ganz gehemmt ). Nicht ſelten berief der Meiſter auch die Hanſe-Staͤdte feines Landes zum Beſten ihrer Handelsverhaͤltniſſe zu beſondern Be⸗ rathungen zuſammen, wie ſie denn auch ſelbſt gerne auf ihren eigenen Tagfahrten zur Foͤrderung ihrer Handelsintereſſen ſich an den Meiſter um Rath wandten: ein ſehr oft wiederkehren⸗ der Beweis des Vertrauens, welches zwiſchen ihm und der Buͤrgerſchaft der Städte herrſchte ?). Am ruͤhmlichſten jedoch tritt Konrads Eifer und regſame Thaͤtigkeit fur das Wohl feiner Bürger in feinen Bemuͤhun⸗ gen fuͤr den auswaͤrtigen Handel hervor, denn in alle Han⸗ delsverhaͤltniſſe der Laͤnder, mit denen die Staͤdte Preuſſens in Verbindung ſtanden, wirkte er, ſofern es noͤthig war, zum Beſten ſeiner Bürger ein. So war der Handel mit England trotz aller Bemuͤhungen ſeiner Vorgaͤnger auch jetzt noch kei⸗ neswegs in einem geregelten Zuſtande, denn wenn auch Theue⸗ rung und Getreidemangel in England, wie in Frankreich und den Niederlanden, zuweilen wie in den Jahren 1390 und 1392 Urſache zu einem ſehr regen Handelsleben in Preuſſen gaben, ſo daß man von mehr als dreihundert Schiffen ſpricht, die in dem letztern Jahre beſonders auch aus England in Danzig einliefen, um Getreide zu laden '), fo waren dies nur Erz ſcheinungen der Noth und voruͤbergehender Verhaͤltniſſe. In anderer Hinſicht dagegen unterlag der Handel mit England immer noch ſtarken Hemmungen. Da z. B. die Engländer in ihrem Tuchhandel nach Preuſſen, ungeachtet der in England eingerichteten Tuch⸗Schau und der beſtehenden Tuch⸗Ordnung ), 1) Aus den Hanſeat. Receſſ. Nr. II. p. 195 geht hervor, daß mit Niederländiſchen Tuͤchern ein Handelsverkehr zwiſchen Thorn und War⸗ ſchau Statt gefunden, der im J. 1391 aber gehemmt war. 2) Die Beweiſe hievon in den Hanſeat. Receſſ., beſonders über die in Marienburg gehaltenen Tagfahrten. 3) Schütz p. 88. Huͤllmann Stäaͤdteweſen B. I. S. 225. über die damalige Theuerung u. Hungersnoth in England Henr. de Knygkton de eventib. Angliae p. 2757. 4) Vgl. darüber Huͤllmann a. a. O. B. I. S. 255.
Scanseite 664 · Druckseite 650
650 Handelsverhaͤltniſſe mit England (1393). ſich fortwaͤhrend allerlei Unterſchleife erlaubten, ſo mußte die Einfuhr vom Engliſchen ſchmalen Tuche und von ſ. g. halben Laken verboten werden ), eine Verordnung, die man bald auch auf den Tuchhandel der Niederlande ausdehnen mußte 2). Da man ferner in England fortfuhr, den Preuſſiſchen Kauf⸗ mann mit unrechtmaͤßigen und allen Handelsrechten und Frei⸗ heiten widerſtreitenden Abgaben (Coſtumen) zu belaͤſtigen und ſein Handelsgeſchaͤft damit zu beſchweren, ſo waren die Staͤdte Preuſſens zu dem Beſchluß gezwungen, den Hochmeiſter um ein gleiches Verfahren gegen den Engliſchen Kaufmann in Preuſſen zu erſuchen, ſofern es ihm nicht moͤglich ſey, bei dem Koͤnige und der Stadt London eine Abſtellung der beſchwer⸗ lichen Abgaben und aller andern Handelshinderniſſe zu erlan⸗ gen. Konrad ſtellte alsbald in einem Schreiben an den Koͤ⸗ nig nicht bloß die großen Verluſte ſeiner Unterthanen bei die⸗ ſer fortwaͤhrenden Belaͤſtigung ihres Handels vor, ſondern machte ihn auch beſonders auf die gute Behandlung der Eng⸗ liſchen Kaufleute in Preuſſen aufmerkſam, mit der dringend⸗ ſten Bitte, den Preuſſiſchen Kaufleuten in England mit Glei⸗ chem zu begegnen, damit nicht ſtrenge Maaßregeln nöthig wuͤrden, und wie es ſcheint, blieb dieß nicht ganz ohne Erfolg ). 1) Recess. Hanseat. p. 59. Hanſcat. Receſſ. p. 194. 201. 2) Recess. Hanseat. p. 79, wo es in einem Schreiben an die Niederländer heißt: Wir thun euch kund und zeu wiſſen, das wir um gebrechen willen, den wir dorin gefunden haben umb des gemeinen kouf⸗ manns beſte, loſſen gebitten in allen ſtedten des Landes Preuſſen, das nimand fal quartirlaken hie in dis land bringen, ſonder will ymand halbe laken oder gantze Laken her bringen, dy ſollen haben ihr ſelbende auf beiden enden, werden ſie anders gefunden, ſo ſollen dy Laken ver⸗ loren ſein, ſie ſeind aus was Landen ſie ſeind. Dis bitten wir von euch czu ſchreiben in alle ſtedte, da man laken pflegt czu machen in Holland, Seland, Braband und in Flandern. Vgl. Sartorius Geſch. des Hanf. Bundes B. II. S. 486. 3) Recess. Hanseat. p. 69. 76. 90. Hanſeat. Receſſ. p. 197. 202. Das Schreiben des Hochmeiſters an den König von England bei Ry- mer Foedera T. III. P. IV. p. 85. Es iſt dat.: in Castro nostro Stumis vicesimo septimo die Mensis Marcii an. nonagesimo tertio.
Scanseite 665 · Druckseite 651
Handelsverhaͤltniſſe mit Flandern (1393). 651 In gleicher Weiſe litt der Handel mit den Flamlaͤndern auch unter dieſem Meiſter noch an denſelbigen Gebrechen, wie fruͤherhin, und es gingen noch mehre Jahre hin, ehe man ſich uͤber die gegenſeitigen Anforderungen vereinigen konnte. Schon vor der Wahl dieſes Meiſters war kraft einer Tagſatzung der Hanſe⸗Staͤdte allen Gliedern des Bundes, alſo auch den Staͤd⸗ ten Preuſſens, der Verkehr mit den Flamlaͤndern ſtreng verbo⸗ ten und die Hanſe nahm es ſelbſt befremdend auf, daß von Seiten des Ordens das Verbot nicht geachtet, vielmehr vom Ordens: Schäffer zu Marienburg im Hafen Swen nach wie vor Handel und Verkehr getrieben werde; man gab ſich Muͤhe, auch den Orden, obgleich er außer dem Verbande der Hanſe ſtand, an dieſes Verbot binden zu wollen ). Als indeſſen die Staͤdte Preuſſens dem Meiſter das Anſinnen der Hanſea⸗ ten vorlegten, verlangend, daß uͤberhaupt von allen Handels⸗ leuten des Landes die Verordnung gegen die Flamlaͤnder beob⸗ achtet werden ſolle, erhielten ſie die Antwort: der Orden ſtehe außer dem Geſetz der Hanſe und koͤnne in dem, was zu ſei⸗ ner Bekleidung und feinen ſonſtigen Beduͤrfniſſen gehöre, das Verbot auf keine Weiſe beachten. Alſo blieb auch, waͤhrend der Handel der Preuſſiſchen Staͤdte mit den Flamlaͤndern mehre Jahre ganzlich ſtockte, der Verkehr zwiſchen dieſen und dem Orden fortwährend im Gange und während der ſtaͤdtifche Kauf⸗ mann für feine Handelsgegenſtaͤnde nach Flandern, als Ge⸗ treide, Holz, Pech, Theer, Aſche u. dgl. gar keinen Abſatz mehr fand und die ſonſt aus Flandern bezogenen Handels⸗ waaren, z. B. Ol, Reis, Salz, Tuch u ſ. w. von dorther Jahrelang in die Preuſſiſchen Städte nicht eingeführt werden durften 2), hielt gerade der Orden unter der Regentſchaft die⸗ ſes Meifters zu Brügge einen aͤußerſt einträglichen Markt mit Wachs aus Thorn, Elbing und Rußland, mit Fellen, Kupfer, beſonders aber mit Bernſtein, denn dieſer wurde vorzuͤglich 1) Schreiben der Hanſeſtaͤdte an die in Preuffen in Hanſeat. Re⸗ ceſſ. a. a. O. 2) Recess. Hanseat. p. 49. Hanſcat. Receſſ. p. 201.
Scanseite 666 · Druckseite 652
= 652 Handelsverhäleniff? mit Flandern (1393). feit dem Jahre 1391 in außerordentlicher Menge nach Brügge verfahren und an die dortigen Paternofter= Gewerbe abgeſetzt oder auch ſonſt verkauft. Dafuͤr zog der Orden als einge⸗ kaufte Waaren allerlei Tuchgattungen, Leinwand, Papier, Zucker, Mandeln, Reis und allerlei Gewuͤrzarten, denn mit dem Erloͤs der eingefuͤhrten Waaren konnte nicht nur der Be⸗ trag aller dieſer eingekauften Beduͤrfnißartikel hinlaͤnglich ge⸗ deckt werden, ſondern der Großſchaͤffer erhielt oft auch noch anſehnliche Summen als Überſchuß zuruͤck !). Natürlich lockte ſolcher Gewinn auch manchen Kaufmann aus den Staͤdten, das Handelsverbot zu uͤbertreten und es wurden mehrmals von den ſtaͤdtiſchen Behoͤrden Unterſuchungen gegen ſolche Schleichhaͤndler eingeleitet, die ihre angeblich auf England ein⸗ genommene Ladung in den Hafen Swen gebracht und vor⸗ theilhaft verkauft hatten ), bis endlich nach vielfachen Ver⸗ handlungen auf Tagfahrten und durch Sendboten die Flam⸗ laͤnder ſich zur Entſchaͤdigung der Verluſte des gemeinen Kauf⸗ mannes bereit erklaͤrten und der Handelsbetrieb von Preuſſen aus beſonders nach Brügge, Ypern und Gent im Jahre 1392 von neuem in Gang kam 5). 1) Ein Buch im geh. Arch., betitelt: Des Großſchaͤffers Rechenbuch giebt uͤber den Handel des Ordens nach den Niederlanden, beſonders uͤber den Bernſteinhandel am Ende des vierzehnten und im Anfange des funfzehnten Jahrhunderts manchen intereſſanten Aufſchluß. Der dama⸗ lige Großfhäffer zu Königsberg Walther von Niederhofen erhielt von feinem Geſchaͤftsverwalter in Brügge von Zeit zu Zeit eine genaue Nachweiſung und Berechnung uͤber Verkauf und Einkauf, woraus wir namentlich auch die ſpeciellſten Nachrichten uͤber den Bernſteinhandel in den Niederlanden erhalten. Im Durchſchnitt verkauft der Großſchaͤffer in den drei Jahren 1391 bis 1393 jährlich 30 Faͤſſer kleinen und gro⸗ ßen Stein. Nachſt dem Bernſtein war Wachs einer der gangbarſten Artikel. ! 2) Recess. Hanseat. p. 68. Hanſeat. Receſſ. p. 197. 203. 3) Recess. Hanseat. p. 73—74; nach einem Verzeichniſſe über den Schadenerſatz p. 67 erhielten die Preuſſ. Städte von den Flamlaͤndern 1883 Pfd. Vgl. über dieſen Handelsſtreit Sartorius a. a. O. S. 502 ff.
Scanseite 667 · Druckseite 653
Handelsverhaͤltniſſe mit Dänemark (1393). 653 Auch der Handel mit Dänemark unterlag in dieſen Jah⸗ ren noch manchen Hemmungen und Beſchwerden. Wenn in⸗ deß der Meiſter in der Flamlaͤndiſchen Streitſache wegen der Verhaͤltniſſe der auswärtigen Hanſe⸗Staͤdte weniger wirkſam hatte eingreifen koͤnnen, ſo zog ihn hier ſchon ſein freund⸗ ſchaftliches Einverſtaͤndniß mit der Königin Margaretha zum thaͤtigeren Einwirken fuͤr das Beſte ſeiner Handelsſtaͤdte mit in die Streithaͤndel der nordiſchen Reiche hinein. Als daher der Herzog Johannes von Meklenburg und die Staͤdte Ro⸗ ſtock und Wismar, nachdem der Koͤnig Albrecht von Schwe⸗ den in der Schlacht bei Falköping in die Gefangenſchaft der Koͤnigin Margaretha gefallen war, den Staͤdten Preuſſens meldeten, daß ſie allen Feinden Daͤnemarks ihre Hafen ge⸗ oͤffnet und es nicht mehr geſtatten wollten, daß der Kaufmann irgend eines Landes dieſes Reich fernerhin beſuche und die Koͤ⸗ nigin durch Zufuhr im Kriege ſtaͤrke, und als ſomit auch den Preuſſiſchen Handelsſtaͤdten aller Handelsverkehr mit Daͤne⸗ mark unterfagt ſeyn follte, berief der Hochmeiſter nicht nur alsbald ſeine Staͤdte zuſammen, um ſich in Gemeinſchaft mit ihnen gegen dieſe Maaßregel mit allem Nachdruck zu erklaͤ⸗ ren 1), ſondern er wandte ſich auch fofort an den Herzog von Meklenburg und an die beiden Staͤdte ſelbſt, mit der ernſten Eroͤffnung, daß er es ſchwer aufnehmen muͤſſe, wenn ſie es wagen ſollten, den Handel Preuſſens nach Daͤnemark in ir⸗ gend einer Weiſe zu ſtören ). Zwar litten die Preuffifchen Kaufleute dennoch durch die Roſtocker und Wismarer beſonders 1) Recess. Hanseat. p. 55-56, Die Preuſſ. Städte erklärten unter andern den Staͤdten Rofto und Wismar im 3. 1391: Als ihr uns ſchreibet, das ihr ewer Havene geofnet habet allen den yenen, dy auf ihr eigen ebentheuer wollen keren und faren, das reich czu Dennemar⸗ ken czu beſchedigende, das uns unbequeme und gar unbillich duͤnket umb des gemeinen koufmanns willen, der in diſſen ſachen von beiden ſeiten freund iſt und nichts czu ſchicken hat mit ewerem kriege. Ein Schrei⸗ ben der Preuſſ. Städte an den Herzog von Meklenburg ähnliches In⸗ halts in Hanſeat. Receſſ. p. 191. 2) Schreiben des Hochmeiſters an Herzog Johann von Meklenburg im Regiſtrant. p. 29.
Scanseite 668 · Druckseite 654
654 Die Vitalienbruͤder (1393). bei Bornholm manchen bedeutenden Schaden; allein die nach⸗ druͤckliche Sprache des Hochmeiſters hatte doch den Erfolg, daß die beiden Staͤdte auf die bei den Hanſe-Staͤdten des⸗ halb erhobene Klage nicht nur vollkommenen Schadenerſatz verhießen, ſondern auch offen ihr Bedauern und ihren Unwil⸗ len uͤber die Unbill ausſprachen, mit der dringendſten Bitte, ihnen die geſchehene Unthat nicht zu hoch anzurechnen 1). So ſehr indeſſen die beiden Staͤdte ſelbſt forthin auch bemuͤht waren, die Seefahrer aus Preuſſen zu ſichern und zu ſchonen, fo wurde doch bald durch die von ihnen ergriffene Maaßregel, ſowohl aus ihren als den benachbarten Landen die Seeraͤuber aufzufordern, theils die Laͤnder der Koͤnigin überall anzugreifen und auszupluͤndern, theils das dem Koͤ⸗ nige Albrecht von Schweden noch treu gebliebene und von der Koͤnigin belagerte Stockholm mit Lebensmitteln zu verſorgen, die offene See mit einer ſolchen Zahl von Piraten und aller⸗ lei loſem und raͤuberiſchem Geſindel angefuͤllt, daß fortan kein Kauffahrteiſchiff auf dem Meere mehr ſicher war 2), denn die⸗ ſes raubgierige Seevolk, von feinem vorgeblichen Zwecke, Stock⸗ holm mit Lebensmitteln oder Vitalien zu verſorgen, gemeinhin Vitalianer, Vitalienbruͤder, wohl auch Liekendeler oder Gleich⸗ beuter genannt ), vermehrte ſich in kurzer Zeit zu einer ſol⸗ 1) Recess. Hanseat. p. 58. 2) Schreiben der Luͤbecker an die Preuff. Städte im Recess. Han- sent. p. 75. Sartorius B. II. S. 245. über die Vitalienbruͤder vorzuͤglich die Schrift von Jaeger De Hamburgensium infestissimos olim commerciis Germaniae septentrionalis piratas opprimentium me- ritis. Hamb. 1828 p. 10—11. 3) Die hie und da wiederholte Behauptung, nach welcher dieſe Vitalienbruͤder als eine neue Erſcheinung dieſer Zeit betrachtet werden, ift von Jueger J. c. ſchon dadurch berichtigt worden, daß er ſagt: Tum Rostochiensium et Vismariensium proceres publica voce in propriis et finitimis territoriis omnes, qui piraticam exercere et suo quisque periculo aut lucro, inre tamen urbium, paratis undecunque navibus tria regna illa aggredi et depraedari Holmiamque commeatu instruere vellent, ad arma exciverunt. Als Seeräuber und unter dieſem allge⸗ meinen Namen waren die Vitalienbruͤder ſchon laͤngſt auf der See ges
Scanseite 669 · Druckseite 655
Die Vitalienbrüder (1393). 655 chen zahlloſen Menge und achtete bei feiner Raubſucht fo we⸗ nig Freund und Feind, daß man wie in andern Hanſe⸗Staͤd⸗ ten des Nordens, ſo auch in Preuſſen zu der Verordnung ſeine Zuflucht nehmen mußte, jeder Zeit aus einem Hafen nur Flotten von mindeſtens zehn Schiffen, niemals aber ein ein⸗ zelnes Schiff auslaufen und durch den Sund ſegeln zu laſſen, ein Geſetz, welches dem Kaufmanne in Preuſſen auf einer Tagfahrt zu Marienburg mit der Weiſung gegeben wurde, daß jeder dawider Handelnde in fuͤnf Jahren ſein Schiff nicht wieder befrachten ſolle!). Allein auch dieſe Maaßregel fruch⸗ tete bald nicht viel, denn da die Menge der kuͤhnen, raͤuberi⸗ ſchen Abenteurer ſich taͤglich vermehrte, die Zahl ihrer Schiffe, die fie überall, wo fie fie fanden, wegnahmen, immer größer ward und ſie nun ebenfalls nicht mehr bloß in einzelnen Schif⸗ fuͤrchtet und die Hanſeatiſchen Receſſe uͤber die J. 1375 bis 1390 ſind voll von Klagen über ihr räuberifches unweſen. Sie treten jetzt nur unter dem beſtimmten Namen Vitalienbruͤder hervor: ab annona, qua Holmiam se recreaturos prae se ferebant, nomen suae indiderunt factioni, ac Vitalianos fratres barbaro vocabulo, vernacula Victua- lienbrüder, vel a praeda aequa sorte distribuenda Gleichbenter vel Liekendeler sese vocabant, wie Jaeger p. 10 ſagt. Unrichtig iſt es, ihnen mit Fiſcher Geſch. des Deutſ. Handels B. II. S. 151 ſchon vom J. 1373 an den Namen Victualienbruͤder zu geben, wie denn überhaupt in der Beſchreibung des Seeräͤuberweſens auf der Dftfee B. II. S. 172 ff. große Verwirrung in den Angaben herrſcht. In den Urkunden des geh. Arch. kommen fie unter dem Namen Vitalien⸗ bruͤder zuerſt im J. 1393 in einem Schreiben an einen Kardinal vor, in welchem erwähnt wird, daß fie damals ſich auch an der Livläͤndi⸗ ſchen Küfte, bei Defel und Reval in ſtarker Zahl gezeigt. Es werden mehre ihrer Hauptleute (Capitanei) namentlich genannt, z. B. Hening Manteufel, Olav Schutte; dann heißt es: Eorum numerus continue dinoscitur augmentari, nam nt asseritur, dicti pirate publice procla- muri et insinuari fecerunt, quod omnes malefiei omnesque profugi sive proscripti ad eos secure possunt venire in Civitatibus, Castris et locis quibus vis eis subditis et ad eorum adherentes spectantibus sine timore aliquo. Isti enim pirate nominant se fratres victualium, nemini parcentes, quoslibet indifferenter invadentes ac depredantes. 1) Recess. Hanseat. p. 76. Hanſeat. Receſſ. p. 199.
Scanseite 670 · Druckseite 656
656 Die Vitalienbrüder (1393). fen, ſondern in Flotten die offene See durchkreuzten, da fie ſich uͤberdieß bald der Inſel Gothland bemaͤchtigten, Wisby befeſtigten und ſo fuͤr die Winterzeit und gegen Stuͤrme einen feſten Zufluchtsort und Aufenthalt, wie fuͤr den Raub eine ſichere Niederlage gewannen, ſo konnte ſich auf der See bald nichts mehr vor ihrer Raubgier retten!). Man fand endlich in den Hanſeatiſchen Berathungen nur darin noch ein Mittel gegen dieſes allgemeinverderbliche Unweſen, daß man alles aufbieten muͤſſe, den für die Städte nicht nur völlig nutzloſen, ſondern ſogar hoͤchſt nachtheiligen Streit zwiſchen der Koͤnigin und den Meklenburgern ſobald als moͤglich beizulegen, weil eben dieſer Streit beſtaͤndig der Deckmantel für die unaufhoͤr⸗ lichen Raͤubereien war. Allein die Unterhandlungen fanden große Schwierigkeiten. Von Seiten der Preuſſiſchen Hanſe⸗ Staͤdte ward auf einer Tagfahrt zu Marienburg im Jahre 1392 der Beſchluß gefaßt, von der Koͤnigin entweder des Schwediſchen Koͤniges Freilaſſung gegen eine angemeſſene Geld⸗ ſumme oder Schadenerſatz und vollſtaͤndige Verguͤtung aller Verluſte zu verlangen, die der Kaufmann und Seefahrer aus Preuſſen ſeit faſt zwanzig Jahren von den Daͤnen erlitten, und wofern die Königin in keins von beiden willigen werde, Schiff⸗ fahrt und Handel mit Daͤnemark voͤllig aufzuheben. Dieß gab zu einer Menge von Tagfahrten und Verhandlungen theils in Preuſſen ſelbſt, theils in Luͤbeck und andern Hanſe-Staͤd⸗ ten Anlaß. Die Preuſſiſchen Staͤdte wandten ſich in den An⸗ forderungen wegen ihrer Verluſte ſchwer klagend auch an den Meiſter; man legte ihm große Verzeichniſſe des ſeit vielen Jahren erlittenen Schadens vor; er griff auch thaͤtig und eif⸗ rig mit in die Verhandlungen ein. Allein die Königin wies 1) Handſchriftliche Quellen ergeben hieruͤber weit mehr, als was in kurzem bei Langebeck Script. rer. Danic. T. I. Petri Olai Chron. reg. Dan. p. 136-157, ejusd. Annal Dan. p. 192. Hamsfort. Chro- nol. p. 317 u. A. fagen. Bei Fant Script. rer. Suecicar. T. I. p. 30 heißt es beim J. 1392: Multitudo piratarum replevit mare tam orien- tale quam oceidentale ita quod post nulla mercimonia potuerit ad istas partes Swecie afferri. Corners Chron. p. 11641165,
Scanseite 671 · Druckseite 657
Handelsverhaͤltniſſe mit Rußland (1393). 657 die Freilaſſung des Schwediſchen Koͤniges ohne weiteres zu⸗ ruͤck; den ihr vorgelegten Schaden der Preuſſiſchen Staͤdte er⸗ kannte ſie nur theilweiſe an und erbot ſich daher auch nur zu einigem Erſatze, ſo daß endlich, wiewohl doch erſt nach des Meiſters Tod, auf den Vorſchlag Lübecks und mit Zuſtimmung der Preuſſiſchen Handelsſtaͤdte alle Handelsverhaͤltniſſe mit Daͤ⸗ nemark aufgehoben und ſomit auch aller Verkehr zwiſchen Preuſſen und dieſem Reiche eine Zeitlang gaͤnzlich unterbrochen wurde). Wie der Hochmeiſter in dieſer Angelegenheit bei ſeinem freundſchaftlichen Verhaͤltniſſe zur Koͤnigin ſich wieder⸗ holt alle Mühe gegeben, die Mißhelligkeiten zwiſchen ihr und feinen Städten guͤtlich auszugleichen und den letztern zu ihren gerechten Forderungen zu verhelfen, ſo war daſſelbe auch bei dem Meklenburgiſchen Herzoge und bei den Staͤdten Roſtock und Wismar geſchehen, weil durch deren Schuld der Kauf⸗ mann aus Preuſſen ebenfalls große Verluſte erlitten 2). Nicht minder eifrig war der Hochmeiſter in Verbindung mit feinen Handelsſtaͤdten auch bemüht, dem Handel nach Rußland unbeſchraͤnktere Freiheit und regeres Leben zu ver⸗ ſchaffen. Novgorod hatte freilich um dieſe Zeit feine frühere ſchoͤne Bluͤthe zum Theil ſchon verloren, denn ſtuͤrmiſche Kriegs⸗ verhaͤltniſſe hatten auch hier ins friedliche Handelsleben ver⸗ derblich eingewirkt?). Indeß wiederholten doch ſchon im Jahre 1390 die Preuſſiſchen Handelsſtaͤdie beim Meiſter die Bitte, dafür zu ſorgen, daß ſie in Rechten und Freiheiten im Han⸗ del nach Novgorod den uͤbrigen Seeſtaͤdten vollkommen gleich geſtellt würden *), denn wie wir früher ſahen, hatten die —— EEE 1) Am vollſtaͤndigſten finden ſich dieſe Nachrichten in den Hanſeat. Receſſ. p. 203210 und im Recess. Hanseat. p. 831—101, wo eine Menge von Briefen, Tagſatzungen und Receſſen uͤber die gegenſeitigen Verhandlungen ſtehen. 2) Schreiben des Hochmeiſters an die Koͤnigin Margaretha im Regiſtrant. p. 21-25. Hanſcat. Receſſ. P. 195. 3) über das Allgemeine in Beziehung auf den wear nach Ruf: land in dieſer Zeit vgl. Sartorius a. a. O. 428. 4) Es heißt daruͤber in einer Tagſatzung zu t im J 42
Scanseite 672 · Druckseite 658
658 Handelsverhaͤltniſſe mit Rußland (1393). Deutſchen Hanfe= Städte nicht nur dem Orden ſelbſt die Er: laubniß, am Handel nach Rußland auf eigene Rechnung Theil nehmen zu duͤrfen, geradezu verweigert, ſondern auch den Preuſſiſchen Bundesſtaͤdten mancherlei Beſchraͤnkungen in ih⸗ rem Verkehre dahin in den Weg gelegt. Nachdem die Ver⸗ handlungen daruͤber ſich einige Jahre hingezogen, erreichten die Preuſſiſchen Staͤdte endlich ihren Zweck, denn in einer von Sendboten aus Luͤbeck und dieſen Städten mit den Ruf: ſen abgeſchloſſenen neuen Berichtung wurden die Preuſſen in ihren Handelsrechten und Freiheiten den andern Hanſe⸗Staͤd⸗ ten völlig gleich geſtellt und fie erſuchten nun auch den Hoch⸗ meiſter um die noͤthigen Anordnungen zur Aufrechthaltung die⸗ ſer Handelsfreiheit, z. B. um die Anſtellung eines Older⸗ manns zu Novgorod, der ihr Intereſſe dort jeder Zeit vertre⸗ ten koͤnnen). Dieſes Beiſpiel der Städte aber bewog den Hochmeiſter zur Erneuerung ſeiner Forderung, daß auch dem Orden in feinem Verkehre nach Novgorod gleiche Freiheiten und Rechte, wie den Gliedern der Hanſe zugeſtanden werden muͤßten 2). Vorerſt indeß ſcheint dieß ohne Erfolg geblieben zu ſeyn, vielleicht weil des Meiſters baldiger Tod die weitern Unterhandlungen hemmte. Wie in ſolcher Weiſe ſowohl im Binnen- als im aus⸗ waͤrtigen Handel Preuſſens manches in dieſer Zeit eine andere Richtung gewann, ſo wurden auch verſchiedene andere Lan⸗ desverhaͤltniſſe in Beziehung auf den Kleinſtaͤdter und Land⸗ 1390: Von der Nougardiſchen Reiſe is der Stete Rat, das man die ſache rede mit unſerm herrn dem homeiſter, ob man tage worde hal⸗ den von den gemeynen Steten mit den Ruſſen umme vrede czu dir⸗ werben, das her ſine brive geruche czu ſchriben an den Meiſter in lyf⸗ lande, ob die Ruſſen mit den obirſeſchen Steten eynen tag hilden und frede machten, das her die kowfluͤwte von Prüffen dorynnen fo beſorge, das ſie vulkommen mit den Seeſteten ſien in allem rechte und ſachin glich den andirn ſteten. Die Sache wurde dann auch im J. 1391 wie⸗ der angeregt. 1) Bericht der Preuſſ. Hanſeſtaͤdte hieruͤber an den Hochmeiſter in Hanfeat. Recefj. p. 196 und Recess. Hanseat. p. 71. 2) Recess. Hanseat. p. 72.
Scanseite 673 · Druckseite 659
Innere Verwaltung (1393). 659 bewohner beſſer geregelt und geordnet. Es wurde unter an⸗ dern geſetzlich beſtimmt, daß beſonders um der armen Leute willen das Brod bei den Baͤckern gewogen werden und die Tonne Bier einen beſtimmten Preis gelten ſolle !). Ebenſo ſollte das Salz, welches vorzüglich aus Lüneburg die Elbe herab uͤber Hamburg nach Preuſſen kam 2), in Tonnen ge⸗ wogen und mit einem beſtimmten Zeichen verſehen werden, zum Beweiſe, daß das Gewicht richtig befunden ſey; wer aber anderes als ſo bezeichnetes Salz kaufe oder verkaufe, ſolle einer feſtgeſetzten Strafe unterliegen). Zum Beſten des Lan⸗ des ward ferner auch das Verbot erneuert, Wismariſches Bier in Preuffen einzuführen, denn ſchon der Vorgaͤnger dieſes Hoch⸗ meiſters war durch einen Aufſtand der Stadtgemeine zu Dan⸗ zig, der wegen des Verkaufes dieſes Bieres dort entſtanden war und wobei der gemeine Haufe dem Rathe der Stadt mit dem Tode gedroht hatte, zum Verbote der Einfuhr ver⸗ anlaßt worden, weshalb auch dieſer Meiſter das Geſuch des Rathes von Bremen fuͤr einen ſeiner Buͤrger, der dennoch ſolches Bier nach Danzig gefuͤhrt und es durch Beſchlagnahme des dortigen Komthurs verloren hatte, ohne weiteres zuruͤck⸗ wies ). Wenn demnach der zeitgenoͤſſiſche Chroniſt von dieſem Meiſter mit Recht ſagen konnte, er habe „den Staͤdten des Landes guͤtlich gethan und ſey ihnen milde geweſen,“ ſo ruͤhmte er von ihm mit gleichem Rechte, er habe ſich auch dem Land⸗ 1) Hanfeat. Receſſ. p. 209, wo es als eine Beſtimmung des Mei⸗ ſters erwaͤhnt wird, daß man „das brot ſal wegen durch der Armut willen, und eine thunne birs ſal man um VIII ſcot geben.“ 2) Huͤllmann Staͤdteweſen B. I. S. 279. 3) Recess. Hanseat. p. 77. 80. Hanſeat. Receſſ. p 200. 4) Brief des Hochmeiſters an den Rath von Bremen im Regiſtrant. p. 79. Der Meiſter ſchreibt: Wir bitten ewir libe mit luterem fliſe, das ir uns des nicht vorkeret noch uns dorum vordenket, wann ein ſolch gebot geſchen iſt nicht ewir ſtat adir ymande czu widerdris, ſun⸗ der umb gemeynis nutzis und frommes willen des landes czu Prewſin und der Stat czu Danczk, dorczu ouch bitter not fwang das man is tun muſte. 42 *
Scanseite 674 · Druckseite 660
660 Innere Verwaltung (1393). volke guͤtig und milde bewieſen und mit Srenge darauf geſe⸗ hen, daß den gemeinen Landbewohnern von Gebietigern und Komthuren keine Gewalt und Ungerechtigkeit geſchehe ). Auch hieruͤber ſprechen noch jetzt Beweiſe. Wenn die Bewohner ei⸗ nes Dorfes vor ihm mit Klagen erſchienen uͤber die außer ih⸗ rem Zinſe auf ihren Huben laſtenden beſchwerlichen Schar⸗ werksdienſte, bittend, ſie mit Erhoͤhung des Zinſes von den Dienſten zu befreien, ſo gab der Meiſter darin willig nach und uͤberhob ſie der laͤſtigen Scharwerke, nur den Dammbau an dem nahen Strome ausgenommen, von dem er ſie ohne Gefahr für die ganze Umgegend nicht frei ſprechen konnte 2). Solche Abloͤſung von Scharwerksdienſt und baͤuerlicher Arbeit für die nahen Ordens haͤuſer war auch unter dieſem Meiſter wie in dem Ordensgebiete, ſo in den biſchoͤflichen und Stifts⸗ theilen eine ſehr häufige Erſcheinung und ſelbſt gegen Erhoͤ⸗ hung der Zinsleiſtung den Grundbeſitzern jeder Zeit erwuͤnſcht ). Die meiſten neuen Grundverleihungen geſchahen daher auch ohne die Bedingung von Scharwerksdienſt und baͤuerlicher Ar⸗ beit bald auf Kulmiſches oder Magdeburgiſches, bald auch auf Freilehensrecht, wobei Kriegsdienſt und Beihuͤlfe zum Burgen: bau in herkoͤmmlicher Form bedungen wurden. Neue Dienſte und Leiſtungen kommen beinahe nirgends vor und nur in ſel⸗ tenen Faͤllen wird es den neuen Grundbeſitzern als Pflicht auferlegt, „die Warten mit beſetzen zu helfen, dieweil es Noth thut ).“ In Samland ſtellte der Biſchof hie und da die Verbindlichkeit feſt, außer dem Kriegsdienſte dem Vogte zur Ausbeſſerung von Wegen und Bruͤcken zu Huͤlfe zu ſtehen. Wer ſich dem Orden oder dem Biſchofe durch beſondere Dienſt⸗ gefälligfeit empfohlen, ward durch Vergrößerung feiner Be⸗ 1) Lindenblatt S. 80. 2) Verſchreibungsbuch Nr. 6. p. 10 im geh. Arch. So wird z. B. das Scharwerk und alle baͤuerliche Arbeit der Dorfgemeine von Leſſen vor der Stadt Leſſen dadurch abgelöft, daß die Hube eine halbe Mark Zins mehr auf ſich nimmt. 3) Beiſpiele hievon zahlreich in den Verſchreibungsbuͤchern. 4) Verſchreibungsbuch Nr. 6, wo einige Faͤlle vorkommen.
Scanseite 675 · Druckseite 661
Innere Verwaltung (1393). 661 fisung belohnt). Neuen Grundbeſitzern ward auch jetzt noch oft eine beſtimmte Anzahl Freijahre zu Theil, um waͤhrend der Zeit die Güter in baulichen Stand zu ſetzen. Zum bef- ſern Anbau des Feldes wurde den Beſitzern frei geſtellt, auf ihre Guͤter ſ. g. Gaͤrtner oder Bauern oder ſonſt andere Leute aufzunehmen, uͤber die ſie zugleich die hohe und niedere Ge⸗ richtsbarkeit beſaßen?). Wer fein Gut ſtatt des bisherigen bloßen Erbrechtes fortan zur Verbeſſerung auf Kulmiſches Recht zu beſitzen wuͤnſchte, fand bei dem Meiſter wie bei den Bi⸗ ſchoͤfen ſelten Schwierigkeit und dieſe Umaͤnderung des Beſitz⸗ rechtes fiel ziemlich häufig vor, ſelbſt zu Gunſten von Preuſ⸗ ſen altes Stammes ). Auch dieſen hatte ſich Konrad von Wallenrod ſchon als Ordensmarſchall in vielen Beweiſen guͤn⸗ ſtig und geneigt gezeigt und als Meiſter fuhr er fort in dem Bemühen, aus dem alten Stammvolke ein fleißiges und ar⸗ beitſames Geſchlecht zu bilden und es in jeder Weiſe fuͤr die Landesherrſchaft zu gewinnen. Es war daher ſo weiſe als fuͤr das Volk ſelbſt wohlgethan, daß er zur Handhabung der 1) Urkunde im geh. Arch. Schiebl. XXVI. Nr. 15. Andere Bei⸗ fpiele in den Samlaͤnd. Verſchreibungsbuͤchern. 2) Dann heißt es z. B.: Ouch gebe wir von ſunderlicher gnade dem egenanten Johanni und ſeiner elichen hawsfrawen Katherinen und iren rechten erben gros gerichte und cleyn ober die iren und uff den iren, ob fie in czukonftigen czciten gertener ader gebawer ader andere lewte worden ſetczen uff die egenanten gutere. 3) Nur ein Beiſpiel ſtatt vieler, wo es heißt: Cum Petrus Forke tabernam apud villam nostram Bludaw cum duobus mansis et decent iugeribus sub certis terminis et limitibus iure hereditario tantum et non Colmensi titulo empcionis aliquamdiu possedisset pacifice et quiete, tandem Petrus dictus spem melioracionis et profectum suo- rum utriusque sexus precogitaus et intendens nobis subnixius et in- stantissime supplicavit, ut sibi gracia speciali dare et conſerre digna- remur supra dietam tabernam et ipsos mansos cum iugeribus Jus Col- mense, spem melioracionis et profectum suorum heredum utriusque sexus exprimens et pretendens. Nos vero utilitatem et profectum Ecclesie nostre in hoc presencientes et reditus mense nostre ampliare volentes, commodis eciam hominum nostrorum de quanto poterimus, condescendentes etc.
Scanseite 676 · Druckseite 662
662 Verhaͤltniß des Meiſters zur Geiſtlichkeit (1393). Gerechtigkeit die Preuſſen nicht der Gerichtsbarkeit einzelner Gutsbeſitzer oder einzelner Dorfſchultheißen untergab, ſondern ihre ſtreitigen Verhaͤltniſſe dem Gerichte des zunaͤchſt wohnen⸗ den Komthurs, Vogts oder Pflegers zur Entſcheidung uͤber⸗ wies, weil es dem Meiſter ſelbſt hier weit leichter moͤglich war, die Pflege des Rechts beobachten zu laſſen oder bei feiner oͤf⸗ tern Bereiſung des Landes daruͤber ſelbſt genaue Kunde zu er⸗ halten. Daher bei neuen Verleihungen an alte Stammpreuſ⸗ ſen die oͤftere Beſtimmung: „Ob ſie oder ihre Erben mit un⸗ ſern Preuſſen irgend etwas zu ſachen oder zu klagen haben oder die Preuſſen mit ihnen, das ſoll geſchehen vor dem Kom⸗ thur oder dem Pfleger in dem Richthofe, alſo beſcheidenlich, daß jeglicher bei ſeinem Rechte bleibe,“ oder auch die Bedin⸗ gung: „Wir behalten alle Preuſſen mit allen ihren Bruͤchen ſtets zu unſerem Gerichte ).“ Übrigens galten auch jetzt noch die Beſtimmungen des Wehrgeldes für alte Preuſſen wie fruͤ⸗ herhin. Werfen wir noch einen Blick auf das Verhaͤltniß dieſes Meiſters zur Geiſtlichkeit des Landes, ſo lebte er, den Streit mit dem Erzbiſchofe von Riga und die Spannung mit dem Biſchofe Nicolaus von Kulm ausgenommen, mit den uͤbrigen Landesbiſchoͤfen Johannes von Pomeſanien, Heinrich von Erm⸗ land und Heinrich von Samland jeder Zeit in dem freundlich⸗ ſten Einverſtaͤndniſſe und es verlautet nicht das Mindeſte von irgend einem feindſeligen Verhaͤltniſſe. Doch eben fo wenig ſprechen Beweiſe von irgend einer Beguͤnſtigung des geiſtlichen Standes oder des Moͤnchsweſens, denn die ſonſt immer von den Meiſtern des Ordens ſo viel begnadigten Kloͤſter Oliva und Pelplin konnten ſich nie eines Zeichens ſeiner Gunſt er⸗ freuen ?). Wohl mag es alſo wahr ſeyn, daß Konrad ſich 1) Dieſe Beſtimmungen wiederholen ſich ſo ſehr haͤuſig, daß es unndthig waͤre, beſondere Beiſpiele anzufuͤhren. Übrigens aber wiſſen wir, daß dieſes Gerichtsverhaͤltniß der Preuſſen ſchon älter iſt. 2) Die Urkunde im geh. Arch. Schicbl. 50. Nr. 53, nach welcher der Hochmeiſter dem Abte Tilmann im Ciſtercienſer Kloſter zu Lukna einen Zins von 12 Mark in einem Dorfe des Dirſchauiſchen Gebietes
Scanseite 677 · Druckseite 663
Verhaͤltniß des Meiſters zur Geiſtlichkeit (1393). 663 weniger als ſeine Vorgaͤnger der Geiſtlichkeit hingegeben und dem Mönchsthum gehuldigt, vielleicht ſich auch uͤber das Trei⸗ ben und Weſen der Geiſtlichen und Moͤnche manche ſcharfe Außerung erlaubt habe. Allein obgleich es an allen ſichern Beweiſen eines entſchiedenen Haſſes des Meiſters gegen den Klerus und den Moͤnchsſtand fehlt und wiewohl wir beſtimmt erfahren, daß er den gebildeten und erfahrenen Domherrn Jo⸗ hannes Rymann aus dem Pomeſaniſchen Domkapitel ungemein hochſchaͤtzte und an feinen Hof zog '), auch der damalige Of⸗ ficial dieſes Domſtiftes Johannes von der Puſilie, der uns die Jahrbuͤcher über dieſe Zeit hinterlaſſen hat und den Hochmei⸗ ſter perſoͤnlich und aufs genauſte kannte, ihm volle Gerechtig⸗ keit widerfahren laͤßt und ſeiner mit vielem Lobe gedenkt, ſo hat doch dieſe Nichtbeachtung der Geiſtlichsꝛit und Klöfter ihm bei moͤnchiſchen Chroniſten den ſchwerſten Tadel zugezogen, denn ſie ſchildern ihn als einen Fuͤrſten, den der bitterſte Haß gegen Geiſtliche und Mönche erfüllt, der die Priefterfchaft ver⸗ achtet und beſchimpft, die Pfarrherren im ganzen Lande mit einer unertraͤglichen Steuer belaſtet, das Landvolk mit neuen ſchweren Abgaben bedruckt, die Religion nicht geachtet, Ketzer und Irrglaͤubige im Lande geduldet und beſchuͤtzt habe u. ſ. w. 2); alles verlaͤumderiſche Erdichtungen, die ihren Grund offenbar u Tun um 180 Mark abkaufte, iſt faft das einzige Beiſpiel einer Berührung mit einem Kloſter. 1) urkunde im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 27. 2) Zwar ſagen auch die Annales Oliv. p. 71 von ihm: Hic ſuit maguus osor religiosorum virorum et sacerdotum; allein die eigent⸗ liche Hauptquelle der ſchwarzen Schilderung dieſes Hochmeiſters iſt S i⸗ mon Grunau Tr. XIII. c. XV, von wo aus fie den gewöhnlichen Gang zu Lucas David B. VII. S. 232 (der jenen als ſeine Quelle auch nennt), Henneberger p. 297, Schütz p. 88. (der hier dem Tol⸗ remiter Mönde ſichtbar folgt), Leo p. 177, Hartknoch A. und N. Preuſſ. S. 465 u. a. genommen hat. Daneben ſagt aber auch die alte Preuſſ. Chron. p. 42: Gar eyn czorniger mann waz her und gresli⸗ chen an dem angeſichte. Czu krige ſtunt ym al ſyn mut, wen daz ym got ſyne ior vorkorczte. Priſter und moͤnche vorechte her zere, dorume mochte ym keyner an ſynem ende czu troſte kommen.
Scanseite 678 · Druckseite 664
664 Verhaͤltniß des Meiſters zur Geiſtlichkeit (1393). nur darin haben, daß der Meiſter, einige gebildete Geiſtliche ausgenommen, die an ſeinem Hofe lebten und als ſeine Raͤ⸗ the von ihm hoch geachtet wurden, wenig Umgang und Be⸗ ruͤhrung mit Prieſtern haben mochte, daß er in religioͤſer Hin⸗ ſicht der Richtung der Zeit mit minderem Eifer nachging, als es von ihm als Haupt eines geiſtlichen Ordens erwartet ward und als man durch ſeine Vorgaͤnger, zumal den im Andenken der Geiſtlichen lange gefeierten Meiſter Winrich von Kniprode, an den Hochmeiftern gewohnt war 1). Wohl mag ihm auch der Stand und das Weſen und Streben des gewoͤhnlichen Klerus der damaligen Zeit, wenn er z. B. auf einen Biſchof Nicolaus von Kulm hinſah, zu wenig Achtung eingefloͤßt haben, als daß er fich mit Huldigung ihm hätte nähern mögen ). Daher mag es auch gekommen ſeyn, daß er wenig Theil⸗ nahme an einer Erſcheinung zeigte, welche in religiöſer Hin⸗ ſicht ſchon in feinen Jahren die Aufmerkſamkeit ganz Preuſ⸗ ſens auf ſich zog. Es war das wunderbare Leben der heili⸗ gen Dorothea ). Im Dorfe Montau namlich, am Ufer des 1) Obgleich Konrad gegen die uͤber ihn erhobenen Anklagen ſeine Vertheidiger gefunden hat, unter andern in Actis Boruss. B. I. S. 354, im Erläut. Preuſſ. B. I. S. 315 in einer Schutzſchrift Ernſts von Wallenrod, bei Pauli B. IV. S. 224 ff., De Wal T. IV. p. 116, zum Theil auch bei Baczko B. II. S. 263, ſo iſt man doch in keiner dieſer Vertheidigungen und Rechtfertigungen von dem kritiſchen Ge⸗ ſichtspunkte ausgegangen und man hat die Sache deshalb auch auf keine Weiſe ins Reine gebracht. In der Beilage Nr. VI. zu dieſem Bande folgt eine naͤhere Beleuchtung, welche die erwaͤhnte Schilderung dieſes Meiſters vorzuͤglich von Seiten der Kritik aus verdaͤchtig macht und groͤßtentheils als irrig und unwahr auf die Seite ſchiebt. 2) Dahin moͤchte z. B. die Äußerung zu zählen ſeyn, deren die Ordenschron. p. 73 (Mſcr.) und bei Matthaeus p. 783 erwähnt, wo⸗ nach der Hochmeiſter zu ſagen pflegte: In jedem Lande ſollte man nur einen Pfaffen naͤchſt dem Biſchofe halten und dieſen hoch in einer Kam⸗ mer huͤten, daß er niemanden irren oder ſich irgend einer Sache un⸗ terwinden koͤnne als nur feinen Prieſtergeſchaͤften oder wenn man ihn zur Seelen Seligkeit gebrauchte, wozu ſie als Pfaffen auch nur da⸗ ſeyen. 8 3) Es iſt bei der nachfolgenden Darſtellung des Lebens dieſer Preuſ⸗
Scanseite 679 · Druckseite 665
Die heilige Dorothea (1393). 665 Nogat⸗Fluſſes, im Sprengel des Biſchofs von Pomeſanien, lebte in der erſten Haͤlfte dieſes Jahrhunderts ein ehrbarer und frommer Landmann, Wilhelm Swartze genannt, deſſen Ehe mit Agathe, ſeinem Weibe, durch neun Kinder, vier Soͤh⸗ nen und fünf Toͤchtern, gefegnet war 1). Die juͤngſte der letz⸗ tern und das ſiebente unter den Geſchwiſtern war Dorothea genannt. Im Jahre 1336 geboren und unter der zaͤrtlichen Pflege ihrer ſtreng religioͤſen und uͤberaus frommen Mutter, die vorzüglich auch auf das Außere des Gottesdienſtes großes Gewicht legte und ihre Kinder von fruͤh an darauf hinwies, bis zum ſiebenten Jahre 2) herangewachſen und in den Haupt⸗ lehren des Chriſtenthums, wie es im Geiſte der Zeit war, ſorgſam unterrichtet, gab ſie ſchon in dieſem zarten Alter die erſten Spuren der eigenthuͤmlichen, religioͤsſchwaͤrmeriſchen Richtung kund, die ihr ganzes Leben auf eine ſo wunderbare Weiſe beſtimmte. Denn als ſie in dem erwaͤhnten Jahre aus Unvorſichtigkeit mit ſiedendem Waſſer ganz uͤberſchuͤttet unter ſchrecklichen Schmerzen kaum dem Tode entkommen war, ging in dem frommen und ſtillen Kinde eine fo lebendige religiöfe Regung auf, daß es nun, weder Kälte noch Unwetter ſcheuend, ſo oft es moͤglich, den Gottesdienſt beſuchte, ſich ſtrengen E ſiſchen Heiligen die mit vielem Fleiße bearbeitete Historia beatae Do- rotheae auctore T’heod. Christoph. Lilienthal, Dant. 1744 zu Grunde gelegt, doch mit Benutzung des auch von Lilienthal (p. 7) ſchon ge- kannten Manuſcripts uͤber das Leben der heil. Dorothea, welches er ge⸗ wohnlich durch vita german. citirt, wie auch hier geſchehen wird, fer⸗ ner einer bisher noch unbenutzten Anzahl von Briefen theils im Fol. betitelt Miscellanea im geh. Arch., theils im Regiſtranten Konrads Zollner von Rotenſtein und einiger andern Nachrichten des Archivs. Auf Lilienthal kann hier nur hingewieſen werden; aus den unbenutzten Archivsnachrichten werden die Anmerkungen Einiges im Auszuge ent⸗ halten. 1) Lilienthal p. 27. Epistola procuratori ordinis missa im Fol. Miscellanea p. 60. Vita german. L. I. d. 2. Die Mutter Dorothea’s lebte nach ihres Mannes Tod als Wittwe noch 44 Jahre und ſah bei- nahe noch 50 Enkel am Leben. 2) Die Zahl 7 erhält ſeitdem in der Lebensgeſchichte Dorothea's eine wichtige Bedeutung; vita german. L. I. c. 2.
Scanseite 680 · Druckseite 666
666 Die heilige Dorothea (1393). Bußuͤbungen unterwarf, des Schlafes entbehrte, haufig fa⸗ ſtete, ſtets nur wenig Speiſen, am liebſten die groben des Hausgeſindes zu ſich nahm, ſich gerne den ſchwierigſten Ar⸗ beiten unterzog, ſelbſt auch wenn ſie ihrs Kräfte bei weitem uͤberſtiegen !). Darüber erfuhr fie von den Altern manches tadelnde Wort ), bis gegen das zehnte Jahr dieſe fie ihrer eigenen Stimmung und Richtung mehr uͤberließen. Sie ent⸗ zog ſich nunmehr allen jugendlichen Vergnuͤgungen. Waͤhrend die heiteren Schweſtern ſich durch Spiel und Tanz ergoͤtzten, ſuchte ſie einſame und ſtille Orte, wo ſie unbemerkt die eitle Luft der Welt beklagen und beweinen konnte ). Als ihre aͤlteren Schweſtern verehlicht das vaͤterliche Haus verlaſſen, fuͤhrte Dorothea laͤngere Zeit unter der Mutter Leitung das Hausweſen mit loͤblichem Eifer; aber auch hiebei ergriff ſie jede Gelegenheit zu Werken der Milde und Wohlthaͤtigkeit an Armen und Leidenden meiſt in ſo uͤbermaͤßiger Freigebigkeit, daß die Altern faſt täglich fie darüber zurechtweiſen muß: ten). Mit jedem Jahre aber ging die Richtung ihres Gei⸗ ſtes in volle Schwaͤrmerei uͤber; die Zeit nannte es Froͤm⸗ migkeit in ſelbſtpeinigenden Bußuͤbungen. Mit jedem Tage flieg ihre Neigung und Luft zur Selbſtquaal ihres Körpers, ſelbſt noch im jungfraͤulichen Alter zu einem kaum glaublichen Grade ). Jede Regung des Fleiſches ſchien ihr Sünde und Verderben. Sie geißelte ihren Koͤrper nicht ſelten bis aufs Blut; ſie brachte ſich ſelbſt die ſchmerzhafteſten Wunden bei, begoß ſich mit ſiedendem Waſſer oder kochendem Fette, brannte 1) Vita german. I. c. 2) Beſonders uͤber ihr uͤbermaͤßig ſtrenges Faſten, wie die vita german. c. 6 ſagt. 8) Vita german. c. 12. 4) Vita german. c. 9. 10. 5) Die Vita german. c. 5 erzählt ſchon von ihr als Jungfrau: Ouch pflag ſy ofte bi nachtecziten ir arme in crucewiſe uz czu reden und quelte ſich fo ſtende bis ſy gar müde wart. Darnach drang ſy ſich an eyne wand als an eyn cruͤce daran ſie ſich enthilt, ſulchir wyſe das ſy die vinger an die holer ſtiz adir mit den armen bleib hengende an naylen der wand bis das ſy des gar müde wart.
Scanseite 681 · Druckseite 667
Die heilige Dorothea (1393). 667 die Glieder mit gluͤhendem Eiſen und brennendem Lichte und wollten die Wunden heilen, ſo reizte ſie ſolche mit allerlei ſcharfen Mitteln immer wieder auf. In den heftigſten Schmer⸗ zen aber ſuchte und fand ſie immer das wohlthuende Bewußt⸗ ſeyn, die Quaal und das Leiden am eigenen Leibe zu ertra⸗ gen, welche der Heiland einſt am Kreuze erduldet !). Da Dorothea in der ganzen Umgegend als eine beſchei⸗ dene, wohlthaͤtige, gut und friedlich geſinnte, im Geſpraͤche freundliche und im Umgange ſehr liebreiche Jungfrau bekannt war, ſo warben bald mehre um ihre Hand. Sie ſchenkte ſie endlich einem ziemlich wohlhabenden und rechtſchaffenen Hand⸗ werksmanne aus Danzig, Adalbert 2), obgleich ſie ſich nur ſchwer zum ehelichen Leben entſchloſſen haben ſoll. Seit die⸗ ſer Zeit, ihrem ſiebzehnten Jahre, lebte ſie mit ihrem Manne zu Danzig uͤber ſechsundzwanzig Jahre in ſtillem haͤuslichen 1) Lilienthal c. 43. In einem Briefe im Fol. Miscellan. heißt es: Ipsa siquidem non solum ori suo et corpori abstraxit delecta- bilia, sed eciam ei imposuit graviter afflictiva, nam frequenter ce- cidit corpus suum virgis, flagellis et scorpionibus, exercuit veniis, genuflectionibus et diversis extensionibus ac cruciatibus, combussit ipsum aqua buliente, ferro candente, lumine ardente et piguedine fervente in diversis locis vulnera faciens in scapulis, brachiis, ty- biis, uberibus, ſemoribus, genibus et pedibus, cordialiter desiderans ex pio caritatis affectu, in se nullum esse membrum, quod non ha- beret vulnus passioni dominice sensibiliter compassivum. Die vita german. c. 15 und 16 erzähle faſt unglaubliche Dinge von ihren Pei⸗ nigungen und Quaalenz es heißt unter andern: Sie eren lichnam ofte fing mit rutin, pyzen, dyſtern, dornzwigen und mit hertin knotechtin geyſiln vol ſtichiln. Sie machte eyne wunde bi der andern von den ſcholdirn bis da die ermil wanten und von der huͤf ufwert als is di kleyder bedackten eyne wunde bi der andern und glichir wys tate ſy daz vorne czu an ire bruſt, das ir wunden ſo dichte bi einander wo⸗ rin, ab is eyne wunde wer, als eyn ackir mit eyme pfluge durchva⸗ ren. Ähnliches erzählt der nachfolgende Hochmeiſter Konrad von Jun⸗ gingen in einem Briefe an einen Kardinal im Regiſtrant. p. 108. 2) Nach Lilienthal p. 30 war er gladiorum limator; die vita german. c. 21 nennt ihn ſchlechtweg einen Handwerksmann. Dorothea wird hier geſchildert als „nuͤchtirn, meſſig, demuͤtig, mitſam, gütig, wolgemut, vredeſam u. ſ. w.“
Scanseite 682 · Druckseite 668
668 Die heilige Dorothea (1393). Frieden, jedoch nicht ohne manche ſchwere Leiden, denn von neun ihrer Kinder, die ſie alle mit zaͤrtlicher Liebe und Sorg⸗ falt zur Gottesfurcht und loͤblicher Sitte erzogen 1), ſollen binnen zwölf Wochen acht Söhne an der Peſt geſtorben ſeyn ?) und es blieb ihr nur das juͤngſte Kind, eine Tochter, übrig, die zuerſt in das Kloſter Oliva zum Unterricht gebracht und nachmals im Benedictiner⸗Kloſter zu Kulm als Nonne ges weiht wurde. Seit der Geburt dieſer Tochter lebte Dorothea zehn Jahre lang von ihrem Manne im Ehebette getrennt, aber doch meiſt in ungeſtoͤrtem häuslichen Frieden ). Der Tod ihrer Soͤhne hatte indeß nicht wenig beigetra⸗ gen, die veligiösfchwärmerifchen Gedanken und Gefühle in ihr noch mehr zu ſteigern und je mehr auch jetzt noch dieſe Rich⸗ tung ihres innern Weſens zunahm, deſto auffallender praͤgte ſie ſich in den Erſcheinungen ihres Lebens aus. Immer le⸗ bendiger von der hohen Verdienſtlichkeit ihrer Selbſtpeinigung uͤberzeugt und im Sinnen und Nachdenken daruͤber oft bis zum Wahnſinn ſchwaͤrmeriſch, fuhr ſie nicht nur fort, ihren Koͤrper durch allerlei Martern und die ſchmerzlichſten Wunden zu quaͤlen, von denen manche achtzehn Jahre lang nicht zu⸗ heilten, ſo daß zuletzt alle Glieder mit Wunden und Narben faſt ganz bedeckt waren“), ſondern ſie faßte nun auch den feſten Glauben, daß es Chriſtus ſelbſt ſey, der ihr zum Heile ihrer Seele ſolche Wunden beibringe 5). Oft entfiel ihr Tage 1) über die Erziehung ihrer Kinder die vita german. c. 23. 2) Dieſen Tod ihrer Söhne durch die Peſt meldet Simon Gru⸗ nau Tr. IX. c. 2; die Nachricht iſt alſo nicht ganz zuverlaͤſſig; daß fie neun Kinder gehabt, ſagt auch die vita germ. L c. 3) Vita germ. c. 24. 4) über dieſe unaufhoͤrliche Verwundung ihres Koͤrpers mehre Stellen bei Lilienthal p. 445 ein weitläuftiger Bericht darüber im Fol. Miscellan. p. 62. 5) Ihre Biographen ſagen dieſes mehrmals und in dem Briefe im Fol. Miscellan. p. 60 heißt es ebenfalls: Cui (Dorothene) eciam dominus ihesus eius amator ferventissimus vulnera sua dupliciter im- pressit, interius in corde et exterius in corpore tamquam duo pro- clara monilia arte desponsationis.
Scanseite 683 · Druckseite 669
Die heilige Dorothea (1393). 669 lang faſt alle Beſonnenheit und ganze Nächte hindurch lag ſie bald auf Brettern, Steinen und der bloßen Erde oder ſie brachte ſie ſchlaflos zu bald mit Gebet und Geſang unter un⸗ aufhörlichen Thraͤnen, bald Stundenlang mit dem Blicke in den Himmel verloren unter dem ſehnlichſten Verlangen, mit ihrem himmliſchen Braͤutigam vereinigt zu werden ). Nicht ſelten kaͤmpfte fie dann auch mit allerlei Anfechtungen des Sa⸗ tans, wenn dieſer, wie ſie meinte, es verſuchte, ſie von der Bahn ihres frommen Wandels abzulenken 2). Und gluͤhte die Hitze der Gefühle in ihrem Innern zu mächtig, fo ſtuͤrzte fie ſich plotzlich in eiskaltes Waſſer oder fie fette ſich mit durch⸗ naͤßtem Kleide der ſtarren Kälte aus, bis das Kleid ganz hart gefroren war. In ſolchem Zuſtande war an Beſorgung des Hausweſens kaum zu denken. Kein Morgen ging voruͤber, an dem ſie nicht die Erſte an der Thuͤre einer Kirche war. Sollte ſie zum Markte gehen, ſo begab ſie ſich in eine Kirche; ſollte ſie Fleiſch einkaufen, ſo kaufte ſie Faſtenſpeiſe und nicht ſel⸗ ten verſiel ſie in eine ſolche Beſinnungsloſigkeit, daß ſie alle Geſchaͤfte des Tages vergaß), weshalb vom Manne, wenn ihm Geduld und Nachſicht brach, oft nachdruͤckliche Zurecht⸗ weiſungen und Scheltworte folgten. Es kam ſo weit, daß ſie von ihm mehre Tage lang gefeſſelt und im Hauſe einge⸗ ſperrt werden mußte *), denn eines Tages ſetzte fie ſich ſogar in einem zerlumpten und ſchmutzigen Kleide unter die Bettler an der S. Marienkirche, um für die Armen Almoſen zu ſam⸗ meln. Solches alles aber, ſelbſt koͤrperliche Zuͤchtigungen ih⸗ 1) Vita german. c. 3. 13. 2) Vita german. c. 20. 3) Der Biograph ſagt ſelbſt in der vita german. c. 27: Sy wart ouch czuwilen fo gar dirvollet mit groſlichir ſuͤzikcit, das ſy von bu⸗ ſen geberdete ab ſy trunken were, und wart ouch czu ſtunden obirgan⸗ gen mit ſulchin wolluͤſten des geiſtis, das ſy lag als in eyme twalme abgeſundirt von uͤbunge der uſirſten ſynne, das man wanete, ſy were amechtig ader flife, wen fy alſo entczuͤckit wart. 4) Davon erzaͤhlt die vita german. c. 28 einige Scenen aus dem ehelichen Leben.
Scanseite 684 · Druckseite 670
670 Die heilige Dorothea (1393). res Mannes und den Spott und Hohn ihrer Nachbarn und Bekannten, dem ſie nicht ſelten ausgeſetzt war, ertrug ſie je⸗ der Zeit mit unerſchuͤtterlicher Geduld und Gelaſſenheit, mei⸗ nend, dieß ſeyen die Verſuche des Satans, ſie von der Bahn des wahren Lebens in Chriſto irre zu leiten ), und je mehr ſie die aͤußere Tageswelt der inmeren ihrer Gedanken und Ge⸗ fuͤhle entgegen und beide im Widerſpruche ſah, um ſo feſter und ſtandhafter beharrte ſie, immer durch neue Erſcheinungen und geheimnißvolle Offenbarungen angeregt, die ihr von Zeit zu Zeit vor die Seele traten, in ihrer Lebensweiſe und um ſo lebendiger wachte in ihr nun der ſehnlichſte Wunſch auf, ſich aller irdiſchen Muͤhen und weltlichen Geſchaͤfte gaͤnzlich entſchlagen zu koͤnnen, um ein ſo vollkommenes, nur dem Himmel zugewandtes Leben zu fuͤhren, wie es nach ihrer Mei⸗ nung im Evangelium vorgeſchrieben ſey, vor allem aber, was ſie ſeitdem als hoͤchſte Seligkeit betrachtete, ſo oft als moͤglich des heiligen Mahles zu genießen. Dieſer letztere Wunſch regte ſich in ihr bald mit jedem Tage in ſo außerordentlicher Sehn⸗ ſucht, daß ſie den Schmerz kaum uͤberwinden konnte, wenn der Prieſter ihr Verlangen nicht ſtillte. Sie gerieth in das hoͤchſte Entzuͤcken, wenn ſie bei Austheilung des heiligen Abend⸗ mahles das heilige Brod beſchauen konnte, weshalb es faſt taͤglich geſchah, daß ſie zu ihrem Beichtvater kam, um Ver⸗ gebung ihrer Suͤnden und um den Empfang des heiligen Mahles bittend 2). Es galt ihr ſchon als Sünde, Fleiſch oder andere kraͤftige Speiſen zu genießen oder auch mehr als ein⸗ 1) Lilienthal p. 49. Vita german. I. c. 2) Vita german. c. 29. In einem Briefe im Fol. Miscellan. p. 62 heißt es: Cum ardore caritatis delectabatnr videre dominicum corpus, nec saciabatur oculus eius visu et si una die cencies vidis- set hoc venerabilissimum sacrum. In einem andern Briefe p. 61: Ad corpus dominicum frequenter percipiendum fuit spirituali esurie tam ferventer accensa, quod non nisi cum amara tam spiritus quam corporis afflictione in ultimis tribus annis per duos dies, ymo in ul- timo nec per unum diem valuit carere, et frequenter propter ex- spectationem misse tantum viribus destituebatur et affligebatur, quod oportuit me eam noctis tempore procurare; fo ſagt ihr Beichtvater.
Scanseite 685 · Druckseite 671
Die heilige Dorothea (1393). 671 mal des Tages zu eſſen. Ihre einzige Nahrung waren Fi⸗ ſche, Milchſpeiſe, Hülfenfrüchte u. dergl.; an einem der Wo⸗ chentage nahm ſie nur etwas Waſſer und Brod zu ſich. Nie⸗ mand übertraf fie in der Strenge des Faſtens, zumal in den gebotenen Zeiten ). So hatte Dorothea eine Reihe von Jahren in Danzig verlebt und mehr und mehr auch ihren Mann in die eigen⸗ thümliche Richtung ihres Weſens mit hineingezogen. Es iſt wahrſcheinlich, daß die Anweſenheit der heil. Katharina, die damals gerade auf ihrer Pilgerfahrt von Rom durch Preuſſen ging, und insbeſondere deren Erzaͤhlung von ihrer ehrenvol⸗ len Aufnahme beim Papſte und vielen Fuͤrſten ), im Jahre 1382 in beiden den Entſchluß erzeugten, gleichfalls eine fromme Pilgerreiſe anzutreten. Nachdem ſie Haus und alles ſonſtige Eigenthum verkauft, unternahmen ſie eine Pilgerfahrt nach Achen, wohin ſie beſonders ein wunderthaͤtiges Marienbild und verſchiedene Reliquien zogen, und als ſie dort ihre Andacht verrichtet, wanderten ſie zu den Eremiten im Dorfe Finſter⸗ walde, wo eine der Jungfrau Maria geweihte Kapelle mit ihren Heiligthümern Dorothe'n fo allgewaltig feſſelte, daß fie auf der Heimreiſe dreimal wieder dahin zuruͤckgekehrt feyn fol, weil die Sehnſucht fie immer wieder dahin zog ). Schon im folgenden Jahre wiederholten ſie die Pilgerreiſe nach Achen und Finſterwalde. In den kriegeriſchen Unruhen der Zeit un⸗ terlagen fie großen Gefahren, wurden von Räubern uͤberfal⸗ len und aller ihrer Habe beraubt ). Obgleich fie dießmal eine 1) Vita german. c. 6. 2) Raynald Annal. eccles. an. 1381 Nr. 45. Katharina aus Schweden kehrte gegen das J. 1381 aus Rom zuruck, durch Empfeh⸗ lungsbriefe des Papſtes bei den Fuͤrſten uͤberall ſehr ehrenvoll aufge⸗ nommen; ubi in Prussiam tandem perventum est, labore et morbo valde exhausta curru vehebatur, 3) Vita german. c. 31. 4) Vita german. L. II. c. 9, wo die Reife mit ihren großen Be⸗ ſchwerden ſehr genau erzähle wird. Es fehlte nicht an Spoͤttereien, wenn Dorothea mit dem alten Manne durch die Staͤdte und Dörfer
Scanseite 686 · Druckseite 672
672 Die heilige Dorothea (1393). geraume Zeit zu Finſterwalde verweilten und Hungersnoth und Theuerung ihre Abreiſe von da nothwendig machten, ſo wuͤrde ſich Dorothea zur Trennung doch kaum haben entſchließen koͤnnen, wenn Adalbert nicht mit Strenge darauf gedrungen haͤtte. Auf der Heimkehr drohte ihnen bei Harburg, wo das Eis der Elbe unter ihren Fuͤßen brach, ſogar Todesgefahr, aus der ſie wie durch ein Wunder gerettet, uͤber Hamburg zu Schiff im Jahre 1385 nach Danzig zuruͤckkehrten ). Nun lebte Dorothea wieder einige Jahre in Danzig nahe an der S. Katharinen⸗ Kirche, die fie täglich beſuchte. Ihr Geiſt aber fand nirgends mehr Ruhe; es war nicht das ſtille und ruhige Verſenktſeyn in der Beſchauung des Himmliſchen und Goͤttlichen, worin ſich ſonſt ſchwaͤrmeriſche Gemüther gerne verlieren; vielmehr herrſchte in der Welt ihrer Gefuͤhle und Gedanken beſtaͤndiger Kampf und Sturm. Seit ihrer Ruͤck⸗ kehr trat die Zeit der Erſcheinungen und Offenbarungen ein, die ſich faſt taͤglich bei ihr erneuerten. Schon waͤhrend der Pilgerfahrt nach Achen war ihr einſt der Heiland erſchienen, hatte ihr das Herz aus dem Leibe genommen und ein neues reineres dafür wieder gegeben 2). In Coͤslin, wohin ſie jetzt eine Pilgerreiſe unternahm, ſetzten in der dortigen Marienkirche allerlei himmliſche Erſcheinungen ſie in ſolches Entzuͤcken, daß ſie ihrer Sinne nicht mehr maͤchtig war. Bald hatte ſie Chri⸗ ſtum in ſeiner ganzen Herrlichkeit, die Jungfrau Maria in ihrer göttlichen Milde oder dieſen und jenen Heiligen, bald ihre eigene Seele und die an ihr haftenden Suͤnden in leib⸗ hafter Geſtalt geſehen ), bald ſelbſt mit an den Gaſtmaͤhlern fuhr; man rief ihr z. B. zu: „Libe ſweſtir, wo wiltu den Joſeph hin fuͤren? Wiltu yn czu dem jogentborne fuͤren? 1) Nach der Vita germ. L. II. c. 12 hatten ſie anderthalb Jahre zu Finſterwalde zugebracht. 2) Sowohl die Vita german. L. II. c. 1, als ein Brief an den Ordensprocurator in Rom erzaͤhlen dieſes Wunder ſehr genau; die er⸗ ſtere ſagt ausdruͤcklich, „das die vornuͤunge irs herczen iſt nicht alleyne geiſtlich, ſundir ouch liplich geſchen.“ 3) Vita german, c. 17.
Scanseite 687 · Druckseite 673
Die heilige Dorothea (1393). 673 der Heiligen Theil genommen, bald die heiligen Orte Bethle⸗ hem und Jeruſalem geſchaut. Selbſt die Zukunft verlor vor ihrem Auge ihr geheimnißvolles Dunkel; ſie verkuͤndigte aller⸗ lei Prophezeiungen und Weiſſagungen. Die Todesart des Mei⸗ ſters Konrad von Wallenrod und die Wahl und Schickſale ſeines Nachfolgers ſoll ſie Jahre zuvor vorausgeſagt haben. In dieſer ihrer Stimmung nahete nun das Jubeljahr 1390, in welchem der Papſt, wie wir hoͤrten, fuͤr alle, die an den Graͤbern der Apoſtel zu Rom bußfertig erſcheinen wuͤr⸗ den, reiche Gnadenſpenden verheißen hatte. Dorothea trat ſchon im Spaͤtſommer des Jahres 1389 in Begleitung meh⸗ rer Pilger aus Preuſſen die Wanderung nach Rom an; ihren Mann hielt Alter und Kraͤnklichkeit zuruck. Aber keiner ihrer Begleiter brannte von ſo heißer Sehnſucht, die heiligen Orte Roms zu ſehen und an den heiligen Graͤbern zu beten. Das inbruͤnſtigſte Verlangen ließ fie kaum einmal zur Ruhe kom⸗ men, ſo daß die Sage iſt, ſie habe auf der ganzen Pilger⸗ reiſe und waͤhrend ihres Aufenthaltes zu Rom nur eine ein⸗ zige Nacht des Schlafes genoſſen ). Dort angelangt, begann fie ihre Buß⸗ und Andachtsübungen mit einer Anſtrengung und Entſagung, die bald ſelbſt fuͤr ihr Leben beſorgt werden ließen. über zwei Monate lang beſuchte ſie taͤglich die ſieben größten Kirchen Roms. Schon mehre Stunden vor Tages: anbruch ſah man ſie in der Winterzeit barfuß in eine derſel⸗ ben wanden, wo ſie dann Stundenlang dalag im Gebete und innerer Beſchauung oder im hoͤchſten Entzuͤcken uͤber die Er⸗ ſcheinungen und Offenbarungen, die ſich ihr vor die Seele ſtellen. Dabei genoß fie nur die nothduͤrftigſte Speiſe und vergönnte dem Koͤrper faſt gar keine Ruhe und Erholung mehr. Man faßt das innere Weſen ihres Geiſtes kaum; es war eine Macht der Schwaͤrmerei und eine Gewalt obwohl irriger, doch 1) In der vita latin. c. XXIII heißt es: In tota illa peregrina- tione eundo et redeundo et in Roma moram faciendo non conside- ravit; una nocte excepta, se unquam corporaliter dormivisse, et hec erat nox secunda, postquam fuerat urbem ingressa. Vgl. Lilienthal p. 40—41. V. 43
Scanseite 688 · Druckseite 674
674 Die heilige Dorothea (1393) frommreligioͤſer Begeiſterung, wie fie felten im menſchlichen Gemuͤthe auflebt. Den Irrwahn im Menſchen mögen wir mit Trauer betrachten; aber die gewaltige moraliſche Kraft aus tiefer Überzeugung des Rechten und Wahren, auch wenn es andern Unrecht und Irrthum iſt, kann jeder Zeit nur Ach⸗ tung erwecken. Je höher in Dorothea's Geiſt die Spannung dieſer Kraft ſtieg, um ſo leichter erlag ſie bald einer ſchweren Krankheit, die ſieben Wochen lang ihr Leben bedrohte 1). Nach ihrer Wiedergeneſung verweilte ſie in Rom noch bis nach dem Oſterfeſte des Jubeljahres. Da indeß ihr ſehnlichſter Wunſch, in einem Kloſter zu Rom ihr Leben hinzubringen, nicht erfüllt werden konnte, weil ihr Mann noch lebte, fo trat ſie die Heimkehr an und langte uͤber Koͤln wandernd in Dan⸗ zig wieder an. Dort fand ſie aber ihren Ehemann bereits verſtorben; es war das letzte Band zerriſſen, welches ſie noch an das weltliche Leben geknuͤpft. Entſchloſſen, ſich nunmehr dem weltlichen Getreibe gaͤnzlich zu entziehen und nur der Beſchauung des Himmliſchen hinzugeben, begab ſie ſich nach Marienwerder, wo ihr der Domherr Johannes von Marienwer⸗ der als ein Mann bezeichnet worden war, der ihr die Zweifel ihres Herzens in Dingen des Glaubens loͤſen koͤnne ). Eine ganze Woche ſprach ſie taͤglich mit ihm uͤber ihren innern gei⸗ ſtigen Zuſtand und uͤber die Kaͤmpfe ihrer Seele, kehrte dann auf kurze Zeit nach Danzig zuruͤck, um von nun an die letz⸗ ten Tage ihres Lebens in Marienwerder hinzubringen. Hier legte ſie jetzt jenem Domherrn, den ſie zu ihrem Beichtvater erwaͤhlt, die Bitte vor, man moͤge ihr geſtatten, in einer in der S. Sohannis= Kirche zu erbauenden Klauſe, entfernt von 1) Vgl. darüber die aus der vita latina ausgezogenen Stellen bei Lilienthal p. 58 — 59, wobei zu bemerken ift, daß ſowohl die vita ger- mana als die latina bei jeder Gelegenheit auf die Schoͤnheit und friſche Geſichtsfarbe der Dorothea zuruͤckkommen, wie es denn auch hier heißt: Attamen color vultus eius roseus et venustus, non fuerat in peius, sed in melius immutatus. 2) Vita german. c. 26. über Johannes von Marienwerder ſ. die Einleitung zu Lindenblatt S. 4—5.
Scanseite 689 · Druckseite 675
Die heilige Dorothea (1393). 675 allem menſchlichen Umgange, getrennt von allem Weltlichen und unberuͤhrt von allem irdiſchen Getreibe der Menſchen, nur der Beſchauung des Heiligen und Göttlichen hingegeben, ihr Lebensende zu beſchließen. Man nahm im Domkapitel Anſtand, dieſe Bitte zu ge⸗ waͤhren. Man zweifelte an Dorothea's Beharrlichkeit in die⸗ ſer Lebensweiſe; man ſtellte uͤber ihren bisherigen Wandel ge⸗ naue Nachforſchungen und Pruͤfungen an; auch war eine ſolche Erſcheinung in Preuſſen bisher ganz ungewoͤhnlich und noch nie geſehen. Da indeß Dorothea feſt bei ihrem Entſchluſſe beharrte, ſo ward mit Einwilligung des Biſchofs und Kapi⸗ tels in der genannten Kirche eine Klauſe erbaut, und als ſie vollendet war, wurde Dorothea am zweiten Mai des Jahres 13931), nachdem fie das heilige Mahl empfangen, unter eis ner großen Menge des herbeiſtroͤmenden Volkes von ihrem Beichtvater Johannes von Marienwerder in dieſelbe eingefuͤhrt und feſt vermauert, fo daß nur eine kleine Öffnung blieb, durch welche ihr taͤglich etwas Speiſe und Trank gereicht wer⸗ den konnte 2). Hier lebte fie nach einer ſtrengen Regel, die ihr der Heiland ſelbſt vorgeſchrieben haben ſollte⸗). Ohne Erlaubniß ihres Beichtvaters durfte ſie mit keinem Menſchen ſprechen und von niemandem irgend eine Gabe empfangen. Sie genoß ſo aͤußerſt wenig an Speiſe und Trank, daß der 1) In einer Urkunde des geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 27 heißt es: Eodem anno 1393 fuit s. domina Dorothea vidua reclusa in die trans- lationis sancte Elisabeth. Die Angabe des J. 1394 bei Lilienthal p. 78 iſt offenbar nur ein Verſehen, denn da Dorothea im Juni 1394 ſtarb und faſt 14 Monate in der Klauſe gelebt hatte, ſo muß ihr Ein⸗ tritt im J. 1393 erfolgt ſeyn. Die vita latina c. VII. ſagt auch: Appropinquante die seeunda mensis Maji a. d. M. CCC. XC. III. in quo dominus disposuit eam introducere in locum exultationis et le- ticie. 2) Vita latin. c. VII, wo es heißt: postremo cum domino reclu- sorium ingressa et ibi firmiter muro et asseribus conclusa, fuit ita plena domino et dives facta in illo, quod non seivit, quid amplius debebat desiderare. 3) Lilienthal p. 80—81. 43 *
Scanseite 690 · Druckseite 676
676 Die heilige Dorothea (1393), Koͤrper ſich kaum erhalten konnte. Tag und Nacht brachte fie faſt unausgeſetzt im wachenden Zuſtande und beinahe un⸗ ablaͤſſig im Gebet, Geſang, in religioͤſen Betrachtungen und in ſtiller Beſchauung zu, ſo daß ſie ſich, ſo lange ſie in der Klauſe lebte, faſt nie eines eigentlichen Schlafes erinnerte. Jeden Tag empfing ſie das Abendmahl von ihrem Beichtva⸗ ter, der ſie taͤglich zu beſuchen pflegte. Weit umher im Lande erregte dieſe Erſcheinung ungemei⸗ nes Aufſehen und Bewunderung und alles ſah mit Staunen und Begeiſterung auf die fromme Dulderin hin. Nur der Hochmeiſter Konrad von Wallenrod ſcheint ihr wenig Theil⸗ nahme und Aufmerkſamkeit gewidmet zu haben, denn in kei⸗ nem ſeiner Briefe findet ſich ein Wort, welches darauf hin⸗ deutete; woher es wohl auch gekommen ſeyn mag, daß Do⸗ rothea ſich uͤber ihn niemals guͤnſtig aͤußerte, vielmehr nur tadelnd von ihm geſprochen haben ſoll 1). Nachdem ſie vier⸗ zehn Monde ohne Erwaͤrmung und ſelbſt ohne Fußbekleidung in der Klauſe verlebt hatte 2), fühlte fie mehr und mehr ihre herannahende Aufloͤſung und bald kuͤndigten neue Erſcheinun⸗ gen, die ihr vor die Seele traten, dieſe als nahe bevorſtehend an. Seitdem bereitete ſie ſich ſelbſt das Leichengewand und was ſonſt zur Beſtattung noͤthig war. Eines Tages unter⸗ hielt ſich ihr Beichtvater viel mit ihr uͤber Gegenſtaͤnde des Glaubens und reichte ihr, wie er gewöhnlich that, das Abend⸗ mahl. Sie verlangte es dann an demſelbigen Tage noch ein⸗ mal; der Beichtvater verweigerte es, jedoch mit dem Verſpre⸗ chen, es ihr in folgender Nacht zu geben. Als er aber nach 1) Sie ſoll nicht bloß, wie erwaͤhnt, den baldigen Tod Konrads von Wallenrod vorausgeſagt, ſondern nach dem Berichte ihres Beicht⸗ vaters auch vorgegeben haben, der Herr habe ihr im J. 1393 in einer hoͤheren Offenbarung geſagt: Papa Bonifacius est bonus homo et ti- met me et ego diligo ipsum; Magister generalis siquidem ordinis de- meritis suis exigentibus sic egit, quod papa posset per totam Prus- siam ponere interdietum, sed retrahitur sollicitudine et timore, ti- mens ne populus terre ad antipapam se conferat et recedat. 2) Vita german. L. III. c. 13.
Scanseite 691 · Druckseite 677
Die heilige Dorothea (1393). 677 fieben Stunden wieder zur Klauſe kam, war fie in die Hei⸗ mat heimgegangen, nach welcher Jahre lang ihre größte Sehn⸗ ſucht geſtanden ). Es war in der Nacht des ſechsundzwan⸗ zigſten Juni des Jahres 1394, als fie dahin geſchieden war r). Die Klaufe wurde geöffnet und nach drei Tagen der Leichnam der Entſchlafenen nach der Anordnung des Biſchofs Johannes von Pomeſanien in der Domkirche zu Marienwerder aufs fei⸗ erlichſte zur Ruhe beigeſetzt, bis ein vom Biſchofe und dem Domkapitel ihr zugerichtetes Begraͤbnißdenkmal ihre Ruheſtaͤtte bezeichnen konnte. Nun erſt verbreitete ſich der Ruf ihres frommen Wan⸗ dels und ihres heiligen, nur dem Himmel geweihten Lebens allgemein durchs ganze Land, und nicht bloß Preuſſen ward ihres Ruhmes voll, ſondern auch nach Livland und Kurland, nach Litthauen und Polen, nach Schleſien und Boͤhmen und noch entfernteren Laͤndern drang bald die Kunde von Doro⸗ thea's hochgefeiertem Namen. Aus allen Gegenden ſtroͤmten zahlreiche Haufen zu ihrem Grabe herbei und der Zulauf des Volkes war oft ſo groß, daß die Kirche die Menge nicht mehr faſſen konnte, beſonders nachmals bei der Wiederkehr ihres Todestages ). Allenthalben that man bald Geluͤbde zur Pil⸗ gerfahrt an das Grab der frommen Dorothea. Alles, was ſie einſt beruͤhrt hatte und was von ihr erhalten war, ihr Kleid, ihr Lager, die Steine ihrer Klauſe wurden als Reli⸗ quien betrachtet. Es ging bald die Sage, wie ſie nach ihrem Tode mehren Perſonen in ihrer Verklaͤrung erſchienen ſey, die⸗ 1) Wir haben darüber die eigene Erzählung des Beichtvaters im Fol. Miscellan. p. 60. 2) Lilienthal p.82—83, Lindenblatt S. 97 erwähnt nur mit wenigen Worten ihres Todes am Tage nach Johannis Baptiſt. 1394. 3) Man ſah bald das Beiſpiel der frommen Dorothea als ein gro⸗ ßes Gnadengeſchenk an, welches Gott dem Lande Preuſſen gegeben habe. Daher ſagt der Biograph in der vita german. L. I. c. 1: Hebit uf üwir ougen, negit uͤwir oren, alle inwoner Pruſenlandis und ouch alle criſtgeloubige menſchen, ſeht und vornemit, wie der alde, der ewige got ſyne gnade in dem lande czu pruſen vornuwet hot an ſiner ſun⸗ derlichen dirnen Dorothea.
Scanseite 692 · Druckseite 678
678 Die heilige Dorothea (1393). ſen Huͤlfe bringend, jene zu guten Werken ermahnend, und es verbreitete ſich nach allen Landen hin die Nachricht von den außerordentlich zahlreichen Wundern, die an ihrem Grabe ge⸗ ſchehen waren, wie Kranke durch den ſuͤßen Duft ihres Leich⸗ nams völlige Geſundheit ), Stumme die Gabe der Sprache, Hinkende und Lahme den Gebrauch ihrer Fuͤße, Blinde ihr Geſicht, ja Geſtorbene ſogar das Leben durch ihre Wunder⸗ kraͤfte wiedererlangt haben ſollten 2). Schon nach Verlauf eines Jahres war die Zahl dieſer Wunder ſo groß, die Verehrung der frommen Dulderin ſo allgemein und überall ſprach ſich fo entſchieden der Wunſch aus, die Kirche möge fie der Zahl ihrer Heiligen hinzuzaͤhlen, daß nicht nur die Biſchoͤfe von Pomeſanien, Ermland und Samland 3), ſondern auch der Hochmeiſter ſelbſt, Konrads von Wallenrod Nachfolger, ſowie die vier Domſtifte Preuſſens nebſt den Abten von Oliva und Pelplin in Schreiben voll Lo: bes und Preiſes und voll Begeiſterung fuͤr die angebetete Wun⸗ derthaͤterin dem Papſte, wie dem Collegium der Kardinaͤle die dringendſte Bitte vorlegten, ſie unter die Heiligen der Kirche aufzunehmen ). Man bot von Preuſſen aus alle Mittel auf, 1) Raynald. an. 1399 Nr. 24. 2) Hieruͤber das Nähere bei Zälienthal 1. c. 3) Das Schreiben der Biſchoͤfe von Preuſſen, dat.: in castro Ma- rienburg a. d. 1395 nona die mensis Septembr. im Fol. Miscellan. p. 95. Sie ſchildern die Dorothea als vita et sanctis moribus con- spicua, humilitate profunda, desideriis sanctis alta, caritate redun- danter ſervida, ad exercitia meritorie actionis avida, contemplacione suspensa, amplexibus, osculis et colloquiis sponsi christi perfruita, omni virtute preclara, inter martires non infima licet occulta, se- cretorum ac iudiciorum dei conscia, que omnia in libello de vita eius apparebunt lectoris studio diligentis. Dann heißt es: Quanti meriti hec dilecta in vita fuerit, quam excellenter maguo premio post mortem eam dominus ęlorificaverit, ad tumulum eius crebre- scentia miracula attestantur, etiam multitudo gentium concurrentium et deum glorificantium in miraculis et prodigüs, que per eam do- minus cottidie operari dignatur. 4) Diefe Briefe befinden ſich ſaͤmmtlich im Fol. Miscellan. p. 95 sed. Sie ſchließen alle mit der Bitte an den Papft: quatinus eandem
Scanseite 693 · Druckseite 679
Die heilige Dorothea (1393). 679 um am paͤpſtlichen Hofe durch den Ordensprocurator, durch die Goͤnner und Freunde des Ordens unter der hohen Geiſt⸗ lichkeit und durch die Kardinaͤle auf den Papſt für die Sache zu wirken; insbeſondere bemuͤhten ſich auch Dorothea's ehe⸗ malige Beichtvaͤter, die beiden Domherren Johannes von Ma⸗ rienwerder und Johannes Rymann, in ruhmvollen Berichten uͤber das fromme Leben und die zahlreichen Wunder der ent⸗ ſchlafenen Dulderin, ihre Heiligſprechung zu befoͤrdern ). Man ließ dem Papſte durch den Ordensprocurator eine Beſchreibung des ganzen Lebenswandels Dorothea's, aller ihrer Buͤßungen, Erſcheinungen und Wunderwirkungen vorlegen 2). Allein es ging eine Reihe von Jahren voruͤber, ehe der Papſt Bonifa⸗ cius die nöthigen Vorbereitungen zu näherer Prüfung und Un: terſuchung der geſammten Lebensverhaͤltniſſe Dorothea's einlei⸗ tete, und ob ſie gleich in ſeinen letzten Lebensjahren wirklich venerabilem et gloriosam dominam Dorotheam catalogo sanetorum asscribere dignemini et precipere pro sancta coli a fidelibus, quod summe desiderant, et digna veneratione laudari. Außer dem Briefe des Hochmeiſters an den Papſt befinden ſich ebendaſelbſt auch mehre von ihm an einzelne Kardinaͤle. unter mehren andern Briefen an den Papſt iſt einer der merkwuͤrdigſten der verſchiedener Pfarrer, Domher⸗ ren von Ermland und Magifter der freien Künfte aus Danzig, Preuf- ſiſch Holland u. ſ. w., worin fie darthun, daß Dorothea ſich in ihrem ganzen Leben als ausgezeichnete Theologin, Arithmeterin, Geometerin, Muſikerin und Aſtronomin bewieſen habe. Ferner haben wir noch Briefe über die Sache von den oberften Ordensgebietigern, u. a. zwei Schrei⸗ ben des Hochmeiſters an mehre Kardinäle vom J. 1395 wegen Befoͤr⸗ derung der Canoniſation im Regiſtrant. p. 108. 1) Ihre Schreiben im Fol. Miscellan. 2) Es iſt dieſes die vita latina, die wir noch haben. Die beiden Domherren ſagen darüber in ihrem Schreiben an den Papſt: Videat 8. v. libellum vite eius contextum sub paucissimis verbis de valde multis, quem procurator ordinis generalis s. v. presentabit et vide- bit innumerabilia magna, que dominus vestris temporibus operatus est in medio terre. Testificamur coram deo et sanctis eius, quod vita eius ſuit nobis ita admirabilis et stupenda, precipue ista per- maxime spiritualium sentimenta, quod nescimus an de multis mortuis resuscitatis coram nobis plus mirati fuissemus,
Scanseite 694 · Druckseite 680
680 Die heilige Dorothea (1393). angeordnet und auch unter feinem Nachfolger Innocenz dem Siebenten noch fortgeſetzt wurden, ſo gediehen ſie doch nicht zu dem vom Hochmeiſter und der hohen Geiſtlichkeit ſo eifrig gewuͤnſchten Ziele, wozu auch der Umſtand vieles beitrug, daß es dem Ordensprocurator zu Rom immer an den noͤthigen Geldmitteln gebrach, mit denen am päpftlichen Hofe in folchen Dingen gewirkt werden mußte ). So kam es, daß die Sache zu Rom mehr und mehr in Vergeſſenheit gerieth. In Preuſ⸗ ſen ſelbſt traten aber Zeiten ein, in denen ſowohl der Orden als die Biſchoͤfe auf weit wichtigere Intereſſen ihr Augenmerk zu richten hatten, und als man faſt hundert Jahre nach Do⸗ rothea's Tod die Sache noch einmal in Rom in neue Anre⸗ gung brachte, da waren die Zeiten voruͤber, in welchen der Orden wirkſam haͤtte eingreifen, die noͤthigen Mittel und Opfer ſpenden oder das Andenken an Dorotheas wunderba⸗ res Leben und Wirken von ſelbſt zu ihrer Heiligſprechung an⸗ treiben konnen ?). Obgleich aber die fromme Buͤßende nach kirchlichem Ges brauche nie in die Zahl der Heiligen wirklich aufgenommen iſt, ſo galt ſie doch lange Zeit im Lande und weit und breit umher fuͤr eine wahrhafte Heilige, fuͤr eine hehre Patronin und Beſchuͤtzerin des Landes, fuͤr eine ſtarke Saͤule der Kirche Preuſſens und fuͤr ein bedeutungsvolles Schild des Glaubens, der Froͤmmigkeit und Geduld, vielen ein großartiges Beiſpiel 1) Die Correſpondenz daruͤber mit dem Ordensprocurator, der den Papſt zu einer ſolchen Prüfung veranlaſſen ſollte, im Fol. Mi- scellan. p. 61. Man ſchrieb ihm unter andern: Dignemini precibus pulsare dominum nostrum papam studiosis, quatinus velit quoad fa- mam, vel eciam si sanctitati eius placuerit, quoad veritatem comit- tere aliquibus fidedignis ad videndum et inquirendum de vita, con- versatione et miraculis. Die Klage über den Mangel am nöthigen Gelde in einem ſeiner Briefe. 2) Die weiteren Nachweiſungen hicruͤber fleißig zuſammengeſtellt bei Lilienthal p. 127 seg. In einer Urkunde im geh. Arch. Schiebl. L. Nr. 27 wird manches erwähnt, was ihre Verehrung in der Kirche zu Marienwerder betraf, z. B. die Stiftung einer Meſſe an ihrem Grabe im J. 1396 u. ſ. w.
Scanseite 695 · Druckseite 681
Die heilige Dorothea (1393). 681 und Muſterbild hoher Tugenden im Geiſte der Zeit). Ihr frommes Andenken ging uͤber mehre Jahrhunderte hinaus und noch in ſpaͤter Zeit zog die Erinnerung an ihre Bußuͤbungen, ihre Leiden und Wunderthaten bußfertige und zerknirſchte Ge⸗ muͤther an ihre Ruheſtatt hin und gab ihnen Troſt und Er⸗ hebung in den Stuͤrmen des Lebens. Am Abend ihres Jahr⸗ hunderts aber, welches ſo oft den Boden Preuſſens und Lit⸗ thauens durch Krieg und wildes Schlachtgetuͤmmel mit Blut gefaͤrbt und durch Pluͤnderung, Raub und Brand mit Jam⸗ mer und Elend uͤberfuͤllt geſehen, ſtand das Bild der from⸗ men Dulderin, ſo gewaltig auch der Kampf und Sturm in ihrem eigenen Innern war, als eine uͤber die wilde Zeit da⸗ mals troͤſtende und erhebende Erſcheinung da. 1) In einem Briefe des Hochmeiſters Konrad von Jungingen heißt Dorothea contra calumpniam fidelissima adiutrix et patrona, contra miseriam pietatis alumpna, contra maliciam reconciliationis matrona, lumen ecclesie, zelatrix iusticie, nutrimentum fidei, scutum patien- cie, oleum pietatis et misericordie, cecis oculus, claudis baculus, frigidis caritatis igniculus, mortuis vite rivulus ac “quibuscungue miseris corporalibus et spiritualibus eſſicax recreacio et fomentum.
Scanseite 696 · Druckseite 682
Bu Me 1
Scanseite 697 · Druckseite 683
e i 4 n.
Scanseite 698 · Druckseite 684
Scanseite 699 · Druckseite 685
Beilage NI. Über die Abdankung des Hochmeiſters Lu— dolf Koͤnig von Weizau. Über die letzte Regierungszeit dieſes Hochmeiſters und über die Urſachen ſeiner Abdankung liefern die Quellen ſehr verſchiedene Nachrichten. Einer Seits ſprechen Chroniſten uͤber die Geiſtes⸗ verwirrung des Meiſters, ſowie uͤber den Anlaß, der ſie herbei⸗ fuͤhrte, mit einer Beſtimmtheit und Ausfuͤhrlichkeit, welche nichts zu wuͤnſchen uͤbrig laſſen; anderer Seits ſchweigen andere Quel⸗ len uͤber Ludolfs ungluͤcklichen Zuſtand nicht nur gaͤnzlich, ſon⸗ dern erwaͤhnen auch der Ereigniſſe der Zeit keineswegs in der Art, daß man ſie als die Urſache dieſes Zuſtandes anſehen koͤnnte. Um ſo nothwendiger ſcheint es zur Rechtfertigung unſe⸗ rer obigen Darſtellung, daß dieſe verſchiedenen Quellen etwas naͤher beleuchtet werden. Es ſtützt ſich naͤmlich jene Darſtellung zunaͤchſt und vorzuͤg⸗ lich auf das unverdaͤchtige und in feiner Auctorität ſehr wichtige Zeugniß des Chroniſten Wigand von Marburg, aus deſſen Chronik wir daher auch die betreffenden Stellen ſo viel als noͤ⸗ thig mitgetheilt haben. Er war Zeitgenoſſe, lebte wenigſtens zu Winrichs von Kniprode Zeit ſchon in Preuſſen und konnte fomit uͤber die Ereigniſſe unter Ludolfs Regentſchaft ganz genau unter⸗ richtet ſeyn. Er konnte alſo die Wahrheit ſagen und gewiß wollte er fie auch ſagen; denn über feine Wahrheitsliebe, die fo oft klar aus ſeinem Werke hervorgeht, kann insbeſondere in ei⸗ ner ſo wichtigen Sache, deren Grund und Anlaß noch ſo vielen in ſeiner Zeit bekannt war, wohl ſchwerlich ein Zweifel entſtehen. Mit ihm ſtimmen auch die meiſten uͤbrigen Preuſſiſchen Chroni⸗ ſten überein, fo Schätz p. 71, der feiner Quelle, Wigand von Marburg, auch hier ohne Bedenken folgt, Henneberger p. 289, Lucas David B. VI. S. 148, Leo p. 150; auch Simon Grunau Tr. XII. c. 13 weicht hier wenig ab; es heißt bei ihm: „Zu dieſer Zeit kamen die Samaiten und Littauen in Lieff⸗
Scanseite 700 · Druckseite 686
686 Über die Abdankung Ludolfs König v. Weizau. land und funden niemand daheime, darum zerſtoͤrten ſie das Schloß Karkis und zogen 50 Meilen in Lieffland und thaten, was ſie wollten und brachten einen unſeligen Raub weg von Volk. Dieſes beklagte ſich der Landmeiſter, wie ihn und die Seinen der Homeiſter verrathen haͤtte, von welchem Jammer die Fuͤrſten und des Homeiſters Ordensbruͤder ihm afterkoſeten und ihm fluch⸗ ten, daß es Schande war zu hoͤren; der eine legte es ihm ſo aus, der andere ſo. Aus dieſem kam der Homeiſter in Unſin⸗ nigkeit, daß er ſich ſelbſt ſuchte umzubringen.“ Die Annales Olivens. p. 59 — 60 liefern folgenden wichtigen Bericht über den Verlauf der Sache: Venerunt ad partes Prussiae magni et no- biles Principes, videlicet Joannes de Lutzelburg Rex Bohe- miae, Rex Ungariae et Marchio Moraviae, Comes de Hollen et alii quam plures ad impugnandum terras et gentem Litwi- norum, quos Magister gratanter suscepit et prout decuit ho- noravit, et congregata magna multitudine bonorum expedito- rum virorum de terra sua, una cum praedictis Regibus et Co- mitibus intravit terram Lithwinorum. Et praesumens de for- titudine exereitus, praemisit literas ad Magistrum Livoniae, significans sibi, quod insultum Lithwinorum non timeret, cum ipse intraturus esset cum tam valida manu terram ipsorum, quod firma spes esset sibi de eorum subiectione vel omnimoda deletione; propter quod Magister Livoniae animatus cum tota potentia sua ivit ad impugnandas gentes Daecones, Eystones et Osolienses, quae illo tempore a fide apostataverunt, — Audientes autem Lithwini exercitum de Prussia tam validum similiter contra se venire, congregaverunt omne robur suum et in eo tempore, quo eorum terra vastarefur, ipsi vastare terram Zambiensem et alias Christianorum terras disponebant. Quod cum innotuisset Magistro et Regibus et Principibus Praedictis, de communi consilio decreverunt potius defendere Christianos, quam vastare Paganos, et cum festinatione red- ierunt, sperantes se cum Lithwinis esse congressuros. Quod audientes Lithwini converterunt se versus Livoniam et invene- runt terram totam imutatam (nutatam) et vastaverunt eam Christianis multis interfectis, secum pluribus utriusque sexus ad terras suas in miserabilem servitutem deductis. Post hunc inopinatum eventum in Christianitate Domino permittente fa- etum et propter Regum et Principum cassum laborem Magi- ster in immensam incidit tristitiam et cordis dolorem: nee mi- rum, quia imponebatur sibi, quod ex industria ipsius et vo- luntate frustrati essent spe sua, quam habebant cum Paganis congregiendi et detrahebant sibi maiestate non solum Reges
Scanseite 701 · Druckseite 687
Über die Abdankung Ludolfs König v. Weizau. 687 et alii Nobiles, sed etiam fratres sui. Et propter nimiam turbationem quasi alienatus mente incedebat. Et qui erat quondam elegantis eloquentiae et tota ineffabilitate benignus, raro loquebatur ad interrogata respondendo. Et hoc perpen- dentes viri Religiosi, magnus commendator, thesaurarius, ho- spitalarius et trappiarius famulis Magistri et camerariis man- daverunt, ut eum diligenter custodirent, ne in melancholia taliter aliquid mali inferret sibi ipsi. Quorum unus curiosius eum custodire volens, saepius in mane vel in vespere, cum esset in orationibus suis, impedivit. Quod Magister aegre tulit et cum cessare nollet, una vice commotus Magister ip- sum cultello suo graviter vulneravit. Quod cernentes prae- ceptores praedicti, rogaverunt eum, ut maneret in Engels- berg sine omni solicitudine et cura, et alium consentiret re- gere vices suas, si forte Deus eum visitaret et sibi redderet sanam mentem. Quod ipse annuit fieri, et constitutus fuit in vice- Magistrum fr. Henricus Tusymer, qui se honeste rexerat in Ordine multis annis et contra Lithwines semper ſuit pu- gnator strenuus et virilis. — Dieſe vollwichtigen Zeugniſſe find gewiß hinreichend, um unſere Darſtellung der Sache vollkommen zu rechtfertigen, denn wenn die Ordenschronik bei Matthaeus p. 779 auch nur ſagt: „Ludolff Coninck creech gebreck an ſynen live, ſo dat hy niet langher regieren enmocht,“ ſo giebt ſie doch immer eine Krankheit als die Urſache ſeiner Abdankung an und geht uͤber das Einzelne oberflaͤchlich hinweg. Detmar B. I. S. 258 weiß dagegen nichts von einer Krankheit, ſondern ſagt bloß von den Ordensgebietigern: „den entfatten fe do, unde ſat⸗ ten enen andern in ſine ſtede.“ In Corneri Chron. ap. Eccard T. II. p. 1065 heißt es: Unde regressi ad propria cum magna indignatione, frustrati sunt in proposito eorum. Fratres au- tem de Domo Teutonica iram Principum formidantes, Lude- rum Magistrum eorum nequam propter traditionem factam de- posuerunt de officio, et carceri perpetuo ipsum mancipave- runt, alium loco eius instituentes: eine Nachricht, worin Irr⸗ thuͤmer unverkennbar find. Neuere Geſchichtſchreiber haben jedoch, auf andere Quellen geftügt, nicht nur an den angeführten Urſachen, ſondern uͤber⸗ haupt auch an der Geiſtesverwirrung des Hochmeiſters ſelbſt ge⸗ zweifelt oder beide gaͤnzlich abgelaͤugnet. Dieß that ſchon De ul Histoire de FO. T. III. p. 296. Kotzebue aber fagt B. II. S. 403: „Ganz gewiß irrig iſt die Erzählung ale ler Schriftſteller, die nach Preußen gewallfahrteten Fuͤrſten waͤ⸗ ren bei dem Feldzuge in Litthauen mit dem Hochmeiſter in Un⸗
Scanseite 702 · Druckseite 688
688 Über die Abdankung Ludolfs König v. Weizau. einigkeit gerathen, hätten ihm bittere Vorwürfe gemacht und waͤ⸗ ren mißvergnuͤgt von dannen geſchieden. Allein ein ſehr unver⸗ daͤchtiges Zeugniß beweiſt das Gegentheil.“ Dieſes Zeugniß naͤm⸗ lich, worauf hier ſo großes Gewicht gelegt wird, iſt eine Stelle in der vita Caroli IV. in Freher Rer. Bohem. script. p. 104, wo es über den Kriegszug der Könige von Böhmen und Ungern heißt: Rex Johannes reversus in Bohemiam, disposuit cum Ca- rolo, ut una versus Prussiam transirent contra Lituanos pug- naturi. Celeriter ergo ad viam procuratis necessariis Wratis- laviam transierunt, quo etiam rex Ungarie, Comes Hollandiae et plures ali Principes, Marchiones, Duces et multi viri spectabiles in eodem proposito de diversis mundi partibus con- venerunt. — Post non multos vero dies omnes isti Principes et magni viri de Wratislavia versus Prussiam processerunt. Et ibidem cum per longum tempus glaciem expectantes iacuis- sent, hyems adeo fuit mollis et lenis, quod per glaciem trans- itum, sicut aliis annis, minime habuerunt. Et sic multi magni viri suis votis frustrati, perdiderunt labores similiter et expen- sas. Reversi sunt itaque Domini praenominati et quisque eorum ad terram suam direxit gressus suos.“ Alſo, ſchließt Kotzebue aus diefer Stelle, wenn Ludolf König wirklich wahnwitzig geworden, ſo war das wenigſtens keine Folge der ihm von dem Fuͤrſten gemachten Vorwuͤrfe.“ Dieſer Schluß iſt indeſſen, wie es uns ſcheint, keineswegs richtig. Allerdings ſteht in dieſer Stelle nichts von des Meiſters Wahnſinn, auch nichts von deſ⸗ ſen Anlaß. Allein Karl IV (bekanntlich der Verfaſſer dieſer vita) wollte und konnte daruͤber in ſeiner Lebensbeſchreibung nichts ſa⸗ gen. Er will erſtens nur den Grund angeben, warum die Fuͤr⸗ ſten in Litthauen nichts von Wichtigkeit ausgefuͤhrt hatten, und dieſen Grund fand er in dem gelinden Winter und dem weichen Wetter. Daruͤber hatten die Fuͤrſten dem Hochmeiſter keine Vor⸗ wuͤrfe machen koͤnnen. Von dem aber, was dieſem die Vor⸗ wuͤrfe zuzog, naͤmlich von der durch ihn vorzuͤglich verſchuldeten Verheerung Livlands, ſpricht Karl überhaupt gar nicht, natuͤrlich alſo auch nicht von der Unzufriedenheit der Fuͤrſten in dieſer Hinſicht und deren Vorwuͤrfen, und folglich auch nicht von den Folgen und der Wirkung dieſer Vorwuͤrfe auf den Geiſt des Mei⸗ ſters. Aus dem Schweigen Karls uͤber die uns vorliegende Sache kann demnach ſchwerlich wohl ein Schluß gezogen werden für die Nichtexiſtenz der Sache ſelbſt. Es erhebt ſich zweitens aber auch die Frage: Konnte denn Karl uͤber den Zuſtand des Hochmeiſters etwas ſagen und iſt es außer allem Zweifel, daß er von deſſen Geiſtesverwirrung und deren Urſachen etwas ge⸗
Scanseite 703 · Druckseite 689
Über die Abdankung Ludolfs König v. Weizau. 689 wußt habe? Wir glauben, keineswegs! Der ungluͤckliche Zu⸗ ſtand des Meiſters trat ja erſt nach dem Abzuge der Fuͤrſten, er trat Überhaupt erſt nach und nach ein; er ging von Schwermuth in Tiefſinn und von Tiefſinn in Geiſtesverwirrung über. Ob nun Karl nachmals in Boͤhmen von dieſer Lage der Dinge et⸗ was erfahren habe, muß wohl ſehr ungewiß bleiben, und wenn er von dem Zuſtande des Meiſters auch wirklich etwas erfahren haben ſollte, ſo iſt es wiederum zweifelhaft, ob er auch Anlaß und Urſache erfuhr und ob ihm der Zuſammenhang zwiſchen die⸗ ſem Zuſtande und jenem Kriegszuge auch wirklich bekannt war. Geſetzt aber endlich auch, dieſes alles waͤre Karln wohlbekannt geweſen, mußte er denn oder mochte er auch nur von der Sache in ſeiner Lebensbeſchreibung ſprechen? Mochte er es oͤffentlich niederſchreiben, daß die Vorwürfe der Fuͤrſten und namentlich die ſeines Vaters bei dem ſonſt ſo hochgeſchaͤtzten Ordensmeiſter dieſen ungluͤcklichen Erfolg gehabt haͤtten? Und waren die Fuͤr⸗ ſten, wenn einmal von Schuld wegen des Mißlingens der Lit⸗ thauiſchen Kriegsreiſe die Rede war, ſo voͤllig frei davon? War es dann nicht kluͤger, die Schuld auf den Himmel zu werfen und ſie einer allerdings mitwirkenden Urſache, naͤmlich dem wei⸗ chen und faulen Winter beizumeſſen? Man ſieht alſo, daß dieſe Stelle in Karls Lebensbeſchrei⸗ bung die Nachrichten Wigands von Marburg und der uͤbrigen Preuſſ. Chroniſten keineswegs widerlegt und uͤberhaupt nicht be⸗ weiſet, was ſie beweiſen ſoll. — „Aber,“ ſagt Kotzebue a. a. O. weiter, „dieſer Wahnwitz des Hochmeiſters ſcheint uͤberhaupt zwei⸗ felhaft, denn Pauli B. IV. p. 200 erwaͤhnt einer Urkunde, die Ludolf noch 1345 als Hochmeiſter ausgeſtellt.“ (De al J. c.) Wohl! Wir haben oben ebenfalls eine ſolche Urkunde und mehre aus dem Jahre 1344 angeführt, Allein auch dieſe Urkunden beweiſen nichts gegen die Sache. Die ganze Darſtellung, wie wir fie bei Wigand von Marburg und in den Annal. Oliv. fin den, beweiſet aufs deutlichſte, daß der ungluͤckliche Zuſtand des Meiſters nicht perpetuirlich war und daß oft längere oder kuͤr⸗ zere Zeitraͤume dageweſen ſeyn mögen, in denen er feine gewoͤhn⸗ lichen Geſchaͤfte betreiben konnte. Wir hoͤren ja, daß er ſeine beſtimmten Gebete verrichtet, daß man es ihm uͤberlaſſen habe, ſich ein anderes Amt auszuwaͤhlen (ut consilia daret pro alio utili eligendo sc. officio), daß man ihm das Komthuramt in Engelsberg uͤbertragen, und Wigand bezeugt auch, daß er dort wieder völlig hergeſtellt worden ſey (posthee frater Luterus re- cuperavit dono dei rationem et sermonem et sine aliquo de- fectu in devocione gratiam dei promeruit). Wenn aber dieſes M. a4
Scanseite 704 · Druckseite 690
690 Über die Abdankung Ludolfs König v. Weizau. alles geſchah, konnte da Ludolf nicht auch Urkunden ausfertigen laſſen, beſonders laͤndliche Verſchreibungen? Oder konnten ſie nicht auch in ſeinem Namen ausgeſtellt werden, da ja Verhaͤlt⸗ niſſe ſo ganz eigener Art Ausnahmen von der Regel wohl gewiß rechtfertigen? Demnach koͤnnen auch ſolche Urkunden keinen vollſtaͤndigen Beweis für die Nichtexiſtenz des erwähnten Zuſtan⸗ des des Meiſters geben. — Sonderbar behilft ſich De Wal J. c., der an dem eigentlichen Wahnſinne des Hochmeiſters ebenfalls zweifelt, mit der Annahme: Cependant, comme le rapport des historiens est unanime sur la folie du Grand- Maitre, il est vraisemblable que quelque évenement y a donné lieu, et Pon peut croire, que ce Prince eut Pan 1344 une fievre violente, accompagnée de quelques accès de frénésie, comme cela ar- rive frequemment. Über den Erfolg der Heerfahrt gegen die Litthauer find die Quellen ebenfalls abweichend. Nach der mitgetheilten Stelle aus der vita Caroli IV kam man gar nicht einmal ins heidniſche Land. So erzählt auch Johannes Archidiacon. in der in Su⸗ chenwirts Werken S. 181 von Primiſſer mitgetheilten Stelle: Ludovicus ... decenti comitiva anno domini MCCCXLV transivit in Bohemiam ad socerum suum, .... et ducto consi- lio cum rege (Joanne) antiquo et dicto socero suo (Carolo) predieti regis filio, congregaverunt militiam fortem et vali- dam, et circa festum B. Mariae v. transierunt pelagus (Ka⸗ tona ſetzt hinzu: forte maris Baltici sinum eirca Dantiscum) super glacie uno die naturali contra Lithuanos paganos, vo- lentes eorum terram igne et gladio devastare; sed flante au- stro dissolvebatur glacies et ex mora illis periculum immine- bat. Ideo quam citius retrocesserunt et sine fructu vacui red- ierunt. Es ſtimmt alfo dieſe Nachricht in Beziehung auf den nichtigen Erfolg der Heerfahrt mit der in Karls IW Leben über: ein. Nach Wigand. Marb. dagegen brach der Meiſter mit dem Grafen Wilhelm von Holland in Litthauen ein, wuͤſtete im Lande zwei Tage lang und uͤbte großen Schaden, sed propter inunda- cionem ex resolucione nivis et glaciei compulsus est exire. Peter Suchenwirt S. 49 ſingt von dieſem Zuge: Dar nach begund er cheren Gen Preuzzen durch das gelauben er Da man ſach tzwene chuͤnig her, Vil Pehem und vil Unger Mit in vil helden iunger, Fuͤrſten, grafen, freyen, Der namen hoͤrt man chreyen Von den eralden, perſewant,
Scanseite 705 · Druckseite 691
Über die Abdankung Ludolfs König v. Weizau. 691 Der wappen volger Tribliant, Man ſach, da wer der geſte vil Auz vremden landen ane gil, Die in die Littaw raiſten Der undict vil verwaiſten Von vater und von muter. Der edel helt vil guter Wart ritter auf der ſelben vart: s Der Littaw er vil wenig fpart Mit ſeines ſwertes ſtraichen Er gab ſand Joͤrgen tzaichen Durch weizzes harnaſch liecht gewar Mit roten bunden, daz iſt war, Daz maniger vor im tot gelag. Man was mer wenn tzehen tag In der Littaw lande; Man flug, man vie, man prande Durch Mariam, die vil heren Und den gelauben meren Der hochgetewerten chriſtenhait Manig edel ritter danne rait, Der chnechtes weis was chumen dar. Moͤchte vielleicht manches in dieſer poetiſchen Erzaͤhlung der dichteriſchen Ausſchmuͤckung beizuſchreiben ſeyn, ſo bleibt im Gan⸗ zen doch das Reſultat, daß man zwar in Litthauen allerdings einfiel, da einige Tage heerte und brannte und manchen Heiden auffing und ermordete, daß aber die eintretende weiche Witte⸗ rung einen erheblichen Erfolg verhinderte. Was endlich noch die Frage betrifft: in welches Jahr die⸗ ſer Kriegszug der beiden Koͤnige nach Preuſſen zu ſetzen ſey? ſo haben wir den Winter von 1343 zu 1344 angenommen, der Angabe Wigands von Marburg folgend, der dieſe Zeit nicht nur mehrmals ganz beſtimmt bezeichnet, ſondern die Anweſen⸗ heit der Koͤnige auch in die Zeit ſetzt, in welcher der Meiſter von Livland am thaͤtigſten mit der Bezwingung der Eſthlaͤnder beſchaͤftigt war, und damit ſtimmen auch Schütz p. 71, Dia- goss. p. 1070, Chron. Oliv. p. 50. u. a. überein. Gewiß greifen bei dieſer Annahme die Ereigniſſe auch am beſten in ein⸗ ander ein und es laͤßt ſich damit auch wohl vereinigen, wenn Bonfin Rer. Ungar. p. 329 den Zug ins J. 1344 fest. At les aber wuͤrde ſich aus der Ordnung verruͤcken, wenn man nach der erwähnten Angabe des Johannes Archidiacon. die Heer⸗ fahrt erſt ins J. 1345 braͤchte, wozu ohnedieß auch völlig be⸗ glaubigte Zeugniſſe fehlen, denn das Chron. Albert. Argent. ap. Urstis. T. II. p. 131, welches das J. 1345 angiebt, kann fuͤr die richtige Zeitbeſtimmung keinen Ausſchlag geben. 44 *
Scanseite 706 · Druckseite 692
Beilage N I. über die Schlacht an der Strebe. Es herrſcht uͤber die Zeit und die Gegend, wann und wo dieſe Schlacht vorgefallen iſt, in mehren Quellen große Verwirrung, und die Widerſpruͤche, zu denen fie Anlaß giebt, find in den neuern geſchichtlichen Werken über Preuſſen ziemlich zahlreich. Am meiſten hat hier Schätz irre geführt, denn er hat erſtens die Sache dadurch ſehr verwirrt, daß er durch Nebenquellen (f. p. 72) verleitet, aus der einen Schlacht an der Strebe ges wiſſermaßen zwei Schlachten macht, deren eine nach ihm am 2. Febr. 1346 im Felde Augken oder Oukaym erfolgt und zu de⸗ ren Andenken das Jungfrauen⸗Kloſter im Löbenicht zu Koͤnigs⸗ berg erbaut ſeyn ſoll, die andere dagegen an der Strebe jenſeits Labiau im J. 1347 vorfaͤllt. Die Vergleichung anderer Quel⸗ len, von denen bald naͤher die Rede ſeyn wird, ergiebt ganz klar, daß Schütz hier feinen Führer, Wigand von Marburg, entwe⸗ der zu wenig beachtete oder mißverſtand, und aus der Schlacht⸗ beſchreibung an der Strebe manches auf die Heerfahrt uͤbertrug, die, wie wir oben S. 41. ſahen, im J. 1345 in der Gegend von Auken geliefert wurde, nach Wigand. aber bei weitem nicht die Wichtigkeit hatte, die ihr Schütz beilegt. Die Verwirrung bei dieſem Chroniften wird zweitens auch dadurch noch vermehrt; daß er die zweite Schlacht „an den Fluß Strebe oder Strebenitz jenſeits Labiau“ verſetzt, (worin ihm Baczko B. II. S. 129, Kotzebue B. II. S. 190 und De Wal T. III. p. 303 nach⸗ gefolgt ſind), wodurch der ganze Verlauf der Dinge verkehrt wird und ſeine ganze Erzaͤhlung kaum noch zu verſtehen iſt, denn es wird z. B. unerklaͤrlich, wie der Hochmeiſter mit ſeinem Heere nach Inſterburg ziehen kann und doch die Schlacht an der Strebe ſchlaͤgt. Schütz wußte ohne Zweifel gar nicht, daß es in Lit⸗ thauen ſuͤdwaͤrts von der Wilia einen Fluß gab, der in jener
Scanseite 707 · Druckseite 693
Über die Schlacht an der Strebe. 693 Zeit die Strebe (deſſen auch Lindenblatt S. 82 gedenkt), jetzt Strowa genannt, zwiſchen Krony und Rumſchisky (ſonſt Rumſchisken) in die Memel faͤllt und daß es dieſer Fluß war, in deſſen Nähe die Schlacht erfolgte; daher auch alle Übrige Quellen, z. B. Lucas David B. MI. S. 5—6 die Schlacht in Litthauen und keineswegs in der Gegend von Labiau geſche⸗ hen laſſen. Dlugoss. L. IX. p. 1079 und 1086 bringt uns um nichts weiter; vielmehr wirrt er alles noch mehr durcheinan⸗ der; eben fo wenig führt Amjalowiez p. 310 auf die richtige Bahn, denn er nennt ebenfalls den 2. Febr. 1346 als den Schlacht⸗ tag, zu deſſen Andenken das Kloſter zu Koͤnigsberg errichtet wurde und ſpricht im J. 1348 gleichfalls von einer Niederlage der Lit⸗ thauer bei Labiau. Die beiden wichtigſten Quellen für dieſe Schlacht an der Strebe find offenbar theils Wigand. p. 285, theils der früher erwaͤhnte alte Bericht im Fol. Handfeſt. des Biſth. Samland p. CLXIV. Sie geben zunaͤchſt ſichere Hinweiſungen zur genau⸗ eren Beſtimmung der Zeit an die Hand, in welcher die Schlacht vorfiel, denn die gewoͤhnlichen Quellen ſind auch hieruͤber voll Widerſpruͤche und ſchwanken zwiſchen den Jahren 1346 bis 1349. Es giebt Gruͤnde, das Jahr 1348 als die richtige Zeit fuͤr die Schlacht anzunehmen, denn 1. wird dieſes Jahr in dem erwaͤhn⸗ ten alten Berichte aufs beſtimmteſte mit den Worten bezeichnet: „Anno 1348 den 26. Tag Januarii, welcher war Sonnabend nach Pauli Bekehrung, als Bruder Heinrich Tuſemer Hochmei⸗ ſter u. f. w. Sorg tragen hat, ſeyn die ehrwuͤrdigen Männer Bruder Seifrid von Tanfelt Oberſter Marſchall, Winrich von Kniprode Großkomthur und Ludwig von Wulkenberg Oberſter Trapier bewegt worden, zu raͤchen die Schmach des Gekreuzig⸗ ten u. ſ. w.“ Dieſe Angabe der Gebietiger ſtimmt auch mit dem im Berichte genau bezeichneten Schlachttage, dem „Sonn⸗ abend unſer Frauen Lichtmeſſe“ vollkommen uͤberein, keineswegs aber mit dem 2. Febr. 1346. — 2. Weiſet auf das J. 1348 auch Nigand. hin, wenn man bei ihm auf den ſaͤchlichen Zu⸗ ſammenhang ſieht; denn nachdem er zuerſt mit beſtimmter An⸗ gabe des Jahres 1347 des Einfalles der Litthauer in die Ge⸗ genden von Raſtenburg und Gerdauen, dann auch des andern Raubzuges des Großfuͤrſten uͤber Ragnit, Inſterburg u. ſ. w. er⸗ waͤhnt hat, folgt unmittelbar die Erzaͤhlung dieſer Kriegsfahrt und die Beſchreibung der Schlacht an der Strebe, woraus her⸗ vorgeht, daß der Chroniſt ſie in den Anfang des J. 1348 ver⸗ ſetzt. Dennoch ſteht bei ihm (nach dem vor uns liegenden Aus⸗ zuge ſeiner Chronik) gleich im Anfange der Beſchreibung dieſes
Scanseite 708 · Druckseite 694
694 über die Schlacht an der Strebe. Zuges das J. 1346 und dieſes iſt es wohl auch hauptſaͤchlich, was Dlugoss. und vielleicht auch Schütz mit verleitet hat, man⸗ ches aus der Schlacht an der Strebe in dieſes J 1346 zu uͤber⸗ tragen. Entweder aber iſt dieſe Angabe des J. 1346 ein Schreib⸗ fehler bei Wigand., oder er hat ſich in der Jahresbeſtimmung ſelbſt geirrt; denn daß das J. 1348 das richtige iſt, geht 3. auch aus dem Umſtande hervor, daß die Erbauung des Nonnen⸗ kloſters zu Koͤnigsberg keineswegs im J. 1346, ſondern nach urkundlichen Nachrichten (geh. Arch. Schiebl. XXXIII. Nr. 4.) erſt in den Jahren 1348 und 1349 beſchloſſen und ausgefuͤhrt worden iſt. Eine fernere Beſtaͤtigung erhaͤlt 4. das Jahr 1348 auch durch den in der Schlacht an der Strebe erfolgten Tod des Vogts von Samland Johannes von Lonſtein und des Komthurs von Danzig Gerhard von Steegen ). Was den erſtern betrifft, fo nennt Wigand. I. c. zwar den advocatus episcopi Sambien- sis Johannes de Love oder Lone; daß dieſes aber kein anderer ſeyn kann, als Johannes de Lonstein, beweiſet der Umſtand, daß man dieſen Namen in Urkunden aus den Jahren 1343 bis in den Anfang des J. 1348 beſtaͤndig als den des biſchöflichen Vogts von Samland findet (f. Matricula Fischhus. p. LVIII se.). Zum letztenmal erſcheint er unter den Zeugen in einer Urkunde vom 7. Januar 1348 und hierauf wird in den Urkunden dieſes Jahres immer Pezold von Kurwitz als ſein Nachfolger im Vogt⸗ amte genannt Der Komthur von Danzig Gerhard von Stee⸗ gen wird von Kojalowiez p. 314 namentlich genannt, während Wigund. nur überhaupt unter den Gefallenen des Commenda- tor de Gdancz erwaͤhnt. Da nun dieſer Komthur noch in ei⸗ ner am Tage Epiphaniaͤ 1348 ausgeſtellten Urkunde vorkommt (Handfeſten⸗Buch Nr. II. p. 123), ſo bewaͤhrt es ſich auch da⸗ durch, daß die Schlacht, in der er fiel, nicht vor dem J. 1348 erfolgt ſeyn kann. Mit dieſer Annahme des J. 1348 ſtimmen 5. auch noch andere Chroniſten uͤberein; ſo heißt es in der alten Preuſſ. Chronik p. 37: „Im Jare des hern M. CCCo. XLVIII czogen dy bruder us Prewſen ken Littawen und herten ym lande mit macht VIII tage. am IX tage an unſer liben frauwen licht⸗ meſſe tage ſtretyn ſy mit den heiden bey eynem flyße dye Stre⸗ bene iſt genant.“ Ferner nennen dieſes Jahr Albert. Argent. Chron. p. 144, Jo. Fitoduruni Chron. p. 1927 u. a. Das Chron. German. ap. Pistor. T. II. p. 391 erwähnt der Schlacht *) Nicht Stregen, wie oben S. 64 der Name durch einen Druck⸗ fehler entſtellt iſt.
Scanseite 709 · Druckseite 695
über die Schlacht an der Strebe. 695 nur in Hinſicht des großen Ruhmes, den ſich der Orden dadurch erworben. Nicht minder weichen die Chroniſten in der Angabe der Zahl der Gefallenen von einander ab. Wigund. giebt die Ge⸗ ſammtzahl der im Kampfe und im Gewaͤſſer umgekommenen Feinde auf 18,000 an. Nach Schütz p. 72 fielen in ber Schlacht bei Auken 22,000 Litthauer; er fuͤhrt aber an, daß der Polniſche Scribent Mechow 18,000 zähle, welche Zahl dann Schütz auch in der Schlacht an der Strebe annimmt, übers dieß auch noch eine große Zahl im Waſſer umkommen läßt. Da mit dieſer Zahl auch Dlugoss. p 1079 übereinftimmt, fo dürfte das Wahrſcheinlichſte ſeyn, daß 18,000 auf dem Kampfplatze blie⸗ ben und etwa 4000 im Fluſſe umkamen, wiewohl Albert. Ar- gent. l. c. 6000 Ertrunkene und 12,000 Erſchlagene angiebt, welche letztere Zahl auch Jo. Fitodurani Chron. I. c. hat. Der oft erwähnte Bericht führt an, daß „10,000 der Unglaͤubigen und mehr erſchlagen worden“; ebenſo die Ordenschron. bei Mat- thaeus p. 780. Detmar B. I. S. 267 zahlt 14,000 und fuͤgt hinzu: „De criſtenen luͤde nemen nynen (keinen) groten ſchaden wen bi viftich manen, argher unde gud, de dar dod ble⸗ ven.“ Sehr abweichend ſagt die alte Preuſſ. Chron. p. 37: „Und fiugen von gotes gnaden tot Littawen und Ruſſyn, dy en czu hülfe woren gekomen, me denne 11 n (vielleicht ſtatt XIIX.). In dem ſelben ſtreite bleip och tot Narimante der Ruſſen ko⸗ ning Algarden und Kinſtoden bruder. Abir von den brudern ble⸗ ben tot VIII bruder und XIII gutter mannen.“ Des Todes der beiden Fuͤrſten Nordmann (Norman, Na⸗ rimund, Narinant oder Narimant) Gedimins Sohn und Bru⸗ der Olgjerds, und Ortmann oder Ortomannowitz haben wir oben nicht beſonders erwaͤhnt, ſo wenig wir die lebhaften Farben in das Schlachtgemaͤlde haben bringen moͤgen, mit denen Kotze⸗ bue B. II. S. 190 es ausgeſchmuͤckt hat. Dieſe Schminkfar⸗ ben haben einzig nur den Moͤnch Simon Grunau Tr. XII. c. 14 zur Urquelle und ſind aus dieſem zu Lucas David B. VII. S. 6—7 übergegangen. Daß hier vieles nur eitle Er⸗ dichtung iſt, beweiſen ſchon die wenigen Umſtaͤnde, daß die Ruſ⸗ ſiſche und Litthauiſche Geſchichte keinen Litthauiſchen König Ort⸗ mannowitz, oder einen Moscowitiſchen Koͤnig Nordmann, die Or⸗ densgeſchichte ſelbſt auch keinen Ritter Erich von Ruppenſtedt, Rippenſtoͤrt oder Repſtaͤdt kennen und daß es ferner eine offen: bare Luͤge des Moͤnches iſt, wenn er den Großfuͤrſten Olgjerd im Kampfe fallen läßt, da wir beſtimmt wiſſen, daß er lange nachher noch lebte. Was Narimant, Statthalter von Orechow,
Scanseite 710 · Druckseite 696
696 über die Schlacht an der Strebe. anlangt, der ſich im J. 1345, von Olgjerd ſeines vaͤterlichen Beſitzthums beraubt, zum Tatar⸗ Chan geflüchtet hatte (Kara m⸗ fin B. IV. S. 218. 221.), fo iſt feine Anweſenheit, wie fruͤ⸗ her bemerkt iſt, allerdings wohl möglich. Allein nicht bloß Ni- gand. erwähnt feiner bei der Schlacht weiter nicht, ſondern die übrigen Chroniften weichen auch zu ſehr in ihren Nachrichten ab, als daß wir aus ihnen etwas Sicheres haͤtten entnehmen koͤnnen. So erzählt z. B. Albert. Argent. Chron. I. c. Duo Regis fra- tres non valentes effugere, arbores ascenderunt: quas cum Christiani succidere vellent, illi videntes se non posse evadere, ne de Christianorum morerentur manibus, cum cingulis suis ad ramos arborum se suspenderunt. Nach Schütz p. 72 ift Narimant (von ihm Narimund genannt) mit feinem Roſſe im Fluſſe ertrunken; nach andern Chroniften wird er dagegen in der Schlacht erſchlagen. Merkwuͤrdig iſt in Ruͤckſicht auf den gan⸗ zen Kriegszug eine Stelle in Jo. Vitodurani Chiron. p. 1927, wo es heißt: Cruciſeri, Teutonici Domini in vulgari vocitati, in Pruscena provincia dominantes, tempore hyemali more con- sueto, paucorum auxiliatorum fidelium pugnatorum suffragio pro tunc (anno 1348) suffulti, Lytaoniam ad paganos conte- rendos intraverunt: in quos praeparatos et congregatos ad bellandum cum eis irruentes, uf fertur, XII circiter millia ex ipsis cum duobus vel tribus Regibus eorum usque ad interne- cionem percusserunt plus solito, quamvis ferme soli essent Dei iuvamine prosperati. — De Paganis et Cruciferis jam comme- moratis narratur fama recenti et vulgata, quod Cruciferi prae- sentientes propinguum Paganorum adventum, praemuniti col- lectis incolis seu habitatoribus Christicolis totius terrae circum- adjacentis, destitufi pro func auxilio Dominorum fidelium, in loco nemoroso a latere ipsos de hoc inconsideratos agrediun- tur, et praevalentes eis, XX millia in ore gladii peremerunt, XX quoque millia eorum in aquis et paludibus submersi sunt, pauci vero, ut fertur, de exercitu fidelium fere XX viri in illo praelio corruerunt. De armis autem Paganorum detractis, et aliis eorum spoliis Christicolae multum locupletati sunt. Iste triumphus fidelium de infidelibus obtentus, isto malo uni- versalius narratur, quam sicut ante conscripsi.
Scanseite 711 · Druckseite 697
Beilage NE II. Aufdeckung eines literͤriſchen Betruges in der Preuſſiſchen Geſchichte. Über die Geſchichte des Hochmeiſters Winrich von Kniprode iſt ein eigenes Werkchen vorhanden unter dem Titel: „Verſuch einer Geſchichte der Hochmeiſter in Preußen, ſeit Winrich von Knip⸗ rode bis auf die Gruͤndung des Erbherzogthums. Von J. N. Becker, Doctor der Rechte. Berlin 1798.“ Ungeachtet die⸗ ſes mehr verſprechenden Titels enthaͤlt es doch nur die Geſchichte der Regierungszeit des genannten Hochmeiſters. Seit laͤnger als dreißig Jahren hat dieſes Werkchen in der Literatur der Ge⸗ ſchichte Preuſſens einen nicht unbedeutenden Namen behauptet, und keiner hat ſeitdem uͤber Winrichs Zeit geſchrieben, ohne daß er nicht mittelbar oder unmittelbar aus ihm bald mehr bald we⸗ niger geſchoͤpft. Der Werth dieſes Werkchens beruhte vorzuͤglich darauf, daß der Verfaſſer in der Vorrede erzaͤhlt: Bei ſeinem Aufenthalte im Staͤdtchen Freudenthal in Schleſien, „im Gebiete des Hochmeiſters, ſeyen ihm im J. 1797 von einem daſigen Or⸗ dens⸗Beamten aus dem Archive zwei Chroniken im Manuſcript mitgetheilt worden“ die eine umſtaͤndliche Geſchichte der Hochmei⸗ ſter Winrich und Albrecht enthalten haͤtten. Jene habe Knipro⸗ de's Hofkaplan, Vinzenz von Mainz, zum Verfaſſer und fange nach Chronikenart mit Erſchaffung der Welt an, um auf das vierzehnte Jahrhundert zu kommen. „Ich fand darin, faͤhrt der Verfaſſer fort, ſo viele bisher unbekannte Dinge aus der Ge⸗ ſchichte des merkwuͤrdigen Winrichs, daß ich mich bald entſchloß, Gebrauch davon zu machen. Man wird gleich bei dem Anſehen dieſer Blaͤtter finden, daß ſie einen weit groͤßeren Reichthum an hiſtoriſchen Daten enthalten, als alle Buͤcher, die von der mitt⸗ lern preußiſchen Geſchichte handeln. Baczko's Buch handelt nur auf wenigen Seiten Kniprode's Geſchichte ab, denn es fehlte ihm, wie allen vor mir, an umſtaͤndlichen Materialien. Vinzenz
Scanseite 712 · Druckseite 698
698 Aufklärung eines literär. Betruges x. wohnte von 1349 bis 1386 zu Marienburg. So ſagt der Ab⸗ ſchreiber beider Chroniken in der Vorrede. Er hat ſelbſt mit dem Hochmeiſter Kniprode zwei Zuͤge nach Litthauen gemacht und war alſo von vielen merkwuͤrdigen Dingen Augenzeuge. Sein Buch führe den Titel: Vincenti Moguntini Chronicon Prussiae, ab orbe condito, sive historia Winrici a Kniprode et pars histo- riae successoris.“ So weit der Verfaſſer über die von ihm zu⸗ erſt und neu benutzte Quelle. Allein es kann mit zahlreichen Gruͤnden bewieſen werden, daß alles, was Becker von dieſer ſeiner Quelle ſagt, auf Lug und Trug beruht, daß er nie ein ſolches Chronicon geſehen und mit ſeinem Buche uͤber Winrichs Geſchichte die Welt getaͤuſcht und betrogen hat. Was zuerſt das ehemalige Daſeyn einer ſol⸗ chen Chronik in Freudenthal betrifft, ſo ſind daruͤber mehrmals Nachfragen und Unterſuchungen angeſtellt worden. So hatte ſich ſchon Bachem (f. Verſuch einer Chronologie der Hochmeift. des D. Ordens S. 36) vor dem Jahre 1802 Muͤhe gegeben, be⸗ ſtimmte Auskunft über die erwaͤhnte Chronik zu erhalten; allein er ſagt a. a. O.: „Nachrichten aus Freudenthal vom 17. April 1799 zu Folge, hat weder dieſes, noch das von Becker erwaͤhnte, die Geſchichte des Herzogs Albrecht von Preuſſen betreffende Manu⸗ ſcript jemals im dortigen Ordens⸗ Archive exiſtirt.“ Obgleich die Erklaͤrung Bachems meine in m. Geſchichte Marienburgs S. 144 — 145 ausgeſprochenen Zweifel an der jemaligen Exiſtenz der Chronik und an der Wahrheit der Ausſagen Beckers ſehr ver⸗ ſtaͤrkte, ſo wurde doch, noch ehe der Recenſent meiner Geſchichte Marienburgs in der Halliſ. Liter. Zeit. Ergaͤnz. Bl. Nr. 59 das zu aufforderte, auf Veranlaſſung des Verfaſſers dieſes Werkes durch Se. Excellenz den wirkl. Geheimen Rath und Oberpraͤſi⸗ denten von Preuſſen Herrn von Schön eine abermalige Nach—⸗ ſuchung in Freudenthal ſelbſt eingeleitet. Der Erfolg fiel indeſ⸗ ſen nicht anders aus; denn man erhielt zwar die Nachricht, daß Becker ſich in den Jahren 1796 oder 1797 wirklich im Gefolge des Kurfuͤrſten von Coͤln einige Zeit in Freudenthal aufgehalten habe; allein von dem ihm dort zugekommenen handſchriftlichen Chronicon wußte niemand etwas zu ſagen. Man erinnerte ſich bloß, daß die nach dem Erſcheinen des Beckerſchen Werkes haͤu⸗ fig erfolgten Nachfragen nach den erwaͤhnten Handſchriften den Erzherzog Karl im J. 1801 veranlaßt haͤtten, alle auf den Or⸗ den Bezug habenden Urkunden, Buͤcher und Schriften nach Wien ſchaffen zu laſſen; es wurde bloß die Moͤglichkeit ausgeſprochen, daß die Handſchriften Beckers dem Mergentheimer Archive zuge⸗ hoͤrt haben koͤnnten, wovon damals ein Theil zur Sicherheit nach Freudenthal gebracht worden ſey. Es ſind indeſſen ſowohl zu
Scanseite 713 · Druckseite 699
Aufklaͤrung eines literaͤr. Betruges ic. 699 Wien als zu Mergentheim in Beziehung auf Materialien zur Ordensgeſchichte Nachſuchungen angeſtellt worden, die in Ruͤckſicht auf Vincenzens Chronicon von gar keinem Erfolge geweſen find. Wenn nun hieraus ſchon der ziemlich ſichere Schluß gefol⸗ gert werden konnte, daß ein ſolches handſchriftliches Chronicon niemals weder im Archive zu Freudenthal, noch in dem zu Mer⸗ gentheim vorhanden geweſen ſey, ſo kam es bei der Frage uͤber die Wahrheit oder Unwahrheit der Angaben Beckers vornehmlich auch auf feinen Charakter und feine damaligen perſoͤnlichen Ver⸗ haͤltniſſe an Hieruͤber gab ein von Sr. Excellenz dem Staats⸗ miniſter und Oberpraͤſidenten Herrn von Ingersleben ver⸗ anlaßtes Schreiben eines ſehr glaubhaften Mannes aus Coblenz, wo Becker mit dem Buchhändler Grebel in näheren Verhältniffen geſtanden hatte, folgende Auskunft: „J. N. Becker, der Sohn des graͤflich⸗Metternichiſchen Kellners zu Beilſtein an der Moſel, zu Anfang der ſiebziger Jahre zu Beilſtein geboren, wurde wie ſeine ganze Familie vom Grafen Franz Georg von Metternich mit Wohlthaten uͤberſchuͤttet. Er lohnte aber feinem Herrn mit dem ſchwaͤrzeſten Undank, compromittirte ihn aufs aͤußerſte auf dem Congreſſe zu Raſtadt und wurde endlich der Unterſchlagung wichtiger Papiere beſchuldigt. Der Graf mußte ihn der Gerech⸗ tigkeit uͤberliefern. Becker aber entkam aus dem Gefängniffe und ſuchte eine Zuflucht in Berlin, wo er ſich hauptſaͤchlich von ſchrift⸗ ſtelleriſchen Arbeiten ernährte. So entſtand damals der Verſuch einer Geſchichte der Hochmeiſter in Preuſſen; Berlin 1798; ſo entſtand auch die: Beſchreibung meiner Reiſe in den Departe⸗ menten von Donnersberg, vom Rhein und der Moſel; Berlin 1799. Gar glaͤnzend moͤgen die Reſultate ſeines Kunſtfleißes nicht geweſen ſeyn. Er verließ daher Berlin und kehrte nach dem linken Rheinufer zuruͤck, wo er als ein Freiheitsmaͤrtyrer empfan⸗ gen und verſchiedentlich angeſtellt wurde. Er ſtarb im J. 1809 zu Simmern als Magistrat de süreté (Unterſuchungsrichter), nachdem er ſich in Vertilgung der zahlreichen Räuberbanden, die den Hundsruͤcken beunruhigten, nicht geringes Verdienſt um die Provinz erworben ꝛc.“ Dieſem Berichte fügt der Berichterſtat⸗ ter folgendes Urtheil bei: „Als Schriftſteller iſt Becker durchaus werthlos. Alle Zeit ſeicht und unzuverlaͤſſig wird er oft zum muthwilligen oder boshaften Verlaͤumder. Hiſtoriſcher Sinn und hiſtoriſches Wiſſen fehlten ihm gaͤnzlich. Wenn daher die Ge⸗ ſchichte der Hochmeiſter Nachrichten enthaͤlt, die fruͤher unbekannt waren, ſo haben dieſe ihre einzige Quelle in Beckers fruchtba⸗ rer Phantaſie. Kein Archiv ſtand ihm zu Gebote, namentlich war das Ordens-Archiv zu Mergentheim jedem ſterblichen Auge verſchloſſen. Wenn aber auch alle Archive der Welt ihm ihre
Scanseite 714 · Druckseite 700
700 Aufklaͤrung eines literaͤr. Betruges ic. Schaͤtze geöffnet hätten, fo war er unvermoͤgend, davon Gebrauch zu machen. Daß er ein ſehr arger literaͤr. Betruͤger geweſen, beweiſet ſeine Reiſebeſchreibung, in welcher er mit graͤnzenloſer, ich moͤchte ſagen, mit claſſiſcher Unverſchaͤmtheit Luͤgen auf Luͤ⸗ gen haͤuft, daß ich ſchon oft gezweifelt habe, ob er dieſes Buchs alleiniger Verfaſſer ſey. Es ſchien mir unmoͤglich, daß ein ein⸗ zelner Menſch ſo viele Unwahrheiten an eine beſtimmte, ihm wohlbekannte Localitaͤt knuͤpfen koͤnne.“ So weit die Nachrichten und das Urtheil des Berichterſtat⸗ ters uͤber Beckers Perſoͤnlichkeit und Charakter; ſie ſind, wie je⸗ der von ſelbſt fuͤhlt, eben nicht geeignet, ſeiner Angabe uͤber die von ihm angeblich neu benutzte Quelle den mindeſten Glauben zu verſchaffen. Es laͤßt ſich aber aufs buͤndigſte beweiſen, daß Becker mit ſeinem Werke uͤber Winrichs von Kniprode Regierungsgeſchichte einen foͤrmlichen Betrug ſpielte und daß es richtig geurtheilt iſt, wenn er „ein arger literaͤriſcher Betruͤger“ genannt wird. Wir entnehmen unſere Gründe zu dieſer Behauptung zuerſt aus aͤuße⸗ ren Verhaͤltniſſen. Erſtens naͤmlich wird dieſes Chronicons des Vincenz von Mainz von keinem der aͤltern und neuern Chroni⸗ ſten als einer Quelle der Preuſſiſchen Geſchichte erwaͤhnt; es kennt es weder Simon Grunau, wo er im Anfange ſeiner Chronik uͤber die alten Preuſſ. Chroniken ſpricht, noch Lucas David, noch Henneberger oder Schuͤtz, obgleich dieſe bei⸗ den nach den Vorreden ihrer Werke alle ihre benutzten Quellen aufzählen. Auch das Ordensarchiv zu Königsberg weiſet mit keiner Spur auf das ehemalige Daſeyn dieſer Chronik des Vin⸗ cenz von Mainz hin. So iſt Becker der Erſte und der Letzte, der dieſe Quelle geſehen und benutzt haben will. — Noch wich⸗ tiger aber iſt zweitens, daß es gar keinen Kaplan des Hochmei⸗ ſters Winrich von Kniprode mit Namen Vincenz von Mainz je⸗ mals gegeben hat. Wir kennen aus Urkunden die Kaplane die⸗ ſes Meiſters aufs allergenaueſte. Im J. 1349 bis 1352 war Johannes Kaplan des Hochmeiſters Heinrich Duſmer von Arff⸗ berg. Als Winrich von Kniprode Meiſter ward, erkor er den Prieſterbruder Wicbold zu ſeinem Kaplan und als ſolchen finden wir dieſen bis gegen das J. 1362; darauf wurde der Ordens⸗ prieſter Nicolaus ſein Nachfolger bis zum J. 1377 und im fol⸗ genden Jahre bis zu Winrichs Tod bekleidete der Prieſterbruder Pilgerim die Stelle des hochmeiſterlichen Kaplans. Da es ge⸗ woͤhnlich war, daß mitunter auch die Kaplane des Hochmeiſters als Zeugen in Urkunden mit aufgeführt wurden, ſo ſind wir uͤber dieſe Kaplane Winrichs eben ſo gewiß unterrichtet, als wir beſtimmt be⸗ haupten koͤnnen, daß kein Vincenz in den Jahren 1349 bis 1386
Scanseite 715 · Druckseite 701
Aufklärung eines literär. Betruges x. 701 als Hofkaplan des Meiſters in Marienburg lebte, wie Becker behauptet, denn in keiner der zahlreichen Urkunden Winrichs von Kniprode wird ſeiner erwaͤhnt, wohl aber ſehr oft der eben an⸗ gegebenen Kaplane des Meiſters. Becker hat alſo offenbar die⸗ ſen Vincenz von Mainz als Hofkaplan des Hochmeiſters erdich⸗ tet. Erdichtet iſt von ihm aber auch der angebliche Titel der Chronik; dafuͤr ſpricht ſchon die Ungereimtheit ſeiner Zuſammen⸗ ſetzung: Chronicon Prussiae ad orbe condito, sive historia Win- rici a Kniprode et pars historiae successoris. So könnte wenigſtens Vincenz ſelbſt den Titel unmöglich gefchrieben haben. — Zu den aͤußeren Verhaͤltniſſen, aus denen wir unſere Gründe ges gen die Wahrheit der Ausſage Beckers entnehmen, rechnen wir drittens auch den Umſtand, daß die Chronik „nach Chronikenart, mit Erſchaffung der Welt anfaͤngt, um auf das vierzehnte Jahr⸗ hundert chriſtlicher Zeitrechnung zu kommen“, wie Becker ſagt. Wir halten naͤmlich auch dieſe Angabe fuͤr Trug und Lug; denn einmal wuͤrde dieſe Chronik des Vincenz die einzige unter allen Preuſſiſchen Chroniken ſeyn, die mit Erſchaffung der Welt an⸗ finge, da es keinem einzigen Chroniſten, der uͤber Preuſſen und den Orden ſchrieb, je in den Sinn gekommen iſt, die Art der Deutſchen Chroniſten nachzuahmen, ihre Erzaͤhlung vom Anfange der Welt beginnen zu laſſen. Ferner aber verraͤth Becker ſeine Luͤge auch ſchon ſelbſt; denn wenn ſeine handſchriftliche Quelle mit Erſchaffung der Welt angefangen haͤtte, wie war es denn möglich, daß er in feinem Werkchen S. 2 und 3 aus Vincen⸗ zens Chronik ſchon auf den erſten Seiten, naͤmlich ſchon p. 6 und p. 8 die intereſſante Erzahlung der Wahl Winrichs von Kniprode und feiner veranſtalteten Feſtlichkeiten finden konnte? War auf fuͤnf Seiten oder Blaͤttern der Chronik die ganze Welt⸗ geſchichte bis auf Winrichs Zeit ſchon abgehandelt? Oder hat nicht vielmehr Becker durch ein unbeſonnenes Citat ſich in ſeiner Luͤgenhaftigkeit ſelbſt verrathen? — Bleiben wir aber bei dieſer ſeiner Art des Citirens aus ſeiner angeblichen Chronik noch einen Augenblick ſtehen, ſo wird es einleuchtend, daß der Betruͤger noch kein rechter Meiſter im Betruge geweſen iſt und ſeinen Be⸗ trug vielfältig von ſelbſt verräch. Nachdem naͤmlich p. 6 und p. 8 von Winrichs Wahl die Rede geweſen ſeyn foll, ſollen p. 30 und p. 36 zwei „donnernde Kreuzpredigten“ des Hofka⸗ plans Vincenz, im J. 1353 gehalten, geſtanden haben und p. 68 findet Becker erſt den Heereszug des Ordensmarſchalls Siegfried von Dahenfeld im J. 1355 beſchrieben. Was ſtand denn aber in der Chronik in den großen Zwiſchenraͤumen von p. 9 bis 29 und von p. 37 bis 672 Davon weiß uns Becker gar nichts zu ſagen, als was wir auch bei Schätz und in andern Chroni⸗
Scanseite 716 · Druckseite 702
702 Aufdeckung eines literaͤr. Betruges ıc. ſten finden. Ferner muͤßte, wenn Beckers Citate richtig waͤren, die Chronik des Vincenz ein ſehr confuſes Werk geweſen ſeyn, denn nach S. 36 bei Becker ſoll Vincenz p. 87 von einem Heereszuge im J. 1361, dagegen p. 97, alſo zehn Pagina ſpaͤter, erſt von Schindekopfs Herumtreiben im feindlichen Lit thauen in den Jahren 1357 und 1358 erzählen. Ebenſo ſoll nach Becker S. 57 Vincenzens Chronik p. 193 den Bericht über die Schlacht bei Rudau 1370 enthalten haben, während ſie (nach Becker S. 64) p. 145 ſchon von den Ereigniſſen des Jahres 1376 geſprochen haben fol. Man ſieht hieraus, wie albern der Betruͤger ſeine Rolle ſpielte und wie unbeſonnen er ſein Luͤgenwerk durchgefuͤhrt hat. Dennoch hat Becker geglaubt, ſeine Sache recht meiſterlich zu machen und ſeinen Betrug da⸗ mit am beſten verſtecken zu koͤnnen, daß er an verſchiedenen Stel⸗ len feines Werkes Stellen aus Vincent. Chron. mit deſſen eige⸗ nen Worten citirt. Allein dieſe einzelnen unter den Tert geſetz⸗ ten Phraſen find offenbar nichts weiter als, fo zu ſagen, latei⸗ niſche Luͤgen, d. h. Erdichtungen Beckers, die er, um zu taͤuſchen, ins Lateiniſche uͤberſetzt hat, wobei man das Latein der damali⸗ gen Chroniſten nur einigermaßen zu kennen braucht, um zu ſe⸗ hen, daß die Phraſen vom Betruͤger ſelbſt zuſammengeſtoppelt find; denn um nur bei dem erſten Citat dieſer Art ſtehen zu blei⸗ ben, ſo heißt es S. 2: Da man bei der Wahl des neuen Hoch⸗ meiſters in dem Kapitel nicht einig werden konnte, ſo „ließ ſich endlich uͤber dem Begraͤbnißgewoͤlbe in der Kirche zu Marienburg eine Stimme hoͤren: Winrich, Winrich, Ordensnoth!“ wozu aus Vincent. Chron. p. 6 die Worte citirt werden: Ter sonuit su- per sepulcra Marienburgensia vox: Winrice, Winrice, ordo facillat, ter resonat. Allein abgeſehen davon, daß der Hofka⸗ plan Vincenz bei ſeinem langen Auſenthalte in Marienburg wohl gewußt haͤtte, daß es die Localitaͤt gar nicht moͤglich machte, ei⸗ nen ſolchen Ruf super sepulera Marienburgensia, weder aus der Todtengruft der S. Annenkapelle, noch von dem Begraͤbnißplatze der Ordensbruͤder im Parcham bis in den Kapitelſaal zu hoͤren, fo würde Vincenz die „sepulcra Marienburgensia‘“ ganz gewiß nicht ſo bezeichnet haben. Außer dieſen aͤußern Gründen, die einen offenbaren Betrug darthun, giebt das Werkchen auch in ſeiner Art der Zuſammen⸗ ſetzung und in dem Charakter und Geiſt der geſchichtlichen Er⸗ zaͤhlung ſelbſt manche wichtige Beweiſe fuͤr die Luͤgenhaftigkeit des Verfaſſers. Durch ein aufmerkſames Beobachten der Art, wie dieſer hiſtoriſche Baſtard als Ausgeburt Beckers wohl entſtanden ſeyn koͤnne, hat ſich ziemlich klar ergeben, daß der Vater dieſes ungebuͤhrlichen Kindes, um es in die Welt zu bringen, nichts
Scanseite 717 · Druckseite 703
Aufdeckung eines literär. Betrugesx. 703 weiter vor ſich hatte, als Schuͤtzens, Dusburgs und vielleicht noch eine neuere zuſammengeſtoppelte Chronik, und nichts weiter in ſich als ſeine fruchtbare Phantaſie, das heißt hier in hiſtori⸗ ſcher Beziehung, ſeine Kunſtfertigkeit aus voller Fauſt zu luͤgen. Was in ſeinem Werkchen nicht in jenen gewoͤhnlichen Chroniken ſtand, das iſt aus der letztern Quelle gefloſſen; was ihm die we⸗ nigen Chroniſten zu mager, zu trocken und zu farblos ließen, füllte, waͤſſerte und tuͤnchte feine Phantaſie nach feiner Manier ſchmackhaft aus und ſo entſtand ein Gemaͤlde, welches, Wunder genug! die Leſewelt wirklich lange Zeit ergoͤtzt hat. — Wir wol⸗ len es nur an einigen Stellen verſuchen, die falſche Schminke wegzuwiſchen und den Kuͤnſtler in ſeiner nackten Luͤge zu zeigen. Gleich im Anfange des Werkes tritt Winrich von Kniprode, nachdem er im Wahlkapitel uͤber ſeinen Mitbewerber, den Statt⸗ halter Graf Luͤder von Kirchberg, den Sieg davon getragen, mit einem pomphaften Feſte in Marienburg, mit einem Pankett, mit Tanz, Vogelſchießen, Meiſterſaͤngern und Ehrenſchmaͤuſen auf — eine offenbare Erdichtung; denn 1. der Statthalter Graf Luͤder von Kirchberg iſt eine fingirte Perſon. Als Statthalter des Or⸗ dens muͤßte er nothwendig einer der oberſten Beamten des Or⸗ dens geweſen ſeyn, denn nur ſolche wurden zu Statthaltern bei eines Meiſters Tod ernannt; unter allen Ordensbeamten aber, die wir aus dieſer Zeit aufs genaueſte kennen, iſt keiner dieſes Namens. 2. Iſt es faſt außer allem Zweifel, daß damals gar kein Statthalter da geweſen iſt; denn Heinrich Duſmer von Arff⸗ berg war nach urkundlichen Erweiſen wenigſtens bis in die letz⸗ ten Tage des Auguſts 1351 noch Hochmeiſter. Am 14 Sept. ward aber Winrich von Kniprode ſchon zum Meiſter erkoren; es bleibt alſo hoͤchſtens nur ein Zeitraum von 14 Tagen (und vielleicht auch dieſer nicht einmal ganz) uͤbrig; wozu noch kommt, daß der Hochmeiſter Duſmer von Arffberg nicht geſtorben, ſon⸗ dern im Wahlkapitel noch gegenwaͤrtig war und mit Nachdruck für Winrichs Ernennung zum Meiſter ſprach; f. meine Geſchichte Marienburgs S. 144. — 3. Das Vogelſchießen anticipirt Becker zum Ausſchmucke ſeines Gemaͤldes; denn Winrich von Kniprode führte es nach dem Berichte der Chroniſten nicht ſchon am zwei⸗ ten Tage nach ſeiner Wahl, ſondern erſt ſpaͤter ein. — 4. Wa⸗ ren jetzt ſolche pomphafte Feſte bei der Meiſterwahl eine unge⸗ woͤhnliche Sache; wenigſtens findet ſich bei keinem unſerer Chro⸗ niſten irgend eine Spur davon. Ein ausgezeichnetes Gaſtmahl am Meiſtertage kommt erſt ſpaͤter vor. Endlich 5. iſt ein fo unmenſchliches Saufen, wie es Winrich angeordnet haben ſoll, eine Unmöglichkeit. Hören wir Beckern S. 5: „Bei dem Ehe renmahl mußte jeder Gaſt ein ſilbernes Becken mit acht Wein⸗
Scanseite 718 · Druckseite 704
704 Aufdeckung eines Literär. Betruges ir. flaſchen, die ſich ſelbſt ergoſſen, auf Einen Zug leeren. Der wackere Trinker, Veit von Baſſenheim, leerte es drei Mal. Er ward Schloßhauptmann.“ Alſo dreimal das Becken mit acht Weinflaſchen geleert! — das heißt einen Bauch ha— ben, der vierundzwanzig Flaſchen Wein faßt!!! Luͤgenwind! Veit ward „Schloßhauptmann!“ Ungereimt! In ganz Preuſſen gab es damals keine Würde dieſer Art. — Die naͤrri⸗ ſche Erzaͤhlung von dem Abenteuer Winrichs von Kniprode mit dem Ordensritter Ulrich von Ochtendung auf der Reiſe nach Mainz (S. 9 ohne Zweifel eine bloße Ausgeburt von Beckerſcher Phan⸗ taſie) uͤbergehend, wollen wir uns zu den Ereigniſſen des J. 1353 wenden, um zu zeigen, wie Becker ſeinen hiſtoriſchen Stoff be⸗ handelt. Wigand. p. 286. Dlugoss. p. 1097 und Schütz p. 74 berichten: Die beiden Großfuͤrſten Kynſtutte und Olgjerd ſeyen um die Faſtenzeit, „feria post Invocavit, d. h. am elf: ten Februar, ins Ordensland bis Roͤſſel vorgeſtuͤrmt, haͤtten alles auf ihrem Zuge verbrannt und verheert und 1500 Gefan⸗ gene hinweggefuͤhrt u. ſ. w. Becker luͤgt in dieſe einfache That⸗ ſache Folgendes hinein: „Keiſtut und Olgard erſchienen in Preu⸗ ßen mit zwanzig tauſend Kriegsgeſellen und druͤber, verbrannten Doͤrfer und Kornfelder (im Februar!) und frucht⸗ bare Weinberge und Wieſen mit barbariſchem Wohlgefallen (al: les im Februar !!) und führten dann fuͤnfzehnhundert Gefan⸗ gene, theils von der Kolonne des Komthurs Roderich von Gehlen, theils Bauern hinweg.“ Dieſer Komthur Roderich von Gehlen iſt wiederum nur eine erdichtete Perſon. — S. 30 erzaͤhlt uns Becker: Auf dem Kriegszuge gegen Cauen 1361 habe der Hofkaplan Vincenz den Hochmeiſter ſelbſt begleitet und „eine ſtattliche Panegyris darüber hinterlaſſen.“ Wohlan, hat Vincenz gluͤckliche Augen und gute Ohren gehabt und dabei ſei⸗ nem Quellenforſcher Becker genau berichtet, ſo muß hier in des letztern Beſchreibung des Zuges alles aufs Haar wahr und unumſtoͤßlich ſeyÿn! — Und doch wie werden wir wiederum be⸗ logen und getaͤuſcht! Am zweiten April 1361, zog nach Becker die Litthauiſche Streitmacht auf die Ebene von Kauenz dort wird eine große Schlacht geliefert, die der Verfaſſer bunt⸗ farbig ausmalt, und „der erſte Held der Litthauiſchen Ar⸗ mee, Keiſtut, muß ſich mit einem Haͤuflein Reiterei an den Rit⸗ ter Hekerbeg ergeben und wird gefangen nach Marienburg gebracht.“ — Allein naͤher beleuchtet: warum weiß Herr Becker denn nicht, daß der Sonntag Judica (Schütz p. 75) im J. 1361 nicht der zweite April, ſondern der vierzehnte März war? Warum ſagt ihm fein Vincenz nicht, daß das Ordensheer keineswegs nach Kauen, ſondern hinab nach Loͤtzen
Scanseite 719 · Druckseite 705
Aufdeckung eines literaͤr. Betruges c. 705 und Eckersberg ging? Daß der Ordensmarſchall Schindekopf bei dieſem Heere gar nicht gegenwaͤrtig war? Daß Kynſtutte nicht vor Kauen gefangen genommen wurde, ſondern daß die⸗ ſes in der Gegend von Eckersberg geſchah? Und endlich wie huͤlflos muß der gute Vincenz feinen Hiſtoriker gelaſſen haben, da dieſer, um den Namen des den Fürften gefangen nehmen⸗ den Ritters aufzufinden, nach Dushurg ap. Hartknoch p. 425 (wie Becker citirt) greifen und — o wehe! da den ungluͤck⸗ lich verftümmelten Namen „Hekerbeg“ nachſchreiben muß, in⸗ dem uns der redliche Wigand von Marburg und Lindenblatt ganz ſicher ſagen: Heinrich von Cranichfeld aus Eckersberg (wor⸗ aus Hekerbeg geworden) ſey der Ritter geweſen. — Daraus ſieht man, welche „ftattliche Panegyris“ es geweſen ſeyn müſſe, die Vincenz Über den Zug hinterlaſſen haben fol. Aber hätte Beckern ſein Vincenz doch wenigſtens den Namen des Groß⸗ komthurs Wolfram von Baldersheim, mit dem er ja Jahre lang in Marienburg zuſammen gelebt haben ſoll, richtig ange⸗ geben; nein, Becker muß dem Chroniſten Schuͤtz den verdorbe⸗ nen Namen Baldenheim nachſchreiben. Hat es ihm ferner Vincenz geſagt, daß der ritterlich- edle Burchard von Mans⸗ feld bei der Belagerung von Kauen im Jahre 1362 unter dem Brande eines Hauſes ſtarb und daß im folgenden Jahre Kyn⸗ ſtutte mit dem Komthur von Koͤnigsberg Ritter Frohburg kaͤmpf⸗ te? Dann waͤre der Hofkaplan ein grundſchlechter Chroniſt; denn wir koͤnnen beſtimmt ſagen, daß Burchard von Mansfeld als Komthur von Oſterode noch bis zum Jahre 1379 lebte und der Komthur von Koͤnigsberg Ritter Frohburg ein Geſpenſt geweſen ſeyn müßte, mit dem der Großfuͤrſt gekämpft, denn in der Wirklichkeit war ein ſolcher Komthur Frohburg gar nicht vorhanden. Solche Beiſpiele als Beweiſe, daß Becker keine zeitgenoͤſ⸗ ſiſche Quelle vor Augen gehabt haben koͤnne und am wenigſten aus der Chronik eines Hofkaplans Vincenz, der mit und in den Ereigniſſen der Zeit gelebt haben ſoll, irgend ein Wort ge⸗ ſchoͤpft habe, koͤnnten noch in großer Zahl gehäuft werden, wo⸗ fern es nicht ſchon aus dem bisher Geſagten offen und klar am Tage laͤge, daß das Vorgeben einer Chronik eines Hofkaplans Vincenz von Mainz eine vollkommen ausgemachte Luͤge und Becker, der Verfaſſer der Regierungsgeſchichte Winrichs von Knip⸗ rode, ein literaͤriſcher Betrüger iſt.
Scanseite 720 · Druckseite 706
Beilage NIV. Über die Schlacht bei Rudau. Die Schlacht bei Rudau iſt, wenn auch keineswegs befonders folgenreich oder wichtig durch Umgeſtaltung weiteingreifender Ver⸗ böltniffe, in der Geſchichte des Landes zu berühmt geworden und die Nachrichten Über fie, ſelbſt die aus Älterer Zeit, find zu ab⸗ weichend von einander, als daß nicht außer der in dieſem Bande ſchon gegebenen Darſtellung, theils um ſie zu rechtfertigen, theils auch um manche Irrthuͤmer zu beſeitigen, einige Einzelnheiten hier noch etwas naͤher beleuchtet werden muͤßten. Die einfachen und ſchlichten Berichte, welche Wigand von Marburg und aus ihm Schütz und Dlugoss., ſowie Lindenblatt und einige Chroniken aus fruͤher Zeit uͤber den Verlauf der Dinge geben, haben den ſpaͤtern Chroniſten keineswegs genuͤgt; vielmehr ſind fie vielfältig bemüht geweſen, das uns durch die älteren und be⸗ waͤhrten Quellen gegebene einfache Bild mit manchfaltigeren Far⸗ ben auszuſchmuͤcken und ihm auf ſolche Weiſe ein zwar anſpre⸗ chenderes, aber durchaus verfälfchtes Licht zu geben. Daher iſt ohne Zweifel die Schlacht bei Rudau berühmter geworden, als ſie es in ihren Folgen und Wirkungen verdient. Es iſt Pflicht des Geſchichtſchreibers, von dem Bilde die aufgetragenen Prunk⸗ farben der ſpaͤtern Zeit wieder wegzuwiſchen, dem Gemaͤlde nur die einfachen Umriſſe zu laſſen, in denen es in den aͤltern und bewaͤhrteren Quellen vor uns ſteht und mit Beſeitigung aller gleißneriſchen Poeſie einzig der Wahrheit, ſoweit fie zu erforſchen iſt, ihr Recht zu geben. um die Spuren mancher Unrichtigkeiten, die uͤber dieſe Schlacht obwalten, aufzufinden, muͤſſen wir auch hier wieder auf Simon Grunau zuruͤckgehen, weil aus ihm die meiſten Be⸗ ſchreibungen der Schlacht in ſpaͤteren Werken entnommen ſind. Er erzaͤhlt Tr. XIII. c. 4 den Verlauf der Sache in folgender
Scanseite 721 · Druckseite 707
Über die Schlacht bei Rudau. 707 Weiſe: „Im Jahre 1370 ſagte Kynſtutte dem Homeiſter, er wollte ihn beſuchen und raͤchen ſeine Verbrannten. Da hatte zu der Zeit der Homeiſter dem Adel angeſagt auf Marienburg auf Faſtnacht ein freies Turnieren, das muſte bleiben anſtehen und man machte drei Heere, denn ihm ward angezeigt, daß Kyn⸗ ſtutte an dreien Enden Volk verſammlete; darum ſchickte der Ho⸗ meiſter ein Heer ins Colmiſche; darüber ward Hauptmann Br. Weygel von Thomasdorf Komthur von Golub; das andere auf Nordenburg (oder Neidenburg) und das fuͤhrte Br. Adam von Dobeneck Vogt von Heilsberg; das dritte fuͤhrte Br. Henning Schindekopf Marſchall auf Koͤnigsberg und jeglich Heer hatte 6000 Mann. Kynſtutte kam durch Samaiten Über eine Ecke des Curiſchen Haabes auf Samland mit 12,000 Mann und ſie verbrannten das Gebiet Caymen, Schaken, Powunden und Labiau und legten ſich in die Ruhe vor Rudau. Der Packmor, das iſt der Landreiter, kam am Sonnabend vor Faſtnacht, und ſahe es an. Von Stund an war das Heer auf in der Nacht und kam am Morgen gen Rudau und der Marſchall ließ ihm (ſich) Meſſe leſen und darnach Meth und Waſſer S. Johannis ſeg⸗ nen und zog an und machte Spitzen. Kynſtutte dergleichen und gingen zufammen und ſchlugen ſich den ganzen Tag im Schnee, daß es mit Blut floß und die Bruͤder verloren den Streit. Dieß ſahe der Marſchall und er rannte im Grimm zum Litthauiſchen Bajor (Wiſchwilte) und wollte den erſtechen, der war der Wi⸗ ſchewilto, Kynſtutte Schwager; dieſer empfing den Marſchall und ſchlugen ſich ſo lange, daß ſie beide zugleich todt blieben. Der Bruͤder Volk nahm die Flucht und die Litthauer zogen um und trieben alles Volk weg und verbrannten Samland und waͤren gerne weiter gezogen; ſie beſorgeten ſich aber, daß die Stroͤme würden aufthauen, auch hatten fie viel krank Volk und zogen ſo heim. Aber unzaͤhlich viel Volk blieb ihnen todt im Schnee von Froſt. Da dlieben mit dem Marſchall todt geborene Herren Br. Albrecht von Sangerhauſen, Br. Dippold von Haſenſtein Komthur auf Brandenburg, Br. Albrecht von Scherau ſein Haus⸗ komthur, Br. Ulrich von Stockheim, Br. Walther von Ringau, Br. Pezold von Korbis, Komthur auf Labiau, Br. Salintus von Eiſenburg, Br. Arnold Lorichen und ſonſt 37 Bruͤder mit 3211 Mann. Der Litthauiſchen Koͤrper waren in die 2000.“ So weit Simon Grunau's Bericht. Alberner iſt wohl ſel⸗ ten oder nie eine Schlacht beſchrieben worden. Man glaubt uͤber⸗ haupt, wenn man die Nachrichten anderer Quellen vergleicht, von einer ganz andern Schlacht zu leſen, denn wie man ſieht, ſtimmt faſt nichts weiter als einige wenige Namen (ie ebenfalls nicht
Scanseite 722 · Druckseite 708
708 über die Schlacht bei Rudau. alle richtig find) mit der Beſchreibung des Zeitgenoſſen Wigand von Marburg uͤberein; das Meiſte widerſpricht ihr vielmehr ge⸗ radezu, z. B. die Theilung der Ordensmacht in drei Heere, der Ausfall der Schlacht zu Gunſten der Litthauer, die Flucht des Ordensvolkes u. ſ. w. — Wo aber, fragt man wohl, hatte Si⸗ mon Grunau ſeine ſo ganz abweichenden Nachrichten her? Dar⸗ uͤber ſagt er uns kein Wort. Alle aͤltere Quellen, die wir ken⸗ ken, ſtellen die Sache anders dar und aus ihnen ſcheint er ſich nur einige Namen erborgt zu haben, um ſeiner Beſchreibung ei⸗ nigermaßen hiſtoriſchen Grund und Boden zu geben. Da hier nichts anderes uͤbrig bleibt, als entweder die Berichte Wigands, Schuͤtzens und Lindenblatts oder die Darſtellung Simon Gru⸗ nau's gelten zu laſſen (denn zu vereinigen ſind ſie auf keine Weiſe), ſo muͤſſen wir auch hier die mitgetheilte Beſchreibung fuͤr eine elende Faſelei und den Moͤnch von Tolkemit hier wie⸗ derum fuͤr einen abſichtlichen gemeinen Luͤgner erklaͤren. Die Sache gewinnt aber dadurch eine gewiſſe Wichtigkeit, daß dem Simon Grunau unter den aͤltern Scribenten auch Lucas Da⸗ vid B. VII. S. 79, Henneberger S. 403, Waißel S. 123, Leo p. 159 u. a. bald mehr oder weniger gefolgt und aus dieſen wieder die Grunauiſchen Nachrichten in die Werke von Pauli B. IV. S. 212, Baczko B. II. S. 164, De Wal T. III. p. 400, Kotzebue B. II. S. 217 u. a. über: gegangen find und durch dieſe Wanderung gleichſam ein gewiſſes Bürgerrecht in der Geſchlchte Preuſſens erlangt haben. Was Simon Grunau, der Meiſter in der Luͤge, an Un⸗ wahrheit noch übrig gelaſſen, hat der Juͤnger in dieſer Kunſt, Becker in ſeinem bekannten Werkchen S. 57 noch hinzugethan, denn in der That iſt es hier ein überſtroͤmen ſchamloſer Erdich⸗ tung, die bei ihm obwaltet. Es iſt laͤcherlichruͤhrend, die auf⸗ geſtutzten Floskeln ſeiner Schlachtbeſchreibung anzuſchauen und zugleich gruͤndlichekelhaft, die Reihe von Unwahrheiten zu durch⸗ laufen, mit welchen er dieſe Beſchreibung aufgeputzt und durch⸗ webt hat, denn nach Wigands und Lindenblatts Zeugniſſen iſt es durchaus falſch, daß der Hochmeiſter ſeine Kriegsmacht bei Pillau geſammelt habe, falſch, daß dieſer am Arme verwundet aus der Schlacht gebracht worden ſey, falſch, daß Schindekopf den Feind acht Stunden weit verfolgt habe, falſch, daß dieſer erſt am andern Tage zu Koͤnigsberg geſtorben ſey u. ſ. w. Aber nicht nur abſichtlich erdichtet und erſonnen hat man Manches, um dem Ganzen einen lebendigern Lichtglanz zu geben, ſondern einzelne Nachrichten der ſpaͤteren Schriftſteller ſcheinen auch bloß aus Mißverſtaͤndniß hervorgegangen zu ſeyn. Dieß iſt
Scanseite 723 · Druckseite 709
Über die Schlacht bei Rudau. 709 unter andern hoͤchſtwahrſcheinlich mit folgendem Umſtande der Fall. Nach Wigand, befand ſich der Hochmeiſter bei dem Or⸗ densmarſchall zu Königsberg, als acht Tage früher, als man er⸗ wartet hatte, die Nachricht vom plötzlichen Einfalle des Feindes dort ankam. Wigand erzählt nun weiter: De mane cum ommni- bus preceptoribus, eivibus et rusticis Magister surgit veniens in Quedenow, ad montem ignem vidit, Marschalcus cum XX viris exiens, ut exercitum pensaret, captivavit quendam, qui ductus est ad exercitum et dixit Magistro: quomodo reges starent in Rudow et parati essent ad bellum. Dieſe Ausſen⸗ dung des Marſchalls zur Einholung naͤherer Nachrichten uͤber des Feindes Stellung hat man fuͤr einen Auszug des Marſchalls nach Litthauen genommen, der am Tage vor Lichtmeß, alſo am erſten Februar geſchehen ſeyn und auf welchem der Marſchall auch näheren Bericht eingezogen haben ſoll. Dieſes Zuges erwaͤhnt nun zwar auch die alte Preuſſ. Chron. p. 38 und etwas Un⸗ glaubliches hat er allerdings wohl nicht. Allein wir muͤſſen hier der Übereinſtimmung Lindenblatts mit Wigand ihr volles Gewicht geben, da beide verſichern, daß es der Komthur von Ragnit ge⸗ weſen ſey, der dem Ordensmarſchall die erſten Nachrichten von den feindlichen Ruͤſtungen in Litthauen zugebracht habe, denn Wigand ſagt: Frater Mansvelt commendator de Raguita ad mentem reduxit ignem, quem pagani in Prussia succenderant scripsitque Magistro (s. Marschalco) in Konigisberg, misitque idem commendator in subsidium suorum afflictorum servum cum X viris, qui cito revertitur annuncians, quomodo pagani fecissent XII vias vulgariter Slege etc. — Ebenſo ſcheint es auf einem Mißverſtaͤndniſſe zu beruhen, daß Manche den Hochmeiſter an der Schlacht ſelbſt gar nicht Theil nehmen, ſondern ſie allein durch den Ordensmarſchall liefern laſſen. So heißt es unter andern bei Henneberger a. a. O. „Dis (nämlich daß der Feind bei Rudau lagerte) hatte Heinrich Schindekopf der Mar⸗ ſchalk, ſo uͤber das Heer, ſo auff Samland wartet, Oberſter war, ſchleunig dem Hoemeiſter zu wiſſen gethan, der Hoemeiſter hatte ihm auch entbotten, auff den Montag zu huͤlffe zu kom⸗ men, dis konnte Schindekopf nicht erwarten, hatte ſorg, die Feinde moͤchten ihm entwiſchen, zeucht nach Rudaw u. ſ. w.“ Diefelbe Nachricht haben auch Leo p. 159 und Waißel S. 123. Wigand und Lindenblatt erwähnen jedoch ausdruͤcklich, daß der Hochmeiſter ſelbſt mit in der Schlacht geweſen, wie auch Schütz bezeugt. So wenig dieſe drei bewährten Quellen ir⸗ gend etwas von einer dreifachen Theilung des Ordensheeres wiſ⸗ ſen, ſo beſtimmt erklaͤren ſie, daß der Hochmeiſter und der
Scanseite 724 · Druckseite 710
710 über die Schlacht bei Rudau. Marſchall mit ihrer ganzen Macht um Koͤnigsberg gelegen ha⸗ ben, daß erſterer die Schlacht mit geleitet und die Kulmiſchen Panlere im Kampfe zugegen geweſen ſeyen. Auch uͤber den Tod des Ordensmarſchalls weichen die Nach⸗ richten merklich ab. Wie Wigand die Sache erzaͤhlt, haben wir oben geſehen. Henneberger weiß dagegen: der Marſchall habe eine Trommel gehoͤrt, aber nicht gewußt, ob es Feinde oder Freunde ſeyen; er ſey deshalb auf einen Berg geritten und habe den Helm geoͤffnet, zu ſehen, wer es ſey. Da habe ein heranſprengender Helde ihm einen Spieß in den Mund gerannt, daß er hinten wieder herausgekommen ſey; auf dem Wege nach Königsberg zu ſey er geſtorben. über die Quelle feiner Nach⸗ richt ſagt uns der Chroniſt nichts weiter. Nach Simon Gru⸗ nau und Lucas David ſtirbt der Marſchall im Zweikampfe. Ganz genaue und ſpecielle Berichte Über den Vorgang der Sache gehen uns ab. Bekanntlich knuͤpft ſich an die Schlacht von Rudau auch die Sage von dem Schuſtergeſellen Hans von Sagan, die wir hier nicht nachzuerzaͤhlen noͤthig haben, da man fie bei Lucas David B. MI. S. 81, Pauli S. 213, Baczko B. II. S. 166 und Kotzebue B. II. S. 218 leſen kann. Lucas David iſt der erſte, welcher das Maͤhrchen mit dieſer Schlacht in Verbindung ſetzt (denn Simon Grunau weiß noch nichts davon, vielweniger eine der Älteren Quellen). Er giebt uns ehr⸗ licher Weiſe auch die Quelle an, aus welcher er ſeine Nachricht geſchoͤpft hat, indem er ſagt: „Das gemeine Geruͤchte allhie zu Koͤnigsberg helt es dafuͤr“ u. ſ. w. Am Schluſſe der weit⸗ ſchweifigen Erzaͤhlung bemerkt er aber ſelbſt ſein Bedenken und „Mißduͤnken“ uͤber die Sache, weil der Schlachttag und der Jahrestag, an welchem dem Geſellen zu Ehren das ſ. g. Schmeckbier getrunken wurde, nicht zuſammentraͤfen. Obgleich aus dieſem Grunde auch Baczko die Erzaͤhlung ſchon ſtark in Zweifel zog und De Wal T. III. p. 403 ſie in die Zeit des ſpaͤtern dreizehnjaͤhrigen Krieges verwies, fo hat fie Kotze bue B. II. S. 411 doch wieder in Schutz genommen, freilich mit Gruͤnden (wenn ſein fades Gerede ſo genannt werden kann), die nur Lächeln erregen. Da kein einziger älterer Zeuge für die Sache ſpricht, Lucas David ſie als Volksmaͤhrchen erſt im 16ten Jahrhundert aufnimmt, ſelbſt aber Zweifel an der Wahr⸗ heit aͤußert, ſo bleibt ſie, was ſie iſt — ein Bierſtuben⸗Maͤhr⸗ chen der Schuſterzunft aus ſpaͤter Zeit. Vergl. darüber Erlaͤut. Preuſſ. B. I. S. 634 und insbeſondere den Aufſatz des Hrn. Geh. Archivars Faber: Unterſuchungen über die Schlacht bei
Scanseite 725 · Druckseite 711
über die Schlacht bei Rudau. 711 Rudau, den Hans von Sagan und das Schmeckbier auf dem zei in Königsberg in den Preuſſ. Provinz. Blättern B. V. 17 fl. Somit faͤllt auch hier wieder ein Theil des bunten Gewan⸗ des hinweg, womit man die Beſchreibung dieſer Schlacht aus⸗ zuſchmuͤcken bemüht geweſen iſt und es bleibt daher, nachdem die Kritik das Militäͤriſch⸗Künſtliche wie das Poetiſch⸗ Erdichtete als ungeſchichtliches Flitterwerk bei Seite geraͤumt hat, nur das ſchmuckloſe und einfache Bild der Schlacht ſtehen, wie es oben hingeſtellt iſt.
Scanseite 726 · Druckseite 712
Beilage NV. über den Ehrentiſch in Preuſſen. Im Verlaufe der wilden Kriegszuͤge der Ordensritter ins heid⸗ niſche Litthauen ſpielt zwiſchen den immer in gleicher Weiſe wie⸗ derholten Scenen des Raubens, Brennens und Mordens die Er⸗ ſcheinung des Ehrentiſches eine ſo intereſſante Rolle und traͤgt überhaupt fo viel Romantiſch⸗Poetiſches in ſich“), daß man wohl gerne einige naͤhere, auf ſichere Quellen geſtuͤtzte Nachrich⸗ ten ſowohl uͤber den Urſprung und die erſte Einfuͤhrung dieſer ritterlichen Feſtſitte im Deutſchen Orden, als auch uͤber die An⸗ ordnung, den Zweck und die Bedeutung derſelben erfahren moͤchte. Allein wir ſind uͤber dieſes alles leider ſo ſpaͤrlich unterrichtet, daß der Herausgeber des Lucas David ſelbſt noch an der Wahr⸗ heit der jemaligen Exiſtenz des Ehrentiſches zweifeln konnte (B. VII. S. 243). Insbeſondere liegt der Urſprung und die erſte Einfuͤhrung dieſes Ritterfeſtes im Deutſchen Orden noch völlig im Dunkeln, denn wenn man auch an König Arthur⸗ Tiſch und an die Tafelrunde oder an manche andere Ritterfeſte des Mittelalters denken wollte, um hier oder dort die Sitte des Ehrentiſches anzuknuͤpfen, fo begegnet man doch überall Ahnli⸗ chem und Unaͤhnlichem, Emtſprechendem und Widerſprechendem. Man hat durch einige Beiſpiele von Ehrenfeſten in Frankreich den Beweis führen wollen (. De Wal T. IV. p. 106 — 107), daß auch dort die Sitte des Ehrentiſches nicht unbekannt gewe⸗ ſen ſey; allein bei naͤherer Betrachtung erkennt man leicht, daß zwiſchen jenen Feſten und dem eigentlichen Ehrentiſche theils in der Art der Feier, theils im Charakter und Zwecke ein merkli⸗ ) Bekanntlich hat ihn Baczko zum Gegenftand eines Romans gemacht unter dem Titel: Der Ehrentiſch oder Erzaͤhlungen aus den Ritterzeiten. Koͤnigsberg 1793.
Scanseite 727 · Druckseite 713
Über den Ehrentiſch. 713 cher Unterſchied Statt findet, fo daß jene Feſte in Frankreich, wenn man will, hoͤchſtens nur für eine halbe Nachahmung des Ehrentiſches gelten koͤnnten. Wir erhalten uͤber den Urſprung dieſer Feſtſitte durch den nachmaligen Hochmeiſter Heinrich von Plauen aus dem Jahre 1413 nur die Nachricht, daß man um dieſe Zeit den Ehrentiſch in Preuſſen als ein eigenes Vorrecht anſah, welches der Deutſche Orden als eine praͤrogative Begna⸗ digung und mit beſonderer paͤpſtlicher und kaiſerlicher Vollmacht verliehen erhalten hatte, denn er bezeichnet in einem Briefe an den Koͤnig von Frankreich (deſſen wir am Schluſſe dieſer Ab⸗ handlung näher erwähnen werden) den Ehrentiſch als eine Ta- bula honoris papali et Imperiali auctoritatibus nobis assignata et in singulare privilegium prerogativa nobis concessa; wor⸗ aus folgen würde, daß man damals die Anſicht hegte, nur der Deutſche Orden in Preuffen koͤnne und dürfe dieſe Sitte des Ehrentiſches uͤben. Naͤhere Spuren indeß uͤber die Verleihung dieſes Vorrechtes an den Deutſchen Orden haben ſich zur Zeit noch nicht entdecken laſſen. Was das Unterſcheidende und Weſentliche des Ehrentiſches betrifft, ſo muͤſſen wir (dem Leſer ſelbſt uͤberlaſſend, nachzuſe⸗ hen, was Simon Grunau Tr. XIII. c. 17, Lucas Da⸗ vid B. VII. S. 242, Waißel S. 127, Schütz p. 89, Diugoss. L. VII. p. 739, X. 127 — 128 und 137 und einige andere ſpaͤtere Chroniſten, Wahres und Falſches vermiſchend, dar⸗ uͤber ſagen) vorzuͤglich zwei Quellen, die uͤber dieſen Gegenſtand genauer und zuverläffiger ſprechen, etwas näher beachten. Zu: naͤchſt naͤmlich giebt uns in einer Streitſchrift der Polen gegen den Orden im Fol. G. im geh. Archiv eine Stelle eine Beſchrei⸗ bung dieſer Ritterſitte, indem es dort von den Ordensrittern heißt: Hospites ad se pro milicia confluentes forcius sibi alli- cere certis ad hoc apud se statutis temporibus proclamabant et proclamari faciebant ad certum tempus, quod eis pro Resa huiusmodi facienda apcius videbatur, mensam honoris sie vo- catam in vulgari theutunico eretysche pro advenientibus ad eos se facturos inissis super hoc quandoque suis litteris Regi- bus ac principibus et aliis dominis et personis magni status christianis, cuius quidem mense honoris taliter appellate licet per dictorum fratrum vanitatem adinvente mos erat et est ta- lis, quod prandio pro aliquot personis et hospitibus huiusmodi, puta pro decem vel pro duodecim vel in alio pauco numero per eosdem fratres solempniter preparato duntaxat ille persone ex militibus eleete per Aroldos ibidem presentes ad predictam mensam locabantur, que persone testimonio eorumdem Arol-
Scanseite 728 · Druckseite 714
714 über den Ehrentiſch. dorum plures mundi partes causa milicie peragrarunt et in pluribus et aliis partibus vise sunt per Aroldos et secundum quod de eisdem militibus et personis unus alium in hoc ex- cedere videbatur secundum alium eciam ordinem loca eis dis- tribuebantur cirea illam mensam et dabantur, IIlique sic lo- cati ad magnum honorem sibi reputabant prout eciam ab aliis erat solitum reputari, Quodque ideo ad consequendum spe- cialiter hunc honorem in magna multitudine diversi status mi- licia de diversis mundi partibus christianis de quibus quando- que aliqui, ut a nonnullis asseritur, venditis domi possessioni- bus proprüs et quandoque in pecuniis obligatis ad Prussiam et ad dictos fratres pro milicia confluebant, ubi et apud quos fratres quandoque per mensem et per menses exspectando ‚dietas Resas et suas pecunias apud eos expendendo magnos pecuniarum thesauros ibidem dimittebant. — Obgleich hier of⸗ fenbar von der Sitte des Ehrentiſches mit abſichtlichem Tadel geſprochen wird, ſo geht doch daraus hervor, daß der Ehrentiſch fuͤr die fremde Ritterſchaft zuvor immer durch Ordensbotſchafter angekündigt wurde, daß er für jene ſtets einen gewaltigen Reiz hatte, der Orden dieſen Reiz des Ehrgeizes nicht ſelten benutzte, um ſtreitluſtige und weitberuͤhmte Kriegshelden zum Kampfe ge⸗ gen die Heiden herbeizulocken, daß das Ehrenfeſt fuͤr ſolche ſ. g. fahrende Ritter beſtimmt war, welche ſich ſonſt ſchon durch glaͤn⸗ zende Ritterthaten vorzuͤglich ausgezeichnet, daß es immer nur fuͤr eine kleine Zahl von zwoͤlf, zehn oder noch wenigeren zube⸗ reitet wurde, Herolde die Wuͤrdigſten aus der geſammten Ritter⸗ ſchaft zur Theilnahme am Tiſche der Ehren aufforderten und auch unter dieſen wieder die erſten Ehrenſitze den Allerwuͤrdigſten nach dem Werthe und Verdienſte ihrer Thaten zu Theil wur⸗ den. Es geht endlich aus den letzten Worten auch hervor, daß die fremde Ritterſchaft bisweilen einen oder mehre Monate in Preuſſen verweilte, ehe der Ehrentiſch gedeckt wurde und dieſes alſo jeder Zeit unmittelbar vor dem Auszuge ins heidniſche Land +geſchah. i Die zweite Quelle von Wichtigkeit über dieſen Gegenſtand iſt die Beſchreibung der Ritterfahrt des Herzogs Albrecht von Öfterreih nach Preuſſen und Litthauen von dem Augenzeugen Peter Suchenwirt, in welcher wir zwar weniger vom Eh⸗ rentiſche ſelbſt, aber Manches von den andern Feſtlichkeiten er⸗ fahren, die ihm vorangingen oder folgten. Sobald der edle Fuͤrſt im Haupthauſe anlangt, giebt ihm der Hochmeiſter Win⸗ rich von Kniprode ein feſtliches Mahl, welches jedoch keines⸗ wegs der Ehrentiſch war. Als die Ritterſchaft hierauf nach
Scanseite 729 · Druckseite 715
über den Ehrentiſch. 71⁵ Koͤnigsberg kommt, folgen wiederum Feſte auf Feſte. Es heißt: Man ſach da paide frue und ſpat Di geſt tzu hauzze pitten, Mit tugenthaften ſiten Ward vil gehoft und wol gelebt Chereg mit mild uberſtrebt Piz daz ez an den furſten chom. Nun bereitet der Herzog ſelbſt ein großes Feſtmahl; es wird mit großer Pracht und Aufwand, unter Poſaunen⸗ und Pfeifen ſchall gehalten und am Schluffe bringt man Gold und Silber dar, welches der Fuͤrſt als Ehrenſold zwei Rittern und einem Edelknechte ſpendet, Di man erchant nach wapen recht, Daz ieder man von feinem lant, Waz fuͤr der peſten ainn genant, Di gab al da enphingen, Die laſter nie begiengen. Erſt zehn Tage ſpaͤter folgt nun auch der Ehrentiſch, den der Hochmeiſter decken läßt: Dar nach ward Gehen tag gepitten und vil gehoft mit guten ſitten Von heren, ritter, chnechten. Nach den alten rechten Der maiſter gab daz hochmal Tzu Chunigezperge auf dem ſal Mit reicher choſt, wizzet daz; Da man der eren tiſch weſaz, Chunrat von Chrey weſaz daz ort Tzu obriſt mit gemainem wort, Wan er ez hat in manigem lant Wol verdient mit der hant Als ein edel ritter tut: Er hat vergozzen oft ſein plut Und iſt im ſawr worden In ritterleichem orden. Wir erſehen aus dieſer Stelle, daß das Feſtmahl des Eh⸗ rentiſches nicht immer oͤffentlich und unter freiem Himmel, wie es z. B. vor Kauen geſchah, ſondern hier namentlich „auf dem Saal“, d. h. ohne Zweifel in dem großen Ritterremter der Or⸗ densburg gegeben wurde. Konrad von Krey erhaͤlt am Feſttiſche den oberſten Ort oder den vornehmſten Ehrenſitz „mit gemainem Wort“, d. h. mit übereinfiimmender Wahl aller derer, welche daruͤber die Entſcheidung hatten, weil er ſich vor allen als edler Ritter ausgezeichnet. Darauf bricht nun ſofort die geſammte Streitmacht gegen Litthauen auf und nachdem dort das Kriegs⸗
Scanseite 730 · Druckseite 716
716 über den Ehrentiſch. werk eine Zeitlang in gewohnter Weiſe betrieben und Herzog Al⸗ brecht nebſt vielen andern mit dem Ritterſchlage beehrt worden iſt, giebt der edle Graf Hermann von Cilli im Heidenlande ein glaͤnzendes Feſtmahl, zu welchem insbeſondere alle neuen Ritter eingeladen ſind. Nach der Ruͤckkehr von der Kriegsreiſe laͤßt endlich der Herzog Albrecht zu Koͤnigsberg zehn Edlen aus ver⸗ ſchiedenen Landen, ſowohl Rittern als Edelknechten, goldene Koͤpfe (Trinkgefaͤße) und ſilberne Schalen mit Goldgulden angefüllt, als Ehrenſold überreichen. Ohne Zweifel fiel dieſe Beſchenkung fol: chen zu, die ſich auf der Kriegsreiſe am mannlichſten hervorge⸗ than. Eines zweiten gehaltenen Ehrentiſches geſchieht hier keine Erwaͤhnung, wie denn uͤberhaupt noch im Zweifel ſteht, ob es wirklich zwei verſchiedene Ehrentiſche gegeben habe, von denen der eine vor dem Auszuge ins feindliche Land, der andere dage⸗ gen nach Beendigung der Heidenfahrt gedeckt worden ſeyn ſoll. Es ſcheint vielmehr, daß jeder Zeit der Ehrentiſch nur einmal angeordnet wurde, nach vollendeter Kriegsreiſe aber allerdings eine feſtliche Tafel fuͤr die ritterlichen Kaͤmpfer Statt gefunden habe, wobei die Spenden der Ehrenſolde an die Tapferſten vorfielen. Nur wenn der Ehrentiſch nicht vor dem Auszuge gedeckt worden war, mag ihn der Hochmeiſter nach der Heimkehr angeordnet haben. De Wal T. IV. p. 95 behauptet indeß zwei verſchie⸗ dene Arten des Ehrentiſches und giebt dabei folgenden Unterſchied an: Ces festins, qui paroissent n’avoir ordinairement été com- posés que de douze convives, étoient de deux especes, les uns ayant lieu avant de commencer une expédition, et les autres apres qu'elle étoit terminee: les premiers étoient don- nes aux Princes on aux principaux Chefs qui amenoient du secours A ! Ordre; mais pour y avoir place, il falloit qu' ils se fussent distingués, soit par la force du secours qu'ils ame- noient, soit par d'autres services qu'ils avoient deja rendus à T Ordre, ou par quelque action d’eclat: sil y avoit dans P armée quelque Chevalier qui se füt signale par quelque ex- ploit extraordinaire, il y ctoit également place Lobjet de ces premiers festins etoit de reconnoitre les services que les Seigneurs étrangers rendoient à ’Ordre, en venaut à son se- cours, et d’honorer en méme tems le courage des guerriers qui s’etoient deja fait une reputation, afin d’engager les au- tres à les imiter. Les seconds festins étoient pour ceux qui s’etoient signales dans P'expédition qu'on venoit de terminer, et ce n’etoit, disent les écrivains Prussiens, ni le rang, ni la naissance qui marquoient les places, les premieres étant don- ndes à ceux qui avojent le plus de mérite, ou qui s’etoient
Scanseite 731 · Druckseite 717
über den Ehrentiſch. 717 les plus distinguds. Cette distribution devoit &tre delicate; mais il est plus vraisemblable que ces braves mangeoient à une table ronde, et que par consequent toutes les places y etoient égales. Leider fehlt es für dieſe Anſicht der Dinge an allen Beweiſen, ſo daß ſie fuͤr uns keinen andern Werth als den der Hypotheſe hat. Die Beſtimmung, wo der Ehrentiſch gedeckt werden ſollte, ging jeder Zeit vom Hochmeiſter aus. Wir finden, daß er ei⸗ nigemal zu Koͤnigsberg, aber auch erſt beim Eintritte ins feind⸗ liche Land, z. B. bei Kauen und Johannisburg gegeben wurde. De Wal T. IV. p. 104 erwähnt auch eines Ehrentiſches, der zu Marienburg mehren Franzoͤſiſchen Rittern zu Ehren nach gluͤcklich beendigter Heidenfahrt Statt fand. Die eigentliche An⸗ ordnung des Feſtes war jedesmal Sache des Ordensmarſchalls; daher ſagt auch Vigand. vom Ehrentiſche bei Kauen: in quo loco Magister mensam honoris preparari mandavit, und über den bei Johannisburg: parata ibidem (in castro s. Johannis) mensa honoris per Marschalcum, dominus Appil Vochs de Franken vexillifer vexili sancti Georgii tenuit sedem dignio- rem. über das Einzelne des Feſtes überhaupt find wir wenig unterrichtet, denn was Simon Grunau a. a. O. und aus ihm Schütz l. c. und die andern oben erwähnten Chroniſten von dem beruͤhmt gewordenen Ehrentiſche bei Kauen berichten, er⸗ mangelt theils voͤlliger Glaubwürdigkeit, theils bezieht es ſich nur auf dieſen durch ganz beſondern Glanz ſich auszeichnenden Eh⸗ rentiſch; denn daß dieſe Ehrenfeſte nicht immer dieſem zu ver⸗ gleichen und nicht jedesmal mit dem großen Aufwande verbun⸗ den waren, ſagen Wigand. und Lindenblatt ausdruͤcklich. Einen genaueren Beweis hieruͤber giebt uns auch das Rechnungs⸗ buch des Ordenstreßlers; denn als im J. 1400 bei der Anwe⸗ ſenheit des Herzogs von Lothringen der Ordensmarſchall auf des Meiſters Geheiß den Ehrentiſch anordnete, zahlte dieſem der Treß⸗ ler nur die geringe Summe von 43 Mark und 19 Scot aus und fuͤhrte ſie in Rechnung auf als „vor den tiſch der eren, den der Marſchalk von des Meiſters wegen hilt.“ Daß die Zahl von zwölf am Ehrentiſche ſitzenden Kriegsgaͤſten keineswegs immer die⸗ ſelbe blieb, ſondern bald größer bald kleiner war, beweiſet nicht nur die oben mitgetheilte Stelle, ſondern auch das im Fol. Al⸗ lerlei Miffive befindliche, früher ſchon erwähnte Verzeichniß der namentlich aufgefuͤhrten ritterlichen Gaͤſte, die im J. 1385 am Ehrentiſche ſaßen, denn ihre Zahl belaͤuft ſich auf vierzehn. Die Frage: um welche Zeit die Sitte des Ehrentiſches in Preuſſen zuerſt vorkomme und wann alſo die Ehrentafel hier zum
Scanseite 732 · Druckseite 718
718 über den Ehrentiſch. erſtenmal gedeckt worden ſey? beantworten die Quellen ſehr ver⸗ ſchieden. Nach Simon Grunau (f. die Beilage zu dieſem Bande Nr. VI) ſoll der Ehrentiſch erſt eine Erfindung des Mei⸗ ſters Konrad von Wallenrod zu dem Zwecke geweſen ſeyn, frem⸗ des Kriegsvolk gegen Witowd herbeizulocken, eine Nachricht, die auch Waißel p. 127 und Leo p. 177 nachſchreiben, obgleich ſie nicht geradezu von einer Erfindung ſprechen. Weit fruͤher läßt dagegen Dlugoss. L. VII. p. 739 den Ehrentiſch in Preuſ⸗ fen erſcheinen, denn nach ihm wird ſchon im J. 1255 der Koͤ⸗ nig Ottokar von Boͤhmen durch den von Poppo von Oſterna verheißenen Ehrentiſch bewogen, nach Preuſſen zu kommen, in⸗ dem der Chroniſt ſagt: Ad quam (militiam contra Barbaros) et cruce, per Summi Pontificis mandatum, per Opisonem Ab- batem de Messano Apostolicum in Poloniae et Prussiae par- tibus Nuncium, praedicata, et mensa, quam callido et vafro fratres Crucis ingenio, locando in illa Duces, Comites, Pro- ceres, milites, pro cuiusque praeeminentia et illorum acta et stirpes, per Aroldos sub omni tempore, quo ad vescendum residebant, plus vero et iusto efferendo, provocatus erat; für welche Behauptung De Wal l. c. in der Urkunde des Koͤniges Sigismund bei Gercken T. V. Nr. 143 eine Beſtaͤtigung fin⸗ det, meinend, daß damals auch Rudolf von Habsburg mit am Ehrentiſche geſeſſen habe. Wenn wir indeſſen die Richtigkeit die⸗ ſer Angabe bei Dlugoss. auch dahingeſtellt ſeyn laſſen, weil wir nicht wiſſen, woher er ſeine Nachricht entnommen hat und weil keine einheimiſche Quelle etwas davon erwaͤhnt, ſo bezeichnet doch ſchon Peter Suchenwirt im J. 1377 den Ehrentiſch als eine alte Sitte, in den Worten: „Nach den alten rechten, der maiſter gab das hochmal.“ Nach Wigand. p. 281 ſcheint ein Ehrentiſch auch ſchon zur Zeit Werners von Orſeln oder Luthers von Braunſchweig gehalten worden zu ſeyn: doch ſind ſeine Worte nicht ganz klar, indem er ſogleich nach der Wahl Luthers ſagt: Legatos suos misit in totam Almaniam, promittens solaria pingwia volentibus ordin subvenire. Traxit quoque originem litigium tale (7), quia tempore Wernheri dicti factum est grande convivium. Daß er den Ehrentiſch hier nicht ausdrücklich nennt, darf um ſo weniger auffallen, da er auch bei Gelegenheit des dem Herzoge von Sſterreich zu Ehren gegebenen Ehrentiſches nur im Allgemeinen ſagt: cum venisset dominus Albertus dux Au- strie cum 62 militibus et nobilibus in Prussiam — honorifice, ut decet principes, est susceptus et tractatus. Auf keinen Fall alſo war der Ehrentiſch bei Kauen der erſte und aͤlteſte. Aber er war auch keineswegs der letzte, denn nicht nur unter Konrad
Scanseite 733 · Druckseite 719
Über den Ehrentiſch. 719 von Jungingen wird feiner einigemal erwähnt, ſondern ſelbſt noch nach der Schlacht bei Tannenberg faßte der Hochmeiſter Heinrich von Plauen den Gedanken auf, zur Rettung des Ordens gegen die Macht Polens den Reiz des Ehrentiſches noch einmal aufzu⸗ friſchen und durch ihn neue Schaaren ſtreitluſtiger Ritter herbei⸗ zulocken. Er meldete dem Koͤnige von Frankreich und dem Her⸗ zoge von Burgund im J. 1413, wie ſchwer der Orden von Po⸗ len her bedraͤngt werde, bat ſie dringend um Beihuͤlfe und fuͤgt hinzu: Ad nos venientibus parati erimus iuxta nostrum posse omnem voluntatem benivolam exhibere, Tabulam eciam ho- noris papali et Imperialı auctoritatibus nobis assignatam et in singulare privilegium prerogativam nobis concessam locare in- tendimus et nobilitati miliie undequaque confluencium osten- dere dignos honores. Allein die bald darauf erfolgte Abſetzung dieſes Meiſters verhinderte die Ausfuͤhrung, welche wohl auch ſchwerlich zu dem erwuͤnſchten Ziele hätte führen koͤnnen. Nach⸗ mals iſt aber dieſes Lockmittel des Ehrgeizes, fo viel wir wiſſen, niemals wieder in Anwendung gebracht worden.
Scanseite 734 · Druckseite 720
Beilage VI. Über den Hochmeiſter Konrad von Wal— lenrod. Geht man bei den ſpaͤtern Chroniſten in ihren Schilderungen des Charakters Konrads von Wallenrod auf die Urquelle zuruͤck, fo trifft man auch hier wieder auf den Tolkemiter Moͤnch Si⸗ mon Grunau, der Tr. XIII. c. XV eine Beſchreibung von Wallenrods Geſinnungsart und Handlungsweiſe giebt, welche ihn allerdings in dem unguͤnſtigſten Lichte und in einem ſehr ab⸗ ſchreckenden Bilde zeigt. Es heißt naͤmlich: „Konrad Tiber von Wallenrod war ein ſehr eigenwilliger Mann und ein Veraͤchter der Prieſterſchaft, denn er nennete ſie alle Hundsbuben. Von dieſem die Bruͤder noch heute die Weiſe haben, daß ſie ihre Chor⸗ herren-Bruͤder Hundsbuben heißen. Dieſer regierte nicht lange, ſondern als er kam vom Tiſche der Ehrung, den er hielte unter Cauen in Litthauen mit viel großer Sollenitaͤt, ſtrafte ihn Gott und hatte innerlich das laufende Feuer und zog auf Marienburg und ward in einer Nacht ſo krank, daß er um Gottes willen bat um einen Trunk Waſſer, jedoch verbot es der Arzt und es ward ihm nicht, daruͤber ward er unſinnig und biß ſich mit den Hunden und ſtarb ſo. Sein Großkomthur war Br. Helmboldus von der Owe, ſein Marſchall Br. Cuno von Hammerſtein, ſein Spittler Br. Johannes von Hotzenberg, ſein Trapier Br. Con⸗ radus von Jungingen, ſein Treßler Br. Johannes von Langerock, ſein Truchſes Br. Seyfried von Zyrcken, ſein Compan Br. von Blumenſtein und Bruder Cuno von Ebeleben. — Dieſer Hoch⸗ meiſter machte die Pfarrherren, daß ſie ſeinem Orden waren zins⸗ haftig. Der Pfarrherr zu U. L. Fr. zu Danzig mußte jaͤhrlich zinſen 100 Gulden Rhein. (u. ſ. w. wie Lucas David B. VII. S. 250 anfuͤhrt). Sonſt in den kleinen Staͤdten mußten die Pfarrherren ihres Ordens contribuiren, der wenigſte 6 Gulden
Scanseite 735 · Druckseite 721
über den Hochm. Konrad von Wallenrod. 721 und mußte alles Gold ſeyn. Daher kam es, daß ihn die Sei⸗ nen nannten Waldruͤthe um feiner Wüthung willen. Dieſer Hoch⸗ meiſter war der erſte, der ſich ſchrieb von Gottes Gnaden nach ſeines Ordens Privilegien und kaiſerlichen Begnadigung: Wir Bruder Conradus Tiber von Wallenrod Hochmeiſter D. O. zu Preuſſen und dieß von Gottes Gnaden. Da wollte er auch, daß fein Großkomthur, Marſchall, Spittler, Truchſes und Trapier und alle geborene Herren ſich ſollten ſchreiben fürſtliche Titel von Gottes Gnaden und ſie gingen es auch an und iſt noch heute eine Gewohnheit.“ — Dann heißt es weiterhin: „Dieſer Hochmeiſter war angeboren, daß er Vernunft mit Gewalt brauchte. Lange zuvor, ehe er ins Amt kam, verhielt er einen Doctorem, der war ein Arzt und Mathematicus und hieß Doctor Leander, von Sanct Dionyſü aus Frankreich, ein Albaniſcher Ketzer; darum wollte man ihn toͤdten. Aber er entging und ward dieſes Hoch⸗ meiſters Engel. Zu dieſem war er ſo verfließen, daß er ihn fuͤr einen Engel hielt und er ward ſein naͤchſter Rath. Im erſten Jahr ſeiner Hochmeiſterei ſchrieb ſein Doctor ins ganze Land zu disputiren ums Feuer dieſe Stuͤck und Artikel.“ Nun folgen zu⸗ erſt bei dem Chroniſten die Lehrläge des Ketzers, wie man fie theils bei Lucas David B. VII. S. 239 ff. und Schütz p. 88 — 89 leſen kann, und dann die Beſchreibung der Dispu⸗ tation, die mit den Worten ſchließt: „Seine Ketzerei aber blieb in vielen Herzen der Bruͤder und des Adels, daß ſie ganz nichts der Geiſtlichkeit achteten und loſe Leute uͤbten allen ihren Muth⸗ willen mit der armen Geiſtlichkeit, auch noch heute 1510 zu der Geiſtlichkeit haben und haben nach der Ketzerei alle Zeit abge⸗ genommen, bis ſie nun Knechts Knechte ſind.“ Spaͤterhin er⸗ zaͤhlt endlich der Moͤnch noch unter der Überſchrift: „Wie man Geld ſammelte auf die Koſtunge des Tiſches der Ehrung“, wie dieſer Hochmeiſter das Land mit einer ſchweren Steuer belegt habe, worüber der von Lucas David B. VII. S. 249 gegebene Auszug nachgeleſen werden mag, um hier die Mittheilung aus Simon Grunau nicht mehr anzuhaͤufen Überblickt man die Reihe dieſer Beſchuldigungen, die von Lucas David und andern zum Theil woͤrtlich wiederholt, auch in ſpaͤtern Werken die Farben zu Konrads Charaktergemaͤlde ge⸗ worden ſind, nur obenhin, ſo ſpricht aus ihnen, insbeſondere aus den dem D. Leander zugetheilten Lehrſätzen ſchon im Allgemeinen ein fo argpfäffiſcher und erzmoͤnchiſcher Geiſt, der keineswegs ge⸗ eignet iſt, für die Schilderung Glauben zu erwecken, zumal da der Tolkemiter die eigentliche und einzige Urquelle aller dieſer Behaup⸗ * iſt. Beleuchtet man aber uͤberdieß das Einzelne mit der e 46
Scanseite 736 · Druckseite 722
722 Über den Hochm. Konrad von Wallenrod. Fackel der Kritik (und dieſe Ehre ſoll denn hier dem nun uns hin⸗ laͤnglich bekannten Simon Grunau zum letztenmal in dieſem Werke widerfahren), ſo zerfließen alle die erwaͤhnten Anklagen und Be⸗ ſchuldigungen in den Dunſt moͤnchiſcher Luͤge und Erdichtung. Denn was 1. die Behauptung betrifft, daß Konrad von Wallenrod die Prieſter aus Verachtung Hundsbuben genannt und von ihm die gemeine Sitte unter den Ordensrittern ſich bis zu S. Grunau's Zeit fortgepflanzt habe, ihre Chorherren-Bruͤder mit dieſem Worte zu ſchimpfen, ſo koͤnnte es wohl moͤglich ſeyn, daß Konrad ein⸗ mal einen Prieſter oder Moͤnch von Simon Grunauiſchem Ge⸗ lichter alſo bezeichnet habe und es waͤre dann verzeihlich; im Gan⸗ zen aber iſt die Anſchuldigung, wie ſchon Hennig zu Lucas David B. VII. S. 238 ſie nennt, nicht bloß ungereimt, ſon⸗ dern ſie verdient den Namen einer niedertraͤchtigen Luͤge des Faſel⸗ Mönches, denn es findet ſich in dem ganzen reichen Schatze von Nachrichten uͤber das innere Conventsleben der einzelnen Ordens⸗ haͤuſer im Verlaufe des 15. Jahrhunderts auch nicht eine Spur von einer ſolchen Zwietracht und Spaltung zwiſchen den Ordens⸗ rittern und Ordensprieſtern, vielweniger von einer ſolchen Gemein⸗ heit von Beſchimpfung. Und ein Hochmeiſter, von welchem ein Zeitgenoſſe, ſelbſt ein Geiſtlicher, ein fo ruͤhmliches Zeugniß feiner Nachſicht und Schonung, ſeiner Guͤte und Milde gegen ſeine Un⸗ tergebenen hinterlaſſen hat (Lindenblatt), ſoll das Signal zu ſol⸗ cher gemeinen Beſchimpfung gegeben haben? Er gerade, das Oberhaupt aller Ordensbruͤder, welches ſtets allen andern im Le⸗ benswandel vorleuchten mußte, ſoll es geweſen ſeyn, von welchem das loͤbliche Ordensgeſetz uͤbertreten worden, daß „niemals eine Übelthat an heimlicher Nachrede, Afterſprache, an Lügen und Flu⸗ chen oder Schelten, an Streitworten oder eiteln Worten aus dem Munde eines Bruders gehen ſolle“ (Ordens⸗Regel c. 28) oder der die ſchoͤne Weiſung des Ordensbuches verhoͤhnte: „Die Bruͤ⸗ der ſollen ſich des befleißigen, weil ſie das Zeichen der Mildigkeit und des Ordens an dem Auswendigen zeigen, daß ſie auch den Leuten das mit gutem Bilde der Werke und nuͤtzen Worten be⸗ waͤhren, daß Gott unter und in ihnen ſeyn muͤſſe?“ (Ordens⸗ Regel c. 30). 2. Iſt es eine reine Erdichtung, daß Konrad von Wallen⸗ rod den Namen Tiberius gefuͤhrt habe. Er iſt ihm von dem Moͤnche offenbar nur deshalb beigelegt worden, um dadurch an den Roͤmiſchen Wuͤtherich Tiberius zu erinnern, denn in keiner einzigen der zahlreichen Urkunden, in denen ſich der Hochmeiſter mit ſeinem vollen Namen nennt, wird ſeiner erwaͤhnt, eben ſo
Scanseite 737 · Druckseite 723
Über den Hochm. Konrad von Wallenrod. 723 wenig in den zeitgenöffifchen Chroniſten Lindenblatt und Wigand von Marburg. Um jedoch den Namen Tiberius gewiſſermaßen zu rechtfertigen, erzählt ein ziemlich getreuer Juͤnger Simon Gru⸗ nau's, Leo p. 180, ein Geſchichtchen von Konrads barbariſcher Grauſamkeit, welches ſchwerlich jemand glauben wird. Aber wir kennen ja auch Simon Grunau's Freigebigkeit in erdichteten Na⸗ men. Auch hier wieder find die oben erwähnten Namen der Ge: bietiger theils blindhin erſonnen, theils unrichtig angewandt, denn Konrad von Jungingen war zu Wallenrods Zeit keineswegs Tra⸗ pier und Johannes von Langerock eben ſo wenig Treßler; einen Truchſes gab es unter den Gebietigern gar nicht und nicht Br. von Blumenſtein und Cuno von Ebeleben, ſondern Paul Rul⸗ mann von Sinzig, Ulrich von Jungingen und Johann von Stry⸗ ßen waren Konrads Kompane. 3. Soll der Hochmeiſter ſich bei ſeinem Titel „von Gottes Gnaden“ genannt und ſeine oberſten Gebietiger bewogen haben, ſich gleichfalls dieſes Praͤdicat zuzueignen und, ſagt der Moͤnch, „ſie gingen es auch an und iſt noch heute eine Gewohnheit.“ Eine der grundloſeſten und laͤcherlichſten Beſchuldigungen, die der Moͤnch erſinnen konnte, denn auch hier zuͤchtigen ihn zahlreiche Urkunden der offenbarſten Unwahrheit, da weder Konrad noch ſeine Gebietiger in keiner einzigen ſich mit dieſem Praͤdicate bezeichnen, obgleich es bekanntlich damals oft von geiſtlichen und weltlichen Behoͤrden und Perſonen gebraucht wurde, die dem Range nach weit unter dem Hochmeiſter als Landesfuͤrſten ſtanden und es ſo⸗ mit keinen Flecken auf feinen Charakter werfen würde, wenn er ſich deſſen bedient hätte. Sein Titel iſt in allen Urkunden jeder Zeit ganz einfach: „Bruder Konrad von Wallenrode Homeiſter des Ordens der Brüder des Spitals ſanct Marien des Deutſchen Hauſes von Jeruſalem“ und es iſt ganz unrichtig, wenn De Wal T. IV. p. 119 ſagt: La formule Nous par la grace de Dieu est usitée depuis tres- longtems par les Grand- Maitres de T Ordre Teutonique. 4. Am meiſten Gewicht iſt von jeher auf Konrads Be⸗ ſchuͤzung und Beguͤnſtigung der Ketzereien Leanders gelegt worden und es iſt nirgends verſaͤumt, das Auftreten dieſes Mannes mit ſeinen heftigen Erklaͤrungen gegen Papſtthum, Pfaffenweſen und Moͤnchsunfug als eine merkwuͤrdige Erſcheinung der Zeit im Or⸗ densſtaate darzuſtellen. Allein wir erklaͤren auch dieſe ganze Ketzer⸗ geſchichte fuͤr eine reine Erdichtung des Tolkemiter Moͤnches und weiſen fie als ſolche aus der Geſchichte Preuſſens hinweg. Fol⸗ gende Gründe werden dieſe Behauptung hinreichend rechtfertigen. a) Simon Grunau iſt die eigentliche und 1 Urquelle die⸗
Scanseite 738 · Druckseite 724
724 Über den Hochm. Konrad von Waltenrod. ſer ganzen Ketzergeſchichte; er erzaͤhlt ſie unter der abſichtlich ge⸗ wählten Überſchrift: „Warum der Hochmeiſter fo ein böfer Chriſt war.“ Seine ganze Erzaͤhlung ging, nur breit verſchwemmt, zu Lucas David B. VII. S. 237 ff. und kuͤrzer zuſammengefaßt auf Henneberger p. 297, Schütz p. 88 — 89, Leo p. 179 und in die ſpaͤter zuſammengeſchriebenen Chroniken uͤber, wo ſie immer wieder in die Sündenzahl dieſes Hochmeiſters aufgenom⸗ men wurde. Simon Grunau iſt ſonach der erſte Buͤrge, an den wir uns in Ruͤckſicht der Glaubwuͤrdigkeit dieſer Erzaͤhlung halten muͤßten. b) Vor Simon Grunau's Zeit, alſo in einem Zeitraume von 120 bis 130 Jahren, erwaͤhnt kein einziger, weder Preuſſi⸗ ſcher noch auslaͤndiſcher Chroniſt Leanders Namen und ſeiner Ketze⸗ rei auch nur mit einem Worte, ſelbſt auch ſolche nicht, die wie die Ordenschronik bei Matthaeus T. V. p. 782, alte Preuſſ. Chron. p. 42 von des Meiſters Abneigung gegen die Geiſtlichen und Moͤnche ſprechen. Überhaupt weiß auch die ganze außerpreuſ⸗ ſiſche Kirchengeſchichte durchaus nichts von dieſem Manne und ſei⸗ nen Lehrſaͤtzen. c) Leander ſoll nach Simon Grunau ſchon lange zuvor, ehe Konrad von Wallenrod zum Meiſteramte gelangte, ſich bei ihm aufgehalten, viel gegolten haben und nachmals bei ihm im Meiſteramte als fein naͤchſter Rath aufgenommen worden ſeyn. Sonach muͤßte er in irgend einer Weiſe thaͤtig und wirkſam her⸗ vortreten; im Streite mit dem Erzbiſchofe von Riga, wo man dem Orden ſo vieles aufbuͤrdete, um ihn am Roͤmiſchen Hofe an⸗ zuſchwaͤrzen, würde manchfaltige Gelegenheit zur Erwähnung ſei⸗ nes Namens geweſen fern. Allein in keiner einzigen Urkunde, in keinem Briefe, in keiner Verhandlung, im ganzen Archive des Ordens wird ſeines Namens auch nur einmal gedacht, ſelbſt auch nicht in ſolchen Briefen und Verhandlungen aus dem erſten Vier⸗ tel des 15ten Jahrhunderts, in denen von Ketzereien in Preuſſen die Rede ift*). d) Nach Simon Grunau's und feines Nach⸗ *) Wir meinen hier namentlich einen Brief des Biſchofs von Erm⸗ land an den Erzbiſchof von Gneſen v. J. 1425, worin jener meldet, welches große Verderbniß die in Preuſſen uͤberhand nehmende Ketzerei zur Folge habe, indem er unter andern ſagt: Ista turbatio heresis pestifere jamjamı multorum corda in pluribus partibus sic sauciavit, ut apud quamplures status clericalis contempnitur et sacerdotium ir- ridetur. Nunc autem supervenientibus tam variis tribulationibus homines turbati incipiunt revera, ut sentimus, in fide tepescere, re- verenciam sedis apostolice vilipendere, iurisdictionem ecclesiasticam eontempnere et sanctum sacerdotium conculcare. Warum in diefem langen Briefe uͤber dieſen Gegenſtand nicht das Mindeſte von dem an⸗ geblichen Urfprunge ſolcher Ketzereien in Preuſſen durch Leander?
Scanseite 739 · Druckseite 725
über den Hochm. Konrad von Wallenrod. 725 ſchreibers Luc. David's. Angabe ſoll in den Regierungsjahren die⸗ ſes Hochmeiſters, zwiſchen 1391 und 1393 zu Marienwerder von Leander zur Vertheidigung ſeiner Lehrſaͤtze eine oͤffentliche Dispu⸗ tation gehalten und Leander ſelbſt zu Ende derſelben zu Marien⸗ werder in einer tiefen Lehmgrube erſaͤuft worden ſeyn. Wir ha⸗ ben aber im geh. Archiv Schiebl. L. Nr. 27 ein Document, mit der liberfehrift: In isto libro debent scribi mutaciones officio- rum, recepciones canonicorum et mortes eorum et alia facta notabilia per decanum ecclesie Pomesaniensis, que accidunt tempore suo, worin die Veränderungen und merkwuͤrdige Bege⸗ benheiten des Domſtiftes zu Marienwerder zwiſchen den J. 1391 und 1398 einzeln aufgezaͤhlt werden, z. B. die Anweſenheit des paͤpſtl. Legaten, der Tod der heil. Dorothea u. a. Des Namens Leander aber und ſeiner Disputation, die gerade damals in Ma⸗ rienwerder viel Bewegung und Aufſehen erregt haben muͤßte und gewiß unter die facta notabilia gehoͤrt haben wuͤrde, iſt mit kei⸗ ner Sylbe erwaͤhnt. Wenn aus dem allen aber der Schluß ge⸗ zogen werden darf, daß es nie einen Ketzer dieſes Namens in Preuſſen gegeben habe und auch dieſes bloße Erdichtung ſey, fo duͤrfte endlich e) die Frage entſtehen: Was den Moͤnch Simon Grunau denn wohl bewogen und welchen Zweck er gehabt habe, dieſe Ketzergeſchichte in die Zeit Wallenrods hineinzudichten? Aus allem, was der Moͤnch von dieſem Hochmeiſter erzaͤhlt, geht au⸗ genſcheinlich die Abſicht hervor, ihn als einen Mann darzuſtel⸗ len, der Goͤttliches und Menſchliches mit Fuͤßen getreten, der weder das Heilige der Religion, noch das Ehrwuͤrdige der Kirche, noch das Gluͤck und Gedeihen ſeines Landes und die Wohlfahrt ſeiner Unterthanen geachtet, befoͤrdert und aufrecht erhalten habe. Zu dieſem haͤßlichen Bilde gab nun offenbar eine Ketzergeſchichte, worin der Hochmeiſter als Goͤnner und Freund eines argen Ketzers und als ein Beſchuͤtzer ketzeriſcher Irrlehren erſchien, die ſchwaͤr⸗ zeſte Farbe. Nach moͤnchiſcher Anſicht konnte es ja wohl keinen verdammungwuͤrdigeren Fuͤrſten geben, als der Goͤnner eines Menſchen war, der da lehrte: „Alle die, ſo ihr Almoſen geben Pfaffen oder Moͤnchen, ſind des Teufels ganz und gar, denn ſie ernähren Muͤßiggaͤnger, ſintemal Gott die Menſchen zur Arbeit verfluchet hat im Paradies. Alle Fuͤrſten und Herren, die da Kloͤſter gebauet haben, dieweil fie ftehen, mögen fie zu Gott nicht kommen. Alle Moͤnche und Pfaffen ſind ketzeriſche Luͤgner, denn ſie das nicht halten, was ſie gelobt haben und thun das nicht, was ſie ſelber lehren und heißen. Alle Prediger ſind des Teu⸗ fels, denn ſie verbieten die Vermiſchung mit den Frauen, die doch Gott zugegeben hat“ u. ſ. w.
Scanseite 740 · Druckseite 726
726 Über den Hochm. Konrad von Wallenrod. 5. Soll dieſer Hochmeifter die Pfarrherren der Städte hoch beſchatzt und mit einer druͤckenden Steuer beſchwert haben. Auch an dieſer Behauptung iſt aus mehren Gruͤnden ſehr zu zweifeln; denn zum erſten findet ſich von dieſer außerordentlichen Beſteue⸗ rung der Geiſtlichkeit ſonſt weiter keine Spur. Selbſt im 15. Jahr⸗ hundert, wo viel uͤber Steuern und Abgaben zwiſchen den Staͤn⸗ den und der Landesherrſchaft hin und her geſtritten wurde, erin⸗ nern wir uns keiner einzigen Beziehung auf Konrads von Wal⸗ lenrod Beiſpiel. Alſo bleibt auch hier der Moͤnch mit dieſer Nach⸗ richt allein ſtehen. Zum andern ſagt er uns auch gar nicht, wo er ſeine Angabe her habe; er muͤßte einen bewaͤhrten Zeugen nennen, zumal da er die Steuerhoͤhe bei jedem Pfarrherrn nach Gulden angiebt, waͤhrend damals im Lande Zins und Steuer nach Mark, Vierdung, Skot u. ſ. w. berechnet wurden, ſo daß auch dieſe Abweichung die Sache ſehr verdaͤchtig macht. Zum dritten klagten der Erzbiſchof von Riga und ſeine Anhaͤnger den Orden am Nöm. Hofe an Über den Gottesdienſt in Preuſſen u. ſ. w. Warum damals kein Laut in dieſer Anklage von dieſer unerhoͤrten und druͤckenden Steuerbelaſtung der Geiſtlichen im Lande, die vom Erzbiſchofe und den Seinen doch gewiß als Waffe gegen den Orden benutzt worden wäre? Vgl. De Wal T. IV. p. 120, wo der Orden in dieſem Punkte gerechtfertigt wird, da der Verfaſſer annimmt, daß die Sache ſelbſt ihre Rich⸗ tigkeit habe. 6. Wird der Hochmeiſter beſchuldigt, er habe das ganze Land, Buͤrger und Landvolk mit einer ſchweren Abgabe auf Per⸗ ſonen, Guͤter, Lebensmittel und Vieh belaſtet, um die Koſten des Ehrentiſches an 500,000 Mark damit zu beſtreiten. Bei naͤherer Betrachtung aber geht auch dieſe Beſchuldigung in das Gebiet luͤgneriſcher Erdichtung uͤber. Wir wiſſen aus dem, was oben nach ſicheren Angaben von Zeitgenoſſen berichtet iſt, daß der von Simon Grunau gemeinte koſtbare Ehrentiſch bei Kauen im Septemb. des Jahres 1391 gehalten wurde. Der Chroniſt ſagt aber gleich im Anfange Tr. XIII. c. XV. §. 1: „Dieſer Mei⸗ ſter regierte nicht lange, ſondern als er kam vom Tiſche der Eh⸗ rung, den er hielt unter Cauen in Litthauen mit viel großer Sol⸗ lenitaͤt, ſtrafte ihn Gott — und er ſtarb.“ Alſo folgt hier der Tod des Hochmeiſters unmittelbar auf den Ehrentiſch, der nach Grunau demnach erſt im J. 1393 gehalten worden ſeyn muͤßte. Etwas weiterhin c. XVI. §. 1 heißt es dagegen wieder: „Der Homeiſter mit ſeinen Bruͤdern haͤtte ſich gerne an Witoldo ge⸗ rächet, aber fie hatten nicht Volk und ſcheueten ſich vor ihrem Ungluͤck. In einem Capitel erfunden fie eins und wollten fürft-
Scanseite 741 · Druckseite 727
Über den Hochm. Konrad von Wallenrod. 727 lichen Sold ausſchreiben und daneben einen Tiſch der Ehrung halten, einem jedermann nach ſeinem Verdienſt. Dieſer Rath geſchah in der 23ſten Woche ſeiner Homeiſterei und man ſchrieb es aus in alle Laͤnder und zog ſehr viel Volk in Preuſſen von Herren, Fürften und Dienſtleuten, etliche um Marie willen, et⸗ liche um Soldes willen, etliche um Ehrung willen und auch um Fuͤrwitz willen und der Tiſch der Ehrung und die Beſoldung ſollte geſchehen am Tage Aegydii zu Jung⸗Cauen in Unter⸗Lit⸗ thauen.“ Dann beſchreibt der Moͤnch die Zahl der Fuͤrſten, die Staͤrke des Heeres und laͤßt endlich den Ehrentiſch wirklich hal⸗ ten. Nach dieſer Nachricht alſo ſetzt er den Ehrentiſch wieder ins erſte Jahre der Regierung Wallenrods, alſo 1391. Nun hatte der Moͤnch aber auch geleſen, man habe den Ehrentiſch in Königsberg halten wollen (Lindenblatt S. 82) und er laͤßt flugs bei Kauen den Hochmeiſter dem gemeinen Kriegsvolke die⸗ ſen Ehrentiſch verſprechen, wenn es in Witowds Land wacker heeren und brennen würde, e. XVI. §. 4. Endlich kommt er c. XVII. 5. 2 auf die Art zu ſprechen, wie man die auf 500,000 Mark berechneten Koſten des Ehrentiſches durch eine Auflage auf das ganze Land aufzubringen geſucht habe, woruͤber der Auszug bei Lucas David B. VII. S. 249 — 250 nachzuleſen iſt. — Wenn man nun aber dieſe Verwirrung und dieſe Widerſpruͤche in den Angaben uͤberblickt, wie iſt es moͤglich, dem Moͤnch hier auch nur ein Wort zu glauben! Er, der den Ehrentiſch bald ins J. 1391, bald wieder ins J. 1393 verlegt, einen bei Kauen wirklich halten, einen andern bei Koͤnigsberg verſprechen laͤßt, der die Namen der vornehmſten Kriegsgaͤſte am Ehrentiſche nicht ein⸗ mal kennt und offenbar Namen fuͤr ſie erdichtet, mit einem Worte alles durch einander wirrt und mengt, — er will ſogar die ſpeciellſten Angaben der erhobenen Steuer wiſſen, daß man von einem Kalbe 2 Scoter, von einem Schwein 2 Schillinge, von einem Huhn 2 Pfennige u. ſ. w. habe entrichten muͤſſen? Es kommt hinzu, daß von dieſer argen Steuerplage vor Simon Grunau's und ſeiner Nachbeter Zeit keine bewaͤhrte Chronik, keine Urkunde und keine Verhandlung im Ordensarchive auch nur im mindeſten etwas weiß, obgleich nach Grunau's Angabe ein lan⸗ ger Streit daruber zwiſchen den Staͤdten und dem Hochmeiſter gefuͤhrt worden ſeyn ſoll. Es iſt demnach auch hieraus klar, daß dieſe ſchwere Steuerbelaſtung nur eine ſchwarze Farbe mehr zu Wallenrods ſchreckhaftem Bilde bei Simon Grunau iſt. Sonach fallen alſo alle Beſchuldigungen, welche durch den Moͤnch Simon Grunau und ſeine Nachſchreiber auf dieſen Hoch⸗ meiſter zuſammengehaͤuft worden ſind und den Charakter dieſes
Scanseite 742 · Druckseite 728
728 Über den Hochm. Konrad von Wallenrod. Fuͤrſten lange Zeit in dem unguͤnſtigſten Lichte haben erſcheinen laſſen, in das Gebiet verlaͤumderiſcher Erdichtung und es bleibt wohl nur die durch einige Chroniſten ausgeſprochene Behauptung ſtehen, daß Konrad von Wallenrod der Geiſtlichkeit und dem Moͤnchsweſen ſich wenig geneigt gezeigt und hie und da Aber den Charakter der Geiſtlichen ſeiner Zeit und uͤber das Weſen und Treiben der Moͤnche ſich Außerungen erlaubt habe, die ſeine Mißbilligung verriethen, aber freilich ihm auch keineswegs die Gunſt der Moͤnche und Geiſtlichen erwerben konnten. r Gedruckt bei Fr. Brockhaus in Leipzig.
Scanseite 743
Verbeſſerungen zur Geſchichte Preuſſens. Fünfter Their, lies Wladislav Seite 11 Zeile 17 v. o — 64 — 7 v. o. — Steegen — 152 — 12 v. o. — Nerie (u. fo uͤberall) — 205 — 5 v9. u. — auf den — 253 — 8 v. o. — Vladislav — 264 — 17 v. u. — Slotorie. — 297 — 16 v. u. — Zeit zu Zeit bald — 353 — 15 v. u. — Alleingebieter — 428 — 7 p. o. — ehemaligen — 431 — 18 v. o. — Wilkee — 466 — 20 b. u. — dieſer Zeit — — — 17 v. u. beißt es — 653 — 3 v. o. — in die — 666 — 4 v. o. — ſeine Kräfte — 673 — 11 v. u. — wandern — 721 — 20 v. o. — dem Chroniſten